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Die Liebe ist (k)ein Spiel (Liebe, Chick-Lit, Sports-Romance)

von Saskia Louis (Autor)

2016 395 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Chloe O’Connor ist ziemlich sicher, dass sich ihr Leben gegen sie verschworen hat. Sie hasst ihren Job, sie hasst ihre Wohnsituation und alles, was sie anfasst, scheint in einem riesigem Chaos zu enden. Doch sie hat einen Plan: Sie wird ihren Collegeabschluss machen, aus der Wohnung ihres Bruders ausziehen und keine dummen Entscheidungen mehr treffen. Und der PR-Agent Sam ist eine, die sie nicht wiederholen wird.

Sam Parker hat alles erreicht, was er sich je erträumt hat – und die Opfer, die er dafür bringen musste, sind es ihm wert. Er hat kein Problem damit, als ‚der Eisklotz‘ bekannt zu sein, denn Emotionen sind unordentlich und Chaos kann er nicht gebrauchen. Eigentlich gab es in seinem Leben ohnehin nur eine Person, die seine hart angeeignete Kontrolle je auf die Probe gestellt hat. Und solange er Chloe aus dem Weg geht, kann nichts schiefgehen …

Impressum

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Erstausgabe Februar 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-078-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-550-5

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign
unter Verwendung von Motiven von
© efks/123RF.com und © elwynn/123RF.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Hi, ich bin Saskia Louis …

… und freue mich, dass auch du zur großen Fan-Gemeinde der Baseball-Love-Reihe zählst. Ich bin noch lang nicht fertig mit den Delphie-Jungs und habe noch eine Unmenge an Ideen, die auf’s Papier wollen und erfolgreich unwichtige Informationen wie die Bedienung einer Waschmaschine oder eines Staubsaugers verdrängen. Wen sollte das auch interessieren?

Was mich aber interessiert, ist deine Meinung! Was denkst du über meine Geschichten? Und noch viel spannender: Über welches Paar würdest du gerne noch etwas lesen? Welche Geschichte sollte in einer Novelle weitergeführt werden? Aus diesem Grund habe ich mit meinem Verlag die Create-your-story-Idee für die Baseball Love-Reihe ins Leben gerufen.

Du – ja, ich rede mit dir, nicht mit deiner Nase, die in den Reader gedrückt ist – du kannst mir schreiben und mitteilen, wie du dir eine neue Novelle aus der Baseball-Love-Reihe vorstellst. Wer verdient ein (weiteres 😉) Happy End oder soll durch einen dramatischen „Cliffhanger“ vom Schicksal auf die Probe gestellt werden? Ich freue mich über deine Ideen!

Hast du Lust? Dann schreib mir einfach eine E-Mail an yourstory@baseball-love.de. Ich freue mich riesig auf deine Nachricht und hibbele schon jetzt deinen Ideen und Vorschlägen entgegen!

Liebe Grüße
Deine

Signatur

Saskia Louis

Prolog

Vor sechs Jahren …

„Oh hey, Sam. Tut mir leid, ich wollte nicht stören. Ich dachte, Dex wäre vielleicht hier und … tut mir leid.“

Sam richtete sich in seinem Stuhl auf und betrachtete das Mädchen im Türrahmen, das nervös von einem Bein auf das andere trat. Ihre braunen Haare fielen ihr glatt über den Rücken und wippten mit ihren Bewegungen mit.

„Chloe“, sagte er überrascht. „Du hast nicht gestört, alles okay. Ich lerne nur.“

„Du lernst viel, oder?“, fragte sie, die Hände ineinander ringend.

„Ja, ich … lerne viel“, wiederholte er. „Dex ist nicht da. Er hat ein Spiel.“

Sie nickte und zupfte an ihrem Ohrläppchen. „Oh, natürlich. Hätte ich mir denken können, dass mein Bruder wieder mal auf dem Feld brilliert. Na dann …“ Sie deutete ein Lächeln an und wollte wieder gehen.

Ihre Haltung wirkte geknickt und Sam hätte schwören können, dass ihre Augen feucht geglänzt hatten.

„Chloe, warte“, rief er sie zurück. „Ist alles okay mit dir?“

„Was?“ Sie drehte sich noch einmal um und er konnte sie schlucken sehen. „Oh, ja, alles gut, ich …“ Sie holte tief Luft und hob wackelig ihre Mundwinkel an. „Ich bin, na ja schätze ich, einfach etwas einsam. Es ist meine erste Woche hier und ich weiß, Dex geht eigentlich nur noch als Alibi zum College, aber ich dachte, er wäre vielleicht hier und hätte Lust, Abendessen zu gehen oder sonst etwas …“

Sie holte erneut Luft. „Ich kenne noch niemanden wirklich und ich meine … ich war so kurz davor, Mama anzurufen“, sie ließ Zeigefinger und Daumen beinahe aufeinandertreffen, „und sie darum zu bitten, mich sofort wieder abzuholen.“ Nervös lachte sie auf. „Wie peinlich ist das bitte? Ist egal. Ich rede wieder zu viel. Du bist ganz offensichtlich alleine und beschäftigt, also … viel Spaß dir noch. Ich wollte echt nicht stören.“

„Tust du nicht. Wirklich. Ähm …“ Er kratzte sich am Kinn und stieß sich vom Schreibtisch ab. „Dex ist zwar nicht hier, aber wie wäre es, wenn ich dir einfach etwas Gesellschaft leiste?“

Sie verengte die Augen. „Du?“

Die Art und Weise, wie sie das Wort hervorstieß, war fast schon beleidigend.

„Ja, ich. Wieso ist das so komisch?“

Sie hob eine Schulter an. „Na ja, nimm es mir nicht übel, aber ich dachte ehrlich gesagt immer … dass du mich nicht sonderlich magst.“

Verblüfft hob er die Augenbrauen. „Was?“

Dass er sie nicht mochte? Nein. Das war nicht sein Problem. Sein Problem war, dass sie gerade achtzehn geworden war, einen Rock trug, der mehrere Zentimeter über ihrem Knie endete und sie Dexters kleine Schwester war. „Wieso dachtest du, ich mag dich nicht?“

„Du redest nicht mit mir, Sam“, sagte sie lachend und zwei Grübchen schlugen sich in ihre Wangen. „Du wechselst kaum ein Wort mit mir, wenn du uns besuchst und … du bist etwas distanziert, wenn ich das so sagen darf. Außerdem lachst du nie über das, was ich sage.“

Verwirrt runzelte er die Stirn. „Leute, die nicht über das lachen, was du sagst, mögen dich also automatisch nicht?“

„Nun, nein. Aber viele lachen über das, was ich sage und da habe ich angenommen …“ Sie räusperte sich und ihre Wangen verfärbten sich rosa. „Entschuldige. In Ordnung. Du … magst mich also?“

Ja, er mochte sie und es war verdammt bezaubernd, wie ihr Kopf sich immer dunkler verfärbte.

„Klar“, sagte er und stand auf. „Ich wollte sowieso eine Pause machen. Da kann ich auch mit dir essen gehen.“

„Oh, okay …“ Ihr Mund blieb leicht offen stehen.

„Überlegst du gerade, ob du mich magst?“, fragte er amüsiert.

„Äh, nein“, stammelte sie. „Ich mag dich. Wirklich. Danke. Ich hoffe, es ist dir nicht allzu peinlich, mit der kleinen Schwester deines besten Freundes über den Campus zu laufen.“

Ja, es war furchtbar peinlich, mit einem hübschen Mädchen an seiner Seite essen zu gehen. Wie sollte er das ertragen?

„Ich bin hart im Nehmen“, murmelte er und hielt ihr die Tür auf.

Eins

Heute …

Wer hatte behauptet, dass das Leben kein Ponyhof sei?

Chloe O’Connor hätte gerne die Adresse des Schuldigen, um ihm einen Beschwerdebrief zu schreiben. Denn sie wusste es besser:

Das Leben war ein Ponyhof. Nur hatte jemand vergessen zu erklären, dass man kein Gast dort war, sondern das verdammte Ding leitete! Und die Ponys geklaut worden waren.

Zumindest war das in ihrem Fall so.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie so tief hatte sinken können. Im einen Moment war sie noch zufriedene Studentin gewesen und im Nächsten trug sie ein goldenes Paillettenkleid, das kaum ihren Po verdeckte, und hatte ein toupiertes Haarnest auf dem Kopf, das an Amy Winehouse erinnerte. Möge sie in Frieden ruhen.

Chloe zog einen Block aus ihrer wirklich sehr eleganten Bauchtasche, wich einer männlichen Hand aus, die nach ihrem Hinterteil grabschte, und versuchte nicht daran zu denken, dass dieser Job unter ihrer Würde war.

Das war gar nicht so einfach, denn alles – von dem gedämpften rötlichen Licht bis zu der billigen Popmusik, die durch die Lautsprecher dröhnte – drückte ihr diese Tatsache ins Gesicht. Die quadratischen Tische waren eng aneinandergedrängt, es roch nach billigem Parfüm und Schweiß und die Gäste wirkten genauso schäbig wie der abgewetzte Dielenboden.

Aber was hatte sie schon für eine Wahl? Sie würde ganz sicher nicht für ein weiteres Jahr bei ihrem Bruder wohnen bleiben. Sie hasste es, von Dexter abhängig zu sein, und sie würde jeden würdelosen Job annehmen, wenn das hieß, nicht mehr allzu lange bei ihm wohnen zu müssen.

„Willkommen im Passion Shack, kann ich Ihre Bestellung aufnehmen?“ Sie zwang sich zu einem Lächeln und betrachtete die Gruppe von Frauen vor ihr, die vor ein paar Minuten zur Tür hereingekommen war. Sie hatten allesamt gerötete Gesichter und kicherten über irgendetwas. Vielleicht darüber, dass die Linke von ihnen das Gesicht einer Bulldogge hatte. Wahrscheinlich aber eher über etwas anderes.

„Cocktails für alle!“, kreischte eine kleine Blondine am anderen Ende des Tisches, die eine weiße Federboa um den Hals und ein weißes Netz auf dem Kopf trug. „Ich heirate am Samstag!“

Ja, das interessierte Chloe wirklich nicht.

„Darf ich Ihre Bestellung aufnehmen?“, wiederholte sie hölzern.

„Ich heirate Samstag den besten Mann der Welt“, fuhr die Braut in spe fort und hielt ihre Hand hoch, sodass alle ihren Verlobungsring bewundern konnten. „Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, ihn gefunden zu haben! Da draußen gibt es ja so viele Idioten.“

Die drei Dinge, die Chloe gerade am wenigsten interessierten, waren, wer Weltmeister im Pokern war, welche Frisur Beyoncé gerade trug und welchen Grund diese Frauen brauchten, um sich zu betrinken.

Was sie jedoch interessierte, war ihr Trinkgeld. Also behielt sie ihr Lächeln und fragte minimal verkniffen: „Soll ich in fünf Minuten noch einmal wiederkommen?“

„Nein!“, kreischte die Braut sofort. „Wir dürfen nicht aufhören zu trinken, sonst bemerken wir, dass wir peinlich sind.“

Die Kundin schien doch nicht so dumm zu sein, wie zuerst angenommen. Ein mögliches Resultat von Alkohol schien sie zumindest erfasst zu haben. Dennoch blieb die Frage offen, warum sie an einem Donnerstag ihren Junggesellinnenabschied feierte. Aber vielleicht wollte sie ja nicht mit Kater heiraten müssen.

„Also Mädels, bestellt einfach irgendeinen Cocktail.“

Hektisch schlugen die Frauen die Karten auf und fingen an, Chloe die Namen diverser Getränke entgegenzurufen. Chloe notierte sie, bis nur noch die Braut ihre Bestellung aufgeben musste.

„Ich hätte gerne einen Orgasmus“, sagte sie süffisant grinsend.

„Ja, ich auch“, murmelte Chloe.

„Was?“, fragte die Braut verblüfft.

„Ja, ich auch“, wiederholte Chloe lauter und steckte den Block zurück an seinen angestammten Platz.

„Oh. Dürfen Sie denn während Ihrer Arbeitszeit trinken?“

„Ich wünschte ja.“

Alkohol würde das Ganze vielleicht erträglicher machen. Den Job und den Rest.

Seit vier Wochen lebte sie im selbstauferlegten Zölibat und konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob das eine ihrer besten oder dümmsten Ideen gewesen war. Die Männer vermisste sie nicht, die anderen Dinge jedoch schon ein wenig. Aber sie hatte in den letzten drei Jahren einfach mit zu Vielen geschlafen und sich nach Veränderung gesehnt. Sie brauchte ein neues Gleichgewicht. Nein, kein neues – ihr altes. Sie brauchte ihr altes Gleichgewicht zurück.

Keine flüchtigen Beziehungen mehr, keine dummen Entscheidungen.

„Die Cocktails kommen sofort, Ladies“, sagte sie bemüht euphorisch und ging, um die Bestellung weiterzugeben. Sie schob sich durch die eng aneinandergedrängten Tische auf die Bar zu. Kurz bevor sie den Durchgang zur Theke erreicht hatte, fischte wieder eine Hand nach ihrem Hintern.

Sie fuhr herum und fing sie mit ihrer eigenen ab. „Finger weg“, knirschte sie.

„Warum denn? Dein Fummel schreit doch quasi danach“, sagte der Eigentümer der Hand und grinste schmierig.

Chloe stieß seinen Arm weg. „Wenn du schon hörst, wie die Arbeitsuniform mit dir redet, solltest du vielleicht besser aufhören zu trinken.“

Sie ließ ihren Blick über den gedrungenen Mann wandern, dessen dunkle Haare mit einer Unmenge von Gel an seinen Kopf geklatscht worden waren. Widerlich. „Außerdem solltest du auch aufhören, dich am Frisiertisch deiner Mutter zu vergreifen.“

Mit verkniffenem Gesicht lehnte der Gast sich auf seinem Hocker zurück. „Süße, vielleicht passt du besser auf, was du sagst. Du bist die kleine, erbärmliche Kellnerin und ich der Kunde. Der Kunde ist König. Schon mal was von gehört?“

„In den USA wird keine Monarchie anerkannt und wärst du König, würde ich auswandern“, sagte sie ungerührt und verschwand hinterm Tresen. Sie gab die Bestellung durch und tauchte in die Küche ab.

Sie musste einige Minuten durchatmen. Die paar Wochen, die sie bereits hier arbeitete, waren jetzt schon zu viel. Das Trinkgeld war gut – genug betrunkene Idioten, die einen Ein-Dollar-Schein nicht von einem Zwanziger unterscheiden konnten, gab es immer – aber der ganze Rest zerrte an ihren Nerven.

„Na, alles klar bei dir?“, fragte Olivia, eine Hilfskellnerin, die ein paar Jahre jünger war als sie. Sie war so unauffällig, dass Chloe sie zuerst gar nicht bemerkt hatte. Ihr dunkelblondes glattes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, ihr Gesicht umrahmt von kürzeren Strähnen, die möglicherweise mal ein Pony gewesen waren. Olivia war eine dieser Frauen, die unsichtbar werden konnten, wenn sie es darauf anlegten. Sie lief an den Herdplatten vorbei und betrachtete Chloe mit kritisch geneigtem Kopf. „Du siehst aus, als würdest du deinen Kopf gerne in einen der Kochtöpfe stecken.“

„Das hört sich toll an, welcher Topf ist der größte?“, fragte Chloe seufzend und lehnte sich an die Wand hinter sich.
Olivia lachte. „So schlimm?“

Chloe war es lieber, nicht darauf zu antworten. Stattdessen rieb sie sich mit der rechten Hand über ihre Schläfe und lauschte dem Klappern von Metall und den Rufen, die unter den Köchen ausgetauscht wurden.

„Menschen sind eklig“, sagte sie schließlich.

Olivia grinste breit. „Woher kommt denn die Erleuchtung?“

„Nach einem Blick an den Tresen.“

„Ach, ich seh’ das schon gar nicht mehr. Ich habe mich ohnehin damit abgefunden, dass ich mit Menschen, die älter als sechs sind, eigentlich nichts anfangen kann. Im ersten Jahr an der Schule wird den Kindern beigebracht wie man lügt und betrügt und am gemeinsten beleidigt – und ab dem Punkt geht alles den Bach runter.“

„Wie ich sehe, bist du von unserem Schulsystem überzeugt.“

Die Hilfskellnerin machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das liegt nicht am Schulsystem, das liegt an den Lehrern. Und dem Älterwerden. Und der ganzen miesen bösartigen Welt.“

Olivia wurde Chloe mit jedem Wort sympathischer. Sie fand auch, dass es zu wenige gute Lehrer gab. Und sie hatte vor, etwas dagegen zu unternehmen.

„Und ich dachte immer, ich wäre zynisch“, stellte sie fest.

„Es ist kein Zynismus, wenn es wahr ist“, belehrte sie Olivia. „Ich werde nicht umsonst Kindergärtnerin! Die Kinder unter sechs sind noch zu jung, um zu verstehen, dass die Welt sie in wenigen Jahren verschlucken und verbraucht wieder ausspucken wird.“

Chloe starrte ihre Kollegin für einige Momente überrascht an. Dann sagte sie: „Ich mag dich, Olivia. Wir sollten Freunde werden. Wir können uns treffen und über Menschen herziehen und zusammen unsere Köpfe in Töpfe stecken. Das verbindet bestimmt.“ Und wenn Chloe ehrlich war, dann konnte sie eine Freundin wirklich gut gebrauchen.

„Das hört sich wunderbar an!“, stellte ihre neue Freundin enthusiastisch fest und reichte ihr die Hand. „Aber wenn wir jetzt befreundet sind, solltest du mich Liv nennen. Olivia heiße ich nur, wenn meine Schwester auf mich wütend ist.“

„Ältere Geschwister sind hart.“

„Sie ist zwei Jahre jünger als ich“, bemerkte Liv lachend. „Aber sie ist schon Mutter, hat es also raus, Leute herumzukommandieren.“

„Oh.“ Liv war höchstens zweiundzwanzig, zwei Jahre jünger als Chloe, die in etwas mehr als einem Monat fünfundzwanzig werden würde. Ihre Schwester musste dann …

„Sie ist zwanzig“, half Liv ihr schulterzuckend auf die Sprünge. „Das Kind war nicht geplant, aber es ist, wie es ist.“

„Sorry, mein Blick sollte wirklich nicht urteilend sein. Ich habe überhaupt nicht das Recht, irgendwem Vorwürfe für ihr Leben zu machen. Dafür bin ich selbst zu verkorkst.“

„Ich glaube, wir werden uns sehr gut verstehen, Chloe!“

„… all die Kellnerinnen hin!? Die Gäste warten da draußen!“, herrschte plötzlich eine Stimme durch die Schwingtür, die unaufhörlich in Bewegung war. Das war ihr lieblicher Boss. Er war leider älter als sechs.

„Ich glaube, es wird nach uns verlangt“, seufzte Chloe und stieß sich von der Wand ab.

Sie mochte diesen Job nicht.

Sie mochte ihre Wohnsituation nicht.

Sie mochte ihre vergangenen Entscheidungen nicht.

Zusammengefasst: Es fiel ihr gerade sehr schwer, ihr Leben zu mögen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie sich gerade selbst leiden konnte.

„Das wird schon“, meinte Liv und klopfte ihr auf die Schulter. „Das Leben ist ein Abenteuer.“

Ja, genau das war das Motto, nach dem Chloe die letzten Jahre gelebt hatte. Glücklich gemacht hatte sie das auch nicht. Aber vielleicht war sie einfach auf der Suche nach den falschen Abenteuern gewesen.

Sie stieß die Tür auf und nahm das Tablett mit den Cocktails für die Mädchengruppe entgegen, das ihr ein Barmann in die Hand drückte. Sie hielt es über den Kopf und schlängelte sich durch das bunte Treiben, als erneut eine Hand auf ihrem Po landete und zudrückte.

Erschrocken zuckte sie zusammen, das Tablett fiel aus ihrer Hand und die bunten, klebrigen Flüssigkeiten ergossen sich über ihren Kopf, ihr Dekolleté und so ziemlich jede andere Körperstelle. Hustend und sich schüttelnd wandte sie sich um.

Ihre Haut brannte, doch das kam nicht vom Alkohol. Das war die Wut, die wie Lava durch ihre Adern schwappte.

Der schmierige Typ von gerade grinste sie an. Er war von seinem Barhocker aufgestanden und zwinkerte ihr zu. „Die Farben stehen dir, Schätzchen.“

Chloes Hände zitterten und sie ballte sie zu Fäusten. Die gesamte Bar schien sie anzustarren, doch das war ihr egal.

Sie war es so leid!

So leid, das Gefühl zu haben, nicht Herrin über ihr eigenes Leben zu sein! Sich vom Schicksal oder anderen Menschen herumschubsen zu lassen!

„Du wirst dich bei mir entschuldigen“, sagte sie langsam, sich zur Ruhe zwingend.

„Entschuldigen? Aber was kann ich dafür, dass du gestolpert bist?“

Ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handballen.

„Du wirst dich entschuldigen und mir dann mein Kleid bezahlen.“ Ihre Stimme bebte und dank ihrer High Heels überragte sie den Mann um mehrere Zentimeter.

Der Gast wechselte einen hämischen Blick mit seinen betrunkenen Freunden, die sich vor Lachen krümmten.

„Süße, ich habe nichts getan, wofür ich mich entschuldigen müsste.“

„Deine letzte Chance“, sagte Chloe kalt. „Entschuldige dich.“

„Oder was?“, feixte ihr Gegenüber.

„Oder ich werde dich vor allen Leuten niederstrecken.“

Der Mann lachte noch lauter und sie presste die Zähne aufeinander. Sie hasste es, dass sie immer von allen unterschätzt wurde!

„Also? Entschuldigst du dich jetzt?“, fragte sie ungeduldig, die Augen verengt.

„Einen Scheiß werde …“

Bevor er zu Ende sprechen konnte, packte Chloe seinen Arm, drehte ihn mit Gewalt auf seinen Rücken und zog ihm gleichzeitig mit ihrem Fuß die Beine weg. Der Mann schrie auf und krachte vorwärts auf die klebrigen Holzdielen.

„Bist du wahnsinnig!?“, brüllte er sie an und drehte sich auf den Rücken.

„Darüber wird noch debattiert“, bemerkte sie trocken.

Liv trat neben sie und legte ihr einen Arm um die Schulter.

„Du bist meine Heldin!“, flüsterte sie.

Das bewahrte Chloe leider auch nicht davor, vom Fleck weg gefeuert zu werden.

Zwanzig Minuten später saß sie in ihrem Wagen, die Stirn auf das kalte Lenkrad gelegt.

Wieder einmal hatte sie unüberlegt gehandelt. Wieder hatte sie nicht daran gedacht, was für Konsequenzen ihr Handeln haben könnte. Warum nur war ihr Herz immer so viel schneller als ihr Kopf?

Da musste doch Doping im Spiel sein!

Sie bereute es nicht, den Typen niedergeschlagen zu haben – sie bereute es eher, es nicht direkt beim ersten Vorfall getan zu haben. Aber sie hätte es ja zumindest wie einen Unfall aussehen lassen können.

Wie konnte sie immer wieder die gleichen, dummen Fehler begehen? Sie hatte das Gefühl, sich nicht mehr auf sich selbst verlassen zu können. Sich selbst nicht mehr zuzutrauen, die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.

Denn letztendlich lag doch sowieso nichts in ihrer Hand. Das Leben machte doch ohnehin, was es wollte – ohne dass ihre Entscheidungen oder Handlungen einen großen Einfluss darauf hätten.

Verdammt.

Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und richtete sich in ihrem Sitz auf. Das war früher anders gewesen. Vor dem Tod ihrer Eltern, vor … allem. Sie hatte genau gewusst, was sie vom Leben wollte. Nichts hatte sie aufhalten können. Und jetzt?

Wütend umklammerte sie das Lenkrad und schob den ersten Gang rein. Scheiß drauf. Sie würde nicht aufgeben. Sie konnte dorthin zurück. Sie würde zu diesem Punkt zurückfinden.

Sie fuhr vom Parkplatz und schließlich auf den Highway, Richtung Philadelphia City, wo Dex sein Penthouse hatte, in dem sie zurzeit wohnte. Der Himmel war bereits schwarz und mit Wolken verhangen und es war kalt geworden. Der Herbst verabschiedete sich so langsam und hieß den Winter willkommen. Und wer hatte heute Morgen gedacht, sie bräuchte nur eine Jeansjacke?

Richtig. Ihr langsamer Kopf, der absolut von nichts eine Ahnung hatte.

Sie sollte einfach immer das Gegenteil von dem tun, was ihre innere Stimme ihr vorschlug. Damit wäre sie am Ende wahrscheinlich besser bedient.

Meine Güte, was für ein Tag! Sie wollte sich nur noch auf die Couch lümmeln und Kakao trinken. Kakao mit Rum. Einer Menge Rum. Sie würde …

Der Motor stotterte.

Nein.

Chloe fuhr langsamer, während die Kupplung unter ihrem Fuß vibrierte.

Nein!

Weißer Rauch stieg aus der Motorhaube und hastig fuhr sie auf den Seitenstreifen.

Nein! Nein, nein, nein!

Der Rauch wurde dichter und nahm ihr jetzt komplett die Sicht. Fluchend stieß sie ihre Tür auf und betrachtete das qualmende Auto. Scheiße!

Sie war unten angekommen.

Sie hatte keinen Job, ihre echten Freunde hatte sie über den Tod ihrer Eltern verloren, ihre falschen Freunde wollte sie gar nicht mehr haben und alle um sie herum hielten sie für eine Witzfigur. Sie hatte zwar ein Dach über dem Kopf, allerdings nur, weil sie das Glück hatte, mit einem reichen Bruder gesegnet zu sein und jetzt hatte ihr einziger Vertrauter den Geist aufgegeben.

Bunny. Ihr treues Auto, das ihr schon so einen guten Dienst damit erwiesen hatte, Dexter auf die Palme zu bringen.

Wie schlimm sollte es bitte noch werden!?

Es fing an zu regnen.

Chloe legte den Kopf in den Nacken und eine Hand über die Augen.

Sie hasste ihr Leben.

Sam Parker liebte sein Leben.

Wenn man seine Familiensituation mal außen vor ließ, ging es ihm verdammt gut.

Er hatte einen Job, den er liebte, er hatte treue Freunde – nun gut, einen treuen Freund – eine bezaubernde Ballerina als Freundin und er hatte Geld. Eine Menge davon.

Vielleicht war es falsch, dass Sam etwas materialistisch veranlagt war, aber ihn interessierte es nicht wirklich, was andere als falsch und richtig ansahen. Denn die Menschen hatten da eine verquere Ansicht auf diese beiden Punkte. Geld und Status waren wichtig und jeder, der ihm was anderes erzählen wollte, log.

Er war PR-Manager der Delphies, der ortsansässigen Baseballmannschaft, und ganz allgemein mochte er die Aufgaben, die er zu erledigen hatte. Er arbeitete hart und er arbeitete lange – und auch hier war ihm egal, was die Leute davon hielten.

Er rückte liebend gern den Spielern die Köpfe zurecht, schrieb enthusiastisch Pressemitteilungen oder beaufsichtigte penibel genau Werbekampagnen. Er war jeder Aufgabe gewachsen.

„Emma, ich bin dem wirklich nicht gewachsen.“

„Ich habe nicht einmal mit meiner Präsentation angefangen!“

Das wusste er und er war jetzt schon gelangweilt. „Triff du einfach alle Entscheidungen. Ich vertraue deinem Urteilsvermögen da vollkommen.“

„Aber … das geht nicht.“ Die kleine Blondine ihm gegenüber hatte die Arme verschränkt und schüttelte entschlossen den Kopf. „Du hast mir den Auftrag gegeben und du musst mit mir zusammenarbeiten! Es ist deine Feier!“

„Es ist nicht meine Feier. Es ist die der Mannschaft. Die der gesamten Organisation.“

„Aber es liegt in deiner Verantwortung!“

Da hatte sie leider recht.

Er lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. „Betrachte die Verantwortung hiermit als an dich abgegeben.“

Entgeistert sah sie ihn an. „Du kannst doch nicht einfach die Verantwortung auf mich abwälzen!“

Sam seufzte schwer. Er mochte Verantwortung. Sie war seine Leidenschaft. Er genoss es, für alles und jeden verantwortlich zu sein. Solange es wichtig war! Herzlich gerne konnte man ihm die Verantwortung für den Weltfrieden übertragen, wenn er dafür nie wieder über diese bescheuerte Party reden musste.

„Sam. Ich nehme das, was ich tue, sehr ernst. Und du wirst mir genau zuhören und dann sagen, wie dir meine Ideen gefallen.“

Emmas Blick war eisern.

Luke, ihr Freund und Pitcher der Delphies, hatte ihn vorgewarnt. Er hatte gemeint, dass Emma sehr ‚eifrig‘ werden konnte, wenn es um ihren Job ging. Er hatte aber nicht erwähnt, dass sie sich dabei wie ein Pitbull verhielt.

„Schön“, sagte er erschöpft. Es war bereits nach zehn und eigentlich war er seit einer halben Stunde verabredet. Aber Emma hatte darauf bestanden, sich noch heute zu treffen, damit sie mit ihren Vorbereitungen beginnen konnte. „Dann erzähl mir, was deine Pläne sind.“

„Sehr gerne. Danke für dein Interesse.“ Auf einmal strahlte sie. „Also, zu allererst: Ich hatte mir überlegt, dass wir ein Thema festlegen sollten.“

„Es ist eine Weihnachtsfeier. Das Thema ist Weihnachten. Was gibt es da zu überlegen?“

„Wieso bist du so fantasielos, Sam?“, schalt ihn Emma und stützte kopfschüttelnd ihre Ellenbogen auf den Schreibtisch. „Ich dachte, man könnte ja eine Art Kostümfest veranstalten.“

Einer der säuberlich aufgereihten Papierstapel am Rand des Tisches begann bedrohlich zu wackeln, als Emma ihren Arm ausstreckte und mit den Fingern auf die Platte trommelte. Sam packte ihn und verstaute ihn ordentlich in einer der Schubladen. Es gab wenig, was er mehr verabscheute als Partys zu organisieren. Doch Chaos war eines dieser Dinge.

„Kostümfest?“, wiederholte er verdrießlich ihre Worte. „Was für ein Kostümfest? Sollen sich alle als Weihnachtselfen verkleiden?“

„Du kannst sehr gerne als Weihnachtself gehen“, meinte Emma grinsend. „Ich dachte jedoch eher an ein Zwanziger-Jahre-Motto. Du weißt schon: schicke Kleider im Charleston-Stil, alte Musik wie aus dem Grammofon, Hosenträger. Vielleicht Billardtische …“

Ja, von ihrer Vorliebe gegenüber Billard hatte er schon gehört. Aber … eine Mottoparty? Bei der man sich verkleiden musste? Bei der er sich verkleiden müsste?

Sam konnte sich zehn Dinge ausmalen, die er lieber tun würde. Angefangen damit, sich seine Beine wachsen zu lassen, bis hin dazu, sich von einem Pferd gegen die Stirn treten zu lassen.

„Wieso müssen wir ein Motto haben?“, hakte er nach.

Emma hob verwirrt die Augenbrauen. „Weil es Spaß macht?“

„Sagt wer?“

„Ich!“

Großer Gott, er hatte dafür heute wirklich keinen Nerv. Er war seit über zwölf Stunden im Büro und wollte Sadie nicht noch länger warten lassen. Gleichwohl sie immer äußerst verständnisvoll war. Das war eine ihrer besten Eigenschaften. Sie klammerte nicht und machte ihm nie Vorwürfe dafür, dass er zu viel arbeitete.

„Emma“, sagte er gedehnt und lehnte sich vor, „bei allem Respekt für deine Kreativität: Warum kann es nicht eine ganz normale Abendveranstaltung werden, bei der Mistelzweige an der Decke hängen und Eierpunsch ausgeschenkt wird?“

„Weil das langweilig ist.“

„Ja, genau. Langweilig ist das, wonach ich suche!“

„Dann hättest du mich wirklich nicht einstellen dürfen“, sagte sie bedauernd. „Aber jetzt hast du den Vertrag schon unterschrieben, was bedeutet: Eine Zwanziger-Jahre-Motto Party wird es sein. Keine Sorge, das Budget wird natürlich nicht überschritten.“

Ungläubig sah er sie an. „Was ist daraus geworden, dass ich dir meine Meinung sagen soll?“

Sie stand von ihrem Stuhl auf. „Da wusste ich ja noch nicht, dass du so ein Spielverderber bist! Das Motto ist also entschieden. Für den Rest werde ich mich mit dir in Verbindung setzen.“

Sie reichte ihm eine Hand über den Tisch, die er etwas verdattert ergriff. Plötzlich bekam er eine ganz neue Art von Respekt vor Luke.

„Schön mit dir zusammenzuarbeiten, Sam“, sagte sie lächelnd und ging zur Tür, die sich in genau dem Moment öffnete, in dem sie hinaustreten wollte. „Oh, hey Dex“, begrüßte sie Sams besten Freund. „Wusstest du, dass Sam absolut fantasielos und langweilig ist?“

„Ja. Steht glaube ich sogar im jährlichen Newsletter der Delphies.“

„Den habe ich wohl nicht ordentlich genug gelesen. Werde ich nachholen. Wiedersehen, Jungs! Ich wette, ihr seht mit Hosenträgern toll aus. Danke für alles, Sam.“

Danke für was!?

Er hatte überhaupt nichts getan. Sie hatte ihn einfach … überfahren.

„Hosenträger?“, fragte Dex interessiert und sah ihr nach.

„Frag nicht.“

„Okay, da werde ich wohl deinem Urteil vertrauen müssen.“ Dex lehnte sich an den Türrahmen. „Wieso wundert es mich eigentlich nicht, dass ich dich hier noch antreffe?“

„Ich weiß nicht“, sagte Sam und schaltete den Computer aus. „Vielleicht, weil du einfach ein sehr unreflektierter Mensch bist.“

Dexter schnaubte. „Du arbeitest zu viel.“

Immer dieselbe Leier. „Natürlich arbeite ich zu viel! Im Vergleich zu dir arbeitet jeder zu viel. Sogar ein kleines Mädchen, das sonntags Limonade an Nachbarn verkauft, tut mehr als du. Die Frage ist, was du hier machst.“ Er stand auf und lockerte seinen Krawattenknoten. „Die Saison ist vorbei. Das große Faulenzen hat begonnen.“

„Ja, ich weiß. Aber ich treffe mich gleich mit Kaylie. Sie wollte ein Restaurant ausprobieren, das hier um die Ecke liegt.“

„Und da bist du vorbeigekommen, um mir vorher Hallo zu sagen, ein paar Blumen vorbeizubringen und mir einen Kuss zu geben?“, fragte Sam, den Blick auf den Strauß in Dex’ Händen gerichtet.

Sein Freund zog eine Grimasse. „Ich lasse deine Klugscheißerei mal unkommentiert, weil ich dich ehrlich gesagt um einen Gefallen bitten wollte.“

„Tatsächlich? Ich dachte, die Zeiten, in denen ich deine Hausaufgaben für dich erledige, sind vorbei.“

Sam und Dexter kannten sich seit dem College. Er hatte sich den Allerwertesten aufgerissen und sich angewöhnt, mit nur fünf Stunden Schlaf die Nacht zurechtzukommen, während Dexter die Kurse hatte schleifen lassen, Baseball und mit Frauen gespielt hatte. Als Dexter schließlich beinahe sein Stipendium verloren hatte, hatte Sam ihm ausgeholfen und als Sam Probleme gehabt hatte, hatte Dexter den Gefallen erwidert. Er war der älteste Freund, den Sam hatte. Was vor allem daran lag, dass er grundsätzlich nichts mehr mit den Leuten zu tun haben wollte, die ihn gekannt hatten, bevor er sein eigenes Geld verdient hatte. Er wollte niemanden haben, der ihn an das Leben davor erinnerte. Dafür hatte er schon seine Familie und die war wahrlich genug. Eigentlich sogar zu viel.

Und zurzeit hasste sie ihn.

Zu Recht.

Aber damit kam er sehr gut klar. Es war ihm sogar lieber.

„Es geht um Chloe.“

Sam schreckte aus seinen Gedanken hoch. „Was?“

„Bei dem Gefallen, um den ich dich bitten wollte, geht es um Chloe.“

„Oh.“ Er drückte automatisch den Rücken durch.

Chloe.

Dex’ Schwester war eine Hausnummer für sich. Ihr Name löste gemischte Gefühle in ihm aus. Schuld, Nervosität und vollkommene Verwirrung waren hier vorrangig.

„Was ist mit ihr?“ Er versuchte seine Stimme so beiläufig wie möglich klingen zu lassen, was er ausgesprochen gut beherrschte. Das hatte er die letzten Jahre über perfektioniert.

„Ihr Auto hat den Geist aufgegeben und sie erreicht kein Taxi und hat mich gefragt, ob ich sie abholen kann …“

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Na ja, ich treffe mich gleich mit Kaylie und sie geht nicht ans Telefon. Ich will sie nicht versetzen, du weißt, dass sie da etwas empfindlich ist und ich war gerade in der Gegend und dachte …“ Sam seufzte und kratzte sich am Kopf. „Alter, ich weiß, du und meine Schwester hattet schon immer ein Problem, aber ich will nicht, dass sie allzu lang alleine am Highway steht. Es regnet, es ist kalt und dunkel. Also, wenn du nichts vorhast, könntest du sie vielleicht kurz einsammeln?“

Sam fand Dexters Wortwahl sehr passend.

Chloe und er hatten schon immer ein Problem. Ja, so könnte man es ausdrücken. Sie würde entzückt sein, ihn zu sehen. Er war sowas wie ihr Lieblingsmensch.

Dennoch sagte er sofort: „Klar, kein Ding. Ich hol’ sie ab.“

Dex ließ erleichtert die Schultern sinken. „Danke. Du bist hier ja sowieso fertig und hast nichts mehr vor, oder?“

„Nein, alles gut.“

Er würde Sadie absagen. Er schuldete Dex so unglaublich viel, dass es eine Selbstverständlichkeit war, dass er ihm einen Gefallen tat.

Auch wenn dieser Gefallen ihn womöglich umbringen könnte. Und das war nicht in übertragenem Sinne zu verstehen. Chloe hatte einen wirklich fiesen rechten Haken und war zurzeit nicht besonders gut auf ihn zu sprechen.

Ach, was redete er da? Sie war eigentlich noch nie besonders gut auf ihn zu sprechen gewesen.

Und so oft er Dex auch erzählt haben mochte, er wisse nicht, wieso dies so war … er hatte eine ungefähre Vorstellung von den möglichen Gründen. Einer davon könnte sein, dass er ein Arsch war. Ein anderer, dass Chloe dies wusste.

Sam hielt sich an den meisten Tagen für einen mehr als anständigen Kerl, aber es gab da einige Dinge, auf die er nicht stolz war.

Sie verließen zusammen das Büro und schlenderten zum Parkplatz.

„Danke, Strüh!“, sagte Dex und klopfte ihm auf die Schulter. „Wirklich, ich schulde dir was.“

Dex schuldete ihm überhaupt nichts. Würde ihm nie etwas schulden.

„Kein Ding. Solange du aufhörst, mich Strüh zu nennen.“

Sein Freund grinste und schüttelte den Kopf. „Kann ich leider nicht!“

Sam seufzte genervt. Das Wort hatte Dex von seiner Freundin. Kaylie wollte „Strüh“ in den allgemeinen Sprachgebrauch einführen und hatte Dexter dazu angestachelt, sie dabei zu unterstützen. Was er nach Herzenslust tat.

„Pantoffelheld“, hustete Sam hinter vorgehaltener Hand.

„Stolzer Pantoffelheld, mit einer Menge Sex“, grinste Dex.

„Liebling, ich weiß, du liebst mich, aber wir müssen wirklich nicht alle Informationen teilen“, sagte Sam trocken und tätschelte ihm die Schulter.

Dex lachte. „Ich schick’ dir Chloes Standort, damit du weißt, wo du hin musst.“ Er hob noch einmal die Hand zum Abschied und sie gingen getrennte Wege.

Sam holte sein Handy hervor und drückte die Kurzwahl. Sadie hob nach dem dritten Klingeln ab. „Hey Sadie, hier ist Sam. Ich schaffe es heute nicht.“

„In Ordnung. Wir sehen uns dann nächste Woche?“

„Gerne. Ich schicke dir meinen Zeitplan.“

„Gut. Schönen Abend noch.“

Sie legten auf.

Es war das perfekte Telefonat gewesen. Effizient, kurz, auf den Punkt und ohne weitere Nachfragen darüber, warum er es nicht schaffte.

Sadie war genau die richtige Frau für ihn. Er mochte sie, respektierte sie und sie forderte nichts von ihm. Sie fand genauso wie er, dass sie ein gutes Paar abgaben und Liebe nun wirklich nicht nötig war, um ein erfolgreiches Leben zu führen.

Liebe war unordentlich. Liebe war verwirrend, irrational, dreckig.

Unterm Strich: Nach dem zu urteilen, was er beobachtet hatte, machte Liebe die Leute dumm, nicht zu vergessen schwach. Nein, Liebe war nichts für ihn. Auf Chaos konnte er verzichten.

Zwei

Chloe war Verfechterin der Chaos-Theorie.

Also, nicht die Chaos-Theorie von diesen mathematischen Physikern, die auf Grundlagen der nichtliberalen Dynamotechnik … nee, Moment. War es die nichtkurvige Diddylle? Nein. Nichtlineare Dynamik! Das war es.

Na ja, jedenfalls nicht die. Von dieser Theorie hatte sie bewiesenermaßen keine Ahnung.

Sie war Verfechterin ihrer eigenen Chaos-Theorie:

Ordnung ist bescheuert, Chaos macht mehr Spaß.

Keine Wissenschaft, aber doch fundamental richtig, fand sie. Es war ganz simpel: Menschen verschwendeten viel zu viel Zeit damit aufzuräumen und Dinge zu ordnen. Dabei gab es so viel Wichtigeres. Das Leben war zu kurz – ein Fluch und ein Segen zugleich – und das musste man ausnutzen.

Als sie jedoch vollkommen durchnässt vor ihrem qualmenden Auto auf der Straße stand, die Cocktailsäfte aus ihrem Kleid zu einem einzigen, unförmigen Fleck zerliefen und ihr die klebrigen Haare ins Gesicht klatschten, fragte sie sich, ob ihr so ein ganz klein wenig Ordnung – nur hier und da – nicht vielleicht guttun würde. Ein Plan wäre auch manchmal ganz nett.

Sie lehnte sich gegen das Auto, ließ die Regentropfen auf ihr Gesicht hinabprasseln und sah schließlich den Highway hinunter. Dex hatte ihr gesagt, dass so schnell wie möglich jemand kommen würde.

Sie hatte es merkwürdig gefunden, dass er auffällig unspezifisch gewesen war, sich aber keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Als sie jetzt jedoch Scheinwerfer näherkommen sah und ein schwarzer BMW hinter ihrem Auto zum Stehen kam, war sofort klar, warum Dexter diesen Jemand nicht weiter ausgeführt hatte.

Sam stieg aus dem Auto.

Seine braunen Haare waren kurzgeschnitten, die grauen Augen durchdringend. Er trug einen schwarzen Mantel, dessen Kragen er gegen den Regen aufgeschlagen hatte, und ließ seinen Blick über ihren Anblick wandern.

Sofort zog sie die Jeansjacke enger um ihre Schultern.

Sam Parker.

Gott, dieser Mann, er … warum?

Von allen Menschen, die Dexter hätte schicken können, hatte er ihn gewählt? Wer wollte sie heute bestrafen?

Sie wollte ja niemandem eine Schuld zuweisen, warf jedoch trotzdem einen kurzen Blick in den Himmel.

„Ich dachte, du wärst Kellnerin und keine Zirkusdompteurin“, stellte Sam fest, die Augen auf den Saum des goldenen Paillettenkleides gerichtet.

„Du hast eben eine schlechte Menschenkenntnis. Nicht so wie ich. Ich dachte nämlich du bist ein Blödmann – und liege bis heute immer noch richtig.“

Sams Miene blieb nichtssagend. Er war so glatt, dass es sie wunderte, dass die Regentropfen nicht einfach an ihm abperlten.

Sie betrachte ihn und fragte sich, ob er sich in den letzten Jahren großartig verändert hatte.

„Warum starrst du mich an?“

Sam war noch nie Fan von Mystik gewesen.

„Ich bin nur fasziniert. Ich hätte fast damit gerechnet, dass die Regentropfen einfach so auf deiner Haut gefrieren. Aber du musst die Kälte irgendwie in deinem Herzen festhalten können“, überlegte sie gespielt nachdenklich.

Er hob eine Augenbraue. „Bist du dann fertig damit, mich zu beleidigen?“

„Gib mir fünf Minuten, mir fällt bestimmt noch was ein.“

Sam seufzte. „Dex meinte, du könntest Hilfe gebrauchen?“

Er war der letzte Mann, vor dem sie das zugeben wollte, aber dennoch nickte sie.

Ihr war kalt. Sie war bis auf die Unterwäsche durchnässt und sie wollte einfach nur noch nach Hause.

„Ja, Bunny hat den Geist aufgegeben.“

„Bunny?“

„Ja, mein Auto.“

Es wurmte sie, dass er den Regen so viel würdevoller ertrug als sie! Die Tropfen durchnässten seinen Mantel, liefen in seinen Kragen und er stand einfach ungerührt da und sah sie an. Im Vergleich zu ihm zitterte sie, versuchte krampfhaft, den Saum ihres Kleides an ihren Oberschenkeln nach unten zu ziehen und roch nach Alkohol, der ihr aus den Haaren den Hals hinabglitt.

„Dein Auto heißt Bunny?“, fragte er mit gerunzelter Stirn, während er aus seinem Mantel schlüpfte und auf sie zukam. „Mir war nicht bewusst, dass du jetzt auch Ford entmannst. Ich dachte, das tust du nur mit deinen Eroberungen.“

Er reichte ihr seinen Mantel.

„Was soll ich damit? Ihm auch einen Namen geben? Wie wäre es mit Tortilla? Oder Doodle? Ich finde, er sieht aus wie ein Doodle.

„Zieh ihn an, Chloe“, sagte Sam. „Dir ist kalt.“

„Mir ist nicht kalt.“

„Du zitterst.“

„Ja, das ist, weil ich so aufgeregt bin, dich zu sehen.“

Kopfschüttelnd starrte Sam sie an.

Dank ihrer Schuhe war sie auf Augenhöhe mit ihm. Chloe würde es nie laut aussprechen, aber genau das war der Grund, warum sie High Heels überhaupt trug: um mit anderen Menschen auf Augenhöhe zu sein. Um ernst genommen zu werden. Vielleicht auch, um sich selbst ernst zu nehmen. Auch das hatte sie in den letzten drei Jahren verlernt.

Als Chloe nichts weiter sagte, legte ihr Sam ohne Worte den Mantel um die Schultern, öffnete die Fahrertür, betätigte einen Knopf und ließ so die Motorhaube aufklappen, unter der es aufgehört hatte zu rauchen.

Chloe hatte nicht einmal von der Existenz dieses Knopfes gewusst.

„Wann hast du das letzte Mal Öl gewechselt?“, fragte er, schob sich die Ärmel seines hellblauen Hemdes hoch und blickte auf den Motor.

„Öl gewechselt?“

So etwas tat man? Sie hatte geglaubt, dass das nur ein Märchen der KFZ-Mechaniker war, damit sie mehr Geld verdienten.

Chloe war wirklich nicht dumm. Es hatte sogar eine Zeit gegeben, in der sie als äußerst intelligent gegolten hatte, aber jetzt gerade … jetzt gerade fühlte sie sich mehr als dämlich.

„Der Motor ist im Eimer.“

„Wow, danke Sam. So weit war ich noch gar nicht gekommen.“

„Willst du den Wagen abschleppen lassen? Denn ganz ehrlich, ich würde ihn einfach hier verrecken lassen. Dieses Auto hat eigentlich keine vier Räder verdient.“

„Er wird abgeschleppt“, knurrte sie. Er war das Einzige, was wirklich ihr gehörte. Was sie von ihrem eigenen Geld gekauft hatte. „Ich habe den Abschleppdienst schon gerufen, aber sie haben irgendwelche Probleme. Ich soll den Schlüssel einfach auf das Vorderrad legen. Sie meinten, das Auto würde schon keiner klauen.“

Einer von Sams Mundwinkeln zuckte, als er von dem Motor abließ und die Haube wieder schloss. „Nein. Sicher nicht. Auch nicht für Geld.“

„Lass mein Auto in Ruhe!“, fuhr sie ihn an. „Es ist nicht seine Schuld. Nur weil du ein Snob und Autorassist bist, heißt das nicht, dass es weniger wert ist!“

Sam hob die Hände. „Tut mir leid, ich wollte Bunny wirklich nicht zu nahe treten. Es sieht auch so aus, als wäre sie schon oft genug getreten worden. Fahren wir?“

Chloe presste die Lippen aufeinander, die Arme eng um ihren Körper gezogen. Sie wollte wirklich nicht zu Sam ins Auto steigen.

„Ich glaube, ich warte doch auf den Abschleppdienst.“
„Sei nicht albern. Das könnte Ewigkeiten dauern.“

Ja, aber jetzt gerade zog sie eine Ewigkeit im strömenden Regen der Ewigkeit in Sams Auto vor. Sie blieb, wo sie war.

Ihr Gegenüber atmete einmal tief durch, trat wieder vor sie und rieb sich mit der flachen Hand über den Nacken.

„Chloe …“

Er sollte das lassen. Ihren Namen zu nennen. Mit genau dieser Stimme und diesem Wort hatte er die Rede eingeleitet, mit der er ihr das Herz gebrochen hatte. Es mochte sechs Jahre her sein, aber … der Rest war es nicht.

„Ich weiß, wir sind nicht die größten Fans voneinander …“
„Ach ich weiß nicht, Sam.“ Sie verengte die Augen. „Es gab da einige Momente, in denen ich schon dachte, dass du Fan von mir wärst.“

Seine Schultern versteiften sich. „Chloe. Wir sind beide erwachsen. Wir sollten doch rational mit unserer Situation umgehen können.“

Sie wippte auf ihre Fersen zurück. „Mhm, interessant. Welche Situation ist das genau?“

„Du weißt, was ich meine.“

„Ich denke, ich weiß es. Aber um vollkommen rational damit umgehen zu können, solltest du es mir vielleicht besser aufschreiben. Oder buchstabieren. Nur, um wirklich hundertprozentig sicher zu sein.“

Sam seufzte. Es war kein schweres Seufzen, nicht besonders emotional. Einfach nur nichtssagend. „Steig einfach ein.“

„Ich weiß nicht, ich würde gerne noch weitere Dinge über unsere Situation erfahren…“

„Steig ein, Chloe! Ich möchte nicht unnötig länger im Regen stehen“, sagte er, öffnete die Fahrertür und ließ sich hinters Lenkrad sinken.

Großartig.

Unentschlossen blieb sie für einige Sekunden stehen, während Sam den Motor startete. Doch was blieb ihr für eine Wahl? Selbst mit Sams Mantel fror sie noch.

Sie schob ihre Hände in die weichen Ärmel – der Mantel roch nach ihm und das allein war eigentlich schon Grund genug, ihn sofort wieder auszuziehen – zog hastig ihre Handtasche von Bunnys Rücksitz, positionierte die Autoschlüssel auf ihrem Vorderrad und lief schließlich um den Wagen herum, um auf den Beifahrersitz zu sinken.

Sie schloss seinen Mantel, damit er ihre viel zu nackten Beine verdeckte und schnallte sich an.

„Freust du dich, dass du mich retten konntest?“, murmelte sie und presste ihre Finger fest ineinander. „Darin bist du doch so ausgezeichnet.“

„Du bist keine Jungfrau in Nöten, Chloe.“

„Nein, richtig. Die Jungfräulichkeit hast du mir ja genommen, oder?“

Er schnaubte, sah sie jedoch nicht an. „Du bist ganz schön melodramatisch, hat dir das schon einmal jemand gesagt?“

„Ja, danke. Das Kompliment bekomme ich dauernd.“

„Gern geschehen. Jederzeit wieder.“

Er fuhr an und fädelte sich in den spärlichen Verkehr ein.

Sie schluckte und sah aus dem Fenster.

Man konnte Sam nicht provozieren. Das war es, was sie am meisten störte, denn somit nahm er ihr ihre Geheimwaffe! Sie konnte jeden auf die Palme bringen, wusste einfach, welche Knöpfe gedrückt werden mussten. Aber nicht bei Sam. Sam zeigte nie eine Regung. Das war schon immer so gewesen. Er antwortete schlagfertig, ließ sie auflaufen – aber zeigte nie, dass ihre Worte irgendeinen Effekt auf ihn hatten. Er blieb kühl. Als würde er einfach nichts fühlen. Vielleicht tat er das ja auch nicht.

Durch ihren Atem beschlug die Windschutzscheibe und sie ließ sich tiefer in den Sitz zurücksinken.

Das würde eine tolle Fahrt werden …

Sie hatte schon immer mit dem Mann, mit dem sie nicht einmal, auch nicht zweimal, sondern gleich dreimal geschlafen hatte ohne dazuzulernen, in einen engen Raum gepresst werden wollen.

Heute wurden ihr einfach alle Wünsche erfüllt!

Diese Frau machte ihn wahnsinnig!

Sam hatte Mühe damit, das Lenkrad nicht mit seinen Fingern zu zerquetschen. Niemand konnte Knöpfe drücken wie Chloe O’Connor. Warum konnte sie das Geschehene nicht einfach ruhen lassen? Er kam sich auch so schon schäbig genug vor.

Da half es ihm auch nicht, dass sie aussah wie das reinste nervliche Wrack. Und das meinte er durchaus negativ.

Ihre Schminke war verlaufen und irgendein rosa Zeug tropfte aus ihren Haaren, die zu einem unordentlichen Nest auf ihrem Kopf zusammengefasst waren.

Chloe war das reinste Chaos. Sie war es schon immer gewesen. Vor drei Jahren hätte er noch gesagt, dass das einfach ihre Art und nichts Schlimmes war. Aber heute?

Heute, als er sie am Straßenrand hatte stehen sehen, hatte sie einfach nur unglaublich verloren gewirkt.

Er kannte sie seit mehr als sieben Jahren, seit Dex ihn einmal mit nach Hause genommen hatte, und so wie heute Abend hatte er sie noch nie gesehen. Chloe war schon immer das pure Leben gewesen und – wem machte er etwas vor – das war es, was ihn seit dem ersten Moment, an dem er sie gesehen hatte, zu ihr hinzog. Ihre Ausstrahlung war magnetisch. Aber seit der Sache auf dem College … seitdem schienen sie unfähig dazu, eine vernünftige Unterhaltung zu führen.

Chloes Spezialität war es, andere Leute anzustacheln. Das Leben leichtzunehmen. Dem, was sie tat, nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Sie lebte locker und leicht und das war schön für sie, aber einfach nicht mit seiner Persönlichkeit zu vereinbaren.

Leider interessierte das diese wenig, sobald Chloe einmal nackt war.

Und wenn Dexter das je herausfand, wäre er ein toter Mann.

„Also Sam, willst du Smalltalk führen oder sollen wir das Auto lieber noch eine Weile mit unangenehmer Stille füllen?“

Als ob sie dazu in der Lage wäre, Stille zu ertragen.

„Schön, führen wir Smalltalk.“

Er konnte sie aus seinen Augenwinkeln nicken sehen, während weiter schwere Tropfen gegen die Windschutzscheibe klatschten und darauf warteten, vom Scheibenwischer weggeschoben zu werden.

„Furchtbares Wetter, oder?“

„Unglaublich furchtbar.“

Stille.

„Wie feierst du dieses Jahr Weihnachten?“

„Gar nicht.“

„Gar nicht?“, wiederholte sie verwirrt seine Worte.

„Gar nicht“, sagte er.

„Gehst du nicht zu deiner Familie?“

„Nein.“

„Aber wohnt sie nicht in New York?“

„Ja.“

„New York City ist nicht weit weg.“

„Ich weiß.“

„Und du gehst trotzdem nicht?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich tue es einfach nicht.“

Chloe seufzte. „Du bist sehr schlecht im Smalltalk.“

„Das wusstest du doch bereits.“

„Ja, stimmt“, meinte sie schulterzuckend. „Meine Schuld, dass ich damit angefangen habe. Ich habe Smalltalk mit Dirtytalk verwechselt. In einem von beiden bist du nämlich wirklich talentiert.“

Sie tat es schon wieder. Sie wollte ihn aus der Reserve locken und verdammt noch mal, wenn er nicht jedes Mal kurz davor wäre, sie mit Erfolg zu belohnen!

Doch er schwieg. Er hatte sich nicht jahrelang antrainiert, die Kontrolle zu bewahren, nur um sie sich von Chloe jetzt nehmen zu lassen.

„Okay, darüber willst du also auch nicht reden“, sagte sie gespielt enttäuscht, als er weiterhin schwieg. „Wie geht es der Balletttänzerin?“

„Eifersüchtig?“, fragte er interessiert.

„Um ihren Geisteszustand besorgt.“

„Du hast da was falsch verstanden, Chloe. Die Frauen sind verrückt nach mir. Nicht von mir.“

Sie schnaubte laut. „Nein, ich glaube, du hast etwas falsch verstanden. Das Nach ist zeitlich zu sehen. Nachdem sie mit dir zusammen waren, sind sie verrückt.“

„Ich habe schon immer geahnt, dass zu viele Orgasmen dem weiblichen Gehirn schaden.“

Chloe gab einen unterdrückten Laut von sich und wenn er sich nicht irrte, dann versuchte sie gerade nicht zu lachen.

„Ich glaube, die Arroganz der Baseballspieler färbt allmählich auf dich ab, Sam“, sagte sie nach einer Weile.

„Denkst du, ja?“, fragte er und warf ihr einen Seitenblick zu, während er vom Highway fuhr. „Du musst ja wissen, ob es Arroganz oder die Wahrheit ist. Wie du die letzte Viertelstunde nicht müde wurdest mich zu erinnern, weißt du ja, wie gut ich bin.“

„Ganz ehrlich, Sam?“, meinte sie verkniffen. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du dich überhaupt noch daran erinnerst.“

Ob er sich … war sie komplett übergeschnappt? Wie sollte er das vergessen?

„Natürlich erinnere ich mich“, sagte er düster. „Und du warst es, die sagte, sie wolle nicht darüber sprechen!“

„Was? Wann soll das gewesen sein?“

„Bei dem einen Mal, Chloe“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Von welchem Mal sprichst du hier? Von der Sache im College, wo du mich einfach hast sitzen lassen, von der Sache vor zwei Jahren oder von dem … anderen Mal?“

Dieses Gespräch ging in die vollkommen falsche Richtung!

„Ich habe dich nicht einfach sitzen lassen.“ Er gab sich Mühe, seine Stimme weiter ruhig zu halten.

„Hast du, Sam!“

Ja, verdammt. Okay! Das hatte er. Aber was hätte er anderes tun sollen?

„Und es ist auch egal. Es ist Ewigkeiten her. Also, wovon sprichst du?“

„Ich spreche von letztem Jahr, Chloe. Von dem Mal, wo du gesagt hast, dass wir nicht drüber reden sollten!“

„Ich habe nie gesagt, dass ich nicht darüber sprechen will!“, fuhr sie ihn ungläubig an. „Ich sagte: ‚Ich gehe davon aus, dass du wieder nicht darüber sprechen willst.‘ Das ist ein Unterschied.“

„Also hättest du dich gerne darüber ausgetauscht?“, fragte er trocken. „Denn Chloe: Tu dir keinen Zwang an. Jetzt haben wir Zeit. Warum hattest du letztes Jahr das Gefühl, du müsstest mich mit einem besonderen ‚Hallo‘ begrüßen?“

„Halt die Klappe, Sam“, knurrte sie.

Er schnaubte. Sie musste sich schon entscheiden. Entweder sollte er mehr reden oder weniger. Beides konnte er nicht.

„Warum warst du heute überhaupt schon so früh fertig mit der Arbeit?“, fragte er, als wieder ein Stück goldenes Kleid unter seinem dunklen Mantel hervorblitzte. „Hattest du nicht die Nachtschicht?“

„Woher weißt du, dass ich Nachtschicht hatte?“

Shit. Er musste aufpassen, was er sagte. Er war vielleicht manchmal etwas zu aufmerksam, wenn Dex über sie redete. „Ich weiß es einfach.“

„Mhm.“

„Also?“

„Was glaubst du? Ich wurde gefeuert, Sam.“

„Weswegen?“

„Ich wurde begrabscht und habe es mir nicht gefallen lassen.“

Sie waren bei dem Hochhaus angekommen, von dem Dexter die oberen zwei Etagen bewohnte, und Sam drückte möglicherweise etwas zu fest auf die Bremse.

Der Gurt schnitt in seine Schulter und ruckartig wandte er seinen Kopf zu ihr. „Du wurdest was?“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Keine große Sache. Ich habe es da ohnehin nicht sonderlich gemocht.“ Sie nagte an ihrer Unterlippe.

„Chloe! Das ist eine große Sache.“ Seine Handknöchel traten weiß hervor. „Du wurdest gefeuert, weil du … Gott, welcher schmierige Typ-“

„Sam, ist egal“, sagte sie ernst, die Augen groß. „Und wehe, du sagst es Dexter! Ich wurde schon oft gefeuert. Was soll’s. Der Grund ist letztendlich nicht wichtig. Dann suche ich mir eben einen neuen Job. Ist mir wirklich egal.“

Sie log. Es war ihr nicht egal. Ihre Hände hatten sich auf ihrem Schoß verkrampft. Aber er würde einen Teufel tun und sie trösten. Dinge schienen einen unvorhersehbaren Lauf zu nehmen, wenn er anfing Chloe aufzuheitern. Damit hatte er bereits Erfahrung. Denn Trost ging meistens mit Körperkontakt einher und Körperkontakt schien bei ihnen zwangsläufig zu noch sehr viel mehr Kontakt zu führen.

Sam war stolz auf seine Beherrschung. Sie war es, die ihn ausmachte. Aber bei Chloe? Sobald er die Finger auf sie legte, segelte jede Beherrschung aus dem Fenster. Er wusste nicht, was es war. Vielleicht einfach Körperchemie, aber die Schwester seines besten Freundes konnte mit nur einem Blick Dinge mit ihm anstellen, zu denen nackte Frauen mit talentierten Händen nicht fähig waren.

Was der Grund dafür war, dass er immer einen weiten Bogen um sie machte. Er hatte sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, dort zu sein, wo er jetzt war. Er hatte eine Freundin, die perfekt zu ihm passte. Und Chloe … Chloe war dazu geboren, Dinge durcheinanderzubringen.

Gott, jemand hatte sie angefasst und sie war … verdammt. Es war nicht seine Aufgabe, sich darüber aufzuregen. Nicht seine Aufgabe, dem Kerl eine verpassen zu wollen. Daran sollte er sich erinnern.

Er konnte ihren Blick auf sich spüren, während er aus dem Fenster sah, seinen Atem regulierend.

„Sam schweigt“, murmelte sie. „Ein allseits beliebter Klassiker, erhältlich in der Buchhandlung Ihrer Wahl!“

„Du hast gesagt, ich soll die Klappe halten.“

„Ja, du hast recht. Die Wonne mit dir zu reden, kann man nur für sehr kurze Zeiträume ertragen. Sonst ist das Glücksgefühl zu groß.“

Sie schulterte die Handtasche und schnallte sich ab.

„Weißt du was, Chloe“, sagte er ruhig. „Du stellst dich immer als Opfer dar, aber du bist wirklich nicht unschuldig an der Situation.“

Und das war die Wahrheit. So sehr er auch Mist gebaut hatte – Chloe war Teil davon gewesen.

Sie sah ihn nicht an. Sie starrte nach draußen. Der Regen trommelte unaufhörlich auf das Autodach und er konnte sehen, wie sie ihre Lippen zu einer dünnen weißen Linie zusammenpresste. Sie war wütend. Auf ihn.

Nun, das war nichts Neues.

„Gute Nacht, Sam“, sagte sie und schälte sich aus seinem Mantel. Ihre Stimme zitterte ein wenig. „Danke dafür, dass du mir geholfen hast. Auf dass wir das jeden Abend wiederholen!“

Ehrliche Dankbarkeit hörte sich anders an, aber er nahm, was er kriegen konnte.

„Gute Nacht, Chloe“, sagte er – warum fühlte er sich, als hätte ihn ein Auto überfahren? „Gern geschehen.“

„Ich glaube dir kein Wort“, murmelte sie und stieg aus.

„Ich dir auch nicht.“

„Dann bist du also dazu in der Lage, Sarkasmus zu erkennen?“, stellte sie gespielt verblüfft fest und drückte die Tür ins Schloss.

Drei

Chloe atmete die feuchte Luft ein, wischte sich die Cocktailschlieren aus ihrem Gesicht und ging zur Tür, die in einem überdachten Eingang lag.

Zehn Minuten mit Sam und sie wollte ihn umbringen. Nachdem sie vielleicht noch ein, zwei Stunden mit ihm in seinem Bett verbracht hatte.

Aber nein.

Es tat nicht gut, dauernd daran zu denken, was hätte sein können. Sie streckte den Rücken durch.

Es war eine Ewigkeit her.

Nur Herzen vergaßen nicht.

Sie öffnete ihre Handtasche und steckte ihren Arm bis zur Schulter dort hinein. Eines Tages würde sie bei dem Versuch, ihren Schlüssel zu finden, umfallen. Und trotzdem wäre die Tasche es wert gewesen. Chloe waren Anziehsachen ziemlich egal. Wenn sie könnte, würde sie jeden Tag in Jogginghose und T-Shirt herumlaufen. Bei Schuhen und Handtaschen war das etwas anderes. Hohe Schuhe gaben ihr Selbstbewusstsein und Handtaschen waren einfach toll. Sie rochen nach Zuversicht. Jedenfalls schien Chloes Geldbeutel das jedes Mal zu denken, wenn sie an einem Lederwarengeschäft vorbeilief.

Das einzige Problem bei großen Handtaschen war nur – man fand nie etwas darin!

Frustriert zog Chloe ihren Arm aus dem Lederbeutel, um die Seitentaschen abzutasten. Dann steckte sie den Kopf in die Tasche, nur um ihn sofort wieder herauszuziehen. Es war wirklich viel zu dunkel darin, um etwas zu erkennen. Sie zückte ihr Telefon und leuchtete in das Innere. Wühlte darin herum, zog Sachen hervor, ließ sie wieder fallen. Kontrollierte die kleinen Innentaschen.

Nichts.

Das konnte nicht sein!

Das konnte einfach nicht sein!

Stöhnend ließ sie ihre Stirn gegen die Tür sinken. Für ein paar Sekunden verharrte sie in der Pose, dann zwang sie sich wieder in eine aufrechte Position und stülpte ihre Handtasche kurzerhand um, sodass ihre Habseligkeiten auf den Boden fielen.

Ein Nagellackfläschchen, dessen Existenz sie vollkommen vergessen hatte, traf auf eine Steinkante, brach auf und der Inhalt ergoss sich über ihr Portemonnaie. Fluchend bückte sie sich und fischte es hervor. Das war falsches, echt billiges Leder, verdammt! So gut gefälscht würde sie das nie wieder finden.

Eine Hand an die klebrige Stirn gelegt, durchsuchte sie den Haufen an Lippenpflegestiften, Quittungen, Bonbons, Kaugummis und Stiften. Ihre alte Ausgabe von Stolz und Vorurteil konnte sie gerade noch vor dem Lack retten, doch die Schlüssel blieben verschwunden.

„Scheiße“, flüsterte sie das Wort, das sie seit drei Stunden konsequent dachte, als sich plötzlich zwei weitere Hände zu ihren gesellten. Überrascht sah sie auf.

„Wolltest du den Boden mit dem Rot verschönern?“, murmelte Sam. Er war ganz offensichtlich noch nicht gefahren. Oh Gott. Hatte er etwa alles mitangesehen?!

„Ja. Solltest du vielleicht auch mal mit deinem Gesicht probieren.“

Sam ignorierte ihren Konter, wie immer. „Großer Gott, was für Müll schleppst du mit dir herum?“

„Ich dachte, ich hätte meinen Müll gerade in deinem Auto zurückgelassen“, knirschte sie und schlug auf seine Hand, die ein Tampon in die Höhe hielt. „Ich brauche deine Hilfe nicht“, sagte sie gereizt.

„Hast du deine Schlüssel vergessen?“, fragte er und stapelte drei Packungen Taschentücher sorgfältig aufeinander.

„Nein!“, antwortete sie sofort. „Er muss hier irgendwo sein, er …“ … lag auf dem Küchentresen.

Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und ließ sich auf den kalten Boden sinken.

„Ich bin so ein Desaster“, flüsterte sie und versuchte das Brennen aus ihren Augen zu verbannen.

Sie konnte Sam gedehnt ausatmen hören. „Du bist kein Desaster. Etwas zerstreut vielleicht.“

„Sam! Ich kann keinen Job halten, habe mich ausgeschlossen und Cocktails in meinen Haaren!“

Außerdem war sie sich ziemlich sicher, dass ein Kaugummi unter ihrem rechten Schuh klebte. „Ich glaube, Desaster ist hier doch der gesuchte Begriff.“

„Komm“, sagte er und seine Arme schlossen sich um sie, zogen sie auf die Beine. „Du kannst zu mir, bis Dex nach Hause kommt.“

Sie riss die Augen auf.

„Was? Nein. Ich bleibe einfach hier sitzen und bemitleide mich noch ein wenig selbst. Denn das scheint das Einzige zu sein, in dem ich erfolgreich bin.“

„Wenn du hier sitzen bleibst, sammelt dich noch Animal Control ein.“ Er reichte ihr die Handtasche. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass er ihren Kram wieder zusammengepackt hatte.

Ernst sah sie ihn an. „Sam, nimm das bitte persönlich: Ich will nicht mit zu dir.“

„Ja, ich will dich auch nicht unbedingt bei mir haben, aber du bist klitschnass. Du brauchst trockene Anziehsachen und eine heiße Dusche. Nachher bin ich derjenige, der Schuld ist, wenn du eine Lungenentzündung hast.“

Ja, wenn er schon für sonst nichts die Schuld auf sich nehmen wollte, dann doch wenigstens dafür.

Sie kratze sich am Kopf, während eine Gänsehaut ihren Körper überzog. Ihr war wirklich kalt.

„Hast du Alkohol in deiner Wohnung?“, wollte sie wissen.

„Nein.“

„Schokolade?“

„Nein.“

„Irgendetwas mit Zucker!?“

„Ich habe Ketchup da.“

Kopfschüttelnd sah sie ihn an. „Was für ein Leben führst du?“

„Ein hoffentlich langes.“

„Wie steht es mit Erdnussbutter?“

„Die habe ich.“

„Crunchy oder creamy?“

„Crunchy natürlich.“

Na wenigstens da lag er richtig. „Fahren wir.“

Verzweifelte Situationen verlangten nach verzweifelten Maßnahmen.

Sam verstand es nicht, wenn Menschen von unangenehmer Stille sprachen. Er mochte Stille. Bei Stille konnte man nachdenken. Evaluieren und planen. Er bekam jedoch das vage Gefühl, dass Chloe das Konzept der Stille nicht verstand oder ihm schlichtweg nichts abgewinnen konnte.

„Hast du dich schon einmal gefragt …“

„Höchstwahrscheinlich nicht.“

Chloe schnaubte. „Du scheinst sonst so höflich zu sein. Warum ist das bei mir anders?“

„Ich weiß nicht“, sagte er trocken, stellte den Motor ab und stieg aus. „Vielleicht weil alles, was aus deinem Mund herauskommt, wenn ich in der Nähe bin, beleidigend, unangebracht oder sarkastisch ist.“

Es hatte aufgehört zu regnen, doch Chloes Kleidung klebte immer noch wie eine zweite Haut an ihrem Körper. Nicht, dass er sonderlich darauf geachtet hätte.

Wenn er sich heute Morgen gefragt hätte, wie der Tag noch enden würde, dann hätte er sich sicherlich nicht dieses Szenario vorgestellt!

Zum dutzendsten Mal zog Chloe sich den Saum des goldenen Kleids herunter. Die Pailletten fingen das Licht einer Straßenlaterne auf, schienen sie nun in goldenen Schlieren zu umgeben – wenn Chloe den Mund für ewig geschlossen halten würde, hätte man sie glatt mit einem Engel verwechseln können. Einem zurzeit etwas schäbigen Chaos-Engel.

Das Kleid gab nach und rutschte tatsächlich einige Zentimeter ihre Oberschenkel hinab.

Warum macht sie sich die Mühe? Es lag so eng an, dass es ohnehin nichts verbarg, außerdem hatte Sam ein sehr gutes Gedächtnis und er würde wohl eher seinen eigenen Namen vergessen, als den Anblick von Chloes nacktem …

„Oh, spiel dich nicht so auf“, meinte sie augenverdrehend, „du bist da nun wirklich nichts Besonderes. Ich sage zu jedem unangebrachte, sarkastische Sachen. Nicht nur zu dir.“

Das mochte stimmen. Gleichwohl das nicht immer so gewesen war. Innerhalb der letzten Jahre war sie sehr zynisch geworden. Dex hatte sich deswegen Sorgen gemacht. Gemeint, dass das ihre Art und Weise wäre, sich von der Welt abzuschotten.

Aber Sam wusste es besser. Chloe war schon immer dazu fähig gewesen gemein zu sein. Nur scherte es sie im Moment offenbar nicht mehr, dies auch zu zeigen.

Sam schloss den Wagen ab und schritt zu dem dreistöckigen Haus, in dem sein Appartement lag. Es war aus rotem Stein und weitläufige Balkone zierten die Fassade. Allesamt mit Blumen bestückt.

Na ja, allesamt bis auf einen. Seinen Balkon.

Wer brauchte Blumen und wer hatte die Zeit dafür, sich um sie zu kümmern? Dann konnte er ja gleich ein Kind bekommen oder drei Hundewelpen kaufen.

„Mir ist es nie aufgefallen, Sam, aber du strahlst sehr düstere Energie aus. So als seist du äußerst unzufrieden mit der Situation.“

Sie konnte offenbar seine Gedanken lesen.

„Dabei brauchst du dich wirklich nicht zu schämen“, fuhr sie fort. „Viele hässliche Männer werden glücklich. Ich wette, du bist da keine Ausnahme. Und die Tatsache, dass du Auto fährst als hättest du Angst davor, du könntest ein Bobby-Car überholen … ich finde es toll, wie du trotz allem an deiner Männlichkeit festhältst!“

Sams Kiefer spannte sich an und er schloss für eine Zehntelsekunde die Augen. Dann öffnete er die Haustür und nickte knapp.

„Ja, danke für deine aufmunternden Worte. Das sagt mir die Selbsthilfegruppe für hässliche und schlechte Autofahrer auch immer. Aber es aus deinem Mund zu hören, macht mich besonders glücklich. Es ist schön, so angenommen zu werden, wie man ist.“

Chloe verengte die Augen und das Grün ihrer Iris blitzte auf. Sie sah wütend aus.

Warum?

Er verstand es nicht. Warum forderte sie ihn jedes Mal heraus? Warum testete sie jedes Mal aufs Neue seine Kontrolle? Was brachte es ihr? Was würde sie gewinnen, wenn er ausnahmsweise doch einmal die Beherrschung verlor?

Denn er war sich fast sicher, dass Chloe nicht sehen wollte, was aus ihm wurde, wenn er seine hart antrainierte Kontrolle fahren ließ. Der letzte Mann, der das gesehen hatte, war Samuel Parker Senior gewesen. Und der war jetzt tot.

Nun gut, dazu hatte Sam nicht allzu viel beitragen müssen, das hatte seine Leber schon ganz alleine geschafft – Sam dankte ihr beinahe täglich – dennoch … Chloe wusste nicht, was sie da herausforderte.

„Gib mir einfach Erdnussbutter, Sam“, sagte sie verkniffen. „Dann bin ich für ein paar Minuten leise.“

Er würde ihr das ganze Glas geben.

Chloe lief an ihm vorbei, zog sich ihre Schuhe aus und schritt die Treppen hinauf.

Liebe Güte, diese Schuhe. Chloe trug immer High Heels und sie zog sie nie aus. Nie. Das wusste Sam aus Erfahrung.
Gut. Vielleicht hatte er sie darum gebeten sie anzubehalten.

Zielsicher blieb sie vor seiner Wohnungstür stehen.

Ach ja, richtig. Sie war ja schon mal hier gewesen. Wenn auch nur für eine halbe Stunde.

Er lehnte sich über ihre Schulter, ihr Scheitel reichte ihm jetzt nur noch bis knapp zur Nase, und schloss auch diese Tür auf.

Chloe roch süßlich. Nach Alkohol, Zucker … und ihr selbst. Er konnte sehen, wie sich eine Gänsehaut ihren Nacken hochzog und fragte sich, ob das an seiner Nähe lag oder daran, dass ihr immer noch kalt war. Doch er würde sich hüten zu fragen.

Sie lief voraus in sein Appartement und er durfte ihr Gesicht dabei beobachten, wie es sich in Zeitlupe zu einer Grimasse verzog.

„Sam, deine Wohnung sieht aus, als würde hier täglich ein Tatortreiniger durchgehen.“

„Danke.“

„Das war kein Kompliment.“

„Ich weiß. Nichts, was aus deinem Mund kommt, ist ein Kompliment. Ich dachte, ich hätte bereits zum Ausdruck gebracht, dass ich das begriffen habe.“

Er war stolz auf seine Wohnung. Sie hatte vier Zimmer, dunkles Parkett, eine Küche mit Granitflächen und eine Fensterfront dort, wo es auf den Balkon hinausging. Zusammengefasst: Sie war groß, lag in einer guten Gegend und sah so gar nicht aus wie die, in der er großgeworden war. Das war es, was er hatte erreichen wollen – somit war sie ein Erfolg. Chloe mochte recht damit haben, dass sie möglicherweise etwas kahl und sauber war, aber er sah nicht, was daran schlecht sein sollte.

„Na ich schätze, es hat auch was Gutes“, stellte sie fest und ließ ihre Handtasche fallen. Einfach so. Auf den Boden. „Wenn es im Krankenhaus zu voll wird, können sie einfach zu dir gehen und hier operieren.“

Sam hob ihre Tasche auf und hängte sie an die Garderobe, während Chloe in sein weitläufiges Wohnzimmer mit Einbauküche ging. Er betrachtete ihren Rücken und schüttelte den Kopf. Sie passte hier genauso gut rein wie ein Clown in die Wüste.

Sie drehte sich einmal im Kreis, fuhr mit ihren Fingern über den Cordstoff seiner Couch, den Wohnzimmertisch, die Küchenanrichte … warum musste sie alles anfassen?

Ihr Blick landete wieder auf ihm. „Du hast keine Bilder.“

„Und du keine Manieren. Ich würde sagen, da fehlt uns beiden etwas.“

Sie lächelte matt. „Warum klingst du überrascht? Wir kennen uns seit sieben Jahren.“

Ja, sie kannten sich seit sieben Jahren. Aber Sam war sich nicht sicher, ob sie sich wirklich kannten.

Er war gut darin, Leute einzuschätzen. Er sah jemanden an und wusste, ob er Ärger machen würde, bluffte oder Angst vor etwas hatte. Aber bei Chloe? Bei ihr füllte ein statisches Rauschen seinen Kopf. Jede Emotion war aus ihren Augen abzulesen, aber da war zu viel – zu viel Verschiedenes, das er nicht nachzuvollziehen oder zu deuten vermochte. Mal sagte sie das eine, meinte aber das andere, mal sprach sie genau das aus, was sie fühlte. Er verstand sie einfach nicht. Und das machte ihn unsicher. Und Sam hasste Unsicherheit. Fast noch mehr als Unordnung.

Sie starrten sich an, bis Chloe den Kopf senkte, zu seinem Kühlschrank spazierte und ihn wie selbstverständlich öffnete.

„Die Erdnussbutter ist nicht im Kühlschrank“, meinte er.

„Das sehe ich. Nichts ist im Kühlschrank!“ Sie deutete ungläubig auf die fast leeren Regale. Eine einsame Flasche Ketchup stand in der Tür und ein angefangener Laib Käse prangte auf der mittleren Schiene. Wann hatte er den gekauft?

Sam konnte sich partout nicht erinnern.

„Du hast nichts zu essen hier!“

Er zuckte die Schultern. „Ich esse meistens im Büro.“

„Du isst meistens im Büro“, wiederholte sie starr. „Mhm. Hast du eine heiße Sekretärin?“

„Was?“

„Oder bist du heimlich doch schwul und versuchst, in der Mittagspause einen Blick auf nackte Baseballer zu erhaschen?“

Er verengte die Augen. „Du weißt sehr genau, dass ich nicht schwul bin.“

„Das dachte ich auch, aber mir fällt sonst kein Grund ein, warum man in seinem Büro essen sollte. Das ist traurig, Sam. Sehr traurig.“

Sam kannte traurig, wusste wie es aussah und Chloe war im Unrecht. Es war traurig, wenn man seiner Mutter Tag für Tag dabei zuhören musste, dass sich bald etwas ändern würde. Dass sie sich wehren würde, aber nie etwas geschah.

Traurig war, wenn man seinem Bruder zum Geburtstag Süßigkeiten klaute, nur damit er überhaupt ein Geschenk hatte. Traurig war, dass man versuchte, es besser zu machen, dass man jeden Monat Geld schickte, dass man Hilfe anbot und man trotzdem einen Scheißdreck verändern konnte.

Ja, Sam kannte traurig und im Büro zu essen, fiel nicht in diese Kategorie.

Sein Kiefer verhärtete sich und er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Sofalehne.

„Hab’ ich das Memo nicht bekommen?“

Chloe legte den Kopf schief. „Welches Memo?“

„Das, wo draufsteht, heute ist Kritisieren-Wir-Sams-Leben-Tag.“

„Dafür bekommst du kein Memo. Den halte ich jeden Tag ab.“

Er schnaubte. „Wie rührend. Warum bekomme ich keine Glückwunschkarte?“

„Ich wusste nicht, ob du lesen kannst. Kannst du?“

„Ein wenig.“

„Dann werde ich dir ab heute eine schicken“, sagte sie fröhlich.

Kopfschüttelnd betrachtete er sie. Sie wirkte äußerlich gelassen und dennoch flog ihr Blick unruhig über seine Erscheinung. Als wisse sie nicht, wie sie sich verhalten solle.

Er kannte das Gefühl.

Er hasste das Gefühl.

Und er würde es sofort aus dem Weg schaffen.

„Ich verstehe es nicht, Chloe“, sagte er.

„Wie eine Glückwunschkarte funktioniert? Das kann ich dir gerne erklären.“

„Was ist unser Problem?“, ignorierte er ihren Einwurf. „Was haben wir beide für ein Problem?“

Chloes Hand fuhr in ihren Nacken und er konnte sehen, wie ihre Brust sich schwer hob und senkte. Aber ausnahmsweise sagte sie einmal nichts.

„Ich verstehe es nicht, Chloe“, wiederholte er ruhig. „Wieso fällt es uns so schwer, wie zivilisierte Menschen miteinander umzugehen?“

Die Hand glitt von ihrem Nacken auf ihre Stirn. Sie blickte ihn an und neue Emotionen fluteten ihre Augen. Chloe schien mehr als normale Menschen zu fühlen, aber normalerweise war niemand so gut wie sie darin, genau das zu verstecken.

Doch nicht jetzt. Jetzt gerade verbarg sie gar nichts. Und das verunsicherte ihn mehr als würde sie versuchen, ihn zu Tode zu provozieren.

Sie atmete gedehnt aus und ihre Schultern sackten nach unten. „Ich weiß es nicht.“

Auf einmal klang sie müde. „Wirklich Sam, ich … keine Ahnung.“

Ihr Blick ging über seine Schulter, richtete sich aus dem Fenster. „Vielleicht ist einfach zu viel zwischen uns passiert.“

Er runzelte die Stirn. „Du bist immer noch wütend auf mich? Weil ich auf dem College mit dir Schluss gemacht habe?“

„Schluss gemacht“, prustete sie. „Bitte. Das, was wir hatten, kann man wohl kaum Beziehung nennen und nein … ich bin wirklich nicht mehr wütend auf dich. Eher wütend auf mich. Wegen letztem Jahr. Das war eine Kurzschlussreaktion meinerseits. Das tut mir leid.“

„Na ja, ich war als Partei auch nicht gerade unschuldig.“

Sie lachte leise. „Nein, warst du nicht.“

Die Hände sinken lassend, machte sie einen Schritt nach vorne. „Weißt du, ich habe mir vorgenommen, erwachsener zu werden – und ich fange bei uns beiden an.“ Sie lächelte etwas wackelig. „Wir können vielleicht nicht befreundet sein, aber normal miteinander reden, das können wir hinkriegen … oder?“ Sie hörte sich nicht sehr zuversichtlich an.

„Darin waren wir früher … na ja, für sieben Tage, bevor du mit mir geschlafen hast, sehr gut!“

Sam persönlich fand, dass sie auch in dem Part nach den sieben Tagen sehr gut gewesen waren, hielt es aber für weise, das nicht laut auszusprechen.

„Du denkst, dass wir nicht miteinander befreundet sein können?“, fragte er langsam.

Sie dachte nicht einmal darüber nach, sondern schüttelte einfach den Kopf. „Nein.“

„Warum?“

„Weil …“, sie holte tief Luft, „weil du mich an all das erinnerst, was ich mal war, wohin ich nicht mehr zurückfinde und ich genau das bin, was du nie haben wolltest.“

Da war sie wieder. Die Chloe, die alles aussprach.

Diese Frau war wie ein Kreuzworträtsel auf Klingonisch. Und Sam sprach kein Klingonisch! Wo bekam er also ein Wörterbuch her?

„Okay“, sagte er nach ein paar Momenten, die zu einer Ewigkeit verflossen. „Dann konzentrieren wir uns darauf, normal miteinander umzugehen?“

Sie nickte. „Deal. Und jetzt, wo alles total normal ist: Kann ich deine Dusche benutzen?“

Na klasse. So fing man einen platonischen, unfreundschaftlichen Normalzustand an: Man stellte sich den Nicht-Freund eine halbe Stunde nackt unter der Dusche vor.

Daran konnte man anknüpfen.

Vier

Chloe war stolz auf sich.

Sie und Sam hatten ein offenes Gespräch geführt und waren beide darin übereingekommen, dass sie zivilisiert sein konnten. Das hatte sie zum ersten Mal von sich behauptet, aber in ihren Ohren hörte sich das gut an.

Sie war Teil der Zivilisation, sollte also durchaus dazu in der Lage sein, sich auch wie das dazu passende Adjektiv zu verhalten. Zumindest besagte das ihre Art von Chaos-Theorie.

Sie schälte sich das klebrige Kleid vom Körper und sah sich in Sams Bad um. Sie war sich sicher, dass sie die Erdnussbutter, nach der sie vergessen hatte zu fragen, auf den Toilettensitz streichen und ablecken könnte, ohne sich ekeln zu müssen.

Sie hängte das goldene Kleid über einen Handtuchständer, wo es den blitzblanken weißen Boden mit rosa Flüssigkeit volltropfte und ließ ihre Schultern kreisen.

Vielleicht war es gar nicht schlecht, dass sie gefeuert worden war. Vielleicht sollte sie das als Möglichkeit für einen Neuanfang sehen.

Sie würde sich mit Sam verstehen – na ja, soweit wie man sich mit einem Mann wie Sam verstehen konnte – ihre College-Kurse aufstocken und einen neuen Job suchen. Sie brauchte Geld, um den Abschluss machen zu können. Es war zwar nur ein Community-College, aber trotzdem teuer.

Liebe Güte, wenn Dex wüsste, dass sie vor einem Monat angefangen hatte Kurse zu belegen, würde er ihr das Geld nur so hinterherwerfen. Aber das war es nicht, was sie wollte. Das war es nicht, was sie brauchte. Sie brauchte ihr altes Selbst wieder. Das Selbst, das alleine für sich sorgen und auf eigenen Füßen stehen konnte. Sie schien mit ihren Eltern noch so viel mehr verloren zu haben … und vielleicht, wenn sie das College fertig machte, sich mit dem Fonds, zu dem sie in ein paar Monaten Zugriff haben würde, eine eigene Wohnung suchen konnte und das Kapitel Sam abschloss … vielleicht könnte sie ihrem Spiegelbild dann wieder in die Augen sehen.

„Warum habe ich letztes Jahr noch einmal mit ihm schlafen müssen, Mom?“, seufzte sie und entledigte sich auch ihrer Unterwäsche. „Du hast mich doch besser erzogen!“

Sam mochte gesagt haben, dass er an der Sache nicht ganz unschuldig war, aber das hatte er nur aus Höflichkeit behauptet.

Dex hatte erzählt, dass Sam nach Philadelphia ziehen würde und sie hatte nur bei ihm vorbeisehen wollen um sicherzustellen, dass sie sich beide noch einig waren, einfach nie wieder darüber zu reden, dass sie zweimal miteinander im Bett gelandet waren.

Doch dann hatte sie ihn gesehen und … ja. Mehr hatte ihr Körper dann auch nicht gebraucht.

Kopfschüttelnd öffnete sie den Spiegelschrank über dem Waschbecken, auf der Suche nach Seife oder irgendetwas, mit dem sie die schwarzen Mascara-Flecken unter ihren Augen entfernen konnte, doch in dem Schrank gab es nicht das, was sie suchte. Stattdessen waren die Regalbretter fast leer. Dort standen nur ein Rasierer, Desinfektionsmittel und eine schwarze Schachtel. Chloe hatte sie seit einigen Wochen nicht mehr benutzt, aber sie wusste durchaus noch, wie Kondome aussahen.

Mit verdrießlicher Miene zog sie die Packung aus dem Schrank.

Kondome für Sam und seine blöde Ballerina, die bestimmt Schmetterlinge pupste und Regenbogen rülpste.

Nein, sie sollte die Schachtel vielleicht besser verstecken. Damit die beiden nicht miteinander schlafen konnten. Sam stand doch so auf Ordnung und Sex gehörte da nun wirklich nicht zu! Jedenfalls nicht so, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Er mochte in seinem ganzen Leben kontrolliert sein, aber unter den Laken … stopp! Da sollten ihre Gedanken nicht hinwandern. Sie hockte sich hin und wollte die Kondome schon in die Toilette schütten und einfach herunterspülen, als ihr ein plötzlicher, schockierender Gedanke kam.

Wenn sie nicht verhüteten und trotzdem miteinander schliefen … oh Gott. Nein! Nachher wurde die Balletttänzerin noch schwanger und starb bei dem Versuch, aus ihren viel zu schmalen Hüften ein Kind mit Sams Dickkopf zu pressen. Chloe wollte wirklich nicht zur Mörderin werden, deshalb stellte sie die Packung lieber wieder zurück. Die Balletttänzerin war vielleicht eine Schlampe – so zumindest stellte sie sich eine Frau vor, die aus beruflichen Zwecken den ganzen Tag in rosa Tüll herumlief – aber den Tod hatte auch sie nicht verdient.

Chloe klopfte sich selbst auf die Schulter. Sie war wirklich ein guter Mensch.

Sie wusch sich das Gesicht mit normaler Handseife – Chloe konnte Make-up eigentlich nicht allzu viel abgewinnen, Mascara war bei ihr das Höchste der Gefühle – und stieg unter die Dusche. Sie ließ den heißen Strahl auf ihre Schultern und ihr Gesicht trommeln und fragte sich, ob sie sich sehr verändert hatte. Wie konnte es möglich sein, dass sie ihr Selbstbewusstsein durch etwas verloren hatte, an dem sie keine Schuld trug, für das sie nicht verantwortlich war?

Es war normal, um die Eltern zu trauern.

Warum nur fühlte sie sich dann so schwach? Als wäre die große Lücke in ihrem Herzen nicht gerechtfertigt? Zumindest nicht nur durch den Tod ihrer Eltern.

Wieso schien sie das Vertrauen in das ganze Leben verloren zu haben?

Dex kam so viel besser damit klar. Er hatte sich um sie gekümmert, seine Karriere weiterverfolgt und jetzt auch noch eine Frau gefunden, die er liebte. Und das alles tat er mit einer Leichtigkeit, von der Helium nur träumen konnte.

Sie seufzte schwer, schloss die Augen und wusch sich die Haare mit Sams Shampoo. Sie war doch tatsächlich neidisch auf ihren Bruder!
Sie gönnte es ihm, glücklich zu sein. Sie gönnte ihm alles Glück der Welt, denn er hatte es verdient, es war nur … sie gönnte auch sich selbst alles Glück der Welt.

Aber dafür musst du auch etwas tun, Chloe, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Dafür musst du endlich weitermachen und aufhören, dumme Entscheidungen zu treffen.

Sie stellte das Wasser ab, stieg aus der Duschwanne und wickelte sich in ein Handtuch.

„Das werde ich“, sagte sie entschlossen und streckte den Rücken durch.

Dann blieb sie für einige Sekunden so stehen, blickte zu ihrem Kleid und in den Rest des Raumes.

Mist. Sie hatte vergessen, Sam nach Anziehsachen zu fragen. Typisch. Nach so einer mentalen Ankündigung hätte sie eigentlich einen schicken Hosenanzug vorfinden müssen, mit dem sie äußerst emanzipiert aus Sams Wohnung hätte gehen können, um ihr neues, erfolgreiches Leben zu beginnen.

Das war doch gerade ein einschneidender Moment der Selbsterkenntnis gewesen, warum ging denn kein Feuerwerk los? Zumindest sollte doch irgendwer klatschen!

Aber als auch nach zwei Minuten nichts passierte, ließ sie seufzend ihre Schultern wieder sinken, schnürte das Handtuch enger um ihre Achseln und lugte aus dem Bad.

Erst Anziehsachen, dann Planung der nächsten Schritte zu ihrem neuen, alten Ich!

„Sam?“, rief sie zaghaft.

Niemand antwortete.

Sie trippelte durch sein Schlafzimmer – wer hatte den Nerv, jeden Morgen sein Bett zu machen – zum Wohnzimmer und wollte gerade den Mund öffnen, um noch mal nach ihm zu rufen, als sie seine Stimme hörte.

Er klang aufgebracht. Und das hieß bei Sam schon etwas.

„… ist wie es ist! Er hat seine Entscheidungen getroffen, ich meine … und mit dem Endergebnis hätte er rechnen müssen! … Natürlich ist es mir nicht egal! Denkst du, mir ist es leichtgefallen?“

Chloe stieß sacht die Tür auf und blickte durch den Spalt. Sam stand mit dem Rücken zu ihr, die eine Hand im Nacken, die andere mit dem Telefon an seinem Ohr. Das Hemd spannte sich über seine breiten Schultern und seine Hand ballte sich nun zur Faust. Sam war nicht übertrieben muskulös. Nicht aufgepumpt. Einfach nur … ja … perfekt?

Wäre es nicht zu laut gewesen, hätte Chloe sich die Hand vor die Stirn geschlagen.

Abschließen! Sie wollte das Kapitel Sam abschließen!

„Mutter“, presste er hervor und Chloe konnte praktisch spüren, wie er sich zur Ruhe zwang. „Selbst wenn ich die Aussage zurücknehmen wollte, was ich nicht tue, würde das nichts an seiner Situation ändern … nein … nein …“ Er seufzte. „Nein. Es ist seine Schuld. Ich habe getan, was richtig war. Dafür werde ich mich nicht entschuldigen … okay. Bis dann.“

Sam legte auf und Chloe machte hastig einige Schritte von der Tür weg, falls er sich umdrehen sollte.

Das war … intensiv gewesen.

Welche Situation konnte sich nicht ändern?

Sie hörte Schritte, doch bevor er die Tür erreichen konnte, stieß sie sie auf.

Sam blieb stehen. Sein Blick glitt über den Saum des Handtuchs, den weißen Stoff hinauf bis zu ihren feuchten Haaren, die ihr über die Schultern hingen. Schließlich starrte er in ihr Gesicht.

„Probierst du modisch mal was Neues?“

Chloe kam sich auf einmal sehr nackt vor und Röte kroch ihren Hals hinauf. „Ich wollte mich nicht wieder in das eklige Kleid quetschen. Hast du vielleicht etwas, das ich anziehen kann?“

Er starrte sie an und sein Blick war so intensiv, dass Chloe vorsichtshalber noch einmal an sich hinabsah um sicherzugehen, dass das Handtuch nicht doch nach unten gerutscht war. Als sie wieder nach oben blickte, war der Ausdruck von Sams Gesicht verschwunden.

„Natürlich. Warte einen Moment“, sagte er und schob sich an ihr vorbei in sein Zimmer. Chloe wusste nicht, wie er das schaffte, aber er berührte sie dabei nicht. Dabei blockierte sie praktisch den gesamten Türrahmen.

Sekunden später kam er mit einer Jogginghose und einem Kapuzenpullover in den Armen zurück, was er ihr beides reichte.

„Hier. Macht es dir was aus, wenn ich auch duschen gehe?“

„Ähm, nein. Natürlich nicht.“

Er nickte und im nächsten Moment ging die Tür des Badezimmers hinter ihm zu.

Chloe starrte ihm nach und schüttelte den Kopf. Manchmal schien es fast so, als wäre sie nicht die Einzige, die ein Kapitel abzuschließen hatte.

Sie zog sich hastig um, damit Sam sie nicht nackt überraschen konnte, und schlenderte dann ins Wohnzimmer, wo sie sich auf die Couch setzte und in die Nacht hinaussah. Sie war erschöpft und müde. Sie hasste es, wenn sie müde war, denn das bedeutete, dass sie bald schlafen gehen musste. Sie rieb sich mit den Händen über die Augen und dann durch die feuchten Haare.

Sie fragte sich, ob es kindisch war, in den Sternenhimmel zu sehen und sich zu fragen, ob ihre Eltern noch immer irgendwo da waren.

Sie zog ihre Beine an und versank in dem Kapuzenpullover. Er roch nach Sam. Sie roch nach Sam.

Sie schloss die Augen. Es war schön, wieder ein Ziel im Leben zu haben. Einen Plan.

Ihr Kopf glitt nach hinten und ihr Atem wurde ruhiger …

Sie saß in einem Auto.

Sam lehnte die Stirn gegen die kalte Keramikwand und versuchte sich zusammenzureißen. Wie konnte immer noch etwas zwischen ihnen sein? Wie konnte er sich immer noch so zu ihr hingezogen fühlen? Wie machte sie das?

Im einem Moment hatte er sich mit seiner Mutter gestritten und im Nächsten war alles, woran er denken konnte, wie er Chloe dieses verdammte Handtuch vom Körper zog.

Sie war schlecht für ihn. Sie provozierte ihn, ohne dass sie es versuchte und sie provozierte ihn, während sie es versuchte! Sie war konzentriertes Chaos und das komplette Gegenteil von ihm. Vielleicht war es ja das, was ihn so faszinierte. Gegensätze zogen sich an. Obwohl er diese Redewendung nicht ganz passend fand, da sich Gegensätze doch bewiesenermaßen eher aus- als anzogen.

Das Problem von Gegensätzen war nur … dass sie so gegensätzlich waren. Das mochte sich als Aussage dumm anhören, aber es war die Wahrheit und mehr musste Sam nicht wissen.

Er stellte die Dusche noch ein wenig kälter, wusch sich seine Gedanken aus dem Kopf und zog sich dann ein T-Shirt und eine Jogginghose an. Es war nach elf und entgegen Chloes vermutlicher Ahnung trug er nicht zwölf Stunden am Tag einen Anzug und eine Krawatte. Es waren nur zehn.

Er fuhr sich mit Mittelfinger und Daumen über die Augenlider und wollte gerade wieder ins Wohnzimmer gehen, als sein Telefon erneut klingelte. Erleichtert drehte er sich noch einmal um und nahm das Handy vom Nachttisch. Dexters Name leuchtete auf und augenblicklich hatte er ein schlechtes Gewissen. Dabei hatte er überhaupt nichts getan – dreckige Gedanken mal außen vorgelassen.

„Ja?“

„Hey Sam, hast du Chloe nicht abgeholt? Sie ist nicht zu Hause und ich fange an, mir Sor…“

„Doch, ich habe sie abgeholt. Sie … ist bei mir.“

Einen kurzen Moment herrschte Stille, dann: „Was?“

Sam wunderte der verblüffte Tonfall nicht. Dex kannte sie beide nur als die Personen, die nicht allzu viel Zeit im selben Raum verbringen konnten.

Er kratzte mit dem Zeigefinger über seine mittlerweile raue Wange. „Ja, sie hatte sich ausgeschlossen und war klitschnass, ich habe ihr angeboten, mit zu mir zu kommen, bis du wieder zu Hause bist.“

„Oh, okay. Und das hat sie angenommen?“

„Ich habe sie überredet.“

„Mhm … bis du schwer verletzt?“

Er schnaubte. „Die Drama-Queen hat sie also von dir.“

Dex lachte leise. „Sie hat einen fiesen rechten Haken … aber andererseits hast du den auch.“

„Ja, nur würde ich niemals eine Frau schlagen. Und du bist keine Frau, Dex. Nur als Erinnerung.“

Sam ging ins Wohnzimmer, auf der Suche nach Chloe, und blieb vor der Couch stehen, während sein Freund weitersprach.

„Jaja. Leere Drohungen. Aber danke, Mann. Soll ich sie abholen?“

Sam starrte auf Chloe hinab. Die feuchten Haare, wie auch ihr Kinn, verschwanden in seinem Pullover, während ihr Brustkorb sich gleichmäßig hob und senkte. Sie hatte die Beine unter ihren Körper gezogen, sich an die Lehne der Couch gekuschelt und die Lippen leicht geöffnet. Ihr Gesicht war frei von Make-up, ihre Augen geschlossen.

„Sam? Bist du noch dran?“

Er blinzelte und wandte den Blick ab. „Ähm, ja. Sicher. Hol sie ab. Ich sag’ ihr Bescheid.“

„Alles klar, bis gleich.“

Sam ließ das Telefon sinken und starrte auf das Mädchen vor sich.

Nein, auf die Frau vor sich. Sie war längst kein Mädchen mehr. Ach Herrgott, er sollte der Letzte sein, der das vergaß!

Er ließ sich neben sie sinken und legte seinen Kopf auf die Lehne. Sie hatte gemeint, dass sie nicht befreundet sein konnten und er glaubte ihr. Er war im Allgemeinen nicht gut darin, ein Freund zu sein. Freunde erzählten sich private Dinge und Sam war schlichtweg der Meinung, dass sein Leben die anderen einen Dreck anging. Er redete eigentlich nur mit Dexter über Persönliches – und selbst der wusste nicht alles.

Sam konnte nicht sagen, wie lange er dalag, Chloe beim Atmen zuhörte. Lange genug, um sich aufzurichten, als ihre Atemzüge plötzlich kürzer, hektischer wurden.

Er blickte ihr ins Gesicht. Sie hatte die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepresst. Doch sie wachte nicht auf. Sie schlief noch.

Sie zuckte zusammen und er konnte sehen, wie sich ihre Fingernägel in die Ärmel seines Pullovers gruben. Und dann, ganz langsam, löste sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel.

Sams Brust zog sich zusammen und er lehnte sich über sie. „Chloe“, murmelte er. „Wach auf.“

Ihre Lippen zitterten.

„Chloe“, sagte er lauter und berührte sie an der Schulter. „Du träumst. Wach auf.“

Eine zweite Träne folgte der ersten und Sam wischte sie mit seinem Finger weg, ließ seine Hand auf ihrer Wange.

„Chloe …“

Keuchend fuhr sie hoch.

Schweiß glitzerte auf ihrer Stirn und sie atmete so hektisch, dass Sam Angst hatte, sie könne hyperventilieren.

Sie starrte ihn verwirrt an, so als frage sie sich, was er hier tat.

„Nichts passiert, Chloe“, flüsterte er und ließ seine Hand in ihren klammen Nacken wandern. „Du hast nur geträumt.“

„Ich … wo … was?“

Er konnte sie schlucken sehen, als sie die Augen schloss und versuchte, ihre hektischen Atemzüge zu regulieren.

„Du hast nur geträumt“, wiederholte er und strich ihr beruhigend über die feinen Härchen im Nacken. „Du hast geschlafen.“

Ein dritte und eine vierte Träne fielen ihre Wangen hinab und nun war sie selbst es, die sie fahrig wegstrich.

Sie nickte, presste ihre Augenlider aufeinander und nickte erneut. „Ich habe nur geschlafen. Ich bin bei dir zu Hause und … es war nur ein Traum. Ich … habe nur geschlafen. Es war nur ein Traum.“

Die Worte hörten sich an wie ein Mantra. Etwas, das sie einstudiert hatte.

Sam spürte ihren hastigen Puls unter seiner Hand schlagen, während sie sich in seine Berührung lehnte, ihre Schulter gegen seine presste.

„Ist alles in Ordnung?“

Sie nickte schluckend und öffnete die Augen. „Alles in Ordnung, du kannst mich jetzt … loslassen.“

Doch er ließ sie nicht los, denn sie log. Da war Panik in ihrem Blick, als er seine Hand bewegte. So als fürchte sie sich davor, seine Nähe zu verlieren.

„Wovon hast du geträumt, Chloe?“

Sie wich seinem Blick aus. „Von nichts. Ist schon in Ordnung.“

„Also vom Unfall.“

Ihre Lippen formten sich zu einer dünnen Linie. „Wieso fragst du, wenn du es weißt?“

„Es erschien mir die höflichere Variante.“

„Schön, Herr Höflich. Natürlich habe ich vom Unfall geträumt!“, presste sie hervor. „Wovon denn sonst?“

Verwirrt hob er die Augenbrauen. „Warum bist du denn jetzt wieder wütend auf mich?“

„Weil ich ganz offensichtlich nicht darüber reden will und du immer noch bei dem Thema bist.“

Okay, jetzt sollte er sie wohl doch loslassen.

Er zog seine Hand weg, doch sie ließ hastig den Kopf zur Seite sinken und drehte sich geschmeidig in seinen Arm, sodass ihre Seite sich nun an seine drängte.

„Noch nicht“, flüsterte sie so leise, dass er sie kaum verstand. „Bitte.“

Sam wusste nicht, ob sie gerade einfach nur Nähe brauchte oder seine Nähe – und wenn er ehrlich war, dann war es ihm auch egal.

Sie sah so verdammt verletzlich aus, dass er zu diesem Zeitpunkt alles tun würde, damit es ihr besser ging.

„Was genau passiert in dem Traum?“, murmelte er.

„Ich schwimme in einem Meer aus Marshmallows und Zuckerwatte, während Kinder auf einer Hüpfburg herumspringen.“

Er sagte nichts dazu, sah sie einfach nur an.

Chloe mochte es nicht wissen, aber manchmal brauchte sie niemanden, der ihr Konter gab, sondern einfach jemanden, der nichts weiter tat, als zuzuhören.

Ihr Mund öffnete sich leicht, schließlich flüsterte sie: „Ich bin im Auto. Ich sitze hinten. Mom und Dad streiten wegen irgendetwas. Darüber, wer der Verkorkstere von ihnen beiden ist. Sie reden, ich höre nicht richtig zu … und dann reden sie nicht mehr. Es wird still. Und dann laut. Und dann … sehe ich nichts mehr. Aber ich fühle noch, weißt du? Ich weiß, was passiert und fühle. Und das ist schlimmer als es zu sehen. Denn wenn ich es sehen würde, könnte ich vielleicht helfen. Wenn ich etwas erkennen würde, sähe ich vielleicht, wie …“

Sie hielt inne, atmete zitternd ein und zitternd wieder aus. „Aber es ist nur ein Traum. Ich kann nichts ändern. Selbst wenn ich etwas sehen würde.“

Sam nickte und ließ seinen Finger über ihren oberen Rücken kreisen.

„Du hättest nichts tun können.“

Sie schloss die Augen, bestätigte dies jedoch nicht.

„Ich habe mich so hilflos gefühlt. Es war so schnell vorbei und … all mein Selbstbewusstsein und meine vermeintliche Intelligenz haben mir nicht geholfen. Ich war … nutzlos. Und dieses Gefühl lässt mich nicht mehr los.“

„Redest du mit jemanden darüber?“, fragte er, als er spürte, wie sie ihren Kopf sachte, beinahe vorsichtig, auf seine Schulter sinken ließ. So, als befürchte sie, dass er sie wegschubste.

Die Geste wirkte genauso vertraut wie fremd.

„Möchtest du wissen, ob ich in psychologischer Behandlung bin, Sam?“

„Nein, aber du solltest deine Gedanken mit jemandem teilen. Reden. Über das, was passiert ist. Jemand anderem als mir.“

„Sam Parker, Schweigefuchs Nummer eins, empfiehlt mir zu reden?“

„Chloe. Du solltest mit jemandem sprechen“, wiederholte er behutsam.

„Worüber? Dass ich ein Trauma hatte und jetzt unter Albträumen leide? Ich glaube, das ist nicht besonders erwähnenswert. Das ist sogar relativ gewöhnlich.“

„Nichts an dir ist gewöhnlich, Chloe O’Connor. Du bist durch und durch sonderbar.“

Sie lachte leise und hob den Kopf an. Ihre grünen Augen glänzten nicht mehr vor Tränen. Sie schienen belustigt.

„Hast du mich gerade zum absolut unpassendsten Zeitpunkt, wenn ich weinend neben dir liege und meine traumatische, durchaus dramatische Vergangenheit gerade noch einmal durchlebt habe, als sonderbar beschimpft?“

Sein Mundwinkel zuckte. „Bezeichnet, nicht beschimpft. Wer sagt, dass ‚sonderbar‘ beleidigend ist?“

„Ich. Ersetze ‚sonder‘ durch ‚wunder‘ und wir können noch einmal miteinander reden.“

„Ich finde, dass Wort ‚wunderbar‘ wird zu inflationär benutzt. Es verliert an Bedeutung. Heute ist jedes zweite YouTube-Video und jede dritte dreckige Muschel vom Strand ‚wunderbar‘. Als ‚sonderbar‘ bezeichnet zu werden, ist somit von höherem Wert.“

„Du wolltest mich also nur aufwerten?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe lediglich Tatsachen ausgesprochen.“

Diesmal erreichte ihr Lachen ihre Augen.

„Danke, Sam“, flüsterte sie und er konnte spüren, wie ihre Finger über seine andere Hand strichen, die auf seinem Knie lag.

Absichtlich?

„Wofür?“

„Dafür, dass du mich abgelenkt hast. Und wahrscheinlich abstreiten wirst, dass du es mit Absicht getan hast.“

„Auf die Idee würde ich nie kommen. Ich habe vor, alle Lorbeeren einzuheimsen, die ich bekommen kann“, murmelte er und konnte nicht anders, als seinen Blick zu ihrem Mund wandern zu lassen. Ihre Lippen waren einfach zu nah an seinem Gesicht.

Was zum Teufel war nur los mit ihm!?

Sie war gerade in einer verletzlichen Situation. Er sollte an ihr Wohlbefinden und nicht seines denken, das zugegebenermaßen gerade in seiner Hose steckte. Und er hatte verdammt nochmal eine Freundin!

Chloe wurde still. Auffällig still. Sie starrte ihn an und jetzt konnte er ihre Hand auf seiner Brust spüren, wie sie vorsichtig, langsam zu seinem Hals wanderte. Ihre Pupillen vergrößerten sich, als er den Kopf nach unten …

Es klingelte an der Tür und sie schraken zusammen.

Chloes Hand fiel von seinem Hals und augenblicklich rutschte sie vom ihm weg. Er bildete sich ein, sie „Glück gehabt“ murmeln zu hören.

„Das wird Dexter sein“, stellte er fest und räusperte sich. „Er wollte dich abholen.“

Sie nickte, stand auf und wischte sich fahrig imaginäre Falten aus dem Pulli. „Okay. Danke.“

Sie sah ihn nicht an, lief zur Tür, griff sich die Handtasche von der Garderobe und schlüpfte in ihre High Heels. In der nächsten Sekunde war sie weg.

Sam starrte auf das Holz.

Eines war klar: Es gab ganz offensichtlich einen Bereich seines Lebens, den er nicht kontrollieren konnte.

Und das war sein Körper.

Daran würde er arbeiten müssen.

Fünf

„Erzähl doch mal, Sam. Was ist dein tiefster Wunsch? Dein größter Traum?“

„Fängst du Gespräche immer so leicht an?“, wollte er schmunzelnd wissen.

„Ja, ich finde, die Antwort auf diese Frage sagt sehr viel über einen Menschen aus.“

Er atmete lang aus, blinzelte in die Sonne, die über den Campus strahlte, und zuckte schließlich die Schultern.

„Ich schätze, ich … möchte unabhängig sein.“

„Ist das ein Euphemismus für reich?“

Er musste lachen. „Ja, vielleicht. Reich und erfolgreich.“

„Mhm“, sie hob eine Augenbraue, „ich weiß nicht, ob dich das zu einem besonders guten Menschen macht.“

„Mich interessiert nicht, zu was mich das macht. Es ist die Wahrheit.“

Sie blieb stehen und blickte ihn mit großen grünen Augen an.

„Du bist ein sehr interessanter Mensch, Sam Parker.“

Er wusste nicht, was das bedeuten sollte. Er konnte nur hoffen, dass es gut war.

„Was ist mit dir? Was ist dein tiefster Wunsch, Chloe O’Connor?“

Sie zuckte die Achseln. „Ich möchte glücklich werden.“

„Das ist alles?“

„Ja.“

„Und was würde dich glücklich machen?“

„Das …“, sie hielt inne und fing an zu lachen, „… weiß ich noch nicht. Aber das herauszufinden, ist doch das Beste am Leben, oder? Wo bliebe denn der Spaß, wenn ich es schon wüsste?“

„Im Leben geht es aber nicht immer nur um Spaß.“

„Aber natürlich tut es das.“

Sam schlug die Augen auf und starrte an die weiße Decke.

Das ging zu weit. Wer hatte Chloe O’Connor erlaubt, ihn bis in seine Träume zu verfolgen? Und dann nicht einmal in einen feuchten!

Stöhnend legte er sich den Unterarm über die Stirn und schloss wieder die Augen.

Da war noch etwas anderes. Eine andere Erinnerung, die sich in seinen Kopf drängte. Er sah Chloes Gesicht, doch ihr Lächeln war verschwunden.

Du brichst mir das Herz, Sam Parker.

Ruckartig richtete er sich im Bett auf.

Erst sein Körper und jetzt verlor er auch noch die Kontrolle über seine Gedanken? Scheiße, nein! So würde er sicherlich nicht den Tag beginnen! Er hatte eine tägliche Routine! Und Chloes verletzten Gesichtsausdruck vor sich zu sehen, würde bestimmt kein Teil davon werden.

Er stand um halb sechs auf, verbrachte eine Stunde auf dem Laufband in seinem Fitnessraum, duschte, frühstückte Haferkleie mit Joghurt und Früchten und brachte seinen Terminkalender auf Vordermann, bevor er aus dem Haus zur Arbeit ging.

Und genau das würde er tun.

Er hievte die Beine aus dem Bett und ging ins Bad, um die Toilette zu benutzen. Sein Blick fiel auf ein goldenes Paillettenkleid, das über einem Handtuchtrockner lag.

Ach, verdammt.

Chloes Gesichtsausdruck zu vergessen, könnte schwieriger werden als gedacht.

Drei Stunden später saß Sam hinter seinem Schreibtisch und verfluchte sein verdammt gutes Gedächtnis. Es war sechs Jahre her!

Er sollte sich mit anderen Dingen beschäftigen. Er hatte Pressemitteilungen zu schreiben, Spieler zu verhätscheln, Fotoshootings zu organisieren. Außerdem musste er für den Teambesitzer die jährliche Bilanz der Ticket- und Fanartikelverkäufe anfertigen. Der Medienmogul und Besitzer der Delphies, Clint Panther, war kein einfacher Mann und er hatte seine Statistiken lieber früh als spät auf seinem Schreibtisch liegen. Eigentlich lieber früher als früh.

Gerade als Sam damit beginnen wollte, die Zahlen der letzten Saison zusammenzufassen, klingelte sein Telefon.

„Ja?“

„Hey Sam, der Oberboss ist am Apparat und möchte dich sprechen. Soll ich ihn durchstellen?“

Wenn man vom Teufel sprach …

Sam lehnte sich in seinem Stuhl zurück und massierte sich den Nasenrücken. „Ja, stell ihn durch. Danke, Savannah.“

Savannah war neue PR-Beraterin und seine offizielle Assistentin. Sie besetzte das Büro nebenan und spielte nebenbei Sekretärin. Sie arbeitete zwar erst seit ein paar Monaten hier, aber bis jetzt war sie sehr gut in dem, was sie tat. Das war von Vorteil, denn Sam hatte absolut keine Geduld für Menschen, die in dem, wofür sie Geld bekamen, nicht brillierten.

Er wechselte die Seite, auf der er das Telefon hielt und betätigte den rot aufleuchtenden Knopf, der für die Leitung stand, die Savannah ihm gerade durchgestellt hatte.

„Sam Parker“, meldete er sich diesmal ein wenig offizieller.

„Parker, ich habe Neuigkeiten und eine Bitte.“

Clint Panther war kein Mann, der sich mit Nebensächlichkeiten wie einem Hallo aufhielt. Eine Panther-Minute war wahrscheinlich auch über hundert Dollar wert, da nahm Sam es ihm nicht übel.

„Ich habe entschieden, dass ich Ende des Jahres als Besitzer zurücktreten und das Amt meinem Sohn in die Hand drücken werde. Ich will nicht bis zu meinem Tod warten und dann vom Himmelstor aus zusehen, wie er ohne meine Leitung versagt, deswegen werde ich ihn nächstes Jahr einsetzen und ihm eine Zeit lang bei seiner Arbeit über die Schulter gucken.“

Sam hätte jetzt argumentieren können, dass der Medienhai sicherlich nicht in den Himmel kommen würde – nicht auf die Art und Weise, wie er effektiv, aber auch skrupellos sein Geld vermehrte – tat es aber nicht. Er mochte seinen Job.

Er räusperte sich. Das war eine ziemlich große Bombe.

„Welchem Sohn?“

Er hatte drei.

„Meinem ältesten natürlich! Cole hat sich die letzten Jahre darauf vorbereitet und mit meiner Anleitung wird er einen guten Ersatz abgeben.“

„Da bin ich sicher. Was für einen Gefallen kann ich Ihnen denn nun tun?“

„Ich will die Übergabe in einer großen Pressekonferenz Ende diesen Jahres, am besten direkt vor Silvester, bekanntgeben.“

„Wie wäre es mit dem Dreißigsten? Dann kann das Ganze noch Teil der medialen Jahresrückblicke werden.“

„Eine wunderbare Idee! Ich will die Nachricht in jeder Zeitung sehen und ich will, dass alles glatt verläuft. Dafür sind Sie mein Mann, Parker.“

Es dürfte nicht schwer sein, die Nachricht in jede Zeitung zu bringen. Der Medienansturm würde sich von ganz allein ergeben. Aber eine Teamübergabe medientechnisch glatt laufen zu lassen … Sam bekam Kopfschmerzen.

„Ich werde mein Bestes geben, Sir.“

„Dann hoffen wir, dass Ihr Bestes genug ist. Mein Sohn wird sich für Fotos und Weiteres noch mit Ihnen in Verbindung setzen und … Parker?“

„Ja?“

„Kein Tropfen dieser Informationen wird vor dem dreißigsten Dezember die Presse erreichen, haben wir uns verstanden?“

„Natürlich. Ich behalte das eben Besprochene für mich.“

„Gut. Sie haben die letzte Saison über gute Arbeit geleistet und ich vertraue darauf, dass das weiter so gut funktionieren wird. Ich hasse es, wenn ich mein Vertrauen an die falschen Menschen verschwende.“

Clint Panther verstand es, einen nicht unter Druck zu setzen.

„Das verstehe ich sehr gut, Sir. Ich habe selbst keine Geduld mit Menschen, die mein Vertrauen nicht verdienen.“

„Ja, so hatte ich Sie eingeschätzt. Die Berichte über die Verkaufszahlen der letzten Saison …“

„Liegen heute Abend auf Ihrem Schreibtisch.“

„Gut!“, bellte Panther und legte im gleichen Atemzug auf.

Sam ließ das Telefon zurück auf die Halterung sinken.

Mann, Mann, Mann.

Die Ankündigung würde die Spieler nervös machen. Das Team blieb zwar praktisch in der Familie, aber jeder Übergang zu einem neuen Teambesitzer ging mit Veränderungen einher. Auch wenn Clint Panther seinem Sohn noch eine Weile über die Schulter sah, würde Cole seine eigenen Entscheidungen treffen. Der zweiunddreißigjährige Anwalt war nicht gerade dafür bekannt, zimperlich zu sein.

Sam seufzte und rieb sich über die Stirn. Er hatte den ältesten Sohn des Mediengurus bisher dreimal getroffen und er mochte sympathisch sein, aber … er war eben ein Anwalt. Ein guter und berechnender noch dazu. Das respektierte Sam, er war selbst nicht anders, dennoch: Es würde Verkäufe geben, es würde Einkäufe geben und möglicherweise Streit mit dem Team-Manager und Coach des Teams.

Kein wünschenswerter Einstieg in das neue Jahr.

Wäre Sam eine Frau, hätte er jetzt wohl geweint.

Da er aber Sam war und sich nicht daran erinnern konnte, wann er das letzte Mal eine Träne vergossen hatte, stürzte er sich einfach wieder in die Arbeit. Denn darin war er am besten.

„Was meinst du damit, du hast schon wieder deinen Job verloren?“

Dex sah seine Schwester mit zusammengekniffenen Augen an und ließ seine Brötchenhälfte sinken.

Chloe verdrehte die Augen. Sie hatte es für die richtige Idee gehalten, das Pflaster einfach abzureißen, dennoch hätte sie ahnen sollen, dass Dex noch etwas in der Wunde herumstochern würde. „Dex, das ist wirklich keine Aussage, die man noch sonderlich analysieren müsste. Ich habe im Satz ‚Ich wurde gefeuert‘ keine geheime Botschaft versteckt. Er ist als das zu verstehen, was er ist: traurig, aber wahr.“

„Du bist doch erst seit ein paar Wochen dort!“, regte er sich weiter auf. „Was kannst du denn jetzt schon falsch gemacht haben?“

Das war eine gute Frage und auch Chloe konnte nicht verstehen, warum ein tätlicher Angriff auf einen Kunden sie für den Job als Kellnerin disqualifizierte.

Sie zuckte die Achseln und trank ihren Orangensaft leer. „Ich habe die Firmenpolitik wohl verletzt, ist aber auch egal! Es hat mir dort sowieso nicht gefallen.“

Kellnerin zu sein, war nichts für sie. Dort musste man zu viel mit Menschen agieren und wenn sie genauer darüber nachdachte, dann konnte sie Menschen eigentlich wirklich nicht allzu viel abgewinnen. Nein, sie blieb ihrer gestrigen Erkenntnis treu: Dies war ein Neuanfang.

Job finden, College beenden, eigene Wohnung suchen und glücklich werden. In genau dieser Reihenfolge.

Und sie konnte nicht umhin zu bemerken, dass Dexter auch glücklich zu machen nicht auf ihrem Plan stand. Sie sah also kein Problem darin, ihn heute einmal so richtig unglücklich zu machen.

Dexter hatte die Hände auf dem Tisch zusammengefaltet und schüttelte den Kopf. „Warum hast du gestern nichts gesagt?“

„Weil ich gestern keinen Nerv dazu hatte, mit dir zu reden. Heute habe ich wieder einen neuen, frischen Geduldsfaden, an dem du jetzt gerne zerren darfst.“

Ihr Bruder schnaubte und öffnete den Mund, sicherlich um diesen Faden direkt zu zerreißen, als eine Hand sich auf seinen Arm legte.

„Wenn es ihr dort nicht gefallen hat, dann macht es doch nichts, dass sie gefeuert wurde.“

Dexter schloss den Mund wieder und sah zu der Frau neben ihm.

Chloe seufzte. Seit er Kaylie hatte, war das mit dem Unglücklichmachen schwieriger geworden als zuvor.

„Warum bist du immer auf ihrer Seite?“

„Weil deine Seite wütend und manchmal falsch ist“, bemerkte seine Freundin lächelnd und küsste ihn. „Es ist Chloes Leben und du mischst dich schon wieder ein.“

Man konnte nicht anders als diese Frau zu mögen.

„Danke, Kaylie“, sagte Chloe nickend. „Du bist sehr weise und viel zu gut für meinen Bruder.“

„Ich weiß“, sagte sie ernst. „Aber er hat einen so schönen Körper.“

Dazu konnte Chloe nichts sagen. Sie verbrachte nicht allzu viel Zeit damit, über den Körper ihres Bruders zu sinnieren.

Dex brummte irgendetwas Unverständliches, gab Kaylie aber noch einen kurzen, abwesenden Kuss, bevor er sich wieder an Chloe wandte.

„Also wenn du wolltest, dann könntest du bestimmt auch bei den Delphies anheuern. Coach Thompson hatte da mal was angeboten.“

Sie nickte. „Wenn ich wollte, könnte ich auch meine Hand abhacken. Aber werde ich das tun?“

„Wenn du wieder versuchst zu kochen, dann ja.“

„Oh, apropos kochen!“ Das hätte Chloe beinahe vergessen. „Kannst du mir Ryans Telefonnummer geben?“

Dexter starrte sie an. „Ryan?“

„Ja, Ryan Hale. Dein Spielerkollege.“

„Ich weiß, wer Ryan Hale ist!“

„Kann ich ja nicht wissen, du sahst gerade nämlich sehr dümmlich aus.“

Dexters Hände ballten sich zu Fäusten und Kaylie legte eine Hand über ihre Augen und seufzte schwer anhand seiner nächsten Frage. „Warum willst du die Telefonnummer von Ryan Hale?“

„Kay meinte, er könne gut kochen und dass er mir vielleicht etwas Nachhilfe geben könnte.“

Es wurde einfach Zeit, dass sie es lernte. Sie wollte für sich selbst sorgen können und die Fähigkeit zu kochen ohne das Haus abzufackeln, gehörte da zwangsweise zu.

Ruckartig wandte Dexter den Kopf zu seiner Angebeteten. „Du hast was?“

„Sieh mich nicht so an, du Strüh! Er kann wirklich gut kochen!“

„Ich weiß, dass er kochen kann. Aber das soll er mal schön zu Hause machen. Allein!“

Chloe stützte ihre Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf schief. „Du weißt schon, dass Kochen kein Synonym für Sex ist, oder?“

„Ich habe bei dir manchmal das Gefühl, dass alles ein Synonym für Sex sein kann“, knurrte er.

Ja, schön. Er hatte nicht ganz unrecht. Sie hatte es das letzte Jahr ein wenig übertrieben. Aber das würde sich ja ändern. „Den Zug fahre ich nicht mehr“, versprach sie. „Ich lebe zurzeit im Zölibat.“
Dex verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Verdrossenheit. „Großer Gott.“

„Meine Güte, Dex! Ich kann dir nicht erzählen, wenn ich Sex habe und ich kann dir nicht erzählen, wenn ich keinen Sex habe. Es scheint fast so, als sollten wir überhaupt nicht miteinander reden.“

Sie wechselte einen Blick mit Kaylie, die ähnlich wie sie selbst Schwierigkeiten damit hatte, ihr Lachen zu unterdrücken.

„Ich will einfach nicht, dass du etwas mit einem der Spieler anfängst!“, presste er hervor. „Das bringt mich nämlich in eine echt unangenehme Situation.“

Chloe machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach Dex, du bist zu sensibel. Ich schlafe doch andauernd mit deinen Freunden und Kollegen. Mit Sam zum Beispiel war ich schon dreimal im Bett.“

Dex schnaubte und verdrehte die Augen. „Du bist wieder unglaublich witzig, Chloe.“

Ja, wenn man die Situation genauer betrachtete, dann war sie das.

„Schön, wenn du mir die Nummer nicht geben willst, macht das bestimmt Kaylie.“

„Klar“, antwortete die sofort.

Ungläubig sah Dexter sie an.

Sie hob beide Hände in die Höhe. „Hey, du liebst mich schon. Deine Schwester muss ich erst noch dazu bringen!“

Sie war definitiv auf dem richtigen Weg. „Super, danke!“, sagte Chloe. „Und auch danke hierfür.“ Sie deutete auf den gedeckten Tisch. „Ein richtiges Familienfrühstück! Hat Spaß gemacht. Aber ich muss jetzt auch los.“ Sie schob den Stuhl zurück.

„Wohin musst du los? Du hast keinen Job!“

„Ich tue geheime Dinge, Dex.“

„Was für geheime Dinge?“

„Wenn ich dir das sagen würde, wären sie nicht mehr geheim, oder?“, meinte Chloe augenverdrehend und schulterte ihre Tasche. „Aber ich kann dir versprechen, dass es nichts Unzüchtiges ist.“

„Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?“

Ach, es war so leicht, Dexter zu provozieren. So viel simpler als bei Sam.

„Genau das, was ich sage. Mensch, Dexter! Hast du nicht zugehört? Du brauchst meine Aussagen nicht zu analysieren. Ich bin da sehr deutlich.“

Sie hatte gleich einen Collegekurs, aber darüber würde sie kein Wort verlieren. Das selbstgerechte Grinsen auf dem Gesicht ihres Bruders würde sie nicht ertragen. Er erzählte ihr seit drei Jahren, dass sie endlich ihren Abschluss nachholen sollte. Natürlich hatte er recht! Sie bräuchte nur noch ein paar Kurse, dann wäre sie mit ihrem Bachelor fertig. Es wäre dumm, das College nicht zu beenden. Aber dass ihr das bewusst war, musste sie Dex ja nicht gleich auf die Nase binden.

„Ich bin heute Abend wieder da, Dex. Keine Sorge.“

Sie wandte sich zum Gehen, doch Kaylie berührte sie am Handgelenk. „Ach Chloe … mir fällt gerade ein: Ich glaube, Emma sucht eine Assistentin.“

Sie hielt inne. „Eine Assistentin?“

„Ja, für ihre Eventfirma. Wir gehen heute Abend mit den Mädels was trinken … willst du vielleicht einfach mitkommen und sie da selbst fragen?“

Chloe starrte sie an und ihre Kehle wurde eng, während ein warmes Gefühl sich in ihrer Brust ausbreitete. „Das wäre … super. Danke. Wenn die anderen nichts dagegen haben …“

„Ach, Blödsinn. Erzähl eine peinliche Geschichte über Dexter und du bist im Club.“

Chloe grinste. „Ich habe diverse Geschichten.“

„Hey!“, beschwerte sich Dex.

Kaylie lächelte breit und tätschelte Dex’ Schulter. „Sehr gut! Dann hole ich dich heute Abend einfach ab oder ist Bunny bis dahin wieder gesund?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht.“

Sie musste mit dem Bus zum College. Sie hasste den Bus. Dort war es eng, dreckig und laut – und Menschen gab es da auch. Aber der Mechaniker hatte gemeint, dass die Reparatur mindestens bis morgen früh dauern würde.

„Alles klar. Heute Abend um sieben.“

Chloe hatte den spontanen Drang, Kaylie zu umarmen. Sie hatte Freunde bitter nötig und mit Liv zusammen waren da jetzt schon zwei Frauen, die sie als Freund bezeichnen würde.

Aber sie ließ die Arme, wo sie waren.

„Danke“, sagte sie nur noch einmal. „Das wäre super!“

Sechs

„Wie läuft die Vorbereitung eurer Produktion?“

„Sehr gut. Alles geht zügig voran und ich werde nächste Woche wohl schon zum ersten Mal mit Kostüm proben können.“
„Das freut mich“, meinte Sam und sah auf seine Kalbsleber.

Er sehnte sich nach einem Burger. Das war eindeutig die bessere Variante, eine Kuh zu verwerten.

Heute war einer der seltenen Tage, an denen er im Büro nicht auch noch zu Abend aß. Aber da er Sadie gestern versetzt hatte, hielt er es für angemessen, ihr Date heute nachzuholen. Sie hatte überraschenderweise keine anderweitigen Verpflichtungen gehabt und zugesagt.

„Und bei dir? Ist es zurzeit sehr stressig auf der Arbeit?“ Sadies Stimme drückte kühles Mitgefühl aus.

„Ja, ich habe heute noch eine zusätzliche Aufgabe bekommen, um die ich mich kümmern muss, tut mir leid, dass es gestern nicht geklappt hat.“

Ihre Mundwinkel verzogen sich milde nach oben und ein Salatblatt verschwand zwischen ihren Zähnen. Sadie aß sehr wenig und wenn, dann war ihr Essen grün. Aber das war bei Balletttänzerinnen wohl üblich.

„Kein Problem“, sagte sie gelassen.

Sam lächelte und seine Schultern entspannten sich. Es war unglaublich einfach, mit Sadie zusammen zu sein. Kein Stress, keine Sorgen.

Und eine ihrer besten Eigenschaften: Sie erzeugte kein künstliches Drama.

„Oh Gott! Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott!“

„Du hast was?“

„Was zum Teufel!?“

„Leute, beruhigt euch und macht kein Drama draus.“ Michelle verdrehte die Augen. „Es hat sich nun einmal so ergeben.“

Chloe war eine Stunde hier und sie liebte die Mädelsgruppe bereits jetzt. Sie lebte für Drama! Denn Drama machte Spaß und wenn es im Leben nicht um Spaß ging, worum dann?

„Es hat sich so ergeben?“, wiederholte Emma ungläubig. „Ein Kinobesuch ergibt sich! Ein blauer Fleck ergibt sich! Ein Bankräuber ergibt sich – aber eine Spontanhochzeit ohne alle deine Freunde ergibt sich doch nicht einfach so!“

Grace und Kaylie nickten entgeistert und starrten auf den goldenen Ehering an Michelles Finger.

Chloe traute sich noch nicht zu starren. Dafür kannte sie die Frauen zu schlecht. Grace, ihr Gegenüber, war eine zierliche Fotografin und die Mitbewohnerin von Kaylie. Emma war die Frau von Luke, einem von Dexters Teammitgliedern, den sie schon öfter getroffen hatte, und aus Deutschland. Michelle war eine hübsche Latina, die Frau von Wesley, der Agent von Luke war … na, zumindest die Gruppenkonstellation untereinander kannte sie schon einmal. Zeit, sich in das Gespräch einzubringen.

„Ich finde es romantisch, dass sie einfach so durchgebrannt sind“, bemerkte Chloe und die Blicke verlagerten sich zu ihrem Gesicht. Sie wurde rot und ließ einen Pommes sinken. „Na ja, so würde ich es wahrscheinlich auch machen.“

„Großer Gott, das darf ich wirklich nicht deinem Bruder erzählen“, murmelte Kaylie kopfschüttelnd.

„Danke Chloe“, meinte Michelle lächelnd und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Seht ihr? Ich bin romantisch und nicht bösartig.“

„Was für eine billige Hochzeit war das denn dann bitte?“, fragte Grace und trank ihren Cocktail leer. „Wesley verdient unglaublich gut! Er hat Luke. Praktisch eine goldene Kuh.“

„Oh, die Umschreibung muss ich Luke schicken“, kicherte Emma und zog ihr Handy aus der Tasche.

„Es ging nicht um Geld!“, verteidigte sich Michelle. „Es ging darum, dass wir uns lieben und plötzlich nicht länger warten konnten. Da haben wir uns angesehen und gleichzeitig vorgeschlagen, dass wir einfach durchbrennen sollten … na ja, nicht ganz gleichzeitig. Okay, eigentlich war es meine Idee. Aber er war Feuer und Flamme … wenn ich es seiner Mutter verklickern würde. Was ich habe. Okay: werde. Ich werde es ihr verklickern.“

„So schön es ist deinem Selbstgespräch zu lauschen, Michelle“, wandte Kaylie ein, „wir haben uns alle auf deine Hochzeit gefreut.“

Man sah Michelle ihr schlechtes Gewissen deutlich an, aber sie zuckte nur die Schultern und nickte zu Chloe. „Können wir uns nicht lieber darauf konzentrieren, dass Chloe hier zwei ganze Burger verdrückt hat und nebenbei noch Emmas Pommes vernichtet?“

Chloe hob ihre Hände verteidigend in die Höhe. „Ich hatte Hunger! Ich habe seit zwei Stunden nichts mehr gegessen.“

Das College heute Morgen war auch wirklich anstrengend gewesen. Sie war es einfach nicht mehr gewöhnt, sich über lange Zeiträume hinweg zu konzentrieren. Sie brauchte Kohlenhydrate und Zucker, um das zu kompensieren.

„Luke sagt, er möchte wenigstens als goldener Stier bezeichnet werden, ist aber sonst einverstanden“, ging Emma lachend dazwischen und schob ihren Teller weiter zu Chloe hinüber. „Und du, Michelle: Ich bin total enttäuscht! Ich hätte eure Hochzeit doch auch geplant. Ich bin nicht so der Fan von Tüll und dem ganzen Kram, aber für dich hätte ich eine Ausnahme gemacht.“

„Ja, es tut mir ja auch leid, aber …“

„Aber was?“, fragten Grace, Kaylie und Emma unisono.

Die Latina seufzte schwer und stöhnte dann, bevor sie sich an Chloe wandte. „Chloe, du bist die Neue in der Gruppe. Du hast heute das Recht, ein Urteil zu fällen: Ist es unverzeihlich, dass ich spontan den Mann, den ich liebe, geheiratet habe, ohne jemandem Bescheid zu geben? Nicht einmal unseren Eltern?“

„Also, ich weiß wirklich nicht, ob man mir die Verantwortung für ein solches Urteil überlassen sollte“, bemerkte Chloe und kratzte sich am Kopf.

„Doch.“

„Doch, klar“, bestätigte Kaylie.

„Ist schon okay“, stimmten die anderen mit ein.

Alle starrten Chloe an.

„Ähm …“

Sie hatte das vage Gefühl, dass diese Situation für sie nur schlecht enden konnte.

„Also, na ja. Ich finde es romantisch, wie schon gesagt …“

Emma seufzte laut. „Schön. Wenn du glücklich bist, Michelle, dann sind wir auch glücklich. Wir wollen dir kein schlechtes Gewissen machen.“

Michelle wirkte erleichtert. „Danke! Und wenn es hilft: Ich werde natürlich noch eine fette Party schmeißen.“

„Das hilft“, bestätigte Kaylie. „Und hey! Auf die Party kann Grace dann ihren mysteriösen Freund mitbringen.“

Die Blondine lief rosa an. „Kann ich. Werde ich … er steht nicht so auf Menschenmassen.“

„Wie kann ich deine beste Freundin sein und fast nichts über ihn wissen?“, hakte Kaylie nach. „Ich weiß nur, dass er dich im Fotostudio angequatscht hat, bei dem du arbeitest.“

Grace räusperte sich. „Gearbeitet habe.“

„Was?“

„Ich habe gekündigt. Heute Morgen.“

„Was ist denn jetzt los?“, fragte Kaylie sichtlich verwirrt. „Ist heute Tag der großen Ankündigungen? Chloe, willst du vielleicht loswerden, dass du schwanger bist? Dann können wir Dexters spontanen Tod auch gleich auf die Liste der Überraschungen setzen.“

„Wo wir schon bei Ankündigungen sind …“, sagte Emma und Chloe war froh darum, dass sie nicht antworten musste. „Ich glaube, Luke wollte mir heute Morgen einen Antrag machen.“

„Was!?“ Michelle riss die Augen auf.

„Was heißt denn bitte wollte?“ Kaylie schien immer verwirrter.

Chloe lächelte in sich hinein. Das war besser als jede Soap-Opera.

Emma wiegte den Kopf hin und her. „Na ja, als ich aufgewacht bin, hat er auf meiner Seite des Bettes gekniet und mich angestarrt. Als ich gefragt habe, was er da tut, meinte er, er suche seinen Ohrring.“

Kaylie runzelte die Stirn. „Luke hat Ohrlöcher?“

Emma grinste. „Nein.“

„Oh. Hast du ihn darauf aufmerksam gemacht?“

„Oh ja, natürlich. Daraufhin meinte er, er suche meinen Ohrring. Ich würde den ja dauernd im Bett verlieren.“

Michelle lachte und hielt sich die Hand vor den Mund. „Und dann?“

„Ich habe ihm gesagt, dass er sich merkwürdig verhält und habe weitergeschlafen“, bemerkte Emma und zuckte die Achseln. „Vielleicht bekommt er es ja beim nächsten Mal hin.“

Kaylie rührte mit dem Strohhalm in ihrem Glas herum. „Warum hat er denn Probleme damit? Hat er etwa Angst davor, dass du Nein sagst?“

Emma lachte laut und legte den Kopf in den Nacken.

„Als würde ich Nein sagen! Er weiß genau, dass ich Ja sagen würde. Ich glaube eher, er hat Angst davor, dass mir der Ring nicht gefällt.“

Unglaublich. Heute Abend lernte Chloe wirklich eine ganz andere Dimension von Problemen kennen. Und es war schön, sich mal über belangloses Zeug Sorgen zu machen. An diesen Punkt wollte sie gelangen. An den Punkt, an dem sie sich nur noch darüber sorgen musste, ob ihr der Ring gefiel, den ihr Verlobter aussuchte.

„Wisst ihr, Dex hat schon einmal jemandem einen Antrag gemacht“, sagte sie in die zufriedene Stille hinein.

Kaylie rutschte der Strohhalm aus der Hand und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Nein. Hat er nicht.“

„Doch. Er war in der vierten Klasse, hat sich vor den Fernseher gehockt und Prinzessin Leia im goldenen Bikini darum gebeten, doch bitte seine Frau zu werden. Er würde sie auch jeden Tag mit Weintrauben füttern.“

Alle fingen gleichzeitig an, laut zu lachen.

„Oh Chloe“, sagte Michelle und drückte ihre Schulter. „Ich glaube, du bist Gold wert. Bitte sag mir, dass Dexter … ein peinliches Kuscheltier hatte!“

Chloe grinste breit. „Er hatte sogar zwei. Und das eine hat er mir geklaut! Er hat es nie zugegeben, aber ich habe ihn nachts einmal dabei erwischt, wie er mit ihm gekuschelt hat. Es war ein pinkfarbener Seehund und damals war er zehn – und er hieß eigentlich Neal the Seal, aber er hat ihn nur Cutie genannt.“

Emma verschluckte sich und schlug sich die Hand vor den Mund, um ihren Cocktail nicht aus der Nase zu husten.

Man konnte sehen, dass Kaylie sich dazu verpflichtet fühlte, im Namen ihres Freundes die Fassung zu bewahren. Sie gab aber nach zehn Sekunden auf und fing ebenfalls an zu lachen.

„Chloe, wenn Emma schon der Cocktail aus der Nase läuft, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um sie nach dem Job zu fragen.“

„Was für einen Job?“, hustete Emma, Tränen in den Augen. Ob vom Lachen oder dem Cocktail in ihrer Lunge, konnte man nicht sagen.

Chloe lief rot an und setzte sich automatisch aufrechter hin. „Ähm, Kaylie meinte, du suchst gerade eine Assistentin für deine Eventfirma? Ich kann … super assistieren!“

„Ach richtig, ich hatte noch gar keine Jobausschreibung geschaltet. Aber um die Weihnachtszeit kommen immer so viele Aufträge rein, dass ich gut Hilfe gebrauchen kann.“

„Nun, dann würde ich mich gerne für den Job bewerben“, sagte Chloe ernst.

Dies war das merkwürdigste Vorstellungsgespräch, das sie je gehabt hatte.

„Die Bezahlung ist nicht der Hammer“, sagte Emma und hustete noch einmal.

„Das ist in Ordnung. Hauptsache, ich werde überhaupt bezahlt.“

„Mhm. Kannst du telefonieren, Sachen schleppen und mit Leuten reden?“

„Reden ist meine Spezialität! Sozusagen meine angeborene Superkraft.“ Dass sie diese zurzeit eher fürs Böse und zum Provozieren benutzte, musste sie ja nicht sagen.

Ein breites Lächeln zog sich über Emmas Gesicht.

„Meine auch. Ich glaube, wir werden uns sehr gut verstehen.“ Sie reichte die Hand über den Tisch. „Kannst du Montag um neun bei meinem Büro sein?“

„Wo ist dein Büro?“, fragte Chloe, als sie die Hand ergriff.

„In unserer Wohnung. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir neue Räumlichkeiten zu suchen. Na ja, es sind ja auch erst fast fünf Monate. Kein Grund zur Eile. Ich schick’ dir die Adresse.“

„Dann bin ich um neun da.“

„Gut“, lächelte Emma. „Näheres besprechen wir dann. Mädels, noch einen Cocktail?“

Und schon hatte Chloe einen Job.

Sieben

Bunny war wieder fahrtüchtig und somit hatte Chloe keine Probleme, zu ihrem neuen Job zu fahren. Vier Stunden später war sie sich sicher, dass sie nie etwas Besseres hätte finden können.

Es machte Spaß, mit Emma zu arbeiten. Sie war locker und ließ immer, wenn ein Kunde sie aufregte, deutsche Wörter fallen, die sich allesamt böse anhörten. So, als wäre es okay, andere in einer fremden Sprache zu beleidigen. Andererseits könnte das, was Emma sagte, auch durchaus nett gemeint sein, da sich, Chloes Meinung nach, alles auf Deutsch gemein anhörte.

Den Vormittag verbrachte Emma größtenteils damit, ihr zu erklären, was ihre Aufgaben waren. Chloe war hauptsächlich dafür zuständig, das Telefon zu bedienen, Termine zu bestätigen und Bestellungen zu stornieren, aufzugeben oder zu checken, ob die Absprachen problemlos eingehalten und ausgeführt wurden. Und das machte ihr mehr Spaß als sie angenommen hatte.

„Danke, Chloe“, seufzte Emma, als sie um halb zwei zusammen in der Küche standen und Mittagspause machten. „Alle wollen irgendwelche Weihnachtsfeiern schmeißen und wenn man nicht alles zwei- und dreifach kontrolliert, tut sowieso keiner das, was man ihm aufgetragen hat! Das ist einfach nur unglaublich zeitaufwändig. Du bist mir da eine wirklich große Hilfe.“

Chloe lief rot an. „Nein, du bist diejenige, die mir einen Gefallen tut, Emma“, bemerkte sie. „Ich will endlich wieder ausziehen und dafür brauche ich Geld.“

„Kann Dexter dir nicht was geben? Baseballer haben so unglaublich viel Kohle. Ich bin jedes Mal, wenn ich mit Luke schlafe, kurz davor, es ihm in Rechnung zu stellen. Einfach, weil es sein Bankkonto sowieso nicht jucken würde.“

Sie lachte. „Dexter will nicht, dass ich ausziehe. Denn wenn ich nicht mehr bei ihm wohne, kann er mich nicht kontrollieren. Außerdem will ich mich nicht auf ihn verlassen müssen.“ Sie reckte ihr Kinn in die Höhe. „Sein Geld ist sein Geld und mein Geld ist mein Geld.“

Emma rührte Pesto in die Nudeln und nickte.

„Das kann ich sehr gut verstehen. Und Dex ist wirklich etwas … mhm … zu behütend, was dich angeht.“

Ja, Chloe wusste auch warum.

Sie hatte sich in den letzten drei Jahren wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie sich für fast ein Jahr praktisch komplett von der Außenwelt abgeschottet und das Jahr darauf getrunken und mit fremden Typen geschlafen. Dex hatte ihr mehr als einmal nachts aus der Patsche geholfen und sie letztendlich zu sich geholt, als ihr das Geld ausgegangen war.

Chloe war nicht stolz darauf, aber sie hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. Ja, sie war bei einer Psychologin gewesen, ja, die Zeit hatte angefangen die Wunden zu heilen, aber die Hilflosigkeit, die sie während des Unfalls verspürt hatte, war geblieben und … das Leben war ihr auf einmal so nichtig vorgekommen.

Das College war Zeitverschwendung.

Es ging doch darum, das Leben zu genießen, oder nicht? Weil es jede Sekunde vorbei sein konnte. Es war ein Segen und ein Fluch. Es hatte fast zwei Jahre gedauert, bis ihr klar geworden war, dass Feierngehen und von einer flüchtigen Beziehung in die nächste zu stolpern, nicht mit Genießen gleichzusetzen war.

„Er sorgt sich um mich“, seufzte sie. „Darin war er schon immer besonders gut. Aber er sieht nicht, dass es mir besser geht. Dass er seinen Beschützerinstinkt zurückschrauben muss, damit ich mein Leben wieder neu beginnen kann.“

Emma legte ihre Hand auf Chloes und drückte sie kurz.

„Es tut mir wirklich sehr leid, was mit euren Eltern passiert ist. Aber ich finde es toll, dass du es hinter dir lassen und dein Leben wieder neu ordnen willst. Und Dexters Sorgen kenne ich nur zu gut.“

Chloe hob eine Augenbraue. „Tatsächlich?“

„Ja, er hat sich Sorgen darum gemacht, dass ich mich in Luke verlieben könnte.“

Sie lächelte. „Na ja, die Sorge war dann ja wohl berechtigt.“

„Natürlich war sie das. Sieh dir Luke an! Aber Dex übersieht manchmal etwas Wichtiges.“

„Und was wäre das?“

„Dass er nicht weiß, was das Beste für den anderen ist. Meistens weiß man es eben doch selbst am besten. Und ich glaube, du bist da keine Ausnahme.“

Chloe lächelte ein wenig verkniffen. „Ganz schön tiefsinniges Gespräch für den ersten Arbeitstag.“

Emma zuckte die Achseln. „Ich finde, oberflächliche Gespräche werden überschätzt.“

 „Du bist ein sehr liebenswerter Strüh, Emma.“

Ihr Gegenüber lachte. „Oh, danke. Das kann ich nur so zurückgeben.“

Sie luden sich Nudeln mit Pesto auf die Teller und setzten sich an den Tresen der offenen Küche.

„Und was steht nach der Mittagspause an?“, wollte Chloe wissen.

„Der nächste Termin ist im Stadion.“

„Im Stadion? Warum?“

„Wir organisieren die Weihnachtsfeier der Delphies. Wir arbeiten da mit dem PR-Mann zusammen, der wirklich nicht auf Partys steht. Sam Parker? Kennst du … ach Quatsch, natürlich kennst du ihn. Er ist ja der beste Freund deines Bruders. Und er war ja auch beim Team-Picknick dabei. Man verliert hier allmählich den Überblick darüber, wer mit wem in welcher Beziehung steht.“

Emma redete weiter, doch Chloe hatte Schwierigkeiten damit, ihr zuzuhören. Sie war noch nicht bereit, Sam wiederzusehen.

Sie hätten sich beinahe geküsst.

Chloe machte sich nichts vor: Hätte es nicht geklingelt, hätten sie sich geküsst. Und sie beide wussten, was auf einen Kuss zwischen ihnen folgte.

Aber es war ein Geschäftstreffen. Sie würde mit Emma zusammen dort sein und Emma war ein hervorragender Puffer.

„Ich weiß nicht, was ihn so griesgrämig gemacht hat“, sagte Emma und Chloe versuchte, sich wieder auf ihr Gegenüber zu konzentrieren. „Aber es wirkt fast so, als sähe er Partys als eine Verschwendung seiner Zeit.“

„Mach dir nicht allzu viele Gedanken darüber“, meinte Chloe und verschlang eine weitere Gabel Nudeln. „Für Sam ist alles eine Verschwendung seiner Zeit. Das ist einfach seine Lebenseinstellung.“

„Oh. Kennst du ihn etwa gut?“

„Nein.“ Chloe schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich kenne ich ihn überhaupt nicht.“ Und das war die Wahrheit.

Sam war wie der Yeti. Es rankten sich Mythen und Legenden um ihn, aber wirklich wissen, was oder wer er war, tat keiner.

Das Delphies Stadion war ein imposantes Gebäude, das den direkt anliegenden Betonklotz, in dem sich die Räumlichkeiten der Verwaltung und das Clubhouse des Teams befanden, noch hässlicher aussehen ließ als er ohnehin schon war. Die Gänge, die sich durch das Innere schlängelten, waren nicht viel besser. Sie waren kahl, sauber und weiß.

Sam gefiel es hier bestimmt außerordentlich gut.

Was ihm jedoch nicht zu gefallen schien, war, dass Chloe zusammen mit Emma in sein Büro trat.

Als er Chloe sah, zogen sich seine Augenbrauen einige Millimeter tiefer in sein Gesicht, die Luft um ihn herum kühlte sich um mehrere Grad ab und seine grauen Augen wurden kurzzeitig schwarz.

Vielleicht hatte Chloe aber auch nur eine rege Fantasie.

Emma reichte ihm die Hand und gezwungenermaßen musste er auch ihr die Hand geben. Ein kürzerer und lockererer Handschlag hatte in der Geschichte der Menschheit wohl noch nicht stattgefunden.

„Hast du deine Firma vergrößert?“, wollte er wissen, den Blick sorgfältig auf Emma gerichtet.

„Ja, Chloe wird mir drei Tage die Woche aushelfen.“

Die anderen zwei hatte sie nämlich Kurse.

„Ihr kennt euch ja bereits, da verzichte ich darauf, euch noch einmal einander vorzustellen.“

Sam nickte steif und verschanzte sich wieder hinter seinem Schreibtisch, während sie beide sich ihm gegenüber niederließen und Chloe einen Block und einen Stift aus ihrer Tasche hervorfischte.

„Also, Sam“, sagte Emma und rückte ihren Stuhl nach vorne. „Versprichst du, heute kooperativ zu sein?“

„Ich bin immer kooperativ“, gab er knapp zurück.

„Okay, Sam: Versprichst du, nicht mehr zu lügen?“

Chloe musste lachen, tarnte das jedoch hinter einem Hüsteln. Nicht erfolgreich. Sams düsterer Blick galt jetzt ihr.

Ach, er konnte sie mal! Emma war lustig.

„Emma, sag mir was du willst und ich gebe mein Bestes, nicht so ein – ich zitiere dich hier – ‚Spielverderber‘ zu sein.“

Na, viel Glück dabei. Chloe war davon überzeugt, dass Sam bereits als Spielverderber aus dem Mutterleib spaziert war.

„Gut“, sagte Emma fröhlich. „Die Räumlichkeiten sind gebucht, um den Caterer kümmern wir uns heute Nachmittag und jetzt geht es noch um Bar und Einladungen, die spätestens diese Woche raus müssen.“

„Hört sich doch alles gut an. Dann können wir das Meeting ja beenden.“

„Sam, ich habe nicht einmal mit den näheren Erklärungen angefangen.“

Er seufzte und massierte sich den Nacken. „Das hatte ich befürchtet.“

„Also, soll es eine offene Bar geben? Das muss ich in die Budgetberechnung mit einbeziehen.“

„Natürlich muss es eine offene Bar geben“, bemerkte Sam verwirrt. „Wenn die Spieler anfangen müssen, für Alkohol zu bezahlen, wird es einen Aufstand geben.“

Chloes Mundwinkel zuckten, während sie sich Notizen machte. Manchmal war es sehr angenehm, einfach zu schweigen und nur zuzuhören.

„Gut, eine offene Bar wird es sein. Ich habe außerdem drei Mustereinladungen mitgebracht, von denen du eine aussuchen musst.“

Sie zog drei Bögen Papier aus ihrer Tasche und breitete sie vor Sam auf dem Tisch aus. „Sie sind alle drei im Stil der Zwanziger, weil das ja das Motto der Party sein wird.“

Sams Gesicht verzog sich und er sah so leidend aus, dass Chloe beinahe Mitleid mit ihm bekam.

Sein Blick flog über die Auswahl, bevor er einfach wahllos auf eine der Karten zeigte. „Nimm die.“

Emma und Chloe beugten sich vor und betrachteten das Papier, auf dem sein Finger lag.

„Meine Güte, ist die hässlich“, murmelte Chloe.

„Ja, oder?“, stimmte Emma zu und zog sie unter Sams Hand weg. „Die können wir unmöglich nehmen. Was hältst du von der Rechten?“

Chloe drehte die Einladung zu sich um. „Oh ja, die ist hübsch. Zu der Party würde ich gehen.“

Emma nickte. „Ja, ich glaube, die ist es. Die nehmen wir.“ Sie machte einen Haken auf die ausgewählte Einladung und stopfte sie zurück in ihre Handtasche.

Sam starrte sie an. „Ihr wisst schon, dass meine Anwesenheit hier vollkommen unnötig ist, oder? Meine Meinungen werden sowieso übergangen.“

„Nur, wenn deine Meinungen bescheuert sind“, rutschte es Chloe heraus.
Emma grinste. „Das habe ich auch schon gesagt.“

An Sam gewandt setzte sie hinzu: „Nimm es nicht persönlich, aber dein Geschmack ist furchtbar. Doch wir brauchen dich, damit du am Ende unterschreiben kannst, dass du alles abgesegnet hast.“

„Aber ich habe überhaupt nichts abgesegnet!“, rief er aufgebracht, die Hände erhoben.

„Nein, noch nicht“, bestätigte Emma. „Das machst du erst, wenn du deine Unterschrift drunter setzt. Also, machen wir weiter: Die Bar, was …“

Ihr Handy fing an zu klingeln. Seufzend zog sie es aus ihrer Handtasche und lugte auf das Display. Dann erhob sie sich aus ihrem Stuhl. „Das ist Luke. Ich geh’ wohl besser dran. Chloe, klärst du den Rest ab?“

„Welchen Rest?“

„Kitzel’ aus ihm heraus, welches Essen und welche Getränke es geben soll, damit wir der Catering-Frau gleich schon genauere Infos geben können. Die Feier ist schon in drei Wochen, wir sind spät dran.“

Chloe nickte und im nächsten Moment war sie mit Sam allein.

Sams negative Energie war nun komplett auf sie gerichtet. Damit konnte er sicherlich ein Atomkraftwerk antreiben.

„Ich hasse Party-Organisation“, murmelte er düster.

„Ja, das Signal sendest du laut und deutlich. Dabei dachte ich, du liebst deinen Job.“

„Tue ich. Aber doch nicht …“, er wedelte zu den Einladungen, die aus Emmas Tasche ragten, „wenn es um so was geht!“

„Was würdest du denn lieber tun?“

„Alles.“

Chloe verengte die Augen und bevor sie genauer darüber nachdenken konnte, fragte sie: „Zum Beispiel darüber reden, dass du mich beinahe geküsst hast?“

Sams Miene versteinerte und da war wieder der intensive Blick, bei dem sich Chloe jedes Mal so fühlte als würde Sam versuchen, ihre Gedanken aus ihr herauszupressen.

„Okay. Nicht alles“, sagte er schließlich trocken.

Wieso hatte sie das nur gesagt? Sie wollte doch selbst nicht darüber reden! Warum musste sie mit einem Ast nach dem Löwen werfen, nur um zu sehen, ob er sie zerfleischen würde? War sie lebensmüde?

Sie senkte den Blick auf ihre Notizen und räusperte sich. „Tut mir leid, das war unangebracht.“

„Es überrascht mich, dass dir noch auffällt, wenn etwas unangebracht ist.“

„Nur zu deiner Info: Dieser Kommentar gerade war auch unangebracht!“

„Von meiner kalten Persönlichkeit wird es erwartet, Leuten auf die Zehen zu treten. Von dir nicht.“

Sie klimperte mit den Wimpern. „Hast du mich gerade indirekt warmherzig genannt? Oh Sam! Mir kommen die Tränen.“

„Wenn du weinst, dann bitte nicht über meinem Schreibtisch. Der Geruch von deiner Dankbarkeit bleibt dann ewig dort hängen und ich glaube, das ist mehr, als ich ertragen kann … und eigentlich dachte ich, wir hätten uns darauf geeinigt, dass wir zivilisiert koexistieren können.“

Ja, das hatten sie. Aber Chloes Kopf und Herz hatten sich ja auch darauf geeinigt, dass das Kapitel Sam abgeschlossen war – und sieh mal einer an, was daraus geworden war.

„Schön, machen wir einfach weiter. Mit was für Getränken soll die Bar bestückt werden?“

„Keine Ahnung. Mit dem Üblichen, schätze ich.“

Chloe sah schnaubend auf. „Du musst da schon etwas spezifischer werden.“

Sam legte stöhnend den Kopf über die Rückenlehne seines Stuhls und starrte an die Decke.

„Bier und Champagner? Ich habe wirklich keine Ahnung von diesem Kram. Ich verlasse mich auf Emma. Sie wird wissen, wie viel von welchem Getränk geliefert werden sollte.“

„Und du hast keine spezifischen Wünsche?“, hakte Chloe weiter nach. „Irgendetwas, was die Jungs oder du besonders gerne trinken?“

Er zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Wie gesagt: Ich kenne mich wirklich nicht aus.“

„Mit Alkohol?“

„Ja, mit Alkohol.“

Was für eine sonderbare Aussage.

„Aber … was trinkst du denn zum Beispiel gerne?“

Sam hob seinen Kopf von der Lehne. „Ich trinke nicht.“

„Du trinkst nicht?“

„Nie.“

Sie blinzelte, wartete, dann überkam es sie: „Bist du … Alkoholiker?“

Er lachte leise. „Danke für die feinfühlige Frage … aber nein. Ich bin kein Alkoholiker. Es ist ganz einfach: Alkohol führt zu Dummheit, Dummheit zu Kontrollverlust … und das sind beides Dinge, die ich nicht wertzuschätzen weiß.“

„Welche Dinge weißt du dann wertzuschätzen?“, fragte Chloe. „Grüne Smoothies und Leinsamen?“

„Ja. Unter anderem. Schweigsame Frauen übrigens auch.“
„Sam?“

„Ja?“

„Warum trinkst du wirklich keinen Alkohol?“

Er seufzte schwer und ließ seine Handflächen auf den Tisch sinken.

„Mein Vater war Trinker und konnte im besoffenen Zustand seine Fäuste nicht mehr kontrollieren. Soll ich das elaborieren?“

Schockiert klappte Chloe die Kinnlade herunter.

„Du … was?“

„Mach kein Drama draus. Er ist tot. Es ist Schnee von gestern. Menschen haben gute und schlechte Seiten. Können wir weitermachen?“

Mach kein Drama draus?

„Das ist furchtbar, Sam!“

„Furchtbarer als seinen Eltern beim Sterben zuzusehen?“

Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals. Wer war hier jetzt feinfühlig?

„Ich …“ Chloe schluckte. „Ich habe ihnen nicht dabei zugesehen. Ich … sie waren schon tot und … ich bin bewusstlos geworden, bevor ich allzu viel mitbekommen habe.“ Aber sie hatte genug gesehen.

Sam schloss die Augen und kratzte sich das Kinn.

„Tut mir leid“, sagte er, bevor er langgezogen ausatmete. „Das war diesmal mehr als unangebracht von mir.“

„Ja. War es“, sagte sie und hasste sich dafür, dass ihre Stimme dünn klang.

Er behandelte den Tod ihrer Eltern wie eine Tatsache, die eben passiert war. So wie er seinen furchtbaren Vater offenbar als unglückliche Fügung betrachtete, mit der er sich schlichtweg arrangieren musste.

Sie räusperte sich.

„Und ich weiß nicht, wer von uns beiden das furchtbarere Los hatte. Ich habe mein Drama noch nie mit dem eines anderen verglichen.“

„Dann werden wir heute auch nicht damit anfangen.“

Sie starrte ihn weiter an.

„Hör auf, mich so anzusehen, Chloe!“, sagte er ungeduldig. „Es ist wirklich nicht so tragisch, wie es sich anhört. Wir sind zurechtgekommen.“

Es war nicht so tragisch? Sein Vater hatte ihn offensichtlich geschlagen! Ihn, seinen Bruder und seine Mutter.

Was war nur los mit ihm?

„Wie kannst du so kalt sein, Sam?“, fragte sie leise. „Wie kannst du so sachlich darüber reden?“

Sam betrachtete sie taxierend, bevor er leicht seine rechte Augenbraue hob. „Es ist vorbei. Es liegt hinter mir. Was brächte es mir, mich länger damit zu beschäftigen?“

Darauf hatte Chloe keine Antwort.

Sie senkte den Bick. „Warum hast du mir das gerade erzählt?“, fragte sie.

Sam schien nicht zu verstehen. Seine Fingerspitzen tippten unsicher auf den Schreibtisch.

Sie hob ihr Kinn.

Wette gewonnen.

„Warum nicht?“, wollte er wissen. „Ich mache kein Geheimnis daraus. Ich reibe es nicht jedem unter die Nase, aber wenn mich jemand danach fragt, warum sollte ich dann lügen?“

„Ich … keine Ahnung.“ Sie wusste es nicht. Sie war nur davon überzeugt, dass die meisten es getan hätten.

„Chloe“, seine Stimme war sanft geworden und seine Fingerspitzen berührten flüchtig die ihren. „Mir geht es gut. Es ist eine Ewigkeit her. Er ist seit über zehn Jahren tot. Ich habe damit abgeschlossen.“

Er belog sich selbst. Er mochte es nicht wissen, aber er hatte nicht damit abgeschlossen. So etwas schloss man nicht einfach ab. Es war Teil von einem. Würde immer ein Teil von einem bleiben.

„Weiß Dex es?“

Sams Kiefer knackte. „Dex weiß alles. Können wir einfach weiter über die Feier reden?“

„Ähm, natürlich …“ Sie blinzelte und strich sich die Haare aus der Stirn.

Er konnte unmöglich so abgebrüht sein.

Er konnte nicht so kalt und gleichzeitig so einfühlsam sein. Das ergab keinen Sinn. Was zum Teufel hielt er noch alles zurück?

Sie strich mit ihren Fingern sanft über seine Hand, ging an die Grenze von dem, was er zugelassen hätte und zog sie dann zurück in ihren Schoß.

„Essen. Willst du ein Menü oder ein Buffet?“

Zehn Minuten später trat sie aus dem Büro und atmete schwer durch. Sie hatte immer gewusst, dass Sams Kindheit hatte fürchterlich sein müssen. Dexter hatte ihr nie Genaueres erzählt, wahrscheinlich aus Respekt vor seinem Freund, aber es war durchgeklungen, dass Sam eher auf der untersten Seite des sinkenden Schiffs großgeworden war. Dabei schockierte sie nicht einmal, was er ihr erzählt hatte. Es schockierte sie, wie er es getan hatte. So, als würde es ihn nicht kümmern. So, als wäre seine Kindheit nur eine Kerbe im Spielbrett seines Lebens, die er schon längst abgeschliffen hatte. Und sie hatte immer geglaubt, sie allein hätte leiden müssen.

Sie holte ein letztes Mal tief Luft und wandte sich dann zu Emma, die an der gegenüberliegenden Wand lehnte und gerade ihr Telefon in ihre Hosentasche steckte und die Handtasche entgegennahm, die Chloe ihr reichte.

„Und, was wollte Luke?“

„Er hat gefragt, ob er heute bei uns mit den Jungs einen Pokerabend veranstalten kann.“

„Und?“

Emma verzog das Gesicht. „Tut mir leid.“

Verblüfft hob Chloe die Augenbrauen. „Was? Was tut dir leid?“

„Ich habe gesagt, dass ich heute Abend lieber meine Ruhe hätte, weil meine Schwester vorbeikommt … sie haben den Pokerabend jetzt wohl zu Dex verlegt.“

Chloe stöhnte auf.

Na super. Eine Horde Baseballspieler, die rauchten und tranken und laut waren.

Chloe musste wirklich endlich ausziehen. Oder sehr spät nach Hause kommen.

Acht

„Das ist gemein. Sam hat praktisch keine Gesichtsregungen. Wären wir in Hollywood, hätte ich gemutmaßt, dass er heute eine Botox-Behandlung hatte.“

„Hör auf zu heulen, Jake und spiel. Nur weil du die Gesichtskontrolle eines Säuglings hast, musst du nicht neidisch auf andere sein, die das Spiel beherrschen“, murmelte Luke.

Der junge Baseman warf seine Karten hin. „Ich bin raus. Und weißt du, was dein liebevoller Spitzname bei den Frauen der Delphies ist, Sam? Der Eisblock.“

Sam nickte abwesend und sah auf seine Karten.

„Gefällt mir. Ist sehr aussagekräftig. Besser als Schlampe, so wie sie dich nennen.“

„Kinder“, grinste Dex, „wir haben uns doch alle lieb.“

Jake antwortete irgendwas, doch Sam hörte nicht zu.
Warum hatte er es ihr erzählt? Warum hatte er nicht einfach den Mund gehalten?

Aber letztendlich war es so, wie er gesagt hatte. Er machte kein Geheimnis daraus. Wenn man etwas versteckte, maß man ihm mehr Bedeutung bei als es verdiente.

Trotzdem hatte er es nicht ertragen können. Das Mitgefühl in ihren Augen. Er brauchte kein Mitgefühl. Er wollte nicht durch die Emotionen in Chloes Augen daran erinnert werden, was er doch schon seit Ewigkeiten zurückgelassen hatte.

Wie kannst du so kalt sein, Sam?

Sam rutschte auf seinem Sitz herum.

Es störte ihn nicht, wenn Leute ihn als kalt erachteten.

Aber als Chloe diese Worte gesagt hatte, als ihre Lippen sich verzogen, die Mundwinkel sich nach unten gezogen hatten, hatte er es bis in die hinterste Ecke seines Herzens gespürt.

Ein scharfes, kleines Ziehen, das ihn wünschen ließ, sie hätte diesen Gedanken nie geformt. Ihn wünschen ließ, er wäre … jemand anderes.

„Also, Tyler ist heute beschäftigt, aber wo sind eigentlich Wes und Ray?“, meldete sich Ryan zu Wort, der mit dem Big Blind mitging. „Ich dachte, die wollten auch kommen.“

„Die stehen beide unter der Fuchtel ihrer Frau“, murmelte Luke, der seine Karten in die Mitte des Tisches zu denen von Jake warf.

Dexter lachte laut auf. „Das musst du gerade sagen.“

„Pack dir selbst an die Nase. Deine Freundin sitzt neben dir.“

„Halt die Fresse, Luke.“

„Sag mal, redet ihr immer so miteinander?“, wollte Kaylie wissen, die ihre Männergruppe heute ergänzte. Sam war nicht ganz klar warum, aber Dex hatte einen Laut von sich gegeben, der einen vor jeglichen Nachfragen warnte.

Dexter wandte sich zu ihr um. „Nein. Wir reißen uns extra für dich zusammen. Weil du doch so zart besaitet bist.“

Sie verdrehte die Augen, schob zwei Chips in die Mitte des Tisches und nahm einen Schluck von ihrem Bier. „Ich bin dabei und setzte einen feuchten Händedruck obendrauf, für jeden, der gegen Dex gewinnt.“

Dex fing leise an zu lachen und flüsterte ihr etwas ins Ohr, was sie zu einem Kichern verleitete.

 „Sag mal, Ryan“, fragte sie, als sie fertig damit war, an Sams Nerven zu zerren, „hat Chloe dich eigentlich schon angerufen?“

Sams Kopf schnellte hoch. Bitte was?

Der Catcher nickte, während er den Flop, die ersten drei Karten vom Stapel, aufdeckte. „Ja, hat sie. Wir treffen uns diese Woche.“

Bitte, was?

Dexter gab einen unbestimmten Laut von sich, hinter dem Sam sich gerne eingereiht hätte.

Ryans Grinsen wurde breiter. „Dexter, warum so nervös?“

„Ich schwöre dir, Hale …“

„Alter, du musst dir langsam wirklich mal was Neues einfallen lassen“, seufzte Jake. „Deine ‚Lasst-die-Finger-von-meiner-Schwester‘-Nummer wird allmählich alt. Versteh mich nicht falsch, ich steh’ auf deine Klassiker, aber manchmal muss man einfach einen neuen Hit landen.“

Sams Mundwinkel zuckte und er beruhigte sich wieder. Nicht, dass er das Recht hatte, beunruhigt zu sein, aber ganz abgesehen davon … Ryan würde sie nicht anfassen. Niemand war so blöd, mit Dex’ Schwester zu schlafen, wo der doch ausdrücklich gesagt hatte, dass er jeden umbringen würde, der das tat. Na ja, niemand außer ihm selbst. Er behielt es sich vor, ein dreifacher Volltrottel zu sein.

„Ich gebe ihr nur eine Kochstunde, O’Connor“, sagte Ryan fröhlich. „Ich finde es süß, dass sie es lernen will. So richtig süß.

Verdammt. Auf einmal traute Sam Ryan auch zu, ein absoluter Volltrottel zu sein und Dexters Warnung in den Wind zu schießen. Sam würde es sicher nicht laut sagen: Aber scheiße nochmal, es lohnte sich!

Chloe war …

Kein Thema, über das er allzu lange nachdenken sollte.

Was war nur los mit ihm? Er hatte es das letzte Jahr über doch auch hervorragend geschafft, sie aus seinen Gedanken zu schieben.

Okay, er hatte im letzten Jahr auch einfach absolut keine Zeit mit ihr verbracht.

„Ryan, fordere mich nicht unnötig heraus“, knurrte Dex.

„Ich bin ja der Meinung, dass eine Herausforderung nie unnötig ist, aber in Ordnung“, grinste Ryan und erhöhte um drei Spielchips. „Ich werde sie einfach zu mir einladen und …“

„Ihr kocht hier!“, unterbrach ihn Dex sofort und zum ersten Mal in seinem Leben war Sam erleichtert darüber, dass er so sensibel war, was Chloe anging.

Kaylie legte Dex eine Hand auf die Schulter und murmelte etwas. Dieser entspannte sich sichtlich, verzog einmal kurz das Gesicht und nickte dann.

„Spielen wir einfach weiter“, sagte er und klang fast nicht mehr gepresst dabei.

Sam war mit dem Vorschlag einverstanden. Er brauchte Ablenkung. Er wollte sich nicht fragen, wo Chloe gerade wohl steckte.

„Ich geh’ mit“, sagte er und schob seine Spielchips zu denen von Ryan.

Er mochte Poker und wenn es ihm erlaubt war, heute mal nicht ganz so bescheiden zu sein: Er war auch verdammt gut darin.

„Boah, bin ich froh, dass wir nicht um echtes Geld gespielt haben“, stellte Jake drei Stunden später fest. „Ich schwör’, irgendwann habe ich die Zahlen auf den Karten einfach nicht mehr erkannt.“

Was daran gelegen haben könnte, dass er betrunken war.

„Alter“, stöhnte Luke und legte seinen Kopf auf die Tischplatte, „so voll wie ich bin, kann ich nicht nach Hause gehen. Emma ist gemein zu mir, wenn ich zu viel trinke.“

Luke war ein schlechter Verlierer und je schlechter er abschnitt, desto mehr hatte er trinken müssen.

Kaylie, die unerwartet ehrgeizig gewesen war und Sam fast den Sieg gekostet hatte, starrte aus dem Fenster. „Niemand von euch sollte nach Hause gehen“, meinte sie und tätschelte Lukes Hinterkopf. „Es ist völlig zugeschneit. Aber ich kann Emma gerne ein Video machen.“

Was?

Sams Kopf fuhr herum.

Shit. Die Dachterrasse war komplett weiß und die Straßen würden nicht anders aussehen. Er konnte nur hoffen, dass sich das Wetter bis Ende der Woche legte. Er hatte sich Freitag extra den halben Tag frei genommen, damit er nach New York hochfahren konnte.

„Schlaft doch einfach hier“, schlug Kaylie vor. „Oder Dex? Du hast doch genug Platz.“

„Ein Sleepover“, sagte Jake trocken. „Wie nett. Ich wünschte, ich hätte heute Morgen meine schönen Boxershorts angezogen.“

Oh Mann. Sam wollte wirklich nicht hier schlafen. Er hasste alles, was ihn aus seiner Routine riss. Er sah noch einmal aus dem Fenster und seufzte. Die Straßen würden rutschig, wenn nicht sogar teilweise gesperrt sein. Philadelphia kam mit Schnee nicht sonderlich gut zurecht. Es war nach elf und der Schnee würde erst in den Morgenstunden geräumt werden.

Es lohnte sich nicht, seinen Kragen zu riskieren, nur weil er seiner Routine nachhängen wollte.

„Ich schlaf’ auf der Couch“, sagte er und stieß seinen Stuhl zurück.

„Warum meldest du dich freiwillig für die Couch?“, wollte Ryan stirnrunzelnd wissen.

Sam grinste. „Weil es nur zwei freie Betten gibt, wir aber zu viert sind und ich mit keinem von euch Clowns zusammen in einem schlafen will.“

„Ich kann mich ja in Chloes Bett legen“, schlug Ryan vor.

„Und damit hat es sich entschieden“, sagte Dex. „Ryan schläft mit Jake zusammen, Luke, du kriegst dein eigenes Zimmer.“

„Ey!“, beschwerte sich Jake sofort. „Warum krieg’ ich nicht mein eigenes Bett?“

„Weil du und Ryan noch Singles seid. Für Luke wäre es unschicklich, sich mit einem anderen Körper warmzuhalten“, sagte Kaylie, eine Hand unschuldig auf ihre Brust gelegt.

Jake sah sie düster an und Kaylie wuschelte ihm lachend durch die Haare. „Sei froh, dass Sam die Couch nimmt. Die ist wirklich nicht bequem.“

Sam verstand die Beziehung zwischen Jake und Kaylie nicht. Sie war eine Mischung aus Schwester, Mutter und guter Freundin für ihn. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass er je eine ähnliche Beziehung mit einer Frau gehabt hatte. Oder überhaupt eine Beziehung zu einer Frau, mit der er nicht schlief – seine Mutter mal außen vor gelassen. Frauen wollten immer reden. Das war es wohl größtenteils, was ihn davon abhielt, eine engere, nicht ausschließlich körperliche Bindung einzugehen.

Warum weibliche Wesen immer alles mit ihrer Umwelt teilen mussten, würde er in diesem Leben wohl nicht mehr herausfinden oder gar verstehen.

„Schön, dann schlaft halt alle hier“, brummte Dex übermäßig begeistert, bevor er sein Handy aus der Tasche zog und in den Flur ging. Sam wettete darauf, dass er Chloe anrief.

Sie fingen an, die Spielchips zusammenzuräumen und die Bierflaschen in den Kasten zurückzustellen und als Dex zurückkam, hatte er eine verdrießliche Miene aufgesetzt.

Er hatte eindeutig mit Chloe gesprochen.

„Hast du Chloe gesagt, dass sie heute nicht mehr fahren soll?“, wollte Kaylie wissen.

„Sie sagt, das würde schon klappen … Bunny sei ein Schneehase.“

Dexter zog eine Grimasse und Sam versteckte sein Lächeln hinter einem Glas Wasser, das er sich gerade eingefüllt hatte.

Bunny war ein Schneehase.

„Sie will wirklich heute noch mit dem Auto auf die Straße?“, fragte Kaylie besorgt.

Dexter seufzte schwer. „Nein, sie hat mich nur auf den Arm genommen. Sie ist in der Bar an der Ecke und kommt gleich zu Fuß.“

Sie war an der Bar an der Ecke? Allein? Das gefiel Sam nicht. Er kannte die Bar an der Ecke nicht, aber sie hörte sich schmierig und gefährlich an. Und obwohl Chloe nicht hilflos war, so war sie doch eine Frau und … heiß. Und heiße Frauen brachten Männer auf dumme Ideen.

„Soll ich ihr einen Zettel schreiben, dass sie zu mir ins Bett krabbeln kann, falls ihr kalt wird?“, wollte Ryan gespielt ernst wissen.

„Noch ein Wort, Hale, und ich ersticke dich heute Nacht im Schlaf“, sagte Dex, überhaupt nicht gespielt ernst.

Ja, Sam war sehr froh, dass Dexter keine Ahnung hatte.

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Die Liebe ist (k)ein Spiel (Liebe, Chick-Lit, Sports-Romance)