Lade Inhalt...

Brathering Interruptus

Über den alltäglichen Wahnsinn, Zwischenmenschliches, die Ungereimtheiten des Lebens und Brathering natürlich (Lad Lit, Humor, Liebe)

von Mika Karhu (Autor)

2017 319 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Drei Wochen Thailand mit Cocktails, Schirmchen, Strand und Meer – das war der Plan! Stattdessen verbringt Sebastian den Sommerurlaub in seinen uralten Lieblingsshorts auf der Terrasse. Er schimpft über den viel zu kleinen Pool, stört sich an der Bademode seiner geliebten Christina und wird beim Versuch, intim mit ihr zu werden auch noch von ihrem Bruder gestört, der sich für ein paar Tage bei den beiden einquartiert.

Aber schlimmer geht immer, denn nur einen Tag später steht Christinas kleine Schwester Anna vor der Tür. Sebastian kann sie nicht leiden und das beruht auf Gegenseitigkeit. Dennoch lässt er sie herein und im Laufe des Tages kommen sich die beiden näher, als moralisch akzeptabel ist. Damit ist sein ruhiges Leben vorbei und er stolpert, begleitet von wahnwitzigen Zufällen, kleinen und großen Tragödien und flankiert von den Ungereimtheiten des Lebens durch seinen Alltag.

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Neuausgabe März 2017

Copyright © Erstausgabe 2016, Mika Karhu
Copyright © 2017 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-155-2

Taschenbuch ISBN: 978-3-839189-26-9

Covergestaltung: ARTC.ORE Christine Peulecke
unter Verwendung eines Motivs von
© Aljna/Shutterstock

Lektorat: Janina Klinck

Dies ist eine völlig neu überarbeitete Ausgabe des bereits 2016 erschienen E-Book-Titels Brathering interruptus.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

Mein erstes Buch.
Wie konnte das passieren …

Als ich im Sommer 2015 angefangen habe, am Brathering zu schreiben, wusste ich ehrlich gesagt noch nicht einmal, was es wird. Ein paar aufgeschriebene Gedankenfetzen, eine weitere Kurzgeschichte oder doch mehr?

Irgendwann fand ich Gefallen an den Akteuren, schrieb weiter. Schnell waren es 100 Seiten und ich merkte, dass ich nicht aufhören wollte.

So viele Ideen, Erinnerungen und Anekdoten kamen mir in den Sinn, schienen brauchbar, mussten genutzt werden.

Leider fand sich niemand, der mir sagte, dass ich es lassen, um Gotteswillen kein Buch schreiben soll.

Schon war ich bei Seite 200 und wusste nicht, wie aufhören, wie einen guten Abschluss finden?

Nach weit über 350 Seiten beendete ich das Schreiben, löschte, korrigierte und korrigierte erneut und löschte wieder.

Was übrig geblieben ist, haltet ihr in der Hand.

Ich wünsche Euch eine tolle Zeit mit diesem Buch.

Euer Mika Karhu

P S: Rypeli rules!

Innentitel

VON KIFFENDEN RATTEN

Das Thermometer auf der Terrasse stand bei kuscheligen 35°C und es ging kein Lüftchen. Ich schlürfte an einem halben Liter kühlem Bier, während meine bessere Hälfte sich einen selbstgemixten Cocktail gönnte. Die Zubereitungszeit dieses sehr obstlastigen und blasphemischerweise alkoholfreien Getränks dauerte meinem Gefühl nach länger, als es die Dinosaurier auf unserem schönen Planeten ausgehalten hatten, aber das spielt hier keine Rolle.

Als Abkühlung diente uns ein Pool im Garten, der zwar nicht besonders groß, aber für gelegentliche Erfrischungen vollkommen ausreichend war. Selbstverständlich hätten wir uns auch ein riesengroßes Planschbecken in den Garten stellen können. Eines von der Sorte, das die Nachbarn neidisch erzittern ließ. Hätten wir können!

Wenn einem eine solche Anschaffung aber erst in den Sinn kommt, nachdem es zwei Wochen lang gefühlte 60°C heiß ist, ziehen die Preise – dem Kapitalismus sei Dank – natürlich an. Ende des vergangenen Sommers, als unser alter Pool sein Dasein beim Abbau beendete, hatte ich noch groß getönt: „Christina, Schatz! Den neuen Pool kauf ich im Winter! Da ist es günstiger. Das wird ein ganz großer!“

Allerdings hatte ich weder im Winter noch im Frühling und auch nicht im Frühsommer irgendeinen Gedanken an den neuen Pool verschwendet. Als es, wie gesagt, heiß wurde, bezahlte ich zähneknirschend den dreifachen Preis für ein Drittel der Größe. Karl Marx hatte recht!

Okay, normale Menschen fuhren im Sommer auch in den Urlaub und fristeten ihr Dasein nicht auf der Terrasse. Wollten wir ja genauso machen, hatten geplant all-inclusive nach Thailand zu fliegen. Drei Wochen Cocktails mit Schirmchen, Strand und Meer. Da habe ich bei der Buchung im vergangenen Herbst mal ganz spendabel nicht auf den Euro geschaut, und Christina ist regelrecht schwindelig geworden, als die Kreditkartenabrechnung im Briefkasten lag.

Aber es kam wie gesagt anders. Christinas Arbeitskollegin hatte sich ein paar Tage vor unserem Reiseantritt – beim Versuch, den nahegelegenen Kletter- und Erlebniswald ohne Sicherungsseil zu durchpflügen – einige Knochen verrenkt und war daraufhin zur weiteren Verwertung ins Krankenhaus gebracht worden. Christina durfte dann für „Kletterwaldmonika“, wie ich sie seitdem nenne, die Klienten der darauffolgenden Woche übernehmen. Nachdem der Ärger sich gelegt hatte, schlug ich vor, die restlichen zwei Wochen einfach zu Hause zu verbringen.

Die Hitze hatte, sofern man männlich war und so wie ich auf der Terrasse vor sich hin vegetierte, einen Vorteil: Die zehn Jahre alten Lieblingsshorts reichten als Bekleidung vollkommen aus! Christina sah das natürlich anders und war stets korrekt, wenn auch leicht, bekleidet. Die einzige Ausnahme stellten ihre Besuche im Pool dar, bei denen ich sie im Badeanzug bewundern durfte.

„Warum trägst du eigentlich keinen Bikini, Schatz?“, schlug ich – natürlich vollkommen uneigennützig – vor, als Christina sich mit einem Handtuch bewaffnet zum Schwimmbecken begab. Sie tippte sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. Ihr neuer vielfarbiger Badeanzug, der jedes Chamäleon in einen Burnout getrieben hätte, tat sich ein wenig schwer damit, ihren üppigen Busen zu verbergen. Ferner versuchte ihr hübscher Hintern permanent, den Stoff, der eigentlich über ihren Pobacken hätte liegen sollen, aufzufressen. Aber das konnte ja um Gotteswillen niiieeemals damit zusammenhängen, dass er eventuell doch eine Nummer zu klein war. Aber Hauptsache 50 % Nachlass im Outlet!

Nach ihrem Ausflug in den Pool, bei dem sie streng darauf achtete, dass ihre Haare nicht nass wurden, legte sie sich auf eine Sonnenliege und döste vor sich hin. Ich holte mir ein neues Bier und setzte mich wieder auf einen der von ihr vor kurzem erworbenen „Designer-Terrassensessel mit stufenlos klappbarer Lehne und farblich wunderbar passenden Kissen“. Sonderangebot bei QVC, war ja klar!

Die Sessel hatten, vier Stück an der Zahl, so viel gekostet wie mein Satz Alufelgen im letzten Frühling. Hatte Christina noch die Hölle heraufbeschworen, als sie die vier Pakete in die Garage hatte schleppen müssen, weil ich nicht da war, wurde Kritik an den besagten Sitzgelegenheiten – ratet mal, wer sie zusammenbauen durfte – mit giftigem Blick im Keim erstickt. Noch heute klingelt es mir in den Ohren, dass die Standardfelgen doch auch ausgereicht hätten. Ich hätte sie natürlich genau jetzt mit dem dezenten Hinweis darauf, dass Plastikstapelstühle auf einer Terrasse auch ausreichten, an ihr Gemaule von damals erinnern können, verwarf den Gedanken aber sogleich. Ich hatte eine bessere Idee!

„Schatz!?“, flüsterte ich.

Keine Reaktion.

„Schaaatz!?“, sagte ich etwas lauter, und sie nahm die Sonnenbrille ab und sah mich genervt an.

„Sebastian, was ist denn?“, fragte sie, und mir war klar, dass das der vollkommen falsche Moment für meine Eingebung war – aber egal.

„Sex?“

Christina richtete sich auf und schaute mich ungläubig an. „Wie bitte?“

„Sex!“, wiederholte ich dümmlich grinsend.

„Du spinnst doch!“, sagte sie, nahm ein Buch und legte sich wieder hin.

Wenn es darum ging, am Sonntagnachmittag ins Museum zu gehen oder anderweitig kulturelle Einrichtungen zu besuchen, war meine Spontaneität vorausgesetzt. Versuchte ich aber, in einem Anflug von Selbstaufopferung, unsere Spezies nicht aussterben zu lassen, war das falsch.

Ich musste es offenbar anders anstellen. Nach einem großen Schluck Bier und einem liebevoll gehauchten Rülpser, stand ich auf und schlich, ohne Christina aus den Augen zu lassen, mit einem vagen Plan zum Pool. Sie reagierte nicht auf mich, war in ihr Buch vertieft und grinste amüsiert vor sich hin. Ich hielt kurz inne und schaute auf das Cover, welches ein Erdmännchen zeigte, das mit weit aufgerissenen Augen in einem Wanderschuh saß. Kackte das Vieh etwa da rein? Wer dachte sich so ein Cover aus? Was war das für ein Buch?

Auf dem Rückweg vom Pool peilte ich Christina an, stellte mich hinter sie und begann sanft ihren Nacken zu massieren.

„Das funktioniert so auch nicht!“, sagte sie grinsend, ließ mich aber gewähren. Schon hatte ich meine Lippen an ihrem Hals und damit den Hamster fast im Laufrad. Das Massieren ließ ich bald in ein Streicheln übergehen, welches sich aus dem Schulterbereich entfernte und ihr Dekolleté anstrebte. Langsam ließ sie das Buch mit dem drogensüchtigen Nager sinken und gab sich meiner erprobten Behandlung hin. Jetzt, da sich meine prämierten Künstlerhände ihren Brüsten näherten, war auch zu erkennen, dass es ihr gefiel, denn kalt war es definitiv nicht.

Mit einem geseufzten „Mhhh“ drehte sie ihren Kopf zu mir, lächelte mich an und flüsterte: „Wie schaffst du das nur immer?“

Übung Mädchen, jahrelange Übung! Denn ganz ehrlich, wenn ich immer warten würde, bis du mal Lust hast …, lag es mir auf der Zunge, aber stattdessen flüsterte ich ihr: „Genieß es einfach“, ins Ohr.

Schon hatte sie sich aufgerichtet und ihren Du-hast-mich-fast-soweit-Blick aufgelegt, da klingelte es an der Tür.

ARSCHKACKSAUDRECKMISTSCHEISSE!, dröhnte es durch meine Hirnwindungen und ich zischte gendergerecht: „Ich werde ihn/es/sie/Genderx töten!“

Während Christina sich ihr Kleid anzog und ins Haus ging, suchte ich nach etwas, an dem ich meine Wut abreagieren konnte. Da lernte das Erdmännchen fliegen.

Ein paar Minuten später erschien Christina mit einem jungen Mann auf der Terrasse, der weder nach der Deutschen Post noch nach den Zeugen Jehovas aussah – und Bofrost hatte andere Mützen.

Als ich missgelaunt näher kam, erkannte ich Christinas kleinen Bruder Markus, der mich freundlich grüßte und von mir ein: ARSCHLOCH! Ich wollte Sex mit meiner Madame und ich hatte sie fast soweit. Raus aus meinem Haus und komm nie wieder hierher! Ich verfluche dich und alle deine Nachkommen!, verdient gehabt hätte. Doch ich schluckte meinen Ärger hinunter, grüßte zurück und fragte, ob Interesse am gemeinsamen Genuss eines kühlen Bieres bestand.

Während Markus und ich uns der Gerstenkaltschale hingaben, informierte mich Christina darüber, dass Markus ein paar Nächte bei uns pennen würde, da er sein Klassentreffen habe, aber ja nicht mehr hier in der Gegend wohnen würde, und dass sie mir das schon am Vortag hatte sagen wollen, es aber vergessen hätte. Außerdem würde sie am kommenden Tag mit ihrer besten Freundin Franziska in ein Outlet fahren und das hätte sie mir auch vergessen zu sagen – oder doch nicht?

Aus meinen Ohren schien Blut zu fließen. Ich steckte die Finger hinein, um es zu überprüfen.

Christina stoppte ihren Redeschwall und fragte, was ich da täte. „Ich säubere meine Ohren“, sagte ich mit argloser Miene.

„Du bist ekelig!“, tadelte sie mich, drehte sich um und ging ins Haus.

Der restliche Nachmittag verlief wie folgt.

Markus und ich: Bier.

Christina: sauer.

Markus und ich: noch mehr Bier.

Christina: weigert sich zu kochen.

Markus und ich: bestellen Pizza.

Christina: isst provokativ Salat. (Mein Angebot, ihr ein paar meiner Sardellen als Deko für ihr Gemüse abzugeben quittiert sie mit einem bösen Blick.)

Christina:  bietet Sex an, wenn ich das Trinken einstelle.

Ich: zu betrunken.

Christina: verschwindet gruß- und kusslos im Bett.

Ich und Markus:  trinken noch ein paar Bier. 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Christina schon auf dem 100.000-Kilometer-Trip in ihr geliebtes Fashion-Outlet, und ich bewunderte, nachdem ich die Decke zurückgeschlagen hatte, respektvoll meine Morgenpracht …

Moment, da war doch noch was! Eine lustige Begebenheit des vergangenen Abends ist hier noch mitteilenswert. Während Markus und ich die Pizza inhaliert hatten, fragte Christina mich, ob ich ihr Buch gesehen hätte. Ich hatte mich mit unschuldigem Gesichtsausdruck am Kopf gekratzt, und sie war präziser geworden: „Das von heute Nachmittag aus dem Garten, von Tommy Jaud!?“

„Das mit der zugekifften Ratte? Nö!“, hatte ich gelogen und mit den Schultern gezuckt.

Aber wieder zurück zum von einem geschmeidigen Kater begleiteten Aufwachen. Vor der Espressomaschine lag ein Zettel von Christina, der mir mitteilte, dass ich vor 20:00 Uhr nicht mit ihr rechnen sollte. Salat und Hähnchenbrust seien im Kühlschrank, alternativ Pizza im Tiefkühler. Darunter stand: Ich finde es nicht schön, wenn du so viel trinkst. Wir sollten darüber reden. Bussi Christina. Daneben der Versuch eines Smileys.

Nachdem ich mir zwei Kaffee und eine Kopfschmerztablette in den Hals geworfen hatte, begutachtete ich das Haus und gab mich meinem Putzfimmel hin. Markus beschäftigte sich derweil damit, im Bett des Gästezimmers ein Sägewerk zu eröffnen, und schien sehr erfolgreich.

Ich putzte mich voller Elan durch das Haus. Im Schlafzimmer angekommen, dachte ich sehnsüchtig an Christina und grinste bei dem Gedanken daran, was wir hier schon so alles miteinander angestellt hatten.

Ich ließ meinen Blick durch das Zimmer streifen und entdeckte neben ihrem Schuhschrank eine Reisetasche, auf der ein Zettel mit dem Vermerk „aussortiert“ klebte. Neugierig öffnete ich die Tasche. Neben zwei Sommerkleidern, ein paar Freizeithosen, einem Jeansrock, einer Jacke und ein paar T-Shirts, blitzten mich verschiedene sexy Unterwäschekombinationen an.

Wahrscheinlich waren diese von ihr aussortiert worden, weil sie sich mit den Jahren von Konfektionsgröße 36 auf 40 hochgearbeitet hatte und diese hier allesamt ein S auf dem Schildchen trugen.

Neugierig leerte ich den Inhalt der Tasche auf dem Bett aus und begutachtete den kleinen Wäscheberg. Neben den bereits erwähnten Dingen lagen vor mir noch Socken, mehrere Negligés und Feinstrumpfhosen. Zu guter Letzt entdeckte ich einen schwarzen Nylon-Catsuit.

Diesen hatte ich ihr vor ein paar Jahren auf einer Erotikwebseite bestellt, für die ich – woher auch immer – einen Gutschein hatte.

Das fummelige Teil war von ihr aufgrund einer Öffnung an der zentralen Stelle als „plump“ abgelehnt worden. Mein Hinweis darauf, dass mir das beim Kauf nicht aufgefallen war, half herzlich wenig, und so kam ich nie in den Genuss, sie darin zu bestaunen.

Warum ich hier so detailliert von dieser Tasche erzähle? Glaubt mir, ihr Inhalt wird noch für reichlich Irritationen sorgen, aber dazu später.

… UND SCHORNSTEINFEGERN

Selber Tag, 14:00 Uhr, immer noch heiß draußen, Markus verlangte nach Rollmops, der Biervorrat ging zur Neige und es klingelte an der Tür.

Davor stand – wie gewohnt ganz in Schwarz – Christinas kleine Schwester Anna. Eigentlich hatte ich keine Lust, sie in mein Haus zu lassen, hatte doch unsere letzte Begegnung beinahe zu einem Familienkrach geführt.

Angepinselt wie eine Mischung aus Alice Cooper und Marilyn Manson – meiner persönlichen Meinung nach verzogen, faul und arbeitsscheu – wohnte sie mit ihren neunzehn Jahren immer noch bei ihrer Mutter und machte keine Anstalten, etwas an diesem Schmarotzerleben zu ändern.

Ich erinnerte mich daran, dass sie einst eigentlich ein gut aussehendes Mädchen mit rotblondem Haar und Sommersprossen gewesen war. Doch das, was da in diesem Moment vor mir stand, war schwarz-weiß-dunkel-gruselig, kurz gesagt: unansehnlich.

„Tach! Markus da?“, fragte sie und versuchte sich an mir vorbeizudrängeln.

Ich blieb einen Moment im Türrahmen stehen, schaute sie grimmig an und erwiderte: „Ich hoffe, du färbst nicht ab!“, ehe ich sie passieren ließ. „Verzogenes Stück“, sagte ich zu mir selbst und folgte ihr ins Haus.

Markus kam die Treppe herunter und seine Schwester sprang ihm um den Hals. Ich ließ die beiden allein und ging auf die Terrasse, bequemte mich in einen der Luxussessel und trank einen Schluck Bier.

Markus kam ein paar Minuten später in Begleitung des kleinen Pseudo-Schornsteinfegers ebenfalls nach draußen und sie setzten sich an den Tisch.

Mit einem genuschelten: „Wo isʼn die Große?“, fragte mich Anna nach Christina. „Shoppen. Outlet. Irgendwo weit weg.“

Währenddessen kaute sie übermäßig laut auf einem Kaugummi herum und brachte mich damit in Rage. Um sie von ihrem lauten Kaugummigenuss abzubringen, fragte ich, ob ich ihr etwas zu trinken anbieten könne.

Mit einem Blick, der mir wohl sagen sollte: Das fragst du jetzt erst?, nuschelte sie: „Hastʼn Bier?“

Ich stand betont langsam auf, holte drei Corona aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tisch. Anna griff sich zwei davon, öffnete eine Flasche mit der anderen, nahm einen großen Schluck und rülpste laut in Markus’ Richtung.

Dieses zweifelsohne respektable Geräusch sollte wohl Danke bedeuten. Markus rollte mit den Augen. Ich ging nicht weiter darauf ein und fragte Anna, die ja wie gesagt nichts für ihren Lebensunterhalt tat und vom Geld der Mutter lebte, wie es mit der Jobsuche voranging.

Anna schaute mich griesgrämig an, verzog das Gesicht und sagte: „Läuft.“

Ein Gespräch war, obwohl ich mir alle Mühe gab, einfach nicht machbar. Langsam kletterte mein Puls und ich überlegte, mit welchen Kollateralschäden es verbunden wäre, sie einfach aus meinem Haus zu schmeißen.

Sie trank noch einen großen Schluck und fragte, ohne jemanden anzusehen: „Habt ihrʼn Klo?“

„Nein, Anna, wir kacken eigentlich in den Garten.“

Markus bekam einen Lachflash und auch Anna musste schmunzeln, obwohl sie versuchte, es zu unterdrücken. Ich wies ihr die Richtung zum Gäste-WC und öffnete mein Bier.

Als sie wieder nach draußen kam, machte sie es sich in einem der Sessel bequem und versuchte die Farbe von der Bierflasche zu kratzen. Markus tippte auf seinem Telefon herum und ich nutzte die Gelegenheit Anna nach dem Grund ihres Besuchs zu fragen.

„Wollt mit Markus quatschen“, bekam ich zwischen zwei Kaugummiblasen in dermaßen abfälligem Ton zu hören, dass ich mich kurzerhand in exakt demselben Jargon bei ihr erkundigte, ob ich dabei stören würde. „Was hast’n du für’n Problem?“, motzte sie mich an. Markus warf Anna einen warnenden Blick zu und schüttelte mit dem Kopf.

„Ich? Was mein Problem ist? Du platzt hier rein, benimmst dich wie … wie … ach was weiß ich und motzt hier nur rum!“, beschwerte ich mich wenig konkret über ihr Verhalten.

„Anna, lass das bitte!“, versuchte Markus den aufkommenden Streit zu ersticken, den ich gern so weit getrieben hätte, bis sie heulend das Haus verließ.

Ihre grünen Augen funkelten mich böse an, sie wollte etwas sagen und ich wartete nur darauf, um parieren zu können, doch stattdessen folgte ein Moment der Stille und ein: „ʼtschuldigung, war nicht so gemeint“.

Das hatte ich in dem Moment nicht erwartet. Im Gegenteil. Ich hatte mich auf einen Schlagabtausch eingestellt, mich sogar darauf gefreut. Und nun? Ich überlegte kurz, schmunzelte, was sie ziemlich zu verwirren schien, und entschied mich für: Der Klügere gibt nach.

„Schon gut!“, sagte ich versöhnlich und sah Anna an ihrem Blick, ihrer Mimik und ihrer angespannten Körperhaltung an, dass auch sie Spaß daran gehabt hätte, weiter mit mir zu streiten. Gegen mein entwaffnendes Lächeln jedoch, jenes, mit dem ich auch einst Christina für mich gewonnen hatte, nachdem ich ihr einen halben Eimer Sangria über ihren weißen Bikini gekippt hatte, hatte sie keine Chance. … aber das ist eine ganz andere Geschichte. Wobei … vielleicht später mehr dazu. Wo waren wir?

Ach ja. Mittlerweile war es kurz nach 15:00 Uhr und die Hitze wurde, auch da keinerlei Lüftchen ging, unerträglich. Anna unterhielt sich mit Markus über für mich irrelevante Themen. Ehrlich gesagt hörte ich irgendwann gar nicht mehr zu, sondern versuchte stattdessen die Löcher in Annas Strumpfhose zu zählen.

Als ich bei siebzehn war – und das war gar nicht so einfach, da sie die ganze Zeit, während sie mit Markus sprach, rumzappelte – legte sie ihr Telefon auf den Tisch, fächelte sich Luft zu und kreischte plötzlich in unnatürlich hohem Ton: „Hey, ihr habtʼn Pool!“

Markus erschrak, ließ beinahe sein Telefon fallen und ich schaute mich im Garten um, tat als wenn ich den Pool nicht gleich sehen würde, zeigte dann darauf, bemerkte: „Siebzehn!“, und schaute in Annas und Markus’ verwirrte Gesichter.

„Äh, ja … wie auch immer. Kann ich mal reinspringen?“ Anna ließ mein Gehirn Bilder produzieren, in denen sie erst wenig und letztendlich gar nichts mehr anhatte. Ruhig Brauner, nicht aufregen, sagte ich in Gedanken zu mir selbst und an Anna gewandt: „An sich gern, aber was ist, wenn die Farbe abgeht?“

„Hä? Den Kopf lass ich ja draußen“, sagte sie trotzig.

Mit einer einladenden Geste zeigte ich in Richtung Pool. „Bitte sehr! Ich würde dir ja einen Badeanzug von Christina anbieten, aber ich glaube, ihr habt nicht dieselbe Größe“

„Geht auch so“, winkte Anna ab und begann sich vor mir auszuziehen. Sie wird doch nicht?, tobte es in meinem Hirn, doch sie tat es.

Anna entledigte sich ihres löchrigen Hemdes, dann ihres Rocks. Als Nächstes zog sie ihr T-Shirt aus und es folgten Schuhe und Strumpfhose. Schon stand sie in schwarzem Slip und schwarzem Top vor uns, trank den Rest ihres Bieres in einem Zug aus und ging rülpsend zum Pool.

„Nach Christina oder ihrer Mutter kommt Anna aber nicht“, versuchte ich Markus beiläufig auf ihre recht schmale Gestalt anzusprechen.

„Muss wohl am Erzeuger liegen, der war auch so ein Hänfling“ Markus lachte und prostete mir zu. „Gefällt dir wohl?“

„Bisschen zu dünn“, sagte ich und versuchte nicht rot zu werden.

Und während Markus sich wieder seinem Telefon widmete, beobachtete ich seine Schwester, und Teile meines Hirns machten sich selbstständig und beschäftigten sich mit Anna, mir und unmoralischen Vorstellungen.

So leicht, wie sie war, konnte ich sie mir einfach schnappen, sie nach oben aufs Bett tragen und so lange lieben, bis nur noch ihre Hände und Füße aus der Besucherritze herausschauen würden. Ich lachte über diese wirre Fantasie und Markus blickte auf. „Alles klar bei dir?“

Ich nickte, wischte mit der Hand durch die Luft und sagte amüsiert: „Kopfkino.“

„Aber nicht vom schwarzen Zwerg, oder?“, kicherte er. Ich verzog das Gesicht zu einer verneinenden Grimasse und zündete mir einen Zigarillo an.

Anna beendete ihren Poolbesuch. Das Wasser tropfte von ihr herab und sie schaute sich suchend um.

„Handtücher sind hier“, rief ich ihr zu.

Als sie nahe genug bei uns war, um meinen musternden Blick zu erkennen, wandte ich mich ab und zog genüsslich an meinem Glimmstängel.

Sie nahm ein großes Badehandtuch, wickelte es um ihren blassen Körper und machte es sich wieder im Sessel bequem.

„Hättest du noch ein Bier für mich?“, fragte sie zu meiner Verwunderung freundlich.

„Sehr gern“, erwiderte ich, blickte Markus fragend an, der auch nickte, und ich ging nach drinnen, um welche zu holen. Von der Küche aus beobachtete ich Anna erneut und versuchte mir abermals vorzustellen, wie sie ohne die schwarz gefärbten Haare und die Gesichtslackierung aussehen würde. Aber warum war mir das so wichtig?

Wieder draußen verteilte ich die Biere und prostete den beiden zu.

Markus’ Telefon klingelte und er stellte seine Flasche ab und nahm das Gespräch an. Seine Stimme wurde nach wenigen Momenten hektisch. „Ja, okay. Ich beeil mich. Bis gleich.“ Er legte auf und sagte an uns gewandt: „Muss leider noch mal los. Die Planung vom Klassentreffen … gibt wohl Komplikationen mit dem Büfett. Ich muss noch mal mit dem Caterer reden.“

„Schlimm?“, fragte ich, doch Markus wiegelte ab und fragte mich, ob er mein Fahrrad leihen könnte. Ich deutete auf die Garage und Markus schickte sich an zu gehen.

„Und ich?“, fragte Anna.

„Bin bald wieder da. Der beißt auch nicht“, lachte Markus, zeigte auf mich und verschwand.

Anna nuckelte an ihrer Bierflasche und blickte in Richtung Garage. „Issa weg?“

Ich nickte.

„Kann ich ʼne Kippe haben?“

Stutzig schaute ich sie an und hielt ihr die Schachtel Moods hin. Sie nahm sich einen Zigarillo und sagte: „Markus will nicht, dass ich rauche.“

Ich zuckte mit den Schultern und sah ihr dabei zu, wie sie sich den Zigarillo zwischen ihre Lippen steckte und anzündete. Sie hatte noch nicht einmal richtig daran gezogen, da begann sie zu husten wie ein alter Kohledampfer beim Anfeuern, ließ den Zigarillo fallen und schien kurz davor, zu kotzen.

Ich sprang auf und klopfte ihr auf den Rücken, bis sie sich etwas gefasst hatte. Tränen standen ihr in den Augen und sie musste sich erst einmal beruhigen. „Was’n das fürʼn Kraut?“, fragte sie, ihren Husten unterdrückend.

„Moods, Zigarillos“, sagte ich und hob entschuldigend die Arme.

„Widerlich!“, keuchte sie.

Ich reichte ihr das Bier, sie trank einen großen Schluck und es schien ihr wieder besser zu gehen. Nach einem weiteren Schluck hob sie den Zigarillo auf und wollte ihn ausdrücken. Ich nahm ihn ihr ab und legte ihn in den Aschenbecher. Das Handtuch war derweil beiseite gerutscht und der schwarze Stoff ihrer Unterwäsche glänzte nass in der auf die Terrasse scheinenden Sonne.

Anna kramte in ihrer Tasche, holte ein zerknautschtes Päckchen Marlboro heraus, zündete sich eine Zigarette an und blies mir den Rauch ins Gesicht.

Echt jetzt?

Ich nahm einen tiefen Zug von meinem Zigarillo, behielt den Rauch jedoch im Mund und blies eine umso größere Wolke zurück.

Wir schwiegen uns eine Weile an, Anna lehnte sich vor, schnippte die Asche von ihrer Zigarette und sagte in ordentlichem Deutsch: „Bist ja doch nicht so ein Arsch, wie ich dachte.“

Ich hatte etwas Mühe, diese Information zu verarbeiten. „Ähm, danke … wenn das ein Kompliment sein sollte.“ Ich zündete meinen Zigarillo wieder an und nach zwei tiefen Zügen setzte ich nach: „Wie kommst du zu dieser Feststellung, wenn ich fragen darf?“ Dabei schaute ich verzückt in ihre grünen Augen.

„Ach … es ist nur … beachtest mich ja nie, wenn ihr bei Muttern seid. Komme mir immer vor wie … ach, ist ja auch egal.“

Ich dachte kurz nach und sagte mit freundlicher, aber dezent vorwurfsvoller Stimme: „Könnte das nicht auch an deinem Verhalten mir gegenüber liegen?“

Anna sah mich mit fragendem Blick an und zog ihre Schultern nach oben. „Ist ja auch schnuppe“, murmelte sie, zupfte an ihrem nassen Top, welches nach oben gerutscht war, winkelte ihr linkes Bein an und stellte ihren Fuß auf die Kante der Sitzfläche. Der schwarze Nagellack blätterte von ihren Zehennägeln.

Ich suchte erneut das Gespräch. „Darf ich dir eine Frage stellen?“

Während sie die Nachbarskatze auf dem Zaun beobachtete, sagte sie: „Wasʼn?“

„Was hat das eigentlich mit dem Schwarz auf sich … also die Schminke und die Klamotten?“, versuchte ich mich über ihren Spleen zu erkundigen.

Anna drehte ihren Kopf und schaute mich an: „Ist halt so!“

Ich lehnte mich wieder zurück und nahm einen letzten Zug von meiner Moods.

Nach einer Weile holte Anna tief Luft und begann: „Halt, dass mich die Leute in Ruhe lassen … mich nicht vollquatschen … mir aus dem Weg gehen.“ Aber sie sagte es mehr zu sich selbst als zu mir. Es entwickelte sich ein Gespräch – eigentlich eher ein Monolog – über Familie, Liebe, Gefühle und den Tod ihres Vaters vor fünf Jahren. Sie redete und ich hörte zu. Langsam begann ich zu verstehen, was mit ihr los war.

Nach einer Weile stoppte sie ihren Redefluss und fing an zu schluchzen, um kurze Zeit später in Tränen auszubrechen. Ich reichte ihr eine Taschentuchbox, sie schniefte, schnäuzte und verbrauchte zig Taschentücher, die sie allesamt zwischen ihrem Oberschenkel und der Sessellehne sammelte. Dann stellte sie die Box beiseite und stand auf. Dabei knickte sie um und war im Begriff das Gleichgewicht zu verlieren. Ich stürzte nach vorn und fing sie gerade noch auf. Ich half ihr hoch und wir schauten uns tief in die Augen.

„Geht’s?“, fragte ich und Anna versuchte, vorsichtig ihren Fuß zu belasten.

„Danke!“, sagte sie mit einem Lächeln, das ohne die Farbe in ihrem Gesicht wahrscheinlich zauberhaft gewesen wäre.

„Nicht dafür“, gab ich ritterlich zurück.

„Nein … also ja, dafür auch. Ich meinte fürs Zuhören!“

„Gern geschehen“, antwortete ich und erst jetzt fiel mir auf, dass ich sie immer noch festhielt und sie auch keine Anstalten machte, sich dem zu entziehen, sondern scheinbar auf etwas wartete. Was auch immer mich zu Folgendem veranlasste, ist mir bis heute immer noch ein Rätsel. Ich nahm sie einfach in den Arm, hielt sie fest und – was mir ein noch größeres Rätsel ist – sie ließ es geschehen.

Ich spürte ihren Atem an meinem Hals, ihre Haare auf meiner Haut und streichelte vorsichtig über ihren Rücken. So standen wir eine Weile da, unbewegt, schweigend und ich überlegte, warum ich es so genoss. Ein blechernes Scheppern, gefolgt von einem Schrei, der jeden Indianer aus seinem Tipi gejagt hätte, ertönte aus Richtung der Garage und hatte jetzt meine volle Aufmerksamkeit. Ehe ich realisieren konnte, was vor sich ging, kam Markus auf uns zu gewankt, wie ein Seemann auf Landgang. Er schaute uns verwundert an und lallte: „Was machtʼn ihr da?“

Anna löste sich aus der Umarmung, drehte sich in Richtung Markus und nahm zu meiner Verwunderung meine Hand und hielt diese fest.

„Markus? Alles klar bei dir?“, fragte ich den schwankend auf mich zu Kommenden.

„Ich … glaube, … ich … bin … be…betrunken!“, stammelte er und versuchte sich auf den Beinen zu halten.

„Wie kann man sich in so kurzer Zeit so abschießen?“, erkundigte ich mich, doch er antwortete nicht, sondern war voll darauf konzentriert, ein Bein vor das andere zu setzen. Er peilte einen der Sessel an – wollte sich wohl setzen –, aber ebenso wie die Grande Nation beim Versuch einer Invasion würde daraus wohl nichts werden.

Anna ließ meine Hand los, geleitete Markus zu seinem Sitzplatz und beugte sich über ihn, um ihm eine deftige Ansage zu machen. Ich hörte amüsiert zu und betrachtete, während sie so über ihn gebeugt stand, auf ihren Hintern. Nachdem Anna mit ihrer Ansprache fertig war, drehte sie sich zu mir um und ich erstarrte.

„Was ist los?“, fragte sie irritiert und sah in mein erschrockenes Gesicht.

Ich nahm sie vorsichtig bei den Schultern und drehte sie in Richtung Terrassentür, in deren Scheibe wir uns spiegelten.

„Oh mein Gott!“, rief sie aus, hielt sich die Hände vors Gesicht, in welchem die Tränen von vorhin ihre Kriegsbemalung gründlich sabotiert hatten.

„Pass auf …“, schlug ich vor. „Ich bring Markus ins Bett, damit er seinen Rausch ausschlafen kann. Du kannst dich währenddessen oben im Bad frisch machen und wir treffen uns wieder hier!“

Anna nickte wortlos, nahm ihre Sachen und ging nach oben. Ich weckte Markus, der innerhalb von Sekunden eingeschlafen war, machte ihm trotz Protest klar, dass er kein Bier mehr bekam und auch nicht in den Pool durfte. Ich brachte ihn ins Gästezimmer, zog ihm seine mit Bier und anderen Alkoholika übergossenen Klamotten aus und hievte ihn ins Bett. Seine Sachen warf ich in die Waschmaschine, schaltete diese ein und ging wieder nach draußen.

Mein Bier war mittlerweile warm und schal, der gemeine Engländer hätte es mir mit Freude abgenommen und auf ex geleert. Ich holte mir ein Glas Wasser, und als ich mich gerade hinsetzen wollte, kam Anna zurück auf die Terrasse – und mir fiel die Kinnlade nach unten.

Was für ein bildhübsches Gesicht, schoss es mir durch den Kopf und ich sagte zu ihr: „Kaum wiederzuerkennen. Steht dir eindeutig besser.“

Anna lächelte mich verlegen an und schlich zu ihrem Sessel. Sie hatte ihr T-Shirt und den Rock wieder angezogen, aber Gott sei Dank die zerrissene Strumpfhose und den Hemdfetzen weggelassen. Wenn ich jetzt noch versuchte, mir die roten Haare dazu vorzustellen, war es wahrscheinlich um mich geschehen.

Schnell trank ich einen großen Schluck Wasser, aber ich musste sie dennoch gleich wieder anschauen.

„Eindeutig besser!“, wiederholte ich mich und lächelte.

„Hat Markus noch was gesagt?“, fragte sie und ich verneinte. „Der war so dicht … Ich denke, wir werden auf des Rätsels Lösung bis morgen warten müssen.“

Von drinnen verkündete eine Stimme im Radio, dass es 17:25 Uhr und damit Zeit für die Nachrichten war.

Eine merkwürdige Unruhe machte sich in mir breit.

Ich entschuldigte mich bei Anna, stellte mich etwas abseits, wählte die Nummer meines Arbeitskollegen Stefan Liebig und fragte, ob unser aktuelles Projekt mit dem verheißungsvollen Namen „Frankfurt II“ wie geplant vorankam.

Anna hatte ihr Telefon ebenfalls in der Hand und tippte darauf herum, trank gelegentlich einen Schluck Bier, grinste hin und wieder, während ihre Finger über das Smartphone glitten.

Schrieb sie vielleicht mit ihrem Freund?, ging es mir durch den Kopf, und dieser zähflüssig durch meinen Schädel wabernde Gedanke bedrückte mich irgendwie. Aber warum machte ich mir darüber überhaupt Gedanken? Es ging mich doch nichts an!

„Bist du noch dran?“, hörte ich aus meinem Telefon.

„Ja, ich … alles okay. Das passt so, wie du gesagt hast. Wir sehen uns dann nächste Woche.“ Ich legte auf, blieb aber weiterhin stehen und beobachtete Anna.

Scheiße! Sie gefällt dir nicht nur, du magst sie! Jetzt, so ganz ohne die Schminke, ist sie eigentlich ein ganz hübsches Ding, nicht wahr? Los, gib es zu! Sag, dass ich recht habe! , stichelte mein Unterbewusstsein triumphierend. Ich wischte den Gedankengang beiseite und ging wieder an den Tisch.

Anna lächelte mich an. „Stört es dich eigentlich, dass ich hier bin?“

Ich stutzte kurz und schüttelte mit dem Kopf. „Warum sollte es?“

„Naja, es ist nur … vor ein paar Stunden haben wir noch nicht einmal wirklich miteinander geredet. Ich kam ja eigentlich, um Markus zu treffen und der ist ja jetzt …“ Dabei deutete sie mit dem Kopf in Richtung Gästezimmer.

„Ich glaube, dass sich unser Verhältnis in den letzten Stunden positiv verändert hat. Von daher darf ich behaupten, deine Anwesenheit durchaus zu genießen“, brabbelte ich, schlug mir innerlich die Hand vor den Kopf und der Gedanke: Was quatschst du denn für einen Blödsinn?, schwirrte durch meine Hirnwindungen.

„Das hast du nett gesagt.“ Anna lächelte wieder dieses wundervolle Lächeln.

Plötzlich vernahm ich ein mir sehr bekanntes Geräusch und ich musterte sie prüfend. „Hast du etwa Hunger?“ Abermals grummelte ihr Magen.

„Schon irgendwie. Hab mittags nichts gegessen“, sagte sie beinahe entschuldigend.

„Lass uns doch etwas zusammen kochen!“, schlug ich vor und stand auf.

„Ich kann auch zu Hause essen“, sagte sie dankend ablehnend.

„Quatsch, wir kochen. Ich such nur noch schnell den Feuerlöscher“, bemerkte ich lachend und wir gingen in die Küche.

Drinnen drehte ich mich zu ihr um, sah ihr ernst in die Augen und sagte: „Ich bin aber Veganer.“

Ich verharrte einen Moment mit ruhigem Gesicht, während Anna versuchte, diese Aussage durch irgendeine Regung meinerseits zu prüfen. Dann prustete ich laut los und Anna versetzte mir einen Hieb in die Rippen.

„Ich hätte es fast geglaubt!“, beschwerte sie sich lachend und knuffte mich erneut.

Wir einigten uns auf einen gemischten Salat mit gebratenen Hähnchenbruststreifen und ich holte eine Flasche Weißwein aus dem Keller, während Anna damit begann, das Gemüse zu schneiden.

Leise schlich ich mich auf dem Rückweg an sie heran, stellte mich hinter sie und schaute ihr über die Schulter. Als sie mich bemerkte, erschrak sie und drehte sich um.

„Vorsicht! Ich habe ein Messer“, warnte sie mich lächelnd, das Schneidwerkzeug weglegend. Wir schauten uns eine gefühlte Ewigkeit einfach nur an.

Ihre Augen leuchteten, kleine Grübchen erschienen neben ihren Mundwinkeln und ihre Sommersprossen – die mir erst jetzt auffielen – rundeten ab, was da Wunderschönes vor mir stand.

Am liebsten würde ich sie küssen, dachte ich, doch in diesem Moment klingelte mein Telefon.

Wie zwei gleiche Pole stoben wir auseinander, und während Anna sichtlich durch den Wind war, ging ich hinüber zum Sideboard, nahm mein Telefon und sah Christinas Gesicht auf dem Display. Ob der Anruf Schlimmes verhindert oder Schönes nicht zugelassen hatte, war Ansichtssache, und ein schlechtes Gewissen ergriff mich, bevor ich endlich nach dem vierten Klingeln abnahm.

„Die katholische Mädchenbadeanstalt Mariahilf. Wohin darf ich verbinden?“, fragte ich mit tiefer Stimme und Wiener Dialekt.

„Du Quatschkopf. Alles klar bei euch?“

„Soweit alles im Lot! Das Haus steht noch“, plapperte ich fröhlich und überlegte, welche Gegebenheiten des Nachmittages ich ihr am Telefon berichten konnte.

Sie ließ mir jedoch keine Zeit, sondern zwitscherte mit lieblicher Stimme: „ Franziska hat vorgeschlagen, dass wir einen Cocktail trinken gehen. Meinst du, ihr kommt ohne mich klar?“

Ich könnte noch mehr Zeit allein mit Anna verbringen, war mein einziger Gedanke und ich schämte mich sofort dafür. „Ich denke, wir werden uns vertragen“, teilte ich ihr an einer Lüge vorbeischrammend mit und fügte wohlwollend hinzu: „Wenn ihr das nach dem Einkaufsmarathon noch durchhaltet?“

„Mir tun zwar schon die Füße weh, aber …“ Dann flüsterte Christina plötzlich hektisch: „Pass auf, schnell die Kurzfassung … Franziska ist grad auf Toilette. Christoph hat sich vorgestern von ihr getrennt. Und das mit dem Cocktail habe ich nur gesagt, weil sie noch nicht möchte, dass es im Freundeskreis schon jemand erfährt. Ich wäre jetzt gern für sie da. Sie ist schließlich meine beste Freundin. Ich möchte sie heute Nacht wirklich nicht allein lassen und gern hier übernachten.“

Zähflüssig rannen ihre Worte durch mein Hirn, und es dauerte eine Weile, ehe sie vollständig angekommen und verarbeitet waren.

„Bist du noch da?“, fragte sie.

„Ja, ja. Kümmere du dich um das Beziehungswrack, ich halte hier die Stellung!“

„Sebastian, du bist gemein. Wir sehen uns morgen. Ich liebe dich!“ Dann legte sie auf.

Perfektes Timing, Christoph Reuter! Ich schulde dir ein Bier oder zwei. Ach egal, eine ganze Kiste und ʼne Flasche Whisky, frohlockte ich im Hinblick auf einen ungestörten Abend mit Anna und grinste.

„Alles okay?“, fragte diese neben mir und ich erschrak.

„Schleich dich doch nicht so an!“

„Anschleichen? Ich will den Tisch decken“, sagte sie.

Ich atmete tief ein und wieder aus.

„Ich habe dich nicht wirklich erschrocken, oder?“, fragte sie und ging lachend mit Besteck und Tellern nach draußen auf die Terrasse.

Ich schnitt die Hähnchenbrust in Streifen, marinierte sie und legte sie in meine definitiv überteuerte Jamie-Oliver-Spezialbratpfanne, die auch nicht anders briet wie die von ALDI. Währenddessen kümmerte sich Anna um den Salat, brachte ihn nach draußen und deckte liebevoll den Tisch – mit Servietten!

Ein paar Minuten später folgte ich mit dem herrlich duftenden Fleisch von glücklichen Hühnern aus Käfighaltung.

Wir aßen, unterhielten uns über Gott und die Welt, und irgendwie schien es mir, als würden wir uns nicht erst seit ein paar Stunden so gut verstehen. Irgendwie war unser Umgang miteinander dafür viel zu vertraut.

Anna räumte das Geschirr ab und bestand trotz meines Protestes darauf, dass ich sitzen blieb. Ich zündete mir einen Zigarillo an und sog genüsslich den Rauch ein. Das Thermometer stand bei 30°C, und glaubte man der Wettervorhersage, so sollte es auch noch ein paar Tage so bleiben. Ich angelte mir das letzte Stück Hähnchen aus der Pfanne, biss genüsslich hinein, ließ meine Gedanken kreisen und dachte darüber nach, wie der heutige Abend noch verlaufen könnte. Anna musste ja auch irgendwann nach Hause. Was würde bis dahin noch passieren? Was sollte meiner Ansicht nach noch passieren? Ich war unsicher, welchen Pfad ich einschlagen wollte, und hoffte auf der einen Seite, dass sie bald gehen würde, auf der anderen Seite jedoch … wollte ich das wirklich? Unschlüssig rauchte ich auf, doch ich kam zu keinem Ergebnis.

Anna goss uns Wein nach, schaute zum Schwimmbecken und grinste mich an: „Ich würde gern noch ʼne Runde in den Pool, wenn das okay ist?“

Augenblicklich war ich wie elektrisiert, und ihr ansehnlicher Körper begann sogleich vor meinem inneren Auge Gestalt anzunehmen – ohne Klamotten wohlbemerkt. Immer klarer wurde das Bild und ich war kurz davor, dümmlich zu grinsen.

Anna unterbrach meine Gedanken mit der einfachen, aber auch genauso prekären Idee: „Kommst du mit?“

Ich holte tief Luft und sagte mit trauriger Stimme: „Ich kann leider nicht schwimmen!“

Sie prustete los und zeigte mir einen Vogel. „So tief ist es ja wohl nicht. Zur Not rette ich dich halt.“ Dann drehte sie sich um und ging zum Pool.

„Ich gehe mir schnell mein Boratkostüm anziehen“, rief ich ihr lachend nach, ging nach oben und tauschte die kurze Hose gegen eine Badehose. Ich schaute kurz bei Markus rein, der größtenteils auf seinem Bett lag und lautstark an seinem Holzverarbeitungsimperium werkelte.

Anna war bereits im Pool, als ich übermütig hineinsprang und damit so ziemlich alles im näheren Umkreis nass machte. Anna, die wahrscheinlich versucht hatte, ihre Haare in trockenem Zustand zu behalten, stand mit in die Hüfte gestemmten Händen vor mir und sah mich grimmig an.

„Das ist nicht witzig!“ Schon schlug sie mit der Hand ins Wasser, um jetzt mich zu bespritzen. Ich tat es ihr erst gleich, tauchte dann aber schnell ab, um ihr die Beine wegzuziehen. Sie schien das zu ahnen und versuchte zu entkommen. Ich hielt ihren linken Fuß fest und zog sie zu mir, tauchte vor ihr auf, nahm sie an den Hüften und warf sie nach hinten ins Wasser.

Prustend und luftholend tauchte sie wieder auf und kam auf mich zu. „So nicht, mein Lieber! Und überhaupt … ich dachte Borat?“ Sie lachte und versuchte sogleich, mich unter Wasser zu drücken.

Ich fühlte ihre Hände an meinem Körper und genoss, wenn auch mit schlechtem Gewissen, jede ihrer Berührungen.

Nach einer Weile des Herumtollens verließen wir den Pool, ich reichte ihr ein Badehandtuch und wickelte mir selbst eines um die Hüften. Anna ging in die von mir für Gäste zusammengezimmerte, provisorische Umkleide, ich strebte die Terrasse an.

Nach kurzer Zeit kam sie in das Handtuch gehüllt zurück und fragte, wo sie ihre Sachen aufhängen könne. Ich verstand nicht gleich, was sie meinte, als sie mir ihren Slip und das Top zeigte. Und erst jetzt realisierte ich, was seit ein paar Augenblicken Tatsache war.

Sie war nackt! Also … sie hatte nur das Handtuch an. Mein Kopf brannte, meine Synapsen verknoteten sich und ich brachte kein Wort heraus.

„Alles okay bei dir?“, fragte Anna besorgt, muss ich doch ausgesehen haben, als ob ich gleich einen Herzinfarkt bekäme.

„Alles gut“, röchelte ich, leerte mein Glas in einem Zug und wäre beinahe vom Sessel gerutscht. „Nimm die Zugleine vom Sonnensegel. Da sind auch ein paar Klammern dran“, bemerkte ich mit einem Kloß im Hals.

Anna stand davor, reckte ihre Arme in die Luft und kam nicht einmal mit den Fingerspitzen dran. „Sehr witzig!“, kommentierte sie das Unterfangen.

„Soll ich dich hochheben?“, spaßte ich.

Sie kam zu mir, drückte mir ihre Unterwäsche in die Hand und sagte mit schmeichelnder Stimme: „Bitte sehr!“

Während sich Anna in den Sessel kuschelte, hängte ich ihre Unterwäsche auf die Leine.

„Wann kommt Christina eigentlich heim?“, fragte Anna zwischen zwei Schlucken Wein.

„Wer?!“, bemerkte ich und Anna schaute mich fragend an.

„Christina? Meine Schwester?“

„ Ach, die Christina!“ Ich lachte schelmisch und zuckte mit den Schultern. „Sie übernachtet bei einer Freundin, die Stress mit ihrem Lover hat.“

Eingewickelt in das Handtuch, mit dem Glas Wein in der Hand, lächelnd und mit diesem Blick … Was ging bloß in mir vor? Ich wollte ihr zuhören, in ihrer Nähe sein, sie anschauen, ihr bezauberndes Lächeln sehen.

Oh mein Gott! Ich hatte doch nicht? Ich war doch nicht? Warum? Wieso? Ich versuchte mich neu zu starten, doch es gelang nicht. „Soll ich mal schauen, ob ich in Christinas Schrank etwas zum Anziehen für dich finde?“, fragte ich nach einer kurzen Pause.

„Noch geht es, vielen Dank. Ich hoffe, dass die Sachen nicht zu lange zum Trocknen brauchen … oder stört es dich, wenn ich hier so sitze?“

Wenn es nach mir ginge, könntest du da ganz ohne Handtuch sitzen, schwappte es durch mein Hirn, welches aber gleichzeitig eine andere, ziemlich dämliche Antwort an mein Sprachzentrum sandte.

„Ich möchte nur, dass du dich wohlfühlst. Also ich meine … du hast ja nichts an und ich … also … vielleicht fühlst du dich ja unwohl, nur mit dem Handtuch“, stammelte ich.

„Ich hoffe ja nicht, dass du mir das Handtuch entreißen wirst, um mich nackt zu sehen, oder?“ Sie kicherte herzlich und erfreute sich an meinem hochroten Kopf und meinem Gesichtsausdruck.

„Wie … wie kommst du auf so was?“ Ich versuchte normal zu sprechen.

„Ich weiß nicht“, schmunzelte sie, „du bist ein Kerl. Ihr kommt doch manchmal auf so komische Ideen, oder?“ Amüsiert beobachtete Anna, wie ich den Versuch unternahm, mich zu artikulieren, es aber schnell aufgab. Ich schüttelte mit dem Kopf, füllte mein Glas und prostete ihr zu.

„Cheers!“, sagte sie lächelnd und nippte an ihrem Wein.

Kurz nach 19:00 Uhr vernahm ich plötzlich ein Lüftchen. „Wind, gelobter Wind!“, rief ich vor Freude aus und brachte Anna damit zum Lachen. Aus dem Lüftchen wurde eine Brise und aus der Brise entwickelte sich ein stürmischer Wind. Dunkle Wolken schoben sich über den Horizont, es begann zu donnern und nach zwanzig Minuten waren die ersten Blitze zu sehen.

Wir stellten die überteuerten Designersessel zusammen, räumten die restlichen Sachen vom Tisch und verzogen uns nach drinnen. Das Donnergrollen wurde lauter, die Anzahl der Blitze stieg und Regen, der innerhalb kürzester Zeit immer stärker wurde, setzte ein.

„Tolle Wettervorhersage!“, bemerkte ich und schaute zu Anna hinüber, die am Küchentisch saß und in einer Illustrierten von Christina blätterte. „Haben die doch gesagt, oder?“, bemerkte sie, ohne aufzublicken.

„Mir nicht“, antwortete ich und schaute wieder nach draußen. Ein furchtbares Donnergrollen war zu vernehmen und dann der Einschlag eines Blitzes irgendwo in der Nähe.

Anna sprang vor Schreck auf und dabei rutschte das Handtuch auf den Boden. Als ich mich zu ihr umgedrehte, bedeckte sie schnell mit den Händen alles, was es zu bedecken galt, und sah mich verlegen an.

„Ich habe nichts gesehen!“ Ich hob entwaffnend die Hände.

„Drehst du dich bitte um?“, forderte sie mich lachend auf. Anna hob das Handtuch auf, und währenddessen betrachtete ich anerkennend ihren Po.

„NICHT gucken, habe ich gesagt!“, beschwerte sie sich mit nicht allzu ernster Stimme.

Über das ganze Gesicht grinsend feixte ich: „Anna, ob du es glaubst oder nicht, aber ich habe schon mal ein nacktes Mädchen gesehen!“

„Aber mich nicht!“

„Doch meine Liebe, gerade eben!“

„Pass auf, dass ich das nicht meiner Schwester erzähle“, sagte sie, zog das Handtuch fest und streckte mir die Zunge raus.

„Das wiederum wäre natürlich äußert ungünstig!“, sagte ich und gab auf.

Wir schauten uns einen Moment lang prüfend an und plötzlich hörte ich ein ächzendes Geräusch. Ehe ich mir über die Ursache klar werden konnte, sah ich, wie mein Sonnensegel samt Verankerung aus der Wand riss. Elegant schwebte es davon und verhüllte – frei nach Christo und Jeanne-Claude – die Umkleide am Pool.

Sie versuchte durch die Terrassentür auszumachen, wo ihre Sachen gelandet waren oder ob diese noch am Seil des Sonnensegels hingen. Durch den starken Regen und die den Wolken geschuldete Dunkelheit, war schwarze Unterwäsche aber nicht wirklich gut zu erkennen.

„Ich such dir was von Christina raus“, sagte ich und legte, ohne mir Gedanken darüber zu machen, meine Hand auf ihre Schulter. Die Wärme ihres Körpers, die zarte Haut und die Berührung an sich, ließen ein unbeschreibliches Gefühl in mir aufkommen.

Anna stand einen Moment unbewegt da und musterte mich.

„Lass uns hochgehen und nach etwas zum Anziehen für dich schauen“

Anna folgte mir, permanent den Sitz ihres Handtuches kontrollierend.

Im Schlafzimmer angekommen sagte sie grübelnd: „Ich weiß nicht. Ich kann doch nicht einfach bei Christina im Schrank rumwühlen.“

„Ach, das macht ihr sicher nichts aus“, warf ich ein. „Außerdem willst du doch nicht den ganzen Abend lang nackt rumrennen, oder?“ Da fiel mir die Tasche mit Christinas aussortierten Klamotten ein. Ich wusste, dass sie noch zu etwas Nütze sein würden! Ich drehte mich also zu Anna um, hob den Finger und sagte: „Ich habe da was!“ Ich nahm die Tasche aus der Ecke und stellte sie ihr aufs Bett. „Hier sind ein paar Sachen, die Christina aussortiert hat. Vielleicht passt dir ja davon was.“ Innerlich grinsend stellte ich mir vor, wie Anna wohl in der Spitzenunterwäsche von Christina aussehen würde.

Sie beugte sich über die Tasche, zog den Reißverschluss auf und drehte sich zu mir um. „Würdest du bitte!“

„Würde ich bitte was?“, fragte ich neugierig.

„Den Raum verlassen“, mahnte sie freundlich.

„Ich … ach so … ja, klar. Ich bin in der Küche. Schau, ob dir was passt. Wenn du magst, kannst du ja auch duschen gehen. Handtücher sind im Bad“, teilte ich ihr beim Herausgehen mit, schnappte mir Hose und T-Shirt, drehte mich noch einmal um und fragte: „Und du brauchst wirklich keine Hilfe?“

Anna zeigte nur grinsend mit dem Finger auf die Tür, und ich ging nach unten.

Nach einer halben Stunde erschien sie frisch geduscht in der Küche.

„Etwas Brauchbares gefunden?“, erkundigte ich mich, und sie breitete, bekleidet mit einer weißen Strickjacke und einer grauen, definitiv zu großen Freizeithose,  die Arme vor mir aus und drehte sich grinsend im Kreis.

„Nicht ganz meine Größe, aber okay.“ „Wollsocken?“, fragte ich verwirrt und Anna zuckte mit den Schultern.

„Irgendwie war mir nach dem Duschen kalt.“

„Wann ist Frauen mal nicht kalt?“, kommentierte ich kopfschüttelnd. „Nicht dass ich zu persönlich werden will, aber hast du auch was für untendrunter gefunden oder soll ich in den Garten zu einer Rettungsmission aufbrechen?“ Ich lachte übermütig.

„Danke, hab was gefunden. Meine Unterwäsche kann ich ja suchen, wenn der Regen vorbei ist.“

Und ehe ich zu einem passenden Gag ansetzen konnte, schaute Anna auf die Uhr und erschrak. „Scheiße! Ich hab den letzten Bus verpasst!“

„Ich würde dich ja heimfahren, aber dafür hätte ich den Wein vorhin weglassen müssen“, bemerkte ich nach ein paar Momenten der Stille.

Anna schien darüber nachzudenken, wie sie nach Hause kommen sollte, während ich überlegte, wie ich ihr schmackhaft machen konnte, dass sie hier blieb. „Du könntest auf der Couch pennen. Markus oder ich bringen dich dann morgen Vormittag nach Hause“, sagte ich frei heraus und wartete, innerlich zum Zerreißen gespannt, auf ihre Antwort.

Anna schaute mich mit großen Augen an. „Echt? Das wäre großartig.“

„Klar, wieso nicht? Muss nur mal schauen, wo wir noch Bettzeug haben.“

„Eine Decke reicht und Kissen liegen ja bestimmt auf der Couch“, sagte sie mit wegwerfender Handbewegung.

„Lass uns nach oben ins Wohnzimmer gehen und schauen, was wir für dich haben“, schlug ich vor. „Magst du noch ein Glas Wein?“

„Klar, gern!“, sagte sie lächelnd und ergänzte: „Ich geh schon mal nach unserer Schnapsleiche schauen!“

Ich nickte, ging zurück in die Küche, holte Wein und Gläser, schaute aus dem Fenster und sah, dass der Regen langsam nachließ. Ich knipste das Licht aus und ging nach oben.

Anna kam aus dem Gästezimmer und sagte leise: „Er schläft.“

„… und schnarcht“, ergänzte ich kichernd.

Decke und Kissen lagen auf der Couch und Anna meinte, dass ihr das vollkommen ausreichen würde. Ich schaltete den Fernseher ein und erkannte schon nach wenigen Sekunden, dass Dirty Dancing lief. Schnell umschalten!, schrie mein Gehirn panisch, aber Anna hatte es auch bemerkt und mit Hundeblick und einem gedehnten: "Bitte!“, flehte sie, es nicht zu tun.

„Das ist nicht dein Ernst“, bemerkte ich augenrollend und ließ mich in den Sessel fallen. Anna hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht, die Decke bis unters Kinn gezogen und starrte nun gebannt auf den Fernseher.

Nicht auf den Film achtend, sondern Anna von der Seite fixierend, sinnierte ich über den Nachmittag und den frühen Abend und musste lächeln.

Anna bemerkte es und schaute mich an. „Worüber freust du dich?“

„Nur so“, antwortete ich, grinste aber wohl zu offensichtlich und hatte ihre Neugier geweckt.

„Los erzähl! Hat es etwas mit mir zu tun?“

„Nicht direkt“, schmunzelte ich weiter.

Anna richtete sich auf und schaute mir in die Augen. „Hey, das ist gemein. Wenn es was mit mir zu tun hat, sag es bitte“, bettelte sie.

„Halt … dieser Nachmittag an sich. Irgendwie … ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“

„Komisch, doof, interessant, witzig, blöd, toll“, zählte sie fragend auf.

„Naja, überleg doch mal. Bis heute Mittag haben wir kaum ein Wort miteinander gesprochen und jetzt sitzen wir hier zusammen auf der Couch und trinken Wein. Und …“ Ich machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „… du trägst weder Schwarz noch bist du geschminkt wie Alice Cooper.“

Anna warf mit einem Kissen nach mir, kniete sich auf die Couch und zählte mithilfe ihrer Finger auf: „Erstens, okay … damit hast du recht. Zweitens, du sitzt im Sessel und nicht auf der Couch. Drittens, du hast den Wein noch nicht aufgemacht. Und viertens, wer zur Hölle ist Alice Cooper?“

Lachend ließ ich mich im Sessel nach hinten fallen. „Du kennst Alice Cooper nicht?“

Anna schüttelte mit dem Kopf.

Ich stand auf und holte das Tablet, setzte mich neben sie, öffnete den Wein, goss unsere Gläser halb voll und suchte im Internet ein Bild von Alice Cooper.

Anna wandte sich empört ab. „So habe ich ja wohl nie ausgesehen!“, protestierte sie und warf ein weiteres Kissen nach mir.

„Subjektiv gesehen schon“, gab ich zurück.

Sie lehnte sich nach hinten, schaute mich an und fragte mit leiser Stimme: „Hast du mich wirklich so gesehen?“

Ich nickte, legte das Tablet weg, reichte ihr das Weinglas und prostete ihr zu. Sie trank nachdenklich einen Schluck und stellte ihr Glas wieder ab.

„Weißt du …“, begann sie, verstummte aber wieder.

Ich schaute sie an und wartete.

„Ich mag dich. Versteh mich nicht falsch … also, du bist ja mit meiner Schwester zusammen. Nicht, dass du denkst … Aber so nett, wie du heute zu mir warst … obwohl ich … na ja … Ich möchte mich einfach bei dir bedanken.“

Schweigend saßen wir eine Weile nebeneinander, während Patrick Swayze im Fernsehen seine Tanzakrobatik vollführte.

„Ich muss mal aufs Klo“, sagte Anna nach einer Weile und richtete sich auf. Ich schaute ihr nach und selbst in dieser ihr viel zu großen und noch dazu schlecht geschnittenen Hose sah sie sexy aus.

Ich ließ mich nach hinten fallen, schloss die Augen und dachte nach.

Was zum Teufel tat ich hier eigentlich? Ich flirtete mit Christinas kleiner Schwester und hoffte insgeheim wohl noch, intim mit ihr zu werden. Was ich tat, war mehr als falsch, moralisch zutiefst verwerflich, und dennoch konnte ich nicht aufhören – wollte ich nicht aufhören. Verdammt, verdammt, verdammt.

Anna kam zurück, und während sie sich um den Sessel herum auf die Couch zu bewegte, fielen mir exakt zwei Dinge auf, die auf wundersame Weise irgendwie zusammenhingen. Zuerst bemerkte ich, dass der Reißverschluss ihrer Jacke relativ weit nach unten gezogen war. Dies mochte zwar nichts bedeuten, war allerdings in Verbindung mit dem, was ich drunter sah – nämlich eines von Christinas abgelegten Negligés aus der Reisetasche – schon etwas … sagen wir … merkwürdig.

Hinzu kam, dass Anna meinen Blick auf ihr Dekolleté registriert hatte und daraufhin den Reißverschluss langsam – und ich meine wirklich laaangsam – wieder nach oben zog. Dies aber nicht nach dem Motto: Huch, das Schwein hat mir in die Jacke geschaut, schnell zu machen!, sondern mit einem lächelnden Blick, nach dem Motto: Das könnte heute Nacht dein Hauptpreis sein!

Leicht verwirrt schaute ich zu Patrick Swayze herüber. Was würdest du tun, tanzender Lüstling? Doch Patrick war gerade mit anderen Dingen beschäftigt und konnte mir nicht helfen.

Anna seufzte, drehte ihren Kopf zu mir und sagte leise: „Bitte lach jetzt nicht, das klingt nämlich vielleicht etwas kitschig, aber ich würde es trotzdem gern sagen.“

Gespannt wartete ich ab.

„Ich fühl mich hier … irgendwie geborgen.“

„Liegt vielleicht am Wein“, bemerkte ich mit spöttischem Unterton.

Ohne eine Regung sah sie mich an und sagte mit leichter Verärgerung: „Ich habe das ernst gemeint!“

Ich schaltete schnell von lustig auf ernst um und sagte: „Ich fühle mich geschmeichelt. Danke.“

Anna winkelte ihre Beine an und legte sich die Decke darüber. Als Nächstes zog sie sich unter der Decke die Wollsocken aus und ließ sie auf den Boden fallen.

Nach einer kurzen Pause fragte sie abrupt: „Ist das hier eigentlich verwerflich?“

„Ist was verwerflich?“, hakte ich nach und meinte, erste Schweißperlen auf meiner Stirn zu spüren.

Anna trank einen weiteren Schluck Wein. „Na ja, wir sitzen hier und trinken Wein und reden und lachen und sind so vertraut und … das ist irgendwie komisch.“

Nun standen definitiv Schweißperlen auf meiner Stirn, meine Stimmbänder hatten die Funktion eingestellt und ich schluckte überdeutlich. Aber sie war noch nicht fertig, genoss scheinbar, mich in die Ecke gedrängt zu haben.

„Na ja, ich meine … normalerweise sitzt doch ein Paar so auf der Couch und verbringt den Abend?“, ergänzte sie.

„Du machst dir Gedanken“, sagte ich schulterzuckend und lachte ein zu bisschen laut. „Darauf würde ich im Leben nicht kommen. Worauf willst du hinaus?“

Anna kaute auf ihrer Unterlippe und überlegte. Dabei zog sie sich die Decke ein Stück nach oben, sodass ihre Fußspitzen herausschauten. Ich schluckte und blickte erneut hin. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Anna Beinbekleidung aus Nylon trug.

Großer Gott!, durchfuhr es mich. Erst das Negligé, jetzt die Strümpfe … das war doch kein Zufall. So was zog man doch nicht an, wenn man nicht … also, in der Tasche waren doch auch T-Shirts und … sie hatte ja die Socken … Meine Gedanken überschlugen sich. Wollte sie … würde sie … wollte ich?

„Ich muss aufs Klo!“, rief ich, sprang auf und Anna erschrak.

„So dringend?“ Sie lachte über meine komische Einlage. „Hab’s lange angehalten“, gab ich zurück und fügte im Gehen albern hinzu: „Geh nicht weg, ich komme wieder.“

„Hatte ich nicht vor“, rief sie mir hinterher.

Im Badezimmer ließ ich das Waschbecken mit kaltem Wasser volllaufen und tauchte mehrfach meinen Kopf hinein. Danach schaute ich mich im Spiegel an und brütete über den Dingen, die da passierten. Die Tatsache, dass ich zumindest in meiner Fantasie keinerlei Skrupel hatte, etwas mit Anna anzufangen, war ja kein Problem. Aber die Tatsache, dass das Ganze ziemlich real wurde … oder bildete ich mir das nur ein? Wenn ich ehrlich zu mir war, musste ich zugeben, dass ich irgendwie Gefühle für sie hegte. Verdammt! Das durfte doch nicht wahr sein. Ich war doch in einer glücklichen Beziehung, oder? Konnte man es überhaupt eine glückliche Beziehung nennen, wenn man anfing, Gefühle für jemand anderen zu entwickeln?

Abermals tauchte ich mein Gesicht in das kalte Wasser, kam aber nicht schlauer wieder heraus. Was würde Patrick Swayze tun?

Ich trocknete mein Gesicht ab, erledigte meinen Toilettengang und begab mich wieder ins Wohnzimmer.

„Na, alles wieder gut?“, fragte Anna, als wenn sie eine Ahnung davon hatte, warum ich ins Bad gestürmt war.

„Alles gut“, sagte ich beiläufig und setzte mich auf die Couch.

Anna hatte ihre Füße wieder bedeckt, allerdings befand sich dafür der Reißverschluss erneut in einer sehr fragwürdigen Position. Der lachsfarbene Stoff des Negligés lugte hervor und schien zu rufen: „Komm zu mir! Scheu dich nicht. Ich bin nur für dich hier!“

„Hast du eigentlich einen Freund?“, fragte ich spontan, um von diesem Gedanken wegzukommen.

Anna schaute mich verdutzt an und parierte mit: „Warum fragst du?“

Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, warum ich dir diese dämliche Frage stelle. Vielleicht, weil du mich so was von heiß machst, dass ich langsam meinen Namen vergesse? Du sitzt hier in Nylon und Negligé, getarnt unter einer alten Hose und einer Jacke, die aufgrund der Temperaturen unnötig wäre, und vermittelst mir den Eindruck, ich müsse nur den ersten Schritt gehen, damit wir beide einen richtig tollen Abend haben! Ich verwarf diese Antwortmöglichkeit und sagte stattdessen: „Nur so, bin neugierig.“

Annas Augen strahlten und sie lächelte verschmitzt. „Willst du mich etwa ausfragen?“

„Nein! Ich …“, protestierte ich und trank noch einen großen Schluck Wein, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. „Es tut mir leid. Geht mich ja nichts an. Vergiss es“, sagte ich mit entschuldigender Stimme und schaute nach Patrick, der gerade versuchte, dem lockigen Huhn das Tanzen beizubringen.

„Nein“, sagte Anna. „Das war auch so ein Grund für mein …“, sie zeigte auf ihr Gesicht und ihren Körper, „… Schwarz.“

„Der letzte war ein Arschloch?“

„Korrekt“, bejahte sie und schien an ihn denken zu müssen.

Wir schwiegen eine Weile, bis ich mir ein Herz fasste. „Ich weiß zwar nicht, ob ich der Richtige bin, aber falls du reden möchtest.“

„Das ist sehr lieb von dir, aber das ist nicht mehr der Rede wert und auch schon ziemlich lange her.“ Dabei lachte sie und machte eine wegwischende Handbewegung. „Und bei dir?“, fragte sie unvermittelt und ich schwankte zwischen witzigem Kommentar und ernsthafter Gegenfrage. „Bei mir?“

„Na, du und Christina“, erkundigte sie sich.

„Alles gut, denke ich“, antwortete ich unüberlegt.

„Das hört sich aber nicht … entschuldige, ich gehe zu weit.“

 „Schon gut. Ich habe dich ja schließlich auch gefragt. Es ist halt, wie es in einer Beziehung so ist, die … sagen wir mal … schon etwas reifer ist. Man gewöhnt sich halt aneinander“, sagte ich.

„Und der Sex?“, erkundigte sie sich ziemlich ungeniert.

„Der Sex?“, fragte ich, als wenn ich die Frage nicht verstehen würde.

„Ja, ich meine, wie ist das mit dem Sex, wenn man so lange zusammen ist?“

Du kannst Fragen stellen“, bemerkte ich, schüttelte den Kopf und antwortete belustigt: „Den gibt es immer noch.“

„Sorry, ich glaube, ich bin da etwas zu persönlich geworden“, entschuldigte Anna sich.

„Kein Problem. Aber ganz ehrlich … ich weiß nicht, ob ich mich mit dir über Sex unterhalten will“, sagte ich und Anna sah mich umso interessierter an.

„Weil ich …?“, fing sie einen Satz an.

„Weil du …“, beendete ich meinen Satz ebenso wenig, schüttelte den Kopf, fing erneut an: „Anna, du bist ein bildhübsches Mädchen, sitzt hier leicht bekleidet auf meiner Couch, und ich bin ein Kerl, der dich mag, dich schätzt, wenn auch vielleicht erst seit heute Nachmittag.“

Anna grinste.

„Aber ich … ich fühle mich irgendwie … Ich weiß genau, dass das nicht richtig ist und ich das auch nicht sagen sollte, aber …“

Sie legte mir einen Finger auf den Mund, zog den Reißverschluss ihrer Jacke nach unten, und ich ließ meinen Blick auf ihren durch das Negligé nur unzureichend verhüllten Oberkörper fallen. Ich atmete nach einem Moment der Starre tief ein, und Anna nahm meine Hand und führte sie langsam zu sich, legte sie auf ihre Brust und schloss die Augen. Wie gelähmt schaute ich sie aus großen Augen an und wusste nicht, was ich tun sollte.

Geräusche aus dem Flur ließen uns in gefühlter Lichtgeschwindigkeit mindestens einen Meter zwischen uns bringen. Polternd kam Markus den Flur entlanggestolpert und schwang sich, auf seine Füße achtend, ins Wohnzimmer.

Anna kämpfte noch mit ihrem Reißverschluss, der sich nicht wieder nach oben ziehen ließ, schaute mich panisch an und zog im letzten Moment die Decke nach oben, was Markus, der uns nun anblickte, Gott sei Dank nicht mitbekam.

„Na, ihr Couch-Potatoes? Will jemand ein Bier?“, grölte er laut in den Raum.

Zutiefst verärgert, wenn nicht sogar voller Hass, rief ich ihm entgegen: „Geht’s ein bisschen leiser?“

Markus schaute mich mit großen Augen an, murmelte ein: „ʼtschuldigung!“, und verschwand wieder aus dem Zimmer.

Anna und ich sahen uns betroffen, irritiert und ertappt an. Sie zog schließlich den Reißverschluss nach oben, nahm die Wollsocken vom Fußboden und zog sie, während sie unschuldig lächelnd zu mir sah, wieder an.

Markus kam mit einer Flasche Bier ins Wohnzimmer zurück und ließ sich in den Sessel fallen. Ich blickte Anna mit einer Mischung aus Sehnsucht, Verlangen und Traurigkeit an. Sie streichelte mir in einem Moment, in dem Markus wegsah, über den Arm und schaute mich sehnsüchtig an. Ich versuchte ihr einen Blick zuzuwerfen, der ihr klar machen sollte, dass ich sie wollte. Ich hätte vor Wut schreien können.

„Können wir umschalten?“, fragte Markus, der scheinbar erst jetzt bemerkte, was im Fernsehen lief. Noch ehe ich explodieren konnte, legte Anna zu mir gewandt den Finger auf ihre Lippen und sagte dann zu ihm: „Klar doch, gern!“

Wie ein Löwe im Käfig saß ich neben Anna auf der Couch und versuchte mein Gefühlsleben auf die Reihe zu bekommen. Es gelang nicht. Meine Gedanken schwappten durch meinen Kopf und fanden keinen Halt. „Ich geh eine rauchen“, sagte ich verstimmt und stand auf. Während ich das Wohnzimmer verließ, vernahm ich noch Markus, der zu Anna sagte: „Was ist denn mit dem los?“

Anna log geschickt. „Hast dich vorhin ganz schön danebenbenommen.“

Ich stellte mich auf die Terrasse, beobachtete die Wolken, die sich kaum noch vom dunklen Himmel unterschieden, lauschte den herabprasselnden Regentropfen, zog an meinem Zigarillo und fluchte leise über Markus, als plötzlich Anna neben mir stand.

„Es tut mir leid. Ich hätte nicht …“, stammelte sie.

„Es gehören immer zwei dazu“, sagte ich und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie nickte.

Still nebeneinanderstehend rauchten wir, sie eine ihrer zerknautschten Zigaretten, ich meine Moods, und wir schauten in die Dunkelheit.

„Markus wird wohl noch eine Weile wach sein. Du kannst im Schlafzimmer schlafen, ich penne auf der Couch“, bot ich ihr an.

Lächelnd und ohne ein Wort zu sagen nickte sie, drückte ihre Zigarette aus, mir einen viel zu langen Kuss auf die Wange und ging nach drinnen. Ich überlegte kurz, ob ich sie festhalten sollte. Einfach nur festhalten.

Ich ließ sie gehen, stand noch eine Weile da, blies Rauch in die Luft und begann völlig ungeniert zu heulen. Ich rückte mir einen der Luxussessel zurecht und ließ den Tag Revue passieren.

Später ging ich nach oben, duschte und blieb auf meinem Weg ins Wohnzimmer vor der geschlossenen Schlafzimmertür stehen. Vorsichtig legte ich meine Hand auf die Klinke.

„Hey, Alter, sorry wegen vorhin!“

Ich machte einen Satz zur Seite und fühlte mich ertappt. Vor mir stand Markus mit entschuldigender Miene.

Ich winkte ab, und brummte leise: „Alles gut!“, dann ging ich ins Wohnzimmer, ließ mich auf die Couch fallen, deckte mich mit Annas Decke zu, versuchte ihren Geruch daran zu erschnuppern und schlief in Gedanken an sie ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, prasselte sofort der vergangene Abend wie ein Steinschlag am Berghang in meinen Kopf zurück. Ich wusste nicht, was ich tun, wie ich agieren sollte, richtete mich widerwillig auf und sah auf die Uhr, deren Zeiger auf halb neun standen.

Gemächlich erhob ich mich, ging in Richtung Badezimmer und sah, dass die Schlafzimmertür offen stand, und begab mich leise hinein. Die Betten waren sorgfältig gemacht – keine Spur von Anna. Mein Herz setzte aus und ich eilte nach unten. Markus saß in der Küche und aß Cornflakes. Ich musste mich beruhigen, bevor ich ihn nach Anna fragen konnte, atmete tief ein und wieder aus, ging an den Tisch. Mit einem versucht fröhlichen: „Moin“, begrüßte ich ihn, dann blickte ich mich um und fragte beiläufig: „Ist Anna schon wach?“

„Die ist schon weg, hat den Bus genommen!“ Seine Antwort fühlte sich an wie ein Donnerschlag. Mein Herz verkrampfte sich und ich hielt mich am Tisch fest. Sie hat was? Ohne ein Wort? Einfach abgehauen?, schrie ich innerlich. Zu Markus sagte ich: „Ah, ja.“

„Cornflakes?“, fragte der.

Ich verneinte und ging unter dem Vorwand, dass ich aufs Klo müsse nach oben, wo ich mich aufs Bett setzte. In meinem Kopf raste es. Warum war sie einfach gegangen? Warum kein Adieu? Nicht mal Frühstück?

Ich konnte meine Gedanken nicht ordnen und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Und da wurde mir klar, was ich für sie empfand. So hart es auch schien, es war die beschissene Realität.

Lustlos stand ich auf und ging wieder nach unten, machte mir einen Kaffee und setzte mich zu Markus. „Noch mal wegen gestern, die haben mir da so einen komischen Schnaps angedreht und noch einen und noch einen. Es tut mir wirklich leid, wenn ich Umstände gemacht habe“, entschuldigte er sich.

Ich versuchte zu lächeln und sagte: „Halb so schlimm. Ist ja nichts passiert.“

„Ist mir trotzdem peinlich!“, versicherte er mir.

Und noch während ich mit Markus sprach, spukte erneut Anna durch meinen Kopf und wollte nicht verschwinden. So sehr ich auch versuchte, dagegen anzukämpfen, ich schaffte es nicht. Schon hatte ich wieder ihr Lächeln vor Augen, ihre Lippen, ihre von durchsichtigem Stoff bedeckten Brüste … Brüste!

„Guten Morgen, ihr zwei!“ Christina stand auf einmal in der Küchentür.

„Huagrmpf!“, oder so ähnlich schreiend, sprang ich, in meinem Tagtraum gestört, auf. Sie sah mich kurz komisch an und kam dann – mit für meinen Geschmack absolut unpassender Fröhlichkeit – in die Küche. Ich blickte auf, lächelte gequält, empfing einen Kuss von ihr und widmete mich dann wieder meinem Kaffee.

„Hast Anna verpasst“, sagte Markus zwischen zwei Löffeln Cornflakes.

„Anna war hier?“, fragte Christina stutzig.

„Jepp! Sie wollte zu Markus. Der ist abgehauen, weil er eigentlich das Abendessen für das Klassentreffen besprechen wollte, hat sich dann aber von der Dorfjugend abfüllen lassen. Dann hat Anna mit mir zu Abend gegessen, den Bus verpasst, mich gezwungen Dirty Dancing zu schauen, hat hier gepennt und ist vor … keine Ahnung … einer halben Stunde heimgefahren“, fasste ich zusammen.

Christina brach in lautes Gelächter aus. „Du hast mit meiner Schwester Dirty Dancing geschaut?“

„Sie hat mich gezwungen! Markus musste ja seinen Rausch ausschlafen.“

Christinas Gelächter wich einem fragenden Gesicht. „Das musst du mir noch mal in Ruhe erklären.“

„Die Langfassung kannst du gern später haben. Ich muss erst mal aufs Klo.“

Markus schaute mich an und bemerkte: „Du warst doch grad erst auf der Toilette?“

Ich beendete das Gespräch mit: „Ich muss groß!“, und verließ den Raum.

DAS UNIVERSUM SCHLÄGT ZURÜCK

Acht Wochen später saß ich wie gewöhnlich in meinem Büro und kämpfte mit den Unterlagen des aktuellen Projektes, welches nicht mal mehr ansatzweise im Zeitplan lag. Ich hatte seit dem schicksalhaften Abend im Juli nichts von Anna gehört, geschweige denn sie gesehen. Natürlich hatte ich überlegt, Christina oder Markus nach ihrer Nummer zu fragen, verwarf den Gedanken aber immer wieder. Ich hatte sogar daran gedacht, Christina zu fragen, ob wir nicht mal wieder ihre Mutter besuchen wollten, wo ich Anna mit Sicherheit gesehen hätte.

Ich fragte mich, wie sie reagieren würde? Würde sie heulend durchs Haus rennen oder mir um den Hals fallen? Egal welche Option mir in den Sinn kam, sie würde nicht funktionieren.

Was mir in dieser Zeit jedoch besonders zu schaffen machte, waren Christinas Versuche, sich mir anzunähern. Jedes Mal blockte ich ab, behauptete ich sei müde oder überarbeitet. Klar, mein schlechtes Gewissen belastete mich, aber es war auch … na ja … Christina war halt Christina. Ich kannte sie in- und auswendig. Ob angezogen oder nackt. Mit guter oder schlechter Laune. Sie war halt zu meinem Alltag geworden, wir funktionierten miteinander. Und dann dieser Abend mit Anna, diese erfrischende Brise in meinem Leben, dieser quirlige, verrückte und völlig andere Typ Mensch. An manchen Abenden saß ich allein da und wägte ab, was ich hatte und was ich hätte haben können.

Letztendlich gab ich mich jedoch wieder meinem alltäglichen Leben hin und hoffte, Anna, die ich ja davor auch so gut wie nie gesehen hatte, einfach zu vergessen. Es war nichts wirklich Schlimmes passiert und vielleicht sollte es so sein, dass ich – und das wäre es mit Sicherheit geworden – an einer Katastrophe vorbeigeschrammt war.

Mittlerweile war es Ende September und der Herbst hatte die Stadt fest im Griff. Die Blätter fielen von den Bäumen, in den Supermärkten dominierten die Weihnachtsartikel und sehr zu meinem persönlichen Bestürzen erfuhr ich auf Wikipedia, dass Patrick Swayze schon vor ein paar Jahren gestorben war.

Ich quälte mich aus dem Bürostuhl und ging hinaus auf den Flur. Vor dem Büro gegenüber standen zwei Kollegen, die ich eigentlich nicht unbedingt sehen wollte. Schnell hielt ich mir das Mobiltelefon ans Ohr und tat so, als ob ich mit jemandem sprechen würde. Sie ließen mich glücklicherweise kommentarlos passieren und ich ging den Flur entlang zum Raucherraum. Hinter meinem Ohr klemmte ein Zigarillo, den ich mir flugs ansteckte und den Rauch genüsslich in Richtung des Abluftventilators blies.

Im Augenwinkel sah ich zwei Damen um die Ecke biegen und folgte ihnen mit den Augen. Ich sah die beiden zwar nur von hinten – eine war blond, eine rothaarig –, aber … die Figur … der Gang … Anna?

Jetzt bist du total bescheuert!, sagte ich zu mir selbst, wischte den Gedanken beiseite und zog erneut an meiner Moods. Doch die Neugier war stärker.

Ich schnipste den Zigarillo in den Aschenbecher, eilte den Flur entlang, sah gerade noch, wie die beiden hinter einer weiteren Ecke verschwanden, und lief meinen beiden Spezialkräften in die Arme.

„Gut, dass wir dich treffen“, bemerkte Dick, während Doof aus seinem Kaffeebecher schlürfte.

„Jungs, ich hab’s eilig, ich habe eine Telefonkonferenz mit dem Alten und Dick van Willie“, beeilte ich mich mitzuteilen und versuchte, mich an den beiden vorbei zu drängeln.

„Mit wem?“, fragte Dick.

„Na mit dem neuen Marketing-Oberindianer, dem Holländer! Wisst ihr noch nicht Bescheid?“, tat ich empört. Zwei ungläubige Augenpaare musterten mich und guckten einander dann ziemlich bedröppelt an. Ich setzte mein herzlichstes Lächeln auf und tat geheimnisvoll. „Der Chef hat ihn von der Konkurrenz abgeworben, ein ganz harter Knochen“ Innerlich platzte ich vor Lachen, versuchte mich aber zu beherrschen und lief den Flur entlang und um die nächste Ecke – doch niemand war mehr zu sehen.

Nach einer kurzen Pause, die ich brauchte, um wieder zu Atem zu kommen, musste ich mich selbst für meine Hirngespinste auslachen. Ich nahm einen anderen Weg zurück zu meinem Büro, setzte mich an den Schreibtisch – und schon war Anna wieder in meiner Gedankenwelt angekommen.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie mit ihren roten Haaren und einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen vor meiner Tür stehen und mir um den Hals fallen würde.

„Schnauze!“, sagte ich laut zu mir selbst und widmete mich wieder meiner Arbeit.

Exakt um 14:03 Uhr klopfte es an meine Bürotür.

„Ja!“, brüllte ich, und die Klinke wurde heruntergedrückt.

„Hallo, ich wollte nicht stören“, sagte unser Special Human Resources Director, oder wie das hieß, und blickte durch seine bescheuerte Hipster-Brille in mein Büro. „Ich wollte der neuen Auszubildenden nur kurz die Firma zeigen.“

„Ja, okay“, brummte ich.

Justin Petermann, zugewandert aus einem unerforschten Kölner Ghetto und ausgestattet mit einem Mundwerk, welches perfekt den rheinischen Regiolekt beherrschte, ging einen Schritt zur Seite. Eine junge Frau, die mir irgendwie bekannt vorkam, stand daraufhin im Türrahmen und schaute mich an.

Ich schaute genauer hin und zuckte zusammen. Vor mir stand Anna.

Das schwarze Haar war verschwunden und ihrem natürlichen Rotblond gewichen, sie trug dezentes Make-up, eine hellblaue Jeans, eine weiße Bluse, rote Chucks – und war einfach anbetungswürdig.

Meine Augen klebten an ihr und ich war unfähig zu sprechen.

Petermann missdeutete meinen Blick und sagte schnell: „Dann wollen wir Sie mal nicht weiter stören“, und schloss die Tür wieder.

Heilige Scheiße, was …!?, durchfuhr es mich. Ich blickte unverwandt zur Tür, dann zum Fenster, wieder zur Tür und auf den Ordner vor mir. War das grad …? Unmöglich! Die kleinen Rädchen in meinem Gehirn versuchten verzweifelt, sich zu ordnen, um passend ineinander zu fassen, ein logisches Bild zu formen und mir etwas zu präsentieren, mit dem ich klar kam. Warte mal, vorhin auf dem Flur … dann also doch. Irre!

Ich nahm das Telefon, wollte Christina anrufen und fragen, ob sie wisse, ob ihre Schwester … Bescheuerte Idee! Ich legte den Hörer wieder weg, klappte den Ordner auf meinem Tisch zu und ging hinaus, blickte links und rechts den Flur entlang, doch bis auf die Putzfrau sah ich niemanden. Langsam ging ich wieder rückwärts in mein Büro, schloss die Tür mit einer Vorsicht, als sei sie aus Zuckerguss, stellte mich ans Fenster und schaute starr nach draußen.

Das Telefon klingelte schon eine ganze Weile, ehe ich es wirklich bemerkte. Ich nahm ab.

„Was ist mit dem Projekt Frankfurt III? Fertig?“, vernahm ich die Stimme meines Chefs.

„Ende der Woche, nur noch ein paar kleine Korrekturen.“

„Bitte, das ist wirklich dringend!“, ermahnte er mich und ich versicherte ihm, dass es pünktlich fertig werden würde und legte auf. Ich hatte jetzt keinen Nerv dafür, stellte mich wieder ans Fenster, beobachtete die vorbeiziehenden Wolken, die von den Bäumen fallenden Blätter und mir war klar, dass ich Anna sehen musste.

Nach etwa zwanzig Minuten des sinnfreien Grübelns und dem Versuch, ein Bild von ihr vor meinem inneren Auge zu rekonstruieren, wählte ich die Nummer vom Personaler.

„Petermann?“, meldete sich dieser am Telefon.

„Ja, Berger hier“, sagte ich mich süßer Stimme. „Grad eben … Ich wollte nicht unfreundlich sein, ich habe nur viel zu tun.“

„Kein Problem. Ich wollte sie ja auch wie gesagt nicht stören“, flötete er mir zu.

„Die neue Auszubildende, mit der sie grad da waren … in welcher Abteilung arbeitet sie?“, fragte ich versucht beiläufig.

„Buchhaltung“, flötete Petermann wie gewohnt.

„Könnte ich mir die … na ja … mal ausleihen?“, bat ich mit Engelsstimme. „Ich habe hier ‚Frankfurt III‘ liegen und da sind noch ʼne Menge Belege. Ich könnte etwas Hilfe gebrauchen“, strickte ich meine erlogene Geschichte weiter.

„Die hat aber gerade erst angefangen, ich weiß nicht, ob sie Ihnen da schon behilflich sein kann“, durchkreuzte Petermann meinen Plan und ich überlegte schnell.

„Muss mir ja nur beim Sortieren zur Hand gehen, da lernt sie nebenbei gleich was dazu.“

„Na gut, hier kann sie eigentlich im Moment eh noch nichts machen. Ich schicke sie Ihnen rüber. Aber nicht kaputtmachen“, sagte er und versuchte wohl, witzig zu sein, dann legte er auf, ehe ich mich bedanken konnte.

Wie ein wildgewordener Affe rannte ich in meinem Büro herum. Von links nach rechts, von der Tür zum Fenster. Ich konnte es kaum erwarten, Anna wiederzusehen. Der denkwürdige Tag im Juli fiel mir wieder ein und rauschte in bunten Bildern durch meinen Kopf.

Ich besah mich im Spiegel der kleinen Nasszelle in meinem Büroschrank, empfand mich als vorzeigbar und richtete sinnloserweise die Papiere auf meinem Tisch. Dann lief ich erneut hin und her, überlegte, was ich sagen oder fragen sollte und schaute erneut in den Spiegel, als es plötzlich klopfte. Übermütig warf ich mich in meinen Bürostuhl und sagte geschäftig: „Herein!“

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Klinke nach unten bewegte, dann öffnete sich die Tür und Anna stand vor mir.

Wir schauten uns, ohne ein Wort zu sagen, an. Kein Lächeln, keine Mimik, nichts. Ich versuchte das Bild zu inhalieren, zu konservieren, war verzaubert von ihr.

Langsam stand ich auf, ging auf sie zu und sagte leise: „Ich habe dich vermisst.“

Anna lief eine Träne über die Wange, doch dann wurde sie schlagartig vorwurfsvoll: „Warum?“

Irritiert schloss ich die Tür. „Warum, was?“

Anna ging langsam zu einem der Stühle am Konferenztisch, setzte sich, vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte laut. Nach einer Weile hob sie den Kopf und schaute mich aus geröteten Augen an. „Ich versuche dich zu vergessen, versuche mein Leben zu ordnen, versuche einen Ausbildungsplatz zu finden,  komme langsam voran, alles läuft, ich schaffe es mittlerweile einzuschlafen, ohne an dich denken zu müssen … Und dann stehst du vor mir an einem Ort, an dem ich dich nicht einmal im Entferntesten vermutet hätte, und sagst, du hättest mich vermisst?“ Heulend sank sie in sich zusammen.

Ich reichte ihr eine Packung Taschentücher und stand einfach nur da. „Anna, ich …“, begann ich, wurde aber von ihr unterbrochen.

„Verdammt!“, begann sie – nun deutlich lauter – und schaute mich aus diesen wundervollen, grünen Augen an: „Verstehst du es denn nicht?“ Sie schnäuzte sich die Nase, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. „Sei es drum. Scheint wohl meine Strafe zu sein.“

„Wie meinst du das?“, fragte ich verwirrt und hätte sie am liebsten in den Arm genommen, sie geküsst und festgehalten. Während ich darüber nachdachte, wurde mir schlagartig klar, dass ich meine Gefühle für sie die ganze Zeit unterdrückt hatte, diese aber augenblicklich umso heftiger wieder zum Vorschein kamen. Ich holte tief Luft, meinte dabei, mein Magen würde sich umdrehen, überlegte mir einen brauchbaren Satz und atmete wieder aus. Als ich gerade ansetzen wollte, unterbrach sie mich.

„Es tut mir leid“, sagte sie entschieden. „Meine Gefühlsduselei hat hier nichts zu suchen. Ich habe die Ausbildung gerade erst angefangen und möchte hier arbeiten.“ Und nach einer Pause, in der ich einfach nur dastand und dumm schaute, weil mein sorgsam geplanter Satz irgendwie überhaupt keinen Sinn mehr machte, sagte sie: „Also, was soll ich tun?“

„Wie, was sollst du tun?“, fragte ich irritiert.

„Du hast mich doch herbestellt“, bemerkte sie.

„Ich habe dich nicht herbestellt, ich wollte dich sehen! Deshalb habe ich dem Hippie gesagt, ich bräuchte Hilfe“, versuchte ich zu erklären.

Schweigend setzte sie sich wieder und spielte nervös mit ihren Händen.

„Möchtest du einen Kaffee?“, versuchte ich das Eis zu brechen.

„Ja, gern“, sagte sie leise und ich schaltete die Espressomaschine ein. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich sie sehnsüchtig ansah, während sie stur auf den Tisch vor sich schaute.

„Milch, Zucker?“, fragte ich.

„Milch, bitte“, flüsterte sie und nestelte an ihren Händen herum. Ich stellte ihr den Kaffee auf den Tisch, nahm meine Tasse vom Schreibtisch und setzte mich zu ihr. Den Blick weiterhin von mir abgewandt, rührte sie in ihrer Tasse und schaute aus dem Fenster.

„Wissen die, dass wir uns kennen?“, versuchte ich ein Gespräch zu beginnen und Anna rollte mit den Augen.

„Vor einer halben Stunde wusste ich noch nicht einmal, dass du hier arbeitest! Und nachdem ich dich gesehen und meine Fassungslosigkeit unterdrückt habe, nur um zwanzig Minuten später zu dir beordert zu werden, da hatte ich wenig Lust durch die Büros zu laufen und es kundzutun.“

Ich trank einen Schluck kalten Kaffee und nickte. „Es tut mir leid. Ich wollte dir nicht wehtun“, sagte ich und suchte ihren Blickkontakt.

Anna wandte sich zu mir, schluckte und fragte: „Wie geht’s Christina? Hab sie seit … na, du weißt schon … eine Weile nicht mehr gesehen.“

„Ihr geht es gut. “

„Weiß sie … hast du ihr was gesagt?“, erkundigte sie sich.

„Gott bewahre!“, sagte ich und hob abwehrend die Hände.

Es klopfte an der Tür, und ich nahm schnell ein paar Ordner von meinem Schreibtisch, warf sie förmlich auf den Konferenztisch und rief: „Ja!“

Frau Schmidtgen aus der Buchhaltung stand in meinem Büro, lächelte erst Anna, dann mich an und sagte mit zuckersüßer Stimme: „Herr Berger, ich weiß zwar, dass Herr Petermann Ihnen Frau Lehmann zur Verfügung gestellt hat, aber die Azubis haben gleich ihre Arbeitsschutzunterweisung.“

Ich nickte verständlich, bedankte mich förmlich bei Frau Lehmann für ihre Hilfe und entließ sie. Anna stand auf, folgte Frau Schmidtgen zur Tür, drehte sich noch einmal um und warf mir diesen jahrtausendealten Frauenblick zu, der mir sagen sollte: Wir sind noch nicht fertig!

Nun saß ich allein in meinem Büro, versuchte meiner Gedanken Herr zu werden und hielt es für das Beste, mich mit „Frankfurt III“ abzulenken.

Als ich auf mein Handy schaute, das einen Anruf signalisierte, stellte ich erstaunt fest, dass es schon kurz nach 19:00 Uhr war. Christina rief an, um mir mitzuteilen, dass es bei ihr später werde, da sie im Stau stehe.

„Ich bin eh noch in der Firma, habe irgendwie die Zeit verpasst“, teilte ich ihr mit und zog mir, während ich mir den Hörer ans Ohr klemmte, die Jacke an. „Fahr vorsichtig. Ich mache jetzt auch los“, sagte ich und legte auf.

Draußen regnete es und kalter Wind wehte die Blätter über die Straße. Ich zog meinen Kragen nach oben und hastete zu meinem Auto. Immer wieder tauchte Anna in meinem Kopf auf und ich überlegte, ob ich Christina erzählen sollte, dass ihre Schwester jetzt bei uns arbeitete. Natürlich wirst du ihr das erzählen!, sagte ich zu mir selbst. Sie ist ihre Schwester. Mach dich doch nicht lächerlich. Sie ist ja für Christina keine Rivalin … also, irgendwie schon … aber sie würde es nicht vermuten, sinnierte ich.

„Schnauze!“, trichterte ich mir gleich darauf ein und bog mit aufheulendem Motor auf die Hauptstraße ab.

Christina kam gegen 21:30 Uhr erschöpft nach Hause.

„Wie war Bonn?“, fragte ich mit einem Glas Whisky im Wohnzimmer sitzend.

„Hör bloß auf! Diese blöden Marketingtypen gehen mir sowas von … und dann der Stau … aber egal. Jetzt bin ich zu Hause. Was war bei dir heute so los?“

„Gegenfrage“, sagte ich und trank einen Schluck. „Was macht Anna eigentlich?“

Christina schien nicht zu verstehen, worauf ich hinauswollte.

„So allgemein, meine ich?“, fügte ich hinzu und sie ließ sich auf die Couch fallen, schloss die Augen und legte ihre Füße hoch.

„Meine Mutter meinte letztens nur, dass sie seit ein paar Wochen wie verwandelt ist, normale Kleidung trägt, sich nicht mehr komisch schminkt und ihre Haare wieder in ihrem Naturton gefärbt hat. Aber warum fragst du?“

„Hat sie auch einen Job?“ Ich ließ nicht locker.

„Sie hat diese Woche eine Ausbildung ange…, warum interessiert dich das eigentlich?“

„Wo denn?“, bohrte ich weiter und konnte mir das Grinsen kaum noch verkneifen.

„Also hör mal, das weiß ich doch nicht!“ Sie wurde langsam sauer.

„Aber ich weiß es!“, sagte ich triumphierend und freute mich über ihren Gesichtsausdruck, der ziemlich drollig aussah. Nach einem weiteren Schluck Whisky erlöste ich sie und feixte: „Sie arbeitet bei mir in der Firma, in der Buchhaltung!“

„Das glaube ich ja nicht!“ Sie schaute mich mit großen Augen an.

„Du hättest mich heute mal sehen sollen, als sie vor mir stand“, beendete ich die Frage-und-Antwort-Runde und dachte dabei: Du hättest mich heute besser nicht sehen sollen, wie ich schockverliebt durch die Firma getigert bin.

„Hast du sie überhaupt erkannt?“, fragte Christina und holte mich damit in die Realität zurück. Mir fiel ein, dass ich ihr ja nach der besagten Nacht nicht alles und schon gar nicht in allen Einzelheiten erzählt hatte. Dass ich Anna besser kennengelernt hatte, als Christina lieb war. Innerlich grinsend, weil ich an nichts anderes als an Annas Augen, Lippen und Brüste denken konnte, sagte ich: „Ja, auf den zweiten Blick.“

„Na dann hoffe ich mal, dass sie nichts anstellt. Nicht, dass da noch was auf dich zurückfällt.“

„Ach Quatsch. Aber falls dir mal jemand sagt, dass ich ständig mit unserer Auszubildenden rumhänge, weißt du ja Bescheid“, feixte ich und hielt mich in diesem Moment für überaus clever.

„So gut kennt ihr euch doch gar nicht?“, warf Christina ein und hatte damit von ihrem Wissensstand aus gesehen ja auch recht.

„Das war ein Scherz“, versuchte ich die Kurve zu bekommen.

„Manchmal bist du komisch“, sagte sie nachdenklich und erhob sich.

„Wo willst du hin?“, fragte ich.

„Ins Bett, ich bin müde. Die Autofahrt bei Regen und dann noch diese Schlipsträger … kommst du mit?“

Normalerweise wäre ich jetzt gern mit ihr ins Bett gegangen, hätte sie ein wenig massiert, gestreichelt und geliebt, aber heute war mir irgendwie nicht danach.

„Ich komme später nach“, sagte ich und nippte an meinem Glas.

„Mach nicht zu lange“, sagte sie liebevoll und ging ins Schlafzimmer.

Ich trank den Whisky aus, ging nach unten auf die Terrasse und steckte mir einen Zigarillo an. Obwohl ich mir gegenüber Christina heuchlerisch und mies vorkam, waren meine Gedanken bei Anna und ich freute mich auf den nächsten Tag. Ich habe dich vermisst!, schoss mir mein Satz von heute Nachmittag durch den Kopf, und so dämlich es sich anhörte, es war doch die pure Wahrheit.

„Scheiße“, entwich es mir. Ich legte die Kippe in den Ascher und ging wieder hinein. Auf dem Weg nach oben füllte ich meinen Whisky auf und schaute auf mein Mobiltelefon, welches mir eine neue Nachricht anzeigte. Ich setzte mich wieder in den Sessel, wischte über das Display und sah eine Mitteilung von einer mir unbekannten Nummer. Der geschriebene Text war nichtssagend.

Hallo.

Ich hasste solche Menschen, legte das Telefon beiseite und versuchte mit dem Glas Whisky in der Hand Horst Lüning nachzumachen, was übrigens umso besser gelingt, je mehr man trinkt. Während ich die goldfarbene Flüssigkeit in meinem überteuerten Original Glencairn Whiskyglas („das Beste der besten Whiskygläser“) unter meiner Nase hin und her wedelte, piepste mein Telefon erneut. „Was –?!“, schimpfte ich leise und stellte das Whiskyglas ab. Wahrscheinlich eine weitere Nachricht von meinem unbekannten Kontakt.

Ich bemerkte, dass ich langsam bessere Laune bekam, was entweder am Whisky oder … nein, es lag definitiv am Whisky. Vielleicht hatte ich die Wir-riechen-vier-Minuten-am-Whisky-bevor-wir-ihn-trinken-Horst-Lüning-Übung zu intensiv geprobt und der Alkohol hatte einfach den Weg über meine Nase gewählt und sich direkt in mein Hirn gefressen. Amüsiert über mich selbst nahm ich das Telefon und schaute auf die Nachricht.

Sorry, du hast ja wahrscheinlich meine Nummer gar nicht.

LG Anna

Meine Kinnlade fiel nach unten. „Mensch Mädchen, grad war es lustig“, flüsterte ich mir selbst zu, fügte den Kontakt als: Lehmann, Anna, hinzu und öffnete den Nachrichtenverlauf erneut. „Na, lecker!“, entfuhr es mir, als ich das Profilbild sah, welches eindeutig Anna zeigte.

Ich schickte ihr einen Daumen-hoch-Emoji, gefolgt von einem Grinse-Smiley, wobei ich mir hier nicht sicher war, welche Hautfarbe in welcher Nuance ich auswählen sollte. Ich hielt das Telefon neben meinen Arm, fand aber keine passende Farbe, überlegte, ob die Farbdarstellung in RGB oder CMYK war – und gab auf. Nicht dass mich irgendwann jemand anschwärzte (wobei das Wort in diesem Zusammenhang auch wieder unpassend ist), weil ich eine falsche Hautfarbe benutzt hätte, um mir vielleicht bei irgendwem, irgendwelche Vorteile zu verschaffen.

Ich löschte den Smiley und den Daumen-hoch-Emoji wieder und schrieb nüchtern:

Hallo Anna, ersten Arbeitstag noch gut überstanden?

Ja ging.

Der Petermann hat gefragt, ob wir uns kennen.

Und, was hast du gesagt?

Nichts, der wurde plötzlich zum Chef gerufen.

Was soll ich sagen, wenn er noch mal fragt?

Ist doch egal. Sag ihm, dass ich mit deiner Schwester liiert bin.

Liiert ist aber schon ein komisches Wort ☺

Wie sagt man denn sonst?

Keine Ahnung, klingt halt komisch.

… altmodisch.

Ich hoffe, du hast dich von deinem Schreck heute ein wenig erholt?

Ich wartete und wartete, trank meinen Whisky aus und wartete weiter. Es dauerte endlose Minuten. Gespannt blickte ich auf den Bildschirm, auf dem unter Annas Namen „schreibt …“ stand. Oh oh!, dachte ich. Jetzt kommt’s dicke! Kurze Zeit später las ich:

Naja, es war schon ziemlich heftig.

Vielleicht habe ich auch falsch reagiert.

Aber in der Situation … ich muss das glaube ich noch verarbeiten.

Irgendwie müssen wir ja zurechtkommen.

Vielleicht sollten wir uns mal in Ruhe unterhalten?

Ja, ich denke auch. Muss jetzt ins Bett. Schlaf gut.

Gute Nacht, träum schön!

Kaum hatte ich den Sende-Button gedrückt, rügte ich mich selbst. Träum schön? Was schreibst du denn für eine Scheiße?

Ich schaute in mein Whiskyglas, das leer war, und sich trotz intensivem und drohendem Augenkontakt nicht von selbst füllte, stellte es auf den Tisch und ging ins Bett.

MÖGEN SIE BRATHERING?

Am nächsten Morgen wachte ich gut gelaunt auf, nur um kurz darauf festzustellen, dass Anna der Grund dafür war. Christina war schon aufgestanden, wahrscheinlich sogar schon auf dem Weg zur Arbeit. Ich stand auf, kontrollierte und ordnete mein Fortpflanzungsorgan und ging in die Küche. Hier erweckte ich den Kaffeeautomaten zum Leben, wartete gähnend auf das schwarze Gold und kippte es gierig in mich hinein.

Es folgten in Rekordzeit: Morgentoilette, Büroklamotten anlegen, Maul auskehren und ab ins Office. Im Auto fiel mir auf, dass es gerade einmal acht war und ich normalerweise nie vor 9:00 Uhr im Büro aufschlug.

Egal!

Meine gute Laune untermauerte ich mit gitarrenlastiger Musik der Tanzkapelle Wechselstrom/Gleichstrom. Ich war richtig gut drauf.

An der vorletzten Ampel vor dem Büro hielt in seinem Toyota Hüüübrid Althipster Justin Petermann neben mir. Die Evolution an sich ist ja schon eine tolle Sache, aber immer, wenn ich mir das Peterle ansah, dachte ich: Autsch!

Petermann winkte fröhlich, als er mich erkannte, und ich nickte lässig zurück. Leider gehörte er zu der Kategorie Mitarbeiter unseres Unternehmens, die man sich warmhalten musste, und so verzichtete ich auf blödsinnige Aktionen, die er mir nachher zur Last legen konnte.

In meinem Büro schaltete ich den Kaffeevollautomaten ein und wartete auf meine Droge. Mit der vollen Tasse, auf der sich der Schaum lasziv rekelte, ging ich zu meinem Schreibtisch und startete den Computer. Während dieser seine Arbeit aufnahm, überlegte ich, wann Anna wohl in die Firma kommen würde und dass ich ihr dabei ja zufällig in die Arme laufen könnte. Ich verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder und versuchte mit „Frankfurt III“ fertig zu werden, damit ich das Projekt vom Tisch und dadurch etwas Luft hatte.

Es klopfte an der Tür.

Da ich normalerweise um diese Zeit noch nicht im Büro war, blickte ich skeptisch zur Tür und rief: „Herein!“

Vor mir stand Hippie-Justin und grinste. „Hallo, Herr Berger. Ich habe Sie vorhin an der Ampel gesehen“, freute sich der Hüüübrid-Fahrer.

„Ja, ich habe Sie auch gesehen“, sagte ich und tat beschäftigt.

„Ich wollte nur sagen, wenn Sie heute die Frau Lehmann noch mal brauchen, wenden Sie sich doch an die Petra … äh … Frau Schmidtgen. Sie weiß schon Bescheid“, sagte er fröhlich und blieb in Erwartung einer Antwort stehen.

„Ja, danke. Ich werde mal schauen“, sagte ich kurz angebunden und blätterte durch den vor mir liegenden Ordner.

„Kennen Sie und Frau Lehmann sich eigentlich?“, stocherte er weiter, und ich klappte den Ordner zu und schaute ihn einen Moment lang prüfend an.

„Das dürfen Sie aber keinem verraten, okay?“, sagte ich verschwörerisch, und Petermanns Ohren begannen zu wachsen. „Ich hatte mal was mit ihr. Da war sie aber noch nicht volljährig. Sie wurde schwanger und hat abgetrieben.“

Petermann stand mit offenem Mund in der Tür und war wie zur Salzsäule erstarrt.

„Mann, das war ein Witz!“, grölte ich laut lachend.

Petermann fing an, seine Gesichtsmuskulatur wieder zu bewegen, schaute mich grimmig an und bemerkte: „Mit so was macht man doch keine Scherze!“

Ich wusste, dass ich zu weit gegangen war, aber Hüüübrid-Justin hatte mich, so könnte ich das später auch vor Gericht bezeugen, einfach provoziert.

Langsam schloss er die Tür und es herrschte wieder Ruhe. „Opfer!“, rief ich leise und klappte den Ordner wieder auf.

Es klopfte erneut.

„WAS NOCH?“, rief ich, schlug den Ordner zu, und die Putzfrau betrat erschrocken mein Büro.

„Sorry, ich dachte, sie sind jemand anderes“, entschuldigte ich mich bei ihr und ließ sie ihre Arbeit machen. Die bestand daraus, den Papierkorb zu leeren und einmal über den Konferenztisch zu wischen.

Auch ein toller Job!, dachte ich und nickte ihr freundlich zu, als sie den Raum wieder verließ. Erneut öffnete ich den Ordner und erneut klopfte es.

„Herrgottsakramentnocheinmal!“, flüsterte ich, gefolgt von einem deutlichen: „NEIN!“

Die Tür blieb zu.

Ich wartete einen Moment, fluchte nochmal nachdrücklich und rief: „JA!“

Langsam bewegte sich die Klinke nach unten und Anna stand in der Tür.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte sie erschrocken.

Ich setzte ein Pokerface auf und sagte mit ruhiger Stimme in Don-Vito-Corleone-Manier: „Ich habe dich geschwängert, als du noch nicht volljährig warst, und dann hast du abgetrieben.“ Dann wartete ich grinsend auf ihre Reaktion.

Anna schaute mich einen Moment lang konsterniert an – und begann dann herzhaft zu lachen. „Davon wüsste ich aber, mein Bester!“

Augenblicklich musste auch ich lachen und wir brauchten einen Moment, um uns zu beruhigen. Ich erzählte ihr von meinen Begegnungen mit dem Personal-Hüüübrid und der Putzfrau, und Anna hatte Tränen in den Augen, aber diesmal zum Glück vor Freude. Nach ein paar Minuten Plausch ging sie wieder und ich blickte ihr sehnsüchtig nach.

Gegen 13:00 Uhr hatte ich „Frankfurt III“ endlich fertig und stiefelte mit den Ordnern zu meinem Chef. In seinem Büro, welches irgendwie muffig roch, legte ich die Akten auf den Konferenztisch und wartete. Franz Rengers Senior, unser Herr und Gebieter, betrat kurz nach mir den Raum.

„Herr Berger, schön, dass Sie da sind! Ist das –?“

„– Frankfurt III“, beendete ich den Satz und grinste zufrieden vor mich hin.

„Wenn ich doch nur mehr Mitarbeiter wie Sie hätte“, lobhudelte Rengers und klopfte mir auf die Schulter.

Warum fällt dir das nicht bei den jährlichen Gehaltserhöhungen ein, du … du Vogel, sagte ich still zu mir selbst, ohne dass mein Lächeln erstarb. Rengers streichelte liebevoll über die Akten und bat mich, Platz zu nehmen. „Mögen Sie eigentlich Brathering, Herr Berger?“, fragte er mich wie fast immer, wenn ich sein Büro betrat, und ich sagte meist so lustige Sachen wie: „Gelegentlich nach dem Saufen.“ Dann kicherte er immer und antwortete etwas wie: „Sie sind mir ja einer!“, und bot mir einen an. Ich verneinte mit Verweis auf meinen nervösen Magen und er ging zu seinem Schreibtisch und schob sich mit einer bereitliegenden Gabel einen Brathering, den er aus seiner Schublade angelte, in den Mund. Wahrscheinlich hatte er die lose da drin liegen und jeden Montagmorgen kippte er einen Eimer nach.

Ich muss hier raus! Es roch nach alten Menschen, Brathering und irgendwie auch nach Schweißfüßen. Ich blickte nervös auf die Uhr.

„Haben Sie noch was vor, Herr Berger?“, fragte Rengers, der meinem Getue endlich Aufmerksamkeit schenkte.

„Ja. Ich habe noch eine Menge Arbeit auf meinem Schreibtisch liegen“, log ich, und mit einem: „Wenn ich doch nur mehr Mitarbeiter wie Sie hätte!“, entließ er mich aus seinem Fischgrill.

Draußen atmete ich mehrfach tief ein und aus und roch auch vorsichtshalber an meinem Hemd. Nichts haften geblieben, frohlockte ich und begab mich zurück in mein Büro.

Gegen 14:00 Uhr rief ich Frau Schmidtgen an und bat um personellen Beistand in Form von Frau Lehmann.

„Die ist gerade bei Tisch“, zirpte Petra ins Telefon, versicherte mir aber, dass sie Anna nach Beendigung der Mittagspause zu mir schicken würde. Ich stellte mich ans Fenster und schaute nach draußen, beobachtete den Verkehr und wünschte mich auf eine kleine Insel im Pazifik.

Es klopfte.

Ich ging zur Tür, öffnete und vor mir stand Anna.

„Huch!“, sagte sie und fügte lächelnd hinzu: „Sonst schreist du doch immer.“

Ich blickte an ihr vorbei, prüfte links und rechts den Flur, zog sie herein und schloss die Tür.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte sie vorsichtig.

„Hast du Dick und Doof gesehen?“, erkundigte ich mich flüsternd.

„Wen?“ Sie runzelte ihre Stirn.

„Berthold und Wagner“, zischte ich leise.

„Kenn ich nicht“, sagte Anna kopfschüttelnd.

„Egal“, sagte ich und bot ihr einen Platz am Konferenztisch und Kaffee an.

„Wie lange hast du noch Pause?“

„Zehn Minuten etwa, warum?“

Ohne ein Wort zu sagen, ging ich zu meinem Schreibtisch und wählte die Nummer ihrer Chefin. Das Freizeichen ertönte zweimal, dann nahm sie ab.

„Schmidtgen?“, krächzte es aus dem Hörer.

Etwas zu überschwänglich trällerte ich: „Berger hier, ich habe sie! Also ich habe Frau Lehmann eben im Flur getroffen. Darf ich sie behalten? Ich meine … gleich hierbehalten?“

Petra Schmidtgen war mit meinem Geplapper sichtlich überfordert und atmete laut und aufgeregt.

„Ja … ähm … natürlich. Wie lange brauchen Sie Frau Lehmann denn?“, säuselte sie.

„Wann hat sie Feierabend?“, fragte ich.

„Um 17:00 Uhr, warum?“

„Gut, dann schicke ich sie dann nach Hause, wenn das okay ist.“

„Aber nicht länger. Azubis dürfen keine Überstunden machen“, mahnte sie mich und legte auf.

Anna brach in lautes Gelächter aus und wiederholte unter Freudentränen: „ ,Ich habe sie. Darf ich sie behalten?‘ “

Ich lachte mit und beobachtete dabei ihre freudestrahlenden Augen. Anna nahm Platz, und ich ging zur Tür und befestigte das Konferenz–Nicht-stören-Schild in der entsprechenden Halterung vor meinem Büro, dann setzte ich mich zu Anna und schaute sie lächelnd an.

„Warum guckst du so?“, fragte sie.

„Ich habe dir noch gar nicht gesagt, wie toll ich deine Haare finde.“

Anna biss sich auf die Lippen und sagt leise: „Danke. Und wie geht es weiter?“

Ich seufzte, schaute zum Fenster, drehte meinen Kopf wieder zu ihr und flüsterte: „Ich habe keine Ahnung.“

Nach einem Moment des Schweigens, Anna rührte die ganze Zeit gedankenverloren in ihrer Tasse, nahm ich ihre Hand und hielt sie fest.

Sie ließ mich kurz gewähren, zog sie wieder weg und sagte mit ruhiger, überlegter Stimme: „Bitte nicht. Nicht dass ich es nicht wollen würde, aber es ist falsch. Ich habe dir an dem Abend Hoffnungen gemacht, dich benutzt, deine Beziehung aufs Spiel gesetzt und mich selbstsüchtig benommen. Das ist mir in den letzten Wochen klargeworden.“ Sie holte tief Luft und fuhr fort: „Ich denke, die Tatsache, dass Markus ins Zimmer gestürzt ist, war das Beste, was passieren konnte.“

Ich atmete ebenfalls mehrmals tief ein und aus, stand auf und stellte mich an mein geliebtes Fenster. Ich schaute nach draußen und wünschte mir ein Paralleluniversum herbei, in dem nur Anna und ich existierten. Mir war flau im Magen.

„Ich habe in den vergangenen Wochen auch oft über diesen Abend nachgedacht. Speziell darüber, warum du ohne ein Wort gegangen bist. Und dann habe ich Christina … nicht direkt angelogen … aber ihr definitiv nicht die Wahrheit gesagt. Aber weißt du, was das Schlimmste war? Immer, wenn ich an dich gedacht habe … wenn ich dein Gesicht vor mir sah, musste ich lächeln, war ich kurz glücklich.“ All der Ballast, die aufgestauten Fragen, das Anna-wiedersehen-Wollen fielen von mir ab und ich war erleichtert.

Sie stand auf, kam langsam auf mich zu, drückte sich zärtlich an mich und legte ihren Kopf an meine Schulter. Ich spürte ihr Herz, das schnell schlug, roch an ihrem Haar, das wundervoll duftete, spürte ihre Stirn an meinem Hals und holte mehrmals tief Luft. Zärtlich streichelte ich mit meiner Hand über ihren Kopf und genoss ihre Nähe, während der Regen an die Scheibe prasselte.

Es klopfte an der Tür, und ich vernahm die Stimme des werten Herrn Rengers Junior, Möchtegernchef und Stammhalter des Brathering-Vertilgers. Blitzschnell schaltete ich um und wusste, dass ich Anna diesem Grobian nicht ohne Vorwarnung ausliefern durfte. „Schnell, in den Schrank!“, flüsterte ich Anna zu, die mich verdutzt ansah. Ich öffnete die in den Wandschrank eingebaute Nasszelle und Anna schlüpfte, während sich schon die Klinke der Bürotür nach unten bewegte, hinein.

„Hey Berger, was geht?“, begrüßte mich der schleimige Auswurf des Seniors.

Ich nickte und schob ein paar Ordner hin und her.

„Konferenz, so, so!“, fuhr er fort und musterte mich herablassend.

„Alter, ich habe Arbeit auf dem Tisch, die reicht für drei Leute. Und wenn das Schild da draußen nicht wäre, würde alle fünf Minuten einer hier drin stehen und mich irgendwelchen Kokolores fragen, von dem ich selbst keine Ahnung habe, weil es auf dem Mist anderer gewachsen ist. Ich versuche einfach nur zu arbeiten!“, platzte es aus mir heraus und mich überkam der Wunsch, ihm einfach eine reinzuhauen.

Seine Reaktion waren eine hochgezogene Augenbraue und ein merkwürdig verzerrter Mundwinkel – sonst nichts.

Gib mir doch einfach einen verfickten Grund, dir die Fresse zu polieren!, schrie ich, innerlich zum zerreißen gespannt, und wartete auf das Kommende. Es passierte nicht das, was ich erwartet hatte.

Er setzte sich ohne zu fragen an meinen Schreibtisch und legte die Füße hoch. „Frankfurt III … der Alte hat von dir geschwärmt. Hast ihm mal wieder den Arsch gerettet“, höhnte er und fügte hinzu: „Wenn ich hier mal Chef bin, wird alles anders. Eine Bar in der Kantine … verstehste … und die alten Weiber in der Buchhaltung schmeiß ich alle raus und hol ein paar junge Hühner, so richtig knackige!“

Ich hoffte inständig, dass der Senior uns noch eine Weile erhalten blieb, sich vielleicht mit seinen Bratheringen konservierte, oder so. Denn der Tag, an dem diese aus Versehen aufgezogene Nachgeburt Chef wurde, würde der Tag meiner Kündigung sein.

„Apropos Weiber“, haute er sich jetzt lachend auf die Oberschenkel. „Die Neue … schon gesehen? So ʼne kleine Rothaarige. So ein richtig heißer Feger. Schön zierlich gebaut. Super für oben draufsetzen und Hoppehoppe, verstehste? Wenn ich die zwischen die Beine kriege … Die nehme ich ran, bis die ihren Namen vergisst. Und zum Schluss schön … ach egal“, dröhnte es mir entgegen.

Ich schaffte es nicht, mein bemitleidenswertes Grinsen zu unterdrücken, denn Fakt war eins: Anna würde er sich mit Sicherheit nirgends drauf setzen. „Was ist?“, fragte er stutzig.

Ich wollte diesem Arschloch eins auswischen und ein paar anderen bei der Gelegenheit gleich mit, also ersann ich einen perfiden Plan.

„Jetzt sag schon!“, tönte er laut.

„Wenn du die Kleine haben willst, solltest du dich beeilen“, flüsterte ich ihm verschwörerisch zu. „Ich glaube, der Petermann hat ein Auge auf die geworfen.“

Augenblicklich schoss das Blut in Rengers Juniors Gesicht und seine Halsschlagader schwoll an.

„Dieser Wurm? Den mach ich kaputt! Was bildet der sich ein?“, zischte er spuckend. Rengers Junior war außer sich und sprang auf. In einem kurzen Anflug von Besonnenheit fragte er: „Woher weißt du das?“

Mein Plan ging auf. „Ich habe Berthold und Wagner im Flur drüber reden hören“, sagte ich konspirativ nickend.

Der Junior brummte: „Verstehe. Hast was gut bei mir“, und klopfte mir so brachial auf die Schulter, dass es wehtat. „Wenn ich hier mal Chef bin, bekommst du einen Spitzenjob. Verlass dich drauf!“, sagte er und klopfte weiter auf meiner Schulter herum, bis ich der Ansicht war, dass sie gebrochen sein müsste. Dann verließ er das Büro.

Ich folgte ihm mit etwas Abstand zur Tür und schloss diese, nachdem er um die Ecke des Gangs verschwunden war. Dann öffnete ich den Wandschrank.

Anna saß darin auf dem Boden, hielt sich die Hand vor den Mund und japste, nun da sie mich sah, lachend nach Luft. Ich half ihr auf und stimmte in ihr Lachen ein.

„Ist dir mal aufgefallen …“, versuchte ich nach Luft ringend zu sagen, „… dass immer, wenn wir uns zu nahekommen, jemand stört?“ Schlagartig hörten wir auf zu lachen.

„Vielleicht ist das ein Zeichen?“, bemerkte Anna nachdenklich.

Wir einigten uns darauf, etwas für die Firma zu tun, und ich erklärte ihr ein paar Vorgänge und Projekte. Anna machte sich fleißig Notizen und außer gelegentlichem Blickkontakt, blieben wir züchtig.

Kurz nach 17:00 Uhr verließen wir das Büro und ich bot an, sie nach Hause zu fahren. Nach zehn Minuten und noch nicht einmal fünfhundert Metern öffnete ich das Fenster und wollte mir gerade eine Moods anzünden, als Anna ihre Hand auf meinen Arm legte. „Bitte nicht, ich habe aufgehört und es ist so schon hart genug.“

Anerkennend nickte ich ihr zu, schloss das Fenster wieder und legte die Moods in die Mittelkonsole. „Christina hat mir schon erzählt, dass du in den letzten Wochen einen ziemlichen Lebenswandel durchgemacht hast“, sagte ich bewundernd. Anna schaute mich stolz an und nickte kaum wahrnehmbar. „Darf ich fragen, wie es dazu kam?“, hakte ich nach und musterte sie, da wir eh grad standen, interessiert von der Seite.

„Du!“, sagte sie und lächelte.

„Ich?“, fragte ich ungläubig. „Was hatte ich damit zu tun?“

„Der Tag im Juli, als ich bei dir war. Trotz allem … meiner Art und Weise, wie ich mich anfangs benommen habe und drauf war … Trotz alledem hast du mich anständig behandelt, warst freundlich und zuvorkommend, hast mir zugehört und deine Zeit für mich geopfert …“

„Ja, und?“, warf ich ein.

„So unlogisch das klingt, aber es hat mich zum Nachdenken gebracht, hat mir Kraft und Mut gegeben. Oh Mann, das klingt dämlich, entschuldige.“

Anna konnte nicht ahnen, wie diese Worte auf mich wirkten, konnte nicht sehen, dass ich eine Gänsehaut bekam. Mein Telefon klingelte und Christinas Konterfei schmückte das Display.

„Geh du mal bitte ran, es ist deine Schwester“, sagte ich, mich auf den Verkehr vor mir konzentrierend, und gab Anna das Telefon.

Die beiden telefonierten etwa fünfzehn Minuten miteinander, und gerade als ich von meiner eigentlichen Route abbiegen wollte, um Anna heimzubringen, legte sie auf und sagte: „Fahr nach Hause!“

Verwundert sah ich sie an.

„Christina hat mich zum Abendessen bei euch eingeladen“, sagte sie und lächelte schelmisch.

Zehn Minuten später stellte ich das Auto in die Garage und wir gingen ins Haus. Christina stand bereits in der Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Ich nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank und gab ihr einen Kuss.

Ob das mit dem Essen so eine gute Idee ist? Was, wenn Anna sich verplappert … oder ich … oder wir beide?, überlegte ich krampfhaft und half Anna beim Tischdecken. Wieder geisterte der Abend im Juli durch meinen Kopf und ich hatte Anna im Negligé vor meinen Augen.

„Das wird nicht gut ausgehen“, flüsterte ich konspirativ dem Garderobenständer im Flur zu und holte eine Flasche Wein aus dem Keller.

Am Essenstisch unterhielten wir uns über die Firma, den schleimigen Juniorchef und lästerten über Petermann. Wie geistig synchronisiert ließen Anna und ich dabei alle uns bezüglichen Details aus, und Christina kam vor Lachen kaum zum Essen. Anna und ich blinzelten uns permanent an, und ich bekam ein wenig Angst, dass Christina skeptisch werden könnte.

Nach dem Essen bot ich an, mich um die Küche zu kümmern, und schickte die Mädels mit der restlichen Flasche Wein ins Wohnzimmer. Ich brauchte einen Moment für mich und konnte, während ich die Küche in Ordnung brachte, über alles Mögliche nachdenken. Nachdem alles glänzte, nahm ich mir noch ein Bier und ging nach oben. Die Damen saßen auf der Couch und schwelgten in irgendwelchen Kindheitserinnerungen. Ich setzte mich in den Sessel, hörte mit halbem Ohr zu und gab mich der aktuellen Ausgabe von Chrom und Flammen hin.

Aus der Küche vernahm ich das Klingeln meines Mobiltelefons, ich stürmte nach unten und sah die Nummer meines Projektpartners Stefan Liebig auf dem Display. Wenn der um diese Uhrzeit anrief, bedeutete das nichts Gutes. Ich ließ das Telefon noch ein paar Mal klingeln und nahm dann ab.

Stefan war total aufgeregt und schaffte es kaum, ein klares Wort herauszubringen. Mein Gesicht wurde lang und länger und nach drei weiteren Sätzen legte ich grußlos auf.

Franz Rengers Senior war tot! Gegen 18:00 Uhr in seinem Büro an einem Brathering erstickt.

Langsam schlurfte ich nach oben und wandelte leichenbleich ins Wohnzimmer. Christina und Anna waren augenblicklich still und blickten mich erschrocken an.

„Rengers ist tot“, sagte ich mit monotoner Stimme und ließ mich in den Sessel fallen.

„Oh mein Gott!“, hörte ich Christina wie durch Watte. „Wann …? Wie …?“

„18:00 Uhr, Brathering“, sagte ich leise und schniefte beim Gedanken an meine ungewisse Zukunft in einer anderen Firma.

„Brathering?“, fragte Anna ungläubig.

„Ja, erstickt an einem Brathering. Dabei hatte er die doch so geliebt“, murmelte ich sentimental und dachte an unser letztes Treffen diesen Nachmittag.

Ich wusste nicht mal, warum mir das so zu Herzen ging. Es war nicht so, dass ich mich mit der Firma identifizierte oder dem Verstorbenen irgendwie menschlich nahestand. Wahrscheinlich war es einfach das Vertraute, was wegzubrechen schien. Ich dachte an mein schönes Büro mit Konferenztisch und Waschnische, an meinen Ficus, der ein trauriges Dasein in einer Ecke meines Büros fristete und an mein geliebtes Fenster, an dem ich so gern gestanden und nach draußen geschaut hatte.

„Das macht doch alles keinen Sinn mehr“, sagte ich ungewollt laut und guckte daraufhin in die entgeisterten Gesichter auf der Couch.

„Geht es dir gut, Schatz?“, fragte Christina, und Anna ergänzte: „Soll ich dir was zu trinken holen?“

„Whisky, bitte … ohne Eis“, sagte ich leise und Anna sprang sofort auf, um gleich noch mal innezuhalten und Christina zu fragen, wo dieser stand.

Zwei Minuten später hatte ich ein randvolles Glas Whisky in der Hand und hing sentimentalen Gedanken an den Brathering-Vernichter nach. Ich trank den Whisky, der mir in einem Saftglas serviert worden war, in einem Zug aus, ehe ich feststellte, dass Anna die Flasche Corryvreckan aus dem Hause Ardberg erwischt hatte.

Dieser Whisky – mal davon abgesehen, dass er sauteuer ist, von mir nur zu besonderen Anlässen geöffnet und nur in wirklich winzigen Mengen genossen wird – schmeckt, als wenn man in eine frisch geteerte Straße beißt. Eine Empfehlung meines Whisky-Gurus Heiko. „Etwas für Masochisten“, hatte er mal gesagt.

Ich kotzte ohne Ansage im hohen Bogen auf das von Christina im vergangenen Jahr erworbene Perserteppichimitat.

„Oh mein Gott!“, hörte ich sowohl Christina als auch Anna schreien, und beide verließen schnell den Raum, um Dinge zu holen, mit denen sie den Teppich retten konnten.

Stöhnend krümmte ich mich auf dem Sessel zusammen und wurde irgendwann, irgendwie in mein Bett geleitet.

Nach einem Traum, in dem Rengers Junior zu einem Riesen angewachsen war und mit zwei gigantischen Penissen als Arme versuchte, die vor ihm liegende Anna zu penetrieren, wachte ich schweißgebadet auf und schaute auf meinen Wecker. Es war 3:45Uhr.

Ich drehte mich um, vernahm Christinas gleichmäßiges Atmen, schlief wieder ein und träumte erneut von Anna, die jedoch diesmal an einen Baum gefesselt war und von einem Toyota Hüüübrid, der Petermanns Gesicht hatte, mit Bratheringen beworfen wurde.

Mein Wecker klingelte um 8:00 Uhr und mein Mund schmeckte nach Teer. Wieder drehte ich mich um, doch Christina war nicht da. Langsam öffnete ich die Augen und versuchte mein Umfeld wahrzunehmen und überlegte, woher der Geschmack frisch geteerter Straße kam.

Vorsichtig stand ich auf und suchte meinen Weg in die Küche, wo ich die Espressomaschine einschaltete und auf die schwarze Brühe wartete, die mich wieder zum Leben erwecken sollte. Neben mir stand auf einmal Anna und lächelte mich an.

Schlagartig war ich wach.

Anna erbat ebenfalls einen Kaffee. Ich rieb mir die Augen und riskierte noch einen Blick.

„Geht’s dir nicht gut?“, fragte sie besorgt und legte ihre Hand auf meine Schulter.

„Du … du bist hier?“

„Jaaa?“, sagte sie gedehnt, schaute an sich herab und sah mich dann prüfend an. „Das mit dem Whisky gestern tut mir leid, ich kenne mich da leider nicht aus“, sagte sie entschuldigend, und da fiel mir wieder ein, was mich abgeschossen hatte.

„Egaaal“, sagte ich gähnend und stellte eine Tasse in die Glücksmaschine. Diese brummte und vibrierte und ich drehte mich wieder zu Anna um und bemerkte erst jetzt, dass sie nur ein Nachthemd trug.

„Hübsch!“, sagte ich und ließ meine Augen über ihren Körper wandern.

„Hey, ich bin hier“, sagte sie und zeigte auf ihr Gesicht. Ich grinste dreckig, zuckte mit den Schultern, stellte eine zweite Tasse in die Espressomaschine und ließ auch diese füllen. Ich folgte ihr mit den zwei Kaffeetassen zum Tisch und bewunderte ihren grazilen Gang. „Ist das ein Nachthemd von Christina?“, fragte ich.

„Ja, warum?“, fragte sie.

„Ich kenne es nicht.“

„Solltest du aber. Du hast es ihr damals im Urlaub in Italien gekauft, hat sie gesagt.“

„Das ist bestimmt schon fünfzig Jahre her“, amüsierte ich mich und fügte hinzu: „Es steht dir!“ Ich trank einen großen Schluck Kaffee und spürte die Lebensgeister zurückkehren. Als ich mir eine zweite Tasse Kaffee holen wollte, fiel mir der Löffel unter den Tisch und ich versuchte, diesen im Sitzen aufzuheben, was nicht gelang und mir stattdessen eine Zerrung einbrachte. Schmerzerfüllt rutschte ich vom Stuhl und blickte mich unter dem Tisch um. Der Löffel wurde schnell nebensächlich, da ich damit beschäftigt war, Annas Beine zu betrachten. Das Nachthemd war ziemlich kurz und ich ließ meinen Blick von ihren Füßen, über ihre Knie zu ihren Oberschenkeln und wieder hinab wandern.

„Hast du ihn?“, fragte sie, nachdem ich bereits länger unter dem Tisch weilte als notwendig. Ich erschrak, stieß mir den Kopf und tauchte fluchend und mit dem Löffel in der Hand wieder auf.

Anna schaute mich prüfend an. „Männer!“

Ich grinste sie verlegen an, rieb meinen Kopf und begab mich zur Kaffeemaschine.

„Ich hoffe, ich kann bei dir mitfahren“, hörte ich vom Tisch und ich antwortete mit einem gedehnten und gespielt abwägenden: „Denk schon.“

„Können wir vorher noch mal bei mir zu Hause ranfahren? Ich müsste mir noch frische Klamotten anziehen.“

„Dann sollten wir aber langsam los“, sagte ich, schaute auf die Uhr und verbrühte mir den Mund am Kaffee, den ich viel zu schnell zu trinken versuchte.

Anna kam auf mich zu, streckte sich ausgiebig, das Nachthemd verdeckte ihren Po dadurch nicht mehr wirklich und so spielte sie mir damit das nächste Gesprächsthema in die Hände. Bewundernd schaute ich sie an, nickte ein paar Mal und wartete auf eine Reaktion auf mein Verhalten.

„Was ist?“, fragte sie verwirrt.

„Hübscher Schlüpfer!“, sagte ich mit Betonung auf dem b und dem p und fügte hinzu: „Ich wusste gar nicht, dass es von denen auch Unterwäsche gibt.“

Anna sah mich tadelnd an und schüttelte den Kopf. „Wie du siehst?! Willst du etwa auch so einen Slip?“

Was ich dann tat, war wieder typisch ich. Ich nahm das untere Ende ihres Nachthemdes, lupfte es, betrachtete ihre makellose linke Pobacke, die in ihren ebenso makellosen Oberschenkel überging und sagte: „Ich glaub, der passt mir nicht.“

„Du bist ein Idiot!“ Anna knuffte mich in den Arm und ging nach oben.

Ich ließ sie, um jegliches Geschwätz in der Firma zu vermeiden, an der Bushaltestelle nahe der Firma aussteigen, fuhr auf meinen Parkplatz und zündete mir eine Moods an. Rauchend stand ich am Auto und beobachtete, wie Anna in einiger Entfernung vorbeilief und mich tadelnd ansah.

Sie hatte sich, dem Anlass entsprechend, für eine schwarze Jeans, eine graue Bluse und ein schwarzes Halstuch entschieden. Meinen Kommentar: „Aber nicht wieder rückfällig werden!“, den ich persönlich total klasse fand, nahm sie mir übel.

Auf meinem Weg ins Büro erfuhr ich sieben Mal, dass der Chef gestorben war – zwei der Schwätzer lagen, was die Todesursache anging, fast richtig. Einer erzählte mir von einem Herzinfarkt, ein weiterer sprach von Altersschwäche, zwei weitere Hypothesen hatten mit Selbstmord zu tun und der letzte Informant schoss den Vogel ab, indem er behauptete, Rengers Senior sei bei einem Schäferstündchen mit Frau Schmidtgen kollabiert. Leider machte sich meine Fantasie daraufhin selbstständig und schon schwirrten nicht jugendfreie Bilder durch meinen Kopf, in denen Rengers Senior und Frau Schmidtgen … lassen wir das lieber. Während ich laut: „Hundebabys, Hundebabys, Hundebabys“, vor mich her sagte, um die Bilder aus meinem Kopf zu bekommen, kam mir die Putzfrau entgegen. Sie wollte mir eigentlich nur einen guten Morgen wünschen, doch ich blaffte sie, ehe sie etwas sagen konnte, an: „Ja, ja, ja, am Brathering erstickt!“

Frau Sienkiewicz schaute mich mit offenem Mund an und fragte mit ihrem unverwechselbaren kaschubischen Dialekt: „Was ist? Brathering kaputt? Ich nicht gewesen, nur geputzt die Tisch mit Lappen und bringen Mülleimer weg.“

Ich winkte ab und betrat mein Büro. Tief atmete ich die vertraute Luft ein und wieder aus, dachte mit geschlossenen Augen daran, bald mit einem Karton mit meinen Habseligkeiten aus dieser Tür zu schreiten und irgendwo einen Neuanfang wagen zu müssen. Ich öffnete die Augen und erblickte Franz Peter Rengers Junior mit meiner Lieblingstasse an meinem Konferenztisch.

Gar nicht polternd, wie es seine Art war, sondern leise und schluchzend schaute er mich aus geröteten Augen an. „Das ist alles so ungerecht“, flennte er vor sich hin.  

Natürlich hätte ich ihn erst einmal fragen können, was zur Hölle er in meinem Büro machte und warum er meine streng limitierte Star Wars – Das Imperium schlägt zurück-Tasse benutzte. In Anbetracht seines Verlustes verzichtete ich jedoch darauf und setzte mich stattdessen zu ihm und sprach ihm leise und ernst gemeint mein Beileid aus.

„Ich wusste nicht, wo ich mich verstecken sollte … überall die vielen Leute … und du bist doch mein einziger Freund hier“, wimmerte er und schnäuzte sich, sodass man es mit Sicherheit noch drei Büros weiter hören konnte, die Nase.

Sein Freund? Sein einziger Freund? Ich? Ich hatte mich wohl verhört.

„Trinkst du Whisky?“, schniefte Rengers Junior ohne mich anzusehen, und ich nickte und sagte: „Ja, viel zu gern.“

Er erhob sich, legte seine Hand auf meine Schulter und sprach mit kraftloser Stimme: „Gut, dass ich dich hab. Komm mal mit in mein Büro.“

Der fängt ja an wie sein alter Herr … nur noch schlimmer! Ich schüttelte bei dem Gedanken daran meinen Kopf und suchte nach einem Ausweg. Rengers schob mich aber bereits zielgerichtet zur Tür hinaus, legte seinen Arm um meine Schulter, und so schlurfte er, mich fest im Griff, schließlich in Richtung seines Büros. Aus offenen Bürotüren verfolgten uns mehrere Augenpaare, und ich konnte mir schon lebhaft den Tratsch vorstellen, der wenig später über mich hereinbrechen würde.

„Hast du gesehen? Der Berger, der tut jetzt dicke mit dem Rengers!“ – „Ja, einschleimen will der sich!“ – „Der Alte ist noch keine vierundzwanzig Stunden tot und der Berger hängt schon am Rockzipfel vom Junior!“ – „Guck dir die Zwei an. Berger und der Junior. Das hätte ich nicht von Sebastian gedacht!“

Endlos schien der Weg zu Rengers Büro und immer mehr neugierige Augenpaare gesellten sich zu den anderen. Ich würde heute Nacht mit Sicherheit wieder schlecht träumen.

Franz Peter Junior schloss seine Bürotür auf, schob mich hinein und drückte mich in einen weißen Nappaleder-Drehstuhl. Jetzt erst fiel mir auf, dass ich noch nie in seinem Büro gewesen war.

Der Stil passte überhaupt nicht zu meiner Vorstellung von ihm und fand meine positive Beachtung. Weiße Bestuhlung mit schwarzen Akzenten, dazu hellgraue Schränke ohne Schnörkel und Schreib- sowie Konferenztisch aus Eiche mit schwarz abgesetzten Füßen aus Metall. Nett!

Mein Blick fiel auf einen Schrank, der überhaupt nicht in diesen Raum passte. Er war ziemlich alt und sah nicht sehr stabil aus, hatte zwei Türen mit schweren Messingbeschlägen und war wohl ursprünglich einmal das wertvollste Möbelstück einer Bauernfamilie aus dem 19. Jahrhundert gewesen.

Rengers holte einen Schlüssel aus seinem Schreibtisch, bewegte sich langsam auf den Schrank zu und drehte, dort angekommen, den Schlüssel zweimal im Schloss. Dann schwangen die beiden Türen auf und der Junior trat beiseite.

Gleißendes, wohlig warmes Licht und Engelsgesang untermalten in meinem Kopf, was ich nun erblickte. Der Schrank war vollgestopft mit den besten Whiskys, die man für Geld kaufen konnte. Ich kannte zu diesem Zeitpunkt kaum die Hälfte davon, hatte vielleicht ein Drittel davon probiert und stellte fest, dass nur vier Flaschen davon bei mir zu Hause standen. Bei Dreien von ihnen hatte ich Christina nicht die Wahrheit über den Preis gesagt.

Meine Augen tasteten die Reihen des Schrankes ab und ich sprach leise nach, was ich auf den Etiketten las. Lagavulin, Glenfarclas, Port Ellen, Strathisla, Kinclaith, Glenglassaugh, Banff, Bowmore. Natürlich auch die Six Classic Malts of Scotland. Dazu japanische Sorten und Whisky mit Etiketten in Sprachen, die mir total unbekannt waren. Wo war Heiko, wenn man ihn mal brauchte?

Rengers holte von einem Beistelltisch vier Gläser und eine Karaffe Wasser und fragte mich, womit wir anfangen wollten.

Eine Stunde später, wir hatten längst Freundschaft getrunken, philosophierte Rengers über seine Familie, die Firma, seinen Vater und unsere glorreiche Zukunft in dem mit meiner Hilfe neu aufgestellten Unternehmen.

Während ich die ganze Zeit versuchte, die Etikette zu wahren und es mit der Verkostung ziemlich genau nahm, wie ich es von Horst Lüning gelernt hatte, war Rengers ganz anders drauf. Mit einer Flasche siebzehn Jahre altem Hibiki und einem Tumbler ließ er sich in einen der Drehstühle sinken und schlürfte das gute Zeug weg wie lauwarmen Kaffee.

Gegen 12:00 Uhr war mein Pegel definitiv erreicht und ich teilte mit, dass ich zur Toilette müsse und irgendwie auch noch etwas Arbeit zu erledigen sei.

Rengers, der seine Trauer mit dem süßen Japaner zu besiegen versucht hatte, schwankte mir bis zur Tür hinterher und umarmte mich inbrünstig. „Du bist mein Freund“, lallte er mit schwerer Zunge und schob mich nach draußen.

Hier begegneten wir einer Ansammlung derer, die gerade in die Kantine wollten. Die bunt gemischte Wandergruppe bestand aus Teilen der Buchhaltung (ja, natürlich auch Anna), des Personalbüros, drei Marketing-Fritzen und dem stellvertretenden Vertriebsleiter. Als sie Rengers und mich sahen, blieben sie zu meiner Verwunderung alle stehen, was, wie ich daraufhin feststellte, damit zu tun hatte, dass Rengers die Hand gehoben und zum Stillstand aufgefordert hatte. Ich wollte im Boden versinken.

„Alllemalherhörn!“, rief Rengers in die Runde und schien mit seiner Zunge zu kämpfen. Dashiersderherrberger!“ Er wartete, bis wirklich alle aufmerksam waren, und fuhr dann fort: „Meinfreund … undderwirdhierbaldganzwichdichsein!“

Wo ist das Loch, in das ich springen kann? Ich versuchte Anna telepathisch zu erreichen, suchte ihren Blickkontakt und bemerkte, wie sie sich ein Grinsen verkneifen musste.

„Alsogrüßensedenimmaschön, wennsnsehen!“, beendete Rengers seine Ansprache, drehte sich um, ging in sein Büro und schloss die Tür. Ich stand allein vor der versammelten Mannschaft und schämte mich in Grund und Boden. Nach einem kurzen Moment setzte sich die Truppe wieder in Bewegung und marschierte an mir vorbei.

Einige grüßten vorsichtig.

Schnell hastete ich in mein Büro, schob das Konferenz – Nicht stören-Schild in seine Halterung, zog die Lamellenvorhänge zu, legte mich auf die viel zu kleine Ledercouch und schlug mir mehrfach gegen die Stirn.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße“, grummelte ich, während ich ein Kissen auf mein Gesicht drückte. Wie sollte ich aus der Nummer nur wieder rauskommen?

Ich überlegte mir ein paar Strategien, zog aber davon diejenigen ab, die illegal waren, zu Todesfällen führen konnten oder moralisch nicht vertretbar schienen.

Es blieb mir nichts anderes übrig – ich musste kündigen!

Es klopfte und ich schickte ein gequältes: „Ja!“, auf die Reise. Die Tür öffnete sich, und es war mir scheißegal, dass ich hier lag.

Es war Anna. Sie schloss die Tür und kam herzhaft lachend auf mich zu.

„Das ist nicht witzig, nicht mal im Ansatz“, sagte ich deprimiert und dennoch hob ihr herzliches Lachen augenblicklich meine Stimmung.

Anna setzte sich auf die Kante der Couch und nahm mir das Kissen vom Gesicht.

„Ich will sterben!“, sagte ich mit ernstem Gesichtsausdruck.

Anna streichelte mir über die Wange und flüsterte: „Wird alles wieder gut. Bist doch schon ein großer Junge.“ Dann rümpfte sie ihre Nase. „Hast du etwa auch getrunken?“

„Ich musste ja … irgendwie“, sagte ich und berichtete in Kurzform von den Vorkommnissen in Rengers Büro, ließ dabei aber aus, dass mir die Whisky-Verkostung Spaß gemacht hatte.

„Dir ist aber schon klar, dass du neben dem Tod von Rengers mittlerweile das zweite große Gesprächsthema bist?“, bemerkte Anna.

Ich antwortete ihr nur mit einem Stöhnen.

„Möchtest du vielleicht ein Wasser?“, fragte sie und ich nahm dankend an. Sie flößte es mir förmlich ein und steckte mir daraufhin mit der Bemerkung: „Du riechst drei Meilen gegen den Wind“, noch ein Pfefferminzbonbon in den Mund.

„Danke, Schatz!“, sagte ich, ohne nachzudenken.

Anna stutze kurz und dann hauchte sie mir einen Kuss auf die Lippen.

Ehe ich dieses intime Ritual in seiner vollen Tragweite verarbeitet und realisiert hatte, streichelte sie noch einmal über meine Wange, fuhr sich langsam mit der Zunge über die Lippen und flüsterte: „Schon besser. Schlaf gut, mein Großer.“ Dann verließ sie das Büro.

Was war da bitte eben passiert? Hatte sie wirklich? Hatte sie mich tatsächlich geküsst? Ich blieb wie versteinert liegen und starrte an die Decke.

Ein Klopfen an der Tür weckte mich aus meinem kurzen Schlaf. „Ja bitte!“, rief ich und richtete mich auf.

Stefan kam herein und fiel vor mir auf die Knie. „Oh, Herr und Gebieter, befehle über mein Schicksal“, feixte er.

„Schnauze!“, sagte ich und stand, die Achterbahn in meinem Kopf anhaltend, vorsichtig auf.

Immer noch lachend und mit dem Finger auf mich zeigend, versuchte Stefan Luft zu holen. „Wenn nur die Hälfte von dem, was ich gehört habe, wahr ist, bist du hier in der Firma ab sofort gottgleich! Aber erzähl du mal, was los war.“

Ich machte uns Kaffee und begann zu erzählen, musste immer wieder unterbrechen, weil Stefan einen Lachanfall nach dem anderen bekam und sich vor Schmerzen – einmal sogar auf dem Fußboden liegend – krümmte.

Nach einer halben Stunde war ich fertig mit meinem Bericht und Stefan beruhigte sich langsam. „Was wirst du jetzt tun?“, fragte er mit ernster Stimme. „Kündigen, was sonst?“, erwiderte ich. Da fiel mir aber ein, dass eine Kündigung gleichbedeutend damit war, Anna nicht mehr so oft zu sehen. Das wollte ich auch wieder nicht.

Stefan bemerkte mein grübelndes Gesicht und er fragte: „Alles okay?“

„Ich muss nachdenken“, flüsterte ich und Stefan verabschiedete sich zu einem Meeting.

Ich legte mich wieder auf die Couch und dachte an Anna, ihre Lippen, ihre Haare, ihr Lachen, ihre wundervollen Augen und natürlich an den Kuss. Ich seufzte mehrfach und mir wurde klar, dass ich nicht nur nicht kündigen konnte, sondern von nun an der beste Freund des unbeliebten Juniorchefs sein musste. Schon allein wegen seines speziellen Schrankes und Anna natürlich.

Ich blieb liegen und überdachte mein Leben, bis um 14:43 Uhr mein Telefon klingelte. Ich mühte mich aufzustehen, schlurfte zum Schreibtisch und nahm den Hörer in die Hand: „Berger?“

„Hallo, Schatz!“, flötete Christina ins Telefon. „Ich fliege gleich nach Stockholm!“, sagte sie, als ob dies an einem Donnerstagnachmittag etwas völlig Normales wäre.

„Okaaay?“, sagte ich gedehnt, gefolgt von einem: „Waruuum?“

Da Christinas Arbeitskollegin (Kletterwaldmonika) dringend zur Geburt ihres Neffen 24. Grades musste, hatte sie Christina überredet, das Meeting in der schwedischen Hauptstadt zu übernehmen.

„Du weißt aber, dass dein Schwedisch ziemlich fürʼn Arsch ist!?“, sagte ich und ein von kurzen, heftigen Atemstößen begleitetes Schweigen – übrigens genau dasselbe wie damals, als ich ihren Kanarienvogel mit Wodka abgefüllt hatte, damit er seine Fresse hielt – drangen zu mir durch.  

„Schatz …“, begann sie und irgendwie lag mir vom Alkohol beflügelt ein: Ja mein Engelchen?, auf der Zunge.

Sie unterbrach diese Idee Gott sei Dank mit: „Ach egal, ich muss jetzt los. Das Taxi kommt gleich. Bitte verwüste das Haus nicht. Ich bin morgen Abend wieder da.“

„Hab dich lieb“, sagte ich und suchte nach weiteren passenden Worten. „Vermiss dich schon“, rief ich hinterher, dann legte Christina auf und ich mich wieder auf die Couch.

Und nur zur Info: Der Kanarienvogel hat nach dem Schnaps wirklich die Fresse gehalten – und zwar für immer. Im Gegensatz zu mir. Ich hielt mich da eher an: A shot a day keeps the doctor away. Prösterchen!

Der Alkohol, den ich in viel zu kurzer Zeit und viel zu großer Menge zu mir genommen hatte, ließ mich unlogische, aber schöne Gedankengänge spinnen, die allesamt mit Anna zu tun hatten. Ich wollte sie gern bei mir haben, scheute mich aber, Frau Schmidtgen anzurufen oder – was noch schlimmer gewesen wäre – einen Fuß vor meine Bürotür zu setzen.

Ein Plan musste her, und damit hatte ich wieder etwas, worüber ich grübeln konnte. Leider kam ich zu keinem Schluss, und während die Uhr langsam auf halb vier zusteuerte, wurde ich unruhig. Ich stand auf und ging zur Tür, lauschte daran wie ein Einbrecher, vernahm keinerlei Geräusch, öffnete sie vorsichtig und blickte nach draußen. Es war weit und breit keiner zu sehen. Ich hatte schon fast den Fuß auf feindlichen Boden gesetzt, als jemand um die Ecke bog. Fast wäre ich wieder ins Büro zurück gestürmt, als ich Frau Sienkiewicz erkannte. Ich winkte sie mit einem: „Pssst, hier!“, herüber, zog sie in mein Büro und blickte in ihre erschrockenen Augen.

„Sie nicht mit mir schimpfen, weil nicht gut putzen! Ich auch nicht Bratherich machen kaputt“, empörte sie sich.

„Lass doch mal den Brathering sein“, sagte ich, ging zu meiner Jacke hinüber und nahm einen Zwanzigeuroschein aus meiner Brieftasche, dann erklärte ich ihr meinen Plan.

Frau Sienkiewicz verstand schnell und zehn Minuten später stand Anna in meinem Büro.

„Was war das denn?“, fragte sie.

„Ich kann hier ja wohl schlecht raus“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.

„Du bist bekloppt“, lachte sie und setzte sich.

„Du hast um 17:00 Uhr Feierabend?“, fragte ich.

„Ja, eigentlich schon. Warum?“

„Ich glaube … also … ich denke, es wäre besser, wenn du mich nach Hause fährst“, eröffnete ich ihr.

„Das denke ich auch.“ Sie grinste und fragte, wie es mir mittlerweile gehe.

„Geht schon, aber der Pegel wird fürs Autofahren ein wenig zu hoch sein.“

„Dann bin ich kurz nach fünf unten am Auto, okay?“, schlug sie vor und ich versprach, bereits im Auto zu sitzen.

Um 17:10 Uhr öffnete sich die Fahrertür meines Autos und Anna schlüpfte hinein.

„Hat dich jemand gesehen?“, fragte ich und drehte mich suchend um.

„Komm doch mal wieder runter“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Über kurz oder lang wirst du dich dem stellen müssen“

„Kann sein, aber nicht heute. Fahr los!“, drängelte ich.

Anna wollte gerade den Zündschlüssel herumdrehen, als sie innehielt und mich komisch ansah.

Ich schaute komisch zurück und fragte: „Was ist?“

Anna wirkte weiter unschlüssig und machte irgendwas mit ihrem linken Fuß. Dann blickte sie mich konsterniert an und bemerkte: „Das Kupplungspedal fehlt.“

„Hat keins, ist Automatik“, entgegnete ich.

Anna betrachtete ehrfurchtsvoll den Ganghebel und sagte entschuldigend: „Bin noch nie Automatik gefahren.“

Himmelherrgott, dachte ich und versuchte ihr in einem kurzen Briefing den Unterschied zu erklären. Anna nickte eifrig und versicherte kurze Zeit später, dass sie es verstanden habe. Daraufhin startete sie den Motor, legte den Hebel auf „R“, gab Gas und es folgte ein hässliches, gar sehr hässliches Geräusch. Anna nahm ihren Fuß vom Gas und wir drehten uns synchron und in filmreifer Zeitlupe um.

Das Heck meines schönen Audis hatte sich in den Toyota Hüüübrid vom Petermann geschoben und diesen auf die Größe eines Smarts reduziert.

Ich schüttelte mit dem Kopf und Anna begann leise zu weinen. „Ich … es tut mir leid. Ich wollte … ich habe …“, schniefte sie, und ich nutzte die Gelegenheit, um ihr eine Träne von der Wange zu streichen und sie zu trösten.

„Lass mal gut sein, ich hätte einfach ein Taxi nehmen sollen“, versuchte ich sie aufzumuntern. Anna war jedoch untröstlich. Ich bat sie, sitzen zu bleiben, und stieg aus, um den frisch gebackenen Ex-Hüüübrid Justin in seinem Büro aufzusuchen.

Eine gute Stunde später saß ich mit Anna in meiner Küche und wir tranken heißen Tee. Sie hatte sich noch mindestens tausendmal entschuldigt und mir versprochen, für den Schaden aufzukommen.

„Was für ein Schaden? Ich habe einen Kratzer in der Stoßstange und Petermann kauft sich vielleicht mal ein gescheites Auto“, versuchte ich sie aufzumuntern. Ein kurzes, wenn auch gequältes Lächeln von ihr war mir Schadensersatz genug.

„Wo ist Christina eigentlich?“, fragte Anna nach der zweiten Tasse Tee.

„Stockholm“, sagte ich und Anna schaute wie eine Kuh, wenn es donnert.

„Ist für eine Kollegin eingesprungen, irgendein Meeting“, ergänzte ich und fragte, ob sie noch einen Tee wolle.

„Hast du irgendwas Härteres?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

„Wie hart?“, fragte ich und musste reflexartig – mich aber natürlich sofort für den unmoralischen Gedanken tadelnd – grinsen.

„Schnaps?“, fragte sie schüchtern.

Ich stand auf und ging zu meinem kleinen (nicht mit Juniors zu vergleichendem) Whiskyschrank und holte nach kurzer Überlegung eine Flasche Honigwhisky und zwei Gläser daraus hervor.

Details

Seiten
319
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960871552
ISBN (Buch)
9783960875079
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352308
Schlagworte
brathering interruptus über wahnsinn zwischenmenschliches ungereimtheiten lebens humor liebe

Autor

  • Mika Karhu (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Brathering Interruptus