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Pommes! Porno! Popstar! (Humor, humorvoller Roman, Musikkomödie)

von Thomas Kowa (Autor) Christian Purwien (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

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Über dieses E-Book

Millionen haben ihre Platten nicht gekauft, Hundertausende ihre Konzerte niemals besucht und jeden Abend übernachteten dutzende Groupies weit entfernt von ihrem Hotelzimmer. Kurz und gut: Sie sind die unerfolgreichste Band der Popgeschichte. Und nun sie müssen innerhalb von nur einer Woche ein Hitalbum schreiben, denn sonst werden sie von den Hells Angels exekutiert und von der Deutschen Bank gevierteilt.

Die beiden fliegen nach Ibiza, nehmen in Rekordzeit eine CD auf und steigen der Vorzimmerdame des erfolgreichsten CEOs der Musikindustrie hinterher. Denn sie wollen einen Termin bei deren Boss. Doch sie haben nicht mit schwerhörigen deutschen Touristen, der Plattenfirmenputzfrau und Gott höchstpersönlich gerechnet, die alle ein Wörtchen mitreden wollen, was denn nun ein Hit ist und was nicht.

www.purwienundkowa.com/

Impressum

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Erstausgabe Juli 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-231-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-515-4

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung eines Motivs von
©  donatas1205/shutterstock.com und graphicstock.com

Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Ich würde auch fünf Kilogramm Hackfleisch in die Charts kriegen.

Dieter Bohlen

 1

Dalaas, Dienstag, 21.06., 03:01

Als Christian mich anrief, befand ich mich im Zustand fortgeschrittener Verwesung. Pardon, ich meine natürlich Verwirrung. Denn ich lag jenseits der zivilisierten Welt auf ein paar löchrigen Holzbrettern und träumte von endlosen Stränden, romantischen Sonnenuntergängen und explodierenden Atomkraftwerken.

»Lange nichts mehr von dir gehört«, sagte Cristian. »Wie geht’s dir so?«

»Hrmpf«, war alles, was ich von mir geben konnte, denn ich befand mich am anderen Ende der Welt, es war mitten in der Nacht und ich hatte schon seit Tagen nicht mehr mit einem Menschen gesprochen.

 »Erinnerst du dich noch an die Bürgschaft für die Pommesbude, die du mir gegeben hast?« Christian klang so unschuldig wie ein Dreijähriger, der den Weihnachtsbaum abgefackelt hat, samt elterlichem Haus und dem als Weihnachtsgeschenk verpackten Hamster.

Schlagartig war ich hellwach. »Ja klar«, antwortete ich und richtete mich auf. »Toplage, fast keine Miete, super Kunden, die besten Pommes des Ruhrgebiets. Ein idiotensicheres Geschäft, bei dem nichts schiefgehen kann, selbst dann nicht, wenn die Welt untergeht.«

»Tja.« Christian räusperte sich umständlich. »Es ist schiefgegangen.«

»Was?!«

»Ich bin pleite und muss die Kredite zurückzahlen – in einer Woche.«

Ich zwickte mich in den Arm, ins Bein und dort, wo es besonders wehtut, doch ich war tatsächlich wach. »Was denn für Kredite? Ich hab doch nur für einen gebürgt.«

Wieder räusperte Christian sich umständlich. »Das ist ja das Problem«, sagte er. »Deinen Kredit kann ich nicht zahlen und den von den Hells Angels auch nicht.«

»Du hast dir Geld von den Hells Angels geliehen?« Ich war versucht, mich schon wieder zu zwicken. »Warum das denn?«

»Ich hatte mich an geldgeile Betrüger ohne Moral und Ethik ausgeliefert …«

»Ich kenne die Hells Angels«, unterbrach ich ihn.

»Aber offensichtlich nicht die Deutsche Bank«, widersprach Christian. »Die haben nämlich meine ganzen Einkünfte mit der Pommesbude an der Börse verzockt, und als ich am Jahresende von der Steuer überrascht wurde, haben sie mir, weil der DAX doch gerade so viele Chancen biete, doppelt so viel wie nötig geliehen. Und das haben sie dann auch verzockt. Anschließend bin ich zu den Hells Angels, weil ich dachte, schlimmer kann es nicht kommen.«

Ein erneutes umständliches Räuspern von Christian verriet mir, dass es sehr wohl schlimmer gekommen war. »Was passiert, wenn du den Kredit nicht zurückzahlst?«, fragte ich. »Pfänden sie dir dann die Pommesbude?«

»Das haben sie schon lange.« Er seufzte. »Am Ende hab ich noch alles versucht, sogar siebzehn Sorten Currywurst angeboten, aber es hat nichts genutzt. Die letzten sechs Monate hab ich gleichzeitig als Chauffeur, Bäcker und Musikjournalist gearbeitet, aber die drei Jobs haben gerade mal ausgereicht, um die Zinsen zu zahlen. Jetzt hat das Musikmagazin dicht gemacht und ich kann mich nicht arbeitslos melden, weil ich ja noch zwei Jobs hab. Und von meinem schlimmsten Nebenjob hab ich noch gar nichts erzählt.«

»Und jetzt?«

»Muss ich innerhalb einer Woche einhunderttausend Euro für die Hells Angels auftreiben.« Christian war eigentlich ein unkaputtbares Stehaufmännchen, doch jetzt gerade flatterte seine Stimme bedenklich, trotz der ganzen Räusperei. »Sonst bin ich erledigt. Und du auch.«

»Wieso ich?«

»Die Deutsche Bank will noch mal so viel Geld. Aber da die einen im Gegensatz zu den Hells Angels nicht umbringen, muss ich erst mal die Rocker zufriedenstellen. Und du als Bürge die Deutsche Bank. Das Geld bekommst du natürlich von mir wieder, sobald ich es irgendwann hab.«

»Und das sagst du mir jetzt? Mitten in der Nacht, eine Woche vor Ablauf der Frist?«

»Sorry, ich dachte, ich kann das Problem selbst lösen. Ich wollte dich da nicht mit reinziehen. Aber …« Christians Stimme hellte sich auf. »Ich hab mir seit Tagen den Kopf zerbrochen und einen Ausweg gefunden.«

»Was für einen Ausweg?«, fragte ich. »Banküberfall? Räuberische Erpressung? Drogenschmuggel?«

»Wir haben es schon mal gemacht«, sagte Christian. »Aber dieses Mal machen wir es richtig. Und kassieren ordentlich ab.«

Es gibt nicht Schlimmeres als einen brillanten Anfang.

Pablo Picasso

2

Dalaas, Dienstag, 21.06., 03:03

Offensichtlich streben Mobilfunkbetreiber eine höhere Rendite an als Drogendealer. Jedenfalls kostet ein Telefonat ins Ausland mit dem Handy mehr als eine gepflegte Überdosis.

Besonders absurd ist allerdings, dass man selbst dann zahlen muss, wenn man angerufen wird. Und doppelt zu kassieren, das haben nicht einmal die Herren Energieversorger hinbekommen, die ja sonst keine Gelegenheit auslassen, ihre Kunden abzuzocken.

Und so war das Guthaben meines Prepaidhandys genau in dem Moment aufgebraucht, in dem Christian mir seinen Plan offenbaren wollte.

Wie sollte ich mein Guthaben an diesem Ort, mitten in der Wildnis, wieder aufladen?

Die lokale Bevölkerung, die man mit viel gutem Willen gerade noch so als Menschen bezeichnen konnte, sprach ein Idiom, welches sich auf eine abstruse Art nach Deutsch anhörte, aber damit in etwa so verwandt war, wie Mini-Me mit Arnold Schwarzenegger.

So konnte ich mich mit den Ureinwohnern ausschließlich per Handzeichen verständigen.

Davon abgesehen war dieses Volk so verschlagen, dass es einer von ihnen fertiggebracht hatte, sich eines fremden Landes zu bemächtigen, dieses Land flugs mit dem eigenen zu vereinen und dann einen Krieg mit der halben Welt anzuzetteln. Als der Krieg verloren ging, wusch unser kleines Volk seine Hände in Unschuld, denn sie hätten das Morden ja nicht angefangen, wären selbst auch überfallen worden und im Übrigen schon immer neutral gewesen.

Ich hatte meine Heimat nur deshalb verlassen, weil man mir ein Stipendium als Stadtschreiber von Dalaas in eben jenem Land angeboten hatte. Das war zwar schlechter bezahlt als ein Praktikum bei der Müllabfuhr, aber als Schriftsteller ist man dergleichen ja gewohnt.

Nur meiner Erbtante Walburga war es zu verdanken, dass ich bisher nicht verhungert war. Ihre Milz hatte sich vor zwei Jahren nämlich entschieden, die Radieschen lieber von unten zu betrachten. Und den Rest des Körpers mitgenommen.

Dank der Milz hatte ich bei sparsamstem Lebenswandel für die nächsten 5 Jahre, 3 Monate, 27 Tage, 8 Stunden, 14 Minuten und 23 Sekunden ausgesorgt. So verkündete es jedenfalls der Countdown auf meinem Laptop, der angab, wann meine Geldbestände das Zeitliche segnen würden. Ursprünglich hatte ich den Countdown als Motivationshilfe installiert, aber in letzter Zeit war mir der Verdacht gekommen, dass er der wahre Grund für meine seit zwei Jahren andauernde Schreibblockade war.

Ich tippte den neuen Stand meines durch die Bürgschaft erdrosselten Vermögens in meinen Laptop. Sofort sprang der Countdown auf eine neue Anzeige.

Und mir wurde schwarz vor Augen.

In nicht mal einer Woche war ich pleite!

Und wem hatte ich das zu verdanken?

Christian Purwien*, dem Mann, der sich nur von Pommes ernährte. Und auch wie eine aussah.

*Das bin übrigens ich. Und weil Schriftsteller die Realität immer ein wenig zurechtbiegen, biege ich sie mit meinen Kommentaren wieder zurück.

Die Bemerkung zu meiner Pommesvorliebe stimmt allerdings, jedenfalls, wenn es die eigenen sind. Es ist nämlich ein Einfaches, ein Neun-Gänge-Menü für irgendwelche dahergelaufenen Gourmets zusammenzukloppen, jedoch eine große Kunst, die perfekten Pommes zu kredenzen.

Das fängt mit der idealen Kartoffelsorte an, geht weiter mit dem eigens dafür komponierten Fett, das natürlich exakt auf die Edelstahl-Fritteuse abgestimmt sein muss und endet noch lange nicht beim handgeschöpften Meersalz. Und von der obligatorischen Rot-Weiß-Soße will ich gar nicht erst reden. Und wenn dann noch ein ordentlicher Apachenpimmel* dazukommt, ist der kulinarische Hochgenuss perfekt.

*Für alle, die nicht im Ruhrpott sozialisiert wurden, ein Apachenpimmel ist eine Currywurst, natürlich mit roter Haut. Und ja, der Begriff ist nicht politisch korrekt. Aber wenn ich mir in meiner Pommesbude vor jeder Bestellung erst das Parteibuch hätte zeigen lassen, wäre ich schon vor drei Jahren Pleite gegangen.

Christian und ich hatten uns vor Jahren aus den Augen verloren. Jetzt rief er mich an, und stürzte mich in eine Finanzkrise, die ich nicht wie ein Politiker bis zur nächsten Wahl aussitzen konnte.

Doch als Erstes musste ich den Kontakt wiederherstellen. Ich nahm mein Mobiltelefon, ein Prepaidhandy. Damit steht man in der Mobilfunkhierarchie auf der Stufe, bei der nicht mehr von Kunden gesprochen wird, sondern von Umsatzverhinderern. Diese bedrängt man so lange mit Vertragsangeboten, bis sie entweder entnervt eines unterschreiben oder zum nächsten Anbieter wechseln, um dort exakt das Gleiche zu erleben.

Im Menü meines Handys stand, um im Ausland mein Konto wieder aufzuladen, müsse ich nur meinen Provider anrufen oder ihm eine SMS schicken.

Nur wie sollte ich das ohne Guthaben machen?

Also blieb mir nichts anderes übrig, als das zu tun, was in den letzten fünf Jahren wahrscheinlich kein einziger Hotelgast weltweit mehr getan hatte: Ich schnappte mir das Zimmertelefon und wählte eine Nummer außerhalb des Hotels.

Zu meiner Überraschung tutete es und Christian nahm ab.

Ich schreibe gerade ein Buch.

Die Seitennummerierung habe ich schon fertig.

Steven Wright, amerikanischer Comedian

3

Dalaas, Dienstag, 21.06., 03:06

Leider kann ich mich an den Inhalt des Telefonats nur noch bruchstückhaft erinnern, da es

a) mitten in der Nacht war,

b) eine Kakerlakenfamilie auf mein Bett stieg, und ich

c) sofort nach dem Telefonat zwischen der Panik vor einer Privatpleite und diesem Millionen-Dollar-Traum schwankte, der einem Geld, Gold und ein sorgenfreies Leben verspricht. Ein toller Traum! Nur leider führt er nach dem Aufwachen wegen dieser blöden Sache namens Realität zu einer schockbedingten partiellen Amnesie.

Dennoch versuche ich hier, das Telefonat zu rekonstruieren*:

*Auf Anfrage kann eine Abschrift beim deutschen Innenminister angefordert werden, der den ganzen Scheiß, den die Leute so von sich geben, aus unerfindlichen Gründen auch noch speichert.

»Du hast einen Plan?«, fragte ich. Wahrscheinlich war das Telefonat mit dem Hoteltelefon noch teurer als mit dem Handy und so versuchte ich, mich kurzzufassen.

»Wo bist du eigentlich?«, gegenfragte Christian.

»Am anderen Ende der Welt«, antwortete ich.

»Wo denn? Australien, Neuseeland, Hawaii?«

»Nicht mal in der Nähe davon«, seufzte ich. »Kennst du Dalaas?«

»Dallas? Was machst du denn in Texas?«

»Nicht Dallas, sondern Dalaas. Das liegt bei Bludenz.«

»Hä? Wo ist das? Irgendwo in Indien? Bangladesch? Burma?«

»Viel schlimmer«, stöhnte ich auf. »Österreich.«

Christian lachte. »Und was machst du da?«

»Ich bin momentan der Stadtschreiber von Dalaas.« Ich seufzte erneut. »Auch wenn es hier absolut nichts aufzuschreiben gibt.«

»Na umso besser.«

»Umso besser? Ich dachte, ich könnte mit dem Job meiner Schreibblockade entkommen. Aber die war schneller als ich und ist schon hier.« Ich stöhnte wieder auf und seufzte gleich noch mal. »Meine Schreibblockade ist inzwischen höher als der Hoover-Staudamm. Ich bin jetzt drei Wochen in Dalaas und hab nur einen einzigen Satz aufs Papier gebracht.«

»Und wie heißt der?«

»Mir fällt nichts ein.«

Christian schluckte. »Österreich ist ja auch viel zu langweilig. Und nicht weit genug weg.«

»Nicht weit genug weg?«, wiederholte ich. »Das sind dreihundertvierundneunzig Kilometer und achthundertdreiundachtzig Meter von daheim. Und die Zentimeter nicht mal mitgerechnet!«

In diesem Moment überlegte sich Christian wahrscheinlich aufzulegen, doch die Drohungen der Hells Angels hielten ihn davon ab. Oder war es dieser Traum von Geld, Gold und dem faltenfreien Leben? »Also, ich hab da eine geile Idee, die kann gar nicht schiefgehen«, sagte er stattdessen.

Er wusste eben noch immer, wie ich zu überreden war.

Christian sagte nur ein einziges Wort, doch ich konnte seine Begeisterung durch das Telefon spüren. »Rehberg.«

In dem Moment wusste ich, was er wollte.

Denn ich wollte es auch.

Nein, das ist keine Geschichte über ein frühes, spätes oder verspätetes Coming-out. Zumal ich ebenfalls Purwien heißen würde, wenn meine Urgroßmutter nach der Geburt meines Großvaters nicht den Namen ihres zweiten Mannes angenommen hätte, weil der erste keinen Job und nur ein Hobby hatte: Saufen*.

*In meiner Familie wird die Geschichte übrigens genau umgekehrt erzählt. Wahrscheinlich kippten sich beide Familienteile damals gerne einen hinter die Binde, natürlich nur aus Trost, weil es damals keine Demokratie gab, keine Gewaltenteilung und keine selbstklebenden Briefmarken.

Christian und ich sind also quasi miteinander verwandt. Doch das hier ist kein monumentales Familienepos, sondern eine Geschichte über Jungs, die durch Vortäuschung von Kunst Plattenfirmen dazu bringen wollen, ihnen Geld für das zu bezahlen, was man so Leben nennt.

Bisher waren wir damit nur mittelmäßig erfolgreich gewesen. Wobei man das Wörtchen mittelmäßig auch durch mäßig, wenig oder gar nicht ersetzen könnte. Wie auch immer man das Debakel nennen wollte, wir konnten uns dadurch immerhin als verkannte Künstler fühlen.

Leider wurde mir die Gnade der frühen Geburt nicht zuteil, stattdessen bin ich ein Kind der Computergeneration. Meine größte Leistung auf der Bühne ist es daher, mich an einem Keyboard festzuhalten und ein paar Knöpfe zu drehen, ohne umzufallen.

Christian hingegen ist der geborene Performer und reißt jedes Publikum mit. Wenn es sein muss, auch in den Abgrund. Doch auch seine Fähigkeiten am Keyboard sind denen einer Bisamratte, die sich aus Versehen auf eine Bühne verlaufen hat, nur marginal überlegen.

Wir waren also Musiker, ohne Musiker zu sein.

Irgendwie hatten wir es in den 90ern trotzdem geschafft, ein paar Songs zu schreiben und eine Plattenfirma zu finden, die das alles auch noch bezahlte.

Oder zumindest anfangs so tat.

Um das Album aufzunehmen, fuhren wir damals fünfundzwanzig Stunden nonstop nach Südfrankreich und zwar in ein Kaff, das so abgelegen war, dass der nächste Supermarkt eine Dreiviertelstunde entfernt lag.

Wie wir schnell feststellten, unterscheidet sich das Supermarktsortiment in Frankreich grundsätzlich von dem in Deutschland. So ist die Käseauswahl in Frankreich ungefähr vierzigmal so groß, stinkt aber achttausendmal schlimmer. Gesundes, nahrhaftes Roggenbrot sucht man dort vergebens, aber Baguettes gibt es dort in so vielen Varianten, dass man glatt glauben könnte, die Franzosen hätten das Zeug erfunden.

Außerdem gab es einen ganzen Trakt, in dem als Wein getarnter Essig rumstand, doch vernünftiges Bier suchte man vergebens. Es gab nur alkoholfreies, aber dazu später* mehr.

*Ich finde, das kann man sofort erzählen: Thomas hat damals nämlich in völliger Unkenntnis der französischen Sprache alkoholfreies Bier gekauft, weil er dachte, ›sans alcohol‹ hieße, das Bier enthalte ›heiligen‹ Alkohol. Er behauptete, es würde so genannt, weil es in einem Kloster gebraut würde, aber nicht von faltigen Mönchen, sondern von unbefleckten Nonnen. Als ich ihn über den Fehler aufklärte, beteuerte er, das Zeug habe ihn besoffen gemacht. Aber man muss im Leben auch verzeihen können und so wärme ich die Geschichte nur noch jedes zweite Mal auf, wenn wir uns sehen.

Abgesehen davon, dass Christian damals beinahe verhaftet worden wäre, als er in dem Supermarkt nach Kippen fragte, verlief der Einkauf erfolgreich. Doch wir waren ja keine Frauen, ergo nicht zum Shoppen nach Frankreich gekommen, sondern um mit unserer musikalischen Karriere durchzustarten.

Okay, vielleicht wäre es zielführender gewesen zu shoppen, doch das konnten wir damals ja nicht wissen, jung und unbedarft wie wir waren. Und so nahmen wir aus völliger Selbstüberschätzung unserer beschränkten Möglichkeiten innerhalb nur einer Woche ein ganzes Album auf.

Das auch noch geil klang.

Jedenfalls für unsere Verhältnisse.

Christian steuerte die Texte bei*, ich die Songs und unser gemeinsamer Freund René die gute Laune.

*Außerdem ging eine Ameisenstraße mitten über mein Bett, weswegen ich die meiste Zeit damit beschäftigt war, Verkehrspolizist für die Kerle zu spielen, beziehungsweise, sie zu überreden, einen anderen Weg einzuschlagen.

Wenn andere Leute Flöhe dressieren, wäre es ja wohl ein Witz, wenn das nicht auch mit Ameisen funktioniert, dachte ich mir, und irrte mich.

Andy, der vierte Mann im Bunde, der Einzige von uns, der wirklich Keyboard spielen konnte, hatte überraschend daheim bleiben müssen, weil er Menstruationsbeschwerden hatte, oder einer seiner Synthesizer, so genau weiß ich das nach all den Jahren nicht mehr.

Deshalb frag ich mich auch heute immer noch, wie ich die Songs komponiert habe, denn unser damaliger Computer, ein Atari ST, hatte weniger Rechenpower, als eine dieser Glückwunschkarten, die beim Öffnen ›Happy Birthday‹ tröten. Ein Megabyte Arbeitsspeicher, damals unvorstellbar und heute nur noch drei Stellen hinter dem Komma. Trotzdem half mir der Computer, all die Töne in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen.

Damals, nach dem ersten Anhören wussten wir sofort, es war ein Geniestreich! Die Krönung unseres Werkes! Die Songs lagen vor uns wie pures Gold. Uns war sofort klar, es würde eines der am meist unterschätzten Alben der Popgeschichte werden.

So kam es auch.

Oder hat hier jemand schon mal von Rehberg* gehört?

*Damit sich das ändert, haben wir einen Track von Rehberg neu aufgenommen, mit dem unschuldigen Titel ›Blut‹. Tja, damals waren wir eben noch ein wenig düsterer drauf.

Immer wenn ich fernsehe und diese hungerleidenden Kinder auf der ganzen Welt sehe, kann ich mir nicht helfen und muss weinen. Ich meine, ich liebe es dünn zu sein, aber nicht so, mit den ganzen Fliegen und dem Tod und so.

Mariah Carey

4

Dalaas, Dienstag, 21.06., 03:09

»Also was ist?«, fragte Christian. »Wir nehmen zusammen eine neue CD auf. In einer Woche. Bist du dabei?«

»In einer Woche? Ein ganzes Album?« Ich kratzte mich an der Stirn. »Die Beatles haben für Sergeant Pepper zwei Jahre gebraucht!«

»Wir sind auch nicht die Beatles.«

»Das weiß ich selbst.«

»Eben, deswegen schaffen wir das in einer Woche.«

Ein überzeugendes Argument. Fand ich jedenfalls damals. »Aber wie willst du das Album so schnell zu Geld machen?«, fragte ich.

»Wir gehen zu einer Plattenfirma und leiern denen zweihunderttausend Euro Vorschuss* aus den Rippen.«

Unwillkürlich wechselte ich in Schnappatmung. »Bist du wahnsinnig? Zweihunderttausend Euro?«

*Wem das zu viel erscheint, hier ein kurzer Exkurs über die zehn teuersten Plattenverträge der Musikgeschichte:

  1. Michael Jackson – 2010 – Sony, 250 Mio$
  2. U2 – 1993 – Polydor, 195 Mio$
  3. Bruce Springsteen – 2005 – Columbia, 170 Mio$
  4. Madonna – 2007 – Live Nation, 150 Mio$
  5. Jay-Z – 2008 – Live Nation, 150 Mio$
  6. Lil Wayne – 2012 – Cash Money, 140 Mio$
  7. Robbie Williams – 2002 – EMI, 120 Mio$
  8. Prince – 1992 – Warner, 100 Mio$
  9. Whitney Houston – 2001 – Arista, 100 Mio$
  10. Mariah Carey – 2002 – Virgin, Minus 28 Mio$

Richtig gelesen. Mariah Carey bekam 28 Millionen US Dollar dafür bezahlt, dass sie keine Platte mit Virgin mehr aufnahm und die Firma unverzüglich verließ. Da sollte es doch möglich sein, dass wir einer Plattenfirma läppische 200.000 Euro abschwatzten.

»Weißt du, warum es bisher mit den Major-Companies* und uns nicht geklappt hat?«, fragte Christian. »Weil wir nicht dreist genug waren. Wir sind aufgetreten wie Anfänger. Wenn wir nur unverschämt genug sind, dann glauben die, wir wissen, was wir wert sind und machen den Deal.«

*Eine Major-Company ist ein weltweit operierender Musikkonzern, der allein durch seine Vertriebs- und Marketingmacht selbst den größten Müll – oder eben fünf Kilogramm Hackfleisch – zu einem Hit machen kann. Gleichzeitig scheitern Major-Companies regelmäßig daran, ambitionierte Musik erfolgreich zu verkaufen. Was erklärt, warum sie sich lieber dem nächsten musikalischen Hype zuwenden, um ihn zu vermarkten, anstatt auf echte Künstler zu setzen.

Da wir weder ambitioniert, noch echte Künstler waren, schienen die Voraussetzungen für uns also perfekt.

»Aber wir sind keine gutaussehenden Teenies mehr«, widersprach ich, denn ich fand in jeder Suppe ein Haar.

»Na und? Machen wir uns halt zwanzig Jahre jünger und verstecken uns hinter einer Pandamaske, dann merkt das keiner.«

Auch das war ein einleuchtendes Argument. Dennoch spürte ich, dass da noch was im Busch war. »Müssen wir dafür wegfahren?«

»Wenn es genauso geil werden soll wie das erste Mal, müssen wir raus aus dem verdammten Trott.«

»Aber ich bin gerade im Urlaub und es ist scheiße.«

»Das liegt nicht am Urlaub, das liegt an Österreich.«

»Aber ich fahre total ungern in den Urlaub«, protestierte ich.

»Früher bist du durch die ganze Welt gezogen, hast sogar deinen Job gekündigt, um auf Weltreise zu gehen.«

»Erinnere mich nicht daran.« Ich seufzte. »Kurz darauf hat meine Firma dichtgemacht und mit meinen zwanzig Jahren Betriebszugehörigkeit hätte ich eine Viertelmillion Abfindung bekommen! Aber ich Idiot hatte ja gekündigt.«

»Das kann dir jetzt nicht mehr passieren.«

»Danke, dass du mich auf meine trostlose Existenz als Schriftsteller hinweist.«

»Wenigstens kann dir die Auszeit keiner mehr nehmen.«

»Die Parasiten aber auch nicht«, entgegnete ich. »Weißt du, dass ein durchschnittlicher Spulwurm 27 Millionen Eier in deinem Körper ablegt? In Kalkutta war mein Magen so aufgebläht, als hätte ich fünf Omnibusse intus. Und von den Bettwanzen aus Indonesien rede ich besser erst gar nicht.«

»Wir fahren in ein total sicheres, hygienisch einwandfreies und magenverträgliches Land.« Christian räusperte sich schon wieder.

»Sicher?«, fragte ich unsicher. »Scheint da auch die Sonne?«

»Garantiert!«

»Aber woher sollen wir das Geld nehmen?«

»Ich hab den Minimoog* verkauft.«

»Nein?«

»Doch!«

»Ohhh!«

»Ich dachte, damit können wir uns eine richtig coole Woche leisten und müssen nicht aufs Geld achten«, sagte Christian.

»Aber der Synthesizer ist von Kraftwerk, ein Unikat!«

»Wem sagst du das.« Christian räusperte sich erneut umständlich.

»Du solltest dringend mal zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt.«

Jetzt seufzte er. »Ich hätte den Minimoog ansonsten verpfänden müssen. Da setze ich lieber alles auf eine Karte.«

*Der Minimoog war übrigens der erste Synthesizer, der kleiner war als ein Einfamilienhaus. Er konnte zwar nur einen Ton spielen, aber der hatte es in sich. Ein Originalgerät bringt heutzutage locker 2.000 Euro. Stammt es von einer bekannten Band, ist mindestens das Doppelte drin.

Stammt es gar von der bekanntesten elektronischen Band überhaupt, dann muss man reichlich blöd sein, wenn man das Ding nicht mindestens fünfstellig verhökert.

So wie ich.

Es musste wirklich ernst sein, wenn Christian seinen Lieblingssynthesizer verkauft hatte. Es hatte Zeiten gegeben, damals in den 80ern, da hätte er das Ding nicht mal gegen einen flotten Vierer* mit Samantha Fox, Kim Wilde und Blondie eingetauscht.

*Heute würde ich ihn allerdings auch nicht dagegen eintauschen. Und das liegt nicht am Minimoog.

Doch es ging jetzt nicht nur ums Geld, sondern um Leben und Tod. »Und die Hells Angels bringen dich wirklich um, wenn du ihnen das Geld in einer Woche nicht zurückzahlst?« Ich merkte, wie ich präventiv schon mal zitterte.

»Die beseitigen uns, ohne auch nur mit einem einzigen Sackhaar zu zucken«, seufzte Christian. »Aber vorher foltern sie uns noch vierundzwanzig Stunden lang mit der Musik der Scorpions. Oder mit tollwütigen Skorpionen, was wahrscheinlich weniger schlimm wäre.«

»Uns?«, fragte ich.

»Klar, oder meinst du, die werden zulassen, dass du die Deutsche Bank auszahlst und sie nicht?«

»Wir sind also beide am Arsch«, fasste ich die Lage treffsicher zusammen. »Alles was wir noch haben, ist diese eine Chance, ein geiles Album aufzunehmen und einen Dummen zu finden, der dafür zweihunderttausend Euro springen lässt.«

»Klingt doch nach einer geilen Idee.« Ich hörte Stolz in Christians Stimme. »Also, bist du dabei?«

Irgendetwas in meinem Hirn muss in dem Moment falsch verdrahtet gewesen sein, denn ohne die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts zu lesen, ohne mir über mögliche Urlaubskrankheiten Gedanken zu machen, ohne zu wissen, wo es überhaupt hinging, sagte ich einfach: »Ja!«

»Gut, wir fahren nämlich morgen schon los.«

Man braucht zwei Dinge, um Großes zu erreichen: einen Plan und zu wenig Zeit.

Leonard Bernstein

5

San Antonio, Mittwoch, 22.06., 16:50

Das Erste, was ich von Ibiza sah, waren nicht etwa die endlosen Strände, nicht die romantischen Sonnenuntergänge, sondern Ibiza-Paul*.

Er schien nur aus Cowboystiefeln und Cowboyhut zu bestehen, dazwischen ein Dreitagebart und ein bisschen Körper. Seine Haut war so faltig, als sei sie seit fünfzig Jahren nonstop der Sonne Ibizas ausgesetzt gewesen. »Hallo, Jungs.« Er klopfte uns auf die Schulter wie alten Kumpels. »Ich dachte, ich hole euch ab, da spart ihr euch das Geld fürs Taxi.«

*Ich hatte Ibiza-Paul einige Jahre zuvor beim Freibierschnorren in einer Dortmunder Kneipe kennengelernt und hätte schon damals gewarnt sein müssen. Denn seine selbstgewählte Aufgabe in dieser Kneipe bestand darin, jedem Gast unaufgefordert zu erzählen, dass es auf Ibiza viel schöner, bunter und toller sei als im Pott.

Aber er war nun mal der Einzige, den ich auf der Insel kannte und wir hatten von einem Tag auf den anderen ein Hotel benötigt. Außerdem war mein Budget aus später noch zu erläuternden Gründen limitierter, als ursprünglich gedacht.

Ibiza-Paul packte uns in einen nur noch von Rost zusammengehaltenen Ford Transit und fuhr erst mal zur nächsten Tanke. Aufgrund des Hoteltelefonats in Dalaas reichte mein Vermögen zu dem Zeitpunkt nur noch 5 Tage, 17 Stunden und 14 Minuten. Dachte ich. Denn während Christian aufs Tankstellenörtchen ging, bat mich Ibiza-Paul um zwanzig Euro Spritkostenzuschuss*.

*Das ist ja sehr interessant. Denn während du im Flughafen auf dem Klo warst, hatte er mir auch schon zwanzig Euro aus den Taschen geleiert.

Und schon war mein Countdown innerhalb weniger Sekunden zwölf Stunden nach vorn gerückt.

Normalerweise hätte das bei mir Schweißausbrüche größer als die Niagara-Fälle ausgelöst, doch ich glaubte damals ja noch, Christian würde die ganze Reise bezahlen.

Während der Fahrt zu unserem Hotel wurde mir schnell klar, dass auf Ibiza nur drei Leute etwas zu melden hatten: Der Spanische König, der Papst und Ibiza-Paul. Fand jedenfalls Ibiza-Paul.

Er hielt unsere Idee, in Ibiza ein Album aufzunehmen, für völlig meschugge, denn dann würden wir ja die unglaublichen Sehenswürdigkeiten der Insel verpassen.

Als er auch noch erfuhr, dass wir dieses Album nur mit einem Computer aufnehmen wollten, also ohne echte Gitarre, Schlagzeug und Blockflöte, legte er erst mal eine Jethro-Tull-Kassette auf. »Das ist richtige Musik!«, sagte er. Hätte er wie Moses zufällig ein paar Steinplatten dabeigehabt, hätte er uns seine Gebote bestimmt auch noch an die Hotelzimmerwand genagelt und behauptet, er habe sie auf dem Sa Talaia – dem höchsten Berg Ibizas – direkt von Gott empfangen.

»Innerhalb einer Woche könnte nicht mal Mozart Gitarre, Bass, Schlagzeug und Flöte lernen und das Album nimmt sich auch nicht von alleine auf«, entgegnete ich.

Ibiza-Paul winkte ab. »Dann hättet ihr halt die ganzen Jahre davor nicht faul rumhängen sollen.« Womit er irgendwie recht hatte, und auch wieder nicht, denn heutzutage konnte man jedes beliebige Instrument mit dem Computer emulieren. Und das beherrschte ich ausnahmsweise ganz gut.

Nach einigen sightseeingbedingten Umwegen kamen wir endlich im Hotel an und während Ibiza-Paul sich von Christian das Geld für die Übernachtungen zahlen ließ, bekam ich vor Sprachlosigkeit meinen Mund gar nicht mehr zu.

Das Hotel war der feuchte Traum jedes spanischen Betonunternehmers.

Ein Wunder, dass sie Platz für Fenster gelassen hatten. Wo immer der Strand und das Meer lagen, von hier aus waren sie nicht zu sehen.

Ich hatte drei Wünsche geäußert. Sicher, Sonne, kostenlos.

Und genau das bekam ich auch.

Vielleicht hätte ich die Wünsche ein wenig anders formulieren sollen: »5-Sterne-Luxussuite, goldene Armaturen im Badezimmer, Champagnerfrühstück am Pool, und Fans, die zu unserer Musik tanzen.«

Gut, das waren mehr als drei Wünsche, aber das Leben ist ja auch kein Überraschungsei. Das meinte jedenfalls Ibiza-Paul, bevor er uns in dieser Betonburg allein ließ.

Wir stiegen in den Hotellift, ließen uns in unser Stockwerk hieven und wären am liebsten sofort wieder umgekehrt. Der Flur roch nach einer Mischung aus Käsefüßen und Küchenresten mit einer zarten Note fauler Eier. Bei dem Teppich konnte man unmöglich sagen, ob er nur alt war oder schon lebte. Mit jedem Schritt wurde uns klar, dass wir kein Dreisternehotel gebucht hatten, kein Zweisternehotel und auch kein Einsternehotel, sondern ein Nullsternehotel. Doch das wahre Ausmaß der Katastrophe zeigte sich erst, als wir die Zimmertür öffneten: Es gab keine Minibar!

Oder irgendeinen anderen Kühlschrank.

Der ist jedoch unverzichtbares Arbeitsmittel sämtlicher Pop-, Rock- und Elektromusiker.

Selbst Justin Bieber soll schon mal mit einem Kühlschrank gesehen geworden sein, und sei es, um seine Anti-Pickel-Creme darin frisch zu halten. Mozart hätte sicher auch auf einen bestanden, wenn es die Dinger damals schon gegeben hätte. Die Einstürzenden Neubauten haben sogar mit einem Kühlschrank Musik gemacht.

Kurz und gut: Wir waren schockiert! Nicht, dass wir etwas aus der Minibar hätten trinken wollen, dazu reichte schließlich unser Geld nicht, aber wir hatten geplant, sie auszuräumen und mit Getränken aus dem Supermarkt zu befüllen. Und jetzt? Sollten wir uns die Drinks etwa an der sündhaft teuren Hotelbar besorgen? Deren Öffnungszeiten lagen mitten in der Nacht, also von 10 bis 18 Uhr, und damit Musiker-inkompatibel.

Nun mag es in manchen Kulturkreisen üblich sein, warmes, womöglich sogar abgestandenes Bier zu trinken, aber in diesem Punkt sind wir ziemlich deutsch.

Kurzentschlossen – und weil es drei Minuten vor 18 Uhr war – spurteten wir per Lift an die Hotelbar. Diese bestand aus vier Hockern, einer Theke und einem Arcade-Automaten im Ruhestand. Plus einer Bedienung. Ich verlor keine Zeit und bestellte in meinem perfektesten Spanisch: »Dos Cervezas.«

*Eigentlich wollte Thomas ein Sixpack bestellen, doch wie jeder ordentliche deutsche Tourist hatte er keine Ahnung, was sechs auf Spanisch heißt.

Die Frau hinter dem Tresen blickte genervt an mir vorbei. »Wir schließen gleich«, antwortete sie in aktzentfreiem Hochdeutsch.

Für was fährt man eigentlich in Urlaub, wenn man dort sofort wieder auf jene Landsmänner trifft, vor denen man eigentlich flüchten wollte?

»Dann können Sie ja froh sein, dass ich jetzt bestelle und nicht in fünf Minuten.« Ich lächelte die Bedienung an. »Und damit es sich lohnt, hätte ich gerne sechs Bier, por favor.«

Tja, Freundlichkeit zahlt sich immer aus, denn jetzt blickte die Bedienung nicht mehr genervt an mir vorbei, sondern schien mich mit ihren Blicken töten zu wollen. Aber erstens war das biologisch unmöglich – außer man war Saruman, ein Jedi-Ritter oder Karl Dall – und zweitens machte mir das nichts aus, denn diese Servicewüstenmentalität war inzwischen für Deutschland so typisch geworden, dass ich spontane Heimatgefühle entwickelte, wenn ich sie auch im Ausland erleben durfte.

Die Bedienung saß allerdings am längeren Hebel, respektive am Zapfhahn und so stellte sie mir nur zwei Bier hin, denn meine zweite Bestellung sei erst drei Sekunden nach 18 Uhr erfolgt.

Ich dankte ihr trotzdem – vor allem im Namen meines Portemonnaies – und wir gingen an den Pool.

Sofort waren wir immens beeindruckt, denn der Swimmingpool war unermesslich tief und lang. Jedenfalls für die Ameisen, die am Beckenrand entlangtorkelten. Offensichtlich hatten sie die Sangriareste kulturloser Touristen von den Bodenkacheln aufgeleckt und feierten eine Ameisenparty.

In der anderen Ecke des Pools tanzten ein paar Gäste, aus halb kaputten Boxen dröhnte Ballermannkacke, die weniger empfindliche Gemüter als Musik bezeichnen würden.

Ich wippte aus Versehen mit dem Fuß, blickte auf Christian und sah, dass er auch wippte. Wir hielten peinlich berührt inne, dann stießen wir mit dem Bier an, standen noch zwei Sekunden ganz cool herum und schon im nächsten Moment stürzten wir uns auf die Tanzfläche. Denn wir waren endlich angekommen. Auf Ibiza*, der Insel der ewigen Jugend.

*Auf den Spuren des legendären Café del Mar, des Pacha-Clubs und der Hippies würde es uns an unerreichte Ufer der Kreativität tragen. Ja, wir würden der Menschheit neue Songs in die linke und rechte Herzkammer pumpen und sie so wiederbeleben!

Das war natürlich totaler Schwachsinn. Denn auch wenn Ibiza-Paul behauptete, die Insel sei der beste Urlaubsort der Welt, war für mich nur eines ausschlaggebend gewesen: Es war das einzige Angebot gewesen, das ich mir hatte leisten können.

Wenigstens hörte es sich cool an, wenn man nebenbei erwähnte, die neue CD in Ibiza aufgenommen zu haben.

Klang jedenfalls besser als Sprockhövel.

Wobei ich mich fragen muss, ob die ganzen Hippies und Aussteiger, die sich angeblich auf Ibiza tummeln, überhaupt noch hier leben? Sollten gar welche nachgewachsen sein?

Dass die Kinder von Hippies auch Hippies werden, halte ich übrigens für völlig ausgeschlossen! Spätestens, wenn die mitbekommen, dass es an anderen Orten dieser Welt Toiletten mit Wasserspülung gibt, haben die doch einen totalen Hals auf ihre Eltern und wollen Immobilienmakler oder Bankkaufmann werden.

Probiere es noch mal, versage wieder, versage besser.

Samuel Beckett

6

San Antonio, Mittwoch, 22.06., 20:12

Vielleicht ist es jetzt mal an der Zeit, uns vorzustellen. Da der Esel sich immer zuerst nennt, fange ich mit mir an. Thomas Kowa. Gescheiterter Musiker, Schriftsteller und Beinahe-Millionär.

Nein, nicht wegen der verpatzten Abfindung, das waren ja nur Krümel gegen das, was mir in den 80ern entgangen ist. Aus purer Experimentierlust hatte ich mich damals nämlich eine ganze Woche lang ausschließlich von Produkten der Firma McDonalds ernährt. Nebenbei bemerkt hatte das ziemlich psychotische Auswirkungen, denn gegen Ende des Experiments litt ich an Schüttelfrost, Schrecklähmung und Spontandurchfall, allein schon wenn ich das McDonalds-Logo sah.

Dummerweise hatte ich das nicht gefilmt, was dann ein gewisser Morgan Spurlock ein gutes Jahrzehnt später am eigenen Leib nachholte. Sein daraus entstandener Dokumentarfilm ›Supersize me‹ brachte ihm ein Taschengeld von 30 Millionen Dollar. Das hätte ganz gut in mein Portemonnaie gepasst, denn bald wird es so leer sein, wie die Wand, die ich für die goldenen Schallplatten reserviert habe. Ja, Planung ist die halbe Miete. Obwohl man sie davon nicht bezahlen kann.

Vor einigen Jahren, nach meiner Weltreise, hatte ich einen Thriller geschrieben, der sich aus unerfindlichen Gründen ganz ordentlich verkaufte, was mein non-existentes Einkommen fast auf Hartz-IV-Niveau katapultiert hatte. Und jetzt wollten alle Nachschub. Der Verlag, die Agentur und das Finanzamt. Und ich konnte nicht liefern. Weil mir nichts mehr einfiel. Ich hatte mich leergeschrieben.

Nach nur einem Buch.

Wahrscheinlich litt ich an irgendeiner Tintenallergie, einer Buchstabenüberempfindlichkeit oder an einem Computervirus, der nicht meinen Rechner befallen hatte, sondern mich. Es soll ja die unmöglichsten Krankheiten geben. Dumm nur, dass sich alle zum Ziel gesetzt haben, ausgerechnet meinen Körper zu überfallen, hintenrum.

Es ist nämlich statistisch erwiesen, dass man sich dreiundachtzig Prozent der Infektionskrankheiten auf dem WC holt. Bei jedem Klo- Besuch hat man also die Chance, sich mit einer - oder mehreren – der weltweit achthundert Infektionskrankheiten anzustecken!

Demzufolge konnte ich damit rechnen, nach der Woche in Ibiza an mindestens dreißig unheilbaren Krankheiten zu leiden.

Klingt auf den ersten Blick unrealistisch, aber wäre ich ein Lobbyist und würde gerade die Ungefährlichkeit von Fracking schönreden, würde mir die grenzdebile Hälfte der Bevölkerung den Unsinn abkaufen, solange ich dafür ein Dorffest sponserte.

Leider bin ich in Bezug auf Krankheiten in etwa so zurechnungsfähig wie Lothar Matthäus beim Anblick osteuropäischer Teilzeitmodels. Oder von mir aus beim Anblick von irgendwas mit einem Loch und zwei Bommeln dran.

Musikalisch hatte es bei mir immerhin zu einer Europatournee mit einer befreundeten Band gereicht und eine meiner Produktionen war bei Desperate Housewives gelaufen, nur um von den hundert Millionen Zuschauern schnell wieder vergessen zu werden. Doch mein nachhaltigster Erfolg war, dass ich meine eigene Plattenfirma und mein eigenes Studio in den Konkurs getrieben hatte.

Hätte es meine Erbtante nicht gegeben, wäre ich schon lange das, was ich laut dem Countdown auf meinem Laptop in exakt 5 Tagen, 4 Stunden und 8 Minuten sein würde: pleite.

Und der Mann, der mich da reingeritten hatte, war Christian Purwien: ehemaliger Pädagoge, Pommesbudenbesitzer, Postpaketausfahrer und Putzmann. Einer dieser Berufe ist von mir erstunken und erlogen, aber das lösen wir natürlich erst im nächsten Buch auf. Oder im übernächsten, je nach Füllstand meines Kontos.

Christian ist in Dortmund groß geworden und wohnte jahrelang neben einem armen Kerl mit dem schlimmsten Nachnamen der Welt.

Jedenfalls in Dortmund.

Der Typ hieß Schalke*.

*Das hatte einige Vorteile, denn im Gegensatz zu ihm wurde bei mir niemals eingebrochen, niemand schmiss bei mir Fensterscheiben ein oder drapierte Schaum du Kack unter die Türklinke.

Schaum du Kack ist übrigens ein in Dosen erhältlicher Schaum, der exakt die Konsistenz, den Geruch und die Schmierkraft frisch ausgeschiedener Fäkalien besitzt. Das Zeug ist ein hochkomplexes chemisches Gemisch, wird aber wahrscheinlich inzwischen von irgendwelchen Indern produziert, die schon nach kurzer Zeit die ganzen Syntheseschritte wegoptimiert und auf biologische Produktion umgestellt haben. Und obwohl ich ein großer Freund der ökologischen Landwirtschaft bin, muss ich sagen, alles hat seine Grenzen!

Anders als ich hat Christian während seiner Musikerkarriere mehrfach am Erfolg schnuppern dürfen.

Leider aber nur so wie ein Hund an einer verschlossenen Dose Pedigree. Wobei ein anständig sozialisierter Hund niemals Pedigree essen würde, sondern nur bestes Bio-Hundefutter. Selbiges wollte Christian übrigens einmal an Fressnapf verscherbeln. Leider scheiterte das an dem Umstand, dass Christian in seiner Pommesbude nicht mal eben über Nacht die geforderten 1,2 Millionen Dosen Bio-Hundefutter zubereiten konnte.

Kurz und gut, wir sind etwas quer in der Landschaft rumstehende Existenzen, die nur deswegen nicht von der Stütze leben, weil wir bisher immer einen Vollpfosten gefunden haben, der uns in Arbeit und Lohn gebracht hat.

 Und wenn Sie dieses Buch lesen, haben wir sogar einen natürlich überhaupt nicht vollpfostigen Verlag gefunden, der uns dafür bezahlt.

Na ja, zumindest hat er das mal versprochen und wir wissen ja aus dem Musikbusiness, dass Plattenfirmen grundsätzlich immer ihre finanziellen Zusagen einhalten. Weswegen es Christian auch geschafft hat, im Laufe seiner Musikerkarriere sage und schreibe sieben Plattenfirmen in den Konkurs zu singen, während ich nur drei Konkurse verzeichnen kann.

Plus – wie gesagt – meine eigene Plattenfirma. Letztere hatte ich 2001 gegründet, also zu einem Zeitpunkt, als nur noch Intelligenzallergiker, Hirnversehrte oder die Commerzbank in das Musikbusiness investierten. Folgerichtig hab ich die Bude so richtig mit Karacho an die Wand gefahren. Gerne hätte ich* mich damals auch vom Staat retten lassen, aber kurz nach der Jahrtausendwende hatte die Bankiersvereinigung das Wörtchen systemrelevant leider noch nicht erfunden.

*Du bist mal wieder abgeschweift! Sollte Ihnen das auch auf den Sack gehen, legen Sie das Buch besser gleich beiseite. Gekauft haben Sie es ja schon und so können wir alle ohne weitere Schäden unserer Wege gehen.

Also um zu Christian zurückzukommen: Im Gegensatz zu mir sind seine Gefahrensensoren irgendwann mal deaktiviert worden. Jedenfalls wenn er eine Bühne sieht. Er hätte auch in Fukushima gespielt, wenn man ihm zugesichert hätte, dass dreihundert zahlende oder auch nur strahlende Gäste kommen. Deswegen hat er sich auch bei allen Casting-Wettbewerben angemeldet, die es jemals im deutschen, österreichischen und Schweizer Fernsehen gab.

Bekanntermaßen suchen solche Castingshows jedoch ausschließlich Sänger, deren Angepasstheit sich umgekehrt proportional zu ihrer Intelligenz verhält.

Deswegen fällt auch niemandem auf, dass Dieter Bohlen in seinem Leben nur drei Songs geschrieben hat, die er schon seit Jahrzehnten in immer neuem Gewand verkauft.

Weil Christian dummerweise eine eigene Meinung hat und auch noch Abitur, hat er es bis heute nicht mal in den Recall geschafft.

Doch das brauchte er jetzt auch nicht mehr.

Um meine letzten Zweifel zu beseitigen, hatte Christian mir gestern Nacht am Telefon nämlich noch erzählt, dass er rein zufällig den CEO der Major-Company Sonixhit* kannte.

*Natürlich heißt die Plattenfirma nicht so, aber da die verbliebenen drei Major-Companies selbst eine alte Omi auf mehrere Millionen verklagen, wenn diese aus Versehen fünfmal das neue Album von Megadeath runterlädt, können wir hier leider nicht den echten Namen der Plattenfirma nennen.

Und dieser CEO war ihm aus mir unbekannten Gründen* noch einen Gefallen schuldig.

*Ich hoffe, das bleibt auch so.

Weswegen selbst ich ungewohnt optimistisch war.

Jetzt mussten wir nur noch ein geiles Album aufnehmen.

Ich möchte so berühmt werden wie Persil.

Victoria Beckham (Ex-Spice-Girl und Frau des Unterwäschemodels David Beckham)

7

San Antonio, Mittwoch, 22.06., 20:22

Also verließen wir die Tanzfläche, gingen in unser Hotelzimmer und ich schaltete meinen Laptop ein.

Nichts.

Ich drückte noch mal.

Keine Reaktion.

Und noch mal.

Nada*.

*Wow, du kannst ja wirklich Spanisch! Ich bin beeindruckt.

»Das ist bestimmt ein Virus«, jammerte ich. »Ich hätte das Ding nicht mit aufs Flughafenklo nehmen sollen.«

»Du hast den Laptop mit aufs Klo genommen?«

»Ich dachte, sonst klaut den einer.« Ich legte mein ernstes Bedenkengesicht auf. »Hast du noch nie was von der Spanischen Mafia gehört? Die agieren dermaßen im Untergrund, niemand weiß, dass sie überhaupt existieren.«

»Sie könnte auch einfach gar nicht existieren. Spanien ist ein sicheres Land.«

»Ist es nicht«, widersprach ich und holte die spanische Kriminalitätsstatistik aus meinem Koffer. »Hier steht, dass insbesondere in den Touristenorten mit Handtaschendiebstahl zu rechnen ist.«

Christian zeigte auf meinen 40-Kilo-Koffer. »Nicht mal für Silvester Stallone ist das eine Handtasche. Und für Ryanair* schon gar nicht.«

Das hatte ich leider auch feststellen müssen. Dabei befanden sich in dem Koffer nur Behandlungsutensilien und absolut lebensnotwendige Medikamente wie Atropin, Yasmin und Insulin. Ich war zwar weder herzkrank, noch eine Frau noch zuckerkrank, aber das konnte ja noch werden. Außerdem fand ich Medikamente, die sich so schön reimten, wirkten bestimmt auch besser.

*Als Gott am siebten Tag feststellte, dass sein Werk vollbracht und gar nicht so schlecht geraten war, dachte er: Mhm, irgendwie muss die Sache doch einen Haken bekommen. Das Leben soll schließlich eine Prüfung sein. Daraufhin erfand er die Billigflug-Airline Ryanair, betrachtete sein Werk und war zufrieden.

Denn Gott hatte von nun an die Möglichkeit, auch denjenigen Leuten auf den Sack zu gehen, die nicht an ihn glaubten und auch keine Angst davor hatten, vom Himmel zu fallen. Dafür bestrafte er sie mit freier Sitzplatzwahl und 4,20 € teurem Dosenbier. Es ist immer wieder ein Riesenvergnügen, zwei Stunden neben fremden, aus diversen Löchern unangenehm ausdünstenden Menschen zu verbringen und genau deshalb haben sich die Spaßvögel von Ryanair auch die Sache mit den extra schmalen Sitzen ausgedacht.

»Und dann erst die Sache mit dem Mikrofonständer«, sagte ich. »Die meinten, er sei zu lang, um an Bord gebracht zu werden und man könne damit andere Passagiere oder die Crew bedrohen. Deswegen sind die Zeitungen ja auch voll mit Schlagzeilen wie dieser: Rockstar erschoss sich versehentlich mit einem Mikrofonständer!«

Christian deutete auf meinen Laptop. »Hast du mir vorhin im Flieger nicht erzählt, der Akku sei gleich leer?«

»Äh, ja«, nickte ich und holte das Netzteil aus dem Koffer, natürlich – wie es sich gehört – mit einem dreipoligen Euro-Schutzkontakt-Stecker mit vorschriftsmäßiger Erdung.

»Ich glaube, du brauchst einen Adapter«, sagte Christian und zeigte auf die zweilöchrige Steckerdose.

»Adapter?«, fragte ich. »Heißt das Ding etwa Euro-Stecker oder Deutschland-Stecker? Selbst in Österreich* hatten die den!«

*Kein Wunder, die haben sich uns ja schon immer gerne angeschlossen.

»Gehen wir mal in den Supermarkt«, sagte Christian. »Die haben bestimmt Adapter. Und kaltes Bier brauchen wir auch. Und jede Menge Eiswürfel.«

»Was willst du denn mit Eis?«

»Wir legen es in die Badewanne und kühlen damit unser Bier.«

»Und wie sollen wir uns baden?«

»Tja, baden oder Bier, du musst dich entscheiden.«

Wahrscheinlich gab es in der gesamten Geschichte der Menschheit nicht einen echten Mann, der sich anders entschieden hätte. Jedenfalls war eine halbe Stunde später die Badewanne mit Eis und Bier gefüllt, die Steckerbraut mit einem Adapter und mein Laptop mit Strom. Schlau wie wir nun mal waren, zumindest in unseren hellen Momenten, hatten wir auch ein Verlängerungskabel besorgt, platzierten den Laptop auf dem Balkon und sahen das Meer in der Dämmerung funkeln.

Allerdings nur durch das Fernglas, das ich mitgebracht hatte, um vom Hotelbalkon aus die Gegend nach Handtaschendieben abzusuchen.

Das Meer war unglaublich schön, es glitzerte idyllisch in der Abendsonne, zumindest wenn man die ganzen Betonburgen drumherum ausblendete. In dieser Nacht schrieben wir den Track: Meer*.

*Das Lied für Paare, die zum Paartherapeuten gehen, anstatt einfach mal zusammen in den Urlaub zu fahren. Stattdessen fährt anschließend die Frau mit dem Paartherapeuten ans Meer. Das Lied ist insofern hinterhältig, weil es vortäuscht, dass eine verfahrene Beziehung gerettet werden kann.

Es ist einfach, ein Musikinstrument zu spielen. Man muss nur die richtige Taste zur richtigen Zeit drücken, und das Instrument spielt wie von selbst.

Johann Sebastian Bach

8

San Antonio, Donnerstag, 23.06., 13:00

Mitten in der Nacht wachten wir auf. Es waren 48 Grad. Mindestens. Die Sonne knallte, wie sie es nur in der Nacht konnte. Also in der Nacht für Musiker, einer Unzeit, die normale Menschen Nachmittag nennen. Es war verdächtig still in unserem Zimmer. Kein Schnarchen, keine um Liebesdienste bettelnden Groupies und kein Lüftungsgeräusch. Keine Frage, die Klimaanlage war im Arsch.

»Die Klimaanlage ist im Arsch«, sagte ich, weil ich mitten in der Nacht geistig nicht sonderlich flexibel bin und diese lebensbedrohliche Situation erst mal verarbeiten musste.

Christian blickte mich irritiert an. »Und wie hast du die da reinbekommen? In den …«

»Kaputt«, sagte ich. »Das Ding ist kaputt. Wir werden an Hitzepickeln sterben.«

»An Hitzepickeln?« Er richtete sich auf. »Die sind doch nie und nimmer tödlich!«

»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Ich holte das Internationale Diagnosehandbuch aus meinem Koffer. »Warum heißen Hitzepickel gemäß dem Handbuch Miliaria tropica? Das klingt doch genau wie Malaria! Und ist mindestens genauso tödlich!«

Christian nickte dieses Nicken, das Eltern auflegen, wenn ihr fünfjähriger Sohn erzählt, er würde später mal Bundeskanzler, Popstar und Fußballnationalspieler in Personalunion. »Du hast recht«, sagte er. »Wir müssen das Ding reparieren. Bei der Hitze kann ich nicht mal ein Notenblatt halten, geschweige denn einen Ton.«

Mit der Absicht, ganz Ibiza auf angenehme 21 Grad herunterzukühlen, hatten wir die Klimaanlage seit gestern nonstop laufen lassen. Zudem hatten wir über Nacht die Balkontür offen stehen lassen, denn schließlich musste endlich mal jemand was gegen die globale Erwärmung tun.

Und was soll ich sagen, unser Unterfangen war so erfolgreich, wie sämtliche internationale Klimakonferenzen zusammengerechnet!

Nix als heiße Luft.

Ich schleppte mich zur Klimaanlage und starrte sie an wie Uri Geller. Doch sie verbog sich nicht und sprang auch nicht an. Irgendeine LED an dem Ding blinkte rot. Ich rüttelte an der Anlage, schaltete sie aus, an, aus, an, aus und wieder an.

Und noch mal aus und wieder an.

Das Teil blinkte immer noch. »Das muss der Concierge richten«, sagte ich, schaltete die Anlage aber sicherheitshalber noch mal aus und wieder an.

»Ich glaube, die haben nicht mal eine Rezeption«, sagte Christian.

»Ibiza-Paul hat uns doch die beste Unterkunft von ganz Ibiza versprochen.«

»Die man für zwanzig Euro die Nacht haben kann«, ergänzte Christian. Diesen Satzteil hatte ich mal wieder erfolgreich verdrängt.

»Ich dachte, wir müssen nicht aufs Geld schauen?«

»Der Minimoog hat leider nicht mal tausend Euro gebracht.« Christian räusperte sich mal wieder umständlich. »Als ich ihn zur Kontrolle einschalten wollte, ist mir eine Cola umgefallen und kurz darauf hat das Ding gequalmt wie Helmut Schmidt*.

*Und zwar vor dem Krematorium**.

**Ich entschuldige mich hiermit für diesen unangemessenen Witz. Andererseits ist Helmut Schmidt selbst schuld, hätte er nicht so viel geraucht, hätten wir den Witz gar nicht erst anbringen können.

»Und weil ich dringend Geld brauchte, konnte ich den Minimoog nicht reparieren lassen und musste ihn defekt verkaufen.« Christian zuckte schuldbewusst mit den Schultern.

»Und das sagst du mir jetzt?«

»Ich dachte, du interpretierst das als schlechtes Omen, so abergläubisch wie du bist.«

»Ich bin nicht abergläubisch!«, widersprach ich und fuhr über den Energiestein an meiner Halskette. »Nur realistisch.«

Wenigstens wusste ich jetzt wieder, warum ich grundsätzlich vom Schlimmsten ausging und das Resultat noch mal verdoppelte. Immerhin war mir nun klar, warum wir hier keinen Luxusurlaub machten, sondern den von armseligen Musikern ohne Geld.

Was ja auch irgendwie besser zu uns passte, schließlich wollten wir kein Album aufnehmen, das von Champagner triefte, sondern von Herzblut.

Doch um das zu tun, musste die Klimaanlage schleunigst repariert werden. Offensichtlich aufgrund eines Konstruktionsfehlers gab es im Hotel kostenloses WLAN. Ich suchte im Internet nach der Bedienungsanleitung der Klimaanlage, lud sie auf meinen Laptop und stellte schnell fest, dass Koreaner am besten die Finger von deutschen Bedienungsanleitungen lassen sollten. Zur rot blinkenden LED fand sich darin nämlich nur folgender Satz: Die Funktion stellt, ein Mehrfachlichtsystem verwendend, seinen dynamischen Modus dar*.

*Wer sich von der phänomenale Bedienungsanleitung selbst überzeugen möchte, einfach im Internet nach ›LG Kombinationsklimagerät A20394M Benutzerhandbuch‹ suchen, et voilà!

Außerdem schien die Klimaanlage besonders gut in Hole Geschwindigkeit zu funktionieren, weswegen das Ding defekt war, wusste ich aber nach wie vor nicht. Also konnte nur der Concierge helfen. Oder wer auch immer für diese Bruchbude zuständig war. Die Zimmerschlüssel hatten wir schließlich von Ibiza-Paul erhalten.

Von der unerträglichen Hitze gepeinigt, schleppte ich mich in das Foyer des Hotels und ließ meinen Blick durch die Weite der Anlage schweifen. Nach einer Dreiviertelsekunde war ich fertig. Es gab tatsächlich keine Rezeption. Dafür aber eine Putzfrau, die sich mit Hola que tal vorstellte.

»Hallo, Frau Hola-Quetal«, begrüßte ich sie. »Unsere Klimaanlage ist defekt.«

Sie schaute mich an, als hätte ich Spanisch mit ihr gesprochen. Respektive Deutsch. »El Climatizador kaputt«, improvisierte ich.

»No entiendo«, antwortete sie, was sicher so viel hieß wie ›Nur eine Sekunde‹. Ich wartete die Sekunde, doch nichts tat sich. Spanien eben. Die gleiche Servicewüste wie in Deutschland, nur mit Sonne.

»El Klimagerät caputto«, versuchte ich meinen Satz umzuformulieren.

»Ich putze Frau.« Sie zuckte mit den Schultern und zeigte auf einen Eimer Wasser, der vor ihr stand.

»Ich nix habe Frau«, widersprach ich, doch sie verstand mich immer noch nicht. Es gibt häufig Momente, in denen ich mir wünsche, ich würde in der Zukunft leben. Wären wir jetzt gerade bei Star Trek, könnte ich einfach meinen Communicator zücken und der würde unser Gebrabbel simultan übersetzen.

Moment, das war die Lösung! Ich sprintete in unser Zimmer, was bei 48 Grad Umgebungstemperatur in Superzeitlupengeschwindigkeit ablief, schnappte mir meinen Laptop und lud die spanische Bedienungsanleitung.

Offensichtlich können Koreaner auch kein Spanisch, denn Frau Hola-Quetal verstand beim Lesen der Anleitung exakt so viel wie ich. Immerhin erkannte sie anhand der Abbildungen, dass wir ein Problem mit der Klimaanlage hatten und begleitete mich in unser Zimmer.

Als sie unsere Badewanne sah, die inzwischen voller Wasser stand, in dem ein paar einsame Bierflaschen tauchten, lupfte Frau Hola-Quetal nicht mal eine Augenbraue. Auch nicht, als sie die leeren Bierflaschen entdeckte, die sich kunstvoll in unserem Mülleimer stapelten, sodass die Sagrada Familia dagegen wie eine einzige Stümperei aussah. Selbst dass wir die halbe Wand mit Tesafilm vollgeklebt hatten, um die Texte und Christians Mikrofon daran zu befestigen, schien sie nicht zu schockieren. Stattdessen ging sie schnurstracks zur Balkontür und schob sie zu. »Puerta auf nix gut«, sagte sie.

»Doch gut«, konterte ich und schob die Tür wieder auf. »Bringt frische Luft.«

Sie schob die Tür wieder zu. »Du habe frische Aire von el Climatizador.«

Ich schob die Tür wieder auf. »Ist nix frisches Aire, ist Maschinenaire.«

Sie schob die Tür wieder zu. Dieses Mal ein wenig vehementer. »Du wolle frio oder du wolle Abgase von Straße?«

»Ich wolle beides«, antwortete ich, doch dann fiel mir auf, dass das gar nicht stimmte.

Frau Hola-Quetal seufzte dieses Mutterseufzen, das in allen Frauen automatisch aktiviert wird, wenn jüngere Männer mal wieder etwas falsch machen. »Puerta auf, el Climatizador habe Fiesta. Puerta zu, frisches Aire.«

War das hier ein Klimaanlagenbedienungsgrundkurs oder was sollte das? Natürlich wusste ich, dass man alle Fenster und Türen geschlossen haben sollte, wenn die Klimaanlage läuft, aber jeder Musiker wusste auch, dass eine Flasche Whisky am Abend ungesund ist und trotzdem hielt sich niemand dran. Und von Marihuana, LSD oder Kinderüberraschungseierwettessen rede ich hier gar nicht.

Plötzlich spürte ich einen kalten Hauch im Nacken.

Ein Killer?

Gevatter Tod?

Der Bo-Frost-Mann?

Ich drehte mich um.

Es war die Klimaanlage. »Frisches Aire. Puerta zu.« Frau Hola-Quetal zeigte auf el Climatizador, der nicht mehr blinkte, sondern kühlte. »Puerta auf. Fiesta.« Sie öffnete die Balkontür und tatsächlich stoppte die Klimaanlage augenblicklich.

»Clever!«, sagten Christian und ich im Duett und schlugen uns mit der flachen Hand vor die Stirn.

»Wenn ich schon hier, ich putze. Ihr vamos a la playa.«

Wie befohlen, schnappte ich mir meine Badesachen. Christian hingegen fand, dass wir nicht zum Baden hier waren, sondern um das beste Album des Jahrtausends aufzunehmen. Natürlich war uns klar, dass uns das nie gelingen würde, aber die Leute spielen ja auch Lotto, obwohl die Chance auf einen Sechser bei 1 zu 15 Millionen liegt.

Unsere hingegen, das Album des Jahrtausends zu schreiben, schätzte ich auf mindesten 2 zu 15 Millionen, wenn nicht doppelt so hoch!

Zumal Christian ja den Sonixhit CEO kannte, auch wenn er mir immer noch nicht erzählt hatte, wieso der ihm einen Gefallen schuldig war.

Und vor allen Dingen, wie groß der Gefallen war.

Doch allein schon für uns selbst mussten wir einfach ein geiles Album aufnehmen. Den ersten Song dazu hatten wir immerhin schon im Kasten.

Bei dem Gedanken daran juckte es mich in den Fingern mit dem zweiten zu beginnen, aber Frau Hola-Quetal war unerbittlich.

Der Weg zum Meer war allerdings viel zu weit und angesichts der überall versteckten Handtaschenräuber viel zu gefährlich. Also gingen wir ins Erdgeschoss und öffneten die Schiebetür zu den luxuriösen Außenanlagen des Hotels.

Ich rieb mir die Augen. Die Sonne knallte auf den kaffeetassengroßen Pool. Trotz dieser extrem frühen Uhrzeit war jeder Platz belegt. Und zwar nicht nur von Handtüchern sondern von echten Personen.

Da wir ohnehin wenig Lust verspürten, auf der weltraumkachelheißen Poolumrandung zu liegen, vertagten wir den Poolbesuch und gingen stattdessen in den Supermarkt.

Dort schnappten wir uns einen Shopping-Rollator und füllten ihn mit Bier und Eiswürfeln. Gesundheitsbewusst wie wir waren packten wir noch ein paar Tüten Bio-Chips dazu. Da wir uns gestern mit dem ganzen Bier und Eis beinah die Arme aus den Schultern gehoben hatten, rollten wir den Einkaufswagen dieses Mal über die Straße in Richtung Hotel. Der Wagen war geringfügig überladen und infolgedessen rieben sich die Rollatorrollen mal so richtig auf.

Als wir im Hotel ankamen, war die Gummierung der Rollen den Weg alles Irdischen gegangen. Doch darauf konnten wir jetzt keine Rücksicht nehmen.

Zum Glück war das Hotelfoyer nicht asphaltiert. Wobei das auch Nachteile hatte, denn der blanke Stahl der Rollen hinterließ auf den Kacheln zu unserer Überraschung Spuren. Nichts Dramatisches, aber hätte es auf Ibiza eine Straßenbahn gegeben, hätte sie bestimmt in diesen Rillen fahren können. Zwar machte das Gequietsche der Rollen auf dem Kachelboden ordentlich Krach, aber wenn wir stattdessen zehnmal durch den Flur laufen mussten, nervte das ja auch.

Also vor allen Dingen uns.

Und wenn die Herren Hotelbesitzer nicht gewollt hätten, dass wir mit dem Einkaufswagen durch das Foyer fahren, hätten sie den Lift ja nicht so groß bauen müssen.

Als wir wieder in unser Zimmer kamen, war Frau Hola-Quetal gerade fertig mit dem Putzen. Wir boten ihr als Trinkgeld passenderweise gleich was zu Trinken an und während die Hitze nur so auf uns herunterbrütete, schrieben wir Die Zeit ist vorbei*.

*Ein Lied über die Vergänglichkeit alles Seins, inspiriert vom aufopferungsvoll dahinschmelzenden Eis und den rapide abnehmenden Bierbeständen in unserer Badewanne. Featuring Señora Hola-Quetal am Schlagzeug und Michael Cretu – der ja bekanntlich in Ibiza wohnt – an den Keyboards.

Genaugenommen spielte Frau Hola-Quetal zwar auf Putzeimern, aber mit moderner Studiotechnik kann man ja selbst Bibi zur Sängerin machen, ergo auch aus Plastik ein Schlagzeug. Ob Michael Cretu wirklich wie ein Enigma in unserem Hotelzimmer vorbeikam und diese klebrigen Keyboardsounds einspielte, oder ob das nur eine durch Putzmittelrausch bedingte Halluzination war, wird die Geschichtsschreibung leider nie klären können.

Nur damit es klar ist: Ich habe kein Drogenproblem, ich habe ein Polizeiproblem.

Keith Richards

9

San Antonio, Donnerstag, 23.06., 21:37

Frau Hola-Quetal und Michael Cretu hatten gerade unser Zimmer verlassen, als die Tür sich ohne Vorwarnung öffnete. »Hallo, Jungs«, brummelte ein alter Sack, graue Haare, faltiges Gesicht, Cowboyhut.

Ibiza-Paul.

»Was macht ihr denn hier? Party ist angesagt!« Unaufgefordert holte er sich die letzten zwei Bier aus der Badewanne, köpfte das eine mit dem anderen und pumpte beide ab wie einen Kurzen. »Außerdem müsst ihr doch mal was vors Rohr bekommen.«

»Wir sind keine Klempner«, antwortete ich, »sondern Musiker.«

»Und wo sind dann die Groupies?«, widersprach Ibiza-Paul, womit er leider, wie so häufig, recht hatte. »Ihr müsst hier mal raus, was von der Insel sehen!«

»Wir könnten ja einen Mikrofonständer kaufen«, sagte Christian und zeigte auf unsere Tesafilm-Mikrofonkonstruktion, die wenig vertrauenserweckend aussah. »Und Hunger hab ich auch. Ich kann das gesunde Zeugs nämlich nicht mehr sehen.« Er hielt eine leere Bio-Chips-Tüte hoch.

»Dann müssen wir ins Hard Rock Cafe«, sagte Ibiza-Paul.

»Hard Rock Cafe?«, wiederholte ich. »Wir sind Elektro-Musiker!«

»Das ist schlimm genug«, entgegnete Paul. »So hört ihr erstens mal richtige Musik und zweitens haben die sicher einen Mikrofonständer.«

»Hard Rock Cafes sind total out!«, protestierte ich. »Die sind nur für Leute ab fünfzig, die glauben, sie wären cool, wenn sie dort reingehen. Das ist wie in der Midlife-Crisis Harley fahren. Einfach nur peinlich.«

»Auf Ibiza gibt es aber das einzige echte Hard Rock Cafe«, widersprach Paul. »Die haben dort sogar eine Bühne.«

Bei dem Wort Bühne veränderte sich Christians Gesichtsausdruck in etwa so wie der von Dagobert Duck beim Anblick von Goldbarren. »Meinst du, wir können da spielen?«, fragte er.

In dem Moment war entschieden, wo wir zu Abend essen würden.

Wir verließen unser Hotel und folgten Paul durch San Antonios Gassen. Überall standen junge Frauen und Männer, die Flyer verteilten, für Kneipen, Discos, Bars. Nach zwei Minuten stellte ich fest, dass jede Sacknase einen Flyer bekam, nur wir nicht.

Erst dachte ich, das läge an Ibiza-Paul, der die Fünfzig optisch wie tatsächlich schon lange überschritten hatte. Also setzte ich mich ein wenig ab und lächelte die Promoter an.

Sie ignorierten mich trotzdem.

Schließlich ging ich direkt zu einer blonden Flyerverteilerin. Einer besonders hübschen natürlich. »Kann ich auch so ein Ding haben?«, säuselte ich mit meiner männlichsten Stimme.

»Erst wenn du wiedergeboren wirst und wieder jung bist.«

Ich ließ sie stehen. Wenn wir erst Popstars waren, würde sie von allein angekrochen kommen.

Mit dem Spruch tröstete ich mich zwar schon seit über zwanzig Jahren, aber irgendwann musste es ja mal klappen.

Ich schloss wieder zu den anderen auf. »Was hast du denn gemacht?«, fragte Paul.

»Och, nix«, behauptete ich. »Ich hab nur die Promoterin nach der Uhrzeit gefragt. Aber sie war zu doof, die von ihrer Digitaluhr abzulesen.«

»Echt?«

»Ja, sie war blond.«

Paul nickte wissend. Vorurteile sind schon was Tolles. Egal wie unbegründet sie sind, sie werden gerne geglaubt. Das hatte ja schon dieser Österreicher erkannt, es dabei allerdings ein wenig übertrieben.

Toni Polster.

Oder wie sonst ist sein legendärer Spruch zu erklären: ›Man hetzt die Leute auf mit Tatsachen, die nicht der Wahrheit entsprechen.‹

Doch es ging hier nicht um Weltgeschichte oder – noch wichtiger – um Fußball, es ging um Essensbeschaffung. Wir bogen um die Ecke und schon auf fünfhundert Metern Entfernung sah ich, dass das Logo des Hard Rock Cafes eine plumpe Fälschung war.

»Das ist Markenpiraterie!«, rief ich. »Das darf man nicht unterstützen!«

Ibiza-Paul winkte ab. Kein Wunder, auf seiner Kleidung hingen so viele Krokodile* rum wie in den gesamten Everglades.

*Lacoste war übrigens die erste Bekleidungsfirma, die ihr Logo gut sichtbar auf den Textilien angebracht hat, vorher galt dezentes Understatement als angesagt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Lacoste auch die erste Firma war, deren Produkte massenhaft gefälscht wurden.

Mit Christian brauchte ich gar nicht erst reden, er war schon auf Bühnenautopilot. Trotz meines ausdrücklichen Protests betraten wir kurz darauf das Hard Rock Cafe. Es roch nach Fett und Whisky, aus den Boxen dröhnte irgendetwas, das klang wie ein brunftiger Hirsch begleitet von zweitausend Gitarren. Ich legte erneut Protest ein, aber wir setzten uns trotzdem an einen Tisch und bestellten zwanzig Hamburger mit Pommes und drei Bier.

Oder umgekehrt.

Als das Essen kam, stürzte Christian sich auf den Hamburger, rührte die Pommes aber nicht mal an. »Was ist?«, fragte ich.

»Das Öl, in dem die Dinger frittiert wurden, ist so alt, da hat sich schon Cäsar mit massieren lassen.«

»Du meinst, die Pommes sind nicht mehr gut?« Ich stoppte augenblicklich sämtliche Verdauungstätigkeiten.

»Das erkennt man an den schwarzen Stellen hier.« Christian deutete auf dunkle Verfärbungen auf der Pommes-Kruste*.«

*Es ist Zeit für die erste Folge von meinen Pommes-Weisheiten:
Wusstet ihr, dass der Mensch dreißig Prozent seiner Gene mit der Kartoffel teilt? Während der Mensch 46 Chromosomen hat, besitzt die Kartoffel sogar zwei mehr – 48. Das macht aber nichts, denn beim Pommes Essen geht automatisch etwas von der Intelligenz in den menschlichen Körper über, sodass sich das wieder ausgleicht. Allerdings nur, wenn die Pommes gut sind. Ob Pommes und Pizza in amerikanischen Schulkantinen aus diesem Grund als gesundes Gemüse gelten, da bin allerdings selbst ich überfragt.

Während ich meine Pommes unauffällig der Bodenentsorgung zuführte, ließ ich meinen Blick durch das Hard Rock Cafe schweifen. Es saßen ausschließlich Männer im Restaurant, selbst die Bedienungen trugen neben ihrem Pferdeschwanz noch einen anderen. Rocker eben. Das erinnerte mich an etwas. »Wie bist du eigentlich auf die Hells Angels* gekommen?«, fragte ich Christian.

*Die Hells Angels sind übrigens ein weltweit operierender Rockerclub, der sich mit den Bandidos darum streitet, wer die größten Mopeds besitzt, den breitesten Arsch und die höchsten Gewinne aus dem Drogenhandel erzielt.

»In Dortmund gibt es einen Ami-Schuppen namens Road Stop, dort hab ich Flyer für meine Pommesbude verteilt. Das hat mir keinen einzigen Kunden gebracht, dafür standen schon am nächsten Tag die Hells Angels bei mir auf der Matte und wollten Schutzgeld*.«

*Ein schönes Beispiel für den alten Werber-Slogan: Wer wirbt, stirbt.

»Und du hast das Schutzgeld bezahlt?«, fragte ich.

»Erst nicht, aber dann kam deren Boss, ein Typ namens Thrombose-Peter mit drei riesigen Trucks vor meine Pommesbude und hat mich überredet, weil die Trucks sonst von der Straße abkommen und auf meiner Pommesbude parken könnten.«

»Und der Kredit?«

»Als ich das Schutzgeld später nicht zahlen konnte, haben die Hells Angels es in einen Kredit und eine gebrochene Nase umgewandelt. Tja, und wenn ich nächste Woche nicht einhunderttausend Euro habe …«

»Das wird nicht passieren«, entgegnete ich und war selbst von meinem Optimismus überrascht. »Wir haben schon zwei Songs im Kasten und der Chef von Sonixhit wird die sicher geil finden.« Mir fiel wieder ein, dass ich in dieser Hinsicht noch eine ziemliche Wissenslücke hatte. »Woher kennst du den eigentlich?«

»Ibiza-Paul?«, fragte Christian. »Wir haben uns in Dortmund in einer Kneipe kennengelernt.«

»Nein, ich meine den Chef von Sonixhit.«

»Kim Flenner heißt der«, antwortete Christian, machte aber keine Anstalten, mehr über ihn zu erzählen.

»Und woher kennst du diesen Flenner?«

Er räusperte sich umständlich. »Wir waren beide Schauspieler in einem Film.«

»Du bist Schauspieler?«

»Ich hab halt alles schon mal probiert.«

»Und was war das für ein Film?«

Christian seufzte. »Das hatte was mit einem Nebenjob zu tun. Auf alle Fälle hat Flenner da mitgespielt und seine Frau weiß nichts davon. Und weil ich ihm während der Drehtage ein Alibi verschafft hab, ist Flenner mir einen Gefallen schuldig.«

»Und wie groß ist der Gefallen? Bringt er uns einen Deal?«

»Man kann nie wissen.« Christian rieb sich die Glatze. »Heutzutage redet in einer Plattenfirma jeder mit, selbst die Putzfrau*. Wenn unser Album nicht wirklich geil ist, kann auch er nichts dafür tun.«

*Wobei die Damen dort häufig noch den besten Musikgeschmack haben.

Bevor ich noch etwas sagen konnte, drehte Christian sich zu Ibiza-Paul. »Wo ist denn die Bühne?«, fragte er.

Ibiza-Paul zuckte mit seinen Schultern und haute mir auf meine. »Die Musik ist geil, oder?«

»Ich hör dich nicht, die Scheiß-Musik ist so laut!«, schrie ich, und zwar genau in dem Moment, an dem die Bedienung an unseren Tisch kam. Der Kellner sah aus wie ein Klon von Ozzy Osbourne mit Pferdeschwanz, hörte jedoch auf den Namen Rüdiger. Auf seinem T-Shirt stand Geschäftsführer.

»Was hast du gesagt?« Rüdiger tippte mir auf die Schulter, was sich für mich eher wie ein Faustschlag anfühlte. Kein Wunder, er war zwei Köpfe größer und an seinem kleinen Finger waren wahrscheinlich mehr Muskeln als an meinem Oberarm.

»Äh, ihr spielt ja ganz schön harte Musik«, sagte ich.

Rüdiger alias Ozzy öffnete seinen Pferdeschwanz. »Wir sind ja auch das einzig wahre Hard Rock Cafe.«

Ein mutiger Spruch angesichts des Umstands, dass es sich hier eindeutig um eine Kopie handelte. »Ich glaube, das sehen die vom echten Hard Rock Cafe anders, oder?«

»Klar sehen die das anders.« Rüdiger lächelte. »Aber ich bin im Recht. Ich habe die Kerle sogar verklagt.«

»Du hast sie verklagt? Warum das denn?«

»Weil die in der gesamten Geschichte des Hard Rock Cafes nicht ein einziges Stück Hard Rock gespielt haben, sondern immer nur Schwuchtel-Rock wie Bon Jovi, Bryan Adams …«

»Guns N' Roses …«

»Du hast es erkannt«, sagte er und klopfte mir die Schulter weich. »Wenn ich meine Klage gewinne, müssen die sich Schwuchtel-Rock Cafe nennen.«

Ich musste lachen. »Das ist mal eine super Idee.«

»Habt ihr hier eigentlich auch eine Bühne?«, fragte Christian.

»Für was denn?« Rüdiger schüttelte den Kopf. »Wir sind ein Restaurant.«

»Dann solltet ihr aber wenigstens wissen, wie man Pommes macht«, entgegnete Christian.

Wäre Rüdiger ein Dampfkochtopf gewesen, wäre ihm gerade das Sicherungsventil geplatzt. Auf alle Fälle schien er kurz davor, die T-Bone-Pfanne aus der Küche zu holen, um Christian eins überzubraten. Wobei er das auch mit bloßen Fäusten gekonnt hätte, aber mit der T-Bone-Pfanne machte es wahrscheinlich mehr Spaß.

Offensichtlich traute er jedoch der Pommesqualität selbst nicht so ganz, denn er probierte eine der Vierkantnudeln auf Christians Teller. »Na ja, sind vielleicht ein wenig pappig«, nuschelte er.

»Die sind nicht pappig, die sind labberig, fettig und alt«, erklärte Christian. »Bring mich mal in die Küche, ich zeig dir, wie man das macht.«

Rüdiger führte Christian tatsächlich in die Küche und mir blieb nur zu hoffen, dass die T-Bone-Pfanne gut versteckt war.

Ich habe gehört, das Gehirn hört auf zu wachsen, wenn man beginnt, Drogen zu nehmen. Damit bin ich wohl immer noch 19.

Steven Tyler, Sänger von Aerosmith

10

San Antonio, Donnerstag, 23.06., 23:14

Eine Stunde, zwei Hamburger und acht Biere später kam Christian wieder, zu meiner Überraschung völlig unversehrt. »Von jetzt an kann man die Pommes hier essen, ohne sofort in die Notaufnahme zu müssen.«

Der Spruch war ein wenig kontraproduktiv, denn inzwischen hatte der Laden fast begonnen, mir zu gefallen. Man kann sich eben nicht nur Frauen schöntrinken, sondern auch Filme, Fußballspiele von Arminia Bielefeld und Schwuchtel-Rock.

Bei dieser Gratwanderung konnte allerdings nur ein einziges zu viel getrunkenes Bier zwischen Glückseligkeit und Absturz entscheiden. Schon den ganzen Abend balancierte ich gekonnt auf dieser Kippe. Doch Christians Anspielung auf die Notaufnahme brachte meinen hypochondrischen Magen und mich selbst aus dem Gleichgewicht. »Ich glaub, ich muss mal kurz mit Villeroy und Boch telefonieren«, sagte ich noch, dann stürzte ich aufs WC.

Ich setzte mich in eine Notdurft-Box, ließ die Hose runter, packte mein Kleinlöschgerät aus und entleerte es. Schon ging es mir ein wenig besser. Ich wollte mein Ding gerade wieder einpacken, als ich hörte, wie jemand mit High Heels in die Kabine nebenan stöckelte. Ein viel zu langer Reißverschluss wurde geöffnet und jemand setzte sich.

War ich aus Versehen aufs Frauenklo gerannt? Wie hätte ich das denn unterscheiden sollen? Señoras? Señor? Klingt doch alles gleich!

»Hi, wie geht es dir?«, fragte die Person neben mir. Unverkennbar eine Frauenstimme.

Sollte ich sie einfach ignorieren? Mit Sicherheit hatte sie mich ins WC hineingehen sehen. Weswegen sollte sie sonst mit mir reden? Also musste ich handeln, sonst rief sie womöglich die Security. »Äh, ganz okay«, flüsterte ich.

»Und was machst du so?« Jetzt flüsterte sie auch.

»Das gleiche wie du, ich sitze hier.«

»Kann ich zu dir rüberkommen?«

Das schien hier auf Ibiza ja sehr locker zuzugehen. »Öhm, ja, wenn du so fragst. Gerne.«

»Kann ich dich vielleicht später zurückrufen?«, fragte sie, nun etwas lauter. »Da sitzt irgend so ein Idiot neben mir, der immer auf meine Fragen antwortet.«

Ich sagte nichts mehr, wartete bis die Frau neben mir ihr Geschäftchen erledigt hatte und die Luft so rein war, wie sie es auf einem Klo eben sein konnte. Dann schlich ich mich wieder zurück. Wenigstens hatte das Adrenalin meine Übelkeit vertrieben.

Als ich wieder an den Tisch kam, tippte Ibiza-Paul demonstrativ auf Christians Armbanduhr, er selbst hatte natürlich keine. »Wir sollten mal weiter.«

»Sssuper Idee«, lallte ich. Wahrscheinlich lallte ich schon den halben Abend, aber es fiel mir erst jetzt auf.

»Und einer sollte die Rechnung zahlen«, antwortete er.

»Sssuper Idee«, lallte ich wieder, bis mir auffiel, dass er sich selbst damit ausschloss. Christian zückte sein Portemonnaie und obwohl es darin recht unbewohnt aussah, zahlte er.

Das würde finanziell verdammt eng werden die nächsten Tage. Wenigstens versprach Ibiza-Paul, die nächste Runde zu übernehmen. Während wir in Richtung Ausgang torkelten, zeigte er auf eine Vitrine, in der ein Mikrofonständer stand. »Da! Kannste mitnehmen!«

Neben dem Ständer hing ein Foto von einem Typen, dessen Lippe ihm bis zu den Knien hing. »Das ist doch … hicks … Steven Tyler*!«, lallte ich. »Der Ständer … hicks … gehört bestimmt ihm!«

»Siehst du Steven Tyler hier irgendwo?«

Ich schüttelte den Kopf und mir wurde wieder schlecht.

»Also, dann nimm das Teil mit.« Ibiza-Paul hatte eine überzeugende Art zu argumentieren. Jedenfalls wenn man besoffen war.

»Aber die Vicktrine ist doch … hicks … verschlossen«, lallte ich noch, da hatte Ibiza-Paul mir schon ein Bein gestellt. Ich fiel so ungeschickt auf das Schloss der Vitrine, dass ich es mit dem Ellenbogen komplett abriss. Hätte ich exakt das gewollt, hätte ich bestimmt fünfzig Anläufe samt Armprothese gebraucht.

*Es ist das achte Weltwunder der Genetik, dass jemand wie Steven Tyler eine so hübsche Tochter hat. Wahrscheinlich waren seine Gene alle rezessiv und die seiner Frau dominant. Was die Frage aufwirft, ob Liv Tyler gelegentlich als Hobby-Domina arbeitet. Wer die Antwort kennt, oder selbst Liv Tyler ist, wende sich bitte vertrauensvoll an christian@freiwilligversklavt.de.

Liebe Liv,
wenn Du das hier liest, aber nicht verstehen kannst, frag doch bitte unbedingt jemanden, der Dir diese Worte übersetzt:
Willst du mit mir gehen?
Bitte kreuz hier an:
❏ ja
❏ nein
❏ mittel
❏ verpiss Dich, Du dummes Arschloch

Als wir den Laden samt Mikrofonständer verließen, bemerkte ich, wie schön Stille sein konnte.

Wobei Stille relativ war, denn durch Ibizas Gassen marodierten jede Menge Indianer.

Genaugenommen Rothäute.

Und noch genauer genommen Engländer* mit Sonnenbrand.

*Anscheinend glaubt man in England, dass es nicht schädlich ist, schon am frühen Morgen mit freiem Oberkörper in der prallen Sonne zu liegen, obwohl jedermann in dem Land den Hauttyp einer Nacktkatze hat. Ein Engländer im Sommerurlaub ohne Sonnenbrand ist demzufolge eine biologische Anomalie, genauso wie deutsche Rentner mit Sandalen aber ohne Socken.

Selbst eine Sonnencreme mit Schutzfaktor fünfzig bringt einem Engländer leider nichts, denn sie gibt ja nur den Faktor an, den man sich länger als gewohnt in der Sonne aufhalten kann. Fünfzigmal Null ist und bleibt eben Null.

Wir schwankten an einem Supermarkt vorbei, der selbst jetzt, nach Mitternacht, noch geöffnet hatte. Ibiza-Paul brummelte irgendwas von ›eiligen Besorgungen‹ und ließ uns stehen.

Kurz darauf kam er mit drei Dosen Bier und einer Packung XXL-Kondomen wieder. Die Kondome steckte er so in die Hosentasche, dass man sie selbst auf zehn Meter Entfernung sehen konnte. Dann rief er ein Taxi und scheuchte uns hinein. »Wo geht es denn hin?«, fragte ich.

»Ibiza-Stadt. Hier ist nix los.« Er reichte jedem von uns eine Bierdose. »Ich schmeiß die nächste Runde!«

Da er sich nicht mal die Mühe gemacht hatte, das Preisschild abzunehmen, glaubte ich an einen Scherz.

Dieser Irrglauben hielt sich, bis wir in Ibiza-Stadt ausstiegen – natürlich hatte Christian das Taxi bezahlt – und Ibiza-Paul in der nächsten Kneipe eine Runde Champagner bestellte und behauptete, jetzt sei ich an der Reihe mit spendieren.

»Und was ist mit dir?«, wollte ich wissen.

Ibiza-Paul blickte mich mit großen Augen an. »Wer hat denn das Hotel besorgt, den Mikroständer und die Fickstrümpfe hier!« Er warf die Kondome auf den Tisch.

Alle in der Kneipe schauten uns an.

Die Frauen mit einer Mischung aus Ekel und Mitleid. Jetzt wussten wir zwar, wie sich ein alter Sack im Puff fühlte, aber das interessierte wahrscheinlich nicht einmal Sozialwissenschaftler*.

*Wobei ich hier mal ein Loblied auf die moderne Wissenschaft singen muss. Denn sie hat dem Menschen viele angenehme und nützliche Dinge beschert: Schlumpf-Eis, Candy Crush und das Plusquamperfekt.

Doch die Krönung des menschlichen Erfindungsreichtums ist der Nasen- und Ohrhaarrasierer, ein wahres Meisterwerk der zivilen Hygienetechnik. Ich möchte behaupten, dass mein Leben ohne dieses Gerät einen völlig anderen Verlauf genommen hätte. Wie soll man beispielsweise eine Bäckerei betreten und eine Bestellung aufgeben, wenn drei Meter lange Nasen- und Ohrhaare aus einem wuchern?

Und man sieht ja schon an Ibiza-Paul, dass selbst lächerliche fünf Zentimeter für Ohrhaare eindeutig zu lang sind. Und von den Nasenhaaren will ich gar nicht erst reden.

»Sind ja eh zu groß für euch«, grinste Ibiza-Paul und packte die Kondome wieder ein.

Nun leiden ja nicht nur Angler, sondern alle Männer bei Größenangaben betreffend ihres Unterleibsbereichs unter extremer Wahrnehmungsverschiebung, aber im Grunde ist das nur Selbstschutz.

Schließlich kann sich nicht jeder zur Kompensation einen Maserati leisten.

Mein Auto! Meine Jacht! Mein Privatjet!

Das war die Welt der Männer. Darum drehte sich alles. Und doch war das alles nur Show. Wie lange konnten wir das noch vor den Frauen verstecken?

Okay, das hatte seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte recht gut geklappt, aber jetzt, da die Frauen uns selbst wissenschaftlich nachgewiesen intellektuell überholt* hatten, konnte es nicht mehr lange gutgehen.

*2012 lag der durchschnittliche Intelligenzquotient von Frauen erstmals seit Beginn der Messungen höher als der von Männern. Und das trotz Daniela Katzenberger, Nadine the Brain und Kelly Bundy.

Umso wichtiger war es, mit Hilfe von schmachtender Musik an die niederen Instinkte der Frauen zu appellieren, um sie uns wieder ebenbürtig zu machen.

Das Problem ist nur, wer als Mann ernsthaft schmachtende Musik schreibt, muss entweder Bryan Adams heißen, schwul sein oder Italiener.

Und das waren wir alles drei nicht.

Dafür aber ordentlich angeheitert.

Genaugenommen hatte ich inzwischen so viel getrunken, dass mir die Bundesprüfstelle das Prädikat ›besonders voll‹ hätte verleihen können. Es wäre am besten gewesen, nach Hause zu gehen, doch zu unserem Unglück hatte der Abend für Ibiza-Paul eben erst begonnen. »Vamos a la Disco!«, rief er.

Trotz unserer nur rudimentär vorhandenen Spanischkenntnisse wussten Christian und ich sofort, was das hieß.

Hätte Pac-Man uns als Kinder beeinflusst, würden wir alle in dunklen Räumen herumrennen, Pillen verschlingen und uns dabei repetitive elektronische Musik anhören.

Marcus Brigstocke, britischer Comedian

11

San Antonio, Freitag, 24.06., 01:32

Und so standen wir bald vor dem Pacha, dem bekanntesten Club Ibizas, vielleicht sogar der Welt. Jedenfalls aus der Sicht der Engländer, die davor warteten und eine furchterregende Schlange bildeten. Sie hatten offensichtlich nicht nur San Antonio sondern auch Ibiza-Stadt und das Pacha in Besitz genommen*.

*Nachdem sich die Amerikaner total darüber erschrocken hatten, was passiert war, nachdem sie eine Atombombe über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten, musste sich irgendjemand eine vertretbarere Methode einfallen lassen, um in anderen Ländern mal eine Latte an den Zaun zu bekommen.

Also kam man auf den Tourismus: Die effektivste Form der modernen Kriegsführung. Ein Volk wird erst unterjocht, verliert dann seine Kultur und wird schließlich vertrieben. Und das alles per Billigflieger. Ein weiterer Vorteil der Methode ist, dass jeder für einen Fronteinsatz tauglich ist, weswegen man sabbernde deutsche Rentner in Militärkreisen schon als die neue V2 bezeichnet.

Außerdem brauchen die Soldaten nicht mal teure Uniformen, sondern statten sich selbst aus. Notfalls kann man sie aber auch bei Kik für drei Euro komplett einkleiden lassen.

Englische Soldaten tragen hingegen meist gar nichts, zumindest am Oberkörper. Spätestens nach einer Woche ist das Nervengewebe der Haut dann so verbrannt, dass darauf problemlos Orden angebracht werden können.

Da jede Menge hübsche Frauen die Himmelspforte zum Pacha durchschritten, stellten wir uns auch an. Man kann ja über die Engländer sagen, was man will, aber Schlange stehen können sie.

Christian legte zwar sein Veto* ein, da der Laden angeblich zu teuer war, doch Ibiza-Paul, und zu meiner Überraschung ich selbst, überstimmten ihn. Alkohol vernebelt eben die Entscheidungskompetenz. Außerdem musste ich nach dem Gedudel aus dem Hard Rock Cafe noch was anderes zwischen die Ohrläppchen bekommen, um später einen ordentlichen Song schreiben zu können. Und vielleicht konnte ich mir im Pacha sogar die eine oder andere Songidee entleihen.

*Ich versteh übrigens bis heute nicht, warum man in Ibiza unbedingt im Pacha gewesen sein muss. Man muss sich doch auch nicht beschneiden lassen, wenn man in Istanbul mal einen Tee trinken möchte.

Wegen meiner vernebelten Entscheidungskompetenz bot ich sogar an, den Eintritt zu übernehmen, denn ich glaubte, das Geld würde später doppelt und dreifach wiederkommen. Wie bisher – als Schriftsteller – konnte ich ohnehin nicht weitermachen, denn selbst wenn mir wieder etwas einfiel, war die Arbeit an einem Buch doch recht kümmerlich bezahlt. Neunundneunzig Prozent der Autoren arbeiten nämlich für einen Stundenlohn, gegen den Ein-Euro-Jobber fürstlich entlohnt sind. Dem restlichen einen Prozent geht es noch schlechter.

Und zu denen gehörte ich.

Das musste sich ein für alle Mal ändern.

Als ich schon wieder halb ausgenüchtert war, kamen wir auch mal an die Reihe. Der Türsteher sah aus wie eine Mischung aus Antonio Banderas und Rudolf Scharping, wahrscheinlich war er ein gescheiterter spanischer Buchhalter. »Fiftyfive Euro«, sagte er und rückte sich die Nickelbrille zurecht.

Die Höhe des Eintritts schockierte mich, gleichzeitig wunderte ich mich, wie man fünfundfünfzig durch drei teilen konnte. Weil ich immer noch denkuntüchtig war, reichte ich dem Türsteher die Scheine.

»Another hundred ten, please.«

»You said fiftyfive Euro!«, widersprach ich.

»German, hm?«

Ich nickte. Wahrscheinlich gab es für uns Rabatt, damit in der Disco nicht nur Engländer*, sondern auch ein paar Exoten tanzten.

*Im übrigen lieben, ja verehren wir England und die Engländer. Wir haben selten ein so höfliches, zurückhaltendes und selbstloses Volk gesehen. Vor allen Dingen beim Elfmeterschießen.

»Normal hundert Euro für Aleman«, sagte der Türsteher. »Weil ihr geizige Spaßbremse, die halte sich ganze Noche fest an eine Cerveza. Was ist auch noch Gratisgetränk.«

»Und warum willst du dann hundertfünfundsechzig Euro?«

»Kannst du calcular? Jeder fünfundfünfzig Euro. Mal drei. Gibt was?« Banderas-Scharping schaute mich an, als hätte ich mein Hirn an der Garderobe abgegeben.

»Ein paar Euro musst du hier schon investieren, wenn du Spaß haben willst«, mischte sich Ibiza-Paul ein. »Hier gibt’s eben die besten Raketen, Granaten und Sex-Bomben!« Er zeigte auf die unzähligen Frauen, die im Pacha an der Bar standen. Auch wenn man über die Wortwahl diskutieren konnte, hatte er mal wieder recht.

Und so gab ich sämtliche Euroscheine meines Portemonnaies dem Türsteher bis auf einen kümmerlichen Zwanziger. Auch ohne dass ich meinen Countdown aktualisierte, wusste ich, dass er heute Nacht noch auf Null springen würde.

Derweil nahm Ibiza-Paul die Bons für die Freigetränke und ließ uns stehen. Wir bekamen einen Stempel auf das Handgelenk gedrückt, irgend so ein Hightech-Ding, den man nicht mal sah und gingen an die Bar.

Ibiza-Paul kam uns mit drei Bier entgegen und reichte jedem eine Flasche. »Und diesmal nicht vergessen, dass ich die Runde bezahlt hab.«

»Mit den Freigetränkebons?«, insistierte ich.

»Willst du jetzt rumzicken oder Party machen?« Mit einem Schluck leerte Ibiza-Paul sein Bier. »Ohne mich wärt ihr in irgendwelchen Spelunken gelandet.«

»Du meinst, so wie die Champagnerkneipe, in die du uns geschleppt hast?«

»Lebst du in der Vergangenheit, oder warum erzählst du ständig von dem, was war?«

Bei dem Wörtchen ›Vergangenheit‹ fiel mir auf, dass etwas fehlte. Ich blickte an mir herab. Beine, Arme, Teilzeithydrant, alles noch da.

Und dann fiel es mir ein. Der Mikroständer! Ich hatte das Ding in der Champagnerkneipe vergessen! Der Ständer war das einzig Gute am heutigen Abend gewesen. »Ich komm gleich wieder«, sagte ich und stürzte aus der Disco.

Wieder auf der Straße fiel mir auf, dass ich mir unseren Hinweg eher unvollständig gemerkt hatte. Genaugenommen war ich hinter Ibiza-Paul her getaumelt wie ein Japaner mit zwanzig Sake im Blut seiner Reisegruppe.

Ich redete mir ein, schlauer als eine Brieftaube zu sein und folgte meinem Orientierungssinn.

Nach fünf Minuten musste ich feststellen, dass ich nicht mal mehr den Weg zurück zum Pacha finden würde.

Ich drehte mich, lief ein paar Meter und wechselte dann doch wieder die Richtung. Während ich so orientierungslos herumlief, kam eine Blondine auf mich zu. Es war nicht irgendeine gewöhnliche Blondine, wie es sie im Pacha zu Hunderten gab, sondern eine ganz spezielle. Sie schien ein paar Jahre jünger zu sein als ich und hatte offensichtlich so erfolgreich eine Karottendiät gemacht, dass alles an ihr wie eine aussah. Ihre Beine hatten die Form zweier – nun ja – Karotten, die man oben zusammengeklebt hatte, ihre Nase sah aus wie die eines Schneemanns und von den Brüsten rede ich besser gar nicht erst. Jedenfalls wäre Jean Paul Gaultier stolz auf sie gewesen.

Wahrscheinlich war sie die absolute Traumfrau irgendeiner außerirdischen Lebensform. Selbst ihre Haare waren so strubbelig, wie dieses grüne Zeugs, was oben aus der Möhre rauswächst, dessen Name ich aber nicht kenne, weil man in Biologie ja eher etwas über die Osmose in den Mitochondrien lernt, als über die heimische Pflanzenwelt. »Weißt du, wo das Pussycat ist?«, fragte die Karottenfrau.

Ich schüttelte den Kopf. »Nee, aber weißt du, wo das Pacha ist?«

»Logo.« Sie lächelte. Selbst ihre Zähne sahen aus wie Babymöhrchen. »Aber ich verrate es dir nur, wenn du mir sagst, wo das Pussycat ist.«

»Wie soll ich dir das sagen, wenn ich es gar nicht weiß?«

»Ist das mein Problem?« Sie schaute mich schnippisch an.

»Ja, ist es«, entgegnete ich. »Schließlich willst du ins Pussycat.«

»Und du ins Pacha.«

Womit sie recht hatte. »Also gut«, sagte ich. »Falls ich erfahren sollte, wo das Pussycat liegt, gebe ich dir Bescheid.«

»Super.« Sie strahlte. »Und danach sag ich dir dann, wo das Pacha ist.«

»Und warum sagst du es mir nicht jetzt schon?«

»Meinst du, ich bin doof oder was? Dann erfahre ich ja nie, wo das Pussycat ist! Du musst mir das als Erster sagen!«

Ich kam mir vor wie im Kindergarten für schwer erziehbare Vorstandskinder der Deutschen Bank und ließ sie stehen.

»Dir helfe ich nie wieder!«, rief sie mir hinterher und ich war irgendwie froh darum.

Ich ging um die Ecke und sah das Pacha direkt vor mir. Also lief ich exakt in die entgegengesetzte Richtung wie zuvor und stand fünf Minuten später vor der Champagnerkneipe. Ich ging hinein, sah den Mikroständer in der Ecke herumlungern, nahm ihn mit und spazierte wieder in Richtung Pacha. Jetzt konnte die Party beginnen!

Fünfzig Meter davor, als man schon das Kirschen-Logo blinken sah, kam die Karottenfrau wieder auf mich zu. »Okay«, sagte sie und deutete in Richtung der Disco. »Hast gewonnen. Da vorne ist das Pacha. Zeigst du mir jetzt, wo das Pussycat ist?«

»Ich hab immer noch keine Ahnung wo das Pussycat ist«, antwortete ich. »Aber danke für den Tipp mit dem Pacha. Hätte ich sonst nie gefunden.« Ich lächelte sie an und ging.

»Du stalkst mich doch! Und ich Idiot helfe dir auch noch!«, rief sie mir hinterher. Ich blickte sie irritiert an und beschloss, Karotten vorerst von meiner Speisekarte zu streichen.

Ich befand, schon genug von der Party verpasst zu haben, nahm die letzten Meter zum Pacha im Spurt und drängelte mich keuchend neben der Warteschlange durch, nickte Banderas-Scharping zu und lief an ihm vorbei.

Dachte ich, denn mit seinem gestreckten rechten Arm hielt er mich auf. »Was du wolle mit Mikroständer?«, fragte er. »Du Helene Fischer oder was?«

»Atemlosigkeit ist eine schwere Krankheit«, sagte ich. »Darüber macht man keine Witze und auch keine Songs.«

Banderas-Scharping blickte mich irritiert an. »El Microfonoständer nada«, sagte er schließlich. »Und du pagar fünfundfünfzig Euro, sonst du auch nada.«

»Ich hab doch schon bezahlt!«

»Und donde esta Stempel?«

Ich schaute auf meinen Unterarm. Nichts. »Den hat man von Anfang an nicht gesehen«, beteuerte ich.

»Du blind?«

»Nein, euer Stempel ist kaputt.«

»Das blödeste Ausrede el mundo. Noch blöder als Haut inkontinent oder Stempel weggeschwitzt.« Banderas-Scharping zuckte mit den Schultern. »Nada Stempel, nada Disco.«

»Aber ich hab doch bezahlt! Einhundertfünfundsechzig Euro! Erinnerst du dich nicht mehr?«

»Wenn ich mich an jede erinnere, der gehe in Disco hab ich bald Aquakopf wie Arbeiter von Tschernobyl.«

»Wir waren zu dritt«, entgegnete ich. »Und meine Freunde sind da drin!«

»Und du aqui. So ist la vida.«

Plötzlich drängelten sich drei Mädels in so kurzen Röcken wie langen Beinen an uns vorbei. An ihnen war weit und breit kein Stempel zu sehen. Jedenfalls nicht dort, wo ich hingeschaut hatte. »Die haben auch keinen Stempel!«, rief ich ins Blaue hinein.

Banderas-Scharping baute sich in seiner ganzen Größe vor mir auf. Wahrscheinlich war auch noch ein Schuss Sylvester Stallone in seinen Genen. »Las reglas mache ich. Claro?«

»Nee, versteh ich nicht.«

»Du comprende Revolver?«

Andere Männer hätten jetzt eine Schlägerei angefangen und wären mit einem blauen Auge, drei gebrochenen Rippen und zwei Spiegeleiern in der Hose nach Hause gehumpelt. Aber sie wären stolz gewesen, nicht klein beigegeben zu haben.

Im Gegenteil zu mir. Ich fühlte mich beschissen. Hier lief die Party des Jahrhunderts und ich war nicht dabei!

Doch was sollte ich tun? Ich war so chancenlos wie St. Marino im Krieg gegen die USA. Weswegen noch wehren, wenn man ohnehin verliert? Schließlich war das kein Fußballspiel, bei dem man durch Kämpfen die Niederlage in Grenzen halten konnte.

Sondern man konnte sie nur verschlimmern.

Denn mit gebrochenen Armen war es selbst am Computer schwer, ein Album aufzunehmen.

Also trottete ich frustriert zum Taxistand, ließ mich zum Hotel fahren und opferte meine letzten zwanzig Euro.

Das Hotelzimmer war so vereinsamt, wie ich mich fühlte. Ich setzte mich an mein Keyboard, drückte irgendwelche Tasten und plötzlich kam ich mir gar nicht mehr erbärmlich vor.

Waren das eben geile Harmonien gewesen oder waren das geile Harmonien gewesen? Ich drückte die Tasten noch mal.

Natürlich andere Tasten.

Schließlich war ich kein Pianist.

Es klang beschissen.

Ich drückte die Tasten erneut, wieder klang es anders. Weil ich nach all den Jahren wusste, dass es nicht besser werden würde, schaltete ich meinen Computer an und öffnete den Sequencer*. Dieses Wunderprogramm nahm mein Rumgedrücke auf, aber so clever, dass ich es hinterher editieren konnte: Falsche Noten löschen, richtige an die korrekte Stelle schieben, die Lautstärken verändern, also all das, was ein Pianist von Natur aus eingebaut hat und automatisch richtig macht.

*Ungefähr 99,99 Prozent aller Musik wird heute mithilfe eines Sequencers aufgenommen. Die restlichen 0,01 Prozent stammen von Death-Metal-Bands, die zu blöd sind, nach einem Click zu spielen. Musik mit einem Sequencer zu machen, ist nicht anspruchsvoller als Legoklötzchen hin- und herzuschieben, wobei ein Klötzchen für Gitarre stehen kann, für Schlagzeug, Gesang oder für einen Rap.

Leider gibt es noch kein Programm, welches Letzteres automatisch löscht.

Irgendwann gelang es mir, eine Sequenz aufzunehmen, die fast so gut klang wie beim ersten Versuch. Ich schob die Noten solange umher, bis es endlich so wirkte, als hätte jemand das Piano eingespielt, der nicht zwei linke Hände mit lauter Daumen dran hat.

Genauso musste es den Grafikern von Animationsfilmen gehen. Nur bei den Filmen erwartet niemand, dass deren Ersteller alle kleine Picassos sind. Obwohl das Ziel das Gleiche ist: Aus totaler Künstlichkeit, dem Nichts aus Bits und Bytes, ein möglichst realistisches Bild zu erzeugen.

Auch eine Art der Kunst.

Die Emulation der Wirklichkeit. War das nicht wie die Schriftstellerei, nur mit anderen Mitteln?

Während ich so auf Kindergartenniveau herumphilosophierte und weiter programmierte, kam Christian herein. Er sagte kein Wort, hörte sich den Song einmal an, stellte sich vor das Mikrofon und sang los. Und so entstand Leere.

Turtelt man mit einer netten Frau, wirkt eine Stunde wie eine Sekunde. Sitzt man aber auf glühend heißer Asche, kommt einem eine Sekunde wie eine Stunde vor. Das ist Relativität.

Albert Einstein

12

San Antonio, Freitag, 24.06., 14:14

Irgendetwas klopfte. In meinem Schädel.

Bumm. Bumm. Bumm.

»Hombres! Wenn ich soll putze, ihr müsst mal stehe auf!«

War das Frau Hola-Quetal?

Es klopfte noch mal.

Sollte Frau Hola-Quetal* zwischenzeitlich nicht in mein Kleinhirn gezogen sein, stand sie wahrscheinlich gerade vor unserer Tür.

Wir öffneten ihr und verdrückten uns zum Frühstück.

*Jedes Mal, wenn ich Frau Hola-Quetal sehe, frage ich mich, was sie wohl in ihrer Freizeit macht. Man könnte vermuten, sie sitzt vor dem Fernseher und schaut brasilianische Telenovelas oder sie bekocht ihren Mann, umsorgt ihre Kinder. Doch ich bin mir sicher, all das stimmt nicht!

Denn tatsächlich sitzt sie stundenlang einfach nur da und zieht Kubikwurzeln und Quersummen aus Zahlen, die so viele Stellen nach dem Komma haben, dass allein das Niederschreiben ein weiteres Buch füllen würde.

Wie gerne hätte Frau Hola-Quetal ihr Hobby zum Beruf gemacht, aber ihre Mutter war strikt dagegen. Ja, sie befahl ihr, etwas – im wahrsten Sinne des Wortes – Bodenständiges zu machen. Deshalb ist Frau Hola-Quetal – wie schon ihre Mutter und die Mutter ihrer Mutter und auch deren Mutter – Reinigungsfachfrau geworden.

Aber in ihrer Freizeit geht sie noch immer ihrer Leidenschaft nach und wiederlegt mal so eben zwischen Mittagessen und Kaffee die Relativitätstheorie. In den einsamen lauen Nächten auf Ibiza träumt sie dann von Quantenphysik und hemmungslosem Sex mit Steven Hawking.

Das Tolle an Ibiza war, dass man selbst um 14 Uhr noch Frühstück bekam. Das weniger Tolle daran war, dass es in ganz San Antonio nur englisches Frühstück* gab.

*Es ist mir bis heute völlig schleierhaft, wie eine Nation so viele schöne Dinge wie Fußball, Tennis oder Rolls Royce hervorbringen kann, ohne vorher vernünftig gefrühstückt zu haben.

Angesichts des Angebots trank ich nur einen Kaffee, während Thomas, die Vitaminschlampe, seinem Körper einen frischgepressten Orangensaft aufnötigte.

Da Frau Hola-Quetal noch mit unserem Zimmer oder einem achttausend Kästchen umfassenden Sudoku beschäftigt war, schauten wir am Hotelpool vorbei. Wieder war er bis auf den letzten Platz besetzt.

Dafür lief der totgeglaubte Arcade-Automat plötzlich, stand jedoch unbeachtet in einer Ecke.

In meiner Jugend hatte ich nie genügend Geld besessen, um es mit Arcade-Games zu verzocken und im Grunde war das heute immer noch so, aber da ich jetzt erwachsen und vernunftbegabt war, stürzte ich mich auf das Gerät.

Ich kannte das Spiel nicht einmal, doch das war mir egal. Dem Sound und Look nach musste es jedenfalls etwas aus den 80ern sein. Ich ließ mir von Christian einen Euro geben, warf ihn in den Münzschlitz und spielte los.

Nach weniger als einer Minute kam ich schon in Level 2, der wie immer bei mir ›Game over‹ hieß.

Ich lieh mir noch ein paar Euro und warf den nächsten ein. »Hol mal das Mikro, den Verstärker und den Laptop«, sagte ich zu Christian.

»Willst du jetzt hier unten Musik machen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Hol das Zeugs einfach.«

Während Christian die Geräte aufbaute, spielte ich noch ein paar Runden und dann hatte ich den Dreh raus und nahm das Ganze auf.

Christian schaute mich entgeistert an.

»Wenn ich gleich am Anfang auf das Alien hier knalle, gibt es einen coolen 8-bit Ping-Pong-Sound«, erklärte ich. »Und daraus schreiben wir jetzt einen Hit.«

Christian hörte genauer hin und wippte schon nach wenigen Sekunden mit dem Fuß. »Der ist ja echt geil, aber warum hast du das nicht mit dem Handy aufgenommen?«

Ich deutete auf mein Stupid-Phone. »Deswegen. Und weil ich eh noch ein wenig spielen musste, bis ich die coolen Sounds finde.«

Wir bauten unser Equipment ab und als wir unser Zimmer wieder betraten, führte Frau Hola-Quetal gerade den letzten Besenstrich. Sie war ein wahres Putzwunder*.

*Ich hatte sie in dieser kurzen Zeit schon so lieb gewonnen, dass ich nur noch die Toilette auf dem Hotelflur benutzte, damit sie bloß nicht auf die Idee kam, dass aus MEINEM Körper irgendetwas entweichen könnte, das ihr unnötige Arbeit machte oder gar eine Geruchsbelästigung verursachte.

Von ihrem Arbeitseifer und unserem coolen Sound angesteckt, klappte ich euphorisch den Laptop wieder auf. Ich wollte gerade den neuen Song beginnen, als Christian auf eine Datei deutete. »Was ist das für ein Stück?«

»Och, das ist nur eine Leerdatei«, antwortete ich, weil die Datei genau so benannt war: Leere.

Zwar erinnerte ich mich dunkel an irgendwelche Aufnahmen in der gestrigen Nacht, aber am Abend zuvor hatte ich ja auch von einer Session mit Señora Hola-Quetal und Michael Cretu phantasiert. Vielleicht sollten wir doch weniger trinken.

Oder zum Ausgleich mehr essen.

»Ich lösche die Leerdatei mal, oder?«, fragte ich Christian.

»Was haben wir gestern Abend eigentlich gemacht?«, fragte er zurück.

»Wie, was haben wir gemacht? Wir waren im Hard Rock Cafe, dann seid ihr in die Disco …«

»Welche Disco?«

»Na, im Pacha, ihr wart die ganze Nacht im Pacha.«

»Echt?«

Ich schob die Datei in den Papierkorb. »Und du kannst dich wirklich an nichts mehr erinnern?«

Er rieb sich die Hochstirn. »Alles, was ich noch weiß ist, dass alle nichttrivialen Nullstellen der Riemannschen Zetafunktion den Realteil ½ besitzen.«

»Was?«

»Na, die Riemannsche Vermutung*. Kennst du die nicht?«

*Im Grunde geht es darum, dass alles Leben und auch alles nicht Lebende aus einer langen Reihe von Primzahlen besteht. Riemann kam auf diese Vermutung, weil er feststellte, dass sich in einer Folge von Primzahlen die Nullstellen in ungewöhnlicher Weise aneinanderreihen.

Diese Erkenntnis hätte er allerdings auch ohne Mathematikstudium und anschließendem Wahnsinn haben können, denn das die Nullen immer in einer Reihe stehen, weiß jeder, der schon einmal ein Konzert von Pur besucht hat.

»Riemannsche Verhütung? Was ist das denn?«, fragte ich.

»Riemannsche Vermutung, eben, dass alle nichttrivialen …«

»Hast Du eine Mathematik-Domina kennengelernt, oder wie kommst du auf so was?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich glaub Frau Hola-Quetal ist heimlich Mathematik-Professorin.«

»Ich glaub eher, du hast gestern ein paar Drogen* zu viel genommen.«

Autoren

  • Thomas Kowa (Autor)

  • Christian Purwien (Autor)

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Titel: Pommes! Porno! Popstar! (Humor, humorvoller Roman, Musikkomödie)