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Schwarze Ritter küsst man nicht (Historischer Roman, Liebe, Humor)

von Susanne Keil (Autor)

2015 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die Champagne im Jahr 1104

Unversehens rutscht Hadelinde in eine Männerrolle hinein, als Knappe des berüchtigten ‚schwarzen‘ Ritters Jérôme de Montdragon. Eine verzwickte Situation. Einerseits wäre es ihr lieber, dieser Mann, der ihr Herz im Sturm erobert, würde eine Frau in ihr sehen. Andererseits kann sie nur an seiner Seite bleiben, solange er sie für einen netten, ahnungslosen Jungen hält, den er dringend vor der Hinterlist der Frauen schützen muss. Hadelinde weiß, dass Jérômes schlechte Meinung über die Frauen und sein Vorsatz, sich nie wieder zu verlieben, nicht von ungefähr kommen: Geneviève de Beaufort, seine ehemalige Verlobte, hat mit einer Intrige seinen Ruf zerstört und trachtet ihm auch weiterhin nach dem Leben. Was Hadelinde jedoch nicht weiß, ist, wie sie Jérôme die Wahrheit über sich beibringen soll, als sie verwundet wird …

Impressum

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Neuausgabe Juli 2017

Copyright © Originalausgabe 2015, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-206-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-539-0

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung von Motiven von
© Evgeniya Litovchenko/123RF und © vadimmmus/123RF

Korrektorat: Lennart Janson

Schwarze Ritter küsst man nicht ist der erste Teil der überarbeiteten Ausgabe des 2015 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienen Titels Wie der Teufel und das Weihwasser (ISBN: 978-3-94529-819-0).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Eine gottlose Gegend

Das Tor quietschte erbärmlich. Ein Wunder war das nicht, so schief wie es in den rostigen, verbogenen Angeln hing. Der Schauer, der mir über den Rücken lief, verflog. Härter traf mich der Gedanke, dass man diesen Lärm gehört hatte – und der kam mir, wie alle klugen Gedanken, zu spät in den Sinn. Da ging sie hin, meine letzte Möglichkeit, wieder in den Sattel zu steigen und unentdeckt in den Wald zurückzureiten. Im Ausgleich dafür konnte ich jetzt einen Brunnen, ein paar Hühner, eine grasende Ziege und einen schlafenden Hund betrachten. Gewiss, der Burghof erweckte einen friedlichen Eindruck, aber was bedeutete das schon? Im Grunde rein gar nichts.

Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen? Alles einiger Kupfermünzen wegen, die längst in meinem Geldbeutel vor sich hin klingelten. Zuerst hatten die Hufe meines Ponys dazu einen fröhlichen Takt auf die alte Straße geklopft. Bis die Burg, zu der mein Botengang führen sollte, in Sichtweite gekommen war.

Ja, ja, hatten die Leute aus dem Dorf gesagt, das da oben sei Montdragon. Doch, doch, dort lebe noch jemand. Nein, nein, verlassen sei die Burg nicht, auch wenn sie hundertmal so zerfallen aussähe, jedenfalls nicht ganz verlassen. Und dann hatte sich jeder, dem ich begegnet war, bekreuzigt.

Seufzend schob ich Puks vorgereckte Nüstern zur Seite und trat durch die schmale Öffnung, die entstanden war, bevor ich das Tor verschreckt losgelassen hatte. Das Pony konnte es kaum abwarten, sich zu anderen Pferden zu gesellen. Es verstand ja nicht, warum ich in letzter Zeit um Menschen, und auch um ihre Tiere, einen Bogen schlug, wann immer es möglich war. So gesehen konnte ich Puks Drängen nachgeben. Die Stallungen wären ein guter Ort, um mich erst einmal weiter umzuhorchen, ich müsste nicht an dem Hund vorbei und vor allem: Im Stall würde ich bestimmt nicht dem Burgherrn in die Arme laufen, der doch ein ganz missratener, ein schwarzer Ritter sein sollte.

Ich folgte dem Pfad, den Schuhsohlen und Pferdehufe in die Wiese rings um den Turm getreten hatten. Sofern man noch von einem Turm sprechen konnte. Die Spuren des Brandes, der sich in sein Gebälk gefressen hatte, waren offenkundig. Ob damals aber, wie ich befürchtete, der Teufel seine Hand im Spiel hatte, darüber schwiegen die groben Steinblöcke. Von den oberen Stockwerken stand nicht mehr viel, nur eine einzige Wand, aus der zwei eingestürzte Fensteröffnungen über das Land äugten und jeden Besucher bereits aus großer Entfernung abschreckten. Man sollte erwarten, es beruhige, dies von Nahem zu sehen, Steine anzufassen, die sich wie Steine anfühlen und nicht wie verkohlte Knochen, aber weit gefehlt: Meine Füße wurden kalt und kälter. Für mich war und blieb es ein riesiger Totenschädel, um den ich herumlief.

Vor dem Stall tupfte ein großer Mann klebrige Salbe auf die Schrammen eines Pferdes, meinen Lebensmut heilte er, ohne es zu wissen, gleich mit. Er warf einen Blick über seine Schulter, unter einem dunklen Haarschopf trafen mich zwei klare, blaue Augen, dann wandte er sich wieder Hals und Flanke des Tieres zu.

Ich durfte ihn nicht ansehen, nein, ich durfte nicht hinsehen. Zu viel Zeit meines Lebens hatte ich hinter Klostermauern verbracht, und angesichts der breiten Schultern und der langen Beine eines Fremden zu erröten, sollte ich vermeiden, solange ich Wams und Hosen trug. Zu viel Zeit – oder zu wenig, sonst erläge ich Versuchungen wie der, ihn von hinten in ungehöriger Weise anzustarren, ja nicht immer wieder. Puk, der ebenfalls etwas erspäht hatte, was ihn verzückte, nämlich einen Heuhaufen, riss mich beinahe von den Füßen.

„Gott grüße dich!“, sagte ich.

Einen zweiten Blick war ich dem Fremden gar nicht wert. Er vertiefte sich in seinen Tiegel, von dessen Rand er mit dem Zeigefinger Salbe hervorholte.

Gott“, stellte er klar, „verirrt sich selten in diese abgelegene Gegend. Außerdem hätte er keinen Grund, gerade mich freundlich anzusprechen.“

Es war töricht gewesen, mir von diesem Menschen Beistand zu erhoffen, oder auch nur einen guten Rat, wie man seinem Herrn am besten gegenübertrat, ohne dessen Zorn auf sich zu ziehen. Ich bemühte mich, seine schönen Augen zu vergessen und besann mich auf das, was mich herführte.

„Ich suche Seigneur de Montdragon.“

„Ach nein?“ Seine Braue kräuselte sich misstrauisch.

„Ja, ich habe eine Botschaft für ihn.“

„Und die lautet ...?“

Nun müsste ich nur noch das kleine, wohl verpackte Bündel hervorholen, es ihm aushändigen und alles wäre heil überstanden. Leider gab es einen winzigen Pferdefuß: „Sie ist nur für ihn allein bestimmt.“

Der mürrische Stallknecht wurde noch mürrischer. „Reiß deine Augen auf und richte mir aus, was Comte Thibaud dir aufgetragen hat. Oder“, und mir diese zweite Möglichkeit anzudrohen, zauberte Glanz in sein sonst so freudloses Leben, „du kommst morgen wieder. Auf der anderen Seite des Tals liegt das Kloster St. Lazare. Die Mönche sollen dich über Nacht aufnehmen. Denn ‚Seigneur de Montdragon‘ leibhaftig – der wird erst bei Einbruch der Dunkelheit zurückerwartet.“

„Ich könnte ihn unterwegs abfangen“, überlegte ich laut. Das wäre das Schlechteste nicht. Ich würde dem Ritter unten im Dorf begegnen, ihm das Bündel aushändigen und hurtig zum Kloster reiten. Bei den strohgedeckten Hütten liefen doch so viele andere Leute herum, denen er etwas antun konnte. „Freilich wäre es einfacher, wenn du ihm die Botschaft weitergibst, aber die Dame hat gesagt ...“

„Dame?“ Der Stallknecht stutzte. „Dich schickt eine Dame?  Was für eine Dame?“

„Eine – eine schöne Dame.“

Jetzt hatte ich seine Aufmerksamkeit erregt. Recht war mir das nicht, zumal etwas an mir ihm aufs Äußerste missfiel. Ich verscheuchte eine nicht vorhandene Fliege und fasste mir wie zufällig in den Nacken. Ja, meine Coiffe war verrutscht. Sie hing am Hinterkopf, wo sie gerade noch die Stelle verbarg, an der mein Zopf unter dem Hemdkragen abtauchte. Dabei hätte ich unter der Leinenhaube sehr gut meine Ohren und meine Stirn mitsamt dem Haaransatz verstecken können, wäre ich einmal, ein einziges Mal nur, achtsam mit meiner Kleidung gewesen.

„Natürlich“, schnaubte er mir ins Gesicht. „Das kann bloß einer schönen Dame einfallen: einen armen, ahnungslosen Jungen mutterseelenallein loszuschicken – mit einem Pferd, das noch kleiner ist, als er selbst!“ Er donnerte den Salbentopf auf die morsche Holzkiste an der Stallwand, die aufächzte, aber, wider Erwarten, nicht in sich zusammenfiel. „Ich versteh dich gut“, behauptete er. „Du bist ein anständiger Junge und alles, was du willst, ist, es ihr recht zu machen. Aber lass mich dir einen guten Rat geben: Sei vorsichtig mit den Frauen, besonders mit den schönen. Weiber sind gefährlich. Sie lügen, wenn sie nur den Mund aufmachen. Sie stehlen unsere Herzen und dann treiben sie glühende Nägel hinein!“

Er hatte es nicht gemerkt. Niemand zuvor hatte mich so offen angesehen, ohne es zu merken, gleichzeitig floss dieser Mann nur so über vor Hass auf die Frauen. Ich fühlte mich, gelinde gesagt, unwohl.

„Kennst du sie gut, diese“, er verdrehte die Augen, „schöne Dame?“

„Nein. Ich bin ihr heute zum ersten Mal begegnet.“

„Habe ich es nicht gesagt? Du begegnest ihr zum ersten Mal und schon bringt sie dich in Teufels Küche. – Weiber!“ 

In Teufels Küche. Mir rutschte das Herz in die Hose. „Meinst du, wegen des Seigneurs?“, erkundigte ich mich behutsam, um dann, ganz und gar unbedacht, weiter zu fragen: „Ist er denn wirklich ein so böser Ritter?“

Zwischen den Augen grub sich eine pfeilspitze Kerbe in seine Stirn. „Es ist so, mein Junge: Ich bin ...“ Bei der Liebe Gottes, was hatte er mir Furchtbares zu sagen? Er brachte es ja gar nicht über die Lippen. „Ich bin manchmal ein wenig unhöf... – ungehobelt. Ja, ich bin manchmal ein wenig ungehobelt.“ Auf der Suche nach einer Ausflucht entdeckte er mein Pony, das sich anstrengte, möglichst viel von dem Heu zu vertilgen, bevor es diesen gastlichen Ort wieder verlassen musste. „Dein Pferdchen ist hungrig“, stellte er fest.

„Puk ist immer hungrig“, entgegnete ich, ich wollte schließlich weder lügen noch jammern. Ponys können sich von Gras ernähren, ich nicht, entsprechend leer war mein Magen.

„Hengst oder Stute?“ Der Stallknecht hob kurz Puks flachshellen Schweif in die Höhe. „Noch besser“, fand er, was er dort sah, denn ein scharfes Messer hatte Puks Dasein als Hengst schon in jungen Jahren ein Ende gesetzt. „Dann gibt es keine Streitereien im Stall. Bring ihn hinein!“

„Aber ... sollte ich nicht in diesem Kloster übernachten?“

„Du wirst hier übernachten.“ Er löste den Knoten, mit dem das verletzte Pferd angebunden war, strich ihm sanft über die Nüstern und führte es in den Stall. Ich folgte ihm. Da möchte man Pferd sein, dachte ich, wo er doch von Frauen nichts hält.

Das Stallgebäude diente im hinteren Teil als Lager für Heu und Stroh, nur vorne standen zwei rabenschwarze Hengste und ein Eselchen. Wir räumten das Stroh zur Seite, um Platz für mein Pony zu schaffen. Ich kam nicht dazu, den Stallknecht zu fragen, wo das vierte Ross untergebracht würde, jenes, mit dem der Ritter fortgeritten sein musste. Es entsetzte mich zu sehr, wie großzügig er meinem Pony mit dem guten schwarzen Hafer fütterte, der der üblicherweise den wertvollen Schlachtrössern vorbehalten war. Im Geiste sah ich schon die Peitsche des Burgherrn unbarmherzig auf seinen Rücken niedersausen. Ach, ich würde seine Wunden pflegen, seine Schmerzen lindern und er würde mich ansehen mit seinen wundervollen Augen, sich vielleicht sogar in mich verlieben, war ich doch die Einzige, die ihm beistand in dieser schweren Zeit ... Hadelinde, nimm dich zusammen!

Wo er es so gut mit mir und meinem kleinen Puk meinte, war mich vorzustellen das Mindeste, was ich tun konnte. Natürlich nicht mit meinem richtigen Namen, sondern mit dem eines Cousins von mir.

„Ich heiße Christophe“, sagte ich und fügte hinzu: „Freunde nennen mich Kitt.“ So betonte mein Cousin das immer. Freilich durfte ich ihn nie Kitt nennen, ich war ja nur eine Cousine, ein Mädchen eben.

„Jérôme De...“, erwiderte der Mann mit dem Hafereimer oder auch: „Jérôme Dag...“ Er wiederholte eilends den Namen Jérôme, diesmal ohne jeden Zusatz, stellte den Eimer in die Ecke und führte mich aus dem Stall. „Also – mein Freund – wie war sie denn, deine Begegnung mit dieser Dame?“

Das hatte ich nun von meinem großmäuligen: ‚Freunde nennen mich Kitt‘: Seine Hand lag auf meiner Schulter!

„Es war heute Morgen in der Nähe dieser anderen Burg. Beaufort, oder so.“

„Beaufort, ja“, bestätigte Jérôme knapp.

„Ich habe ein paar Äpfel gepflückt, als ein greiser Ritter mich zur Rede stellte. Aber nicht der Äpfel wegen.“

Vor einer niedrigen Holzbank, die sich mit letzter Kraft gegen die Burgmauer lehnte, blieb Jérôme stehen und fügte seinen langen Beinen einen unnatürlich anmutenden Knick zu. „Setz dich doch.“

In angemessenem Abstand neben ihm und ohne seine unangenehm angenehme Berührung erzählte es sich leichter: „Woher ich käme und wo ich hinwolle, fragte mich der Alte. In diesem Moment entschied sich alles, vermute ich, denn ich hatte mich ein bisschen verirrt – naja, eher völlig verirrt. Mir blieb nichts übrig, als ihm die Richtung zu zeigen, aus der ich kam und eine anzugeben, in die ich wollte. Da mir eine Straße so gut vorkam wie die andere, wies ich auf irgendeine, und das war eben die Straße nach Montdragon. Ich wusste es nur noch nicht ...“

„Und? Was hat er gesagt?“ Jérômes gelangweilter Ton ließ jegliche Beschreibung für den versteinerten Ausdruck, den das Gesicht des alten Mannes angenommen hatte, bereits hinten in meiner Kehle zusammenfallen.

„Der Ritter behandelte mich wie einen Aussätzigen. Er wendete sein Pferd und sah mich nicht mehr an“, sagte ich stattdessen, obwohl Jérôme das noch weniger hören wollte als die Worte des alten Mannes. „Er sagte noch: ‚Dann sei gewarnt! Du betrittst Grund und Boden eines Ritters, der es nicht verdient, mit Namen genannt zu werden, denn er bringt nichts als Schande über unseren Stand. Er ist wahnsinnig, missraten, gottlos. Seine Seele ist ebenso schwarz, wie der Umhang, den er trägt.‘ Damit ritt der alte Mann fort.“

Jérômes Schweigen ging unvermittelt in eine Frage über: „Wie geht es ihm?“

„Wem? Seigneur de Beaufort?“ Jérômes Haltung nach zu urteilen, galten die Grübelfalten auf der Stirn mehr dem bedauernswerten, halb verfallenen Turm.

„Ja. Wie saß er im Sattel? Wohlauf?“, bot er mir an. „Oder gebrechlich?“

„Er hielt sich sehr aufrecht und mir schien, es ging ihm gut.“ Ein vertrocknetes Skelett, zusammengehalten von Stolz und Starrsinn, nein, das wollte ich nicht sagen. Zumal Jérôme das Wohlergehen des alten Griesgrams in so überraschender Weise am Herzen lag. „Du kennst ihn?“

Schon war es mit seiner Beredsamkeit vorbei. „Ja. Ich habe auf Beaufort gelebt, bis ...“ An dieser Stelle brach er ganz ab.

Ich schaffte es nicht, meine Zunge im Zaum zu halten, ungeachtet der Ohrfeigen, die mir ihre Leichtfertigkeit schon eingebracht hatte, packte sie solche Gelegenheiten nach wie vor gern beim Schopf. „Wie kann das sein? Beaufort und Montdragon, die sind doch verfeindet bis aufs Blut!“

„Seit einigen Jahren, ja. Aber wenn einer keine Schuld daran trägt, dann ist es Guillaume ...“ Das ging ihm näher als ihm lieb war, so vervollständigte er den Namen des alten Mannes erst nach einer geraumen Weile: „... de Beaufort.“

Jérômes Aufrichtigkeit in Ehren – so genau wollte ich es gar nicht wissen. Er hätte mir gern vorgaukeln dürfen, Beaufort, nicht Montdragon, wäre der streitbare Nachbar.

„Deine Geschichte ist doch noch nicht zu Ende“, drängte er. „Die Dame fehlt noch.“

„Ja, die Dame!“, hob ich wieder an. „Während der alte Ritter mit mir sprach, hatte sie ihren Falken aufsteigen lassen und war ihm nachgeritten. Nun trabte sie auf mich zu.

Du reitest nach Montdragon?‘, fragte sie und hielt ihren Grauschimmel an. Sie hatte eine wundervolle Stimme!“

„Pah!“, machte mein Zuhörer.

Ja, bei allem Gram darüber, dass der Himmel mich nicht mit so viel Schönheit gesegnet hatte, in meiner Lage wäre eine glockenklare Stimme wie ihre ausgesprochen hinderlich. „Zuerst wich ich einer Antwort aus: ‚Na ja, ich denke, ich reite lieber woanders hin ...

Ach‘, wiegelte sie ab, ‚du darfst dir von meinem alten Vater keine Angst einjagen lassen! Einst galt er als bester Ritter der Grafschaft – heute genießt Seigneur de Montdragon diesen Ruf. Deshalb lässt er kein gutes Haar an ihm. Das ist alles.‘“

„Du hast das doch nicht etwa geglaubt?“, unterbrach mich Jérôme.

„Es hörte sich so einleuchtend an ...“

Er führte seine Hand an die Stirn und sah mich durch die Finger hindurch an, zum Zeichen, dass mir seiner Meinung nach überhaupt nicht mehr zu helfen war.

„Sie fragte mich, ob mich denn einige Münzen umstimmen könnten.“ Vielleicht hatte er ja dafür Verständnis. „Sie habe da etwas, das ich Seigneur de Montdragon überbringen soll. Das hörte sich verlockend an. Ich willigte ein, und so bekam ich zusammen mit den Münzen ein kleines Bündel.“

„Ein Bündel also“, fasste Jérôme zusammen. „Das ist deine Botschaft für ... Montdragon?“

„Ja“, antwortete ich noch unverzagt. Seine Miene verfinsterte sich ja erst nach und nach.

„Du weißt aber nicht, was sich darin befindet?“

„Nein. Es ist in ein hellblaues Tüchlein geknotet. Man kann nichts erkennen, und ich darf es doch nur ...“

„... nur Montdragon selbst aushändigen, ja, ja, ich weiß!“ Jérôme ahmte äußerst überzeugend eine schlecht gestimmte Leier nach. „Hör zu, mein Junge, ich möchte nicht, dass dir etwas geschieht – darum: Sei vorsichtig mit diesem Bündel! Es könnte etwas Gefährliches enthalten. Eine giftige Schlange zum Beispiel oder einen Feuersalamander.“

„Aber ich hätte doch gespürt, wenn sich darin etwas bewegte!“

„Ein toter Feuersalamander bewegt sich auch nicht mehr“, sagte er hart. „Willst du am eigenen Leibe erfahren, ob seine gelben Streifen so giftig sind, wie man sagt?“

„Nein. Natürlich nicht.“ Und ich hatte geglaubt, mehr Angst kann man nicht haben! „Dass es nicht sein kann, wie es die schöne Dame darstellte, wurde mir später im Dorf klar“, räumte ich ein. „Genau wie der alte Ritter haben mich auch die Bauern vor Seigneur de Montdragon gewarnt. Wenn sie gar nichts sagten, mich nur mitleidig ansahen, weil ich zur Burg hinaufreiten muss, flößte mir das noch größere Furcht ein als Beauforts gewaltige Worte. Aber da hatte ich Bündel und Geld schon angenommen. Ich konnte doch nicht umkehren und beides einfach behalten.“ Warum, dachte ich – warum, bei allen Heiligen, habe ich das nicht getan?

„Du hast mir die falsche Frage gestellt“, sagte Jérôme mitten in meine Verzweiflung hinein. „Vorhin“, setzte er erläuternd hinzu, „wolltest du wissen, ob Montdragon ein böser Ritter ist.“

Ich nickte.

„Diese Frage kann ich dir nicht beantworten. Aber die Antwort auf die Frage, die dich eigentlich quält, lautet: Nein. Nein, er wird dir nichts antun, sei seine Seele nun schwarz, oder weiß, oder grau. Denn du bist nur der Bote.“

Gern, zu gern hätte ich ihm geglaubt. Allerdings übersah er etwas Wesentliches, und wenn der Burgherr mit einer Botin anders verfuhr als mit einem Boten, könnte er sich nicht gegen ihn stellen, um mir zu helfen. Ich fragte mich, was meiner Tante am Ende schwerer zu erklären sein würde: Dass ich einem missratenen Ritter, der zweifelsohne nichts lieber tat, als Jungfrauen zu schänden, trotz all ihrer Ermahnungen geradewegs in die Arme rannte? – Oder, dass er mir die Unschuld gar nicht mehr hätte rauben können. Diese kleine Sünde hatte mir der Himmel inzwischen vergeben, nur wusste ich eines aus Erfahrung: Der Himmel verzieh, Tante Adelgunde nicht.

„Dieser Ritter mit seiner schwarzen Seele ist nicht deine einzige Sorge, hm?“, sagte Jérôme auf mein leises Seufzen hin.

„Nein, er ist beileibe nicht meine einzige Sorge.“ Sein Mitgefühl tat wohl. Einen Moment lang verspürte ich den Wunsch, ihm alles zu beichten und mich an seiner Brust auszuheulen. Aber ich schwieg. Was hatte er über die Frauen gesagt? ‚Sie lügen, wenn sie nur den Mund aufmachen‘. Ich log sogar, ohne den Mund aufzumachen, ich gab vor, jemand zu sein, der ich nicht war.

„Wovor läufst du davon?“, fragte er weiter. „Du reitest doch nicht aus freiem Willen allein auf einem ausgehungerten Pony durch die Wälder der Argonnen.“

„Schwierigkeiten ...“, deutete ich an.

„Schwierigkeiten ziehst du an, wie der Honig die Fliegen, scheint mir.“ Jérôme war alles andere als überrascht. „Deine Reise – wohin soll sie führen? Du sagst, du hast dich verirrt. Mithin muss sie einen Anfang und ein Ende haben.“

„Ich komme aus Trier und bin auf dem Weg nach Brügge. Zu meiner Tante.“ Musste ihm das nicht seltsam vorkommen, ein Junge, der sich von seiner Tante aufnehmen ließ? Hätte ich besser von einem Onkel sprechen sollen?

Jérôme stieß sich nicht daran. „Nach Brügge, nun gut“, brummte er nur und stand auf. „Komm, lass uns essen gehen! Agnès wartet sicher schon.“

Aufgesprungen war ich schnell, den Sack zu schultern, der meine gesamte Habe enthielt, kostete Überwindung. Er drückte schwer auf meinen Rücken, befand sich doch darin das geheimnisvolle Bündel. „Hat sie nichts dagegen, wenn du mich einlädst?“

„Nein, Agnès wird sich freuen. Ihr ist es hier viel zu einsam.“ So wie er von ihr sprach, war sie eine löbliche Ausnahme unter den ach so bösen Weibern. Am Ende womöglich ein besonders glückliches Weib, nämlich seines?

„Wer ist sie?“, fragte ich möglichst unbeteiligt.

„Sie war meine A...“ Jérôme hustete. „Agnès hat mich aufgezogen.“

Heiliger Nikolaus – der du dich armer, mitgiftloser Mädchen annimmst, um sie doch noch zu verheiraten – ich danke dir! „Du warst ein Findelkind? Wie Moses in seinem Weidenkörbchen?“

„Nicht in einem Weidenkörbchen. Und schon gar nicht wie Moses.“ Er hockte sich nieder, um den müden Hund zu kraulen, der in steifen Galoppsprüngen auf ihn zu hoppelte. „Keine Angst, der beißt nicht. Womit auch – sein Gebiss ist nicht mehr das Beste.“ Jérôme hob eines der braunen Schlappohren an und brüllte hinein: „Obendrein ist er völlig taub!“ Der Hund zuckte nicht einmal, sondern schleckte ihm das Gesicht ab, begeistert ob so viel Zuwendung.

 Die Tür des verfallenen Turmes stand halb offen. Jérôme und sein Hund – oder wessen Hund das auch war – ahnten nichts von meinen Befürchtungen, dieses steinerne Ungetüm nie wieder verlassen zu können. Sie strebten voller Vorfreude aufs Essen dem Küchenanbau zu. Mir blieb kaum Zeit, mich im Turm umzusehen. In der dunklen Halle, deren hohe, kahle Wände feindselig auf mich herabstarrten, wollte ich um nichts in der Welt allein zurückbleiben. Die Küche hingegen empfing mich mit warmen, anheimelnden Dunstschwaden. Die kleine Frau, der ich das verdankte, entdeckte ich inmitten all der Töpfe und Tiegel erst nach einigem Umhersehen. Agnès war ein steinaltes Mütterchen in einem dunklen Kleid aus gutem Wollstoff, der viel zu edel wirkte, angesichts der zerfallenen Mauern ringsum. Aus dem Knoten unter ihrem Kopftuch waren einzelne graue Strähnen hervorgekrabbelt und umschmeichelten ihr Gesicht. Allein schon durch dieses Haar, das sich beim besten Willen nicht bändigen ließ, fühlte ich mich ihr sofort verbunden.

„Ja, gibt’s das, 'n Gast?“, rief sie, ihre Augen wanderten, nach einer Erklärung heischend, zu Jérôme.

Der räusperte sich. „Das‘s Kitt und er ... Der Junge hat 'nen weit’n Weg hinter sich. Isser nur halb so hungrig wie sein Pony – dann bleibt uns zwei heut Abend nicht viel!“ Merkwürdig. Vorhin im Hof hatte ich ihn besser verstanden, genauso gut wie meine Verwandten in Brügge. Sprach er mit Agnès, fiel er in denselben Singsang wie die Leute im Dorf und verschluckte ganze Silben. Silben, die ihnen in ihrer Muttersprache unwichtig vorkamen, auf die mein Ohr aber angewiesen war.

Die alte Frau betrachtete mich von oben bis unten und wog die Schüssel in ihrem Arm, um herauszufinden, ob ihr Inhalt ausreichen würde.

„Dünn biste“, fand sie. „Setz dich und iss was!“

Ich nahm auf der kleinen Bank Platz, wurde aber von Jérôme wieder hochgescheucht, der mir wortlos bedeutete, ich solle ein Stück rücken, er wolle sich da auch noch hinsetzen. Ehe ich mich versah, hockten wir wie die Hühner auf der Stange, sein Knie berührte meines. Mir blieb nur, es so zu belassen oder von der Bank zu plumpsen. Zum Glück beachtete er mich nicht weiter. Er beschäftigte sich nur mit dem Hund, dem er unter dem Tisch Speckstückchen aus seinem Fenchelauflauf fütterte. Gegenüber senkte Agnès missbilligend die Brauen, sagte aber nichts.

Sie wartete, bis mein ärgster Hunger gestillt war, dann fragte sie: „Wie hat’s dich hier in die Gegend verschlag’n?“

„Ich habe etwas abzugeben.“ Eilig schluckte ich den Bissen herunter. „Für Seigneur de Montdragon.“

„Für wen?“

„Für den schwarzen Ritter“, sagte ich, aber das verwirrte sie nur noch mehr.

„Für den schwarzen Ritter.“ Jérôme deutete einen Helm an, indem er die Hände über dem Kopf zusammenführte und die kleinen Finger zur Nasenwurzel streckte. „Jetzt lass den arm’n Jung’n erst mal ess’n. Siehst doch, dass er halb verhungert ist.“

Agnès nickte langsam, aber verständnislos. „Und wieso sagt er: schwarzer Ritter?“, fragte sie Jérôme.

„Weil jemand Kitt erzählt hat, Montdragon wär, wie‘n Ritter nicht sein soll: böse und missraten. Schwarze Seele – schwarzer Umhang – schwarzer Ritter.“ Jérôme gefiel das Wortspiel und die letzte Bezeichnung noch mehr. Agnès gefiel keines von beidem.

„Darfst nicht alles glauben, was die Leut‘ erzähl’n“, sagte sie zu mir.

„Letzten Endes kann ja nur der eine oder der andere Teil wahr sein, von dem was man mir erzählt hat.“ In Gesellschaft zweier lieber Menschen und mit vollem Magen gelang es mir, die Angelegenheit endlich einmal unbefangen zu betrachten. „Entweder hat er seine Seele dem Teufel verpfändet und kann seither im Dunkeln sehen und zaubern. Oh ja, und nicht zu vergessen: Er verdankt den finsteren Mächten auch noch einen Goldschatz. – Oder er ist ein Heiliger, der ein entsagungsreiches Leben führt. Das nämlich versicherte mir eine alte Frau, die ich im Wald traf.“

Ich hatte zu viel geplappert, eindeutig. Agnès schwieg verdrossen, Jérôme knurrte immerhin noch: „Ha – ein Heiliger!“ in seinen Fenchelauflauf. Und machte meine Hoffnung, der Burg doch mit heiler Haut zu entrinnen mit einem einzigen Schlag zunichte. Warum sollte auch diese eine alte Frau recht haben und alle anderen unrecht?

„Er‘s bestimmt kein Heiliger“, versuchte Agnès mein Zutrauen zu retten. „Trotzdem träumt er davon, 'nen bösen Drachen zu besiegen, wie der heilige Georg‘s getan hat.“

„Gibt doch seit Hunderten von Jahren keine Drachen mehr“, musste Jérômes Fenchelauflauf sich anhören.

Agnès ließ sich nicht beirren. „Ja, von Ruhm und Ehre zu leben anstatt von Brot, das tät ihm gefall’n. – Nebenbei würd‘s sein Leben einfacher gestalten. So müsst er nimmer dran denken, zuweilen was zu essen.“

„Ruhm und Ehre ...“, maulte Jérôme ohne jede Begeisterung. „Keinen Pfifferling mehr gibt er auf Ruhm und Ehre.“

„So sagt er“, schmunzelte die alte Frau. „Aber tief im Innern, da hält er fest an den Tugenden, die er in jung’n Jahr’n aufgesog’n hat. Er würd’ zum Beispiel nie 'nem unschul...“

„Agnès, ich hab dem Jung’n schon gesagt, dass ihm keine Gefahr droht!“ Jérômes Gleichmut hatte ein jähes Ende gefunden. „Und bleib mir vom Leib mit Worten wie ‚Tugend‘. Du weißt nicht, wovon du redest.“

Ich senkte meine Nase in mein Abendessen. War der schwarze Ritter ganz anders, als ich dachte – etwa ein harmloser, leicht verwirrter Mummelgreis, der ständig von früher erzählte? Oder wollten die beiden mich in Sicherheit wiegen, damit ich gar nicht erst versuchte, der Falle, in der ich saß, doch noch zu entrinnen? Dann hatten sie das aber nicht besonders gut miteinander abgesprochen.

„Wie geht’s ‘m Tapsel?“, nahm Agnès das Gespräch wieder auf. „Hilft die Honigsalbe, die ich dir gegeb’n hab?“

„Ja, die Salbe ist gut. Aber der Hengst heißt nicht Tapsel, sondern Achilles“, stellte Jérôme richtig. „Noch ist er‘n Tapsel, ungeschickt wie‘n junger Hund, dessen Pfoten zuerst gewachsen sind. Eines Tages jedoch wird er‘n gutes Pferd sein. Eins, das sein Bestes gibt.“

„Ja – wenn er ausnahmsweise mal nicht lahmt und auch keine Verletzung hat, wegen der er geschont werd'n muss“, wendete Agnès ein. „Du findest jed’s Mal 'ne Begründung wie: Er wär in‘n Loch getreten oder über ‘ne Wurzel gestolpert. Ich seh’s eher so: Das Pferd wird vom Missgeschick verfolgt und kann nicht schnell genug rennen, um ihm zu entkommen.“

Jérômes Ärger war wie weggeblasen. „Wie soll das arme Tier denn etwas lernen, ohne Fehler zu machen?“, lachte er. „‚Mit jungen Männern und mit jungen Pferden muss man Geduld haben‘, pflegte Guillau... hat ein kluger Mann einmal gesagt. Man kann alles lernen, solange man den Mut aufbringt, es immer wieder zu versuchen. Und den bringt er auf. In diesem Pferd schlägt ein ganz tapferes Herz. Daran glaube ich.“

Agnès sah mich vielsagend an. „Jérôme glaubt nur noch an Pferde.“

„Was ist so schlecht dran? Die lassen einen nicht im Stich. Nicht solang‘ man sie gut behandelt. Sie sind nicht wie ... ach, einerlei.“ Er winkte ab und schenkte sich lieber Wein nach, als sich weiter über die Verderbtheit der Menschen aufzuregen. Insbesondere, so vermutete ich, hatte er die Frauen im Sinn.

Agnès stand auf, zündete an der verbliebenen Glut des Herdfeuers einen Kienspan an und stecke ihn in die Fackelhalterung. „Komm Kitt, ich zeig dir, wo du schlaf’n kannst.“

Ich blieb dicht hinter Agnès’ krummen Rücken. Zu meinem Leidwesen malte das Fackellicht den Schatten des alten Mütterchens verzerrt und mit einer Hakennase an die Wand, was mein Vertrauen in sie doch ein bisschen schmälerte. Über eine knarrende Holztreppe gelangten wir zu einem Flur, der nichts Beunruhigendes an sich hatte, außer dass am seinem Ende auch  der bewohnbare Teil des Turmes zu Ende war. Dort, wo man einst über eine steinerne Wendeltreppe die Gemächer des Burgherrn erreichte, gab es nur noch kreuz und quer übereinander genagelte Bretter. Bretter, die den gegen sie drückenden Mauerresten und all dem Sand kaum Herr wurden. Lieber Gott, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel, lass diesen Bretterverschlag halten, wenigstens heute Nacht noch!

Agnès öffnete die zweite der beiden Türen auf der rechten Seite des Flures Das Kämmerchen dahinter machte einen guten Eindruck. Ein Bett und eine Truhe standen darin. Es sah auch nicht aus, als wollten sich in nächster Zeit Holzbalken oder Mauersteine aus ihrem Verband lösen und mich im Schlaf erschlagen. Die alte Frau drückte mir die Fackel in die Hand und holte Luft, um den Staub von der Truhe zu pusten.

„Wir krieg’n hier nicht oft Besuch“, entschuldigte sie sich. Trotzdem lagen in der Truhe eine Decke und ein sauberes Laken, das sie über der alten, strohgefüllten Matratze ausbreitete.

„Es ist wegen des Bündels, das ich Montdragon bringen soll“, erklärte ich ihr. „Jérôme wollte mir die Möglichkeit geben, hier auf ihn zu warten. Er meint, bis der Ritter heimkehrt, ist es dunkel.“

„Demnach kannste dich ja ausruhen bis …“, Agnès gab einen ächzenden Laut von sich, während sie sich quer über das Bett zum Zipfel des Lakens streckte, „ähm … Montdragon von seinem Ausritt zurückkommt. Jérôme hat recht, du musst 'ne anstrengende Reise hinter dir haben. Bist nicht nur hungrig wie‘n Wolf, siehst auch aus wie jemand, der seit Tag’n, nein, seit Woch’n kein Auge zugetan hat.“

„Ich sollte mich besser nicht hinlegen. Ich könnte einschlafen und ihn verpassen.“

Agnès verstand meine Sorge nicht. Sie richtete sich auf und warf mit fröhlichem Schwung die Decke über mein Bett. „Dann gibste ‘s ihm eben morgen Nacht.“

‚Seigneur de Montdragon leibhaftig – der wird erst bei Einbruch der Dunkelheit zurückerwartet‘, hatte Jérôme gesagt und neben dem unheimlichen Wort: ‚leibhaftig‘, hatte mich auch das gezwungene ‚zurückerwartet‘ aufmerken lassen.

„Morgen Nacht?“, vergewisserte ich mich.

„Oder morgen früh, wenn dir das lieber ist.“ Statt nach getaner Arbeit auf mich zuzukommen, strich sie eine unsichtbare Falte aus der abgeschabten Felldecke. „Ja, morgen wollt er, soweit ich weiß, nach St. Lazare reiten. Bei der Gelegenheit kannste ihn treff’n – vorher, oder nachher, je nachdem.“

Derselbe Mann, den der alte Ritter gottlos und manch ein Bauer in einem Atemzug mit dem Teufel genannt hatte, sollte also zum Kloster St. Lazare reiten und zwar morgen. Warum? Weil ich heute Verdacht schöpfte, dass er nicht erst am Abend heimkehrte, sondern erst am Abend Gestalt annahm? Der mit Brettern vernagelte Treppenaufgang hatte sich mir tief ins Gedächtnis gegraben. Nur ein Geist vermochte auf diesem Weg zu Gemächern emporzusteigen, die es nicht mehr gab. Ja, so musste es sein: Der Burgherr war längst tot. Oder ich war einfach nur todmüde.

„Sag“, hakte ich nach, „wo schlaft ihr alle: du und Jérôme und Montdragon?“

„Ich hab ‘ne schöne warme Stube hinter der Küche.“ Sie nahm mir die Fackel aus der Hand und zündete die kleine Talgkerze an, die auf dem Sims vor dem winzigen Fensterloch stand. „Ja, und Jérôme, der‘s nebenan in dem Zimmer.“

Es tat gut, ihn in meiner Nähe zu wissen. Alles, was ich mir noch wünschte, war eine klare Antwort auf die dritte Frage: „Montdragon – wo schläft er?“

Agnès wich meinem Blick nicht länger aus. Obwohl ihr Gesicht im Fackelschein leuchtete wie das einer Eule, verhieß es kein allzu großes Unheil. Sie atmete tief ein, um etwas zu sagen – und wieder aus, ohne es gesagt zu haben. „Solltest dir nicht so viele Gedanken mach’n“, riet sie mir. Schon war sie an der Tür, riss sie auf und entschwand.

Rührend, wie sie und Jérôme mir Mut zusprechen wollten. Ich setzte mich aufs Bett in die Nähe des Fensters, wo die Kerze mir mit ihrem Licht ein wenig Trost spendete. In einer Spinnwebe an der Zimmerdecke zappelte eine Fliege. Das Abendessen bekam mir gar nicht. Ich hatte zu viel davon in meinen bis oben hin mit Angst angefüllten, ansonsten aber leeren Magen geschlungen. Die Hände auf die schmerzende Stelle gedrückt, kippte ich zur Seite und schlief ein.

Um Mitternacht wachte ich auf. Ich glitt aus dem Bett und begab mich schleunigst zur Eingangshalle. Wie sehr sich hier alles verändert hatte, merkte ich bereits auf der Treppe. Sie knarrte nicht mehr, das Holz war so glattgeschliffen, dass ich in den von tausend Fackeln erhellten Saal geradezu hinabschwebte. Teppiche zierten die vormals nackten Wände, überall standen Kisten voller Gold und inmitten dieser Pracht saß: Montdragon, halb Geist, halb Mensch, in dessen Zügen sich sämtliche Todsünden widerspiegelten. Hinter ihm schlief eine Eule auf der Lehne, und unter seinem Sessel knurrte mich ein schwarzer Wolf an.

„Na, erkennst du die beiden?“, fragte mich Montdragon. „Sehen sie nicht tagsüber aus wie echte Menschen? Genau wie die Burg zeigen sie nur nachts ihr wahres Gesicht.“ Seine grabestiefe Stimme hallte noch durch den Turm, da gewahrte er, dass einiges nicht war, wie es sein sollte. Er sah nicht, wie die Eule aus ihren Federn lugte und mir zuzwinkerte. Er sah nur seinen Wolf, der mit freundlich gespitzten Ohren auf mich zu tappte, ja, sogar zaghaft an meiner Hand schnupperte. Erzürnt riss er an der Leine, mit der er das Tier an seinen Sessel gebunden hatte. Der Wolf jaulte auf vor Schmerz, zog sich von mir zurück und rollte sich winselnd vor seinem Herrn zusammen. Seine schönen Augen blickten mich traurig an – traurig und Hilfe suchend.

Ein markerschütterndes Quietschen warf mich aus dem Bett. Das musste das Tor sein, das laut wie eine Fanfare, aber längst nicht so ehrerbietig, die Ankunft des schwarzen Ritters verkündete. Ein Alptraum ... Ich dachte an den Wolf. In jedem Fall ein Traum, und verstörend war er gewesen. Allein schon durch die Geschöpfe der Nacht, die sich weigerten, ihre Pflicht zu tun und böse zu sein.

Der kalte Luftzug, der mich daran erinnerte, dass ich auf statt unter der Decke lag, hatte nichts mit meinem Traum zu tun. Der kam von draußen. Ich eilte zum Fenster, um das Talglicht an mich zu nehmen und mit der Hand gegen den auffrischenden Wind zu schützen. So lange, wie es mir vorgekommen war, hatte ich nicht geschlafen. Noch krallte sich die Dämmerung an den Himmel, meinen mageren Kenntnissen der Umgebung zufolge in der Richtung, wo ich das Kloster vermutete. Wie dem auch sei, dies war keine Tageszeit, zu der man unterwegs sein wollte. Allenfalls wenn man von einer langen Reise heimkehrte, und sich sehnlichst wünschte, lieber heute als morgen die heimatliche Burg zu erreichen. Oder wenn man, aus welchem Grund auch immer, das Tageslicht scheute.

Nun gut, ich sollte Agnès Rat befolgen und nicht so viel nachdenken. Ich hatte einen Auftrag. Sorgsam auf die Kerzenflamme bedacht, klemmte ich mir das Bündel unter den Arm und lief die Treppe hinunter zur großen Halle.

Freilich hingen keine Teppiche an den Wänden, wie in meinem Traum, doch hatte eine gute Seele Feuer im Kamin entfacht. Das Knistern der Flammen verlieh dem kahlen Raum einen Hauch von Behaglichkeit; und was ich zuvor als eine Ansammlung bedrohlicher Gegenstände wahrgenommen hatte, erwies sich bei Licht als alter Eichentisch mit zwei Bänken. Die Gestelle, auf denen die Tafel ruhte, standen schief und krumm, die Bänke sahen kaum besser aus. Gelage hatten hier schon lange nicht mehr stattgefunden, zumindest keine, zu denen der Burgherr lebende Gäste geladen hatte. Besonders sein Platz, der Faltstuhl an der Stirnseite des Tisches, könnte nur von einer Gestalt ohne Gewicht benutzt werden. Unter jedem, der noch einen Körper besaß, würde er zusammenbrechen.

Ich wischte die braunen Mehlhäuflein, die die Holzwürmer aus ihren Löchern geschoben hatten, beiseite und legte das Bündel auf den Tisch. Wäre es besser oder schlechter einem Geist zu begegnen, anstelle eines gewalttätigen Ritters? Draußen heulte der Wind ums Gemäuer. Nein, so entschieden meine aufgestellten Nackenhaare für mich: Er soll lieber kein Geist sein.

Wenn das eben am Tor der schwarze Ritter war, überlegte ich weiter, warum dauerte es dann so lange, bis er hereinkam? Hatte Jérôme verschlafen und versäumt, seinem Herrn das Pferd abzunehmen? Armer Jérôme! Wahrscheinlich schrie Montdragon ihn gerade an, er sei ein fauler Taugenichts. Hoffentlich fiel dem Burgherrn nicht auf, dass so viel von dem Hafer fehlte ...

Endlich, die Tür wurde geöffnet. Und der Durchzug pustete mein Kerzlein aus. Herein wehte ein Schatten, der sich jedoch gleich darauf mit beruhigend menschlichem Kraftaufwand gegen die klemmende Tür stemmte, um sie zu schließen. Zweimal musste er mit der Faust auf den Riegel hauen, bis dieser in seine Führung rutschte.

Kein Zweifel, der Ritter, der mit kräftigen Schritten, schwingendem, schwarzem Umhang und klirrendem Kettenhemd auf mich zutrat, bestand aus Fleisch und Blut. Aber erst der Feuerschein erhellte zusammen mit seinem Gesicht das ganze Ausmaß meiner beschämenden Lage. Seine Augen wirkten strenger, nun, wo das Nasenstück des Helms sie voneinander trennte und die Haube des Kettenhemds sie umrahmte. Davon abgesehen hatten sie sich seit dem Nachmittag nicht verändert. Nach dem Aufatmen musste ich sogleich gegen das dümmliche Lächeln ankämpfen, zu dem diese Augen meine Wangen anregten. Noch immer vermittelten sie ein Gefühl von Sicherheit, von ... ja, jetzt fiel mir alles wieder ein: von trügerischer Sicherheit.

„Jérôme de Montdragon?“, brachte ich trotz des inneren Widerstandes hervor, der weiterhin an einem Irrtum festhalten wollte. Oder an zwei sich ähnlich sehenden Halbbrüdern. Oder an einem Betrüger, der sich nicht zum ersten Mal als sein Herr ausgab – was eine hinlängliche Erklärung für seine Haltung und seine Art zu Sprechen lieferte, die doch nie zu einem Stallknecht gepasst hatten. Da es länger dauert, im Boden zu versinken, als man sich wünscht, stammelte ich einstweilen: „Es tut mir leid.“

„Jérôme Dagobert de Montdragon, um genau zu sein“, nickte er. „Und nein, es muss dir nicht ... Doch. Doch, es sollte dir leidtun. Es sollte dir leidtun, dass du dich in solch eine würdelose Lage gebracht hast: Abhängig zu sein vom Geld einer Frau und ihren Lügen hilflos ausgeliefert. Wenn ich es recht bedenke, hätte ich dir noch mehr Angst einjagen sollen.“ Er betonte nicht nur jede einzelne seiner Aussagen, er betonte auch das Schweigen dazwischen. „Das wäre die beste Möglichkeit gewesen, dir begreiflich zu machen, was du dir angetan hast. – Eine Botschaft, sagtest du. Botschaften erreichen mich aus Troyes. Sie kommen von meinem Lehnsherrn und es sind Knappen, die sie überbringen. So war das bis heute. Bis du vor mir gestanden hast: kein junger Mann, sondern ...“

Ich schluckte.

„… ein halbes Kind! Verdammt, Junge: Wie alt bist du?“

Tja, wie alt war ein halbes Kind? Wie alt musste es sein im Vergleich zu einem Mann, dem man erst ansieht, wie jung er selbst noch ist, wenn er lacht? Jérôme de Montdragon, das hatte diese eine Gelegenheit beim Abendessen mir klargemacht, konnte höchstens ein paar Jahre älter sein als ich – älter als ich, Hadelinde, es in Wahrheit war. Aber mein Alter durfte ich ohnehin nicht mehr verraten. Es hätte jeden Mann, der mich vielleicht heiraten wollte, abgeschreckt zu erfahren, dass ich bereits auf eigenen, wenngleich damals sehr kurzen Beinen durchs Leben lief, als vor zwanzig Jahren Kaiser Heinrich gekrönt wurde. Eine Notlüge nannte Tante Adelgunde das. So betrachtet war ich jetzt in viel größerer Not.

„Ich weiß nicht genau“, nuschelte ich. „Gmf-zehn?“

„Ja, das habe ich mir gedacht!“ Montdragon hatte lediglich auf irgendeine Antwort gewartet, da hätte ich getrost eine Zahl über Hundert nennen können. „Und dann brichst du alleine auf? Hast du einmal darüber nachgedacht, was dir alles zustoßen kann?“

„Was soll mir zustoßen? Ich bin doch kein Mädchen.“

Montdragon merkte nichts von meinen Befürchtungen, der Himmel könne, zur Strafe für meine Lüge, die Burg einstürzen lassen – was ja auch keiner großen Mühe bedurft hätte. Montdragon war zu entsetzt.

„Ja, glaubst du, allein Mädchen kann Schlimmes widerfahren? Umgekehrt verhält es sich, mein Junge, umgekehrt! Dir schlagen Räuber den Schädel ein oder sie verschleppen dich auf ein Sklavenschiff, ohne dass jemand einen Finger für dich krümmt. Den Weibern bleibt in jeder Lebenslage ihr scheinbar so unschuldiger Augenaufschlag. Die finden einen Retter in der Not. Irgendeinen armen Tor, dem sie dann noch mehr Scherereien bereiten. – Und das, wo man nicht einmal sicher weiß, ob sie tatsächlich in Bedrängnis sind, wenn sie um Hilfe rufen!“ Montdragon streifte die Handschuhe ab, riss den Helm vom Kopf, schob im gleichen Handstreich die Kettenhaube in den Nacken und warf mit einem saftigen: „Der Teufel soll sie alle holen!“ die Handschuhe in den Helm.

Einen Atemzug später huschten Falten über seine Stirn. „Was wollte ich jetzt sagen?“

„Ihr wart dabei, mir zu erklären, dass mir einiges zustoßen kann, obwohl ich kein Mädchen bin“, antwortete ich artig und versuchte angestrengt, meine Augenlider am hastigen Auf- und Niederschlagen zu hindern.

„Ah ja. – Nun, in diesem Fall nicht. Mach dir keine Sorgen: Ich werde dich begleiten und erst umkehren, wenn du hinter den Stadttoren in Sicherheit bist.“

Mach dir keine Sorgen. Er kannte Tante Adelgunde nicht, ahnte folglich nicht, wie viel Anlass zur Sorge mir das bevorstehende Wiedersehen mit ihr jetzt schon bot. Zuerst würde sie schimpfen, wie ich denn aussähe – oh, das würde sie, – mich dann fragen, was das da an meinen Beinen sei, ganz als wisse sie nicht, wie Hosen aussehen. Und zu guter Letzt würde sie mir einen mit Ohrfeigen gewürzten Vortrag über damenhaftes Benehmen halten. Zum Glück befände Montdragon sich zu der Zeit längst auf dem Rückweg zu seiner verfallenen Burg. So ersparte seine Abneigung gegen Städte ihm die Enttäuschung, zu erfahren, wen er nach Brügge geleitet hatte, sowie das sehr unvergnügliche Vergnügen, meiner Tante zu begegnen. Es hätte mir mehr wehgetan als die Ohrfeigen, ihm mit so bitterem Lohn für seine Freundlichkeit zu danken.

„Deine Tante“, fragte er mich, „ich nehme an, sie erwartet dich gar nicht?“

„Sie weiß nicht, dass ich zu ihr unterwegs bin“, gab ich zu.

„Das ist gut. Hier will die Ernte eingefahren werden. Du musst deine Weiterreise also ein wenig verschieben.“

Da ich keine Einwände hatte, sah er die Angelegenheit als besprochen an. „So“, sagte er nämlich, „jetzt lass es uns hinter uns bringen!“ Er deutete auf das Bündel.

„Aber ...“ Ich sah sie vor mir: die anmutige Demoiselle de Beaufort, wie sie mir lächelnd das Bündel übergab – für ihren Liebsten, wie ich glaubte. „Aber das ist doch bestimmt ein Liebespfand. Oder etwas Ähnliches ...“ Meine Stimme erlosch unter seinem finsteren Blick.

„Ein Liebespfand? Was es auch sein mag, das Geneviève mir schickt – eines ist es gewiss nicht: ein Liebespfand!“ Die Vertrautheit, mit der er ihren Namen aussprach, versetzte meinem Herzen einen Stich. Daran änderte auch der Zorn, der ihn überkam, sobald er an sie dachte, nichts. Gottlob blieb ihm mein Zucken verborgen. Er trat auf den Tisch zu, als könnte das Bündel jederzeit die Zähne fletschen, ihn anspringen und sich in seinen Arm verbeißen.

„Wie lautet die Botschaft?“, fragte er nüchtern.

„Ihr wüsstet schon, was das bedeutet, hat sie gesagt.“

Er nickte. Offenbar hatte er nichts anderes erwartet. Den Helm schob er zur Seite, sah aber den darin liegenden Lederhandschuhen, die ihm beim Öffnen der Knoten nur im Wege wären, wehmütig nach. „Tritt lieber einen, besser zwei Schritte zurück!“

„Soll ich gehen?“, fragte ich. Meine Aufgabe konnte man ja wahrlich als erfüllt ansehen.

„Nein, bleib!“, schmetterte er. „Was du hier und heute lernst, wird dir zeitlebens von Nutzen sein. Du lernst etwas über unseren gefährlichsten Feind.“

„Ich weiß schon: die Frauen!“, sagte ich. Es fühlte sich an wie Tante Adelgundes Versuche, mein Haar zum Glänzen zu bringen, indem sie es gegen den Strich bürstet.

„Du begreifst schnell, Kitt! Und gleich wirst du erfahren, wozu sie fähig sind!“

Er holte tief Luft und machte sich daran, das hellblaue Tuch aufzuknoten. Ein Lederbeutel kam zum Vorschein, wie man ihn benutzt, um die Jagdbeute darin zu verstauen. Aus dem Lederbeutel zog er etwas, was wiederum in ein Tuch von roter Farbe geschlagen war.

Ich hielt die ineinander liegenden Schichten für einen Scherz. Dass es sich keineswegs um ein rotes, sondern um ein blutgetränktes Tuch handelte, machte mir erst Montdragon klar, der mich rechthaberisch ansah und mir seine mit geronnenen Sprenkeln übersäten Handflächen zeigte. Was in diesem Tuch steckte, war aus einem einzigen Grund so gut verpackt worden: damit das Blut nicht heraustropfte. Denn dann hätte der Bote – also ich – Verdacht geschöpft. Montdragon schlug das Tuch auseinander und legte ein braunes verkrustetes Federknäuel frei. Ich brauchte lange, bis ich in diesem schlaffen Vogelkörper den Falken wiedererkannte, den die schöne Dame am Morgen auf ihrer Hand getragen hatte. Jemand hatte dem Tier die Augen ausgestochen und ihm den Hals herumgedreht. Wer dieser ‚jemand‘ war, stand außer Frage.

Mir wurde übel. Wie konnte sie ein Wesen, das sie mühsam gezähmt und an sich gewöhnt hatte, das sie eben noch liebkost hatte, so grausam opfern, nur um Jérôme de Montdragon einen bösen Schabernack zu spielen? Und gelungen war der Schabernack allemal. Montdragon starrte wie versteinert auf den Vogel, der seinen unnatürlich verdrehten Hals über den Tisch reckte.

„Aber was genau hat es nun zu bedeuten?“, fragte ich, nicht weil ich es wissen wollte, sondern weil die beklemmende Stille ein Ende haben sollte.

„Was sie dem Falken angetan hat“, antwortete er, obwohl es mit seinem zusammengebissenen Kiefer eigentlich unmöglich war, „würde sie gern mir antun.“

„Bitte verzeiht“, murmelte ich. „Ich hatte keine Ahnung.“

„Dich trifft keine Schuld“, sagte er noch abwesend, doch bald holte sein Zorn ihn ein. „Dich hat sie benutzt, wie sie jeden benutzt, um ihre Ziele zu erreichen! Ich wette, sie hat dich nicht einmal anständig bezahlt für diese widerwärtige Art von ... von Dienst. Ach, würde sie bloß ersticken an ihrem Geiz!“ Er riss den Vogelbalg vom Tisch und schüttelte ihn vor meiner Nase. „Ein Liebespfand sagtest du, ja? Da, sieh sie dir gut an: die Liebe der Frauen!“

Gerade als ich glaubte, ich könne das alles nicht länger ertragen – weder die stumme Drohung, die von dem Kadaver in seiner Hand ausging, noch den Widerspruch, der auf meiner Zunge herumtanzte – wirbelte Jérôme de Montdragon herum und warf den Falken mit solcher Wucht in den Kamin, dass er Funken sprühte. Er sah zu, wie erst die Federn, dann der ganze Vogel verglühten, die Genugtuung, die er sich erhofft hatte, wollte jedoch nicht aufkommen.

„Lass mich allein!“, sagte er.

Wenn man vom Teufel spricht

Am nächsten Morgen schien die Sonne durch das kleine Fenster in mein Zimmer. In den Strahlen tanzten Staubkörner. Dass ich nach einem solchen Tag und in einem verfallenen Turm so gut geschlafen hatte, erstaunte mich zunächst. Andererseits – ich war wohl einfach erschöpft gewesen, hatte ich doch die letzte ruhige Nacht zu Hause in Trier verbracht, vor meiner Verlobung.

Einerlei. Das lag weit hinter mir. Nun sollte ich erst einmal hier auf der Burg verweilen, ein Gedanke, der mich auf eigentümliche Art heiter stimmte. Ich zog meine Kleider an, flocht mir besonders sorgfältig meinen Zopf und ging zu Agnès in die Küche.

„Gu‘n Mor‘n“, lächelte sie.

„Ich wünsche dir auch einen guten Morgen“, erwiderte ich scheu. Wieder trug die alte Frau ein dunkles Kleid aus Wollstoff, jedoch nicht dasselbe wie am Abend. Ein Untergewand aus feinem Leinen spitzte daraus hervor.

„Und du?“, fragte ich. „Wer bist du in Wahrheit?“

Sie lachte. „Ich bin und bleib immer nur Agnès.“

Ich atmete auf, erleichtert, mit dem ‚du‘ keinen Fehler begangen zu haben. Sie hätte ja auch Dame de Montdragon sein können, Jérôme de Montdragons Mutter oder seine Großmutter.

„Jérôme ist bei mir aufgewachs’n, in ‘ner kleinen Hütte am Dorfrand“, erklärte sie mir. „Seine Mutter hat die Geburt nicht überlebt und mir war‘s Kind gestorben. So fügt‘s Leben die Menschen manchma‘ nach eig’nem Willen zusammen.“

Das also hatte er gemeint mit: Sie hat mich aufgezogen. Dass sie seine Amme war, hatte er in dem Husten versteckt.

„Magst was ess’n?“, fragte sie.

Bei dem Gedanken an Essen wurde mir übel. Ich setzte mich auf die Bank und versuchte, mit meiner Hand den Schmerz aufzuhalten, der sich in meinem Magen ausbreitete. „Ich habe keinen Hunger. Vermutlich habe ich mich gestern Abend überfr... ich habe viel zu viel gegessen.“

„Bist auch ganz bleich“, stellte Agnès besorgt fest. „Solltest mit Jérôme zum Kloster reit’n. Die Mönche versteh'n sich auf Heilkräuter, die könn‘n dir helf’n.“

Ich kam ins Zaudern. Ob Jérôme de Montdragon noch so gut auf mich zu sprechen war? „Ich weiß nicht recht ...“

„Meinste wegen seiner schlechten Laune?“

Ich nickte.

„Die vergeht. – Feuerholz ham wir jenfalls erst ma g’nug. Was er heut früh in seiner Wut gehackt hat, reicht‘n ganzen Winter!“ Sie warf einen verschwörerischen Blick nach rechts und links. „Was, um alles in der Welt, war das für’n Bündel?“, flüsterte sie.

„Es war von Geneviève de Beaufort.“ Ich wollte nichts über den Inhalt erzählen, aber der Name sprach für sich.

„Uiii!“ Agnès zog die Luft durch den Mund ein. „Der hatte er mal versproch’n, se zu heirat’n.“ So wie sie das betonte, könnte man auch gleich eine giftige Pflanze ausgraben und daheim in den Kräutergarten setzen.

„Ach? Aber warum ...“

„Wenn du deine Schmerz’n loswer’n willst, musste jetzt renn’n“, scheuchte die alte Frau mich auf. „Sonst erwischst‘n nimmer.“

Jérôme de Montdragon war schon mit einem Fuß im Steigbügel. Atemlos und in verwirrender Reihenfolge berichtete ich ihm von meinen Magenschmerzen und von Agnès Ratschlag, mich deswegen an die Mönche von St. Lazare zu wenden. Er hieß mich nur mein Pony aus dem Stall holen. Als wäre er mir unerträglich gram, wirkte er nicht.

Das Kloster des heiligen Lazarus erstreckte sich auf einer Anhöhe gegenüber der Burg. Die kleine Kirche im Herzen der Anlage strahlte eine tiefe Frömmigkeit aus, die ich nach all den durchlebten Ängsten als wahren Segen empfand. Oder besser gesagt: empfunden hätte, wären da nicht die Mönche gewesen, die umso lauter beteten, je näher Montdragon an ihnen vorbeiritt.

Doch nicht jeder sah in ihm das herannahende Böse. Der alte Prior freute sich über den Besuch des Ritters. Schneller als es den beiden Brüdern, die ihn begleiteten lieb war, schneller auch, als man es seinen morschen Knochen zutraute, eilte der kleine, krumme Greis seinem Gast entgegen. Der Stock, auf den er sich stützte, würde diese Verantwortung nicht lange tragen.

„Der Eingang zur Krankenstube ist hinter der Kirche“, raunte Montdragon mir zu und stieg vom Pferd. „Frage nach Bruder Ansèlme. Richte ihm aus, ich hätte dich geschickt. – Wartet Vater Barthélemy, ich komme zu Euch!“ Was ich dann zu sehen bekam, bereitete mir Sorgen. Damit meine ich nicht den alten Prior: Kaum war Montdragon zu ihm gerannt und hatte ihm seinen Arm gereicht, konnte er nicht mehr hinfallen. Mein Kummer galt Jérôme de Montdragon selbst, denn der erbat keinen Segen.

Ich ließ Puk neben Montdragons Rappen stehen und suchte den langgestreckten Saal auf, in dem die Mönche sich der Krankenpflege widmeten. Einen von ihnen sprach ich an, wo ich Bruder Ansèlme finden könne, bekam aber ein Achselzucken zur Antwort. Einen Ansèlme gäbe es hier nicht. Hätte es nie gegeben. Das bestätigten zwei weitere Brüder.

„Das verstehe ich nicht“, sagte ich. „Ich bin mir ganz sicher, dass Seigneur de Montdragon gesagt hat: ‚Frage nach Bruder Ansèlme‘. Es muss ihn geben.“

Ein kleiner, rundlicher Mönch horchte auf. „Er meint mich.“ Der Mönch strich dem alten Männlein, an dessen Bett er stand, über die Hand und kam, seinen dicken Bauch vor sich herschiebend, auf mich zu. „Ich bin zwar Bruder Antoine, aber das wird er sich wohl niemals merken können.“ Zwei wache, lustige Augen blickten mich an. Bruder Antoines Gesicht erinnerte mich an den Vollmond. Ja, genauso müsste der Mond aussehen, nachdem er zwei Becher Wein getrunken hat. Mich zu betrachten, wirkte sich sogar wie ein dritter Becher aus. Kurz darauf sah ich anstelle seines vergnügten Gesichts nur noch seinen Rücken und eine einladende Handbewegung. „Kommt! In meiner Kräuterkammer sind wir ungestört.“

Bruder Antoine führte mich in einen kleinen Anbau, in dem Kräuterbüschel zum Trocknen aufgehängt waren. Er räumte die Tiegel mit halbfertigen Salben auf dem Tisch zur Seite und zog zwei Schemel darunter hervor. Ich ließ den Mönch kaum Platz nehmen, so eilig hatte ich es, ihm meine verzwickte Lage darzulegen.

„Ich möchte Euch dringend bitten, eine Sache für Euch zu behalten, und zwar ... Seht Ihr, Ihr solltet wissen ...“ Mich verließ der Mut. Konnte ich ihm überhaupt vertrauen?

„Ich habe auch eine Bitte“, schmunzelte er. „Verratet mir: Tragt Ihr diese – verzeiht! – lächerliche Verkleidung auf seinen Wunsch?“

Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Allmählich wurde mir klar: Er musste mich für Montdragons Geliebte halten. „Ihr missversteht!“

„Ihr braucht Euch nicht zu schämen“, beruhigte er mich. „Ich begrüße es sehr, dass endlich jemand sein Herz erweichen konnte.“

„Aber so liegen die Dinge doch gar nicht. Montdragon hat nicht die geringste Ahnung. Ich bin nur durch Zufall auf seiner Burg zu Gast und ...“

Bruder Antoines fröhliches Schmunzeln fiel in sich zusammen. „Der weiß das gar nicht?“, vergewisserte er sich.

Ich schüttelte den Kopf.

Mon Dieu! Unsere Sicherheit liegt in den Händen eines Mannes, den offenbar ein schweres Augenleiden plagt“, ängstigte er sich. „Ich muss ihn untersuchen. Ich muss ihn dazu bewegen, sich untersuchen zu lassen. Nur wie?“

„Bitte verratet ihm nichts“, flehte ich.

Bruder Antoines Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Gott bewahre! Natürlich nicht. Ich möchte nicht zugegen sein, wenn er herausfindet, dass Ihr – ich wage es kaum aussprechen – ein weibliches Wesen seid.“

„Danke Bruder Antoine! Eure Worte sind sehr ermutigend.“

„Entschuldigt, ich wollte Euch keinen Schrecken einjagen.“ Er faltete die Hände vor der Brust. „Aber unser Ritter ist nicht gerade besonders gut zu sprechen auf die Töchter Evas, das habt Ihr bestimmt schon erfahren.“

„Ja“, seufzte ich. „Er erteilt mir ständig Ratschläge, die mich vor der Bosheit der Frauen bewahren sollen.“

„Dann scheint er Euch doch zu mögen?“

„Ich weiß nicht? Es kann sein ...“

Antoine, die Hände noch immer gefaltet, lächelte verklärt. „Womöglich liegt es gar nicht an seinen Augen, wenn er nicht erkennt, was offensichtlich ist?“ Er löste seine Rechte, um zum Himmel zu deuten. „Womöglich ist hier eine höhere Macht am Werke?“

Ich folgte seinem Fingerzeig zur Zimmerdecke. „Meint Ihr?“

„Gottes Wege sind unergründbar. Wir werden es herausfinden“, sagte er und krempelte vorsorglich die Ärmel seiner Kutte hoch. „Es wird nicht einfach sein – sicherlich. Auch nicht ungefährlich – möglicherweise. Aber wir werden es herausfinden mit der Hilfe Gottes und mit Hilfe des Verstandes, den er uns geschenkt hat.“ Er nickte wagemutig. „Nun zu Euch. Weshalb wolltet Ihr zu mir? Fehlt Euch etwas?“

„Mein Magen plagt mich.“

„Soso: Montdragon schickt Euch wegen Magenschmerzen!“

„Ja, es ist mein Magen, der weh tut. Eine gewisse morgendliche Übelkeit steckt nicht dahinter.“ Ich bekam heiße – und ganz bestimmt auch rote – Wangen. „Meine Verfehlungen in dieser Hinsicht sind zu lange her, als dass sie noch Folgen haben könnten.“

„Das meinte ich nicht. Ich dachte, Montdragon trüge nun Euch auf, Magenschmerzen vorzutäuschen, anstatt mir aufzutischen seine alte Agnès litte ... Vergesst es, vergesst, was ich gesagt habe“, schob er hastig nach. „Erzählt mir von Euren Beschwerden. Seit wann habt Ihr sie?“

„Seit gestern. Nach dem Abendessen fing es an zu zwicken in der Magengrube. Wobei ... ein unangenehmes Knurren war da schon vorher. Diese Männerkleider überzeugen bestenfalls auf die Ferne – Ihr könnt Euch vorstellen, wie es endete, wenn ich in einer Garküche oder an einem Marktstand etwas kaufen wollte, ich meine, in den guten Zeiten, da ich noch Geld besaß. Nur selten hielt ich auf der Flucht in halsbrecherischem Galopp etwas Nahrhaftes in Händen. Und Beeren allein, so musste ich feststellen, stoßen einem mit der Zeit ziemlich sauer auf.“

Bruder Antoine versprach mir, Magenschmerzen dieser Art würden bald vergehen. Auf Montdragon bekäme ich regelmäßige Mahlzeiten, das sei jetzt ganz wichtig, nur davor, wieder zu viel auf einmal zu essen, warnte er mich. Er gab mir ein Fläschchen mit grüner Flüssigkeit, von der ich drei Tage lang morgens und abends einige Tropfen zu mir nehmen sollte. Den Rest sollte ich unbedingt aufbewahren. Denn, so sagte er, man wisse ja nie, wer sonst noch Magenschmerzen bekäme.

Gewiss erwartete er jetzt eine Spende von mir. Ich wog ab, auf wie viele meiner Münzen ich verzichten konnte. „Wo ist denn Euer Kästchen – für die Spenden?“

Bruder Antoine drückte meine Hand zu und schob sie mitsamt den Münzen von sich. „Unser Haus ist eine Stiftung. Wir haben strenge Anweisung, nichts zu nehmen.“

„Von wem?“

„Nun: ad primum von Vater Barthélemy, unserm Prior.“

„Ach? Das heißt, es gibt auch noch ein: ‚ad secundum‘?“

Mir mehr darüber zu verraten, stellte für den Mönch eine ähnlich große Versuchung dar wie ein leckerer Schweinebraten. „Einerseits sollte ich das nicht ausplaudern. Andererseits solltet Ihr – gerade Ihr – es vielleicht doch erfahren“, sagte er und legte seine Zungenspitze zurück an die Lippe. „Versteht Ihr, was ich Euch sagen will, ohne es zu sagen?“

„Nein. Ich verstehe es ganz und gar nicht.“

„Denkt einmal nach: Von wem könnten großzügige, sogar überaus großzügige Spenden in unsere Opferstöcke fließen?“ 

„Von Montdragon?“ Allein seinen Namen auszusprechen brachte meine Wangen zum Glühen. „Ihr scherzt, oder?“

Antoine schüttelte bedeutungsschwer den Kopf. „Man hält es nicht für möglich, stimmt es?“

„Bei allen Heiligen!“ Über dem Schluss, der sich aufdrängte, kühlten meine Wangen sogleich wieder aus. „Er muss ein sehr schlechtes Gewissen haben, wenn ihm sein Weg in den Himmel so viel Geld wert ist!“

„Mit dem schlechten Gewissen habt ihr gewiss recht“, meinte Bruder Antoine. „Was allerdings den Himmel betrifft: Daran ist ihm nicht gelegen. Vater Barthélemy müht sich nach Kräften, ihn zu bekehren – leider vergebens! Es gibt Brüder in unserer Mitte, die dagegen sind, sein Geld anzunehmen. Wo doch niemand von uns weiß, wann Seigneur de Montdragon zum letzten Mal eine Kirche von innen gesehen hat.“

„Am Himmel ist ihm nicht gelegen“, wiederholte ich voller Unverständnis, obwohl bereits einiges darauf hingedeutet hatte. „Was kann dann der Grund sein?“

„Vielleicht sorgt er sich ja um das Wohlergehen der Menschen, die hier leben?“

„Bruder Antoine! Ich bin hinter ihm her geritten, eben erst. Unten im Dorf erweckte er nicht im mindesten den Eindruck, er schere sich um irgendjemandes Wohlergehen.“ Im Gegenteil, ein selbstzufriedenes Glitzern hatte seine Augen durchzuckt, als endlich die letzte Tür zugeschlagen war und nur noch ein verzweifelt gackerndes Hühnchen durch die menschenleere Gasse rannte. „Die Bauern ergreifen die Flucht, kaum dass sie ihn sehen, und er, mein Gott, man kann es nicht anders ausdrücken: Er genießt es.“

„Oftmals besteht ein feiner Unterschied zwischen dem Schein und dem Sein“, gab Bruder Antoine zu bedenken. „Seine wahren Gefühle hält er natürlich verborgen, aber könnte nicht so etwas dahinter stecken wie: Scham? Wenn er es genießt, wie Ihr sagt – warum reitet er dann so selten des Tags über sein Land? Und so oft erst in der Dämmerung?“

„Scham? Wessen sollte er sich schämen?“

„Seiner Ahnen. Ihr müsst wissen: Die Montdragons sind seit jeher als gewalttätig bekannt. Unser Ritter, auch wenn er die heilige Messe nicht besucht, erscheint in einem anderen Licht, vergleicht man ihn mit seinem Vater. Der war – mit Verlaub! – ein ekelhafter, verachtenswerter“, Antoines Nasenlöcher weiteten sich vor Wut, „... Kerl! So seltsam es klingt: Solange der alte Montdragon lebte, wussten die Bauern wenigstens, was sie von ihrem Ritter zu halten hatten. Sie hielten Frauen und Töchter vor ihm versteckt, soweit es möglich war, mit allem anderen lebten sie recht und schlecht. Heute geht es ihnen gut. Sie fürchten jedoch, das verdanken sie dem Teufel und am Ende werden sie gemeinsam mit dem jungen Montdragon in der Hölle schmoren.“

„Glaubt Ihr auch, dass Jérôme de Montdragon dem Teufel seine Seele verpfändet hat?“ Und jeden mit sich ins Verderben zieht, der seine Burg betritt? Oder nur jede, die den verführerischen Augen in seinem doch eigentlich viel zu makellosen Gesicht erliegt?

Bruder Antoine errettete mich aus meiner Not. „Nein. Trotzdem kann ich jeden verstehen, der es glaubt. Es hängt mit dem Brand der Burg zusammen, welcher einige Jahre zurückliegt“, holte er aus, aber dann klopfte es an der Tür. Draußen stand Jérôme de Montdragon.

„Mon Seigneur, das trifft sich gut, dass Ihr hier hereinschaut“, sagte Bruder Antoine aufgeregt.

Der Ritter, noch ahnungslos, trat ein. „Was gibt es denn? Habt Ihr etwas mit mir zu besprechen?“

„Gewissermaßen, ja.“

„Sind Euch wieder die teuren Heilpflanzen aus dem Orient eingegangen?“ Montdragon kräuselte spöttisch den Mundwinkel. „Heraus damit!“

Antoine nahm all seinen Mut zusammen. „Nein, ich würde gerne – wenn Ihr erlaubt – Eure Augen“, er zog den Kopf ein, „einer kleinen Prüfung unterziehen.“

Meine Augen? Mangelt es Euch an Kranken, oder warum wollt Ihr Euch an Gesunden zu schaffen machen? Meine Augen sind scharf wie die eines Adlers!“

„Freilich sind sie das“, beschwichtigte ihn der Mönch. „Hoch wahrscheinlich jedenfalls.“

Bruder Antoine öffnete eine Seitentür des kleinen Raumes, die in den Klostergarten führte. Leises, der Stille des Ortes angemessenes Vogelgezwitscher drang zu uns hinein.

„Alles was ich von Euch will“, antwortete er auf Montdragons ungestellte Frage, „ist, dass Ihr mir sagt, was für Früchte dort an dem Baum hängen.“

„Äpfel. Mithin handelt es sich um keinen Birnbaum.“

„Kein Birnbaum, wie wahr, wie wahr! Entfernte Dinge erkennt Ihr ausgesprochen gut.“ Bruder Antoine war nicht untätig gewesen, er hatte eine Bibel auf den Tisch gewuchtet und aufgeschlagen. „Nun zu dem, was sich vor Euch befindet. Wenn Ihr dies bitte lesen würdet ...“

„Seht Ihr: Ich komme noch längst nicht in das Alter, in dem man die Schrift weit weg halten muss!“, predigte Montdragon, hob das schwere Buch vom Tisch und hielt es, in die Armbeuge gebettet, betont nah vor sein Gesicht. Angewidert warf er den Kopf in den Nacken. „Diese Stelle?“

„Bitte!“ Antoine verlegte sich aufs Flehen. „Tut mir den einen Gefallen.“

Montdragon bedachte den armen Bruder mit einem letzten gestrengen Blick und widmete sich der Heiligen Schrift. Zu meiner Überraschung war der Mann nicht nur des Lesens mächtig, nein, statt holprigem Gestammel bekam ich flüssiges, fehlerfreies Latein zu hören. Gewiss, die Betonung hätte ausdrucksvoller sein können, aber das lag an seiner tiefen Abscheu für den Text. Es ging um Eva, die dem Adam jene verhängnisvolle Frucht reicht und wir alle wissen ja, dass dabei nichts Gutes herauskam. Ich dachte daran, wie er mich gestern vor den bösen Frauen gewarnt hatte. Mein Gelächter bot Montdragon einen willkommenen Anlass, mit dem Lesen aufzuhören.

„Du verstehst das?“, fragte er, nicht minder erstaunt als ich zuvor.

Ich nickte.

„Wusste ich es doch.“ Er klappte das Buch zu. „Du bist einem Kloster entsprungen. Darum weißt du nichts von Frauen! Was hier drin steht, solltest du ernst nehmen. Da gibt es nichts zu lachen!“ Mit diesen Worten warf er die Bibel auf den Tisch.

Bruder Antoines Vollmondgesicht hatte hinter den gefalteten Händen wieder diesen weltentrückten Ausdruck angenommen. Er flüsterte seinem Schöpfer ein leises: „Ich danke dir!“ zu.

Montdragon gab mir mit einem Fingerzeichen zu verstehen, der Mönch sei nicht ganz dicht im Kopfe.

Bruder Antoine störte es nicht. „Eure Augen sind vollkommen gesund“, verkündete er dem Ritter. „So geht mit Gott!“

„Euren Gott lasse ich lieber hier und nehme dafür den Jungen mit“, knurrte Montdragon. „Seine Gesellschaft ziehe ich vor. – Komm Kitt, wir gehen.“

Hohe Türme trifft der Blitz

Hier, dein heißer Würzwein“, sagte Agnès. „Trink ihn, bevor er kalt wird.“

Ich solle ihr Gesellschaft leisten, hatte Montdragon mir auf dem Heimweg von St. Lazare aufgetragen. Er sei ja jetzt oft außer Haus, der Ernte wegen. Allein schon der mürrische Ausdruck seines Gesichtes beim Wort ‚Ernte‘ hätte ausgereicht, um jeglichen Widerspruch im Keim zu ersticken, auch bei einem echten Knaben, dem die Einsamkeit einer alten Frau gleichgültig ist.

Agnès saß mir gegenüber, sie hatte sich ein zerrissenes Hemd auf den Schoß gelegt. Nachdem sie den Schaden kopfschüttelnd begutachtet hatte, rückte sie ihm mit Nadel und Faden zu Leibe.

Ich nahm mir eines von den flachen Gewürzküchlein, die sie gebacken hatte, und biss hinein. Die täten einem kranken Magen gut, meinte Agnès.

„Sag mal, Agnès: Jérômes Vater – war er wirklich so schlimm?“

„Wer hat dir davon erzählt?“, fragte sie zurück.

„Bruder Antoine.“

„Ha, Bruder Antoine! Was weiß der schon? Der hat unsern alten Drachen doch kaum gekannt!“ Ehe ich Derartiges auch nur denken konnte, betonte sie: „Jérôme hat keine einz‘ge Ader von sei‘m Vater, der kommt ganz nach der Mutter!“

„Gewiss“, räumte sie einen Atemzug später ein, „sie hat nicht lang hier gelebt, ich hab sie auch nie anders als aus der Ferne geseh’n. Aber ich bin mir sicher: Sie war herzensgut. So‘n schönes Kind und dann verheiratet man sie mit dem Mann! – Wie Jérômes Vater war, willste wiss’n?“ Die alte Frau verdrehte die Augen hinter ihrer Näharbeit. „Na, stockbesoffen war der meist’ns und an dem Tag, an dem Jérôme geboren wurd‘, ganz besonders. Der hat sich nie um sein‘ Jüngst’n gekümmert und das war nicht mal‘s Schlechteste für Jérôme. So konnt’ Vater Barthélemy ihn nach‘m Wunsch seiner Mutter taufen, war doch ihr letzter Wunsch auf dieser Welt. Die Montdragons hieß’n sonst immer Richard. Allenfalls noch Raynauld, aber so hieß ja schon der andre Sohn vom alten Drachen.“

Besonders der Name Richard, merkte ich, weckte keine guten Erinnerungen in ihr.

„Acht Jahr lang war Jérôme bei mir, ich hab so gehofft, der Alte hätt’ ihn einfach vergess’n“, fuhr sie fort. „Vergebens. Eines Tages ist er zu unsrer Hütte gekommen und hat den arm’n Jungn hinter sich aufs Pferd gezerrt. – Gott sei Dank nur, um ihn nach St. Lazare zu bringen.

Dort isses Jérôme gut gegang’n. Er hat mir stolz erzählt, dass er schreiben lernt und in der Bibel lesen. Wenn er alt g‘nug ist, hat er gesagt, will er auszieh’n, um die Heiden zu bekehr’n. Wär doch betrüblich, dass die im Unglauben sterb’n und nicht in‘n Himmel komm’n.

Am Ende isses ganz anders gekommen. Sein ältrer Bruder ist früh gestorben und plötzlich war er der Erbe von Montdragon. Vater Barthélemy hat mich getröstet: Guillaume de Beaufort, der Ritter, der ihn mit sich auf seine Burg genomm‘n hat, wär sehr freundlich zu ihm gewesen.“

Na, freundlicher als sein eigener Vater wird der alte Beaufort allemal gewesen sein, dachte ich bei mir.

„Ich hab Jérôme erst bei der Trauerfeier von sein‘m Vater wieder geseh’n – drei Jahr isses her. Jetzt würd‘ sich alles zum Guten wenden ham wir damals gehofft. Jérôme war schließlich im Dorf aufgewachs’n und hat die Not von uns armen Leuten gekannt. Aber dann ...“ Agnès schüttelte den Kopf. „Feine Kleider hat er getragen und ist auf sein‘m hohen Ross einfach an mir vorbei geritt’n. Ich wusst‘ gleich: Da hat jemand 'nen ganz schlechten Einfluss auf ihn.“

„Beaufort!“, sagte ich sofort. Wie sollte ein junger Mann bei diesem Griesgram auch etwas Anständiges lernen?

Geneviève de Beaufort, seine Braut“, verbesserte Agnès. „Sie hat ihn abgehalten, den Leuten Geld zu schenken. ‚Du bringst uns ja an den Bettelstab!‘, hat sie ihn angefaucht und: ‚Schau dir diese armselige Gegend an, hier wächst doch nichts! Wir werden ein ganz kümmerliches Leben führen!“ Agnès nähte mit heftigen Stichen den Stoff zusammen, lieber noch hätte sie das mit dem Mund der schönen Geneviève getan. „Nach‘m Begräbnis hat Jérôme die Burg 'nem Verwalter übergeb’n. Im Frühjahr ist er wieder gekomm'n. Allein und ... ich nenn’s: niedergeschlag’n. Trotz der zertrümmert’n Möbel.“

„Den Tisch und die Bänke in der Halle?“, vergewisserte ich mich. „Die hat er damals ...“

„Oh ja, und vor allem den Stuhl von sei‘m Vater! Man soll ihn allein lassen, sagt er, kaum dass er 'nen Fuß in die Burg gesetzt hat. Die Leute können‘s nicht fassen, also fängt er an zu brüll’n und wirft denen, die nicht schnell genug flücht’n, Tisch und Bänke hinterher. Dann kriegt er den Stuhl in die Finger und tobt noch schlimmer. Da, an dem Alten könnt man‘s doch sehn: Sie wär’n verflucht die Montdragons. Und warum, zum Teufel, ihn eigentlich jeder anstarren würd’, als wär von ihm was Besseres zu erwarten?“

„Hat er dir auch etwas nachgeworfen?“

„Nein, ich hab da noch unten im Dorf in unsrer klein‘n Hütte gelebt. Mir hat man das alles nur erzählt. – Das war’n auch die letzt’n Neuigkeiten von der Burg. Hat sich ja keiner mehr raufgewagt.“ Agnès ließ ihre Flickarbeit in den Schoß sinken. „Bis zu der Gewitternacht. Blitze, die wie böse Geister um die Burg tanzen, dann sieht man Feuerschein im Turm. Endlich isses soweit, murmelt‘s im Dorf: Der Teufel holt se, die verflucht’n Montdragons!“ Die alte Amme hatte ganz anders empfunden, allerdings sprach sie es nicht aus.

„Am Morgen bin ich zur Burg rauf gelaufen“, sagte sie nur. „Ich wusst’, dass Jérôme noch lebt, so wie man manches einfach weiß. Im Weinkeller hab ich ihn gefunden, weit weg vom verbrannten Gebälk und‘n eingestürzt’n Mauern. Im Weinkeller! Da hat doch die elende Sauferei ein Mal 'nem Montdragon 's Leben gerettet, statt ihn umzubring’n!“ Agnès gluckste, ein belustigtes Glucksen war es jedoch nicht. „Halb tot war er und hat am Boden gelegen, wie einer, der keinen Sinn mehr drin sieht, je wieder aufzusteh’n.“

„Heilige Agnes!“ Die heilige Genoveva anzurufen fand ich unpassend, obwohl die ja ebenfalls schon manch einen vorm Selbstmord bewahrt hat. „Alles aus Liebe zu Geneviève?“ Jetzt war es herausgerutscht. Ich konnte nur hoffen, diese Frage würde auch ein echter Junge stellen; zumindest einer, der so eindringlich vor den Frauen gewarnt worden war.

„Er hat sie bestimmt sehr geliebt, ja“, antwortete Agnès, ganz ohne mich überrascht anzusehen. „Aber ihretweg’n hätt’ er nicht gleich versucht, sich zu Tode zu sauf’n. Außerdem ist da die furchtbare Tat, von der er gesprochen hat. Nur dieses eine, einzige Mal, im Weinkeller, als er froh war, mein Gesicht zu sehn und es kaum fassen konnt’.“

„Eine furchtbare Tat? Hat er wirklich dem Teufel ...“

„... seine Seele verpfändet? Das glauben Viele. Aber du doch nicht, oder? Überleg mal in Ruhe: Die Tat war vor der Brandnacht. 'Ne Tat ist für ihn was andres, als 'ne Absprache, ganz gleich mit wem. Und wenn ihn der Teufel in dieser Nacht holen wollt, warum hat er‘s dann nicht getan? Aufschub zu gewähren ... das klingt nicht nach‘m Teufel, drum zu bitten nicht nach Jérôme. – Oh, ich muss dringend nach der Suppe sehn!“ Und schon ließ sie mich allein mit meinen Gedanken.

Ja, es stand keineswegs in Stein gemeißelt, dass der Teufel Jérôme de Montdragon vor den Flammen gerettet hatte. Es war genauso möglich ... Nein, es war sogar viel eher anzunehmen, dass ihm die Heiligen beigestanden haben, weil er ein so schlechter Mensch nicht war, gar nicht sein konnte. Mochte er auch derzeit noch trotzig auf göttlichen Segen verzichten – sie wollten ihm Gelegenheit geben, seine Fehler und diese furchtbare Tat, wieder gut zu machen.

Das war eine sehr beruhigende Erklärung. Schließlich irren Heilige sich nicht.

Im Wein liegt Wahrheit

Im selben Maße, wie sich die Vorratsscheuern füllten, besserte sich Montdragons Stimmung. Bald würde ihn nichts mehr zwingen, die Burg zu verlassen, bevor sich die Sonne senkte. Nur noch unsere Reise nach Brügge.

„Übermorgen“, verkündete er mir alsbald, „brechen wir auf!“

Ein paar Stunden später, am Abend desselben Tages, sah das alles ganz anders aus: Jérôme de Montdragon saß zu Tisch, den Kopf in die Hand gestützt und betrachtete lustlos sein Essen. Ein Bote von Comte Thibaud war hier gewesen. Nur der zweite Weinkrug, den Agnès mich holen geschickt hatte, vermochte es, die Miene des Ritters kurz aufzuhellen.

„Woher wusstest du ...?“, sagte er ohne sich zu bewegen.

„Du trinkst immer 'n bissch’n mehr als sonst, wenn du Nachricht kriegst, dass du nach Troyes musst“, antwortete Agnès. Dieses: bissch’n betonte sie besonders milde.

„Tu ich das?“, fragte er abwesend.

„Jed‘smal“, lächelte Agnès.

„Das kann sein.“ Er hob kurz das Kinn an, um mir zu erklären: „Wir müssen deine Reise nach Brügge ein zweites Mal verschieben. Ich habe Verpflichtungen in Troyes nachzukommen. Früher, als erwartet.“ Und ließ das Kinn wieder fallen.

„Oh“, sagte ich mitfühlend, obwohl ich den Aufschub insgeheim begrüßte, und setzte mich neben Agnès. Die Bank, auf der er sich breitzumachen pflegte, überließ ich ihm.

„Mir widerstrebt es, dieses heuchlerische Getue bei Hofe“, klagte Montdragon uns dreien sein Leid: Agnès, mir und dem Weinkrug. „Jeder kriecht Comte Thibaud in den Hintern. Und ich vergesse ständig, wann ich zum Festmahl geladen bin und wann ...  Agnès, du weißt doch, dass ich mir nie ‘was merken kann!“

„Oh ja, ich weiß, dass du dir nie was merk’n kannst“, seufzte die alte Frau und tunkte ein Brotstückchen in die Schüssel. „Warum nimmste nicht den Jung’n mit? Der hat‘n gut’s Gedächtnis.“

Montdragon entging das verschmitzte Lächeln, mit dem sie den Bissen in den Mund schob, er begutachtete mich bereits stirnrunzelnd. „Gar kein schlechter Gedanke …“, murmelte er.

„Das geht nicht“, sagte ich schnell.

„Ach? Wieso geht das nicht?“, wollte er wissen.

Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist: Ich hatte vor, es ihm sagen. „Weil ich“, begann ich umständlich. „In Wahrheit – meine ich – bin ich ... “

„... auf’m Weg nach Brügge!“, schnitt mir Agnès das Wort ab. „Zu deiner liiieben Tante.“

Musste sie ‚liebe Tante‘ so betonen? So rief sie mir nur unliebsame Erinnerungen schmerzlich ins Gedächtnis.

„Solltest deine Tante nimmer länger wart’n lass’n“, sagte sie und beobachtete ihren Ziehsohn aus den Augenwinkeln. „Musste eben allein aufbrechen.“

„Nein! Kitt wird nicht allein aufbrechen!“, entschied Montdragon sofort. „Da nehm ich ihn lieber mit. Bei mir ist er wenigstens in Sicherheit. – Was ist nun?“, fragte er mich. „Kommst du mit? Es sind nur ein paar Tage.“

Nur ein paar Tage ... War es für Ehrlichkeit nicht zu spät? Gestand ich jetzt alles ein, sperrte er mich voller Zorn in meine Kammer bis er aus Troyes zurückkehrte, geleitete mich anschließend mit grabeskalter Miene zu Tante Adelgunde und beklagte sich bei ihr über meine schlechte Erziehung. Da sie den Großteil meiner Erziehung zu verantworten hatte, ließe sie diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen. Sitzen ... ja sitzen können würde ich viele Tage lang nicht, wenn meine Tante erst einmal mit mir fertig war.

Ich nickte.

Der Ritter zeigte sich zufrieden. „Wir kommen gut miteinander aus, du wirst sehen.“

Agnès schmunzelte, wie jemand, der ein Goldstück auf der Straße gefunden hat und es heimlich einsteckt. „Reitest heut Abend noch mal fort?“, fragte sie ihn.

„Heut nimmer!“ Um dies zu unterstreichen, schenkte Montdragon sich Wein nach.

„Dann geh ich jetzt zu Bett“, gähnte sie. „Gut Nacht!“ Sie winkte dem Hund zu, der auf ihr Zeichen gewartet hatte. Erfreut sprang er auf und trottete hinter ihr her.

„Nacht Agnès. Schlaf gut“, sagte Montdragon in seinen Weinbecher hinein.

Noch nie war Agnès so früh in ihr Kämmerchen verschwunden. Meine Sorge, sie fühle sich vielleicht nicht wohl, verblasste angesichts meiner eigenen unbehaglichen Lage: ganz allein mit dem Ritter, der wenig gegessen, dafür umso mehr dem Wein zugesprochen hatte.

„Aber du trinkst doch noch einen Schluck mit, oder?“, sagte er und schon schwebte der Krug über meinem Becher.

„Nein. Nein, ich möchte nichts mehr trinken.“

„Hast recht. Man sollte stets einen klaren Kopf behalten.“ Der drohende Weinkrug entfernte sich. „Scheinst mir überhaupt sehr vernünftig zu sein. Sonst würde ich dich nicht mitnehmen. Denn am Hof lauern viele Gefahren.“

„Ich werde ihnen trotzen“, versprach ich unbeschwert. „Ihr meint Gefahren, die von Frauen ausgehen, oder?“       

„Du darfst das nicht leichtfertig abtun!“, mahnte er. „Du weißt nicht, wie gefährlich diese scheinbar schwachen Wesen sind. Ich war auch einmal ein ...“ Er räusperte sich. „Ich kannte einmal einen jungen Mann, der wusste auch zu wenig von der Welt außerhalb der Klostermauern. Er hat sich in die Tochter seines Lehrmeisters verliebt, gleich am ersten Tag auf dessen Burg. Der Anfang einer Liebe, die ihn Jahre später eine Torheit begehen ließ, wie sie sich niemand aufs Gewissen laden sollte.“

Erst, als ich den Kampf gegen meinen nun doch übervollen Weinbecher aufgenommen hatte, besann er sich, dass er es nicht bei Andeutungen belassen konnte. Nicht, wenn ich eine Lehre daraus ziehen sollte.

„Sie war noch ein kleines Mädchen“, begann er, so zögernd, wie die ersten Regentropfen eines Sommergewitters nur langsam den Boden benetzen. „Ein kleines Mädchen, das im Sattel saß wie festgewachsen und ihn auslachte, weil er im Kloster nicht reiten gelernt hatte. Die Schmach tat weh, mehr als der Steiß, auf den er gefallen war, aber ihr Lachen entschädigte für alles.

Es dauerte lange, bis sie ihn nicht mehr bei jedem Ausritt hinter sich ließ. Noch länger dauerte es, bis er alles nachgeholt hatte, was ihr Bruder ihm im Umgang mit Schwert und Lanze voraushatte. Aber irgendwann hörte sie auf, ihn auszulachen und erlaubte ihm, ihr den Hof zu machen. Von da an wollte er ihr Lachen schon gar nicht mehr missen. Stand sie dann vor ihm und schlug ihre Augen mit den langen, geschwungenen Wimpern nieder, hätte er alles für sie getan. Wahrhaftig: alles.“ Das war so entsetzlich, es ließ sich bloß mit einem großen Schluck Wein ertragen. „Sie beschrieb ihm, wie sie sich ihr Leben vorstellte: eine Dame bei Hofe, ihr Gemahl der beste und edelste Ritter von allen. ‚Werde ein Held‘, sagte sie, ‚dann heirate ich dich.‘“

„Ja, was dachtest du denn, das die Frauen von uns wollen?“, schnaubte er auf meinen verständnislosen Blick hin: „Unsere Zuneigung? Unsere Liebe? Oder gar: Uns beistehen, wenn es uns schlecht ergeht?“

‚Ja, ich will!‘, rief ein vorwitziges Stimmchen in meinem Innern, ein Stimmchen, das sich nur schwer zum Stillschweigen überreden ließ.

„Nein“, gab er sich die Antwort selbst. „Frauen haben kein Herz. Von anderen Frauen beneidet werden, das ist alles, was sie wollen! Es war dem jungen Ritter damals einfach noch nicht klar. Oder er hat, beseelt von dem Wunsch, sie für sich zu gewinnen, die Augen davor verschlossen. Ich weiß es nicht mehr.

Also wurde er ein Held – besser gesagt das, was die Welt einen Helden nennt. Er nahm das Kreuz und zog aus, um das Heilige Grab aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Natürlich tat er es nicht allein um ihretwillen, sondern auch aus anderen Gründen. Nach seiner Rückkehr jedoch war es das Einzige, was ihm noch etwas bedeutete: dass er ihr Held war und dass sie ihn jetzt heiraten wollte.“

„Ihr Vater hatte sich diese Verbindung immer gewünscht“, fuhr er nach einer Weile fort, in einem abgehobenen Ton, als hätte es die Traurigkeit davor nie gegeben. „Doch hätte er sie nie in eine Ehe gezwungen. Das musste er nun auch nicht mehr. Der junge Ritter hatte sich in der Schlacht einen Namen gemacht. Er war ein Vertrauter seines Lehnsherrn geworden, der ihn auf dem Weg ins Heilige Land als Schreiber und Übersetzer stets den Geistlichen vorgezogen hatte. Dem besten und edelsten Ritter, den sie sich wünschte, kam er schon recht nah, allerdings war sie von einem Leben am Hof noch weit entfernt. Denn ihr Bruder sollte die Nachfolge ihres Vaters antreten und die rechte Hand des Comtes werden. Ihr Bruder – nicht ihr Verlobter.“

„Es war bei einem Turnier.“ Montdragon verlor die gespreizten Worte aus den Augen und mit ihnen beinahe den Fortgang der Geschichte. „An Ostern, glaube ich. Zu welchem Anlass es abgehalten wurde, kann ich dir nicht mehr sagen. Sie kam zu ihm, kurz vor dem letzten Zweikampf. Anmutig wie keine Zweite trippelte sie ihm entgegen durch das Gewirr von Zelten, Fahnen, Pferden und Männern, um ihn zu warnen, so sagte sie. Bernard – Bernard war ihr Bruder, muss ich erwähnen.“ Und es erwähnen zu müssen, grämte ihn. Wo er doch so darauf bedacht gewesen war, keine Namen zu nennen.

„Ihr Bruder also“, setzte er noch einmal nach. „Er führe statt eines stumpfen Turnierschwerts, sein eigenes, scharfes Schwert mit sich, warnte sie ihren Verlobten. Seinem Blick wich sie aus, die Kapuze des Mantels hatte sie auffällig tief in die Stirn gezogen. Sie zierte sich, aber da er darauf beharrte ihr Gesicht zu sehen, zeigte sie es ihm. Ihr linkes Auge war rot und geschwollen.

Ja, gestand sie, ja, ihr Bruder habe sie geohrfeigt, dabei habe sie ihm bloß ins Gewissen reden wollen. Wie sollte der junge Ritter eine List dahinter vermuten? Wie sollte er ahnen, dass sie sich in Wahrheit selbst verletzt oder diese undankbare Aufgabe ihrer Magd übertragen hatte?

Trotzdem, er hätte nachdenken müssen: Aus welchem Grund sollte sein bester Freund, mit dem er in jeder Schlacht der vergangenen Jahre Seite an Seite geritten war, zur scharfen Waffe greifen? Weil er ihn mit aller Gewalt besiegen wollte? Oder weil ihm dieselbe Lüge aufgetischt worden war? – Nein“, schloss er, „nein, er hätte ihr nicht glauben dürfen.“ Montdragon schob den Weinbecher von sich. Sein Rausch war verflogen, ihn aufzufrischen versprach keinen Trost.

„Ich weiß nicht, was schwerer wog“, sagte er. „War es der Betrug, den jeder jedem unterstellte – oder das, was der andere dem geliebten Mädchen, der kleinen Schwester angetan hatte? In jedem Fall glaubten beide ihre Lüge, beide griffen zur scharfen Waffe und beide waren rasend vor Wut.

Die Lanzen zu brechen wurde zur lästigen Pflicht. Die Schwerter zu ziehen, danach stand ihnen der Sinn. Und danach, dem Gegner an die Gurgel zu gehen, was zur Folge hatte, dass sie einander auf ziemlich unritterliche Art vom Pferd holten. Wieder auf die Beine zu kommen und die Klinge vom Boden aufheben war eines, obwohl sie sich besser weiterhin eine würdelose Prügelei geliefert hätten. So uferte der Kampf aus in eine blutige Schlacht, wie sie unter Freunden niemals vorkommen sollte. Am Ende gelang es einem von ihnen, einen guten Hieb anzubringen – oder einem schlechten, wie man es auch nennen mag ...“

Wenn ich kein Herz habe, dachte ich, was ist es dann, das mir so schwer wird in der Brust? „Ihr Bruder“, fragte ich, „war tot?“

Montdragons Nicken war kaum als solches zu erkennen. „Er lebte gerade noch lange genug, um dem Ritter seinen Irrtum vor Augen zu führen. Seine Bitte um Verzeihung hat er nicht mehr gehört ...

Plötzlich war sie bei ihm. Sie kniete neben ihm, schmiegte sich an seine Schulter und versicherte ihm ihre ewige Liebe. Für den Toten, der auf seinem Schoß lag, hatte sie nicht die kleinste Träne übrig. Sie war nur bestrebt, ihrem Bruder ein stumpfes Schwert unterzuschieben. Ja, sie war auf das alles gut vorbereitet: Unter ihrem Mantel verborgen hatte sie ein drittes Schwert auf den Turnierplatz mitgebracht. Und um dieses stumpfe Schwert herum hatte sie einen heimtückischen Plan geschmiedet.

‚Es ist ganz einfach‘, flüsterte sie ihm ins Ohr, ‚gib mir dein Schwert und halte dich an folgende Aussage: Du bist mit dem Turnierschwert in den Kampf gegangen wie es sich gehört. Nur mein Bruder hielt sich nicht an die Regeln und brach einen Streit vom Zaun. Das wird niemanden wundern, du weißt, was für ein Hitzkopf er sein konnte.

Dir blieb keine Wahl. Den Kampf abzubrechen hieße, ein Feigling zu sein, obendrein ein Verräter. Deine Wut ist also verständlich. So, wie ihr aufeinander losgegangen seid, wird es erst recht niemanden wundern, dass ihr nach dem Sturz das Schwert des Anderen vom Boden aufgehoben habt. Von da an nahm das Unheil eben seinen Lauf ...‘ Nun solle er sich zusammennehmen, zischte sie. Betroffenheit zu zeigen sei wichtig, aber er bräuchte es nicht gleich so zu übertreiben. Dem Comte bliebe jetzt nur noch er als rechte Hand, das sei es doch, was zählt. Er müsse ihr vertrauen, einen anderen Ausweg gäbe es für ihn ohnehin nicht mehr – es sei denn, er wolle als Betrüger dastehen.

Er sei wahnsinnig geworden, sagten sie später. Was sollte er auch anfangen mit dem Verstand, den sie ihm so lange geraubt und den er auf einen Schlag zurückerlangt hatte? Er sprang auf, stieß seine Verlobte von sich – und setzte sich damit immer weiter ins Unrecht. Nur ihm offenbarte sich das hässliche Wesen, das in dieser schönen Hülle steckte. Es half nichts, die Umherstehenden anzuschreien; sie konnten es nicht erkennen. Sie deshalb mit unflätigen Worten zu beschimpfen war ebenso töricht, wie ihnen vorzuwerfen, sie seien doch gekommen, um Blut zu sehen, womöglich gar einen Toten. Na, welch ein Glück, dann sollten sie beides in aller Ruhe betrachten, anstatt entsetzte Gesichter zu ziehen.

Seine Verlobte griff zur letzten Waffe: Sie hörte auf, ihr blaues Auge hinter dem weißen Schleier, den sie sich an die Wange hielt, zu verstecken. Ob er sie nun schlägt, sagte sie, oder ihren Bruder tötet, sie wolle ihm eine gute Ehefrau sein. Sie werde ihn trotz allem heiraten – wenn er nur bitte, bitte wieder zur Vernunft käme. Sie musste ihn dazu bewegen, die Verlobung zu lösen und zwar vor möglichst vielen Zeugen, das wusste sie. Wie sonst sollte sie einen anderen Mann finden, der sie endlich an den Hof bringen könnte?

Eher würde er barfuß in die Hölle laufen, schrie er zurück, bevor er sie heiratet. Sie solle unbesorgt sein, sie käme schon noch an den Hof. Leider erst nachdem sie dem Mann, der sie an seiner statt heiratet und hoffentlich auch an seiner statt prügelt, so viele Kinder geboren hat, dass sie ganz hässlich ist und keinen Zahn mehr im Mund hat! Er kannte ihre geheimen Ängste, allen voran die Angst, alt und grau zu werden. Er wusste: Ihre Ungeduld, ihr Wunsch am Hof zu leben, solange sie noch als die Schönste gilt, war der Grund dafür, dass sie ihn zu dieser Tat getrieben hatte. Der Grund dafür, dass sein Freund sterben musste.

Er ließ sie alle stehen mit ihren aufgerissenen Mäulern und ging fort. Der Einzige, dessen Leid ihn berührte, war sein Lehrmeister. Er hatte ihm all seine Freundlichkeit und seine Geduld schlecht gedankt. Und doch unterließ es der alte Mann, seine Bestrafung zu fordern. Er hat die Anklage, die ihm im Gesicht geschrieben stand, nie laut gemacht.“

„... wie er überhaupt nie wieder mit ihm sprechen oder auch nur seinen Namen erwähnen sollte“, ergänzte ich leise.

„So als hätte es ihn nie gegeben.“

„Aber hat denn der alte Griesgr...“ Zum Glück hatte Montdragon mir nur mit halbem Ohr zugehört. „Aber hat denn niemand das stumpfe Schwert bemerkt?“

„Das stumpfe Schwert?“ Seine Erwähnung riss ihn aus der Erstarrung. „Alle haben es bemerkt“, antwortete er mit einem verschlagenen Zucken im Mundwinkel. „Es war doch das einzig Gute an dem bösartigen Plan seiner Verlobten. Sie hatte es neben ihren Bruder gelegt, und wenn man die Geschichte von den versehentlich im Kampf vertauschten Schwertern wegließ, war dies der beste Platz dafür. Der Freund war tot – unnötig, auch noch sein Andenken in den Schmutz zu ziehen.“

„Und das Scharfe?“

„... ließ sich unbemerkt zum Zelt des Toten bringen, wo es ebenso gut die ganze Zeit über gewesen sein könnte. Niemand bemerkt das zweite Schwert am Gürtel eines angeblich Wahnsinnigen, der mit blanker Waffe in der Hand herumläuft, das kann ich dir versichern. – Du darfst das nur nie, nie, nie jemandem erzählen, hörst du?“, schärfte er mir ein und fügte – völlig überflüssig, wie ich fand – hinzu: „Nicht einmal unter Androhung von Schmerzen!“

„Oh, Seigneur de Montdragon, Ihr könnt Euch ganz auf mich verlassen!“

„Lass endlich dieses: ‚Seigneur de Montdragon‘!“, sagte er mit gekräuselter Nase. „Jérôme genügt. Das erinnert mich nicht ständig an meine Ahnen.“ Er hob den Becher. „Auf die Vorsicht, Kitt! Möge sie uns vor den Frauen behüten.“

„Auf die Vorsicht, Jérôme.“ Ich spürte, wie meine Stimme zu versagen drohte. „Möge sie uns auch vor allen anderen Gefahren behüten.“ Zum Beispiel davor, jetzt noch als Frau erkannt zu werden.

Das Versprechen

Am Morgen wurde ich von einem Klopfen an der Tür geweckt.

„Kann ich reinkomm’n? ‘s ist wichtig!“, drang eine Frauenstimme in meinen Halbschlaf.

Ich richtete mich auf in der Hoffnung, das brächte meine Lebensgeister auf Trab, aber lediglich die Decke kam in Bewegung, die rutschte nämlich abwärts. Ungeschickt hielt ich sie vor meine Brust, sie über die Schultern zu ziehen gelang mir nicht mehr, Agnès stand schon an meinem Bett.

„Was ist?“, murmelte ich. „Stürzt die Burg ein?“

Agnès betrachtete schmunzelnd meine Bemühungen, hinter der Bettdecke etwas zu verbergen. „Kindchen, mach dir keine Sorg’n! Du hast da nichts, was ich nicht auch hab. – Freilich sind meine Äpfel längst nimmer so fest und saftig ...“

„Man sieht es sofort, nicht wahr?“, seufzte ich.

Agnès setzte sich zu mir. „Jungs versteck’n selten so‘n lang’n Zopf hinten in ihr‘m Hemd“, sagte sie mit einem Blick auf meinen Rücken.

„Ja, ich weiß. Den hätte ich abschneiden müssen.“ Sollte ich ihr beschreiben, wie meine Tante Adelgunde mich anzuschreien pflegte, sobald mit meinen Haaren etwas nicht so war, wie sie es sich vorstellte? Nein, entschied ich, Agnès hatte in ihrem Leben genug Schlimmes erlebt.

„Davon abgeseh’n machste das gut, so als Junge“, tröstete die mich und ich fragte mich lieber gar nicht erst, wie viel Wahrheit darin steckte. „Außerdem: bloß weil ich's gemerkt hab, brauchste nicht'n Kopf häng’n lass’n. Ich seh oft Dinge, die andren verborgen bleib’n. Hab mich dran gewöhnt. Allerdings weiß ich auch von schlimm'n Sachen, eh sie passier’n. Nicht so oft und meistens ist‘s nichts als 'ne neblige Ahnung. Aber da dran, das sach ich dir, gewöhnt man sich nie!“

Ihr ernstes Gesicht nahm ich nur am Rande wahr, ich war zu beschäftigt, mir aus all dem einen Reim zu machen. „Du wusstest es? Und schlägst ihm trotzdem vor, mich mitzunehmen?“

„Deshalb wollt ich ja mit dir red’n“, erklärte sie. „Jérôme ist in aller Früh nach St. Lazare geritt’n, und während er fort ist, wollt ich gern was mit dir besprech’n. Ich hab 'ne Bitte an dich.“

„Eine Bitte? Was für eine?“

Nun wurde mir klar, warum ihre Augen mich an die einer Eule erinnerten. Aus ihrem ruhigen, offenen Blick sprach ein tiefes Wissen um die wichtigen Dinge des Lebens.

„Pass gut auf ihn auf, ja?“, sagte sie.

Es dauerte, bis ich verstanden hatte. Dann musste ich mir die Hände vors Gesicht halten, um nicht loszuprusten. „Das ist ein Scherz, oder?“

„Das‘s bittrer Ernst!“, beteuerte sie.

Das Lachen blieb mir im Halse stecken. „Aber was kann ich denn tun? Agnès, überleg doch: Wenn seine Kraft nicht ausreicht und sein Schwert versagt ...“ Ich gestikulierte hilflos mit den Händen, um der alten Frau begreiflich zu machen, wie töricht ihr Anliegen war. „Was soll ich dann tun? Seine Feinde mit einer Steinschleuder nieder strecken, so wie David den Goliath?“

„Das ist doch 'ne gute Idee“, fand sie. „Jérôme – er‘s manchma' so weit weg mit sein'n Gedank’n. Er hat nur seine hehren Tugenden im Kopf, vergisst aber, dass die andren nur Macht und Reichtum im Kopf ham. Er glaubt, solang er sich von der Wurzel allen Übels fernhält, kann ihm keiner was anhaben. Du weißt ja, was das seiner Meinung nach ist: die Wurzel allen Übels?“

„Ja, die Frauen“, murrte ich. „Ich bin diese Wurzel.“

„Nicht du! Du kannst 'ne gute Wurzel für ihn sein. Eine, die ihn wieder mit‘m Boden verbindet.“

„Was für eine Wurzel auch immer – früher oder später wird er es herausfinden. Er wird mich packen und aus der Erde reißen, auf dass ich jämmerlich verdorre!“ Ja, ich gebe es zu, ich bin ein Feigling. Niemand hat mir von klein an Heldenmut und Tapferkeit beigebracht. Wobei ich eingestehen muss, auch das, was man mir von klein auf versucht hat einzubläuen (was für eine treffende Bezeichnung!) habe ich nie gelernt, nämlich meinen Mund zu halten und zu lächeln.

„Das tut er nicht, und das weißte auch“, sagte Agnès vorwurfsvoll. „Hat er dich erst mal ins Herz geschloss’n, verzeiht er dir alles. Sogar, dass du 'ne Frau bist.“

„Hoffentlich hast du recht. Was soll ich also tun?“

„Na, das was ich auch mach: ihn ab und zu auf'n harten Boden der Wirklichkeit zurückhol’n. Bloß leb‘ ich nicht ewig. Versproch'n also, ja?“

„Agnès, ich kann dir das nicht versprechen. Er will mich doch zu meiner Tante bringen. Die – so muss ich dir leider sagen – mir ganz und gar keine liebe Tante ist.“

„Er will vielleicht, ja, aber er wird‘s nicht tun. Weil ich nämlich weiß, wie man‘s verhindert.“

Das klang gut. So gut, dass ich tollkühn entgegnete: „Dann hol eine Schere und schneide den Zopf ab.“

„Lass mich nur mach'n.“ Agnès brauchte gar nicht erst fortzugehen, um die Schere zu holen; sie zog sie zusammen mit einem Kamm aus ihrer Gürteltasche. „Du musst nicht zu deiner Tante – und wenn ich dazu's Schicksal verbieg’n muss wie 'ne Weidenrute ...“

Das Gedicht

Bis Troyes waren es zwei Tagesritte. In der Nacht bezogen wir Quartier in Trois Fontaines, einer Abtei, die Comte Thibaud wertvolle Schenkungen verdankte und seine Ritter daher freundlich aufnahm. Hier war Seigneur de Montdragon ein Gast wie jeder andere Gefolgsmann des Grafen auch, die Mönche hatten keinen Grund, ihm Misstrauen entgegenzubringen. Zumal er ihnen, aus welchem Grund auch immer, einen teuren Rosenkranz abkaufte.

Ich selbst genoss nicht nur die Annehmlichkeiten des Klosters; der Ritter, in dessen Begleitung ich reiste, verschaffte mir ohne es zu wissen einen weiteren Vorteil. Hieß es nämlich: ‚Der Junge gehört zu Montdragon‘, stellte niemand mehr infrage, ob der Junge wirklich ein Junge ist.

Am zweiten Tag kamen wir deutlich schneller voran, denn mit den Wäldern um Trois Fontaines ließen wir die letzten Hügel hinter uns. Troyes selbst lag in einer weiten Ebene, die ich so flach höchstens am Meer, nie aber im Landesinnern vermutet hätte. Schon um die neunte Stunde passierten wir das Stadttor, hinter dem uns enge, von schmalen Fachwerkhäuschen gesäumte Straßen empfingen.

Jérôme de Montdragon hasste Städte im Allgemeinen und jene, die er betreten musste, ganz besonders. Naserümpfend lenkte er sein Pferd im weiten Bogen herum, wenn Abfall am Boden lag. Gleichzeitig ließ er es sich nicht nehmen, besagten Unrat eingehend zu betrachten, wodurch sich das Naserümpfen unweigerlich zu einem vollständig angewiderten Gesichtsausdruck steigerte.

Wortkarg, aber nicht unfreundlich erklärte er mir, das neu errichtete Gebäude an dem wir soeben vorbeiritten, sei das Hospiz St. Nicolas. Comte Thibaud, sein Lehnsherr, der sich stets um die Armen sorge, habe es errichten lassen. Aber dass der Dom, der sich zu unserer Linken erstrecke, ein Dom sei und die gegenüberliegende Abtei St. Loup, eine Abtei, das sähe ich wohl selbst.

In der gräflichen Festung lernte ich eine ganz andere Seite von ihm kennen. Dort wurde er bereits sehnlich erwartet. Von einer hohen Dame.

Heiliger Martin, ich hatte so sehr achtgegeben, Jérôme de Montdragon nicht aus den Augen zu verlieren. Auf dem Weg von den Stallungen über den Ehrenhof zum Palas musste ich mich trotzdem irgendwann einem fremden dunklen Mantel angeschlossen haben. Das konnte er doch unmöglich sein: dieser Ritter, der die ausgestreckte Hand einer Dame ergriff und sich steif vor ihr verbeugte.

„Madame la Comtesse“, hörte ich ihn sagen, „Wenn es für mich einen Grund gibt, gern nach Troyes zu kommen, dann seid Ihr es.“

„Montdragon, mein Ritter!“ Das Lächeln der Comtesse überstrahlte die Missgeschicke, die der Natur in ihrem Gesicht, vor allem an ihrer übergroßen Nase, unterlaufen waren. „Wie schön, Euch zu sehen.“

Montdragon, mein Ritter? Ich war verwirrt, entsetzt, zerrissen. Bei meiner verlorenen Jungfernschaft, was war zwischen den beiden?

Nun lächelte Jérôme de Montdragon zurück. Zwar lächelte er das knorrige Lächeln eines alten Galgenbaumes, der sich in der Frühlingssonne räkelt, aber es war und blieb ein Lächeln.

„Darf ich Euch gleich in den Garten entführen?“, fragte sie. „Es wird unsere letzte Gelegenheit sein, Zeit miteinander zu verbringen. Oder seid ihr zu müde nach der Reise?“

„Keineswegs“, sagte er, seine Augenbrauen ergänzten: ‚Ich bin niemals müde, und schon gar nicht jetzt.‘ Endlich erinnerte er sich daran, dass es einen Zeugen für sein ungebührliches Verhalten gab. „Kitt“, begann er, „ich möchte in einer etwas ... vertraulichen Angelegenheit deine Dienste in Anspruch nehmen.“ Besorgt legte er die Stirn in Falten. „Sag mal: Ist dir nicht wohl?“

Ich klappte den Mund zu. „Doch.“

Er musste mich zur Comtesse schieben, um mich ihr bekannt zu machen. Dabei erwähnte er, ich stamme aus gutem Hause, sei des Lesens kundig und es fehle mir, seiner Meinung nach ‚nicht am rechten Verständnis‘. Was immer das heißen sollte. Comtesse Melisende stellte er mir vor als: ‚eine hohe Dame, die es gut mit ihm meint‘, was ihr Missfallen erregte und so änderte er es ab in: ‚eine gute Freundin‘. Ich benahm mich, so glaube ich, ausgesprochen unhöflich. Alles glitt wie in einem bösen Traum an mir vorüber. Zu allem Überfluss sah ich mich einer Comtesse gegenüber, die ihr wissendes Schmunzeln vor Montdragon, nicht aber vor mir verbarg.

„Ich bin sehr erleichtert“, sagte sie, „dass er nicht mehr allein seiner Wege zieht.“

Mit einer anmutigen Handbewegung lud sie Montdragon ein, sie zu begleiten. Durch eine kleine Pforte gelangten wir in den Kräutergarten, wo die weißen Blüten des Quendels eifrig von Bienen umsummt wurden. Seite an Seite schlenderte das ungleiche Paar zwischen den Hochbeeten hindurch.

„Es war weise von Euch, den Anstandsknaben gleich mitzubringen“, sagte die Comtesse. „Ihr wärt keineswegs erfreut, begleitete uns als Anstandsdame eine junge Frau, die von nun an hier leben wird ...“

„Bei allem Respekt, Madame: Erfreulich fand ich die Anwesenheit einer dieser Demoiselles noch nie.“ Statt ‚Demoiselles‘ hätte er offenbar lieber ‚Gänse‘ gesagt.

„Ich weiß“, lächelte Comtesse Melisende großzügig. „Aber diesmal wärt Ihr besonders unerfreut.“

Montdragon erstarrte zur Salzsäule – genau im Mittelpunkt des kreuzförmig angelegten Kräutergartens. „Geneviève?“, hauchte er. „Wird hier leben?“

Die Comtesse blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu ihrem erstaunten Begleiter um. „Robert de Malincourt, ein Cousin meines Gatten, bat mich, sie an den Hof zu nehmen“, erläuterte sie. „Er ist vor Kurzem aus Britannien in die alte Heimat seiner Ahnen zurückgekehrt und hat gleich ein Auge auf sie geworfen.“   

„Wie leichtsinnig von ihm. Sie ...“ Montdragon konnte den Großteil eines Satzes, in dessen Kern das Wort: „auskratzen“ stand, herunterschlucken.

„Ihr habt die Verlobung gelöst, nicht Geneviève“, erinnerte ihn die Comtesse. „Es liegt mir fern, Euch das zum Vorwurf zu machen, überdies spricht Euer Groll für sich. Dennoch könnt Ihr, als Mann, gar nicht nachvollziehen, was Ihr dem armen Mädchen angetan habt. Nun hat sie die Aussicht, trotz des Makels, der ihr anhaftet, eine gute Verbindung einzugehen. In dieser Lage ist, sie zu mir zu holen, das Wenigste, was ich für sie tun kann. Zumal sie diesem Hof zur Zierde gereicht. Sie ist wunderschön, zumindest das könnt Ihr ihr nicht absprechen.“

„Ja“, murrte er leise. „Sie ist wunderschön. Außen!

Die Comtesse hatte sich bereits umgewandt und strebte den Obstbäumen zu. Ein hellgrüner Laubfrosch, der sich zu weit auf den Weg vorgewagt hatte, hüpfte vor ihren Füßen her und tauchte mit lautem Platsch wieder in den Fischteich. Hier begann ein ganz anderer, ursprünglicherer Teil des Gartens, der an den Garten Eden erinnerte. Oh ja, dachte ich, gleich pflückt sie ihm eine verbotene Frucht.

Die Comtesse tat nichts dergleichen. Sie setzte sich auf eine kleine Bank unter der Blätterkrone einer Linde und nahm die Lyra, die dort lag, zur Hand. Beschämt über meine voreiligen Gedanken, betrachtete ich mir eingehend die kräftigen Wurzeln des alten Baumes. Montdragon hatte nie vorgehabt, auf die Comtesse zuzugehen, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen. Er lehnte sich neben sie an den Baumstamm und gab sich dem durch und durch harmlosen Vergnügen hin, ihr beim Singen zuzuhören.

„Von den Ästen fällt das Laub,

der Eiche Grün vergeht im Staub,

statt Wärme warten Schnee und Eis

auf den, der nichts von Liebe weiß.

Der Winter kommt zu jedem Mann,

wohl dem, der von sich sagen kann:

Ich friere nicht, ich habe dich,

mir ist im Herzen gar, als glühe ich.“

 

Jérôme de Montdragon war nachdenklich geworden. Er blickte in eine unsichtbare Ferne, weit hinter dem Garten, hinter der Mauer, ja hinter der Stadt mit den umliegenden Feldern.

„Gefällt es Euch?“, brach Melisende das Schweigen.

„Ja, es ist so ...“ Er hob die Hand, etwas zu unterstreichen, was er sagen wollte; da ihm jedoch nichts einfiel, ließ er sie wieder sinken. „Es gefällt mir sehr.“

Die Comtesse legte die Lyra beiseite. Leichten Schrittes trat sie neben ihn. „Es handelt aber doch von der Liebe“, gab sie zu bedenken.

„Trotzdem ist es wundervoll“, beharrte er. „Niemand schreibt Liebeslieder wie Ihr. Ihr bringt es fertig, mich gleichzeitig froh und traurig zu stimmen.“

„Montdragon“, sagte sie mit gespieltem Erstaunen, „Ihr seid ja imstande, Euch der Sehnsucht hinzugeben!“

„Unsinn! Ihr wisst, ich glaube nicht an die Liebe. Umso mehr beeindruckt es mich“, lenkte er ein, weil ihm das gar zu hart klang, „wie schön Ihr etwas beschreiben könnt, das es gar nicht gibt. Die Frage ist doch: Worüber könnte man sonst ein Lied schreiben? Sicherlich nicht über den Krieg. Allenfalls über den Wein. Die Trauben reifen heran im Sonnenschein ...“

Die Comtesse ließ ihn nicht lange in den Weinbergen verweilen, sie spitzte bereits die Lippen: „Eines Tages wird sie vor Euch stehen, die die Euer Herz zum Glühen bringt. Hätte ich einen Wunsch frei, ich wünschte mir, in diesem Moment Euer verwundertes Gesicht sehen zu dürfen!“ Ein Gesicht, das sie sich äußerst ergötzlich – wenngleich für ihn nicht besonders vorteilhaft – vorstellte. „Ich werde Eurem Ratschlag folgen und dieses Lied heute Abend vortragen“, sagte sie dann, womit sie ihn fast ebenso sehr aus der Fassung brachte.

„Seit zwei Jahren versuche ich, Euch zu überzeugen, dass Eure Dichtung zu schade ist, um sie allein an einen groben Klotz wie mich zu verschwenden. – Und nun wollt Ihr plötzlich für die ganze Gesellschaft singen?“

„Manchmal kommen Veränderungen schnell und unerwartet.“ Melisende streifte mich mit einem kurzen Blick. „Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das verschüchtert an diesen Hof kam und sich seiner großen Nase wegen schämte. Das habe ich nicht zuletzt Euch zu verdanken.“

Er zwinkerte ihr mit beiden Augen zu. „Nein, ich habe Euch viel zu verdanken. Wärt Ihr bei jenem Jagdausflug nicht mit mir geritten, zerschnitte man heute noch das Tischtuch vor mir.“

„Ja, es wurde dann doch ein schöner Ausflug“, fand auch die Comtesse. „Obwohl ja zunächst zu befürchten stand, wir beide müssten allein im Ehrenhof Wurzeln schlagen: der Ritter, mit dem niemand mehr zu tun haben wollte und die unansehnliche Comtesse, die von jedem nur mit der ersten Frau des Comtes verglichen wurde. Einen Hirsch haben wir auch gerettet. Wisst Ihr noch, wie wir ihn entkommen ließen? Keiner Menschenseele haben wir erzählt, wo er sich aufhält.“

„Welcher Hirsch?“, grinste er. „Ich kann mich nicht entsinnen, einen prächtigen Hirsch erspäht zu haben ...“

„Es gibt niemanden, bei dem ein Geheimnis besser aufgehoben ist, als Euch“, sagte die Comtesse, ohne zu ahnen, dass sie Hagelkörner auf seine gute Laune warf. „Ihr könntet es wohl hundert Jahre lang für Euch behalten.“

„Nein. Ich würde es schon nach kurzer Zeit vergessen.“

„Alte Menschen vergessen. Ihr seid zu jung dazu.“

„Unter diesen Umständen“, folgerte er scharf, „kann ich das Älterwerden gar nicht abwarten.“

„Nun seid Ihr wieder so entsetzlich ernst“, klagte die Comtesse. „Habe ich Euch an etwas erinnert, an das Ihr nicht erinnert werden wolltet? An das Geheimnis um den Tod Eures Freundes Bernard?“

„Es gibt kein Geheimnis um seinen Tod“, behauptete er.

„Gibt es nicht?“

„Nein. Es gibt nur den unverzeihlichen Fehler, den ich begangen habe. Herrgott noch mal, ich wünschte, Ihr wäret damals schon an diesem Hof gewesen, dann würdet Ihr nicht immer wieder danach fragen!“

„Ja, ja! Ihr braucht nicht weiter zu reden, ich kenne Eure Erklärung: Ihr wart jung, das Turnier zu gewinnen bedeutete Euch alles. Weiterhin wart Ihr zu dumm, auch nur einen kurzen Gedanken daran zu verschwenden, dass Euer Betrug nicht unbemerkt bleiben würde. – Warum wohl treffen wir uns seit dieser Jagd hier im Garten? Warum vertraute ich Euch meine Gedichte an, warum wisst Ihr bislang als Einziger um meine Bestrebungen, das rechte Wort zu finden? Weil ich einen ehrlosen Kämpen, der nichts außer Stroh im Kopf hat, über alles schätze?“

„Ihr solltet aufhören, mich so zu sehen, wie ihr mich sehen wollt, Madame!“, sagte Jérôme ruppig.

„Und ein Mann, der es derart versteht, sich Feinde zu schaffen, sollte besser auf sich achtgeben, als Ihr das tut“, gab die Comtesse zurück. „Seid auf der Hut, versprecht es mir, vor jenen, die Euch Übles nachsagen, noch mehr vor jenen, die Euch Übles wollen! Wenn schon nicht um Euret-, dann wenigstens um meinetwillen. Stößt Euch etwas zu, werde ich keinen Ritter mehr finden, der mich bei der Jagd begleitet und auf meinen Wunsch das Wild entkommen lässt.“ 

Jérôme suchte nach einer Ausflucht. Er konnte einiges ertragen, aber Melisendes ‚um meinetwillen‘, setzte ihm zu.

„Da Euch so viel an den Tieren liegt“, sagte er schließlich, „verspreche ich es Euch.“

Ein Ort des Trostes und der Hoffnung

Auf dem Weg zum Palas fragte ich mich, warum es so schwierig sein sollte, sich rechtzeitig an das Festmahl zu erinnern. Die Zeit würde gerade reichen, um die Kleider zu wechseln. Ein Bad hatte Jérôme am Morgen in dem kleinen Bach beim Kloster schon genommen, das sei ihm lieber als im gräflichen Badehaus, hatte er gesagt. Dabei war das Wasser dort eisig kalt – so kalt, dass er nicht den geringsten Verdacht schöpfte, als ich mich weigerte, mit ihm zu kommen.

An Begebenheiten dieser Art würde ich mich gewöhnen müssen. So schimpfte er mich in dem ihm zugewiesenen Zimmer ja auch erst einmal einen ‚verwöhnten Knaben‘, nur weil ich mir mit Entsetzen mein Nachtlager betrachtete: am Boden – was mich weniger störte – und gegenüber von seinem Bett – was mir die weitaus größeren Sorgen bereitete. Um genau zu sein, maulte er, ich sei ‚ein verwöhnter Knabe, der froh sein kann, dass er, Jérôme de Montdragon, ihn in seiner unendlichen Güte nicht zum Schlafen auf den Flur schickt! Obwohl er es ja vorzöge, den Raum mit niemandem zu teilen.‘ Der letzte Satz wurde schon von den Gliedern des Kettenhemdes, das er sich über den Kopf streifte, gedämpft. Unter diesen Umständen konnte ich mich der Aufforderung ihm beim Ausziehen zu helfen, schlecht verweigern.

Das Kettenhemd wog fast so viel wie ich. Am Gewicht allein lag es jedoch nicht, dass ich mich am Ende des Umkleidens auch mit den Kräften am Ende fühlte. Ich verstand zwar nicht, warum er diese Tunika seine beste nannte – viel besser als die, die er vorher unter dem Kettenhemd getragen hatte, sah sie nicht aus. Aber was er am Leibe trug, war mir gleichgültig, solange er wenigstens wieder etwas trug.

Mochte Jérôme der Grund dafür auch verborgen bleiben, meine weichen Knie bemerkte er. Fürsorglich legte er mir die Hand auf die Stirn. „Du wirst doch nicht krank werden? Vorhin warst du so bleich und nun hast du hochrote Wangen. – Fiebrig fühlst du dich aber nicht an ...“

Einer plötzlichen Eingebung folgend, hustete ich ein bisschen. „Das ist gewiss nur eine leichte Erkältung.“

„Hm“, brummte er bekümmert und schürte damit mein schlechtes Gewissen. „Hoffentlich wird nichts Ernstes daraus!“

Während des Festmahls hatte ich lediglich dafür zu sorgen, dass Jérômes Weinbecher gefüllt blieb. Das war nicht schwierig. Derselbe Mann, der zwei Tage zuvor auf der Burg ganze Krüge geleert hatte, nahm sich jetzt seine eigenen Worte zu Herzen: Er fand, man solle stets einen klaren Kopf behalten. Einmal winkte er mich nur scheinbar des Weines wegen zu sich, in Wahrheit schob er mir bei der Gelegenheit heimlich den größten Teil seiner Fleischpastete zu.

An seiner linken Seite saß ein sehr junger Ritter namens Godefroy de Consommé. Der fragte in einem fort nach den Kniffen, die einen guten von einem weniger guten Ritter unterschieden. Jérôme erteilte bereitwillig Auskunft, allerdings liefen seine Ausführungen immer wieder auf denselben Grundsatz hinaus und der klang Godefroy denn doch zu schlicht und zu anstrengend. Das Beherrschen von Schwert und Lanze, erklärte Jérôme nämlich, ruhe auf drei Säulen: Übung, Übung und nochmals Übung. Der Ratschlag, er solle sich allein seinen Waffen und seinen Pferden widmen, die Frauen aber aus seinem Leben verbannen, kostete Jérôme endgültig die Aufmerksamkeit des jungen Mannes. Kaum hatte er dies bemerkt, beendete er seine Predigt und forderte Godefroy mit spöttischem Grinsen auf, die Frauen betreffend seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Sogleich warf Godefroy einem hübschen Mädchen, das am anderen Ende der Tafel saß, einen heißblütigen Blick zu. Sie senkte ebenso geschmeichelt wie vielversprechend die Augen.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, brachte ein Page Comtesse Melisendes Lyra. Comte Thibaud erhob sich, bot seiner Gemahlin seinen Arm an und geleitete sie zu einem kleinen Bänkchen. Er wirkte wie ein Riese neben ihr, auch hätten seine kantigen Gesichtszüge eine verschnörkeltere Krone als den silbernen Stirnreif nicht vertragen, doch ging er sehr achtsam mit seiner Frau um.

Melisendes Lied schlug alle Gäste in seinen Bann. Nur Geneviève, ganz oben am Kopf der Tafel, tuschelte fortwährend mit dem gut gekleideten Edelmann zu ihrer Linken. Gerade rechtzeitig bevor der letzte Ton verklang, schwieg sie und lächelte honigsüß in Richtung der Comtesse.

Als Nächstes spielten die Musikanten zum Tanz auf. All diese leichtsinnigen Männer, die sich vor seinen Augen von den Damen zu einem derart ausgelassenen, möglicherweise gar gefährlichen Treiben hinreißen ließen! Jérômes Gesichtszüge verhärteten sich, erst der Wink, mit dem Comte Thibaud ihn zu sich rief, brachte ihnen Erleichterung.

Es waren nur wenige Worte, die die beiden Männer wechselten. Das Wichtigste besprachen sie in Gesten wie einer fragend angehobenen Augenbraue oder einem angedeuteten Kopfnicken.

Ich betrachtete mir ihr schweigsames Gespräch aus der Ferne. Weinbecher auffüllen und als Anstandsknabe im Garten das Lied der Comtesse anhören ... Bis jetzt war ja alles glimpflich abgelaufen, sah man einmal davon ab, dass ich noch nicht wusste, wie ich die Nacht überstehen sollte. Die raumgreifenden Schritte, mit denen Jérôme von seiner Unterredung mit dem Comte zurückkehrte, rissen mich aus den sehnsuchtsvollen Erinnerungen an die Zelle – klein aber mein – die die Mönche in Trois Fontaines mir zur Verfügung gestellt hatten.

„Komm!“, sagte er und: „Wir werden nicht lange warten müssen.“

Worauf er im abgelegensten Winkel des Raumes wartete, erklärte das Herannahen von Genevièves Begleiter.

„Jérôme Dagobert de Montdragon?“, fragte der hochnäsig.

„Ihr habt ihn gefunden.“

Der Hochnäsige holte tief Luft und schmetterte: „Im Namen von St. Denis und St. Martin fordere ich, Robert, Seigneur von Malincourt, Vicomte von Troyes, Euch hiermit zum ritterlichen Zweikampf auf Leben und Tod, da Ihr die Ehre meiner Dame verletzt habt, indem Ihr Euer Eheversprechen ihr gegenüber gebrochen und ihren Bruder heimtückisch ermordet habt.“

Jérôme nickte gelangweilt. „Wann und wo möchtet Ihr das austragen?“, erkundigte er sich gezwungen höflich.

Malincourt warf einen Lederhandschuh auf den Boden. „Bei Morgengrauen! In der Turnierbahn!“, kläffte er.

Auf Leben und Tod! Mein Herz setzte aus. Jérôme würde sich doch hoffentlich nicht darauf einlassen ...

Der knuffte mich. „Hebe mir das einmal auf.“ Da ich zögerte, gab er mir mit einem drohenden Blick zu verstehen, ich solle den Handschuh gefälligst aufheben, wollte ich mir nicht großen Ärger einhandeln. So griff ich mit zittriger Hand nach dem Handschuh, den ich gleich weiterreichte. Jérôme nahm nicht nur den Handschuh entgegen, sondern packte einen Augenblick lang auch meinen Arm. „Kannst du dir das merken?“, flüsterte er mir zu.

Morgengrauen. Turnierbahn. Mein Ritter soll auf eine Lanze gespießt werden. Wie sollte ich das vergessen? Ich nickte verstört.

„Dann gib ihm den Handschuh wieder. Was soll ich damit? – Ich werde da sein“, versprach er seinem Herausforderer.

Robert de Malincourt machte auf dem Absatz kehrt. Kurz danach tauchte er irgendwo in der Gesellschaft unter. Meine Beine gaben unter mir nach.

„Und du bist doch krank!“ Jérôme bückte sich zu mir herunter. Er kam mir viel näher, als ich es hätte zulassen dürfen, doch kümmerte mich das wenig.

„Nein, er hat mir nur einen Schrecken eingejagt“, keuchte ich. „Sag, bedeutet das, dass er morgen wahrhaftig mit dir kämpfen wird, in der Absicht dich zu tö... dich zu verletzen?“ Heilige Barbara, bitte lass mich etwas falsch verstanden haben!

„Ja“, bestätigte Jérôme ohne mit der Wimper zu zucken.

„Das ist ja furchtbar!“

Jérôme konnte daran nichts Furchtbares finden. „Er will Geneviève heiraten. Da tut er eben, was sie verlangt.“

Deshalb also hatte Jérôme mich mitgenommen, nicht wegen des Festmahls. Was er in Wahrheit zu vergessen fürchtete, war seine Verabredung mit dem Schicksal.

„Ich brauche Luft“, stöhnte ich und wankte Richtung Tür. Hier drin war es mit einem Mal stickig geworden. Es roch nach Essen, nach Wein – nach Tod.

„Ja, geh nach draußen“, nickte Jérôme. „Du bist weiß wie ein Leintuch – wäre es nicht besser, wenn ich mitkomme?“ Ich schüttelte den Kopf. So ein lieber Mensch, dachte ich, da soll er morgen sterben und macht sich nur Sorgen um mich.

Ich trat ins Freie, überquerte den Hof und erreichte durch die kleine Pforte den Schlossgarten. In den Boden gesteckte Fackeln erhellten die Nacht, Sonnenschein jedoch konnten sie nicht ersetzen. Sie tauchten die Kräuterbeete in fahles Licht, das mir hier alles fremd und unwirklich vorkommen ließ. Auf den Wegen spazierten Pärchen. Männer legten ihre Hände aufs Herz und schworen ewige Liebe oder begehrten eine nicht so lange währende, dafür schnell erreichbare Liebe. In solcher Gesellschaft fühlte ich mich nicht gerade weniger einsam. Ich wollte schon umkehren, da zeichneten sich gegen den grauen Abendhimmel die Umrisse eines Häuschens ab, dessen Dach von einem Kreuz gekrönt wurde. Die Schlosskapelle! Ein Ort des Trostes und der Hoffnung. Ich lenkte meine Schritte auf das kleine Gebäude zu.

Im selben Moment wie sich die Türe mich leichtem Knarren öffnete, schlug mir die Wärme des vergangenen Sommers entgegen. Zu meiner Erleichterung war ich der einzige späte Besucher des Gotteshauses. Ich sog den Duft der Bienenwachskerzen tief ein, der sich wie Balsam auf meine verwundete Seele legte, und ging auf den Altar zu. Die Wandmalereien berührten mich nicht, so hübsch die von Blumenranken umrahmten biblischen Gestalten auch waren. Mir hatte es die Marienstatue angetan, die in einer Nische rechts des Altars stand. Sie sah aus wie lebendig und war doch gleichzeitig so himmlisch schön, wie ein sterblicher Mensch es niemals sein kann. Ihre Augen sahen mich an, mehr noch, sie durchschauten mich in ihrer verständnisvollen Weisheit bis auf den Grund meines Herzens. Ihr leicht geneigter Kopf verriet, dass sie für Kummer jeglicher Art ein offenes Ohr hatte. Ich kniete vor dem Meer aus flackernden Kerzen, das sie umgab, nieder.

„Heilige Maria, bitte vergib mir! Ich weiß, ich mache dir wieder einmal Schande“, betete ich in Gedanken. Ich dachte, es sei gut, mich zu entschuldigen, ehe ich zu meiner Bitte überging. Aber nun schämte ich mich umso mehr dafür, dass ich mich einfach nicht benehmen konnte, wie es sich einer jungen Dame geziemt. Ich seufzte. Nein, so führte das zu nichts. Wie ungehörig es auch sein mochte, in Knabenkleidern herumzulaufen – es war derzeit von geringerer Bedeutung.

„Bitte! Bitte, liebe Mariamuttergottes“, flehte ich, „lass Jérôme de Montdragon morgen nichts zustoßen!“ Ich zog meine gefalteten Hände dicht vors Kinn. Der Gedanke an diesen Zweikampf raubte mir fast den Verstand. Doch ich hatte eine Eingebung. „Oder noch besser: Lass Robert de Malincourt heute Nacht die Beulenpest bekommen, damit er morgen gar nicht erst antreten kann.“

Kein sehr frommer Wunsch, kam mir in den Sinn. „Außerdem“, überlegte ich laut, „hat er uns dann womöglich schon angesteckt. Er könnte doch ...“ Was, ja was könnte den Zweikampf verhindern? „Ach, du herzensgute, du gnadenreiche Maria!“, jammerte ich. „Dir fällt bestimmt etwas ein. Du hast bestimmt frommere und bessere Ideen als ich. Nur bitte, bitte, gib auf ihn acht!“

Klein und elend kam ich mir vor, doch mein hoffnungsvoller Blick hinauf in die Augen der Statue wurde nicht enttäuscht. Mir war als hätten sich ihre Lider einmal geschlossen und wieder geöffnet: ‚Sei ganz ohne Sorge!‘ War das ihre Botschaft für mich?

Wie viele verängstigte Mädchen mochten ihr wohl im Schein der Kerzen schon ihr Herzeleid anvertraut haben? Ach, alles könnte doch wenigstens ein bisschen einfacher sein, wäre meine Lage nicht ganz so verworren. Ich stellte mir vor, ich trüge ein edles Gewand – eines, das nicht eine Handbreit länger sein musste als bei anderen Mädchen, weil ich nämlich genauso klein und zierlich wäre wie sie. Eine einzige honigblonde Locke umschmeichelte meine rosenrote Wange, das verbliebene Haar läge glatt und ordentlich, nicht im mindesten zerzaust oder widerborstig. Mein Mund wäre so verlockend, kein Mann könnte ihm widerstehen und am allerwenigsten er. Er hauchte einen Kuss auf meine zarten, weißen Hände und träumte dabei schon von meinen Lippen. Bald würde ihn nichts mehr abhalten, statt der Hände die Lippen zu küssen. Er käme näher und näher und dann ... knarrte hinter mir die Tür.

Ich warf einen kurzen Blick über meine Schulter. Eine große dunkle Gestalt betrat die Kapelle mit kräftigen Schritten. Jérôme de Montdragon.

„Verdammt!“, murmelte ich. Ich fühlte mich ertappt. Dass er meine süßen Träume nicht gesehen hatte, war mir ein schwacher Trost, einer an den ich gar nicht glauben konnte. Trotzdem hätte ich hier nicht fluchen dürfen. ‚Verzeih mir Muttergottes‘, bat ich im Stillen. ‚Es ist mir einfach herausgerutscht. Meine Zunge ist so schnell und meine Gedanken sind so langsam‘, versuchte ich ihr zu erklären, obwohl das gerade mal die Hälfte der Wahrheit war. ‚Na ja, genau genommen sind meine Gedanken nur dann zu langsam, wenn sie prüfen sollen, was ich sagen darf und was nicht. Wenn es darum geht, Verbotenes zu denken, sind sie viel zu schnell.‘ Was ich bisher nur geahnt hatte, reifte in mir zur erschütternden Gewissheit heran: Ich würde nie lernen, mich anständig zu benehmen! Die Muttergottes sah aus, als hätte sie Verständnis – aber so sah sie ja leider immer aus.

Montdragon ließ sich neben mir auf ein Knie nieder. Wieso ging er gerade jetzt zur Kirche? Das tat er doch, soviel ich wusste, sonst nie. Andererseits, wenn er morgen vielleicht seinem Schöpfer gegenübertreten würde – was die Heilige Maria bitte verhindern möge! – war es allerhöchste Zeit für ihn, seinen Frieden zu machen.

Ich verhielt mich ganz still, um ihn nicht zu stören, vermied jede Bewegung. Freilich hielt ich es nicht lange aus, bis ich einen Blick zur Seite warf. Jérôme de Montdragon hatte jedoch entweder gar nicht gebetet, oder nur sehr kurz – zu kurz, wie ich fand, bedachte man die Gefahr, in der er schwebte. Seine Hände waren nicht gefaltet, er umfasste lediglich mit der rechten Hand das Gelenk der linken, betrachtete die Statue und wartete. Wartete darauf, dass ich mein Gebet beendet haben sollte, denn nun neigte er den Kopf zu mir.

„Fühlst du dich wieder besser?“, flüsterte er.

Ich nickte und fragte mich, was mir an der Art, wie er die Marienstatue anschaute, missfiel. Sein Blick war nicht im engeren Sinne schamlos zu nennen, nein. Es ging ohnehin nicht um das, was in diesem Blick war, sondern um das, was darin fehlte: der mindeste Anflug von Frömmigkeit.

„Gut“, sagte er mit gedämpfter Stimme. Die Augen noch immer auf die Statue gerichtet, fragte er: „Sie ist wunderschön, findest du nicht?“

„Doch“, wisperte ich und staunte. Oder war das gar nicht so erstaunlich? Viele Männer sehen in Maria die vollkommene Frau: Sie erträgt alles, ohne zu murren und schaut dabei noch fromm zum Himmel.

„Guillaume erzählte mir, es gäbe so etwas wie ein Geheimnis um diese Statue“, erklärte er mir. „Er wollte es mir am Tag meiner Vermählung verraten. Aber dazu kam es ja nie ...“

„Nun finde ein Ende mit deiner Beterei!“, scheuchte er mich einen schweren Atemzug später auf. „Sonst holst du dir auf dem kalten Steinboden endgültig den Tod!“ Als hätte er noch nie etwas davon gehört, dass man sich beim Beten überhaupt nicht erkälten kann!

Wieder draußen im Schlossgarten drangen tiefe Seufzer zu uns herüber. Seufzer von einem jungen Paar, das viel eher Gefahr lief, sich auf dem kalten Boden einen Schnupfen zu holen. Montdragon konnte ihr zügelloses Treiben ganz und gar nicht gutheißen, wenngleich er sich gewiss keine Sorgen um ihre Gesundheit machte.

„Lass uns gehen!“, knurrte er, ohne den festen Biss seines Kiefers mehr als nötig zu lockern. „Das ist nichts für deine jungen Ohren.“

Eiligen Schrittes kehrten wir in den Palas zurück, wo wir auf Geneviève und den Vicomte trafen. Sie unterhielten sich miteinander, wobei das in diesem Falle hieß: Der Vicomte sprach und Geneviève, die wohlerzogene junge Dame, lauschte seinen Worten. Ihr Beitrag zum Gespräch beschränkte sich darauf, anmutig und makellos auszusehen. Dieses zarte Geschöpf, sollte man glauben, konnte unmöglich etwas zu schaffen haben mit dem niederträchtigen Blick, den ihr Begleiter Jérôme de Montdragon zuwarf.

‚Morgen früh‘, kündigte der an, ‚wirst du ein toter Mann sein!‘

Jérôme schenkte Robert und seiner unausgesprochenen Bedrohung kaum Beachtung, umso mehr dafür der schönen Geneviève. Seine Züge blieben kalt und abweisend, doch entdeckte ich ein Glitzern in seinen Augen. Zur näheren Beschreibung dieses Glitzerns fiel mir nur ein Wort ein: Begierde.

Morgengrauen

Angesichts meiner Befürchtung, Jérôme könne den nächsten Morgen nicht überleben, erschienen mir die Sorgen, die mir das gemeinsame Nachtquartier zuvor bereitet hatte, lächerlich und unbedeutend. Im Zimmer angekommen, kroch ich in Kleidern unter die Decke und war mit meinen Gedanken nur bei Roberts drohendem Blick.

Jérôme verlor kein Wort über mein Verhalten. Er entkleidete sich, ohne meine Hilfe in Anspruch zu nehmen, ich schloss unterdessen meine Augen und hoffte inständig, er würde mich nicht ansprechen. Erstaunlich, wie sittsam ich mich benehmen konnte, wenn ich eingeschüchtert war.

Als ich fand, ich hätte dem Anstand genüge getan, öffnete ich vorsichtig das linke Augenlid. Aber da lag er leider schon im Bett, warf sich den letzten Zipfel der Decke über die Schulter und pustete die Kerze aus.

An Schlaf war für mich nicht zu denken. Das Unglück verfolgt mich sogar bis hierher, dachte ich: nicht genug damit, dass er mich nie so ansehen wird wie seine Geneviève – nein, er wird auch noch bald umkommen. Ich seufzte.

„Kannst du vielleicht leiser atmen?“, schnaubte Jérôme. „Dies Geschnaufe hält ja kein Mensch aus!“

„Entschuldige! Es ist nur ...“

„Verdammt noch mal – und du bist doch krank!“, unterbrach Jérôme mich. „Junge, warum sagst du denn nichts?“

„Keine Sorge, es geht mir gut“, sagte ich hastig, war er doch drauf und dran, aus dem Bett zu springen. „Ich kann nur nicht schlafen.“

„Der Junge kann nicht schlafen!“ Zu meiner Beruhigung raschelte sein Kissen, er ließ sich also zurück ins Bett fallen. „Ich habe mir einen Jungen auf den Hals geladen, der vor Heimweh nicht schlafen kann“, stöhnte er, damit ich auch ja erfuhr, wie anstrengend das für ihn war. Trotzdem blieb offen, wer ihm mehr leidtat: er, der sich das aufgehalst hatte, oder doch der Junge, dem das Herz so schwer war.

„Ich habe kein Heimweh“, sagte ich wahrheitsgemäß.

„Dann unterlass das Seufzen!“ Jérôme drehte mir geräuschvoll den Rücken zu.

Von nun an atmete ich nur noch ganz flach; ausgeschlafen wären seine Aussichten, den Zweikampf zu überleben, doch wenigstens ein bisschen besser. Ich selbst fand kaum Ruhe. Die kurzen Zeiten, in denen ich dämmerte, waren mit Alpträumen von Lanzen, Schwertern und einem toten Jérôme de Montdragon durchsetzt.

Am Morgen war ich viel zu erschöpft, um darüber zu erschrecken, dass Jérôme mich wachrüttelte. Obwohl man bekanntlich niemanden wachrütteln kann, ohne ihm sehr nahe zu kommen und ihn anzufassen.

„Kitt, aufwachen! War das jetzt vor oder nach der Frühmesse? Nun sag schon! – Es wird bald hell ...“

Beim dritten Versuch bekam ich die Augen weit genug auf, um sein Gesicht zu erkennen. Er sah viel zu gut aus zum Sterben. „Morgengrauen“, murmelte ich schlaftrunken.

„Aha“, sagte Jérôme unbeteiligt. „Und wo? Auf den westlichen Wiesen oder in den südlichen Stoppelfeldern?“

„Weder noch“, gähnte ich. „Turnierbahn hat er gesagt.“

„Steh auf, beeil dich! Ich komme nicht gern verspätet zu Verabredungen. Besonders nicht bei diesem Richard de Moulincourt. Immerhin ist er der Vicomte. Wahrscheinlich seit Geneviève ihn darauf aufmerksam gemacht hat.“

„Er heißt Robert de Malincourt“, sagte ich. „Nicht Richard de Moulincourt.“

„Gut, dass ich dich mitgenommen habe!“ Jérôme erhob sich.

Statt mich vorsichtig aus meiner Decke zu schälen, hätte ich sie ebenso gut von mir werfen und mich einmal gehörig strecken können, Jérôme wäre nichts an mir aufgefallen. Er prüfte nur sein Schwert, bevor er es umgürtete, klopfte an den Helm, bevor er ihn aufsetzte und bewegte, nachdem er die Handschuhe übergestreift hatte, die Finger durch. Bis es ihn scherte, ob ich mich anzog oder einfach weiterschlief, war mein Wams längst zugeschnürt und die Zipfel der Coiffe bedeckten meine Wangen. Ich brauchte nur noch seinem Schild, den er auf dem Weg zur Tür schulterte, zu folgen.

Es war angenehm, aus dem stickigen Gebäude, in dem überall der schwere Atem einer durchzechten Nacht hing, herauszukommen. Im Ehrenhof lag noch alles still, nur die Wachen auf den Wehrgängen taten ihren Dienst. Der Wächter bei den Stallungen hingegen nahm es mit seiner Pflicht nicht so genau. Er saß breitbeinig neben einem leeren Weinkrug, warf nur einen kurzen, genehmigenden Blick auf Jérôme de Montdragon, dann ließ er seinen schweren Kopf wieder auf die Schulter fallen.

Puk lag schlummernd inmitten der langen, gelben Strohhalme. Seine Atemzüge hoben den dicken Bauch des Ponys langsam und gleichmäßig. Er sah so unbekümmert aus, dass es mich rührte. Ich huschte auf Zehenspitzen an ihm vorbei. Wenigstens einer von uns beiden sollte an diesem schrecklichen Tag friedlich schlafen dürfen.

„Ich nehme Hektor. Das ist der große Schwarze.“ Jérôme drückte mir den Sattel in die Hand. Er murmelte etwas wie: ‚Lanzen holen‘ und verschwand.

Ich wischte Staub vom Pferderücken, legte dem Rappen Satteldecke und Sattel auf, zäumte ihn und kraulte, da er mir so freundlich den Kopf entgegen reckte, seine Ohren.

„Heiliger Pferdemist, Kitt!“ Jérômes eilige Schritte ließen alle Pferdeköpfe in die Höhe schnellen. „Ich habe ganz vergessen: Du kannst Hektor nicht satteln, der hasst fremde Männer. Er hat zu viel Schläge bekommen in ... seinem ... Leben.“ Er lief langsamer, blieb schließlich stehen und starrte sein Pferd an. „Seine Ohren? Nicht einmal mich ließe er die so anfassen. Höchstens Agnès – sie ist eine Frau, weißt du. Denen vertraut er blind, der dumme Kerl.“

Um einen tiefen Brustton bemüht entgegnete ich: „Vielleicht habe ich ja einfach eine Hand für Pferde?“

Einen bangen Moment lang musste ich Jérômes nachdenklichem Blick standhalten.

„Entweder das“, fasste er dann zusammen, „oder der gute Hektor beginnt endlich, zu vergessen. Komm, wir müssen uns sputen! Hier nimm!“ Ehe ich mich versah, hielt ich statt Hektors Zügeln drei Lanzen in Händen, die sogleich mit mir machten, was sie wollten. Schnell fand ich heraus, wonach ihnen der Sinn stand: nach ‚zu-Boden-stürzen‘. So tapfer ich dagegen ankämpfte, die Stangen waren gut zweimal so groß wie ich, noch dazu in der Überzahl. Erst als ich ihnen zum Schein ihren Willen ließ und sie längs zum Erdboden senkte, konnte ich sie einigermaßen tragen. Ich traf sogar durch die Stalltür und kam nach draußen, ohne irgendwo hängen zu bleiben oder etwas umzustoßen.

Jérôme war längst aufgestiegen. Grinsend ließ er sich eine meiner hinterlistigen Stangen aushändigen, wog sie in der Hand, stellte sie hochkant in den Steigbügel und fragte, sein Pferd schon anspornend, ob ich es denn schaffe.

‚So eine blöde Frage: Gewiss schaffe ich das!‘, murrte ich vor mich hin, da er ja nicht wirklich eine Antwort erwartete, ‚Vorausgesetzt, ich breche nicht zusammen ...‘

Wenigstens gab es auf dem Weg durch die Stadt einen kurzen Moment des Ausruhens. Jérôme hieß mich auf ihn warten, um einem alten Bettler, der zu dieser frühen Stunde schon einsam auf dem Kirchplatz saß, eine Münze zu geben.

Die Turnierbahn war nichts anderes als ein breiter, grasbewachsener Streifen zwischen dem Kanal, der die Seine durch die Stadt führte, und der Stadtmauer. Dort lösten sich die Umrisse eines zweiten Ritters mit aufgerichteter Lanze aus dem Dunst. Auch an seiner Seite lief eine Gestalt, die weitere Lanzen mit sich trug. Allerdings war entweder die Gestalt kräftiger als ich oder die Lanzen waren leichter als meine. Der Junge trug sie mühelos, obwohl er dürr war wie ein Hering und obwohl ihm seine überlangen Arme und Beine eigentlich hätten im Weg sein müssen.

An der Stadtmauer angekommen, stellte der Hering die Lanzen mit der Spitze nach oben nebeneinander, also versuchte ich, es ihm gleich zu tun. Die erste Stange ließ sich fügsam an die Mauer lehnen, aber kaum hatte ich die zweite daneben, fiel diese um, riss die erste mit sich und beide stürzten auf mich hernieder. Ich konnte mir gerade noch die Arme über den Kopf reißen.

Das Gepolter entlockte Robert de Malincourt ein Lachen, wenn auch kein besonders vergnügtes. „Ihr solltet Eurem Knappen Narrenschellen an sein Wams nähen lassen!“, schlug er meinem Ritter vor.

„Wart Ihr nie jung?“, fragte ihn Jérôme. „Seid Ihr als reifer Mann vom Himmel gefallen – zusammen mit diesem himmelblauen Tüchlein an Eurem Ärmel?“ Das in seinen verschmitzt zusammengekniffenen Augen einem Narrenglöcklein gleichkam, hatte es doch die zarte Hand einer Dame um Roberts Arm geknotet. „Nun, da Ihr Euch ja von mir beleidigt fühlt“, hob Jérôme an, „... – und zwar allein dadurch, dass ich unter den Lebenden weile – ist es an Euch, die Regeln festzulegen: wie viele Durchgänge?“

A l‘outrance!“ Robert warf den Kopf in den Nacken. „Ich werde weder ruhen noch rasten, bis ihr tot seid. Ich sagte es bereits gestern!“

„Es war mir entfallen.“

Verständlich sogar, dass Robert, der ältere der beiden Ritter, sich veralbert vorkam. „Euch werden die Scherze vergehen“, schnarrte er, „wenn Ihr vergebens um Gnade winselt!“

„Somit wäre ja alles besprochen“, meinte Jérôme.

Robert wendete seinen braunen Hengst und preschte zum anderen Ende der Bahn. Angsterfüllt beobachtete ich, wie auch Jérôme Aufstellung nahm, den Schild vor den linken Arm holte, die Lanze nach vorne richtete und Roberts Hering zunickte, er sei bereit.

Der Knappe fühlte sich über alle Maßen wichtig, wie er da zwischen den beiden Rittern am Rande der Turnierbahn stand und die rechte Hand hob, um sie kurz darauf ruckartig zu senken. Noch im selben Moment sprangen beide Rösser aus dem Stand los und galoppierten aufeinander zu. Robert de Malincourts Brauner prügelte mit hastigen Hufen den Boden, trotzdem kam der Schwarze mit seinen weit ausholenden Galoppsprüngen schneller voran. Jérôme klemmte die Lanze unter den Arm und führte sie über den Pferdehals zur linken Seite. Auch Roberts Lanzenspitze deutete genau auf Jérôme. Dessen Schild – so groß und sperrig er auch war, wenn man ihn anheben musste – sah plötzlich nicht mehr aus, als biete er dem Mann dahinter großen Schutz.

Mein Herz klopfte wild, am liebsten wäre es auch davon galoppiert – und zwar weit, weit fort. Das laute Krachen der zerbrechenden Lanzen beendete mein stummes Gebet, alles möge nur bald vorbei sein, ganz gleich wie. Das erste, was mir in die Augen sprang, nachdem ich sie geöffnet hatte, war, dass niemand aufgespießt wurde. Das zweite, dass sich höchstens Robert das Genick gebrochen haben konnte. Denn Jérôme saß noch fest im Sattel.

Der Hering rannte zu seinem Herrn, um ihm aufzuhelfen. Robert, dessen Stolz offenbar mehr litt als seine Knochen, stieß den armen Jungen von sich. Ich war noch mit Aufatmen beschäftigt, da trabte Jérôme auf mich zu, stieg vom Pferd und zog sein Schwert. Er neigte den Kopf, um ihn mit meinem auf dieselbe Höhe zu bringen.

Autor

  • Susanne Keil (Autor)

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Titel: Schwarze Ritter küsst man nicht (Historischer Roman, Liebe, Humor)