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Wo der Regenbogen anfängt (Liebe, Drama)

von Julia Bohndorf (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nach dem Tod der Eltern leben die Schwestern Maeve und Niamh gemeinsam bei ihrer Großmutter in Berlin. Aber so richtig „leben“ können die beiden nicht, denn die elfjährige Niamh bekam vor einiger Zeit die erschreckende Diagnose Leukämie. Ihre zehn Jahre ältere Schwester Maeve scheidet als Knochenmarkspenderin aus und auch ein anderer Spender ist nicht in Sicht.

Doch so einfach lassen die beiden das Schicksal nicht gewinnen! Um Niamh neuen Lebensmut zu geben, nimmt Maeve sie mit auf einen außergewöhnlichen Road Trip von Berlin dorthin, wo der Regenbogen anfängt: nach Wicklow in Irland, in die Heimat ihrer Eltern. Da Glück und Leid meistens nah beieinanderliegen, entpuppt sich der Road Trip als eine Reise, die neue Lebensfreude und Liebe, aber auch Momente der Verzweiflung und Trauer schenkt. Und vielleicht bleibt am Ende ihrer Reise sogar mehr als nur die Erinnerungen an eine wunderbare Zeit zu zweit …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Mai 2017

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-170-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-519-2

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Ivan Pucarevic
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für meine Mama in der Heimat und die Mutti zu Hause.

 Danke für alles.

Vorwort

Lieber Leser, liebe Leserin,

vielen Dank, dass du ein Zeichen gegen Blutkrebs (Leukämie) gesetzt hast! Denn mit jedem verkauften E-Book von Wo der Regenbogen anfängt spenden wir einen Euro an die DKMS.

Alle 15 Minuten erhält ein Patient in Deutschland die Diagnose Blutkrebs – aber nur ein Drittel davon findet einen geeigneten Spender in seiner Familie. Die DKMS setzt sich seit 1991 dafür ein, für jeden Blutkrebspatienten einen passenden Stammzellenspender zu finden und weltweit den Zugang zu Therapien zu ermöglichen. Eine Stammzellenspende kann Leben retten und neue Lebenschancen geben!

Wir als Verlag möchten die DKMS bei der Erfüllung ihrer Vision unterstützen und spenden daher einen Euro pro verkauftem E-Book an die Organisation.

Durch unsere Aktion wollen wir auch dich auf die DKMS aufmerksam machen. Vielleicht bist du ja ein potentieller Spender? Da es leider noch immer so ist, dass jeder fünfte Betroffene keinen passenden Stammzellenspender findet, werden stetig neue Unterstützer der DKMS gesucht.

Wir bedanken uns bei dir für den Kauf dieses Buches und für deine Unterstützung beim Kampf gegen Blutkrebs.

Dein dp DIGITAL PUBLISHERS Team

 

Prolog

Wicklow, Irland, 22. August 2009.

„Ich bin im Himmel“, flüstere ich leise. Oh Mann, Maeve, jetzt mal nicht so übertreiben, ermahne ich mich sogleich und kuschle meinen Körper ganz dicht an den von Patrick.

„Alles in Ordnung?“, fragt er. Seine warme Handfläche gleitet über meinen Rücken und er drückt mich noch mehr an sich ran.

Ich höre ihn und doch bin ich tief in meiner Gedankenwelt versunken. Ob alles in Ordnung ist? Wenn ich bei ihm liege, fühlt es sich so an und anderseits weiß ich, dass nichts in Ordnung ist. Ich hebe meinen Kopf von seiner nackten Brust und sehe ihm in sein Gesicht.

„Ja“, antworte ich mit leiser Stimme und verspüre dabei ein mattes, aber auch zufriedenes Gefühl. In seinen Armen fühle ich mich wunderbar geborgen.

„Warum siehst du mich dann so traurig an? Tut dir etwas weh? Habe ich dich verletzt?“, fragt er mit seiner ruhigen Stimme.

Ich schüttle den Kopf, außerstande, die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten. Körperlich bin ich zwar unversehrt, wenn auch befleckt, wie Oma es ausdrücken würde. Doch mein Herz, mein Herz blutet bei dem Gedanken, morgen abreisen zu müssen. Ich lasse den Kopf wieder sinken und presse mein Ohr auf sein Herz. Durch meine Berührungen schlägt es noch kräftiger. Ich lächle und streiche mit den Fingerspitzen über seinen Bauch, wovon er eine Gänsehaut bekommt. Das dünne Laken verdeckt den unteren Teil seines Körpers und meinen ebenso.

„Was ist los?“, drängt er auf eine Antwort. Anscheinend reicht ihm mein Kopfschütteln nicht.

„Ich möchte nicht abreisen. Ich möchte hier bei dir bleiben“, sage ich diesmal ehrlich und sehe, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln verziehen.

„Dann bleib doch hier“, schlägt er großspurig vor, als sei es die logische Konsequenz unseres Zusammentreffens, und obwohl er genau weiß, dass ich das nicht kann.

„Ich bin doch erst siebzehn. Ich kann nicht bleiben, wenn meine Eltern das nicht wollen, und glaub mir, sie würden es nicht wollen“, antworte ich resigniert.

Wieder hebe ich den Kopf und sehe in seine hellen blauen Augen, die mich immer an einen Husky erinnern. Seine kurzen braunen Haare stehen wild in alle Himmelsrichtungen. Er sieht so scharf aus. Ich seufze und löse meine Hand von seinem Bauch.

„Hey“, protestiert er.

Meine Finger legen sich auf seine Wange und mit dem Daumen streiche ich über seine Lippen. „Ich kann einfach nicht bleiben.“ Ich kann die Traurigkeit, die meine Stimme färbt, nicht verbergen.

„Ich musste wenigstens versuchen, dich zu überzeugen.“

Unter meinem Daumen verziehen sich seine Lippen erneut zu einem hinreißenden Lächeln. Mein Herz beginnt zu flattern und ich lächle zurück. Eindeutig, ich bin bis in die Haarspitzen verliebt. Meine roten Wellen liegen überall. Auf, unter und neben ihm. Es sieht so aus, als wollten auch sie ihn auf gar keinen Fall gehen lassen. Obwohl ich diejenige bin, die gehen wird.

Patrick schiebt einen Arm zwischen mich und die Matratze, den anderen legt er schräg über meinen Bauch und zieht mich auf sich. Entkommen ist unmöglich, so fest hält er mich, und als er heiße Küsse auf meinem Hals und Gesicht verteilt, genieße ich die wohlige Nähe. Wenn Küsse Inseln und Kontinente verschieben könnten, dann wäre Irland morgen schon das Nachbarbundesland von Berlin. Ich will nicht weiter darüber nachdenken, denn noch ist nicht morgen. Noch bin ich hier.

Sein Mund findet meine Lippen und ich schiebe mich etwas mehr auf ihn. Mehr Haut fühlen, mehr Leben spüren, mehr Patrick lieben. Ich lasse mich einfach in diesen Rausch der Gefühle fallen.

 

***

 

Es ist mitten in der Nacht, als ich wach werde. Langsam und vorsichtig, darauf bedacht, Patrick nicht zu wecken, befreie ich mich aus seiner Umarmung. Ich setze mich auf den Bettrand und wühle blind in dem Klamottenhaufen vor dem Bett herum. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit und ich erkenne, wonach ich greife. Zuerst habe ich Patricks Jeans in der Hand, dann meinen BH und meinen Rock.

„Wo ist denn nur mein Slip abgeblieben?“, frage ich flüsternd in den Raum hinein, als würde er: „Hier!“, rufen können. Ich sehe mich um und finde ihn am Bettpfosten hängen. Nur in Unterwäsche bekleidet suche ich auf dem Fußboden weiter nach meinen Sachen. Mein Top kann ich einfach nicht finden, also schnappe ich mir kurzerhand Patricks T‑Shirt. Als ich es über den Kopf ziehe, hüllt mich sein Geruch ein, und ich möchte am liebsten sofort zurück in das Bett krabbeln, mich an ihn drücken und nie wieder loslassen. Warum bin ich überhaupt aufgestanden?

Schnell beantworte ich mir meine gefühlsduselige Frage selbst. Ich muss gehen, bevor ich anfange zu heulen wie ein kleines Kind. Er würde mir womöglich sagen, was ich ihm bedeute und dass er wirklich nicht will, dass ich gehe. Vielleicht würde ich auch feststellen, dass er mich nur ins Bett kriegen wollte. So oder so, ich muss raus – jetzt.

Ich ziehe meinen Rock an, schnappe mir meine Flip-Flops und meine Handtasche und schleiche mich zur Tür. Leise öffne ich sie und bin dankbar, dass sie mein Verschwinden nicht mit fiesen Quietsch-Geräuschen kommentiert. Ich verlasse den Anbau des großen Haupthauses über einen kurzen Flur und durch die separate Eingangstür. Mit einem leisen Klicken fällt die Tür hinter mir ins Schloss und ich bin draußen.

Der ordentlich gepflasterte Hof, inklusive der Einfahrt, liegt verlassen vor mir. In dem großen Baum, der von dem Gebäude auf drei Seiten umschlossen wird, rascheln die Blätter leise. Es ist noch dunkel und doch kündigt sich der bald anbrechende Tag durch Vogelgezwitscher an.

Eilig laufe ich die Auffahrt entlang und verlasse meine Urlaubsliebe auf unbestimmte Zeit. Ich bin traurig darüber und doch erleichtert, dass Patrick mein Verschwinden nicht bemerkt hat. Langsam atme ich aus, werfe die Flip-Flops vor mir auf den Boden und schlüpfe hinein. Die Abgeschiedenheit des Hofes wirkt extrem ungewohnt auf mich Stadtkind, doch ich habe es nicht weit bis zu dem Haus meiner Tante. Also krame ich für den knapp halbstündigen Fußweg mein Handy hervor und verlasse das Grundstück. Ich schalte es ein, gebe meine PIN ein und das Display blendet mich kurz. Ich erschrecke über die Zahlen in den kleinen roten Kreisen der Apps. Es ist kurz nach vier und ich habe einundzwanzig Anrufe in Abwesenheit sowie zwei Nachrichten erhalten. In dieser Kombination sieht das nach mordsmäßigem Ärger aus.

„Scheiße“, schimpfe ich flüsternd.

In einem Anflug von Panik überlege ich mir eine Ausrede. Warum bin ich nicht erreichbar gewesen? Wo war ich so lange?

Sollte ich mir die Sprachnachrichten anhören? Nein, lieber nicht. Denn ich weiß ganz genau, was hinterlassen wurde. Ich öffne meine Playlist und fische die Kopfhörer aus meiner Handtasche. Mit guter Musik kann ich einfach besser denken, vielleicht kommt noch die rettende Idee. Ich zerre an dem Kabel, welches sich im Inneren meiner Tasche verheddert hat, und befördere einen Haargummi, Lippenpflegestift und die Packung Kondome heraus. Schusselig und geringfügig überfordert wie ich gerade bin, versuche ich die Kondome mit der Hand, die die Kopfhörer hält, zu fangen, trete dabei in ein Schlagloch und mein Handy rutscht mir aus den Fingern. Während ich stürze, folge ich dem Bogen, den es in der Luft beschreibt, und ich schließe die Augen, bevor ein Platschen ertönt, und mein Mobiltelefon im Straßengraben im Wasser untergeht. Das Brennen an den Knien und Handflächen entlockt mir ein schmerzerfülltes Zischen. Ich liege auf dem Bauch, und ein paar Sekunden lang weiß ich nicht, was ich machen soll. Kurz darauf seufze ich, blinzle die blöden Tränen weg und stehe auf. Zuerst sammle ich die Kondome von der Straße, danach meine Kopfhörer, das Haarband und den Labello. Wütend auf diesen ganzen Kram, weil er dafür verantwortlich ist, dass meine Knie und Handflächen aufgeschürft sind und schmerzen, stopfe ich ihn zurück in die Handtasche. Und noch während ich mich geringfügig daran abreagiere, erreicht mich die Erkenntnis: Mein Problem ist gelöst, das Handy ist untauglich.

Ich gehe die wenigen Schritte bis zur Böschung und beuge mich vor. Es ist bestimmt besser, wenn ich es mitnehme. Ich kann nicht viel erkennen und schätze die Tiefe von mir bis auf den Boden des Grabens auf ungefähr zwei Meter. Ich suche die Vertiefung mit den Augen ab und plötzlich reflektiert etwas das Mondlicht in dem beinahe schwarzen Wasser. Ich streife die Flip-Flops ab, lasse die Tasche neben ihnen liegen, setze mich auf den Rasen, der die Böschung überwuchert, und rutsche vorsichtig nach unten. Es ist eine Überwindung, die Hand in das Wasser zu tauchen, doch ich bin mutig. Es ist tatsächlich mein Handy. Ich umklammere es und krabble eilig den kleinen Abhang wieder rauf. Ein zaghaftes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen – und entgleitet mir im nächsten Moment total, als mich die Erkenntnis trifft, dass ich alle meine Kontaktdaten soeben verloren habe. Alle. Auch die Telefonnummer von Patrick.

„Patrick“, wispere ich erschrocken und möchte weinen, weil mir bewusst wird, dass ich ihn nicht mehr erreichen kann. Nie mehr.

Kapitel 1

Vier Jahre später.

Seit Wochen gehe ich jeden Tag diesen Weg – so wie heute.

Ich parke mein kleines gelbes Auto auf dem Parkplatz und laufe durch den großen Eingang mit den automatisch öffnenden Türen. Ich lasse die Sommerhitze draußen und betrete den klimatisierten Empfangsbereich. Der Desinfektionsgeruch hier ist mir längst vertraut. Er beruhigt mich und lässt mich gleichzeitig nervös werden. Die große Brünette an der Information grüßt mich wie jeden Tag freundlich und doch sehe ich in ihrem Blick etwas Trauriges. Ob sie wohl weiß, wen ich hier besuche? Schnell durchquere ich die Halle und begebe mich zu den Aufzügen auf der linken Seite.

Meine Schuhe quietschen leise auf dem blankpolierten Marmor. Ich drücke den Rufknopf und warte. Neben mich stellt sich ein kleiner alter Mann mit wenigen grauen Haaren und Brillengläsern, so dick wie Aschenbecher. Er lächelt und trägt einen bunten Strauß Blumen vor sich her.

Als ich in der zweiten Etage aussteige, fällt mein Blick sofort auf die von Kindern gemalten Bilder hinter Glasrahmen. Die Wände der Flure sind hellblau und orange gestrichen und in unregelmäßigen Abständen lugt mal ein gemalter Affe in einem gestreiften Badeanzug neben einem Fenster hervor, mal betätigt ein Elefant in rosa Gummistiefeln augenscheinlich den Lichtschalter, und ein Schwarm niedlicher Fliegen mit großen Augen umschwirrt die Toilettentür. Von der Decke hängen Mobiles, und ich denke, dass jeder sofort bemerken würde, dass sich hier größtenteils Kinder aufhalten. Schwester Sarah kommt mir entgegen und schenkt mir im Vorbeigehen ein kleines Lächeln. Ich lächle zurück, obwohl mir heute überhaupt nicht danach ist.

Seit ich um halb sechs aufgewacht bin, hatte ich keine ruhige Minute mehr. Das Buffet in dem Café, wo ich arbeite, war ständig leer und musste schnellstmöglich aufgefüllt werden. Der Kaffeevollautomat war schon gestern kaputt gegangen und der Kundendienst blieb bis zu meinem Feierabend verschollen. Deshalb kochten wir literweise Filterkaffee, und ein Kunde versuchte mehr Rückgeld von mir abzustauben, als ihm zustand, indem er behauptete, sein Schein wäre ein Zwanziger und kein Zehner gewesen. Heute war eine Albtraumschicht gewesen, und Christopher, mein Kollege, der mir schon oft den Rücken gestärkt hatte, wenn ich mal wieder fertig mit der Welt war, gab seine Flirt- und Baggerversuche einfach nicht auf. Dieser Donnerstag wäre ein Paradebeispiel für einen Montag gewesen.

Ich biege um die letzte Ecke der Station und laufe beinahe in Sofie und ihren Rollstuhl hinein. Sie sieht müde aus und unheimlich blass, genau wie Niamh vor vier Tagen.

„Hallo Maeve“, begrüßt sie mich freundlich, jedoch mit matter Stimme.

„Hi, Sofie“, grüße ich zurück.

„Du bekommst heute dein Ergebnis, stimmtʼs?“, fragt sie hoffnungsvoll und mit riesengroßen Kulleraugen. Beinahe jeder kleine Patient an diesem Ort hofft auf einen passenden Stammzellenspender.

„Ja, das stimmt. Ich hoffe so sehr, dass es klappt“, bestätige ich ihre Worte und mein Magen verknotet sich mehrfach. Heute wird sich entscheiden, ob ich als Spender für Niamh infrage komme, oder nicht.

„Ich drücke euch die Daumen“, sagt Sofie voller Überzeugung. „Ich komm nachher mal bei euch vorbei.“ Mit diesen Worten setzt sie ihren Rollstuhl in Bewegung, fährt den Gang entlang und verschwindet in ihrem Zimmer.

Jeder kleine Patient der Kinderonkologie bewohnt ein Doppelzimmer, in dem ein Familienmitglied mit übernachten kann, was jedoch nicht so häufig gewünscht ist.

Ich drücke gerade die Klinke nach unten und will die Tür in den Raum hinein öffnen, als sie mir aus der Hand gerissen wird. Professor Doktor Sackenschmitt wirkt so distanziert und kühl wie immer, jedoch erschreckt er sich fürchterlich und zuckt zusammen, als hätte ich ihm einen Stromschlag verpasst.

„Fräulein McKee“, sagt er, wie jedes Mal, wenn wir uns sehen, und reicht mir seine sehr zierliche Hand zum Gruß.

Über den Ausdruck Fräulein lache ich innerlich jedes Mal. Diesen Begriff gibt es bestimmt seit über zehn Jahren nicht mehr – oder länger. Mädchen bis zwölf kann man beruhigt mit Fräulein ansprechen, obwohl auch das schon nicht mehr stimmt. Vor einigen Tagen habe ich etwas über eine zwölfjährige Mutter gelesen. Aber gut, für den Professor bin ich eben ein Fräulein, was mich ehrt, jedoch wenig mit der Realität zu tun hat.

„Professor Sackenschmitt“, sage ich freundlich und nehme seine Hand, um sie zur Begrüßung zu schütteln.

„Sie sind spät dran, Fräulein McKee. Viel los heute auf der Arbeit?“

„Ja, vergleichbar mit einem Montag“, beantworte ich seine Frage.

„Das klingt wenig erfreulich, aber nun sind Sie ja hier.“ Er tritt aus dem Raum und dirigiert mich dabei rückwärts in den Flur zurück.

„Mae?“, ruft Niamh aus ihrem Zimmer.

„Ich bin gleich bei dir, Mäuschen“, verspreche ich und höre das Klicken des Türschlosses.

Professor Sackenschmitt seufzt. „Kommen Sie kurz mit in mein Büro? Dort können wir in Ruhe über Ihr Ergebnis sprechen.“ Er klingt nicht mehr so locker wie gerade eben und sein Gesichtsausdruck wirkt versteinert.

„Wenn ich Sie so ansehe, glaube ich, es ist negativ und wir können uns den Weg sparen.“ Meine Stimme versagt.

Der Doktor sieht mich an, schüttelt den Kopf und sagt: „Sie scheiden als Spenderin für Ihre Schwester aus, und das tut mir sehr leid für Sie beide.“

Ich halte mich an der Wand gegenüber der Zimmertür fest und Tränen steigen mir in die Augen. Gleichzeitig schnürt mir die Gewissheit, Niamh nicht helfen zu können, die Kehle zu. Ich schluchze einmal laut auf, krümme mich und stütze mich auf den Schenkeln ab.

Professor Sackenschmitt stellt sich neben mich und legt mir die Hand auf den Rücken. „Atmen Sie. Langsam ein- und ausatmen.“ Er reicht mir ein paar Papiertaschentücher.

Ich nehme sie alle und versuche mich zusammenzureißen. Weiteres Schluchzen kann ich unterdrücken, doch die Tränen kullern unaufhörlich. Irgendwann richte ich mich wieder auf, putze mir die Nase und drücke die Schultern durch.

„Besser?“, fragt der Professor.

Ich schüttle den Kopf. „Nein, aber ich werde es überleben.“ Kurz bin ich geschockt über meine Wortwahl und doch ist es die reine Wahrheit. Ich überlebe und Niamh vielleicht nicht. Erneut steigen mir Tränen in die Augen und ich wische sie wütend weg. „Sagen Sie ihr das Ergebnis, bitte. Ich bekomme bestimmt gleich kein Wort mehr heraus, wenn sie mich voller Hoffnung anschaut.“

„Ja, dafür bin ich hier. Wollen wir?“ Er macht eine einladende Geste und deutet auf die geschlossene Zimmertür.

„Nein“, erwidere ich ängstlich und bewege mich doch vorwärts.

Der Arzt folgt mir und nebeneinander halten wir inne, als er die Hand auf die Klinke legt. Wir atmen tief ein, ich versuche die Traurigkeit aus meinem Gesicht zu verbannen und wir betreten den Raum. Er stellt sich an das Fußende von Niamhs Bett und ich gehe hinter ihm vorbei und begrüße meine süße kleine Schwester. Ich umarme sie herzlich und küsse sie auf das bunte Giraffenkopftuch.

„Hi, Süße“, sage ich und schenke ihr ein Lächeln, welches mir höchste Konzentration abverlangt. Dieses Gute-Miene-zum-bösen-Spiel-Machen ist überhaupt nicht meins, doch ein positives Auftreten ist unabdingbar. Ich nehme auf dem Stuhl zu ihrer Linken Platz und sehe meine Schwester an.

„Mae“, mault Niamh. „Der Professor will mir nicht sagen, ob du mich retten kannst.“

„Und das aus gutem Grund, Niamh“, sagt er steif, ohne uns dabei anzusehen, und schiebt seine Hornbrille etwas näher zur Nasenwurzel. Er blättert in einer Krankenakte. So dünn wie sie ist, kann es nur meine sein. „Das Ergebnis ist zwar sehr wichtig für dich, Niamh, aber es ist der Befund deiner Schwester, deshalb musstest du einen Moment warten.“ Er sieht Niamh an, und sie versinkt ein Stück tiefer unter ihrer Bettdecke und nuschelt ein schwer zu verstehendes „Entschuldigung“ daher.

Ich hole tief Luft, wappne mich für den Gefühlansturm, der gleich erwachen und über mich rollen wird, wie ein Vierzigtonner. Ich bin Anfang zwanzig, seit fast vier Jahren Vollwaise, Erziehungsberechtigte meiner elf Jahre jüngeren Schwester und scheide als Spenderin für sie aus. Das Leben ist ein Arschloch, und genau in diesem Moment verfluche ich das Schicksal.

Meine Bauchschmerzen haben sich in den letzten Minuten zu Krämpfen verwandelt und mir ist speiübel. Seit Tagen habe ich mit Niamh über fast nichts anderes mehr gesprochen, und nun ist der Augenblick gekommen, in dem sie erfährt, dass ich sie nicht retten kann.

Als er zu sprechen beginnt, glaube ich, echtes Bedauern in seiner Stimme zu hören. „Sie kommt leider nicht als Stammzellenspenderin für dich in Frage.“

Mein Herz lässt einfach zwei Schläge aus, mir stockt der Atem und meine Aufmerksamkeit wandert von ihm zu meiner kleinen Schwester.

„Es tut mir wirklich leid“, fügt er hinzu.

Niamh schluchzt herzerweichend, und ich empfinde den schnellen Abgang von Professor Sackenschmitt fast als eine Art Flucht. Ich werfe mich zu ihr auf das Bett und drücke sie an mich. Meine Magenkrämpfe sind schlagartig verschwunden, dafür sitzt ein großer Kloß in meinem Hals, der mir das Atmen erschwer. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, das weiß ich ganz genau. Aber warum immer wieder Niamh? Oma war schon als mögliche Spenderin ausgeschieden und nun auch ich.

Ich lege mein Kinn auf das blaue Tuch mit den Giraffen, das Niamh liebt und heute auch wieder trägt, um ihren kahlen Kopf zu verbergen. Ich wiege sie in den Armen und eine ganze Stunde vergeht, bis auch die letzte Träne getrocknet ist. Dann nimmt sie ganz unverhofft eine von meinen langen rotblonden Locken in die Hand und kämmt sie mit den Fingern wieder und wieder durch.

Niamh hatte auch rote Haare, ganz glatt und in einem richtig satten Kupferton. Jetzt sind ihr nur die Augenbrauen und Wimpern in der schönen Farbe geblieben. Sie ist hübsch wie eh und je, und ihre grünen Augen, die den Farbton von saftigem Gras besitzen, ziehen einfach jeden in ihren Bann. Ich weiß, dass sie ihre Haare schrecklich vermisst, deshalb erlaube ich ihr das ständige Bürsten und Flechten meiner Locken, ohne mich zu beschweren.

Es klopft an der Tür und Sofie kommt herein. „Der Professor ist gerade an meinem Zimmer vorbeigelaufen und hat die Station verlassen, da habe ich mich sofort auf den Weg gemacht.“ Sofie redet so schnell und aufgeregt, dass sie unsere betrübten Gesichter wahrscheinlich übersieht. Erst als sie sich aus ihrem Rollstuhl auf Niamhs Bett hievt, wird es ihr bewusst. „Oh nein, das darf nicht wahr sein. Ich habe so sehr gehofft und gebetet, und nun das …?“ Sofie ist so betrübt, dass sie sofort anfängt zu weinen, und auch Niamhs Tränen fließen schon wieder. Eigentlich will ich stark sein, aber nun kann auch ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Was ist denn hier los, Kinder? Ich habe mein Schlauchboot in der Straßenbahn vergessen“, sagt Oma trocken, „und wenn ihr Kuchen haben wollt, dann solltet ihr alle sofort aufhören zu weinen!“ Ihre muntere Stimme schwebt durch den Raum, so liebevoll, ruhig und zart, mit ein bisschen Witz darin, wie jedes Mal.

Sofie grunzt, bevor sie so richtig zu lachen anfängt. „Ich will auch so eine Oma“, sagt sie, während sie sich die Tränen wegwischt und sich auf dem Bett richtig hinsetzt.

Niamh und ich nehmen ebenfalls Haltung an und lächeln über ihr ‚vergessenes Schlauchboot‘. Meine Oma ist einfach die Beste, und das wissen nicht nur wir, ihre Enkelinnen, sondern in der Zwischenzeit eben auch Sofie und die anderen Kinder auf dieser Station.

Oma stellt eine Box mit Kuchen auf dem Tisch ab und schaut mich fragend an, während sie knapp mit dem Kinn auf Niamh deutet. Ich schüttle den Kopf, und Oma stößt einen langen Seufzer aus. Danach kehrt meine Aufmerksamkeit zurück zu dem Plastikbehälter. Heute ist Donnerstag – Kuchendonnerstag – und Sofie hat sich mal wieder selbst dazu eingeladen. Obwohl sie viel häufiger Gesellschaft bekommt als Niamh, bringt keiner der Besucher Kuchen oder Kekse für sie mit.

Wenn montags hier im Zimmer Spieleabend ist, kommt sie ebenfalls dazu. Für viele Brettspiele sind vier Personen ohnehin besser als nur drei.

Um Niamh den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu gestalten, haben Oma und ich uns verschiedene Themenabende ausgedacht. So gibt es am Samstag den irischen Sagen- und Märchenabend. Dieser ist sehr beliebt bei den Kindern, ihren Eltern und den Schwestern, deshalb sind wir vor drei Wochen sogar aus diesem Raum in das große Spielzimmer umgezogen.

Doch den Kuchendonnerstag mögen wir am liebsten. Oma kramt in ihrer opulenten, mit allerhand Schnickschnack gefüllten Handtasche, und zieht unter unserer aller Augen den Tortenheber hervor, so wie Harry Potter das Schwert von Gryffindor aus dem alten Hut zog. Ihre Miene ist so feierlich und ehrfürchtig darauf gerichtet, als sei er ihr wertvollster Schatz.

Oma und Niamh lieben die Harry-Potter-Bücher genauso innig wie die Filme. Während mein Schwesterherz schmachtend vor dem Fernseher liegt und Ron Weasley alias Rupert Grint anhimmelt, hat Oma eine seltsame und unverständliche Schwäche für den schmierigen Professor Snape entwickelt.

Oma bohrt den feierlich hervorgezogenen Kuchenheber regelrecht zwischen den klebrigen Schokoladenkuchen und die Tupperware, mit der sie ihn transportiert hat. Mit einem schmatzenden Geräusch löst sich das erste Stück und landet in einer geblümten Serviette.

„Hier“, sagt Oma und reicht Niamh das erste Stückchen. Es ist winzig, etwas größer als eine Streichholzschachtel, doch das ist so gewollt. Niamhs Diätassistentin hatte darauf hingewiesen, dass sie nur Vollwertiges zu sich nehmen darf, Ausnahmen sollten gering ausfallen und selten vorkommen.

Erfreut und gleichzeitig verärgert nimmt Niamh die Serviette entgegen und seziert die Schichten und die Größe des Kuchens gründlich. Als Sofie ihr Stück bekommt, schielt meine Schwester zur Kontrolle sofort auf das andere Stück. Sie nickt, anscheinend gibt es nichts daran auszusetzen. Oma hat penibel darauf geachtet, alle Stücke gleich groß zu schneiden.

Als wir gemeinsam in die süße Sünde beißen, wandert die Sonne um das Gebäude herum, wirft ihre langen und kräftigen Strahlen in Niamhs Zimmer und lässt Omas Gestalt leuchten. Ihr weißes Haar hat nun einen schönen Goldton, und irgendwie sieht es aus wie ein Heiligenschein. Oma ist unser Engel, daran gibt es keinen Zweifel. Nacheinander verkrümeln wir uns ins Bad des Krankenzimmers und waschen uns die klebrigen Finger. Sofie dagegen hat sie so sauber geleckt, dass sie der festen Überzeugung ist, ihre Hände müssten nicht gewaschen werden. Oma schnalzt tadelnd mit der Zunge und droht mit der Abschaffung des Kuchendonnerstags. Das war eine deutliche Warnung, denn im nächsten Augenblick regt sich Sofie, plumpst in ihren Rollstuhl und verschwindet nun doch im Badezimmer.

Schokolade macht glücklich, und diese Wirkung scheint sie auch bei uns zu haben. Wir albern, lachen und reden wild durcheinander, bis ich ein Thema anspreche, welches Niamh bis jetzt beharrlich ignoriert hat. Ich freue mich seit über einer Woche, dass sie ein Jahr älter wird, und zähle einen Countdown, den sie schon seit Montag nicht mehr lustig findet. Was bestimmt daran liegt, dass ich immer Andeutungen mache, die ihre Geschenke betreffen.

„Wer von euch weiß, was morgen für ein Tag ist?“

„Freitag“, sagt Oma sofort und guckt mich etwas verdattert an.

Ich lächle, warte und schweige.

„Der 12. Juli“, antwortet Sofie.

„Warum machst du das immer, Maeve?“, quengelt Niamh und sieht mich mit großen vorwurfsvollen Kulleraugen an.

„Was meinst du?“, frage ich unschuldig zurück und erkenne, wie ihr Gesicht leicht errötet. Bei ihr ist das ein typisches Anzeichen für Verärgerung, und da ihr Puls in den letzten Wochen meist etwas unterirdisch vor sich hingedümpelt hat, schadet es nicht, ihn etwas auf Zack zu bringen. Ich schenke ihr ein besänftigendes Lachen, knuffe sie in die Wange, wobei sie lauthals protestiert, nehme sie in den Arm und lege mein Kinn auf ihr Giraffenkopftuch. „Du wirst morgen elf Jahre alt und wir haben ein paar hübsche Geschenke für dich.“

„Das ist jetzt aber wirklich unfair, Maeve!“ Omas Augenbrauen berühren sich beinahe in der Mitte und ihr Tonfall ist äußerst streng.

„Ja, total gemein“, bestätigt Niamh, und Sofie wackelt wie ein außer Kontrolle geratener Wackeldackel auf der Hutablage zur Unterstützung mit dem Kopf.

„Ich bin ja schon ruhig.“

„Das ist auch besser so“, nörgelt mein Schwesterherz. Sie schaut noch immer verärgert aus, doch ihre vor der Brust verschränkten Arme lösen sich bereits nach wenigen Sekunden aus ihrer Trotzhaltung.

„Kinder, ich werde jetzt den Professor besuchen. Ihr solltet in der Zwischenzeit mal nach draußen gehen, um etwas frische Luft zu schnappen“, meint Oma, damit die gute Stimmung wieder auflebt. Schon steht sie auf, stellt die Tupperbox auf den Rollwagen neben Niamhs Bett und verlässt das Zimmer.

 

***

 

Ich gehe einen bunt gepflasterten Weg entlang, der die ordentlich gemähte Wiesenfläche in große Abschnitte teilt. Der überschaubare Park gehört zum Krankenhausgelände, und am Rande des Weges stehen zahllose Bänke, welche alle besetzt sind. Der Wind weht durch meine ärmellose Bluse und plustert sie auf. Unter meinen roten Flip‑Flops knirschen kleine Steinchen, die auf dem Weg herumliegen. Ich schaue mich um und sehe in viele vertraute Gesichter, einige sehen glücklich aus, andere machen dagegen einen sorgenvollen Eindruck.

Ich selbst gehöre heute zu den weniger Glücklichen. Der Kuchen half zwar etwas über den ersten Schock, die Trauer und die große Frustration hinweg, doch ein Gefühl der Hilflosigkeit hat sich hartnäckig in mir eingenistet. Die Situation, so wie sie jetzt ist, ist schrecklich. Bisher hatten wir die Hoffnung, dass meine Stammzellen Niamh heilen könnten … und diese Hoffnung ist wie eine Seifenblase zerplatzt.

Niamh hält eine blau-gelb-karierte Decke auf dem Schoß. Wir wussten schon bevor wir losgelaufen sind, dass es keine freie Bank mehr für uns geben würde, also setzen wir uns, wie jeden Tag, in den Schatten der alten riesengroßen Eiche. Ich helfe dem Fast‑Geburtstagskind aus dem Rollstuhl, und sie lümmelt sich zufrieden auf die Decke, öffnet das mitgebrachte Buch, natürlich eins aus der Harry-Potter-Reihe, und versinkt augenblicklich darin. Ich setze mich im Schneidersitz neben sie und lege meine Umhängetasche ab. Die Wiese fühlt sich unter dem Stoff der Decke so weich an, dass ich nicht widerstehen kann, mich hinzulegen. Eine Weile genieße ich mit geschlossenen Augen das Rauschen der Blätter über mir, die leisen, weit entfernten Gespräche um mich herum und das gleichmäßige Blättern von Buchseiten neben mir.

Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn erst als ich die Augen wieder öffne, merke ich, wie jemand an meinen Haaren zerrt. Ich drehe den Kopf nach links, um zu schauen, ob Niamh noch immer liest. Sie ist anscheinend fertig mit Lesen, denn sie liegt genau wie ich auf dem Rücken und spielt schon wieder mit einer meiner Locken. Verträumt hält sie die dicke Strähne gegen das Blätterdach und bewundert das Farbenspiel, wenn die Sonne die Blätter durchbricht. Langsam dreht sie den Kopf zu mir und sieht mich an.

„Warum ärgerst du mich eigentlich immer?“, verlangt sie von mir zu wissen.

„Weil ich es kann und es dich ablenkt“, antworte ich ehrlich.

Niamh denkt gründlich über meine Worte nach. Ich sehe es an ihrem starren Blick, an den weit nach unten gezogenen Augenbrauen.

Aus dem Nichts heraus schnappt sie nach Luft, dreht sich zu mir auf die Seite um und wühlt nun mit beiden Händen in meinen Haaren. „Was ist das denn?“, fragt sie erschrocken, und ich spüre auf der Kopfhaut, dass sie an dem kurzen Haarbüschel zupft, das ich eigentlich in den Locken hatte verbergen wollen. „Dir fehlt da eine dicke Locke, Mae!“ Es klingt so, als würde sie gleich anfangen zu weinen oder wütend herumzuschreien. „Hast du etwa überlegt, sie abzuschneiden?“ Niamh sieht mich äußerst eindringlich an, und ich überlege krampfhaft, wie ich es ihr erklären kann, ohne ihr die Wahrheit zu verraten. Ich weiche ihrem Blick aus, zupfe an einem Grashalm herum und überlege. Als ich wieder aufsehe, bemerke ich, wie mein Schwesterlein abwechselnd immer wieder die eine, dann die andere Augenbraue im Wechsel anhebt. Jetzt spielt sie Detektivin und ich bin – oder habe – eine heiße Spur für sie.

„Ich habe dir doch von der Gruppe Jugendlicher erzählt, die immer in das Café zum Cola trinken kommt.“

Niamh nickt.

„Eine von denen hat doch immer das dringende Bedürfnis, mir am Zopf zu ziehen oder mich Hexe zu nennen. Erinnerst du dich?“

Niamh nickt wieder.

„Und heute Vormittag waren sie wieder da und als ich nach Hause kam, fand ich einen dicken blauen Kaugummi in meinen Haaren.“

Meine Schwester schlägt erschrocken die Hände vor den Mund und brummelt verärgert: “Das ist nicht dein Ernst! Das hat die nicht wirklich gemacht?“

„Doch, das hat sie“, sage ich und fühle mich dabei ein bisschen schlecht, weil ich lüge. Doch es ist für einen guten Zweck, rede ich mir ein, und das wird auch sie am nächsten Tag feststellen.

„Das tut mir leid“, sagt sie leise und schaut mich mitleidig an.

„Halb so schlimm. Die wachsen wieder“, versuche ich sie zu beruhigen.

Sie sieht wenig überzeugt aus. Dass ich das tatsächlich so gelassen hinnehme, glaubt sie mir nicht ganz. Sie schweigt jedoch und ich bin froh darüber.

Wir sitzen noch ein paar Minuten gedankenverloren auf der Decke, bis Niamh ihr Buch zuklappt und sich mühsam aufrappelt. Ich springe ihr hinterher und helfe ihr in den Rollstuhl, danach schüttele ich die Decke aus und lege sie ordentlich gefaltet auf Niamhs Schoß. Wir genießen die Wärme der Sonne auf unseren Schultern und steuern auf den großen Haupteingang mit den automatischen Türen zu.

Als wir das Krankenzimmer betreten, sitzt Oma auf dem Stuhl und strickt eine Socke. Sie sieht erfreut auf. Ihre Lesebrille sitzt so knapp auf der Nasenspitze, dass sie bei einer schnellen Bewegung einfach herunterrutschen würde. Niamh und ich gehen an dem leeren Bett vorbei und ich helfe ihr auf die eigene Matratze. Sie sieht müde aus, so wie sie da blinzelnd vor mir liegt und sich in die Decke kuschelt.

Obwohl wir draußen wohlige 27 Grad Celsius haben, ist es im Krankenzimmer nicht ganz so warm. Ich lege ihr Buch in das Rolltischchen neben ihrem Bett und verstaue unsere Decke in ihrem Schrank. Als ich mich wieder zu ihr umdrehe, fallen der kleinen Patientin beim gleichmäßigen Klackern von Omas Stricknadeln die Augen zu. Ich laufe auf Zehenspitzen zu ihr, streichele ihr über das Giraffenkopftuch und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn. Oma legt das Strickzeug beiseite, streichelt liebevoll Niamhs Hand, die auf der Bettdecke liegt, und schenkt ihr ein mitleidiges Lächeln, das meine Schwester aus der Haut hätte fahren lassen, wenn sie es bemerkt hätte. Danach verlassen wir das Zimmer. Die automatischen Türen des Krankenhauses öffnen sich und entlassen Oma und mich, leider wieder ohne Niamh, in das helle freundliche Licht und die wohlige Wärme des Sommertages, die in diesem Moment so gar nicht zu unserer Stimmung passen will. Betrübt und jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, laufen wir zu meinem Wagen.

 

***

 

Der Frisör, bei dem ich an diesem Morgen meine Haarsträhne gelassen habe, liegt nicht weit vom Krankenhaus entfernt. Ich betrete den Laden und eine Friseurin reicht mir die Klemmsträhne für Niamh. Ich bezahle und wieder spüre ich diesen mitleidigen Blick auf mir, ähnlich dem der Informationsdame im Krankenhaus.

„Danke“, bringe ich kleinlaut hervor und begebe mich zum Ausgang.

Am Morgen hatte ich mir noch überlegt, was ich der neugierigen Frisöse erzählen sollte, doch da ich so schlecht im Lügen bin, habe ich mich dann doch für die Wahrheit entschieden. Anscheinend hat sie die traurige Geschichte nicht für sich behalten können, denn als ich den Laden verlasse, zwinkert mir eine kleine rundliche Frau in Omas Alter zu. Sie atmet dabei schwer und geräuschvoll aus, zieht die Schultern nach oben und lässt sie gleich danach mit einem leisen Schnauben sinken. Was will sie mir damit sagen? Ich tue so, als hätte ich sie nicht bemerkt, laufe über den Bürgersteig, die vierspurige Straße, reiße meine Autotür auf und schwinge mich auf den Fahrersitz.

„Frag nicht!“, sage ich zu Oma, die skeptisch eine ihrer hübschen, dünn gemalten Augenbrauen nach oben zieht. Ich starte die gelbe Knutschkugel, schnalle mich an und düse, unter lautem Hupen hinter mir, aus der Parklücke.

Ich will nach Hause und mich verkriechen – sofort.

 

***

Liebes Tagebuch,

wir haben heute den 11. Juli 2013 und es ist genau 22:48 Uhr. Tag 98.

Es geht mir gar nicht gut. Ich bin sooo müde! Mae war heute mit mir spazieren. Die Sonne im Gesicht war toll, aber es hat mir Kopfweh gemacht. Der Sackenschmitt hat gesagt, dass sie mir auch kein Knochenmark geben kann, weil wir nicht passen. Das habe ich nicht verstanden. Mae hat mir erklärt, warum das Spenden nur bis zu einem bestimmten Alter erlaubt ist. Ich glaube, es war bis 55 und Oma hätte es eigentlich trotzdem gekonnt, weil sie zur Familie gehört, darf aber nicht, aus irgendwelchen anderen medizinischen Gründen. Aber warum Mae nicht spenden kann, geht nicht in meinen Kopf. Wir sind doch Schwestern, was kann denn da nicht passen? Das ist sooo gemein! Ich bin so traurig und vermisse Mama und Papa so sehr!

Morgen werde ich 11 Jahre alt und ich freue mich gar nicht! Sofie hat gesagt, das wird toll, weil ich viele Geschenke kriege, aber mein einziger Wunsch ist es, hier rauszukommen.

Kapitel 2

Fahl scheint die Sonne durch das Dachfenster auf das Fußende meines Bettes. Kleine Staubpartikel tanzen in dicken Streifen hellgelben Lichts und sorgen dafür, dass die Müdigkeit erneut Besitz von mir ergreift. Ich gähne, strecke die Zehen und pelle mich dann aus meiner Sommerdecke. Schlaftrunken stehe ich auf und stoße mir den Kopf an der Dachschräge. Na toll, das kann ja ein prima Tag werden.

Verärgert laufe ich über den zotteligen braunen Teppich zu der Giebelseite mit dem kleinen Fenster. Ich schließe es und löse das Innenrollo, sodass es der Sonne den Eintritt verwehrt. Grummelig reibe ich mir die schmerzende Stelle am Kopf und laufe durch mein Zimmer zum anderen Giebel, um dort ebenfalls das Fenster zu schließen und das Rollo herunterzulassen, damit sich das Zimmer am Tage nicht unnötig aufheizt. Ich schnappe mir einen Jeansrock und ein geblümtes gelbes T‑Shirt sowie Unterwäsche aus dem Schrank und steige die schmale Treppe in die erste Etage hinab.

Im Haus ist es still.

Seit Niamh im Krankenhaus ist, gibt es keine morgendlichen Lachattacken oder überschwängliche Bekundungen mehr darüber, wie gut sie geschlafen und was sie Wundervolles geträumt hat. Traurig trotte ich ins Badezimmer, schließe die Tür hinter mir und gönne mir eine ausgiebige Dusche, um meine Lebensgeister zu wecken.

Als ich die Küche betrete, sitzt Oma bereits mit ihrer Zeitung auf ihrem Stammplatz am Tisch. Sie knickt den oberen Teil der Berliner Morgenpost nach hinten und sieht mich darüber hinweg mit Argusaugen an.

„Schlecht geschlafen, Kind?“

„Ja … nein … ach, ich weiß es nicht.“ Meine maulige und unentschlossene Antwort sorgt dafür, dass sie eine ihrer dünnen schwarzen Augenbrauen nach oben zieht und mit der Zunge schnalzt. Ich fläze mich auf den Küchenstuhl, indem ich mich wie üblich auf mein angewinkeltes Bein setze und beide Ellenbogen auf der Tischplatte neben dem Teller postiere. Meine Stirn landet in den Handflächen und ich gähne noch einmal ausgiebig.

„Dein Haar hängt in der Butter, und ich kann es nicht leiden, wenn du so am Esstisch herumlümmelst.“

Ich hebe den Kopf aus den Händen und sehe zunächst meine gebutterte Haarsträhne, dann Omas leicht verärgerten Blick. Mit einem Schnauben nehme ich die Ellenbogen vom Tisch, löse das Bein von der Sitzfläche unter meinem Hintern und befreie mein Haar mit Hilfe von Küchenkrepp von dem Fettfilm. „Besser?“, frage ich sie, ohne zu lächeln. Oma nervt manchmal richtig mit ihren bescheuerten Tischregeln.

Sie nickt zufrieden, legt die Zeitung beiseite und gießt mir Kaffee ein. Ich angle mir ein Brötchen aus der Tüte und beschmiere es mit Butter und ordentlich Honig. Unser Frühstück verläuft meistens schweigsam, genau wie heute. Ich freue mich, nicht im Café arbeiten zu müssen und doch rückt der Job nicht in den Hintergrund. Mein Handy vibriert in der Tasche meines Rocks und ich weiß, dass es nur Christopher sein kann. Ich ignoriere es und esse mein Honigbrötchen. Dabei meldet sich das Gerät in unregelmäßigen Abständen immer wieder, und bevor ich die zweite Brötchenhälfte bestreiche, sehe ich schließlich nach. Fünf neue Nachrichten von Christopher. Ich rege mich mächtig auf und schalte das Smartphone einfach aus. Er nervt gewaltig, und ohne Koffein im Blut bin ich noch reizbarer als mit – zumindest was ihn angeht. Nach der ersten Tasse Kaffee bin ich ruhiger und ich bemerke, dass Niamh mich nicht erreichen kann, wenn mein Handy aus ist, also schalte ich es wieder ein und erhalte prompt zwei neue Nachrichten. Selbstverständlich nicht von meiner Schwester. Ich seufze.

Wenig später verlassen wir das Haus und steigen in meinen gelben Flitzer. Ich fädele mich nahtlos in den seichten Freitagvormittagsverkehr ein. So weit, so gut. Ich sehe nach links und bemerke die Straßenbahn, die auf selber Höhe mit mir fährt. Ich fühle mich provoziert und gebe etwas mehr Gas, um sie loszuwerden. Ich schaffe es, schaue rasch in den Rückspiegel und nicke mir selbst zu. In der nächsten Sekunde schaltet die Ampel vor mir auf Rot, während die komischen Punkte und Striche auf der Straßenbahnampel ihr die Weiterfahrt gestatten und sie an mir vorbeirattert. Nicht einmal diesen Sieg kann ich für mich verbuchen. Ich bremse und bleibe an der Haltelinie stehen. Eine Gruppe von fünf Jugendlichen überquert vor meiner Motorhaube die Straße und alle gucken mich an. Ein kleiner Junge auf einem Roller, der neben seiner Mutter herfährt, streckt mir die Zunge raus, und ich muss mich extrem beherrschen, nicht auf das Gaspedal zu drücken.

Kurze Zeit später positioniere ich den Wagen ordnungsgemäß in eine Parklücke vor dem Krankenhaus. Ich steige aus dem Auto und wieder piept mein Handy. Christopher! Ich lese sie später, sage ich zu mir selbst und stecke das Handy in die Rocktasche zurück. Oma hebt unterdessen den braunen Flechtkorb mit den Geschenken für unser Geburtstagskind aus dem Kofferraum und stöhnt leicht aber deutlich auf, als sie ihn auf ihrem Unterarm zurechtrückt. Ich werfe hastig meine Tür zu und renne zum Heck meines Wagens. Mit tadelndem Blick nehme ich ihr das schwere Ding ab. „Hättest du nicht einen Moment warten können?“, frage ich leicht gereizt.

„Hättest du nicht später auf deinem Handy rumdrücken können?“, fragt Oma vorwurfsvoll zurück, und ich merke, wie mir der Mund offen stehen bleibt. Oma ist immer schlagfertig, egal was ich tue oder sage, und ich finde es toll, weil wir deshalb viel Spaß haben, doch heute nervt es mich. Überhaupt ist heute ein seltsamer Tag. Ich bin schlecht gelaunt, besonders leicht reizbar und weiß einfach nicht warum.

„Nerven wie Zuckerwatte heute, Mae?“, fragt Oma tonlos. Ich schaue auf und bemerke, dass auch sie mir seit heute früh auf den Wecker geht. Eigentlich kann der Tag nur noch besser werden. Eigentlich.

In meiner Tasche vibriert mein Handy und sofort korrigiere ich meine Hoffnung. Wenn das wieder eine Nachricht von Christopher ist, hat er soeben die Zehn vollgemacht. Ich seufze und frage mich ernsthaft, auf was ich mich mit diesem Mann eingelassen habe.

Es ist kurz vor elf. Die automatischen Türen gewähren uns Einlass in das Krankenhaus und wieder steht dieselbe Informationstante, groß und brünett, in der Eingangshalle am Empfang. Wie kann es sein, dass egal, wann ich ins Krankenhaus komme, immer sie Dienst hat?

Sie grüßt. Ich grüße. Oma grüßt ebenfalls. Wir laufen zu den Fahrstühlen. Diesmal steht eine junge Mutter neben mir, an deren Bein ein strohblonder Junge festgeklebt zu sein scheint, der neugierig auf unseren Geschenkkorb schielt. Gemeinsam betreten wir den verspiegelten und immer muffig riechenden Aufzug. Der kleine Junge stürmt sofort zur Knopfleiste mit den Etagenzahlen, aber seine Mutter bremst ihn zwei Zentimeter vor dem Tastenfeld aus, indem sie ihn beherzt am Kragen packt und uns dabei anlacht.

„Ich denke mir, Sie möchten nicht in jeder Etage einen Stopp einlegen und sich jeden einzelnen Flur, der übrigens auf jedem Stockwerk vollkommen identisch aussieht, anschauen?“

Ich schüttle amüsiert den Kopf und bedanke mich. Es hätte vermutlich in einer Katastrophe geendet, wenn das Vorhaben des blonden Rabauken gelungen wäre. Wahrscheinlich hätte ich mich keine Sekunde später zu der Spiegelwand gedreht und aus purer Frustration und Verzweiflung immer wieder meine Stirn gegen die kühle und glatte Oberfläche geschlagen. Ich atme erleichtert aus und merke, wie sich ein kleines Lächeln in mein so ärgerlich verzogenes Gesicht drängt.

Lauthals quengelt der Junge weiter und er beruhigt sich erst wieder, nachdem ihm versprochen wird, dass er auf dem Weg nach unten alle Knöpfe auf einmal drücken dürfe – wie jeden Tag.

Wir verlassen den Fahrstuhl und betreten die Station. Der Flur liegt wie ausgestorben vor uns. Niemand zu hören und niemand zu sehen.

„Was ist denn hier los?“, erkundigt sich Oma bei mir, doch ich bin ebenso ratlos wie sie und zucke nur mit den Schultern. Wir laufen weiter. Auf dem Weg zu Niamhs Zimmer werden laute Stimmen deutlich und beim Näherkommen auch immer verständlicher.

Ich drücke die Klinke zu dem mir vertrauten Krankenzimmer nach unten, öffne die Tür nur einen winzigen Spalt und schon dringen mir Gelächter und wilde Rufe entgegen. Ich öffne die Tür vollständig und äußerst schwungvoll, trete einen Schritt vor, sodass ich genau im Türrahmen stehenbleibe und starre auf das Treiben vor meinen Augen. In jeder Ecke des eigentlich sehr geräumigen Zweibettzimmers steht oder sitzt eine Person. Der Raum wirkt wie ein Kinofoyer kurz bevor der Film beginnt, der an diesem Tag Premiere hat. Ich bin verwundert, überrascht und definitiv überfordert, denn eigentlich ist so viel gleichzeitiger Besuch nicht gern gesehen.

Die ansonsten kahle weiße Zimmerdecke ist unter einem bunten Meer aus Luftballons verschwunden. Nicht nur die Normalen, sondern auch herzförmige, einige in Tierform und sogar ein überdimensionaler Ballon, der aussieht wie ein Einfamilienhaus mit Vorgarten, sind zu sehen. Ich sehe durch den Spalt, den Köpfe und Luftballons bilden, und da finde ich endlich das Geburtstagskind.

Niamh sitzt mit Krone und Stab auf ihrem Bett, umringt von Freunden, anderen Patienten, Krankenschwestern sowie Pflegern, und strahlt über das ganze Gesicht. Ich rechne nicht damit, dass ihre Freude noch weiter wachsen könnte, doch als sie mich sieht, tritt ein Funkeln in ihre grünen Kulleraugen und sie wedelt wild mit dem flauschig bunten Zepter in der rechten Hand herum.

Ihr Gesichtsausdruck verdrängt in mir jegliche Verärgerung, Wut und Traurigkeit des Tages. Ich fühle mich sofort leichter und freue mich, dass es Niamh so gut geht. Vor allem, dass sie sich in der Lage fühlt, eine kleine, aber doch recht gut besuchte Geburtstagsparty zu schmeißen. Ich schlängle mich – gefolgt von Oma – durch die Gäste und muss andauernd anhalten, um jemanden zu begrüßen. Gefühlte zehn Minuten später stehen wir vor dem hübschen Geburtstagskind, das heute statt Schlafanzug ein wüst geblümtes, rotes Kleid trägt, dazu ein rotes Kopftuch mit vielen kleinen Marienkäfern drauf. Sie sieht hinreißend aus und eigentlich gar nicht krank. Neben ihr hockt Sofie auf dem Bett und ihr Gesicht strahlt ebenfalls so entzückt wie das von Niamh.

„Mae, sieh dir das an“, sagt Niamh zu mir und deutet mit einer allumfassenden Geste auf ihr Umfeld. „Von Sofie ist der Hausluftballon, ihre Eltern haben ihn vorhin mitgebracht, und von ihr habe ich auch ein neues Tagebuch bekommen.“ Sie streckt mir den rosa Traum eines jeden Mädchens entgegen, und ich erkenne ein Foto von ihr und Sofie darauf. Dann presst sie sich das Buch an die Brust, schnieft zufrieden und lässt es in ihren Schoß sinken. Wenn sie so weitermacht und jedes Geschenk in ihrem Schoß Platz findet, ist sie bald dahinter verschwunden, denke ich mir. Ich öffne gerade den Mund, um etwas darauf zu erwidern, als sie weiter drauflosplappert.

„Die Schwestern und Pfleger der ganzen Station haben mir ein Schmusekissen aus verschiedenen Stoffen genäht. Es sieht aus wie ein bunter Hundebär und hört auf den Namen ‚Hubert‘.“ Niamh holt Hubert unter der Bettdecke hervor und setzt ihn auf ihr Knie. Hubert, der Hundebär, ist niedlich. Ich finde einfach kein anderes Wort dafür. Jedes Teil seines ausgestopften Körpers hat eine andere Farbe. Irgendjemand scheint jedoch darauf geachtet zu haben, dass Pfotenballen und Schnauze aus gelbem Samt sind.

Meine exzessive Plüschtierleidenschaft hatte mit acht begonnen und mit achteinhalb geendet. Doch bei diesem Exemplar bin ich geneigt, mein Desinteresse zu überdenken.

Ich strecke die Hand aus, und während ich die gelb karierte Samtpfote von Hubert in den Fingern spüre, beginnt Niamh mit der Präsentation weiterer Geschenke.

Die nächste Stunde vergeht wie im Flug. Niamhs Glück und ihre Freude reißen mich mit. Absolut gar nichts verrät in diesem Moment, wie gefährlich Niamhs Krankheit ist.

Die akute lymphoblastische Leukämie kam vor gut drei Monaten und hat Niamh, Oma und mich seitdem fest im Griff. Mit Schrecken und einem beängstigenden Gefühl in der Magengrube erinnere ich mich an die schwerwiegende Diagnose zurück, die an einem schneereichen Märztag gestellt wurde. Bereits einen Tag, nachdem der Kinderarzt Niamh ins Krankenhaus überwiesen hatte, begann auch schon der Untersuchungsmarathon. Zwei Tage später folgte die erste Phase der Behandlung mit der Vorphase, auch Induktionstherapie genannt, in der eine fast einwöchige Chemotherapie durchgeführt wurde. Ich musste jeden Tag mit ansehen, wie Niamh kämpfte, gegen die Krankheit und die Nebenwirkungen. Die Schläuche, die ihren Körper verunstalteten und umwickelten, machten den Anblick nur noch schlimmer für mich. Ihr Flüssigkeitshaushalt wurde akribisch überwacht und mit Infusionen ausgeglichen, da zusätzlich freigesetzte Harnsäure während der Chemotherapie ihre Nieren hätte schädigen können. Die Krankenschwestern, Pfleger und Dr. Hamilton achteten jedoch auch zwischen den Chemointervallen darauf, dass Niamh ausreichend trank und so genügend Flüssigkeit bekam, um ihre Nieren zu schützen.

Ich wusste von Anfang an, dass meine Schwester gut in dieser Klinik aufgehoben sein würde. Vielleicht auch deshalb, weil unser Vater und Professor Sackenschmitt einst Kollegen gewesen waren. Trotzdem ich hatte so eine Angst, meine Schwester zu verlieren, dass ich im ersten Monat ihrer Therapie jede Nacht bei ihr im Krankenhaus geschlafen habe. Körperlich ging es mir irgendwann so schlecht, dass mich Professor Sackenschmitt an einen Tropf hängen musste, um meinen Kreislauf wieder anzukurbeln. Ich wurde des Krankenzimmers verwiesen und sollte von da an zu Hause schlafen. Kurz darauf erkrankte ich an einer Grippe und einer Fast-Lungenentzündung. In dieser Zeit hatte ich Besuchsverbot und mein Knochenmark konnten wir ebenfalls nicht testen lassen, da mein Körper bei einer bestehenden Kompatibilität nicht stark und gesund genug für eine Entnahme gewesen wäre.

Die Ärzte erzielten trotzdem gute Erfolge und so kam Niamh nach nur sechs Wochen in die zweite von vier Therapiephasen. In dieser konnte auf die Verabreichung von Zytostatika‎ über eine Lumbalpunktion verzichtet werden, da keine Krebszellen in ihrem zentralen Nervensystem vorzufinden waren. Bei diesem Eingriff wäre eine Punktion am Lendenwirbel von Nöten gewesen, um Chemotherapeutika wirkungsvoll zu verabreichen. Dreieinhalb Monate sind seit der Diagnose Leukämie vergangen und seit fünf Tagen ist meine Schwester in der Reinduktionstherapie, der dritten Behandlungsphase. Die Dauer dieser Etappe ist unbestimmt. Wochen bis Monate könne diese Phase andauern, sagte Schwester Sarah am Montag zu mir und streichelte dabei sanft und tröstend über meinen Rücken.

Niamh und Sofie schnippen vor meinem Gesicht mit den Fingern herum. Ich kehre in die Gegenwart zurück und sehe einen übermäßig großen Haufen Geschenke, welcher der Beschenkten die Beine verdeckt. Erschrocken drehe ich den Kopf und bemerke, dass über die Hälfte der vorhin noch anwesenden Partygäste schon gegangen sind.

„Wo sind die alle hin?“

„Na, Mittag essen“, antworten Sofie und Niamh gleichzeitig.

Ich schaue auf die Uhr. Tatsächlich, es ist fünf nach zwölf.

„Ich gehe jetzt auch“, sagt Sofie, „sonst isst Greta meinen Nachtisch auf. Die ist so verfressen, dass glaubt ihr mir nicht. Gestern war sie fertig und ich kaute immer noch auf diesem Hähnchending herum, was die Küche allen Ernstes als Schnitzel bezeichnet.“ Kopfschüttelnd, aber trotzdem lächelnd, verlässt Sofie zu Fuß Niamhs Zimmer. Ich bin erleichtert, dass Niamhs Freundin kurze Wege schon wieder ohne Rollstuhl bewältigen kann. Wir winken ihr zu und sie verspricht, sofort nach dem Essen zurückzukommen. Die letzten Besucher folgen ihr und wir McKees bleiben zurück.

Oma hat auf dem Stuhl in der Ecke Platz genommen und wirkt nervös. Mit den Fingern trommelt sie auf der Tischplatte herum und wartet darauf, dass die Tür sich endlich schließt. Kaum ertönt das Klicken des Schlosses, winkt sie meine Schwester zu sich. „Komm, Mäuschen“, sagt sie. „Jetzt sind unsere Geschenke dran.“

Niamh gräbt sich unter dem Geschenkehaufen auf ihrem Bett hervor und klettert raus. Dann schleicht sie mit langsamen und sehr vorsichtigen Schritten an mir und der Bettkante, auf der ich sitze, vorbei und schmiegt sich in Omas weit geöffnete Arme.

„Herzlichen Glückwunsch, Niamh“, sagt Oma und ich höre genau, wie belegt ihre Stimme ist. Die Dankbarkeit dafür, dass die Enkeltochter ihren elften Geburtstag erleben darf, macht Omas Stimme zittrig. Sie verdrückt sich eine Träne, und dieser Anblick macht mir bewusst, welch wertvolles Geschenk sich mein Schwesterherz selbst gemacht hat. Niamh lebt. Sie ist schwach, aber sie kämpft!

„Danke Oma“, erwidert sie gerührt, denn auch ihr ist die Stimmung unserer Oma keineswegs entgangen.

„Darf ich auspacken?“ Gierig grapschen ihre kleinen Hände in den Korb. „Soll das etwa alles für mich sein?“ Sie macht große Augen und die Angst ist einer Vorfreude gewichen. Niamh erwischt zuerst die Sofortbildkamera.

„Was soll ich denn damit anstellen?“ Sie dreht das klobige Gerät in der Hand, hebt es über den Kopf, dreht es einmal andersrum und sieht auch nach ihrer gründlichen Untersuchung unzufrieden aus. Sie schnauft, drückt frustriert einen Knopf und schon leuchtet der Blitz auf und das erste Foto schießt aus dem Schlitz am unteren Rand. „Cool“, sagt Niamh, fasst das Foto an dem dicken weißen Rand und verengt die Augen zu Schlitzen. „Ich kann nichts sehen“, motzt sie und hält mir das Bild erwartungsvoll vor die Nase. So nah, dass es meine Stirn berührt und ich zu schielen beginne. Ich umfasse ihren Arm, schiebe ihn ein Stück von mir weg und sehe, wie die Konturen schärfer werden.

„Sieh es dir an, Schwesterchen“, sage ich und drehe vorsichtig ihr Handgelenk.

Ihre Augen werden groß. „Das ist ja … total cool“, ruft sie hocherfreut.

Ein paar Sekunden verstreichen und ich erfreue mich an dem wunderbaren Mienenspiel von Oma und Niamh. Sie drehen das Bild, drehen die Köpfe, machen die Augen schmal und halten es mal ganz weit weg und mal unmittelbar vor ihre Nasenspitzen, um zu erkennen, was auf dem Foto zu sehen ist.

„Da sind Haare drauf“, meint Niamh.

„Und ein Ohr“, ergänzt Oma.

„Zwei Ohren sogar. Sie mal, Mae.“

Wieder bekomme ich das Bild vor die Nase gehalten und das Wort Schnappschuss passt auf dieses Foto viel besser, als zu manch anderen Bildern, welche wir in den letzten Jahren gemacht haben. Haare, Ohren und die Luftballons an der Decke. Diese drei Dinge hatte Niamh für immer festgehalten.

„Kann ich noch eins machen?“, fleht sie, als ich ihr die Kamera abnehmen will. Doch bevor ich antworten kann, hat sie das Gerät schnell gedreht und ein Selbstporträt geschossen. Dann erst legt sie das Geschenk beiseite, zieht das Foto heraus und lächelt zufrieden, als die Konturen scharf werden. „Echt jetzt, Mae, das ist sowas von megacool.“

Ihre Begeisterung ist Balsam für meine Seele. Mit jedem „cool“ zeigt sie ihre Lebensfreude. Ich bin richtig gespannt, was sie wohl zu dem nächsten Geschenk sagen wird.

„Noch eins?“, fragt sie, als Oma ihr ein weiteres Päckchen reicht.

„Natürlich, mein Kind. Du musst doch diese wundervollen Bilder sicher verstauen.“ Lächelnd lässt Oma das Geschenk los und Niamh fällt darüber her, wie sie früher sonst nur über Milchschnitten hergefallen ist.

„Cooool“, sagt sie wieder und zieht das Wort so weit auseinander, dass man denken könnte, es bestehe aus drei Silben. „Das ist so ein richtiges Fotoalbum, nä?“

„Gibt es auch falsche Fotoalben?“, erkundigt sich Oma scherzhaft.

Das Geburtstagskind nimmt Omas Frage gar nicht wahr, denn sie blättert aufgeregt in dem Buch herum und stellt fest, dass es kein ganz normales Fotoalbum ist. „Warum stehen da Felder für Tage und Orte drin? Und auf ganz vielen Seiten fragt das Buch, was am schönsten war.“

Bevor Niamhs Verwirrung zu groß wird, löse ich das Rätsel des Geschenks auf und reiche ihr die Landkarte von Irland.

„Mae, das ist nicht lustig!“, sagt sie streng und wirft einen argwöhnischen Blick auf die zusammengefaltete und mit einer gelben Schleife umwickelte Karte. „Man verpackt keine Geografie-Hausaufgaben als Geschenk. Das ist gemein, voll uncool und überhaupt gar nicht lustig.“

Total verdutzt versuche ich dem Gedankengang meiner Schwester zu folgen. Ich bin so perplex, dass ich nicht antworten kann. Ihr Blick wird düster.

„Das sind keine Hausaufgaben, du verrückte Nudel.“

Ihr Blick verdunkelt sich noch ein bisschen mehr.

Ich löse das Rätsel lieber schnell auf. „Wir beide brechen am Montag nach Irland auf, zu unseren Verwandten in Wicklow. Und da wir ein paar Tage unterwegs sein und in unterschiedlichen Städten schlafen werden, kannst du alles dokumentieren und in dieses Buch kleben und schreiben.“

Niamh macht den Mund auf und schließt ihn wieder. Sie öffnet ihn erneut und schaut von mir zu Oma und wieder zurück. Ich sehe, wie ihr die Bedeutung dieses Geschenks bewusst wird und dann kullern auf einmal dicke Tränen. „Echt jetzt? So ganz ohne Scherz?“, fragt sie mit verweinter Stimme und schnieft, als sie sich mit dem Handrücken über die Nase wischt.

„Echt jetzt“, sage ich.

„Und ganz ohne Scherz“, ergänzt Oma.

„Diesen Montag? Also in drei Tagen?“, versichert sich Niamh flüsternd.

„Ja, du und ich. Wir übernachten am Montagabend in Rotterdam.“

„Das in den Niederlanden?“, fragte sie ungläubig und hibbelig zugleich.

Geografie ist ihr Lieblingsfach und natürlich weiß sie ganz genau, dass es nur ein Rotterdam gibt.

„Nein, das in Afrika, du Nasenbär.“

Sie zieht eine Schippe, doch das aufgeregte Funkeln in ihren grünen Augen bleibt.

„Montagabend in Rotterdam. Dienstag und Mittwoch in London, am Donnerstag besuchen wir Glasgow, dann eine Nacht in Inverness bei Loch Ness und am Samstag sind wir dann in Belfast. Am Sonntag fahren wir durch Dublin nach Wicklow. Wir schlafen bei Tante Grace und Onkel Dylan und am Montagmorgen bringe ich dich nach Dublin zurück ins Krankenhaus und dort geht deine Behandlung weiter.“

„Ich bekomme wirklich eine Krankenhauspause von euch geschenkt? Was hat Professor Sackenschmitt denn dazu gesagt? Ihr könnt das doch nicht einfach so entscheiden. Was, wenn es schlimmer wird? Was ist, wenn ich unterwegs sterbe?“ Niamh erschlägt mich beinahe mit ihrer Anzahl an Fragen und mit ihrer Schnelligkeit, mit der sie sie stellt.

„Ich habe dazu gesagt, dass ich nicht begeistert bin, du jedoch für eine einwöchige Reise stabil genug bist und sich das Gesundheitsrisiko in Grenzen hält“, hören wir eine männliche Stimme. Professor Sackenschmitt steht plötzlich in der Tür und zerstreut Niamhs Sorgen. Er lächelt sogar.

Ich bin geschockt, überrascht, geplättet und vollkommen verwirrt. Ein lächelnder Herr Professor. Was für ein wertvolles Geschenk für meine kleine Schwester.

„Das heißt, ich darf wirklich?“, hoffnungsvoll schaut sie zu ihm auf.

„Ja, du darfst“, bestätigt der Professor, schiebt die Aschenbecherbrille wieder an ihren angestammten Platz zurück und lächelt erneut.

„Jeah, Roadtrip, ich komme!“ In Siegerpose stößt Niamh ihre kleine Faust in die Luft, springt auf, krallt sich die Kamera und knipst.

Professor Sackenschmitt bleibt wie versteinert stehen und auch Oma und ich wirken wie hypnotisiert. Für uns ist Niamhs gute Laune eine echte Überraschung. Sie zieht das Bild aus dem Schlitz und wedelt es durch die Luft.

„Haha, ihr seht voll komisch aus auf dem Bild. Fast, als hättet ihr einen Geist gesehen.“ Sie schüttelt amüsiert den Kopf.

„Niamh“, sagte der Professor.

„Mmh“, antwortet sie.

„Ich möchte dir deinen Geburtstag nicht verderben, aber morgen müssen wir noch einmal eine Chemobehandlung machen – deine vorläufig letzte hier. Du kannst dich am Sonntag noch im Krankenhaus erholen und am Abend darfst du nach Hause fahren, damit am nächsten Morgen eure große Reise beginnen kann.“

„Na gut“, antwortet Niamh ergeben und traurig zugleich, schmiegt sich an Oma und die Geburtstagsfreude ist dem typischen Krankenhausalltag mit seinen häufig schlechten Nachrichten gewichen.

„Ich wünsche noch einen schönen Tag. Frau OʼConnoly. Fräulein McKee. Niamh.“ Professor Sackenschmitt deutet eine kleine Verbeugung an und verlässt das Zimmer. Er fühlt sich sichtlich unwohl, nachdem er der kleinen Patientin gesagt hat, was noch auf sie zu kommt, bevor sie losfahren darf.

„Auf Wiedersehen“, sagen wir alle drei.

Kaum ist die Tür zu, löst sich Niamh aus Omas Umarmung, läuft zum Bett und holt Hubert unter den anderen Geschenken hervor. Sie kommt zurück und setzt sich auf den noch freien Stuhl. Ihre Beine baumeln in der Luft und verträumt kreist ihr Finger über die Samtnase des Plüschtiers.

„Ich habe noch ein Geschenk für dich, Schwesterchen.“

„Ehrlich? Wo denn?“

„Na hier.“ Ich ziehe die kleine bunte Schachtel aus meiner Handtasche und gebe sie an Niamh weiter, die halb auf den Tisch gekrabbelt ist und nun gierig ihre Hand ausstreckt.

Bäuchlings liegt sie auf der Tischplatte und zieht am Schleifenband.

„Deine Haarsträhne“, sagt sie ehrfürchtig flüsternd und hebt sie aus der Verpackung. „Und du hast eine Spange dran gemacht. Das ist jetzt aber mal wirklich supercool!“ Sie rutscht nun vollständig auf den Tisch und schlingt ihre Ärmchen um meinen Hals. „Danke“, haucht sie in mein Ohr und drückt mir ein Küsschen auf die Wange.

Ich ziehe sie vom Tisch herunter, bevor die Schwester mit dem Essen kommt, und sie kuschelt sich an mich. Keine Sekunde später kommt Schwester Sarah rückwärts mit dem Essenswagen ins Zimmer.

„Hallo, Ladys“, sagt sie fröhlich und bewundert erst die zahlreichen Luftballons und dann das Geburtstagskind. Schwester Sarah lässt den Wagen mitten im Weg stehen und reicht Niamh steif die Hand. „Herzlichen Glückwunsch, kleine Maus“, sagt Sarah, während die Patientin sich die Hand schütteln lässt.

„Danke für Hubert, mein Hundebär ist so niedlich“, antwortet Niamh aufrichtig und gerührt.

„Gern geschehen! Ich oder besser gesagt wir alle hier im Krankenhaus hoffen, dass er dir beim Gesundwerden hilft. Und jetzt gehe ich wieder. Übrigens: Es gibt Nudeln mit Tomatensoße.“ Mit einem kleinen Zwinkern verlässt Schwester Sarah samt Essenswagen das Zimmer.

„So, jetzt klemmen wir dir erst mal die Haarsträhne an dein Tuch und sehen, wie du aussiehst.“ Ich strecke die Hand aus, damit sie mir ihr Kopftuch geben kann. Niamh zögert. Ich warte. „Du musst nicht, wenn du nicht willst. Du kannst sie auch später anklemmen.“

„Ich möchte schon, aber ich will das Tuch nicht abnehmen.“ Niamh schämt sich ganz schrecklich für ihren kahlen Kopf, und ich sehe, wie begierig sie darauf ist, meine Haare auf ihrer Kopfhaut zu spüren, und darauf, weniger krank auszusehen.

„Gib mir ein anderes“, schlage ich vor.

Meine Schwester guckt mich verdutzt an, doch dann versteht sie mich und geht zum Schrank, sucht ein passendes Tuch aus und kommt schnell wieder zu mir zurück. In den Händen hält sie ein schwarzes Tuch, das übersät ist mit kleinen rosa Totenköpfen. „Das passt doch bestimmt prima, was meinst du?“, fragt sie mich unsicher.

„Das tut es. Gib mal her.“ Ich öffne den flachen Kunststoffklipp am oberen Ende der Haarsträhne und befestige ihn im inneren Teil des Tuches an einer überstehenden Naht. „So fertig, geh und probierʼs mal.“

Niamh reißt mir das Tuch stürmisch aus der Hand und geht, schneller als man es ihr zutraut, in das angrenzende Badezimmer. Ein lautes Quieken ertönt hinter der geschlossenen Tür und ich stürze von meinem Stuhl. Weit komme ich nicht. Niamh reißt die Tür schon auf und hält sich vor Lachen den Bauch. In ihren Augen stehen Tränen und sie schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Die dicke rote Locke, die eigentlich an der Seite hätte hängen sollen, baumelt in der Mitte ihrer Stirn und verdeckt ihre Nase. Sie sieht so dämlich aus, dass ich mitlachen muss. Die Locke hüpft auf und ab und Niamhs Versuche, sie hinter ihr Ohr zu klemmen, scheitern. Lachend verschwindet sie erneut im Bad und taucht kurz darauf wieder auf. Die Locke findet ihren Ursprung unter dem Tuch im Nacken und schlängelt sich von dort auf die schmale Schulter.

„Danke, Mae.“ Sie stolziert durch den Raum, nimmt ihr Tablett mit dem Mittagessen und stellt es auf dem Tisch ab, auf dem sie zuvor gelegen hat. „Mmh, Nudeln“, sagt sie und fängt an, ihr Mittag zu verschlingen. Die Tomatensoße spritzt und Oma und ich erweitern den Sicherheitsabstand.

 

***

 

Schneller als ich gedacht hätte, zieht der Abend über uns herein, und Schwester Karin bringt das Abendessen. Der Gratulationsstrom hatte sich gleichmäßig über den Nachmittag verteilt und Niamh wundervolle Geschenke eingebracht. Sie hatte mit der Sonne um die Wette gestrahlt, doch nun war ihr Akku leer.

Müde reibt sie sich über die Augen und bittet Oma, ihr ins Bett zu helfen. Liebevoll und zärtlich hilft Oma ihr auf die Matratze und setzt sich neben sie. Niamh lehnt an ihrer Schulter und ich sehe, wie ihre Lider tiefer und tiefer sinken. Oma beschmiert eine Scheibe Brot mit Margarine, doch kaum ist sie fertig mit dem Belegen, da ist das ausgelaugte Geburtstagskind schon fast eingeschlafen.

„Hier“, sagt Oma leise und tippt gegen ihre Schulter, um Niamhs Aufmerksamkeit zu erregen.

„Ich habe gar keinen Hunger, Omi.“ Niamhs verschlafene Stimme dringt so leise zu mir, dass ich die Ohren spitzen muss, um sie zu verstehen.

„Komm, ich füttere dich.“ Oma nimmt die Scheibe schon in die Hand.

„Ich bin doch keine drei mehr“, sagt Niamh, schnappt sich das Brot und beißt hinein.

Das ist so typisch für sie. Hilfe ist in Ordnung, solange sie nicht ihre Grenzen übertritt.

Meine kleine Schwester hat in den Monaten ihrer Krankheit seltsame Grenzen entstehen lassen. Dazu gehört nicht nur, dass wir ihren haarlosen Kopf nicht sehen dürfen, sondern auch, dass sie ihren Rollstuhl am liebsten selber bewegt. Und nun gehört auch das Füttern zu den Tabus. Ach ja, noch eins, der Name ihrer Leukämie darf niemals vollständig ausgesprochen werden. Sie bevorzugt von Anfang an die Abkürzung ALL. Niamh erklärt es uns immer mit den Worten: „Akut und Leukämie sind böse Wörter, und damit ich wieder gesund werden kann, darf man diese fiese Seuche (Ihre Worte, nicht meine!) nicht immer beim Namen nennen.“

Nach dem Essen küssen wir unsere schläfrige Partymaus auf die Wange und ich folge Oma zu den Fahrstühlen. Der Weg nach Hause geht schnell, und ich werfe mich nach der Ankunft glücklich, aber müde auf mein Sofa und schalte den Fernseher an. Mein Zimmer ist stickig. Durch die Hitze des Tages hängt in jedem Winkel die aufgewärmte Luft. Ich möchte die Giebelfenster öffnen und den Ventilator einschalten, doch ich bin so tief in den Polstern versunken, dass ein Entkommen unmöglich scheint. Ich weiß nicht, wie lange ich so daliege, aber plötzlich vibriert mein Handy und reißt mich aus meinen leeren Gedanken. Ich ahne, wer mir jetzt schreibt, sehe aber trotzdem zur Sicherheit nach. Nicht, dass Niamh etwas Wichtiges mitteilen will.

Die SMS ist von Christopher. Och, nö. Der schon wieder. Ich hadere mit mir. Will ich wirklich wissen, was er schreibt? Eigentlich nicht. Doch ich drücke auf meinem Display auf seinen Namen und die Nachricht öffnet sich.

Maeve, ich weiß nicht, wo dein Problem liegt!

Ich habe dir immer geholfen, wenn irgendwas mit

deiner Schwester war. Ich habe deine Schichten

übernommen und das ohne Murren und nun

bin ich nicht einmal mehr eine Antwort

per SMS wert?! Ich will doch nur wissen, ob

es dir gut geht und wann ich dich wiedersehe.

Melde dich! Oder sag mir, dass es aus ist!

Christopher

Betäubt und irritiert lese ich mir die Nachricht noch ein zweites und sogar ein drittes Mal durch. Er denkt, wir seien zusammen? Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Nie habe ich ihm Anlass dazu gegeben. Er ist wie ein Freund. Jedoch nicht wie mein Freund. Seit fünf Monaten arbeitet er in dem gleichen Café wie ich und seitdem gibt es nichts, rein gar nichts, was ihm Grund zu der Annahme geben könnte, dass wir ein Paar wären. Kein Anschmachten – zumindest nicht von meiner Seite aus –, keine Küsse, von einem intimen, körperlichen Kontakt ganz zu schweigen. Ich will ihn nicht, wollte ihn noch nie, aber er mich dafür umso mehr. Wie soll ich etwas beenden, was es überhaupt nicht gibt? Wie soll ich ihm das nur klar machen? Verzweiflung und Überforderung packen mich und ich werde wütend. Wütend auf mich und auf ihn. Der Mann, der mir zu Beginn geholfen hat, einen klaren Kopf zu behalten, wenn es um Niamhs Behandlung und Fortschritte ging, macht mir nun das Leben schwer. Ich schnaufe, und der Gedanke an die verzwickte Situation lässt zu der Wut auch noch eine seltsame Mischung aus Kummer und Resignation durch mich hindurchströmen.

Ich lege das Handy auf meinem Bauch ab und presse mir die Fäuste gegen die Augen. Ich habe diesen Tag mit schlechter Laune begonnen, dann war beinahe alles gut und jetzt ist meine Stimmung wieder im Keller. Dieser Idiot ruiniert diesen doch noch gelungenen Tag. Erschöpft zucke ich mit den Schultern und drücke mich tiefer in die Kissen. Seit heute habe ich Urlaub. Dann wird meine Stelle neu vergeben und ich sehe ihn nicht wieder. Eigentlich brauche ich mir keine Gedanken machen. Nur ganz kurz führe ich ein stilles Selbstgespräch darüber, wie feige ich eigentlich bin, doch dann sage ich mir, dass es Schwachsinn ist, eine Beziehung zu beenden, die gar nicht angefangen hat – und lösche deshalb Christophers Nachrichten. Abschließend lege ich das Smartphone auf die Sofalehne und schaue zum Fernseher.

Eine Weile folge ich einer Dokumentation über Otter. Diese niedlichen Tiere, an denen meine Mutter schon einen Narren gefressen hatte, und wegen denen wir unheimlich viele Tage im Zoo verbrachten. Diese Begeisterung war nicht spurlos an mir vorbeigegangen und so begann auch ich irgendwann, diese Tiere mehr zu mögen als andere. Ach Mama, ich vermisse dich so und deine Ratschläge. Nach diesem anstrengendem Tag ist es eigentlich kein Wunder, dass ich an meine Eltern denke. Doch immer wenn ich es tue, ist meine Erinnerung an die Beerdigung von vor nicht ganz vier Jahren am präsentesten. Vor allem, weil genau dieses Erlebnis auch mit einer Reise geendet hat.

 

***

 

„Lass mich schlafen, bedecke nicht meine Brust mit Weinen und Seufzen, sprich nicht voll Kummer von meinem Weggehen, sondern schließe deine Augen, und du wirst mich unter euch sehen, jetzt und immer“, rezitierte Oma schweren Herzens, dann sank sie vor dem Grab in die lockere feuchte Erde und weinte.

Das Zitat stammte von Khalil Gibran, wir hatten es an jenem Morgen in einem alten Gedichtband von Oma gefunden, und sie wollte es unbedingt vorlesen. Danach war ich dran. Niamh hielt meine Hand und stolperte hinter mir her zu dem Loch im Boden. Mir war kotzübel. Mir war schwindelig und ich hatte das Gefühl, zu ersticken. Mit der freien Hand zog ich den Zettel aus meiner Manteltasche. Es stand nicht viel darauf, und ich fand es seltsam, eine Art Gedicht vorzulesen, das von den Toten für die Lebenden zu sein schien, doch Mama hatte Rainer Maria Rilke geliebt. Ich schluckte gegen die Trockenheit in meinem Mund an, Tränen verschleierten mir den Blick und ich zitterte am ganzen Leib. Nicht einen einzigen Buchstaben konnte ich vom Zettel ablesen, aber plötzlich kannte ich jedes einzelne Wort darauf und auch die Reihenfolge. Ich zitierte den Text aus meinem Gedächtnis. „Wenn ihr mich sucht, sucht in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, lebe ich in euch weiter.“

Mein Schluchzen zum Schluss war lauter als meine Worte. Niamh umschlang meine Hüfte, presste sich an mich und rieb ihre Wange an dem Wollstoff meines schwarzen Mantels. Sie weinte nicht. Ich warf den Zettel in das Grab und legte einen Arm um meine Schwester. Das Zitat landete auf der goldenen Urne meiner Mutter, unmittelbar neben der silbernen meines Vaters. Die Übelkeit wurde schlimmer. Ich trat langsam zurück und Niamh folgte mir. Oma gab mir einen Kuss auf die Stirn und beugte sich dann zu meiner Schwester, um ihr die Wange zu streicheln. Wir kamen an Tante Grace und Onkel Dylan vorbei. Feuchte Spuren von Tränen und rotgeäderte Augen zeugten von unendlicher Traurigkeit. Ich sah weg und manövrierte Niamh durch die Menschenmenge. Ich heftete den Blick Richtung Erdboden. Noch mehr Mitleidsbekundungen und verheulte Gesichter ertrug ich einfach nicht. Über zweihundert Trauergäste waren erschienen. Papas Kollegen aus dem Krankenhaus waren am zahlreichsten vertreten. Nachbarn, Bekannte, Mamas Kolleginnen, ein paar meiner Klassenkammeraden und Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, komplettierten die Beisetzung. Es waren so viele.

„Wo gehen wir hin?“, fragte meine Schwester, löste ihre Umklammerung und griff meine Hand.

„Erstmal nur weg von hier“, krächzte ich und musste würgen.

„Wohin?“, wollte Niamh wissen.

„Ich weiß es noch nicht“, brachte ich hervor und übergab mich plötzlich in eine Hecke. Das Friedhofstor war ganz nah. Mein Magen pumpte und brannte. Seit Tagen hatte ich nichts gegessen und es kam nur Magensäure. Tränen schossen mir in die Augen und ich stützte mich mit der freien Hand an einem Baum ab. Eigentlich dachte ich, meine Tränen seien versiegt, doch unverständlicherweise waren noch immer welche übrig.

„Hier“, sagte Niamh und reichte mir eine Packung Taschentücher.

„Danke.“ Ich wischte mir den Mund ab und putzte mir die Nase.

„Ist es wieder gut?“

Niamhs Sorge tat mir noch mehr weh. „Nein, nichts ist gut. Ich will hier weg. Ganz weit weg von diesem Ort. Raus aus der Stadt.“

„Mach doch, aber nimm mich mit, bitte. Du sagst Mama und Papa sind tot und kommen nicht zurück. Was soll ich hier ohne sie? Ohne dich?“

Meine Beine gaben nach und ich stürzte. Niamh half mir, mich aufzusetzen, verhinderte, dass ich in meinem Erbrochenen landete und schob meinen Oberkörper an den Baum. Mir tat alles weh. Ich wollte das alles nicht.

„Los, komm, Maeve.“ Niamh zog an meinem Arm. „Wir fahren an die Ostsee zu dem langen Steg im Wasser.“ Sie zerrte noch mehr an mir und begann dann, nach fünf endlosen Tagen, schlussendlich doch zu weinen. Es war wie ein gebrochener Damm, der entsetzlich viel Wasser angestaut hatte. Alles bahnte sich seinen Weg nach draußen und nahm auf nichts Rücksicht.

Ich zog meine Schwester zu mir in das Laub am Stamm des großen Baums und hielt mich an ihr fest. Mein Herz zersprang und meine Seele blutete. Keine Ahnung, wieviel Zeit verging, aber mir wurde irgendwann kalt und Niamh zitterte ebenfalls. Eilig öffnete ich die Knöpfe meines Mantels und kuschelte sie darin ein.

„Sie kommen nie wieder?“, fragte sie krächzend und hielt sich an meinem Pullover fest.

„Nie wieder“, antwortete ich mit ebenso kratziger Stimme. Und doch hatte ich die bescheuerte Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es sich um Missverständnis seitens der Fluggesellschaft handelte und unsere Eltern noch lebten. Ich konnte mir nicht vorstellen, Mama und Papa nie wiederzusehen. Ich konnte es einfach nicht! Und da saßen wir. Zwei Vollwaisen an einem Baum auf dem Friedhofsgelände. Das Leben war scheiße.

Innerhalb von drei Tagen hatte sich alles verändert. Letzten Freitag hatten wir alle noch meinen 18. Geburtstag gefeiert und am Sonntag kam im Radio die Nachricht, dass ein deutsches Flugzeug, welches in Berlin gestartet war, abgestürzt sei. Wir sahen uns fassungslos an und wussten, dass wir dieselbe allumfassende Angst und Sorge verspürten. Noch bevor der Sprecher alle Informationen preisgegeben hatte, waren Oma, Niamh und ich ins Wohnzimmer gerannt und hatten den Fernseher eingeschaltet. Schockiert und mucksmäuschenstill hockten wir auf dem Sofa zusammen und lasen den roten Balken, der am unteren Rand über das Bild lief. Ich musste ihn meiner Schwester vorlesen, weil sie nicht hinterherkam und Oma nicht in der Lage war, auch nur ein Wort zu sagen. Sie saß wie versteinert auf den Polstern, stumm liefen ihr Tränen über die Wangen und sie knetete den Saum ihrer Bluse. Ich war es auch, die zur Tür gehen musste, als es klingelte, und zwei Polizisten gestattete, hereinzukommen, um uns Gewissheit und ihre Anteilnahme zu überbringen.

„Mir ist kalt. Können wir gehen?“ Niamh klang erschöpft und ausgelaugt. Am Ende des Weges tauchten die ersten bekannten Gesichter auf.

„Willst du wirklich mitkommen?“

Sie nickte.

„Also nach Ahlbeck?“, fragte ich.

„Zu dem langen Steg in der Ostsee“, antwortete sie.

„Na dann, schnell. Wenn Oma hier ist, kommen wir nicht mehr fort.“

Wir rappelten uns umständlich auf, und im Gehen klopften wir Blätter, Dreck und Äste von den Kleidern. Mein gelber Audi stand ganz nah. Ich kramte den Schlüssel aus der Handtasche und öffnete den Wagen schon von weitem.

„Maeve? Niamh? Wo wollt ihr hin?“ Oma erreichte das Metalltor.

Wir stiegen ein. Schnell startete ich den Motor und fuhr etwas zu rasant vom Parkplatz herunter.

„Anschnallen!“

Ich sah in den Rückspiegel. Niamhs Sicherheitsgurt klickte rechts hinter mir und Oma wurde immer kleiner. Dann schnallte auch ich mich endlich an. An einer roten Ampel nahm ich meine Tasche vom Beifahrersitz und reichte sie meiner Schwester.

„Schreibst du Oma eine SMS? Sag ihr, wo wir hinwollen, und dass wir in ein paar Tagen zurück sind. Dann schalte das Handy aus, ja?“

„Mhm, mach ich“, sagte Niamh traurig.

„Danke.“ Ich steuerte die Autobahn an und wusste, in weniger als drei Stunden wären wir weit weg und hätten Abstand zu allem und jedem.

 

***

 

Ich weine hemmungslos und breche unter der Erinnerung, die keinen Deut an Gewicht verloren hat, zusammen. Ich weiß noch jedes Wort. Ich kenne alle Gesichter. Ich kann sogar den Oktoberwind fühlen und das Blätterrascheln hören. Ich drehe mich zur Sofalehne und vergrabe mein Gesicht in den Kissen. Irgendwann schlafe ich erschöpft ein und mein letzter Gedanke begleitet mich auch in die Traumwelt. Warum liegen Glück und Traurigkeit so oft und so nah beieinander? Hat es was mit diesem ganzheitlichen Gleichgewicht aller Dinge zu tun, also dem Yin und Yang? Oder ist es doch nur, weil Gegensätze sich anziehen?

 

***

 

Liebes Tagebuch,

wir haben heute den 12. Juli 2013, es ist mein Geburtstag und jetzt genau 21:37 Uhr. Tag 99.

Es geht mir gut! Ich habe heute meinen 11. Geburtstag gefeiert und voll die coolen Geschenke gekriegt. Richtig cool war der Einfamilienhaus-Ballon von Sofies Eltern und mein Hundebär Hubert ist ja mal sowas von supercool.

Oma und Mae haben aber das allercoolste Geschenk gebracht. Ich fahre nächste Woche nach Irland zu Tante Grace und Onkel Dylan. Voll der Roadtrip!!! Ich bin sooo aufgeregt. :D

Aber bevor es losgeht, muss ich morgen nochmal zur Chemo. Der Sackenschmitt ist echt fies! Der tut immer voll so, als würde ihm das leidtun, aber ich denke, der meint das nicht ernst. Jetzt bin ich wieder müde und traurig!

Kapitel 3

Rückenschmerzen und drückende Luft wecken mich. Ich schlage die Augen auf und bemerke die Dunkelheit im Raum. Umständlich zerre ich ein Kissen unter meinem Rücken hervor und werfe es an das Fußende des Sofas, auf dem ich mal wieder eingeschlafen bin. Der Fernseher flimmert noch immer. Ich sehe Panzer und Explosionen. Genervt schalte ich ihn aus. Mein träger Blick fällt auf mein Handydisplay. Ich stöhne. Vier weitere Nachrichten und es ist kurz nach drei Uhr morgens. Ich robbe mich vom Sofa, öffne die noch geschlossenen Rollos und Fenster. Kühler Wind und Sternenlicht erobern mein Dachzimmer und auf dem Weg ins Bett ziehe ich mich aus und werfe meine Straßenklamotten auf das Sofa. Ein Klirren verrät mir, dass meine Gürtelschnalle gegen irgendetwas Hartes geknallt ist. Es ist mir egal. Das Letzte, was ich sehe, bevor ich erneut einschlafe, ist mein leuchtendes Handy. Der Ton ist aus, ich drehe mich einfach um und gleite in die Welt der Träume. Ich hoffe, es ist nicht Niamh, aber ich ahne, dass es eher Christoper ist.

Erst kurz vor halb acht werde ich wieder wach, ich strecke mich ausgiebig und verfluche meine tausend Kissen auf dem Sofa. Mein Rücken schmerzt und ich rolle mich buchstäblich aus meinem Bett, lande auf allen Vieren auf meinem Schaffell und stehe umständlich auf. Schlaftrunken wandele ich zur Sofalehne, greife mein Handy und gehe zum Fenster. Ich lehne mich mit der Schulter an den Fensterrahmen und lasse meinen Blick über die Dächer der Häuser und über das schlafende Berlin gleiten. Meine Finger entsperren automatisch die Tastatur und ich werfe einen flüchtigen Blick auf die angekommenen Nachrichten. Drei von Christopher – war ja klar – und eine von Niamh, welche sie mir vor zehn Minuten geschrieben hat. Meine Augen werden blitzartig größer und mein Herzschlag rast. Was für ein Schreck in der Morgenstunde. „Oh nein, lass bitte nichts Schlimmes mit Niamh passiert sein“, sage ich leise zu mir. Ich schreibe zwar jeden Tag mit ihr und das nicht wenig, doch meistens bin ich diejenige, die beginnt. Wenn sie mal vor mir eine Nachricht schickt, stimmt meistens etwas nicht.

Mit zittrigem Daumen tippe ich auf Niamhs Namen und die SMS öffnet sich. Ich halte die Luft an. Schon nach dem ersten Satz atme ich erleichtert wieder aus. Meine Schwester kennt mich einfach zu gut. Ich lächle.

Hallo Schwesterherz und guten Morgen.

Es ist alles gut bei mir, mach dir bloß keine Sorgen!!!

Ich habe nicht gut geschlafen, bin nämlich voll aufgeregt und so. :D
Und mir ist etwas supidupi Wichtiges eingefallen.

Ich brauche eine neue Regenjacke für unsere Reise.

Am besten total bunt und eine Nummer größer als die Alte, bitte.

Hab dich voll lieb <3 <3 <3

Meine Finger fliegen über das Smartphone und ich verspreche ihr, mich um die Jacke zu kümmern. Außerdem kündige ich mich für den Nachmittag an. Kaum ist die SMS versendet, bekomme ich auch schon eine Antwort.

:* :* :*

Ich drück dich und daaaaaanke <3

Wieder schweift mein Blick über die Dächer Berlins und ich werde von der aufgehenden Sonne geblendet. Ich blinzele und spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Resigniert schnaufe ich und hebe mein Handy wieder auf Augenhöhe. Zeit, mutig zu sein. Ich kläre meinen Blick, indem ich meine Tränen einfach fortblinzle. Danach öffne ich Christophers Nachrichten und stelle fest, dass sie alle ungefähr denselben Inhalt umfassen.

Obwohl ich total genervt bin, zwinge ich mich zu einer vernünftigen und klaren Antwort.

Hi Christopher,

hör bitte auf, mir Nachrichten zu schicken und mich zu bedrängen.

WIR SIND NICHT ZUSAMMEN UND WAREN ES NIE!

Kein Paar, also sollte ich das eigentlich gar nicht schreiben müssen. Bitte, lass mich in Ruhe. Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du nun aufhörst, mich zu belästigen.

Maeve

Zufrieden sende ich meine Antwort ab und hoffe, dass er endlich Ruhe gibt. Erleichtert stoße ich die Luft aus und reibe mir den restlichen Schlafsand aus den Augen. Beschwingter, als ich es nach so einer unbequemen Nacht für möglich gehalten hätte, gehe ich zum Kleiderschrank, hole mir bequeme Shoppingklamotten raus und schlüpfe hinein. Los gehtʼs.

 

***

 

Zwei Stunden später schlendere ich durch die City und betrete das dritte Geschäft für Outdoor-Bekleidung. Eigentlich sind mir die Klamotten hier immer viel zu teuer, aber da wir sie wirklich brauchen, weil das Wetter in Wicklow, bedingt durch das viele Meerwasser um die Inseln herum, häufig sehr feucht ist, bin ich diesmal vernünftig und schaue mich nach einer hochwertigen, aber nicht zu teuren Jacke um. Sofort sticht mir eine neue Jacke für Niamh ins Auge. Sie ist rosa und hellgrün und die Nähte sowie die flauschige, entnehmbare Innenjacke sind hellblau. Ich steuere darauf zu, und schon die zweite, die ich in die Hand nehme, hat die richtige Größe. Eine freundliche Verkäuferin eilt an meine Seite und bietet sich als Trägerin an. Gern nehme ich ihr Angebot an und durchforste mit ihr zusammen die Regalstangen nach einer Jacke für mich. Sie zeigt mir einige Exemplare. Eine in Rosa mit dicken weißen Punkten darauf. Eine fliederfarbene Jacke mit Zebrastreifen in Burgunderrot und eine in Dunkelblau mit fluffigen hellblauen Wölkchen drauf – allesamt sind sie zu klein. „Die Jacke, die Sie im Arm halten, ist für meine elfjährige Schwester. Für mich muss es nicht ganz so bunt sein …“

„Oh, natürlich“, sie lächelt. „Aber zweifarbig schon?“

„Ja, gerne.“

Die Verkäuferin steuert auf eine lindgrüne Jacke mit blassgelben Hibiskusblüten zu. Die Blumen sind nur angedeutet und verteilen sich ungleichmäßig auf dem Rücken und auf den Ärmeln. Ich liebe sie.

„Genau die ist es“, sage ich entzückt, und die Verkäuferin reicht mir die passende Größe. Ich schlüpfe hinein und augenblicklich wird mir warm. Sie passt wie angegossen. Auf dem Weg zur Kasse komme ich an den Wanderschuhen vorbei. Ich habe keine und meine Schwester auch nicht. Ich bremse die Verkäuferin aus und wir nehmen noch zwei Paar Schnürstiefel mit zum Kassieren.

 

***

 

Voll beladen komme ich zu Hause an und werfe die Tüten in den Flur. „Ich bin wieder da“, rufe ich gut gelaunt durch das Haus und warte auf Antwort.

„Schön, Kind. Komm her und zeig, was du gefunden hast.“ Omas Ton duldet keinen Widerspruch. Also raffe ich meine Tüten zusammen und gehe in das Wohnzimmer. Das Durchsehen der Sachen geht schnell, und Oma ist zufrieden mit meiner Ausbeute.

Wenig später sitzen wir am Esstisch und ich schlinge mein Mittag hinunter, damit ich schneller zu Niamh aufbrechen kann. Mehrmals verbrenne ich mir den Mund. Wie können Kartoffelpüree, Spinat und Rührei nur so heiß sein? Schnell spüle ich mit Wasser nach und lindere damit den Schmerz in meinem Mund und in der Speiseröhre. Dafür werde ich prompt von Oma getadelt. Sie kann es nicht leiden, wenn jemand schlingt. „Essen ist eine Kultur, schließlich kommt das Wort Esskultur nicht von ungefähr“, sagt sie immer. Natürlich hat sie auch jetzt diesen bekannten Spruch für mich parat.

„Ich weiß, Oma, ʼtschuldige“, sage ich mit vollem Mund und verliere beinahe etwas Ei. Schnell schließe ich den Mund wieder und weiche beschämt ihrem Blick aus.

„Kind, was sind das nur für schreckliche Angewohnheiten? Ich denke, wir werden in den nächsten beiden Tagen mal deine Tischmanieren auffrischen. Du blamierst dich sonst bis aufs Hemd!“ Während sie das sagt, pikst sie ein Stück Kartoffel auf ihre Gabel und schiebt sie durch den Spinat.

„Och, Omi.“ Schmeichlerisch benutze ich den verniedlichten Namen und setze nach: „Du weißt genau, dass ich prima Tischmanieren besitze. Was ich jedoch gerade gar nicht habe, ist Zeit. Ich will zu Niamh und zwar am besten jetzt sofort.“ Ich schiebe mir die übervolle Gabel in den Mund und leere damit meinen Teller. Kauend erhebe ich mich vom Tisch, räume meinen Teller, das Glas und das Besteck in den Geschirrspüler und verschwinde aus der Küche. Es tut mir schon ein wenig leid, sie so fluchtartig zu verlassen, obwohl sie gekocht hat und selbst noch nicht mit Essen fertig ist, aber es geht nicht anders. Niamh wartet. „Danke, Oma, Essen war toll. Bis später.“

Ihre Antwort ist ein gut hörbares und beleidigtes Grummeln. „Kinder…“, höre ich sie noch sagen, bevor die Badezimmertür hinter mir ins Schloss fällt. Wie eine Wilde kämme ich mir die Haare, trage frisches Deo und Parfüm auf und spüle den Mund gründlich aus. Es gibt fast nichts Peinlicheres als Spinat zwischen den Zähnen. Ein letzter Blick in den Spiegel und nur Sekunden später knalle ich die Haustür hinter mir zu.

 

***

 

Ich kann es kaum glauben, als ich die Eingangshalle der Klinik betrete. Heute steht ein Mann an der Information und lächelt freundlich. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich nun doch einiges ändert? Ich freue mich, doch nur eine Zehntelsekunde später bleibt mir das Kichern im Hals stecken. Die Brünette taucht hinter dem Tresen auf und knallt einen Riesenblätterstapel vor ihrem Kollegen auf die Arbeitsplatte. Sie begrüßt mich mit einem Nicken. Mist! Nichts mit positiven Veränderungen. Wort- und grußlos steuere ich das Treppenhaus an – kein Bock auf Fahrstuhl.

Wenige Minuten später klopfe ich an die Zimmertür meiner Schwester und trete ein. Wie Schneewittchen in ihrem Glassarg liegt sie im Bett und schaut stur geradeaus.

„Mäuschen?“

Niamh reagiert nicht.

„Niamh?“

Noch immer keine Reaktion.

Ich laufe in das Zimmer und stelle mich in ihr Sichtfeld. Sie hat Kopfhörer in den Ohren und ist deshalb taub für ihr Umfeld. Hektisch zerrt sie die Stöpsel aus ihren Ohrmuscheln, als sie mich sieht, und lächelt. „Mae, schön, dass du da bist.“

„Wie geht es dir?“

Sie zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich weiß es nicht. Mir ist heute etwas komisch und ganz flau im Bauch, aber sonst ist alles gut.“

Ich gehe zu ihr, streichle über ihre blasse Wange und richte ihre wirre Haarsträhne. „Wie war die Chemo?“

„Wie immer. Noch geht’s mir gut, aber ich habe Angst vor der Nacht und vor morgen.“ Niamh schnieft.

„Du schaffst das, Schwesterherz.“

„Ja, aber ich merke jetzt schon wieder, dass mein Mund ganz schrecklich trocken ist. Ich trinke voll viel, Mae, wirklich. Doch es hilft nicht.“

Ihre Kulleraugen glänzen, doch bevor sie anfangen kann zu weinen, lenke ich ein. „Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe“, sage ich schnell und reiße die Tüte in die Höhe.

„Du hast mir eine Jacke gekauft? So ʼne richtig bunte? Ich hoffe, die ist warm. Das letzte Mal habe ich ganz doll gefroren, als wir in Wicklow waren.“

„Das kannst du gar nicht mehr wissen. Da warst du noch viel zu klein.“

„Doch, ich weiß das ganz genau“, beginnt sie zu streiten.

„Na gut, wie dem auch sei. Mit dieser hier“, sage ich und ziehe die farbenfrohe Pracht aus der Tüte, „kann dir das nicht passieren.“

„Oh, wie cool. Sie ist bunt und perfekt.“ Erwartungsvoll streckt sie die Arme aus und zieht mir die Jacke aus den Händen. „Und die ist voll flauschig innen.“ Sie schmiegt ihre Wange an den Teddy-Stoff, schließt die Augen und genießt den Kontakt sichtlich. Für einen kurzen Moment ist die Chemo vergessen und ich freue mich, sie auf andere Gedanken gebracht zu haben. Als Niamh die Augen wieder öffnet, sagt sie: „Die hast du gut ausgesucht, große Schwester“, und seufzt zufrieden.

„Danke“, erwidere ich erleichtert und reiche ihr den Karton mit den Schuhen.

„Schuhe auch?“

„Ja, du brauchst dort wetterfeste und deine anderen vom letzten Jahr sind bestimmt zu klein.“

Niamh würgt. „Pfui, sind die hässlich. Gab es die nicht auch in schönen Farben?“

„Die sollen nicht schön sein, Mäuschen, sie sollen die Füße trocken und warm halten.“

„Mir egal. Die sind sowas von uncool, die ziehe ich nicht an!“ Bockig verschränkt sie die Arme vor der Brust und sieht mich trotzig an.

„Na dann nicht. Du sollst jedoch wissen, dass ich genau die gleichen habe, und da wir nicht nur Rotterdam und London sehen, sondern auch nach Glasgow und Inverness fahren werden, dachte ich mir, bequeme und wasserdichte Schuhe seien eine gute Idee.“

Sie verzieht keine Miene.

„Aber die Jacke magst du?“

„Ja“, antwortet sie leise.

„Gut, du darfst die Jacke behalten, wenn du auch die Schuhe anziehst.“

Sie knirscht mit den Zähnen, sonst nichts.

„Niamh McKee?“

„Was ist?“, blafft sie mich an.

„Du trägst die Schuhe, wenn du die Jacke haben möchtest.“

„Das ist voll die Erpressung, so geht man nicht mit Kranken um“, schimpft sie genervt und voller Tadel. „Und du hast wirklich genau die gleichen?“

Ich nicke.

„Na dann haben wir beide hässliche Schuhe an. Das kann ich dann wohl ertragen.“

Einen kurzen Moment zieht Ruhe ein und Niamh betrachtet ihre neue Jacke eingehend.

„Willst du rausgehen?“

Sie schüttelt den Kopf. „Kein Bock.“

„Was möchtest du dann machen?“, frage ich aufmunternd und nehme ihr die Klamotten ab.

„Keine Ahnung, ich fühl mich schlapp und habe zu nichts Lust. Kann ich liegenbleiben, Mae?“

„Klar darfst du das. Ach, und bevor ich es vergesse, ich nehme deine getragenen Sachen und Kopftücher mit. Dann wäscht Oma die schnell noch, und am Montag hast du dann alles sauber und gebügelt für die große Reise.“

Sie nickt schwach, sagt aber nichts.

„Willst du weiter dein Hörbuch hören?“, frage ich und deute mit einem Nicken auf ihren MP3-Player.

Nun zuckt sie unentschlossen mit den Schultern.

„Pass auf. Du hörst jetzt noch ʼne Weile dein Hörbuch und wenn ich gleich wiederkomme, erzähle ich dir eine von Mama und Papas Geschichten.“

„Okay, aber bleib nicht zu lange weg.“ Schon stöpselt sie die Kopfhörer wieder in ihre Ohren.

Ich fülle ihr Glas bis zum Rand mit Wasser und lasse sie allein.

 

***

 

Als ich zurückkomme, schläft meine Schwester. Das Wasserglas auf ihrem Nachttisch ist leer. Ich setze mich neben ihrem Bett auf den Stuhl, ziehe mein Smartphone aus der Tasche und lese die letzten zwei Bestätigungsmails der Hotels in Glasgow und Belfast. Das wird bestimmt eine tolle Reise werden. Ich überlege mir Sehenswürdigkeiten und besondere Ausflugsziele, die meine Schwester begeistern könnten. Wo müssen wir unbedingt hin? Den Hafen in Rotterdam werden wir prima vom Hotelzimmer aus sehen. Den Ärmelkanal werden wir mit der Fähre überqueren. Da gibt es sowieso einiges zu sehen. Möwen, die Kreidefelsen und das Dover Castle. London ist dann einfach. Millennium Wheel, Buckingham Palace, die Harry-Potter-Tour und Madame Tussauds. Außerdem will ich unbedingt einen Abendspaziergang an der Themse machen und durch den Hyde Park laufen. Was ich in Glasgow sehen will, weiß ich noch nicht. Aber in Inverness werden wir am Wasser sitzen und die Oberfläche des Loch Ness betrachten. Ich stelle mir gerade vor, wie Nessie vor uns auftaucht und Niamh mit ihrer neuen Kamera einen wunderschönen Schnappschuss macht. Das wird ihr sehr gefallen.

Niamh schläft noch eine ganze Weile, während ich unsere Ausflüge plane. Daran merke ich, wie erschöpft sie ist. Als kurz nach halb fünf Sofie ins Zimmer poltert, lege ich meinen Zeigefinger auf die Lippen und symbolisiere ihr, leise zu sein. Sie winkt mich zu sich und ich stehe, ganz steif vom langen Sitzen, auf. Leise schließe ich die Tür und schaue auf dem Krankenhausflur in Sofies trauriges Gesicht. Sie ist ohne Rollstuhl unterwegs, was wohl heißt, dass es ihr besser geht.

„Wann kommt Niamh wieder?“

„Das kann ich dir nicht beantworten, Sofie.“

„Aber warum denn nicht?“, fragt sie mit piepsiger Stimme und Tränen kullern über ihre Wangen.

„Weil ich nicht weiß, wie lange wir bei unserer Tante bleiben werden.“

„Aber ihr kommt wieder.“ Es hört sich nach einem Befehl, nicht nach einer Bitte an.

„Bestimmt.“

„Gut und bis dahin meldet ihr euch bei mir, wann immer ihr könnt, okay?“

„Aber sicher. Niamh könnte sowieso nichts und niemand davon abhalten, ihrer Freundin Bericht zu erstatten.“

„Na, dann ist ja gut“, sagt Sofie besänftigt und schnäuzt sich die Nase. „Kommst du mit mir einen Kakao trinken?“

„Klar doch“, antworte ich und schon sind wir auf dem Weg in die Cafeteria.

Zwanzig Minuten später betrete ich Niamhs Zimmer erneut. Sie schläft immer noch. Zuerst fülle ich ihr leeres Glas auf, dann sammle ich ihre Sachen ein, die gewaschen werden müssen. Das zweite leere Bett benutze ich unerlaubterweise als Ablage, damit ich mir zunächst einen Überblick verschaffe kann, bevor ich alles in den Tüten verstaue. Als diese in einer Reihe an der Wand stehen, höre ich Niamhs Bettdecke rascheln. Der schläfrige Blick meiner Schwester findet mich.

„Du bist noch da?“

„Natürlich, wo sollte ich denn sonst sein?“

„Bei Oma, Koffer packen.“

Müde und trotzdem frech, dafür liebe ich meine Niamh. Ich schenke ihr ein breites Grinsen und setze mich auf ihre Bettkante.

„Wenn du willst, kannst du fahren, Mae. Ich bin so müde und will nur schlafen.“

„Bist du sicher?“ Ihr Rausschmiss verletzt mich, obwohl ich sie verstehen kann.

„Ja, total. Geh, pack meinen Koffer und vergiss nichts. Und lass bitte dein Handy an.“

Niamhs Stimme klingt belegt vor Kummer und Sorge. Sie fürchtet sich vor der Nacht, und wieder einmal bedauere ich es, nicht bei ihr sein zu dürfen. „Mein Handy wird an sein und Schwester Sarah hat heute Nachtschicht. Sie wird auf dich aufpassen und dich trösten, wenn es dir schlecht geht.“

„Das ist gut“, antwortet sie tonlos und trinkt das Glas leer.

 

***

 

Ich sitze in Niamhs Kinderzimmer auf dem weichen Teppichboden und sortiere, was sie gebrauchen kann und was mit muss. Immer wieder schweifen meine Gedanken zu ihr ins Krankenhaus. Eine Schwere, die ich nicht weiter beschreiben kann, drückt mich zu Boden und lähmt meine Glieder. Immer wieder sehe ich auf mein Handy. Nichts. Zum Glück.

Ich packe weiter, und als ich wenig später den pinken, mit lila Ranken gemusterten Trolley schließe, hallt das Klicken der Verschlüsse laut in meinen Ohren. Ich wache aus meinem Dämmerzustand auf und wundere mich, wie mir das Packen überhaupt gelungen ist. Zur Sicherheit lasse ich die Verschlüsse noch einmal aufschnappen und hebe den Deckel an. Alles drin und ordentlich obendrein.

Zufrieden ziehe ich den Koffer über den Flur der ersten Etage und stelle ihn vor dem Fenster neben der Treppe ins Dachgeschoss ab. Mein braun-rosa-karierter Trolley holpert hinter mir die Treppe nach oben. Für mich selbst finde ich Koffer packen doof, und so vergeht noch einmal etwas Zeit, bis ich damit ebenfalls fast fertig bin. Mein Handy piept – Niamh schreibt.

Mae, noch habe ich nicht gekotzt und ich

fühl mich auch noch nicht schlecht. Ich hab schon

so viel getrunken, als ich grad zum Klo bin, hat es in

meinem Bauch voll gegluckert. Das ist nicht schlimm,

hat Schwester Sarah gesagt und dass ich auf jeden Fall

artig (komisches Wort) weitertrinken soll. Antworte!!!

Ich schüttele amüsiert den Kopf und lege meine T‑Shirts ordentlich in den Koffer. Dann erkläre ich ihr das selten benutzte Wort artig und schreibe ihr, dass ich froh bin, dass ihr nicht übel ist. Ich ermahne sie, auf Schwester Sarah zu hören, und verbleibe mit einem: „Bis später“.

 

***

 

Der Abend drückt die Sonne langsam und doch stetig dem Horizont entgegen, als mein Trolley polternd jede einzelne Treppenstufe nach unten poltert. Ich stelle ihn neben den von Niamh und laufe nach unten zu Oma. Ich finde sie auf der Terrasse unter einem Sonnenschirm hinter dem Bügelbrett stehend.

„Die letzten Teile, Mae. Ich habe mir gedacht, ihr nehmt noch einen kleinen, dritten Koffer mit. So habt ihr mehr Staumöglichkeiten und könnt die Schmutzwäsche darin sammeln.

Worüber die Frau sich alles Gedanken macht, ist wirklich erstaunlich, denke ich. Laut sage ich: „Super Idee, Oma.“

„Ich weiß“, ist ihre selbstzufriedene Antwort und sie schenkt dem Bügeleisen wieder mehr Aufmerksamkeit als mir.

„Wo haben wir denn noch einen?“

„Bei mir im Schlafzimmer. Ich habe ihn dir schon rausgeholt. Er steht vorm Bett.“

„Okay, ich seh mal nach.“ Mit diesen Worten verdrücke ich mich wieder ins Haus. Wenn er nach Mottenkugeln oder 4711 riecht, will ich ihn auf gar keinen Fall!

Erleichterung durchflutet mich, als ich ihn öffne und er nach fast nichts riecht. Oma ist eigentlich auch eher der Chanel-No.5-Typ. Der Koffer ist vom gleichen Modell, nur eine Größe kleiner wie der von Niamh und mir. Zufrieden stelle ich ihn neben die Treppe, die in die erste Etage führt. Ich bemerke sofort, dass ich etwas Wichtiges verschludert habe, denn eigentlich hatte ich hier schon Anfang der Woche die zwei Wasserkisten für die Reise hinstellen wollen. Mist. Voll vergessen.

„Bin nochmal weg“, schreie ich durchs Haus und bin weg.

Im Null-Komma-Nix stehe ich mit meinem Einkaufswagen an der Kasse im Getränkemarkt und bezahle das Wasser. Noch bevor Oma realisiert, dass ich weg war, bin ich auch schon zurück und stelle die Kisten übereinander neben den noch leeren Trolley. Erledigt, denke ich zufrieden und ziehe mein Handy hervor. Kein Anruf, aber eine SMS von Niamh.

Ich hab keinen Hunger und ausgerechnet heute haben

die hier die leckere Wurst. Wegen dem Pudding bin ich

nicht traurig, der schmeckt irgendwie immer nach

Schoko-Wasser, eklig! Was macht mein Koffer?

Antworte!!!!!!!!!!!

Noch mehr Ausrufezeichen hätte sie nicht hinter ihre Aufforderung setzen können. Typisch, Niamh. Ausrufezeichen haben bei ihr einen ähnlichen Stellenwert wie cool. Ich schreibe ihr, dass der Koffer fertig gepackt ist und dass wir das mit dem leckeren Essen nachholen werden. Dann gibt es auch mal einen richtigen Schokoladenpudding. Da sie nicht schreibt, dass es ihr schlecht geht, frage ich auch nicht extra nochmal nach. Ich versende die Nachricht auf dem Weg zur Terrassentür und renne dabei beinahe Oma um.

Verärgert schnalzt sie mit der Zunge. „Hier, pack das ein!“ Sie drückt mir den Stapel Kleidung in die Hände. „Hat Niamh sich gemeldet?“

„Ja, alles klar soweit. Sie meckert über das Essen und noch scheint es ihr gut zu gehen“, erkläre ich Oma.

„Warum telefoniert ihr eigentlich nicht? Wir haben ihr doch extra das Telefon neben dem Bett freigeschaltet.“

„Telefonieren ist eine gute Sache, wenn ich die Möglichkeit zum Sprechen habe, sonst ist das mit den SMS einfach praktischer.“

„Wenn du das sagst“, entgegnet Oma, klingt dabei jedoch wenig überzeugt. Sie dreht sich um und geht. Im Türrahmen bleibt sie noch einmal stehen und dreht sich zu mir um. „Apropos Essen. Bist du hungrig?“

„Ein wenig“, entgegne ich, doch mein knurrender Magen straft mich Lügen. Koffer packen macht hungrig.

„Tomate und Mozzarella?“

„Gute Idee. Ich bringe nur schnell den Stapel weg und dann helfe ich dir.“

Das Abendbrot verläuft, wie so häufig, schweigend. Niamhs quirlige Gesellschaft fehlt uns. Gerade bei den Mahlzeiten, die wir immer gemeinsam verbringen, vermissen wir das Schnatterinchen besonders.

Nach dem Essen genießen wir die warme Abendsonne des endenden Tages. Bei einem Eiskaffee sitzen wir gemütlich in den Sonnenstühlen auf der Steinterrasse. Ich sauge die letzten Strahlen auf und döse vor mich hin.

„Maeve?“

„Hm?“, reagiere ich schläfrig.

„Glaubst du, wir machen das Richtige?“ Unsicherheit schwingt in ihrer Frage mit.

 Mit der Hand schirme ich die Sonne ab und drehe den Kopf zu ihr. „Das verstehe ich jetzt nicht. Wir haben das doch gemeinsam entschieden und alles dafür in die Wege geleitet. Du hast mich sogar ermutigt, mit ihr nach Wicklow zu fahren, als ich an dem Sinn und den damit verbundenen Anstrengungen mit mir gehadert habe.“

„Ich habe Angst um Niamh. Und nun, da die Abfahrt so unmittelbar bevorsteht, weiß ich nicht so recht, ob der Entschluss, den wir getroffen haben, wirklich der richtige ist.“

„Unsere Entscheidung wurde doch von Professor Sackenschmitt bewilligt und als ungefährlich abgesegnet. Es wird keine Probleme geben.“ Hoffentlich, füge ich still hinzu. „Er hätte es doch sonst nie erlaubt.“

Natürlich habe auch ich Angst um Niamh, vor allem, weil mir bewusst ist, dass sämtliche Verantwortung in dieser einen Woche allein auf meinen Schultern lasten wird.

„Ja, das hat er. Aber ich kann meine Sorge um sie kaum im Zaum halten.“ Oma vergräbt ihr Gesicht unsicher in den alten faltigen Händen und taucht sogleich daraus wieder hervor.

„Ach, Omi“, sage ich sanft. Die starke Maisie OʼConnoly zweifelt sonst nie an ihrem gesunden Menschenverstand und ihre Bedenken lassen den Keim der Skepsis in mir erblühen.

Sie nimmt die Hände vom Gesicht. „Ich habe die letzte Nacht kein Auge zugetan und du weißt, dass ich mir immer über alles Gedanken mache.

„Und Sorgen“, ergänze ich hastig. „Du sorgst dich um so viel, selbst um die farblich passenden Klammern, wenn du Wäsche draußen aufhängst. Als ob irgendein Nachbar darauf achtet, geschweige denn deshalb beurteilen würde, was du für eine Hausfrau bist.

„Hey“, echauffiert sie sich, und ich lache über ihren Gesichtsausdruck.

„Der Zuspruch vom Herrn Professor beruhigt mich und hat es sogar geschafft, ein klein wenig Vorfreude aufkommen zu lassen, nimm mir die nicht wieder weg.“

„Es tut mir leid. Eigentlich wollte ich das gar nicht mit dir bereden, aber manchmal kann ich eben nicht aus meiner Haut.“

„Ich weiß, aber dann frag doch einfach nach, bevor du erneute Zweifel in mir säst.“ Ich hocke mich neben ihren Stuhl und umfasse ihre Hände. „Sie schafft das und es wird ihr gut tun! Du wirst sehen, wie sie diese eine und eigentlich viel zu kurze Woche genießen wird. Schneller als wir denken können und als es uns lieb sein wird, liegt Niamh wieder in einem Krankenbett, nur diesmal in Dublin, und erhält die nächste Chemo.“

„Ich bete, dass du recht hast. Aber es ist schön, dass du dieses Vertrauen besitzt.“ Sie lächelt schwach und befreit ihre Finger aus meinen Händen.

Als ich aufstehe und meine Knie durchdrücke, versinkt die Sonne zusammen mit der aufkeimenden Sorge hinter der Stadt und färbt den Himmel in ein spektakuläres Rot mit intensiv orangenen Flecken und lila Rändern.

 

***

 

Liebes Tagebuch,

wir haben heute den 13. Juli 2013 und es ist genau 19:27 Uhr. Tag 100.

Wieder eine Chemo geschafft! Noch geht es mir gut! Aber ich will nicht, dass es Nacht wird. Ich merke jetzt schon, dass mir ganz komisch im Bauch ist, und das Trinken hilft nicht gegen den trockenen Mund. Hubert, mein Hundebär, passt auf mich auf, und morgen komme ich für eine Woche aus diesem doofen Krankenhaus raus. Jetzt bin ich müde und muss schlafen!

Kapitel 4

Der Klingelton einer SMS reißt mich unsanft aus dem Schlaf. Ohne das Licht anzuschalten und mit geschlossenen Augen, taste ich nach meinem Handy. Selbst durch die geschlossenen Lider blendet mich die Displaybeleuchtung. Vorsichtig öffne ich sie einen Spalt breit und sehe verschwommen Niamhs Namen. Es ist halb drei Uhr nachts. Sofort beschleunigt sich mein Puls und dröhnt heftig in meinen Ohren. Ich reiße die Augen auf. Die Nachricht erscheint, bevor ich sie überhaupt lesen kann. Alles ist für einen Moment unscharf. Dann lese ich die Wörter.

Maeve? Bist du wach?

Kein gutes Zeichen. Ich frage, was los ist, und warte. Die Sekunden bis zur Antwort vergehen zäh wie Sirup, und ich rapple mich in eine halbsitzende Position, während ich das Handy umklammert halte und mit der freien Hand die Nachttischlampe einschalte. Das Klicken des Schalters ertönt gleichzeitig mit dem Klingelton.

Kotzen ist scheiße! Ich sterbe, Mae.

Alles tut so weh!

Verdammte Scheiße. Es geht wieder los. Die Nacht nach der Chemotherapie ist für Niamh immer die schlimmste. Ich frage sie, ob Schwester Sarah bei ihr ist. Wenn nicht, würde ich im Krankenhaus anrufen und ihr Bescheid sagen.

Ich bin hier, Maeve. Mach dir keine Sorgen, ich pass

auf Niamh auf. Ihr Zustand ist normal, nichts

Besorgniserregendes, nur die Übelkeit, wie immer.

LG Schwester Sarah

Erleichtert atme ich aus, schließe kurz die Augen und lehne meinen Kopf an die Wand. Sarah ist bei ihr. Niamh ist nicht allein. Dann tippe ich schnell einen Dank und sende die SMS ab. Keine zehn Sekunden später erscheint Niamhs Name wieder im Display.

Gerne, wir sehen uns später.

Schwester Sarah

Wieder schließe ich die Augen und versuche tief durchzuatmen. Meine Augen brennen, so doll versuch ich, nicht zu weinen. In diesen Momenten wünsche ich mir immer meine Eltern zurück. Ich vermisse sie mehr denn je, und der Kummer darüber, dass sie nicht mehr bei mir sind, und die Sorge um Niamh lassen mein Herz bleischwer werden. Als die erste Träne über meine Wange läuft, gibt es auch für die anderen kein Halten mehr. Ich schluchze und weine, wegen allem was nicht so ist, wie es sein sollte. Als ich meine Nase putze und mir über die verquollenen Augen reibe, kommt schon wieder eine SMS an.

Jetzt istʼs wieder besser, Mae. Ich geh jetzt

noch mal ins Bett. Bitte komm mich nachher ganz

früh besuchen!!!!!!

Ich verspreche es ihr. Nachdem ich das Handy auf den Nachttisch gelegt und den Schalter an der Lampe ausgeknipst habe, kuschele ich mich in meine Decke und versuche wieder einzuschlafen. Es dauert ewig, bis mein Gedankenkarussell aufhört, sich zu drehen. Dann döse ich ein, aber ich finde keinen Schlaf. Ich bewege mich die ganze Nacht auf der Schwelle zwischen Schlaf und Wachsein.

Kaum, dass der Sonnenaufgang den neuen Tag erweckt, bin auch ich munter, jedoch vollkommen unausgeschlafen. Es ist kurz nach halb sechs Uhr morgens, und im ersten Moment ärgere ich mich extrem, schon die Augen offen zu haben. Dann durchflutet mich die Erinnerung an Niamhs SMS in der Nacht und die Sorgenwelle umspült mich von Neuem. Energisch schlage ich meine Decke zurück und stehe auf. Ich schnappe mir den Jeansrock vom Vortag und ziehe aus dem Schrank ein dunkelblaues Shirt ohne Ärmel, dafür aber mit einem Wasserfallkragen, heraus. Ich hüpfe die Stufen nach unten, um langsam wach zu werden, und knalle beinahe mit dem rechten Bein gegen Niamhs gepackten Trolley. Ich ziehe das Bein noch rechtzeitig weg, doch mein Zeh prallt gegen eine der harten Plastikrollen. Jaulend lasse ich meine Klamotten auf die Stufen fallen. Ich fluche wie ein Rohrspatz und setze mich polternd auf die Stufen. Der Schmerz zieht in die Wade und wird noch ein wenig stärker, bevor er nachlässt. Ich ziehe meinen Fuß ins Blickfeld und untersuche ihn nach offensichtlichen Verletzungen. Glück gehabt. Kein Blut und nichts, was blau anläuft. Fußnagel intakt und erst recht nichts gebrochen.

„Maeve?“

Oh nein, ich habe Oma geweckt. „Alles gut, Oma. Ich habe mich nur gestoßen.“

„Nur gestoßen? Das klang, als ob du die Treppe heruntergefallen wärst und das Geländer gleich mit abgerissen hättest. Ist wirklich alles gut? Ich kann dir Eis bringen.“

„Nein, danke. Es geht schon. Ich denke, das Scheppern klang weitaus schlimmer, als die Verletzung wirklich ist.“

„Du bist also doch verletzt?“ Schon kommt sie die Treppen nach oben. „Von wegen nichts passiert“, grummelt sie laut. Sie bleibt vor mir stehen und beugt sich über meinen Fuß, den ich noch immer in den Händen halte, und begutachtet die Verletzung. Natürlich schnalzt sie mit der Zunge. Ein Geräusch, was so fest zu Oma gehört wie die Sterne zur Nacht und bei jeder Gelegenheit zu passen scheint. „Das sieht nicht gut aus.“

Erschrocken schaue ich von ihr auf meinen Fuß und inspiziere jeden Millimeter sehr genau. Da ist nichts Ungewöhnliches. Ich merke den Puls noch überdeutlich an der betroffenen Stelle, doch eine optische Veränderung bleibt mir verborgen. „Was meinst du?“, frage ich unruhig.

„Er ist blass und die Ränder sehen verschwommen aus.“

„Welche Ränder sind verschw–“, ich spreche nicht weiter, denn die Erkenntnis schlägt ein wie ein Blitz. „Ach Oma, klar sieht mein Fuß komisch aus. Besonders wenn er so nah ist und du deine Lesebrille nicht trägst.“

Zu meiner Überraschung gluckst Oma erst ganz leise und beginnt dann lauthals zu lachen. „Ich habe mich schon gewundert, warum dein Fuß aussieht wie eine ungleichmäßige Kartoffel.“

„Eine Kartoffel?“ Mein Fuß sieht mit Sicherheit auch unscharf hübsch aus. Wie kann Oma nur Kartoffel dazu sagen?

Sie nickt und lacht weiter.

Was für eine Frechheit, denke ich minimal verärgert und muss grinsen. Situationskomik ist eine sehr merkwürdige Sache. „Kartoffel“, wiederhole ich nun amüsiert und steige in ihr Lachen ein.

Einen Moment lang kichern wir wie Grundschulkinder, dann fragt Oma unvermittelt: „Was machst du so früh schon auf den Beinen, Kind?“

Mit dieser Frage lenkt sie unser spaßiges Zusammentreffen in eine komplizierte Richtung.

„Niamh und Schwester Sarah haben heute Nacht geschrieben“, antworte ich ihr betrübt.

Oma schlägt die Hände auf den Mund und weitet erschrocken die Augen. „Schlimmer als sonst?“, haucht sie durch ihre beringten Finger.

„Es war nicht schlimmer als sonst. Doch ich erschrecke jedes Mal darüber, wie direkt und heftig Niamhs Nachrichten in dieser Situation sind. Jedes Mal möchte ich sofort ins Krankenhaus fahren und sie dort rausholen.“

„Sie wollte lieber wieder tot sein, stimmtʼs?“

Und nun kehrt der Kloß von letzter Nacht in meinen Hals zurück, meine Zunge fühlt sich dick an und klebt scheinbar am Gaumen fest. Ich nicke. Das reicht Oma als Antwort.

„Das arme Kind.“ Oma streicht mir mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht und küsst mich tröstend auf den Scheitel. „Du bist eine tolle große Schwester“, flüstert sie in mein Haar. „Und du wirst mal eine großartige Mutter sein, wenn du eigene Kinder hast. Kümmere dich um unser Mädchen, umsorge sie und gib alles, was du kannst, damit ihr morgen fahren könnt. Du hast recht, es wird ihr gut tun und es ist die richtige Entscheidung.“

Eine Weile hocken wir noch auf den Treppenstufen beisammen. Irgendwann stehe ich langsam auf und humple ins Bad. Mein verletzter Zeh schmerzt mehr, als ich nach dem ersten Schritt vermutet hatte. Ich beiße die Zähne zusammen und hinke zum Waschbecken.

Nach der Katzenwäsche und dem Anziehen verlasse ich das Badezimmer und laufe wieder ganz normal. Oma sitzt noch immer auf der Treppe und schaut gedankenverloren aus dem Fenster.

„Ich fahre jetzt. Kommst du später nach?“

Erschrocken dreht sie den Kopf zu mir. „Oh, was hast du gesagt?“

„Ich habe gesagt, dass ich jetzt losfahre und dich gefragt, ob du später nachkommst.“

„Ja, fahr los, ich komme später nach. Ich glaube, ich frage Frau Müller, ob sie mich mitnimmt, wenn sie zur Arbeit fährt.“

„Gut, dann bin ich jetzt weg.“ Ich gehe die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, und als ich im Flur in meine Ballerinas schlüpfe, höre ich, wie Omas Zimmertür zugeht.

Ich düse in einem Affenzahn zu Niamh. Schwester Sarahs Schicht geht nur bis sechs Uhr und ich bin schon zehn Minuten drüber. Hoffentlich wartet sie auf mich. Die Straßen und der Parkplatz sind richtig leer. Irgendwie komisch in so einer Millionenmetropole, aber auch hier beginnen die Sonntage etwas später.

So wie es aussieht, ist die Information noch nicht besetzt. Kein Wunder, die offizielle Besuchszeit beginnt ja auch erst in knapp drei Stunden. Ich laufe schnell über den frisch gereinigten Marmorfußboden. Hier und da sehe ich die gelben Warnschilder, die ein stürzendes schwarzes Männchen zeigen. Zwei Raumpflegern begegne ich ebenfalls.

Ich trete aus dem Fahrstuhl und sehe sofort Schwester Sarah, die in Privatkleidung an der Tür zum Schwesternzimmer lehnt und noch mit einer Kollegin spricht.

„Guten Morgen“, sage ich und sofort dreht sie sich um.

„Was machst du denn hier? Hast du mal auf die Uhr gesehen?“

„Ja, habe ich, aber ich wollte dich noch treffen, bevor du nach Hause fährst.“

„Das ist dir scheinbar gelungen“, scherzt sie und dreht sich nun vollständig zu mir um.

Ihr Lächeln zeigt mir, dass es Niamh gut geht, sonst hätte sie eine ganz andere Miene aufgesetzt.

„Wie geht es ihr?“

„Wieder besser. Sie ist gegen halb fünf eingeschlafen. Das Schlimmste hat sie vorerst überstanden, aber wirklich gut geht es ihr noch nicht. Sie muss viel trinken, Maeve! Falls das Erbrechen auch heute Vormittag weitergehen sollte, lass sie noch eine Nacht länger bei uns. Du kannst sie dann besser morgen früh abholen.“

„Natürlich, wenn du das sagst.“ Mein Magen krampft sich ängstlich zusammen, doch ich versuche das innere Toben nicht nach außen dringen zu lassen. Sie hatte die Nacht über genug mit Niamh zu tun. Da wäre ein Nervenzusammenbruch meinerseits eher unangebracht für ihren wohlverdienten Feierabend. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, sage ich deshalb schnell, lächele sie an und ziehe ein Päckchen aus meiner Handtasche.

Schwester Sarah nimmt es entgegen und dreht es so, dass sie lesen kann, was auf der CD drauf steht. „Deep Relax? Sehe ich so abgespannt und erschöpft aus?“, fragt sie forsch und grinst dabei von Ohr zu Ohr.

„Wenn ich ehrlich bin, nein. Aber ich weiß, wie es hier manchmal abgeht, und da dachte ich mir, das wäre ein gutes Geschenk.“

„Danke, Maeve. Aber am meisten freue ich mich über die Schokolade. Es gibt keine bessere Nervennahrung – und dann auch noch eine Dreihundert-Gramm-Tafel Vollmilchschokolade mit Popcorn. Lecker! Du hast genau die richtige Wahl getroffen, schön süß und ein bisschen Kinofeeling, danke.“

Sie verabschiedet sich von ihren Kolleginnen und ruft mir ein „Tschüss“ hinterher. Ich winke ihr nach und biege kurz darauf um die Ecke auf den Gang zu Niamhs Zimmer.

Die Station schläft noch. Es ist ziemlich ruhig und meine Schritte hallen unwahrscheinlich laut den Flur entlang. Diesmal klopfe ich nicht an, sondern gehe einfach ins Krankenzimmer hinein. Niamh schläft ganz friedlich in ihrem Bett und holt bei jedem Atemzug tief Luft. Mein Blick fällt auf die Uhr. Es ist 6:18 Uhr. Danach schaue ich zum Wasserglas, es ist leer. So früh war ich noch nie hier. Ich gehe auf die Fensterfront zu, hebe den einen Stuhl leise an, nehme ihn vom Tisch weg und stelle ihn leise zwischen dem bodentiefen Fenster und Niamhs Bett ab. Anschließend fülle ich das Glas wieder voll, kippe ein Fenster an und nehme behutsam auf dem Stuhl Platz. Im Zeitlupentempo öffne ich so leise wie möglich den Reißverschluss meiner Handtasche und ziehe ein Prospekt mit Sehenswürdigkeiten in Glasgow und eins von Belfast heraus.

 

***

 

Gegen neun Uhr sehe ich das erste Mal auf die Uhr. Niamh hat sich in der Zwischenzeit keinen Millimeter bewegt und schläft wie ein Murmeltier. Ich bin noch nicht ganz durch mit den Reisetipps für Glasgow, da kommt Schwester Traudel mit dem Frühstück ins Zimmer.

„Guten Morgen“, flüstert sie und stellt das Tablett auf dem rollbaren Nachttisch ab.

„Guten Morgen“, antworte ich ebenso leise.

„Alles in Ordnung?“, erkundigt sich Schwester Traudel.

 „Ja, sie schläft schon seit Schwester Sarah sie wieder ins Bett gebracht hat“, bestätige ich.

„Das ist gut. Du solltest sie jedoch wecken, wenn sie bis zehn Uhr noch nicht wach sein sollte. Sie muss etwas essen und vor allem trinken.“

„Das werde ich. Danke.“

„Gern geschehen“, flüstert die Kinderkrankenschwester und zwinkert mir zu. „Ach, bevor ich es vergesse. Herr Professor Sackenschmitt wird gegen Mittag zur Visite hier sein und dir dann sagen, wann ihr losfahren dürft. Ich finde es übrigens wundervoll, wie du dich um deine Schwester kümmerst. Ich wünsche euch von ganzem Herzen alles Gute, viel Erfolg und endlich mal wieder ein paar schöne Tage.“

„Danke, Schwester Traudel.“

Sie verlässt das Zimmer und schließt die Tür mit einem Klicken.

Nach diesen Worten sitzt wieder ein fetter Kloß in meinem Hals. Dieses Mitgefühl und überschwängliche Lob für etwas, was für mich vollkommen selbstverständlich ist, rührt mich sehr. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass mein Plan mit meiner an Leukämie erkrankten Schwester durch Europa zu fahren, doch nichts Alltägliches ist.

Ich versinke wieder in meiner Lektüre über Glasgow und dessen Geschichte, als meine Schwester anfängt, sich zu regen und sich auf meine Seite dreht.

Sie gähnt, blinzelt und reibt sich die Augen. „Maeve?“, fragt sie verblüfft. Noch ein Gähnen.

„Niamh, guten Morgen“, wünsche ich ihr und streichle ihr über das zerknautschte Gesicht. Auf ihrer gesamten linken Wange trägt sie das Knittermuster ihres Kopfkissens.

„Was machst du denn schon hier?“, fragt sie schläfrig und ihre Augen schließen sich langsam wieder.

„Dafür sorgen, dass du nicht gleich wieder einschläfst, sondern erst etwas trinkst. Ganz einfach.“

Ein halbherziges Lächeln lässt ihre Zähne aufblitzen, es erreicht jedoch nicht ihre Augen. Sie nimmt mir das Glas aus der Hand und leert es in großen Schlucken. Danach sinkt sie wieder in die Kissen und streckt ihre Hand aus, um meine zu ergreifen „Hab ich dich heute Nacht geweckt?“ Schuldbewusst sehen ihre grünen Kulleraugen zu mir auf und ich sehe in ihnen das schlechte Gewissen.

Aufmunternd antworte ich: „Ich war noch wach und hab eine Dokumentation gesehen.“ Glatt gelogen, aber das weiß Niamh ja nicht.

„Halb drei Uhr nachts? Was kam denn Spannendes?“, fragt Niamh nach. Ihre Stimme ist schwach, und trotzdem merke ich den Argwohn in ihrer Frage. Sie kennt mich einfach zu gut. Ich möchte ihr jedoch kein schlechtes Gewissen bereiten – sie hat es schon schwer genug –, also schwindele ich einfach noch ein wenig weiter. „Über den zweiten Weltkrieg und welche Auswirkung er auf die Zukunft hat.“ Das war ja nicht ganz so weit hergeholt, schließlich lief vorgestern Nacht irgendwas mit Panzern und Explosionen im Nachtprogramm.

„Oh ja, sehr spannend. Jetzt ärgere ich mich, dass ich es verpasst habe.“ Niamhs Aussage trieft vor Sarkasmus und das, obwohl sie kaum die Kraft hat, die Augen offenzuhalten.

„Es war wirklich, ähm … interessant.“

„Ja klar, Mae. Und ich habe mir heute Nacht zusammen mit Ron Weasley Berlin angeschaut.“ Verärgert kneift sie die Augen zusammen und ihre Lippen werden zu Strichen. „Ich bin nicht doof. Nur krank, also erzähl mir doch keinen Quatsch.“

„Ich –“, versuche ich zu antworten, als Niamh sich ganz plötzlich verkrampft aufsetzt, sich den Bauch hält und anfängt zu würgen. Eilig springe ich auf, angele mir den Mülleimer unter dem Tisch hervor und halte ihn Niamh vors Gesicht. Mein Puls ist bei 180 und mein Herz hämmert so stark gegen meine Brust, dass ich denke, mein Brustkorb reiße gleich auseinander. Niamh ist kreidebleich und kleine kalte Schweißtropfen entstehen auf ihrer Stirn. Sie hält sich den Bauch und erbricht sich unter Stöhnen und Wimmern in den Mülleimer. Tränen kullern über ihre Wangen, aber noch ist der Brechreiz nicht vorüber. Der saure Geruch steigt mir in die Nase und mir wird ebenfalls schlecht. Niamhs Magen krampft und pumpt weiter. Ich halte den Eimer mit einer Hand fest und mit der anderen streichle ich meiner kleinen Schwester behutsam über den Rücken, während ich selbst versuche, die Luft anzuhalten. Magensäure und Wasser landen plätschernd im Eimer. Noch mehr Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn und das Gurgeln in ihrem Bauch schürt meine Angst. Ich nehme die Hand nur widerwillig von ihrem Rücken und betätige schnell den Klingelknopf für die Krankenschwestern. Gleich darauf streichle ich weiter. Weinend und keuchend hängt Niamh über dem Eimer und zittert am ganzen Körper. Nun umklammert sie den Rand des Eimers selbst und ich lasse ihn los. Ich greife nach der verrutschten Decke und ziehe sie um sie herum.

Währenddessen wird die Tür geöffnet und Schwester Traudel stürmt mit schnellen, kurzen Schritten auf die Patientin zu. „Was ist los?“, fragt sie autoritär und schiebt mich ein Stück zur Seite, um Niamh besser ansehen zu können. Ich sehe, wie sie vorsichtig ihren Kopf anhebt und einen kurzen Blick in den Eimer wirft. „Noch nichts gegessen?“, fragt sie, während sie ihr die Druckmanschette anlegt und aufpumpt.

Niamh bewegt langsam den Kopf hin und her. Die Farbe, die sie vor wenigen Sekunden in leichten Zügen zurückerhalten hatte, weicht einem Kalkweiß und sie erbricht sich erneut. Wieder fließen Tränen und sie klappert mit den Zähnen.

Mir blutet das Herz, Niamh so hilflos und ausgeliefert zu sehen. Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Ich nehme schwankend auf dem Stuhl Platz und überlasse das Feld der Krankenschwester. Die Sekunden fühlen sich an wie Stunden, niemand sagt etwas. Husten, Keuchen und Weinen – zusammen mit dem Geruch der Magensäure – vermischen sich im Zimmer.

„Blutdruck und Puls sind fast normal“, vermeldet Schwester Traudel über Niamhs Hustenanfall und das Gurgeln hinweg.

Zusammengesunken und unsicher kauere ich auf dem Stuhl, ziehe ein Bein auf die Sitzfläche und beobachte die beiden. Niamhs gluckernder Bauch beruhigt sich, das Pumpen und die Würgeanfälle lassen ebenfalls nach. Sie schnieft und wimmert, doch den zweckentfremdeten Mülleimer benötigt sie zum Glück nicht mehr.

Plötzlich dreht sich die Kinderkrankenschwester zu mir um und fragt ziemlich ernst: „Was war der Auslöser?“

„Sie hat ein Glas Wasser getrunken und sonst nichts.“

„Mmh“, macht Schwester Traudel. „Wir probieren es gleich noch einmal mit einer halben Banane. Wenn Niamh sie verträgt, gibt es kurz darauf die zweite Hälfte und etwas Wasser dazu. Okay?“

Schwester Traudel dreht sich wieder zu meiner Schwester um und nimmt ihr den Eimer ab. Ich stehe auf, krame in meiner Tasche nach Tempos und zupfe ein Papiertaschentuch aus der Packung. „Hier, Mäuschen“, sage ich und reiche Niamh das Taschentuch.

„Bin gleich zurück“, verkündet Schwester Traudel und verschwindet mit dem Mülleimer aus dem Zimmer.

Elefantengleich trompetet Niamh in das Tuch und verlangt schweigend mit ausgestreckter Hand nach Nachschub. Noch einmal schnäuzt sie sich äußerst laut und zieht dann ein drittes Tuch aus der Packung, um die Tränen fortzuwischen.

„Besser?“, frage ich behutsam und versuche sie anzulächeln. Es scheint mir zu gelingen, denn Niamh lächelt ebenfalls, doch – wenn es überhaupt möglich ist – sogar noch halbherziger als ich selbst. Nur ein Mundwinkel hebt sich und das winzige Lächeln wird von einem Schluckauf unterbrochen. Meine arme kleine Schwester.

„Geht“, antwortet sie nasal auf meine Frage, legt langsam ihre Beine über die Bettkante und schiebt sich nach vorn.

„Was machst du da?“, frage ich schockiert und habe schon die Arme ausgestreckt, um sie an den Schultern zurück ins Bett zu schieben.

„Ich muss meinen Mund ausspülen und aufs Klo muss ich auch.“

„Ich bring dich.“

„Aber nur bis zur Tür. Den Rest kann ich alleine.“ Ihr Tonfall ist streng und duldet keinen Widerspruch.

„Ja, gut. Aber du lässt die Tür unverschlossen.“ Nun dulde ich keine Widerworte. Murrend lässt sie sich von mir zum Badezimmer führen und schließt die Tür vor meiner Nase. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Als mir kurze Zeit später die aufgehende Zimmertür beinahe ins Gesicht schlägt, schrecke ich hoch. Auch Schwester Traudel sieht mich schockiert an und presst beide Hände auf ihr Herz. Sie ist zwar nicht mehr die Jüngste, doch diese Geste wirkt absolut übertrieben.

„Alles in Ordnung?“, fragen wir gleichzeitig, schweigen kurz und müssen dann doch lachen. Es tut gut, dass die Angst um Niamh abfällt, beziehungsweise für einen winzigen Moment verdrängt wird. Ich atme tief ein, und die Kinderkrankenschwester stellt einen neuen, sauberen Mülleimer unter den Tisch. Anschließend hebt sie das Tablett an, legt die Banane auf den rollbaren Tisch mit dem Telefon und stellt das restliche Frühstück auf dem anderen Tisch ab. Unterdessen höre ich die Toilettenspülung und dann, wie Wasser ins Waschbecken läuft. Die Tür öffnet sich und die kleine Patientin bleibt mit hängenden Schultern zwischen uns stehen.

„Geh wieder ins Bett. Iss die halbe Banane und trink einen kleinen Schluck. Ich denke, es wird diesmal drinnen bleiben.“ Schwester Traudel richtet ihren Blick auf mich. „Sollte noch etwas sein, klingle einfach, Maeve.“

Noch bevor ich antworten kann, ist sie an mir vorbei und raus aus dem Zimmer.

Ich begleite Niamh zum Bett. Erschöpft kuschelt sie sich in die Decke, streckt einen Arm aus, nimmt die Banane und beißt ein kleines Stückchen ab. Sie kaut langsam und unmotiviert und würgt sie beinahe herunter. „Die ist eklig“, sagt sie murrend, bevor sie den nächsten Mäusebissen tut. Die gelbe, gebogene Frucht gehörte noch nie zu Niamhs Lieblingsessen. Weintrauben und Erdbeeren – damit kann man meine Schwester locken. Doch an einer einzigen Banane kann Niamh, wenn sie es will, zwei Stunden sitzen, um sie zu verspeisen.

Die Zeit vergeht und wir reden und planen unsere Tour. Nebenbei knabbert Niamh die Banane auf und behält jetzt endlich alles drinnen. Ihre kreidebleiche Haut bekommt etwas Farbe zurück, obwohl sie noch immer kilometerweit davon entfernt ist, rosig und gesund auszusehen.

Zwischendurch taucht noch einmal Schwester Traudel auf und bringt einen Eimer. „Nur zur Sicherheit“, meint sie und verlässt das Krankenzimmer gleich wieder.

Kurz nach zwölf öffnet sich die Tür und Professor Sackenschmitt begibt sich, gefolgt von zwei anderen mir völlig unbekannten Ärzten, im Stechschritt zum Fußende des Bettes.

„Guten Tag, Fräulein McKee. Guten Tag, Niamh“, begrüßt er uns und studiert konzentriert Niamhs Krankenakte.

 

***

 

Zwanzig Minuten später schließt sich die Tür hinter dem Kittel-Trio. Niamh und ich sind enttäuscht, weil sie noch nicht nach Hause darf. Der Professor hat mir geraten, sie aufgrund der langanhaltenden Übelkeit erst morgen früh abzuholen. Was blieb mir da anderes übrig, als ihm beizupflichten. Er weiß ja schließlich, was er tut.

Eine gute Stunde schweigen Niamh und ich. Wir sind geknickt wegen der Planänderung und wissen gerade gar nicht, was wir mit der zusätzlichen Zeit im Krankenhaus anfangen sollen. Unser Schweigen drückt auf mein geschundenes Gemüt und bald schon halte ich es nicht mehr aus. „Mäuschen“, sage ich und hole meine Schwester aus irgendeinem Tagtraum heraus. Ich sehe, dass sie ihn abschüttelt und mich erschrocken anstarrt.

„Was?“, fragt sie motzig.

„Willst du irgendwohin?“

„Klar, am besten nach Hause und zwar jetzt.“ Ihr trotziger Tonfall verrät, wie verärgert sie über die Verordnung des Professors ist.

„So habe ich das nicht gemeint, Niamh.“

„Ach, echt jetzt? Ich habe schon gedacht, du willst mich entführen, damit ich hier weg komme.“ Die volle Breitseite ihres Sarkasmus trifft mich.

Ich sehe sie mitleidig an.

„Lass das, Mae. Guck nicht so. Ich hasse das!“ Sie macht eine wegwerfende Handbewegung und dreht mir im Liegen den Rücken zu. „Es ist besser, wenn du jetzt gehst“, befiehlt sie und ihre Stimme zittert. Um ihre Aufforderung zu unterstreichen, zieht sie sich die Bettdecke über den Kopf.

Ich stehe auf und lege meine Hand um eines ihrer Fußgelenke, während ich um das Bettende gehe, und streichle einmal sanft ihr Bein.

Sie schnaubt und schüttelt mich ab. „Verschwinde!“

Ich gehe und schließe leise die Zimmertür. Ich mache einen Schritt zur Seite, lehne mich mit dem Rücken an die Wand und gleite heulend daran nach unten. Ich bin einfach zu erschöpft, um in diesem Augenblick noch aufrecht zu stehen, und fühle mich unheimlich hilflos. Ich umschlinge meine Knie mit den Armen und lege meine Stirn darauf ab. Es tut so weh, Niamh so unglücklich zu sehen. Nie hätte ich gedacht, dass für sie eine Welt zusammenbricht, wenn sie diese eine Nacht noch im Krankenhaus verbringen muss, und dass sie mich mit solch einer Missachtung bestraft, trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Natürlich wäre auch ich froh gewesen, wenn ich sie schon heute mit nach Hause hätte nehmen können. Doch wenn uns der Professor davon abrät, dann höre ich auf ihn und befolge seinen Ratschlag.

Sie ist erst elf, rede ich mir wie ein Mantra ein. Bockig und launisch zu sein, gehört eben einfach dazu. So in Gedanken versunken, höre ich plötzlich eine Stimme neben mir.

„Maeve? Was ist los?“

Erschrocken drehe ich mich zu ihr um und donnere mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Sofie hat mich hilflose Gestalt auf dem Flur entdeckt und stört jetzt meinen Gedankenflug, indem sie mir meinen Namen direkt ins Ohr flüstert.

„Sofie“, sage ich immer noch arg mitgenommen, verziehe schmerzerfüllt das Gesicht und wische die Tränen fort.

„Was ist mit dir? Oder ist was mit Niamh?“, fragt sie mich ganz aufgeregt und schaut mich mit großen Augen an.

Ihre Besorgnis schlägt mir entgegen, und ich verspüre sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr scheinbar einen Schrecken eingejagt habe. „Nichts Schlimmes. Es ist nur …“, ein Schluckauf unterbricht mein Sprechen, „… sie hat mich aus dem Zimmer geschmissen, weil sie heute noch nicht raus darf.“

„Wieso nicht? Aber ihr fahrt doch morgen.“ Sofie klingt verwirrt und ratlos. Sie setzt sich neben mich auf das Linoleum des Krankenhausflurs und hakt einen Arm bei mir ein. Ihr Seufzer ist theatralisch genug, um mich etwas aufzuheitern, doch ich bekomme die Mundwinkel einfach nicht nach oben.

„Wir dürfen ja auch fahren, doch es passt ihr überhaupt nicht, dass sie heute Nacht nicht daheim schlafen darf.“

„Das ist so typisch für sie. Beim Mittag macht sie auch ständig aus ʼner Mücke ʼnen Elefanten und dreht voll ab.“

Ich lächle Sofie entschuldigend an und bin froh über ihre Gesellschaft und ihre Worte. „Sofie, würdest du mir einen lieben Gefallen tun?“, frage ich sie, nachdem ich mich beruhigt habe und mir da so ein Gedanke gekommen ist.

Aufmerksam sieht sie mich an. „Klar, was denn?“

„Würdest du zu ihr gehen und sie ein bisschen ablenken und vor allem trösten?“, bitte ich sie, da ich mir immer noch hilflos vorkomme.

„Aber sicher“, sagt sie ohne Umschweife, steht munter auf und reicht mir die Hand.

Sie ist nur ein knappes Jahr älter als Niamh, doch durch ihren längeren Aufenthalt im Krankenhaus, ist sie gelassener und gleichzeitig routinierter im Umgang mit schlechten Nachrichten. Ich bewundere sie für ihre Lebenskraft und Vernunft. Beides sind Attribute, die sowohl bei mir als auch bei Niamh viel zu häufig für eine gewisse Zeit verschwinden.

Ich nehme ihre Hand und richte mich mit ein bisschen Hilfe von ihr auf. „Ich danke dir, Sofie.“

„Dafür nicht, das mache ich gerne. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss meine Freundin trösten.“ Sie geht lächelnd an mir vorbei, öffnet die Tür und ruft: „Der Miesepeter hat Besuch.“

Keine Sekunde später ist die Tür zu, ich stehe allein im Flur und schaue den langen Gang entlang. Ich komme mir etwas verloren vor. Ich möchte in diesem Zustand noch nicht nach Hause fahren, es würde mir sehr schwer fallen, Oma alles zu erklären.

Also entscheide ich mich für ein Eis aus der Cafeteria und verbinde damit einen Spaziergang um das Krankenhaus. Wieder so ein schöner Sommertag und nichts von dem, was ich tue, macht mich wirklich glücklich. Es gibt so viel, wonach ich mich sehne. Ich möchte, dass Niamh gesund ist. Ich möchte einen Freund haben, der mich in den Arm nimmt, wenn mich alles überfordert. Ich möchte meine Eltern zurück.

Schniefend sinke ich auf irgendeiner Bank im Krankenhauspark zusammen und schmolle, bis mich mein Handy wieder zurück in die Realität holt. Verärgert ziehe ich es aus der Rocktasche. Der Ärger verfliegt sogleich, als ich Niamhs Namen lese.

Kannst zurückkommen. Bin nicht mehr böse auf dich.<3

Sofie scheint ganze Arbeit geleistet zu haben. Ich antworte, dass ich auf dem Weg bin und laufe zurück zum Gebäude.

 

***

 

Liebes Tagebuch,

wir haben heute Sonntag, den 14. Juli 2013 und es ist genau 18:12 Uhr. Tag 101 im Krankenhaus.

Die letzte Nacht war richtig schlimm. Ich habe beinahe vorm Klo geschlafen, so doll hab ich gebrochen. Schwester Sarah war da und hat auf mich aufgepasst. Sie ist sowieso die Allerliebste hier, und als ich heute Morgen wach geworden bin, saß Mae neben meinem Bett. Die war fast so blass, wie ich es immer bin, und dann hat sie mich angeschwindelt und gesagt, dass sie noch wach war, als ich geschrieben hatte. War sie nicht, wusste ich ganz genau. Dann hab ich mich nochmal übergeben, und der blöde Professor hat gesagt, ich darf heute nicht nach Hause.

Zum Glück hat er die Reise nicht verboten!!!!!!!!!!

Dann hab ich Mae verjagt, weil ich so wütend war, und mich später entschuldigt, weil Sofie gesagt hat, dass sie doch nichts dafür kann und es deswegen unfair war, sie anzumotzen. Der Nachmittag war noch richtig lustig, und ich bin gar nicht mehr so traurig darüber, dass ich noch eine Nacht hier schlafen muss. Morgen fahren wir los und ich freu mich ganz doll. Sofie will von jeder Stadt, in der wir schlafen, ʼne Postkarte haben. Hab ihr auch versprochen, jeden Tag eine zu schicken. Hoffentlich weiß Mae, wie das geht. So, jetzt gibt es Essen und dann muss ich mich für die lange Fahrt nach Rotterdam ausruhen. Ich freu mich so!

Kapitel 5

Das Auto ist beladen, nun fehlen nur noch Niamh und ich. Oma steht neben dem Wagen in der Einfahrt, und ich sehe ihr an, dass sie bekümmert ist. Sie nestelt an dem Saum ihrer Strickjacke herum, während ich den Kofferraum schließe. Ihr Flug nach Dublin ist zwar schon gebucht, doch die zweiwöchige Trennung scheint ihr überhaupt nicht zu behagen. „Ach, Oma“, sage ich gerührt und umarme sie, dann drehe ich ihr und unserem Haus den Rücken zu. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich. So, als hätte mein Unterbewusstsein Angst, nicht zurückzukommen. Ich drehe mich doch noch einmal um und sehe mir unser hübsches Häuschen besonders gründlich an. Ich präge mir jedes Detail unserer Fassade genauestens ein. Die braunen Fensterrahmen und den Kletterefeu dazwischen, den beigen Außenputz, die roten Dachziegel und die Blumenkästen, die überall vor den Fenstern, neben der Einfahrt und im Vorgarten verteilt stehen. Ich speichere jedes Detail ab, sauge es auf wie ein Schwamm und komme kurz darauf zu dem Schluss, dass ich ruhigen Gewissens wegfahren kann. Also steige ich in meinen gelben Flitzer, starte ihn und lasse die Autofenster runter. Während ich aus der Einfahrt rolle, strecke ich den Arm aus dem Fenster und winke Oma und unserem Haus mit einem merkwürdigen Gefühl im Bauch zum Abschied.

Im Empfangsbereich des Krankenhauses registriere ich zuerst die brünette Rezeptionistin – wie jeden Tag. Sie ist fleißig, telefoniert und sortiert gleichzeitig etwas weg. Als wir auf einer Höhe sind und ich eigentlich wie immer die Fahrstühle anpeile, winkt sie mich zu sich, anstatt nur zu grüßen. Ich bin irritiert. Zuerst drehe ich mich um, weil ich denke, dass hinter mir noch jemand wäre. Aber da ist niemand, den sie hätte meinen können, und auch zwischen uns befindet sich keine weitere Person. Mein Zögern scheint sie zu amüsieren, denn sie kichert und winkt mir erneut zu, während sie weiterhin telefoniert. Ich biege in ihre Richtung ab, bleibe vor dem Tresen stehen und warte, bis sie ihr Gespräch beendet hat.

„Maeve McKee?“, fragt sie mit kratziger Stimme und legt den Hörer beiseite.

„Ja?“ Meine Verwirrung ist nun vollends ausgewachsen. Woher kennt sie meinen Namen?

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960871705
ISBN (Buch)
9783960875192
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366787
Schlagworte
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Autor

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    Julia Bohndorf (Autor)

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Titel: Wo der Regenbogen anfängt (Liebe, Drama)