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Liebe und andere Missgeschicke (Liebe, Chick-Lit, Humor)

von Katharina Wolkenhauer (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Kerstin ist mal wieder Single. Schon viel zu lange, wenn man es genau betrachtet. Ihre Freundin Simone hingegen stiftet jede Menge Verwirrung in der Männer- und Frauenwelt. Verlassen von ihrem Mann, den sie ständig betrogen hat, ist sie unermüdlich auf der Suche nach ihrem Mr. Right. Auf ebendiesen hat auch Kerstins schwuler bester Freund Paul ein Auge geworfen. Und nicht nur er. Ein wahres Liebeskarussell beginnt sich zu drehen. Mitten drin in Amors Fallstricken: Robert Schüreisen, ein Mann in den sogenannten besten Jahren. Nur Kerstin verfällt dem Traummann nicht. Aber auch das hat seinen Grund …

So viel Liebe, so viel Sehnsucht! Und dabei wissen doch alle: Es ist nicht so einfach mit der Liebe, denn es gibt viel zu viele Frösche und viel zu wenig Märchenprinzen.

Impressum

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Neuausgabe Juni 2017

Copyright © Originalausgabe 2014, Verlagsgruppe Weltbild GmbH

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-182-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-517-8

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung von Motiven von
© Natallia Khlapushyna/123RF.com und pixabay.com

Lektorat: Dr. Ulrike Strerath-Bolz

Korrektorat: Lennart Janson

Liebe und andere Missgeschicke ist eine überarbeitete Ausgabe des 2014 bei der Verlagsgruppe Weltbild GmbH erschienen Titels Frösche und andere Liebhaber (ISBN: 978-3-95569-095-3).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Kapitel 1

Haben Frösche Gefühle? Empfinden sie Glück? Erleichterung? Freude? – Felicitas hatte gerade dem vierten Frosch in Folge das Leben gerettet. Diesmal saß das Tier in der Küche - hinter dem Wassernapf für den Hund, dick und glitschig und zum Küssen völlig ungeeignet. Der verwunschene Prinz würde auf seine Erlösung wohl weiter warten müssen. Einen Moment hatte sie ja doch gezögert. Ob es wohl Menschen gab, die es irgendwann einmal probiert hatten? Und viel wichtiger noch: Gab es wohl auch Frösche, die sich nach einem Kuss wirklich in gut aussehende junge Männer verwandelt hatten?

Das gleichmäßige Geräusch der alten Schreibmaschine verstummte. Wie kam sie eigentlich auf solch abstruse Gedanken: einen Frosch küssen, vom Traumprinzen schwärmen, an Wunder glauben … Ein wenig ratlos fand sich Kerstin Pieper in der Realität wieder: mitten in ihrer superneuen, multifunktionalen Designer-Marken-Kombi-Küche. Umgeben von jeder Menge benutztem Geschirr, abgestandenen Getränkeresten und gut gefüllten Aschenbechern. Es war ein langer Abend gewesen.

Mal abgesehen von dem Chaos, das gerade um sie herum herrschte, verlief ihr Leben absolut geregelt. Fast ein wenig langweilig. Nicht, dass sich Kerstin beklagen wollte. Worüber auch? Auf dem Weg zum Schlafzimmer riskierte sie im Flur einen kleinen, aber doch sehr prüfenden Blick in den Spiegel. Hatte sie vielleicht doch ein wenig zugenommen? Waren das da im Gesicht schon die ersten Falten? Oder hatte der uralte Spiegel vom Trödelmarkt genau da, wo sie jetzt ihr Konterfei betrachtete, ein paar kleine Kratzer abbekommen? Was für eine Frage. Natürlich lag es an dem blöden Spiegel – und vielleicht auch ein wenig an der vergangenen Nacht. Und am darauffolgenden Katzenjammer.

So gesellig war sie schon lange nicht mehr gewesen. Vielleicht sollte sie öfter mal Freunde einladen, so wie früher. Kerstin stutzte. Hatte sie jetzt das Alter erreicht, in dem man langsam damit begann, von der „guten alten Zeit“ zu schwärmen? Es war aber auch eine verdammt schöne Zeit gewesen. Damals in Tübingen hatte sie noch von einer Karriere als Drehbuchautorin geträumt. Alles wollte sie anders machen. Das ganz große Kino. Die Welt sollte ihr zu Füßen liegen. Hollywoodstars würden sich um ihre Stoffe reißen.

Wann hatte sie eigentlich aufgehört, an sich zu glauben? War es der Verriss ihres Hochschulprofessors gewesen, den sie zuvor hatte abblitzen lassen und der keine andere Möglichkeit sah, es ihr heimzuzahlen, als sie überall und bei jeder Gelegenheit lächerlich zu machen? Wie peinlich das doch war. Für ihn und für sie. Dabei war die Geschichte, die sie damals geschrieben hatte, gar nicht schlecht. Na ja, ein bisschen banal schon – vielleicht auch etwas zu glatt, ohne wirklichen Tiefgang. Eine Liebesgeschichte eben. Eine Geschichte, in der am Ende zwei Menschen zusammenkommen, die während der gesamten Handlung nicht den Hauch einer Ahnung davon haben, dass sie füreinander bestimmt sind. Natürlich mit der einen oder anderen komischen Verwicklung, mit komplizierten Seitenhandlungen und jeder Menge Liebesleid. Meine Güte, wie lange das schon her war! Sie hörte noch immer die Worte von Professor Großmüller:

„Kerstin, sehen Sie lieber zu, dass Sie den richtigen Mann ohne derart alberne Zutaten finden, und konzentrieren Sie sich dann auf das, was Sie wahrscheinlich wirklich am besten können: Schreiben Sie über die kreativen Fähigkeiten anderer, statt auf eigene zu hoffen.“

Das hatte gesessen.

Ob der Mann wohl jemals etwas von ihr im Kulturteil des Stadtanzeigers gelesen hatte? Das Kaffeewasser kochte. Kerstin auch. Immer noch. Innerlich. Vor Wut. Über Großmüllers ausgemachte Frechheiten. Am meisten aber über sich selbst.

Vielleicht sollte sie Felicitas’ Schicksal wohlwollend weiter verfolgen. Vielleicht werden ja doch irgendwann und irgendwo Träume wahr – und sei es auch nur in der regen Phantasie einer Frau in den sogenannten „besten“ Jahren.

Was würde Felicitas tun? Was würde sie, Kerstin, an Felicitas’ Stelle tun? Den Frosch doch küssen? Oder dem Hund neues Wasser hinstellen und das glitschige Tier an die frische Luft setzen? Sie sollte sich ein bisschen mehr aufs Schreiben konzentrieren und nicht mit ihren Gedanken auf Wanderschaft gehen.

Es klingelte an der Tür. Jetzt musste Felicitas wohl doch warten. Und mit ihr Frosch und Hund.

„Verkaufe nicht getragenes Brautkleid und komplettes Schlafzimmer – ebenfalls unbenutzt.“

Paul Korte liebte es, an Sonntagen in den Kleinanzeigen der Wochenendausgabe zu stöbern. Hatte ER SIE verlassen, noch bevor es vor den Traualtar ging? Wollte die Braut nicht mehr? Hatte einer von beiden einen Unfall, eine unheilbare Krankheit? Waren die Eltern gegen die Verbindung und hatten am Ende doch gesiegt? Oder gab es womöglich eine ganz einfache Erklärung? Etwa, SIE hatte kurz vor der Trauung ihr Coming-Out und sich in die Standesbeamtin verliebt – ER die Nase voll vom konventionellen Wohnen und keinen Bock mehr auf Schleiflackmöbel. Ja, so wird es gewesen sein. Paul lehnte sich zufrieden zurück. Über die verhinderte Braut und ihren „Fast“-Ehemann musste er sich keine Gedanken mehr machen.

Wie wäre es zur Belohnung mit einem Schokoladen-Croissant und einer weiteren Tasse Cappuccino? Ein prüfender Blick an sich herunter stoppte das Verlangen noch vor dem Griff nach den verführerischen Kalorienfallen. Wer schön bleiben will, muss leiden – die holde Männerwelt schläft nicht.

Es war aber auch eine Last mit der Lust auf etwas Süßes. Immer diese Zweideutigkeiten. Paul musste über sich selbst schmunzeln. Ob er wohl absichtlich auf die Schokoriegel-Werbung angesetzt worden war? Seit einem Jahr arbeitete Paul nun schon bei der Agentur „Team Guys“ – große Aufträge durfte er bislang nicht bearbeiten. Sein Chef meinte, er solle sich die Zähne erst mal an harmlosen Fällen ausbeißen. Schließlich habe auch er mal klein angefangen.

„Auch mal klein angefangen.“ Wie er solche Sprüche hasste. Harry Wohlgemut hatte die Werbeagentur von seinem Onkel übernommen. Gut eingeführt, mit einer zahlungskräftigen Kundschaft, konnte sich der Juniorchef von Anfang an auf den Lorbeeren seines Vorgängers ausruhen. Zu Papier hatte Harry doch noch nie etwas gebracht. Und Phantasie hatte der Möchtegern-Kreative auch nicht.

Wenn er Harry sah, musste Paul jedes Mal an früher – an seine Jugend – denken. Harry hätte wirklich ein Bruder von Peter sein können. Irgendwann in der siebten Klasse hatte Peter Schornemann neben ihm gesessen. Der „Neue“ war irgendwie anders. Feiner. Wohlerzogener. Aber auch spießiger. Seine Eltern hielten sich für etwas Besseres, auch wenn sein Vater die Mutter verlassen hatte. Mehr als der monatliche Scheck war von Herrn Schornemann nicht zu erwarten. Peter hatte kaum Freunde in der Klasse. Da halfen ihm auch sein immens hohes Taschengeld und seine großzügigen Bestechungsversuche nicht weiter.

Aber Paul mochte den Sonderling. Nur zu gern folgte er der Aufforderung seiner Mutter, den Schulfreund mit zum Essen nach Hause zu bringen. Peter nahm die Einladung gern und häufig an. Er ließ Paul dabei aber immer spüren, dass er eigentlich einen anderen „Hintergrund“ hatte – oder sich zumindest so fühlte. „Wie Harry“, dachte Paul. „Ganz genau wie Harry.“

Wann hatte er seinen Schulkameraden Peter eigentlich aus den Augen verloren? Was war an jenem unsäglichen Nachmittag in seinem Zimmer zwischen Schularbeiten und Musikhören geschehen? Paul hatte sich doch einfach nur ein Herz genommen und Peter seine Liebe gestanden. Noch ehe sich sein Gast versah, hatte er den verblüfften Jungen auch schon umarmt und mitten auf den Mund geküsst. Paul konnte sich nur noch vage daran erinnern, dass Peter mit einem Aufschrei des Entsetzens von der Schlafcouch aufgesprungen war. Bis zum heutigen Tag hatte er kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Pauls Mutter hatte wohl noch Kontakt, sie redete darüber aber nie mit ihrem Sohn.

Statt an eine längst verflossene und noch dazu nie erfüllte Liebe zu denken, sollte er sich lieber Gedanken über sich und Raoul machen. Sie pflegten schon eine eigenartige Beziehung. Nicht miteinander – aber auch nicht ohne einander. „Hassliebe“ – oder Abhängigkeit? Aber wer dann von wem? Raoul passte so gar nicht in sein geregeltes Leben. Raoul, der Nachtclubsänger, und Paul, der Werbetexter, der sich doch so sehr nach einem seriösen Freund sehnte. Nach jemandem, auf den er richtig stolz sein konnte.

Völlig in Gedanken hatte Paul die gesamte Zeitung durchgeblättert. Von hinten nach vorne – so wie er es immer tat. Eine dumme Angewohnheit – aber hinten stand halt das Kurzweiligste. Für den Politik- und Wirtschaftsteil interessierte er sich kaum. Es sei denn, es gab mal wieder einen Artikel über seinen Lieblingspolitiker. Wie sich das anhörte: „Lieblingspolitiker“. Schließlich kannte Paul Robert Schüreisen nur aus der Berichterstattung im Fernsehen und aus der Presse. Vielleicht sollte er mal zu einer Veranstaltung gehen und ihn sich aus der Nähe angucken. Ach, was sollte es. Der hatte bestimmt kein Interesse am eigenen Geschlecht. Obwohl das ja in Politikerkreisen fast schon zum guten Ton gehörte. Auf jeden Fall schien es Wählerstimmen zu bringen. Er sollte das Grübeln lassen und lieber ein paar Schritte vor die Tür machen. Wer wusste schon, wie lange das Wetter noch beständig war.

„Moment – ich komme gleich.“

Kerstin Pieper hasste es, unangemeldet Besuch zu bekommen. Ausgerechnet heute. Die Wohnung sah noch immer aus wie ein Schlachtfeld – sie selbst, na ja, auch nicht viel besser. Ein Blick durch den Spion in der Wohnungstür genügte, um ihre Laune wieder zu bessern.

„Paul – du schon wieder? Das ist ja toll. Du bist doch gerade erst gegangen!“

Wenn sie überhaupt einen Menschen an einem Sonntag wie diesem ertragen konnte, dann war es ihr bester Freund Paul. Paul Korte drückte Kerstin links und rechts einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Na, was ist? Kommst du mit? Draußen ist es richtig schön. Weißt du was, wir gehen ein Stück am Fluss entlang. So wie früher, wenn wir mal wieder nicht wussten, wohin mit uns und unseren Gefühlen.“

„Was soll das, Paul? Wie kommst du denn darauf, dass es mir nicht gut geht?“

„Zicke“, raunzte er kaum hörbar. „Schau dich doch mal an!“

Jetzt hatte er sie doch ertappt. Paul ließ nicht locker. „ Kiki, meine Gute, zieh dir was Bequemes an und dann trotten wir beide los, okay? Zur Abwechslung höre ich dir mal zu und lasse dich reden. Ohne Widerworte! Hörst du?“

Kerstin gab sich geschlagen. Gegen Pauls Überredungskünste hatte sie ohnehin nicht die geringste Chance. Das war schon so gewesen, als beide noch in der Sandkiste Burgen bauten und mit Förmchen Kuchen backten.

„Ach Paule, wenn ich dich nicht hätte. Es ist einfach ein blöder Tag, weißt du. Diese verdammten Sonntage, wenn alle in Familie machen oder zumindest in trauter Zweisamkeit. Das kotzt mich so an.“

Noch ehe er ihr antworten konnte, flossen auch schon die Tränen. Paul zog ein großes Stofftaschentuch aus der Hosentasche und reichte es der Freundin. Dann heulte er hemmungslos mit. So wie immer, wenn es traurig um ihn herum wurde.

„Was ist denn passiert?“

„Nichts, Paul. Das ist ja das Schreckliche. Nichts passiert. Nichts. Nichts. Nichts.“ Zu ihren Tränen gesellte sich ein heftiger Gefühlsausbruch. „In meinem Leben passiert gar nichts. Null. Nada. Niente. Ich habe das Gefühl, ich bewege mich auf der Stelle. Und ich kann nichts dagegen tun, Paul. Nichts. Absolut gar nichts!“

„Weißt du was,  Kiki, wir gehen nirgendwohin. Wir räumen jetzt gemeinsam bei dir auf. Erst in der Wohnung und dann in deinem Seelenleben. Hast du noch was zu trinken da?“

Kerstin sah ihren Freund dankbar an. Genau das brauchte sie jetzt. Ein Gespräch unter Freundinnen. Über das Leben an sich und im Besonderen.

„Weißt du noch, Paul, wie wir uns vor Hunderten von Jahren mal um einen Mann gestritten haben?“

Kerstin war sich sicher, dass Paul das niemals vergessen würde. Schließlich ging es damals um Leben und Tod. Um was auch sonst? Der schöne Bernd war aber auch eine Sünde wert gewesen. Jedes Mädchen war hinter ihm her. Und Paul offensichtlich auch. Ob Bernd ihm jemals Hoffnung gemacht hatte? Sie hatte Paul noch nie danach gefragt.

„Sag mal Paul, was war mit Bernd und dir?“

„Welcher Bernd?“ Paul tat betont lässig. Etwas zu lässig für Kerstins Geschmack.

„Na, der schöne Bernd. Du weißt schon. Der mit den stahlblauen Augen und den blonden Korkenzieherlocken. Und mit den niedlichsten Grübchen der westlichen Hemisphäre. Bernd eben.“

Paul wurde rot. Richtig niedlich sah er aus, wenn er sich ertappt fühlte. Wie ein großer Junge. „Meinst du den Bernd, der immer wieder an Simone herum gebaggert hat?“

Nun musste Kerstin herzhaft lachen.

„Er an ihr oder sie an ihm? Schätzchen! Das ist doch wohl immer eindeutig andersherum gewesen.“

Paul und Simone mochten sich nicht besonders. Er war ihr zu exotisch, sie ihm zu bieder. Immer schon. Kerstin stand, so lange sie denken konnte, wie ein unerschütterliches Bindeglied zwischen den beiden: ihrer Freundin Simone und ihrem Freund Paul.

„ Kiki, deine Busenfreundin Simone war ganz genau so lange hinter dem schönen Bernd her, bis der noch schönere Holger in ihr eintöniges Leben trat.“

Das Telefon klingelte. Laut und unüberhörbar.

„Pieper … Hallo, Simone. Wir haben gerade von dir gesprochen. Nein, meine Liebe, nicht über dich, von dir, habe ich gesagt. Du, sei mir bitte nicht böse, Paul ist gerade da. Ich rufe dich morgen an, okay?“

Wenn sie ohne Punkt und Komma sprach und Simone keine Chance zum Einhaken gab, wurde sie die Freundin am ehesten los, ohne ihr wehzutun. Heute war so ein Tag, an dem Kerstin sich nicht auf Simone einlassen mochte. Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie den Hörer wieder auf. Ein Griff – und auch der Anrufbeantworter war aktiviert.

Sie sollte häufiger mal in der Praxis ihres Ex-Mannes vorbeischauen. Eigentlich war Holger doch ein richtig netter Typ. Simone lächelte ein wenig vor sich hin. Schade, dass Holger einen so lausigen Ehemann abgegeben hatte. Wer weiß, vielleicht wären sie noch verheiratet, wenn …

„Hey, Schätzchen, du drehst dich mal wieder im Kreis. Hätte, wäre, wenn …“ Hatte sie gerade mit sich selbst gesprochen? Das Lächeln verschwand augenblicklich aus ihrem Gesicht. „Simone Fabrizius, jetzt wirst du auch noch komisch.“

Ihre Ehe war gescheitert – nach dreizehn Jahren. Und das war auch gut so; zumindest mit einigem Abstand – räumlich wie zeitlich. Simone Fabrizius litt zurzeit einfach unter einer ungeheuren Langeweile. Ohne Job oder zumindest ein zeitaufwendiges Hobby – dafür aber mit jeder Menge Geld.

Holger war ihre große Liebe gewesen. Dass sie einmal heiraten würden, war schon ganz früh beschlossene Sache. Dass es dann doch noch ein paar Umwege zu bewältigen gab, lag wohl in der Natur der Dinge. Holgers Vater war der Hausarzt ihrer Eltern gewesen. Doktor Fabrizius besaß das großzügigste Haus im Ort, mit dem schönsten Garten, penibel angelegt von seiner Frau Elisabeth. Schon während der Schulzeit legte Frau Fabrizius gesteigerten Wert darauf, dass ihr Junge mit den richtigen Kindern spielte. Ausgesucht natürlich von ihr. Sie wusste als Mutter schließlich am besten, was für ihren Buben gut war. Auch später, in der Pubertät, beeinflusste sie ihren Sohn, wo immer sie konnte. Nur gegen Simone blieb „Mutter“ lange Zeit machtlos.

Bestandenes Abitur, obligates Studium, Liebesheirat; eigentlich hätte es so weitergehen können. Aber nur die Gattin eines erfolgreichen Gynäkologen zu sein, war bedauerlicherweise nicht abendfüllend. Und der Job als Archivarin im städtischen Museum auch nicht das, wovon sie ihr Leben lang geträumt hatte. Ihre wahren Wünsche in die Tat umzusetzen – dazu hatte ihr stets der nötige Ehrgeiz gefehlt.

Irgendwann fing sie an, ihren Mann zu betrügen. Nie ernsthaft – immer nur so zum Spaß, wie bei allem, was sie bisher in ihrem Leben getan hatte.

Die viele Zeit, die sie ohne Holger verbrachte, nutzte Simone auf ihre ganz eigene Art. Sie antwortete auf Kleinanzeigen – oder gab welche auf. Für einen flüchtigen Moment dachte sie an Paul. Zumindest diese eine Leidenschaft teilte sie mit dem besten Freund ihrer besten Freundin. Ihre zahlreichen Bekanntschaften und die Art, wie sie zustande kamen, hätten auch ihm gefallen: Durch die Kontaktanzeigen hatte sie im Laufe der Jahre nicht nur Thomas, Werner, Stefan und Georg kennengelernt, auch ihre neueste Eroberung war so in ihr Leben geschneit.

Irgendwann wurde es ihrem Mann zu viel. Das Haus durfte Simone nach der Scheidung behalten. Holger war nicht kleinlich gewesen, als er sie verließ. Seine langjährige Arzthelferin stand ihm wohl schon damals näher – und das offensichtlich nicht nur während der Sprechstunden. Holger zog bei Simone aus und bei Marianne gleich wieder ein. Dr. Fabrizius – ein Mann für gemachte Nester. So war er schon immer gewesen und so dürfte er wohl auch für immer bleiben. Ein knappes Jahr später schoben Holger und seine „Neue“ bereits eine Zwillingskarre vor sich her. Wie lange hatte Simone mit Holger auf Nachwuchs gehofft. Bei Marianne hatte es sofort geklappt.

„Mutter“ dürfte zufrieden sein.

Was Holger wohl zu Simones neuester Eroberung sagen würde? Eines würde er ganz bestimmt sein: über alle Maßen erstaunt. Und Kerstin erst. Noch ehe Simone ihr am Telefon etwas davon erzählen konnte, war das Gespräch auch schon wieder vorbei – so einfach würde Kerstin aber nicht davonkommen. Den Anrufbeantworter konnte sie ja vielleicht noch einschalten – an der Haustür würde sie gegen Simones Mitteilungsbedürfnis machtlos sein.

„Moment – ich komme ja schon.“ Kerstin legte das Geschirrtuch aus der Hand. Das Klingeln nahm und nahm kein Ende. Da hatte es aber jemand verdammt eilig.

„Simone – mein Gott – was ist dir denn widerfahren?“ Als Kerstin Pieper die Tür zu ihrem Apartment öffnete – fiel ihr die Freundin fast entgegen.

„Wenn du wüsstest …“

Mehr war aus Simone nicht herauszubekommen. Dafür hatte sie ihr strahlendstes Lächeln aufgesetzt und wirkte damit irgendwie geheimnisvoll. Ja, wenn sie wüsste … Normalerweise hatte Kerstin jede Menge Geduld – gerade mit Simone benötigte man davon auch eine gehörige Portion. Aber an diesem Sonntag war es nicht weit her damit. Die Küche war noch immer nicht richtig aufgeräumt, die letzte Nacht noch immer nicht verdaut – und in wenigen Stunden musste sie schon wieder zum Dienst.

„Moni, ich habe wirklich keine Zeit. Sag schnell, was ist denn nun passiert?“

„Ich habe mich bis über beide Ohren verliebt – so doll wie noch nie, wirklich Kerstin, so schlimm war es wirklich noch nie.“

„Wer ist denn der Glückliche? Kenne ich ihn?“

„DER? Dann wäre ja alles in Ordnung! SIE! Sie heißt Helen. Du glaubst ja gar nicht, wie süß sie ist.“

Auch wenn das sehr selten vorkam – diesmal fehlten Kerstin die Worte.

„Helen ist einfach eine sensationell tolle Frau, weißt du? So ganz anders als du und ich.“

Während Kerstin noch über die Doppeldeutigkeit dieser Bemerkung schmunzeln musste, machte Simone es sich wie selbstverständlich im Wohnzimmer ihrer Freundin bequem. Dass Kerstin keine Zeit für sie hatte, überhörte sie geflissentlich. Auch dass Paul auf dem Sofa saß und neugierig die Ohren spitzte, übersah sie ganz einfach. Bei einer so wichtigen Neuigkeit stand alles andere hinten an. Zumindest für Simone.

Kerstin seufzte einmal ganz tief, komplimentierte Paul mehr oder weniger charmant aus der Wohnung und ergab sich ihrem Schicksal.

„Na, dann lass mal die Katze aus dem Sack. Sie heißt Helen – und weiter?“

Jetzt sprudelte es aus Simone geradezu heraus. Das erste Mal gesehen hatten sich die beiden Frauen in der Anzeigenabteilung der Lokalzeitung. Helen wollte ihre gesamte Wohnungseinrichtung verkaufen, Simone mal wieder nachfragen, ob es jemanden gab, der Interesse an einem „nostalgischen Fahrrad für Liebhaber, leichtgängig aber reparaturbedürftig“ bekundete. Vor ein paar Jahren hatte sie tatsächlich einmal vorgehabt, ihr altes Damenfahrrad zu verkaufen. Hätte Georg Blücher das Inserat damals nicht vollkommen missverstanden – sie hätten sich nie kennen und lieben gelernt. Der Mann hatte doch tatsächlich geglaubt, es handele sich bei dem Inserat um eine Kontaktanzeige. Simone fand die Idee, mit einem leichtgängigen Nostalgierad auf Männerfang zu gehen, derart komisch, dass sie Georg sofort zu einem Rendezvous einlud, das dann auch prompt so endete, wie Georg es sich von Anfang an vorgestellt hatte. Nur „leichtgängig“ war Simone nicht. Das sollte sich im Laufe der nächsten Wochen ziemlich schnell herausstellen.

Genau zu dem Zeitpunkt, als Georg Simone lästig wurde, fiel sie Werner im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße. Vollkommen ungewollt und alles andere als geplant, stolperte Simone schlicht über einen Bordstein. Noch während ihres Falls auf den Bürgersteig trat der gutaussehende und durchtrainierte junge Mann in ihr Leben – mit einem Lächeln, das ihr den Boden vollends unter den Füßen wegzog. Sie musste ihn einfach wiedersehen. Bereits nach drei Tagen waren Werner und Simone ein Liebespaar – vier Monate später erlosch auch diese leidenschaftliche Flamme.

Mit Thomas und Stefan verhielt es sich ähnlich. Der eine suchte eine Mitbewohnerin – und fand in Simone zumindest für den Übergang eine Bettgenossin. Der andere lockte mit einem Tangokurs. Die rhythmischen Bewegungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Und jetzt: Helen.

Es klingelte schon wieder. Diesmal war es das Telefon. „Pieper.“

„Hallo, meine Liebe, ich bin wieder zu Hause. Alles in Ordnung bei dir?“

Das Schweigen am anderen Ende der Leitung irritierte ihn.

„Kerstin, Liebes – hallo, sag doch bitte was. Ist Simone noch bei dir? Nervt sie sehr? Hat sie da vorhin irgendwas von einer Helen gefaselt? Wieso hast du mich eigentlich weggeschickt? Du weißt doch, wie gern ich solche Geschichten höre.“

Auch Paul hörte nicht auf zu plappern. So stumm hatte er die Freundin schon lange nicht mehr erlebt. Diese Stille am anderen Ende der Leitung war geradezu beängstigend.

„Stell dir vor, Schatz“, nutzte er die seltene Gelegenheit, selbst einmal zu Wort zu kommen, „stell dir vor, was mir gerade auf dem Heimweg passiert ist. Ich wollte nur ganz kurz im Café Paradiso vorbeischauen, als …“

“Paul, bitte, nicht noch eine Katastrophenmeldung. Mein Bedarf für heute ist gedeckt.“

Wieso eigentlich Katastrophenmeldung? Was hatte Simone ihr denn schon Katastrophales erzählt? Dass sie sich in eine Frau verliebt hatte – die noch dazu die schöne Helena hieß. Na und? Wo lag das Problem? Dann war es diesmal eben eine Frau. Bei dem Verschleiß an Liebhabern machte eine weibliche Variante den Kohl nun auch nicht mehr fett. Wer weiß, vielleicht hatte Simone ja auch endlich die Richtige gefunden.

Etwas eigenartig war es aber doch. Ob ihre Freundin auch schon mal ein Auge auf sie geworfen hatte? Etwa damals, als sie mit Simone auf Mallorca war? Ach was, das hätte Kerstin doch gespürt. Oder nicht? Wie ist das wohl, wenn eine Frau von einer Frau begehrt wird – und wie mag es sein, wenn eine Frau eine Frau begehrt?

Felicitas zögerte noch immer. Sollte sie das glitschige Tier wirklich küssen und abwarten, was danach geschah? Doch, was würde sie tun, wenn sich der Frosch tatsächlich verwandelte – nicht in einen Traummann sondern in eine Frau – etwa in die schöne Helena? Felicitas nahm sich ein Herz und brachte das Tier in den Garten. Ohne Verabschiedung – ohne letzten Kuss – einfach nur so setzte sie das verwunschene Etwas auf den Rasen. Das Risiko war ihr einfach zu groß.

Kapitel 2

Robert Schüreisen war gerade bei der Lektüre der siebten Tageszeitung angelangt, als das Telefon erbarmungslos klingelte. Nicht einmal. Ungefähr zwanzigmal. Im Nebenraum. Eigentlich weit genug entfernt, um es zu überhören, und doch nah genug, um durch das nervende Gebimmel irgendwann irre zu werden. Warum hatte er auch vergessen, den Anrufbeantworter anzustellen? Am Wochenende ließ er sich nur ungern stören. Eigentlich mochte er noch nie gern telefonieren. Gute Freunde hatten ihn sogar schon darauf angesprochen, dass sie den Hörer am liebsten sofort wieder auflegen wollten, nachdem sie seine Stimme gehört hätten. Es musste am Tonfall liegen, ganz bestimmt nicht am Inhalt. Beruflich federte Frau Schwerdtfeger das Gröbste ab. Er sollte ihr mal wieder sagen, wie sehr er sie schätzte.

„Ingrid, wenn ich Sie nicht hätte, bliebe die hohe Politik unweigerlich auf der Strecke.“ Wie hatte sie sich über diesen Satz gefreut! Ganz rot war sie geworden, die gute Seele. Wie lange war das eigentlich her, dass er sie das letzte Mal gelobt hatte? Frau Schwerdtfeger würde selbst das ganz genau wissen. Sie merkte sich nicht nur alle beruflichen Termine ihres Chefs, sie erinnerte ihn auch in aller Regelmäßigkeit an private Verpflichtungen. Vorausgesetzt, er hielt sie auf dem Laufenden.

Hatte er ihr eigentlich von Sophie erzählt? Warum sollte er? So fest war die Beziehung schließlich gar nicht. Oder etwa doch? Wie ein Blitz aus heiterem Himmel war die junge Studentin in sein Leben geknallt. Einfach so, aus dem Nichts. Jetzt wurde er sie nicht mehr los. Oder wollte er sie nicht mehr gehen lassen? Wie viele Gedanken einem in einer so kurzen Zeit doch durch den Kopf gehen konnten. Der Weg vom Sessel bis zum Telefon war so weit nun auch nicht.

„Schüreisen.“

Da war er wieder, der harsche Ton.

„Robert? Hallo, hier ist Ina.“

Ina? Mein Gott, wie lange hatte er von seiner Ex-Freundin nichts mehr gehört? Es mussten mindestens vier oder fünf Jahre sein. Große Lust auf ein Gespräch verspürte er dennoch nicht.

„Was willst du denn?“ Sein Tonfall war schroffer als beabsichtigt. Ina musste doch eigentlich noch wissen, wie sehr er es hasste, in seiner Freizeit mit Anrufen belästigt zu werden.

„Sorry, Robert.“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung war so sanft und liebenswert wie immer – ganz ohne Groll, trotz der harschen Begrüßung. „Du magst es mir glauben oder nicht – ich habe mich schlichtweg verwählt. Dumm gelaufen. Entschuldigung.“

Ohne dass ihm auch nur die geringste Chance für eine Erwiderung blieb, hatte sie auch schon wieder aufgelegt. Und er? Robert stand da, sprachlos und vor sich hin lächelnd. Genau so kannte er sie, seine Ina – die Ina von früher. Damals. Als alles noch ganz anders gewesen war.

Solange Robert Schüreisen denken konnte, wollte er die Welt verbessern. Anders ausrichten. Irgendwie ein Stück menschlicher, gerechter machen. Ein echter Idealist war er gewesen. Einer, der nicht unbedingt darauf achtete, selbst gut dabei wegzukommen. Einer, der für andere da war. Zumindest solange er auf dem Weg nach oben war.

„Aus dem Jungen wird mal was ganz Großes.“

Wie stolz waren seine Eltern über diese kleine Bemerkung unter seinem Zeugnis gewesen. Überall hatten sie das Schreiben herumgezeigt. Da stand es schließlich schwarz auf weiß: Aus dem Jungen wird mal was ganz Großes. Und das hieß ja wohl gleichzeitig, auch etwas Besseres.

Roberts Vater verdiente den Lebensunterhalt für die Familie Schüreisen als kleiner Angestellter in einem Eisenwarenladen. Niemand konnte so perfekt Schrauben zählen wie er. Wenn es darum ging, mit dem bloßen Auge Unterschiede in der Größe einzelner Gewinde auszumachen, machte seinem Vater auch so schnell keiner etwas vor. Roberts Mutter verehrte ihren Ehemann für dessen Korrektheit. Selbst in seinem grauen Kittel sah er stets aus wie ein honoriger Geschäftsmann. Dass Berthold Schüreisen ebenso perfekt im Vertuschen seines Doppellebens war, wollte seine Frau nie wahrhaben.

Robert hatte den Vater eines Tages dabei ertappt, wie er mit einer jungen Frau in der nahen Großstadt aus einem Hotel kam. Arm in Arm. Eng umschlungen. Als Berthold Schüreisen den Sohn entdeckte, war es für Ausreden zu spät.

„Junge, es ist nicht das, wonach es aussieht.“ Wie er diesen Satz seitdem hasste. Für Robert brach eine Welt zusammen: die heile Welt einer glücklichen Kleinfamilie. Vater. Mutter. Sohn. Und künftig auch noch eine Geliebte.

Sein Vater hatte allen Ernstes von ihm verlangt, sich männersolidarisch zu verhalten. „Weißt du, mein Junge, wenn man erst einmal so lange wie dein Vater mit einer einzigen Frau zusammen ist, dann braucht man einfach die Abwechslung. Auch im Bett, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn du deiner Mutter nichts von unserer kleinen Begegnung erzählst, wird sie es von mir auch nicht erfahren. Du kennst Mutti doch, es täte ihr nur unnötig weh. Und das wollen wir doch nicht, oder?“

Robert schwieg. Und sah von diesem Tag an seiner Mutter nie wieder direkt in die Augen. Sie hatte ihn nie gefragt, warum er von einem Tag auf den anderen nicht mehr vorbeikam. Wahrscheinlich schob sie es auf die wenige Zeit, die ihr Sohn hatte. Der Vater nahm sein „süßes Geheimnis“ mit ins Grab. Und Robert sah zu, dass er sich nicht verliebte. Um sich nicht binden zu müssen. Denn irgendwann brauchte man ja die Abwechslung. Und spätestens dann musste man dem Menschen, den man liebte, wehtun.

Ina hatte er wehgetan. Sehr wehgetan.

Ina Gregori hielt den Telefonhörer noch lange in der Hand, nachdem sie aufgelegt hatte.

Was für ein eigenartiges Gefühl, seine Stimme zu hören, nach all den Jahren, und dann auch noch so unvermittelt. Wieso hatte sie seine Nummer gewählt? Er war ihr so vertraut – und doch so fremd. Lichtjahre schienen seit ihrer Trennung vergangen zu sein. Wie es Robert wohl ging? Alles, was Ina über die vergangenen Jahre seines Lebens wusste, hatte sie in Zeitungen oder bunten Blättchen gelesen. Es kam ihr vor, als wäre es gestern gewesen. Jener 24. Juni, der ihr Leben von Grund auf verändern sollte. Robert war einfach gegangen. Von jetzt auf gleich, ohne jede Vorwarnung. Oder hatte Ina Gregori die Zeichen schlichtweg falsch gedeutet, übersehen, nicht wahrhaben wollen? Er war ihre ganz große Liebe. Der Mann, mit dem sie alt und sogar grau werden wollte. Der Vater ihrer Tochter, auch wenn er es biologisch gar nicht war.

Der erste Mann in Inas Leben war Robert Schüreisen nicht gewesen. Christoph war ihm ein paar entscheidende Jahre zuvorgekommen. Ihre Eltern hatten von Anfang an etwas gegen den Jungen gehabt. Für ihren Vater war Christoph ein Hallodri. Die Mutter befürchtete, die Tochter viel zu früh zu verlieren. Gänzlich unbegründet waren ihre Ängste nicht. Wäre es nach Ina gegangen, hätte sie ihr Elternhaus längst verlassen. Sie war ein typisches Einzelkind und als solches vollkommen überbehütet aufgewachsen. Ihre Eltern waren einfach immer da. Für sie, wie sie sagten. Nicht mal ein einziges Wochenende ließen sie Ina allein.

„Oma und Opa können doch kommen. Die kümmern sich dann um dich.“

Meist schickte Opa Oma allein. Um endlich mal Ruhe von der anstrengenden Gattin zu haben. Dafür quälte die Großmutter dann die Enkeltochter. „Ina, tu dies. Ina, mach das. Ina, du bleibst zu Hause. Solange ich die Verantwortung für dich habe, gehst du mit keinem Jungen aus – und mit diesem Christoph schon gar nicht.“

Hatte Ina eigentlich jemals „Oma“ zu ihrer Großmutter gesagt? Ganz sicher nicht.

Je mehr die Familie gegen ihren Freund Stimmung machte, umso mehr mochte sie Christoph. Ina liebte seine langen, verfilzten Haare, seine kaputten Jeans und die viel zu großen Holzfällerhemden. Aus purem Trotz.

Christoph merkte von alledem nichts. Wahrscheinlich hatte er wirklich nur „das Eine“ im Sinn.

Kurz vor ihrem 17. Geburtstag hatte er sie so weit. Schön war das berühmte erste Mal nicht gerade gewesen, dafür aber von ziemlich nachhaltiger Wirkung: Selbst noch ein halbes Kind, wurde Ina prompt schwanger. Es dauerte ein paar Wochen, ehe sie sich traute, ihrem Freund die frohe Botschaft mitzuteilen. Christoph sah zu, dass er sich aus dem Staub machte. Von der geschworenen ewigen Liebe keine Spur mehr. Von Verantwortung kein Schimmer. Dass sie von ihm jemals Geld für das Kind bekommen würde, schien so gut wie aussichtslos.

Ihre Eltern fielen aus allen Wolken. Erst der Schock über den ungewollten Nachwuchs – dann die Angst vor der Schande. Doch die Kleinfamilie funktionierte. Bis zum Abitur versorgten ihre Eltern die Enkeltochter. Dann zog Ina mit der kleinen Bettina nach Hamburg, nistete sich in einer WG ein und jobbte für den gemeinsamen Unterhalt in dem Buchladen, in dem sie bis heute arbeitete. Christoph verbannte sie aus ihrem Leben, und das so konsequent, wie sie es selten war. Nicht eine einzige Erinnerung hob sie von ihrer ersten großen Liebe auf. Kein Foto, kein Geschenk – nicht einmal die Rose, die er ihr auf dem Rummel geschossen hatte. In ihrem Leben gab es für den Vater ihrer Tochter keinen Platz mehr.

Das „erste Mal“ sollte für lange Zeit auch das „letzte Mal“ sein. Bis zu dem Tag, an dem der „Neue“ in die WG einzog. Bereits an dem Morgen, an dem sie Robert Schüreisen kennenlernte, war es um sie geschehen. Endlich glaubte auch Ina, die ganz große Liebe gefunden zu haben. Sie waren ein schönes Paar. Sie ergänzten einander vortrefflich. Sie ließen sich viele Freiheiten, hatten aber auch eine Menge Gemeinsamkeiten. Freunde hielten Robert und Ina für das perfekte Paar. Für das Kind konnte es keine besseren Eltern geben. Ina hatte ihrer Tochter eine Menge erklären müssen, als der Papa so unvermittelt das gemeinsame Zuhause verließ. Dabei hatte sie es selbst kaum verstanden. Verstehen wollen. Es gab keinen anderen Mann und auch keine andere Frau. Sie hatten sich weder gestritten, noch unüberbrückbare Differenzen gehabt. Nicht einmal den Versuch einer Erklärung hatte es gegeben.

Und jetzt wählte sie Roberts Nummer mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als hätte sie in den vergangenen Jahren nichts anderes getan. Ob er sich noch so gut an sie erinnerte, wie sie sich an ihn? Vielleicht sollte sie ihn noch einmal anrufen.

Typisch für Ina, gleich wieder aufzulegen und ihm keine Chance zu geben, sich für seinen harschen Ton zu entschuldigen.

Was seine momentane Freundin wohl gerade machte? Eigentlich hatte er sich seit Tagen bei Sophie melden wollen. Doch irgendetwas war immer dazwischengekommen. Ganz offensichtlich musste es in Roberts Leben Wichtigeres geben als sie – oder redete er sich das nur wieder ein, aus Angst vor der Verantwortung? Ina hätte er es damals erklären müssen. So gut wie sie hatte ihn niemand verstanden.

Das erste Mal hatte er sie mit Bettina auf dem Arm in der WG-Küche gesehen, tief versunken über einer Haushaltskassenabrechnung. Wie der Blitz hatte ihn ihr beiläufiges Lächeln getroffen. Noch vor dem Abendessen lagen sie eng umschlungen auf seinem Bett – alles um sich herum vergessend, auch das schreiende Kind. 25 Jahre war das nun schon her – ein Vierteljahrhundert.

Aus dem weinenden Mädchen musste längst eine junge Frau geworden sein. Und aus ihrer Mutter … Es klingelte schon wieder. Robert Schüreisen legte den Stapel Zeitungen weg und griff zum Hörer. Diesmal war sein Tonfall verbindlicher. Zumindest eine Spur.

„Schüreisen. Hallo mein Schatz. Na, Sophie, geht es dir gut?“

Tagelang war Sophie Papenberg um das Telefon herumgeschlichen. Diesmal sollte Robert den ersten Schritt tun. Diesmal sollte er sich bei ihr melden. Immer war sie es. So ging das nun schon seit Monaten. Wäre sie nicht so verliebt in diesen Mann, hätte sie Robert Schüreisen längst den Laufpass gegeben. Nicht nur, dass er nie Zeit für sie hatte. Dafür würde sie angesichts seiner Position ja noch Verständnis aufbringen. Es war die Art, wie er mit ihr umging, die sie verunsicherte. Liebte er sie überhaupt? War sie für ihn ein netter Zeitvertreib? Jung. Hübsch. Intelligent. Unverbindlich. Oder wollte der „große“ Politiker doch mehr von ihr? Robert mochte sich einfach nicht festlegen. Jedes Mal, wenn sie das Thema „Ehe und Familie“ ansprach, herrschte danach tagelang Funkstille.

„Wieso hast du dich denn so lange nicht gemeldet, Robert? Habe ich etwas falsch gemacht? Wenn ja, tut es mir leid. Ist denn jetzt alles wieder gut? Ich habe dich so vermisst.“

Warum tat sie das? Warum machte sie sich so klein? Das hatte Sophie doch gar nicht nötig! Robert Schüreisen fühlte sich unwohl. Er hatte es sich diesmal doch so fest vorgenommen, sie anzurufen. Nicht sofort, aber gerade noch so rechtzeitig, dass sie ihm zur Abwechslung einmal nicht zuvorkam. Doch irgendetwas hatte ihn immer wieder davon abgehalten.

„Sophie, Schatz! Das ist aber schön, dass du dich endlich meldest. Und ich dachte schon, du wärst böse auf mich.“ Einfach den Spieß umdrehen. Robert Schüreisen wusste stets genau, was er wann tat und vor allem, wie er es verkaufte. Wäre er sonst Politiker geworden? „Ich habe dich doch auch vermisst, Kleines.“

Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie hatten sie – soweit er zurückdenken konnte – noch nie verfehlt. Warum ließ er sich eigentlich nicht auf dieses zauberhafte Geschöpf ein? Sophie war jung und bildhübsch. Ihre aparte Art betörte nahezu jeden, der sich in ihrer Nähe aufhielt. Allzu oft hatte er das zu spüren bekommen. Obwohl ihm Eifersucht im Grunde fremd war, beschlich ihn mitunter doch das Gefühl, sie über kurz oder lang zu verlieren. Sie fest an sich zu binden – diese Idee kam ihm dennoch nicht. „Und? Alles in Ordnung bei dir?“

Sophie Papenberg zögerte mit einer Antwort. Wo war sie eigentlich, ihre große Liebe? Irgendetwas kam irgendwie immer dazwischen. Meist bei ihm, seltener bei ihr. Robert war eben ein viel beschäftigter Mann. Zeit für Privates gab es bei ihm kaum. Dauernd war er auf Achse. Und selbst wenn er mal zu Hause war, fand er noch Ausreden, Sophie nicht sofort sehen zu können. Oder zu wollen? Seit Dienstag hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Dabei war der Abend so romantisch gewesen. Ein Essen zu zweit, bei Kerzenschein, mit Geigenmusik, mitten in einem idyllischen Schlossgarten. Wie geschaffen für einen Antrag. Mutmaßte sie. Doch weit gefehlt. Robert hatte einen geschäftlichen Termin mit dem Restaurantbesitzer. Diesmal ging es um Denkmalschutz und bauliche Veränderungen. Romantisch war das nicht gerade. Auch wenn das Essen verdammt gut schmeckte, blieb ihr doch fast jeder Bissen im Halse stecken. Zu hohe Erwartungen verderben eben den Appetit. Und zur Prinzessin wurde sie im Schlossgarten leider auch nicht.

In solchen Momenten hörte sie im Geist stets die Sprüche ihrer Eltern. „Kind, wenn du doch endlich etwas Anständiges lernen würdest. Du darfst nicht untätig herumsitzen und auf deinen Traumprinzen warten. Die Zeiten, in denen er auf seinem weißen Ross vor der Tür steht und seine Braut auf sein Schloss entführt, sind selbst im Märchen von gestern.“

Sollten Mama und Papa am Ende Recht behalten?

Sechs Monate hatte sie auf Lanzarote in einem Ferienclub gejobbt und die Kinder urlaubsreifer Eltern bei Laune gehalten. Immer wieder hatte sie dabei nach allein reisenden Vätern Ausschau gehalten. Ein paar Mal hatte es dann auch tatsächlich gefunkt – zumindest bei ihr. Denn irgendwann kam unweigerlich der Abschied – garniert mit dem eindringlichen Hinweis, sich bitte nie wieder zu melden. Am Ende könnte die liebende Gattin daheim noch Verdacht schöpfen und die anregenden Vater-Kind-Urlaube würden damit zwangsläufig ein jähes Ende finden. Albtraum-Prinzen schien es in Hülle und Fülle zu geben. Überall auf der Welt und in nahezu jeder Altersklasse.

„Klar ist alles in Ordnung. Was soll denn sein?“ So richtig überzeugend klang ihre Antwort nicht. Sophie konnte Robert einfach nicht böse sein. Hundert Mal hatte sie sich vorgenommen, anders zu reagieren. Hundert und ein Mal war Sophie ebenso konsequent mit ihrem Vorsatz gescheitert. Genau das schien Robert Schüreisens Charme auszumachen.

„Was meinst du? Sehen wir uns heute Abend?“

Wenn sie sich bei ihr trafen, würde sie etwas ganz Besonderes für ihn kochen. Etwas, das sie für Robert noch unwiderstehlicher machte. Vielleicht würde er ihr dann endlich die alles entscheidende Frage stellen. Mädchenträume. Auch mit Ende zwanzig war Sophie davor nicht gefeit.

„Ich muss noch drei Stunden kellnern. Dann hätte ich Zeit für dich. Kommst du zu mir?“

„Ach Sophie, mach dir keine Umstände. Ich hole dich ab und dann gehen wir irgendwo eine Kleinigkeit essen, okay?“

Kapitel 3

Hatte sie eigentlich jemals „Papa“ zu ihm gesagt? Erinnern wollte sich Bettina Gregori daran heute jedenfalls nicht mehr. Es musste aber wohl so gewesen sein. Schließlich kannte sie Robert Schüreisen, seit sie denken konnte. Er war der Mann an der Seite ihrer Mutter. Immer. Bis zu jenem wunderschönen Tag im Frühsommer. Wunderschön allerdings nur, was das Wetter betraf – ansonsten war der 24. Juni 1987 eher ein ziemlich schwarzer Tag gewesen. Der Tag, an dem Robert Schüreisen von jetzt auf gleich aus dem Leben der Gregoris verschwand, einfach so. Wenn sie daran dachte, wollten noch immer die Tränen rollen. Nicht nur, dass sie der „Papa“ verlassen hatte – auch ihre erste große Liebe war an jenem Sommertag gestorben.

Es tat so gut, von ihm zu träumen. Wie es wohl wäre, wenn er sie liebevoll in den Arm nehmen und zärtlich küssen würde? Wieder und wieder hatte sich Bettina ausgemalt, wie ein Leben an seiner Seite verlaufen würde. Gut, Robert war einige Jahre älter als sie. Dafür war er aber auch reifer und sie konnte etwas von ihm lernen. Männer mochten das doch. Zwei oder drei Kinder sollten sie schon bekommen. Eines sofort, die anderen im Abstand von drei bis vier Jahren. Wie ihr Stiefvater wohl im Bett war? Draufgängerisch? Überlegen? Behutsam? Ob sie ein Leben lang zusammenblieben? Wie ihre Mutter wohl auf die Nachricht reagieren würde? Nicht auszumalen, wie peinlich es für Mama sein müsste, wenn der Ex-Freund auf einmal der Schwiegersohn wäre. Ein ziemlich beunruhigender Gedanke. Schließlich hatte ihr ihre Mutter einmal gestanden, wie unglücklich sie über die Trennung gewesen war. Ob sie Robert wohl immer noch liebte? Ach was, Mama würde dem Glück ihrer Tochter niemals im Wege stehen. Oder vielleicht doch? Warum musste aber auch alles selbst im Traum so kompliziert sein?

„Wissen Sie schon, was Sie trinken möchten?“

Wo war sie nur mit ihren Gedanken? „Einen Cappuccino und ein Croissant, bitte.“

„Träum ruhig weiter.“

Das mussten ja ziemlich schöne Gedanken gewesen sein, die das Mädel an Tisch fünf so aus der Realität entführt hatten. Obwohl – eigentlich sah sie ganz schön traurig aus. Wer weiß, vielleicht eine unglückliche Liebe? Sei’s drum: Erstens ging es Sophie nichts an und zweitens hatte sie mit ihrer eigenen großen Liebe selbst genug ungelöste Probleme zu bewältigen. Also beließ sie es dabei, die Bestellung entgegenzunehmen und die guten Ratschläge für sich zu behalten. An Tisch fünf einen Cappuccino und ein Croissant. Nicht mehr – und auch nicht weniger. Basta.

Irgendwie fühlte sich Bettina Gregori beobachtet. Bereits seit einigen Minuten. Ein kleiner Hund starrte sie ununterbrochen an. Ob dieser Streuner ein Zuhause hatte? Ihr Croissant schien ihm gut zu gefallen. Eigentlich war sie schon satt – sollte er es doch haben. Ihren Hüften täte das nur allzu gut.

„Hier, nimm“ raunte sie dem kleinen Wuschel fast lautlos zu. „Nimm und sieh zu, dass du Land gewinnst.“

Land gewinnen, so ein Blödsinn. Als ob der kleine Racker das im Sinn gehabt hätte. Bettina war sich sicher: Sie sollte sein neues Frauchen sein. Sie und keine andere.

„Wie heißt er denn? Der ist ja süß!“

Komisch, der Hund war Sophie bei der Bestellung gar nicht aufgefallen. Erst war sie durch das verträumte, leicht traurige Lächeln der jungen Frau abgelenkt worden – und nun von der süßen Promenadenmischung. Manchmal konnte sie sich einfach nicht konzentrieren. Ob es am Alter lag? Quatsch – mit neunundzwanzig hielt das als Ausrede nun wirklich noch nicht her.

„Puccino – ich denke, er heißt Puccino“, hörte sich Bettina antworten. Ja, Puccino ist der richtige Name für einen Hund, der sich ausgerechnet bei einer Tasse Cappuccino in ihr Leben bettelte.

„Wie lustig, das passt ja richtig zu Ihrer Getränkebestellung.“ Sophie überlegte noch immer, wie es sein konnte, dass sie den Hund bislang übersehen hatte. Beide Frauen begannen zu lachen. Dass sie sich sympathisch fanden, war nicht zu übersehen.

„Ich heiße übrigens Bettina und Puccino kannte ich bis vor wenigen Minuten selbst noch nicht.“

„Sophie. Sophie Papenberg. Willst du den Hund denn behalten? Das ist ja mal spontan!“

Ja, spontan war sie wirklich. Ihre Katzen Mona und Lisa würden sich schon mit dem neuen Hausgenossen verstehen. Bislang hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, ob sich Hund und Katze wirklich wie Hund und Katze benahmen oder sich vielleicht doch aneinander gewöhnen konnten. Ihre Wellensittiche hatten die Gesellschaft der beiden Kätzchen ja bislang auch überlebt. Während sie noch darüber nachdachte, wie sie ihren neuen vierbeinigen Freund mit nach Hause nehmen würde, machte sich der kleine Streuner schon wieder auf die Wanderschaft. Zwei Tische neben Bettina gab es offenbar noch bessere Sachen zu stibitzen.

Der junge Mann, der dort saß, machte einen netten Eindruck. Ein bisschen traurig sah er aus – und irgendwie auf der Suche. Auf der Suche nach was? Oder vielleicht nach wem? Zumindest schien er ein Herz für Tiere zu haben.

„Sie sollten Ihrem Hund ein Halsband umbinden – so erkennt ja niemand, dass er ein Zuhause hat. So hübsch wie der aussieht, nimmt den bestimmt der Erstbeste mit.“

“Danke für den Tipp.“ Bettina ließ sich nicht gerne belehren. Entsprechend harsch war ihr Tonfall – harscher, als sie es eigentlich vorgehabt hatte. „Puccino kann ganz gut auf sich selbst aufpassen.“ Sie musste diesem Menschen ja nicht unbedingt auf die Nase binden, dass es weder eine Leine noch ein Halsband für das Tier gab. Geschweige denn, dass sie bis vor einer Stunde noch nicht einmal etwas von seiner Existenz gewusst hatte. Dem Hund schien das Gespräch ziemlich egal zu sein. Er machte sich genüsslich über ein Wiener Würstchen her, das dem jungen Mann wohl rein zufällig vom Teller gefallen war. Bettina musste nun doch schmunzeln. Schließlich war es ihr gerade ähnlich ergangen. Eigentlich sah der Typ auch ganz sympathisch aus. Sie hätte ruhig ein bisschen netter zu ihm sein können. Wer weiß? Schließlich sieht man sich immer zweimal im Leben. Mindestens zweimal.

Bevor sie den kleinen Puccino mit nach Hause nahm, sollte sie unbedingt noch bei einer Apotheke vorbeifahren und einen Schwangerschaftstest kaufen. Vielleicht hatte es ja diesmal endlich geklappt.

Wenn es einen Wunsch in Bettinas Leben gab, der noch größer war als der, mit Robert Schüreisen zusammenzukommen, dann war es der Wunsch, Mutter zu werden. Auch wenn es für Torschlusspanik noch viel zu früh war, sah sie bereits seit Jahren in jedem Mann eher den potenziellen Vater ihres ungeborenen Kindes als den Liebhaber. Den vorerst letzten Versuch hatte Bettina vor ein paar Tagen mit Konrad gestartet. Ohne dessen Wissen, aber mit seiner Hilfe. Und was für einer Hilfe! Für einen Moment hatte sie sogar gedacht, sie könnte sich in den knackigen Fitnesstrainer verlieben. Doch dann geisterte wieder der einzige Mann durch ihr Hirn, der ihr je etwas bedeutet hatte.

Was erdreistete sich dieser Typ am Nebentisch eigentlich? Der junge Mann schien offensichtlich nicht nur Gefallen an Puccino gefunden zu haben. Wie schamlos er herüberschaute! Ganz ohne Scheu. Unglaublich. Angriff war noch immer die beste Verteidigung: „Ist irgendwas?“

Jetzt hatte sie ihn. Erst bekam sein Hals rote Flecken, kurz darauf stieg ihm die Schamesröte vollends ins Gesicht. Mitten im Satz, der irgendjemandem am Telefon galt, beendete er das Gespräch – und ohne zu fragen, setzte er sich danach zu ihr an den Tisch. „Wollen wir den Hund nicht gemeinsam behalten? Sie und ich? Ich bin ein prima Wohngenosse – und für Frauen absolut ungefährlich. Ehrlich. Da können Sie fragen, wen Sie wollen.“

Woher nahm dieser Kerl bloß die Frechheit, ein derart unsinniges Anliegen überhaupt zu formulieren? Sah sie aus wie jemand, der kein Zuhause hatte und sich in einem Café nach einer Bleibe umsehen musste? Nicht sie, Puccino war der Streuner. Es dauerte einige Augenblicke, ehe sie ruhig genug war, um auf sein Anliegen gebührend zu reagieren.

Kapitel 4

„Ach Paul, musstest du schon wieder einen Frosch küssen, der danach zur Kröte mutiert ist?“

Kerstin kannte die Eskapaden ihres besten Freundes mittlerweile zur Genüge. Immer wieder fiel der liebe Kerl auf weniger nette Exemplare seiner Gattung herein. Immer wieder wurde der Arme ausgenutzt – immer wieder fallengelassen. Jedes Mal um eine Illusion ärmer – und jedes Mal um eine Enttäuschung reicher. Dabei hätte gerade Paul es wirklich verdient, endlich an den Richtigen zu geraten. Der vorerst letzte männliche Reinfall hieß Raoul. Immer wieder tanzte der feurige Spanier ihrem Freund auf der Nase herum. Schade eigentlich, dass Paul so gar kein erotisches Interesse an der Damenwelt hatte.

„Also, erzähl schon, was ist denn passiert? Hat dich deine Nachtclub-Nachtigall mal wieder betrogen? Mit wem denn diesmal?“

Schwerfällig quakte sich der Frosch davon. Diese Chance war ein für alle Mal vertan. Wohl war Felicitas dabei nicht. Mutiger sein. Eigentlich hatte sie sich doch genau das für ihr weiteres Leben vorgenommen. Nicht immer abwarten, dass etwas passiert: handeln! Der Frosch war weg – und mit dem Schrecken davongekommen. Wahrscheinlich wollte er gar nicht geküsst werden. Aber was, wenn doch? Dass Frauen immer so unentschlossen sein mussten. Was diesen Aspekt betraf, war sie ein sehr typisches Exemplar. Alles immer und an jedem Ort in Frage zu stellen – nie zu einer Entscheidung zu stehen – darin war sie geradezu weltmeisterlich.

Wenn er so recht darüber nachdachte, war im Grunde gar nichts passiert. Paul zögerte die Antwort mehr und mehr hinaus. Inzwischen kam ihm sein Anruf fast schon lächerlich vor. Sollte er der Freundin ernsthaft erzählen wollen, dass er sich in einen kleinen Hund verliebt hatte, der noch nicht einmal einem gut aussehenden, muskulösen Typen gehörte, sondern einer – zugegeben – bildhübschen, nicht minder gut gebauten jungen Frau? Ob die hübsche Unbekannte wohl ernsthaft geglaubt hatte, er würde mit ihr zusammenziehen wollen? Paul machte es Spaß, Menschen liebevoll auf den Arm zu nehmen.

Als „Katastrophe“ würde das bei Kerstin aber kaum durchgehen. Sollte er sich lieber eine richtig heftige Geschichte ausdenken und ihr erst später die Wahrheit sagen? Im Erfinden von immer verworreneren Abenteuern hatte Paul fast schon so etwas wie Routine entwickelt. Je weniger sich in seinem realen Leben tat, desto intensiver versank er in eine Traumwelt – umgeben von den süßesten Verführungen, die „Mann“ sich nur vorstellen konnte. Ein wahres Schlaraffenland ungezügelter Leidenschaften. Davon sollte er Kerstin erzählen. Es würde sie sicher nicht so langweilen, wie der Alltag eines gerade dreißigjährigen Werbetexters, der ständig auf der Suche nach dem Mann fürs Leben war, und mit großer Treffsicherheit immer genau danebengriff. Oder mitten hineintrat, in jeden nur erdenklichen Fettnapf.

Paul Korte entschied sich für die Wahrheit. Na gut, vielleicht würde er ihr nicht die ganze Wahrheit erzählen – aber einen Großteil schon. Einen Moment zögerte er noch. Was ließ er weg? Was bauschte er auf? Wo setzte er Akzente? Schließlich sollte Kerstin auch etwas davon haben, dass er mal wieder nichts wirklich Aufregendes erlebt hatte.

Wieso spukte ihr in letzter Zeit eigentlich andauernd diese Felicitas durch den Kopf? Und dann auch noch dieser Quatsch mit dem verwunschenen Frosch-Mann. Unglaublich, was einem alles so einfiel, wenn man entweder viel zu viel Zeit zum Nachdenken hatte, oder … Ja, was eigentlich? Simone wollte von Helen erzählen – Paul hatte auch irgendetwas erlebt – nur, wie es ihr ging, das wollte mal wieder keiner wissen. Und das ausgerechnet heute.

Sie wartete noch immer auf seine Antwort. Tisch fünf wollte bezahlen. „Robert, ich melde mich gleich noch einmal.“ Sophie legte auf. Zum ersten Mal, seit sie zusammen waren, hatte sie ein Gespräch beendet. Ein Anfang. Wenn auch kein freiwilliger.

„Kannst du dir jetzt bitte mal Zeit für mich nehmen? Ich platze fast, und du telefonierst in einer Tour.“

Simone hatte so sehr darauf gewartet, ihrer Freundin jedes Detail zu erzählen, dass die Minuten in Kerstins Wohnzimmer zu Stunden wurden. „Willst du denn gar nicht wissen, wie ich Helen kennengelernt habe?“

Kaum rief Paul an, war sie für ihre Freundin Luft. Und Paul rief ziemlich oft an. Für Simones Gefühl viel zu oft.

„Nun erzähl schon, was macht die schöne Helena denn so?“

„Helen, Kerstin, Helen ohne „a“ am Ende – und mach dich bitte nicht über mich lustig. Wenn es dich nicht interessiert, muss ich dir auch nichts erzählen.“

Wahrscheinlich merkte er es wirklich nicht. So sehr von sich überzeugt, nahm Robert Schüreisen die Welt um sich herum immer genauso wahr, wie er am besten dabei wegkam. Dann musste Sophie eben arbeiten. Und er würde sich etwas anderes für den Abend vornehmen. Denn auf den Anruf einer Frau warten – das tat ein Robert Schüreisen ganz gewiss nicht. Hatte er Inas Telefonnummer eigentlich noch in seinem Notizbuch? Es wäre doch eigentlich eine gute Gelegenheit, mal wieder alte Zeiten aufzuwärmen. Vielleicht bei dem kleinen Italiener an der Ecke, wo sie jahrelang ein und aus gegangen waren. Und fast schon zur Familie gehörten. Ob es „Da Pino“ überhaupt noch gab? Robert wurde ganz euphorisch. Also: Erst einmal klären, ob das Restaurant noch existierte und dann Ina anrufen. Dass seine Ex-Freundin Zeit für ihn haben würde, stand für Robert Schüreisen außer Frage.

„Nun sei doch nicht gleich beleidigt; ich höre dir ja zu.“ Etwas widerwillig kämpfte sich Kerstin durch das Chaos der vergangenen Nacht. Eigentlich hatte sie in der wenigen freien Zeit den gröbsten Dreck beseitigen wollen, doch daraus würde nun wohl wieder nichts.

„Schieß los, wie und wo hast du deine schöne Helena denn kennengelernt?“

Simone sollte ruhig merken, dass Kerstin sie nicht ganz ernst nahm. Während die Freundin ihrer Meinung nach viel zu viele Affären hatte, sah es in Kerstins Privatleben seit Jahren eher flau aus. Dabei musste sie sich wirklich nicht verstecken. Weder, was die äußeren, noch, was die inneren Werte betraf. Mit beiden war sie reich gesegnet. Nur so recht genutzt hatte es ihr bislang nichts. Die Arbeit als Theaterkritikerin machte Kerstin zwar Spaß, brachte sie aber nicht wirklich weiter. Was würde Felicitas wohl an ihrer Stelle tun?

Keine Angst mehr vor der eigenen Zivilcourage! Wo war der Frosch? Sie musste ihn wiederfinden – und das Schicksal herausfordern. Felicitas raste ins Haus und suchte nach einer Taschenlampe. Damit bewaffnet und mit einem großen Eimer in der anderen Hand, machte sie sich auf die Suche nach dem Tier. Irgendwo musste es doch stecken. So schnell gab sie nicht auf. Schließlich gehören verwunschene Prinzen erlöst. Er würde doch nicht so blöd sein und der positiven Wendung in seinem Leben selbst im Weg stehen. Warum eigentlich nicht? Richtig geschickt stellten sich Männer doch in den seltensten Fällen an.

„Was hast du gesagt?“ Wo war Kerstin nur mit ihren Gedanken?

„Helen hat all das, was mir in meinen Beziehungen bislang immer gefehlt hat. Sie hört mir zu, sie nimmt mich ernst, und sie ist unglaublich zärtlich.“

Wie hatte sie es nur ihr halbes Leben mit Männern aushalten können? Kerstin sah die Freundin ungläubig an. Diese Sprüche kannte sie nur zu gut. Der einzige Unterschied war, dass sich diesmal nicht ein außergewöhnliches Exemplar der männlichen Gattung um Simone bemühte, sondern eine Frau.

„Wie lange geht das denn schon mit euch?“

Ein wenig neugierig war sie schon. Darauf hatte Simone die ganze Zeit gewartet. Jetzt ließ sie die Freundin zappeln. „Hast du vielleicht eine Tasse Kaffee für mich? Dabei plaudert es sich einfach leichter, findest du nicht auch?“

Hätte er geahnt, wie viele Gregoris es im Telefonbuch gab, er wäre die Sache anders angegangen. Mit deutlich weniger Aufwand. Denn größere Anstrengungen war in seinen Augen keine Frau der Welt wert. Beim siebten oder achten Versuch hatte Robert Schüreisen endlich Erfolg; die Stimme am anderen Ende war eindeutig die von Ina.

“Wer auch immer etwas von mir will, muss sich gedulden, denn ich habe gerade keine Zeit, um ans Telefon zu gehen. Also, wie gewohnt: Nachrichten für mich nach dem Piep.“ Robert zögerte nicht lange – und legte auf. Würde er um ihren Anruf bitten, lägen die Fäden in ihrer Hand. Und das passte einem Mann wie ihm nicht ins Konzept. Wenn hier einer bestimmte, wo es langging, dann ganz sicher er. Sonst wäre er wohl auch nicht so weit gekommen. Er würde es später noch einmal probieren, das war wohl das Beste. Oder sollte er parallel schon mal weiter in seinem Notizbuch blättern? Bei Karola hatte er sich auch schon lange nicht mehr gemeldet. Wie hieß sie doch noch gleich mit Nachnamen? Und was war mit Gudrun? Hatte sie sich eigentlich wieder mit ihrem Mann versöhnt? Einen Skandal konnte er sich nun wirklich nicht leisten. Am vernünftigsten wäre es wohl, einfach auf Sophies Rückruf zu warten. Sie war so ein entzückendes Geschöpf – so liebreizend und so anhänglich. Nach seinem Geschmack fast ein wenig zu anhänglich. Vielleicht sollte er einfach einmal in dem Café vorbeischauen, in dem Sophie jobbte.

„Moni, nun mach es bitte nicht so spannend. Du weißt, ich habe eigentlich überhaupt keine Zeit.“ Auch dieses Spiel war für Kerstin nichts Neues. Simone ließ sich die Geschichten über die Abenteuer mit ihren Liebhabern jedes Mal aus der Nase ziehen. Zumindest in diesem Punkt schien sie sich treu geblieben zu sein. Dass Simone für eine ernsthafte Beziehung viel zu unstet war, stand für Kerstin schon lange fest. Ganz egal, ob es sich nun um einen Mann oder eine Frau handelte.

Kapitel 5

Wie gut, dass sie nicht jeden Sonntag zu einer Lesung einlud. Es war ein langer und anstrengender Tag gewesen. Bücher verkauften sich einfach nicht mehr von allein. Aber die Arbeit machte ihr Spaß, auch noch nach so vielen Jahren. Ob sich Bettina wohl endlich mal wieder gemeldet hatte? Voller Ungeduld hörte Ina den Anrufbeantworter ab. Zehn Telefonate – acht Mal davon aufgelegt, ein Anruf von ihrer Mutter, einmal ganz offensichtlich falsch verbunden. Denn Rasenmäher reparierte sie nun wirklich nicht, auch wenn das andere Ende vehement darauf bestand. Wer mochte wohl alles angerufen und wieder aufgelegt haben? Bettina war es ganz sicher nicht. Ihre Tochter hätte sich auf jeden Fall gemeldet und zumindest einen kurzen Gruß aufs Band gesprochen.

Ob Robert den Telefonhörer aus Versehen daneben gelegt hatte? Seit einer guten Stunde versuchte Sophie nun schon, ihren Freund zurückzurufen, aber es war immer besetzt. So lange telefonierte nicht mal ein Robert Schüreisen. Das Café hatte sich inzwischen ziemlich geleert, ihr Feierabend stand unmittelbar bevor. Noch reichte die Zeit, um alles für ein romantisches Dinner zu zweit vorzubereiten. Zuvor musste sie Robert allerdings erreichen. So viel hatte sie in den vergangenen Monaten gelernt; noch einmal würde sie sich nicht so ins Zeug legen, um dann allein vor der gedeckten Tafel auf ihn zu warten. Auf Robert war einfach kein Verlass – schon gar nicht, wenn er noch nicht einmal etwas von einer Verabredung ahnte.

Was war das denn? Im Café hatte er sie doch noch nie besucht! Robert hasste es, sich mit ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen. Nicht, weil er nicht mit seiner Freundin gesehen werden wollte, sondern um sie vor den neugierigen Blicken zu schützen. Wer auch immer in seinem Dunstkreis auftauchte, stand geradezu zwangsläufig selbst im Rampenlicht. Die Klatschpresse war unersättlich – und Robert als bekannter Politiker ein gefragtes Opfer. Er bewegte sich geradewegs auf Sophie zu, als er unvermittelt stutzte.

Sollte Kerstin ruhig ein wenig warten. Simone genoss die Minuten, die sie ihre Freundin nun schon hinhielt. Den frisch gebrühten Kaffee in der einen Hand, in der anderen eine lange Haarsträhne, die sie lässig um die Finger drehte, begann Simone betont langsam zu erzählen. Helen hatte ihr sofort ohne Umschweife schöne Augen gemacht. Offensichtlich voraussetzend, dass sie ähnlich empfinden würde – oder zumindest offen für Experimente war. Simone war derart verdutzt gewesen, dass sie sich den Annäherungsversuchen nicht widersetzt hatte. Dass sie mit Helen noch am selben Tag im Bett gelandet war, verschwieg sie Kerstin. Ganz geheuer war ihr dieses Kapitel selbst noch nicht. Kerstin schien zu ahnen, was in ihrer Freundin vorging.

„Moni, du verrennst dich da in etwas. Du kannst doch nicht urplötzlich Frauen lieben. Wie soll das gehen?“

Simone begann zu schmunzeln. Wie das ging? Eine blödere Frage hätte Kerstin kaum stellen können. Vielleicht hätte sie ihre neue Liebe doch für sich behalten sollen.

„Lass uns einfach über etwas anderes sprechen. Wie geht es dir eigentlich? Hier sieht es ja aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte.“

Bettina wollte gerade zum Gegenangriff ausholen und dem unverschämten jungen Mann an ihrer Seite ordentlich die Meinung sagen, als ihr Blick zur Tür des Cafés glitt. Robert Schüreisen kam geradewegs auf sie zu. Nun hieß es Ruhe bewahren. Nicht anfangen zu zittern – oder gar rot zu werden. Niemals durfte er erfahren, wie es um sie stand. Ohne zu zögern fiel sie dem jungen Mann, den sie gerade eben noch für unverschämt gehalten hatte, um den Hals. Dann küsste sie ihn mitten auf den Mund.

„Liebling, wie zauberhaft von dir!“, rief sie einen Tick zu laut durch das halbe Café; etwas leiser zischelte sie ihm zu, dass er sie jetzt nicht im Stich lassen dürfe. „Ich bin ja so glücklich, dass du mich endlich heiraten willst. Dann werden wir ja eine richtige Familie. Du, Puccino und ich! Darauf müssen wir unbedingt anstoßen. Sophie, zwei Glas Champagner bitte, und für den Hund etwas Wasser, ja?“

Fast wäre es um ihn geschehen gewesen. Nur einen einzigen Schritt mehr nach rechts, und Felicitas hätte den glitschigen Frosch zertreten. Das wäre dann wohl auch das Ende ihres Traumprinzen gewesen. Ein ziemlich unrühmliches Ende für ein Märchen. Beherzt stülpte sie einen Eimer über das verwunderte Tier. Dass sie ihn küssen würde, stand nun unabänderlich für sie fest – nur das „Wie“ machte ihr noch Probleme. Einfach drauflos? Mitten auf sein Maul? Wahllos irgendwo auf seinen Körper? Mit geschlossenen oder besser mit geöffneten Augen? Nur keinen Fehler machen. Es wäre doch eine Schande, wenn die Verwandlung ausbliebe, nur weil sie sich im Detail vertan hätte. „Also“, machte sich Felicitas selbst Mut: „Augen zu und durch.“

„Entschuldige Moni, mir geht der Frosch einfach nicht mehr aus dem Kopf.“

„Welcher Frosch?“

Kerstin schaffte es immer wieder, Simone aus dem Konzept zu bringen.

„Habe ich „Frosch“ gesagt?“

Paul war mit der ganzen Situation vollends überfordert. Er hatte sich einen Scherz mit ihr erlauben wollen, und nun das. Eine ihm absolut unbekannte junge Frau küsste und herzte ihn, als wären sie seit Jahren ein Liebespaar – und ausgerechnet in diesem Moment näherte sich dem Tisch jener Mann, dessen Gestalt seit Jahren durch seine Tagträume geisterte. Und dann ging dieser Mensch auch noch direkt auf ihn zu. Paul konnte sein Glück – oder Unglück – nicht fassen. Mit weichen Knien nickte er der jungen Frau fast unmerklich zu. Schließlich war er kein Unmensch. Nur unglücklich. Nach dieser Aktion musste sein Traummann doch zwangsläufig davon ausgehen, dass er sich nur für das weibliche Geschlecht interessierte. Wie peinlich! Paul Korte lief nun endgültig rot an.

„Bettina? Bist du es wirklich? Mein Gott, bist du groß geworden. Das gibt es doch gar nicht!“

Wie lange hatte er sie wohl nicht mehr gesehen? Es mussten sehr viele Jahre sein. Aus dem niedlichen Teenager war eine junge Frau geworden. Eine wunderschöne noch dazu. Ein echtes Juwel – das schien wohl auch der Mann an ihrer Seite nicht anders zu sehen.

„Entschuldigung. Ich habe mich ja noch nicht einmal vorgestellt. Robert Schüreisen. Ich kenne Ihre reizende Begleitung von früher.“

Warum sagte er eigentlich nicht, woher er sie kannte? Nur einen kurzen Moment dachte Robert darüber nach. Dann drehten sich seine Gedanken nur noch um Bettina. Wie hübsch, seine Ex-Stieftochter so verlegen zu sehen. Warum nur? So schlimm war es doch nun wirklich nicht, Bestandteil der vollkommen harmlosen Vergangenheit eines bedeutenden Politikers zu sein. Auf jeden Fall war es kein Grund, puterrot anzulaufen. Er musste Bettina bei Gelegenheit fragen, warum sie so reagiert hatte. Aber erst, wenn es etwas besser passte. Und wenn ihr Verlobter nicht dabei war. Was fiel dem jungen Mann eigentlich ein? Da telefonierte dieser Typ in Gegenwart von Bettina doch tatsächlich mit irgendeiner Person, die er völlig ungeniert „Schatz“ nannte. Hatte Bettina das nicht mitbekommen? Oder wollte sie es nicht hören?

Wie es ihrem Kind wohl gehen würde? Seit mindestens sechs Wochen hatte Ina Gregori nun schon nichts mehr von ihrer Tochter gehört. An sich war das weiter nicht verwunderlich: Bettina war erwachsen und lebte ihr eigenes Leben, noch dazu am anderen Ende der Stadt. Um sich abzunabeln, hatte sie der Mutter gesagt, als sie sie über ihren unmittelbar bevorstehenden Auszug kurz und knapp in Kenntnis gesetzt hatte. Es war dennoch ein gutes Mutter-Kind-Verhältnis; daran hatte auch die räumliche Trennung nichts verändert, im Gegenteil. Ina Gregori machte sich eine Flasche Rotwein auf und ließ das Badewasser ein. Sie würde den Tag ganz gemütlich ausklingen lassen und nicht mehr darüber nachdenken, wer in ihrer Abwesenheit angerufen, es aber nicht für nötig gehalten hatte, eine Nachricht zu hinterlassen. Wer etwas von ihr wollte, der würde es schon wieder versuchen. Nur so zur Sicherheit nahm sie das Telefon dann aber doch mit ins Badezimmer. Man musste das Schicksal ja nicht über Gebühr strapazieren.

Ausgerechnet jetzt wollte das Pärchen an Tisch 5 etwas bestellen. Eben saß die junge Frau noch ganz alleine da – dann kam sie ganz plötzlich zu einem kleinen Hund – und nun gesellte sich auch noch ein Mann dazu, mit dem sie offensichtlich auf irgendetwas Bedeutendes anstoßen wollte. Doch damit nicht genug. Exakt an diesem Tisch blieb Sophies Freund stehen. Kannte Robert die Frau etwa? Und wenn ja, woher?

„Zwei Glas Champagner, bitte sehr. Oder soll ich auch noch ein drittes bringen?“

Auch Robert Schüreisen schien sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen. Relativ unverhohlen signalisierte er Sophie, dass sie so tun solle, als würden sie sich nicht kennen. Warum verleugnete er seine Freundin ausgerechnet vor diesen Leuten? Was passierte hier eigentlich gerade?

Paul Korte nutzte einen unbeobachteten Moment:

„Wie heißen Sie, du eigentlich?“ Er fühlte sich in seiner Haut zusehends unwohl.

„Bettina“ zischelte sein Gegenüber zurück.

Mitten in die Stille hinein klingelte sein Handy.

„Halten Sie einfach den Mund und lassen Sie mich reden.“

Dass Raoul aber auch ausgerechnet jetzt anrufen musste. Seit Tagen hatte sich sein Freund nicht bei ihm gemeldet. Wer weiß, vielleicht hatte er endlich einmal richtig reagiert und nach einem kurzen „Jetzt nicht, Schatz“ einfach aufgelegt. Ein bisschen gespannt war Paul schon, in was für einer Geschichte er sich diesmal wiederfinden würde.

Kapitel 6

Da verstehe eine die Frauen! Nicht nur einmal hatte Helen Simone nun schon an den Rand der Verzweiflung getrieben. Dabei war sie sich diesmal doch so sicher gewesen, dass mit ihrer neuen Beziehung alles anders werden würde. Keine One-Night-Stands mehr, kein Lotterleben – stattdessen eitel Sonnenschein in trauter Zweisamkeit. Pustekuchen. Eigentlich war gar nichts anders. Bis auf den einen, kleinen Unterschied funktionierte ihr Zusammensein mit Helen genauso wie mit jedem x-beliebigen Mann. Das Frühstücksgeschirr blieb wie immer für Simone stehen, die Lebensmittel vergammelten im Küchenschrank, der Einkauf war ihre Sache und heiße Liebesnächte gab es auch nur dann, wenn Helen es wollte. Und das war eigentlich so gut wie gar nicht mehr. Seit sieben Wochen wartete Simone nun schon vergeblich auf ein Wunder.

„Liebes, magst du mir mal den Rücken einseifen?“

Noch klangen die Worte sanft und liebevoll. Doch wehe, wenn sich Simone nicht beeilte; da war es auch schon: „Hey, wird’s bald? Ich habe schließlich nicht ewig Zeit.“ Helen konnte wirklich zetern wie ein Kerl. Schlimmer noch. Schade, dass sie mit niemandem darüber reden konnte – oder wollte. Kerstin würde ihr gleich wieder etwas von der „schönen Helena“ erzählen und sich nach Strich und Faden über sie lustig machen. So wie an jenem Sonntag, als sie ihr so gern alles erzählt hätte und einfach nicht zum Zug kam. Paul, Paul, Paul. Immer wieder Paul. Wenn es etwas gab, das das Leben ihrer Freundin aus den wohl geordneten Bahnen bringen konnte, dann hieß dieses „Etwas“ Paul. Paul Korte.

So, mein lieber Froschkönig, Dein letztes Stündchen als Lurch hat geschlagen. Da saß das Tier nun auf Felicitas’ Handfläche und wartete auf das offensichtlich Unabwendbare.

Ob „das Tier“ wirklich darauf wartete? Es war wie verhext. Seit Wochen wurde sie den Frosch nicht mehr los. Immer wieder geisterten er und Felicitas durch Kerstins Gedanken. Wie stand doch so treffend auf einer Ansichtskarte, die ihr Paul vor ein paar Wochen geschickt hatte? „Du sollst nicht träumen vom Leben, sondern leben Deinen Traum.“ Statt so eine blöde Karte zu schicken, hätte er lieber mal mit ihr reden, oder besser noch, ihr zuhören sollen. Warum war sie eigentlich immer für alle da und nie jemand für sie?

„Erbe wedelt mit dem Schwanz …“ Die Kleinanzeigen wurden aber auch immer verrückter. Paul schmunzelte. Eine putzige Vorstellung. Da hatte ihn dieses Weib doch tatsächlich völlig ungeniert „Detlef“ genannt und ihn danach auch noch mitten auf den Mund geküsst. Detlef – das ging ja wirklich gar nicht. Etwas mehr Feingefühl hätte Paul schon von seinem unbekannten Gegenüber erwartet. Zum Glück hatte er nur einen Nachmittag lang in die Rolle des verliebten Verlobten schlüpfen müssen. Schlimm genug, dass er seinen Auftritt ausgerechnet vor diesem verdammt attraktiven Mann hatte. Diese Bettina hatte wirklich kein Herz. Sogar für Puccino war er, Paul, nun Detlef. Wie peinlich! Der Hund musste ja weiß Gott was von ihm denken. Vorausgesetzt, Hunde waren dazu überhaupt in der Lage.

„Du bist ein Mensch, der nur drei Wörter kennt: ich – mir – mich.“

Robert Schüreisen genoss es immer wieder sehr, wenn Sophie zu schimpfen begann. Sie war dann noch schöner und begehrenswerter. Und das sogar am Telefon, wenn er sie gar nicht sehen konnte.

„Ich weiß gar nicht, was du willst – mir gefällt die Beziehung, so wie sie ist. Für mich könnte es nicht besser sein. Was meinst du, Schatz? Wollen wir es uns mal wieder so richtig gemütlich machen?“

So wie damals, als wir noch eine kleine Familie waren – formulierte er in Gedanken weiter. Wieso erinnerte er sich seit seiner Begegnung mit Bettina eigentlich immer intensiver an die gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter? Das hatte Sophie nun wirklich nicht verdient.

„Weißt du was? Ich hole dich nachher vom Café Paradiso ab und dann fahren wir zu mir, okay?“

Eine Antwort wartete Robert erst gar nicht ab. Sophie würde sowieso begeistert zusagen. Noch ehe sie überhaupt eine Chance gehabt hätte, etwas zu erwidern, hatte er den Hörer aufgelegt.

Wie war sie eigentlich auf die Idee gekommen, einen wildfremden Mann als ihren Verlobten auszugeben? Zum Glück hatte Detlef, ach was, Paul mitgespielt. Es wäre aber auch zu peinlich gewesen, wenn ihr „Papa“ gemerkt hätte, wie viel es Bettina bedeutet hatte, ihn, ihre große Liebe, wiederzusehen. Ob Robert Schüreisen überhaupt den Schimmer einer Ahnung davon hatte, wie es um sie stand? Wie auch immer: Spätestens mit der Präsentation ihres „Verlobten“ dürfte diese Gefahr gebannt sein. Ob Robert die Tiefe ihrer Gefühle testen wollte und sie und ihren Detlef ganz bewusst auf eine Tasse Tee einlud? Vielleicht haben „Väter“ ja mitunter auch so etwas wie einen siebten Sinn. Es war ganz schön schwer gewesen, Paul davon zu überzeugen, ihrem Ex-Papa ein weiteres Mal etwas vorzuspielen. Zumal er über den Namen, den sie ihm in ihrer Not gegeben hatte, alles andere als erfreut gewesen war: zu schwul. Dass ausgerechnet Paul dies so empfand, entbehrte nun wirklich nicht einer gewissen Komik.

Wieder und wieder dachte Sophie darüber nach. An jenem Abend im Café Paradiso, an dem er so überraschend vor ihr gestanden hatte, war es ihr so vorgekommen, als hätte Robert damit begonnen, einen riesigen Wall um sich herum zu bauen. Wer war diese Bettina? Warum hatte Robert Sophie signalisiert, dass sie sich nicht kannten? Bis zu diesem Zeitpunkt war ihr die Frau noch so sympathisch gewesen. Na ja, und eine Verlobung im Café gab es schließlich auch nicht alle Tage. Warum um alles in der Welt erzählte ihr Robert nicht, woher er Bettina kannte? Und warum fragte sie nicht einfach danach?

“Und so frage ich dich, bist du bereit, diesen kleinen Frosch zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, dann antworte mit Ja.“

Stopp, Stopp, Stopp! So weit waren Felicitas und der verwunschene Prinz doch noch gar nicht. Wenn ihr dieser Mist schon nicht aus dem Kopf ging, dann wollte Kerstin wenigstens chronologisch vorgehen.

Ehe sich Felicitas versah, hüpfte das Tier auch schon beherzt auf den Küchenboden. Flutsch, weg war er. Diesmal – ein für alle Mal? Warte, du Traumprinz, dich krieg ich. Darauf kannst du jede Menge Fliegen fangen.

So passte die Geschichte. „Du musst deine Träume unter Kontrolle behalten, Kind“, hörte sie ihre Mutter sagen. So wie damals, als sie noch klein war und am liebsten in den Sternenhimmel schaute. Geändert hatte sich daran nicht wirklich viel. Nur, dass die Entfernung zu den Sternen dank ihres ganz normalen Wachstums um einen knappen Meter geringer geworden war. Aber eben nur die physische Entfernung. Vielleicht sollte sie ihre Erlebnisse mit Felicitas aufschreiben. So was soll ja bekanntlich helfen. Es wären sicher nicht die ersten therapeutischen Ergüsse, die zu einem Buch gerieten. Vielleicht sogar zu einem Bestseller. Und wenn ihr Verleger dann auch noch gut aussehend und Single wäre … Dann könnte der Frosch Frosch bleiben und Felicitas sehen, durch wessen Träume sie künftig geisterte. Hätte, wäre, wenn.

Felicitas kümmerte das wenig. Nur für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie ihr Vorhaben aufgeben wollen. Dann begab sie sich mit einem Küchensieb auf die Jagd nach dem fliehenden Kriechtier. „So nicht, mein Lieber. Wir sind noch lange nicht miteinander fertig.“ Wie in jedem Märchen muss es ein Happy End geben. Was heißt hier, es muss. Es wird!

Wusste Kerstin eigentlich etwas von seinem neuen Doppelleben? Bislang hatte Paul seiner Freundin fast immer fast alles fast sofort erzählt. Wenn auch nicht immer detailgetreu. Diesmal war alles irgendwie anders. Komplizierter. Bettina hatte ihm ein vollkommen neues Leben angedichtet. Plötzlich musste er auf „Detlef“ reagieren. Dieser Detlef arbeitete bei einer Versicherung, spielte in seiner Freizeit Fußball und träumte von einem Eigenheim und einer großen Familie mit mindestens drei Kindern. Dass er Bettina geradezu vergöttern sollte, fiel Paul in seiner neuen Rolle besonders schwer. Dabei fand er seine Pseudo-Verlobte eigentlich ganz sympathisch. Diese ganze blöde Geschichte im Café hatte aber auch ein derart intensives Eigenleben entwickelt. Wer konnte denn ahnen, dass sich aus dem zufälligen Treffen ein Fortsetzungsroman ergeben würde, der alle Anlagen hatte, zu einer unendlichen Geschichte zu werden. Oder vielleicht treffender: zu einer unsäglichen Geschichte. Mehrere Male hatte er nun schon in die Rolle des verliebten Verlobten schlüpfen müssen. Einmal hatte ihm Robert Schüreisen dabei sogar gründlich die Leviten gelesen. Dass das so nicht ginge, mit anderen Frauen und so. Die Frage, wie er denn darauf käme, dass Paul etwas mit anderen Frauen haben könnte, hatte der smarte Politiker mit dem Hinweis beantwortet, er habe schließlich beim Verlobungs-Champagner das Telefonat mit dem „Schatz“ mitbekommen.

Er würde Bettina anrufen. Er musste dieses Theater beenden. So ging es einfach nicht mehr weiter.

Große Lust, sich aufzubrezeln, verspürte Ina Gregori nicht. „Vergrab dich nicht so in deinen vier Wänden. Du bist doch keine alte Jungfer.“ Ihre Tochter hatte wirklich kein Erbarmen.

„Du hast ja Recht, mein Kind. Wahrscheinlich tut es mir wirklich gut, mal wieder auszugehen. Welchen Film wollen wir uns eigentlich ansehen?“

Bettina hatte keine Ruhe gegeben. Machte sie sich womöglich Sorgen um ihre „alternde“ Mutter? So schlimm war es nun auch noch nicht.

„Ach, Mami, ich dachte, wir gehen erst einmal eine Kleinigkeit essen – und dann schauen wir weiter. Ist das okay für dich? Was hältst du von dem Italiener, wo wir früher öfter mal mit Robert waren?“

Als sie seinen Namen erwähnte, begann Ina unweigerlich zu frösteln. Wie kam ihre Tochter ausgerechnet jetzt auf das Da Pino? Seit sie sich verwählt hatte, ertappte sich Ina immer öfter dabei, an Robert zu denken. Er hatte ihr nie erklärt, warum er gegangen war. Dabei hätte sie es so gern gewusst. Auch jetzt noch.

„Eine gute Idee, Bettina. Schaffst du 20 Uhr?“

Sie würde das kleine Schwarze anziehen. In einem ähnlichen Modell hatte sie Robert immer so gut gefallen.

„Liebst du mich eigentlich?“

Was für eine dumme Frage. Erwartete sie darauf tatsächlich eine ehrliche Antwort? Simone stand vor dem Spiegel. Sie konnte sich sehen lassen. Wenn sie es darauf anlegte, lagen ihr die Männer scharenweise zu Füßen. Und neuerdings ganz offensichtlich auch die Frauen. Helen blieb ihr noch immer eine Antwort schuldig. Simone hatte nichts anderes erwartet. Viel war vom anfänglichen Zauber ihrer Beziehung wirklich nicht übrig geblieben. Für ihre Freundin war sie doch nur das nette Betthäschen und eine billige Haushaltshilfe. Nicht jede große Liebe mündet eben in ein Happy End.

Eigentlich könnte sie Holger mal wieder besuchen. Ganz zwanglos. In seiner Praxis. Als Patientin. Daran war ja nun wohl wirklich nichts auszusetzen. Dagegen könnte auch Marianne nichts haben. Ob sie überhaupt noch mitarbeitete? Wahrscheinlich hatte die neue Frau ihres Ex-Mannes mit den Zwillingen genug um die Ohren. Auf dem Weg zu ihm würde Simone zur Sicherheit einen kurzen Stopp beim Friseur einlegen – und dann noch schnell die bezaubernde Wäsche aus dem Dessous-Lädchen an der Ecke besorgen. Schließlich brauchte sie ja etwas Nettes zum Ausziehen. Ob er sie wohl immer noch attraktiv fand? Sollte Kerstin am Ende Recht behalten? Würde auch die Beziehung zu Helen nicht von Dauer sein? Wenn sie so recht überlegte, hatte sie schon lange kein Inserat mehr aufgegeben.

„Mein Mensch ist mit mir wegen dringender Geschäfte unterwegs. Wer was von uns will, belle oder spreche bitte nach dem Zeichen.“

Wann auch immer Paul Bettinas Nummer wählte: Sie war nicht da. Entweder entsprach der Text auf dem Anrufbeantworter nicht der Wahrheit, oder Puccino hatte es verdammt gut erwischt. Vom Straßenköter zum kleinen Prinzen. Was für ein Schicksal! Er würde es später noch einmal probieren. Sein Alter Ego entschied sich dann aber doch, einen Gruß zu hinterlassen. „Hallo Bettina, hier ist dein Traummann – im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn du magst, melde dich doch mal bei mir, oder besser bei Paul. Küsschen von Detlef – mit ganz langem Eeee.“ Paul legte auf. Dann musste das Ende ihrer Beziehung eben noch ein wenig verschoben werden. Inzwischen war das auch schon fast egal.

Wie lieb Robert doch sein konnte, wenn er es wollte. Oder führte er etwas im Schilde? Sie hatten sich schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Ob er wohl endlich um Sophies Hand anhalten wollte? Ihre Mutter würde vielleicht staunen. Und ihr Vater könnte endlich aufhören, von Sicherheiten und Perspektiven zu reden.

„Wir rechnen Ende November nächsten Jahres mit der Geburt.“

Bettina legte die Zeitung aus der Hand. Jetzt machte sie schon ein Artikel über ein freudiges Ereignis aus dem Tierreich traurig. Selbst Elefantenkühe werden also schwanger. Gut, mit fast zwei Jahren Tragzeit dauert es etwas länger. Bettina legte die Zeitschrift zur Seite, in der sie im Wartezimmer lustlos geblättert hatte. Wieso vergeben Ärzte eigentlich Termine, wenn sie sie dann doch nicht einhalten? Dass man bei Dr. Fabrizius immer so viel Geduld mitbringen musste! Bettina wurde von Minute zu Minute ungeduldiger. Ob es diesmal geklappt hatte? Nachdem auch der Fitnesstrainer als Erzeuger eine Niete war, hatte der Sohn vom Apotheker an der Ecke dran glauben müssen. Süß war er ja – aber völlig unbedarft. Er hatte sich doch tatsächlich in sie verliebt. Als ob Bettina darauf aus gewesen wäre. Jetzt stand der Test an. Diesmal wollte sie auf Nummer sicher gehen und sich nicht auf die Streifen aus der Apotheke verlassen. Zu Dr. Fabrizius hatte sie Vertrauen. Er kannte sie schließlich seit ihrer Pubertät.

Pinguin müsste man sein … Paul mochte nicht glauben, was er gerade las. In der Zeitung stand doch tatsächlich schwarz auf weiß, dass Pinguine für Sex zahlen. Na ja, nicht mit Geld – mit Steinen. Wie herzig. Einige Männchen zahlen sogar schon fürs Schmusen. Mit der Stein-Kohle bauen die Weibchen ihre Nester – die meisten Jungs gehen nach dem Bezahlen leer aus. Irgendwie war das doch fast wie im richtigen Leben. Apropos Leben: Er musste sich dringend mal wieder mit Kerstin treffen. Seine Lieblingsfreundin litt bestimmt schon unter akutem Korte-Entzug.

Verändert hatte sich in den Räumlichkeiten eigentlich kaum etwas. Vielleicht waren die Pflanzen ein wenig gewachsen oder ausgewechselt worden. Und die Zahl der Babyfotos an der Pinnwand dürfte auch etwas gestiegen sein. Von Bevölkerungsrückgang war in der Praxis ihres Ex-Mannes wenig zu spüren. Drei Patientinnen noch – dann war Simone an der Reihe. Etwas eigenartig war es ja schon, sich von Holger untersuchen zu lassen. Während ihrer Ehe hatte sie es stets vorgezogen, zu einem seiner Kollegen zu gehen. Weil es ihr anders irgendwie zu intim war. Aber das war ja nun nicht mehr der Fall. Richtig wohl fühlte sie sich dennoch nicht. Ob sie lieber wieder gehen sollte? Ach was, jetzt hatte sie schon mehr als eine Stunde auf die Untersuchung gewartet – jetzt wollte sie ihn auch sehen.

„Die Nächste, bitte.“

Erst den Frosch fangen – oder erst das Märchenbuch mit der Anleitung zum „Frösche-in-Traumprinzen-verwandeln“ suchen? Wenn sie zu lange wartete, könnte sich der verwunschene Prinz womöglich in Luft aufgelöst haben. Felicitas entschied sich für den ungeprüften, spontanen Froschfang. Nachdem sie alle Fluchtwege gesichert hatte, näherte sie sich mit forschen Schritten der Anrichte, unter der das Fröschlein mit einem Satz verschwunden war. Völlig verstört saß das verwunschene Tierchen in der Ecke – umgeben von einer Wollmaus, ganz so, als hätte es sich darunter tarnen wollen.

Kapitel 7

Warum fragte eigentlich niemand nach dem Grund für ihre Feier? Das war mal wieder typisch für ihre Freunde. Kerstin gibt ein Fest – und alles ist gut. Jegliche Nachfragen, warum und weshalb, erübrigen sich. So einfach ist das. Seit sie denken konnte, war das schon so. Natürlich hätte sie auch von sich aus erzählen können, dass sie Ressortchefin geworden war. Sie wollte aber gefragt werden. Erst Wochen später hatte Paul sich gewundert, dass Kerstin so einsilbig gewesen war. Statt Freudengeschrei erntete sie nach ihrer Erklärung von ihm auch noch jede Menge Vorwürfe. So etwas hätte sie ihm doch sagen müssen! War er nun ihr bester Freund – oder nicht? Wie viel lieber wäre Kerstin einfach nur von Paul in den Arm genommen worden. Aber auf so eine naheliegende Idee kam dieser Mann ja nicht.

Er würde sich richtig ins Zeug legen. Erst ein romantischer Aperitif, dann ein romantisches Essen und danach … eine romantische Nacht. Er hatte wirklich lange keinen Sex mehr mit Sophie gehabt. Schon gar nicht bei Kerzenschein. Warum war ihm das eigentlich bislang nicht aufgefallen? Hatte ihm am Ende gar nichts gefehlt? Dummes Zeug, schalt Robert sich in Gedanken selbst. Woher kamen diese Zweifel? So kannte er sich gar nicht. Er war beruflich einfach nur sehr eingespannt gewesen. Er wollte diese Gedanken nicht zu Ende denken. Er war ein Mann der Tat. Und deshalb wurden jetzt auch Fakten geschaffen. Punktum. Sollte er sein Glück als Koch versuchen oder lieber auf Nummer sicher gehen? Robert entschied sich für die sicherere Variante. Wo hatte er doch gleich die Telefonnummer vom Italiener gelassen? Er hatte schon lange nichts mehr bei Da Pino bestellt. Sophie kochte einfach zu gut und noch dazu ausgesprochen gern. Heute würde er sie einmal nach Strich und Faden verwöhnen. Wie viel Zeit blieb ihm noch bis zu ihrem Feierabend? Es würde knapp werden. Am besten fuhr er selbst beim Italiener vorbei. Männer wie er wussten, was sie zu tun hatten.

„Bettina, Bettina, du hast nun wirklich noch so viel Zeit. Warum willst du eigentlich um jeden Preis schwanger werden? Werd doch erst einmal erwachsen, Mädchen, und genieße dein Leben.“

Holger Fabrizius redete auf die junge Frau ein wie auf ein kleines Kind. Wie unvernünftig sie war. Als ob nicht genug Gefahren bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr lauerten. Ob er vielleicht doch mal mit ihrer Mutter sprechen sollte?

„Schwanger bist du auf jeden Fall schon mal nicht.“

Wie bei den Malen zuvor ließ sie den Vortrag über Risiken und Nebenwirkungen auch diesmal wieder artig über sich ergehen. Ob sich Paul vielleicht überreden ließe, als ihr „Verlobter“ auch im Bett seinen Mann zu stehen? Fragen konnte sie ihn ja mal. Einen Versuch wäre es immerhin wert. Sie würde ihn sofort anrufen. Er musste ihr einfach helfen. Bislang hatte er sie doch auch nicht im Stich gelassen. Und was wollte sie schon Großartiges von ihm? Schließlich könnte Paul dabei doch auch seinen Spaß haben. Ob er schon mal mit einer Frau …?

„Du kannst dich wieder anziehen. Und denk an meine Worte.“

„Alles klar, Doc, bis zum nächsten Mal.“

Schon beim Verlassen der Praxis, wählte sie Pauls Nummer.

Ob er noch im Da Pino verkehrte? Vielleicht war er ja ausgerechnet an diesem Abend da? Mein Gott, wie würde sie sich in einem solchen Fall wohl verhalten? Ina verharrte für einen Moment. Wahrscheinlich wäre sie der Situation nicht gewachsen. Ganz bestimmt nicht. Worüber würden sie reden? Wer würde ihn begleiten? Wäre sie jünger – hübscher – geistreicher? Warum hatte sie sich mit ihrer Tochter eigentlich ausgerechnet hier verabredet? Vielleicht sollte sie mit Bettina lieber in ein anderes Restaurant gehen. In eines, in dem sie nicht Gefahr laufen würde, Robert Schüreisen zu begegnen. Oder wollte sie das am Ende sogar? Tief in ihrem Innern? Warum um alles in der Welt hatte sie sich auch verwählen müssen? Sie hatte ihn doch schon so gut wie vergessen. Aber eben nur so gut wie.

Warum musste Simones Handy eigentlich immer im falschen Moment klingeln? Unpassender ging es nun wirklich nicht.

„Hallo?“

„Ach, du bist es.“

„Nein. Ich kann jetzt gerade nicht.“

„Wie? Ich bin komisch?“

„Hallo?“

Helen hatte einfach aufgelegt. Eigenartigerweise schien es Simone nichts auszumachen, dass sie die Freundin am Telefon offensichtlich brüskiert hatte. Diese Simone war ihr neu – so kannte sie sich selbst gar nicht. Helen konnte sich aber auch anstellen.

„Die Nächste bitte. Frau Fabrizius.“

Ausgerechnet jetzt, wo es spannend wurde, dachte sie nicht an den Frosch. War denn auf nichts mehr Verlass? Kerstin freute sich darauf, Paul endlich mal wieder zu sehen. Er hatte es aber auch richtig spannend gemacht. Noch spannender, als es sonst seine Art war. Immer wieder hatte er am Telefon von einem Detlef gefaselt. Bislang war sie immer sofort über den neuesten Stand seiner Liebschaften informiert worden. Diesmal schien es anders zu sein. Detlef – der Name war ihr vollkommen fremd. Ob es womöglich etwas Ernsthaftes war? Paul und die große Liebe namens Detlef? Sie würde ganz schön umdenken müssen. Bislang war sie – wenn sie es darauf anlegte – immer die Nummer eins in Pauls Leben gewesen. Nur nicht in seinem Bett. Das war so ziemlich der einzige Ort, den sie noch nicht kannte. Wieso eigentlich „noch“? So weit würde wohl weder er noch sie jemals gehen. Sie waren richtig gute Freunde. Und in ihrer Beziehung hatte Sex nicht das Geringste zu suchen. Mal ganz abgesehen davon, dass sie ganz bestimmt nicht Pauls Fall war.

Die Zeiten, in denen sie diesen Umstand gelegentlich verflucht hatte, waren längst vorbei. Sie hatte sich damit abgefunden, dass Pauls Herz für Frauen absolut verschlossen war. Fast war sie ein wenig eifersüchtig. Nicht auf Paul. Aber auf Detlef.

Auf dem Schreibtisch im Behandlungszimmer standen drei Bilderrahmen. Ein großer mit einem Foto von Marianne – zwei kleinere mit den Bildern der Zwillinge. Jedes Kind fein säuberlich in einem eigenen Rahmen. Holger legte ganz offensichtlich Wert darauf, dass sich die eineiigen Geschwister schon als Kleinkinder zu eigenständigen Individuen entwickelten. „Pädagogisch wertvoll“ – dieser Stempel hatte schon immer hervorragend zu Holger gepasst. „Simone! Schön, dich zu sehen. Wie komme ich denn zu der Ehre, dass du dich von mir behandeln lassen möchtest?“ Derart in Gedanken versunken, hatte Simone gar nicht bemerkt, dass sie nicht mehr allein im Zimmer war. Holger hatte sich kaum verändert. Ein kleiner Bauchansatz, vielleicht. Auch das Haar schien etwas schütter zu werden. Aber es schien ihm gut zu gehen – vermutlich sogar blendend.

„Hallo, Holger.“

Dass ihr ausgerechnet jetzt aber auch nichts Intelligenteres einfiel!

Jetzt geisterten schon schwangere Elefantenkühe durch ihr Hirn. Er mochte sie doch. Er würde ihr bestimmt helfen. Wenn nicht Paul, wer sonst? Schließlich waren sie doch fast so etwas wie verlobt. Jetzt war es passiert; Bettina fing an, sich ihre Liebesgeschichte mit Detlef, alias Paul, selbst zu glauben. Phantasie hatte sie. Darin waren sich auch ihre Lehrer immer einig gewesen. Sie sollte etwas daraus machen. Aber eins nach dem anderen. Im Moment stand die Familienplanung ganz oben auf ihrer Liste der zu erledigenden Angelegenheiten. Ach was, Familienplanung. Ein Kind wollte sie bekommen. Im Notfall auch ohne Mann! Oder eben nur mit seiner Hilfe.

Sophie blickte auf die Uhr. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Es war aber auch ein blöder Job. Entweder wusste sie nicht, wohin mit ihrer Langeweile, oder sie musste die Quadratur des Kreises im Kopfstand bewältigen. Wieso wollte Robert sie eigentlich plötzlich so schnell sehen? Das passte gar nicht zu ihm. Womöglich machte sie sich um die Frau im Café einfach zu viele Gedanken. Das Wichtigste war doch, dass Robert sie liebte. Sie sollte sich beizeiten vielleicht doch nach einer richtigen Aufgabe umsehen. Studium? Ausbildung? Familie? Das Letztere schien ihr noch das Angenehmste zu sein. Die Mütter, die sie immer wieder im Café bediente, machten nicht gerade den Eindruck, als stünden sie unter Dauerstress. Sollten sie doch reden, was sie wollten. Sophie hatte schließlich Augen im Kopf. Den späten Dienstagvormittag hatte ihr Chef zum „Mutter-Kind-Tag“ deklariert: Alle Getränke und Kuchen zum halben Preis. Das Angebot zog. Der Umsatz mochte vielleicht stimmen – das Trinkgeld tat es nicht. Mütter haben offenbar nicht nur unbegrenzt Zeit und Hunger, vor allem sind sie geizig. Ob Robert überhaupt Lust auf Nachwuchs hatte? Nach Sex stand ihm der Sinn im Moment offenbar überhaupt nicht.

Einen Espresso könnte sie sich doch eigentlich schon mal bestellen. Bettinas Unpünktlichkeit war schließlich legendär – sie als Mutter konnte ein Lied davon singen. Als Inas Tochter noch ganz klein war, vertrödelte sie bereits die Zeit, wo und wann immer sie konnte. Es gab nicht einen einzigen Morgen, an dem sie ihr Kind pünktlich im Kindergarten abgeben konnte. Entweder hatte das Prinzesschen das falsche Kleid an – oder das momentane Lieblingsschmusetier war mal wieder auf unerklärliche Weise unauffindbar. Eine große Hilfe bei Bettinas Erziehung zur Pünktlichkeit war ihr Robert damals nicht gerade gewesen. Wie kam sie nun schon wieder auf ihren Ex-Freund? Wo blieb Bettina nur? Das Warten machte wirklich durstig.

„Enzo – einen Espresso, bitte. Ach was, bring mir doch schon mal ein Glas Prosecco.“

„Na dann mach dich mal frei.“

Etwas persönlicher hätte Holger seine Bitte als Arzt schon formulieren können. Sollte sie ihm tatsächlich so gleichgültig sein? Betont langsam knüpfte Simone die speziell für diesen Zweck erstandene Bluse mit extra vielen Knöpfen auf. Und was tat Holger? Er schaute sie nicht einmal an. Er blätterte stattdessen völlig emotionslos in ihrer Akte. Und dafür hatte sie nun derart viel Geld ausgegeben.

„Wie geht es denn deiner Frau?“

Aus ihrem Mund klang das irgendwie komisch. Noch waren Holger und sie schließlich verheiratet, Marianne war rechtlich nur die Mutter seiner Kinder. Aber konnte Simone deshalb „Freundin“ oder „Lebensgefährtin“ zu der Geliebten ihres Mannes sagen?

Holger schien die Frage nicht zu irritieren. „Du glaubst ja gar nicht, wie süß die beiden Racker sind.“

Nach den Kindern hatte sie doch gar nicht gefragt. Einen Moment lang schöpfte Simone so etwas wie Hoffnung. Holger war schon ein immens interessanter Mann. Besonders jetzt, nachdem er für sie in weite Ferne gerückt war.

„Und Marianne ist nicht nur eine zauberhafte Mutter, sondern eine noch fantastischere Frau, ach, was sage ich, die einzig wahre Geliebte. Eine Göttin.“

Das Tier sah mit seinem Fellbesatz richtig lustig aus. Viel menschlicher. Irgendwie angezogen. Ob es Felicitas so leichter fiel, das derart verkleidete glitschige Etwas zu küssen? Ganz klein und verhärmt sah er aus, der verwunschene Traumprinz. Ob er wohl ahnte, was ihm unmittelbar bevorstand? Er musste wohl. Mit einem lauten und geradezu wehleidigen Quaken versuchte der kleine Frosch erneut unter den Schrank zu entwischen. Doch dieses Mal war Felicitas eindeutig die Schnellere. Sie griff das nunmehr vollends verschreckte Tier und presste es an ihren Mund. Ein, zwei, dreimal hintereinander. Dann ließ sie den Frosch los – und begann zu warten.

Ob sie um diese Uhrzeit wohl schon zu Hause war? Paul hatte in seiner Hektik vollkommen vergessen, nicht nur den Ort für ein Treffen, sondern auch eine Uhrzeit mit Kerstin auszumachen. Normalerweise verabredeten sie sich nie. Wenn ihm danach war, stand er einfach vor ihrer Wohnungstür. Schließlich hatte Kerstin immer Zeit für ihn. Diesmal war es irgendwie anders. Sie wollte sich partout nicht bei ihr mit ihm treffen. Derart zickig hatte er Kerstin während ihrer jahrelangen Freundschaft noch nie erlebt. War sie womöglich verliebt? Aber in wen? Ach was, Kerstin doch nicht. Seine Kerstin verschleuderte sich nicht so einfach an einen wildfremden Mann. Da musste schon der Richtige kommen. Und er, Paul, würde ein Auge darauf haben. Schließlich war sie nicht irgendwer, sondern seine beste Freundin. Bei ihr zu Hause schien niemand zu sein. Nicht einmal der Anrufbeantworter bat um eine Nachricht. Auf ganzer Linie Funkstille. Wo und vor allem wann hatten sie sich bloß verabredet? Er würde es einfach mal im Café Paradiso versuchen. Und wenn Kerstin nicht dort war, hätte er immerhin die Chance, auf andere Bekannte zu treffen. Allein war Paul überhaupt nicht gern.

Das war jetzt schon die achte rote Ampel in Folge. Wenn die Stadt etwas auf keinen Fall geregelt bekam, dann eine funktionierende Verkehrsführung. Er würde sich bei den entsprechenden Kollegen persönlich beschweren. Im Zeitalter der Computertechnik durfte so etwas einfach nicht passieren. Wie viel Zeit er durch das ständige Anhalten verlor! Wichtige Zeit. Ganz besonders heute. Schließlich sollte alles fertig sein, wenn Sophie nach der Arbeit bei ihm vorbeikam. Es war aber auch wie verhext. Robert Schüreisen wollte gerade sein Büro verlassen, als ihn seine Sekretärin noch einmal zurückrief. Irgendein Bagatelle-Anruf – aber auch der kostete Zeit. Wertvolle Zeit. Und jetzt auch noch diese verdammte Ampelphase! Es war zum Verrücktwerden. Einen Moment lang betrachtete sich Robert selbstverliebt im Rückspiegel. Er sah noch immer ziemlich gut aus. Sonst hätte sich Sophie wohl auch nicht in ihn verliebt. Für einen Mann in den besten Jahren hatte er sich richtig gut gehalten. Das war aber auch ein hartes Stück Arbeit gewesen. Strikte Diät, permanentes Fitnesstraining, keine Zigaretten, wenig Alkohol – und schließlich jede Menge jüngere Freundinnen. In diesem Punkt war Robert beileibe kein Kostverächter. Irgendjemand hinter ihm schien auf der Hupe zu stehen. Die Ampel war längst auf Grün gesprungen.

Wollte Simone das hören? Nein. Sie wollte nicht. Und glauben konnte sie es auch nicht so recht. Marianne. Die biedere kleine Frau aus der Anmeldung. Die, die immer so aufopfernd Blut abnahm und wusste, wann sie Trost spenden musste und wann es angebracht war, sich mit einer Patientin zu freuen. Marianne. Die langweilige Praxismaus, die bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihr, Simone, den Mann ausgespannt hatte, keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Marianne. Marianne. Marianne. Sie konnte den Namen einfach nicht mehr hören. Und die Fähigkeiten der beiden kleinen Racker waren ihr auch so etwas von egal, dass sie kaum Worte dafür fand. Holger schien aber auch auf keine Reaktion von ihr zu warten.

„Stell dir vor, Simone, Marianne hat es doch tatsächlich geschafft, aus unserer neuen Küche ein wahres Kleinod zu machen. Hier ein Handgriff, da etwas Farbe, ein paar neue Vorhänge und eine kleine Bordüre über den Fliesen. Sie ist ja so geschickt. Da könnte sich so mancher eine Scheibe von abschneiden. Du nimmst das doch jetzt hoffentlich nicht persönlich, mein Schatz. Darf ich überhaupt noch „Schatz“ zu dir sagen? Ach was, mein Schatz bleibst du doch sowieso ein Leben lang. Einer meiner Schätze. Wie gesagt, die Zwillinge sind echt der Hit, zwei Hits, genau genommen. Wir sind ja sehr daran interessiert, dass sich die beiden von Anfang an zu selbstständigen kleinen Menschen entwickeln – und nicht einer das Spiegelbild des anderen wird.“

Konnte er eigentlich langsam mal aufhören, nur von sich und seiner ach so tollen Kleinfamilie ohne Trauschein zu reden?

Autor

  • Katharina Wolkenhauer (Autor)

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Titel: Liebe und andere Missgeschicke (Liebe, Chick-Lit, Humor)