Lade Inhalt...

Schwarze Ritter küsst man doch (Historischer Roman, Liebe, Humor)

von Susanne Keil (Autor)

2015 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die Champagne im Jahr 1105

Zu sticken, in der warmen Kemenate zu sitzen und dem Tratsch der Hofdamen zu lauschen, ist Hadelinde gar nicht mehr gewöhnt, nachdem sie ein Jahr lang der Knappe des berüchtigten ‚schwarzen‘ Ritters Jérôme de Montdragon war. Eine tiefe Freundschaft hatte die beiden verbunden und Jérôme hatte viel riskiert, um seinen weiblichen Knappen vor einer Enttarnung zu bewahren. Doch Hadelinde ist nicht mehr gut auf Jérôme zu sprechen seit einer gemeinsamen Liebesnacht, in der alles vollkommen war – bis auf den nächsten Morgen. Denn Jérôme zeigte sich außerstande, Hadelinde seine Gefühle einzugestehen.

Als am Hof von Jérômes Lehnsherren ein Mord geschieht, wird Jérôme dank der Intrigen seiner ehemaligen Verlobten Geneviève de Beaufort für den Täter gehalten und eingekerkert. Um das Leben ihres Freundes zu retten, schlüpft Hadelinde wieder in ihre alte Rolle als sein Knappe. Doch kann sie ihm glauben, als er, den Tod vor Augen, plötzlich von Liebe spricht?

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Neuausgabe Juli 2017

Copyright © Originalausgabe 2015, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-207-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-539-0

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung von Motiven von
© Evgeniya Litovchenko/123RF und © Nejron/CanStock

Korrektorat: Lennart Janson

Schwarze Ritter küsst man doch ist der zweite Teil der überarbeiteten Ausgabe des 2015 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienen Titels Wie der Teufel und das Weihwasser (ISBN: 978-3-94529-819-0).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

Schwarze_Ritter_2_Innentitel

Was bisher geschah

Vor einem Jahr betrat Hadelinde mit ängstlich klopfendem Herzen die halb verfallene Burg Montdragon. Ihr Auftrag lautete, dem gefürchteten schwarzen Ritter Jérôme de Montdragon eine Botschaft zu überbringen. Sie stammte von einer schönen Dame, die Hadelinde für seine Geliebte hielt. Doch auf Burg Montdragon war nichts so, wie Hadelinde es erwartet hatte.

Das wohlverpackte Bündel, das sie dem Ritter aushändigte, enthielt keineswegs ein Liebespfand, sondern einen toten Falken – eine Drohung von seiner ehemaligen Verlobten Geneviève de Beaufort.

Und die Begegnung mit dem schwarzen Ritter ließ Hadelinde durchaus die Knie weich werden. Allerdings weniger vor Angst, als vielmehr weil er ein Mann war, in den sie sich hätte verlieben können.

Ausgerechnet dieser gefürchtete schwarze Ritter ließ sich von den Knabenkleidern täuschen, die Hadelinde trug. Er machte sich Sorgen um diesen arglosen „Knaben“, der von Geneviève in ihre Intrigen mit hineingezogen worden war, und fühlte sich verpflichtet, „ihn“ in Zukunft vor weiblicher Hinterlist zu bewahren.

In dieser verzwickten Situation brachte Hadelinde es nicht über sich, ihre eigene Täuschung aufzuklären. So wurde sie unversehens zu Jérômes Knappen, obwohl es ihr eigentlich lieber gewesen wäre, „ihr“ Ritter hätte eine Frau in ihr gesehen und nicht den Jungen, den er so freundschaftlich „Kitt“ nannte. Doch das ungezwungene Leben an seiner Seite war ihr immer noch lieber, als zu ihrer Tante Adelgunde weiterzureisen. Bei der strengen Tante hätten Hadelinde bloß mit Ohrfeigen gewürzte Vorträge über damenhaftes Benehmen erwartet – wegen Hadelindes geplatzter Verlobung und weil es ihrer Tante ohnedies einfach nie recht zu machen war.

Jérômes Vertrauen in seinen neuen Knappen war so groß, dass er Hadelinde das Geheimnis um den Tod seines besten Freundes Bernard de Beaufort anvertraute. Jeder glaubte, Jérôme hätte Bernard in einem unfairen Zweikampf getötet, doch in Wahrheit waren die beiden Männer Opfer einer Intrige von Geneviève de Beaufort geworden.

Geneviève hatte ihren eigenen Bruder aus dem Weg räumen wollen, um Jérôme, ihrem zukünftigen Gemahl, eine herausragende Stellung am Hof seines Lehnsherrn Comte Thibaud zu verschaffen. Dazu hatte sie die beiden Männer während eines Turniers gegeneinander aufgebracht und jedem die Lüge aufgetischt, der jeweils andere hätte ein scharfes Schwert eingesteckt. Doch am Ende weigerte sich Jérôme, bei ihrem perfiden Plan mitzuspielen und seinen toten Freund als alleinigen Betrüger darzustellen. Stattdessen löste er seine Verlobung mit Geneviève und nahm alle Schuld auf sich. Bernard wäre mit dem vorgeschriebenen stumpfen Turnierschwert angetreten, behauptete er, er allein hätte betrogen und ein scharfes Schwert geführt. Das war seine einzige Möglichkeit, das Andenken seines Freundes nicht in den Schmutz zu ziehen.

Seither galt Jérôme als ein Mann, dem nicht einmal sein bester Freund trauen kann, und Geneviève hielt man für das arme Mädchen, dem gegenüber er sein Eheversprechen gebrochen hat. Mit all dem konnte Jérôme leben. Nur dass er wegen einer Frau seinen besten Freund auf dem Gewissen hat, traf ihn schwer, und auch, dass sein ehemaliger Lehrmeister Guillaume de Beaufort, der Vater von Geneviève und Bernard, mit ihm gebrochen hatte.

Während des Herbstbesuches bei Jérômes Lehnsherrn in Troyes, lernte Hadelinde Comtesse Melisende kennen. Die Gemahlin von Comte Thibaud hielt große Stücke auf Jérôme, sie schien sogar zu ahnen, dass hinter dem Tod seines Freundes Bernard etwas anderes stecken könnte, als alle glaubten. Doch Comtesse Melisendes Versuch, Jérôme etwas über den fatalen Zweikampf zu entlocken, wurde von ihm nur abgeblockt.

Geneviève hatte sich unterdessen wieder verlobt – mit Vicomte Robert de Malincourt, einem Cousin von Comte Thibaud. Der Vicomte nutzte das Zusammentreffen der Ritter bei Hofe für seine Zwecke. Er forderte Jérôme zu einem Zweikampf auf Leben und Tod heraus, um sich die Gunst der schönen Geneviève auf Dauer zu erhalten.

Jérôme galt nicht umsonst als der beste unter Comte Thibauds Rittern. Er besiegte den Vicomte mit Leichtigkeit und schickte ihn zu Geneviève zurück mit einer spöttischen Bemerkung: Er selbst ließe ihn ja am Leben, er übernähme jedoch keinerlei Verantwortung für das, was sie nach seiner Niederlage nun mit ihm machen würde. Eine Demütigung, die der Vicomte Jérôme noch lange nicht verzeihen sollte.

Hadelinde konnte also gut verstehen, warum Jérôme die Frauen als die gemeinsten und hinterlistigsten Wesen auf dieser Erde ansah und einen weiten Bogen um sie schlug.

Als Jérôme sie während der Eroberung der Burg Malville mit einem Pfeil in der Schulter vorfand, ließ es sich jedoch nicht mehr verhindern: In dem Moment, in dem er ihr Hemd aufschnitt, fiel sein Blick auf zwei ziemlich eindeutige Beweise dafür, dass sein Knappe garantiert kein Junge war.

Wutschnaubend brachte Jérôme Hadelinde zu einer alten Frau, die allein im Wald lebte und sie gesund pflegte. Hadelinde befürchtete schon, Jérôme nie wieder zu sehen, bis er dann, nach einigen Tagen, fast schon ein bisschen reumütig angeritten kam, um sie abzuholen.

Wieder zurück auf seiner eigenen Burg erschien Jérôme keine der gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeiten, Hadelinde irgendwo unterzubringen, gut genug. Sie in ein Kloster zu bringen, hätte er als sie einsperren empfunden; Comtesse Melisende zu bitten, sie als Hofdame aufzunehmen, hätte bedeutet, sie Genevièves Intrigen auszuliefern; und bei ihrer Tante, so befürchtete er, würde Hadelinde gegen ihren Willen an den nächstbesten Mann verheiratet werden. Hadelinde sollte darum bis auf weiteres als Knappe an seiner Seite bleiben. Ihr kleines Geheimnis, wollte er ganz einfach für sich behalten.

Wie schwierig es sich gestaltete, Hadelindes Geheimnis zu bewahren, erfuhren die beiden schon im Frühjahr, bei Jérômes nächstem Besuch am Hofe seines Lehnsherrn in Troyes. Jérôme musste Hadelinde aus den Fängen des Ritters Guy de Richemont retten, der glaubte, es mit einem besonders niedlichen Knaben zu tun zu haben. Jérôme schäumte vor Wut, als er sah, dass Guy sie vergewaltigen wollte. Er forderte Guy an Ort und Stelle auf Leben und Tod und tötete ihn nach einem kurzen Zweikampf.

Da er die Aufmerksamkeit nicht auf Hadelinde lenken wollte, indem er sie als Zeuge aussagen ließ, und Comte Thibaud auch sonst keinen guten Grund für Guys Tod nennen konnte, musste Jérôme sich einem Gottesurteil stellen. Er war gezwungen, einen ritterlichen Zweikampf zu bestreiten gegen Guys Knappen Josselin – dem er allerdings kein Haar krümmen dufte, denn Josselin war Hadelindes bester Freund. Josselin und „Kitt“ hatten sich bei der Belagerung von Malville kennengelernt, wo Hadelinde sich als ehemaliger Klosterschüler ausgegeben hatte, der bei einem erfahrenen Knappen wie Josselin Rat suchte.

Jérôme gelang das Kunststück, Josselin zu schonen und dennoch zu siegen. Comte Thibaud musste ihn freisprechen. Der Ruf, unberechenbar zu sein und grundlos auf andere loszugehen, haftete Jérôme jedoch weiterhin an.

Bei dem Turnier, das Comte Thibaud im folgenden Herbst veranstaltete, rettete Jérôme die Ehre von Troyes mit seinem Sieg über den besten Ritter der Gäste aus Blois. Comtesse Melisende und Yolande, die Tochter des Comtes aus erster Ehe, schmiedeten gemeinsam einen Plan. Dass Amor hier dringend Hilfe brauchte, war für die beiden nicht zu übersehen und so ließen sie Hadelinde ein Kleid zukommen, in dem sie als „Dame Adeline“ am abendlichen Festbankett teilnehmen konnte.

Jérôme scherte sich an diesem Abend den Teufel um seinen ehernen Grundsatz „keine Frauen“. Er und Hadelinde verbrachten eine wundervolle Liebesnacht miteinander.

Doch am nächsten Morgen zeigte Jérôme sich unfähig, Hadelinde – und auch sich selbst – seine Gefühle einzugestehen. Hadelinde fühlte sich daraufhin ausgenutzt und schon kam es zum Streit.

In dieser Situation bot Yolande Hadelinde an, ihre Hofdame zu werden. Hadelinde sagte zu, sie ließ ihr Leben als angeblicher Knappe „Kitt“ hinter sich und wurde „Dame Adeline.“

Jérôme hielt sie nicht auf.

Im Reich der Elfen

Wenn Männer sich unterhalten, haben sie Gesprächsthemen in Hülle und Fülle. Sie reden über die Ernte, über ihr neues Pferd, über den letzten Krieg, über den nächsten Krieg, über den Krieg an sich, über die letzte Jagd, über die nächste ... und so weiter. Frauen sind nur ein Thema unter vielen. In einem Zimmer voller Frauen ist das anders. Da gibt es nur ein Thema: Männer. Ob wir ihnen gefallen, wann wir ihnen gefallen, warum wir ihnen gefallen und wie wir uns geben müssen, um ihnen noch besser zu gefallen.

Es war entsetzlich. Nachdem ich ein ganzes Jahr lang ein sehr viel ungezwungeneres Leben als Jérôme de Montdragons Knappe geführt hatte, glaubte ich manchmal, in der warmen Kemenate zu ersticken. Ich vermisste mein Pony Puk und die Freiheit, es jederzeit für einen Ausritt aus dem Stall führen zu können. Um mein honigfarbenes Pony brauchte ich mich nicht zu sorgen, ein winzig kleiner Stalljunge hatte mir schon an meinem dritten Tag in Troyes voller Freude berichtet, er habe meinem Pony ‚Kunststücke‘ beigebracht – so nannte er Puks Unfug nämlich. Ich sprach es nicht aus, doch im Stillen fragte ich mich, wer sich um wen kümmerte: der Junge um das Pony, oder das Pony um den heimwehkranken Jungen, der von allen gehänselt wurde?

Mit meiner Freundin Yolande und mir verhielt es sich ähnlich. Comte Thibauds Tochter hatte mich in meinem Herzeleid bei ihrer Familie am Hof aufgenommen und ich schenkte ihr dafür einen Traum von Freundschaft und Abenteuer. Warum sollten wir nicht träumen, wenn uns Frauen schon sonst nicht viel blieb? In kalten Nächten rutschten wir im Bett zusammen und ich musste erzählen. Von meiner Ankunft auf Jérômes Burg und von dem seltsam herrischen Stallknecht, der mir dort begegnete – und der sich als der schwarze Ritter selbst entpuppte. Davon, wie ich bei der Eroberung der Burg Malville verwundet wurde und wie mich die alte Frau mit der Hakennase im moorigen Wald gesundpflegte.

Yolande seufzte, wenn ich ihr beschrieb, mit welchen Ängsten und Hoffnungen ich vor der Hütte saß und wartete. Sie jauchzte, wenn ich an der Stelle ankam, wo Jérôme mich hinter sich auf sein Pferd zog. Und wenig später klopfte ihr Herz so wild wie meines an dem Abend, an dem ich mich in das schwarze Zelt schleichen sollte, wo ihr Vater, Jérômes Lehnsherr, mich beinahe entdeckte. Aber am allerliebsten hörte sie, wie Jérôme mir am nächsten Morgen beim Anziehen helfen musste. Wie entsetzt er mich anstarrte, als ich ihm eröffnete, dass ‚Anziehen‘ in meinem Fall auch bedeutete, mir eine straffe Leinenbinde um die Brüste zu wickeln, damit niemandem die weiblichen Rundungen seines Knappen auffielen. Wie seine Hände – große, kräftige Hände, denen für gewöhnlich auf Anhieb alles gelang, was sie anpackten – zitterten und wie ihnen die Binde, die sie um eben diese weiblichen Rundungen wickeln sollten, immer wieder zu entgleiten drohte. Da kicherte sie, die kleine Grafentochter, und ich kicherte mit.

„Wir sind gemein“, prustete ich, „uns so über den armen Mann lustig zu machen!“

„Ja“, sagte Yolande. „Das ist nicht recht.“ Und kicherte weiter.

„Er wird kommen“, sagte sie in die Stille, die entstand, wenn ich meine Geschichte wieder einmal zu Ende erzählt hatte, bis zu unserem ‚Adieu‘ vor den Toren der Stadt. „Spätestens im Frühjahr kommt er und fragt dich, ob du ihn heiraten willst.“

Ich war ihr jedes Mal aufs Neue dankbar dafür, dass sie das sagte, wenn ich es am nötigsten hatte. „Ja“, sagte ich dann. Nicht weil ich daran glaubte, sondern weil ich müde war und weil ich weder sie, noch mich selbst vor dem Einschlafen enttäuschen wollte.

In Wahrheit hatte ich Angst vor dem Frühjahr. Angst davor zu sehen, wie Jérôme auf den Hof reitet, begleitet wird von einem kleinen Jungen – einem echten diesmal – der ungeschickt die Packpferde entlädt. Einem Jungen, den er aufgenommen hat, weil er sich aus lauter Mitleid einredet, er bräuchte einen Pagen. Eifersucht hat immer einen bitteren Geschmack, er ist auch dann nicht weniger scheußlich, wenn diese Eifersucht nicht das übliche Gesicht trägt.

So war ich wohl die Einzige unter den Hofdamen, der der Winter nicht lange genug dauern konnte. Im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass Yolande recht hatte. Frauen haben mehr Geduld als Männer. Sogar ich. Ich begann zu sticken – und was früher mein hitziges Gemüt noch mehr angefacht hatte, das beruhigte mich jetzt. Was ich früher für eine langweilige Tätigkeit gehalten hatte, mit der ich nur nie, nie, nie mein Leben vergeuden wollte, wurde nun zu meiner liebsten Beschäftigung. Meine Tante Adelgunde wäre stolz auf mich gewesen. Sie hätte überrascht mit ihrer sonst so strengen Augenbraue gezuckt und auf ihrer Stirn hätte man lesen können, was sie dachte: Endlich, endlich wird sie doch noch eine Dame. Meine Stiche waren fein und gleichmäßig. Nach Knötchen und aufgedrillten Fäden hätte Tante Adelgunde bis zum Jüngsten Tag suchen können – und hätte keine entdeckt. Nachdem ich festgestellt hatte, dass es gleichgültig war, ob ich meine Altardecke heute, morgen oder übermorgen vollendete, fand ich auch die Muße, die Nadel mit Bedacht zu dem Punkt zu führen, wo ich sie durch den Stoff stechen wollte. Altardecken zu sticken hielt ich in meiner Lage für angemessen, schließlich war ich als angebliche Witwe hier am Hof aufgenommen worden. Meine Werke würden bei der schönen Muttergottes-Statue in der Schlosskapelle liegen, der Gedanke gefiel mir. Wofür sollte ich auch sonst sticken?

Ich senkte meine Augen auf meine Nadelarbeit, erfreute mich an den entstehenden Blumen und Blütenranken, die nicht wie die Pflanzen draußen in kahle Winterstarre verfielen, und ließ das Geschwätz in der Kemenate an mir vorbei plätschern. Alix und Isabelle redeten ohnedies immer nur von der Liebe, und von Geneviève de Beaufort, Jérômes ehemaliger Verlobten, hörte man nie etwas anderes als Bosheiten. So sah ich auch gar nicht erst auf, als Geneviève einen sinnlosen Streit darüber begann, wer denn wohl der reichste, edelste und beste Ritter am Hofe sein mochte.

‚Ach Geneviève, vermähle dich doch endlich mit deinem Robert, der deinen Worten zufolge der Reichste, Edelste, Beste und Stärkste ist!‘, seufzte ich innerlich und ließ die Nadel durch den Stoff gleiten, um meine zarte Rose zu vollenden. Sie war mir gut geraten, vollkommen, wie eine echte Rose es niemals sein könnte. ‚Vielleicht wirst du ja dann glücklich sein. Falls du überhaupt weißt, was das ist: Glück.‘

„Aber beim Turnier hat nicht der Vicomte den goldenen Pokal gewonnen“, sagte Isabelle, die in ihrer rührend einfältigen Art immer noch nicht begriffen hatte, dass man Geneviève nicht ungestraft widersprach. „Der Sieger trug weder Eure Farben, noch andere. Er trug einfach nur schwarz.“ Isabelle errötete und versenkte sich wieder in ihre Nadelarbeit, so wie die guten Sitten es von ihr verlangen würden, falls jener schwarze Ritter leibhaftig vor ihr stünde und nicht nur in ihren Gedanken. Leider verdrehte sie die Borte, mit der sie ihr neues Kleid verzierte, und nähte sie mit eifrigen Stichen verkehrt herum auf. „Seinen Namen habe ich vergessen ...“

Sie hatte ihn nicht vergessen, da war ich sicher. Man hätte sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen können, sie hätte den Namen Jérôme de Montdragon gemurmelt mit einem Lächeln auf den Lippen, um sich dann umzudrehen und – immer noch lächelnd – wieder in ihre süßen Träume zurückzukehren. Ein einziges Mal erging es mir wie Geneviève de Beaufort, ich ärgerte mich über Isabelle. Musste sie diesen Mann erwähnen? Turnier hin oder her, man durfte einen einfachen Ritter vom Land nicht mit dem Vicomte vergleichen! Jérôme und meine Erlebnisse mit ihm, das waren Geschichten, die man einem jungen Mädchen erzählt – und auch das immer seltener. Man sollte ihn nicht in die wirkliche Welt holen, hierher, in diesen kleinen Raum, in dem sich so schon zu viele Menschen befanden.

„Jérôme de Montdragon!“, rief Alix und ließ vor Begeisterung ihr Stickzeug in den Schoß fallen. Im Gegensatz zu Isabelle bemerkte sie jedoch sehr wohl Genevièves Blick, der ihre Kleider hätte in Brand stecken müssen.

Mehr als ein unschuldiges: „Ja ...?“ drang zuerst nicht durch Isabelles Lippen. Sie gab vor, nachdenken zu müssen und runzelte ihre weiße Stirn. „Ja, ich glaube so hieß er.“

„Wie kannst du das vergessen, Isabelle?“, sagte Alix schnell und lächelte Geneviève beschwichtigend zu. „Du hast gefragt, warum es keine Dame de Montdragon gibt. Und ich habe dich vor ihm gewarnt, weil er sein Versprechen, Demoiselle Geneviève zu ehelichen, nicht gehalten hat.“

Isabelle versteckte sich hinter ihrer verdrehten Borte. „Er sah nicht aus wie ein übler Kerl“, murmelte sie.

„Das ist er aber, Isabelle“, erklärte Geneviève naserümpfend. „Ich kann von Glück reden – bin ich doch jetzt hier bei Euch, anstatt auf seiner kargen, abgelegenen Burg.“

„Alix hat mich gar nicht gewarnt!“ Isabelle, der aufgefallen war, dass sie alles wieder auftrennen musste, klappte verärgert den Saum des Kleides um. „Sie fand ihn herrlich verrucht und hat während des Turniers ständig auf seine Beine gestarrt.“

„Ma Demoiselle!“, tadelte Comtesse Melisende sie in der ihr eigenen freundlichen, aber bestimmten Art. „Eine Dame starrt einem Mann nicht auf die Beine – sei er nun verrucht oder, wie in diesem Fall, ein ehrenwerter Ritter! Ein Mann, der meinem Gemahl und mir treu ergeben ist.“

Alix beschloss, sich zur Wehr zu setzen: „Und wer sagte immer wieder: ‚Sieh doch nur, ach, sieh doch nur, mit welch leichter Hand er die Zügel führt!‘ – warst das nicht du, Isabelle? Du hast ja wohl kaum so von seinen Händen geschwärmt, ohne dabei davon zu träumen, sie berührten etwas anderes als ein paar Zügel!“

„Doch ich ...“ Isabelles Rechtfertigung ging ebenso in Genevièves schallendem Gelächter unter, wie Melisendes nächster Tadel.

„Warum lacht Ihr?“, fragte Alix als erste.

Auch Isabelle legte ihre Näharbeit nieder und erkundigte sich: „Ja, warum?“

Geneviève tat, als hindere sie das in ihr aufsteigende Bedürfnis zu kichern am Sprechen.

„Demoiselle Geneviève“, sagte die Comtesse, „würdet Ihr uns die Möglichkeit geben, Eure Erheiterung zu teilen?“

Geneviève nickte artig. Sie fächelte sich, vom Lachen ganz erschöpft, Luft zu und sagte: „Ja – wisst Ihr es denn nicht?“ Sie kostete unsere Unwissenheit weidlich aus. Dann beugte sie sich über ihr Stickzeug hinweg nach vorne. Ihr kalter Blick wanderte von einer zur nächsten, die arme Isabelle musste ihn am Längsten ertragen. „Jérôme de Montdragon, er – wie soll ich es sagen? Isabelle, er würde die Borte an deinem Kleid gar nicht bemerken, denn er fühlt sich nicht hingezogen zu ...“, Geneviève schöpfte ausgiebig Atem, obwohl man sich fragte wofür, schließlich wurde ihre Stimme immer leiser, „… Frauen. Ihr wisst doch, was man gerade besonders wohlgestalteten Männern nachsagt: Sie bevorzugen“, aus ihrer Kehle drang kaum noch mehr als ein Hauch, „hübsche Knaben!“

Dieser Hauch fror uns alle ein wie ein eisiger Dezemberwind.

Melisende fand als erste ihre Würde wieder, sie setzte sich zurück, fädelte einen neuen Faden ein und sagte: „So ein Unsinn.“

„Vielleicht hält er seine Liebschaften nur geheim“, meinte Isabelle, unschlüssig das Kleid in ihrem Schoß betrachtend.

„Tja ...“ Geneviève richtete sich auf, voller Stolz auf die Zweifel, die sie gesät hatte. „So wie die Dinge liegen, ist er zur Geheimhaltung ja wohl auch gezwungen.“

„Es steht uns Damen nicht zu, solche Behauptungen auszusprechen“, entschied Comtesse Melisende.

„Ihr habt recht, Madame, bitte verzeiht mir“, säuselte Geneviève. „Aber sagt, Ihr seid doch sehr vertraut mit ihm?“ Nach einem Schweigen, das lange genug währte, Melisende sämtliche Ängste einer schuldlos des Ehebruchs bezichtigten Frau durchleiden zu lassen, fuhr Geneviève ganz harmlos fort: „Sollte er je Gefallen an einer Demoiselle finden, wäret doch Ihr sicherlich die Erste, die es erfährt.“

Melisende fiel es schwer, Haltung zu bewahren. „Würde er gedenken, sich zu binden, wüsste ich wohl davon“, räumt sie ein. „Doch sollten wir daraus keine falschen Schlüsse ziehen. Schließlich stünde seiner Heirat ja auch das Eheversprechen im Wege, das er Euch gab, aber nicht hielt.“

„Hat er deshalb die Verlobung mit Euch gelöst?“, fragte Alix. „Oder warum seid Ihr Euch seiner ... Vorlieben so sicher?“

„Nein, die Verlobung mit mir hat er gelöst, weil er von Sinnen war“, stellte Geneviève klar. „Aber ist Euch noch nie aufgefallen, mit welch anrührender Fürsorge er um seinen Knappen bemüht ist? Um diesen kleinen Hänfling, der ihm doch kaum eine echte Hilfe sein kann?“

Wieder nannte man mich den Hänfling, der bestenfalls zum Lustknaben taugte! Yolande, die ahnte, wie zornig mich das machte, beschwor mich wortlos, still zu sein.

„Im Herbst“, wusste Geneviève zu berichten, „als die Männer gegen den Baron von Malville zogen, beharrte Montdragon darauf, dieser Knappe sei noch gar kein Knappe, sondern erst ein Page. Nur damit er nicht kämpfen musste. Und das, wo jeder sehen kann, dass der Junge min-des-tens vierzehn Jahre alt ist!“ Sie wiegte den Kopf hin und her, zog dabei die Lippen zu einer Spitze zusammen. „Schließlich wissen wir alle ...“ – Und wer es nicht gewusst hatte, der wusste es jetzt! – „... dass er der Sohn eines Elfen ist, man daher lange warten kann, bis ihm ein Bart sprießt.“ Geneviève hatte das Gerücht von meiner elfischen Herkunft also auch schon aufgeschnappt. Und sie legte es natürlich auf eine ganz besonders gemeine Weise aus. „Dass dieser Elfen-Junge so klein und so zart bleiben wird, ist ein Umstand, der Montdragon sicher sehr entgegen kommt.“

„Ihr meint ...“ Alix zog angewidert die Oberlippe hoch. „Er und dieser Junge, die ... – Oh, gütiger Himmel!“

„Ich meine es nicht“, verbesserte Geneviève und hob ihren Stickrahmen an. „Ich weiß es.“

Mir brach der Schweiß aus, aber auch Isabelle bot Anlass zur Sorge. Sie war bleich und atmete seltsam. Vor ihren starr nach vorn gerichteten Augen spielten sich gewiss wilde Orgien ab, wie man sie den alten Griechen nachsagt.

Geneviève sog genüsslich die Luft ein, um uns weitere Einzelheiten zu verraten. Was sollte sie tun, wenn wir so neugierig waren? Sie hätte sich ja lieber ihrem Stickzeug gewidmet deutete sie an, indem sie die Nadel kurz zur Hand nahm, dann aber wieder weglegte. „Robert sah die beiden, verbunden in einer innigen, zärtlichen ... nun, nennen wir es einmal nur: Berührung.“

Isabelle gab ein ersticktes Stöhnen von sich.

„Und das war noch längst nicht das Schlimmste“, legte Geneviève ein weiteres Scheit ins Feuer. „Das Schlimmste ist nämlich: Es war in der Kapelle!“

Isabelle verdrehte die Augen und kippte zur Seite. Alix war sofort bei ihr, um ihr Luft zuzufächeln.

„Das ist nicht wahr!“, hatte ich geschrien, ehe ich nachdenken konnte. „Damals war ...“ Ich schluckte das Wort: ‚ich‘ gerade noch herunter, doch es schmerzte wie ein Brocken, den man nicht gekaut hat. „Damals war der Junge traurig und Montdragon hat ihn nur getröstet.“ Verflucht, das hätte ich besser nicht gesagt!

„Getröööstet!“, flötete Geneviève. „Wie rührend. – Er hat den Jungen oft ‚getröstet‘ während Ihr in Montdragon weiltet, nehme ich an?“

Isabelle, gerade zu sich gekommen, fiel wieder in Ohnmacht.

„Neiiin!“, rief ich und fuchtelte in meiner Hilflosigkeit mit den Händen herum. „Nur dieses eine Mal, weil ... die Mutter von dem Jungen kurz zuvor gestorben war.“ Der Himmel verzeih mir meine Lügen! „Montdragon hat auch nicht mehr getan, als ihm die Tränen abzuwischen. Und mit in die Schlacht genommen hat er den Jungen deshalb nicht, weil er erst seit so kurzer Zeit bei ihm war und noch nicht gelernt hatte ...“

„A-ha!“ Geneviève lachte auf. „Das glaubt Ihr, Dame Adeline?“, fragte sie mich. „Dies Gerede, es sei unehrenhaft von einem Ritter, einen Knappen mit in die Schlacht zu nehmen, bevor er ‚reif‘ dafür ist? Ha, das könnte von meinem Vater stammen. Aber von Montdragon?“ Sie nahm ihre Nadel, stach sie mit einer an Anmut kaum zu übertreffenden Handbewegung in den Stoff und schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Niemals. Er sieht die Dinge, wie sie sind: Wer überlebt, wird alt, und wer stirbt, der ist tot.“

Na, sie hatte leicht reden hinter ihrem Stickrahmen! Was wusste sie davon, wie es ist, mit einem Pfeil in der Schulter unter einem Brombeerstrauch zu liegen und überzeugt zu sein, dass das letzte Stündlein geschlagen hat? Da war man froh über einen Ritter, der nicht aufgab, bis er seinen unerfahrenen Pagen gefunden hatte. Weil er die Dinge längst nicht so hart und mitleidlos sah, wie Geneviève uns auftischen wollte. Jérôme mochte in einer bestimmten Hinsicht ein Schuft sein, trotzdem erinnerte ich mich gern an seinen Traum von einer besseren Welt. Einer Welt, in der die einzigen Wesen, die er töten musste, böse Drachen waren.

„Dame Adeline“, sagte Geneviève, „ich kann verstehen, dass Ihr nur das Beste von ihm denkt, wo er Euch aufgenommen hat, als Ihr in Not wart. Doch in Eurer Gutgläubigkeit überseht Ihr einiges, das offensichtlich ist. – Sagt: Wie viel Zeit habt Ihr auf Montdragon verbracht?“

„Ich kam im September dort an“, antwortete ich, behielt aber für mich in welchem September. In Wahrheit hatte ich ja ein Jahr, nicht nur ein paar Wochen auf der Burg verbracht.

„Seht Ihr!“ Geneviève redete mit mir wie mit einem dummen Kind. „Ihr wisst gar nichts über diesen Mann.“ Sie widmete sich wieder ihrer Stickerei, allerdings nur, um einen Stich später umso heftiger aufzuschrecken. „Oh Dame Adeline! Ich vergaß vollkommen: Ihr habt ihn ja begleitet, auf dem Fest nach dem Turnier.“ Sie ließ das Stickzeug fallen und schlug sich die Hände an die Wangen. „Es muss ja entsetzlich für Euch sein, das zu hören, wo Ihr doch so ausgelassen mit ihm getanzt habt!“

Sie meinte keineswegs das, was das Wort ‚tanzen‘ gemeinerhand ausdrückt. Ganz im Gegenteil, sie spielte darauf an, dass Jérôme und ich so früh mit dem Tanzen aufgehört und uns auf sein Zimmer zurückgezogen hatten. Ich musste an diese Nacht denken und spürte, wie sich ein warmer Blutstrom über meine Wangen bis zu den Ohren hin ausbreitete. Nicht erröten, Hadelinde, nicht jetzt!

Geneviève heuchelte weiter Mitgefühl. „Ihr Ärmste!“, trällerte sie. „Hätte ich daran gedacht, dass ihr beiden miteinander ... Oh, teuerste Adeline, dann hätte ich Euch mit all diesen widerwärtigen Einzelheiten verschont.“

Geneviève hoffte, ich würde nun auch ohnmächtig, oder nähme zumindest vor Ekel eine grünliche Gesichtsfarbe an. Ich richtete den Blick auf mein Stickzeug. Betroffen, ja das war ich, nicht weil der Mann der mich geküsst hatte, wenige Stunden zuvor einen gewissen Pagen geküsst haben könnte, sondern Genevièves wegen. Sie neidete zwei Mädchen ihre goldenen Träume von einem schwarzen Ritter mit wohlgeformten Beinen und feinfühligen Händen, und sie neidete mir die paar Stunden, in denen ich einmal – ein einziges Mal – glücklich mit ihm vereint war. Warum gönnte sie niemandem irgendetwas?

„Dame Adeline, ja!“, rief Alix und strich Isabelle aufmunternd über den Rücken, „Ihr könnt uns bestimmt berichten, ob er ein Mann ist, wie jeder andere auch!“

Nun konnte ich es nicht mehr verhindern. Ich wurde rot. Isabelle, die allenfalls verschwommene Vorstellungen davon hatte, wie eine Frau herausfinden kann, ob ein Mann ein ‚Mann, wie jeder andere auch‘ ist, wetteiferte mit mir um die kräftigste Gesichtsfarbe.

„Wir haben doch nur getanzt“, stammelte ich und schalt mich einen Feigling.

Geneviève hob die Nasenspitze in die Höhe und schüttelte sie, wobei ihr Kopf sich zwangsläufig mit bewegte. „Ich bitte euch!“, sagte sie spitz. „Was beweist das schon? Er musste den Schein wahren an jenem Abend. Adeline hat er sich aus all den Damen gewiss um ihrer Schönheit willen erwählt. Weiß er doch einen kräftigen Knochenbau zu schätzen, liebt kantige Gesichtszüge und bevorzugt nicht so sehr eine zierliche, sondern eher eine etwas derbe Eleganz.“

So war es schlussendlich Isabelle, die am besten eine Hagebutte nachahmen konnte. Aus meinem Gesicht wich jegliche Farbe. Mir war zum Heulen zumute. Mochte Geneviève auch lügen, dass sich die Balken biegen, in einem gab ich ihr recht: Jérôme hatte nie eine ‚richtige‘ Frau in mir gesehen. Womöglich nicht einmal in jener Nacht.

Ich bekam nicht viel davon mit, wie um mich herum Stimmen laut wurden, allen voran die von Comtesse Melisende. Geneviève nahm ihre Zurechtweisung mit Würde entgegen. Sie wusste, sie bräuchte in der folgenden Zeit nur einen schiefen Blick auf mich zu werfen, um mir die Worte ins Gedächtnis zurückzurufen, mit denen sie mich damals beim Festmahl beleidigt hatte: ‚hässliche Kröte‘.

An diesem Abend betete ich zum ersten, aber nicht zum letzten Mal: ‚Lieber Gott, ich halte es hier nicht mehr aus – bitte lass irgendetwas geschehen!‘

Später wünschte ich mir oft, ich hätte es nicht getan.

Frühlingsstürme

Nach Mariä Lichtmess bekamen wir ungewöhnlich mildes Wetter. Die Sonne schien von ihrem Auf- bis zu ihrem Untergang mit ungebrochener Kraft. Sie ließ Wiesen und Wege abtrocknen – ein wahrer Segen für eine Stadt, in der so viele Waren umgeschlagen wurden wie in Troyes. Die ersten Händler beluden ihre Wagen und beteten, das Wetter möge anhalten, auf dass sie schon bald gute Geschäfte machen könnten.

Mir hatten es die Nächte angetan. Die Frühlingsstürme wehten geradewegs durch mein Herz und wirbelten darin alles durcheinander. Ebenso wie die Händler wäre auch ich lieber heute als morgen zu fernen Zielen aufgebrochen, nur wusste ich weder wohin, noch aus welchem Grund. Ruhelos geisterte ich durch den Palas, jeden Abend, sobald es dunkel wurde, denn dann frischte der Wind noch mehr auf. Die mitleidigen Blicke der Wachen begleiteten mich, sie hielten mich aber nicht davon ab, oben auf den Zinnen ins Freie zu treten, mir den flatternden Mantel um die Schultern zu ziehen und in unerreichbare Ferne zu starren. Dass eine Dame nachts heimlich über die Flure wandelt, war nichts Neues für die Männer. Dass sie statt des Geliebten nur den Wind traf, der durch ihr Haar strich und an ihren Kleidern zerrte – das hatten sie noch nie erlebt.

Wenn ich dann, durchgefroren bis auf die Knochen, wieder hinunter zu den Frauengemächern ging, in der Hoffnung, endlich Ruhe zu finden, schlief Yolande längst. Drei Wochen lang sagte sie kein Wort zu meinen nächtlichen Ausflügen, über die ich ja auch gar nicht hätte reden wollen.

Der Tag des Apostels Matthias machte seinem Ruf als Vorbote des Frühlings alle Ehre. Doch gerade weil der Frühling zum Greifen nah schien – und mit ihm das gefürchtete Wiedersehen mit Jérôme – kehrte ich in dieser Nacht eher als sonst meinem stürmischen, aber körperlosen Geliebten auf den Zinnen den Rücken. Obwohl mein Kopf sich leer anfühlte, war er gleichzeitig furchtbar schwer, dementsprechend gesenkt trug ich ihn durch das Schloss, bis zu dem Moment, in dem ich die Tür öffnete und zusammenfuhr. An Yolandes Bett stand eine dunkle Gestalt.

Wie so oft in meinem Leben schrie meine eilfertige Stimme schon aus Leibeskräften, bevor das Unglaubliche in meinen Verstand vordrang: Die Gestalt stach mit einem Dolch auf Yolande ein. „Lass sie!“, brüllte ich, „Verschwinde!“ und „Wachen hierher!“ und ich weiß nicht mehr, was noch alles. Gleichzeitig sprang ich mit geballter Faust auf den Eindringling zu. Das klingt mutig, ich weiß, nur muss man sich, um Mut zu beweisen, der Gefahr bewusst sein. Ich war mir dessen nicht im Mindesten bewusst, ich handelte einfach im guten Glauben, ich könnte das Schlimmste verhindern. Yolande käme mit einer hässlichen Narbe über der Brust, aber mit dem Leben davon, so glaubte ich, wäre ich nur schnell genug bei ihr. Es erstaunte mich, wie leicht sich der Eindringling in die Flucht schlagen ließ. Man würde ihn schon aufhalten, und selbst wenn nicht, galt es Yolande zu helfen. Alles andere hielt ich für unwichtig.

Ein Teil von mir drückte noch das Laken auf die Wunden an ihrem Herzen, redete noch auf sie ein, das sei gar nicht schlimm, das werde alles wieder gut, ja, ganz bestimmt. Der andere Teil von mir hatte längst die traurige Wahrheit erkannt: Yolandes Herz schlug nicht mehr. Ich kniete vor ihrem Bett und wünschte mir sehnlichst, aus diesem Alptraum aufzuwachen. Ihr Körper fühlte sich fremd an in meinen Armen, nun, da das Leben aus ihm gewichen war. Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, sie an mich zu drücken, sie hin- und herzuwiegen, auf dass der Lärm, der sich im Palas ausbreitete, ihren letzten Schlaf nicht stören solle. Daran, wer sie getötet haben könnte und aus welchem Grund, verschwendete ich keinen Gedanken. Ich trug die Schuld an ihrem Tod, das stand fest. Der Himmel hatte sie mir anvertraut, ein Ausgleich für die Schönheit, die mir selbst verwehrt geblieben war, ich jedoch hatte mich als unwürdig erwiesen.

‚Am liebsten wäre mir, du kämst als mein Page an den Hof‘, hatte sie gesagt und ihre Augen hatten geleuchtet. Ich erinnerte mich nur zu gut.

Oh, Yolande, wie gern wäre ich jetzt dein Held, der dich, nachdem er den Unhold besiegt hat, unversehrt in die Arme schließt! Was war ich dir für ein schlechter, was für ein schwacher Freund, stets damit beschäftigt, meinen eigenen, unerfüllten Sehnsüchten nachzulaufen! Ich war nicht bei dir, als du mich am dringendsten brauchtest.

Alix und Isabelle standen an der Tür, ich weiß nicht wie lange schon, sie hielten einander im Arm. Ihre Gesichter waren noch bleicher als ihre Nachthemden. Melisende legte mir die Hand auf den Rücken. Ihre Stimme hatte ich bereits vorher gehört, jetzt erst durchdrang sie den Nebel meiner Gedanken.

„Komm Adeline“, sagte sie, „steh auf und komm mit mir!“

Alle, die herbeigeeilt waren, traten einen Schritt zurück um Platz zu machen, für einen langen, würdevollen Morgenrock. Denn mehr sah ich zunächst nicht von Comte Thibaud.

„Mein Kind“, sagte er, dann wieder: „Mein Kind.“

Nun wurde mir klar, warum Melisende mich von Yolande wegziehen wollte. Comte Thibaud hätte mich zermalmt, er fiel vor Yolandes Bett auf die Knie, dort, wo ich kurz zuvor noch war. Er hob seine kleine Tochter aus ihrem Blut, trug sie in die Mitte des Raumes und richtete anklagende Blicke in die Runde. Ohne die Krone wirkte seine Stirn seltsam kahl.

„Wer?“, sagte er, aber die Schärfe seiner Stimme wollte so gar nicht zu seinen Tränen passen. „Wer hat das getan?“

Geneviève erschien in der Tür, hinreißend schön selbst in dieser unheilvollen Nacht. Ihr halb aufgelöstes Haar fiel über ihre Schultern, umspielte ihre vollkommenen Rundungen, die das Nachthemd nur sehr unzureichend verhüllte. Allein schon dafür, dass sie noch am Leben war, hätte ich sie erwürgen mögen. Wie konnte der Mörder, der sich doch offensichtlich vorgenommen hatte, alles Schöne von dieser Erde zu tilgen, sie übersehen haben?

Ein atemloser Wächter kam angerannt. „Das war Montdragon“, keuchte er. „Ich sah ihn ganz genau, als er aus dem Zimmer stürmte. Aber er kann nicht entkommen. Da müsste es schon mit dem Teufel zugehen!“ Das klang wie auswendig gelernt und die Wortwahl: ‚Ich sah ihn ganz genau, als er aus dem Zimmer stürmte‘, stand nicht nur im Widerspruch zu seiner grobschlächtigen Erscheinung, sie wollte ihm auch kaum über die Zunge kommen.

Ein Anflug von Leben blitze in Comte Thibauds Augen auf. Er löste sie von dem toten Kind in seinem Arm, um den Wächter anzusehen.

Mir musste jemand auf den Kopf geschlagen haben, anders konnte ich mir meine Benommenheit nicht erklären. Diese geschmeidige Diebesgestalt, die vor mir geflüchtet war, sollte Jérôme gewesen sein? Er sollte ein schlafendes Mädchen erstochen haben, das er kaum kannte?

„Nein“, hörte ich mich sagen. „Das kann nicht sein. So etwas würde er nie tun!“

„Ich kann es mir auch nicht vorstellen“, murmelte Melisende. „Wie genau habt Ihr den Mörder denn gesehen, Dame Adeline?“

„Ich habe ihn nur von hinten gesehen“, antwortete ich und gleich beschlich mich das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben. „Aber Montdragon ist groß, dieser Mann wirkte viel kleiner ... ich müsste mich schon sehr irren ...“ Kam mir das nur so vor, oder hörte mir keiner zu?

„Das wird er mir büßen!“ Die traurige Stimme des Comtes ließ es mir eiskalt den Rücken herunter laufen.

Es war töricht, aber um mir Gehör zu verschaffen, verlegte ich mich aufs Schreien: „Das ist doch verrückt! Wieso sollte er hierher reiten und mitten in der Nacht Yolande erstechen?“

„Verrückt? Ja, das ist er. Niemand weiß das besser als ich“, schniefte Geneviève. „Denkt nur an meinen Bruder, Gott sei seiner armen Seele gnädig!“

„Oder an Guy de Richemont“, sagte Alix und lockerte die Umklammerung, in der sie die zarte Isabelle hielt.

„Aber er ...“ Mein Blick fiel auf Melisende, die unauffällig den Zeigefinger in Richtung ihrer gespitzten Lippen hob. Da ich ohnehin nichts zu sagen wusste, befolgte ich ihren Rat und schwieg.

„Wer es auch war, die Wachen werden ihn dingfest machen“, sagte sie. „Dann sehen wir, mit wem wir es zu tun haben.“ Das erste vernünftige Wort seit langem, fand ich. Wie zur Bestätigung dafür, dass es im Schloss nur so wimmelte von Rittern und Wachen, die alle zusammen wohl in der Lage sein sollten, diesen einen Mann zu fangen, näherten sich polternde Schritte. Vicomte Robert de Malincourt trampelte auf den Comte zu und kam in gebührendem Abstand zum Stehen. Aber so sehr er auf seine Haltung bedacht war, der Comte überragte ihn doch um Haupteslänge.

„Er ist geflohen“, sagte Robert. Es dauerte eine geraume Weile, bis ich begriff: Dies war die schlechteste Nachricht, die er bringen konnte. „Es klingt unmöglich, aber irgendwie muss er unbemerkt aus dem Schloss gelangt sein.“

Die Ritter, die ihn begleiteten, scharrten verlegen mit den Füßen. Von den Damen war ich die Einzige, die einen Umhang über dem Nachtgewand trug, und das nur durch Zufall. Erstaunlich eigentlich, man sollte doch denken, wenigstens Geneviève, die so viel später als die anderen Frauen hier aufgetaucht war, hätte sich etwas übergeworfen. Aber dann fielen ihr ja nicht all die begehrlichen Blicke zu.

Isabelle zupfte Alix am Ärmel. „Oh, mein Gott“, wisperte sie, „Montdragon ist unbemerkt aus dem Schloss gekommen ... Das ist Zauberei!“

„Er hat es doch selbst gesagt“, hauchte Alix, deren Augen ins Leere starrten. „Beim Turnier. Er hat Eric du Lac das Schwert aus der Hand geschlagen und gesagt, er könne zaubern.“

Robert de Malincourt grinste die Mädchen an. Ihr abergläubisches Gerede plätscherte wie Wasser auf seine Mühle. „Zauberei oder nicht, ich werde mich dieser Sache annehmen, wenn Ihr erlaubt, Sire“, sagte er beflissen.

Vom Comte kam nichts als ein raues, abwesendes: „Ja.“

Malincourts Augen leuchteten auf. „Doch ich finde, wir sollten nichts überstürzen“, erläuterte er Comte Thibaud, obwohl der ihm gar nicht recht zuhörte. „Auch wenn er nur ein einzelner Mann ist – Jérôme de Montdragon ist gefährlich! Es hat keinen Sinn, ihm nachzusetzen, ehe wir nicht genug Leute beisammenhaben und gerüstet sind, für den Fall, dass er sich auf seiner Burg verschanzt.“

Die wollen Jérômes Burg erstürmen, dachte ich, das meinen sie doch nicht etwa ernst, oder?

„Es ist mir gleichgültig, wie Ihr es anstellt und wie viel Mann Ihr dafür braucht“, sagte Comte Thibaud, und – kein Zweifel! – er meinte es ernst. „Bringt ihn her!“

„Ich werde alles in die Wege leiten.“ Malincourt machte sofort auf dem Absatz kehrt, um zu zeigen: Er ließ seinen Worten Taten folgen. Aber einmal musste er noch innehalten.

„Und, Cousin ...“, rief der Comte ihm nach.

„Ja, Sire?“

„Ich will ihn lebend.“

In meinem Hinterkopf reifte ein Plan. Einer meiner üblichen, ein wenig unzureichenden Pläne, aber ich musste etwas unternehmen. Malincourt und seine Getreuen verbreiteten Unrast und Waffengeklirre im ganzen Gebäude, Comte Thibaud trug sein totes Töchterchen aus dem Raum, da bemerkte niemand, wie ich zu meiner Kleidertruhe schlich. Niemand, ausgenommen Melisende. Ihre Miene blieb unbewegt, sie schloss nur die Augen, aus denen daraufhin die Tränen noch schneller tropften, und nickte kaum sichtbar.

Ich hatte es ihm versprochen. Ich hatte Jérôme versprochen, mich nie wieder mit meinem Pony aus einer befestigten Stadt zu schleichen, zwischen kahlen Bäumen die Kleider zu wechseln und zwei Tage lang allein durch die Lande zu reiten. Ich tat es trotzdem. Der einzige Tribut an meine Sicherheit war die Nacht, die ich auf halber Strecke bei den freundlichen Mönchen in Trois Fontaines verbrachte und in der ich überhaupt keinen Schlaf fand. Zuerst befürchtete ich, Robert de Malincourt könnte mit seinen Männern ebenfalls eintreffen. Später, nachdem die Sonne untergegangen war und somit feststand, dass heute niemand mehr hier ankäme, lief ich immer noch unruhig in der Zelle hin und her. Jetzt fragte ich mich voller Sorge, ob er näher an Montdragon sein Lager aufgeschlagen haben könnte, weil er das Tageslicht besser genutzt hatte als ich. So verließ ich das Kloster beim ersten Morgengrauen ohne ein Auge zugemacht zu haben und zog ein übellauniges Gesicht, als die Mönche mich baten, Seigneur de Montdragon die besten Grüße zu bestellen.

Ich erreichte mein Ziel am Mittag des zweiten Tages – eine bemerkenswerte Leistung für mein träges, kugelrundes Pony. Und für meine Waden. Doch der Anblick der Burg erfüllte mein dampfendes Reittier, das sich einen gemütlichen Stall und Berge von Heu erhoffte, mit mehr Begeisterung als mich. Montdragon hatte sich verändert. So erfreulich diese Veränderung auch war, manchmal ist man zu verstört, um Veränderungen willkommen zu heißen. Ich hätte mir gewünscht, wenigstens die alte Burg wäre geblieben, wie ich sie in Erinnerung hatte. Es herrschte geschäftiges Treiben im Burghof, wobei das hier nicht dasselbe bedeutete, was es woanders bedeutet hätte. Der Eindruck von Geschäftigkeit kam auf Montdragon schon durch zwei Männer zustande, die sägten und klopften, um – es war nicht zu fassen! – ein Häuschen an die äußere Burgmauer zu bauen. Alles deutete darauf hin, dass Jérôme endgültig seine eigenen halbherzigen Versuche aufgegeben hatte, den Verfall der Burg mit kreuz und quer übereinander genagelten Brettern eher zu beschleunigen, als aufzuhalten.

Da ich nach dem Absteigen auf den Turm zulief, ohne mich weiter um den armen Puk zu kümmern, kam der ältere der beiden Männer auf mich zu. Ob er das Pferd in den Stall bringen, absatteln und mit Stroh abreiben solle, fragte er. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, schaffte es aber zu nicken.

In der Halle stieß ich beinahe mit Jacques zusammen.

„Hoppla“, sagte er. „Da freut sich aber gleich jemand!“

„Wo ist er?“, schnaufte ich atemlos.

„Jérôme? Der‘s oben. Vermut ich je‘nfalls.“

Als ich Jacques das letzte Mal gesehen hatte, war sein jüngerer Ziehbruder für ihn noch ‚der feine Pinkel‘ gewesen und er hatte ihn ‚Montdragon‘ genannt. Jetzt sprach er plötzlich von Jérôme, wie von jemandem, mit dem man gerne einmal zusammen zecht. Doch ich nahm mir vor, mich später darüber zu wundern. Also nickte ich nur und wollte weiter.

Jacques hielt mich am Arm. „Vorher solltest aber was wiss’n: Hier ... hat sich 'n bissch’n was verändert.“

Nach dem langen Winter in Troyes am Hof von Comte Thibaud brauchte ich einen Moment, bis ich mich wieder in die silbenverschluckende Aussprache der einfachen Leute eingehört hatte.

„Ja“, bestätigte ich Jacques. „Dass sich hier einiges verändert hat, ist nicht zu übersehen.“

Er hat sich verändert“, sagte Jacques.

Ich glaubte immer noch, der Wind hätte mir zu viel um die Ohren gepfiffen auf dem schnellen Ritt. Man muss tiefe Gefühle für jemanden hegen, von dem man in dieser Weise spricht. Gefühle, die von Bewunderung über Zuneigung reichen bis zur ... Sorge?

„Einerseits isser leutseliger geworden. Hat‘n alten Pferdehirt aufgenomm’n und zugstimmt, dass mein Schwiegersohn uns manchmal aushilft, wenn hier‘n paar Händ’ gebraucht wer’n. Andrerseits ...“ Jacques atmete tief durch. „Andrerseits kann's passier’n, dass er völlig besoff... ich mein, dass er betrunk’n ist, wenn du ihn da oben treff’n tust.“

„Am hellen Tag?“

„Ich sach: Kann sein, nicht, dass's sein muss“, entgegnete er schroff, aber einzig und allein weil er sich wie ein Verräter fühlte. „Kennst ihn doch“, schob er nämlich nach. „Ausred’n lässt er sich‘s nicht. Und wenn er behauptet, das wär nu mal der Fluch der Montdragons ... – Was soll ich da noch sag’n?“ Jacques war besorgt, das stand nun fest.

„Ich verstehe.“

„Also, klopf leise an, falls er erst zu sich komm’n muss. Vielleicht wird's ja alles wieder besser – jetzt, wo du da bist.“

Na, dachte ich, das glaube ich kaum.

Jérôme war nicht betrunken. Ihn nüchtern zu nennen wäre trotzdem übertrieben, seltsam ist das bessere Wort. Ich hatte angeklopft, ein lautes, vernehmliches: „Komm rein!“ zur Antwort bekommen, aber er starrte weiter durch das winzige Fenster in die Ferne. Trotz der gebotenen Eile brachte ich es nicht über mich, ihn vorzeitig aus seinen Gedanken zu reißen.

Sein: „Ja, was ist denn?“, klang tatsächlich wie nach einer weinschweren Nacht. Mit dem Scheren des Bartes nahm er es auch nicht mehr so genau wie früher, stellte ich fest, als er sich zu mir umdrehte. Die dunklen Stoppeln erschwerten es mir, das Zucken um seine Mundwinkel zu deuten. War das ein freudiges Zucken oder nur ein Ausdruck von Überraschung? „Du?“, sagte er. „Du bist hier? Verdammt, warum sagst du nichts? Ich dachte, es wäre Jacques oder Pierre. Nein, Paul heißt der Pferdehirte. Oder doch Pierre?“

„Mir fehlen die Worte“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Jérôme ...“

„He! Sollten zwei alte Freunde sich nach so langer Zeit nicht erst einmal in die Arme schließen?“ Sein Gerede von den alten Freunden verwirrte mich, es passte nicht zu den liebevoll ausgesprochenen Worten, mit denen er mich begrüßt hatte. Außerdem fand ich es lächerlich, wie er mir die Hand reichte, mich am Unterarm packte, an sich zog und mir auf den Rücken schlug. Als wäre ich nicht einen ganzen Kopf kleiner, nicht halb so breit wie er und gehörte nicht zu jenen weiblichen Wesen, vor denen er mich einst so eindringlich warnte. Schön war es trotzdem.

„Jetzt erzähle!“, forderte er mich auf, seine Hände immer noch an meine Oberarme gepresst. „Wie geht es dir?“

Ich hätte ihm ja gerne berichtet, wie ich, sein früherer Knappe, große Abenteuer erlebt hatte, seinem Ton nach zu urteilen, erwartete er das nämlich. Leider konnte ich ihm nichts anderes erzählen als die bittere Wahrheit.

Das war ja alles zu ertragen, solange er mich festhielt. Wenig später rannte er im Zimmer hin und her und machte mich ganz kribbelig mit dem Geklingel seines Kettenhemdes, von dem ich nicht einmal wusste, warum er es trug – zu Hause in seinen eigenen vier Wänden.

„Wieso?“ Nun hämmerte er auch noch mit den Fingerkuppen auf seiner Stirn herum. „Wieso, um alles in der Welt, sollte ich Yseult erstechen?“

Herrje, Jérôme und sein schlechtes Gedächtnis für Namen. Daran hatte sich jedenfalls überhaupt nichts geändert.

Yolande!“, verbesserte ich ihn und merkte, wie der Name mir die Tränen in die Augen trieb.

Jérôme blieb stehen. Ich schickte ein kleines Dankgebet zum Himmel, immerhin: Das Klingeln hatte ein Ende.

„Wie weit hast du den Vicomte hinter dir gelassen?“

„Wenn ich das wüsste!“, antwortete ich. „Ich habe mein Pony angetrieben, wie es nur ging. Aber ich kann dir nicht sagen, ob er nur berittene Männer bei sich hat oder auch Fußvolk, Rammböcke, Steinschleudern ...“

„Rammböcke?“, wiederholte Jérôme. „Steinschleudern?“

„Jérôme, dass sie die Wehrhaftigkeit von Montdragon überschätzen, ist doch gleichgültig. So oder so: Wir müssen fliehen! Ich meine, du musst fliehen – und ich komme mit.“

„Du kommst mit?“ Drei wunderschöne wehmütige Falten entstanden über seinen Augenbrauen, Falten, denen ich bis ans Ende der Welt folgen würde. „Aber ...“ Er schluckte. „Ich kann nicht fliehen. Ich habe nichts getan, mithin besteht kein Grund dazu. Ich kann das hier nicht einfach im Stich lassen.“

„Seit wann liegt dir so viel an diesem Stück Land?“

„Es geht nicht um das Land, es geht um die Menschen. Du kennst doch Malincourt! Wenn ich fort bin, rächt er sich an allem, was er vorfindet. Er lässt die Burg schleifen, aber es wird ihm nicht reichen, seine Wut an leblosen Steinen auszulassen. Was das für die Leute im Dorf bedeutet, brauche ich dir wohl nicht näher zu beschreiben ...“

Jérôme beschämte mich. Er sorgte sich um das Schicksal jedes einzelnen Bauern, und obwohl das unsere Lage noch schwieriger machte, als sie ohnehin schon war, brachte ich es nicht übers Herz, deshalb an ihm herumzumäkeln.

„Ich muss mit ihm nach Troyes reiten, mir bleibt nichts anderes übrig“, sagte er. „Dort wird sich alles aufklären.“

„Um Himmels willen, Jérôme!“, rief ich, weil ich glaubte, je lauter ich sei, desto eher verstünde er es. „Niemand will etwas aufklären. Sie wollen einen Schuldigen.“

„Du hast doch gesagt, es klang wie auswendig gelernt, was dieser Wächter vortrug. Da schiebt mir jemand etwas in die Schuhe. Das ist doch offensichtlich.“

„Ja, es ist offensichtlich für mich und für jeden, der dich gut kennt. Also doch nur für mich ... Na ja, lassen wir das! – Das Problem ist: Wer soll denjenigen finden, der alles geplant hat, wenn du im finsteren Kerker schmachtest?“

„Na du.“ Für ihn war es das Einfachste auf der Welt. Es amüsierte ihn sogar. „Schmachten, ja? Kitt, Comte Thibaud lässt mich doch nicht schmachten! Er stellt mich in einem Turmzimmer unter Bewachung. Mehr nicht.“

„Wenn du dich da mal nicht irrst ...“ Es fiel mir schwer, Jérômes Zuversicht zu teilen. „Davon abgesehen: Wie soll ich denn den wahren Mörder finden? Selbst wenn ich ihn finde: Wer wird mir Gehör schenken?“

„Dir wird etwas einfallen, du bist schließlich nicht auf den Kopf gefallen“, sagte Jérôme, dessen Gedanken längst in eine andere Richtung galoppierten. „Zum Zweiten: Man muss dir Gehör schenken. Du bist mein Knappe, schon vergessen?“

„Jérôme, dein Vertrauen ehrt mich ja, aber ...“ Doch ich redete nur noch mit der aufstehenden Tür.

„Jacques!“, erklang draußen Jérômes Stimme im Befehlston. Ich seufzte und folgte ihr.

Jacques kam angerannt und seine Frau Odile gleich mit.

„Lauf ins Dorf“, wandte Jérôme sich an Jacques. „Die Leute sollen alles steh’n und liegen lassen und in die Burg kommen. Hier wird es bald – sagen wir mal: brenzlig.“

„Das mach ich, wenn’s recht ist“, sagte Odile zur Überraschung der beiden Männer. „Mit‘m Esel bin ich viel schneller als Jacques zu Fuß.“

Jacques sah ihr nach, wie sie zum Stall rannte. „Irgendwann“, murmelte er vor sich hin, „bricht die sich noch‘n Hals mit meiner Mutter ihr’m alt’n Esel ...“

Jérômes lange Beine trugen ihn zur Küche, kurz darauf kehrte er mit einem brennenden Kienspan, den er sorgsam mit seiner linken Hand gegen Zugluft schützte, zurück. „Ihr beiden kommt mit mir“, sagte er und lenkte seine Schritte über die alten Steinstufen hinab zu den Kellergewölben.

„Verdammt Jérôme, warum legst du dir nicht gleich eine Schlinge um den Hals und hängst dich auf?“, schrie ich hinter ihm her. „Wenn Malincourt das Dorf menschenleer vorfindet und du dich hier oben verschanzt hast, siehst du wieder einmal so schuldig aus, wie man überhaupt nur aussehen kann!“ Inzwischen hatte ich Jérôme eingeholt, um genau zu sein: Ich stieß mit ihm zusammen, denn er war stehen geblieben, um den Kienspan in den Halter zu klemmen.

„Ich weiß“, sagte er düster. Früher hätte ich in seinen harten, vom Fackellicht verzerrten Zügen einen Teufel oder einen Dämon vermutet, heute sah ich dort nichts als Kummer. „Aber während ich hier oben meine Unschuld zur Schau trage, steckt Malincourt unten das Dorf in Brand. Und mir es ist lieber, er steckt ein leeres Dorf in Brand – wenn das dunkle Schatten auf das Leuchten meines Heiligenscheins wirft, dann ist es eben so.“ Jérôme drehte sich um und lief weiter. „Du sagst doch, alle halten mich ohnehin für den Mörder“, brummte er. „Also: Wo ist der Unterschied?“

Jacques schloss zu mir auf. „Was soll'n das Gerede von Schuld und Mörder?“, fragte er in einem Ton, der auf den Zusatz: ‚Jérôme tut doch keiner Fliege was zuleide‘, warten ließ.

„Natürlich ist es blanker Unsinn“, antwortete ich, „aber er soll die Tochter des Comtes umgebracht haben.“

„J-ja!“, knurrte Jérôme vor uns mit solcher Schärfe zwischen den Zähnen hervor, dass Jacques zusammenzuckte. „Und das, wo ich doch gar nicht in Troyes war!“

Jacques sagte nichts mehr. Er schlurfte schweigend hinter Jérôme her bis in den Weinkeller, half ihm schweigend die lose Steinplatte anzuheben. Als Jérôme sich vor der Truhe auf ein Knie niederließ und den Deckel aufklappte, blieb dem armen Jacques sowieso erst einmal jedes Wort im Halse stecken.

„Dann isses also wahr!“, brachte er schließlich hervor, nachdem er drei- oder viermal geblinzelt hatte.

„Ja“, sagte Jérôme. „Das hab ich damals auch gedacht.“

Jacques Erstaunen verwandelte sich in ohnmächtige Wut. „Das heißt ja, der alte Drache hat wirklich die ganze Zeit mit sei’m fetten Hintern auf'm Geld gesess’n! Und uns hat er nichts gelass’n. Der hat's doch nicht mal nötig gefund’n, sich drum zu kümmern, dass wenigstens du was zu beiß’n hast! Nee, der hat dich als Säugling einfach bei meiner Mutter abgegeb‘n und die konnt‘ dann zuseh‘n, wie se dich durchbringt. Jahrelang.“ In Jacques Worten schwang ein schlechtes Gewissen mit. Er hatte es seinem sehr viel jüngeren Ziehbruder immer übel genommen, dass seine Mutter seinetwegen statt zwei, plötzlich drei kleine Mäuler zu stopfen hatte. Doch war Jacques wahrscheinlich noch nie so klar gewesen wie in diesem Moment, dass Jérôme gar nichts dafür konnte. Dass er damals einfach nur ein Neugeborener war, dessen Mutter gestorben war und der eine Amme brauchte. Und dass es an Jérômes Vater gewesen wäre, die arme Agnès dafür zu entlohnen.

„Tja ...“, schnalzte Jérôme frostig, „es geht doch nichts über 'nen liebenden Vater, oder?“

„Also – also, der kann ja nimmer richtig im Kopf gewesen sein! Hat einfach zu viel gesoffen, der Alte.“ Jacques erntete einen gestrengen Blick, wie er ihn in letzter Zeit wohl öfter gesehen hatte, wenn er Jérôme vom Trinken abhalten wollte.

„Regen wir uns nicht auf! Er ist tot“, entschied Jérôme und begann in der Truhe herumzuwühlen. „Ah, da sind sie ja!“ Er zog unter den Geldstücken einige Säcke hervor. „Helft mir, sie zu füllen! Wir müssen den ganzen Mist verstecken.“ Er sagte nicht Geld. Er sagte Mist.

„Aber ...“ Jacques betrachtete zweifelnd Jérômes Hände, die die Geldstücke in einen der Säcke schaufelten. „Findeste nicht, dass‘s hier ganz gut versteckt war?“

„Viel zu gut! Darum will ich es ja dort verstecken, wo man es findet. Man soll über die eine oder andere Münze stolpern und sich aufgefordert fühlen, nach mehr zu suchen. Ich gedachte, es in den Mauerritzen im Turm zu verteilen. Los beeilt euch!“

Sechs Hände, die Geld in Säcke rafften, sowie Jérômes Eifer gaben mir das Gefühl, noch wäre nicht alles verloren.

„Du hast doch etwas vor!“, gluckste ich voller Vorfreude in das Klingen der Münzen hinein, ohne zu wissen, worauf ich mich freute. „Du hast irgendeinen ... großartigen Plan, ich weiß es.“ Es ging mir wie es meinem Freund Josselin, so oft gegangen war, mir fiel in meiner Begeisterung für Jérômes ausgefallene Ideen einfach kein anderes Wort ein. „Du lenkst Malincourts Männer ab und dann streckst du sie alle der Reihe nach nieder, ja?“

Jérôme hielt einen Augenblick lang inne. „Ich muss dich enttäuschen. Ich werde niemanden niederstrecken“, sagte er. „Wenn ich die Leute schon aus dem Dorf hole, sollen sie hier auch sicher sein. Das ist alles.“ Die Münzen unter seinen Händen klingelten in meinen Ohren nicht mehr so vergnügt wie zuvor. „Soldaten, die Schätze suchen, haben keine Zeit, jemandem Leid zuzufügen.“

„Du glaubst, Malincourt lässt die Burg plündern?“

„Glauben?“, schnaubte Jérôme. „Der lässt plündern!“

„Aber wenn er das ohnehin tut, kannst du doch auch fliehen.“

„Nein. Plündern, was plündernswert ist, und keinen Stein auf dem anderen lassen ist zweierlei – glaub mir!“

Ich mochte es nicht, sein: ‚glaub mir‘. Weil es vor Erfahrung und vor Überzeugungskraft nur so troff.

„Dann brauche ich auch Geld!“ Ich zwängte mich zwischen die Männer. Jérôme sorgte sich um die Bauern – gut, dann war für die ja gesorgt. Ich sorgte mich um ihn, und das tat niemand außer mir. „Ich werde die Wachen von deinem Kerker bestechen müssen und ... – was weiß ich, wen man da so alles bestechen muss, ich war noch nie im Kerker – womöglich sogar den Henker.“

„Kitt, du übertreibst. Gewiss, Malincourt wird mir j­­e­de seiner Niederlagen vergelten, aber erst einmal in Troyes bin ich sicher. Comte Thibaud ist ein gerechter Mann. Er wird nach dem wahren Mörder suchen lassen, sobald auch nur eine Kleinigkeit auf meine Unschuld hindeutet. Eine Kleinigkeit, die du ihm notfalls liefern musst.“

„Du hast ihn nicht gesehen mit der toten Yolande im Arm. Ihm liefen die Tränen über die Wangen“, sagte ich und endlich gelang es mir, Jérômes Zuversicht zu erschüttern. „Er denkt nicht mehr darüber nach, ob du sie ermordet hast. Er denkt nur noch darüber nach, was er dir antun kann.“

„Comte Thibaud hat geweint?“ Das befand sich jenseits von allem, was Jérôme sich vorstellen konnte. „Ja, er hing sehr an seiner Tochter. Sie zu verlieren, das muss ...“ Seine Stimme versickerte zwischen den Steinplatten am Boden.

Mochten ihm die Worte fehlen, mir fehlten sie nicht: „... das muss ihn wütend machen. Sehr, sehr wütend! Glaubst du mir jetzt?“

„Sie hat recht“, schlug Jacques in meine Kerbe, verstummte aber sogleich, verschreckt durch seine eigenen Worte, die in der Stille des Weinkellers schwebten. „Ähm, ich wollt sag’n: Kitt hat recht. Hör auf sie ... auf ihn ...“ Jacques holte tief Luft. „Hör auf Kitt und denk auch mal an dich! Selbst wenn dein Comte noch so'n gerechter Mann ist.“

„Also gut“, nickte Jérôme. „Nimm ein paar Münzen mit.“

Einen letzten Versuch war es noch wert, beschloss ich: „Jérôme, wollen wir nicht doch fliehen? Die Leute können sich hier unten verstecken, bis die Wut des Vicomtes verraucht ist. Und seine Männer besänftigt das Geld.“ Ich wollte ihm vortragen, wie mein Vater uns mit offenen Armen empfing. Nicht, weil er sich freute, mich zu sehen, sondern wegen des erfahrenen Ritters, der mich begleitete und der fortan in seinen Diensten stehen würde.

Doch Jérôme setzte mit seinem: „Nein!“ meinen Ausführungen ein Ende, noch bevor ich mit ihnen begonnen hatte. Sein empörter Blick traf zuerst mich, dann Jacques, der bereits Luft holte, um mir beizupflichten. „Meinst du auch, ich soll fliehen?“, fragte Jérôme ihn in einem Ton, der den Widerspruch geradezu befahl.

Jacques ließ sich nicht beirren. „Ich weiß nicht, wie‘s bei dei‘m Comte am Hof zugeht. Ich weiß nur eins: Was so‘n Henkersbeil abtrennt, das wächst nimmer nach. Und bei dir wär‘s der Kopf.“ Das entsprach nicht annähernd dem, was Jérôme hören wollte.

„Herrgott noch mal!“ Jérôme sprang auf und brachte sogar den Beutel in seinen Händen dazu, ein eindeutig zorniges Klingeln von sich zu geben. „Ein Drache kommt auf uns zu – und ich soll davonlaufen, statt mich ihm entgegenzustellen, nur weil er ein bisschen gefährlicher ist, als erwartet, ja? Falls ihr es noch nicht begriffen habt: Ein Drache ist eigentlich gar nicht zu besiegen und jeder, der sich ihm nähert, läuft Gefahr, sein Leben zu lassen. Genau darin besteht die Herausforderung. Eine kleine Eidechse töten kann schließlich jeder Feigling.“

„Das ist etwas anderes“, rief ich. Wenn hier einer begriffsstutzig war, dann er, nicht wir. „Robert ist kein Drache und …“

„Er ist mein Drache“, unterbrach Jérôme mich. „Einen anderen wird mir der Himmel niemals schicken. Natürlich“, räumte er ein, „stellt man es sich ruhmreicher vor: ein feuriges Ross, das sich aufbäumt, ein Schwert, das in der Sonne glänzt, ein umjubelter Sieg ... Doch dem Siegen, pflegte mein Lehrmeister zu sagen, wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Seinem Herzen treu zu bleiben, ist das Einzige, was zählt. Und nun seid still, sonst besinne ich mich darauf, dass ich mich um all diese schönen, edlen Worte schon seit Jahren den Teufel schere!

Drachenhauch

Oh ja, Jérôme scherte sich den Teufel um schöne, edle Worte. Er durchmaß mit großen Schritten den Burghof, wo er alles seinen Vorstellungen gemäß ordnete. Die armen Bauern schrie er erst einmal an, obwohl sie beim Betreten der Burg schon verschüchtert genug dreinblickten, dann trieb er sie an der Ringmauer zusammen wie die Schafe und verbot ihnen bei Strafe, sich dem Turm zu nähern. Manch einer dachte sicher, Jérôme fürchte um seinen sagenhaften Schatz. In gewisser Weise stimmte es sogar: Niemand durfte die Münzen im Turm finden. Denn jeder, der eine Münze bei sich trug, würde von Roberts Soldaten dieser Münze wegen erschlagen werden, und viele andere mit ihm.

Jérôme ließ nichts unbedacht. Paul führte den gesattelten Hektor herbei. Ja wahrhaftig, der sonst so misstrauische Rappe folgte dem alten Mann wie ein Lämmchen. Das Pferd, erfuhr ich, war für mich bestimmt.

Ich könne ja nicht auf dem Pony der Hofdame Adeline in Troyes ankommen, sagte Jérôme im Vorbeigehen. Er bräuchte sein Schlachtross wohl kaum in nächster Zeit, murmelte er – ein Gedanke, dem er nicht allzu viel Platz einräumen wollte. Seine Aufmerksamkeit richtete sich ohnehin mehr auf den Himmel denn auf unseren Wortwechsel, stiegen doch vom Dorf her bereits Rauchwolken auf. Abwesend griff er zur Schnalle seines Schwertgürtels, nahm ihn ab und drückte ihn mir in die Hand. Dann ging er, ohne mich noch einmal anzusehen.

Das war gut so. Von einem Knappen, dem die Tränen in die Augen steigen und der sein altgedientes Schwert zu Boden fallen lässt, weil er den Gürtel nicht recht zu fassen bekommt – nein, von dem hätte er nicht viel gehalten.

Vom Tor her kam ein kleiner Junge auf ihn zu gerannt. „Mon Seigneur, da sind ganz viele Ritter vorm Tor!“

„Ich weiß“, grollte Jérôme und lief weiter. Er mochte es noch nie, wenn man ihm Dinge erzählte, die er längst wusste.

Der Kleine trabte beharrlich neben ihm her. „Mein Vater fragt, was wir mach’n soll‘n?“

„Öffnet das Tor!“

„Aber“, stammelte der Kleine, „Dann komm’n die ja rein!“

Rechts und links des alten, bekanntlich nicht sehr soliden Tors hatten einige Männer aus dem Dorf Stellung bezogen. Jeder von ihnen hielt sich an einer Mistforke fest, oder an etwas anderem, was man notfalls als Waffe benutzen konnte. Es wäre ein Leichtes für sie gewesen, ihren Burgherrn, der ihnen so unheimlich war, seinen Feinden auszuliefern. Trotzdem hatten sie sich entschlossen, ihn zu verteidigen.

„Dämliches Bauernvolk!“, fuhr Jérôme sie zum Dank dafür an. „Habt ihr Stroh im Kopf, oder was? Ich habe gesagt, ihr sollt das Tor aufmachen!“ Alle beeilten sich, das Tor zu öffnen, die vielen Hände waren sich mehr im Wege, als einander zu helfen.

Angeordnet wie eine Pfeilspitze drängten sich Malincourt und seine Ritter durch das Tor. Direkt hinter dem Vicomte ritten Gautier de Sommeval und Gilles de Veichey. Nach dem Gemenge in der Turnierbahn, bei dem sie sich nicht einigen konnten, wer sich zuerst mit Jérôme anlegen darf, hatten sie offenbar Freundschaft geschlossen. Seite an Seite rückten sie vor, bis der Vicomte ihnen Zeichen gab, neben ihn zu treten. Allen drei stand die Schadenfreude im Gesicht geschrieben. Das hatten sie sich schon immer gewünscht: Jérôme unbewaffnet anzutreffen und ihre hohen Rösser ganz gnädig vor ihm zum Stehen zu bringen, kurz bevor diese ihm auf die Füße traten.

Der Vicomte ließ seine Linke mitsamt den Zügeln auf den Vorderzwiesel seines Sattels sinken, legte seine freie Schwerthand darauf und setzte sich nach der so entsetzlich anstrengenden Jagd erst einmal im Sattel zurecht. „Da haben wir ja unser Vögelchen“, sagte er. „Ein stolzer Falke ist es allerdings nicht. Eher ein gewöhnlicher Rabe.“

Gilles de Veichey zog unter großem Aufheben sein Schwert aus dem Gürtel. „Ein bisschen gerupft sieht er aus, unser Rabe, findet ihr nicht?“ Er fuhr mit der Schwertspitze haarscharf an Jérômes Oberschenkel vorbei, wo dessen Schwert hängen müsste. „Und zwar genau hier!“

„Tatsächlich“, staunte Gautier de Sommeval übertrieben. „Da fehlt eine Feder. Eine große und wichtige Feder.“

„Wir sind nicht zum Spaß hier“, mahnte der Vicomte, damit Ruhe einkehrte. Und damit die heftige Ohrfeige, die er Jérôme gab, besser zur Geltung kam.

Jérôme wischte sich mit dem Handrücken das Blut von der aufgeplatzten Lippe und atmete tief durch. „Ist das alles, was Ihr könnt?“, fragt er abfällig. „Vom Pferd herunter einen unbewaffneten Mann schlagen?“

„Oh, bitte!“, machte Malincourt mit vornehm gerümpfter Nase. „Verschont mich mit diesem ermüdenden Geschwätz von Edelmut und Gerechtigkeit. Das geht beim alten Beaufort ja gerade noch an, bei Euch jedoch wirkt es fehl am Platze. Der schamlose Betrüger beim Turnier und der jähzornige Mörder, die stehen Euch besser zu Gesichte. – Aber, um Eure Frage zu beantworten: Nein, ich kann noch mehr.“ Der Vicomte hob die Hand und schnippte mit den Fingern. Zwar dämpften die Lederhandschuhe das Schnippen, doch ungeachtet dessen war er der Vicomte, und es waren seine Gesten, auf die seine Ritter zu achten hatten.

Gilles de Veichey jedenfalls hatte auf dieses lautlose Schnippen gewartet. Er nahm statt des Schwertes eine Keule zur Hand, spornte sein Pferd und lenkte es grinsend um Jérôme herum. Jérôme rang um seine Würde. Er tat, als gäbe hinter ihm keine Keule, bis sie auf seinen Schädel traf und sich somit nicht länger verleugnen ließ. Das Krachen ging durch Mark und Bein, schlimmer noch war die darauffolgende Stille, in der Jérôme in die Knie sank und leblos zur Seite fiel. Mein unbeugsamer schwarzer Ritter sah erschütternd zerbrechlich aus.

Das Nächste, was ich sah, war mein rechtes Knie, wie es in der Luft schwebte. Meine Füße waren schon auf dem Weg zu Jérôme, aber Jacques hatte mir von hinten durch die Arme gegriffen, um mich aufzuhalten.

„Wenn du dich jetzt verrätst, hilfste ihm nicht“, flüsterte er mir ins Ohr. „Aber tuste jetzt zu ihm lauf’n und sein Kopf in dein Schoß bett’n, merkt jeder, dass du kein richt’ger Knappe nicht bist. – Das wollteste doch, oder?“

„Nein, wollte ich nicht“, behauptete ich trotzig, verfiel aber gleich ins Jammern: „Wenn sie ihn nun umgebracht haben ...“

„... kannste‘s auch nicht ändern“, sagte Jacques hart. „Aber sein Geist findet niemals Ruh nicht, wenn die alle über dich herfall’n.“ Er merkte, dass er mich überzeugt hatte, und ließ los.

Paul drückte mir Hektors Zügel in die Hand. „Er hat recht“, sagte er mit gedämpfter Stimme. „Darfst dich nimmer wie 'ne ... “ Obwohl niemand auf uns achtete, ließ er das Wort aus und fuhr fort mit: „... und auch nimmer wie‘n kleiner Junge benehm’n. Gib zu versteh’n, dass du mit ihnen reiten tust. Den Rest überlass jemand andrem.“

Ich verstand in solchen Fällen unter: ‚jemand anderem‘, höhere Mächte. Daher beunruhigte mich Pauls gut gemeinter Rat ja so sehr. Es bedurfte mehr Gottvertrauen, als ich aufbringen konnte, Jérôme der Gnade des Allmächtigen zu überlassen. Halsstarrig, wie Jérôme war, lehnte er diese unerwartete Gnade womöglich ab.

„Da ist die alte Ella!“ Odiles Stimme erreichte mich wie aus weiter Ferne. „Die kümmert sich sicher um ihn.“

Es dauerte eine Weile, bis ich meinen Irrtum einsah. Niemand, mich ausgenommen, hatte erwartet, die Gnade Gottes käme vom Himmel in Gestalt eines Fingerzeigs, der befiehlt: ‚Du! Steh auf!‘ Die Leute aus Montdragon dachten weniger umständlich.

Das Leben bringt seltsame Helden hervor – oder auch Heldinnen, wie jenes alte gebeugte Mütterchen, das sich aus der Menge löste. Sie zupfte einen Lappen aus ihrem Ärmel und tauchte ihn unterwegs in einen Eimer, dessen unsicherer Stand am Brunnenrand noch von der Hast zeugte, in der man ihn verlassen hatte. In Seelenruhe lief sie an Malincourts bewaffneten Männern vorbei als könnten die ihr gar nichts anhaben, ja als könnten die sie nicht einmal sehen. Vor dem Soldaten, der Jérôme die Hände gebunden hatte und nun der Versuchung nicht widerstehen konnte, sich dessen Sporen anzueignen, blieb sie stehen. Unter ihrem vorwurfsvollen Blick verschwanden die Sporen schnell in seiner Tasche, sie musste also nicht lange warten, bis er sich erhob, fast gleichzeitig beugte sie sich herunter, um Jérôme die Stirn zu kühlen. Vielleicht wollte der Soldat kein Aufsehen erregen, wegen der Sporen, die ihm nicht zustanden und die der Vicomte zweifellos gern eigenhändig zerbrochen hätte. In jedem Fall ließ er sie gewähren.

Jérôme schlug die Augen auf. Zuerst – man kann es nicht anders sagen – guckte er ziemlich dumm. Doch lag es ihm fern, sich zu beschweren, dass ihn statt einer hübschen jungen Maid die zahnlose Alte anlächelte. Er haderte nicht mit dem Schicksal, weil sein Leben nun einmal sein Leben war und kein Heldengedicht, sondern erkannte sofort den Ernst der Lage. Mit einem Ruck richtete er sich auf soweit es die gebundenen Hände erlaubten. Der nasse Lappen fiel herab, legte ein elend aussehendes Gesicht frei.

„Sorg‘ dich nicht um mich. Mir geht’s gut“, sagte er hastig. Eine großzügige Übertreibung, bekam er doch seine bleischweren Lider nur mit Mühe weit genug auf, um die Soldaten rechts und links von ihm ins Auge zu fassen. Im Hof waren nur wenige Wachen zurückgeblieben, die ihre Stellung nicht verlassen durften. Sie schauten mürrisch drein angesichts der Jubelrufe ihrer Kumpane aus dem Turm, wohingegen Malincourt und seine Vasallen sich bei dieser so harmlos ablaufenden Plünderung langweilten. Was er in ihren Gesichtern las, gefiel Jérôme gar nicht. „Geh!“, raunte er der Alten zu und dann, im Silben verschluckenden Singsang der Dorfgemeinschaft: „Ich will nicht, dass dir ‘was g‘schieht.“

Die Alte hatte ihr nasses Tuch wieder zur Hand genommen. Man konnte ihr ansehen, wie ihr auf der Zunge lag, zu erwidern: Ach, sie sei doch nur ein altes Weib, was könne man ihr schon antun?

Jérôme kam ihr zuvor. Er sagte etwas, das ihr jegliches Wort im Halse stecken bleiben ließ und das gleichzeitig uns allen auf erschreckende Weise verdeutlichte, dass dieser heftige Schlag einiges in seinem Kopf gehörig durcheinandergebracht haben musste. Er sagte: „Bitte …geh!“

Ihre Hand mit dem Lappen schwebte noch einen Augenblick in der Luft, ehe die Alte sie absenkte. Weniger gelenkig, als sie sich niedergelassen hatte, stand sie auf und ging.

Malincourt entschied, es sei Zeit zum Aufbruch. Es bereitete ihm endgültig kein Vergnügen mehr, plündern zu lassen, wo einem das Plündern viel zu leicht gemacht wurde. Davon, dass seine Söldner sich die Taschen vollstopften, hatte er nichts. Immerhin verschaffte es ihm ein wenig Genugtuung, zuzusehen, wie ein Dutzend grobe Arme den benommenen Jérôme auf einen klapprigen Schimmel zerrten.

Auch ich hatte meine Schwierigkeiten, Hektors Sattel zu erklimmen, der für mich so ungewohnt hoch oben war. Mehrmals hopste ich mit dem Fuß im Steigbügel auf und nieder, bis ich genug Schwung zum Aufsitzen mitnahm. Der Rappe seufzte, als ich endlich auf seinem Rücken saß und mich mit tief in die Stirn gezogener Coiffe Malincourts Rittern anschloss.

Malincourt zog mit seinen beiden Getreuen zuerst aus der Burg. Ihnen folgten, paarweise all die vielen Männer, von denen dieser Feigling jeden Einzelnen vonnöten befunden hatte, um den so überaus gefährlichen Montdragon gefangen zu nehmen. Den jedoch schleifte man auf seinem schmutzigen Schimmel, der kaum willens war, die Hufe zu heben, ganz am Ende des Zuges aus dem Burghof.

Zu guter Letzt wurden sie doch noch ausgesprochen, einige von jenen schönen, edlen Worten, um die Jérôme sich den Teufel scherte, oder die er mied wie der Teufel das Weihwasser, oder wie man es auch immer ausdrücken wollte.

„Gott schütz‘ Euch, Seigneur!“, rief ihm eine zaghafte Stimme nach, gerade noch rechtzeitig, bevor sein Schimmel mit langgezogenem Hals den Burghof verließ. Und dann sprangen sie von Mund zu Mund, die Worte, die Jérôme ja gar nicht hören wollte.

Lügen

Mit Sorge im Herzen war ich über glitschige Treppen und durch düstere Gewölbe tief in die Eingeweide des gräflichen Turmes vorgedrungen. Ich hatte einen Wärter bestochen, der gottlob weitaus weniger furchterregend aussah, als man annehmen sollte. Und zu guter Letzt hatte ich mir den Kopf angeschlagen, weil ich bisher nicht wusste, wie niedrig die Decke eines Kerkerraumes ist: zu niedrig, um darin zu stehen. So weit, so schlecht.

Jérôme hockte in grauem Stroh und lehnte wie zufällig seine rechte Schulter an die Wand, von der er in Wahrheit seinen Hals der Kette wegen kaum zwei Ellen wegbewegen konnte. Alles, was er dazu sagte, war: „Sag es nicht!“

Da ich ohnehin ganz gekrümmt stand, setzte ich mich auf den Zipfel der Decke, die Jérôme sich nur sehr nachlässig übergeworfen hatte. Der Gefangene bekäme alles, was er bräuchte, hatte mir der Wärter gesagt. Ihm Decken, einen Strohsack und etwas zu essen zu bringen, sei nicht notwendig. Hieß das: Comte Thibaud hatte es verboten? Ich würde mich wohl noch einmal erkundigen müssen, obwohl mir das nicht behagte. Der Wärter gab anscheinend mir die Schuld dafür, dass ein einfacher Mann für alles selbst aufkommen müsste, während das von einem Jérôme de Montdragon nicht verlangt wurde. Was sonst hatte er gemeint mit seinem Gemurre, eher käme ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich?

Natürlich hielt ich das Schweigen nicht lange aus. „Ähm ... was genau, ist es, das ich nicht sagen soll?“

Jérôme starrte zwischen seinen Knien hindurch auf den Boden. An der zweiten Kette, die von Handgelenk zu Handgelenk baumelte, sah er angestrengt vorbei. „Dass du recht hattest, das sollst du nicht sagen“, antwortete er. „Erzähl mir bloß nicht, du hättest ja gleich gesagt, dass sie mich in ein finsteres Loch stecken. Ich hätte nur nicht wahrhaben wollen, dass mir kein Mensch zuhören wird. Etwas in der Art sollst du nicht sagen. Denn – du wirst es nicht glauben – ich habe es inzwischen bemerkt.“

„Gut, ich bin still“, nickte ich. „Fühlst du dich nun besser?“

„Nein.“

„Das hätte mich auch gewundert.“

„Wieso tut Comte Thibaud mir das an?“ Da er seine Hände so heftig bewegte, dachte ich er meinte die Ketten, die er zum Klirren brachte. Doch es lag ihm fern, sich darüber zu beklagen: „Warum hört er mich nicht an? Hätte er mir doch wenigstens einmal zugehört! Ich habe ihm sogar geschworen, dass ich es nicht war.“

„Ja“, bestätigte ich, obwohl mich die Erinnerung an Jérômes Ankunft im Schloss schmerzte. „Das war deutlich zu vernehmen. Ich glaube, am anderen Ende der Stadt konnte man dich hören. Bedauerlich, dass ausgerechnet Comte Thibaud seine Ohren so erfolgreich vor dir verschlossen hat ...“

Ich konnte Jérômes Verzweiflung verstehen. Ja, es ist bitter, wenn der Lehnsherr, den man gerade seines Strebens nach Gerechtigkeit wegen verehrt, einem nicht die Gelegenheit gibt, eine Aussage zu machen. Dennoch war es unbedacht von Jérôme gewesen, den Comte mit Beteuerungen wie: ‚Ich bin unschuldig, Sire. Ihr müsst mir glauben!‘, zu verärgern. Allein schon mit den Flüchen, die Jérôme immer öfter einstreute, je wütender er wurde, hatte er es geschafft, ausnahmslos jeden von seiner Schuld zu überzeugen. Aber damit nicht genug. Jérôme versuchte auch noch, aufzuspringen, um Comte Thibaud nachzulaufen, sodass ich befürchtete, die beiden Wachen, die ihn gewaltsam auf seinen Knien niederhielten, brächen ihm das Kreuz.

Er beruhigte sich erst, als ein anderer Mann die Halle betrat, ein Mann, dem Comte Thibaud im Fortgehen die wenig ermutigenden Worte entgegenwarf: ‚Euer Gefangener! Aber denkt daran: Ich will ein Geständnis. Danach dürft Ihr ihm eigenhändig den Kopf abschlagen.‘ Wobei ‚beruhigen‘ eine ziemlich unzureichende Beschreibung dafür ist, wie Jérômes in sich zusammensank. Denn von Guillaume de Beaufort hatte er kein Erbarmen zu erwarten.

„Ausgerechnet Beaufort! Schlimmer hätte es nicht kommen können“, murmelte ich. Es tat mir sofort leid, darum fügte ich, hastig und so ermunternd es ging, hinzu: „Sieht man einmal von Robert de Malincourt ab, dessen Fängen du ja jetzt zum Glück entronnen bist.“

Jérôme hatte kaum zugehört. „Im Grunde könnte ich mir keinen besseren Henker vorstellen, als Guillaume. Er war mein Lehrmeister, und ich verehre ihn trotz allem, was zwischen uns war, noch immer. Er hat einen Grund, fast sogar ein Recht, mich zu töten, da ich seinen Sohn auf dem Gewissen habe. Und sein Schwert“, schloss er mit grausamem Spott in der Stimme, „verspricht einen schnellen, gnädigen Tod.“

„Ist dir das Spotten immer noch nicht vergangen?“

„Manches lässt sich nur ertragen, indem man darüber spottet.“ Das harte Zucken um seine Mundwinkel veränderte sich ganz unerwartet in ein ... – Lächeln? „Verzeih!“, hauchte das Lächeln und im flehenden Blick seiner Augen wäre ich beinahe ertrunken. „Ich wollte nicht grob zu dir sein.“

Ich blinzelte überrascht. Der Kienspan an der Wand und ein handtellergroßes Loch in der Decke erhellten den Raum nur schwach, dennoch hatte ich mich nicht geirrt. Sowohl das Lächeln als auch der liebevolle Blick erleuchteten wahrhaftig sein Gesicht und beide waren für mich bestimmt.

„D-das war gar nicht grob“, stammelte ich verdutzt.

Jérôme erkundigte sich, wo man mich denn untergebracht habe und ob ich all dem gewachsen sei. Unzusammenhängend erzählte ich ihm von meinem Zimmer, das an einem einsamen Flur lag, wo ich nicht vielen Leuten begegnen musste. Alles zusammen trug eindeutig Melisendes Handschrift.

Da er sich ohnehin genug um mich sorgte, behielt ich lieber für mich, dass ich mich mit dem Leben als Knappe ohne meinen Ritter an meiner Seite überfordert fühlte. Ebenso verschwieg ich ihm, dass ich trotz meines einsam gelegenen Zimmerchens schon die erste unliebsame Begegnung hinter mir hatte. Zwar schöpfte – dank der Gerüchte über meine angebliche Herkunft – weiterhin niemand den Verdacht, Montdragons schmächtiger Knappe wäre vielleicht gar keiner. Trotzdem fand ich es nicht besonders lustig, wenn ich von ungehobelten Kerlen gefragt wurde, ob man denn das, was sich bei so einem Halbelf wie mir in den Hosen befände, mit ihren Prachtstücken überhaupt vergleichen könne. Daher drehte sich in meinem Bericht alles um ein harmloses Thema: um Melisende, die doch ein Auge auf mein Wohlergehen hielt und sicherlich auch Jérôme helfen könnte.

Der runzelte die Stirn. „Erwarte nicht zu viel von ihr!“, zügelte er meinen Überschwang. „Sie ist eine Frau.“

„Ach!“, entfuhr es mir. „Und was bin ich? Ein Huhn?“

„So habe ich das nicht gemeint, Herzallerliebste!“ Wieder schlug Jérôme einen versöhnlicheren Ton an, als ich es von ihm gewohnt war. „Sie kann und sie wird sich nicht gegen ihren Mann stellen, das wollte ich andeuten. Du bleibst schließlich auch auf meiner Seite, ganz gleich, was alle anderen von mir denken.“

Herzallerliebste? Wie kam es, dass er plötzlich redete, als wären wir verheiratet – bereits seit langem und einander mehr denn je in Liebe zugetan?

Am nächsten Morgen sah ich ratlos aus dem Fenster in den verschneiten Ehrenhof und fragte mich, was ich tun sollte. Über Nacht hatte es wieder Frost gegeben, das behagte mir gar nicht. Bei meinen Nachforschungen im Schneegestöber herumzulaufen, machte mir wenig aus, schlimmer war die nagende Ungewissheit. Wie würde sich die Kälte tief unten in den Gewölben bemerkbar machen?

Mir blieben drei Möglichkeiten: Mir weiterhin Sorgen zu machen. Herauszufinden, wie viele Unschuldige im Kerker schon erfroren waren, was meine Sorgen wahrscheinlich verschlimmern würde. Oder loszuziehen, um Sinnvolles in Erfahrung zu bringen. Die Entscheidung war schnell gefällt.

Jedoch – so erfuhr ich bald – würde ich weiterhin auf mich allein gestellt sein. Jeder, den ich nach meinem alten Freund Josselin fragte, zuckte nur die Schultern. Wie es aussah, war er an dem Tag, da man ihn zum Ritter schlug, einfach auf Richemonts Schimmel gestiegen und davongeritten. Irgendwie tröstete es mich, dass er sich von gar niemandem verabschiedet hatte, wenn schon nicht von mir. Andererseits verabschiedete ich mich meinerseits nur widerstrebend von dem schönen Gedanken, mit meinem alten Freund zusammen auf die Suche nach dem Mörder zu gehen.

Überhaupt schien dies der Tag des großen Achselzuckens zu sein. Das war auch die einzige Antwort, die ich von Godefroy de Consommé erhielt. Obwohl ich mit Engelszungen auf ihn einredete, er möge mir in dieser Sache beistehen, schließlich habe Jérôme ihm in Malville das Leben gerettet. Der junge Ritter fühlte sich in seiner Ehre verletzt, weil ich darum wusste. Das nahm er mir übel und Jérôme noch mehr. Wie konnte der mir davon erzählen: einem halben Kind!

Wenn du wüsstest, dachte ich voller Groll, du Grünschnabel! Ich habe schon des Müllers Esel geklaut und bin auf seinem Rücken durch die Weinberge an den Moselhängen getrappelt, da hast du doch noch Windeln getragen und mit deinen Zehen gespielt. Wenn Jérôme dich in Malville nicht unter Einsatz seines Lebens hinter sich aufs Pferd gezogen hätte, wäre es dir nie vergönnt gewesen, trocken hinter den Ohren zu werden. Und mich jetzt zu behandeln wie ein dummes Kind, du ... du ... du Windelritter, du! Ich biss mir auf die Zunge, damit von all den zornigen Worten keines aus meinem Mund schlüpfen sollte, und gab es auf.

Das Achselzucken ging weiter. Es breitete sich in Troyes aus, wie eine ansteckende Krankheit, als ich mich nach dem Wächter erkundigte, der Jérôme angeblich in Yolandes Zimmer gesehen hatte. Da von ihm jede Spur fehlte, bekam ich das Gefühl, auf der richtigen Fährte zu sein. Es war ein schönes Gefühl, das in meinem Bauch kribbelte wie tausend Ameisen. Wenn ich diesen Mann finden würde, könnte ich vielleicht beweisen, dass er bestochen worden war.

Schließlich traf ich doch auf einige seiner Kameraden, deren Schulterzucken sich mit je einer Münze heilen ließ. Sie hatten ihn aber seit Tagen nicht gesehen. Seit der Mordnacht, wenn sie genau nachdachten. Er sei krank oder so.

Das wunderte mich, denn das Schloss von Comte Thibaud war kein liederlich geführter Krämerladen, wo Leute einfach fehlten, weil sie ‚krank sind, oder so.‘ Montdragon habe ihn vom Kerker aus verflucht, darum ginge es ihm so schlecht, so munkelte man. Obwohl mir das keiner ins Gesicht sagte, sondern jeder von einem anderen behauptete, er hätte es gesagt.

Den halben Nachmittag rannte ich von einem, der nichts wusste, zum nächsten, von dem man mir versprochen hatte, er wisse möglicherweise etwas. Meine Suche nach dem grobschlächtigen Mann mit der ausgesuchten Wortwahl endete inmitten tanzender Schneeflocken an einem frischen Grab auf dem Friedhof in der Vorstadt. Die schluchzende Witwe war froh, dass ihr jemand zuhörte. Sie erzählte bereitwillig, wie ihr Mann vor zwei Tagen aus der Seine gefischt worden war. Wie seltsam sie noch die Blutergüsse an seinen Handgelenken gefunden hatte, wo er sich doch ertränkt haben soll. Gehetzt habe er gewirkt, tags zuvor. Woher das Geld kam, habe er auch nicht sagen wollen. Die Ameisen in meinem Bauch wurden munterer.

Die Witwe hatte es mit der Angst zu tun bekommen. Sie würde sich schleunigst auf den Weg zu ihrer Schwester nach Reims machen, sagte sie. Vielleicht war es dumm von mir, sie nicht gleich zu Comte Thibaud zu schleppen. Aber würde er dann wirklich weitere Nachforschungen in die Wege leiten? Wohl kaum. Sein Zorn auf Jérôme war groß; größer als dass ihn die Aussage eines dürren, verzweifelten Wesens besänftigen konnte. Weibergewäsch würde er sagen. Die sehen Dinge, die gar nicht da sind, und kleiden das zu allem Überfluss auch noch in viel zu viele Worte. Die Witwe tat mir leid, darum ließ ich sie gehen. Wenn das ein Fehler war, dann einer, den der Himmel mir vergelten müsste.

Dem Priester, der den vermeintlichen Selbstmörder in geweihter Erde begraben hatte, waren die Male an den Händen des Toten nicht aufgefallen. Er war nur zu gutmütig, um einer Seele den Weg in den Himmel zu versperren. Allein deshalb behauptete er, der Mann habe sich ja durchaus ertränken wollen, sich später aber eines Besseren besonnen. Also sei er voller Reue zum Ufer umgekehrt, um schlussendlich auszugleiten und doch noch zu ertrinken, nur eben nicht mehr in gotteslästerlicher Absicht. – Ein wahrhaft frommer Mensch findet immer ein Hintertürchen in den Himmel. Leider war dieser Gottesmann dann doch wieder nicht so fromm und so gutmütig, dass er sich berufen fühlte, die schwarze Seele von Jérôme de Montdragon zu retten.

Seufzend ließ ich die Kirche Saint-Jean-du-Marché hinter mir. Es wurde bereits dunkel, heute könnte ich nichts mehr erreichen. Meine Hoffnung, hier einen Mann wie Bruder Antoine zu finden, war geschmolzen wie die Schneeflocken auf meiner Haut. Es täte gut, wenn der kleine, dicke Mönch aus dem Kloster in Montdragon neben mir herliefe, seine Kutte raffte, damit sie nicht nass werden sollte und sagte: ,Wir werden den Mörder finden – mit der Hilfe Gottes und mit Hilfe des Verstandes, den er uns geschenkt hat.‘ Seine nüchterne Vorgehensweise hätte ich jetzt brauchen können. Und seine fromme Fröhlichkeit. Aber das Schicksal wollte es anders. Allein mit dem Gefühl von unendlicher Leere in meinem Kopf lief ich durch die Straßen der Stadt.

Einen Kerker stellt man sich vor als einen Ort voller bedauernswerter Geschöpfe, die einst Menschen waren. Doch wer sollen diese Geschöpfe eigentlich sein? Verbrecher werden rasch ihrer Strafe zugeführt und Gefangene, die für Comte Thibaud von Bedeutung waren, macht der nur im Krieg. Derartige Geiseln behandelt man pfleglich, will man für sie Lösegeld bekommen, empfiehlt es sich, sie nicht in einen feuchten Kerker zu sperren, wo sie womöglich wegsterben. So hatte Jérômes Wärter keine weiteren Gefangenen und daher wenig zu tun, was ich an diesem Abend bedauerte. Er sei nicht immer Kerkerwärter gewesen, holte er aus, sondern einmal ein freier Bauer, er habe ein eigenes Stückchen Land bestellt, drüben in ... Ach was weiß ich wo. Aber dann: Missernte und bla bla bla.

Ich dachte mir ja, dass er etwas von mir will, wo er mir so ausführlich sein halbes Leben erzählte. Erst als er die Münzen in meiner Hand nur hungrig ansah, anstatt danach zu greifen, wurde ich stutzig.

„Ich hab 'ne Bitte an Euch“, sagte er verschämt.

„An mich?“

„Ja. Ihr geht doch jetzt sowieso da rein.“ Er gab einen Knurrlaut von sich, der sich am ehesten als Räuspern deuten ließ. „Da dacht ich mir, Ihr könnt ihn doch auch losbind’n.“

Losbinden? Heiligemariamuttergottes, was hat man ihm angetan?“

„Oh, macht Euch keine Sorgen nicht. Ihm geht‘s gut. Ich musst ihn nur niederschlagen und mit Seilen binden, weil er doch den Kettenring aus der Wand gezogen hat.“ Es war ihm anzumerken, wie sehr das die Grundfesten seines Weltbildes erschütterte: die Ketten seines Gefängnisses, das er für so solide gehalten hatte, aus der Wand gerissen! „Der Vicomte und zwei von sein‘n Ritter sind reingegang’n. Sie ham Stöcke dabeigehabt, daher hat‘s mich nicht gewundert, von drinnen Hilferufe und Schreie zu hörn.“ Trotz der nüchternen Worte wirkte er nicht wie jemand, dem es leicht fällt, Hilferufe zu überhören. „Mich geht‘s ja nichts an, was da drin vorgeht. Aber dann hab ich so‘n Gefühl gekriegt und bin reingegangen. Der Kerl hat getobt wie‘n wilder Stier – also Montdragon, mein ich.“

„Oh“, sagte ich. „Sie haben ihn wütend gemacht.“

„'s war ja auch nicht besonders fein von den feinen Seigneurs zu dritt auf ihn loszugeh’n“, bestätigte der Wärter. „Trotzdem, den Ring aus der Wand reißen ... Wisst Ihr, wie tief der eingelassen ist? Soo tief!“ Er zeigte es mir mit den Händen. „Der ist nicht in der Wand, damit er rausflutscht, als wär die aus Schmalz, sondern damit er die Gefangenen festhalten tut. Wie ich dazu gekommen bin, hat er längst mit‘m freien End von der Kette an seinem Hals auf den Vicomte und den einen Ritter eingedroschen. Der andre hat an der Wand gelehnt und sich sein blutiges Gesicht gehalten.

Sie brüllen mich an, was ich für‘n beschissner Wärter wär, warum ich denn nicht komm, wenn man mich ruft. Drum hab ich zugeseh’n, dass ich dem Kerl – also Montdragon mein ich – eins überzieh, derweil die Seigneurs ihn beschäftigen. Dann hab ich ihm die Hände auf’n Rücken gebunden. Bindet Ihr ihn los, ja? Ich darf ihn nicht über Nacht so liegen lassen, hat Seigneur de Beaufort gesagt.“ Ich hörte noch wie er vor sich hin knutterte: „Dummerweis erst, nachdem er zu sich gekommen war ...“ Da hatte ich allerdings schon die Tür aufgerissen und stürzte auf meinem bedauernswerten Freund zu, besser gesagt auf das Bündel, zu dem der Wärter ihn verschnürt hatte.

Allzu schlecht ging es Jérôme nicht. Auf mein Entsetztes: „Du siehst ja schrecklich aus!“, erwiderte er: „Ja, aber du solltest erst mal die anderen sehen!“ Und grinste dank der aufgeplatzten Lippe ein besonders gehässiges Grinsen. Weil es mir nicht so schnell gelang, ihn zu befreien, wie er sich das erhofft hatte, unterstellte er mir auch noch, ich würde seine missliche Lage genießen.

„Das ist es doch, was ihr Weiber euch wünscht“, murrte er, „dass wir mit der Nase im Dreck liegen. Unfähig euch zu entkommen.“

„An deiner schmutzigen Nase trage ich keine Schuld“, stellte ich klar. „Auch nicht an den vielen Knoten. Hättest du dem Wärter nicht solche Angst eingejagt, wäre es ihm wohl kaum eingefallen, die Ketten durch vier Ellen Seil zu ersetzen, das du auf keinen Fall als Waffe benutzen kannst.“

„Jaja, schon gut“, lenkte er ein. Die Schicksalsergebenheit, mit der er die Stirn auf den Boden sinken ließ, obwohl das seiner geschwollenen Augenbraue bestimmt nicht gut tat, gab mir vollends das Gefühl, ein besserwisserisches Weib zu sein. Der Stiefelabdruck, den ich auf Jérômes Rücken entdeckte, war meinem schlechten Gewissen ebenso wenig zuträglich wie die drei anderen Abdrücke derselben Stiefelspitze in seiner Flanke. Ein Abschiedsgeschenk von Malincourt.

Ach Hadelinde, schalt ich mich, er macht dir nur vor, es täte ihm nichts weh, das müsstest du doch wissen!

„Was ist denn nun mit den anderen?“, fragte ich, um Jérôme eine Freude zu machen. Wie wenig erfreulich das war, was er zu berichten hatte, konnte ich ja nicht ahnen.

„Malincourt habe ich die Nase gebrochen und Veichey – so fürchte ich – ein Auge ausgeschlagen. Mit dem Stift, an dem der Ring eingelassen war. Es war keine Absicht.“

„Großer Gott! Jetzt werden sie sich rächen.“ Endlich hatte ich den letzten Knoten des ängstlichen Wärters gelöst.

„Ja“, antwortete Jérôme nur, der hatte damit zu tun, sich aufzurichten. „Oh, verdammt! Ich wünschte, ich könnte mich mit Freuden an den Rausch von gestern erinnern“, stöhnte er. „Dann hätte ich wenigstens etwas davon gehabt.“ Steif und mit der linken Hand auf den Rippen rutschte er, halb sitzend, halb auf der Seite liegend, zu seinem Lager.

Ich fand, er sei für heute genug gequält worden, so schluckte ich den Einwand, er würde zu viel trinken, herunter. Irgendwie musste es ja aus ihm heraus, und zu jammern war nun mal nicht seine Art. Wenn mir schon die Aufgaben eines Eheweibes zukamen, sollte ich seine Wunden säubern, so gut es ging, statt zu nörgeln. Jérôme lehnte den Oberkörper an die Wand und ließ es geschehen. Auch als ich sein Hemd hochschob und mit den Fingerspitzen an den Rippen entlangtastete, um herauszufinden, ob eine davon gebrochen war, sagte er keineswegs: Neinnein, nicht nötig, es ist alles in Ordnung. Ich war diejenige, die zurückwich. Herrje, ich hatte vergessen, wie angenehm seine Haut sich anfühlte!

„Ich glaube, es ist alles heil“, sagte ich schnell, aber ehe ich meine Hand an mich nehmen konnte, legte Jérôme seine eigene darauf und drückte sie an sich.

„Das tut gut, deine Finger sind so schön kalt“, sagte er viel zu spät, als dass es eine echte Erklärung sein konnte. „Hast du etwas herausgefunden?“

„Was? Wie? Äh, oh ja! Das heißt: nein.“ Mein Bericht über die ertrunkene Schlosswache fiel wortkarg aus und die Reihenfolge war nicht unbedingt richtig.

„Sonst hat mich aber keiner gesehen, außer diesem Mann, der jetzt tot ist, oder? Ich meine: Hat sonst noch jemand behauptet, er habe mich gesehen?“, verbesserte er sich.

„Nein“, antwortete ich. „Wie auch, du warst ja gar nicht da. Oder glaubst du, es wird noch mehr falsche Zeugen geben?“

„Ja. Falsche Zeugen, oder Zeugen, die nicht mehr gesehen haben, als eine dunkle Gestalt. Wer immer mir da etwas anhängen will, er macht es gründlich und um meine Anwesenheit vorzutäuschen bedarf es lediglich eines schwarzen Mantels. Aber ...“ Bis auf ein raues Kratzen in der Kehle war von seiner feurigen Rede nichts übriggeblieben. „Aber du würdest dir doch davon den Glauben an mich nicht nehmen lassen, oder?“

„Jérôme, was redest du auf einmal für einen Unsinn?“

Er legte den Arm um mich, lockerte seinen Griff aber sogleich, weil ich seinen geprellten Rippen nicht guttat. „Weißt du, man verfällt in düstere Grübeleien, wenn man hier den ganzen Tag tatenlos herumsitzt. Es sähe schlecht für mich aus, verlöre ich auch noch dein Vertrauen.“

„Mein Vertrauen ist dir gewiss“, sagte ich. „Nur nützt dir das wenig, solange ich niemanden finde, der mir hilft. Ich hoffe immer noch auf Melisende.“

Jérôme sagte nichts. Nein, er sagte nicht: ‚Ha, da hoffst du aber vergebens!‘, er drückte mir nur einen stummen Kuss auf den Scheitel. Es gab nichts mehr zu bereden.

Draußen fragte mich der Wärter, ob es mir etwas ausmachte, Jérôme sein Essen zu bringen. Immerhin rückte er gleich damit heraus, ohne mir ein zweites Mal Ereignisse aus seinem Leben zu erzählen, die mir vollkommen gleichgültig waren.

Es gäbe aber nur Dinkelgrütze mit Fenchelsamen, sagte er, eine Anordnung von Guillaume de Beaufort. Wenn das dem feinen Pinkel da drin nicht gut genug sei, solle er es ruhig stehen lassen und die Ratten anlocken, so wie gestern. Natürlich war es vergebens, ihm zu erklären, Jérôme habe das Essen vor lauter Gram vergessen. Ich an seiner Stelle hätte mir auch kein Wort geglaubt. Der Wärter sah mich an wie einen armen Irren und meine Bitte war in seinen Ohren wirres Zeug – was sollte er? Dem Gefangenen das Essen in die Hand drücken, weil der es erst dann wahrnimmt? Das würde er ganz bestimmt nicht tun. Dem käme er freiwillig nicht zu nahe!

Seufzend ging ich also noch einmal zurück, verschwieg Jérôme aber alles, was ich mit dem Wärter gesprochen hatte. Falls man eine Sache stärker verschweigen kann, als eine andere, so war es in diesem Falle, dass er diese klumpige Pampe Guillaume de Beaufort verdankte. Ich wollte ihm nicht den Appetit verderben, wo ich mich ohnehin fragte, wie er es schaffte, so etwas Ungenießbares herunterzuwürgen.

Diesmal war es ja für Jérôme noch glimpflich abgegangen. Bis mein träger Verstand das so recht begriff, war ich längst in meinem Zimmer angekommen. Der Gedanke an den Vicomte mit seiner gebrochenen Nase bereitete mir Unbehagen. Der lag jetzt gewiss in seinem Bett, ließ sich von Geneviève den Bluterguss mit einem nassen Lappen kühlen und nuschelte darunter eine Aufzählung all jener Knochen hervor, die er Jérôme zu brechen gedachte. Beaufort traute ich auch nicht. Wie lange würde der alte Ritter sich damit zufriedengeben, seinen Gefangenen auf so feinsinnige Art zu misshandeln, wie mit widerlichem Essen?

Am Morgen brauchte ich lange, bis ich in die Wirklichkeit zurückfand. Die Nacht hatte mir kaum Schlaf beschert, Alpträume dafür umso mehr. Darin waren so entsetzliche Dinge geschehen, dass ich erst einmal, wenn auch verhalten, aufatmete. Jérôme war weder zu Tode geprügelt noch vergiftet worden. Noch gab es Hoffnung. Als ein kleiner, offensichtlich kurzsichtiger Page an meiner Tür klopfte, bekam diese Hoffnung einen Namen. Die Comtesse ließ mir ausrichten, dass sie mich empfangen werde.

Ich bemühte mich, ordentlich gekleidet, beim Glockenschlag und mit einem sehr knabenhaften Auftreten zu erscheinen. So seltsam es auch war, Letzteres bereitete mir die geringste Mühe. In Gegenwart der zierlichen Hofdamen fühlte ich mich wieder groß und ungelenk, so wie schon im Winter zuvor. Nur passten die Kleider, die ich jetzt trug besser zu dem Gefühl, ganz anders zu sein als diese hübschen Damen. Von Genevièves kaltem Blick hatte ich gefürchtet, er könnte mich durchschauen, ja. Doch sie war nicht hier. Es waren nur Isabelle und Alix anwesend und die hatten anderes zu tun, als in meinem Gesicht die Züge einer gewissen, aus ihrer Heimat vertriebenen Witwe zu suchen. Sie tuschelten und kicherten hinter vorgehaltenen Händen über Montdragons jungen Freund. Ob wenigstens er eine Schwäche für Frauen hatte, wenn schon nicht Montdragon selbst?

Melisende gefiel mir gar nicht. Sie saß in ihrem Faltsessel, auf den ersten Blick so hoheitsvoll und aufrecht wie immer, doch strahlte sie nicht jene warmherzige Würde aus, die jedermann an ihr schätzte. Die Härte in ihrem Gesicht brachte mich ins Grübeln. Sollte Jérôme am Ende recht behalten? Würde Melisende mir nicht helfen, weil sie sich dazu gegen ihren Gemahl stellen musste? Sie erhob sich und trat auf mich zu. Ihr Schweigen ließ sich kaum ertragen, aber es war nicht an mir dieses Gespräch zu beginnen.

„Also“, sagte sie endlich. Besser als das Schweigen klang das nicht. „Was willst du von mir?“

„Liegt das denn nicht auf der Hand, Madame?“, stammelte ich verwundert. „Ich dachte Ihr könntet Jér- äh, Seigneur de Montdragon helfen. Ein gutes Wort für ihn einlegen; anordnen, ein paar Leuten sollen ein paar Fragen gestellt werden. Ihr wisst, was ich meine.“

Melisendes lachte, ein fremdes, grelles Lachen, das sie sich von Geneviève geliehen haben könnte. „Helfen? Warum sollte ich ihm helfen? Einem Mann, der meine Hilfe schon einmal zurückgewiesen hat – im Angesicht des gesamten Hofes und des Volkes!“

Ich blickte wohl ziemlich dumm drein.

„Das Gottesurteil“, ergänzte sie grob, um meine trägen Gedanken auf Trab zu bringen. „Er gab mir klar zu verstehen, ich hätte mich aus diesen Dingen herauszuhalten, es sei eine Frage der Ehre, davon verstünde ich nichts. Nun, das werde ich tun: Mich heraushalten. Womöglich würde es ihn in seiner Ehre verletzen, wenn ich für ihn um Gnade bitte. Das möchte ich ihm natürlich nicht antun.“

„Madame, ich bitte Euch, verzeiht ihm das. Er war zornig an jenem Tag – das gebe ich ja zu – und nicht sehr höflich zu Euch. Was vorgefallen war, konnte er nicht sagen, weil ... weil ... Bitte, lasst es mich erklären! Aber dazu wäre es notwendig, dass wir alleine sind.“ Heilige Barbara, dachte ich, vielleicht mache ich alles verkehrt. Vielleicht sollte ich ein tief ausgeschnittenes Kleid anziehen und es bei Comte Thibaud versuchen. Vor ihm dürfte ich wenigstens schluchzend am Boden zusammenbrechen, statt den jungen Mann zu spielen, dessen eleganter Kniefall allenfalls die beiden Demoiselles beeindruckte. Melisendes Gunst auf diese Weise zu gewinnen war ja ohnehin unmöglich. „Madame, bitte, sie schlagen ihn dort unten noch tot, hört mich doch an!“

Die Comtesse nahm einen tiefen Atemzug – und schickte mit einer gebieterischen Bewegung die Hofdamen aus dem Zimmer. Denen blieb ihr Kichern im Halse stecken. Sie verließen hastig den Raum und zogen die Tür hinter sich zu.

Melisende sah mich lange an. Mit der Zeit weichten ihre Züge auf, zuerst um die Augen, wie von Tränen, die zu weinen sie sich nicht gestattete.

„Armes Vögelchen!“, sagte sie. „Bist ihm auf den Leim gegangen, genau wie ich. Nun kleben deine Füße an einem Ast und du merkst es nicht einmal. Du lauschst immer noch dem einschmeichelnden Pfeifen, auf das du zugeflogen bist. Warst geblendet von seinen schönen Augen, denen man so gerne ihre Traurigkeit nehmen möchte. Und wenn er dir ein Lächeln schenkte, eines von jenen, die viel zu selten sein ernstes Gesicht erhellen, dann gab er dir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.“ Melisendes Gedanken verliefen sich im Garten der Erinnerung, bei dem Versuch, sie gewaltsam aus der Ferne zurückzuholen, entglitt ihr die Stimme: „Da denken wir nicht mehr darüber nach, wieso ein Mann, der so aussieht, sich mit Frauen wie uns abgibt, nicht wahr? Da fragen wir uns nicht, ob er uns nur ausnutzen will ...“ Sie war unfähig, weiterzusprechen.

„Madame, darf ich Euch jetzt erklären, warum er Euch damals nicht sagen konnte, was sich zugetragen hat zwischen Guy de Richemont und ihm?“ Ich tat es einfach: „Es war alles meinetwegen. Ich wäre auch der Zeuge gewesen, nach dem Euer Gemahl gefragt hat. Jérôme wollte mir ein Verhör vor der gesamten Ritterschaft ersparen und mich beschützen ...“

Melisende hatte sich schnell wieder in der Gewalt. „So, beschützen wollte er dich? Das hat er dir aber fein eingeredet! Findest du es nicht seltsam: Als er dich mitnahm an den Hof in dieser lächerlichen Verkleidung – da drängte ihn nicht das Gefühl, dich beschützen zu müssen, oder? Es kam ihm auch nie in den Sinn, dass er es war, der dich überhaupt in Gefahr brachte. Ganz abgesehen davon, wie unwürdig deine Knabenkleider sind – für ihn und für dich noch mehr.“ Melisende sah kopfschüttelnd zu mir herunter. „Steh endlich auf! Es ist mir unerträglich, wie du dich seinetwegen lächerlich machst. Das ist er nicht wert.“

Tapsig stellte ich mich auf meine Füße, der linke war eingeschlafen und tat nicht ganz, was ich von ihm wollte.

„Du sollst erfahren, was ich herausgefunden habe“, sagte sie. „Dann ziehe eigene Schlüsse. Allerdings werden sie sich wohl kaum von meinen unterscheiden.“ Die Comtesse deutete auf die Stühle am Kamin. Der Anblick von Yolandes Lieblingsplatz, wo ich so oft neben ihr gesessen hatte, trieb mir die Tränen in die Augen. Ich schüttelte den Kopf.

Melisende zog es ebenfalls vor, im Stehen zu berichten: „Im Nachhinein schäme ich mich dafür, aber zuerst glaubte ich, er sei zu so einer niederträchtigen Tat nicht fähig. Da mein Gemahl in seinem Schmerz keinen Blick für all die Ungereimtheiten hatte, zog ich Erkundigungen ein. Er darf es nie erfahren ... Hörst du? Niemand darf je erfahren, wer die Frau war, die in einfachen Kleidern durch die Stadt lief, um Fragen zu stellen! Fragen, die die Matthiasnacht betrafen.“

Ich nickte.

„Auch Montdragon sag kein Wort“, fuhr sie fort. „Falls du überhaupt je wieder mit ihm reden wirst. Oder hat er dir erzählt, dass er an dem Abend in der Stadt war?“

„Nein“, erwiderte ich verdutzt. „Nein, er war nicht in der Stadt. Wieso sollte er hier gewesen sein?“

Melisende zog die Luft ein. „Adeline, er war in der Stadt. Er ist von einigen Leuten gesehen worden, auch in der Nähe des Schlosses. Ich habe eine Liste gemacht. Hier – als er dich mit an den Hof brachte, sagte er, du könntest lesen, zumindest in dieser Hinsicht hat er mich nicht belogen.“

Ich nahm das Pergament entgegen. Sollte ich ihr erklären, dass Jérôme damals selbst nicht viel über mich wusste – insbesondere nicht, was ich unter dem dicken Wams verbarg? Oder war es besser, ihre gallenbittere Bemerkung nicht zu beachten? Ich hörte auf, darüber nachzugrübeln, die Liste forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Da gab es jemanden, der Jérôme an der Porte des Oursiers gesehen haben wollte; einen anderen, der ihn angeblich an der Synagoge vorbeireiten sah; vor allem aber stand hinter zwei weiteren Namen verzeichnet: vor dem Schloss. Die einzelnen Zeilen von Melisendes geschwungener Schrift begannen, vor meinen Augen ineinander zu laufen. „Aber“, stammelte ich, „das müssen falsche Zeugen sein. Falsche Zeugen, oder Zeugen, die nicht mehr gesehen haben, als eine dunkle Gestalt ...“

Melisende sah mich an. Ahnte sie, dass ich Silbe für Silbe Jérômes Wortlaut nachplapperte? „Wir suchen beide die gleichen Ausflüchte“ sagte sie. „Wir wollen nicht wahrhaben, dass sich hinter seinem makellosen Gesicht die Fratze Satans verbirgt!“

Die Fratze Satans? Wie hätte ich gedacht, jemals solch aufgeplusterte Worte aus Melisendes Mund zu hören?

„Zunächst ...“ Die Comtesse gab sich Mühe, das Beben in ihrer Stimme zu unterdrücken.  „Zunächst schien es, als hätte niemand mehr als einen Ritter im schwarzen Mantel gesehen. Ich glaubte mich dem wahren Mörder, der sich seinen schlechten Ruf zu Nutze macht, auf der Spur. Bis ich jemanden fand, der sich genau an sein Gesicht erinnerte ...“

„Er lügt“, fiel ich ihr ins Wort. „Er wurde bestochen.“

Melisende nahm mir mein Benehmen nicht einmal übel. „Warum sollte man einen Bettler bestechen?“, fragte sie, nun wieder ganz ruhig, geradezu müde, denn diese Enttäuschung ein zweites Mal zu durchleiden, hatte sie erschöpft. „Ja, ganz recht: der alte Bettler vor dem Dom. Warum sollte er lügen? Wer käme auf die Idee, einen Bettler als Zeugen auftreten zu lassen? – Niemand, also braucht er auch nicht bestochen zu werden. Es käme ja kaum jemand auf die Idee, ihn überhaupt zu befragen.“

„Was ist mit dem Schloss?“, fragte ich, wie ein Huhn, das mit abgeschlagenem Kopf weiterläuft. „Hat jemand Jérôme im Schloss gesehen?“ Ich versuchte vergebens, aus den tanzenden Reihen auf dem Blatt noch etwas zu entziffern.

„Nein“, antwortet die Comtesse. „Ich habe auch keine weiteren Bemühungen unternommen. Wie er unbemerkt zu den Frauengemächern gelangt ist und auf welchem Weg er aus dem Schloss hinausgekommen ist – beides bleibt mir ein Rätsel. An Zauberei glaube ich ebenso wenig wie mein Gemahl, aber genau wie er weiß ich, dass Montdragon alles zuzutrauen ist. Das hat er oft genug bewiesen, im Guten wie im Schlechten.“

„Trotzdem bin ich mir sicher, dass er Yolande nicht getötet hat. Es gibt bestimmt eine Erklärung für das alles.“

„Wenn du noch an ihn glauben kannst, dann tu es. Ich habe mein Vertrauen in ihn verloren.“

„Ich möchte gerne da anknüpfen, wo Ihr aufgehört habt, wenn Ihr erlaubt, Madame. Als Erstes werde ich den Bettler noch einmal be...“ Beinahe hätte ich ‚bedrohen‘ gesagt. „... befragen. Vielleicht lügt er ja doch aus irgendeinem Grund.“

Melisende hob eine Braue, aber falls sie lächerlich fand, was ich gesagt hatte, sprach sie es nicht aus.

„Du hast mich um Hilfe gebeten“, sagte sie. „Ich werde dir helfen. Dir – nicht ihm!“ Die Comtesse betrachtete mich von oben bis unten. „Deine Verkleidung kann ich zwar nicht gutheißen, aber sei’s drum! Ich halte ein Auge auf dich: Sollte jemand Verdacht schöpfen, findest du dich in jenem entlegenen Kloster wieder, wo sich zurzeit Dame Adeline von schwerer Krankheit erholt. Du verstehst, was für eine ‚Krankheit‘ ich meine ...“

Oh ja, ich verstand. Das gab der gehässigen Vorstellungskraft von Frauen wie Geneviève de Beaufort viel Raum. Sollte man sich das Maul zerreißen über die törichte Witwe Adeline, deren Schwangerschaft sich nicht mehr verbergen ließ. Solange man das tat, fiel nicht auf, dass sie immer dann verschwand, wenn der Knappe Kitt auftauchte und umgekehrt. Die üble Nachrede kümmerte mich nicht, der Gedanke, ich könnte aus heiterem Himmel über Nacht ins Kloster verschleppt werden, bereitete mir ganz andere Sorgen. Hin und her rennen würde ich dort, wie ein Tier im Käfig.

„Madame, Ihr dürft mich nicht fortbringen lassen! Was soll aus Jérôme werden ohne mich?“

Melisendes Freundlichkeit schwand dahin. „Was diesen Mont-dra-gon anbelangt“, spuckte sie mir die einzelnen Silben des verhassten Namens vor die Füße: „Er wird unter diesen Umständen auf die Dienste seines Knappen verzichten müssen. Dich mit dieser Aufgabe zu betrauen, war seine dumme Idee, niemandes sonst. Ich bin für meine Damen verantwortlich, so wie mein Gemahl für seine Ritter Verantwortung trägt. Dass einer von ihnen Leid geschieht, kann ich nicht zulassen. Du solltest mir dankbar dafür sein, statt dich zu beklagen.“

„Als Junge lebe ich seit über einem Jahr“, versuchte ich ihr zu erklären. „Ja, manches liebe Mal schöpfte jemand Verdacht, trotzdem ist es immer gut gegangen und das wird es weiterhin. Ganz bestimmt.“ Ihrem Blick nach zu urteilen, teilte sie diese Zuversicht nicht. Ich musste zusehen, wie ich das Schlimmste verhinderte. „Seht, ich bin Euch ja sehr dankbar für das abgelegen Zimmer und für Eure Zusage. Nur bitte: Lasst mich nicht eines Morgens hinter hohen Klostermauern aufwachen, wo ich nichts mehr für ihn tun kann. Ihr sagt, Ihr wollt mir helfen, aber so helft Ihr mir nicht. Es sei denn, Ihr versprecht mir, in dem Fall jemand anderen mit meiner Aufgabe zu betrauen. Sonst schlagen sie ihm den Kopf ab für einen Mord, den er ni...“

„Ich kann auch sofort Wachen rufen, die diesen unverschämten Knappen entfernen“, unterbrach sie mich. „Mit dem, was sie entdecken, sobald sie dich am Arm packen, habe ich unter diesen Umständen nichts zu schaffen. Spätestens in einer schmutzigen dunklen Ecke wirst du es schmerzlich bereuen, dass du meinen Schutz nicht zu würdigen wusstest.“

Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. „So grausam seid Ihr nicht, Madame, nein!“

„Wenn du weiterhin um Gnade für diesen nichtswürdigen Lügner bittest, wer weiß?“ Melisende hob die Nase an und holte tief Luft. „Nein, so grausam bin ich nicht“, stimmte sie mir zu. „Dennoch kommt es mir fast ebenso grausam vor, dich ins Unglück rennen zu lassen. Ich sollte dir nicht erlauben, hier zu bleiben. Ich sollte dir die damit verbundenen Gefahren ersparen und die Enttäuschung, die dich am Ende erwartet. Er hat dich belogen, offener und hinterhältiger sogar als mich. Beginnst du nicht auch zu begreifen, wie die schöne Geneviève, die doch einmal seine Verlobte war, zu einer so verbitterten Frau wurde?“

„Genevièves Verbitterung und die Eure – Madame, das ist zweierlei, so viel könnt ihr mir glauben“, nuschelte ich. „Und habt Dank für alles.“

Den alten Bettler zu finden war nicht schwierig. Er saß an der Ecke des Doms, wo er seine Schale nicht nur Kirchenbesuchern entgegenschütteln konnte, sondern jedem, der an dieser belebten Kreuzung vorbeilief.

In Windeseile würde ich den der Lüge überführen, oh ja! Ich baute mich neben der Schulter des lumpenbehangenen Männleins auf und stemmte die Beine in den Boden.

„Du Judas!“, sagte ich aus tiefster Seele, denn es tat wohl, meiner Verachtung einen Namen zu geben.

Der Alte setzte die Schale ab und drehte sich mir zu. „Verzeiht bitte ...“ Er lächelte unsicher. „... meine Ohr’n sind nimmer die Allerbesten. Was sagtet Ihr?“

Da haben wir es, dachte ich. Wahrscheinlich stellt sich heraus, dass er auch blind ist wie ein Maulwurf, dann weiß ich ja, was ich von seinen Beobachtungen zu halten habe.

„Verräter!“, sagte ich, vielleicht verstand er das ja besser. „Wie konntest du Jérôme so ... so ... – ja, so verraten? Wo er dir immer nur Gutes getan hat!“ Zweifel stiegen in mir auf. Die grauen Augen des Alten betrachteten mich aufmerksam und wach, ganz und gar nicht wie die eines Maulwurfs, der unbeholfen in die Sonne blinzelt.

„Ah“, machte er vorsichtig, „jetzt versteh‘ ich. Ihr seid doch Montdragons ... äh, Knappe.“

„Ja, ich bin der Dumme, der ihn aus den Schwierigkeiten herausholen muss, in die du ihn gebracht hast“, entgegnete ich scharf, obwohl er mir mit den Augen zu verstehen gab, mein Geheimnis, keine Sorge, das sei bei ihm gut aufgehoben.

„Aber junger Knappe ...“, sagte er und erntete ein wütendes Schnauben von mir, weil es ihm immer noch nicht gelang, das ohne einen zweifelnden Unterton auszusprechen. „Ich wollt ihm doch nicht schaden. Die Comt... äh, die gute Frau aus dem Schloss hat gefragt, ob ich was wüsst’ und was ich ihr gesagt hab, ist die Wahrheit. Montdragon war hier in der Matthiasnacht. Er hat sich vom Pferd zu mir runtergebeugt und da hab sein Gesicht geseh’n. So deutlich, wie ich Eures jetzt seh’.“

„Bist du sicher?“ Mein armes Herz!

„Aber ja. Ich hab sogar mit ihm gesprochen. Hab ihn gefragt, was ihn so früh im Jahr in die Stadt treibt, wo er sonst nur zu Ostern und im Herbst an den Hof kommt.“

„Ja und?“, forderte ich den alten Mann auf. Der wusste doch mehr, so wie er seine borstigen, weißen Bartstoppeln kratzte. „Was hat er geantwortet?“

„Oh, er hat mir keine rechte Antwort gegeben. Er hat nur gemeint: Tja, das könnt er mir auch nicht sagen. Er wär selber froh, wenn er wüsst’, was er hier eigentlich will.“

„Großer Gott, er ist besessen!“ Irgendwann hatte es ja so kommen müssen. Jérôme war leichte Beute für Teufel und Dämonen, eine leichtere gab es gar nicht. Ich hätte mehr für ihn beten sollen, keine Frage.

„Besessen?“ Der Alte kicherte. „So tät ich das nicht unbedingt nennen, nein.“

„Du hast ihn also gesehen in der Matthiasnacht.“ Ich musste mich damit abfinden, dass Jérôme in der Stadt war. Mich damit abfinden und weitere Einzelheiten über seinen Aufenthalt sammeln, bis klar wurde, was das alles bedeutete. „Wann war das? Früh am Abend oder eher zur Nacht hin?“

„Bei mir war er während im Dom die Vesper gelesen wurd’. Weißte, die meisten Leut’ geben mir was, wenn andere drumrum steh’n, soll ja jeder sehn, wie reich und mildtätig sie sind. Bei ihm isses umgekehrt, er kommt, wenn ich allein bin, weil keiner was wissen soll von der Barmherzigkeit in ihm drin – nicht mal Gott. Dass ich für ihn bete, lehnt er nämlich auch ab. Ist seltsam für mich, so ohne Geg’nleistung. Ich hab‘n anständigen Beruf: Man gibt mir was, man kriegt was dafür.“

„Ist ja gut, niemand zweifelt an deiner Redlichkeit oder am Sinn deines Berufs. – Montdragon hat also gewartet, bis du allein warst? Willst du damit sagen, er war bereits vor der Vesper in der Stadt?“

„Genau. Hab ihn 'n paar Mal vorbeireiten sehn. Er‘s ja nicht grad schwer zu erkennen mit seinem schwarzen Mantel.“

„Er ist doch hoffentlich nicht zum Schloss geritten oder aus dieser Richtung gekommen?“, fragte ich. „Als würde er einen Weg hinein oder einen Fluchtweg von dort erkunden?“

„Wär ziemlich dumm, das so auffällig zu tun, findet Ihr nicht?“ Der alte Mann rieb mit beiden Händen das krumm gewachsene obere Ende seines Gehstocks. „Ja, er‘s die Straße lang geritten, die zur Abtei St. Loup führt. Aber ich sitz nun mal hier, ob er zum Schloss weiter geritten ist oder hinter der Abtei 'nen anderen Weg eingeschlagen hat, kann ich nicht sagen. Selbst wenn er zum Schloss geritten ist, heißt‘s längst nicht, dass er die kleine Comtesse ermordet hat. Ich glaub‘s nicht. Was die Leut’ auch sagen – er‘s 'n guter Mensch!“

Erst auf der anderen Seite des Kirchplatzes fiel mir ein, dass ich dem Bettler etwas geben sollte. Ich lief zurück und zeigte mich aus einem schlechten Gewissen heraus großzügig beim Griff in meinen Geldbeutel.

Beunruhigt, aber immer noch im guten Glauben, es ließe sich alles erklären, machte ich mich auf den Weg zum Kerker. Der geschwätzige Wärter begrüßte mich überschwänglich in den muffigen Gewölben. Er freute sich, dass er am Leben und unversehrt war, obwohl er heute Morgen seinen Gefangenen in einen anderen Raum hatte bringen müssen. Einen Raum, in dessen Wand es noch einen Kettenring gab, und zwar – wie der Wärter betonte – hoffentlich noch lange. Ich fischte zwei meiner letzten Deniers aus dem Geldbeutel und drückte sie ihm in die Hand.

Das Geld hatte er sich verdient. Dieser Raum war ein noch elenderes Loch als der andere: winzig, vollkommen dunkel und furchtbar feucht. Aber der gute Mann hatte sich Mühe gegeben, den Boden vom Moder zu befreien. Wo das nicht gelungen war, hatte er mit frischem Stroh nicht gespart.

„Fehlt dir etwas?“, fragte Jérôme mich. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

„Nein, ich habe keinen Geist gesehen“, antwortete ich und setzte mich neben ihn. „Glaube ich zumindest. Aber ich habe mit der Comtesse gesprochen. Du hattest recht. Sie will dir nicht helfen.“ Ich behielt für mich, wie enttäuscht sie sich von ‚ihrem Ritter‘ gezeigt hatte. Obwohl er sicher gar nicht darüber nachgedacht hätte, dass einer so tiefen Enttäuschung eine noch tiefere Zuneigung vorausgegangen sein musste. „Allerdings sagte sie, sie fühle sich für mich als ihre Hofdame verantwortlich, deshalb hat sie mir zugesagt, sie werde ein Auge auf mich haben. Falls jemand herausfindet, wer ich bin, lässt sie mich in ein Kloster bringen.“ Auf die Folgen, die das für ihn hätte, machte ich ihn lieber nicht aufmerksam und auch Melisendes Drohung verschwieg ich ihm.

„Da fällt mir ein Stein vom Herzen“, sage er und ich wünschte mir, Melisende könnte das hören. „Ich hatte so ein schlechtes Gewissen. Dass ich dir das antue ... Wo doch hier alles anders gelaufen ist, als ich dachte.“ Obwohl ihn die Ketten behinderten, versuchte er, den Arm um mich zu legen. Die Berührung kribbelte unangenehm.

„Mach dir um mich keine Sorgen!“ Ein kameradschaftlicher Ton machte es leichter, mir diese Vertrautheit vom Leib zu halten. „Zwar könnte ich mir Schöneres vorstellen, als wieder im Kloster zu leben, aber derjenige, der in Schwierigkeiten ist, bist du.“

„Warum? Wegen Melisende? Sie hilft mir nicht, na und?“

„Jérôme, sie hat guten Grund dazu. Sie hat mir eine Liste gegeben, auf der ziemlich viele Leute verzeichnet sind, die dich in der Stadt gesehen haben. Und nun weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll, geschweige denn, wie ich deine Unschuld beweisen soll ...“

„Das haben wir doch besprochen: Das war ich nicht“, sagte Jérôme hastig. „Du weißt doch, wie es ist“, schob er nach, wohl wissend, dass mir diese Antwort nicht reichen würde. „Die Leute haben Angst vor mir. Besonders seit dem Gottesurteil, was, wie ich zugeben muss, meine eigene Schuld ist. Lass einen Ritter in schwarzem Mantel durch die Stadt reiten und erzähle später, ich hätte jemanden ermordet. Was werden sie sagen, wen sie gesehen haben? Mich, wen sonst!

Warum hat denn niemand gesehen, wie der Mörder in das Schloss hinein und aus dem Schloss hinausgekommen ist? Ganz einfach: Es waren zwei. Suche nicht länger nach dem Mann in der Stadt, der sah zwar aus wie ich, aber er war nur der Lockvogel. Über den Mord weiß er wahrscheinlich nicht mehr als du und ich. Nach dem Mann im Schloss musst du suchen!“

Dass Jérôme so viel redete, sprach für sich – und gegen ihn. Ich ließ ihn erst einmal reden. „Du warst also nicht in der Stadt?“, fasste ich dann zusammen. „Alle Zeugen haben einen anderen Mann gesehen?“

„So ist es.“

„Jérôme, du lügst mich an. Ich habe mit jemandem gesprochen, der nicht nur einen Ritter mit schwarzem Umhang, sondern auch ein Gesicht gesehen hat. Dein Gesicht, um genau zu sein. Es ist mir weder gelungen, diesen Mann der Lüge zu überführen, noch ist es lohnenswert, ihn zu bestechen. Ja, er will dir nicht einmal etwas Böses.“

Jérôme hatte grübelnd zu Boden geblickt. Es wäre mir lieber gewesen, er hätte das auch weiterhin getan, anstatt mich mit seinen verwirrend schönen Augen anzusehen. „Wer ...“, hauchte er, erst beim zweiten Anlauf bekam seine Stimme Klang: „Wer behauptet, er hätte mich gesehen?“

„Der Bettler. Am Dom.“

„Verdammt!“ Jérômes Faust donnerte unerwartet gegen die Wand, dass ich zusammenzuckte. „Den hatte ich vergessen.“

Die harmlose Erklärung, die ich mir erhofft hatte, war das nicht, nein. Wie hätte die auch aussehen sollen?

„Es ist also wahr“, sagte ich. „Du warst in der Stadt.“

„Ja. Ja, ich war in der Stadt. Aber nicht im Schloss, hörst du! Und ich habe schon gar nicht das Mädchen getötet! Ich wollte dir nur nichts davon sagen, weil ... Himmel, ich dachte, wenn du erfährst, dass ich in der Stadt war, ohne dich zu besuchen, dann bist du traurig und mir gram.“ Obwohl es hier alles andere als warm war, sah sein Haar feucht aus, nachdem er mit der Hand hindurchgefahren war.

„Was hat dich hergeführt?“, fragte ich möglichst kühl.

„Geschäfte“, antwortete Jérôme überstürzt, kaum hatte ich zu Ende gesprochen. „Ich hatte Geschäfte zu erledigen.“

„Was für Geschäfte?“

„Das möchte ich dir lieber nicht sagen“, wiegelte er ab. „Die dunklen Angelegenheiten, in die ich da wieder hineingeraten bin, würden dich nur entsetzen.“

„Jérôme, ich muss es wissen. Wie soll ich deine Unschuld beweisen, wenn du mir nur die Hälfte erzählst?“

„Also gut. Ich ... äh – wollte ein Pferd kaufen.“

„Ein Pferd? Und was soll mich daran so entsetzen?“

„Jaaa, ein Pferd, ein gestohlenes Pferd. Damit nicht genug ...“, fügte er hinzu, merkte er doch selbst, dass er vorher weitaus Entsetzlicheres angedeutet hatte. „Dann war da auch noch ...“ Jetzt fiel ihm endgültig nichts mehr ein, das da noch gewesen sein könnte. Er seufzte. „Nein, das ist gelogen. In Wahrheit war ich deinetwegen in der Stadt.“

„Meinetwegen? Und nach all den Lügen soll ich dir das glauben? Warum willst du meinetwegen hier gewesen sein?“ 

„Wenn ich dir das so genau sagen könnte, dann wäre alles anders gekommen.“ Jérôme presste die Lippen aufeinander und pustete Luft aus seiner Nase. „Als ich Montdragon verließ, wusste ich nur, dass ich Sehnsucht nach dir habe. Alles andere, dachte ich, würde sich finden. Weißt du, was sich gefunden hat in den zwei Tagen, die ich unterwegs war? Gar nichts! Auf einmal stand ich vor dem Schloss, ratlos wie zuvor. Wir beide haben so schöne Zeiten miteinander verlebt – aufregend, aufreibend, verwirrend, und trotz allem schön. Viel schöner als die Zeiten, in denen ich mich Geneviève verbunden fühlte. Aber so einfach ließ sich unsere Zeit nicht zurückholen. Du warst nun eine Dame, das änderte alles. Ich bin grübelnd durch die Stadt geritten, zum Schloss hin und wieder fort. Zu einem Schluss bin ich nicht gekommen. Gegen Abend habe ich es aufgegeben.“

„Allmählich verstehe ich!“ Mein glückliches Schmunzeln ließ sich einfach nicht unterdrücken. „Das war der Grund für dein seltsames Benehmen. Ich habe einen Schreck bekommen, als du sagtest, ich soll nicht nach dem Mann in der Stadt suchen, sondern nach dem im Schloss. ‚Der weiß Einzelheiten über den Mord, die er gar nicht wissen kann‘, dachte ich. Natürlich weißt du genau, dass der Mann in der Stadt und der Mörder zwei verschiedene Personen sind, weil du der Mann in der Stadt gewesen bist. Allerdings ist Lockvogel das falsche Wort – der wahre Mörder hat sich deine Anwesenheit zunutze gemacht, das trifft es besser.“

Jérôme nickte. „Es muss mich jemand gesehen haben, jemand, der Yolandes Tod wollte. Oder meinen.“

„Ach Jérôme, warum hast du mir das nicht gesagt? Ich glaube dir ja. Für Yolandes Mörder habe ich dich nie gehalten, nicht einen Augenblick lang. Jetzt ist es doch einfach: Ich muss nur Zeugen finden, die gesehen haben, wie du die Stadt Richtung Montdragon verlassen hast – nach der Vesper, also lange bevor Yolande ermordet wurde. Dein Zögern vor dem Schloss hätte ich auch verstanden. Ich meine ...“ Ich kicherte verlegen. „Heiraten ist schließlich etwas, das wohl überlegt sein will.“

Meinen letzten Satz hatte er nicht mehr gehört. Er starrte vor sich hin, in eine Erinnerung hinein, die ihm nicht sehr behagte. Sein Lächeln ließ sich ebenfalls nicht unterdrücken, nur sah es im Gegensatz zu meinem ganz und gar nicht glücklich, sondern völlig zerknirscht aus.

„Kitt, man kann eigentlich nicht sagen, dass ich die Stadt verlassen habe“, holte er aus. „Genau genommen bin ich erst gegen Morgen nach Montdragon aufgebrochen. Aus der Schänke bei der Mühle. Und auf der Suche nach Zeugen wirst du niemanden finden, dessen Aussage vor Comte Thibaud Gewicht hätte. Du wirst nur zwangsläufig auf den einzigen Menschen stoßen, der bezeugen könnte, dass ich nicht nachts ins Schloss eingedrungen bin: die Schankmaid, in deren Bett ich aufgewacht bin ...“

„Die Schankmaid? In deren Bett du ... – Bei allen Heiligen! Für wie blöde hältst du mich?“ Dicke Kerkerwände haben ein Gutes: Es dringen nur sehr laute Schreie hinaus und so laut war ich denn doch nicht. „Du tischst mir auf, dich hätte die Sehnsucht nach mir in die Stadt getrieben – in Wahrheit wohnte diese Sehnsucht nicht in deinem Herzen, wie du mich glauben lassen wolltest, sondern weiter unten in deinem Körper, viel weiter unten! Es war auch keine Sehnsucht nach mir, sondern eine, die jedes Mädchen, das über zwei warme Schenkel verfügt, stillen kann.“ Grauslich hörte sich das an, wie ich da um den heißen Brei herumredete. Warum rief ich das Kind nicht einfach beim Namen? „Herumhuren wolltest du.“ Großartig, jetzt hörte ich mich an wie Tante Adelgunde! „Deshalb kann man dir den Mord in die Schuhe schieben – falls du den nicht sogar begangen hast, aber was soll‘s? Wozu gibt es die dumme Kitt? Die wird dir den Hals schon retten! Damit sie es tut, brauchst du sie nur deine Herzallerliebste zu nennen, ihr ein Küsschen auf den Scheitel zu drücken und, und ... Und so zu tun, als wolltest du sie heiraten! Da ist sie gerührt, da tut sie alles für dich. Oh, das ist heimtückisch, das ist so ... Bilde dir bloß nicht ein, ich hätte dir wirklich geglaubt! Ich habe nur so getan, um die Wahrheit aus dir herauszukriegen, jawohl!“

„So war es eben nicht“, beteuerte er. „Ich habe es schlecht angefangen, lass mich der Reihe nach erzählen!“

„Bitte! Lüg weiter. Du musst ja offenbar noch üben.“

„Gegen Abend stand ich zum dritten Mal ratlos vor dem Schloss“, behauptete er beharrlich. Ärgerlich, dass das sogar mit meiner Zeugenliste übereinstimmte. „So ging es nicht weiter. Ich entschied mich, die Stadt zu verlassen – nicht auf dem Weg, den ich sonst nehme, sondern durch die Porte de St. Lyé. Bei der Mühle sollte es eine Schänke geben, keine gute Gegend, doch genau danach war mir zumute. Dort wollte ich mich betrinken, bevor ich den Heimweg antrat.

Betrunken habe ich mich auch und zwar gründlich, so viel kann ich noch mit Bestimmtheit sagen. Nur mit dem nach Hause Reiten wurde es wohl nichts. Das Nächste, woran ich mich wieder erinnere, ist die Schankmaid, die sich neben mich legte. Ich soll in aller Ruhe meinen Rausch ausschlafen, sagte sie, sie werde schon ein Plätzchen zum Schlafen finden. Dass es ihre Dachkammer ist und ihr Bett, in dem ich liege, wurde mir erst allmählich klar. Ich weiß nicht einmal, wie ich in ihr Bett gekommen bin. Hoffentlich hat sich das arme Mädchen keinen Bruch an mir gehoben.“

„Ach, das arme Mädchen!“

„Du brauchst das gar nicht so verächtlich zu sagen – sie war sehr freundlich zu mir. Sie war ehrlich um mich besorgt, glaubte sie doch, ich sei immer noch nicht nüchtern genug für den Heimweg. Die Nacht, in die ich hinauswollte, war ihrer Meinung nach auch noch zu dunkel. Ebenso gut hätte ich mit leerem Geldbeutel aufwachen können, stattdessen fand ich ihn unangetastet vor. Dass sie mich auslacht, weil ich so überstürzt aufspringe und an mir heruntersehe, ob ich noch Kleider trage, habe ich sogar verdient – nachdem ich mich deinetwegen zugesoffen habe, bis ich eine Zeit lang nicht mehr Herr meiner selbst war, und das weit entfernt von meinem eignen Bett!“ Jérôme hielt mir seine eisenbeschwerten Handgelenke vor die Nase. „Ohne dich säße ich jetzt nicht hier, hast du darüber einmal nachgedacht? Nein hast du nicht, denn dazu müsstest du mir glauben!“

Meinetwegen betrunken! Das wurde ja immer schöner, nun war ich plötzlich an seiner misslichen Lage schuld. „Hat sie wenigstens diese ... diese abstoßenden Sachen für dich gemacht?“, wollte ich wissen.

„Kitt, ich versuche es dir die ganze Zeit zu erklären: Ich kann mich an nichts erinnern. Mithin auch nicht an irgendwelche abstoßenden Sachen. Was immer du damit meinst. Das ist doch auch nicht so wichtig.“

„Na, die abstoßenden Sachen, von denen Tante Adelgunde und die Nonnen erzählt haben. Die Sachen, für die sich käufliche Mädchen hergeben, weil die anständigen Frauen sich weigern. Und doch“, fügte ich verschnupft hinzu, „es ist wichtig.“

„Damit kennen sich Nonnen aus?“, staunte er. „Mit den Machenschaften käuflicher Mädchen?“

„Ja, natürlich“, bestätigte ich großmäulig. „Zum Beispiel ... Zum Beispiel tragen sie Spangen an den Füßen und Ringe in den Ohrläppchen, diese Mädchen. Sie legen sich hin, heben die Röcke und dann lassen sie die Fußspangen an den Ohrringen klingeln.“

„Die Fußspangen an den Ohrringen? Oh, das klingt reizvo... abstoßend, Kitt, das klingt wirklich abstoßend! – Ich weiß nicht, was sie getan hat, genauso wenig was ich daraufhin getan habe, falls ich dazu noch fähig war. Ausgefallene Ansprüche habe ich in dem Zustand bestimmt nicht mehr gestellt und von Genuss kann ja wohl auch keine Rede sein, so ganz ohne Erinnerung. Ich weiß nur, dass ursprünglich der Krug in ihren Händen meine Begierde weckte, nicht sie. Und da es offenbar so über alle Maßen wichtig ist: nein, sie trug keine Ohrringe.“

„War sie hübscher als ich?“ Was für eine dumme Frage – so ziemlich jede war das. Darin bestand ja mein Elend.

„Kitt, es ist genug! Wir haben andere Sorgen ...“ Er gab es auf. „Sie war nicht hübsch, nein“, nuschelte er halbherzig, „hübscher als du schon gar nicht. Aber das glaubst du mir ja sowieso nicht.“

Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Comtesse Melisende hatte recht: Er log uns an.

„Ach, steig doch mit so vielen Schankmaiden ins Bett, wie du willst, du elender Lügner!“

Jérôme betrachtete mich mit befremdlichem Stirnrunzeln.

„Das ist mir völlig gleichgültig“, fuhr ich unbeirrt fort. „Ich bin nur dein Knappe, der Dummkopf, der dich aus dem Kerker holen soll. In den du hineingehörst, da du meine Freundin Yolande erdolcht hast!“

Jérômes Atem setzte aus und umso heftiger wieder ein, eine Brise, die zum Sturm wird. „Würdest du bitte einen kurzen Augenblick lang nachdenken, anstatt dich in einem fort zu grämen, weil die Schankmaid sich vielleicht in einer Weise hingelegt hat, die dir deine Tante und deine Nonnen verboten hätten, ja? Dann bekämst du nämlich deinen klaren Blick zurück. Ich kann nur eines getan haben: Entweder ich habe mich in der Schänke betrunken und was-weiß-ich-was noch gemacht oder ich habe im Schloss deine Freundin ermordet, verdammt und wiederum verdammt!“ Jérôme war ganz zerzaust von dem Sturm, den er selbst losgetreten hatte, und so wie er mit in seinem Haar herumwühlte, würde ihm eines bestimmt nicht gelingen: es zu glätten. „Kitt, du weißt, ich bin nicht besonders gut darin, Reue zu bekunden. Lass es mich trotzdem versuchen. Es tut mir leid, aufrichtig leid, dass ich dich mit hier hineinziehe, ich hätte das nicht tun sollen. Ich hätte ... Ich hätte so vieles anders machen sollen. Bitte, glaub mir: Irgendwann wäre ich ein zweites Mal zu dir geritten. Aber an dem Abend habe ich es einfach nicht geschafft.“

„Es ist nicht höflich, mich anzufahren und mir einen Hang zu zügellosem Benehmen zu unterstellen“, beschwerte ich mich, ohne auf den letzten, durchaus berührenden Teil seiner Rede einzugehen. „Davon wird die Mär vom missglückten Besuch bei mir auch nicht wahr.“

Jérôme schnaubte nicht, Höflichkeit, ha, das sei für ihn nur noch ein schönes Wort, nichts, worauf er hier unten noch hoffen durfte. Im Gegenteil, er verbarg seine von der Prügelei verkrustete, inzwischen dunkelviolett unterlaufene Augenbraue hinter seiner Hand. „Was willst du denn hören?“, fragte er. „Soll ich dich um Verzeihung anflehen? Dich meiner ewigen Liebe versichern? Versprechen, ich werde dir jeden Wunsch erfüllen, wenn ich wieder frei bin? Das sind genau die Sätze, die mir nicht über die Lippen wollen, die Sätze, vor denen ich … ja, vor denen ich geflohen bin in jener Nacht. Aber verletzen wollte dich nicht, Kitt. Weder indem ich vor dem Schloss kehrtgemacht habe, noch indem ich einer Fremden womöglich näher gekommen bin, als ich beabsichtigte und als dir lieb ist. Dennoch war es so. Du warst die, zu der es mich zog, nicht irgendeine Schankmaid, die für ein paar Münzen von jedem Schweinehirten zu haben ist. – Oh Gott, was war ich für ein Narr! Zu glauben, ich könne dir das vorenthalten und es sei möglich, dass du – ganz wundersam – meine Unschuld beweist, ohne es je zu erfahren. Allein schon für so viel Torheit sollte man mir den Kopf abschlagen ...“

Falls er auf Widerspruch wartete, musste ich ihn leider enttäuschen. Ich verschränkte die Arme und hüllte mich in Schweigen.

„Mit dem Tod deiner Freundin habe ich nichts zu schaffen, glaub mir wenigstens das. Kitt, du bist nicht auf den Kopf gefallen, also benutze ihn! Hätte ich sie getötet, hätte ich dann nicht einen besseren Ort gewählt, an dem ich mich angeblich aufgehalten habe? Und jemand anderen, der es bezeugen kann? Jemanden, dem man mehr Glauben schenkt, als diesem Mädchen? Jemanden, der dich weniger wütend macht?“

„Was weiß ich, warum du das getan hast! Und dass du nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kannst, ist auch nicht bewiesen.“ Was er gesagt hatte, klang erschreckend schlüssig. Ja, ich hätte lieber gehört, wie er mir immer heftigere Lügen auftischt. Wie er fleht, jammert, und mir ganz unzweifelhaft Liebe nur vorgaukelt, die er nicht empfindet, damit ich ihm seinen Hals rette. Das hätte es mir leichter gemacht, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber es ging auch so. Ich stand ruckartig auf, zog gerade noch rechtzeitig den Kopf ein.

Jérôme, der ein letztes Mal meinen Namen sagte, sich dann die Lippen und jedes weitere Wort verbiss, wirkte so verzweifelt, wie ein Mann nur sein konnte. Im Stillen dankte ich Melisende für ihre Erklärung, dahinter verstecke sich nichts anderes als die Fratze Satans.

„Fahr zur Hölle!“, sagte ich zu dieser Fratze. „Dorthin zog es dich doch immer schon. Und von diesem Loch aus ist dein Weg ja kurz.“ Zur Tür waren es zwei Schritte in gebückter Haltung. Hier fand ich mich wieder bei meinem letzten Wort, selbst die Fackel hatte ich bereits aus der Wandhalterung genommen. Ich klopfte gegen die Tür und hörte mit dem Klopfen gar nicht mehr auf, bis sie geöffnet wurde.

Der Wärter sah mich verdutzt an. Dieser Blick steigerte sich noch, während ich mich an ihm vorbei durch den winzigen Bogen zwängte und die Tür hinter mir zuzog. Ich nahm durchaus wahr, wie der Lichtstreifen, der Jérômes kleinen Kerker erhellte, immer schmaler wurde und schließlich ganz in der Schwärze verschwand. Aber es tat mir nicht im Mindesten leid, ihn im Dunkeln zurückzulassen.

Die Blumen von Troyes

Ich wusste zwar, dass ich möglichst weit von Jérôme wegwollte, aber leider nicht, wo ich hinwollte. Es ging mir nicht im Geringsten besser, als ich allein in meinem Zimmer auf dem Bett saß. Ich sah sie vor mir – die rauchenden Trümmer, die einmal mein Leben gewesen waren. Alles, was ich gut und richtig gefunden hatte, so gut und so richtig, dass ich bereit war, dafür zu kämpfen, ja dass ich mir sogar dafür einen Pfeil in die Brust schießen ließ, all das lag in Schutt und Asche. Was konnte ich jetzt noch glauben?

Genau wie Melisende wollte ich gar nicht mehr herausfinden, was in der Matthiasnacht geschehen war. Das würde nur weitere Einzelheiten ans Licht holen, die besser im Dunkeln geblieben wären. Ich war müde. Es musste eine Ewigkeit vergangen sein, seit ich mein Bett verlassen hatte, nie und nimmer konnte sich das alles an einem Tag ereignet haben. Meine Beine fühlten sich schwer an. Nicht, weil ich so viel darauf herumgelaufen war, sondern weil sie sich wünschten, mich noch viel weiter von hier fortzutragen, es aber nicht durften. Ich schlief wie eine Tote.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit dem seltsamen Gefühl, dass es nichts mehr für mich zu tun gab. Der Blick aus dem Fenster diente nicht dazu, nach dem Wetter zu sehen, sondern bot Anlass zu endloser Grübelei. Der Frühling kehrte zurück, gemächlich dieses Mal, nicht so stürmisch, nicht so aufsehenerregend wie zuvor, dafür aber wahrscheinlich verlässlicher. Von der Schneeschicht, die sich vorgestern über den Ehrenhof gelegt hatte, waren nur einige schmutziggraue Hügelchen geblieben. Schmutziggraue Hügelchen, die der Wind aufgetürmt hatte und die nun die Würde des Ortes besudelten.

Ein schlechtes Gewissen plagte mich, aber nicht wegen Jérôme, um den ich mich nicht mehr kümmerte. Es war Yolande, die mich beschäftigte. Zum ersten Mal seit jener Nacht fand ich die Muße, um meine Freundin zu trauern. Gewiss, sie war allgegenwärtig gewesen – in den Fragen: Wer hat sie ermordet? Hat Jérôme sie ermordet? Warum hat er sie ermordet? Warum, ja, warum hat er das getan? Ach, zum Teufel mit ihm! Ich hatte mich nicht einmal von Yolande verabschiedet, war die Einzige, die sie nicht besuchte, als sie aufgebahrt lag. Vier Tage lang war ich unterwegs gewesen zwischen Troyes und diesem dreimal verfluchten Montdragon, sogar ihre Totenmesse hatte ich verpasst. Ich hatte es ja für wichtig befunden, die Unschuld dieses verdammten Lügners zu beweisen. Was, wie ich inzwischen wusste, gar nicht möglich war. Nun hatte ich Zeit, Versäumtes nachzuholen.

Im Dom hallten dumpfe Meißelschläge wider, die von der Krypta herkamen. Sie verklangen, während ich das Kirchenschiff durchquerte, und als ich die gewundene Treppe neben dem Altar hinabstieg, stellte ich erleichtert fest, dass der Steinmetz seine Arbeit niedergelegt hatte. Ich war allein in dem niedrigen Gewölbe, die verwirrenden Schatten, die das flackernde Kerzenlicht an die Wände warf, stammten nur von den Pfeilern. Yolandes Grabplatte lag, erst grob behauen, in der Mitte des Raumes auf einem Gestell aus Holzbohlen, aber ihre eigentliche letzte Ruhestätte war nicht zu übersehen. Obwohl außer so kleinen Blumen wie Märzenbechern noch nichts blühte, bedeckte eine ganze Schicht davon den Boden in der Nische. Einen schönen Platz hatte Comte Thibaud seiner Tochter zugedacht: von dem Kapitell der Säule zur Rechten sah ein Engel liebevoll auf Yolande hinab. Hier geht es dir gut, sagte ich zu ihr. Hier hast du deine Ruhe. Auch vor Geneviève.

„Warst auch in sie verliebt, he?“ Der Steinmetz war zurückgekommen. Seine Stimme klang wie ein Felsbrocken, der in der Sonne lag: rau und warm. Er erwartete keine Antwort, er trat neben mich, als hätte ich sie ihm gegeben und senkte seinen Blick auf das Grab. „Hast du sie gekannt?“

Ich nickte, ohne mir Gedanken darüber zu machen.

„Vielleicht“, sagte er, „kannst du mir helfen. Später, wenn du ihr gesagt hast, was du ihr sagen wolltest.“

„Schon gut. Ich wollte mich von ihr verabschieden. Aber hier, an ihrem Grab, habe ich das Gefühl, dass alles gesagt ist, was zu sagen war. Und dass sie gar nicht hier ist.“ Ein dummer Satz, der letzte, so kam mir auf einmal in den Sinn.

Der Steinmetz lächelte. Mit seinem grauen Haar und mit dem Steinstaub in seinem Gesicht wirkte er, wie einem Wandrelief entstiegen. „Nein, sie ist nicht hier“, sagte er behutsam. „Sie ist in der besseren Welt. Wer ein reines Herz hat, tut sich leicht, dorthin zu gelangen. Für sie ist das gut so – mir bereitet‘s Schwierigkeiten. Wie soll ich eine Erinnerung in Stein meißeln, die in meinem Kopf bereits verblasst? Ich hab sie gezeichnet. Ob ich sie getroffen habe, musst du mir sagen.“ Er ging zu dem Gestell, setzte sich darauf und hielt mir einige Blätter Pergament entgegen.

„Aber ... Das ist sie!“ Ich musste mich auch erst einmal setzen. Von jedem der Blätter schaute mich Yolandes Gesicht an, mal größer, mal kleiner, mal von vorn und mal von der Seite. „Wie sie leibt und lebt.“ Leibte und lebte, wollte ich mich verbessern, aber ich konnte nicht mehr sprechen. Die Trauer, die ich die ganze Zeit nicht zugelassen hatte, holte mich ein.

„Wie eine Blüte, die der Frost uns nimmt, bevor sie voll erblüht ist, nicht wahr?“, sagte dann noch die traurige Stimme des Steinmetzes und schon mussten wir das Pergament vor unseren darauf tropfenden Tränen retten. „Wie kann man nur so was tun? Wie kann man nur so ein wundervolles Geschöpf ermorden?“ Ein Tränenfluss grub sich in sein staubiges Gesicht. „Ich hoff nur“, schniefte er, „sie rädern den Kerl, der das getan hat, diesen Montdragon.“

„Ja“, sagte ich hart. „Das hoffe ich auch.“

„Hast du gehört, was sie mit ihm vorhaben?“

„Guillaume de Beaufort darf ihm den Kopf abschlagen.“

„Sonst nichts? Also, mir käm der nicht so glimpflich davon. Wär ich der Comte, ich würd’ ihn durch sämtliche Straßen schleifen lassen, damit ihn jeder anspucken kann. Der Mistkerl soll wissen, wie sehr die ganze Stadt ihn hasst.“ Er verwischte sich die letzten Tränen in seinem Gesicht, der Gedanke an all die schrecklichen Dinge, die man dem Mörder antun könnte, hatte sie versiegen lassen. „Ich hätt’ es ja nicht gedacht von Montdragon“, fügte er gefasst hinzu. „Andererseits – wen wundert’s, bei dem Vater.“ Seine Augen suchten Bestätigung, ob ich seine Meinung über den alten Montdragon hören wollte. Da ich gerade auf die Montdragons nicht gut zu sprechen war – und zwar auf alle! – kam es mir recht, dass er über sie herzog. „Richard de Montdragon – widerwärtiger Kerl. Polternd und fett, die verfilzten Haare standen in alle Winde. Dass der die kleine Chlothilde geheiratet hat! Schrecklich!“

An jedem anderen Tag hätte ich ihn aufgefordert, mehr zu erzählen, gehörte er doch offenbar zu den wenigen, die Jérômes Mutter gekannt hatten. Heute berührte es mich nicht. Ach Agnès, dachte ich, wie hast du dich geirrt. Jérôme kommt nicht nach der Mutter. Die gewalttätige Ader seines Vaters ist durchgebrochen. Es war nur eine Frage der Zeit.

„Chlothilde ...“, seufzte der alte Steinmetz neben mir. „Auch so eine Blüte, die dem Frost zum Opfer fiel. Das Schicksal schlägt doch hart genug zu. Warum müssen die Menschen einander da noch gewaltsam aus dem Leben reißen?“

Da saßen wir mit unserem Kummer. Wir trauerten um Yolande, um Chlothilde und um all diejenigen, die unter der Ungerechtigkeit der Welt zu leiden hatten. Bis der Steinmetz sein Beutelchen auf den Schoß holte.

„Ich sollte was essen“, murmelte er, „und dann weiterarbeiten, damit die Kleine ihre Grabplatte kriegt. – Willste auch was?“ Er rupfte mir von seinem Brot und seinem Käse etwas ab und drückte es mir in die Hand. Mich nachdenklich von der Seite betrachtend schob er ein Stücken Käse in den Mund. „Bist du länger in der Stadt? Hast ein gutes Gesicht. Könnte ich mir vorstellen in dem Relief für das neue Kloster vor der Stadt.“

„In einem Relief“, staunte ich. „Ich? Wie denn?“

„Als Engel.“ Der Steinmetz kaute er seinen Käse, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Auf meinen erstaunten Blick hin erläuterte er: „Dein Gesicht ist nicht kantig und hart wie das von einem Mann, aber auch nicht weich wie das einer Frau ... Entschuldige! Ich hätt’ wissen müssen, dass ich einen wunden Punkt treff’. Ich geh zu oft mit Steinen um und zu selten mit Menschen.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen“, sagte ich. „Ich bin es gewohnt, schief angesehen zu werden.“

„Hab davon gehört. Dein Vater war ein Elf, nicht wahr?“

Da ich den Mund voll hatte, nickte ich. Auf eine Lüge mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht an, mochte der Boden, auf dem wir uns befanden, noch so heilig sein.

„Ist nicht einfach für dich, he?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich lebe zwischen den Welten. Männer finden mich klein und lachen sich krumm über mich.“

„Das ist hart.“ Er merkte nicht, dass ich mich versprochen hatte. Menschen und Männer sind ja auch eines. Frauen sind etwas anderes, etwas das keiner versteht. Manchen Tags verstehen sie sich ja selbst nicht.

„Und die Elfen?“, fragte er. „Wie sind die so?“

Ich dachte an den Winter. Und an Geneviève de Beaufort. „Eitel“, sagte ich. „Sie sind so schön, dass ich mir bei ihnen immer groß und ungelenk vorkomme. Ich hätte ein kantiges Gesicht, sagen sie. Ich sähe aus wie ein Mensch.“

„Das ist hart“, sagte der Steinmetz wieder. „Siehste, deshalb sind mir meine Steine die liebste Gesellschaft. Menschen – und so scheint mir, auch Elfen – haben nichts im Sinn, als sich gegenseitig zu verletzen, einander umzubringen und über die herzuziehn, die anders sind.“ Er runzelte die Stirn. „Sag mal: der Halbelf ist doch Montdragons Knappe – aber dann wärst das ja du?“

„Ich war es, ja. Bis gestern. Bis gestern hielt ich ihn nämlich für unschuldig.“

„Was macht dich heut so sicher, dass es anders ist?“

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete ich. Da die Geschichte etwas mit einem gebrochenen Frauenherzen zu tun hatte – mit meinem, um genau zu sein – fügte ich hinzu: „Ich möchte nicht darüber reden.“

„Dann denk wenigstens noch mal drüber nach“, meinte der alte Mann. „Ich weiß, vorhin habe ich gesagt, ich will sehen, wie der Kerl seine Tat sühnt. Aber auf einmal tut er mir leid. Oder vielleicht eher du. Weil du ihm heut einen grausamen Tod wünschst, und das gestern noch anders war.“

Ich kaute zu Ende, um ein Hastiges: „Ich muss gehen“ zu nuscheln und sprang auf. An einem Ort, wo man mir riet, über Jérôme de Montdragon nachzudenken, wollte ich nicht bleiben.

„Warte! Bist du noch länger in der Stadt? Wegen des Engelreliefs, weißte!“

„Ich bin kein Engel! Ich möchte auch gar keiner sein.“

„Das hab ich nicht behauptet.“ Das freundliche Schmunzeln in seiner Stimme hielt mich auf. „Weder das eine, noch das andere. Chlothilde de Montdragon war ja auch nicht die Heilige Maria. Aber sie brauchen lebendige Gesichter – die Muttergottes, die Heiligen und die Engel – sonst sind sie uns doch so unendlich fern.“

„Die Statue in der Schlosskapelle? Die ist von dir? Und sie trägt die Züge von Chlothilde de Montdragon?“

„Ja.“ Der Steinmetz sah Yolandes halbfertige Grabplatte an, als sei sie schuld, dass er das ausgeplaudert hat. „Erzähl niemandem davon. Es ... gibt nimmer viele, die drum wissen und so soll es wohl sein.“

Meine Gedanken waren unwillig und träge an diesem Morgen, doch einer durchzuckte mich wie ein Blitz: „Ist es so etwas wie – ein Geheimnis?“ Jérôme, der sich ja sonst weiß Gott nicht für Kirchen oder gar für Heiligenstatuen begeistern konnte, hatte diese Statue immer bewundert. Zumal ihm Guillaume de Beaufort immer angekündigt hatte, diese Staute berge ein Geheimnis und er werde ihm dieses Geheimnis eines Tages anvertrauen. War es das, was der alte Mann Jérôme hatte sagen wollen: So hat sie ausgesehen – deine Mutter, die Frau, die bei deiner Geburt gestorben ist und die du nie kennengelernt hast?

Der Steinmetz nickte.

Großartig, ich hatte das Geheimnis der Statue gelöst – jetzt, wo es mir gleichgültig war.

„Seltsam war das damals“, vertraute er mir an. „Erst behandeln sie sie wie eine Perle. Und später werfen sie sie vor die Säue – vor Richard de Montdragon besser gesagt.“

Der Steinmetz nahm seine Arbeit wieder auf, ich wollte ihn nicht länger stören. Ich sei nicht zum letzten Mal hier gewesen, sagte ich, denn ich wolle auf keinen Fall die Stadt verlassen, ohne Yolande Lebwohl zu sagen.

Den Rest des Tages verkroch ich mich in meinem Zorn auf die Welt im Allgemeinen und auf Jérôme de Montdragon im Besonderen im Bett. Was, so dachte ich mir in meiner Wut, kann man schon erwarten von einem Mann, der ins Leben tritt und dabei seine eigene Mutter umbringt?

Wohl hatte der Steinmetz mich nachdenklich gestimmt. Er hatte es so ehrlich bedauert, dass ich nicht mehr an Jérômes Unschuld glauben konnte. Es ist müßig, sich zu fragen, was ich getan hätte, wäre ich diesem Steinmetz nie begegnet. Doch ich denke, zumindest die Entscheidung, die ich am nächsten Morgen traf, wäre dieselbe gewesen.

Nachdem mein Ärger verraucht war, sah ich ein, dass Jérôme nur eines getan haben konnte: Entweder hatte er Yolande erdolcht oder er hatte sich betrunken und mit der Schankmaid herumgetändelt. Und Letzteres war kein Verbrechen, für das er es verdiente, mit Schimpf und Schande durch die Straßen geschleift und geköpft zu werden. So sind sie, die Männer, hätte Tante Adelgunde gesagt, immer nur auf ihr Vergnügen aus, diese Schufte. Am Ende hat die Frau alles auszubaden. Damit müssen wir uns abfinden.

Lange Zeit, ja im Grunde, seit ich nach Montdragon gekommen war, hatte ich geglaubt, sie würde sich irren, die Männer seien besser als ihr Ruf oder wenigstens Jérôme sei eine Ausnahme. Dann hatte er mir gestanden, wo er in der Mordnacht war und plötzlich schienen mir ihre Worte wieder in Stein gemeißelt zu sein, wie die Zehn Gebote.

Aber wie war das denn mit dem Ausbaden? Kam es mir nur so vor, weil sich mir das Gottesurteil vor einem Jahr tief ins Gedächtnis gebrannt hatte – oder war bei uns beiden immer Jérôme der, der alles ausbaden musste? Der, der beinahe aufgehängt wurde, der, der blutete, der, dem ich am Ende eine dicke Nadel durch die Haut stechen musste? Der, der tapfer die Zähne zusammenbiss, während ich nähte, und wie im Scherz hervorknurrte, es habe ja wohl besser Josselins Lanze seinen Arm aufgerissen, als Guys ‚Lanze‘ mich – an einer Stelle, die er nicht näher benannte?

Wenn ich nun meine Tante, die an Männern – genau wie an mir, nebenbei bemerkt – nie ein gutes Haar gelassen hatte, einmal außer Acht ließ, blieb von der Wut, die ich im Kerker verspürt hatte, nicht mehr viel übrig. Nur noch meine Angst. Meine Angst, Jérôme würde mich ausnutzen, er würde mir Zuneigung vorgaukeln, die er nicht empfand, damit ich ihn rettete. Meine Angst, ich sei zu unscheinbar, um Jérôme je das zu sein, was ihm seine Geneviève war – ein zartes, aber wundersames Wesen, das vermochte, ihm allein schon durch den Gedanken an sie, Kraft zu verleihen. Meine Angst vor ‚diesen Mädchen‘, die Männer in einer Weise betörten, die ‚wir anständigen Frauen’ – falls ich mich in meinen Knappenkleidern überhaupt anständig und eine Frau nennen durfte – uns nur unzureichend vorstellen konnten. So gesehen befand ich mich in einer glücklichen Lage. Da ich als Mann – oder so etwas Ähnliches – auftrat, konnte ich die Schankmaid ja ausfragen. Dann wüsste ich zumindest in einigen Punkten, ob meine Angst berechtigt war.

Der gute Hektor freute sich, als ich ihm den Sattel auflegte. Sein freundliches Wesen gab mir Mut und beschämte mich gleichzeitig, denn ich hatte ihn vernachlässigt. Gestern hatte ich ihn gar nicht sehen wollen, hatte aber doch gar nicht ihn, sondern seinen Herrn gemeint. Es war ein schöner sonniger Morgen. Um dem Rappen ein bisschen Bewegung zu gönnen, ließ ich ihn, sobald wir das Stadttor hinter uns gelassen hatten, ein Stück galoppieren. Ich fragte mich schon im Stillen, ob und wie ich dieses große Streitross je wieder anhalten könnte. Aber obwohl Hektor die letzten Tage nur im Stall gestanden hatte, fiel er, kaum dass ich daran dachte, in Trab zurück. Er schnaubte sich zufrieden aus, und trug mich mit seinem ruhigen, gemessenen Schritt auf das Wirtshaus neben der Mühle zu.

Ich stieg aus dem Sattel und lobte ihn. Er schüttelte seine glänzende Mähne, wie um zu sagen, gutes Benehmen sei doch das Mindeste, das man erwarten könne. Für das gemalte Tier in dem Wirtshausschild über uns war der Anblick von Taten und Gesten, die gutem Benehmen entsprangen, wahrscheinlich etwas Unbekanntes. Es sollte wohl einen Hecht darstellen, aber die geschwärzten Augen, seine Art, sich auf leisen Flossen davonzuschleichen, und sein spitzes Maul mit dem geraubten Fisch darin erinnerten eher an einen Fuchs.

An der Schänke hörte man nur das gleichförmige Drehen des Mühlrades und das Plätschern des Wassers. Das änderte sich an der offenstehenden Tür. Von drinnen kam ebenfalls ein rund laufendes Geräusch, es stammte von einer Bürste, mit der eine zierliche junge Frau die Tische schrubbte.

„Hier gibt’s noch nichts zu trinken!“, rief sie mir aus dem schummrigen Raum entgegen. „Wirst‘s noch‘n paar Stunden aushalten!“ Was sie von mir hielt, wurde spätestens klar, als sie das Wort: „Suffkopf“ vor sich hinmurrte.

Ich lehnte mich in den Türrahmen und stemmte ein Bein dagegen. Eine gute Stelle, um mich mit ihr zu unterhalten, so blieb die dem Schankraum zugewandte Seite meines Gesichts dunkel, auf die andere Seite brannte die Frühlingssonne. Mein Schatten am Schänkenboden stellte mich zufrieden, er wirkte schlaksig und ... wie nannte Geneviève das immer? Ach ja: derb!

„Ich möchte nichts trinken.“ Vielsagend griff ich nach meinem Geldbeutel. Locker aus dem Handgelenk warf ich ihn in die Luft und fing ihn auf. „Ich möchte nur etwas fragen.“

„Soso“, machte sie, schon freundlicher, was von dem Klingeln herrührte. „Und was willste fragen?“

„Dies und das. Über einen schwarzgewandeten Ritter.“

Der erste Schreck traf die Schankmaid. Sie ließ die Bürste, Bürste sein, richtete sich auf und blinzelte in Richtung Tür, woraufhin ich ebenfalls erschauerte und daneben griff. Mein Beutel schlug mit einem unmelodischen ‚Kläng‘ am Boden auf.

Jérôme hatte mich angelogen, mindestens in zweierlei Hinsicht. Sie war hübsch. Ihr Gesicht wollte so gar nicht in eine schäbige Schänke wie diese passen und neben ihrem zierlichen Leib wäre die schöne Geneviève erblasst, da man ihre Hüften und Brüste im Vergleich als drall beschreiben müsste. Aber das war noch nicht alles. Jedes Mal, wenn die Schankmaid sich hin und her wiegte, in dem vergeblichen Versuch gegen die Sonne Einzelheiten in meinem Gesicht zu erkennen, glitzerten unter ihrem rabenschwarzen, sorgfältig gekämmten Haar zwei kleine Ohrringe hervor.

„Wer will das wissen?“, fragte sie.

Ich bückte mich nach dem Geldbeutel, der hatte seine Aufgabe ja erst einmal erfüllt. Natürlich war durch meine Unachtsamkeit das mühsam zurechtgezimmerte Gebäude vom verwegenen, jungen Mann, dem alles gelingt, eingestürzt, aber es gab Schlimmeres, oh ja, das gab es. „Sein Knappe“, antwortete ich so gelassen es ging.

Das Mädchen regte sich nicht weniger auf als ich, nur aus anderem Grund. „Ich hab’s gewusst, ich hab’s die ganze Zeit gewusst“, schnatterte sie. „Nein. Nein, ich kann nicht mit dir mitkommen und vor Comte Thibaud aussagen, dass dein Ritter in der Nacht bei mir war! Ich würd’s gern tun, aber‘s geht nicht, nachher heißt’s: ‚Zu der geh ich nimmer, die erzählt alles rum‘. Außerdem nützt’s ihm sowieso nichts. Sieht doch aus, als würd’ ich dafür bezahlt, das zu sagen.“

Er war bei ihr. So viel wäre geklärt. Nun musste ich nur noch herausfinden, ob sie auch Fußspangen ... Ich schüttelte mich. Es galt, einiges mehr herauszufinden. „Du brauchst nicht auszusagen“, beschwichtigte ich sie, obwohl ich sie lieber dazu gebracht hätte einmal tüchtig aufzustampfen, damit sich ihr Rocksaum lupft. „Es reicht, wenn du mir erzählst, wie das war in der Matthiasnacht.“

„Wirklich? Gut: Er war hier, von der Vesperzeit bis in der Früh am nächsten Morgen. Sonst noch was?“

„Aha, er kam also zur Vesperzeit. Und was war dann?“

„Und was war dann?“, wiederholte sie übertrieben. „Dort hinten hat er sich hingesetzt ...“ Sie deutete in die entfernteste Ecke des Raumes „... und dann hat er sich besoffen, genau wie alle andern auch. Oder so ähnlich.“ Na, so ruppig wie zuvor klang das aber nicht mehr.

Sie griff nach der Bürste und schrubbte weiter. Ihr Rock schwang mit, leider nicht genug, ihre Knöchel blieben verdeckt. Schmale, zarte Knöchel waren das zweifelsohne, und Jérôme, so glaubte ich zu wissen, hatte eine Schwäche für Knöchel. Sogar meine hatten ihm, damals im Wald, ein Grinsen entlockt, das mir in der Erinnerung herrlich anzüglich vorkam.

„Hab ihn natürlich gefragt, was ihn hierhertreibt, wo er mit kein‘m redet und wo er gar nicht hergehört“, sagte sie. „Er betrinkt sich wegen 'ner Frau, antwortet er. Ich kann dir gar nicht nachmachen, wie feierlich der jedes einzelne Wort in sein‘ Becher gebrummt hat. Grad so, als käm’s höchstens einmal in hundert Jahr’n vor, dass einer sich wegen 'ner Frau betrinkt.

Da war ich verdattert. Hab ihn in Ruh gelassen. Bis ich sie dann vor der Tür seh: 'ne feine Dame auf 'nem Schimmel, hier, in dieser Gegend, ganz allein! Sie war da, als ich raus bin, um sein Pferd zu füttern. Als ich in‘n ‚Räuberischen Hecht‘ zurückgegangen bin, stand sie immer noch draußen.

Drum sag ich ihm, sie wär ihm gefolgt, seine Geliebte. Er soll doch zu ihr geh’n und alles wär gut.“

„Wie?“, stutzte ich. „Was denn für eine Geliebte?“  Wenn es stimmte, was Jérôme behauptete, war ich doch die, wegen der er sich betrunken hatte, und die Schankmaid war in der Nacht sein Liebchen gewesen. Wer war jetzt diese dritte Frau, über die ich mit halbem Ohr etwas, aber nicht genug aufgeschnappt hatte? Weil ich mir ja Jérôme vorstellen musste, wie er, mit diesem Grübchen in der Wange, das nur entsteht, wenn er einmal annähernd glücklich ist, zärtlich über die Knöchel der Schankmaid – die Fußspangen zierten, versteht sich – streichelt. Und wie das Grübchen tiefer wird, während seine Finger weiterwandern über Waden, Knie und ...

„Na, die Dame auf dem Schimmel!“, half mir das Mädchen auf die Sprünge. „Sag mal: Tut dir was weh irgendwo?“

„Es geht schon, erzähl nur weiter.“ Ich fuhr mir an die Stirn. „Du hast ihn zu der Dame geschickt ...“

„Hab ich. Zu ihr gegangen isser allerdings nicht. Wie er hört, sie wär blond und reitet 'nen Grauschimmel, lässt er‘n Kopf wieder sinken und sagt: ‚Das ist kein Mensch, was du gesehen hast. Das ist ein böser Geist, der mich verfolgt.‘ Danach hat er die Krüge zweimal so schnell leer gesoffen.

Aber sie war‘n Mensch, da bin ich mir sicher. Die könnt für ihn aussagen, dass er in der Nacht, wo man die kleine Comtesse ermordet hat, hier draußen war und nicht innerhalb der Stadtmauer. Der glaubt man. Andrerseits: ob die freiwillig zugibt, wo sie sich rumgetrieben hat?“

„Deiner Beschreibung zufolge war diese Dame Geneviève de Beaufort und die wird ihm nicht helfen“, sagte ich. „Die steckt eher mit dem Mörder unter einer Decke.“

„Krötendreck!“ Das Mädchen warf die Bürste in den Eimer, dass es nur so platschte. „Dem steht doch jetzt‘s Wasser bis zum Hals, oder?“, fragte sie zerknirscht.

Schlimmer noch, wahrscheinlich hatte er alle Hoffnung fahren lassen, nachdem ich vorgestern im Zorn gegangen war. Ich hätte ihn gestern besuchen und ihm ein paar Gemeinheiten an den Kopf werfen sollen. Dann wüsste er wenigstens, dass ich mich nicht vollends von ihm abgewendet habe.

„Sei unbesorgt, ich werde seinen Hals schon retten“, nuschelte ich. Wie kam ich eigentlich dazu, ihr ein solches Versprechen zu geben? Und zuzusehen, wie sie aufatmete? „Auch wenn er ein Schuft ist“, fügte ich daher hinzu.

„Findeste?“ Sie fischte die Bürste wieder aus dem Eimer. „Also zu mir war er nett.“

„Das glaube ich dir aufs Wort“, maulte ich vor mich hin. „Hör mal: Nett ist keine Aussage, die ihn vor der Hinrichtung bewahrt. Du musst mir das genau beschreiben.“ Ich versuchte zu klingen wie jemand, der schon hundert Mal auf der Suche nach einem Mörder war. „Ganz genau. Jede Kleinigkeit könnte von Bedeutung sein!“

 „Erstmal hat er auf das allseits beliebte mir-in-den-Hintern-Kneifen verzichtet.“ Sie war immer noch damit beschäftigt, Jérôme nett zu finden. Ich unterdrückte die Bemerkung, es sei von Belang, was er getan, nicht was er nicht getan hatte und hörte zu. „Es war’n wenig Gäste da an dem Abend und die haben sich getrollt, als wir nichts mehr ausgeschenkt haben.“ Das Mädchen legte die Bürste auf den Tisch und schrubbte weiter. „Ihn hätt’ ich fast vergessen. Erst beim Zusammenkehr’n merk ich: Der sitzt noch an sei’m Tisch, besser gesagt, er liegt drauf und schläft. Wie‘n Toter. Bloß hebt‘n Toter nicht plötzlich sein‘ Becher übern Kopf, damit man den wieder auffüllt. Gott, bin ich erschrocken!

‚Gibt um die Zeit nichts mehr zu trinken‘, sag ich, ‚und Ihr habt sowieso viel zu viel in Euch reingeschüttet.‘

Da will er sich auf’n Heimweg machen. Dass dem das Gesöff beim Aufsteh’n nicht zu’n Ohr’n rausgelaufen ist, war‘n Wunder, aber keins von der Sorte, vor der man niederknien muss. Er würd’ jetzt nach Hause reiten, lallt er und hält mir sein‘ Geldbeutel hin – zu zahlen hätt’ er nämlich nicht hingekriegt – das würd’ schon geh’n. Dabei ist der arme Kerl nur deshalb nicht umgefallen, weil er sich am Tisch halten konnt’. Also weißte: Den zwei ‚Damen‘, die ihm sein Herz gebrochen haben, hätt’ ich gern ihr’n fein‘n Hals rumgedreht!“

Ich fasste mir an den Kragen. „Vielleicht konnte ja eine von den beiden gar nichts dazu. Wär doch möglich ...“

„Hm?“, brummte das Mädchen ohne Überzeugung. „Ich guck mir ihn an und den Inhalt vom Geldbeutel und wieder umgekehrt. ‚Ihr könnt bei mir bleiben‘, sag ich. ‚Hab‘n warmes Bett. Draußen isses bloß kalt und dunkel.‘

Isch liebe die Dunkelheit‘, erklärt er. ‚Sie is meine einzische wahre Liebe. Andere hätte isch besser nie gehabt.

‚Ja, die ist ganz wunderbar, die Dunkelheit‘, lüg ich, Besoffnen soll man halt nicht widersprechen. ‚Aber so‘n warmes Bettchen, zwischendurch mal, wär doch auch was? Die Kerze könn‘n wir ja auspusten, wenn Ihr‘s lieber im Dunkeln treibt.‘

Derweil isser aufm Weg zur Tür. Na ja, er hat drei Schritte getan, mehr ging nicht, fehlte ihm ja jetzt der Tisch zum Festhalten. Er schaukelt vor und zurück, blinzelt, fällt beinah um, und versucht sich trotzdem in Richtung Tür einzuschaukeln. Vergeblich.

‚Isses weit weg – dein Bett?‘, fragt er nach 'ner Weile. ‚Weiter als die Tür?‘ Man hätt’ denken könn‘, er hätt’ 'ne Schlacht verlor’n. Gut, das hat er ja auch, so gesehen.

‚Schon‘n bisschen weiter‘, sag ich, ‚aber vergesst nicht: Hinter der Tür seid ihr noch lang nicht daheim. Außer, ihr wollt Eure geliebte Dunkelheit, die Euch dann zur ewigen Dunkelheit wird, gar nie mehr verlassen.‘ Ob er das wirklich besser verstanden hat, als wenn ich rundraus sag, er fällt vom Gaul – falls er überhaupt hochkommt – und erfriert, weiß ich nicht. Je’nfalls hat er‘s hingenommen, wie ich mich unter seinen Arm schieb und hat sich zur Stiege führ’n lassen.

‚Kann ich nicht hier unten ...‘, sagt er vor der erst’n Stufe und ich sag: ‚Nein, ihr könnt nicht hier unten Euren Rausch ausschlafen. Wir sind doch keine Herberge! Hier unten findet Euch der Wirt und der bringt mich um.‘

‚Au‘, macht die edle Last auf meiner Schulter und erklimmt die Stufe, ‚das kann isch nischt zulassen.‘

Es wär ja auch gar nicht so schwer gewesen, ihn hochzuwuchten, wenn er nicht ausgerechnet auf der Treppe die Gesprächigkeit für sich entdeckt hätt’.

Ich wär ja so lieb zu ihm, sagt er und schwankt wie ‘n Kuhschwanz, weil‘s Reden ihn so anstrengt, dass es fürs Laufen nimmer reicht. Überhaupt, Frauen wär’n ja so lieb. Hätt’ er doch nie gedacht, dass Frauen so lieb sein können und so weiter und so weiter. Lauter rührseliges Zeug über Frauen. Besonders über: ‚seine kleine Adeline, die – du errätst‘s sicher schon – immer so lieb war. Und die ihn immer genommen hat, grad so, wie er nun mal ist.‘. Es wär so‘n Jammer, aber würd‘s ums Verrecken nicht schaffen, noch mal 'ner Frau zu vertrauen. Obwohl, im Augenblick müsst er‘s ja, er könnt nämlich nichts mehr sehen.“

„Großer Gott, muss der betrunken gewesen sein!“

„Oh ja“, bestätigte sie, „wenn einer schon blind wird.“

Autor

  • Susanne Keil (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Schwarze Ritter küsst man doch (Historischer Roman, Liebe, Humor)