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Alles Liebe: 11 humorvolle Liebesgeschichten (Humor)

von Bettina Wagner (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Gesamtausgabe Juli 2017

Copyright © 2017, booksnacks,

ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-099-9

Titel- und Covergestaltung: Sarah Schemske

unter Verwendung von Motiven von
pixabay.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Alles Liebe



Bettina Wagner

Fast wie Cinderella

»Nun mach schon«, drängte Hermann ungeduldig. »Ich will nicht zu spät kommen!«

Jana öffnete die Badezimmertür. Sie hatte extra für das Konzert, zu dem sie gehen wollten, ein neues Kleid gekauft, smaragdgrün und enganliegend, das gut ihre schlanke Figur zur Geltung brachte. Ihr dunkles Haar war hochgesteckt und ein Hauch von Makeup brachte ihr Gesicht zum Strahlen. Aber Hermann bemerkte wie immer nichts davon.

»Na endlich! Du weißt doch, wie voll die U-Bahn um diese Zeit immer ist. Das wird bestimmt ein furchtbares Gedränge.«

»Dann nehmen wir doch ein Taxi«, schlug Jana vor.

»Wozu denn?«, brummte Hermann. »Die U-Bahnstation ist gleich um die Ecke. Und ich gebe nicht auch noch Geld für diesen Unfug aus!«

Jana sah ihn erstaunt an. »Und warum gehst du dann in dieses Konzert?«

»Weil ich die Eintrittskarten von meiner Wirtschaftsvertretung umsonst bekommen habe. Und weil sicher ein paar meiner Kunden dort sind. Da kann es nicht schaden, wenn ich mich blicken lasse«, erklärte Hermann einfach.

Jana seufzte. Eigentlich hatten Hermann und sie nicht wirklich sehr viel gemeinsam. Hermann spielte Fußball, sie spielte Gitarre. Hermann ging gerne in die Kneipe, sie ging lieber ins Kino oder in ein Konzert, so wie diese Benefizveranstaltung zugunsten des städtischen Frauenhauses. Aber mit achtunddreißig konnte sie nicht mehr allzu anspruchsvoll sein.

Rasch schlüpfte Jana in ihre High Heels und griff nach ihrer Handtasche. Ihr ganzes Leben lang hatte sie auf einen Prinzen auf seinem weißen Pferd gewartet, der nach seiner Prinzessin suchte. Aber Prinzen waren selten geworden, und als ihr das klar wurde, war sie Mitte dreißg und die Auswahl schon sehr überschaubar. Und im Grunde genommen, sagte Jana sich, war Hermann ganz in Ordnung. Er war tüchtig in seinem Beruf, er war strebsam und ehrgeizig, was wollte sie mehr? Romantik wurde eindeutig überbewertet!

Hermann schaute ärgerlich auf seine Uhr. »Können wir jetzt endlich? Es ist gleich halb acht!«

»Ich komme ja schon!« Jana trippelte zur Tür. Einen Augenblick überlegte sie, dass High Heels vielleicht nicht die beste Wahl waren, wenn sie sich beeilen sollte, aber da hatte Hermann schon die Tür ihrer Wohnung zugeknallt und hastete zum Aufzug. Schuhe wechseln war jetzt eindeutig nicht mehr angesagt!

Als sie im Lift nach unten fuhren, piepte plötzlich Janas Handy: eine neue WhatsApp-Nachricht!

»Hoffe, es bleibt alles wie vereinbart? Freue mich schon auf morgen! Alles Liebe Ben.«

Jana musste lächeln. Sie kannte diesen Ben Richter zwar nur per Email und WhatsApp, aber irgendwie war ihr der Mann sehr sympathisch. »Alles klar! Bis morgen um acht, Jana«, tippte sie zurück.

Hermann lugte neugierig über ihre Schulter. »Und was ist morgen um acht?«

»Du weißt doch, da kommt dieser Graffiti-Künstler in meine Kindergartengruppe und erzählt den Kindern etwas über Kunst. Er ist ziemlich bekannt und hatte schon mehrere Ausstellungen!«

»Graffitikünstler!«, schnaubte Hermann ungehalten. Er deutete nach oben, wo ein Sprayer einen Sternenhimmel auf den Beton gezaubert hatte. »Schmierfink nenne ich so was! Schau doch nur, wie die Wände in diesem U-Bahnschacht aussehen!«

»Besser als grau in grau!«, gab Jana schnippisch zurück.

Sie freute sich jedenfalls auf den morgigen Tag, und ihre Kinder auch. Jana war mit Leib und Seele Kindergärtnerin, aber auch dafür hatte Hermann wenig Verständnis. Er wollte unbedingt, dass sie in seinen Installationsbetrieb einstieg und die Büroarbeiten übernahm. Aber solange sie nicht verheiratet waren, kam das für Jana auf keinen Fall in Frage. Und mit dem Heiraten hatte Hermann es bis jetzt nicht allzu eilig gehabt.

»Komm schon! Komm schon!«, drängte Hermann, als die U-Bahn an der Haltestelle vor der städtischen Konzerthalle hielt. Er ergriff ihre Hand und zog Jana hinter sich her die lange Treppe hinauf, die aus der U-Bahnstation hinausführte.

Um sie herum waren unzählige andere Leute unterwegs, die in die abendliche Fußgängerzone strömten, sodass Jana und Hermann fest in einer Menschentraube eingepackt waren. Und da passierte es: Jemand trat Jana von hinten auf den Fuß, sodass sie ihren rechten Schuh verlor!

Sie wollte sich bücken und den Schuh aufheben, aber Hermann, der nichts von ihrem Missgeschick mitbekommen hatte, zerrte immer noch an ihrem Arm, während die nachdrängenden U-Bahnbenutzer sie weiterschoben, sodass ihr nichts Anderes übrigblieb, als den Schuh liegen zu lassen und auf einem High Heel die Stufen hinauf zu humpeln, bis sie sich am Ende der Treppe endlich von Hermann losmachen konnte.

»Warte, Hermann! Ich habe meinen Schuh verloren!«

»Du hast was?« Fassungslos starrte Hermann auf ihren bloßen Fuß. Aus der U-Bahnstation ergoss sich ein neuer Menschenschwall über die Treppe nach oben und versperrte den Weg zurück. »Wie konnte denn das passieren? Und wie sollen wir den Schuh in dem Gedränge wiederfinden? Also, ich gehe nicht zurück und – «

Während Jana hilflos und verzweifelt überlegte, was sie tun sollte, trat plötzlich ein junger Mann auf sie zu. Er hatte lange blonde Haare und trug eine alte Lederjacke und zerschlissene blaue Jeans – und er hielt ihren Schuh in der Hand!

»Ich glaube, der gehört Ihnen!«, meinte er mit einem verschmitzten Blick auf Janas Fuß. Bevor sie noch irgendetwas darauf erwidern konnte, kniete er vor ihr nieder und steckte ihren Fuß zurück in den Schuh.

Bei der Berührung seiner Hand spürte Jana ein eigenartiges Kribbeln in ihrem Bauch. Der junge Mann blickte aus sanften grauen Augen zu ihr auf. »Passt perfekt. Schade, dass ich kein Prinz bin!«

»Ja, ja, vielen Dank. Aber wir müssen jetzt«, brummte Hermann unfreundlich und zog Jana davon. Sie schaffte es gerade noch, ihrem Retter zuzuwinken, dann hatten sie schon die Konzerthalle erreicht.

Als Jana und Hermann in der Pause zur Bar gingen, bemerkte Jana in einer Ecke plötzlich den blonden jungen Mann. Mit seinen zerrissenen Jeans und der Lederjacke stach er aus der Masse der elegant gekleideten Konzertbesucher ziemlich heraus, aber Jana fand das irgendwie charmant.

Entschlossen ging sie auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich war vorhin so in Eile, dass ich mich gar nicht bei Ihnen bedanken konnte. Ohne Ihre Hilfe hätte ich glatt barfuß ins Konzert gehen müssen.«

Der junge Mann, den Jana auf Ende zwanzig schätzte, bedachte sie mit einem weiteren eindringlichen Blick aus seinen grauen Augen. »Ich bin sicher, das wäre Ihnen genauso gut gestanden wie die High Heels.«

Jana spürte, dass sie puterrot wurde. Solche Komplimente machte Hermann ihr nie!

»Darf – darf ich Sie zum Dank auf ein Glas Sekt einladen?«, stammelte sie.

Ihr Gegenüber lächelte charmant. »Liebend gerne!«

In seinem unkonventionellen Outfit und mit den langen blonden Haaren, die ihm ziemlich wirr ins Gesicht fielen, sah er unglaublich cool und lässig aus, wie Jana mit einem Anflug von Schmetterlingen im Bauch fand. Während Hermann am anderen Ende der Bar einen Kunden volllaberte, kehrte sie mit zwei Gläsern Sekt zu ihrem Retter zurück.

»Das ist ein sehr hübsches Kleid«, meinte er mit einem anerkennenden Blick, der Jana neben den Schmetterlingen im Bauch auch noch weiche Knie bescherte. »Die Farbe steht Ihnen besonders gut!«

»D– danke«, stotterte Jana verlegen. Ihr wurde plötzlich klar, dass es eigentlich immer so sein sollte. Dass ein Mann einer Frau das Gefühl geben sollte, eine echte Prinzessin zu sein, wenn er wirklich in sie verliebt war. Und dass Hermann ihr dieses Gefühl noch nie gegeben hatte!

Sie wollte sich dem jungen Mann eben vorstellen, als Hermann grob ihren Arm ergriff. »Los, los, die Pause ist vorbei. Wir müssen zurück zu unseren Plätzen!«

Und erneut kam Jana nicht dazu, noch ein weiteres Wort mit dem jungen Mann zu wechseln. Aber sie grübelte den Rest des Konzertes über das Gespräch nach, das sie geführt hatten. Und über die Gefühle, die er in ihr geweckt hatte.

Ihr wurde klar, dass in ihrer Beziehung zu Hermann schon lange der Wurm drinnen war. Im Grunde genommen war es für sie beide immer nur eine Zweckgemeinschaft gewesen. Jana hatte Angst vor dem Alleinsein gehabt, und Hermann schätzte, dass er sich mit ihr an seiner Seite durchaus sehen lassen konnte. Aber echte Liebe?

Die empfanden sie wohl beide nicht. Aber Jana wurde mit einem Mal bewusst, dass ihr das, was sie in ihrer Beziehung mit Hermann erlebte, einfach nicht mehr genügte. Und dass man sich auch in der Gesellschaft eines anderen Menschen einsam fühlen konnte.

Vielleicht gab es irgendwo da draußen ja doch einen Prinzen, der auf sie wartete!

Nach dem Konzert hielt Jana vergeblich Ausschau nach ihrem Retter. Er war verschwunden und sie würde ihn wohl nie wiedersehen. Merkwürdig niedergeschlagen fuhr sie mit Hermann zurück zu ihrer Wohnung. Als er noch mit hineinkommen wollte, blockte sie ab.

»Ich finde, wir sollten uns eine Auszeit gönnen, Hermann«, erklärte sie mit fester Stimme. »Unsere Beziehung läuft einfach nicht so, wie ich mir das wünschen würde!«

Hermann starrte sie ungläubig an. »Hast du einen Vogel? Das kann doch nicht dein Ernst sein? Wenn es wegen diesem blöden Schuh ist – «

»Es ist nicht wegen des Schuhs«, korrigierte Jana ihn. »Ich bin mir einfach über meine Gefühle nicht im Klaren – «

»Sag bloß, du hast dich in diesen Hippie-Typ verschaut?«, fauchte Hermann erbost. »Der hat doch keinen Cent in der Tasche! Wollte sich bei diesem Konzert wahrscheinlich bloß aufwärmen und die Leute anschnorren!«

»Es hat nichts damit zu tun«, wiederholte Jana eisig und machte die Wohnungstür vor seiner Nase zu.

Aber natürlich hatte Hermann recht. Der blonde Bursche mit den sanften Augen ging ihr nicht aus dem Kopf. Auch wenn sie sich sagte, dass er viel zu jung für sie war. Aber trotzdem –

Nachdem sie sich die halbe Nacht lang schlaflos in ihrem Bett herumgewälzt hatte, überhörte sie am nächsten Morgen natürlich prompt den Wecker und kam zu spät in den Kindergarten. Und das ausgerechnet zu ihrem Künstlerbesuch!

Ben Richter war schon da. Er stand inmitten einer Traube von eifrigen, aufgeregten Kindern und verteilte Malutensilien, sodass Jana ihn nicht sofort bemerkte. Als er sich schließlich umdrehte, malte sich auf ihren beiden Gesichtern Verblüffung.

»Cinderella mit dem Schuh!«, entfuhr es Ben.

Jana starrte ihn sprachlos an. Der junge Bursche aus dem Konzert war ihr Graffitikünstler!

Ben lächelte, als er ihre Hand schüttelte. »Ich freue mich riesig, Sie wiederzusehen«, erklärte er und seine grauen Augen zwinkerten Jana liebevoll zu. »Ich hätte sonst eine Suchaktion starten müssen, um meine Traumprinzessin wiederzufinden. Und dabei hatte ich doch gar keinen Schuh mehr!«

Jana rang immer noch nach Worten. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzten Tango. »Ich–es–ich weiß nicht – «

Ben legte wie selbstverständlich den Arm um sie. »Was hältst du davon, wenn wir uns später darüber unterhalten? Erst die Kunst und dann das Vergnügen?«

Und der Blick seiner grauen Augen sagte Jana mehr als tausend Worte!

Die feurige Carlotta

Marion Walters bemerkte schon seit einiger Zeit, dass mit ihrer Ehe irgendetwas nicht stimmte. Sie war mit Robert seit sieben Jahren verheiratet und während dieser Zeit immer glücklich gewesen, wie sie meinte. Aber jene Vorzüge, die Robert an ihr immer so geschätzt hatte – ihre Ruhe, ihre Ausgeglichenheit, ihre Häuslichkeit – schienen ihn plötzlich eher zu irritieren als zu erfreuen. Marion bemerkte mehr als einmal, dass er auf der Straße anderen Frauen hinterher schaute, er nörgelte an allem und jedem, was sie tat, herum und beklagte sich andauernd darüber, dass sie in ihrer Wohnung noch versauerten. Aber wenn Marion den Vorschlag machte, auszugehen, brummte er nur etwas von Arbeit und verzog sich wieder hinter seine Zeitung. Es sah ganz so aus, als würde Robert im verflixten siebten Jahr ihrer Ehe anfangen, sich mit ihr zu langweilen.

Als Marion eines Morgens beim Frühstück zu ihm sagte: »Ach übrigens, ich muss am Donnerstag für eine Woche nach Hamburg. Ein Verkaufsseminar«, erwiderte er nur desinteressiert: »Ach ja?«

Marion schlug sich auf die Stirn. »Du liebe Güte, Carlotta! Darauf hatte ich ja ganz vergessen.«

Robert ließ die Zeitung sinken. »Carlotta?«

»Meine Schwester. Zwillingsschwester, genau genommen. Sie hat mir gestern eine Nachricht geschickt. Habe ich dir nicht davon erzählt?«

»Kein Wort«, sagte Robert. »Ich wusste nicht einmal, dass du eine Zwillingsschwester hast.«

»Wir waren viele Jahre nicht in Kontakt«, berichtete Marion. »Carlotta – eigentlich ist ihr Name ja Charlotte – ging damals nach Südamerika, um zu heiraten. Die Ehe ist inzwischen wieder geschieden worden. Ich war selbst überrascht, nach so langer Zeit von ihr zu hören. Sie ist für einige Tage in Deutschland und würde mich gerne besuchen. Allerdings hat sie sich gerade für die Woche angesagt, wo ich nicht da bin. So was Blödes aber auch!« Marion biss sich auf die Lippen. »Ich fürchte nur, dieses Seminar kann ich nicht mehr absagen. Ich bin sogar für eines der Referate vorgesehen. Du würdest dich wohl nicht ein wenig um Carlotta kümmern, bis ich zurückkomme – ?«

Robert seufzte. »Wenn es sein muss. Du weißt doch, wie beschäftigt ich im Augenblick bin. Ich habe mindestens ein Dutzend Termine – «

»Es ist ja nur für ein paar Tage«, meinte Marion. "Du würdest mir wirklich einen großen Gefallen tun. Aber erschrick bitte nicht, wenn du Carlotta siehst. Wir beide gleichen uns nämlich wie ein Ei dem anderen.«

Robert lächelte selbstsicher. »Na, ich traue mir doch zu, den Unterschied zwischen meiner Frau und ihrer Schwester zu erkennen.«

Marion verließ am Donnerstag kurz vor neun Uhr die Wohnung, um ihren Zug nach Hamburg zu erreichen. Kaum eine Stunde später klingelte es an der Türe. Als Robert öffnete, prallte er überrascht zurück. Vor ihm stand Marion – oder jedenfalls glaubte er im ersten Augenblick, Marion vor sich zu haben – in einem hautengen, knallroten Lederkostüm, wild auftoupierten Haaren und funkelnden, geometrischen Ohrgehängen, die ihr bis auf die Schulter reichten.

»Mein Gott«, rief er. »Sie müssen Carlotta sein!«

»Und du bist Robert! Marion hat mir schon so viel über dich geschrieben. Wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen!« Carlotta fiel ihm spontan um den Hals und küsste ihn. Sie sprach deutsch mit einem undefinierbaren, fremdländischen Akzent. Robert war von dieser stürmischen Begrüßung völlig überrumpelt und wusste nicht so recht, was er tun oder sagen sollte. Doch Carlotta ergriff bereits die Initiative.

»Was für eine entzückende Wohnung ihr habt!«, rief sie und stürmte an ihm vorbei ins Wohnzimmer. »Hast du das alles selbst entworfen? Marion schrieb mir, dass du Innenarchitekt bist. Das muss ein schrecklich aufregender Beruf sein. Liebster, würdest du wohl meine Koffer nehmen? Ich habe nur das Nötigste zusammengepackt. Mein restliches Gepäck ist noch am Bahnhof. Ich dachte mir, ich verbringe erst einmal ein paar Tage bei Marion und plane von hier aus, wo ich als nächstes hinfahre. Aber wo ist denn Marion?«

Robert, der mit drei riesigen Koffern beladen war, keuchte. »Sie – sie ist leider nicht hier. Sie musste für eine Woche nach Hamburg. Aber wenn Sie – ich meine, wenn du mit meiner Gesellschaft vorlieb nehmen willst – ?«

»Natürlich will ich. Ich würde mich freuen.« Carlotta schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Aber bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht? Ich möchte dir auf keinen Fall zur Last fallen.«

»Zur Last fallen? Keine Spur!«, rief Robert. »Ich habe im Moment praktisch Nichts zu tun. Ich stehe voll und ganz zu deiner Verfügung. Wie wäre es, wenn wir zusammen Essen gehen würden? Und hinterher könnte ich dir gleich ein wenig die Stadt zeigen. Einverstanden?«

»Wundervoll!«, rief Carlotta. »Ich bin sofort bereit.«

Nachdem sie am Nachmittag einen ausgedehnten Stadtbummel unternommen hatten, bestand Carlotta darauf, am Abend in eine Disco zu gehen. Sie schien geradezu unerschöpfliche Energien zu besitzen. Aber auch Robert fühlte sich an ihrer Seite herrlich verjüngt. Er hätte nie gedacht, dass es ihm immer noch solchen Spaß machen könnte, eine ganze Nacht durchzutanzen und die Stadt auf den Kopf zu stellen. Was für eine Frau!

Er musste den Kopf schütteln, wenn er daran dachte, dass er Carlotta für einen Augenblick tatsächlich mit Marion verwechselt hatte. Die beiden hatten so gar nichts miteinander gemein. Carlotta war ein völlig anderer Typ als Marion. Viel lebhafter, unternehmungslustiger und interessanter. In ihrer Gesellschaft gab es keinen Augenblick Langeweile. Sie war genau die Art Frau, nach der Robert sich immer gesehnt hatte. Wenn seine Marion ihrer Schwester nur ein klein wenig ähnlicher wäre!

Robert beobachtete fasziniert, wie Carlotta ihren schlanken Körper im Rhythmus der Musik wiegte und ihre Haarmähne zurückwarf, sodass das Licht der Scheinwerfer sich in ihren langen, funkelnden Ohrgehängen brach.

»Weißt du, dass mir Marion niemals auch nur ein Sterbenswörtchen über dich erzählt hat«, rief er ihr über den Lärm der Disco hinweg zu.

Carlotta lachte tief und kehlig. »Sie hat sich vielleicht meinetwegen geniert. Ich glaube, ich bin das schwarze Schaf der Familie. Ich war ziemlich wild in meiner Jugend. Aber jetzt bin ich froh, wieder zu Hause zu sein und endlich Marions Mann kennen gelernt zu haben.«

Sie zwinkerte ihm zu, und Robert fühlte, dass er einen roten Kopf bekam. Auch wenn er es sich selbst nicht eingestehen wollte: Er hatte sich Hals über Kopf in seine Schwägerin verliebt!

Am Freitag schlief er bis Mittag durch, während Carlotta bereits in aller Herrgottsfrühe wieder auf den Beinen war und sich seinen Wagen borgte, um in der Stadt Besorgungen zu machen.

Sie war noch nicht wieder zurück, als das Telefon klingelte. Es war Marion. »Robert, wie geht es dir? Ist Carlotta gut angekommen? Ich hoffe, sie ist keine allzu große Belastung für dich?«

»Belastung? Aber nein, keineswegs. Wir verstehen uns prächtig. Ich meine – sie ist wirklich recht nett.« Robert begann vor Aufregung zu stottern. Er fühlte sich äußerst schuldbewusst und befürchtete, Marion könnte seine Gedanken über Carlotta erraten. Aber Marion schien nichts zu bemerken.

»Kann ich mit Carlotta sprechen?«

»Tut mir leid. Sie ist gerade weggefahren. Sie wollte einkaufen.«

»Das sieht Carlotta ähnlich«, lachte Marion. »Immer unterwegs. Grüß sie bitte von mir. Ich muss jetzt Schluss machen. Das nächste Referat fängt gleich an.«

Erst nachdem er aufgelegt hatte, fiel Robert ein, dass er Marion gar nicht gefragt hatte, wie es ihr ging. Aber jeder Gedanke an Marion wurde im Augenblick sofort von Carlotta verdrängt. Robert freute sich schon darauf, den Tag wieder mit ihr zu verbringen. Er war neugierig, welche Verrücktheit sie sich als nächstes einfallen lassen würde.

Als Carlotta von ihrem Einkaufsbummel zurückkam, berichtete sie begeistert von einer Ausstellung moderner Malerei, die am Abend eröffnet wurde und zu der sie sich kurzerhand eingeladen hatte. Obwohl Robert nicht viel für moderne Kunst übrighatte, ließ er sich schließlich doch überreden, sie zu begleiten. Nach der Vernissage, die zum Gähnen langweilig war, ging es wieder ab in die Disco, bis vier Uhr früh.

Zum Wochenende setzte Carlotta es sich in den Kopf, aufs Land zu fahren und zu wandern. Robert hatte eigentlich gehofft, einige seiner Zeichnungen fertig stellen zu können. Stattdessen marschierte er kreuz und quer durch den Schwarzwald und verbrachte eine äußerst unbequeme Nacht in einer zugigen Almhütte. Aber Carlotta war ganz begeistert von ihrem Ausflug und schwärmte unentwegt von der guten Luft und der malerischen Landschaft und dem wunderbaren Ausblick, der sich ihnen bot. Robert taten die Füße weh.

Als sie am Sonntagabend zurückkamen, wollte Carlotta unbedingt noch zu einer Party gehen, zu der sie von einem der jungen Maler auf der Vernissage eingeladen worden war. Robert fühlte sich auf der Party völlig fehl am Platz. Er verstand kein Wort von dem, worüber sich die übrigen Gäste unterhielten, die Musik war ohrenbetäubend und die Sesamplätzchen, die herumgereicht wurden, schmeckten wie eingeschlafene Füße. Robert schlief schließlich selbst ein, auf einer Matratze auf dem Boden, wobei er sich seinen Ischiasnerv verkühlte.

Carlotta schien sich glänzend zu amüsieren. Als Robert gegen zwei Uhr früh drängte, zu gehen, schickte sie ihn allein nach Hause und kam erst ein paar Stunden später in einem Taxi nach.

Als Robert am Montagmorgen in den Spiegel schaute, fühlte er sich genauso schlecht, wie er aussah. Er hatte nachgerechnet und festgestellt, dass ihm seit Donnerstag genau siebzehn Stunden Schlaf fehlten. Und das hatte er nur Carlotta zu verdanken. Seine Begeisterung für Marions feurige Schwester war merklich abgekühlt. Sie schien nichts anderes im Kopf zu haben, als sich zu amüsieren. Dabei ging im Haushalt alles drunter und drüber. Er konnte nicht einmal mehr ein sauberes Hemd in seinem Schrank finden. Und an die Arbeit, die sich auf seinem Schreibtisch stapelte, durfte er gar nicht denken.

Carlotta erschien fix und fertig angezogen zum Frühstück. Ihre langen Ohrgehänge klimperten sanft, während sie sich eine Tasse Kaffee einschenkte.

»Ach übrigens«, sagte sie beiläufig. »Ich habe darüber nachgedacht und beschlossen, dass ich doch nicht auf Marions Rückkehr warten werde. Schließlich gibt es noch so vieles zu sehen und so viele Freunde zu besuchen, ich kann nicht meine ganze Zeit hier verplem – ich meine, verbringen. Marion wird das sicher verstehen. Ich habe mir schon einen Zug nach Paris herausgesucht und für heute Mittag einen Platz reservieren lassen. Du bist mir doch nicht böse, oder? Ich komme euch auch bestimmt bald wieder besuchen. Vielleicht auf dem Rückweg von Madrid – «

»Oh, das ist nicht nötig!«, rief Robert. »Ich meine, Marion möchte sicherlich nicht, dass du ihretwegen deine Pläne änderst.«

Carlotta lächelte. »Ach, Pläne! Ich mache nie irgendwelche Pläne. Ich handle immer ganz spontan. Was mir gerade so einfällt. Du wirst sehen, plötzlich stehe ich wieder vor eurer Tür.«

Robert war bei ihren Worten merklich blass geworden. Als sich um zehn Uhr fünfzig schließlich die Wohnungstür hinter Carlotta schloss, stieß er einen tiefen Seufzer aus. Diese Frau war ja einfach fürchterlich! Konnte sich keine Minute ruhig halten. Wenn er da an Marion dachte! Die beiden waren gar nicht zu vergleichen. Wie Tag und Nacht.

Robert hatte sich gerade zu einem kleinen Mittagsschläfchen hingelegt, als es plötzlich an der Tür klingelte. Vor ihm stand Marion.

Sie lächelte vergnügt. »Das Seminar war schon früher als geplant zu Ende, also dachte ich mir, ich rufe gar nicht erst an, sondern setze mich einfach in den nächsten Zug und überrasche euch. Ich habe übrigens Carlotta noch auf dem Bahnhof getroffen. Zu schade, dass sie schon fahren musste! Findest du nicht auch?«

»Ach was, Carlotta!« Robert zog sie mit unerwarteter Leidenschaft in seine Arme. »So können wir beide uns wenigstens einen gemütlichen Abend zu zweit machen. In aller Ruhe. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr du mir gefehlt hast.«

»Habe ich?«, fragte Marion lächelnd. »Und ich dachte, du hättest dich so gut mit Carlotta verstanden? Was sie mir am Bahnhof über euch beide erzählt hat, hat mich beinahe eifersüchtig gemacht.«

»Eifersüchtig?« Robert bemühte sich um ein sorgloses Lachen. »Also, auf Carlotta brauchst du weiß Gott nicht eifersüchtig zu sein. Sie ist ganz und gar nicht mein Typ. Außerdem habe ich ja dich. Was brauche ich mehr?«

Marion folgte ihm in die Wohnung. Sie warf einen zufriedenen Blick in den großen Spiegel im Vorzimmer und griff hastig nach den langen, geometrischen Ohrgehängen, die immer noch an ihren Ohren baumelten. Zum Glück hatte Robert sie nicht bemerkt!

Die feurige Carlotta, die ihr geholfen hatte, ihren Mann zurückzugewinnen, würde für immer ihr Geheimnis bleiben.

Der Traummann

Sabine hatte es satt, alleine zu leben. Sie pfiff auf ihre Selbstverwirklichung. Wenn sie abends müde und gestresst aus dem Büro nach Hause kam, wollte sie irgendetwas haben, woran sie sich kuscheln konnte.

Damit begann die Suche nach ihrem Traummann. Nachdem sie im Geist sämtliche Männer ihres Bekanntenkreises durchgegangen war und als ungeeignet abgehakt hatte, kam Sabine schließlich auf die Idee, Kontaktanzeigen in Zeitungen zu lesen. Sie dachte, Kontaktanzeigen wären so etwas wie ein menschlicher Supermarkt: Dabei konnte sie in Ruhe die Angebote studieren und sich aussuchen, was ihr am besten gefiel.

In der ersten Anzeige hieß es: »Sportlicher Mittvierziger, sensibel und anlehnungsbedürftig, mit viel Familiensinn, sucht gleichgesinnte Ansprechpartnerin zwecks gemeinsamer Freizeitgestaltung.«

Sabine träumte von einer romantischen Segelpartie im Stil von Grace Kelly und Bing Crosby in »Die Oberen Zehntausend«, ein leises »True Love« im Hintergrund.

Sie traf einen Zwerg. Der sportliche Mittvierziger hatte zu erwähnen vergessen, dass er nur 1,56 Meter groß war. Damit überragte Sabine ihn um einen ganzen Kopf, als sie zu ihrem Tisch gingen. Beim Sitzen war es glücklicherweise nicht mehr ganz so schlimm.

»Oh, das macht nichts«, versicherte er ihr. »Ich mag große Frauen. Ich habe auch nichts dagegen, dass eine Frau arbeitet. Ich denke da sehr liberal.«

Sabine lächelte höflich. Obwohl sie nicht das Gefühl hatte, dass das Date allzu aussichtsreich war, wollte sie dem sportlichen Zwerg fairerweise noch eine Chance geben.

»Ich bin Verwaltungsbeamter. In zwölf Jahren pensionsberechtigt. Aber meine eigentliche Liebe gehört dem Fischen. In der Nähe meines Hauses gibt es ein wunderbares Fischwasser. Interessieren Sie sich dafür?«

Sabine versuchte sich vorzustellen, wie sie Seite an Seite ihre Angelruten auswarfen, sie und ihr Zwerg. Wenn ihr das Wasser bis zur Hüfte reichte, war er vermutlich schon ertrunken. Bedauernd schüttelte sie den Kopf.

»Das macht nichts, ich bringe es Ihnen bei. Für den Anfang brauchen Sie gar nichts zu besorgen. Ich bin sicher, meine Mutter leiht Ihnen gerne ihr Angelzeug. Meine Mutter ist eine hervorragende Anglerin. Aber natürlich hat sie den ganzen Tag Gelegenheit dazu, da ist das nicht schwierig.«

In Sabine keimte ein Verdacht. »Ihre Mutter lebt bei Ihnen?«, fragte sie.

Er sagte: »Natürlich.«

Als er ihr zum Nachtisch die Hand aufs Knie legte, gab sie vor, auf die Toilette zu müssen und verschwand durch die Hintertür.

Die zweite Annonce kam von einem Arzt. Sabine war immer der Meinung gewesen, dass ein Arzt jemand war, mit dem man über alles reden konnte.

Der Mann, den sie traf, war groß, schlank und braungebrannt, schon leicht ergraut an den Schläfen, aber durchaus attraktiv. Leider entging ihr sein Name, als er sich vorstellte. Bei Tisch rückte er ihr mit einem zuvorkommenden Murmeln den Stuhl zurecht. Sabine nahm Seezunge, was er bestellte, konnte sie nicht verstehen.

Dann faltete der Doktor die Hände unter dem Kinn, sah sie lange eindringlich an und sagte schließlich: »Nnnnnmmmmggggglllnnnnmmmmsieben.«

Sabine lächelte verlegen. Sie wurde sogar rot, was ihr seit Jahren nicht mehr passiert war. Aber was antwortet man auf ein »Nnnnnmmmmggggglllnnnnmmmmsieben«?

Aufs Geratewohl sagte sie: »Ja«, und löste damit eine neue »Nnnnmmmggglllmmmnnnnmmmm«-Flut aus. Zum Glück kam in diesem Augenblick ihre Seezunge, sodass sie einer weiteren Konversation enthoben war.

Über dem Kaffee begann der Doktor zu dozieren: »NnnmmmmmgggggmmmmTocopherolacetat. MmmmmnnnnllllgggggrrrmmmmPhenobarbital. NnnnnlllllgggggmmmmmmKyematopathie. NnnnnnmmmmmnnnnlllllnnnnEpinephrin. Mmmmmgggggllllnnnn.«

Sabine lauschte teilnahmslos. Die wenigen Worte, die sie ausmachen konnte, klangen zwar sehr beeindruckend, trotzdem hatte sie das Gefühl, dass sie sich im Grunde genommen nichts zu sagen hatten.

Der Doktor verabredete mit ihr einen zweiten Termin, doch da Sabine ihn nicht verstand, blieb es ihr erspart, hinzugehen.

Ihr dritter Versuch sagte zur Begrüßung »Guten Tag«, und dann sagte er nichts mehr. Sie saßen sich an einem Ecktisch in einem kleinen Café gegenüber, lächelten nervös und schwiegen.

Schließlich ergriff Sabine die Initiative. »Sie sind also Softwareentwickler für Computerspiele«, sagte sie. Die Antwort war ein Lächeln und vages Kopfnicken.

»Das stelle ich mir sehr interessant vor. Leider bin ich selbst kein allzu großer Freund von Computerspielen. Es ist wohl sehr schwierig, so ein Programm zu schreiben?«

Lächeln und Kopfnicken.

In Sabines Gehirn setzte sich der Gedanke fest, dass sie eine aufziehbare Puppe vor sich hatte, deren Kopf an einer Feder befestigt war, sodass er ständig hin- und herpendelte. Bevor das Bedürfnis, ihren Finger auszustrecken und die Puppe anzustupsen, mit ihr durchgehen konnte, erfand sie irgendeine fadenscheinige Ausrede, stand auf und ging. Die Puppe lächelte zum Abschied und wackelte mit dem Kopf. Vermutlich saß sie heute noch an ihrem Platz.

Sabine gab sich selbst eine allerletzte Chance. In der Anzeige sehnte sich ein »vom Leben enttäuschter Junggeselle, finanziell unabhängig, nach einer gutsituierten, verständnisvollen Frau fürs Leben«.

Der vom Leben enttäuschte Junggeselle war 25 und arbeitslos.

»Also, wenn du verdienst, dann könnte ich ja tagsüber die Wohnung in Schuss halten«, meinte er. »Und abends machen wir dann zusammen Remmidemmi. Was hältst du davon, Schatzi?«

Sabine entschuldigte sich mit dem Hinweis, dass sie erst ihre drei Kinder übers Wochenende zu ihrem geschiedenen Mann bringen müsste, bevor sie mit dem »Remmidemmi« beginnen könnten, und verließ das Lokal.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle ging sie in das nächstbeste Lebensmittelgeschäft, kaufte drei Packungen Kartoffelchips und eine Schachtel Pralinen, und sah sich abends auf DVD »Casablanca« mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann an. Und während Sabine Chips mampfte, ihre Füße in einem Paar wollenen Socken hochgelegt und die Haare in Lockenwicklern hatte, da wusste sie, dass dies der Beginn eines wunderbaren Lebens war.

 

Blind Date

Als Martin sich, anstatt ihr einen Guten-Morgen-Kuss zu geben, einfach auf die andere Seite drehte und weiterschlief, wusste Julia, dass irgendetwas mit ihrer Beziehung nicht stimmte. Es war nicht so, dass sie aufgehört hatte, Martin zu lieben. Ihre Gefühle für ihn waren unverändert. Martin war warmherzig, sensibel und sehr süß. Er war die Art von Mann, mit dem eine Frau sich vorstellen konnte, alt zu werden.

Aber genau daran wollte Julia im Moment ganz und gar nicht denken. Sie wollte sich jung fühlen. Sie wollte verrückt sein. Sie hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer an ihr vorbeigegangen war, und dass es mit achtunddreißig allmählich zu spät dafür wurde.

Vielleicht lag es auch daran, dass sie und Martin sich nach zwölf Jahren Zusammenleben bereits zu vertraut waren. Es gab nichts mehr am anderen zu entdecken, keine Überraschungen, keine Geheimnisse, kein Prickeln der Erwartung. Wenn sie abends müde von ihren Jobs nach Hause kamen, legten sie beide nur die Beine hoch und schalteten den Fernseher ein. Julia hatte das Gefühl, dass sie kaum mehr miteinander sprachen, außer um zu fragen, wer zuerst ins Bad wollte.

Deshalb fing sie an, im Internet nach neuen Bekanntschaften zu suchen. In Chatrooms traf sie sich mit wildfremden Männern, um zu plaudern und zu flirten. Natürlich gab sich dabei keiner als der zu erkennen, der er tatsächlich war. Jeder verwendete fantastische Decknamen und schlüpfte in irgendwelche Rollen. Aber das störte Julia nicht. Das Ganze machte einfach Spaß und war ein harmloser Ausgleich zu ihrem grauen Beziehungsalltag.

Doch dann wurde aus dem Spaß plötzlich Ernst, als sie dabei einen Mann kennenlernte, der sich selbst »Zorro« nannte. Der Name hatte ihr zwar erst ein leises Kichern entlockt, doch zugleich ließ er sie auch an einen verwegenen Abenteurer denken, rücksichtslos und doch irgendwie romantisch.

Sie gab sich selbst den Namen »Madame X« und fing an, mit ihm zu flirten. »Zorro« schien so ganz anders zu sein als ihr zuverlässiger, biederer Martin. Sein Traum war es, sich irgendwann auf eine Harley Davidson zu schwingen und einfach davon zu brausen; allen Zwängen zu entfliehen und ganz nach seinen Gefühlen zu leben. Mit diesem Traum hatte er bei Julia einen Nerv getroffen. Sich einfach fallen zu lassen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, war das nicht genau das, wonach sie sich sehnte?

Natürlich war ihr klar, dass das Ganze womöglich eine große Seifenblase war. Dass sich der schneidige »Zorro« im wirklichen Leben als langweiliger Buchhalter oder verklemmtes Muttersöhnchen entpuppte. Aber sie war bereit, dieses Risiko einzugehen. Sie wollte sich nicht den Vorwurf machen müssen, vielleicht die Chance ihres Lebens verpasst zu haben.

Deshalb schlug sie eines Abends ein Treffen vor. Dass »Zorro« in derselben Stadt lebte wie sie, wusste sie bereits. »Zorro« schien einen Augenblick zu zögern, dann erschien endlich seine Antwort auf dem Bildschirm. »Einverstanden. Wann und wo?«

»Morgen Abend um acht«, antwortete Julia spontan. »Im Club de Paris.«

Der Club de Paris war das neueste Lokal der Stadt. Martin hasste es. Die Musik war ihm zu laut, das Licht zu schummrig und die Einrichtung zu schrill. Also genau der richtige Ort, um vielleicht ein ganz neues Leben zu beginnen.

»Ich werde an der Bar warten«, schrieb »Zorro« zurück. »Dann können wir gemeinsam unser großes Abenteuer planen.«

Als Julia ihren Computer abschaltete, fühlte sie sich erregt und unsicher zugleich. Zwar hatte sie ein schlechtes Gewissen dabei, Martin zu hintergehen. Andererseits sagte sie sich: Was war schon dabei? Sie traf sich mit einem Mann auf einen Drink. Wenn er nicht ihr Typ war, und das war sehr wahrscheinlich, würde sie einfach wieder aus seinem Leben verschwinden. Und wenn doch – ! Aber diesen Gedanken dachte sie nicht zu Ende.

Als Martin etwas später vom Büro nach Hause kam, bemühte sie sich, besonders nett und aufmerksam zu ihm zu sein.

»Was hältst du davon, wenn ich uns einen Drink mixe?«, fragte sie nach dem Abendessen. »Vielleicht einen Cocktail?«

»Ach nein, danke. Ich nehme nur ein Bier«, murmelte Martin und vergrub sich wieder in seine Zeitung. Julia brachte ihm sein Glas und setzte sich neben ihn.

»Es könnte sein, dass ich mich morgen Abend etwas verspäte«, begann sie schließlich. »Eine Besprechung im Büro. Du weißt ja, wie so etwas immer dauert.«

Martin hob kurz den Kopf. »Das trifft sich gut. Wir erwarten morgen eine Geschäftsdelegation aus England. Mein Chef hat mich gebeten, abends mit ihnen essen zu gehen. Es macht dir doch nichts aus, oder?«

»Natürlich nicht. Geh nur. Ich hoffe, du amüsierst dich.« Julia biss sich auf die Lippen. Sie befürchtete, ein bisschen zu eifrig geklungen zu haben, aber Martin meinte nur: »Ich werd’s versuchen«, und kehrte wieder zu seiner Zeitung zurück.

Als Julia am nächsten Abend kurz vor acht Uhr den Club de Paris betrat, war sie so nervös wie bei ihrem ersten Rendezvous. An der Bar lehnte ein Mann, mit dem Rücken zu ihr, sodass sie im gedämpften Licht nur sein blondes Haar und die breiten Schultern unter dem dunklen Jackett erkennen konnte. Aber es kam ihr so vor, als wäre ihr alles an ihm schon seit langem vertraut. Julias Herz begann schneller zu schlagen. Einen Augenblick zögerte sie, dann ging sie entschlossen auf ihn zu.

»Erwarten Sie jemanden?«, fragte sie. Der Mann wandte sich zu ihr um. Auf ihren beiden Gesichtern malte sich Verblüffung.

»Julia!«

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    Bettina Wagner (Autor)

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Titel: Alles Liebe: 11 humorvolle Liebesgeschichten (Humor)