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An Tagen wie diesen (Kurzgeschichte)

von Nadin Hardwiger (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Liebe Eltern, kennt auch ihr diese ganz speziellen Tage, an denen das Glück euch nicht einfach nur so auf die Schulter tippt, sondern euch nach allen Regeln der Kunst umarmt?

 

Impressum

booksnacks

Erstausgabe Mai 2017

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-204-7

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
fotolia.com: © Alena Ozerova
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Agi und Peta

Kinder

Was eine Kinderseele

aus jedem Blick verspricht!

So reich ist doch an Hoffnung

ein ganzer Frühling nicht!

Hoffmann von Fallersleben

»Mama!«

Stille.

»Maaama!«

Warum kommt sie nicht?

»Maaama! Maaama! Maaama!«

»Pst, leise …«

Endlich huscht sie in mein Kinderzimmer. »Mama, wo warst du?«

»Es ist zwei Uhr nachts! Ich musste erst wach werden.«

»Ich habe dewartet und danach habe ich deruft Maaama

»Leise, ich höre es. Was ist denn los?« Mit ihren beiden Händen streicht sie mir die Haare aus dem Gesicht, die sich aus meinem Schlafzopf gelöst haben.

»Weißt du Mama, ich habe deträumt.«

»Das ist schön. Aber nun lege dich bitte wieder hin und träume weiter.«

»Ich habe von einer lila Prinzessin deträumt. Mit einer lila Trone und lila Zöpsen und lila Schuh. Alles lila!«

»Das hast du wirklich fein geträumt. Und jetzt magst du bestimmt ganz schnell weiterträumen.«

»Aber ich will was dinken.«

»Ich möchte bitte.«

Selbst im Halbschlaf schafft meine Mama es, mich zu verbessern.

»Ich hole dir Wasser.«

In der Zwischenzeit ordne ich meine Freunde in meinem Bett, mein Platz ist genau in der Mitte zwischen Puppe Lilani und Bärchen Violetta.

»Hier bitte, trink vorsichtig, damit das Bett trocken bleibt.«

Ja, ja, wie immer. Ich trinke einen Schluck Wasser und reiche meiner Mama den Becher zurück.

»Das war alles? Dein Mund ist kaum nass geworden!« Sie gibt mir den vollen Becher zurück.

»Na dut.« Da ist ganz schön viel drin, so viel mag ich doch gar nicht, aber Mami wacht darüber, dass ich weiter trinke.

Ich bummele eine bisschen und nach der Hälfte gibt sie nach und nimmt den Wasserbecher an sich. »Schlaf schnell, mein Schatz, morgen spielen wir weiter.«

Sie drückt mir ein Küsschen auf die Nase und ich umarme sie fest.

»Mami?!«

»Schlaf schön, Emmchen!«

»Mami, ich muss auf die Toilette.« Das fällt mir gerade ein.

»Ach Kind, das fällt dir jetzt ein!« Ihre Stimme flattert wie unser grüner Wellensittich Bubi, wenn er zurück in seinen Käfig soll. »Bist du dir sicher?«

»Danz wirklich.« Ich ziehe mir den Schlafsack aus und rutsche rückwärts von meinem Große-Mädchen-Bett.

»Sei bitte leise, Felix schläft.« Mami hebt mich hoch und trägt mich ins Bad, das finde ich ausgesprochen nett.

»Mama, schau was ich tann!« Meine Beine schlenkern lustig hin und her, während ich auf der Toilette sitze.

»Emma bitte! Ich bin zu müde für deine Kunststücke.«

»Na dut.« Ich hopse von der Toilette und klettere auf den Hocker vor dem Waschbecken. Mama spült mir die Hände ab. Jetzt zwickt es in meinem Bäuchlein: »Mami, ich habe Bauchweh.« Ich gucke sie an, sie soll es wegmachen!

»Emmi, nicht das noch.« Sie kräuselt die Stirn. »Musst du noch etwas anderes auf der Toilette machen?«

»Ich dlaub schon.« Ich hüpfe vom Hocker und erklimme erneut die Toilette.

Tatsächlich! Mami hat recht. »Fertig!«

Doch anstatt sich zu freuen, faltet Mami die Stirn noch doller.

»Nicht so laut!«, grummelt sie mich an. »Nach dem Gutenachtkuss habe ich dich gefragt, ob du nicht lieber noch einmal ins Bad gehen möchtest.«

»Nein, da musste ich nicht.« Ist doch klar. Wir waschen unsere Hände zum zweiten Mal.

»Was macht dein Bauchweh?«

»Ist dut.«

»Das freut mich. Schnell ins Bettchen, du kleine Katze.«

»Ich bin teine Tatze!« Warum sagt sie Katze zu mir, ich bin eine Emma. »Warum sagst du Tatze zu mir?«

Mami lacht: »Weil Kätzchen nachts mit Behagen durch die Gegend streunen und wach sind, anstatt zu schlafen, so wie du.«

»Warum?«

»Och Emmchen, können wir das bitte morgen besprechen.« Sie hebt mich hoch und geht mit mir aus dem Bad, nicht ohne mich zu ermahnen, leise zu sein. Immer das Gleiche. Fest kuschele ich mich an sie. Mmh, wie fein sie nach Mami duftet.

In meinem Bett wärmt mich mein Schlafsack und rundherum heian meine Freunde. Ich kuschle mich zu ihnen und Mama schenkt mir auf meine Augenlider zwei Wunschküsschen. Mit diesen sause ich kichernd ins Traumland.

Katzen

Ich weiß nicht, ob meine Katze

ein Zeitvertreib für mich ist oder

ich ein Zeitvertreib für sie bin.

Michel de Montaigne

Mit meiner Samttatze öffne ich die Schlafzimmertür einen Spalt, gerade weit genug, um mich hindurchzuschlängeln. Mein Hausmensch liegt auf dem Rücken in seinem Bett, die Hände auf dem Bauch gefaltet, schnarcht er leise. Neben ihm, auf der Seite, schläft meine Hausmenschin, bis zum Kinn in ihre Decke eingemummelt. Es ist warm im Zimmer. So gefällt es mir.

Ich springe auf das Bett und lande auf der Brust meines Hausmenschen, mit der Pfote taste ich nach seinem Kinn.

»Paulinchen«, murmelt er und streichelt mich, »magst du was fressen?« Ich strecke mich auf die doppelte Länge und schnurre.

Nun gähnt sich auch meine Hausmenschin wach. »Pauline will vorher gebürstet werden, Rex, ich mache ihr was zu fressen.«

Gutes Frauchen. Ich erhebe mich und trete weich auf Rex Brust auf und ab, während Petra mein Kinn krault. »Gutes Kätzchen«, gurren beide.

Wir klettern aus dem Bett. Im Flur brennt für meine Menschen ein oranges Steckdosenlicht am Boden, mir reicht das Licht der Nacht, um darin zu streunen.

Im Bad schleiche ich um Rex Beine bis er mich mit meiner Katzenbürste striegelt.

»Meine Schöne, gut willst du aussehen.«

Mein tiefes Schnurren gurrt mit Rex Worten mit. Wir zwei sind zufrieden miteinander. Nach etlichen Strichen fühle ich mich ausgehfein. Um mir mein Futter abzuholen, schlendere ich in die Küche. Meine Hausmenschin richtet Leckerlis mit Fischgeschmack, einen Klecks Vanillesahne und frisches Wasser — lauwarm — für mich an.

»Bei den Nachbarn brennt Licht, Rex.« Petra zeigt mit ihrer Hand aus dem Fenster auf das Haus nebenan.

»Emmas Zimmer«, Rex beugt sich ein Stück vor und schaut an der weißen Orchidee vorbei, die auf dem Fensterbrett blüht, »die Kleine weiß, was sie will.«

Ich schwinge meinen Schwanz in einem eleganten S nach oben und stolziere aus der Küche, doch die beiden schauen weiter aus dem Fenster. Im Flur drehe ich mich um und maunze sie demonstrativ an.

»Gutes Paulinchen, willst wohl raus.« Mein Hausmensch folgt mir. »Petra, ich lass schnell die Katze raus.«

»Ist gut, ich nehme uns einen Kräutertee mit ans Bett.«

Rex öffnet mir die Haustür. Ein leichter Wind streicht durch mein Fell. Der Geruch des knickohrigen Katers, drei Häuser weiter, windet sich in meine Nase. Riecht vielversprechend. Mit zwei Sätzen springe ich die Eingangstreppe hinunter in die Nacht hinaus.

Mütter

Die Kinder kennen weder Vergangenheit,

noch Zukunft,

und – was uns Erwachsenen kaum passieren kann –

sie genießen die Gegenwart.

Jean de la Bruyère

»Mami«, tönt es begeistert neben meinem Ohr und ein knubbeliger Kleinkindfinger stupst nachdrücklich meine Nase an. »Ich bin wach!«, geht er zielstrebig weiter auf Wanderschaft und klopft auf mein linkes Auge und mit einem entzückten »Du auch?« auf mein rechtes. Gut, dass ich meine Augen während des Schlafens geschlossen halte, der Schaden ist dadurch nicht ganz so groß.

Schlaftrunken greife ich nach der eifrigen Hand meiner Tochter, die sofort ihre Quengelsirene anschmeißt.

Mittlerweile sind meine Augen geöffnet, doch irgendwie sieht alles noch sehr dunkel aus. Ich versuche mich mit der Kleinen wieder einzukuscheln, aber wach ist wach, scheint auch heute ihr Motto zu sein.

Im Zimmer nebenan höre ich nackte Füßchen über den Boden tapsen. Toll, auch mein Sohn ist weit vor dem geplanten Munterwerden wach. Allerdings führen seine Schrittchen am Schlafzimmer vorbei ins Bad.

Müde strecke ich mich unter der schlafwarmen Decke. Emma hat meinen Wecker entdeckt und unterzieht diesen einer eingehenden Inspektion. Meine Lider sind so schwer. Da tönt es aus dem Bad: »Mami, ich blute! Ganz doll!«

Prima, das ist schön am frühen Morgen. Neidisch denke ich an meinen Mann, meilenweit weg beim alljährlich angeordneten Jubiläum seiner altjüngferlichen Großtante, wo kinderlose Zucht und Ordnung herrscht, weit weg von unserem trauten Eigenheim voller wacher Kinder, wo Eigenwille und Chaos herrscht.

Ich schäle mich aus dem Bett und trotte in Richtung Bad, um, in diesem Fall, mein Ehrenamt als Krankenschwester für aufgekratzte Mückenstiche auszuüben. Hinter mir höre ich es krachen, das muss wohl der Wecker sein, der seinen Falltest nicht bestanden hat.

Schließlich schaffen wir drei es bis in die Küche zum Frühstück. Beide Kinder sitzen munter auf ihren Plätzen, ein jedes seinen gefüllten Teller und Becher vor sich.

Aufatmend lasse ich mich auf meinen Stuhl plumpsen und just in diesem Augenblick greift Felix hektisch nach dem Honigglas, zu knapp an seinem Milchbecher vorbei. Dieser schwankt unentschieden hin und her und kippt schließlich – mit einem hämischen Grinsen, wie mir scheint – um. Der Inhalt ergießt sich malerisch weiß über den frisch polierten Glastisch.

Erschrocken zuckt Felix zurück und lässt dabei sein Brötchen vom Teller schnipsen – hinein in den sahnigen Milchsee. Gemütlich segelt nun ein Milchbrötchen der Tischkante entgegen. Was offensichtlich zu viel ist für einen hungrigen Vierjährigen! Er stellt seinen Rasensprenger an und weint dramatisch.

Emma findet die Vorstellung toll und patscht mit vollem Einsatz in die Milch – es spritzt fontänenhaft – sie jault auf wie eine nasse Katze.

Eine winzige Sekunde überlege ich mitzuheulen, entscheide mich aber pragmatisch dafür, einen Lappen zu holen und den Milchfall am Tischrand einzudämmen.

Erfreulicherweise sättigt auch das chaotischste Frühstück. Bald sind die Brötchen aufgemampft und die nachgefüllten Becher geleert – wobei es in der zweiten Runde der größte Teil des milchigen Inhalts an seinen Bestimmungsort, den jeweiligen Mund, geschafft hat.

Felix bietet mir großzügig nach Papas Art an, beim Tischabräumen zu helfen. In der naiven Annahme, mein Sohn würde sein unkaputtbares Dinosauriergeschirr meinen, wende ich mich meiner marmeladenverschmierten Tochter zu. Diese möchte sich nur ungern von ihren erdbeerroten Flecken trennen und fordert mit Gezappel meine ganze Aufmerksamkeit ein. Es klirrt. Mehrfach. Erschrocken drehe ich mich um.

Nein! Bitte nicht! Nicht mein sonnenoranger handgefertigter Lieblings-Guten-Morgen-Teller aus Mallorca, gekauft zu einer Zeit, als es noch keine hilfreichen Geschirrzerstörer gab!

Felix, nahe am Rande eines Nervenzusammenbruchs, brüllt los: »Mama, bitte paparieren! Mama, bitte paparieren!«

Erstens: Ich schnappe Emma und setze sie scherbensicher in ihr Laufgitter – lautstarker Protest erfolgt umgehend.

Zweitens: Ich schlucke einen großen Teil, und damit meine ich einen kontinentalgroßen Teil, meines Ärgers irgendwo ganz tief hinunter, in eine Ecke von mir, zu der es keine Wegbeschreibung gibt. Mein Magen protestiert.

Drittens: Ich bemühe mich um Schadensbegrenzung und erkläre meinem schluchzenden Sohn pädagogisch wertvoll, es sei alles nicht so schlimm. Und nein, ein pulverisierter Teller, der aus 365 Einzelteilen besteht, lässt sich nicht wieder heil machen – Protest.

Der Vormittag mäandert vor sich hin und beinhaltet zwei zwanzig Zentimeter lange, rot-weiß-geringelte Zahnpastaschlangen – quer durch unser zitronengelbes Bad, eine gründlich entleerte 500 Teile Bausteintonne – direkt vor den hungrigen Staubsauger, und diverse Verfolgungsjagden nach gemopsten Spielsachen – mal er hinter ihr her, mal sie hinter ihm.

Irgendwann reicht es mir. Wie in der neuesten Elternzeitschrift herzlichst empfohlen, trage ich die wieder halbwegs gefüllte Bausteintonne zusammen mit meinen beiden Lieblingskindern ruhig und besonnen in ihr Zimmer.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960872047
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366788
Schlagworte
Kurzgeschichte booksnack Short Story Kurzgeschichten Anthologie booksnacks Short Stories

Autor

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    Nadin Hardwiger (Autor)

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