Lade Inhalt...

Nacktgebiete: Selig sind die Nackten (Humorvoller Roman, Humor)

von Andreas Geist (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nachdem Johannes im Rahmen seiner philosophischen Auseinandersetzung mit dem Nudismus zu einer universellen Weisheit gefunden hat, zieht es ihn und seine Frau Martina wieder zurück ins heimische Schwarzwalddörfchen. Dort hat Luc, der liebenswerte Streifenpolizist vom Atlantik, einen heruntergekommenen Campingplatz erworben. Gegen den frischen Wind im Tourismusgeschäft und eine umfangreiche Sanierung kann der Gemeinderat des zugeknöpften Gerberau nichts einwenden, zumal der Franzose aus dem Elsass auf der Sondersitzung mit Bier, Sekt und einem Buffet seine ehrenwerten Absichten untermauert. Doch irgendwie entgeht den Gemeinderäten, dass die zukünftigen Camping-Gäste nichts anhaben werden ...

Nacktgebiete 2.0 – Selig sind die Nackten ist die Fortsetzung des erfolgreichen Urlaubromans Nacktgebiete – Camping-Urlaub mal erotisch.

Mehr Infos hier

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Erstausgabe April 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-134-7

Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-512-3

Covergestaltung: Christin Peulecke
unter Verwendung eines Motivs von
© Andreas Stamm/fotosearch

Lektorat: Janina Klinck, Lectoreena

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px














NG2_Innentitel

Prolog

Schön, dass Sie wieder da sind. Sie erinnern sich doch noch an uns: Johannes Gruber, Ehemann von Martina und Vater von Friederike, die ebenfalls bekennende Gruber sind im Sinne von: Ja, wir waren schon mal auf einem FKK-Campingplatz. Nacktgebiete hat viele, zu einem erheblichen Teil auch begeisterte Leser gefunden, was mich überrascht hat. Noch mehr hat mit überrascht, dass einige dieser begeisterten Leser weniger begeistert als ungeduldig anfragten, wie denn jetzt die Geschichte mit Claudia und Luc ausgegangen sei. Nun. Das hat mich schließlich selbst neugierig gemacht. Ich will Ihnen nichts vormachen. Sie werden starke Nerven brauchen. Küsschen hier, Küsschen da, Friede, Freude, Eierkuchen mit einem Sahnehäubchen prickelnder Erotik können Sie sich abschminken. Okay. Gibt es alles auch, aber: Es kommt erstens immer anders und zweitens als man denkt. Ein passendes Zitat, das in etwa beschreibt, was Sie erwartet. Es wird Heinz Erhardt zugeschrieben, dem Meister feinsinniger Wortschöpfungen und gelebten Alltagshumors in eklatant biederer Schale.

Von „erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ handelt die folgende aberwitzige Fortsetzung jener aberwitzigen Geschichte Nacktgebiete – Campingurlaub mal erotisch, die sie unbedingt ebenfalls kaufen müssen – sehr wichtig – und dann lesen können – weniger wichtig –, um die komplexen Beziehungskisten zu verstehen, die ich für die zu spät Gekommenen ja nicht noch mal in allen Details erläutern kann. Aber nein, im Ernst: Sie dürfen getrost auch jetzt noch in die Geschichte einsteigen. Wenn Unklarheiten bestehen und Sie Fragen haben, dann liegt das wahrscheinlich an den Unklarheiten und offenen Fragen des Romans. Ist dann eben so. Ich entschuldige mich nicht dafür. Vielleicht sind Sie wie ich jenseits der vierzig und gehören damit zur Generation „Tut mir leid“.

Die Jugend von heute ist da ganz anders drauf, weil sie von uns, der Tut-mir-leid-Generation, gezeugt, erzogen und auf Händen getragen wurde. Tut mir leid, dass ich nicht ausreichend mit dir gepaukt habe und du deshalb eine sechs in Mathe bekommen hast. Verzeih mir. Du bekommst ein neues Fahrrad und ich werde der Lehrerin erklären, dass es meine Schuld ist.

Tut mir leid, dass ich dich im Suff gezeugt habe und du deshalb eine hohe Affinität zu Spirituosen jeder Art entwickelt hast. Kein Wunder, dass dein Führerschein für ein Jahr eingezogen werden musste, bei dem Rabenvater. Schick die Taxirechnungen einfach an mich. Okay?

Vor ein paar Monaten habe ich im Rahmen meiner unermüdlichen, philosophischen Auseinandersetzung mit dem Naturismus, in physischer wie metaphysischer Hinsicht, zu einer universellen Weisheit gefunden, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. Sie war eine radikale Abkehr von der Opferrolle der Tut-mir-leid-Weltanschauung meines alten Lebens und lautet: Suchen Sie Fehler grundsätzlich bei den anderen! Das vereinfacht das Leben ungemein und bewahrt Sie wenigstens zum Teil vor dem Kommunikationswahnsinn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, in dem man ständig meint, einen seiner unzähligen Termine verpasst, etwas missverstanden oder wichtige Informationen, die ja immer und überall verfügbar sind, nicht abgerufen zu haben. Dieser Wahnsinn endet damit, dass Sie alle fünf Minuten Emails auf Ihrem Smartphone checken und irritiert sind, wenn es immer noch dieselben wie vor fünf Minuten sind. Wahrscheinlich nur ein vorübergehendes Funkloch. Puh.

Haben Sie Mut zur Lücke, Mut zum Nichtwissen, Mut zum Anderssein. Ignorieren Sie Anweisungen. Verpassen Sie bewusst Termine. Der Chef ist ganz klar selbst schuld, wenn er nicht deutlich macht, dass die Teambesprechung um 12 Uhr mittags in seinem Büro sein soll und nicht um Mitternacht in Ihrer Stammkneipe, in der Sie mindestens eine Stunde und zwei Liter Bier lang auf die anderen gewartet haben.

Waschen Sie Ihre Hände mit Inbrunst und Überzeugung in Unschuld. Geben Sie den anderen die Zeit, die sie brauchen, um die Schuld bei sich zu finden. Das entspannt Ihr Leben in einer nie da gewesenen Weise und führt häufiger, als Sie denken, zum Erfolg.

Vermeiden Sie es, sich zu entschuldigen. Überlassen Sie das großzügig den anderen. Auch ich entschuldige mich nicht für das, was jetzt kommt. Es ist die schlichte und nackte Wahrheit, die im Auge jedes Betrachters komplett anders aussehen mag. Na und? Ich habe keine Schuld, wenn Ihnen diese Geschichte nicht gefällt, sondern Sie. Ja, da staunen Sie! Brutal. Unamerikanisch. Typisch deutsche Dienstleistungswüste.

Alles Quatsch! Machen Sie es wie ich. Kehren Sie dem lauen, dümmlich lächelnden, allzeit servilen Amerikanismus den Rücken. Sagen Sie knallhart, was Sie denken, ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten der anderen. Schreiben Sie die wahren Geschichten Ihres wahren Lebens auf. Machen Sie Menschen eine Freude oder langweilen Sie sie, aber lassen Sie sie unverstellt an Ihren Gedanken teilhaben, damit sie Ihren wahren Kern erkennen. Seien Sie nackt, seien Sie authentisch, seien Sie real, um einen letzten Kontrapunkt gegen die komplette gleichschaltende Virtualisierung unseres Daseins zu setzen. Sonst lösen wir uns allmählich als ununterscheidbare Dunstwölkchen, die alle dasselbe plappern, dasselbe meinen, dasselbe essen, trinken und anziehen, in der großen Dunstwolke, der I-Cloud, Google-Cloud, Wie-auch-immer-Cloud auf, einem Nebel, in dem wir als Marionetten allmächtiger Puppenspieler orientierungslos und willenlos herumtapsen.

Ich bin mit Raumschiff Enterprise groß geworden. Vielleicht drängt sich mir deshalb ein furchtbares Bild auf: Diese Puppenspieler sind nicht menschlich, sondern schwabbelnd fette Außerirdische mit schleimigen Stielaugen und langen dürren Fingern auf den Knöpfen kryptischer Schaltpulte. Dabei versorgen sie die Dunst-Clouds stetig mit neuen Dunst-Fürzen aus ihren gewaltigen Hintern. Sie werden meinen wirren Vortrag besser verstehen, wenn Sie sich auf die nachfolgende Geschichte einlassen.

Es war für mich eine geradezu heroische Entscheidung , als Lehrer an einer Schule in einem kleinen Örtchen, das noch sehr viel kleiner sein konnte, wenn es darauf ankam, einen Familienurlaub auf einem FKK-Campingplatz an der französischen Atlantikküste zu buchen. Dieser Campingplatz hatte allerdings in relativ sicherer Entfernung immerhin 1000 Kilometer von unserem kleinen Örtchen entfernt gelegen. Okay. Gebucht hatte eigentlich Martina bei Gabi im Reisebüro. Jener Gabi, die so verschwiegen war wie eine Gießkanne wasserdicht.

1

Als wir nach drei herrlichen Wochen mit unserem Wohnwagen in die Einfahrt vor unserem Haus rollten, hatte ich ein flaues Gefühl im Magen. Martina ging es genauso. Das spürte ich, glaubte es, am leicht veränderten Geruch ihres Schweißes zu erkennen, in dem die aphrodisierenden Pheromone der vergangenen Nacht, in der wir nicht nur geschlafen hatten, langsam verblassten. Die nüchterne Realität des Textilo-Alltags griff mit gierigen Fingern nach uns.

Friederike schnarchte, unbehelligt von unangenehmen Gedanken an den jähen Interruptus unserer paradiesisch nackten Ferien, in ihrem Kindersitz. Ich drehte den Zündschlüssel, entspannte die von der langen Fahrt verkrampften Arme, ließ aber die Hände auf dem Steuer liegen, als könnte ich damit das Verglimmen des letzten köstlichen Urlaubsfünkchens in meinem Kopf hinauszögern. Ich seufzte und drehte mich mit einem wehmütigen Lächeln zu Martina.

Sie flüsterte: „Waren das nicht die unglaublichsten Ferien, die wir je zusammen erlebt haben?“

Ich nickte und flüsterte zurück: „Und mit Abstand die schönsten. Ich will gar nicht aussteigen. Irgendwie habe ich Angst, dass der Zauber bricht.“

„Ach Quatsch“, erwiderte Martina lachend, nahm mein Gesicht in ihre Hände und küsste mich leidenschaftlich. Dann flüsterte sie, um Fritzi nicht zu wecken: „Wir werden auch hier Plätzchen für wilden Sex finden. Mir fallen da schon ein paar ein, die ich unter diesem Aspekt noch gar nicht geprüft habe.“

Ich stöhnte gekünstelt und lächelte, ohne zu wissen, was genau Martina sich darunter vorstellte.

„Was denn?“, fragte die beste Ehefrau von allen. „Braucht es denn Sand, Meer und einen FKK-Campingplatz, um einen ganzen Mann aus meinem Mann zu machen?“

„Sinwirschonda?“, nuschelte es gähnend von der Rückbank. Friederike war aufgewacht, nachdem sie die vergangenen vier Stunden auf dem Weg von Taizé nach Hause verschlafen hatte. Wir hatten noch einmal gestoppt und die letzte Nacht auf einer grünen Wiese unweit von Chalon–sur-Saône im Burgund verbracht. Taizé war jenes weltbekannte Taizé, in dem Roger Schutz, ein evangelischer Pfarrer aus Genf, in den letzten blutigen Tagen des Zweiten Weltkriegs politische Flüchtlinge und Juden vor dem Zugriff der Gestapo bewahrt hatte.

In diesem unscheinbaren Ort mit seinen alten Steinhäusern, eingebettet in Felder, Weinberge und sanfte Hügel, auf denen gewaltige Burgruinen thronten, hatte sich seit diesen frühen Tagen eine konfessionslose christliche Brüdergemeinschaft etabliert. Sie hatte keine Nachwuchssorgen und war Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt geworden, die rund um den Ort auf den Grünflächen ihre Zelte aufschlugen oder in Wohnwagen und Wohnmobilen übernachteten. Hier fanden die Pilger wieder, was den großen Kirchen verloren gegangen war. Eine urchristliche Gemeinschaft, die sich radikal der Armut und dem Dienst am Nächsten verschrieb. Eine Art spiritueller FKK-Campingplatz, wie ich scherzhaft bemerkte.

Tatsächlich war ich an diesem frühen Sonntagmorgen gedankenlos und aus purer Gewohnheit nackt aus dem Wohnwagen gesprungen, um mich auf der Wiese zu räkeln und herzhaft zu gähnen, bis Martina von hinten zischte: „Wir sind in Taizé.“

Mist. Mein Herz stolperte in einen kurzen Aussetzer, nahm seine Arbeit aber mit doppelter Frequenz sofort wieder auf. Ich nahm hektisch meine weit ausgebreiteten Arme herunter und faltete sie vor meiner Körpermitte, etwas tiefer als üblicherweise zum Gebet. Dann schaute ich mich verstohlen um.

Ich stand in der aufgehenden Morgensonne. Es war bereits glockenhell, und offensichtlich waren auch meine Glocken ausgesprochen hell gewesen, sodass sich eine ältere Dame, die ebenfalls gerade aus einem Wohnwagen gestiegen war, die Augen mit der rechten Hand bedeckte, um nicht geblendet zu werden. Wobei … nein. Tatsächlich schirmte sie, wie ich nun sah, ihre Augen ab, um besser sehen zu können, was sie nicht sehen sollte.

Ist es nicht erstaunlich, dass unsere Augen wie von selbst Alltägliches ausblenden und das Neue, Unbekannte, Verbotene sofort aus einem detailreichen Gesamtbild herausfiltern können, um es gierig aufzusaugen? Vielleicht sah sie auch an mir vorbei und hatte meine ungewöhnliche Gebetshaltung noch nicht als das identifiziert, was sie war. Oder hinter meinem Rücken stand am Waldrand ein ganzes Rudel Nackter, die interessanter waren als ich.

Diese Hoffnung schien mir unsinnig. Ich lächelte verkrampft und widerstand dem panischen Verlangen, mich umzudrehen und zurück in den Wohnwagen zu stürzen, da ich dann der Frühaufsteherin meinen nackten Hintern obszön entgegengestreckt hätte. Die Sonne blendete mich. Ich konnte nicht wirklich entscheiden, ob sie mich überhaupt wahrnahm.

Martina zischte erneut von hinten: „Jo, komm rein.“

„Schschsch“, zischte ich vorsichtig zurück. Wenn ich die Luft anhielt und mich nicht rührte, würde die unfreiwillige Voyeurin mich nicht bemerken – hoffte ich zumindest. Die Frühaufsteherin stand mindestens fünfzig Meter entfernt. Mir fiel ein, dass Hühner nur im Nahbereich scharf sehen konnten und auf größere Distanzen lediglich sich bewegende Objekte wahrnahmen. Bei Dinosauriern, den direkten Vorfahren der Hühner, war das ähnlich gewesen. In Jurassic Park wurde behauptet, die großen Fleischfresser seien komplett auf Bewegungserkennung getrimmt gewesen, doch das stimmte tatsächlich nur für Amphibien wie Frösche und Molche, deren DNA im Film in das Dino-Genom eingefügt wurde. Es war doch außerordentlich hilfreich, als Mathe- und Physiklehrer mit einer guten Portion Allgemeinbildung durchs Leben zu gehen. Mein Freund und Lehrerkollege Klaus Birner hatte zudem unlängst behauptet, die Mädels in seiner achten Klasse seien alle Hühner. Das war klassische deduktive Beweisführung.

Die Sekunden dehnten sich wie Stunden, und ich hatte nicht die Bohne Ahnung, wie ich dem schwarzen Loch dieses relativistischen Kosmos entrinnen sollte, in den ich direkt aus der Tür unseres Eribas splitterfasernackt hineingestolpert war. Ich kniff die Augen zusammen. Täuschte ich mich? Die ältere Dame winkte aufgeregt in meine Richtung. Näherten sich von hinter mir nun doch ein paar betende nackte Mönche oder galt das frenetische Händegefuchtel mir?

Eine flüchtige Ahnung des Wiedererkennens streifte mich. Ich schirmte jetzt ebenfalls meine Augen mit der rechten Hand ab, um den Wohnwagen der winkenden Dame in Augenschein zu nehmen, der unserem auf bemerkenswerte Weise glich. Meine linke Hand genügte an diesem kühlen Spätsommermorgen, um zu verbergen, was beide Hände auf Angape nach den spritzigen Abenteuern kaum vermocht hätten. Da hatte uns die Bettdecke gute Dienste geleistet.

Kein Zweifel. Außer uns beiden war niemand im Freien. In den wenigen Wohnmobilen und Zelten war es noch still. Die ältere Dame, die mir mit einem Mal vage vertraut erschien, ohne dass ich sofort wusste woher, meinte mich!

Ich winkte zögernd mit der rechten Hand, da meine linke noch nicht bereit war zu einem untadeligen naturistischen Hallo. Irgendwie entspannte sich mein Körper allerdings ohne mein bewusstes Zutun, als bestünde mit einem Mal nicht mehr die Gefahr, im hohen Bogen aus dem Paradies zu fliegen, weil ich das Feigenblatt vergessen hatte. Der Kopf unter der winkenden Hand drehte sich strahlend um und brabbelte etwas in den Wohnwagen dahinter, das ich aufgrund der Distanz und der fremden Sprache nicht verstand – bis auf den Namen, mit dem der auffällig rot lackierte Mund seinen Monolog beendete.

„…, Rudi.“

Es gibt keine Zufälle. Sie erinnern sich (wenn Sie Nacktgebiete gelesen haben; spätestens jetzt ein gewichtiger Grund mehr, diesen Roman zu erwerben).

Natürlich! Das Wohnwagengespann, das unserem zum Verwechseln ähnlich sah. Rudi und Dingsbums. Wie hieß sie gleich noch mal? Hmmm. Freya! Die Liebesgöttin auf der Suche nach sexueller Befriedigung, die Rudi ihr verdammt noch mal schuldete. Hatten sie ihr persönliches Angape gefunden und wiederbelebt, was sie längst tot wähnten? Freya machte einen frischen, braungebrannten Eindruck, und das Strahlen in ihren Augen sprach für mich Bände. Sie hatten Sex gehabt! Sie hatten sich an die wesentlichen Details erinnert und festgestellt, dass man es so wenig verlernte wie das Fahrradfahren.

Das alles las ich in dem faltigen Gesicht, das einmal sehr schön gewesen sein musste und diese Schönheit nicht verloren, sondern endlich in der Tiefe ihrer Seele wiedergefunden und befreit hatte. Freya strahlte von innen heraus: sinnlich, erotisch, begehrenswert. Rudi war mir als unscheinbarer, untersetzter Mittfünfziger im Gedächtnis geblieben mit einem Allerweltsgesicht, das Millionen Gesichtern glich, sodass ich Millionen von Gesichtern in ihm wiedererkennen würde, nicht aber ihn selbst.

„Rudi, Rudi, komm endlich raus. Das sin die jungen Leude, die auf dem Suber-U-Bargplatz in unserem Wohnwaachen gebumst haben.“

Pardon. Es war unser Wohnwagen gewesen, den die Liebesgöttin Freya mit dem ihren verwechselt hatte, und fröhlich hineingestürmt war, um dem Riesenschlangendompteur Luc bei der Arbeit zuzusehen.

Ich freute mich über ‚die jungen Leude‘, nicht aber über den Bums-Rest, den sie in einem Anflug ekstatischer Wiedersehensfreude geradezu herausbrüllte. Ich stand noch immer unschlüssig herum, während er hinter den Fingern meiner linken Hand zum Glück mehr hing als stand, dennoch aber nicht unsichtbar war. Spätestens jetzt war die ganze Wiese wach. Scheiße.

Das Wohnmobil zu unserer Linken schwankte. Ich hörte, wie sich die Verschlüsse eines Ausstellfensters öffneten. Gleich würde sich ein Kopf ins Freie recken und sofort erkennen, dass der nichtbrüllende Frühaufsteher da draußen an diesem speziellen Ort underdressed war.

Jetzt war Freya, eine Eva wie alle Frauen, bis auf wenige Meter zu mir vorgestoßen und erkannte erst auf die kurze Distanz, dass ich, ein Adam wie alle Männer, tatsächlich nackt war – bis auf die linke Hand. Sie erinnern sich an die Hühneraugen – nicht die an den Füßen, von denen Freya wenigstens zwei an den Grundgelenken der großen Zehen hatte, die in Plüschpantoffeln vor mir zum Stillstand kamen. Das sah ich deshalb so deutlich, weil ich meinen Blick in den Boden Richtung Erdmittelpunkt bohrte, vielleicht ein instinkthaftes Relikt aus grauer Hühnervorzeit, als meine einfältigen gefiederten Vorfahren annahmen, dass wenn man den Kopf samt Augen in den Sand stecke, man für die Umwelt unsichtbar sei. Der Wunsch, unsichtbar zu sein, wurde übermächtig. Ungeschickt in diesem Zusammenhang waren meine leuchtend roten Ohren im Kontrast zur grünen Wiese. Ich stellte mir vor, dass sie im Takt meines rasenden Herzens blinkten.

„Is das hier auch ein FGaGa-Campingplats?“, fragte Freya verschwörerisch zu mir gebeugt und knuffte mich in die Seite. Sie stand nun so, dass mich ihr wallendes Ein-Mann-Freizeitzelt – vermutlich handelte es sich um ihr Nachthemd – durch eine glückliche Fügung der Windrichtung faktisch mit einschloss. In diesem Moment öffnete sich klickend das Fenster über dem Doppelbett des nächstgelegenen Wohnmobils.

„Grüezi mitanand“, dröhnte es in einem angenehmen Bariton unter der Plexiglasscheibe hervor.

Ein infernalisches: „Schschsch. Die Lüt schlofa noch“, ließ das hagere, gegerbte Gesicht zusammenzucken, das mit schwarzen Tätowierungen übersät war und mich an die Titelseite einer Tageszeitung erinnerte, über die jemand Kaffee geschüttet hatte. Nun lugte auch ein zweiter Kopf mit zwei roten Zöpfen aus dem Fenster und lächelte. „Hebet mir eich uffgweckt?“, kam aus dem dicklippigen Mund in einem tiefen Alt, zu dem ein gepflegter Damenbart gepasst hätte. Die beiden Gesichter starrten zu uns herüber, und in diesem Moment musste der Wind von Südwest nach Nordost gedreht haben.

Pippi Langstrumpf und Zeitungsgesicht erfassten die Situation instinktiv aber komplett falsch, sahen sich mit einem anzüglichen Grinsen an und meinten unisono: „Da wollet mir net störe“, und zogen die Köpfe zurück. Sekunden später schaukelte das Gefährt in einem Rhythmus, der wenig Spielraum für Spekulationen ließ. Entweder hatten sie nur kurz unterbrochen oder aber in vollkommener Missdeutung meiner Hosenlosigkeit den Startschuss für den eigenen Frühsport gesehen.

Endlich erschien Martina korrekt gekleidet in der Tür unseres Eribas und hielt mir meine kurze Radlerhose hin, sodass ich mit je einem Schritt rückwärts in die Hosenbeine steigen konnte. Puh.

Freya schien sichtlich enttäuscht, vermutlich weniger, weil ich jetzt eine Hose anhatte, sondern weil sich die Hoffnung auf ein generelles Hosenverbot auf dieser Campingwiese zerschlug. Jetzt stand Rudi in der Tür seines Eribas. Er hatte ein geradezu sakrales Outfit angelegt.

„Rudi is Pfarrer von Smorendörn, unser kleines Dorf nich weid von Amsterdam. Wir gehen jetz in den Frühgottesdienst“, erklärte Freya und schüttelte mir die Hand.

„Schön, Sie wiederzusehen“, sagte Martina an meiner statt, obwohl sie Rudi und Freya nur aus meinen Erzählungen kannte. Da fiel mir auf, dass ich noch keinen einzigen Ton von mir gegeben hatte. Machte Hosenlosigkeit sprachlos? Ja, unbedingt! Im falschen Kontext.

„Katholisch oder protestantisch?“, witzelte ich, nachdem ich mit der Hose auch die Sprache wiedergefunden hatte.

„Ich habe nich nur meinen Rudi, sondern auch noch vier Kinder und fünf Enkel“, erklärte Freya, um weiteren Verdächtigungen in Richtung Katholizismus vorzubeugen. „Is das Ihre reizende Frau? Auch schön, Sie wiedersusehen, und vielen, vielen Dank …“, sagte Freya. Sie schüttelte mir noch einmal, nun geradezu ehrfürchtig, die Hand. „Sie haven unsere Ehe gerettet“, flüsterte sie, weil Rudi schon fast in Hörweite war und mit einem Strahlen im Gesicht näherkam, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Auch er hatte sich verändert, hatte vielleicht das verlorene Paradies der Anfangsjahre zusammen mit der großen Liebe seines Lebens wiedergefunden. Ich freute mich aufrichtig für die beiden, fragte aber: „Danke wofür?“

„Ich hav mich durchgesetzt. Wir sin nich su den anderen Langweilern auf den Textil-Campingplats, sondern … Sie wissen schon“, sie zwinkerte verschmitzt. „Und da hav ich Rudi mal so richtich rangenommen. Wusste gar nich, was noch alles unter der Motorhaube meines Oldtimers steckt.“ Freya grinste. Ich wusste nicht, ob sie mit dem Oldtimer Rudi oder sich selbst oder sie beide meinte. Rudi hatte zu ihr aufgeschlossen und legte liebevoll seinen fülligen Arm um Freyas ausgesprochen weibliche Hüften.

„Ich bin Rudi Schmand und das is meine Frau Freya“, erklärte er mir und erstaunte mich nun seinerseits mit einem ausgesprochen männlichen Händedruck. Richtig. Wir hatten uns noch gar nicht vorgestellt.

„Martina und Johannes Gruber“, kam mir Martina zuvor, die schon länger die Hosen anhatte als ich, also im rein physischen Sinne, und deshalb nicht unter meinen abklingenden Wortfindungsstörungen litt. Ich zog mir rasch ein T-Shirt über und Sandalen an.

„Wollen wir nich alle ,Du‘ saachen?“, meinte Freya. Wir nickten alle lächelnd. „Welchen Campingplatz habt ihr denn nach dem Super-U-Parkplatz angesteuert?“, fragte ich.

„Ein super sööner Plats direkt am Meer. Herrliche Pinien. Total nette Leute. Alle nackt“, fügte sie begeistert hinzu.

„Er heißt Angape“, ergänzte Rudi.

„Da waren wir auch“, rief Martina aus. „Schade, dass wir uns nicht begegnet sind.“

„Ja, sehr saade“, meinte Freya. „Aber vielleich treffen wir uns ja nächses Jahr. Wir wollen unbedingt wieder hin, nich wahr Rudi?“

Rudi nickte, lächelte selig und bekam rote Ohren wie ein Fünftklässler, den man mit einer Pornozeitschrift auf dem Schulklo erwischt hatte. Ich wusste genau, welche heißen Erinnerungen seine Ohren zum Glühen brachten.

Die Tür des Wohnmobils zu unserer Linken schwang auf und der Maximaltätowierte sprang auf die Wiese. Er kratzte sich ungeniert durch den dünnen Stoff einer schlabberigen Boxershort an seiner Männlichkeit, drehte sich zu uns um und faltete die Hände in katholischer Manier vor der Brust. „Namaskar“, sagte er und verbeugte sich leicht.

Hoppla. Ein Inder in Boxershorts mit Sprachkenntnissen in Schwiizerdütsch. Jetzt tänzelte auch Pippi Langstrumpf aus dem Wagen, noch sichtlich beschwingt vom seismischen Ereignis am oberen Ende ihrer Richterskala. „In zwanzig Minuten ist Morgengebet. Hopp, hopp, Urso. Yoga kannst nachher noch machen.“

„Schon so schpaat?“, meinte Urso und wandte sich zu uns. „I bin da Urso und mei Frau is di Greta. Grüezi no amol alle mitanand.“ Er wischte sich beide Hände an der Boxershort ab, dann kam er auf unser illustres Grüppchen zu und streckte uns als Ignorant indischer Begrüßungsformeln doch noch die minimalistisch aufbereitete Flosse entgegen, jene, die nicht an der Sackkratzorgie teilgenommen hatte. Hatte das Sackkratzen an seinem Hänsel, mit dem er offensichtlich gerade erst Gretel gehänselt hatte, Spuren hinterlassen, von denen ich lieber nichts wissen wollte? Wir schüttelten ihm alle die Hand und stellten uns vor.

Urso war mir auf den zweiten Blick sympathisch, wenngleich ich gegen Tätowierungen im Gesicht eine grundsätzliche Abneigung verspürte. Auch Greta kam nun herzlich auf uns zu und schüttelte uns mit grellrot lackierten Fingernägeln die Hand. Um ihren Hals baumelte eine Art Stacheldrahtverhau, der sich bei näherem Hinsehen als wirres Durcheinander asiatischer Halsketten entpuppte.

Als ich Ursos Gesicht studierte, stellte ich fest, dass das, was ich als Schlagzeilen einer Tageszeitung wähnte, Zeichen oder Runen – vielleicht aus dem Sanskrit – waren. Urso deutete meinen interessierten Blick richtig und erklärte: „Ja … is scheiße g’luffa. Greta und ich warn vor fünf Jahrn in Rishikesh. Abends händ mir was gʼraucht. Supa Stimmung. Unser Guru Maresh häd an Freund dabei, der Tätowierprofi war. Ich denk, mein Indisch war zu dem Zeitpunkt noch nöd so perfekt. Wir sind dann seelig eingedöst. Und als ich aufgʼwacht bin, na, da sah ich so aus.“ Er zuckte mit den Schultern. „Hat aber nix gekoschtet, weil die gemerkt händ, dass i nix bestellt häbbet und ein wenig unglücklich war.“ Nun grinste er. „Aber fürs Gʼschäft warʼs super. Nu seh ich selbst aus wieʼn indischer Guru, oder?“

„Du bist Buddhist?“, fragte ich spontan, weil mir der kürzeste Schüttelreim der Welt in den Sinn kam. „Wie seid ihr denn dann in Taizé gelandet?“

„Joa, du, unser Guru sagt, dass Wahrheit in allen Religionen stücka däd und der Buddhist auf der Suach nach all diesen Wahrheiten sein muss. Jetzt suachet mir halt hier.“ Guru Urso strahlte astral und Greta nickte beifällig.

„Außerdem sind wir beide katholisch und haben uns auf einem Zeltlager der Pfadfinder auf der schwäbischen Alb kennengelernt“, sprudelte es jetzt aus Greta im besten Hochdeutsch heraus. „Ich komme aus Berlin, Urso ist gebürtig aus Tübingen. Urso musste dann geschäftlich und aus steuerlichen Gründen in die Schweiz. Wir bauen gemeinsam eine kleine Yoga-Schule in Kleinandelfingen auf mit dem ganzen Drumrum.“

Mir brannte es auf der Zunge, bei den steuerlichen Gründen und dem Drumrum noch mal nachzuhaken, ich beherrschte mich aber und schnupperte in Richtung des alten Wohnmobils, einem kastenartigen Hymer-Bus aus den siebziger Jahren, aus dessen Richtung jetzt der Wind blies. Blumenwiese – also Cannabis. Eindeutig. Es rauchte unübersehbar aus der geöffneten Tür. „Kann es sein, dass die Plantage in eurer Karre brennt?“, flüsterte ich zu Urso gebeugt und deutete mit dem Finger in die entsprechende Richtung.

„Mensch, Greta. Drück doch den Schoint aus, wenn du fertig bischt.“ Urso spurtete zurück in sein Fahrzeug und war wenige Augenblicke später wieder bei uns. Er grinste verlegen. Rudi räusperte sich und schaute auf seine Armbanduhr.

„Sind noch fünf Minuden. Freya und ich wollen nix verbassen.“ Er lächelte entschuldigend in die Runde.

„Da könnet mier doch zʼsamma gea“, meinte Urso, der noch immer in seiner Boxershort mit nacktem Oberkörper dastand. Er wechselte mit Rücksicht auf unsere Holländer zusehends in das nur halb so unverständliche schwäbische Deutsch seiner Tübinger Kinderzeit. Als er Rudis irritierten Blick unter der gerunzelten Stirn wahrnahm, buchstabierte er akzentuiert wie ein Lehrer seinem zurückgebliebenen Schüler: „W-i-r k-ö-nn-e-t d-o-c-h z-u-s-a-mm-en gehn. S-i-n-d g-l-e-i soweit“, und spurtete mit Greta im Schlepptau los. Es schaukelte noch einmal heftig im Hymer-Bus, diesmal offensichtlich aus einem anderen Grund, und tatsächlich standen beide nach weniger als sechzig Sekunden wieder bei uns, heftig keuchend, ebenfalls aus einem anderen Grund.

„Wir können los“, meinte Greta, und so setzten wir uns gemeinsam in Bewegung. Wir schlossen zu einer Gruppe junger Leuten auf, die ebenfalls auf dem Weg in die Kirche waren, und als wir durch eine der einfachen Holztüren traten, empfing uns mehrstimmiger Gesang aus unzähligen Kehlen. Es waren Lieder, die Martina und ich aus unserer Jugendzeit kannten, von den Lagerfeuern der Zeltlager, den Kinder- und Jugendgottesdiensten einer weit zurückliegenden Zeit. So vieles war vertraut. Es war ein Gefühl, wie nach Hause zu kommen.

Wir sangen mit auf Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch und Polnisch, und ich schämte mich nicht der Tränen, die in meinen Augenwinkeln standen. Wir waren eine große Familie mit Menschen aus allen Ländern dieser Welt. Arme und Reiche, Kranke, Gesunde, Behinderte. Alle Unterschiede waren aufgehoben und der Gott, zu dem unsere Lieder emporstiegen, war schwarz und weiß, Mann und Frau und Ruach – Hauch. Ein Wort, das in der Sprache der alten Hochkulturen – der Juden, der Aramäer, Araber, Äthiopier, Semiten und Phönizier – nahezu identisch war. Der Wind in den Bäumen, der Atem alles Lebendigen, der Geist, der über den Wassern schwebte und irgendwo in grauer Vorzeit, in der Unendlichkeit der Ozeane, dem ersten Einzeller Leben eingehaucht hatte.

Warum sollten Urso und Greta nicht gerade an diesem Ort mit allen anderen beten? War uns Christen der Buddhismus da vielleicht einen Schritt voraus? War Gott nicht immer ein persönlicher Gott? Ein Gott, der so individuell war wie ich selbst und mir noch einmal auf den Wegabschnitten meines Lebens in neuen Gestalten begegnete, wie den Emmaus-Jüngern? Als lieber Gott des Kindes, als Aufpasser in der wilden Zeit des Heranwachsens, als tröstender Gott in den dunklen Stunden und der letzten Stunde meines Lebens.

Taizé war wie Angape. Ein Ort, an dem wir alle nackt waren. Das war der tiefe Sinn der Paradiesgeschichte. Man musste es nackt betreten, unverhüllt, wahrhaftig, denn Gott interessierte sich nicht für unsere Hüllen, sondern allein für unseren Kern.

Dann erklang sanft das mehrstimmige Beati voi poveri – frei übersetzt: Selig seid ihr Nackten. Ein wunderbarer Abschluss unseres Urlaubs, den wir zum ersten Mal ganz der Nacktheit gewidmet hatten – in all ihren vielschichtigen Aspekten unseres Lebens. Diese Nacktheit hatte den Gordischen Knoten der verwirrenden Komplexität unserer kleinen und großen Sorgen und Probleme aufgelöst, weil wir zu den wenigen wirklich wichtigen Dingen zurückgefunden hatten.

Als der Gottesdienst mit dem Confitemini Domino quoniam bonus (Danket dem Herrn, denn er ist gut) zu Ende ging, schielte ich zur Seite und sah in das leuchtende Gesicht Ursos, der inbrünstig in einer auffallend klaren Tenorlage mitsang, wenngleich ich nicht wusste, welchem Herrn er dankte. Vielleicht blieb das aber in diesem alten lateinischen Text aus den frühen Tagen der Christenheit ganz bewusst offen.

Vielleicht waren die Väter aller Religionen Naturisten gewesen. Wäre doch logisch. Sie waren schließlich rein abstammungstechnisch Adam und Eva, den ersten schriftlich bezeugten Naturisten, sehr viel näher als wir heute. Hatte sie die Nacktheit nicht alle zwangsläufig gleichgemacht und ihre unterschiedlichen Götter damit auch?

Wir gingen schweigend zu unserer Campingwiese zurück. Dann stellten wir unsere Campingtische zusammen und frühstückten gemeinsam. Es fielen wenige Worte. Wir lauschten dem Ruach in den Bäumen, dem Ruach im Zirpen der Grillen und im Gesang der Vögel. Ein scharfer Schmerz zwischen den Rippen ließ mich zusammenzucken. War diese friedliche Szene zu viel für mich, weshalb ich gerade einen Herzinfarkt erlitt?

2

„Joooo!“ Martina bohrte ihren spitzen rechten Zeigefinger in meine Seite. „Bist du eingeschlafen?“

Ich drehte mich verwundert zu ihr um, kam aber nicht weit, weil meine Hände noch immer das Steuer umklammerten.

„Los, Papa. Ich will sofort in mein Zimmer, weil ich gar nicht mehr weiß, wie es aussieht“, plapperte Friederike von hinten aufgeregt.

Ich musterte verwundert meine zehn Finger am Ende meiner Arme, und dann fiel ich jäh aus meinem süßen Tagtraum. „Ich musste gerade an Taizé denken“, entschuldigte ich mich. Vermutlich war ich tatsächlich einen Augenblick lang eingenickt. Die lange Fahrt hinterließ Spuren. Ich räusperte mich, stieß die Fahrertür auf und straffte meinen Körper. „Kommt. Jeder nimmt schon mal mit, was er tragen kann“, rief ich speziell nach hinten, damit Friederike nicht einfach losstürmte und ich nachher sämtlichen Krimskrams von ihr zusammenpacken musste, den sie gleichmäßig auf der Rückbank verteilt hatte.

„Hab schon alle Hände voll“, rief Friederike zurück, schnappte sich eines ihrer unzähligen Kuscheltiere und rannte zur Haustür.

Ich seufzte und lächelte Martina an, die jetzt ihrerseits versonnen zu träumen schien. „Ja, Taizé. Ein so würdiger Abschluss unseres Urlaubs. Findest du nicht auch, Jo?“

Ich nickte und küsste sie zärtlich auf den Mund. „Komm. Lass uns später auspacken“, sagte ich, und wir schlenderten Hand in Hand zu unserem Häuschen mit dem herrlichen Blick in das Tal der Nagold. Ich hatte mich doch getäuscht. Der Zauber der Côte d’Argent hatte sich nicht in Luft aufgelöst. Er war noch in uns beiden.

Ich schloss die Eingangstür auf. Friederike stürmte sofort in ihr Zimmer und rief Sekunden später durchs Treppenhaus: „Alles noch da.“

Wir lachten, gingen ins Wohnzimmer und stellten erstaunt fest, dass nicht nur alles noch da war, sondern zudem frische Blumen auf dem Tisch standen. Das Haus war gelüftet worden und die Küche, die wir bei unserem morgendlichen Aufbruch in einem ziemlichen Chaos hinterlassen hatten, war blitzblank. Unter der Vase klemmte ein Zettel auf dem stand: Herzlich willkommen zu Hause. Claudias Handschrift.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich je mit Blumen begrüßt hat“, sagte ich an Martina gewandt.

„Sie meint ja auch mich und Friederike“, witzelte Martina, dann sagte sie ernst: „Nein. Im Grunde hattest du immer einen Platz in ihrem Herzen, Jo.“

Ich nickte. Friederike kam schon wieder die Treppe runtergestürmt und fragte: „Kann ich zu Veronika? Ich hab gerade mit ihr telefoniert. Ich muss ihr unbedingt von unserem Urlaub erzählen.“

Wir runzelten beide die Stirn, weil uns natürlich die Frage durch den Kopf ging, welches Lauffeuer Friederike legte, wenn sie alle nackten Details bei Veronika zum Besten gab, deren Mutter eine enge Freundin Gabis war. Andrerseits hatte Gabi das Städtchen ja bereits selbstlos spätestens nach unserer Schmuddelbuchung eines FKK-Campingplatzes in ihrem Reisebüro auf den Gruber-Schock vorbereitet. Zumindest nahm ich das an.

Ich schaute auf meine Armbanduhr und stellte fest, dass ich gar keine anhatte. Ich hatte sie in Heliomonde in meinen Waschbeutel gesteckt und seither nicht mehr in der Hand gehabt. Ein Nackter mit Armbanduhr sah fast so komisch aus wie der typische Deutsche mit Kniestrümpfen in Sandalen. Zudem saugt Sie eine Armbanduhr immer wieder unweigerlich in die Textilowelt. Sie fühlen sich wie ein Halbnackter unter Nackten. Da fühlt sich eine Pudelmütze mit unten ohne besser an, glaube ich.

„Und wer räumt das Auto aus? Wie spät ist es eigentlich?“, fragte ich Martina, die ebenfalls vergeblich auf ihr nahtlos braunes Handgelenk schaute und von der Uhr am Backofen zehn vor fünf ablas.

„Papa. Ich räum nachher meine Sachen auf. Bitte, bitte“, quengelte Fritzi.

„Okay. Aber um halb acht bist du wieder da. Morgen ist Schule. Wir müssen noch deinen Ranzen packen“, gab Martina nach.

Mir war klar, dass das lästige Autoauspacken jetzt an mir und Martina hängen blieb. „Danke“, rief Fritzi noch und raste aus dem Haus die Straße hinunter zu ihrer besten Freundin, die nur wenige hundert Meter von uns entfernt wohnte.

Wir schlossen die Tür hinter ihr und Martina bemerkte: „Wir sind für mindestens drei Stunden ganz allein.“ Das Lächeln in ihrem Gesicht ließ mir wenig Raum für Alternativvorschläge.

„Ich könnte dir wie in unserer Anfangszeit meine Briefmarken unter der Bettdecke zeigen“, fiel mir ein.

„Aber von hinten und von vorne“, ergänzte Martina bestimmt, wobei mir der Bezug zu den Briefmarken nicht unmittelbar klar war.

„Die meisten Frauen unter meiner Bettdecke haben sich mit der Vorderseite begnügt“, ergänzte ich unschuldig.

„Du Schuft.“ Martina lachte und machte sich auf die Suche nach dem Album. Als sie in meiner Hose nicht fündig wurde, streifte sie mir auch noch das T-Shirt über den Kopf.

„Nichts“, sagte ich enttäuscht, dann hellte sich meine Mine auf. „Vielleicht sind sie da.“ Ich zog Martina den Pulli aus und stellte enttäuscht und erregt zugleich fest, dass in ihrem BH keine Briefmarken sein konnten, weil sie keinen trug.

„Ich habe keinen Slip an“, raunte mir Martina ins Ohr.

„Dann bleibt nur die Hose“, erklärte ich akademisch und betätigte mich als Forscher. Nachdem ich Martina die Hose heruntergezogen hatte und sie aus den Hosenbeinen gestiegen war, fiel mir noch etwas ein. Wir standen im Flur. „Stell dich an die Wand und spreize die Beine“, sagte ich wie ein Bulle, der einen Briefmarkendieb gestellt hatte. Ich tastete ihre Oberschenkel von innen ab und sah, wie sich Martinas Härchen auf dem nackten, braunen Po aufrichteten. Als ich die Kreuzung linkes Bein, rechtes Bein erreichte, stöhnte sie auf. Aha. Sie hatte Panik. Irgendwo hier waren sie. „Gibst du auf und rückst die Briefmarken raus oder muss ich sie mir holen?“, fragte ich streng.

„Du musst sie holen“, hauchte sie und das Zittern in ihrer Stimme war pure Lust. Als ich ihre Pobacken spreizte und keine Briefmarken zu Boden fielen, blieb nur ein Ort, den ich noch nicht inspiziert hatte. „Ich muss jetzt mit der Taschenlampe nachsehen“, erklärte ich Martina ernst, griff mir ihre Brüste von hinten und knipste meine Taschenlampe an, die rot aufglühte. Als ich tief in sie hineinleuchtete, wusste ich, dass ich sie überführt hatte.

„Mehr, mehr, schneller“, stöhnte sie. Sie bat um Gnade, doch ich war erbarmungslos.

Ich zog meine Taschenlampe zurück, auf der noch immer keine Briefmarke klebte. „Wo hast du sie versteckt?“, keuchte ich und suchte tiefer und intensiver. Nichts. Ich spürte, wie die Batterien meiner steifen Funzel nachließen. Ich schüttelte sie. Halt durch, noch nicht, dachte ich verzweifelt, doch dann war es geschehen. Der Strom war alle und die rote Birne erlosch. Es wurde schwarz vor meinen Augen.

Martinas Stimme drang in der Dunkelheit zu mir. „Und?“, war ihr amüsierter Kommentar.

„Nichts“, keuchte ich tonlos. „Plötzlich war der Saft weg. Ich lade die Akkus auf und schau dann noch mal nach. So leicht kommst du mir nicht davon. Irgendwo müssen sie ja sein.“

Martina kicherte, drehte sich zu mir um und küsste mich leidenschaftlich. „Das mit den Briefmarken hatte ich anders in Erinnerung. In unserer ersten Nacht hast du an mir herumgefummelt, als hättest du überhaupt keine Vorstellung von der Anatomie einer Frau. Ich musste mich damals total beherrschen, um nicht laut loszulachen, sonst hättest du wahrscheinlich gar keinen hochbekommen.“

„Und woher hattest du deine profunden Kenntnisse über die männliche Anatomie?“, fragte ich mit einem bohrenden Anflug von Eifersucht.

„Männliche Anatomie ist ziemlich unspektakulär und baumelt zudem gut sichtbar an der Außenfassade. Was mir nicht sofort klar war, habe ich in der Bravo nachgelesen.“

Hatte nur ich das unbestimmte Gefühl, dass Martina in einen klitzekleinen Erklärungsnotstand geriet? Ich hatte mir eingebildet, der erste Mann in ihrem Leben gewesen zu sein, doch wieso war ich mir da so sicher? Wir hatten uns seltsamerweise nie über unsere früheren Geschlechtspartner ausgetauscht.

Als Mann lasse ich niemanden leichtfertig an meine Werkzeugkiste. Ist so. Für normale Männer wie mich ist dieser gut sortierte heilige Schrein, dessen Inhalt Mann über Jahre mit den zu erwartenden Reparaturen des Lebensumfeldes synchronisiert hat, ein noli me tangere. Das betraf natürlich auch meine Taschenlampe, an die außer mir niemand Hand angelegt hatte, bis zur ersten dunklen Nacht zu zweit unter einer fremden Bettdecke. Frauen dagegen haben keine Werkzeugkiste, sondern wühlen gern gedankenlos in der ihrer Männer herum, ohne die Sachen, die sie in die Hand nehmen, auch wieder an den dafür vorgesehenen Platz zurückzulegen. Okay, das erklärte nicht alles, aber doch so manches.

Ein Geräusch riss mich aus meiner abklingenden Benommenheit, auf das ich nicht angemessen schnell reagierte, weil ich es nicht erwartet hatte. Konnte es überhaupt sein? Wir standen noch immer in unzweideutiger Pose im Flur direkt hinter der Eingangstür, als sich in dieser knirschend ein Schlüssel drehte. Auch Martina drehte den Kopf, sodass ich annahm, dass es sich nicht um eine akustische Fata Morgana handelte. Jetzt schwang die Tür energisch auf.

Nein, es war nicht Toni, den ich in dieser Schrecksekunde als plausibelsten Interruptus erwartet hätte. (Verstehen Sie erst, wenn Sie Nacktgebiete gelesen haben.)

„Ihr seid ja schon da! Störe ich?“, war die verstörte Frage des Störenfriedes, dessen Gesichtsfarbe von jetzt auf gleich in ein erregtes Rot umschlug.

„Nein, wir waren ohnehin gerade fertig“, sagte ich verschmitzt lächelnd und sah im Augenwinkel, dass Martina ebenfalls den ersten Schreck überwunden hatte und sich entspannte.

„Mama“, hauchte sie. „Du hast alles so schön aufgeräumt. Und vielen Dank für die Blumen. Man fühlt sich gleich wie zu Hause.“

Okay. Wir waren hier zu Hause.

„Das sehe ich“, meinte Claudia etwas stockend und betrachtete ohne weitere Scham unsere nackten Körper.

Ich ging auf sie zu und umarmte sie herzlich. „Schön, dich wiederzusehen“, sagte ich aufrichtig.

„Und wo ist Friederike?“, flüsterte sie besorgt.

„Keine Angst. Sie wollte sofort zu Veronika. Wir sind alleine … waren alleine“, verbesserte ich mich.

„Ich zieh mir schnell was an“, sagte Martina, drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und verschwand nackt mit ihren Kleidern unter dem Arm ins Bad.

Ich zog mir Hose und T-Shirt an und ging mit Claudia ins Wohnzimmer. „Kann ich dir was anbieten?“, fragte ich. „Ich weiß allerdings nicht, was wir noch im Haus haben“, fügte ich hinzu und dachte in diesem Moment, dass Claudia nach unserem Urlaub immer sehr viel besser Bescheid gewusst hatte, was in unseren Schränken und Schubladen verborgen lag, als wir selbst. Ich verwarf diesen Gedanken, der in ein altes Leben gehörte, das durch ein völlig neues abgelöst worden war.

Claudia schüttelte den Kopf. „Ich brauche nichts. Hattet ihr eine gute Heimreise?“, fragte sie.

Ich erzählte ihr von unserem spontanen Abstecher nach Taizé und meinem naturistischen Ausrutscher, woraufhin sie in schallendes Gelächter ausbrach. Meine Schwiegermutter hatte sich so unglaublich verändert. Auch sie strahlte seit den wenigen Tagen auf Angape eine innere Schönheit aus, die sie attraktiv, ja begehrenswert machte. Sie musste wie ein Magnet wirken – natürlich auf Männer ihres Alters. Ich liebte sie und schämte mich zugleich, sie so lange für eine unausstehliche Kratzbürste gehalten zu haben. Alle Menschen hatten ihre Geschichte, die sie zeichnete und nicht selten in Käfige sperrte, die sie nicht aus eigener Kraft öffnen konnten.

„Luc kommt.“ Claudia strahlte. „Wir haben telefoniert. Angape hat er in eine Genossenschaft verwandelt, an der alle Mitarbeiter und die Clochards, die er aufgenommen hat, einen Anteil halten. Die Einnahmen teilen sie sich. Bei der Polizei konnte er ein Jahr unbezahlten Urlaub aushandeln. Er tat sehr geheimnisvoll. Er möchte hier im Schwarzwald etwas Neues anfangen. Schließlich müsse er ja seinen Lebensunterhalt verdienen und wolle mir nicht auf der Tasche liegen.“

„Hmmm. Und was will er hier anfangen?“, fragte ich interessiert.

Claudia zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Er hat einen Flug gebucht für Montag in vierzehn Tagen direkt nach Stuttgart. Bis dahin habe er zu Hause alles geregelt.“

„Und wie geht es dann weiter … ich meine, mit euch beiden?“

Claudia zuckte wieder mit den Schultern und lächelte. „Pflücke den Tag, Jo. Hast du das nicht auch auf Angape gelernt?“

Jetzt erklärte mir schon meine Schwiegermutter den Naturismus. „Entschuldige. Du hast recht. Warum löchere ich dich auch mit solchen Fragen. Lass dir Zeit. Ich freue mich für dich … für euch.“ Ich ärgerte mich über meine kleinkarierten Textilo-Zukunftsängste, doch das Lebensglück meiner Schwiegermutter lag mir ehrlich am Herzen.

Martina kam zurück. Sie hatte sich die Haare gekämmt und sah umwerfend aus – wie immer nach dem Sex. Sie setzte sich zu uns, und Claudia berichtete ihr von Lucs Reiseplänen. Die beiden Frauen umarmten sich und beiden liefen Tränen über das Gesicht. Letztlich war Luc für uns nicht irgendjemand, sondern der aussichtsreichste Kandidat für die Vaterschaft Martinas und damit für die Ehemannschaft Claudias, oder wie man das auch immer nennen sollte.

Als der Flüssigkeitsverlust von Mutter und Tochter für meinen Geschmack lebensbedrohliche Dimensionen annahm, schlug ich vollkommen selbstlos vor, auf diese wunderbare Nachricht mit reichlich Flüssigkeit anzustoßen. Ich ging in den Keller und zauberte eine gute Flasche Sekt zutage. Warum nicht. Es war Sonntagabend und wir hatten einen triftigen Grund, auf die in jeder Hinsicht gut ausgegangene Urlaubsgeschichte anzustoßen.

Claudia schniefte und wischte sich die Tränen vom Gesicht. „Ich bin so glücklich“, sagte sie. „Mit allem. Ich liebe euch beide. Ich liebe Friederike, ich liebe Luc. Mein Leben kommt mir wie ein Traum vor. Es klingt sicher töricht, aber ich habe auch Angst, aus diesem schönen Traum zu erwachen … dass dies alles zerbricht. So viel Glück habe ich nicht verdient.“ Sie schluchzte und ihre Augen waren schon wieder undicht.

„Natürlich hast du es verdient“, widersprach ich sanft. „Du hast vierzig Jahre lang gewartet. Jetzt wird es Zeit, alles nachzuholen, was du mit deinem Mann versäumt hast. Also gib Gas und streng dich an.“ Ich lächelte ihr aufmunternd zu, und da stoppte endlich das salzige Getröpfel. Meine Schwiegermutter nahm ihr Sektglas, stieß mit uns an und leerte es auf einen Zug, um sich gleich nachzuschenken. Prost.

Claudia wollte noch warten, bis Fritzi zurück wäre, und vertrieb sich die Zeit mit zwei weiteren Gläsern Sekt. Wir luden sie zum Abendessen ein und bereiteten aus allem, was die Küche noch hergab, ein leckeres Ein-Gänge-Menü. Spaghetti mit Tomatensoße. Dazu geriebenen Hartkäse, den wir aus Frankreich mitgebracht hatten. Ein gutes Fläschchen Rotwein aus dem Burgund, Oliven und einen Salat, der sich vom Atlantik bis nach Hause in unserem Gemüsefach im Wohnwagen versteckt hatte, ohne zu vergammeln.

Als Fritzi wie erwartet gegen halb acht eintrudelte, war die Sonne bereits hinter den Bergen verschwunden. Es wurde dämmrig, und man hatte das Bedürfnis, sich eine Jacke überzustreifen. Der Herbst stand vor der Tür und pflegte im Schwarzwald, entsprechend den vorherrschenden, ungehobelten Sitten, bereits im Spätsommer mit der Tür ins Haus zu fallen, sehr viel früher als am Meer. Die Tannen blieben natürlich immer grün, doch der Mischwald zeigte schon zaghaft eine breitgefächerte Auswahl an pastellenen Brauntönen.

Wir aßen und Claudia, die Ex-Antialkoholikerin, und ich prosteten uns ausgiebig zu, während sich Martina zurückhielt, weil sie sich noch um Fritzis Schulranzen kümmern und sie zu Bett bringen wollte. Ich torkelte Arm in Arm mit Claudia die dunkle Straße hinunter zu ihrer Wohnung, die nur fünfzehn Minuten von uns entfernt lag. Passanten, die uns im Schein der Straßenlaternen erkannten, schauten uns verwundert nach. Ich fragte mich, welche wirren Geschichten sich bei unserem Anblick in ihren rauchenden Köpfen konkretisierten. Schließlich hatte auch Claudia ihr Ticket nach Bordeaux über Gabis Reisebüro bezogen und war damit in den Nudistendunstkreis unserer Schmuddelbuchung geraten.

Der Wecker mit seinem infernalischen Gepiepse riss mich aus meinen Träumen. Warum hatte ich das so nicht erwartet? Stimmt. Mein Handy hatte mich vor dem Urlaub mit seinem We are the Champions auf den Tag eingestimmt. Wo mochte es jetzt sein? Hätte ich es nicht nach Hause überführen müssen, um es hier im Kreis seiner Familie und in geweihter Erde beizusetzen, anstatt in einem Mülleimer fern der Heimat im Kreis gebrauchter Ohrstäbchen?

Okay. An Montagmorgenden lag immer etwas Wehmut in der Luft, die meine Gedanken theatralisch überhöhte. Ich wischte mir eine Träne über die Erinnerung an meinen toten Kameraden aus dem Augenwinkel und schwang energisch die Beine aus dem Bett. Ich musste unbedingt zum Handyshop und mich wieder in die soziale Welt da draußen einloggen. Ohne Smartphone würde ich vereinsamen.

Zunächst aber hatte ich ein Rendezvous mit den dreißig Schülern meiner Physikklasse, dann mit weiteren fünfundzwanzig der Mathe-Oberstufe, um schließlich eine Doppelstunde lang die Dreizehnte mit Prüfungsfragen für das anstehende Abi in die Verzweiflung zu treiben. Keine entspannten Aussichten für den ersten Schultag.

Ich weckte Fritzi, die sich erst wieder an den Rhythmus gewöhnen musste und im Halbschlaf brabbelte: „Hilfe, ichwillgeinehoseansiehn. Weg, weg …“, dabei fuchtelte sie wild mit den Armen, bis sie endlich die Augen aufschlug und mich verwundert anblickte. Das konnte ja heiter werden.

„Du hast geträumt, Schatz. Alles in Ordnung. Mach dich im Bad fertig. Ich mache schon mal Frühstück“, erklärte ich und strich ihr über den Kopf. Ich deckte den Tisch und ließ Martina noch schlafen. Dann machte ich das Pausenbrot für Fritzi und schickte sie rechtzeitig los zu Veronika, mit der sie zur Schule lief. Puh.

Als ich gerade das Haus verlassen wollte, kam Martina nackt die Treppe herunter. Hoppla, war mir da etwas entgangen? Ich wähnte sie in ihrem hochgeschlossenen Einteiler, der in der Regel ein eigenes ausdauerndes Vorspiel vor dem Vorspiel erforderte, und mir abverlangte, neben dem konzentrierten Fummeln an den Knöpfen auf der Rückseite, meine Erektion nicht im Labyrinth meiner handwerklichen Anstrengungen zu verlieren.

„Wie wärʼs?“, fragte meine Frau unzweideutig. Ich sah bedauernd auf meine Armbanduhr, die zu meiner eigenen Überraschung ihren Weg an meinen Arm zurückgefunden hatte.

„Weißt du, wie spät es ist, Schatz?“, fragte ich vielleicht nicht energisch genug.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie. „Schade. Dann werde ich deinen Part wohl mit übernehmen müssen“, fuhr sie fort. Martina stöhnte sinnlich und griff sich zielstrebig zwischen die Beine.

Ich konnte nicht wegsehen, obwohl ich wusste, dass sie mich ins Verderben stürzen würde. Ich sah noch mal auf meine Armbanduhr und rechnete rasch nach. Ein absoluter Vorteil, wenn man Mathelehrer ist. Wenn ich von einer grünen Welle bis in die Stadt hinunter ausging und an der Abzweigung zur Bahnhofstraße kein Stau wäre, würde ich rund 3,5 Minuten schneller sein. Ein Parkplatz direkt vor dem Lehrereingang würde mir weitere 30 Sekunden einsparen. Dann die Treppe im Laufschritt in den dritten Stock: 30 Sekunden.

Martina sah, wie konzentriert ich nachdachte und nahm mir dankenswerterweise Arbeit ab. Sie knöpfte meine Hose auf und schaffte in 10 Sekunden, wozu ich sonst 30 gebraucht hätte. Eine weitere nicht zu unterschätzende Einsparung von 20 Sekunden, die aber natürlich nicht auf meinem Zeitkonto gutgeschrieben wurde, sondern mit 10 Sekunden in Abzug gebracht werden musste.

Nach weiteren zehn Sekunden war auch Martina auf Arbeitstemperatur, sodass wir nach Adam Riese nun entspannte … na, wie viele Minuten hatten? Richtig! 3,5 plus 30 Sekunden plus 30 Sekunden macht 4,5 Minuten minus zweimal zehn: Vier Minuten und zehn Sekunden. Hatten Sie auch ausgerechnet, richtig? Oder lassen Sie sich etwa leicht durch schlüpfrige Szenen ablenken?

Ich jedenfalls war vollkommen Herr der Lage. Ich bewegte mich rhythmisch, hatte allerdings geistesgegenwärtig meine Armbanduhr nicht abgelegt, sondern schaute konzentriert auf das Display. Ich aktivierte rasch einen Countdown, um mich besser auf das Navigieren und das eigentliche Geschehen konzentrieren zu können.

Martina hatte sich mit dem Rücken zu mir auf die letzte Stufe der Treppe gestellt, mit gespreizten Beinen nach vorne gebeugt und die Augen geschlossen. Gut. Sie war der Passagier. Ich hatte die undankbare Pilotenrolle und musste alle Parameter und Anzeigen im Auge behalten. Ich schloss die Augen und zählte in Gedanken den Countdown mit, beschleunigte und verlangsamte das Tempo wieder, um möglichst eine Punktlandung hinzulegen. Schließlich öffnete ich ein Auge und schielte auf das Display. 15 Sekunden. Perfekt. Zeit für den Landeanflug. Ich fuhr Landeklappen und Fahrwerk aus, dann gab ich Schub, um den Sinkflug abzufangen. Kurz vor dem Touchdown wurde es noch einmal turbulent. Ich krallte mich in ihre Pobacken, zog ein letztes Mal kräftig an und fing die Maschine gekonnt ab.

Dann setzten die Reifen in kleinen Rauchwölkchen quietschend auf der Landebahn auf. Es roch nach verbranntem Gummi. Ich schaltete auf Gegenschub, hörte den Passagier aufstöhnen und ließ die Maschine noch einen Augenblick lang ausrollen. Dann schnallte ich mich ab und zog die Hose hoch. Meine Uhr piepste und ich grunzte zufrieden. „Bitte bleiben Sie so stehen, bis die Maschine ihre endgültige Parkposition erreicht hat“, sprach ich in ein imaginäres Mikrofon zwischen ihren Pobacken.

Martina sah mich über die Schulter amüsiert an, schloss die Beine und drehte sich um. Sie stellte befriedigt fest, dass die Maschine tatsächlich ihre endgültige Parkposition erreicht hatte. „Kein Fleck“, sagte sie prüfend. „Gut. So kannst du gehen. Perfektes Timing.“ Sie küsste mich leidenschaftlich und viel zu lange. Mist. Das hatte ich nicht einkalkuliert. Ich rannte los. Mir war klar, dass mich das Herumtrödeln am Schluss zehn Sekunden gekostet hatte.

Tatsächlich erreichte ich mein Klassenzimmer mit dem Verklingen des Schulgongs. Ich schmunzelte amüsiert in die Gesichter, die mich erwartungsvoll ansahen. Ich hatte das Gefühl, dass uns ein aufregender Herbst bevorstand, doch ich ahnte noch nicht, wie recht ich behalten sollte.

Am Nachmittag begleitete ich die beste Ehefrau von allen zu ihrem ersten Einkaufsbummel nach den Ferien. Die Männer unter ihnen denken wahrscheinlich, ich müsse vollkommen übergeschnappt sein. Sie haben natürlich grundsätzlich recht. Ich wurde schwach, weil die Aussicht auf ein neues Smartphone meinen männlich-klaren Blick trübte und ich beschwingt-leichtfertig meiner Frau zustimmte, sie zu begleiten, um anschließend ihre Einkäufe tragen zu können.

Der Einkaufsbummel mit einer Frau, besonders der eigenen, endet schnell in einem Beziehungskistendesaster. Ganz besonders nach einer mehrwöchigen Shopping-Abstinenz. Frauen reagieren da wie Männer nach einer von ihrer Liebsten verordneten Zwangsdiät, nur weil sie neuerdings ein klein bisschen den Hals recken müssen, um die Füllerspitze zwischen ihren Fingern im Auge zu behalten und die Tinte nicht neben das Pissoir zu kleckern. Nach so einer unsinnigen Diät pflegen Männer den Kühlschrank aufzureißen, um die zurückliegende heroische Zeit ausgiebig zu feiern, bis ihnen schlecht wird und die Füllerspitze abrupt wieder unter dem Horizont der Wampe verschwindet.

Wir haben tatsächlich ein Pissoir zu Hause. Ganz ehrlich! Ich will in einem der wenigen virilen Augenblicke meines Lebens nicht immer sitzen müssen. Verdammt, das ist eines echten Mannes und Revolverhelden unwürdig! Irgendwie habe ich das Heldentum der Schwarzweiß-Italo-Western meiner Kindheit verinnerlicht: Ein Mann stirbt – ich meine pisst – stehend mit dem Colt in der Hand.

Ich habe aber auch deshalb ein Pissoir in unser häusliches Örtchen einbauen lassen, weil meine Frau meinte, ein Bidet für das Bad durchsetzen zu müssen. Der Sinn einer Kloschüssel mit widersinnig putzigem Abfluss hatte sich mir bis dato nicht erschlossen, und der Aufklärungsunterricht meiner Eltern hatte wohl mangels Anschauungsobjekt Intimhygienewaschanlagen ausgespart.

Nein. Keine Angst. Ich habe Bidets nie mit einem braunen Törtchen verstopft. Allerdings hatte ich mir lange in gut bestückten Hotelzimmerbädern ahnungslos Gesicht und Hände in den Porzellanschüsseln gewaschen, immer dann, wenn es mir – nach einigen späten Gläschen zu viel – ratsam erschien, während der anschließenden Minimalhygiene vor dem Schlafengehen besser zu knien als zu stehen.

Ich finde inzwischen ein Bidet, nachdem ich nun weiß, wofür es gedacht ist, geradezu unentbehrlich. Wenn Sie sexuell aktiv und spontan sind, was ich schwer hoffen möchte, dann verschafft ihnen ein Bidet zusätzliche wertvolle Sekunden, falls es morgens mal wie bei uns knapp wird. Ganz abgesehen davon wollte ich als Mann unter lauter Frauen mit meinem Pissoir eine unverwechselbare Markierung in unserem gemeinsamen Eigenheim setzen. Männer brauchen das wie Hunde, die an Bäume pinkeln, um zu signalisieren: Meins!

„Ich bin so weit, wollen wir nach Hause fahren?“, fragte ich Martina, die mich irritiert anblickte. Sie hatte natürlich recht. Wir hatten außer meinem neuen Smartphone noch nichts eingekauft, und Martina hatte zugegebenerweise eine ganze Stunde still gehalten, ohne meinen entzückten Monolog über den Wahnsinn aktueller Elektronikspielereien im Elektrofachmarkt zu unterbrechen.

Wir waren beide mit einem leichten Unbehagen aufgebrochen, bangend, ob die Dörfler Nudisten wie seltene Tiere anstarren würden. Schließlich hatte Gabi diesbezüglich höchstwahrscheinlich ganze Arbeit geleistet.

Doch nichts dergleichen geschah. Man grüßte uns wie immer und wir grüßten zurück. Tuschelte man hinter unserem Rücken? Quatsch! Paranoia! Es gab offensichtlich keinen Grund, die Flucht zu ergreifen und wir entspannten uns. Vielleicht waren wir einfach nicht interessant genug oder das Strohfeuer der Sensationsnachricht, das Gabi vor nunmehr über drei Wochen rechtzeitig zum Dorffest entfacht haben mochte, war längst heruntergebrannt.

Ich seufzte Martina ergeben an und befühlte mein neues Handy in der Hosentasche. Dann kämpfte ich den Wunsch nieder, mich sofort und für mindestens zwei Stunden zu Hause auf die Couch zu lümmeln, um auf dem Display herumzuwischen und sinnlose Apps aus dem Play Store zu installieren. Mein Kampf endete am Eingang des langweiligen Bio-Lebensmittelkrimskramsladens.

Wir schlenderten wie ein modernes frisch verliebtes Paar durch die vollgestopften Gänge. Martina sprudelte aufgeregt. Ich nickte, ohne dass ich ein Wort verstand, weil ich konzentriert auf meinem Smartphone herumtippsen musste. Wahrscheinlich wollte ich das Navi aktivieren, um den kürzesten Weg zu den Dinkel-Spaghetti und den Lokal-Eiern mit aufgeklebter Feder und Hühnerkackekleks zu ermitteln.

Meine Frau füllte plaudernd unseren Einkaufswagen, während ich brummend Zustimmung zu allem signalisierte, ohne aufzusehen. Martina bog schließlich Richtung Kasse ab, während ich gerade noch rechtzeitig einem Aktionsstand mit aufgetürmten Runkelrüben im biologischen Dreckmantel ausweichen konnte, um direkt dahinter über den Mops eines älteren Herrn zu stolpern, der wütend nach meiner Hose schnappte, also der Mops, nicht der Mopsbesitzer. Ich entschuldigte mich. Mein Handy blieb dank meiner hervorragenden Reflexe unversehrt. Puh.

Dann donnerte ich von hinten in meine Frau, die abrupt stehengeblieben war, und konnte mein Handy gerade noch einmal vor dem Sturz auf den Fliesenboden bewahren. Puh. Puh.

Meine Erleichterung währte allerdings nicht lange. Martina drehte sich zu mir um und flüsterte mit dem Daumen auf eine unbiologisch Maximalgeschminkte deutend: „Gabi.“

Erinnern Sie sich an die Gummitütchenwerbung im Fernsehen in der Zeit der Anti-Aids-Kampagnen? Ein schüchterner, verpickelter Jüngling versteckt eine Packung Spaßgummis zwischen seinen Einkäufen auf dem Band einer Kaufhauskasse. Als das Schächtelchen die Kassiererin erreicht, brüllt die quer durch den Laden zu ihrer Kollegin: „Was kosten die Kondome?“.

„Ach, hallööööchen. Na, wie war denn euer Urlaub auf dem FKK-Campingplatz am Atlantik. Hat alles geklappt?“, flötete Gabi in ihrem schrillen Sopran und zwinkerte uns und dem Rest der gefühlt hundert Meter langen Schlange vor der Kasse zu. Sie stand ungefähr einen Kilometer von uns entfernt vorne am Kassenband und musste Martina erkannt haben, während ich meine Augen sofort mit dem quergestellten Display meines neuen Smartphones verdeckt hatte.

Ab jetzt würde meine Frau, die Gabi quasi nackt und schutzlos ausgeliefert war, weil sie sich schlecht ihre geblümte und kompostierbare Einkaufstasche über den Kopf ziehen konnte, den Wert dieser Errungenschaft digitalen Schöpfergeistes angemessen würdigen. Was genau Gabi mit: „Hat alles geklappt?“, meinte, durfte der Zuhörer fantasievoll selbst entscheiden.

Was machte Silikonatombusen-Gabi überhaupt in einem Bioladen? Sie stöckelte auf ihren deplatziert wirkenden, roten High Heels lautstark und flink näher, sodass sie nicht mehr durch den ganzen Laden würde brüllen müssen. Hatte sie uns aufgelauert?

Mit einem Schlag wurde mir alles klar. Sie hatte sich unter Aufbietung aller Beherrschung, vielleicht unter Einsatz starker Beruhigungsmittel, den Augenblick, ihren persönlichen Tratschorgasmus, maximal hinausgezögert, um doppelt genießen zu können, wenn wir uns in aller Öffentlichkeit zu unserer Schmuddelbuchung äußerten.

„Ja“, flüsterte Martina mit dezent belegter Stimme und verkrampftem Lächeln.

Ich wusste nicht mehr so genau, worauf sich dieses Ja bezog, weil mich Schwindel überkam und mein Herz mir bis zum Hals schlug. Martina war sonst nicht so wortkarg.

„Ach, das freut mich aufrichtig. Die Nudistenplätze am Atlantik sind ja besonders schön, hört man immer wieder“, flötete Gabi weiter, schrie aber nicht mehr, da sie inzwischen direkt neben uns stand. Spätestens jetzt hatten die Wenigen, die FKK akustisch nicht verstanden hatten oder den Sinn dieser Abkürzung nicht kannten, einen zweiten unzweideutigen Hinweis, wo die Grubers ihren Schmuddelsommerurlaub verbracht hatten. Ein paar Köpfe in der Schlange drehten sich interessiert zu uns um. Waren im Dorf nicht alle informiert worden? Vielleicht fehlte es den Bio-Einkäufern an der digitalen Vernetzung, um die von Gabi eventuell eigens für uns eingerichtete Facebook-Seite zu besuchen. Hatte ich noch gar nicht überprüft.

Die Kopfdreher konnten natürlich auch ein paar Touristen auf der Durchreise sein. Ich entfernte mein Smartphone aus meinem Gesicht, um meiner Frau uneingeschränkten Beistand zu signalisieren, und lächelte Gabi nun ebenfalls verkrampft an. Die kaugummikauende junge Kassiererin mit Irokesen-Kurzhaarschnitt und Totenkopftätowierung auf dem nackten linken Oberarm am Ende unseres Förderbandes beugte sich aus ihrer Nische vor und lächelte nun ebenfalls. Das wurde langsam zu einer einzigen Orgie des Lächelns. Sie ließ eine große Blase vor dem Mund platzen, zupfte mit spitzer Zunge den Kaugummi von unter der Nase hinter ihre blau gefärbten Lippen zurück und knatschte die spinatgrüne Gummimasse – wahrscheinlich ein Bio-Bubblegum – von einer Backe zur anderen – ich meine Wange –, um schließlich fröhlich zu erklären: „Am Atlantik? Da war ich mit meinem Freund letztes Jahr auch. Super Sonne, Swimmingpools und das Meer. Herrlich. Und nachts haben wir praktisch kaum geschlafen.“ Sie grinste in der einnehmenden Offenheit einer modernen Bio-Jugend, für die Sex zum Alltag gehörte wie Bio-Essen und Bio-Gleitcreme und den man ebenso unbeschwert mit jedermann besprach. „Find ich super, wenn ältere Herrschaften das auch noch machen und es mal so richtig krachen lassen.“ Sie hob augenzwinkernd beide Daumen und knatschte uns fröhlich zu, während ich nach älteren Herrschaften hinter uns Ausschau hielt. Meinte sie uns?

„Ich … ich war mit meinem Mann letztes Jahr auf einem Campingplatz am Meer. Hieß Angape. Herrlich. Ohne Badeanzug … der Wind … das Wasser. Jetzt sag doch auch mal was, Hermann“, stotterte eine mir unbekannte Dame hinter uns, die für mich entlastend in die Kategorie ältere Herrschaften passte.

„Ja“, meinte Hermann, wobei mir nicht klar war, worauf es sich bezog. Männer sagten minimalistisch gerne „Ja“, ganz besonders nach einem erfüllten Eheleben, in dem die Frauen längst alle scharfen Kanten ihrer Männer abgerundet hatten, und die Männer ganz nüchtern zu der Erkenntnis gelangten, dass sie nach hitzigen Debatten, die ihnen mangels männlicher Logik regelmäßig entglitten, ohnehin mit einem „Ja, Schatz“ oder „Du hast recht, Schatz“ endeten, das sich in einem finalen Schritt energetisch sinnvoll auf ein „Ja“ reduzieren ließ. Was hätte also Hermann sonst sagen sollen?

Ein junges Paar etwa Mitte dreißig in Birkenstocksandalen schaltete sich jetzt begeistert ein. „Angape? Kennen wir auch gut. Da war ich schon als Kind mit meinen Eltern“, erzählte die junge Frau mit leuchtenden Augen. „Seit fünf Jahren sind wir jeden Sommer dort und irgendwann werden wir unseren Kindern das Meer und den tollen Campingplatz zeigen“, fuhr sie fort und küsste ihren Partner leidenschaftlich, um ihren Bio-Kinderwunsch zu bekräftigen. Der Geküsste blickte etwas verkrampft in die Runde der wildfremden Menschen um sich herum.

Gabi wirkte irgendwie enttäuscht.

„Ich heiße Daniela und ich finde, dass man in Frankreich eine normale und unverkrampfte Beziehung zum eigenen Körper hat. Ganz bio und ganz anders als hier“, erklärte eine resolute, korpulente Frau mit Pausbacken und stemmte die Hände in die üppigen Hüften. „Ich habe vier Kinder. Nach dem letzten ging der Bauch leider nicht mehr zurück. Ich habe alles versucht und ein Schweinegeld für Diäten ausgegeben. Gewicht runter, Gewicht rauf. Ich hasste mich, hasste meinen Körper, versteckte mich zu Hause. Doch dann nahm mich eine Freundin mit auf einen FKK-Campingplatz nach Südfrankreich. Sie war mollig und trotzdem lebenslustig. Vernaschte im Urlaub einen Mann nach dem anderen. Dort habe ich gelernt, mich anzunehmen, wie ich bin. Ich ernähre mich gesund und stehe zu meinen Pfunden, meinen Speckröllchen und den etwas festen Schenkeln.“ Sie hob selbstbewusst ein Bein unter dem gewagten, kurzen Bio-Rock. „Ja, ich habe riesige Titten, aber damit konnte ich immerhin vier stramme Jungs satt machen.“

Ich nahm an, dass sie von ihren Kindern sprach.

Ein Raunen ging durch die Schlange, gefolgt von einem Luftanhalten, als die Mutter von vier Jungs ihre Möpse so unvermittelt aus der Bluse befreite, dass niemand wegsehen konnte oder wollte.

Nicht ganz jugendfrei, dachte ich im ersten Moment und erkannte im zweiten, wie töricht ich war. Das war schließlich ein Bioladen. Ich war frisch gebackener Naturist! Vier kleine Jungs hatten täglich über Monate und Jahre hinweg an der Bio-Vollmilchbar ihrer Mutter herumgenuckelt und waren sicher zu stattlichen Männern herangereift, die keinen Schaden durch den Anblick der großen Titten ihrer Mutter genommen hatten, im Gegenteil.

Die junge Kassiererin beugte sich erneut aus ihrer Nische nach vorne und blies gedankenverloren ihren Kaugummi zu einer gewaltigen Blase auf, die den Möpsen Danielas Respekt zu zollen schien. „Wow“, meinte sie staunend. „So was hätte ich auch gern. Ehrlich. Mein Freund steht total auf Riesenmöpse. Aber ich kann essen, was ich will. Ich nehme weder oben noch unten zu.“

Wie weit unten sie meinte, wusste ich nicht und musste unweigerlich an die geschwollenen Schamlippen meiner Frau am Ende unserer Bio-Turnübungen nach Lucs Biokräuterfee denken. Das Oben demonstrierte die knatschende junge Frau immerhin, indem sie das T-Shirt über die wohlgeformten Brustwarzen hob, die knabenhaft auf den Rippen ruhten und keiner zusätzlichen Stütze durch einen BH bedurften. Spätestens jetzt fiel mir das Heinz Erhardt Zitat wieder ein und ich schmunzelte Martina an, die mit offenem Mund neben mir stand.

Auch Gabi stand der Mund offen. Sie schämte sich bestimmt der Mittelmäßigkeit ihrer Silikonmöpse. Ein Speichelfaden lief ihr unvorteilhaft aus dem linken Mundwinkel und ihr Durchschnittsgesichts mit dem alles glättenden Make-up erschien mir in diesem Augenblick der Offenbarung menschlicher Größe ebenso sinnlos glatt, kalt und unnahbar. Wieso hatte ich vor einer Ewigkeit an dieser Frau herumgefummelt? Keine Ahnung. Das Gesicht einer Gips-Nofretete gefangen in unantastbarer Perfektion, in dem Edvard Munchs vergeblicher Schrei stand: Vernasch mich! Doch wer naschte schon gerne Gips?

„Sascha ist ein ganz klein wenig mollig. Er hat mehr Oberweite als ich. So ein halbstarker Schönling in der Sauna hat mal zu seinem Freund getuschelt, er frage sich, wer in unserer Beziehung die Frau sei. Der Arsch wollte, dass wir das hören. Das tat echt weh“, fuhr die junge Kassiererin fort, knatschte verzweifelt an ihrem Kaugummi und zog das T-Shirt zurück in eine der Würde ihrer Aufgabe angemessene Position. „Sascha hat ihm eine Holzkelle Menthol-Cayennepfeffer-Aufguss direkt ins Gesicht geschüttet. Das Zeug lief ihm in die Augen und er hat gejammert wie ein Waschweib. ,Schlüpfst wohl auch mal gern in die Frauenrolle‘, hat ihm mein Sascha gesteckt und noch einen zweiten Aufguss auf seinen Pimmel gemacht. Dann ist der Typ mit seinem Kumpel abgezischt, wahrscheinlich direkt ins Eisbecken, um seine Eier zu kühlen.“

Heute für Sie an der Kasse: Sarah – so stand es auf dem digitalen Namensschild unter der Eins der Kasse 1, an der wir anstanden, wobei ich natürlich scharfen Verstandes schloss, dass sich lediglich das Sarah auf die junge Frau mit Kaugummi bezog. Heute-für-Sie-an-der-Kasse-Sarah grinste breit, und Daniela brach in schallendes Gelächter aus.

„Gehtʼs jetzt mal weiter, da vorne?“, röhrte ein Rentner von hinten, den weder große noch kleine Möpse noch heiße Eier oder Geschichten, die das Leben schrieb, zu interessieren schienen. Ein Analphabet in vielerlei Hinsicht.

„Ach, halt die Klappe, Peter“, zischte ihn seine Partnerin von der Seite an, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben aus dem ihre allzu üppige Oberweite kaschierenden Buckel in ein stolzes Hohlkreuz wechselte.

„Mein ja nur …“, kuschte der hagere Peter an ihrer Seite, der anscheinend auch essen konnte, was er wollte, selbst Bio, ohne aufmerksamer oder gar einfühlsamer zu werden, und damit zu erkennen, was seiner Frau fehlte: Anerkennung, Zuwendung, Liebe, Sex.

Sie brachte es in Ermangelung seiner Unterstützung selbst auf den Punkt: „Ich habe gerade beschlossen, dass wir in diesem Sommer mit unserem Wohnwagen auf einen FKK-Campingplatz fahren, und ich würde mich freuen, wenn mir Daniela da ein paar Tipps gibt.“ Sie rauschte aus ihrer Warteposition demonstrativ auf Daniela zu, um sich bei ihr plaudernd einzuhaken. Peter schien zu erschlaffen – also das, was ich von ihm sah –, er öffnete den Mund, errötete und schloss ihn wieder.

Gabi schlürfte geräuschvoll den Speichelfaden aus ihrem Mundwinkel, gerade als sich unvermittelt andächtige Stille über die Kassenschlange senkte. Alle Augen richteten sich auf sie. Es wäre ein perfekter Moment gewesen, um die richtigen Prospekte aus ihrer geräumigen Krokodillederimitat-Handtasche zu zücken und zu sagen: „Hey! Ich bin hier das Reisebüro. Empfehlungen und Buchungen nur bei mir.“ Gabi lächelte verkrampft, errötete nun ihrerseits und schwieg. Schade.

Das Knallen einer riesigen Kaugummiblase riss uns in die Realität zurück. Dann tönte das helle Piepen des Warenscanners in die Stille hinein. In dieser Hinsicht hatte der Bioladen zur digitalen Welt aufgeschlossen. Heute-für-Sie-an-der-Kasse-Sarah zog Gabis Waren über das Laserfenster. Die Schlange war länger geworden, doch das Warten schien niemanden mehr zu stören, im Gegenteil. Aus einer anonymen Menschenschlange war ein Grüppchen angeregt plaudernder Freunde geworden über ein Thema, das mindestens ebenso bio war wie angekackte Bio-Eier mit Feder. Dieser Moment erinnerte mich an die Vertrautheit wildfremder Menschen auf Angape, auch ohne dass wir alle die Hosen heruntergelassen hatten. Wenn wir uns nackt anderen offenbaren, fallen die Schalen ab, die uns trennen – nicht bei allen, doch bei vielen von uns –, und wieder einmal musste ich mir eingestehen, dass es die Frauen waren, die den Mut aufbrachten, dieses Wunder zu bewirken.

Gabi bezahlte stumm ihren Einkauf, der nichts enthielt, was aus ihren gewöhnlichen Idealmaßen etwas Außergewöhnliches hätte zaubern können. Diätartikel, zuckerfreie Marmelade, fettfreies Olivenöl und Nagellackentferner, der wenigstens bio aus Zuckerrübenalkohol und Gänseblümchenbenzin hergestellt worden war. Sie senkte den Blick, vielleicht, weil Sie sich beschämt der faden Dinge bewusst wurde, die wie ein Spiegel ihres langweiligen Lebens vor ihr auf dem Band gelegen hatten. Sie stöckelte erhobenen Hauptes und doch irgendwie geknickt davon.

Immerhin hatte sie in einem Bioladen eingekauft und war damit vielleicht den ersten Schritt in die richtige Richtung gegangen. Kommt es nicht allzu oft anders und zweitens als man denkt? Hatte ich mich tatsächlich dermaßen in unserem Spießerdorf getäuscht? Ja. Die Menschen unterlagen gerade hier zugeknöpften Zwängen, die die Vulkane in ihren Herzen und Hosen gefährlich unter Dampf setzten. Die Schwarzwälder lechzten nach Befreiung, danach, sich Gamsbart- und Bollenhüte vom Kopf und den ganzen Rest vom Körper zu reißen, um die gesunde Luft an ihre nackten Oberflächen zu lassen. Ich fing gerade – und endlich – an, dieses Dorf zu lieben, sah bestürzt, wie sehr ich den naturistischen Geist, der durch die alten, dunklen Wälder waberte, unterschätzt hatte, und ahnte, dass sehr viel Größeres möglich war.

Es wurden allseits Adressen ausgetauscht, und Martina erzählte einer interessierten Daniela ungeniert von den neuen Facetten unseres Sexuallebens seit Angape. Als ich Riesenschwanz und Dauerständer aus ihrem Tuscheln heraushörte, zwei Begriffe, die ich weniger auf Martina als auf mich bezog und die mich unter anderen Umständen durchaus mit Stolz erfüllt hätten, zog ich meine Frau dann doch aus dem Dunstkreis einer kichernden Daniela beiseite und schob sie und unseren Wagen auf Heute-für-Sie-an-der-Kasse-Sieglinde zu, die gerade Kasse 2 geöffnet hatte. Sieglinde schaute über den Rand ihrer starken Brille irritiert zu Kasse 1 hinüber, hatte aber leider das Beste verpasst und nahm schließlich ziemlich ahnungs- und emotionslos meine EC-Karte entgegen.

Wir winkten den neuen Freunden an Kasse 1 und einer ausgelassen knatschenden Heute-für-Sie-an-der-Kasse-Sarah ein letztes Mal zu und machten uns auf den Weg nach Hause. Puh. Ich glaube, wenn ich mein Handy nicht geistesgegenwärtig in die Hosentasche zurückgeschoben hätte, wäre es irgendwo im Laden, vielleicht im Gemüseregal, liegengeblieben. Ich hatte es komplett vergessen. Unfassbar!

3

„Ich muss in zehn Minuten zur Gemeinderatssitzung“, erklärte die beste Ehefrau von allen. „Kannst du Fritzis Hausaufgaben kontrollieren und sie ins Bett bringen?“

Klar konnte ich. Meine Frau hatte nur für den Gemeinderat kandidiert, weil die freien Wähler irgendeine Frauenquote erfüllen mussten.

„Keine Angst, das ist pro forma. Dich kennt keiner, da bekommst du ohnehin keine Stimmen“, hatte sie der Vorsitzende und Lehrerkollege Hans Zweigle umgarnt. Pustekuchen. Wir waren beide offensichtlich bekannt wie die bunten Hunde, weil in so einem kleinen Dorf fast jeder mal zur Schule gegangen ist oder eigene Kinder in die Schule schickt, und in Martina als Lehrergattin besondere Fähigkeiten im Umgang mit quengelnden Gemeinderäten in endlosen Sitzungen vermutet wurden. Letztlich war Martina eine von zwei Frauen, die sich überhaupt aufstellen ließen, und erwartungsgemäß fanden Stimmzettel der Protestwählerinnen – das Frauenwahlrecht war bereits im Dorf angekommen – gegen die Diktatur der Dorfmachos ihren Weg auf Martinas Häufchen. Sie zog mit Pauken und Trompeten in den Gemeinderat ein, und ein gewisser Stolz erfüllte mich, dass meine Frau sich zu einer Streiterin für soziale Gerechtigkeit, einem Don Quijote im Kampf gegen die trägen Windmühlen der Verwaltung, entwickelte und der ebenso trägen Männerdominanz ordentlich Dampf machte. Es war insgeheim auch ihr Wunsch gewesen, nicht Vollzeit-Hausfrau zu bleiben, sobald Fritzi selbstständiger würde, und das war nun der Fall.

„Ich geh jetzt“, hörte ich sie flöten. Dann fiel die Tür ins Schloss. Fritzi war müde und wollte früh ins Bett, ungewöhnlich für sie, aber entspannend für mich, und so konnte ich mich gegen acht auf die Couch lümmeln und durch die Glotze zappen.

Um 9.00 Uhr ging die Tür. Martina war zurück. Sie stürmte direkt zu mir und stellte sich zwischen mich und meine Seifenoper, sodass ich den Hals reckte, um an ihr vorbeizusehen.

„Jo, hör mir mal zu.“

Ich hörte zu, zumindest tat ich so als ob.

„Blablabla … Campingplatz. Blablabla … ein Franzose … blablabla.“

Nicht jetzt! Das Gesicht von Dr. House spiegelte blankes Entsetzen wider. Es ging um Leben und Tod einer nahezu nackten jungen Frau. Ich musste dem Arzt in dieser Krise wenigstens mit meiner ungeteilten Aufmerksamkeit beistehen.

„Verstehst du?!“, fragte Martina nach einer Pause eindringlich und hielt ihr Gesicht dicht vor meines, sodass ich keine Chance hatte, Dr. House mit seinen blutigen Fingern in einer pulsierenden Wunde unter zwei Brüsten von der Oberweite Pamela Andersons herumwühlen zu sehen. Schade.

„Ja, schon klar“, antwortete ich mit einem sinnlosen Allgemeinsatz.

„Hast du nicht auch so eine Ahnung, wer das sein könnte?“, fragte Martina, als wüsste sie mehr als ich.

„Wer?“, fragte ich jetzt.

„Na, der Franzose.“

„Es gibt viele Franzosen“, erwiderte ich ausweichend.

„Ach. Tatsächlich? Gut, dass du mich darauf hinweist“, sagte Martina jetzt leicht gereizt, weil ihr offensichtlich klar wurde, dass ich nicht sämtliche Energie aus dem Maschinenraum in die ihr zugewandten grauen Zellen umgeleitet hatte.

„Du hast mir überhaupt nicht zugehört!“, behauptete sie nur zum Teil berechtigt, was mich zum Teil berechtigt empörte.

„Da ist ein Franzose auf dem Campingplatz. Na und? Hat da einer von den Rassisten im Gemeinderat was gegen Franzosen? Vielleicht weil die unser alter Erbfeind aus wenigstens drei Kriegen der letzten zweihundert Jahre sind? Typisch. Bestimmt so ein paar gehirnamputierte Mitläufer aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihre HJ-Medaillen unter den braunen Hemden tragen. Schweinerei. Eine Schande für das ganze Dorf!“ Ich hatte mich in Rage geredet und erinnerte mich an eine lustige Geschichte meines Lieblingssatirikers Ephraim Kishon: Wie man ein Buch bespricht, ohne es gelesen zu haben. Ich holte gerade Luft zu einer weiteren Schimpftirade auf das braune Gesocks, da fiel mir die beste Ehefrau von allen ins Wort.

„Mann, Jo. Es geht darum, dass der Campingplatz Obere Mühle seit gut einem halben Jahr zum Verkauf steht. Die alten Däumels wollen in Rente. Sie sind beide über siebzig und schaffen das nicht mehr. Jetzt hat sich ein reicher Franzose gemeldet, der die geforderte Summe zahlen will.“

„Und die europafeindlichen Plattköpfe im Gemeinderat sprechen schon von einer französischen Invasion und dem Ausverkauf des Schwarzwaldes?“, versuchte ich zu retten, was zu retten war.

Martina runzelte skeptisch die Stirn. „Ja. Es gibt ein paar Stimmen, die aus diesem Grund gegen den Verkauf sind. Das ist aber eine Sache, die nur die Däumels und den Käufer was angeht. Das wollte ich aber nicht mit dir besprechen. Der Käufer kommt aus dem Elsass und hat anscheinend schon Erfahrung mit Campingplätzen. Klingeltʼs da bei dir?“

Es klingelte tatsächlich. Eine schrille Alarmglocke. Red alert! Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich. Hatte etwa Luc vor, den Campingplatz zu kaufen? War das sein geheimnisvolles Projekt? Wäre der zweite Schritt nicht zwangsläufig, ihn ein bisschen naturistisch umzugestalten? Gute Güte. Mein Gehirn war zu klein, um die Konflikte zu ermessen, die sich in unserem Spießerdorf daraus ergeben würden und gegen die alle deutsch-französischen Kriege eine Schulhofprügelei gewesen wären. Was mich aber am meisten beunruhigte war, dass wir selbst mitten in das Gemetzel und zwischen die Fronten geraten würden. Wir wären keine unbeteiligten Zaungäste. Martina war vermutlich die Tochter Lucs. Er war mein Schwiegervater. Claudia seine Geliebte. Oh Gott.

„Meinst du wirklich, dass …? Kennt man denn schon den Namen des Käufers?“, fragte ich.

„Ein Philipp Busset aus Colmar. Soll so Mitte dreißig sein.“

„So jung ist unser Luc aber nicht mehr.“

„Nein. Ich weiß, und außerdem gibt es sicher viele Franzosen aus dem Elsass, die irgendwelche Campingplätze betreiben. Einen Camping Municipal gibt es ja nahezu in jedem Dorf in Frankreich. Ich dachte nur …“, meinte Martina nachdenklich. „Irgendwie schon komisch …“

Fand ich auch, und der Gedanke, dass Luc damit zu tun hatte, ließ mich nicht mehr los. Künstlernamen waren ja eine seiner Maschen, doch weshalb sollte er in diesem Fall seinen wahren Namen verschweigen? Ein notarieller Kauf in Deutschland war mit falschem Namen und fragwürdigen Ausweispapieren faktisch unmöglich.

Nachdem Dr. House die schöne Verwundete in die ewigen Jagdgründe befördert hatte und darüber äußerst zerknirscht wirkte, verlor ich das Interesse an den nun nicht mehr bebenden Brüsten der adretten Leiche und schaltete aus.

„Vielleicht finden wir etwas über diesen Philipp Busset im Internet“, schlug ich vor und nahm mein Notebook auf den Schoß. Martina setzte sich neben mich und schaute gebannt auf den Bildschirm. Eine äußerst wohlhabende Familie Busset hieß eigentlich de Bourbon-Busset und war über die Bourbonen aus der Linie Anjou hervorgegangen.

„Na, wenn das nicht auch schon wieder ein seltsamer Zufall ist“, sagte ich. „Unser Luc ist doch auch ein Anjou.“

„Das wissen wir nicht sicher. Nur weil aus Lucas de Jouan umgedreht ein Lucas de Anjou wird, ist das noch kein Beweis. Das hast du mir auf Angape selbst gesagt. Wir haben es einfach angenommen, weil es so schön passte.“

„Hmm“, sagte ich. „Du hast natürlich recht. Lass uns warten, bis er da ist. Dann fragen wir ihn selbst.“

Ich schlief ein wenig unruhig in dieser Nacht, doch dann hatte mich der Alltag wieder, und ich erinnerte mich an die naturistische Weisheit, die mir Claudia ins Gedächtnis zurückgerufen hatte. Ich pflückte die Tage bis zu Lucs Ankunft und genoss die spätsommerliche Wärme zusammen mit oder in Martina an Orten, die wir in dieser Hinsicht tatsächlich noch nie auf ihre Eignung geprüft hatten. Es gab uneinsehbare Ecken im Garten. Wir fanden einen Jäger-Hochsitz im Wald mit herrlicher Fernsicht, an dem Rehe und Hirsche vorbeistolzierten, während Martina umgekehrt auf mir saß und mein Schuss mit lautem Stöhnen von hinten losging.

Der L-Day brach an. Wir standen gegen acht auf. Claudia kam zum Frühstück zu uns und gegen neun waren wir bereit zur Abfahrt an den Flughafen, auf dem Luc pünktlich um neun Uhr fünfzig mit seinem Hausstand landen würde. Wir wollten ihn gemeinsam abholen. Fritzi auch, die Flugplätze ohnehin aufregend fand. Ich hoffte, dass das Gepäck eines naturistischen Umzugs neben fünf Personen noch in unserem Sharan unterzubringen war. Dennoch hatte ich etwas Bauchschmerzen und erinnerte mich in einem Anfall leichter Übelkeit an die Fahrt in Pierres Sardinenbüchse zum Flughafen Bordeaux.

Ex okzidente Luc“, sagte ich in Anlehnung an den päpstlichen Wappenspruch aus dem Weltbestseller In den Schuhen des Fischers von Morris West und tippte auf meine Armbanduhr.

Claudia und Martina schienen nervös, sodass sie meinen feinsinnigen Humor nicht angemessen würdigen konnten, obwohl sie wie ich in der Schule mit dem kleinen Latinum auf die schlauen Sprüche lateinischer Sprücheklopfer vorbereitet worden waren. Schade. Ich nahm es ihnen nicht übel.

Ich selbst war die Ruhe in Person. Es war sicher eine gütige Fügung des Schicksals, dass ich diese letzten köstlichen Augenblicke vor Lucs Ankunft unbeschwert genießen konnte, nicht ahnend, in welchem Maße er unser Leben mal wieder total auf den Kopf stellen sollte.

Punkt neun Uhr fünfzig standen wir hübsch aufgereiht wie die Orgelpfeifen am Ausgang der Ankunftshalle und starrten durch das Panzerglas. Auch hier ein Déejà-vu, das mich daran erinnerte, wie ich Claudia vom Flughafen in Bordeaux abgeholt hatte. Der Moment ihres Lebens, der alles auf den Kopf gestellt hatte. Eine unbedeutende Millisekunde im Gang der Zeit des Universums, die alle Zukunft danach aus der geplanten in eine neue Bahn, eine Achterbahn geworfen hatte.

Mein Sinnieren wurde jäh durch das fröhliche Winken einer braungebrannten Gestalt im Glaskäfig der Sicherheitszone unterbrochen. Luc!

Martina, Fritzi und Claudia winkten aufgeregt zurück und drängten mich in Richtung der Automatiktür, durch die unser hochadeliges Familienmitglied gleich schreiten würde. Zunächst aber zerrte Ritter Anjou, der Hochmeister des Hosenlosen-Ordens, etwas vom Förderband der Lufthansa, das seiner Gesinnung – für meinen Geschmack – zuwiderlief. Allerdings musste ich natürlich einräumen, dass es Herbst wurde und man als Graf repräsentative Pflichten wahrzunehmen hatte. Es waren zwei gewaltige Koffer, die schon wieder ein Déjà-vu in mir auslösten, doch diesmal waren wir nicht in einem Peugeot 207 angereist. Die Dickmänner folgten ihm auf quietschenden Reifen durch die Sicherheitskontrolle, und da stand er mit einem ansteckenden Strahlen im Gesicht. Er ließ alles fallen und lief mit ausgebreiteten Armen auf uns zu.

„Ma famille!“ Luc küsste uns in Orgelpfeifenreihenfolge und sparte sich Claudia für den Schluss auf, weil er hier natürlich mehr Zeit für die Inspektion ihrer Mundhöhle veranschlagen musste. Bei mir ließ er glücklicherweise die Zungendiagnostik aus und begnügte sich, wie auch bei Fritzi und Martina, mit den Wangen rechts und links der Nase. Nachdem er zufrieden lächelnd – wahrscheinlich ob der Tatsache, dass Claudias Zähne alle noch an ihrem Platz waren – von ihr abließ, rief er fröhlich an uns alle gewandt: „Alors.“

Ich meine rückblickend, dass er mit diesem unspektakulären ‚alors‘ auch so eine Millisekunde auf dem galaktischen Ziffernblatt markierte, von der an nicht die ganze Welt, sicher aber unser Familienuniversum auf dem Kopf zu stehen begann.

Ich nahm ihm einen seiner Koffer ab. Die Frauen gingen voraus. Fritzi nahm ihre Omi in Beschlag. Luc und ich fielen etwas zurück und ich startete eine belanglose Plauderei: „Viel Gepäck für einen Naturisten.“

„Stimmt, Jo. Isch habe ein paar Anzüge dabei, weil isch mit eurem Bürgermeister und dem Gemeinderat spreschen muss. Da will isch einen guten Eindruck machen und nischt gleisch nackt erscheinen. Peutêtre später.“ Luc hatte sich verschwörerisch zu mir gebeugt. Er lächelte mich vergnügt an. „Es geht um einen Grundstückskauf. Nischts verraten. Wird eine Überraschung.“

Ich war nicht überrascht. Das grelle Licht nackter Tatsachen nötigte mich, die Augen zusammenzukneifen. Er war der Käufer des Campingplatzes, und der Begriff ‚nackt‘ war in diesem Zusammenhang auch schon gefallen, da blieb kaum Raum für hoffnungsvolle Zweifel. „Philipp Busset?“, fragte ich und hoffte doch noch auf einen ratlosen Blick seinerseits. Der kam aber nicht. Luc strahlte.

„Ein Großcousin mit viel Kohle. Isch werde nur der Geschäftsführer sein. Wie hast du das herausbekommen?“, fragte er bewundernd.

Ein tiefer Seufzer entrang sich meinen tadellos arbeitenden Lungen. „Martina ist im Gemeinderat. Dort wurde bereits kontrovers diskutiert, ob ein Franzose überhaupt einen Campingplatz in unserem zugeknöpften Schwarzwalddörfchen kaufen darf. Natürlich darfst du, aber wenn du dem Gemeinderat deine Pläne vorstellst, die alles andere als zugeknöpft sein werden, bin ich auf die Reaktion gespannt.“

„Isch auch“, erwiderte Luc zuversichtlich. „Pas de problème.“ Er lachte.

Wir erreichten die Frauen auf dem Parkplatz vor dem Wagen, luden die Koffer in den geräumigen Kofferraum des Sharan und fuhren nach Hause. Wir setzten Luc und Claudia vor Claudias Wohnung ab und verabredeten uns zum Abendessen bei uns, sofern die beiden Jungverliebten bis dahin so weit wären. Immerhin noch acht Stunden. Sie schauten sich an und nickten beide. Gut.

Ich bekam seltsamerweise ebenfalls Lust, doch jetzt stand erst mal Arbeit vor dem Vergnügen. Fritzi musste Hausaufgaben machen, und ich kochte an den Sonntagen, damit Martina einfach mal ihren Hobbys frönen konnte. Sie las gerne schlüpfrige Romane, und ich konnte mir gut vorstellen, dass sie nach dem Essen, wenn Fritzi zu einer ihrer Freundinnen verschwand, keine besondere Aufforderung mehr brauchte.

Also machte ich mich zu Hause in der Küche breit und zauberte ein Menü aus einer Kürbissuppe, die den Herbst einläutete, einem Braten mit Kartoffeln und Salat und zum Nachtisch einer selbst gemachten Pannacotta.

Nachdem Martina und ich uns noch einen Espresso gegönnt hatten, wurde Fritzi unruhig, und wir entließen sie zu Veronika, die bereits angerufen hatte und auf Fritzi wartete.

Als die Haustür ins Schloss gefallen war, begegnete ich Martinas frivolem Blick und schlug eilig vor, erst einmal die Küche aufzuräumen. Martina wirkte nicht enttäuscht, sondern lächelte geheimnisvoll, als wüsste sie mehr als ich.

„Erinnerst du dich noch ans Abspülen auf Heliomonde, wo wir zum ersten Mal …“ Sie kicherte und ich wusste, was sie meinte.

„Danach hatten wir einen Sonnenbrand, und am nächsten Tag juckte es ganz schön“, fiel mir ein.

„Jo, mich juckt es schon wieder“, sagte Martina bestimmt, ohne mir genauer zu beschreiben wo. Ich fand es heraus, will Sie aber an dieser Stelle nicht mit allzu vielen Details langweilen. Nur so viel: Was wir auf Heliomonde nackt getan hatten, ging in der eigenen Küche genauso. War nicht anders zu erwarten. Der Sonnenbrand blieb allerdings aus.

Zunächst spülte ich, lediglich mit einer Arbeitsschürze bekleidet, die sich vorne bereits spürbar wölbte, die Töpfe und wischte die Arbeitsflächen ab. Als Martina ebendiese Töpfe in die große Schublade unter dem Herd verstaute und sich hinunterbeugte, was sie ein bisschen tiefer als erforderlich und mit voller Absicht tat, blieb mir nichts anderes übrig, als die Schürze abzulegen und genauer hinzusehen. Sie hatte anscheinend nicht nur an Töpfen und Besteck herumhantiert, sondern tatsächlich auf jede ihrer glattrasierten Schamlippen eine Siebzig-Cent-Marke geklebt.

„Ich dachte, als Ehemann bekommt man es umsonst“, sagte ich und lachte über ihren Einfall.

Martina erwiderte: „Es handelt sich um eine Schutzgebühr, und dazu steht bei Wikipedia Folgendes …“ Sie richtete sich auf. Die beiden Briefmarken verschwanden zwischen ihren Schenkeln. Dann entfaltete sie tatsächlich ein Blatt mit einem Computerausdruck. Martina legte konzentriert die Stirn in Falten und las vor: „Die Schutzgebühr ist nicht kostendeckend. Sie ist eine Alternative zur kostenlosen Abgabe und gibt dem ansonsten zu verschenkenden Kaufgegenstand eine gewisse Wertigkeit. Mit der Erhebung einer Schutzgebühr kann man sicherstellen, dass nur Personen, die ein tieferes Interesse an einer Sache haben, diese anfordern. Ob die Schutzgebühr tatsächlich berechnet wird, obliegt der freien Entscheidung des Händlers.“ Sie faltete das Blatt wieder zusammen. „Ich halte eine Schutzgebühr in diesem Fall für angemessen. Sonst weißt du den sonst zu verschenkenden Kaufgegenstand irgendwann nicht mehr zu schätzen, und das wollen wir doch nicht, stimmt’s? Du bist natürlich ein guter Kunde und hast ein tieferes Interesse?“

„Doch … ja, tief“, bestätigte ich nickend.

„In diesem Fall kann ich eventuell ganz auf die Schutzgebühr verzichten, aber nur, wenn du endlich tieferes Interesse zeigst und mich hier nicht noch eine Weile dumm herumstehen lässt.“ Martina lachte und beugte sich erneut tieferen Interesses in Richtung Schublade, sodass die beiden Briefmarken einladend an den Rändern ihres Kuverts auftauchten. Es war zweimal der Leuchtturm Kampen, nassklebend, zweifellos ein Phallussymbol. Die Briefmarken erinnerten mich zudem daran, mal wieder zu schreiben. Gesagt, getan. Ich zückte meinen Füller …

4

Nicht nur Claudia, auch meine Frau hatte sich nach diesem Urlaub verändert. Sie war sexuell geradezu unersättlich geworden. Es gefiel mir, doch ich befürchtete in unferner Zukunft dauerhaft zu erschlaffen. Frauen konnten wenigstens einen Orgasmus vortäuschen. Es waren natürlich typische und in meinem Fall unbegründete Männerängste. Dennoch: Vielleicht würde mir eine Viagra-Tablette in der Hosentasche mehr Selbstsicherheit geben. Rein prophylaktisch.

Der Sonntag plätscherte dahin und gegen sechs klingelte es an der Haustür. Fritzi war längst von Veronika zurück und rannte los, um zu öffnen.

„Omi und Opi Luc“, rief sie freudig, nicht weil wir ihr bereits eröffnet hatten, dass Luc der Vater ihrer Mutter sei, sondern weil Omi und Opi Luc Hand in Hand dastanden, und das taten nur Omis und Opis. So einfach war die Welt.

Wir deckten gemeinsam den Tisch. Fritzi dekorierte. Sie hatte die selbstgebastelte Girlande mit den nackten Männern und Frauen aus dem Urlaub mitgebracht und spannte sie quer über den Esstisch. Es gefiel uns allen gut und ließ uns an unsere Good-bye-Lenin-Inszenierung auf Angape zurückdenken. Luc hatte ein paar Flaschen roten und hellen Inhalts mit dem Emblem der Eule in seinen Koffern nach Deutschland geschmuggelt und packte sie aus einer Stofftasche auf den Esstisch.

„Ist es das, was ich denke?“, fragte ich skeptisch.

„Non. Es ist Wein“, gab er mit einem Schmunzeln zurück. Dann zog er eine weitere Flasche mit blauem, leicht öligem Inhalt aus der Tasche.

„Das hier nicht.“ Er grinste. „Versteck es, damit keiner aus Versehen die Nase reinsteckt. Bien? Wenn ihr mal zu zweit seid…“, er zwinkerte mir zu, „… dann nehmt ein Schnapsgläschen voll. Ist wirklisch ganz ungefährlisch. Nur Kräuter nach einer Geheimrezeptur. Besser als Viagra. Danach aber nisch Autofahren. Claudia und isch haben auch eins und schon ausprobiert.“

„Sei froh, dass sie dich nicht mit einem Drogenhund am Flughafen abgefangen haben“, flüsterte ich und versteckte das Druiden-Elixier in der hintersten Ecke des Apothekerschrankes unserer Küche. Der zutreffendste Ort für Lucs selbstgebraute Euphorika, wie ich fand. Ich war schon gespannt auf den ersten Einsatz.

Wir setzten uns zu Tisch, plauderten und lachten über die schöne Zeit am Atlantik, prosteten uns zu, und als es spät wurde, brachten wir Fritzi ins Bett. Danach setzten wir uns mit einem guten Tröpfchen des Nur-Weins ins Wohnzimmer, und Luc erzählte uns von seinen Plänen.

„Isch habe von Zuhause im Internet recherchiert. Alors, isch habe bei Immobilienscout diesen Campingplatz zum Verkauf gefunden und misch mit den netten älteren Herrschaften, den Däumels, in Verbindung gesetzt. Isch fand den Preis sehr günstig. Ein Riesengelände. Dann daneben gleisch das Schwimmbad, und die Däumels waren mir sofort sehr sympathisch. Bien. Philipp, mein Großcousin, zahlt so was aus der Portokasse. Wir sind seit unserer Kindheit dicke Freunde. Er hat einen Gutachter hingeschickt. Der gab grünes Lischt und Philipp hat zugesagt. Isch habe eine Vollmacht von ihm und werde den Kaufvertrag unterschreiben, aber erst spreche isch morgen Abend vor dem Gemeinderat, damit die misch kennenlernen und sehen, was für ein anständiger Kerl isch bin.“ Luc grinste.

„Ich hab dich gar nicht auf der Tagesordnung gesehen“, meinte Martina.

„Nein. Überraschung. Der Bürgermeister hat gesagt, am Schluss machen wir eine kurze Sondersitzung. Sehr sympathischer Mann. Progressiv. Hab ihm letzte Woche ein Kistchen guten Wein geschickt.“

„Wie ‚progressiv‘?“, fragte ich aus gutem Grund.

„Isch habe erst mal vor, alles zu renovieren. Dann hab isch misch ein bisschen durch die Vereine der Dörfer hier geklickt und fand auf der Homepage der katholischen Pfadfinder, dass die an Pfingsten ein Zeltlager machen und noch einen geeigneten Platz suchen. Habe gleisch angeboten, dass sie kostenlos auf den Campingplatz können, wenn sie ein bisschen helfen. Die waren begeistert. Haben dann gleisch ein Programm: Grillstellen anlegen, Hecken pflanzen und so Zeug. Das hab isch beiläufig gleisch dem Bürgermeister erzählt. Pluspunkte sammeln. Alles unter Dach und Fach.“ Luc grinste von Ohr zu Ohr und rieb sich fröhlich die Hände.

„Du meinst, die Sankt-Georgs-Pfadfinder halten ihr Zeltlager auf einem FKK-Campingplatz ab?“ , fragte ich ungläubig, erinnerte mich aber daran, wie scharf wir selbst in unserer Jugendzeit auf so ein Zeltlager gewesen wären, am besten noch gemischt-geschlechtlich, was damals fast undenkbar war.

„Ist ja noch kein Naturistenplatz. Weiß bisher niemand“, flüsterte Luc verschwörerisch.

Ich staunte über Lucs Tollkühnheit. Da kannte er unser Dorf aber schlecht. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er tat wie ein ahnungsloser Passagier der Titanic, der ausgelassen mit den lustigen Eisbrocken an Deck Fußball spielte. War ich der Einzige, der den drohenden Untergang voraussah?

„Tolle Idee, Luc“, meinte die beste Ehefrau von allen, und ihre Mutter fragte begeistert: „Ziehen wir dann auf den Campingplatz, Luc?“

„Ja, Chérie. Es ist ein Haus auf dem Platz für die Eigentümer. Trés joli. Isch werde Philipp natürlisch das Geld in Raten zurückzahlen. In ein paar Jahren sind wir dann wirklisch die Eigentümer.“

… der Titanic, ergänzte ich in Gedanken und seufzte tief. „Ich wünsche euch alles Glück der Welt“, ihr könnt es verdammt noch mal brauchen, dachte ich, sprach es aber nicht laut aus. Dann erhob ich mein Glas, und die anderen taten es mir gleich.

„Auf das verrückteste Projekt, das unser Dorf je gesehen hat.“

„Danke, Jo. Ich danke euch allen für eure Unterstützung. À notre santé“, ergänzte Luc gerührt und stieß mit uns an. Der Pakt war besiegelt, und Luc hatte uns alle mit eingeschlossen. Wir waren jetzt ebenfalls an Bord seiner Titanic. Vielleicht fanden wir gemeinsam Wege, die Eisberge zu umschiffen.

Luc und Claudia warfen sich knisternde Blicke zu und verabschiedeten sich früh. Luc wolle noch seine Rede für morgen Abend auf der Gemeinderatsitzung vorbereiten … mit seiner inspirierenden Briefmarkensammlung unter der Bettdecke, vermutete ich. Auch ich gähnte herzhaft und schaute auf die Uhr.

„Was, schon zehn? Zeit fürs Bett.“ Ich warf Martina einen aphrodisierenden Blick zu. Ich war gespannt auf Lucs Zaubertrank, dessen Farbe keinem der mir bereits bekannten Zaubertränke glich, soweit ich mich überhaupt erinnern konnte, da der letzte freiwillige – oder besser unfreiwillige – Genuss mit einer leichten Amnesie einhergegangen war.

Wir räumten den Tisch ab, ohne uns vorher auszuziehen. Dann zündete ich eine Kerze an und schaltete das Licht aus. Romantik pur. Ich holte Lucs Fläschchen aus dem Schrank und stellte fest, dass der Inhalt in der Dunkelheit dezent leuchtete.

„Das hat mir Luc vorhin zugesteckt. Sei besser als Viagra“, erklärte ich Martina.

„Das heißt …“, flüsterte Martina und ihre Augen leuchteten im Schein der Kerze.

„Ja, ewige Liebe …“, scherzte ich.

„Eine Stunde würde mir genügen, danach werde ich wund“, flüsterte sie mir ins Ohr und fuhr mit ihrer Zunge an meinem Ohrläppchen entlang.

„Nach einer Stunde schalte ich gerade in den zweiten Gang“, bemerkte ich empört.

„Du schaltest gar nicht, sondern fährst zu lange hochtourig im ersten Gang. Deshalb hast du nach zehn Minuten regelmäßig einen Kolbenfresser“, verbesserte mich Martina lachend.

Ich wusste gar nicht, dass sie so viel von Motoren verstand, aber sie hatte recht. „Ausreichender Öldruck kann einen drohenden Kolbenfresser abwenden“, dozierte ich, da ich als Mann natürlich der überlegene Fachmann in Sachen Motoren war. Warum war ich da eigentlich nicht früher drauf gekommen?

„Gute Idee. Warum bist du da nicht früher drauf gekommen?“, fragte Martina, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Sie holte eine Flasche Olivenöl aus der Küche, zog ihren Pulli aus, unter dem sie keinen BH trug, und streifte die Hose ab, unter der auch nichts weiter zum Vorschein kam. Dann stand sie nackt vor mir und goss sich das Öl frivol zwischen ihre Brüste, von wo es sich seinen Weg über ihren Bauchnabel, exakt über die Klitoris auf ihre Schamlippen bahnte.

Martina öffnete einen spaltbreit die Motorhaube. Ich zwängte meine Hand hinein, fing das Öl auf und verteilte es als geübter Autofummler gekonnt und gleichmäßig am Rand der Zylinderkopfdichtung. Bereits jetzt spürte ich ein wohliges Vibrieren der Karosserie, das ich als Fachmann in Sachen Motoren befriedigt zur Kenntnis nahm. Dann nahm ich mir mit meinem Mittelfinger, also dem an meiner Hand, die Wände des Zylinders vor. Martinas Lippen, Schamlippen und ganz besonders ihre Gedanken glitzerten feucht im Schein der Kerze. Ihr Atem ging schnell. Sie knöpfte ungeduldig meine Hose auf und befreite mich aus der klemmenden Unterhose.

„Warte“, sagte ich und holte zwei Sektgläser, in die ich Lucs blauen Liebestrank füllte. Nun leuchten auch die beiden Gläser in einem geheimnisvollen Blau. Ich reichte Martina das blauschimmernde Glas. Wir sahen uns in die Augen und tranken gleichzeitig. In meinem Mund breitete sich der aromatische Geschmack exotischer Kräuter aus. Es gesellte sich eine feurige Schärfe dazu, die sich über den Hals bis in meinen Bauch ausbreitete.

In Martinas Mund schien sich dasselbe abzuspielen. Ihre Augenlider flatterten und schlossen sich halb. Sie brauchte keine weitere Einladung, kniete sich vor mir nieder und spielte freihändig und dennoch virtuos meine Flöte. Fantastisch! Sie haben natürlich recht. Ich musste ebenfalls einen Moment lang darüber grübeln, ob so etwas überhaupt möglich war.

Dann riss mich ein ungewohntes Gefühl aus meiner Analyse des Flötenspiels. Es brannte höllisch, doch dann wich das Brennen einem erregenden Pochen. Ich vermutete, dass in der blauen Liebesfee wenigstens zehn scharfe Peperoni steckten, die Martina ahnungslos mit ihrer Zunge in eines meiner empfindlichsten Körperteile einmassierte. Ich hatte das Gefühl zu explodieren und doch geschah nichts. Ich erreichte einen nicht enden wollenden Höhepunkt ohne Absturz.

Auch bei Martina trat eine Wirkung ein. Ihr Bauch zuckte. Sie legte sich auf den Boden, robbte unter mich und schluckte mich ganz – wundersamerweise, ohne sich zu verschlucken. Ich spürte ihre Zähne an meinem Dudelsack und die Enge ihres Rachens um das Mundstück meiner Pfeife und hatte für einen Augenblick das prickelnde Gefühl eines Löwenbändigers, der vor dem Zirkuspublikum den Kopf in den Rachen des Raubtiers steckte, in der Hoffnung, dass es nicht zuschnappte.

Martina schnappte nicht. Sie presste ihre Lippen fest zusammen und atmete stoßweise durch die Nase, als absolviere sie einen Dauerlauf. Das Prickeln im Mund war offensichtlich eine Parästhesie. Der Zaubertrank Lucs hatte eine betäubende Wirkung, die nicht nur unsere Höhepunkte hinauszögerte. Ich sah das Pulsieren des Blutes in den Venen an Martinas zurückgeworfenem Hals, das sich mit dem Pochen in meinem Penis synchronisierte. Dann passierte, was mir immer passierte, und Martina gab mich selig lächelnd frei.

Entgegen all meiner männlichen Erfahrungen fiel meine Lust nicht in sich zusammen. Es war noch nicht vorbei. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Martina war unglaublich feucht, legte sich jetzt auf den Tisch und spreizte die Beine. Der Kolbenfresser blieb aus. Das aromatische Olivenöl mischte sich mit den Pheromonen ihres Körpergeruchs zu einem exotischen Parfum, das mir die Sinne raubte. Ich goss es noch einmal in ihren Bauchnabel, legte eine glänzende Spur um ihre Brüste und massierte mit meinen öligen Fingern ihre Brustwarzen. Martina stöhnte und bäumte sich vor Lust auf. Sie lachte mit geschlossenen Augen und zog mich auf ihren glitschigen Bauch. Das schummrige Licht der flackernden Kerze tauchte alles um uns herum in pure Erotik. Ich hatte Mühe, nicht von ihr abzugleiten, und über die Tischkante auf den Fußboden zu krachen, doch sie hielt mich kraftvoll mit ihren Beinen umklammert und presste mich mit den nackten Füßen auf meinen Pobacken akrobatisch und rhythmisch tief in sich hinein.

Ich hatte unzählige Höhepunkte – oder war es nur ein einziger, endloser Höhepunkt? Keine Ahnung. War auch nicht so wichtig. Als Martina nach einer Ewigkeit erschöpft erklärte, sie sei jetzt trotz ausreichender Schmierung wund, rutschte ich vorsichtig von ihr herunter und holte ein Handtuch, um uns zu entfetten. Mein Blick fiel auf die Uhr am Backofen. Es war Mitternacht. Ich hatte tatsächlich eine neunzigminütige Erektion hingelegt, im ersten Gang! Okay, vor zehn Minuten hatte ich ein paar Gänge hochgeschaltet, um die Drehzahl zu reduzieren, natürlich nur, damit Martina nicht überhitzte. Dennoch rekordverdächtig.

Ich schaute an mir hinunter und sah im Kerzenlicht, dass meine Kerze immer noch brannte. Wie endete eigentlich eine männliche Erektion ohne typischen Orgasmus? Also den mit den Extrasystolen, dem rhythmischen Ziehen in den Arschbacken und dem Gefühl, mit einem Mal nackt aus der S-Bahn auf den Stuttgarter Hauptbahnhof zu stolpern, um ohnmächtig zusammenzubrechen.

Dieses Adamsgefühl hat tatsächlich jeder Mann nach dem Orgasmus. Deshalb wollen Männer danach auch nicht kuscheln, oder können Sie sich vorstellen, mit ihrem Angebeteten auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof splitterfasernackt Zärtlichkeiten auszutauschen und zwar während der Hauptstoßzeit – ich meine während des Berufsverkehrs – also, Sie wissen, wann ich meine! Eben.

Der Mann hat das Bedürfnis, sich schleunigst die Hosen hochzuziehen und wegzurennen, vielleicht Joggen zu gehen oder den Wagen zu waschen. Direkt auf den Orgasmus peinigt ihn ein unsinniges Schamgefühl und das unerotische Bedürfnis, in blinden körperlichen Aktionismus zu stürzen. Jetzt wissen Sie liebe Frauen, warum wir sind, wie wir sind. Es ist kein Mangel an Sensibilität, sondern kopflose Panik eines auf den Stuttgarter Hauptbahnhof Gestolperten. Wie es bei Frauen danach aussieht, weiß ich nicht. Vielleicht gibt es gar keinen weiblichen Orgasmus.

Wie also sollte er da unten ohne die eben genannten Signale wissen, dass es Zeit war, in den entspannten Unterhosenmodus zu schalten? Eine berechtigte Frage. Gar nicht! Nun lief mir noch einmal Schweiß zwischen die Pobacken, doch diesmal kalter. Scheiße. Ich schüttelte ihn vorsichtig, doch er war prall wie ein aufgepumpter Autoreifen. Wie sollte ich Luft ablassen? Es gab kein Ventil und die Glocken waren auch zu prall, um Druck aus dem Kolben aufzunehmen.

„Wo bleibst du denn, Liebster?“, säuselte Martina vom Tisch aus zu mir herüber. Ich schnappte mir ein frisches Geschirrtuch und ignorierte die nackte Kanone, die vor mir herging. Ignorieren half meistens. Wenn man nicht an ihn dachte, ließ er häufig enttäuscht die Schulter hängen. Sie wissen, was ich meine.

Ich stieß schmerzhaft gegen die Tischkante, noch bevor ich sie erreichte.

Martina tastete nach mir und meinte: „Alle Achtung. Ich kann jetzt aber nicht noch mal, sonst laufe ich morgen früh breitbeinig wie ein Cowboy nach dem Viehtrieb.“

„Könnte mir auch drohen, morgen früh.“

„Warum? Bist du wund?“, wunderte sich die geilste Ehefrau von allen, nahm mir das Geschirrtuch ab und wischte sich das Öl vom Bauch.

„Nein, aber ich habe weder Unterhose noch Hose mit einem dritten Hosenbein.“

Martina setzte sich auf und befühlte noch einmal mein Thermometer. „Ziemlich heiß“, bemerkte sie. „Vielleicht hilft kühlen.“

Gute Idee. Ich stellte mich vor die Badewanne – er stand ja schon – und ließ kaltes Wasser ein. Es war inzwischen halb eins. Dann setzte ich mich hinein und beobachtete, was nicht geschah. Er glühte weniger rot, aber die Schwellung nahm nicht ab. Martina kam mit Eiswürfeln aus der Gefriertruhe und schüttete sie nach meiner Anweisung und entgegen ihrer Warnung in mein ohnehin schon eiskaltes Wasser. Er wurde langsam gefühllos, meine Oberschenkel auch. Kein Wunder, da die Wassertemperatur nur noch knapp über dem Gefrierpunkt liegen konnte. Ich fühlte mich wie Leonardo diCaprio, der im eisigen Atlantik am Floß seiner Holden hing … mit einem Dauerständer.

„Find ich gar nicht so schlecht“, meinte Martina amüsiert.

Typisch Frau. Schon im Normalzustand lief ein Penis Gefahr, von einem vorbeirasenden Auto erfasst, bei Yogaübungen auf der Matte zerquetscht oder beim Joggen zwischen zu dicken Schenkeln aufgerieben zu werden. Eine Dauererektion musste enden wie eine Nacktschnecke, die ahnungslos eine sechsspurige Autobahn überquerte, ganz abgesehen von der Peinlichkeit der unmittelbaren Sichtbarkeit.

Ich stieg zitternd aus der Wanne. Martina trocknete zärtlich meine Fahnenstange ab, als hätte sich mein Wesen auf diese reduziert. Es war hingegen der Rest von mir, der vor Kälte bibberte, während die Temperatur vorne schon wieder anstieg. „Wir müssen Luc anrufen“, stöhnte ich. „Vielleicht gibt es ein Gegenmittel. Er hätte mich warnen müssen, der Giftmischer.“

„Das ist sicher eine ganz seltene Nebenwirkung. Konnte er nicht wissen“, verteidigte ihn Martina. „Bei mir ist doch auch alles in Ordnung.“ Sie streckte mir ihre Schamlippen entgegen, die ebenfalls dicker wirkten als üblicherweise danach. Sicher war ich mir allerdings nicht, da ich ja in typisch männlicher Manier nach dem Geschlechtsakt regelmäßig die Flucht ergriff und diesen Teil der Abkühlungsphase meiner Frau verpasste.

„Na, ein Dauerständer kann dir ja auch schlecht passieren. Aber sag mal, sind deine Schamlippen danach immer so geschwollen?“ Martina sah jetzt genauer hin und zuckte mit den Schultern. „Nicht ganz so, aber so ähnlich … glaube ich. Pas de problème.“ Sie winkte zuversichtlich ab und lächelte.

„Na, bei mir ist das aber schon un problème.“

„Ach, Jo. Du kannst ihn doch zur Seite legen.“

Ich demonstrierte, dass mir in alle Richtungen lediglich dreißig Grad schmerzfrei zur Verfügung standen. Damit sähe ich in jeder meiner Hosen so aus, als trüge ich drei Inkontinenzwindeln übereinander. Wie sollte ich so vor meine Klasse treten?

Ich nahm keine Rücksicht auf die fortgeschrittene Stunde und wählte Claudias Nummer. Sie war nach dem zweiten Klingeln dran und klang nicht verschlafen. „Ist was passiert Jo?“, fragte sie bestürzt.

Ich beruhigte sie und fragte, ob sie mir Luc an den Apparat holen könne. Ja, er hätte auch noch nicht geschlafen. Na, da war ich gespannt, ob wir gerade über das gleiche Problem nachdachten.

„Oui? Jo? Was ist passiert?“, sprach er in die Leitung.

„Ich hab einen Dauerständer nach deinem Zaubertrank. Was kann ich dagegen tun?“, flüsterte ich in die Muschel und musste an den Film Das Leben der Anderen denken.

„Hmmm. Is doch nischt schlescht, andrerseits auch lästisch“, war sein wenig hilfreicher Kommentar.

„Ist das wieder eine der eher seltenen Nebenwirkungen?“, fragte ich genervt.

„Genau. Isch erinnere misch an einen Vorfahren. In der Familienchronik wird berischtet, er habe hundert Jungfrauen in zwei Tagen … Also, er hat aus der Sache einfach das Beste gemacht, je crois.“

„Es ist mir verdammt ernst, Luc. Es schmerzt, und morgen muss ich Unterricht halten. Nein, nicht Sexualkunde, sondern Physik und Mathe“, zischte ich jetzt ungehalten.

„Isch würde abwarten. Nach hundert Jungfrauen war bei meinem Ahnen immerhin auch Schluss. Er wurde 93 Jahre alt und erfreute sich seiner 70 Enkel, steht da geschrieben. In wieweit das alles wahr ist, weiß isch natürlisch nischt.“

„Das heißt, ich habe wie er zwei Tage lang einen Ständer?“, fragte ich ungläubig.

„Isch denke, das hängt von der Dosis ab. Aber genau weiß das niemand. Ist meines Wissens nur einmal dokumentiert. Also entspann disch, mein Freund. Bei mir ist alles okay. Neunzig Minuten und bums, fertisch. Claudia kann es bestätigen. Soll isch sie dir noch mal geben?“

Ich legte auf. Luc war mir keine große Hilfe, wenngleich mich der Ahne mit den siebzig Enkeln ein bisschen beruhigte. Allerdings: Wie viel Wahrheit steckte schon in so einer Familienchronik, in der jeder für die Nachwelt möglichst gut wegkommen wollte? Vielleicht war des Oheims Nudel schließlich schwarz geworden und abgefallen, und der Chronist hatte die nachfolgende Nudellosigkeit mit dieser fantastischen Jungfrauengeschichte überstrahlen wollen. „Martina, kannst du mal nach ‚Dauerständer‘ googeln? Vielleicht gibtʼs ein paar Tipps im Internet.“

„Okay.“ Martina setzte sich, noch immer nackt, an mein Notebook und gab den Begriff Dauerständer ein.

„Hier steht, dass Dauererektionen, auch Priapismus genannt, häufig in den Notaufnahmen landen“

„Wieso Notaufnahme?“, fragte ich.

„Hmm. Es handelt sich um einen urologischen Notfall. Wird die Erektion nicht gestoppt, kommt es zu dauerhaften Schäden bis hin zur Impotenz.“

„Scheiße. Dann muss ich zum ärztlichen Notdienst. Am besten gleich in die Urologie“, erwiderte ich aufgeregt. „Fährst du mich?“

„Sollen wir nicht noch ein bisschen warten. Hier steht, man müsse innerhalb der ersten vierzehn Stunden reagieren. Ich habe das Gefühl, es hat schon ein bisschen nachgelassen, findest du nicht auch?“Ich schüttelte den Kopf und er schüttelte mit, selbstbewusst und prall nach vorne gereckt, als habe ihn die Geschichte mit den hundert Jungfrauen von neuem angespornt.

Es war zwei Uhr morgens, als Martina und ich vor der Notaufnahme unseres Krankenhauses parkten. Unsere Tochter schnarchte selig, und wir entschieden, dass wir sie in diesem speziellen Notfall ein paar Minütchen alleine lassen konnten. Wir hatten reichlich Wasser getrunken und noch etwas gewartet, weil ein Rest Benommenheit und ein unübersehbares Torkeln Zweifel an Martinas Fahrtüchtigkeit hatte aufkommen lassen. Was uns noch gefehlt hätte, wäre unser freundlicher Dorfpolizist Herlinger gewesen – momentaner Bettgenosse Gabis, wenn man den Gerüchten glauben konnte, die sie selbst in die Welt setzte –, der uns aufgrund Martinas Schlingerkurs anhielt. Er hätte unschwer die gezückte Waffe unter meinem übergeworfenen Trenchcoat erkannt und uns mit erhobenen Händen aussteigen lassen. Danach hätte Gabi den Fall übernommen.

Die Rezeption der Notaufnahme war besetzt. Wir wurden herzlich von einer jungen Frau begrüßt, die mich als Lehrer noch aus ihrer Schulzeit kannte. Bettina Ziller, tatsächlich. Es war schön, zu sehen, was aus ihr geworden war, aber nicht jetzt und unter diesen Umständen. Ich lächelte verkrampft. Sie musste natürlich erfahren, welchen Notfall sie wohin schickte.

„Urologie“, sagte Martina knapp, noch bevor ich eine vage Umschreibung des Grundes unseres nächtlichen Besuchs formulieren konnte. Bettina Ziller stand ohne jegliche Vorwarnung auf, um besser sehen zu können, was bisher hinter ihrem Tresen verborgen lag – oder vielmehr stand. Es blieb keine Zeit für ihn und mich, uns dezent wegzudrehen.

Sie lächelte mitleidig. „Ah, Priapismus. Keine Angst, Herr Gruber. Heute Nacht hat Dr. Franke Dienst. Der kennt sich mit so was bestens aus. Hat meinen Freund schon zweimal … wieder runtergeholt“, meinte sie, um den richtigen Terminus technicus ringend. „Kein Problem. Dritter Stock. Passen Sie mit den Aufzugstüren auf.“

Hatte sie ‚kein Problem‘ oder ‚pas de problème‘ gesagt? Sie grinste breit über ihren Aufzugwitz, mit dem sie vielleicht schon zweimal versucht hatte, ihren panischen wie steifen Liebhaber zu beruhigen. Vielleicht hatte sie dieselbe Panik in meinem Blick gesehen. Ich konnte ihr nicht böse sein. Es war sicher fürsorglich gemeint, deshalb lächelte ich dünn, beugte mich zu ihr und fragte leise: „Sie unterliegen doch auch der ärztlichen Schweigepflicht, nicht wahr?“

„Selbstverständlich, Herr Gruber.“ Sie zwinkerte mir kumpelhaft zu.

Martina zog mich an der Hand weiter zum Aufzug. „Danke“, sagte sie knapp. Dann schlossen sich die Stahltüren und nahmen Bettina den Blick, den sie noch immer vergnüglich auf meine Körpermitte richtete, während sie uns per Telefon in der Urologie anmeldete.

Im dritten Stock folgten wir den Schildern zu einem Wartebereich, in dem glücklicherweise niemand weiter saß, der mich hätte anstarren können. Zwei von uns dreien entspannten sich, und zu dritt setzten wir uns auf eine Kunstledercouch in fröhlichem Blutrot. Einen Augenblick später öffnete sich eine Tür und Dr. Franke eilte freudestrahlend auf uns zu. „Herr Gruber. Und das ist –?“

„Meine Frau“, erwiderte ich knapp und erkannte im Zögern des freundlichen Urologen, dass nicht grundsätzlich die Ehefrauen die sich bei ihm vorstellenden Dauerständer begleiteten. Tatsächlich konnte ich mir gut vorstellen, dass Mann nach der goldenen Hochzeit stärkere Reize brauchte, um einen anständigen Priapismus hinzubekommen.

„Urologische Notfälle betreffen ja meistens beide Ehepartner.“ Dr. Franke zwinkerte erleichtert und vergnügt. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Meine Tochter Lena hat vor zwei Jahren ihr Abi bei Ihnen gemacht. Sie war ganz begeistert von Ihnen, und meine Frau sagt, Sie seien der einzige Lehrer gewesen, der ihre Anliegen auf den Elternabenden ernst genommen hätte. Wenn ich ihr erst erzähle, dass ich Sie heute hier getroffen habe …“, sprudelte es nur so aus ihm heraus. „Nein. Entschuldigen Sie. Ihr Besuch fällt natürlich unter meine ärztliche Schweigepflicht“, ergänzte er bestimmt und errötete leicht. Ich fragte mich indes, ob sich die Begeisterung seiner Gattin für mich ins Ekstatisch-Erotische steigerte, wenn sie erfuhr, dass Herr Gruber nicht nur ein Ohr für ihre Anliegen, sondern auch noch einen Dauerständer hatte.

„Aha. Priapismus. Wie haben Sie das denn gemacht?“, fragte Dr. Franke mit geübtem Blick und schmunzelte gewinnend. Grundsätzlich mochte ich Ärzte, die durch fröhliche Kumpelhaftigkeit den Patienten in ihrer Pein Mut machten, nicht aber in diesem speziellen Fall. Nun. Wir hatten gemacht, was wir schon tausend Mal gemacht hatten, nur der Abspann unserer Turnübungen war nicht planmäßig verlaufen. Sollte ich ihm von Lucs Zaubertrank erzählen? Wir hatten ein Liebeselexier von, sagen wir, einem Miraculix, der neuerdings Mitglied unserer Familie war, zu uns genommen? Wenn ich Lucs Identität preisgab, dann hatte der Gemeinderat schon heute Abend ausreichende Informationen, um Luc und seinem Vorhaben den Hals zu brechen: Erst Franzose und dann auch noch Drogendealer. Zwei K.o.-Kriterien, um definitiv nicht Campingplatzbetreiber in unserem Schwarzwaldörtchen zu werden. Waren nicht alle Franzosen Drogendealer? Ich konnte mir schon das selbstzufriedene Grinsen der dümmlichen Braunhemden unserer NPD-Fraktion vorstellen.

„Viagra?“, fragte Dr. Franke jetzt einfühlsam an Martina gewandt. Sie nickte zögernd. „Nun, dann sollten wir schnell eine Suprarenin-Injektion vornehmen, damit das beste Stück keinen Schaden nimmt.“ Dr. Franke grinste, diesmal aufmunternd.

Eigentlich erwartete ich als Mann der Bildung von einem Akademiker im Dienst eine angemessen akademische Sprache, andererseits: Es war nun tatsächlich mein bestes Stück, das mir bisher gute Dienste geleistet hatte, und von dem ich Schaden abwenden wollte. Wenn wir eine Injektion vornehmen mussten, dann ging ich davon aus, dass er sich zu diesem Zweck am Kolbenende, ich mich am Nadelende der Spritze befinden würde, was für meinen Geschmack einem solidarischen wir entgegenstand. Zudem hoffte ich inständig, dass die Injektion nicht direkt am erhofften Wirkort stattfand.

Als hätte Dr. Franke mein stummes Gebet an Priapos, den Gott der Fruchtbarkeit und Namensgeber meiner misslichen Lage, mitgehört, erklärte er: „Ich muss diese Injektion direkt in die Schwellkörper setzen. Das kann ein klitzekleines bisschen piksen.“ Sein nun mitleidiger Gesichtsausdruck passte nicht zu dem Klitzekleinen-bisschen-Piksen. Er dirigierte meinen schlaffen Körper hinter dem steif erigierten zu einer mit weißem Krepppapier bespannten Liege und bettete uns behutsam auf den Rücken. Ein Räuspern des freundlichen Urologen bedeutete mir, die zeltartig aufgespannte Jogginghose, das einzige Textil, das ich dank seiner Elastizität hatte überstreifen können, abzustreifen. Bei Dr. House kam in Notfällen immer eine Kleiderschere zum Einsatz, doch ich schaffte es mit Unterstützung meiner Frau auch ohne. Nun war Dr. Franke ganz Arzt. Er verkniff sich weitere Kommentare, desinfizierte sich die Hände und streifte unerotische Gummihandschuhe über. Er zerrte eine ungewöhnliche Serviette mit Loch in apartem Grasgrün aus einer Plastikverpackung und platzierte das Loch wie zu erwarten war.

„Sie müssen nicht hinsehen“, war sein unmissverständlicher Hinweis, dass es gleich etwas zu sehen gab, das ich nicht sehen wollte. Mein Puls raste und ich begann zu hyperventilieren, als er hinter meinem Kopf herumzurascheln begann, und eine Metallsäge über den Hals einer Glasphiole schnarrte. Dann brach er das Röhrchen auf, und ich wusste, dass mir weniger als zehn Sekunden blieben, die Erektion selbst abzublasen. Eigentlich wäre das ja Martinas Aufgabe gewesen, doch die saß nur seelenruhig auf einem Stuhl in der Ecke und blätterte in einer Frauenzeitschrift. Hätte sie nicht ein bisschen engagierter sein können?

Ich fügte mich in mein Schicksal und ließ alle Hoffnung fahren. Ich versuchte mich zu entspannen, doch die Spannung am Ort des Geschehens entzog sich nach wie vor meiner Kontrolle. Ich schloss die Augen und spürte fremde Männerhände knetend an meinen Geschlechtsteilen. Dann entrang sich meinen Lungen ein gutturales Stöhnen, obwohl ich eigentlich schreien wollte. Kurz bevor ich ohnmächtig wurde, spürte ich, wie meine Fahnenstange allmählich wieder auf Halbmast ging.

„Hallo, Herr Gruber. Aufwachen!“ Eine Männerhand, die ich schon irgendwoher kannte, tätschelte mir die Wangen. Ich musste kurz eingenickt sein. Erst als ich mich aufrichtete, wusste ich, wo ich war. Ich hatte einen merkwürdigen sadomaso-erotischen Traum gehabt. Irgendwelche obszönen Arztspielchen mit Gummihandschuhen und phallusartigen Rieseninjektionsgeräten für Körperöffnungen, die nicht menschlich sein konnten. Genau wusste ich es nicht mehr.

Martina drängelte ein wenig, weil es bereits drei Uhr geworden war und wir beide morgen früh raus mussten. „Vielen Dank, Dr. Franke“, sagte sie an denselben gewandt. Ich schüttelte stumm die mir bekannte Männerhand. Das Gefühl zwischen meinen Beinen war wunderbar, wenn auch ein wenig betäubt.

„Vielleicht versuchen Sie es das nächste Mal ohne Viagra. Bei Impotenz gibt es noch ein paar andere Hilfsmittelchen, wie zum Beispiel –“

„Nochmals herzlichen Dank, Herr Doktor“, unterbrach ihn Martina, die offensichtlich wie ich selbst noch keine gravierenden Potenzprobleme bei mir wahrnahm. Sie schob mich durch den Gang zurück Richtung Aufzug.

„Soll ich meine Frau von Ihnen grüßen?“, rief Dr. Franke mir noch nach, als sich die Aufzugstüren schlossen.

Ich hoffte, er hatte mein heftiges Kopfschütteln noch gesehen.

Am nächsten Morgen war ich total gerädert. Mein Kopf brummte, was am Wein, am Zaubertrank oder an der Adrenalinspritze meines freundlichen Urologen liegen konnte. Ich fuchtelte den Wecker zu Boden, sodass die Batterien rausflogen und er augenblicklich verstummte. Dann stand ich auf, ging ins Bad und schluckte zwei Aspirin trocken hinunter. Eine Schrecksekunde später versuchte ich, ganz bewusst meinen Penis wahrzunehmen. War er überhaupt noch da? Nahm ein Mann seinen Penis je bewusst war? Keine Ahnung. Bislang hatte ich nie daran gezweifelt, dass am Morgen alle meine Körperteile vom Vorabend noch am gleichen Platz hingen. Ich zog meine Hose herunter und schaute in den Spiegel. Ein entspanntes Lächeln huschte über mein Gesicht.

Eigentlich war der Abend der absolute Wahnsinn gewesen. So ausdauernd und intensiv hatten Martina und ich noch nie gevögelt. Es stimmte mich ein wenig wehmütig, dass ich Lucs blaue Fee nicht noch einmal unbeschwert würde schlucken können. Natürlich konnte der Dauerständer ein einmaliges unglückliches Ereignis gewesen sein, wie mein Noch-nicht-Schwiegervater vorgeschlagen hatte. Der Gedanke an eine zweite Fahrt in die Notaufnahme und die großen Hände Dr. Frankes ließ mich allerdings innerlich zusammenzucken.

5

Es war eine öffentliche Sitzung, und ich wollte dabei sein, weil es mich als zukünftigen Schwiegersohn des Druiden mehr betraf, als mir lieb war. Luc hatte noch immer keinen Vaterschaftstest absolviert, jedoch für den morgigen Tag einen Termin zur Blutabnahme im Krankenhaus ausgemacht, witzigerweise bei Dr. Franke, der offensichtlich nicht nur spritzte, sondern auch saugte.

Die Sitzung zog sich in die Länge. Es wurde hin und her diskutiert, ob der Wasserverbrauch der Stadtgärtnerei im Sommer mit halber Tulpendichte in den Blumenbeeten der zwei Kreisverkehre am Ortsein- und -ausgang drastisch reduziert werden könne. Die Grünenfraktion schlug eine Kakteenbepflanzung vor, die aber die CDU insofern ablehnte, als dass die Fahrer teurer, tiefergelegter Sportwagen durch hochwachsende Kakteen den Kreisverkehr nicht mehr überblicken könnten. Die Grünenfraktion gab daraufhin zu bedenken, ob man der Minderheit tiefergelegter Sportwagen, die ohnehin zu viel Benzin fraßen – also die Wagen nicht die Fahrer –, überhaupt entgegenkommen solle, woraufhin die CDU genervt erklärte, dass die Dichte tiefergelegter Sportwagen in ihrem sozialen Umfeld höher sei als bei den Grünen und man die Bepflanzung der Kreisverkehre sinnvollerweise – und ohne den Grünen zu nahe treten zu wollen – nicht mit dem Benzinverbrauch der einfahrenden Fahrzeuge verknüpfen sollte, um nicht komplett den Überblick zu verlieren. Die Grünen beantragten daraufhin ein Gutachten, das die betriebswirtschaftlich besser geschulte CDU aber in einer Musterrechnung ad absurdum führte, da für die Kosten des Gutachtens die Tulpen für weitere hundert Jahre in alter Dichte und ohne Zusatzkosten für die Stadt mit Wasser versorgt werden konnten.

Blablabla…

Meine Augenlider wurden schwer, und ich bewunderte Martina, die sich diesen Schwachsinn seelenruhig anhörte, ohne gelangweilt die Fingernägel zu lackieren oder in der Nase zu bohren. Hätte ich zu gern gemacht – also, in der Nase gebohrt. Sie saß artig aufrecht da und hörte überaus interessiert zu, sogar als ein Vertreter der NPD nach Vertagung der Tulpendiskussion auf eine Sitzung im Frühjahr den Vorschlag unterbreitete, man solle die abblätternde Beschriftung des Hermann-Hesse-Gymnasiums in germanischer Runenschrift erneuern. Er präsentierte ein Plakat mit seinen Vorstellungen. Das Doppel-S in Hesse lies selbst den rechten Flügel entsetzt erstarren, sodass der Vorschlag einstimmig bis auf eine Stimme abgelehnt wurde.

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich freue mich, Ihnen Lucas de Jouan vorzustellen“, ergriff der Bürgermeister nach einer gefühlten Ewigkeit das Wort. „Wie Sie alle wissen, steht der Campingplatz Obere Mühle seit einem halben Jahr zum Verkauf. Herr Jouan wird morgen den notariellen Kaufvertrag für seinen Cousin Philipp Busset unterschreiben und damit die Däumels in den wohlverdienten Ruhestand entlassen.“ Ein Raunen ging durch die Reihen. „Er wird hier vor Ort der Geschäftsführer sein und jetzt im Anschluss an unsere Sitzung seine Pläne zur Renovierung des Campingplatzes kurz skizzieren.“ Noch ein Raunen, aus dem ich die Worte „Scheiße“, „Bier“ und „Hunger“ filtern konnte. Ein denkbar schlechter Start für den zukünftigen Geschäftsführer des Nudistencampingplatzes Obere Mühle, dachte ich.

Dann erschien ein strahlender Luc von hinter einem Vorhang im Sitzungssaal, der als Mehrzweckhalle auch den Bühnenauftritten des berühmt-berüchtigten Bauerntheaters diente, in dem es für meinen Geschmack vernünftiger zuging als auf jeder Gemeinderatssitzung.

Luc trat ans Mikrofon. „Bonsoir. Meine sehr verehrten Damen und Herren“, begann er und sah zuerst den acht Frauen der Frauenquote tief und charmant in die Augen, mit einem intensiven Blick, der mich an Christopher Lambert, den Highlander, erinnerte. Die Damen hatte er schon mal auf seiner Seite. Jetzt fehlten nur noch die sechsundvierzig Herren, die ihn ausnahmslos finster musterten. Immerhin ein Anfang.

„Isch weiß, dass Sie alle einen anstrengenden Tag hinter sisch haben. Da komme isch daher und verlängere unnötig Ihre Sitzung. Sie lenken ehrenamtlisch die Geschicke dieser wunderschönen Stadt. Dafür gebührt Ihnen der Dank aller Bürger und meiner ganz besonders.“ Nun nickten einige der finsteren Gesichter beifällig. „Bevor isch um Ihre Aufmerksamkeit für ein paar Daten und Bilder bitte, habe isch mir erlaubt mit Hilfe von Frau Seiler, der Wirtin des Fröhlichen Gockels, etwas zu zaubern, das hoffentlisch Ihren Geschmack trifft.“ Luc klatschte in die Hände, während ich das Wort ‚zaubern‘ in seiner Ansprache näher unter die Lupe nahm.

Eine Schar ausgesprochen hübscher Damen, die er direkt von einem Modelcasting abgezweigt haben musste, schritten würdig in den Raum. Sie trugen zwei große Töpfe mit Suppen herein, die einen exotisch-mediterranen Duft verströmten. Körbe mit frischgebackenem Brot gesellten sich dazu. Es folgten Tabletts mit Wurst, Käse und Früchten. Ein Buffet mit allem, was das Schwabenherz begehrte – und vor allem umsonst. Kleine Tischchen mit Suppenschüsseln, Tellern und Besteck wurden aufgestellt. Ein Holzfässchen mit frischem Bier wurde von einem dicken Bierbrauer aus dem Nachbarort zünftig angezapft. Für die Damen gab es Sekt, und natürlich standen da auch Wasserflaschen aus dem örtlichen Mineralbrunnen.

„Bitte stärken Sie sisch, bevor Sie sisch noch einmal der Arbeit widmen. Bon appétit.“ Mit diesen Worten eröffnete Luc das Buffet. Da ließ sich doch keiner zweimal bitten.

Mir hatten es vor allem die Suppentöpfe angetan. Der Duft der Kräuter erinnerte mich irgendwie an unseren Atlantikaufenthalt. Als ich von meinem Platz in der hintersten Reihe zu Luc hinübersah, trafen sich unsere Blicke. Ich nickte mit dem Kopf in Richtung der beiden Töpfe und er grinste. Er hatte es schon wieder getan, unser Miraculix. Ich verdrehte die Augen und nickte jetzt Martina zu, die tadelnd den Kopf schüttelte und offensichtlich ebenfalls beschloss, die Suppen auszulassen. Don Jouan hatte sich schon abgewandt und war in geistreiche Plaudereien mit der Damenwelt verstrickt.

Nachdem alle außer uns beiden mindestens eine der beiden Suppen probiert hatten, löste sich die Stimmung auf bemerkenswerte Weise. Die Herren sprachen dem Bier eifrig zu, während den Damen nach einigen Flaschen Sekt die Wangen rot und die Augen feucht wurden. Der Bürgermeister nahm seine Rolle als Ortsvorstand ernst und trank ziemlich viel, sowohl Sekt mit den Damen als auch Bier mit den Herren. Alle bedienten sich schließlich bei Wurst, Käse und Brot.

Nun rächte sich die magere Frauenquote. Die Herren bekamen mit einem Mal Lust auf das andere Geschlecht. Die CDU hatte die Finger dezent in der Bluse der einzigen Grünen-Abgeordneten, der dies ausgesprochen gut gefiel. Bei der NPD schien das Geschlecht schon keine Rolle mehr zu spielen. Hier beobachtete ich russische Verbrüderungsküsse mit der Linken.

Nach vierzig Minuten ausgelassener Partystimmung räusperte sich der Bürgermeister und klopfte an das Mikrofon. Seine Stimme klang dezent verwaschen. „Meine Samen un Herren, ähem …“ (räusper, räusper) „… es wird spät. Wir wollen alle nach Hause. Ich bitte Sie deshalb nochmals Platz zu nehmen, damit uns Herr Jouan sein Konzept für den Campingplatz Obere Mühle vorstellen kann.“ Die Räte und Rätinnen torkelten, sich gegenseitig stützend, zurück in die Bänke. Als Ruhe eingekehrt war, übergab der Bürgermeister das Mikrofon an Luc.

„Vielen Dank, Herr Bürgermeister.“ Eine der jungen Damen mit kurzem Rock und tiefem Ausschnitt hatte einen Beamer mit einem Notebook verbunden und eine kleine Leinwand aufgestellt, nicht ohne sich tiefer hinunterzubeugen als unbedingt erforderlich gewesen wäre, um die Kabel zu verlegen und einzustecken. Die Abgeordneten aller Fraktionen folgten in seltener Einhelligkeit konzentriert den langen Beinen unter dem kurzen Rock und nahmen die kurze Umbauphase wohlwollend auf. Luc nahm eine Fernbedienung in die Hand und warf das erste Bild in Schwarz-Weiß auf das weiße Tuch. Es war eine Luftaufnahme des Geländes. Die einzelnen Gebäude, die Sanitäranlagen, die Grillstellen und Stellplätze waren gekennzeichnet. Ein neues Bild wurde dem ersten überlagert und dort konnte man die geplanten Änderungen erkennen. Donnerwetter. Aus dem typischen 60er Jahre Rentner-Schwarzwald-Erholungscamp schälte sich eine topmoderne Freizeitanlage für junge Familien heraus. Es gab mehrere Spielplätze, deutlich mehr Duschen und Waschräume und zwei Saunabereiche mit Abkühlbecken im Freien. Auch ein Bouleplatz durfte nicht fehlen. Vielleicht lag dieser positive Effekt auch daran, dass das neue Bild in Farbe war, das alte aber in Schwarz-Weiß.

„Isch betreibe bereits einen Campingplatz in Frankreisch und würde dort natürlisch Werbung für den Schwarzwald machen. Franzosen lieben Boule und es werden viele französische Touristen hierherkommen, davon bin isch überzeugt. Da Franzosen gerne Essen gehen, wird die Gastronomie im Umkreis einen deutlischen Schub erleben“, dozierte Luc. Männer und Frauen nickten mit einem unnatürlichen Lächeln im Gesicht, das sich mir nicht erschloss. Vielleicht war es ein Krampf der Gesichtsmuskulatur, wie er als risus sardonicus bei Tetanusinfektionen oder Strychninvergiftungen auftrat.

Strychnin! Ein Aphrodisiakum, das zudem euphorisch machte. Strychnin war ein natürlicher Bestandteil der Brechnuss. Es intensivierte die Farbwahrnehmung und verschaffte Farbfotos einen klaren Vorteil. Luc war ein wahrer Meister der Alchemie, alle Achtung. Er hatte inzwischen einen großen Teil der Versammlung auf seiner Seite. Konnte man ihm einen Drogenvorwurf machen, wenn er natürliche Kräuter in zwei wohlschmeckende Suppen mischte? Dennoch: Das zentrale Thema hatte er noch nicht angesprochen.

„Sie sehen bereits, dass dieser Campingplatz sisch in Zukunft nischt mehr verstecken muss. Im Gegenteil. Es ist in abgelegenen Gegenden wie hier unbedingt erforderlisch, dem Gast etwas Besonderes zu bieten.“

Zum Beispiel den Urlaub splitterfasernackt zu verbringen, kam mir in den Sinn.

„Isch habe in diesem Zusammenhang bereits Kontakt mit der Betreiberin des Schwimmbades aufgenommen, das ja idealerweise genau gegenüber dem Campingplatz liegt. Isch stelle mir eine Kooperation vor, wie zum Beispiel spezielle Veranstaltungen nur für Campinggäste …“

Wie beispielsweise Nacktbaden, dachte ich.

„… oder ein kulinarischer Nachmittag mit Buffet und Baden.“

Hatte er ‚Nachmittag‘ oder ‚Nacktmittag‘ gesagt?

„Natürlisch würde isch dann eine Miete an die Betreiberin zahlen, und so hätten alle was davon. Das Schwimmbad bekäme gute Werbung und mehr Gäste, damit es weniger Subventionen aus der Gemeindekasse braucht.“ Nun warf Luc Bilder mit spielenden Kindern, Erwachsenen, die lachend um eine Grillstelle standen, und jungen Damen, die vor den Saunen in die Wasserbottiche stiegen, auf die Leinwand. Nicht nur die Damen, nein … alle waren nackt!

Mit eingezogenem Kopf sah ich mich vorsichtig um und erwartete den Ausbruch eines erloschen geglaubten Vulkans. Nichts dergleichen geschah. Diese Nacktheit schien die Anwesenden in ihrer leicht aphrodisierten Stimmung nicht zu stören, im Gegenteil. Ich schaute verstohlen in unnatürlich grinsende Gesichter, die entweder die Nackten, die sich vor ihren Augen auf der Leinwand tummelten, nicht erkannten, oder aber nicht mehr über die Software verfügten, um die Bilder auf ihren Nacktgehalt hin zu analysieren. Vielleicht hatte Luc mit seiner Suppe einen Virus in den entsprechenden Algorithmus ihrer Köpfe eingeschleust, der den Output generierte: Nackt, na und?

Gerade so, als hätte sie diesen Gedanken eben auch gehabt, zupfte sich die Grünen-Abgeordnete an der unter erheblicher Spannung stehenden Bluse. Männliche Stielaugen wanderten parteiübergreifend zwischen den Titten auf der Leinwand und den Titten im Grünen-Block hin und her, als würden sie mit einem Mal die Vergewaltigung der eingesperrten Möpse durch zu straffe Stoffkörbchen als Skandal oder gar Tierquälerei empfinden.

Luc verteilte derweil Flyer, auf denen Stichpunkte seiner Ideen standen. Ich überflog ihn und suchte vergeblich nach einem Hinweis auf des Pudels Kern. Da! Es war eher eine Fußnote als ein Hinweis. Da stand ziemlich missverständlich für jemanden, der den Begriff Naturismus noch nie gehört hatte: Der Campingplatzbetreiber ist bestrebt, naturverbundenen Touristen, Naturisten sowie einer begrenzten Anzahl an Tagesgästen einen unvergleichlichen Aufenthalt auf dem neu gestalteten Campingplatz zu bieten. Dazu werden regelmäßig interne Umfragen und externe Bewertungen auf den Internetportalen ausgewertet, um den Service zu verbessern und höchste Hygiene- und Sicherheitsstandards zu gewährleisten.

Na, das musste doch allen runterlaufen wie Öl, bis auf den einen Stolperstein. Vielleicht war Naturisten ja lediglich ein Synonym für naturverbundene Touristen. Warum denn nicht. Außer man wusste es besser, so wie Luc, Martina und ihr Mann.

Ich schaute in die Runde der eifrig lesenden Versammlung. Alle schienen mit Akkommodationsproblemen zu kämpfen, wie ich sie von der Pupillenerweiterung augenärztlicher Untersuchungen her kannte. Ich sah die Brillenträger ihre Brillen zurechtrücken. Von der Nasenspitze bis zur Nasenwurzel und zurück, um den Punkt größter Scharfe zu finden, der aber offensichtlich nicht in diesem Bereich lag.

Atropin! Natürlicher Bestandteil von Stechapfel, Tollkirsche, Alraune, Engelstrompete. Natur bleibt Natur! Und der Naturist liebte es nun mal natürlich, da war der Schritt zum Alchemisten ein kleiner. Konnte man Luc einen Vorwurf machen? Eindeutig ja!

„Wenn Sie das Blatt wenden, sehen Sie den Plan der Umbaumaßnahmen, die noch vor dem Winter beginnen und natürlisch an örtlische Handwerker vergeben werden.“ Nun sah ich das beifällige Nicken einiger Herren, die offensichtlich den Handwerkergilden angehörten. Geschickt um den Finger gewickelt.

„Bitte unterschreiben Sie doch mein Informationsblatt unten an der vorgesehenen Stelle mit ihrem vollen Namen und geben Sie es an misch zurück“, sagte Luc wie beiläufig, und ich sah ausnahmslos alle Anwesenden ihre Schreibutensilien zücken, ohne jegliches Misstrauen, das wahrscheinlich ein weiteres Suppenkraut komplett ausgeschalten hatte. Ich las die letzten Zeilen: Mit meiner Unterschrift bestätige ich, die Umbaumaßnahmen und zukünftige Nutzung des Campingplatzes Obere Mühle zur Kenntnis genommen zu haben und in vollem Umfang zu unterstützen. Dann kamen die üblichen Felder mit Datum, Namen und Unterschrift.

Lediglich der Bürgermeister, der mit einem Mal nüchtern wirkte, runzelte die Stirn. Dann ging er auf Luc zu und nahm ihn dezent beiseite, während die anderen Anwesenden noch verschwommenen Auges mit den Unterschriften kämpften. Die beiden Männer flüsterten miteinander, und für einen Moment hatte ich das Gefühl, Lucs Gesichtsfarbe wechsele von Dunkelbraun zu Blassbraun, doch dann lachten sie kumpelhaft, fast wie Waffenbrüder, und Lucs Körper entspannte sich. Die Sitzung war zu Ende.

Luc achtete darauf, dass alle Infoblätter auf dem Stapel vor ihm landeten, schüttelte Hände, lächelte hier und da sein Christopher-Lambert-Lächeln und wurde von der Frauenquote angeschmachtet, die wie er über fünfzig und damit im hyperaktiven Reproduktionsmodus der Menopause war, in dem man sich nicht mehr um Verhütung kümmern musste. Ein gefährliches Alter!

Die meisten waren bereits aus dem Sitzungssaal geströmt, um im Abgang noch eine Trophäe vom Schlachtfeld des Buffets mitzunehmen. War ja umsonst. Ich ging zu Luc und fragte: „Hast du auch den Bürgermeister überzeugen können? Er hat zwar viel getrunken aber wenig Suppe gegessen.“

„Jo, isch habe alle Anwesenden durch mein Konzept überzeugt, nischt dursch meine Suppe“, sagte er mit gespielter Empörung. Dann grinste er von Ohr zu Ohr.

„Dürfen die in dem Zustand überhaupt Auto fahren?“, hakte ich nach.

„Wenn sie in eine Kontrolle kommen und blasen müssen, werden lediglisch das Bier und der Sekt messbar sein. Sie sehen vielleischt in der Nähe etwas unscharf, aber die Fernsischt ist dafür umso besser. Keine Angst, da passiert schon nischts. Pas de problème.“ Luc beugte sich verschwörerisch zu mir: „Der Bürgermeister hat die Nackten auf dem Foto nischt übersehen und die Naturisten nischt überlesen. Er war erstaunt, dass der Gemeinderat keinen Einwand erhob. Für ihn sei das kein Problem. Er hat mir gestanden, dass er jedes Jahr mit seiner Familie an den Atlantik fährt. Rate mal, wo er vor zwei Jahren war.“

„Angape?“

Luc grinste. „Hätte nicht besser laufen können. Er kann sisch zwar als Bürgermeister nischt einfach so outen, aber ihm gefällt mein Plan, und er will versuchen, alle Hürden dezent aus dem Weg zu räumen. Isch habe ihm geflüstert, dass isch der Besitzer von Angape bin und eingefleischter Naturist in einer uralten naturistischen Geheimgesellschaft. Er will mehr über die Philosophie des ursprünglichen Naturismus erfahren. Super, was?“

Ich lachte entspannt. Besser hätte es in der Tat nicht laufen können. Allerdings würden die Stadträte bald aus ihrem Drogenrausch erwachen. Würden Sie sich an die Bilder erinnern? Bis zur Neueröffnung des Campingplatzes konnte viel passieren – und danach noch viel mehr.

Am folgenden Tag wurde der notarielle Kaufvertrag ohne Zwischenfälle oder Zwischenrufe abgeschlossen. Ich begleitete Luc um 11.00 Uhr zum Notar, da ich nur bis 10.00 Uhr Unterricht hatte und Luc noch kein Auto besaß. Die Däumels bedankten sich herzlich bei Luc, der den beiden alten Herrschaften zusicherte, sie seien immer auf dem Campingplatz willkommen, natürlich kostenlos. Es werde auch Holzhäuschen mit allem Komfort geben, sodass ältere Gäste ohne Zelt und Wohnwagen anreisen könnten. Frau Däumel lief dann doch eine Träne über die Wange. Sie hatte den Campingplatz mit ihrem Mann fünfundzwanzig Jahre lang mit viel Liebe in Schuss gehalten, und der Abschied war ein Abschied für immer. Luc tröstete sie, dass der Ruhestand endlich die Möglichkeit biete, auch mal auf andere Campingplätze zu reisen. Er lud sie ein, Angape zu besuchen – ohne auf die Besonderheiten des Platzes näher einzugehen –, und den Atlantik zu genießen, den die Däumels noch nie gesehen hatten. Zudem hatte er eine Flasche Wer-weiß-was mitgebracht, deren Inhalt wie ein Sekt perlte, als er sie entkorkte. Er füllte vier Gläser, wobei er darauf achtete, mir und sich selbst nur einen Schluck einzuschenken. Wir prosteten uns zu, und nach dem zweiten Glas lachten die Däumels ausgelassen.

„War das denn nötig?“, fragte ich auf dem Weg zurück zu Claudias Wohnung und musste plötzlich grundlos kichern.

„Was meinst du?“, fragte Luc und kicherte ebenfalls.

„Na, dein Zaubersekt?“ (Kicher, kicher.)

Luc wurde ein bisschen ernster. „Die Däumels sind sehr liebe Menschen. Sie haben gerade ihr Lebenswerk an misch übergeben. Isch glaube, dass der Schritt in die Rente niemals leischt ist, wird er für uns auch nischt, Jo. Isch wollte ihnen diesen Schritt ein wenig erleischtern.“ Luc kicherte wieder. Er hatte einen weichen Kern, das hatte ich immer schon gewusst. Ich liebte ihn und konnte mir keinen besseren Schwiegervater vorstellen. Er war mir ein bisschen zu sehr Chemiker, aber auch ein ausgesprochener Komiker, genau auf meiner Wellenlänge.

„Wann hast du das Ergebnis für den Vaterschaftstest?“, fragte ich.

Er deutete auf seine Armbeuge, in der ein kleines Pflaster klebte. „Dr. Franke hat mein Blut heute Morgen ins Labor geschickt. Martina hat misch gefahren und auch gleisch eine Blutprobe abgegeben. Ergebnisse gibtʼs übermorgen. Isch soll disch übrigens von ihm grüßen. Er fragte, wie es deinem … du weißt schon … geht“

„Na toll“, sagte ich knapp. Natürlich hatte er Martina an Lucs Seite erkannt, und jetzt erahnte er offensichtlich noch ein paar weitere familiäre Zusammenhänge. Ich hoffte, dass er nicht sofort Gabi anrief – natürlich unter dem Siegel ihrer reisebürolichen Verschwiegenheit – sobald er den Vaterschaftstest zurückbekam. Ich setzte Luc bei Claudia ab. Wir verabredeten uns für Donnerstag zum Abendessen bei uns, um gemeinsam den Befund zu besprechen.

Es war gegen sieben, als Luc und Claudia bei uns klingelten. Martina öffnete aufgeregt. Wir setzten uns alle an den Tisch, Fritzi eingeschlossen, um einen harten Aufprall auf dem Steinboden der Tatsachen im Falle einer Ohnmacht zu vermeiden.

„Und?“, fragte Martina und knetete nervös ihre Hände.

„Isch habe das Kuvert nischt geöffnet und konnte Dr. Franke gerade noch davon abhalten. Er meinte aufgeregt, er müsse mir das Ergebnis vielleischt erklären. Bien. Isch sagte ihm, es betreffe die ganze Familie, und wir würden den Brief heute Abend gemeinsam öffnen. Alors.“ Luc zog ein weißes Kuvert mit dem Briefkopf der Klinik aus dem Jackett und fragte: „Soll isch?“ Alle nickten stumm. Er nahm ein Messer vom Tisch und schlitzte das Kuvert auf. Dann entfaltete er den Briefbogen und las. Als sein Gesicht zu strahlen begann und ihm die Tränen über die Wangen liefen, bedurfte es keiner Worte mehr. Er ging zu Claudia und Martina und umarmte die beiden innig. „Isch bin dein Vater, Martina“, hauchte er seiner Tochter ins Ohr. „Damit wir aber endlisch eine rischtige Familie werden … Willst du meine Frau werden?“, fragte er Claudia, nicht Martina, der ebenfalls Freudentränen über die Wangen kullerten.

„Ja, von ganzem Herzen“, schluchzte sie und bedeckte Luc mit Küssen.

„Halt. Stopp. Stopp!“, sagte er und schob sie sanft von sich. „Isch muss noch mal anfangen.“ Luc zog geräuschvoll den Freudenrotz hoch, räusperte sich und zog eine kleine Schmuckschatulle aus seiner Hosentasche. Die Überraschungen, die er aus seinen bodenlosen Taschen zog, erinnerten mich an Mary Poppins und nahmen kein Ende. Er kniete sich galant nieder wie ein Knappe, der den Ritterschlag seiner Herzensdame erwartete. Ganz der alte, schwülstige Adel. „Hochgeschlossene Schönheit von vor vierzig Jahren. Willst du jetzt endlisch meine Frau werden?“, wiederholte er ernst.

Claudia lachte. „Hmm. Jetzt habe ich vierzig Jahre lang gewartet, dass du mich das endlich fragst. Eine gemeinsame Tochter haben wir schließlich auch“, erwiderte sie. „Lass mich nachdenken … Also gut … einverstanden.“

Luc lachte jetzt ebenfalls, öffnete die Schatulle und zum Vorschein kam ein goldener Ring mit einem beachtlichen Stein, der, wenn kein Glas, ein Diamant sein musste. Er schob Claudia den Ring über den linken Ringfinger. Sie betrachtete ehrfürchtig den großen Stein. „So, jetzt erst darfst du deinen Zukünftigen küssen“, witzelte er, schloss die Augen und spitzte die Lippen.

Sie beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss. „Du darfst dich erheben. In Zukunft bevorzuge ich dich aber stehend. Das ist besser für meine Bandscheiben“, erklärte sie belustigt. Was sie an Luc des Weiteren lieber stehend als hängend sah, ahnte ich, wenn mir auch neu war, dass sich an der komplementären weiblichen Stelle Bandscheiben befanden.

Der Gedanke war gar nicht so abwegig, glauben Sie mir. Im Rahmen meines urologischen Notfalls hatte ich mich über genitale Notfälle im Allgemeinen informiert. Nicht nur der Mann bekommt einen Dauerständer. Frauen entwickeln passend dazu einen Scheidenkrampf, und dann fühlen Schamlippen sich an wie knallharte Bandscheiben.

2014 ging eine Geschichte über ein Liebespaar am Strand des Mittelmeers durch die Presse. Nach dem herrlichen Sonnenuntergang bekamen die Turteltäubchen Lust, und da es dunkel wurde und der Strand menschenleer war, stand ihrem Liebesspiel nichts im Wege. Sie gingen ins Wasser und begannen mit dem Vorspiel. Darauf folgte wie üblich der Akt, doch dann sollte es ein Nachspiel geben, das anders ausfiel als erwartet. Durch das Meerwasser wurde der Muschi das natürliche Gleitmittel entzogen. Dadurch nahmen Reibung und Schmerz zu. Das Stöhnen seiner Holden missdeutete der Jüngling als Ansporn, Gas zu geben, was die Situation wie auch das Stöhnen verschärfte. Ein selbstverstärkender Mechanismus, den der Physiklehrer als Resonanzkatastrophe bezeichnet. Die erste Resonanzkatastrophe nahm ihren Lauf. Die Muschi verkrampfte sich und biss sozusagen ohne Vorwarnung zu. Jetzt stöhnte auch der Jüngling – allerdings weniger lustvoll. Das Zuschnappen der Falle drückte ihm an der Wurzel seiner Palme den venösen Rückstrom ab, sodass sich der pralle Stamm nicht entleeren konnte. Schlimmer noch. Der arterielle Zustrom ist kraftvoller als der venöse Rückstrom, sodass die Situation vergleichbar war mit einem Korken, der sich im Flaschenhals ausdehnte. Die zweite Resonanzkatastrophe nahm ihren Lauf. Die Scheide wurde durch den Druck reflexartig enger und er immer dicker.

So peinlich die Situation auch war: Die berechtigte Panik der Feststeckenden wurde schließlich übermächtig, sodass sie um Hilfe riefen. Passanten halfen den eng Umschlungenen an Land. Der herbeigeeilte Notarzt spritzte der Zugekniffenen ein wehenauslösendes Medikament, sodass sie schließlich auf natürliche Weise niederkam: Es war ein knallroter Elefant! Oder zumindest sein Rüssel. Offen blieb in diesem Zeitungsartikel indes die Frage, ob in so einem Notfall ein Urologe oder Gynäkologe alarmiert werden sollte.

Gut. So genau kann man das in dem Moment ohnehin nicht trennen, also das Paar. Ich stellte mir vor, dass Martina und ich wohl nicht selbst in die Klinik gefahren wären, obwohl das vielleicht ginge, wenn man den Fahrersitz ganz zurückstellen und dem Partner über die Schulter sehen würde. Wir hätten sicher schon wegen Bettina Ziller an der Rezeption einen Hausbesuch Dr. Frankes vorgezogen.

„Hab ich jetzt einen neuen Opi?“, fragte Fritzi, die nicht wissen konnte, was ein Vaterschaftstest bedeutete. Mütter waren leichter zu identifizieren als Väter, da sie über eine Geburt nicht ebenso locker hinwegtäuschen konnten wie über den weiblichen Orgasmus.

„Ja, Süße. Du hast noch mal einen Opi bekommen. Ist das nicht toll?“

War toll, aber genetisch nicht ganz korrekt. Opi Hans, Claudias Exmann, hatte sich soeben disqualifiziert, wobei natürlich der Begriff Opi im Wortschatz eines Kindes kein genetischer war. Fritzi hatte insofern recht und ich hoffte inständig, dass Opi Hans seine Rolle nicht aufgrund des knapp verlorenen Spermien-Wettrennens, das nun über vierzig Jahre zurücklag, ablehnte.

Für Männer in ihrem aufgeblasenen Siegerkosmos bedeuteten Versagerspermien nicht selten ein schmerzliches Eingeständnis. Meine Frau spricht gerne vom ersten, zweiten und dritten Sieger. Ich glaube, das entspricht einer typisch weiblichen und überaus sympathischen Sicht aller Dinge. Diese Weltsicht entspringt einem fürsorglichen Mutterinstinkt, der festen Glaubens ist, selbst aus dem missratensten Sprössling einen anständigen Menschen machen zu können. Würde man Männern die Aufzucht des Nachwuchses überlassen, dann würden sie, entsprechend ihrem Neandertaler-Instinkt, lediglich den stärksten und lautesten der Nachkommen durchfüttern, der sich mit seinen Ellenbogen unbeirrt eine Schneise der Verwüstung durch seine Konkurrenz bahnt. Klingt evolutionär vernünftig, weil sich so starke Gene in einer lebensfeindlichen Umgebung durchsetzen. Tatsächlich wären aber in der ersten Generation danach alle diese Sprösslinge Politiker, um sich in der nächsten Generation in einem gewaltigen Krieg gegenseitig auszulöschen. Übrig blieben ein paar Männchen von der Testosteronsorte Arnold Schwarzenegger, die siegestrunken und paarungsbereit feststellen würden, dass sie die Weibchen im Sinne eines Kollateralschadens ebenfalls ausradiert hatten. So viel zu einer Welt, die man männlichen Politikern und alleinerziehenden Männern überließ.

Fritzi rannte zu Opi Luc und umarmte ihn. Er hob sie hoch und drückte sie sichtlich gerührt an sich. Dann setzten wir uns. Die Anspannung des Tages fiel von uns ab, denn wir hatten zwar alle gehofft, dass Miraculix zu uns gehörte, doch war ein gehöriger Rest Unsicherheit geblieben. Es war ein emotional aufgeladener und doch Stille heischender Moment, dem nichts hinzuzufügen war, am wenigsten Worte.

Fritzi brach die andächtige Sprachlosigkeit. „Ich hab Hunger“, meinte sie berechtigt. Martina lachte. „Haben wir auch alle, und zum Glück hast du dich getraut, was zu sagen, sonst wären wir langsam verhungert.“

Martina hatte eine wunderbare Schwarzwaldforelle sowie einen Saibling aus Calmbach direkt aus den Quellbecken des Würzbachs gekauft und mit Kräutern zubereitet, die ihr Luc aus Aquitanien mitgebracht hatte. Er hatte ihr versichert, dass es die von der harmlosen Sorte, dementsprechend allerdings auch ein bisschen langweilig seien.

Es duftete herrlich und kein bisschen langweilig. Für Fritzi gab es Würstchen zu den Kartoffeln, weil sie wie die meisten Kinder Fisch hasste. Luc öffnete eine seiner Flaschen normalen Inhalts. Der Wein vertrieb die Andacht und bald lachten und scherzten wir ausgelassen. Fritzi war glücklich, weil wir alle so entspannt wirkten wie lange nicht. Keine Spur von Alltag. Wir fühlten uns wie eine große Familie, die wir ja waren, gefeit gegen alle Anfeindungen, losgelöst von Zeit und Raum, weil Luc mit den Geschichten, die er jetzt zum Besten gab, den Zauber den Côte d’Argent in unser Haus brachte. Wir schlossen die Augen und schmeckten das Salz, hörten das Rauschen des Meeres und rochen den harzigen Duft der Pinienwälder. Wer weiß. Vielleicht waren es auch der Wein und Lucs langweilige Kräutermischung, doch ich wollte es ihm nicht verübeln.

Fritzi hatte Würstchen ohne Kräuter gegessen und auch sie war glücklich und strahlte bis zu den Ohren. Er tat uns einfach gut, dieser Druide aus Aquitanien. Er hatte lange vor uns den Naturismus für sich entdeckt und sich ebenso lang vor uns nicht nur von seinen Kleidern befreit, sondern auch von den anderen Nichtigkeiten, die das Leben in ihren Bann schlugen.

Je älter ich werde, desto mehr höre ich auf das, was mir die Alten erzählen. Der alte Schwabe beginnt dann überraschend mit seiner Vergangenheit zu hadern, in der er doch vermeintlich alles erreicht hat. In dieser Zeit hielt er nach einer in Rekordzeit abgehakten Paris-Besichtigung alle Franzosen für Faulenzer, die ihre Autos am Samstag nicht wuschen, wie sich das gehörte, sondern in den Cafés bei Pastis oder anderen Leckereien saßen und lachten und quatschten und sonst nix. Savoir-vivre nannten sie dieses Nichtstun. Unter der Woche mittags zwei Stunden zu Tisch, begleitet von einem Glas Wein! Man stelle sich das vor!

Des Schwaben Leben ist bis zum finalen Zusammenbruch ein täglicher Kampf. Er kämpft von früh bis spät, doch wofür? Für ein besseres Leben? Das hat er doch längst. Dafür, dass es seine Kinder einmal besser haben? Die haben auch schon alles, und erkennen verzweifelt, dass Papa bis zu seinem zweiten Herzinfarkt so viel Kohle gescheffelt hat, dass es vollkommen sinnlos ist, noch mehr Kohle in den Familien-Geldspeicher zu schütten. Der Schwabe kämpft im Grunde nicht für etwas, sondern gegen alles, was von wirklicher Bedeutung ist. Er kämpft gegen seine Familie, die unter seinem Egotrip leidet und ihn kaum zu Gesicht bekommt. Er kämpft gegen seine Frau, deren Arbeitsleistung sich nicht in Geld messen lässt und der in der Schwabengesellschaft deshalb die Anerkennung verweigert wird. Ich glaube, dass es kaum ein Land auf dieser Welt gibt, in dem genau aus diesem Grund die Frau und ihre Lebensleistung so wenig Lob erfährt.

Der Schwabe kämpft gegen sein Leben, gegen sich selbst, gegen die kurze Zeit, die ihm auf dieser Welt beschieden ist, weil er Zeit hasst, die er nicht mit blindem Aktionismus füllt. Er kann nicht innehalten, nicht genießen. Schaffe, schaffe, Häusle baue.

Doch dann kommt, wie bei jedem Nichtschwaben auch, der Tag X. Von da an hört man den Schwaben jammern: „Hätten wir doch dies und das getan, als wir noch jünger und gesund waren.“ – „Jetzt sitzt meine Frau im Rollstuhl, Pflegestufe zwei. Gicht, Rheuma, Herzinfarkt. Wir nehmen beide so viele Medikamente ein, dass eine große Reise nicht mehr in Frage kommt.“ – „Bei unserem letzten Besuch hat uns der Arzt abgeraten, nach Kanada zu unserer Tochter zu fliegen. Thrombosegefahr auf Langstreckenflügen, und dann der Jetlag.“ – „Unser Wohnmobil haben wir verkaufen müssen, weil ich seit meinem Bandscheibenvorfall auf einer Spezialmatratze schlafen muss und nur mit Rollator schmerzfrei gehen kann.“

Machen Sie nicht den gleichen Fehler. Seien Sie bewusst Franzose oder besser noch: Franzose und Naturist. Genießen Sie, bevor es für Sie und ihre Partnerin oder ihren Partner zu spät ist. Lassen Sie los, was sie einengt – nicht nur ihre Kleider.

Der tiefe Sinn des Naturismus ist ein Rückbesinnen auf die Natur. Alle Kinder von Mutter Natur sind nackt bis auf die Haut – oder ein bisschen Fell. Nur der Mensch bekleidet sich, verkleidet sich, behängt sich mit teurem Schmuck und stopft sich gierig bedruckte Zettelchen, die er Geld nennt, in die deshalb unentbehrlichen Taschen. Ein weiser Mann hat einmal gesagt: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Besonders der Schwabe steht selbstbewusst auf den tönernen Füßen seiner Statussymbole, als erlange er durch sie Unsterblichkeit.

Mutter Natur lebt uns vor, was wir hartnäckig ignorieren. Wir kommen nackt zur Welt und verlassen sie nackt. Daran hat sich seit Jahrmillionen nichts geändert. Und in der lächerlichen Spanne dazwischen wollen wir Menschen dieses Grundgesetz des Lebens aushebeln? Hören Sie den alten Schwaben zu. In dem, was sie sagen, steckt die Weisheit eines verplemperten Lebens. Von ihnen erfahren Sie, wie Sie es am besten nicht machen.

Draußen war es inzwischen dunkel. Unsere Lider wurden schwer. Fritzi gähnte und Martina brachte sie ins Bett. Wir zündeten eine Kerze an, die ihr sanftes, goldgelbes Licht tanzend an die Decke und auf unsere lächelnden Gesichter warf. Vielleicht hatte Luc meine Gedanken gelesen, denn plötzlich stand er auf, knöpfte die Hose auf und stand nach wenigen Augenblicken nackt vor uns. Dann setzte er sich zurück an den Tisch. „Was schaut ihr so? Bin frisch geduscht, keine Angst.“

Martina musste kichern. Auch sie stand auf und zog sich nackt aus. „Probelauf für den Naturisten-Campingplatz Obere Mühle. Stimmt’s, Papa Luc? Immer bei der Arbeit. Du bist nach ein paar Tagen bei uns schon der typische Schwabe. Ach so, und ich bin auch frisch geduscht“, ergänzte sie noch und sah mich herausfordernd an.

„Bin gleich zurück“, sagte ich. Ich hatte natürlich den gleichen Gedanken gehabt, doch die beste Ehefrau von allen war mir wie bei der Urlaubsplanung dieses Jahr einen klitzekleinen Schritt voraus.

„Ich bin doch froh, dass du dich mit dem Bidet durchgesetzt hast, wenn ich auch zuerst nicht wusste, wozu das gut sein soll“, stellte ich wenige Minuten später fest, als ich mich nackt neben Martina setzte. Claudia saß bereits nackt da, ohne jegliche Scham, offensichtlich auch frisch geduscht. Sie hatte es geschafft. Ihre prüde Vergangenheit, ihr katholischer Hass auf ihren eigenen Körper im Speziellen und alle nackten Körper im Allgemeinen lag als Teil ihres alten Lebens hinter ihr.

Ich war anscheinend der Einzige, der nicht vorausschauend gehandelt hatte. Das nagte doch ein wenig an mir, und ich schwor feierlich mit einem untadeligen Vulkaniergruß in die Runde meiner Liebsten: „Ich werde mich nie wieder ungeduscht mit meiner Familie zu Tisch setzen.“

Luc lachte und hob ebenfalls seine Hand zum vulkanischen Gruß, der ihm ja, wie ich bereits wusste, bekannt war. Martina und Claudia folgten lachend, die diese Fingerübung zu meiner Überraschung ebenfalls beherrschten.

An diesem Abend wurde der vulkanische Gruß Spocks aus der Serie Raumschiff Enterprise zu einem Zeichen, dessen wir uns immer wieder bedienen sollten. Es wurde das geheime Zeichen, das uns zur naturistischen Besinnung brachte, wenn wir kurz davor standen, einen Streit aufgrund nichtiger Alltagsverstimmungen oder der kleinen Läuse, die uns über die Leber krochen, vom Zaun zu brechen. Es war das Zeichen, das unseren Frust, unser mieses Karma unterbrach, der Cut unseres göttlichen, inneren Regisseurs, der uns kräftezehrendes Genörgel ersparte und uns zu unserer Mitte zurückführte. Es wurde das Zeichen des Chi und der spirituellen Erleuchtung. Es wurde letztlich unser geheimes Zeichen, die Hüllen vor uns selbst und den anderen fallen zu lassen, um zu sein, wer wir waren. Ommmm. Shanti.

6

Wir sahen Luc und Claudia die ganze kommende Woche nicht. Sie waren mit Plänen für den Umbau des Campingplatzes beschäftigt. Martina und ich boten ihnen unsere Hilfe an, doch sie machten keinen Gebrauch davon. Es schien ihnen offensichtlich viel Spaß zu machen. Ein andermal behaupteten sie verdächtig kichernd, leider keine Zeit für uns zu haben, weil sie in den Hochzeitsvorbereitungen steckten. Mein sechster Sinn sagte mir, dass sie, immer wenn sie diese kleine Notlüge vorschoben, in Wahrheit in Hochzeitsnachtvorbereitungen steckten, und zwar im physischen Sinne.

Am folgenden Samstag war es dann so weit. Luc nahm uns mit auf seine Baustelle. Er hatte Handwerker eingestellt, die bereits im Gemeinderat seine Bekanntschaft gemacht hatten und nun froh über die Aufträge waren. Schlau eingefädelt. Don’t bite the hand that feeds you. Nein Pardon. Luc dachte natürlich auf Französisch: Ne mords pas la main qui te nourrit.

Den Handwerkern musste er wahrscheinlich seine Pläne offenbaren. Doch der Mensch, ganz speziell von der Sorte Schwabe, neigte dazu, das empörte moralische Auge zuzudrücken, wenn es ums Geldverdienen ging. Ein schäbiger Zug, der einer reinen Naturistenseele im Grunde auf den Sack gehen musste. Aber hier gestand ich selbst dem heiligen Luc ein Zwinkern des moralischen Auges zu. Er hatte immerhin das hohe Ziel vor Augen, den tiefsten Schwarzwald mit einer ersten naturistischen Insel der Seligen zu beglücken. Vielleicht würde daraus ein Flächenbrand werden, ein FK-kultureller Quantensprung der Neandertaler, Nagoldtaler, Kinzigtaler, Eyachtaler und sonstiger Taler. In Tälern lebten sie alle, die Schwarzwälder, und ihr Blick über den Tellerrand endete am gegenüberliegenden Hang in den Tannen. Da war ein Mann von Welt wie Ritter Luc ein Captain Kirk, der unter Missachtung der obersten Direktive den Schwarzwäldern den Warp-Antrieb brachte, mit dem sie endlich mal in vernünftiger Geschwindigkeit vorankamen, um zum Rest der Welt aufzuschließen. Sie wissen, was ich meine, besonders, wenn Sie einer dieser Taler sind.

Nach dem Eintritt durch ein großes neues Holztor aus heimischer Eiche, über dessen angrenzenden Zaun man nur einen Blick ins Innere erhaschen konnte, wenn man über zwei Meter neunzig groß war, kamen wir an ein Holzhäuschen, in dem die Rezeption untergebracht werden würde.

„Sag mal Luc, könnte da nicht eine hübsche junge wie auch nackte Dame die Gäste begrüßen?“ Bei unserer Ankunft auf Angape hatte uns eine freundliche, aber zugeknöpfte Brigitte Bardot empfangen, die mich nicht so richtig hatte einstimmen können. „Nur so’n Vorschlag.“

„Warum nicht ein echter Kerl mit einem Waschbrettbauch und drei strammen Oberschenkeln?“ Martina breitete die Arme aus, um die Länge der Oberschenkel zu demonstrieren. Stimmt. Daran hatte ich nicht gedacht. Frauen standen ja eher auf so was. Typisch.

„Okay. Ein junges nacktes Paar würde sicher alle Gäste auf die Hosenlosigkeit einstimmen“, gab ich nach.

„Darüber muss isch nachdenken“, erwiderte Luc. „Im Augenblick haben wir andere Aufgaben zu erledigen.“ Er schmunzelte verbindlich. „Zudem gibt es immer wieder Gäste, die den Begriff Naturismus als Kunstbegriff aus Natur und Tourismus missverstehen. Die sind vor den Kopf gestoßen, wenn sie von Nackten an der Rezeption begrüßt werden und geschockt begreifen, dass sie – zumindest im Moment noch – im falschen Film gelandet sind. Deshalb auch die angezogene Variante auf Angape. Ist gleischermaßen schwierig für die Mitarbeiter, sisch komplett nackt den anreisenden Textilos auszuliefern. Die Erfahrung hast du ja auch schon gemacht, Jo. Selbst die anreisenden Naturisten sind an diesem Punkt des Platzes noch textil.“

„Außer sie sind Hardliner wie ich und fahren nackt Auto.“ Alle lachten, ich eingeschlossen, und Luc erzählte, dass ich der erste am Super-U bei St. Girons gewesen sei, der ihm nackt ins Netz ging.

Wir gingen die alten, unbefestigten Wege entlang, die Luc asphaltieren lassen wollte, um auch in der feuchten Jahreszeit den Wohnwagen eine sichere Anfahrt zu ermöglichen. Das erste Waschhaus kam in Sicht.

„Die Installationen sind alt und marode. Muss alles raus. Außerdem werden wir die Kabinen rausreißen und ein großes Gemeinschaftsbad einrischten. Isch will von Anfang an, dass sisch Naturisten hier wohl fühlen und nischt Textilos ihr Unwesen treiben, indem sie sisch beim Duschen in einer Kabine einschließen.“ Luc lachte.

Er hatte recht. Das Problem gab es auf vielen Naturistenplätzen, die wie Angape an wunderschönen Orten lagen und natürlich Begehrlichkeiten der Textilos weckten. Irgendwann traten sie in größeren Rudeln auf und übernahmen stillschweigend das Ruder, denn wie ich Ihnen ja schon im ersten Band der nackten Tatsachen erklärt habe – den Sie spätestens jetzt wirklich erwerben sollten –, fühlt sich ein Nackter unter Nackten nicht nackt, sondern ausgezogen unter Angezogenen. Deshalb prangten an Orten wie La Jenny große Schilder mit nackten Familien, die den Textilos die Philosophie des Nacktseins höflich, aber bestimmt zu erklären versuchten.

Da Naturisten entgegen den Uniformträgern per se nicht militant waren, fiel es ihnen schwer, sich gegen die laute Armee der Textilindustrie durchzusetzen. Es war ein Kampf der Blumenkinder gegen Stoffpanzer. Aus „Schwerter zu Pflugscharen“ könnte man den Slogan „Socken zu Winterverhüterli“ ableiten, dachte ich mir.

„Du Luc, wieso richtest du nicht eine Wintersaison ein. Ich hab so was schon mal im Internet gesehen. Nackt im Schnee, danach in die Sauna. Wir haben das als Kinder auch gemacht, also ohne Sauna. Das prickelt auf der ganzen Haut und härtet ab. Würde gut in unseren winterlichen Schwarzwald passen.“

„Hmmm. Gute Idee, Jo. Macht natürlisch nur Sinn, wenn genug Leute kommen. Die Heizkosten im Winter sind hoch. Die vierundzwanzig Blockhäuschen, die isch da drüben hinstellen will“, Luc deutete vage in eine Richtung, „werden gut gedämmt und beheizbar sein. Qualität aus dem Schwarzwald. Dazu ein schnuckeliger Holzofen und Felle für die Holzböden.“

Ich konnte mir die Hütten bildlich vorstellen und bekam sofort Lust, im Schein eines Holzfeuers auf einem Bärenfell meine Briefmarkensammlung auf Maritnas nacktem Bauch auszubreiten. In Erinnerung an die beiden aufgeklebten Marken mit den Leuchttürmen schwoll mein Leuchtturm schon wieder an.

Autor

  • Andreas Geist (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Nacktgebiete: Selig sind die Nackten (Humorvoller Roman, Humor)