Lade Inhalt...

Tausend Kraniche (Kurzgeschichte, Fantasy)

Eine Booksnacks-Kurzgeschichte

von Julia Lalena Stöcken (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Tausend Kraniche muss er falten, damit sich sein Wunsch erfüllt – ein Wunsch, der sein ganzes Leben verändern wird.

Impressum

booksnacks

Erstausgabe März 2017

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-178-1

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
fotolia.com: © AllebaziB
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser booksnacks-Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Im Morgenlicht erstrahlte der Himmel in hellem Rosa, durchsetzt von mattem Grau, spiegelte sich auf der glatten Oberfläche des Teiches wie Silber und Rotgold. Helle Augen streiften das flache Gewässer, das umkränzt war von schwarzem Schilf. Linkerhand beugte sich eine bucklige Zypresse über das Wasser, streckte ihre stabartigen rotbraunen Wurzeln hinein, als versuchte sie, hineinzukriechen, aber der Boden hielt sie gewaltsam zurück. Einst war dieser Ort ein Garten gewesen, doch zu lange entbehrte er der Hand eines Menschen. Hohes gelbes Gras hatte sich in den Beeten ausgebreitet und die Pfingstrosen in seinen Tiefen vergraben, die Hecken hatten Steinstatuen eingeschlossen und gaben die Gefesselten nicht mehr frei.

Der junge Mann atmete tief ein, füllte seine Lungen mit der kühlen Frühlingsluft. Obgleich Geräusche in seinen Ohren flüsterten wie sanfte Stimmen, herrschte in ihm endlich Stille. Hier gab es keine anderen Menschen. Nur ihn und seine Gedanken.

Feiner Kies knirschte unter seinen Schritten, als er sich dem Ufer näherte. Er setzte sich, fühlte die kalte Feuchtigkeit unter sich, zog die Beine an und seufzte. Sein Blick wanderte zur Sonne, die sich schwerfällig über den Rand der dunklen Hecke schob.

Plötzlich rauschte ein Windhauch über den Teich und brachte die Oberfläche in Wallung. Glitzernde Wellen schwappten auf den Mann zu. Ein Schatten bewegte sich über seinem Kopf. Flügelschlagen, Plätschern.

Grazil stand der Kranich auf einem Bein im flachen Wasser.

»Ah, da bist du.« Der Mann lächelte.

Der große weiße Vogel warf seinen schmalen Kopf mit der roten Haube in den Nacken und schlug mit seinen schwarzabgesetzten Schwingen.

»Du kommst jeden Morgen. Genau wie ich.«

Das schöne Kranichmädchen streckte seinen langen Hals nach unten und tauchte den Schnabel ins Wasser, hob den Kopf und trank.

»Ich möchte glauben, dass du meinetwegen kommst.« Der Mann legte das Kinn auf die Knie und betrachtete den Vogel. Tagein, tagaus kam er in den verwilderten Garten, immer zur selben Stunde, und traf auf dieses makellose Geschöpf, das nichts verlangte und bloß zuhörte. Das hörte, wofür die Menschen um ihn herum taub waren. Er seufzte. »Wie viel besser wäre es, ein Kranich zu sein.«

Ein Stück vom Ufer entfernt auf morgenfeuchtem hellem Gras ließ sich der junge Mann mit überkreuzten Beinen nieder. Aus seiner Manteltasche zog er ein quadratisches Stück Papier, ließ es durch seine Finger gleiten und betrachtete es nachdenklich.

Der Alte hatte von tausend gefalteten Kranichen gesprochen.

Er sah auf. »Tausend Kraniche.«

Die Sonne streckte ihre ersten Strahlen über das Himmelszelt, süßer Wind kam auf und ließ das Schilfrohr erzittern, und der Mann fühlte mit dem Daumen über das glatte warme Papier. »Tausend Kraniche.«

Dann würde sich der Wunsch erfüllen.

Allzu vertrautes Flattern erklang und eine schwarze Silhouette glitt über den Himmel, dann landete das Kranichmädchen in der Mitte des Teiches. Ein feiner Silberregen spritzte auf und ging auf die Wasseroberfläche nieder.

»Du kommst spät heute«, sagte er und bekam als Antwort nur das Aufplustern des weißen Gefieders. Winzige Fasern lösten sich und trieben durch die Luft, leuchteten in der Sonne. Er lächelte. »Schon gut. Ich bin dir nicht böse.« Wieder sah er auf das Stück Papier in seiner Hand. »Obwohl wir uns Tag für Tag hier sehen, sind wir so weit voneinander entfernt.«

Nur Schritte lagen zwischen ihnen und doch schien die Distanz unüberwindbar. Jeden Tag bei Sonnenaufgang kam er hierher und jeden Tag zur Mittagsstunde ging er wieder.

»Du kennst meine ganze Geschichte, aber ich weiß nichts über dich. Und dennoch bist du mir näher als irgendjemand sonst.« Er glättete das Papierstück auf seinem Oberschenkel. »Was würdest du mir erzählen?«

Dann begann er zu falten. Tausend Kraniche.

In einem Korb geflochten aus dünnen Weidenhalmen stapelten sich Papierkraniche. Mit einem Lächeln faltete er den weißen Bogen zu einem Dreieck und wieder auseinander. Links. Rechts. Übereinander. Er setzte den kleinen Kranich auf seine Handfläche und hob ihn in die Höhe.

Das Kranichmädchen legte den Kopf nach hinten, stieß einen Ruf aus und warf die Flügel zurück.

Sein Lächeln verbreiterte sich. »Nicht mehr viele.« Er lenkte seinen Blick auf die Papierquadrate, die er mit einem Stein beschwert neben sich liegen hatte. Der laue Wind brachte sie zum Rascheln. »Wir werden zusammen sein.«

Das Kranichmädchen stellte sich auf ein Bein.

»Ich möchte hören, was du zu erzählen hast«, sagte der Mann und ließ den Papierkranich zu den anderen in den Korb gleiten. Er griff sich das nächste Papier. Links. Rechts. Übereinander. »Keine Grenze mehr zwischen uns.«

Die Zeit verstrich und als er das letzte Papierquadrat unter dem Stein hervorzog, lächelte er. »Ich bin die Menschen leid, denn sie hören nicht zu. Aber du hörst mir zu und ich möchte sein wie du.« Er faltete das Papier.

Selig schloss er die Augen und tausend Kraniche flatterten aus dem Korb, krochen über seinen Körper und hüllten ihn ein, bis er vollständig mit raschelndem Papier bedeckt war. Ein ohrenbetäubendes Rauschen, gleich einem peitschenden Sturm, hallte in seinem Kopf, schwoll zu einem drückenden Gefühl an, das seinen Schädel quetschte, dann wurde es schlagartig still. Ein helles Licht blendete ihn und erlosch wieder. Er öffnete die Augen.

Hoch im Zenit stand die Sonne über dem Garten und ihre große goldene Gestalt spiegelte sich auf der Oberfläche des Teiches, brachte das Rotbraun und Grün der Zypresse zum Leuchten. Die frische Morgenluft war einem warmen Hauch gewichen und das Schilfrohr wiegte sich friedlich hin und her, als tanze es zu der leisen Melodie des Frühlings.

Reglos standen die zwei Kraniche beieinander. Sie ruhten, ließen die Sonnenstrahlen auf ihre grazilen Körper fallen und gaben keinen Laut von sich.

Vom Teich aus sah er die verwilderten Hecken, die die Steinmauer verbargen und den Eingang zum Garten, und davor das sanfte gelbe Gras. Jeden Morgen war er dort hereingekommen, als es sich grau und feucht dem Tau beugte, doch jetzt strahlte es vom Sonnenlicht trockengeleckt.

Da kam ein junger Mann hinter den Hecken hervor und den Sandweg hinunter, setzte sich ans Ufer und zog ein Stück Papier aus dem Beutel an seiner Hüfte. Er lächelte. »Das ist der Letzte.«

Der Kranich beobachtete den Fremden, wie er mit geschickten Fingern einen kleinen Papierkranich faltete. Genauso wie er es selbst tausendfach getan hatte. Links. Rechts. Übereinander.

»Tausend Kraniche«, sagte der Mann lächelnd und hob den Arm.

Ein Windstoß fing den Papierkranich ein und ließ ihn durch die Luft segeln geradewegs auf den Teich zu. Er landete vor dem Kranich im Wasser und schaukelte auf der Oberfläche.

Der Mann öffnete seinen Beutel und schüttelte unzählige Papierkraniche heraus, die über den Boden kullerten, vom Wind erfasst wurden und sich in die Lüfte erhoben. Ein Surren erklang, ein Sturm aus schneidendem weißem Papier brauste über den Teich, sog Tropfen auf und schleuderte sie zu allen Seiten.

Der Kranich flatterte erschrocken rückwärts, sah, wie der Mann die Lippen bewegte, aber seine Worte wurden vom Rauschen übertönt. Die papiernen Vögel umkreisten das Kranichmädchen, verengten bei jeder Runde ihre Flugbahn, setzten sich auf seinen Körper und hüllten es vollkommen ein. Schlagartig breitete sich Stille aus. Dann erstrahlte ein goldenes Licht neben dem Kranich und machte ihn blind. Er tat einen kurzen Satz in die Luft und landete am Rande des Teiches. Als er wieder sehen konnte, stand dort, wo eben noch das Kranichmädchen gewesen war, eine junge Frau. Sie trug ein weißes Kleid, einen Kopfschmuck aus blutroten Federn auf dem pechschwarzen Schopf und ein strahlendes Lächeln.

Der Mann streckte ihr seine Hand entgegen. »Komm.«

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, aber der Kranich schlug wild mit den Flügeln und sie drehte sich noch einmal um, sah ihn an und etwas Trauriges mischte sich in ihr Lächeln. »Ich kam jeden Tag hierher, aber nicht um dir zuzuhören, sondern um auf meinen Geliebten zu warten. Ich habe es dir gesagt, immer wieder … aber du hast nicht zugehört. Denn du bist ein Mensch. Und Menschen hören nur die eigenen Wünsche.« Die Frau kehrte ihm erneut den Rücken zu. »Deswegen kann jeder nur hoffen, dass er ein Herz findet, das denselben Wunsch hegt.« Nach diesen Worten lief sie barfuß durch den flachen Teich und spritzte Wasser auf, das den Saum ihres Kleides benetzte.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960871781
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355349
Schlagworte
Kurzgeschichte booksnack Short Story Kurzgeschichten Anthologie booksnacks Short Stories

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Julia Lalena Stöcken (Autor)

Zurück

Titel: Tausend Kraniche  (Kurzgeschichte, Fantasy)