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Nehmen Sie am Saturnring die dritte Ausfahrt

Kurzgeschichte, Science Fiction

von Thomas Kowa (Autor)
2017 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Erstausgabe Juni 2017

Copyright © 2017, booksnacks,
ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Wer beamen kann, ist klar im Vorteil: Copyright © 2016, p-machinery 

Paarinstabilitätssupernova: Copyright ©  2011, Bierglaslyriks

Nahezu unendliches Leben: Copyright ©  2011, Anschlag-Magazin

Das putzige Land: Copyright © 2013, Dotbooks

Tierliebe: Copyright ©  2011, Edicion Vidal

ISBN: 978-3-96087-153-8

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design
unter Verwendung eines Motivs von
© nikonomad/fotolia.com

Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

wollten Sie nicht schon immer die Welt fremder Planeten erkunden, aber ohne siebenjährigen Permanentschlaf, ohne schießwütige Aliens und ohne die nervige Schwerelosigkeit? Was, Sie finden Schwerelosigkeit toll? Haben Sie schon mal versucht, im All in eine reife Tomate zu beißen? Ich sag Ihnen, das ist eine Riesensauerei!

Aber wollten Sie nicht auch schon immer wissen, wie die Weltgeschichte sich geändert hätte, wäre die Wiedervereinigung Deutschlands schon viel früher geschehen? Oder gar nicht? Oder anders herum? All das gibt es hier zu lesen. Ausnahmsweise stehen bei mir dieses Mal nicht Krimis oder Thriller im Mittelpunkt, sondern die Möglichkeit einer anderen Welt.

Die vielleicht doch nicht so anders ist.

Denn auch in meinen Thrillern ist ja häufig die Frage »Was wäre wenn?« der Aufhänger für eine Geschichte. So ist die zentrale Frage bei REMXAN – Der Mann ohne Schlaf: »Was wäre, wenn es ein Medikament gäbe, mit dem man nur noch eine Stunde am Tag schlafen müsste?«

Und bei Das letzte Sakrament lautet sie: »Was wäre, wenn jemand behaupten würde, Jesus geklont zu haben?«

Für mich ist diese Kurzgeschichten-Sammlung auch eine kleine Zeitreise zurück, so stammt die älteste Kurzgeschichte aus dem Jahr 2008. Aber weil sie aus dem Genre Science-Fiction ist und in der fernen Zukunft spielt, ist sie auch noch in ein paar tausend Jahren aktuell :-).

Und so beginnen wir auch mit dem Oldtimer namens Wer beamen kann, ist klar im Vorteil, erschienen ist die Kurzgeschichte übrigens erst 2016 in der Sci-Fi-Anthologie Hauptsache gesund. Wahrscheinlich war ich meiner Zeit einfach mal wieder voraus. Und nun viel Spaß!

Ihr

thomaskowasignature

Thomas Kowa

Wer beamen kann, ist klar im Vorteil

Warubia mochte in unseren Erinnerungen ein luxuriöser, gar pompöser Planet sein, doch interstellar gesehen war es nur ein Haufen Dreck mit einem Casino und ein paar Bars. Die erträglichste von ihnen war der Space-Intruder, eine ehemalige Raketenabwrackhalle in Form eines Kubus, in dem halb Manhattan Platz hatte, jedenfalls wenn es sich ein wenig duckte.

Da mein Besuch im lokalen Casino ausnahmsweise nicht zu meinem Beinah-Bankrott geführt hatte, sondern ein paar Jetons in meinem Bodysuit klimpern ließ, beschloss ich, den Abend im Space-Intruder ausklingen zu lassen.

Kaum stand ich an der Bar, umzingelten mich ein paar außerirdische und innerirdische Freunde, die behaupteten, mein digitaler Fingerabdruck sei ihnen sympathisch.

Wahrscheinlich suchten sie nur jemand zum Saufen. Da auf dem Video-Hologramm nur ein unbedeutendes Match der westlichen Milchstraßen-Kreisklasse lief, ließ ich mich darauf ein und zahlte ihnen eine Runde. Wer war schon gerne auf einem fremden Planeten allein?

Auf Warubia verdunsteten Drinks anscheinend sehr schnell, auf alle Fälle starrten schon bald alle wieder auf das Video-Hologramm. Das humanoide Fußballteam namens Real Madrid schlug sich nicht schlecht, doch schnell zeigte sich, dass sie gegen die fünfbeinigen Astarier keine Chance hatten.

Für mich war das keine Überraschung, denn der Mutterplanet des Fußballes war nur ein Provinznest am äußersten Ende der Milchstraße. Und ich war einer ihrer ehemaligen Bewohner. Ein Provinzler aus New York.

Fußball war mir ziemlich egal, doch auch in anderen Sportarten wie Baseball hatten wir kaum eine Chance, denn die achtarmigen Octopussianer waren uns in jeder Hinsicht überlegen. Immerhin hatte das Doping so endlich keine Chance mehr, zumindest auf unserem Kreisklasse-Planeten.

Natürlich musste ich trotzdem als Projektionsfläche für die anderen Gäste herhalten, denn ich war der Humanoide, der gerade mit 5:0 unterging. Wie ich bald erfuhr, verlangten die lokalen Gepflogenheiten, dass ich für jedes Tor gegen uns eine Runde Wiener Schnitzel ausgeben musste.

Wiener Schnitzel war übrigens ein gutes Beispiel dafür, was von unserer Kultur jenseits der Milchstraße übrig geblieben ist: ein Cocktail aus Kalbslebermelasse, Wasserstoff und Schwefel. Ungenießbar für uns, so wie für die Astarier das Original. Und da die Astarier die intellektuell – oder zumindest militärisch – führende Spezies des Universums waren, gilt ihr Kulturbegriff als der interstellare Maßstab.

Wer schon einmal Wiener Schnitzel in Tokio bestellt hat, oder von Indern zubereitetes Sushi in New York, weiß, wovon ich rede. Das, nur um einiges schlimmer, kam als Essenz unserer Kultur im Universum an. Die Bibel, Brave new world, 1984, alles schon da gewesen, lange bevor wir Kontakt aufgenommen hatten. Lediglich die Abenteuer eines gewissen Arthur Dent waren im Universum auf Gegenliebe gestoßen, als Dokusoap wohlgemerkt.

1612 Exabyte Daten waren über uns Humanoiden in den Datenbanken des Universums gespeichert und täglich wurden es mehr, denn als ob man damit Hungerzeiten überbrücken könnte, speicherte man Daten neuerdings auf Vorrat. Was auch immer man dann damit anstellte, denn alles, was als Extrakt von diesem Datenwust übrig schien, war Fußball, flüssiges Wiener Schnitzel und der Nachbau des Venetian aus Las Vegas in Macao.

Data-Overkill hatte man das Phänomen schon in den 80ern des letzten Jahrtausends genannt, allerdings vor ein paar hundert Generationen auf Astaria: Wer wahllos Daten sammelte, konnte die wichtigen nicht mehr von den unwichtigen unterscheiden. Und am Ende wurden dann Dinge vermengt, die nicht zusammengehörten, nur weil eine scheinbare Korrelation existierte. So gehörte beispielsweise ein Galertarianer offiziell zu jener Spezies, die am engsten mit uns verwandt war.

Ich blickte auf den Weltraumtouristen neben mir, der sich gerade auf meine Kosten eine orale Alkoholinfusion verabreichte. Der Kerl sah aus wie eine Mischung aus einem drei Meter großen Darmfollikel und einem Kuhfladen in Giftgrün. Das war ein Galertarianer im Ausgehanzug. Er müffelte ein wenig, und ich drehte den Geruchsfilter in meinem Bodysuit auf volle Leistung.

Doch auch unsere Ausdünstungen galten in gehobenen Weltraumkreisen als kaum tolerabel. Einige ätherische Lebensformen hatten daher ein Einreiseverbot über uns verhängt, und mit 'uns' waren in diesem Fall die Galertarianer und wir Humanoiden gemeint.

Selbst die ungekrönten Könige des Universums, die Astarier, waren ein gewöhnungsbedürftiges Volk. Sie ernährten sich von angeblich wohlschmeckenden, heuschreckenartigen Lebewesen, die in ihrem Schuppengeflecht gediehen. Dieses nahrungstechnische Perpetuum Mobile hatte die Astarier zur überlegenen Spezies des Universums werden lassen: Sie waren autark, hatten Frühstück, Lunch und Dessert immer mit dabei und mussten keine Zeit für Nahrungssuche und deren Kultivierung verschwenden.

Den Bau einer Thermonuklearbombe lernte man dort schon an der Grundschule. Dies wohlgemerkt in der Pause auf dem Schulhof, beispielsweise, wenn einer der Dreijährigen die astarische Version des YPS-Heftes hervorholt, das gerne mit solch billigem Tand wie einem Mini-AKW oder einem Neuronen-Transmitter zum Kauf verführte. Selbst Albert Einstein wäre auf diesem Planeten mit einem 1-Euro-Job in etwa so überfordert gewesen, wie bei uns ein Molukkenkakadu als Englischlehrer.

Die Astarier wussten alles besser, konnten alles besser und duldeten keine Widerrede. Außerdem mischten sich die Kerle überall ein und so saß auch bald ein Astarier in unserer illustren Runde. Er hatte wie üblich fünf Beine, dreieinhalb Hände, war nur zwei Meter groß aber vier breit, und sah aus wie ein falsch aufgebauter IKEA-Schrank. Stand einer von denen im Tor, endeten Fußballspiele meist zu null.

Er grinste abfällig zu mir herüber, zu dem Humanoiden, dem Doofkopp unter den intelligenten Lebensformen. Nur unsere Ungenießbarkeit als Nahrungsmittel und unserer putzigen Rolle als Mutterland des Fuß-, Base- und Basketballs war es zu verdanken, dass ich hier mit am Tisch saß und nicht als Essensbeilage gereicht wurde. Denn die interstellaren Lebensrechte für planetare Lebensformen galten nur für die höchstrangige Spezies jedes Planeten, wie auf dem Mikrokosmos Erde auch.

Auf dem Planeten Warubia wurden beispielsweise mit großem Genuss schneckenähnliche Wurmtiere verspeist, die schon im Alter von drei Monaten Abhandlungen über die allgemeine Relativitätstheorie verfassten. Dummerweise sprechen diese Schnewuties genannten Wurmtierchen aber in einer mehrfach verschlüsselten Geheimsprache, die man erst kürzlich dekodiert hatte. Zu recht pochte daraufhin eine Schnewutie-Delegation bei der interstellaren Lebensform-Expertenkommission darauf, dass sie wesentlich intelligenter als die Warubier waren und daher die höchstrangige Spezies des Planeten. Die Warubier allerdings waren angenehme Trinkkumpanen und gute Lobbyisten und so wurde die Schnewutie-Delegation kurzerhand samt Antrag verspeist. Das war Problemlösung auf die astarische Art.

Erneut fiel ein Treffer für die Astarier, ein Schuss mit vorne links, durch die Beine des spanischen Torhüters. Die nächste Runde für mich. Ich sinnierte kurz darüber nach, dass wir bessere Chancen hätten, wenn Astarier in den hiesigen Clubs spielen durften, doch planetare Wechsel wurden von der FIFI, der interstellaren Fußball-Föderation, untersagt. Nicht einmal Marsamöben durften bei uns spielen, was allerdings auch wenig praktikabel war, da sie mit ihren drei Nanometern Größe kaum einen Ball aufhalten konnten.

Aufgrund des Konsums einiger Wiener Schnitzel hatte sich meine Blase inzwischen ordentlich gefüllt. Ich überlegte, ob ich den Beamknopf an meiner mobilen Steuereinheit drücken sollte. Beamen war die neueste technische Errungenschaft der Menschheit. Wir waren verdammt stolz darauf!

Personen konnten wir auf diese Weise allerdings immer noch nicht transportieren, aber dafür etwas, das noch keine Spezies beamen konnte: Pipi!

Gerade bei Zechgelagen wie diesem war das sehr hilfreich. Während man weiter an der Bar saß, stand irgendwo in Indonesien der Chef einer Ich-AG am Pissoir und verdiente sich strullend sein Geld als urinaler Stellvertreter. Natürlich stand da nicht nur ein Indonesier, nein, ganze Armeen von Dienstleistern sparten uns so Zeit und andere Unannehmlichkeiten.

Davon abgesehen waren interstellare Toiletten für uns Erdlinge ein höchst riskanter Aufenthaltsort. Wer schon einmal von einer taubengroßen Toilettenwarze gebissen worden war, wusste wovon ich rede.

Da sich das Spiel zu einem Debakel zu entwickeln schien, beschloss ich, meine Spendierhosen auszuziehen und mich in meine Schlafkabine zu verdrücken. Ich gab vor, auf die Toilette zu gehen und stand auf. Dabei fiel mein Blick auf das Aquarium neben mir. Zwei Koikatzen schwammen darin, der letzte Schrei im interstellaren Interieurgeschäft. Sie sahen aus wie eine Kreuzung aus Hamster und Kugelfisch, allerdings mit neun Flossen, null Beinen und einem geringelten Schwanz. Wohl weil die Dinger so hässlich waren, kosteten sie unfassbare 30.000 interstellare Verrechnungseinheiten.

Und dann ging alles ganz schnell. Der Astarier hatte genug von seinen Heuschrecken und griff sich eine der Koikatzen. Mit einem Bissen schluckte er den Fisch hinunter.

»Wer zahlt das?«, brüllte der Barkeeper.

Der Astarier zuckte mit den Schultern, rülpste zufrieden und zeigte auf – mich!

Nun sind 30.000 interstellare Verrechnungseinheiten zwar nur zwei Monatslöhne eines 1-Euro-Jobbers auf Astaria, aber in Terra-Dollar entspricht das ungefähr dem Gegenwert eines Einfamilienhauses in der Nordwand des Matterhorns, welches nur die betuchtesten japanischen Algenmillionäre ihr Eigen nennen.

Doch wie wir schon seit der Star-Wars-Saga wussten, legte man sich mit den Herrschern des Universums besser nicht an, es sei den man war ein Jedi-Ritter. Und ich war keiner, hatte auch noch nie einen gesehen, aber so war das eben mit den historischen Legenden.

Bevor ich etwas sagen konnte, griff der Astarier meine rechte Hand – in welche mein Kontochip implantiert war – und führte sie über den Kassenscanner. Ich protestierte, doch niemanden am Tisch interessierte das, schließlich war ich nur ein Humanoide. Ich spürte ein kurzes Zucken im Handgelenk und die Abbuchung wurde exakt bis zum Limit meines interstellaren Dispositionskredits ausgeführt. Da ich schon immer am Rande des Konkurses gecampt hatte, blieb ein ordentlicher Teil der Rechnung offen und so blinkte der Chip in meiner rechten Hand in panischem Rot. Neben verwahrloster Kleidung und einem Ernährungsplan, der von der Müllkippe zusammengestellt wurde, immer noch das deutlichste Zeichen für Zahlungsunfähigkeit.

Der Barkeeper – wie auf jedem vernünftigen Planeten ein Octopussianer – mixte zwei Bloody Harrys, während er mich mit seinen restlichen vier Armen auf den Kopf stellte. Ein Kaugummi, zwei Büroklammern und die gewonnenen Jetons kullerten aus meinem Bodysuit. Der Barkeeper lies mich fallen und schnappte sich die Jetons. Er tastete sie hastig ab, rümpfte dann seine drei Octopussianernasen und warf die Chips in seine Trinkgeldkasse.

»Das waren über tausend IVE!«, protestierte ich.

»Normales Trinkgeld hier.« Der Octopussianer winkte ab und drückte gleichzeitig den Knopf unter seiner Theke zur Alarmierung des interstellaren Entsorgungskommandos für insolvente Weltraumtouristen. Die würden mich entweder direkt ins All schießen oder der thermischen Restverwertung zuführen, je nach Körperfettquotient.

Ich wollte mich losreißen, doch der Octopussianer packte mich an allen fünf Gliedmaßen. Während er mit seinen restlichen Tentakeln weitere Drinks mixte, dachte ich darüber nach, welches der beiden Alternativen wohl das artgerechtere Ableben für mich wäre.

Ich kam zu keinem Ergebnis.

Hilfesuchend blickte ich mich um.

Und dann sah ich sie!

Petty Poo, der einzige noch lebende interstellare Popstar Terras und die schönste Humanoidin jenseits der Milchstraße. Glänzendes schwarzes Haar, zu einem raffinierten Pagenschnitt gelasert, atemberaubende Beine und Brüste, so wohlgeformt wie Paradiesäpfel. Sie besaß alles, was ich nicht hatte: Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben. Ich sendete ihr einen interaktiven planetaren Hilferuf: »Help!«

Ihre kastanienbraunen Rehaugen entdeckten meine Hirschglotzer. »I'm from Terra, too«, radebrach ich, denn mein Englisch war nach all den Jahren des Nichtgebrauchs im All ein wenig aus der Übung.

»Well, obviously you are, because you're the only beautiful guy on that fucking planet«, erwiderte sie und ließ mich erröten. Dann erblickte sie meine in der gleichen Farbe blinkende Hand. »How much?«, fragte sie und lächelte mich kokett an.

Ich schaute betroffen und antwortete: »Fifty thousand.«

Sie pfiff durch die Zähne. Offenbar überlegte sie, ob meine Gesellschaft ihr so viel wert war. Ich kam mir vor wie ein Sexsklave auf dem römischen Sklavenmarkt, denn jeder wusste, welcher Ruf Petty Poo vorauseilte. Der einer Gottesanbeterin! In 'Your love is my feed', einer ihrer bekanntesten Hologramm-Singles, verspeiste sie gleich mehrere Jünglinge.

Dummerweise hatte ich mein Fortpflanzungsorgan schon länger nicht mehr in einem humanoiden Körper versenkt und verdrängte daher mögliche Konsequenzen meiner Rettung.

Ich schenkte ihr mein freundlichstes Lächeln, zog den Bauch ein und streckte meine Brust raus.

Sie winkte mich zu ihr und der Barkeeper ließ mich los.

Ich schwebte zu meinem Star, tat so, als sei ich kurz vor dem siebten Himmel, blickte versonnen in ihre Richtung, blinzelte entrückt und erkannte genau hinter ihr das interstellare Entsorgungskommando. Scheiß Hyperraum, dachte ich noch, da hatten die Kerle mich schon gepackt.

Natürlich waren die Müllmänner Galertarianer, neben uns die Billigarbeitskräfte des Universums. Sie umschlossen mich mit ihren stinkenden Pranken und ich fühlte mich, als würde ich in Slime baden, dieser prähistorischen giftgrünen Wabbelmasse, mit der ich schon als Kind ungern gespielt hatte.

Mit einer einzigen Handbewegung stoppte Petty Poo die planetaren Müllmänner. Die Galertarianer zogen sich schlürfend zurück, blieben jedoch in der Nähe, um sofort wieder zuschnappen zu können.

Petty Poo lächelte mich an, nahm ihr goldenes Halsband ab und führt es langsam über meine linke Hand. Ein Codeleser! Sie scrollte durch meinen Datensatz: Alter: 32, Herkunft: New York, Leberfunktion: 80% stark fallend, Körpergröße: 2 Meter 10. Sie nickte zufrieden und las weiter. Schulabschluss, Studium und IQ schienen sie nicht zu interessieren, doch beim Punkt sonstige Ausmaße blieb sie unvermittelt hängen.

Ihr Blick verdunkelte sich.

Abschätzig schaute sie auf meine Hose und winkte indigniert ab.

»But it's not the size that matters«, versuchte ich mich zu retten, doch sie hatte schon jegliches Interesse an mir verloren. Die Galertarianer stürmten heran und umschlossen mich wieder mit ihren klebrigen Pranken.

»Thirty thousand is enough!«, rief ich Petty Poo noch hinterher, doch sie quittierte es nur mit einem Schulterzucken und wendete sich wieder ihren Huldigern zu. Ich verfluchte die totale Datenerfassung, die Astarier und Petty Poo und lie?mich von den planetaren Müllmännern abführen.

Offensichtlich war ich nicht einmal gut genug für die thermische Resteverwertung, denn die Galertarianer schoben mich direkt zur Weltraumschleuse. Ihre schleimigen Klauen flossen ineinander und pressten meinen Oberkörper zusammen. Ich schnappte nach Luft.

Einer der Müllmänner begann damit, den Datensatz in meinem Chip zu löschen. Sobald er damit endete, war ich elektronisch tot. Den körperlichen Nachvollzug dieser Maßnahme würde er dann ganz formlos mittels kurzen Knopfdrucks auf das Schleusentor bewerkstelligen.

Ich erinnerte mich daran, in der Schule gelernt zu haben, wie viele Sekunden ein Mensch im All ohne Sauerstoff überleben konnte, und zählte schon mal bis zehn.

Mein Chip brannte unter meiner Haut, meine rechte Hand fühlte sich an, als würde sie zerreißen. Schließlich hörte sie auf zu blinken, ein dumpfer Schmerz blieb zurück.

Mein Konto war gelöscht.

Ich war elektronisch eliminiert.

Körperlich war ich hingegen noch voll da. Vor allen Dingen, was meine Blase anging. So wollte ich nicht sterben! Ich schrie in meinen Kommunikator und er übersetzte: »Dfkjelp dfld gpfigls vdf!« Das hieß auf Galertarianisch: »Ich habe einen letzten Wunsch!«

Die Galertarianer stöhnten genervt, doch sie wussten, nach dem kosmischen Entsorgungs-Kodex waren sie verpflichtet, mir diesen letzten Wunsch zu erfüllen.

»Was ist Euer Begehr?«, fragte der Anführer. Offensichtlich hatte er aus Versehen das althochdeutsche Wörterbuch in seinen Kommunikator geladen.

»Ich muss mal«, antwortete ich.

Die Herren Galertarianer diskutierten trotz meines profanen Wunsches ausgiebig miteinander, weil man das auf Galertario anscheinend so machte. Nach endlos langen fünf Minuten, in welchen meine Blase mehrere Ausbruchsversuche unternahm, hatten sie sich endlich entschieden. Sie wollten mich auf eine interstellare Toilette bringen. Offensichtlich kannten sie die neueste technische Errungenschaft der Menschheit noch nicht. Stolz erklärte ich ihnen, dass ich Pipi beamen konnte.

Die Galertarianer rollten mit ihren achtzig Augen, und während sie mich mit ihren widerwärtigen Pranken immer fester umschlossen, drückte ich auf den Beamknopf.

Irgendwo in Indonesien fühlte sich in dem Moment jemand wahrscheinlich, als besäße er Nierensteine groß wie Elefanten. Drei offensichtlich sehr harnstoffhaltige Galertarianer auszuscheiden, war sicher kein Vergnügen. In Gedanken fühlte ich mit meinem urinalen Stellvertreter und rappelte mich auf.

Ich nahm einen Scanner und führte ihn über meinen Chip: 'Read Error'. Meine Daten waren gelöscht. Ich war immer noch elektronisch tot. Ich zuckte mit den Schultern, verlie? den Schleusenraum und ging grinsend davon. Denn tatsächlich war ich frei.

Die Berner Literaturzeitschrift Bierglaslyrik machte 2010 eine Ausschreibung für einseitige Kurzgeschichten zum Thema »Füdlibürger«, Schweizerdeutsch für »Spießer«. Und ich habe geschrieben. Und sie es nicht veröffentlicht. Dabei hätte ich mir glatt vorstellen können, daraus eine Serie zu machen, aber so ist es eben schon nach nur einer Seite vorbei mit den Schweizern im Weltall.

Wer sich wundert, wie man einen Blick in den Blick werfen kann, das ist eine Schweizer Boulevard-Zeitung, dem großen Vorbild Bild-Zeitung nicht unähnlich. Nur das man beim Blick immer noch auf Seite 3 Frauen als wichtigstes Kaufargument setzt und diese – damit man nicht erst umblättern muss – gleich auf Seite 1 platziert.

Schweizer im Weltall

Mit zitternden Fingern zeigte Unterleutnant Erni auf die rot blinkende Anzeige. »Alarm!«, rief er, erst zaghaft, dann lauter. »Feueralarm!!!«

Zwischendeckoberkommandant Bünzli drehte sich gelangweilt in seinem Weltraumsessel zu ihm und winkte ab. »Keine Panik«, brummelte er. »Das ist sicher nur Käpten Spacko, der wegen des Rauchverbots an Bord heimlich eine Zigarre qualmt, während er einen Blick in den Blick wirft und die Weltraumnahrung von gestern Abend abseilt. Wir deaktivieren ihn, dann ist wieder Ruhe.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960871538
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359014
Schlagworte
Kurzgeschichte Kurzgeschichten Short Story Short Stories Anthologie booksnack Science Fiction Saturn Weltall

Autor

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    Thomas Kowa (Autor)

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