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Ein Lollo Rosso für Sina (Kurzgeschichte, Liebe)

von Jennifer Wellen (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über die Kurzgeschichte

Das Pech klebt derzeit an Mariella wie ein alter Kaugummi. Ihr Mann ist vor Kurzem verstorben, sie weiß nicht, wie sie ihr Leben finanzieren soll und nun stirbt auch noch das Zwergkaninchen ihrer Tochter. Da sie der Kleinen aber nicht schon wieder einen Verlust zumuten möchte, erzählt sie ihr kurzerhand, der Osterhase hätte Widderdame Sina zum Helfen abkommandiert. Zudem erhält sie einen mysteriösen Brief, der das Abbild ihrer perfekten Ehe mit einem Schlag ins Wanken bringt. Deshalb begibt Mariella sich in der Zeit um Ostern nicht nur auf die Suche nach einer neuen Sina, sondern auch auf die Suche nach Antworten. Dabei muss sie allerdings erfahren, dass Tiere einzigartig und Lügen wie Ostereier sind. Je länger man nämlich daran festhält, desto schlechter werden sie …

Impressum

Erstausgabe April 2017

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© Erstausgabe 2017, booksnacks,

ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Ein Lollo Rosso für Sina


ISBN 978-3-96087-141-5

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design, Friederike Müller

Bildnachweis: Claudia Paulussen/fotolia.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Ein Lollo Rosso für Sina



Jennifer Wellen

Vorsichtig ließ ich mich in das Badewasser gleiten. Der Tag war wie immer an Hektik nicht zu überbieten gewesen, weshalb ich mich schon seit Stunden nach ein wenig Ruhe im Vanille-Lavendel Schaumparadies sehnte. Genießerisch schloss ich die Augen und versuchte mich zu entspannen.

Allerdings fiel mir das wieder einmal sehr schwer. Als alleinerziehende Mutter hatte ich es nicht leicht und die Geldsorgen machten mich trotz geregelter Arbeit langsam fertig. Belastung fürs Haus, Strom, Gas, Schulgeld, Essensgeld, Lebensmittel, Telefon … Wie ich in Zukunft ohne Nils und sein Gehalt zurechtkommen sollte, wusste ich beim besten Willen nicht.

Schnell drängte ich die aufkommenden Tränen zurück.

Ich wollte nicht schon wieder heulen. Wollte nicht schon wieder in Selbstmitleid zerfließen, denn davon würde Nils auch nicht zurückkommen.

»Mama, weißt du vielleicht, was mit Sina los ist?«

Erschrocken riss ich die Augen auf und fuhr hoch, sodass Wasser aus der Wanne schwappte und laut hörbar auf den Boden platschte. Mitten im Raum stand Lena, mit verwuschelten Haaren und roten Schlafbäckchen.

Mein Herz raste. »Herrgott, hast du mich erschreckt.« Fassungslos schüttelte ich den Kopf. »Was machst du hier? Warum liegst du nicht im Bett und schläfst?«

Meine Tochter zog eine Schnute. »Na, weil Sina so laut ist.«

Ich runzelte die Stirn und setzte mich auf. »Was meinst du mit laut?«

Schlaftrunken rieb mein Töchterchen sich die Augen. »Sie macht so komische Geräusche.«

»Was denn für Geräusche?«

»Weiß nicht, hört sich an, als wenn sie mit dem Zähnen knirscht. Können wir Sina vielleicht ins Wohnzimmer stellen?«

Was Zähneknirschen bei Kaninchen bedeutete, wusste ich nicht. Aber bisher hatte ich das noch nie bei ihr gehört. Herrgott, das fehlte mir auch noch. Horrende Tierarztkosten konnte ich mir derzeit einfach nicht leisten. Immerhin war mein Konto für diesen Monat bereits bis zum Dispo ausgeschöpft. »Warte, ich komm mal gucken. Sicherlich hat sie nur irgendwas Hartes an dem sie herumknabbert. Hast du ihr vielleicht ein Leckerli gegeben?«

Doch Lena antwortete mir nicht mehr, sondern trottete bereits wortlos in Richtung Kinderzimmer.

Seufzend griff ich zu dem Handtuch am Haken neben der Badewanne und stand auf, um mich notdürftig abzutrocknen. Schließlich hüllte ich mich in Nils alten Bademantel. Er roch immer noch nach ihm, was mir einen weiteren Knoten im Herzen einbrachte. Aber ich war zu sentimental, um den Bademantel wegzuwerfen. Hastig lief ich dem Kind hinterher, während meine nassen Füße dabei schaumige Abdrücke auf dem Parkett hinterließen.

Als ich das Zimmer betrat, saß Lena bereits vor dem Käfig. Beim Näherkommen bemerkte ich, dass das Tier regungslos auf der Seite lag. Ich öffnete schnell den Käfig und stupste die dunkelgraue Zwergwidderdame an. »Sina?«

Aber das Tier bewegte sich nicht, oder besser gesagt, nicht mehr. Außerdem stand der Brustkorb des Tieres still und die Augen hatten einen glasigen Ausdruck angenommen.

Der Hase war tot – definitiv.

»Mami, was ist mit Sina?«

»Äh …«

Was ich meiner Tochter nun sagen sollte, wusste ich beim besten Willen nicht. Auf jeden Fall nicht die Wahrheit. Sie hatte den Hasen erst vor einem halben Jahr geschenkt bekommen, kurz nachdem Nils gestorben war. Das Kaninchen hatte Lena wieder ein wenig von der Freude zurückgebracht, die in der Trauer um ihren toten Vater verschwunden war. Wie bitte sollte ich nun der Fünfjährigen erklären, dass auch ihr Hase gerade das Zeitliche gesegnet hatte und Gott anscheinend ein mieser Verräter war?

»Also … äh … du weißt ja, dass bald Ostern ist«, stotterte ich los. »Und … äh … also zu Ostern, da werden vom Osterhasen alle Kaninchen zum Ostereierverstecken rekrutiert.« Räuspernd schloss ich die Tür des Käfigs.

Ich biss mir auf die Unterlippe. Wie kam ich da bloß wieder raus?

Ungläubig zog Lena die Augenbrauen hoch. »Maja hat aber gesagt, den Osterhasen gibt es nicht und die Eltern würden immer die Ostereier verstecken.«

Ich tat völlig entrüstet. »Natürlich gibt es den Osterhasen mein Schatz, genauso wie das Christkind, den Nikolaus und die Zahnfee. Die hat dir doch erst letztens zwei Euro gebracht, als du dir den Wackelzahn gezogen hast. Erinnerst du dich?«

»Die Maja sagt aber …«

Jeglicher Versuch, die Authentizität sämtlicher Fabelwesen infrage zu stellen, musste gleich im Keim erstickt werden.

»Die Maja hat aber keine Ahnung.«

Lena blickte mich verdattert an. »Und warum ist die Sina dann jetzt nicht beim Osterhasen?«

Liebevoll nahm ich meine Tochter in den Arm. »Na, weil noch kein Ostern ist, Schatzi. Ostern ist doch erst in ein paar Tagen. Guck mal auf deinen Kalender.«

Lena sah über die Schulter auf den Übersichtskalender an der Wand über ihrem Bett. »Okay. Aber warum hat sie dann diese komischen Geräusche gemacht?«

Erleichtert atmete ich auf. Erste Hürde erfolgreich genommen. »Weil sie sich so darauf freut, denn Osterhasen wiederzusehen. Immerhin haben die sich ein Jahr lang nicht gesehen.«

Die gekräuselten Lippen signalisierten mir, dass Lena noch nicht ganz überzeugt schien. »Und warum liegt sie jetzt auf der Seite?«

Während ich aufstand und das Handtuch über den Käfig mit dem Leichnam drapierte, dachte ich angestrengt nach.

Mist, wie sollte ich das nun erklären?

»Weil sie schläft«, platzte es aus mir heraus.

Ja das war gut. Schlafen ist immer gut. Obwohl man das den Kindern eigentlich ja nicht sagen soll.

»Und warum?«

Aber auch dafür fiel mir prompt eine neue Lüge ein. »Sina muss doch in den nächsten Tagen viel schlafen, um Kraft zu tanken, weil sie die Kraft braucht, um dem Osterhasen an Ostern helfen zu können.« Herrje, also kreativ war ich in meinen Lügen ja, das musste man mir lassen.

Daraufhin schien Lena endlich zufrieden zu sein. Sie gähnte herzhaft und hüpfte ins Bett. »Dann schlaf ich jetzt auch.«

Ich griff zu Bettdecke am Fußende, um Lena zu zudecken. Dabei strich ich ihr über den Kopf.

Wieder einmal konnte ich nicht umhin zu bemerken, wie sehr Lena ihrem Vater glich. Das dunkelbraune Haar mit den helleren Strähnen, die braunen Augen und die zwei Grübchen rechts und links waren genau wie bei Nils. Ich dagegen war mehr straßenköterblond, während meine Augenfarbe dem blau einer alten, verwaschenen Bluejeans glich.

Wieder stieg dieses Gefühl der Traurigkeit in mir auf, das ich sofort verdrängte. Heulen vor dem Kind war keine Option.

Lena drehte sich auf die Seite und seufzte leise. »Nacht Mami. Nacht Sina.«

»Nacht Lenaschatz«, erwiderte ich und sah besorgt auf den toten Hasen.

Wie lange könnte ich ihn darin lassen, ohne dass er zu müffeln anfing? Vielleicht achtundvierzig Stunden? Vermutlich eher weniger. Dann müsste ich den Hasen rausnehmen. Und wie lange könnte ich überhaupt die Lüge aufrecht halten? Wenn er nicht mehr da wäre, würde ich einfach behaupten Sina sei beim Osterhasen. Doch, was wäre nach Ostern? Da müsste ich ihr reinen Wein einschenken, es sein denn …

***

Angespannt stand ich vor dem Schaufenster des Zooladens und versuchte mich zu sammeln. Eigentlich hatte ich diesen Laden nie wieder betreten wollen, aber die Wahrscheinlichkeit ein Zwergwidderkaninchen zu finden, das Sina so ähnlich sah, dass Lena den Unterschied nicht bemerken würde, war hier vermutlich am größten. Jan, der Besitzer, arbeitete immer mit den gleichen Händlern zusammen und hier hatte ich auch Sina gekauft.

Durch das Glas hindurch beobachtete ich ihn eine Weile. Er stand hinter der Kasse und sprach mit einem Jungen, der einen wassergefüllten Beutel mit Fischen in der Hand hielt.

Der Anblick des attraktiven Kerls verursachte dieses Kribbeln in meinem Bauch, wie damals, als ich mich kurzzeitig mit ihm getröstet hatte. Doch als ich bemerkte, dass ich dabei war, mich in den dunkelhaarigen Schlacks zu verlieben, und das so kurz nach dem Tod meines Mannes, blieb mir keine andere Wahl. Ich hatte die Affäre genauso überstürzt beendet, wie sie begonnen hatte.

Ich straffte die Schultern und betrat selbstbewusst den Laden. Das Glöckchen über der Tür, das die Ankunft eines Kunden begrüßen sollte, bimmelte leise und Jans Kopf ruckte herum. In dem Moment, wo er mich erblickte, erstarb das freundliche Lächeln in seinem Gesicht. Dennoch trat ich langsam näher, während er mich nur schweigend musterte.

Irgendwann schaffte er es sogar, das Wort an mich zu richten.

»Hast du dich in der Tür geirrt?« Seine Stimme klang hart und unnachgiebig.

Der Junge mit den Fischen murmelte etwas Unverständliches und drängte sich hastig an mir vorbei. Das Glöckchen bimmelte erneut.

Plötzlich waren wir allein Laden. »Ich brauche deine Hilfe.«

Jan hob skeptisch eine Augenbraue. »Und wie kommst du darauf, dass ich dir helfen würde?«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Weil du eben ein netter Kerl bist.«

»Nett, ja? Achso, alles klar … Ist nett nicht die kleine Schwester von Scheiße?«

Die schmale Linie, die seine zusammengepressten Lippen daraufhin bildeten, zeigten mir nur allzu deutlich, dass er immer noch sauer auf mich war. Verständlich, immerhin hatte ich ihm in einem Brief erklärt, wie sehr ich mich schämte, direkt nach Nils Tod mit ihm in die Kiste gesprungen zu sein. Vermutlich hatte ich damit an seiner männlichen Ehre gekratzt. »Bitte Jan.«

Er seufzte kaum hörbar auf. »Was kann ich für dich tun?«

Hastig legte ich ihm den in Zeitungspapier eingewickelten Hasen auf die Theke und packte das Tier aus. »Lenas Hase ist gestorben.«

Er lachte trocken auf. »Und was soll ich da jetzt machen? Ihn wiederbeleben? Da muss ich dich leider enttäuschen. Mensch-zu-toter-Hase-Belebung habe ich leider nicht in meiner Ausbildung zum Tierpfleger gelernt.«

Schnell zog ich eine angewiderte Grimasse. Allein die Vorstellung den Mund auf eine Karnikelschnauze zu drücken fand ich widerlich. »Quatsch. Ich brauche natürlich einen neuen Hasen.«

Der Blick, mit dem er mich nun maß, war abschätzend. »Das ist ja schon mal gut, dass du nur einen neuen Hasen brauchst und nicht womöglich einen neuen Mann.«

Die Anspielung verstand ich natürlich, verkniff mir aber einen bissigen Gegenkommentar. Immerhin brauchte ich seine Hilfe. »Wirklich Jan, ich brauche dringend einen neuen Hasen. Der hier wird nicht mehr lebendig, wie du schon richtig erkannt hast.«

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Genauso wenig wie dein Mann.«

Ich versuchte die weitere Spitze, die sich gerade tief in mein Herz bohrte, zu ignorieren. »Ich weiß, trotzdem brauche ich einen Neuen.«

»Mann oder Hasen?«

Hastig warf ich ihm einen bitterbösen Blick zu. »Hasen natürlich. Also was ist jetzt? Hilfst du mir oder soll ich doch woanders hingehen?«

Jan atmete tief durch. »Tut mir leid.« Er stöhnte leise. »Warum kommst du überhaupt damit zu mir? Hättest du doch auch im Megazoo bei dir um die Ecke rum besorgen können.«

Aha! Nun nahm das Gespräch langsam Form an. »Ich brauche aber einen, der genauso aussieht wie dieser hier, und ich weiß, dass du deine festen Züchter hast. Vielleicht finden wir dort einen der Sina ähnlich sieht.« Seufzend schob ich ihm den Hasen zu.

Jan griff zu der Zeitung und betrachtete mit gerümpfter Nase den Kadaver, der schon reichlich nach Babypups müffelte.

Er runzelte die Stirn. »Und warum bitte muss der Hase genauso aussehen wie dieser hier? Er ist jetzt nicht gerade ein Prachtexemplar. Das Fell ist mausgrau und ziemlich drahtig.«

Unruhig trat ich von einem aufs andere Bein. »Weil ich Lena erklärt habe, dass Sina nur vorübergehend nicht da ist, weil sie beim Osterhasen aushilft. Nach Ostern muss Sina aber wieder da sein, verstehst du?«

Jan griff zu einer Plastiktüte unter der Theke und packte den Hasen darin ein. »Warum erzählst du deiner Tochter denn solche Lügengeschichten?«

Ich schluckte. »Weil ich ihr die Wahrheit ersparen wollte.«

Jan sah überrascht drein. »Warum? Manchmal ist es wichtig, die Wahrheit zu erfahren. Und Lügen machen es da auch nicht besser.«

»Aber die Wahrheit tut weh.«

Der ehemalige Tierpfleger kniff die Augen zusammen und bedachte mich mit einem bösen Blick. »Allerdings. Die Wahrheit tut weh.«

Doch dann wurde sein Blick abweisender. »Du wirst keinen Hasen finden, der genauso aussieht. Und Kinder sind ziemlich pfiffig, wenn es um ihre Tiere geht. Die erkennen jeden einzelnen Fleck. Also vergiss es gleich wieder.« Und mit diesen Worten schob er mir die Plastiktüte zu und ließ mich einfach am Tresen stehen.

***

Während ich die Tür hinter mir ins Schloss drückte, sah ich den Stapel Briefe durch. Neben den üblichen Rechnungen, die mir allein beim Anblick des Umschlags schon Magenschmerzen bereiteten, war diesmal auch wieder ein Brief für Nils dabei. Leider war gerade in den ersten Wochen nach seinem Tod viel Post von Firmen gekommen, die über sein Ableben noch nicht informiert waren. Nach und nach hatte ich sie alle angeschrieben und war überzeugt, keinen vergessen zu haben. Dies war aber anscheinend nicht der Fall.

Mit dem Finger löste ich eine Ecke des Umschlags und riss ihn auf. Ich faltete das Blatt auseinander und überflog kurz, was dort geschrieben stand.

Sehr geehrter Herr Erdmann,

für Ihre Mitgliedschaft in unserem Sauna-Klub wird der Jahresbeitrag fällig. Deshalb bitten wir Sie, den monatlichen Betrag von 549 Euro für den VIP-Status innerhalb der nächsten vierzehn Tage zu überweisen. Benutzen Sie dazu bitte den beiliegenden Überweisungsträger.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Andrastea Team

Fassungslos ließ ich den Brief sinken. Meine Knie begannen zu zittern, weshalb ich mich erst mal auf die Couch setzen musste.

Das war sicher ein Irrtum. Die mussten sich geirrt haben. Was bitte hatte Nils mit einem Sauna-Klub am Hut? Nils hatte immer was dagegen gehabt, wenn ich mal in die Sauna wollte. Und er war gleich aktives Mitglied? Nein, das musste definitiv ein Fehler sein. Anders konnte ich es mir nicht erklären.

Fest davon überzeugt, dass es sich bei dem Brief womöglich um Spam handelte, lief ich ins Wohnzimmer und griff zum Telefon.

Fünfhundertneunundvierzig Euro, was bitte soll das für ein Sauna-Klub sein? Benebelten die die Leute mit Golddampf oder was?

»Sauna-Klub Adrastea mein Name ist Indira, was kann ich für Ihr Wohlbefinden tun?«

Die heiser-erotische Stimme ließ mich augenblicklich erschauern. Das Ganze klang weniger nach Spam und mehr nach … Ja wonach eigentlich? Swinger-Klub oder Puff? Unmöglich. Nils stand nicht auf solche Lokalitäten. In den acht Jahren unserer Ehe hatten wir immer guten Sex. Vielleicht nicht gerade überragend, aber grundsolide.

»Sie haben meinem Mann eine Rechnung geschickt, aber es muss sich da um ein Versehen handeln.«

Die Dame am anderen Ende hüstelte. »Auf wen war die Rechnung denn ausgestellt?«

»Auf Nils Erdmann.«

»Und Sie sind, wenn ich fragen darf?«

»Seine Ehefrau«, gab ich schnippisch zurück.

»Es tut mir leid. Dann kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Wir behandeln die Angelegenheiten unserer Mitglieder äußerst diskret. Verstehen Sie?«

Ich räusperte mich. »Diskret. Soso. Aber mein Mann hatte das wirklich nicht nötig.«

»Entschuldigen Sie, ich darf Ihnen wirklich keine Auskunft geben.«

Entnervt verdrehte ich die Augen und seufzte auf. »Hören Sie, mein Mann ist tot, also können Sie so indiskret sein, wie sie wollen. Ihn wird es sicher nicht mehr stören.«

»Bitte was?«

»Mein Mann ist GE – STOR – BEN. Und ich bin nicht bereit fünfhundertneunundvierzig Euro für etwas zu bezahlen, was ganz sicher ein Versehen ist.«

»Oh … äh … ja …«, hörte ich Indira losstottern. Mit der Ansage einer ihrer angeblichen Kunden sei nicht mehr am Leben, hatte ich sie anscheinend überrascht.

»Also geben Sie mir nun Auskunft oder muss ich Ihnen erst die Kopie der Sterbeurkunde durchfaxen oder womöglich eine DNA-Probe meines Mannes abliefern?«

Indira räusperte sich. »Könnten Sie mir vielleicht die Mitgliedsnummer verraten? Dann sehe ich mal nach. Sie müsste links oben auf der Rechnung stehen.«

Fünf Minuten später war ich nicht nur im Bilde, sondern auch so genauso klein wie eine Miniaturansicht bei Microsoft. Nils war aktives Mitglied in einem FKK-Klub und das angeblich seit acht Jahren. Er kam laut Indiras Aufzeichnungen im Computer jeden zweiten Donnerstag. Das waren immer seine Stammtischabende gewesen. Nur wirklich glauben, dass er nicht beim Stammtisch sondern in diesem Klub gewesen ist, wollte ich dann doch irgendwie nicht.

***

»Hier siehst du?« Elly meine ehemalige Schulkollegin, die immer noch bei der Sparkasse arbeitete, drehte den Monitor zu mir um. Vor Nils waren wir zwei unzertrennlich gewesen. Aber in den letzten Jahren war der Kontakt zu ihr immer weniger geworden, weil Nils was dagegen hatte, wenn ich mich mit Freunden treffen wollte.

»Das ist der gesamte Kontoverlauf des letzten Jahres und im selben Monat, sprich April, habe ich eine Überweisung an einen SC-Adrastea. SC hört sich irgendwie nach Sportklub und nicht Sauna-Klub an oder?« Sie warf mir schnell einen amüsierten Blick zu, doch als sie meine entgleisten Gesichtszüge bemerkte, weil ihre Aussage die tiefen Abgründe meines Mannes tatsächlich bestätigte, fielen auch ihre Mundwinkel schnell wieder nach unten. »Tut mir leid«, wisperte sie.

Ich schüttelte den Kopf. Muss dir nicht leidtun. Kannst ja nichts dafür.« Betreten sah ich auf den Überweisungsträger in meiner Hand.

Mit allem hätte ich gerechnet, nur nicht damit, dass Nils anscheinend nicht mit unserem Sex zufrieden war, denn warum sonst hatte er wohl regelmäßig den Sauna-Klub besucht und war dort sogar VIP eine … In meinem Bauch braute sich ein Orkan zusammen … verfickte intrigante Person?

Die aufkommende Wut schluckte ich schließlich herunter. »Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte? Irgendwelche unehelichen Kinder vielleicht, für die er Unterhalt bezahlen musste?«, fragte ich übertrieben ironisch.

In diesem Augenblick bereute ich, dass ich Nils in finanziellen Dingen immer völlig freie Hand gelassen hatte. Ich war nie so das Zahlengenie gewesen, mehr die perfekte Hausfrau und arbeitende Mutter, die es sogar noch schaffte aus einer Büchse Dosenfleisch und zwei braunen Bananen ein Drei-Gänge-Menü zu zaubern.

»Um ehrlich zu sein …«, Elly räusperte sich kurz, »… er hatte kurz vor seinem Tod eine Hypothek auf das Haus aufgenommen. Wusstest du das?«

Ich stutzte. »Eine … was?«

»Eine Hypothek«, wiederholte Elly.

Ich schloss die Augen, mein Herz raste und ich wollte eigentlich gar nichts mehr wissen. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Doch Elly konnte leider keine Gedanken lesen. »Es waren genau fünfundzwanzigtausend Euro.«

Ich riss erschrocken die Augen auf. »Waaaas?«

Elly schwieg.

»Und wo ist das Geld jetzt?«

Sie zuckte nur mit den Schultern. »Weiß nicht, wir haben es ihm damals bar ausgezahlt. Aber Fakt ist, dadurch wird sich die Laufzeit eurer Finanzierung verlängern und du zahlst natürlich mehr Zinsen. Hast du mal dran gedacht, das Haus zu verkaufen?«

Vehement schüttelte ich den Kopf. »Vergiss es, ich werde meiner Tochter nicht auch noch das zu Hause nehmen. Es reicht, dass sie ein Elternteil verloren hat.«

»Dann überleg dir doch, ob du untervermietest. So kannst du Kosten einsparen.«

Das konnte ich mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen. »Fremde in meinem Haus? Neeee, nun wirklich nicht.«

Aber womöglich blieb mir keine andere Alternative. Immerhin wusste ich jetzt schon nicht mehr, wie ich die Kosten auf Dauer finanzieren sollte. »Okay, ich überleg mir was und dann melde ich mich noch mal.«

***

»Mami, wo ist Sina?«

Ich nahm den Blick vom Aktenordner, den ich in Nils Schreibtisch gefunden hatte, und sah zu Lena auf. »Beim Osterhasen, so wie ich es dir gesagt habe. Gleich heut morgen ist sie losgehoppelt.«

Lenas Miene veränderte sich augenblicklich.

Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. »Schatz, sie kommt doch bald wieder.«

Ich hasste mich selbst für meine Lügen. Lügen ist falsch. Aber konnte es wirklich so falsch sein, sein Kind mit einer Täuschung beschützen zu wollen?

»Wirklich?«

Ich stand auf und warf den Ordner auf den Tisch, um mein Kind zu trösten. Vorsichtig zog ich sie zu mir heran und nahm sie in den Arm. »Natürlich, ich hab dir erklärt, dass Sina wiederkommt. Gleich nach Ostern. Ein paar Tage wirst du doch sicher ohne sie zurechtkommen oder?«

»Und sie wird mich nicht verlassen, so wie Papa? Vielleicht findet sie es viel schöner beim Osterhasen, als bei mir.«

Wie Lena dastand mit hängenden Schultern und dem Ansatz von Tränen in den Augen, wusste ich, ich musste dringend noch mal mit Jan reden. Lena einen neuen Hasen unterzujubeln war mir allemal lieber, als dauerhaft einen seelischen Schaden bei meinem Kind zu provozieren. Allerdings hatte mir Jan bereits beim letzten Mal nur allzu deutlich zu verstehen gegeben, dass er nicht bereit war, mir zu helfen.

Lena seufzte. »Wenn Sina nicht mehr zurückkommt, und du auch noch stirbst, dann bin ich ganz alleine. Dann muss ich in ein Kinderheim.« Ihre Stimme eierte ein wenig.

»Quatsch. Oma und Opa sind doch auch noch da.«

»Aber die sind alt, die sterben doch sicher noch vor dir!«

Ich strich meiner Tochter beruhigend übers Köpfchen. »Lena, wenn ich mal sterbe, dann bist du schon groß und hast deine eigene Familie. Dann wirst du mich auch nicht mehr vermissen.«

Sie schluchzte auf. »Und wenn du einen Autounfall hast, so wie Papa? Oder du einfach stirbst so wie Neles Mama?« Lenas Unterlippe begann zu zittern.

Ehrlich gesagt wusste ich nicht mehr, was ich darauf noch erwidern sollte. Das Kind hatte ja sogar recht. Es konnte einen jederzeit und an jedem Ort treffen. Dass mein Mann die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und sich überschlägt, hatten wir auch nicht vorausahnen können.

»Ich bin hundertprozentig sicher – Sina kommt wieder. Und ich werde ganz bestimmt nicht eher sterben, bis du verheiratet bist.« Das merkwürdige Gefühl in meinem Bauch, versuchte ich dabei zu ignorieren. Lügen sind wie Ostereier, je länger man daran festhält, desto schlechter werden sie.

***

»Jan bitte«, flehte ich.

»Mariella«, er seufzte auf, »die Wahrscheinlichkeit, dass du einen Hasen findest, der genauso aussieht, liegt jenseits von Gut und Böse. Versteh das doch.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Du willst mir nur nicht helfen, gib´s zu. Du bist immer noch sauer auf mich. Aber kannst du das nicht einfach mal vergessen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht sauer. Eher enttäuscht, weil du zu feige warst, es mir persönlich zu sagen. Und selbst wenn ich dir helfen wollte, würde es nicht funktionieren.«

Angriffslustig reckte ich mein Kinn vor. »Was funktioniert denn da nicht? Du hast es ja noch nicht einmal versucht.«

»Du bräuchtest einen Klon. Aber klonen kann ich noch nicht, okay?«

»Bitte Jan. Nur den Züchter, wo du Sina herhattest.«

Seufzend fuhr er sich mit beiden Händen durchs Haar. »Verdammt, das kann echt nicht wahr sein«, murmelte er. »Also gut. Ich ruf Walter an und frag nach. Vielleicht kann ich heute Nachmittag mal dort vorbeifahren und gucken, ob ich etwas finde.«

Ungewollt musste ich lächeln. »Danke.«

Er warf mir einen eindringlichen Blick zu. »Bedank dich nicht zu früh, ich bin sicher, Ostermission Sina wird scheitern.«

***

Es musste doch einen Hinweis darauf geben, wo das Geld war. Fünfundzwanzigtausend Euro konnten doch nicht einfach so verschwinden.

Seufzend setzte ich mich auf und besah mir das Chaos in Nils Arbeitszimmer.

Mittlerweile hatte ich alles durchforstet und eine genaue Kostenaufstellung gemacht. Nun kannte ich auch meine finanzielle Lage besser, als mir lieb war. Selbst mit meinem mickrigen Gehalt als medizinische Fachangestellte und dem restlichen Ersparten würde ich in spätestens drei Monaten pleite sein und die Bank mir den Kredit für das Haus aufkündigen. Und egal wo ich auch versuchte zu sparen, das Haus fraß mehr Geld, als ich zur Verfügung hatte. Eigentlich war es somit auch egal, ob die Fünfundzwanzigtausend nun wieder auftauchen würden oder nicht. Das Haus würde ich so oder so verkaufen müssen.

Ich stand auf und lief ins Wohnzimmer. Heute war Gründonnerstag und ich wollte schnell noch eine Kleinigkeit für Lena zu Ostern besorgen, bevor ich sie von der Kita abholte. Allerdings würde es dieses Jahr wirklich nur eine Kleinigkeit für sie geben, denn mehr gab mein schmaler Geldbeutel nicht her.

***

»Und?«

Jan schüttelte den Kopf. »Nichts, er hat im Moment nur Kleine da und die paar Großen sahen überhaupt nicht nach deinem Karnickel aus. Ich war noch bei drei anderen Züchtern, aber so ein mausgraues Vieh mit Schlappohren und struppigem Fell habe ich nicht gesehen.«

Ich seufzte auf. »Und jetzt?«

Jan grinste. »Obwohl wenn ich mich recht entsinne, gab es da ein Baby, das Sina ähnlich sah. Vielleicht sagst du deiner Tochter einfach, ihr Kaninchen sei beim Osterhasen in den Trockner gefallen und eingelaufen. Auf eine Lüge mehr oder weniger kommt es dann doch nicht mehr an, oder?«

»Ha Ha Ha«, gab ich ironisch zurück und stützte mich enttäuscht auf die Theke auf. Mist. Mist. Mist. Es konnte doch nicht so schwer sein, einen grauen Zwergwidder zu finden.

Jan verschränkte die Arme und wurde ernst. »Ich hab dir gleich gesagt, das wird nichts.«

Ich sah ihm in die Augen. Seine glichen der Farbe von Mokkabohnen und hatten immer diesen frechen Ausdruck. Nur jetzt nicht.

»Ja ja, ich weiß. Aber wenn ich ihr erkläre, dass Sina tot ist, wird es ihr das Herz brechen.«

Plötzlich kamen mir die Tränen und so sehr ich auch versuchte den Kloß herunterzuschlucken, bekam ich immer mehr das Gefühl er würde mir die Luft zum Atmen nehmen.

Als Jan mich schließlich fragte »so schlimm?« heulte ich los, obwohl heulen vor anderen Leuten für mich normalerweise nicht infrage kommt.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960871415
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358425
Schlagworte
lollo rosso sina kurzgeschichte liebe

Autor

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