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Der Koffer der Madame B.

(Kurzgeschichte, Krimi)

von Maryanne Becker (Autor)

2016 13 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

 

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschriebung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

 

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

 

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über die Kurzgeschichte

Ein Koffer verschwindet. Madame B., seine Besitzerin, ist überzeugt, dass er gestohlen wurde. Wutentbrannt sucht sie Mittel und Wege, der unbekannten Diebin einen Denkzettel zu verpassen. In einer Spandauer Wohnung wird eine Leiche gefunden. Die Todesursache ist unklar, ebenso die Rolle des Koffers, der neben der Leiche lag …

Impressum

Originalausgabe Januar 2017


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Copyright © 2016


Ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Der Koffer der Madame B.


ISBN 978-3-96087-116-3

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design

Bildnachweis: olly/fotolia.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.


Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Der Koffer der Madame B.



Maryanne Becker

Bartolomea Barbay hatte ihren auf dem Heimflug aus dem Urlaub in Südamerika verloren gegangenen und gerade wieder aufgetauchten Koffer in Tegel abgeholt, und auf dem Rückweg einen Abstecher ins Fitness-Studio gemacht. Die knapp Dreißigjährige war seit Jahren im Bekanntenkreis als Madame B. bekannt, ihren unaussprechlichen Vornamen hatte sie bereits als Jugendliche abgelegt.

In der Umkleide packte sie den Koffer in den einen, ihre Kleidung und die Sporttasche in den anderen Schrank. Sie absolvierte eine halbe Stunde hartes Zirkeltraining, hüpfte und tanzte im Zumba-Kurs und entspannte sich anschließend im Wellness-Bereich.

Frisch geduscht, akkurat frisiert und geschminkt fühlte sie sich wie neugeboren. Zu Hause würde sie die lange und weit gereiste Schmutzwäsche in die Maschine werfen und den Tag bei einem Glas Wein ausklingen lassen. Mit der Sporttasche in der Hand öffnete sie den zweiten Schrank – und griff ins Leere. Ihr Koffer war schon wieder verschwunden! Hatte sie ihn womöglich in einen anderen Schrank gesperrt? Hektisch riss sie die nicht verschlossenen Schränke auf. Erfolglos! Das eilends herbeigerufene Personal zeigte sich hilfsbereit und öffnete sämtliche belegten Schränke: keine Spur von Madame B.s Koffer.

»Der wird schon wieder auftauchen«, versuchte die Angestellte sie zu beruhigen. »Wie sieht denn der Koffer aus?«

»So hoch«, Madame B. zeigte mit der flachen, braungebrannten Hand auf etwa sechzig Zentimeter Höhe. »Das ist ein besonderer Koffer, rosa gemustert, mit Rollen, von dieser Firma, die auch Rucksäcke und Mäppchen herstellt. Hundertzwanzig Euro hat der gekostet!«

Die Angestellte versprach, sofort anzurufen, wenn der Koffer sich eingefunden hätte. Bestimmt sei er einer Verwechslung zum Opfer gefallen.

Madame B. hatte keine Lust, der ihrer Meinung nach unbedarften Mitarbeiterin des Studios zum wiederholten Mal zu erklären, dass dieser Koffer schon wegen seines seltenen Designs unverwechselbar sei.

Der Koffer war weg, das war ärgerlich, zumal Madame B. auf der Rückreise schon so viel Lauferei dessentwegen gehabt hatte. An ihren schmutzigen, verschwitzten Klamotten würde niemand eine Freude haben. Und wem passten schon Konfektionsgröße 34 und BHs der Größe 75 mit E-Körbchen? Bei der Vorstellung, wie die Diebin den Koffer auspackte und ihre benutzten String Tangas herauszog, empfand sie so etwas wie Schadenfreude. Sie beschloss, den Diebstahl anzuzeigen, wenn sich der Koffer bis zum nächsten Tag nicht einfinden sollte. Vielleicht würde sogar die Reisegepäckversicherung eine Entschädigung zahlen?

***

Dass Ilse Krumm beliebt gewesen wäre, konnte niemand, der sie kannte sagen. Im Gegenteil, die Hausgemeinschaft empfand eine deutliche Abneigung gegen die Mieterin im vierten Stock. Dass sie vor geraumer Zeit einer jungen Familie die Vierzimmerwohnung abspenstig gemacht hatte, sei es durch Bestechung oder anderweitigem Entgegenkommen dem Hausverwalter gegenüber, hatte sich herumgesprochen. Die Familie mit den zwei kleinen Kindern musste mit zwei Zimmern im Quergebäude vorlieb nehmen. Wer ihr im Treppenhaus begegnete, musste sich von ihr zutexten lassen – es gab kein Entrinnen. Die Bewohner hatten schon überlegt, die Stunden der Abwesenheit dieser unangenehmen Person zu dokumentieren, um eine Begegnung zu vermeiden.

Wäre in jenem Frühsommer nicht so ein bestialischer Gestank durch die Ritzen der Krumm’schen Wohnungstür ins Treppenhaus geströmt, hätte sich niemand bemüßigt gefühlt, einen Gedanken an die Bewohnerin zu verschwenden.

***

Wie konnte jemand wagen, ihr Eigentum zu stehlen? Madame B., die sich vorgenommen hatte, gelassener zu werden und sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren, versuchte, die aufkeimende Wut zu unterdrücken und nüchtern an die Sache heranzugehen.

Sie hatte Glück: Auf der Polizeiwache in der Moritzstraße war wenig los. Ohne Wartezeit gelangte sie zu den zuständigen Beamten, um den Diebstahl anzuzeigen. »Entweder findet sich der Koffer samt Inhalt in den nächsten Tagen in einem Gebüsch – wer wird schon ihre verschmutzte Urlaubswäsche an sich nehmen? – oder er bleibt verschwunden«, meinte der Beamte. Was für ein dummes Geschwätz, dachte B. Sie betonte, dass es ihr vor allem um die Reisegepäckversicherung gehe, sie brauche die polizeiliche Anzeige, um den Verlust ersetzt zu bekommen. Der Beamte schüttelte stumm den Kopf. Madame B. ließ sich nicht beirren, der Polizist musste seinen Job machen, fand sie. Nachdem er den Vorgang langsam und bedächtig mit zwei Mittelfingern und einem Daumen in den Computer eingetippt und ihr eine Ausfertigung der Anzeige ausgehändigt hatte, wies er sie noch einmal darauf hin, dass ihre Aussagen unbedingt der Wahrheit entsprechen müssten, da es andernfalls großen Ärger geben könne. Dass ein Koffer voller Schmutzwäsche tagelang durch Südamerika geirrt sein sollte und ausgerechnet hier in Spandau aus einem verschlossenen Schrank des noblen Fitness-Studios entwendet worden sein sollte, erschien ihm wenig wahrscheinlich.

Madame B. klopfte entnervt mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. »Es liegt eine Straftat vor«, sie wollte sich nicht geschlagen geben. »Wollen Sie denn nicht tätig werden?«

»Was meinen Sie?«, fragte der Beamte entnervt.

Autor

  • Maryanne Becker (Autor)

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Titel: Der Koffer der Madame B.