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Lost in Pain - Zurück zu dir (Liebe, Spannung)

von Jennifer Wellen (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Catlin O’Donnely Post mit einem Hinweis auf den Verbleib ihrer leiblichen Mutter erhält, will sie sofort dorthin. Die Frage ist nur wie? Weder hat sie ein Auto noch einen Führerschein und leidet zudem an Klaustrophobie. Somit bleibt ihr nur eines übrig – ihren einzigen Freund aus ihrer Vergangenheit im Waisenhaus um Hilfe zu fragen.

Doch der Trip quer durch die USA wird für sie und Nick zu einer Flucht ins Ungewisse. Nick drängt auf Antworten, warum Catlin damals aus dem Waisenhaus geflohen ist. Zudem werden sie von einem alten Bekannten von Catlin verfolgt, der seinen Ring wiederhaben möchte. Denn sie ist nicht umsonst was sie heute ist – eine einsame, unstete Beischlafdiebin. Meile für Meile nähern die beiden sich somit der Wahrheit. Der Wahrheit, die ihr beider Leben verändern wird …

Impressum

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Erstausgabe Juli 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-196-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-518-5

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© Jacob Lund/shutterstock.com und © Tongsai/shutterstock.com 

Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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1

Sedona Arizona, Juni 2015

Catlin saß auf einem Drehhocker an der Bar. Sie trug ein rotes Kleid mit tiefem Dekolleté, das ihre prallen Brüste perfekt in Szene setzte. Lasziv sog sie am Strohhalm ihres Tequila Sunrise und warf immer wieder einen Blick an den Nebentisch.

Schon länger beobachtete sie den attraktiven Kerl, der nur zwei Meter weiter entfernt saß und seit gut einer halben Stunde intensiv am Laptop arbeitete. Seine Breitling am rechten Handgelenk sowie der dunkelgraue Armani-Anzug, den er trug, waren Anzeichen dafür, dass er nicht nur ein Faible für extrem geschmackvolle, sondern auch für teure Sachen hatte. Demnach würde der Inhalt seiner Geldbörse vermutlich nicht weniger als zweihundert Dollar betragen – perfekt. Außerdem war er wirklich sexy mit seinem dunkelbraunen, kurz geschnittenen Haar, der schlanken, durchtrainierten Figur und den markanten Gesichtszügen.

Catlin drehte sich um, winkte den Kellner heran und bezahlte ihren Drink. Dann glitt sie elegant von ihrem Barhocker. Sie griff unauffällig in ihre schwarze Clutch und holte das Cartierarmband heraus, das sie für diese Zwecke immer in der Tasche bei sich trug. Anschließend lief sie in Richtung Ausgang. Ihr Weg führte dabei wie zufällig an Mister Armanis Tisch vorbei.

Mit ihrem hellblonden Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, und dem Kleid, das ihre schlanke Figur umschmeichelte, war sie ein echter Blickfang. Das wusste sie. Deswegen erstaunte es sie auch nicht, dass der Typ den Blick hob, als sie elegant auf ihren High Heels an seinem Tisch vorbei stolzierte. Beiläufig ließ sie im Vorbeilaufen ihr Armband los. Es fiel rasselnd vor seinen Füßen zu Boden.

„Warten Sie“, rief er prompt. „Sie haben etwas verloren.“

Ein Schmunzeln stahl sich auf ihr Gesicht. Na, das lief doch wie am Schnürchen. Abrupt blieb sie stehen und blickte über ihre Schulter zurück. Sie bemühte sich, einen fragenden Ausdruck in ihr Gesicht zu legen.

Der Armani-Anzug kam geradewegs auf sie zu und hielt ihr das goldene Schmuckstück hin. Es baumelte demonstrativ vor ihrer Nase. „Ihr Armband. Das wäre wirklich ärgerlich. Ich schätze, es hat circa einen Wert von fünfhundert Dollar?“ Sein umwerfendes Lächeln ließ ihr Herz kurz hüpfen.

Gespielt erstaunt riss Catlin die Augen auf. „Oh mein Gott, Sie haben recht, das ist tatsächlich meins.“ Hastig griff sie danach und schüttelte den Kopf. „Es ist ein Geschenk meines Verlobten, müssen Sie wissen. Wenn ich das verloren hätte … oh je.“

Sie lachte verlegen auf und strich sich aufreizend das Haar auf den Rücken. „Da wäre der Ärger vorprogrammiert, verstehen Sie?“

Ihr Gegenüber nickte. „Das kenne ich nur zu gut.“

Catlin senkte nun den Kopf und betrachtete eingehend den Verschluss des Armbandes. „Ich glaube, da ist was nicht in Ordnung. Gestern habe ich es auch schon mal verloren, aber zum Glück hing es dann noch mit dem Haken an meiner Handtasche dran.“

„Zeigen Sie mal her.“ Mister Armani hielt die Hand auf. „Ich bin Juwelier. Wenn daran etwas nicht in Ordnung ist, werde ich es sicherlich erkennen.“

Nur mit Mühe konnte sie einen kleinen Jauchzer unterdrücken.

Juweliere waren der absolute Jackpot. Die hatten meist mehr als zweihundert Dollar dabei. Sie hatte gehofft, dass heute ein guter Tag werden würde, denn sie brauchte dringend Geld.

Er nahm das Armband erneut an sich und prüfte mit flinken Fingern den Verschluss. Seine Hände waren schlank. Feingliedrig. Die Fingernägel kurz geschnitten, sauber und sogar gefeilt. Catlin mochte Männer mit gepflegten Händen. ER hatte immer abgefressene, dreckige Nägel gehabt. Männer, deren Hände sie an IHN erinnerten, konnte sie nicht an sich heranlassen.

Mister Armani hob den Blick. „Es sieht so aus, als sei da mal was abgebrochen. Das könnte ich in einer meiner Filialen löten lassen, wenn Sie möchten.“

Es hatte Catlin drei Stunden Fummelarbeit gekostet, den Verschluss so zu manipulieren, dass er nicht mehr hielt. Deshalb würde sie es nicht zulassen, dass er es reparierte. „Oh, nein nein nein, das kann ich nicht annehmen. Ich werde es einfach hier bei uns im Ort zur Reparatur bringen.“

Er hob die Augenbrauen. „Sind Sie sich sicher? Es ist kein Problem für mich. Ich werde einen meiner Mitarbeiter anweisen, es fertigzumachen. Kostenlos versteht sich.“

Catlin lächelte. „Das ist wirklich sehr nett, Mister …?“

„Cunningham, Will Cunningham“, stellte der Kerl sich vor und hielt ihr die Hand hin.

Sie schüttelte sie. „Danke für das Angebot, Mister Cunningham. Aber machen Sie sich keine Umstände. Ich werde es einfach selbst reparieren lassen.“

Er nickte. „Gut, wie Sie möchten. Einer schönen Frau wie Ihnen kann ich einfach nichts abschlagen.“ Er schmunzelte und gab ihr das Kettchen zurück.

Lachend steckte Catlin es zurück in ihre Tasche, wo das Schmuckstück für solche Fälle stets auf seinen Einsatz wartete. „Trotzdem nochmals vielen Dank, Mr. Cunningham, wenn Sie nicht gewesen wären …“

Die restlichen Worte ließ sie ungesagt im Raum schweben. Dabei beugte sie sich nach vorne, damit er in ihr Dekolleté sehen konnte. Wie gehofft warf Mister Armani auch gleich einen schnellen Blick hinein. Er lockerte räuspernd seinen Krawattenknoten.

Männer waren doch so etwas von berechenbar. Ein bisschen nackte Haut, der Ansatz zweier Brüste und schon hatte man sie an der Angel. Vermutlich stellte Cunningham sich gerade vor, wie sie unter dem roten Kleid aussehen würde. So wie Gott sie geschaffen hatte. Somit zappelte der Fisch doch längst am Haken. Aber um ihn ordentlich ausweiden zu können, musste sie ihn erst noch aus dem Wasser holen.

Catlin lächelte verführerisch und legte vorsichtig eine Hand auf seinen Arm. „Mister Cunningham, dürfte ich Sie auf einen Drink einladen? Immerhin haben Sie mich vor dem Verlust meines Lieblingsarmbandes bewahrt.“

***

Nicht ganz zwei Stunden später saß Catlin rücklings auf Wills Schoß. Immer wieder ließ sie rhythmisch ihre Hüfte ein Stück weit nach vorne rutschen und fühlte, wie sein Penis in ihrem Inneren hart an den Wänden rieb.

„Oh Baby, das ist so geil“, keuchte er. „Komm her, ich will dich jetzt endlich von hinten ficken.“ Mit einem Ruck warf er sie herum, umfasste mit beiden Händen ihre Hüfte und zog sie wieder hoch. Dann drang er in sie ein. Hart und ungestüm.

Sie genoss es sogar. Sein Schwanz war lang und dick, Will überdurchschnittlich attraktiv und was das Beste war – tausendachthundert Dollar schwer. In einer günstigen Minute, als er kurz auf der Toilette gewesen war, hatte sie seine Börse abgecheckt. Somit hatte einem guten One-Night-Stand mit Cunningham nun wirklich nichts mehr im Wege gestanden. Und als sie ihm noch in der Bar von den Beziehungsproblemen mit ihrem Verlobten berichtet hatte, wollte Will es sich nicht nehmen lassen, gleich als Tröster einzuspringen.

Immer wieder stieß er kraftvoll zu. Catlin stöhnte und bewegte sich im Rhythmus mit. Das war fantastisch. Die Finger seiner rechten Hand glitten plötzlich zwischen ihre Schamlippen und begannen, ihre feuchte Klitoris mit sanftem Druck zu massieren. Er wusste, was er tat. Sein Fingerspitzengefühl war der Wahnsinn. Die Kerle, die sie sonst finanziell abzog, waren eher klein, dick, kahlköpfig und ungeschickt, und wenn sie notgedrungen einen von ihnen an sich ranlassen musste, dann ratterten diese für zwei Minuten wie eine Nähmaschine auf ihr herum, um nach dem Abspritzen direkt zuckend wieder herunterzurutschen und einzuschlafen. Aber Will war anders. Er war ein richtiger Kerl. Er wusste, wie er sein Geschlechtsteil einsetzen musste, um Catlin zu befriedigen.

Catlin fühlte, wie sich gerade alles in ihrem Unterleib schmerzhaft zusammenzog, was ein eindeutiges Zeichen war. Sie war kurz davor. „Fester“, feuerte sie ihn an. „Los, stoß fester zu Will!“ Eine Hitzewelle überrollte sie. Sie warf stöhnend ihren Kopf zurück, während das süße Ziehen in ihrem Unterleib sich in den Bauch und von da aus in ihre Herzgegend ausbreitete. „Noch fester.“ Sie drängte sich ihm weiter entgegen. Seine Bewegungen wurden rabiater und mit den Händen krallte er sich in das Fleisch an ihrer Hüfte, was ihr eine neue Erregungswelle bescherte. „Bitte, hör nicht auf, Will, ich komme gleich!“

Immer wieder glitt er vor und zurück. Catlin hielt es kaum noch aus.

„Baby, ich komm auch gleich“, ächzte er und griff unvermittelt in ihr Haar. Mit einem Ruck riss er ihren Kopf zurück, sodass Catlins Halswirbel leise knackten.

Damit war all ihre Erregung auf einen Schlag verschwunden. Zurück blieb lediglich das beklemmende Gefühl in ihrem Hals, das ihr die Luft zum Atmen nahm. Wie zwei eiskalte Hände, die immer weiter zudrückten. „Lass sofort meine Haare los“, ächzte sie und haute ihm dabei auf den Oberschenkel.

Doch in seiner Leidenschaft schien er sie nicht zu hören. Immer wieder stieß er zu, riss schmerzhaft an ihrer blonden Mähne und stöhnte lauter.

Catlin bäumte sich auf. „Verdammt, Will, lass meine Haare los!“ Sie griff zu seiner Hand an ihrem Hinterkopf und versuchte, sie zu lösen. Aber sein Griff war fest, wie der einer Schraubzwinge. Das Gefühl in ihrem Hals wurde von Sekunde zu Sekunde stärker. Sie bekam keine Luft mehr und begann schließlich zu japsen. Ihr Herz raste. Ihr Magen schlug kleine Salti, doch Catlin biss die Zähne zusammen. Sie bemühte sich, nicht loszuheulen und die Enge in ihrem Hals zu ignorieren. Gleich wäre alles vorbei. Gleich.

Sekunden später ergoss er sich mit einem geächzten „Ich … oh … ja jetzt … Ohgott“.

Als er sie endlich losließ und aus ihr herausglitt, drehte sie sich abrupt von ihm weg. Mit der letzten Luft in ihren Lungen zischte sie ihm zu: „Verdammt, was hatte ich dir gesagt, nicht blasen und nicht an den Haaren ziehen.“ Ihr Herz pochte wild von innen gegen ihre Rippen, die Beine zitterten, ihrem Magen war nach Umstülpen zumute. Catlin rückte zitternd ein Stück von ihm ab.

„Tut mir leid“, japste er, „… im Eifer des Gefechtes hab ich das glatt vergessen.“ Er zuckte mit den Schultern und sah zerknirscht drein. Seine Entschuldigung konnte sie jedoch nicht besänftigen. Er hatte sich einfach nicht an ihre Abmachung gehalten.

Wütend sprang sie aus dem Bett. „Vergessen? Was bist du, ein Dummkopf?“

Will Cunningham sah sie überrascht an. Doch plötzlich zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Seine Miene wurde unergründlich für sie. „Dummkopf? Wohl kaum, sonst hätte ich wohl keine eigene Geschäftskette, oder?“ In ihrem Gespräch in der Bar hatte er ihr verraten, dass er der Eigentümer von Cunningham Jewels war, einer bekannten Schmuckladenkette in ganz USA.

Er zog das Gummi ab, verknotete es und stand behände aus dem Bett auf. Seine Erektion hing auf halbmast. „Aber vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst. Morgen früh habe ich einige wichtige Termine und dazu muss ich fit sein.“ Das Gummi ließ er in den Papierkorb neben dem Bett fallen. „Lass mir doch deine Nummer da, dann ruf ich dich an, wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin.“

Catlin schwieg. Den Teufel würde sie tun. Auch wenn er ein richtig dicker Fisch war, bei dem sicher noch mehr zu holen war als nur die tausendachthundert Dollar. Sie würde ihm gleich das Portemonnaie ausräumen und zusehen, dass sie auf Nimmerwiedersehen verschwand.

Hastig sprang sie auf und raffte wütend ihre Sachen zusammen, um sich anzuziehen. Will dagegen lief in Richtung Badezimmer. An der Tür drehte er sich noch mal zu ihr um. „Sorry wegen der Haare, wirklich.“ Dann verschwand er einfach.

Ihr entfuhr ein entrüstetes Schnaufen. Am liebsten hätte sie dem arroganten Kerl etwas Passendes hinterhergeschleudert, aber sie wollte ihr Vorhaben nicht durch einen Disput mit ihm gefährden.

Sie schlüpfte hastig in Slip, Kleid und High Heels und griff zu ihrer Tasche, die auf dem Nachttisch lag.

Als sie hörte, wie das Wasser in der Dusche losprasselte, huschte sie zur angelehnten Badezimmertür und warf vorsichtig einen Blick hindurch. Will stand unter dem Wasserstrahl. Er seifte sich ein.

Catlin schlich zu der Anzugjacke zurück, die über einen Sessel in der Nähe des Bettes hing. Mit flinken Fingern zog sie Wills Geldbörse aus der Innentasche, nahm die Geldscheine an sich und steckte sie in ihre Clutch. Ein zweites Mal griff sie in die Innentasche des Jacketts, da ihre Finger vorhin noch etwas anderes ertastet hatten. Es war hart und viereckig. Sie zog es hervor – eine kleine schwarze Schmuckschatulle.

Catlin klappte den Deckel hoch und riss erstaunt die Augen auf. Das Kästchen enthielt einen Ring, dessen Diamant einfach riesig war. Wie viel Karat genau, vermochte sie zwar nicht zu sagen, aber das er eine Menge Geld bringen würde, war ihr auf Anhieb klar. Aber sollte sie das tun? Sollte sie den Ring wirklich mitnehmen?

In ihrem Magen zog es unangenehm. Bisher hatte sie immer nur Geld genommen und nie etwas anderes. Trotz allem empfand sie das, was sie tat als unrecht, aber sie brauchte das Geld für Lebensmittel und die Miete im Motel. Aber Schmuck?

Schnell ließ sie den Ring zurück in die Innentasche gleiten und lief zur Zimmertür. Doch das fröhliche Pfeifen unter der Dusche klang in ihren Ohren völlig unangebracht. Es ärgerte sie maßlos. Wieder flammte die Wut in ihr auf. Sie hatte Will vor dem Fick klipp und klar gesagt: Nicht blasen und schon gar nicht an den Haaren ziehen. Eine Abmachung, die sie beide vorher getroffen hatten. So wie er darauf bestanden hatte, sie eben nicht küssen zu wollen. Sie hatte sich daran gehalten, aber was war mit ihm? Im Eifer des Gefechtes habe ich nicht daran gedacht …

Unvermittelt stieg ein Bild aus der Vergangenheit in ihr auf. Und sie schaffte es nicht, es zu verdrängen, so wie sonst. Gequält schloss sie die Augen, doch auch das half nichts. Dieses Bild überrollte sie förmlich.

Sie sitzt auf einer Holzkiste. Ihre Hände sind auf dem Rücken mit Kabelbinder festgezurrt. SEINE Hände sind schmerzhaft verkrallt in ihren Haaren, ihr Magen ist der Revolte nahe. Mit einem gutturalen Laut ergießt ER sich in ihren Mund. Sie kann SEIN Sperma schmecken. Es schmeckt widerlich. Schon alleine, weil es von IHM ist. Tränen schießen ihr in die Augen und sie fragt sich, womit sie das verdient hat. Was sie im Leben falsch gemacht hat, um so bestraft zu werden. Noch im selben Moment, wo sie nach einer Antwort sucht, fühlt sie, wie sich brennend die Magensäure ihren Weg an die Oberfläche sucht. Als ER sich keuchend aus ihr zurückzieht, erbricht sie schwallartig neben sich.

Catlin riss die Augen auf und keuchte. Sie hatte sich damals vorgenommen, sich nie wieder so benutzen, von anderen Menschen rumschubsen oder wie Vieh missbrauchen zu lassen. Nein. Eher würde sie den Spieß umdrehen und Andere fortan benutzen. Warum also jetzt nicht den Ring nehmen? Hatte sie ihn sich nicht redlich verdient? Hätte Will sich an die Abmachung gehalten, würde es ihr jetzt nicht so schlecht gehen. Also stand ihr doch eine Entschädigung zu, oder etwa nicht?

Trotz des nagenden Gefühls von Unrecht in ihrem Bauch, das sich gerade zu allen anderen Gefühlen gesellte, trieb es sie zurück zu dem Sessel. Sie griff in die Innentasche seines Anzuges und ließ die Schatulle rasch in ihrem Täschchen verschwinden. Bevor Will Cunningham von Cunningham Jewels etwas davon mitbekam, hatte Catlin bereits lautlos das Hotelzimmer verlassen, mitsamt seinem Geld, seinem Ring und schlechtem Gewissen im Gepäck.

***

Der Shuttle Bus zum Arroyo Pinion Motel war noch nicht ganz hundert Meter weit gefahren, als Catlin bereits spürte, wie sich langsam ihr Hals zuzog. Seit IHM hatte sie Angst vor geschlossenen Räumen, die sich immer wie zwei kalte Hände um ihren Hals legte und Catlin langsam aber sicher die Luft abdrückte. Und je weniger Luft sie bekam, desto mehr rebellierte ihr Magen. Wie auch jetzt wurde ihr dann schlecht. Es gab Momente, in denen die Übelkeit überhand gewann und sie sich in einem Schwall erbrach. Aber es gab auch Momente, in denen sie stark genug war und sie erfolgreich zurückzudrängen vermochte.

Deshalb versuchte sie, sich auf die am Fenster vorbeiziehende Wüste außerhalb des Busses zu konzentrieren. Heute half es jedoch nichts. Ihre Nerven beruhigten sich einfach nicht. Vielleicht lag es auch an dem Diebesgut. Dem Ring.

Mittlerweile bereute sie es, ihn mitgenommen zu haben. Der Ring würde sicher einiges an Ärger bedeuten. Vor allem, wenn er wirklich so viel wert war, wie sie vermutete. Und das konnte sie absolut nicht gebrauchen. In den letzten Jahren hatte sie doch immer ungestört ihrer nicht ganz legalen Tätigkeit hier rund um Sedona nachgehen können. Aber was, wenn Will Cunningham nach dem Ring suchen würde?

Sie dachte angestrengt nach. Cunningham war der Besitzer einer riesigen Schmuckkette, die zusammen mit Swarovski auch edlen Modeschmuck anbot. Womöglich war der Ring gar nicht echt. Manchmal sah Modeschmuck echtem Schmuck doch täuschend ähnlich. Und mal ganz ehrlich, selbst wenn der Ring echt wäre, konnte Will dann das verlorene Geld nicht einfach als Auslage verbuchen? Mit seiner Kette musste er Millionen im Jahr verdienen. Eigentlich schade, dass ihr Date so geendet war. Wer weiß, was sie sonst noch hätte aus ihm herausholen können.

Catlin wurde schlecht. Sie hatte das Gefühl, das Dach des Busses würde immer näher kommen und sie erdrücken. Abrupt stand sie auf und griff japsend zu ihrer Tasche. Keine Sekunde länger hielt sie es hier drinnen mehr aus. Sie gab dem Fahrer ein Zeichen mit der Hand, woraufhin er den Shuttlebus am Straßenrand anhielt. Die letzten paar Meter würde sie laufen und sich unter freiem Himmel überlegen, wie sie den vermaledeiten Ring gefahrlos zu Geld machen könnte.

Und ganz plötzlich drängte sich ein Gedanke an all den anderen vorbei, schlängelte sich durch die Angst und Traurigkeit hindurch. Ein Gedanke, der ihr stets half, das Ganze durchzustehen. Der ihr Trost spendete. Es war der Gedanke an einen ganz besonderen Menschen. Einen Menschen, der ihr viel bedeutet hatte und ohne den sie mit der Situation im Waisenhaus wesentlich schlechter zurechtgekommen wäre – Nick Thornton.

***

Mit einer ruckartigen Handbewegung warf Catlin ihre Clutch zusammen mit dem Zimmerschlüssel aufs Bett und zog sich aus. Ihr Kleid stank bestialisch nach Rauch und Alkohol. Morgen würde sie es mit den anderen Sachen zur Reinigung in die City bringen und auf dem Weg dahin könnte sie dann auch gleich die paar Kilometer weiter nach Flagstaff fahren, um den Ring dort in einem Pfandhaus zu versetzen. Den Ring hier in Sedona zu Geld zu machen, war ihr zu heiß. Da nahm sie lieber ihre Klaustrophobie in Kauf und fuhr ein paar Kilometer weiter in das nächste Dorf.

Im Bad streifte Catlin sich die Unterwäsche ab und schlüpfte unter die Dusche. Wenige Sekunden später rann heißes Wasser über ihren Körper. Für einen Moment blieb sie einfach nur so stehen und genoss die Wärme. Anschließend griff sie zum Apfelshampoo, um sich die Haare zu waschen.

Die Dusche nach dem Sex mit ihren „Kunden“ war ein wichtiges Ritual für sie. Ein Akt der Reinigung, weil sie sich, trotz allem was sie tat, immer schmutzig und benutzt fühlte. Wenn sie jemals die Wahl gehabt hätte, hätte sie etwas anderes gemacht. Ihr Geld auf ehrliche Art und Weise verdient. Doch das Schicksal hatte ihr keine Wahl gelassen. Die Fesseln ihrer Vergangenheit ließen sie nicht los. Auch nach zehn Jahren nicht.

Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag war sie aus dem Jugendheim Childrens Hope geflohen, ohne zu wissen, wo sie zukünftig unterkommen oder sich über Wasser halten würde. Sie wollte damals nur noch raus aus der Hölle. Weg von IHM.

Eine Zeit lang war sie anschließend mit einigen Jugendlichen unterwegs gewesen, die auf der Straße in Phoenix lebten. Von ihnen hatte sie gelernt, wo man sicher schlafen konnte, wie man bettelte oder wie man klaute. Irgendwann war es jedoch zu einem Streit zwischen ihr und einem der Mädchen gekommen. Daraufhin hatte sie die Gruppe notgedrungen verlassen müssen.

Als sie schließlich verzweifelt in einem Diner ihr letztes erbetteltes Geld für einen heißen Kaffee ausgegeben hatte, lief ihr der erste Kerl über den Weg, der ihr für einen schnellen Fick Geld bot. Viel Geld. Ganze zwanzig Dollar. So viel hatte sie an drei Tagen nicht zusammenbetteln können. Und da kam ihr plötzlich die Idee, die Geilheit der Männer zu ihren Gunsten zu nutzen. Was anderes blieb ihr schließlich nicht übrig. Eine Ausbildung konnte sie damals nicht vorweisen, geschweige denn einen Schulabschluss, echten Job oder festen Wohnsitz. Zudem stand der Winter vor der Tür, vor dem sie wirklich Angst gehabt hatte.

Somit hatte Catlin die Zähne zusammengebissen und sich von dem Kerl aus dem Coffeeshop für zwanzig Dollar zwischen den Mülltonnen notgedrungen durchvögeln lassen. Auch wenn ihr dabei beinahe der Kaffee wieder hochgekommen war. Doch die Zähne zusammenbeißen konnte sie. Das hatte sie im Waisenhaus gelernt. Bei IHM hatte sie mehr als einmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Und der Kerl, der sie im schäbigen Hinterhof durchgevögelt hatte, war noch relativ nett zu ihr gewesen.

Allerdings hatte der eine Kerl nicht ausgereicht. Es waren noch einige weitere „Kunden“ nötig, bis sie endlich so viel Geld zusammen hatte, dass sie sich ein billiges Motelzimmer hatte leisten können. Dort hatte sie sich zuallererst stundenlang geduscht, um sich von dem Geruch der Kerle, der noch an ihr klebte, reinzuwaschen. Dann hatte sie sich rasiert, die Haare geschnitten und aufgehellt, und war am Abend darauf bewaffnet mit High Heels, einem schicken Etuikleid aus dem Second-Hand-Laden in der Tylerstreet und einem falschen Personalausweis in eine exklusive Nachtbar gestöckelt. An dem Abend hatte sie sich den ersten notgeilen Kerl gegriffen, dem sie in einem günstigen Augenblick das Geld aus der Tasche geklaut hatte, ohne sich von ihm ficken zu lassen. Es waren weit mehr als zwanzig Dollar gewesen und konnten ihr die nächsten Nächte im Motel sichern.

Seitdem ließ sie meist nur noch ausgewählte Kerle an sich ran, mit denen sie sich Sex auch wirklich vorstellen konnte. Alle anderen hatte sie nur abgewimmelt und dabei geschickt um ihr Geld erleichtert. Dennoch war das Gefühl benutzt worden zu sein stetig geblieben. Heute war es sogar ganz besonders schlimm, weil Will sie an den Haaren gezogen hatte, so wie ER.

Catlin trat aus der Dusche, trocknete sich ab und lief zurück ins Zimmer. Sie schlüpfte in frische Unterwäsche und ein Big-Shirt, das sie aus ihrem Trolli zog. All ihre Klamotten passten in einen Rollkoffer von 115 Liter Fassungsvermögen. Für andere Frauen eigentlich undenkbar, für sie der normale Zustand. Sie verfügte über keinen festen Wohnsitz. Meist wohnte sie nur für ein paar Tage in Motels. Danach sah sie zu, dass sie wieder wegkam und sich woanders einquartierte. Ihre Art an Geld zu kommen war ja illegal, weswegen sie auch nie dieselben Bars zweimal hintereinander besuchte. Außerdem trug sie seit dem Waisenhaus diese innere Unruhe mit sich, die es ihr nicht leichtmachte, irgendwo länger als ein paar Tage zu bleiben. Einzig und allein Mr. Xu aus der Reinigung in Sedona City war eine Konstante in ihrem Leben. Schon allein, weil er ihr die Waschmaschine, die Familie und den Therapeuten ersetzte. Deswegen passte ihr ganzes Hab und Gut in diesen einen Koffer.

Ein weiteres Mal griff Catlin in das Gepäckstück und beförderte den kleinen Skizzenblock hervor, den sie immer dabei hatte. Sie setzte sich aufs Bett, zog die Knie an und schlug den Block auf. Mit dem Bleistift begann sie, das angefangene Bild von gestern weiterzumalen. Es zeigte ein Baby auf dem Arm einer jungen Frau. Catlin widmete sich wieder dem Gesicht der jungen Mutter. Es sollte eigentlich einen liebevollen Ausdruck tragen, aber sie tat sich schwer. Das Gesicht, beziehungsweise der Ausdruck in dem Gesicht der Mutter, wollte ihr nicht recht gelingen. Vermutlich, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie eine Mutter ihr Baby liebevoll betrachtete. Sie war als Baby ja von ihrer Mutter verlassen worden. Zumindest war es das, was ER ihr immer erzählt hatte.

Wieder und wieder radierte Catlin das Skizzierte weg. Irgendwann riss sie wütend das ganze Blatt ab, zerknüllte es und warf es in den Mülleimer neben dem Fenster. Dann begann sie plötzlich ein anderes Gesicht zu zeichnen. Aus ihrer Erinnerung. Es war Nicks Gesicht. Doch auch das gelang ihr nicht. Denn sie hatte es viel zu lang nicht mehr gesehen. Ganze zehn Jahre, um genau zu sein. Also wer weiß, wie ihr ehemals bester Freund heute aussah.

2

Catlin schob dem älteren Mann hinter dem Tresen das schwarze Kästchen mit dem Ring über die Glasauslage zu. Sie räusperte sich. Ihr war ziemlich unwohl in ihrer Haut und am liebsten wäre sie abgehauen.

Der Pfandleiher griff danach und öffnete es. Augenblicklich begannen seine Hände zu zittern. „Oh … also ich müsste da einige Tests machen und sehen, ob sowohl Gold als auch der Stein echt sind. Das kann etwas dauern. Außerdem, wenn er wirklich echt sein sollte, muss ich erst Geld besorgen. Soviel Bargeld habe ich sicher nicht in der Kasse.“ Er klappte verlegen auflachend das Kästchen zu, griff zu einem Formular und begann, es auszufüllen. „Haben Sie eine Handynummer, auf der ich Sie erreichen kann?“ Er sah Catlin fragend an.

Sie schüttelte verhalten mit dem Kopf. „Nein tut mir leid, ich bin kein Freund von drahtloser Kommunikation. Verstehen Sie?“ Sie lächelte. Das war sie in der Tat nicht. Sie hätte aber auch nicht gewusst, wofür sie ein Handy gebrauchen könnte. Sie besaß keine Familie, kein gar nichts. Wer sollte sie also anrufen? Die paar nötigen Telefonate in den letzten zehn Jahren hatte sie meist vom Motelzimmer aus tätigen können.

Er schmunzelte. „Kann ich verstehen. Ich bin da auch nicht so der Fan von. Dann aber vielleicht eine Festnetznummer?“

„Tut mir leid.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Auch das nicht.“

Stirnrunzelnd betrachtete er sie. „E-Mail?“

Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Er seufzte schließlich auf. „Verstehe, Sie sind eher ein Fan von analog statt digital, was?“ Catlin lachte zur Antwort nur auf.

„Dann geben Sie mir doch einfach Ihre Adresse und ich schicke Ihnen eine Nachricht.“

Mit einem Kopfschütteln antwortete sie ihm. „Leider bin ich nur vorübergehend in der Stadt. Und ich würde ungerne von Phoenix bis nach Flagstaff kommen müssen. Sagen Sie mir doch einfach, wann ich wieder vorbeikommen kann, um das Geld abzuholen.“

Der Besitzer des Pfandhauses hob die Augenbrauen. Sein Blick spiegelte plötzlich Zweifel wider. „Wo haben Sie den Ring überhaupt her, wenn ich fragen darf?“

Genau das hatte Catlin befürchtet. Aber zum Glück war sie darauf vorbereitet.

Wie sie es im Hotelzimmer geübt hatte, brach sie spontan in Tränen aus. Insgeheim bewunderte sie sich selbst für ihre schauspielerische Leistung. „Es … es ist mein Verlobungsring und … und ich habe den Kerl mit einer anderen im Bett erwischt“, stammelte Catlin los. Schließlich erzählte sie dem Pfandleiher eine wirklich rührende Story von ihrem Verlobten namens Will, der ein mieses Schwein war, sie betrogen und obendrein aus der gemeinsamen Wohnung rausgeworfen hatte. Sie bräuchte nun das Geld aus dem Erlös ihres Verlobungsringes, um wieder Fuß zu fassen. Immerhin hätte Will alle Möbel und Gelder, die sie gemeinsam erwirtschaftet hatten, behalten. Der Ring erinnere sie schmerzlich an die gemeinsame Zeit, weshalb sie froh wäre, ihn endlich los zu sein.

Der Pfandleiher zeigte vollstes Verständnis für sie und nahm ihr die Geschichte ab. Er kam sogar um den Tresen herum, um ihr spontan ein Taschentuch anzubieten und sie mit seiner väterlichen Art zu trösten. Er ließ dabei auch nicht unerwähnt, dass seine Tochter ungefähr in ihrem Alter war, der sogar mal etwas Ähnliches widerfahren sei.

Deshalb war es auch kein Problem, dass sie ihm lediglich die Adresse vom Arroyo Pinion Motel geben konnte, wo sie angeblich untergekommen war, aber in Wirklichkeit bereits heute Morgen ausgecheckt hatte. Sie vereinbarten, dass Catlin, obgleich ihrer ungewissen Wohnungssituation, einfach in zwei Tagen wiederkommen sollte, um das Geld abzuholen und diesen unschönen Lebensabschnitt ad acta zu legen.

Darauf hatte Catlin natürlich insgeheim gehofft. Dennoch verließ sie wenige Minuten später den Laden mit einem Knoten im Bauch. Der Pfandleiher war wirklich sehr nett zu ihr gewesen. Er hatte ihr sogar seine Hilfe angeboten. Es war eigentlich nicht in Ordnung, ihn so zu belügen. Doch was hätte sie tun sollen?

Hastig lief Catlin mit ihrem Rollkoffer im Schlepptau zum Taxistand.

Nein, es war so, wie es war. Der Zweck heiligte eben die Mittel. Übermorgen würde sie von ihm das Geld ausbezahlt bekommen und das war´s. Vielleicht war der Ring genug wert, dass sie sogar ganz von vorne anfangen könnte. Und in Zukunft würde sie von solch exklusiven Klunkern weit Abstand nehmen.

***

„Guten Tag“, begrüßte Catlin fröhlich den alten Mann, der gerade mit Handfeger und Kehrschaufel ein Häufchen Dreck wegfegte. Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich. Mr. Xu, der Besitzer der koreanischen Reinigung in der Tylerstreet, lächelte ihr zu und entblößte dabei eine Reihe blendend weißer, viel zu perfekter Zähne.

Zigmal hatte sie ihm in der Vergangenheit versucht zu erklären, dass auch eine Totalprothese eigentlich so aussehen sollte, als wären es echte Zähne, und echte Zähne waren niemals perfekt. Aber der Koreaner hatte meist nur schallend darüber gelacht. Er war der Meinung, wenn er schon so viel Geld für künstliche Zähne ausgeben musste, dann wolle er wenigstens einmal im Leben perfekte tragen. Daraufhin hatte sie es aufgegeben, ihn vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

Er legte die Putzsachen weg und lief hinter die Theke. „Reinigen und Aufbügeln wie immer?“ Er griff zu einem Nummernblock mit orangefarbenen Zetteln und riss einige davon ab. Mit Stecknadeln heftete er sie mühsam an Catlins Kleidern fest. Handgriffe, die ihm seit seinem Schlaganfall nicht mehr ganz so leicht von der Hand gingen. Ein Wunder, dass er überhaupt noch arbeitete. Immerhin war er bereits über siebzig.

Mister Xu schob ihr die kleinen Papierschnipsel über die Theke zu. Sie griff danach, um sie achtlos in ihre Tasche fallen zu lassen. Selbst wenn sie diese verlieren würde, wüsste er dennoch, welche Sachen ihr gehörten. In der Beziehung hatte er ein Bombengedächtnis. Ohnehin fragte sie sich, warum sie als seine langjährige Stammkundin immer noch diese Zettel bekam.

Der alte Mann griff nun mit zitternder Hand zu dem roten Kleid, in dem sie Will verführt hatte. Er roch daran und verzog angewidert das Gesicht. „Wo bist du gewesen?“ Er roch noch einmal daran. „Im Blue Sky die Straße runter?“ Catlin spürte, wie ihr augenblicklich das Blut ins Gesicht schoss.

Es störte sie, dass der alte Mann eine so hervorragende Nase hatte. Er konnte dem Kleid nicht nur sämtliche Sekrete aus zwei Meter Entfernung anriechen, sondern wusste auch immer genau, woher sie entstammten. Es überraschte sie, wie treffsicher er war. Erst kürzlich hatte sie nicht an sich halten können, ihm vorzuschlagen, sich damit bei einer Talentshow zu bewerben. Mr Xu war daraufhin in schallendes Gelächter ausgebrochen und hatte etwas auf Koreanisch geantwortet, was sie nicht verstanden hatte.

„Catlin, du solltest dir endlich einen richtigen Job suchen.“ Er hing das Kleid vorsichtig auf einen Drahtbügel.

„Hostess ist doch ein richtiger Job“, echauffierte sie sich.

Mr. Xu hob skeptisch die Augenbrauen. „Solange du jung bist und gut aussiehst. Da wollen die reichen Kerle immer, dass du sie begleitest. Aber was ist, wenn die ersten Falten kommen? Was machst du dann? Willst du dann etwa eine eigene Begleitagentur gründen?“

Catlin schwieg. Mister Xu hatte ja recht. Sie selbst hatte sich schon oft Gedanken darüber gemacht. Auf ewig konnte und wollte sie das nicht machen. Vielleicht reichte ja das Geld vom Ring, um sich an einem College einzuschreiben. Immerhin war es bereits ein Jahr her, dass sie ihren Schulabschluss, Jahre nach ihrer Flucht aus dem Waisenhaus, auf der Abendschule nachgeholt hatte. Also stand einer Weiterbildung doch nichts mehr im Wege. Sie müsste sich lediglich einen festen Wohnsitz und einen richtigen Job suchen. Vielleicht könnte sie dann kellnern.

Mister Xu nahm die Sachen und legte sie nach hinten. Als er durch den rasselnden Holzperlenvorhang wieder in den Laden zurückgehumpelt kam, hielt er einen Umschlag in der Hand. „Hier.“ Er hielt ihr den Brief hin. „Der ist für dich. Keine Ahnung, wieso er ausgerechnet hier gelandet ist.“

„Für mich?“ Catlin musterte Mr. Xu überrascht. Wie kam jemand auf die Idee, ihr einen Brief zu schreiben, und ihn an Mr. Xus Reinigung zu adressieren?

Verwirrt nahm Catlin den Brief an sich. Sie betrachtete ihn genauer. Er war hellblau und tatsächlich mit einer abgestempelten Briefmarke versehen. Zudem gab es einen Absenderstempel vom Maricopa County Jail. Wer bitte schrieb ihr aus der härtesten Haftanstalt der USA?

Als sie die Anschrift genauer betrachtete, die mit schwarzer Tinte geschrieben war, zuckte sie unweigerlich zusammen. Das geschwungene D würde sie überall erkennen.

Ihr Herz raste los. Ihr wurde schlecht. Mit zitternden Händen drehte Catlin den Umschlag um, aber nirgendwo befand sich ein Name. Nur die Adresse des Gefängnisses. Trotzdem – sie wusste ganz genau, von wem der Brief war. Auch ohne Absender.

„Was ist los“, wollte der Koreaner wissen. „Schlechte Nachrichten?“ Hastig warf sie ihm einen scheuen Blick zu. Sie schluckte. Bemerkte, wie sich ihr Hals langsam zuzog.

Mr. Xu wusste nichts von ihr oder ihrer Vergangenheit. Er hatte sie nie gefragt und sie verständlicherweise auch nie etwas davon erzählt. Warum auch? Sie selbst hatte ja nicht mehr an diese schreckliche Zeit im Waisenhaus oder auf der Straße erinnert werden wollen. Mr. Xu wusste nur, was sie beruflich machte, wobei sie ihm auch hier einiges verschwieg. Er glaubte, sie begleite lediglich reiche Männer zu Geschäftsessen. Dass es um einiges darüber hinausging, wusste er ja nicht.

Selbst jetzt, wo sie das Gefühl bekam, ihr Magen würde jeden Moment explodieren, biss sie sich auf die Zunge und schüttelte den Kopf. Sie zwang sich durchzuatmen und ein Lächeln aufzulegen. „Alles gut, Mr. Xu, nur jemand von dem ich lange nichts mehr gehört habe.“ Lange hieß in diesem Falle ganze zehn Jahre. In ihren Augen jedoch nicht lange genug. Beiläufig ließ sie den Brief in ihrer Handtasche verschwinden.

Der Mann, der sich regelmäßig um ihre Wäsche kümmerte, nickte. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, sie skeptisch zu beäugen. Manchmal glaubte sie, der Alte wusste mehr als ihr lieb war. Ihr war, als könne er bis auf ihre blanke Seele sehen oder ihre Gefühle sogar riechen.

Hektisch griff Catlin zu ihrem Trolli und verschloss ihn wieder. „Danke Mr. Xu. Aber ich muss jetzt los. Bis zum nächsten Mal.“ Ein weiteres Mal zwang sie sich dazu, freundlich zu lächeln.

Er verbeugte sich und antwortete mit einem: „Domanao.“

Als sie mit dem Rollkoffer im Schlepptau schließlich den Laden verließ, konnte sie spüren, wie der prüfende Blick des Koreaners sich in ihren Rücken bohrte. Doch das war ihr egal. Sie wollte nur noch weg von hier. Weg von IHM. Denn wenn ER wusste, dass sie hier ihre Wäsche hinbrachte, konnte es sein, dass ER sie auch beobachten ließ.

***

Von der Reinigung aus hastete Catlin schnurstracks zum Taxistand.

Der Trolli kippelte ein paar Mal gefährlich, doch rigoros zog sie ihr ganzes Hab und Gut einfach weiter. Sie öffnete den Kofferraum des ersten Taxis in der Reihe, um den Koffer hineinzuwuchten. Anschließend ließ sie sich seufzend auf den Beifahrersitz sinken. Der Fahrer, ein junger Kerl mit Seitenscheitel und Kapuzenpulli, hob überrascht den Kopf. Er ließ den Motor an. „Wohin kann ich Sie bringen Miss?“

„Ins Bell Rock Inn Motel, bitte!“

Er nickte und fuhr zügig aus der Reihe, um sich in den Verkehr einzufädeln.

Catlin stöhnte leise auf. Ihre Gedanken wollten einfach nicht aufhören, sich um IHN zu drehen. Wie war ER überhaupt an die Adresse von Mr. Xu gekommen? Woher wusste ER, wo sie regelmäßig verkehrte? Es gab eigentlich nur eine mögliche Erklärung. Ein Detektiv. Sie war doch immer darauf bedacht gewesen, ihre Spuren zu verwischen. Aber sicher war die Tatsache, dass sie nie ganz aus Arizona rausgekommen war, dennoch ein Fehler gewesen. Für einen Privatschnüffler sicher ein leichtes, trotz allem ihre Fährte aufzunehmen.

Verzweifelt betrachtete Catlin den Umschlag, der ein Stück weit aus ihrer Tasche herauslugte. Konnte es möglich sein, dass ER sie immer noch kontrollierte, so wie früher? War sie IHM mit ihrer Flucht aus Cildrens Hope vermutlich gar nie wirklich entkommen? Allein dieser Gedanke jagte ihr eine Heidenangst ein, womit ihr trotz der sommerlichen Hitze im Taxi plötzlich ein eiskalter Schauer über den Körper lief. Er brachte sie sogar zum Erzittern. Auch die Enge in ihrem Hals war augenblicklich wieder da, die sich begann, mit der aufsteigenden Übelkeit zu messen. Eine Erinnerung flammte unvermittelt wie ein Strohfeuer in ihr auf, obwohl sie versuchte, sie zu verdrängen, doch es ging nicht. Gegen diese grausamen Fragmente ihrer Vergangenheit war sie machtlos.

„Verdammt, ich kriege kaum Luft, lass mich endlich hier raus“, keucht sie und hämmert mit den Fäusten gegen das Holz. Splitter rammen sich schmerzhaft in ihr Fleisch. Ihr Magen revoltiert.

„Nur, wenn du endlich tust, was ich dir sage“, dringt SEINE Stimme gedämpft durch die Wände der Kiste. Sie hasst IHN. Sie hasst IHN für das, was ER ist und für das, was ER mit ihr tut. Dieses Schwein.

Die unbändige Wut, die in diesem Moment in ihr aufsteigt, übermannt alle anderen Gefühle wie Angst oder Traurigkeit. Nein, verdammt noch mal. Von IHM wird sie sich nicht kaputtmachen lassen.

Catlin schluckte schwer.

„Alles in Ordnung?“ Der Fahrer warf ihr einen besorgten Blick zu. „Sie sind ziemlich blass um die Nase.“

„Danke, alles ok.“ Sie lächelte gezwungen. „Ich bin nur etwas müde von der Reise, verstehen Sie?“

„Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?“

Irritiert warf Catlin ihm einen schnellen Seitenblick zu. Er musterte sie eingehend. Doch dem Kerl wollte sie nichts verraten. Sie blieb doch lieber anonym. So wie sonst auch. „Aus San Diego. Ich bin beruflich unterwegs.“

Der Taxifahrer war anscheinend noch nicht ganz befriedigt von ihrer Antwort. „Was machen Sie denn beruflich? Sind Sie Anwältin oder sowas?“

Sie stutzte. „Wie kommen Sie denn auf Anwältin?“

Er lachte auf. „Weil Sie so ein schickes Kostüm tragen. Deshalb.“

Catlin schüttelte den Kopf. „Ich bin Pharmareferentin“, gab sie zurück. „Da muss man auch gepflegt aussehen.“ Sie hoffte, dass er sich damit zufriedengeben würde. Das war auch das, was sie immer den Empfangsdamen in den Motels erzählte. Einige kannten Sie bereits, weil sie regelmäßig dort abstieg. Auch das war sicher ein Fehler gewesen. Dennoch brauchte sie wenigstens etwas das Gefühl von zu Hause.

„Oh, echt? Für wen arbeiten Sie denn? Für Charles River? Ich habe gehört, die experimentieren auch mit gentechnisch veränderten Tieren. Stimmt das?“

Sie unterdrückte das Verlangen, die Augen zu verdrehen. „Leider arbeite ich für ein kleineres Unternehmen, das … Medpharm heißt. Und was genau Charles River macht, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Wir jedenfalls vertreiben Herz-Kreislauf-Medikamente. So genannte Calcium-Kanal-Blocker zur Blutdrucksenkung.“ Das hatte sie mal recherchiert, um genauere Nachfragen beantworten zu können. Es kam nicht selten vor, dass einige der Rezeptionistinnen danach fragten. Und auch schon bei dem einen oder anderen Kerl hatte sie es mit der einsamen Pharmareferentinnentour zu etwas Geld gebracht.

Der Taxifahrer nickte zufrieden. Anscheinend hatte sie ihn mit dem Fachwissen überzeugen können. Dennoch konnte sie nicht verkennen, dass sein Verhör ihr ziemlich zusetzte und ihre Klaustrophobie verstärkte. Zum Glück war es nicht mehr weit bis zum Motel. Catlin holte tief Luft und biss sich auf die Zunge.

„Das Motel ist gleich da vorne. Vielleicht sollten Sie, wenn Sie eingecheckt haben, sich ein wenig ausruhen, bevor Sie Ihre Verkaufstour starten.“ Er lächelte ihr zu.

Gottverdammter, warum waren alle Leute heute so nett zu ihr? Wieder regte sich das schlechte Gewissen in ihr, wegen des Ringes und des Pfandleihers. Es war nicht fair von ihr gewesen, ihn anzulügen. Aber das Leben war auch nicht immer fair zu ihr gewesen. Ganz im Gegenteil.

Sie sah beschämt auf ihren Schoß, wo die Tasche mit dem Brief lag. Woher hatte ER bloß gewusst, dass sie in Sedona City  regelmäßig ihre Wäsche in die Reinigung gab? Woher, verdammt noch mal?

„Sie haben recht.“ Catlin stopfte den Umschlag etwas tiefer in die Tasche. Aus den Augen aus dem Sinn. Aber auch wenn sie den Brief nun nicht mehr sehen konnte, tanzte dennoch das geschwungene D vor ihrem inneren Auge auf und ab, als wolle es sie verhöhnen.

Direkt vor dem Haupteingang des Motels hielt das Taxi an. Sie bezahlte den Fahrer und gab ihm aufgrund ihres schlechten Gewissens ein großzügiges Trinkgeld, womit er es sich nicht nehmen ließ, ihren Koffer bis zur Rezeption zu tragen. Er verabschiedete sich mit einer Verbeugung und einem höflichen: „Danke, dass Sie mein Fahrgast waren“.

Sie entließ ihn mit einem Kopfnicken und trat auf die Anmeldung zu.

Die Angestellte hinter der Theke begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Hallo Mrs. Rockstone. Ein Zimmer nach hinten raus wie immer?“

***

Das Bell Rock Inn lag etwas außerhalb der Stadt am Highway 179. Schon oft war Catlin hier für ein paar Tage untergekommen, weshalb sie die freundlichen Worte der Dame am Empfang nicht überrascht hatten. Jedes Mal, wenn sie hier wohnte, nahm sie ein Zimmer nach hinten raus. Diese hatten nämlich Ausblick auf den Bell Rock, was ihr ein Gefühl von Geborgenheit gab. Sie liebte dieses Motel. Sie liebte die Aussicht und deshalb kam sie hier am häufigsten unter.

Catlin öffnete das Fenster und sah den massiven Berg aus rotem Sedimentgestein in der untergehenden Sonne aufglühen. Der Bell Rock war genau wie sie. Hart, unbeugsam und bereit, alles an der äußeren Schicht abprallen zu lassen. Deshalb mochte sie ihn so.

Aber jetzt fühlte sie sich alles andere als hart wie Stein. Der Absender des Briefes ließ sie schwächeln. Die Frage, wie ER an die Information über sie und Mr. Xu gekommen war, setzte ihr ziemlich zu.

Verdammt!

Seufzend drehte Catlin sich vom Fenster weg und sah zu dem Nachttisch, auf dem die Handtasche mit dem Brief lag. Der Anblick brannte sich förmlich in ihre Netzhaut.

Die Tatsache, dass sie sich nicht erklären konnte, woher ER Mr. Xus Adresse hatte, war nur ein ungeklärter Punkt an der ganzen Sache. Was sie aber noch viel mehr verwirrte, und ihr Gehirn in den letzten Minuten zu Höchstleistungen angespornt hatte, war die Frage, was ER bloß von ihr wollte? Damals, als sie dem Heim entflohen war, hatte sie sich geschworen, IHN zu vergessen. Aber es hatte natürlich nicht funktioniert. Hin und wieder erschien ER ihr in ihren Träumen, ebenso wie die Dunkelheit und die Atemnot. Die Albträume waren sogar genauso schlimm, wie IHM leibhaftig gegenüberzustehen.

Catlins Kehle wurde wieder eng. Sie wedelte hektisch mit der Hand nach Luft, riss sich dann aber zusammen und versuchte ruhig durchzuatmen. Die aufkommenden Tränen schluckte sie einfach hinunter. Nicht eine einzige Träne würde sie wegen IHM noch vergießen. Das hatte sie doch viel zu oft getan. Ein Meer von Tränen, heimlich geweint in ihrem Zimmer, weil sie sich niemandem anvertrauen konnte.

Sie lief zurück zum Fenster und streckte den Kopf heraus. Zu Bell Rock ihrem Freund, dem niemand etwas anhaben konnte. Ach, wäre sie doch nur genauso erhaben wie dieser Stein. Doch das war sie nicht. Ganz und gar nicht. Die Vergangenheit schaffte es immer wieder, ihre schützende Mauer einzureißen und sie verletzlich zu machen.

Minutenlang stand sie einfach nur so da und genoss Bell Rocks Anblick. Ganz langsam beruhigte sich dabei ihr aufgeregtes Herz.

Es nützte ja alles nichts. Wenn sie wirklich wissen wollte, was ER ihr zu sagen hatte, würde sie den Brief wohl lesen müssen. Aber wollte sie überhaupt wissen, warum ER sie gerade jetzt kontaktierte? Wäre es nicht besser, sie würde den Brief einfach im Waschbecken verbrennen?

Vorhin bei Mr. Xu war sie bereits versucht gewesen, den Brief einfach ungelesen in irgendeinem Papierkorb zu entsorgen. Doch irgendetwas hatte sie daran gehindert. Ein innerer Antrieb. Oder ihre Neugier. Sie wusste es nicht.

Dennoch war sie felsenfest davon überzeugt, dass was ER von ihr wollte, ganz sicher nichts Gutes war. ER hatte sie doch immer nur gequält, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Jahrelang. Das würde sie nie wieder zulassen. Niemals wieder. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde den Brief vernichten. Jetzt sofort.

In ihrer Handtasche angelte Catlin schließlich entschlossen nach einem Feuerzeug, schnappte sich den Brief und lief ins angrenzende Badezimmer. Mit zitternder Hand ließ sie das Feuerzeug aufflammen. Eine Ecke des Papiers brannte bereits, als sie ein merkwürdiges Gefühl ergriff. Es fühlte sich an, als würde ihr jemand ins Ohr flüstern, den Brief zu verbrennen, sei falsch.

Ohne weiter darüber nachzudenken, öffnete ihre rechte Hand den Wasserhahn, während die Linke den Brief zum Ablöschen darunter hielt. Ungeschickt riss sie kurz darauf den Umschlag auf, holte das feuchte Blatt Papier heraus, das darin steckte. Doch bevor sie sich traute, es auseinanderzufalten, schloss sie kurz die Augen. Die Enge in ihrem Hals war wieder da. Der schlechte Geschmack in ihrem Mund. Ihr Magen, der revoltierte. Zusammen mit dem Brief trieb es Catlin zurück ins Schlafzimmer, wo sie sich ans offene Fenster stellte. Der Anblick von Bell Rock und die frische Luft schenkten ihr die nötige Kraft.

Was soll´s? Selbst wenn ER ihr etwas Schlimmes geschrieben hätte, die Zeit des Missbrauchs war vorbei. ER konnte ihr nichts mehr tun. Und besitzen konnte ER sie schon gar nicht mehr. Es gab Mittel und Wege für sie, ihm zu entkommen. Sich zu wehren. Also gäbe es auch keinen Grund mehr, den Brief nicht zu lesen. Richtig?

In den letzten Sonnenstrahlen des Tages, den Brief Richtung steinernen Freund gerichtet, faltete sie schließlich den weißen Zettel auseinander.

Es war zu ihrer eigenen Überraschung nur eine Kopie mit einer Adresse. Es sah so aus, als wäre dies eine Kopie aus einer Akte, denn rechts oben gab es eine zwölfstellige Nummer. Sicher das Aktenzeichen.

Amanda Barebanks

Tunxis Hill Road

Fairfield, Connecticut, USA

Sie warf einen weiteren Blick in den Umschlag. Hatte sie vielleicht etwas übersehen? Gab es noch ein Anschreiben? Aber nein! Nichts! Der Brief enthielt nur diese eine Kopie. Ohne Nachricht, ohne Gruß.

Catlin sah nachdenklich nach draußen zu Bell Rock und dann wieder verwundert auf das Blatt Papier mit der Adresse. Amanda Barebanks. Sie drehte ihn ein paar Mal hin und her, so als könne auf der Rückseite noch etwas geschrieben stehen. Doch da war auch nichts.

Barebanks, Amanda. Sie kannte keine Amanda Barebanks. Wieso sollte ER ihr eine kopierte Aktenseite mit der Adresse einer unbekannten Frau schicken? War der Brief womöglich versehentlich an sie gegangen? Gab es vielleicht noch eine Catlin O´Donnely oder war der Brief gar nicht von IHM?

Hastig besah sie sich den zerknitterten, halb verbrannten Umschlag genauer. Aber das geschwungene D in der Anschrift ließ für sie einfach keinen Zweifel. Dieses verschnörkelte D würde sie unter Tausenden wiedererkennen. Die versteckten Drohbriefe in ihrem Zimmer des Jugendheimes hatten genau denselben Schriftzug getragen. Darin hatte er sie meist aufgefordert, niemandem etwas zu sagen, sonst würde er Nick etwas antun. Deshalb hatte sie sich keinem anvertraut, nicht einmal ihrem besten Freund.

„Amanda Barebanks.“ Catlin sprach den Namen laut aus und zermarterte sich das Hirn. Der Name kam ihr nicht im Geringsten bekannt vor. Verdammt noch mal.

War das etwa die Adresse ihrer Klassenlehrerin, die sie immer so gemocht hatte? Ach nein. Sie hieß Anne mit Vornamen und nicht Amanda. Oder vielleicht die Adresse ihrer ehemaligen Zimmerbewohnerin? Nein, das war doch Nathalie gewesen. Außerdem war Catlin ihr immer aus dem Weg gegangen, weil sie eine Anhängerin der Stacey-Kaplan-Tussi-Clique war, der sie nichts abgewinnen konnte. Zudem wüsste sie nicht, weshalb diese Personen in einer Akte verewigt sein sollten. Wer also war Amanda Barebanks und was wollte ER ihr mit dieser Adresse sagen? Warum schickte ER ihr diesen Brief mit der Aktennotiz?

Und plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Aber konnte das wirklich sein? Nein. Sie wollte es nicht recht glauben. Könnte Amanda Barebanks womöglich ihre Mutter sein? ER hatte gewusst, wie sehr sie sich immer danach gesehnt hatte, zu wissen, woher sie kam und warum sie damals zur Adoption freigegeben worden war. Wie vermutlich jeder Mensch, der in einem Waisenhaus groß wurde. Sie hatte ihn mehr als einmal angebettelt und seine sadistischen Wünsche erfüllt, um an Informationen zu kommen. Doch immer hatte ER sie hinterher nur ausgelacht und behauptet, ihre Mutter hätte sie wie Abfall vor der Tür des Waisenhauses entsorgt.

Catlin schüttelte den Kopf. Nein, selbst wenn ER Informationen über ihre leibliche Mutter hätte, was er all die Jahre doch stets verneint hatte, würde ER es ihr nicht schreiben. SEIN einziges Bedürfnis bestand doch immer nur darin, SEINE sadistischen Neigungen an ihr auszuleben.

Wie ein Tiger lief Catlin im Zimmer auf und ab. Ihre Gedanken kreisten immer nur um eines. Verdammt noch mal. Wenn auch nur die geringste Möglichkeit bestand, dass dies vielleicht tatsächlich die Adresse ihrer Mutter war, wollte sie die einmalige Chance nutzen, sie aufzusuchen. Sie hatte es nach ihrem Weggang aus dem Heim ein paar Mal auf eigene Faust probiert, ihre Wurzeln zu finden, doch alle Spuren waren bereits nach kurzer Zeit wieder im Sande verlaufen, womit sie an SEINE Aussage des weggeworfenen Babys tatsächlich irgendwann geglaubt hatte. Dennoch hatte sich in einem versteckten Winkel ihres Herzens die vage Hoffnung gehalten, dass es womöglich doch nicht so gewesen war. Dass, wenn sie ihre Familie fand, sie vielleicht auch endlich zur Ruhe kommen und sich dauerhaft irgendwo ansiedeln könnte. Nur glauben, dass ausgerechnet ER ihr dabei helfen wollte, konnte sie nicht. Nein, ER würde ihr diesen Gefallen niemals tun. Wie kam sie nur auf diese Idee. Sicher steckte dahinter eine böse Absicht. Trotzdem – was wenn doch nicht? Wenn die Jahre IHN weicher gemacht hatten? ER womöglich alles bereute? Immerhin saß ER scheinbar im Gefängnis.

Dieser Gedanke machte sie schier verrückt. Deshalb griff sie mit klopfendem Herzen schließlich zum Telefon auf dem Nachttisch und wählte verzweifelt die Nummer der Vermittlung, von der sie sich kurzerhand die Nummer vom Childrens Hope in Phoenix geben ließ.

***

Es tutete in der Leitung und Catlin nahm sich vor, dieses Mal nicht einfach aufzulegen. Dreimal hatte sie bereits die Nummer des Waisenhauses gewählt, um kurz nachdem sie der Mut verlassen hatte, einfach wieder den Hörer auf die Gabel zu werfen.

Childrens Hope in Phoenix, Sie sprechen mit Moira Sarandon.“

Catlin unterdrückte das unsägliche Verlangen, einfach wieder aufzulegen, und öffnete den Mund. Er war trocken und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. „Ähem … Hallo Mrs. Sarandon.“ Sie kratzte alles an Mut zusammen, was sie in ihrem Körper finden konnte. „Hier ist … Joan Rockstone.“ Besser sie würde nicht ihren richtigen Namen nennen. Wer weiß, welche Konsequenzen sonst folgen würden. Immerhin war sie ein flüchtiges Heimkind.

„Hallo Mrs. Rockstone, was kann ich für Sie tun?“

Fieberhaft überlegte Catlin, was sie jetzt sagen könnte. Ihr erster Reflex war, erst mal anzurufen und nachzufragen. Aber jetzt wo sie wirklich jemanden dran hatte, war sie sich sicher, dass sie ihr gar keine Auskunft erteilen durften – aus Datenschutzgründen. Dennoch … Fragen kostete nichts. Was, wenn sie einfach bluffte?

„Könnte ich bitte mit der Leitung des Waisenhauses sprechen?“ Mal sehen, ob sie zumindest etwas über IHN herausbekam.

„Am Apparat. Meine Sekretärin hat schon Feierabend, deshalb muss ich leider selbst die Gespräche annehmen.“ Die Frau lachte amüsiert auf.

Catlin tat überrascht. „Oh, seit wann sind Sie denn die Leitung? War es nicht immer Mister –ach, wie hieß er gleich noch?“

„Meinen Sie Orson Hamesworth?“

Hastig wechselte Catlin den Hörer von rechts nach links. Ihr wurde etwas übel. „Genau, Mister …“, sie stockte kurz, „… Hamesworth. So war sein Name.“ Es fiel ihr leichter, SEINEN Namen auszusprechen, als gedacht.

Es knackte in der Leitung. Kurz darauf war für einen Moment alles ruhig, weshalb Catlin kurz annahm, dass möglicherweise die Verbindung unterbrochen worden war. Doch dann antwortete Moira Sarandon. „Darf ich Sie fragen, in welcher Angelegenheit Sie ihn sprechen möchten?“ Ihre Stimme klang nun nicht nur ernst, sondern auch regelrecht harsch.

Catlin zögerte. Sie wollte nicht zu viel verraten, musste aber auch etwas preisgeben, um an Informationen zu kommen. „Also es ist so, … ich habe einen Brief erhalten, mit einer Aktennotiz. Nun wollte ich wissen, zu welchem Kind diese Akte gehört und ob die Notiz tatsächlich …“

„Es tut mir leid, ich darf Ihnen keine Auskunft geben“, unterbrach die Leiterin Catlin rigoros. „Und woher sind Sie sich überhaupt sicher, dass es sich um eine unserer Akten handelt?“

Berechtigte Frage. Catlin selbst hatte sich ja bereits gefragt, ob der Zettel wirklich aus ihrer Akte entstammte und was es bedeutete. Ob es tatsächlich die Adresse ihrer Mutter war. Aber die Tatsache, dass Hamesworth es ihr geschickt hatte, und sie sonst keinerlei Verbindungen zu anderen Organisationen hielt, ließ nur diesen einen Schluss zu. „Warum sollte Mr. Hamesworth mir denn eine Aktennotiz zukommen lassen, wenn nicht aus einer seiner Adoptionsakten?“

Die Leiterin zog scharf die Luft ein. „Hamesworth hat Ihnen die Aktennotiz geschickt?“

Catlin warf einen Blick auf den feuchten, halb verkokelten Umschlag. Das geschwungene D tanzte vor ihren Augen auf und ab. Ihr Hals zog sich zu. „Ja!“

„Sind Sie sich da ganz sicher?“

Catlin schnappte nach Luft. Riss sich zusammen. „Hundertprozent.“ Natürlich verriet sie Moira Sarandon nichts von SEINER Handschrift, die sie erkannt hatte. Die Leitung würde ihr vermutlich sowieso nicht glauben.

„Was für eine Notiz hat er Ihnen denn geschickt?“

„Einen Auszug mit einer Adresse.“ Ihre Hand krampfte sich um den Hörer und hielt ihn noch näher ans Ohr gepresst.

„Können Sie mir vielleicht das Aktenzeichen nennen?“ Moira Sarandon klang nun aufgeregt. Und hatte sie nicht eben noch gesagt, sie dürfe ihr keine Auskunft erteilen? Catlins Herz schlug schneller. Würde sie erfahren, ob es sich tatsächlich um die Adresse ihrer Mutter handelte? Mit zitternder Stimme gab sie das Aktenzeichen durch. Stille breitete sich aus. Aber nur für einen Moment.

„Es ist tatsächlich eines unserer Aktenzeichen.“ Sie stöhnte auf. „Verdammt! Wieso hat er das gemacht?“

Ein unbändiges Gefühl von Freude durchflutete Catlin. „Können Sie mir vielleicht den Namen des Kindes nennen?“ Wenn es sich um ihre Akte handelte, war die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es sich tatsächlich bei Amanda Barebanks um ihre Mutter handelte.

Moira Sarandon räusperte sich. „Hören Sie, ich darf Ihnen darüber keine Auskunft geben. Ich kann Ihnen nur sagen, dass das Aktenzeichen, das Sie mir gerade durchgegeben haben, zu einer unserer Akten passt.“ Sie seufzte auf. „Wenn Sie sich also sicher sind, dass Hamesworth Ihnen diese Notiz geschickt hat, kann ich Ihnen nur dringend raten, mit dem Brief zur Polizei zu gehen.“

Catlin zuckte zusammen. „Warum sollte ich zur Polizei gehen?“

Ein leises Stöhnen ertönte. „Weil Hamesworth letztes Jahr verurteilt wurde und seitdem im Gefängnis sitzt. Aber es gibt noch viele ungeklärte Dinge. Vielleicht können Sie mit ihrer Aktennotiz der Aufklärung dienlich sein.“

Das Hamesworth im County Jail saß, wusste Catlin ja bereits, dennoch interessierte es sie brennend warum. „Weshalb wurde er denn überhaupt verurteilt?“

Überrascht keuchte Moira Sarandon auf. „Lesen Sie denn keine Tagezeitungen? Anfang des Jahres war es doch ganz groß durch die Medien von Arizona gegangen.“

Natürlich las Catlin keine Zeitung. Sie sah ja nicht einmal regelmäßig fern oder surfte im Internet. Sie malte, las oder ging viel lieber spazieren. „Nein, tut mir leid. Also weshalb wurde er nun verurteilt?“

Die Leiterin zog scharf die Luft ein. „Sexueller Missbrauch und Tötung von Schutzbefohlenen.“

***

Catlin suchte hektisch ihre Anziehsachen zusammen. Auch wenn sie nun wusste, dass ER im Gefängnis saß, seine Strafe abbüßte und ihr einen Auszug aus vermutlich ihrer Akte hatte zukommen lassen, wusste sie aber immer noch nicht, was seine Motivation gewesen war, ihr diesen Brief zu schicken. Geschweige denn, wie ER an Mr. Xus Adresse gekommen war und wusste, dass sie dort verkehrte.

Egal. Für sie war die Sache doch eigentlich schon vor dem Anruf in Childrens Hope klar gewesen. Sie würde diese Adresse aufsuchen. Komme, was wolle. Wenn auch nur die geringste Chance bestand, dass Amanda Barebanks ihre Mutter war, würde sie sie nicht verstreichen lassen. Zur Polizei gehen, so wie Moira Sarandon vorgeschlagen hatte, würde sie nicht. Sie musste nämlich nach Connecticut. Koste es, was es wolle.

Augenblicklich hielt sie jedoch beim Packen inne. Verdammt. Wie sollte sie bloß dorthin gelangen? Connecticut lag über zweitausend Meilen entfernt am anderen Ende der USA.

Enttäuscht sackte Catlin zurück aufs Bett und ließ den Kopf hängen.

Fliegen fiel wegen ihrer Klaustrophobie aus. Selbst kurze Shuttlebus- oder Taxifahrten waren für sie die reinste Tortur. Sie bekam regelmäßig diese Panikattacken. Für zehn Minuten hielt sie es gerade noch so aus, aber im Flieger bis nach Connecticut? Das würde sie nie durchhalten. Der Flug würde Stunden dauern und das unter völlig fremden Menschen und ohne die Möglichkeit, spontan auszusteigen? Nie und nimmer.

Catlin seufzte auf und ließ sich rücklings auf die weiche Matratze fallen. Den Blick zur Decke gerichtet ging sie weitere Möglichkeiten durch. Mit dem Bus wäre es ähnlich, wie mit dem Flugzeug. Außerdem würde die Fahrt vermutlich Tage dauern. Hm. Nein. Also auch keine Option.

Vielleicht ginge es mit einem Auto. Wenn sie die Fenster bei der Fahrt öffnete, könnte es womöglich klappen. So umging sie ja auch die Attacken in geschlossenen Räumen. Und wenn sie regelmäßig anhielt, gäbe ihr das die Möglichkeit, ab und an durchzuatmen. Das verbesserte die Sache ungemein. Aber das würde sich ewig hinziehen. Tage oder eher noch Wochen. Erschwerend kam hinzu, dass sie keinen Führerschein, geschweige denn ein Auto besaß. Ein Taxi würde sicher ein Vermögen kosten. Zudem müsste sie einen Fahrer finden, dem sie voll und ganz vertraute. Und das war das weitaus größere Problem. Vertrauen war etwas, das sie Menschen nur entgegenbrachte, wenn sie diese lange genug kannte. Aber die Liste der Menschen in ihrem Umfeld, die dafür infrage kämen, bestand derzeit aus nur einer Person – Mister Xu. Der aufgrund seines Handicaps jedoch raus aus der Sache war. Außerdem konnte er sich die Schließung der Reinigung für mehrere Tage sicher nicht leisten.

Aus einem inneren Antrieb heraus stand Catlin auf und griff zu ihrer Handtasche. Sie zog den Zettel vom Pfandleiher heraus. Am Geld würde ihre Reise sicher nicht scheitern. Wenn der Ring tatsächlich echt war, hätte sie genug Geld ein Taxi quer durch die USA zu nehmen. Aber wie sollte sie auf die Schnelle jemandem finden, der bereit war, ihr zu helfen und für mehrere Tage mit ihr unterwegs zu sein? Und das auf engstem Raum mit ihrer Klaustrophobie. Derjenige musste verdammt geduldig sein. Wo bitte fand sie so jemanden? Nachdenklich legte Catlin den Zettel wieder zurück in die Tasche. In diesem Moment bemerkte sie das verknitterte Bild, das ihrem kleinen Skizzenblock herausragte. Sie zog es hervor und betrachtete es. Es zeigte Nick.

Und ganz plötzlich begann die Idee in ihr, sich Stück für Stück von einer kleinen Raupe in einen wunderschönen Schmetterling zu entwickeln. Ob Nick sie vielleicht nach Connecticut brächte? Schon früher hatte er ihr keine Bitte abschlagen können. Außerdem vertraute sie ihm, wie keinem anderen. Er war damals im Waisenhaus ihr Schatten gewesen, ihre bessere Hälfte, ihr Yin zum Yang.

Sie seufzte auf und fuhr mit dem Finger über das Papier. Problem war nur, dazu müsste sie ihn erst mal ausfindig machen. Sie hatte ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Und wer weiß, an welches Ende der Welt die Freiheit ihn getragen hatte.

Catlin stand auf und lief zum Fenster, um nach draußen zu sehen.

Außerdem waren zehn Jahre eine lange Zeit und es stand zu viel zwischen ihnen, als dass er Ja sagen würde. Wahrscheinlich würde er sie nicht einmal anhören oder ansehen wollen. Da wäre es sicher einfacher, nach einer anderen Lösung zu suchen.

Nachdenklich betrachtete sie die Skizze in ihrer Hand. Wie jedes Mal ergriff sie Wehmut. Zehn Jahre ohne Nick. Ohne ihren besten Freund, ihr Vorbild, ihren Halt im Leben. Es war ihr schwergefallen, damals zu gehen und ihn zurückzulassen. Aber ihr war keine andere Wahl geblieben. Hätte sie noch länger ausgehalten, wäre sie vermutlich daran zugrunde gegangen oder von IHM zu Tode gequält worden.

Sie steckte das Foto in ihre Tasche zurück. Vielleicht wäre es an der Zeit, Vergangenes endlich ruhen zu lassen. Was passiert war, war passiert. Daran ließe sich nichts mehr ändern. Und wenn sie Nick Geld anbot, wäre es auch kein Gefallen unter Freunden mehr, sondern ein richtig bezahlter Job. Womöglich würde er sie dann nach Connecticut fahren.

Der kleine Funken Hoffnung, der sich genauso schnell entzündete wie die Flamme einer Kerze, entwickelte sich in Catlin blitzschnell zu einem Strohfeuer weiter. Entschlossen griff sie zu ihrer Handtasche und verließ das Zimmer. Sie würde den Computer in der Lobby in Anspruch nehmen müssen. Wäre doch gelacht, wenn sie ihren besten Freund aus Kindertagen nicht über das Internet ausfindig machen könnte. Frage wäre dann nur noch, ob Nick trotz des Geldes Ja sagen und ihr helfen würde. Schließlich war sie damals einfach ohne ihn aus Childrens Hope verschwunden und was noch viel schlimmer war – ohne ein Wort der Erklärung.

3

„Wie weit noch?“, keuchte Catlin. Die Enge in ihrem Hals nahm wieder deutlich an Stärke zu. Lange hielt sie es hier in dem Taxi sicher nicht mehr aus.

„Das Navi sagt einen Kilometer noch“, gab der junge Mann am Steuer zurück. Es war der Gleiche, der sie von Mr. Xu bereits ins Motel gebracht hatte. Zufälle gab’s.

Von Flagstaff, wo der Pfandleiher saß, bis nach Anthem bei Phoenix, wo laut Internetrecherche Nick wohnte, waren es rund 120 Meilen und somit knappe zwei Stunden Autofahrt. Es war ein Leichtes für sie gewesen, ihren Heimfreund ausfindig zu machen. Er war zum Glück schon immer ein sehr strukturierter Mensch, der nur ungern aus seinem gewohnten Umfeld ausbrach. Kein Wunder also, dass er eine feste Adresse besaß, eine Ausbildung gemacht und mit seiner Werkstatt in der Nähe von Childrens Hope sesshaft geworden war. Und die war schnell im Unternehmensverzeichnis zu finden gewesen. Also war sie tags darauf einfach spontan in ein Taxi gestiegen. Auf dem Weg nach Anthem hatten sie mehrere Male anhalten müssen. Dem Fahrer hatte sie einfach erzählt, sie sei schwanger, womit sich auch ihre Blässe erklärte. Er war über diese Ankündigung sofort in wahre Begeisterungsstürme ausgebrochen und hatte nur zu gern regelmäßig angehalten, damit sie Luft schnappen konnte. Dennoch hatte sie das Gefühl, das Taxi würde mit jeder Sekunde kleiner werden, weshalb sie sich wie die sprichwörtliche Ölsardine in der Dose vorkam. Wie schlimm ihre Klaustrophobie war, hatte sie nicht gedacht. Wie sollte sie so bloß bis nach Connecticut kommen? Sie würde ganz schön die Zähne zusammenbeißen müssen. Aber mit Nick an ihrer Seite würde es anders sein. Ihm vertraute sie.

Das Bedürfnis, aus dem beengten Taxi herauszukommen, wurde von Sekunde zu Sekunde stärker.

 

„Lass mich doch endlich hier raus. Ich tue auch alles, was du willst.“ Stille.

Wenn ER nicht antwortet, macht es ihr am meisten Angst. Was wenn ER sie einfach hier drin lassen wird? Sie nie wieder heraus lässt? Wie ein Vieh wird sie dann elendig verrecken, zusammengeschnürt und in ihren eigenen Exkrementen liegend. Oh mein Gott …

„Lassen Sie mich doch einfach hier raus!“, rief Catlin dem Fahrer zu. „Den Rest kann ich laufen“, krächzte sie.

„Sind Sie sich sicher? In Ihrem Zustand?“ Der Taxifahrer warf ihr einen skeptischen Blick zu.

Catlin schüttelte den Kopf. „Herrje, ich bin schwanger und nicht krank“, entfuhr es ihr. Doch gleich tat es ihr wieder leid. Er konnte ja nichts für ihre Angst. „Entschuldigung, die Hormone.“ Er nickte und lächelte breit. „Meine Frau war damals bei unserem Sohn auch eine wandelnde Hormonmine auf zwei Beinen.“

Die ganze Fahrt über hatte er sämtliche Schwangerschaftsgeschichten ausgepackt, die er so bieten konnte. Nach nur kurzer Zeit hatte Catlin bereits das Gefühl, sie wäre leibhaftig bei der Geburt seiner Zwillinge dabei gewesen.

„Bitte, ich brauche etwas frische Luft. Halten Sie einfach an und ich laufe den Rest.“

Er musterte sie kurz und nickte. „Ihr Wunsch ist mir Befehl, Miss.“ Der Fahrer lenkte vorsichtig den Wagen rechts ran. Catlin drückte ihm beiläufig fünf Hundertdollarscheine in die Hand und ertastete den Türgriff.

Sie wusste, dass es viel zu viel Geld war. Doch mit der Auslöse des Rings, die sie noch schnell im Pfandhaus abgeholt hatte, bevor sie ins Taxi nach Anthem gestiegen war, konnte sie es sich leisten. Sie war nun fünfunddreißigtausend Dollar reicher. Einen Teil des Geldes hatte sie auf ihr Sparbuch der National Bank gepackt und nur etwas Bargeld in ihre Handtasche verfrachtet. Und da sie nun wusste, dass der Taxifahrer drei Kinder durchfüttern musste, wollte sie ihm etwas von ihrem Wohlstand abgeben. Als der Fahrer die Scheine mit dem Benjamin Franklin - Porträt sah, machte er große Augen. „Äh … Miss … haben Sie sich vertan?“

Catlin schüttelte den Kopf. „Ist schon richtig so. Machen Sie ihrer Frau eine Freude damit. Oder Ihren Kindern. Gehen Sie mal nett mit Ihrer Familie essen.“

Er lächelte. „Danke, Miss. Auch im Namen meiner Familie.“

Er stieg aus, kam um das Taxi herum und öffnete ihr die Tür. „Soll ich vielleicht auf Sie warten?“

Sie schüttelte erneut den Kopf. „Vermutlich wird es länger dauern.“

Wer weiß, wie lange sie tatsächlich brauchen würde, um Nick zu überzeugen. Nach zehn Jahren Funkstille konnte alles möglich sein. „Ich nehme nachher einfach ein anderes Taxi.“ Mit einem kleinen Hüpfer kam sie schließlich neben dem Wagen zum Stehen. Sie nickte dem Fahrer ein letztes Mal freundlich zu und lief an ihm vorbei die Straße hoch. Dem Navi nach musste sie nur noch bis zum Ende der Straße und nach der Hausnummer dreizehn Ausschau halten. Dennoch konnte sie nicht verkennen, dass ihr Magen sich augenblicklich noch mehr zusammenkrampfte und ihr die letzten Meter wie der weite Gang nach Canossa erschienen.

***

Nicks Werkstatt lag etwas außerhalb von Anthem, angegliedert an ein altes Bauernhäuschen, neben dem sich eine große Holzscheune befand. In weiter Ferne konnte sie einige rote Sandhügel sehen, auf denen Kakteen thronten. Catlin mochte die karge Umgebung, die sich bis weit runter nach Mexiko zog. Catlin mochte auch die Canyons, weshalb sie sich nicht vorstellen konnte, irgendwo anders zu leben als hier. Sie konnte sich lediglich vorstellen, anders zu leben, als jetzt. Ihr unstetes kriminelles Dasein war nicht gerade das, was sie sich für den Rest ihrer Existenz vorstellte. Und es belastete sie. Irgendwann würde sie sogar gerne eine Familie gründen oder mit einem ehrlichen Job ihr Geld verdienen, um sich irgendwann ein Studium leisten zu können. Vielleicht Kunst oder Design. Sie hatte Talent im Zeichnen. Doch bevor sie über ihre Zukunft nachdachte, sollte sie erst mal in Erfahrung bringen, wer Amanda Barebanks wirklich war. Vielleicht würde sich auch in Connecticut die Chance eröffnen, auf die sie all die Jahre insgeheim gehofft hatte.

Dennoch wurde ihr bei dem Gedanken an Connecticut seltsam schwer ums Herz. Wie würde Amanda reagieren, wenn sie tatsächlich ihre Mutter war? Würde sie Catlin mit Tränen in den Augen empfangen? Oder ihr die Tür vor der Nase zuschlagen?

Fragen über Fragen, auf die Catlin derzeit keine Antworten hatte, aber sicherlich bekommen würde, wenn sie erst die zweieinhalbtausend Meilen quer durch die USA hinter sich gebracht hatte. Mit – hoffentlich – Nick als Chauffeur.

Catlin näherte sich zögerlich dem Bauernhof. Die Tore der Scheune waren weit geöffnet, während aus dem Inneren ein metallen klingendes Geräusch davon zeugte, dass jemand dort arbeitete. Dass sie auch wirklich das richtige Haus vor sich hatte, erkannte sie an dem großen Werbeschild, auf dem Thorntons Car Services stand. Augenblicklich wurden Catlins Knie weich. Mist. Sie hatte gedacht, es würde ihr viel leichter fallen, ihm nach all der Zeit gegenüberzutreten. Doch anscheinend hatte sie sich selbst belogen. Zehn verdammte Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, war einfach ohne ihn abgehauen. Ohne ein Wort. Vermutlich würde er sie nicht einmal anhören, wenn er sie erkannt hatte. Sie könnte ihn sogar verstehen. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt, oder? Wenn sie es nicht zumindest versuchen würde, würde sie es doch nie erfahren.

Catlin atmete tief ein, straffte die Schultern und lief auf den Eingang der Scheune zu. Als sie näherkam, sah sie jemanden im Blaumann über einen Motorblock gebeugt, den Kopf tief unter der Haube verborgen. Ob das Nick war? Hatte er noch Angestellte? Am Tor blieb sie stehen und hüstelte verlegen. „Äh … entschuldigen Sie“, rief sie. „Ich suche nach Nick Thornton. Ist er vielleicht hier?“

Der Blaumann erhob sich und drehte sich abrupt um. Und in diesem Moment traf es sie wie ein Blitzschlag. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich von ihrem Herz über den gesamten restlichen Körper aus, um ihr letztlich den Atem zu rauben. Der Kerl im Blaumann war Nick. Ihr Nick. Ihr Freund aus dem Heim. Ihr Seelenverwandter.

Freude überkam sie und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.

Am liebsten wäre sie auf ihn zugelaufen, hätte ihn umarmt, ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt, so wie früher. Doch als sie seine Miene bemerkte, die sich urplötzlich verfinsterte, erkannte sie, dass es ihm scheinbar nicht so erging. Er war immer noch sauer auf sie. „Hallo Nick“, begrüßte sie ihn verhalten. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Rippen. Ihr Mund schien so ausgedörrt wie der Marble Canyon.

„Lange nicht gesehen, was?“ Ihre Stimme vibrierte.

„Was willst du hier?“ Seine Stimme klang so kalt wie Glas, womit Catlin unwillkürlich ein Schauer über den Rücken lief. Sie schluckte. Herrje. Dass Nick vielleicht nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen würde, war ihr schon klar. Aber so einen frostigen Empfang hatte sie nun auch nicht erwartet.

„Was du hier willst, habe ich gefragt.“ Seine Augen, die er nun zu schmalen Schlitzen zusammenpresste, musterten sie eingehend von oben bis unten.

Nervös trat Catlin von einem Fuß auf den anderen. Nick war anscheinend mehr als nur sauer auf sie. Sollte sie ihn dann wirklich bitten, sie nach Connecticut zu fahren? War es da nicht ziemlich vermessen von ihr, nach allem was sie getan hatte, zu glauben, dass er ihr wirklich diesen Gefallen tun würde? Trotz Bezahlung?

„Hast du dich vielleicht in der Tür geirrt?“ Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab, den er kurz darauf beiseite warf und einen Schritt auf sie zukam.

Catlin schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht.“

Er stemmte die Hände in die Hüften und schnaufte auf. „Lass mich raten. Dann bist du zufällig in der Gegend und hast gedacht, du kommst nach zehn Jahren einfach auf einen Kaffee vorbei?“

Okay. Lange um den heißen Brei herumreden, würde hier sicher nichts nützen. Deshalb war es vielleicht besser, gleich mit der Sprache herauszurücken, bevor Nick sie noch vom Hof warf.

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Quatsch. Ich bin aus einem bestimmten Grund hier. Und Kaffee ist es nicht, den kann ich doch auch woanders trinken.“

Nick verschränkte nun die Arme vor der Brust. „Als hätte ich es geahnt.“ Er schüttelte ebenfalls den Kopf. „Was bitte hat dich bewogen, nach zehn langen Jahren hier bei mir in der Werkstatt aufzutauchen? Muss ja ziemlich wichtig sein.“ Der Blick, der sie nun streifte, machte es Catlin umso schwerer, ihr Anliegen vorzutragen.

„Du!“

Erstaunt riss Nick die Augen auf. „Wieso ich?“

Sie schluckte und trat einen Schritt näher auf ihn zu. „Weil ich deine Hilfe brauche, Nick.“

***

„Nick, bitte“, flehte Catlin. Ihre braunen Augen hatten diesen bettelnden Ausdruck, dem er schon früher nie hatte widerstehen können. Doch dieses Mal würde er sich nicht erweichen lassen. Nicht nach allem, was passiert war. Was sie getan hatte. Niemals. „Vergiss es.“ Schnell vergrub er seinen Kopf wieder im Motorraum des Buicks, damit sie nicht sah, wie sehr er mit sich kämpfen musste. Es hatte ihm schlichtweg den Boden unter den Füssen weggerissen, als sie so plötzlich vor ihm stand. Nach zehn Jahren. Wortlos und nur ein Lächeln auf den Lippen. Dabei hätte er ihr am liebsten den Hals umgedreht.

„Bitte“, flüsterte sie. Ihre Stimme hatte immer noch diesen verführerischen Klang. Mist. Mist. Mist. Am liebsten würde er sich jetzt die Ohren zuhalten, so wie früher, wenn sie ihn mal wieder zu etwas hatte anstiften wollen und es auch jedes Mal erfolgreich geschafft hatte.

„Was zwischen N und Ein hast du nicht verstanden?“ Er hielt den Kopf gesenkt und betrachtete die Zündkerzen am Verteilerkopf. Catlin war schon als Kind wahnsinnig gut darin gewesen, ihm am Gesicht abzulesen, was er fühlte, weil sie beinahe ihre gesamte Kindheit zusammen in diesem gottverdammten Heim hier in Phoenix verbracht hatten.

Mit dem Lappen wischte er fahrig über eine ölige Stelle am Motorblock.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie Catlin sich neben den Motorraum stellte und die Arme vor der Brust verschränkte. Sie war immer noch so stur wie früher.

„Nick, bitte. Du kannst mir das doch nicht einfach so abschlagen. Immerhin kennen wir uns schon seit einer halben Ewigkeit.“

Da musste er ihr allerdings recht geben. Nick war ins Heim gekommen, als er mit sieben Jahren durch einen Autounfall mit einem Schlag Vollwaise geworden war. Aber mit den neuen Lebensbedingungen in Childrens Hope hatte er sich nur schwer abfinden können. Er hatte gelitten wie ein Hund. Doch dann hatte er das kleine blonde Mädchen namens Catlin kennengelernt. Sie war mutig dazwischen gegangen, als die großen Jungs ihn mal wieder verprügeln wollten. Mit ihren Holzklogs hatte sie den Anführer Melvin windelweich geprügelt, bis er jaulend das Weite gesucht hatte. Nachdem Catlin die Melvin-Bande erfolgreich in die Flucht geschlagen hatte, war sie zu ihm gekommen, hatte sich neben ihn auf die Wiese gesetzt und gesagt: „Deine Eltern werden nicht wieder lebendig. Aber wenn du lebendig bleiben willst, solltest du denen da deine Tränen nicht zeigen. Tränen sind ein Zeichen von Schwäche und Schwäche kannst du dir hier nicht leisten.“ Er hatte sich das Blut, das aus seiner Nase floss, mit einem geflüsterten „Danke“ aus dem Gesicht gewischt und danach nie wieder geheult. Nicht einmal, als sie gegangen und sein Herz damit in zwei Teile gebrochen hatte.

Die Erinnerung an seine Heimfreundin hatte er all die Jahre versucht zu verdrängen, natürlich nur mit mäßigem Erfolg. Und jetzt stand sie hier und es war, als wäre sie nie weg gewesen. Als hätte es die zehn Jahre Einsamkeit nie gegeben. Deshalb fiel es ihm wahnsinnig schwer, noch böse auf sie zu sein, obwohl er guten Grund dazu hätte. Am liebsten würde er sie in seine Arme reißen und ihr einen Kuss auf die Wange drücken, so wie früher.

Er seufzte auf. „Vergiss es, Catlin.“

„Nick, bitte, haben wir uns nicht geschworen, dem anderen immer zu helfen, solange wir leben?“

Nick drehte langsam den Kopf in ihre Richtung und musterte sie von der Seite. Sie stemmte energisch die Hände in die Hüften und reckte ihr zierliches Kinn vor. Sie schien verdammt entschlossen zu sein. Entschlossen, ihn davon zu überzeugen, sie nach Connecticut zu bringen. Aber nicht mit ihm. Nicht so.

Er richtete sich auf und schüttelte den Kopf. „Und was ist mit dem Versprechen, wir würden niemals ohne den anderen fortgehen? Hat dich doch damals auch nicht interessiert. Du bist einfach abgehauen, ohne ein Wort der Erklärung.“

Catlin biss sich auf die Unterlippe. Nick wusste, was das bedeutete. Sie überlegte gerade, wie sie weiter vorgehen würde. Sie gab niemals auf. Nicht Catlin O´Donnely.

Abschätzend sah sie sich um. „Pass auf, Nick. Als KFZ-Mechaniker kannst du doch nicht die Welt verdienen. Sieh es einfach als einen Job an, den du erledigst. Ich biete dir Geld dafür. Viel Geld sogar.“

Es ärgerte ihn, dass sie wirklich glaubte, er würde sich mit Geld kaufen lassen. Dabei müsste sie ihn doch besser kennen. Die Vergangenheit hatte gezeigt, dass Glück und Zufriedenheit nicht mit materiellen Dingen aufgewogen werden konnten. Was hatte seinen Eltern all das viele Geld genützt? Nichts. Der Fahrer des Lkws, der ihren Wagen gerammt hatte, war schlichtweg am Steuer eingeschlafen.

„Geld allein macht nicht glücklich. Und mein Betrieb wirft genug ab, um angenehm davon leben zu können“, konterte er.

Sie verdrehte die Augen. „Dann tu es für mich. Du weißt, wie sehr ich mich danach sehne, etwas über meine Herkunft herauszufinden. Ich muss einfach wissen, ob sie meine Mutter ist.“ Hastig trat sie näher an ihn heran, was ihn unweigerlich erschauern ließ. Sie war ihm so nah und irgendwie doch so fern. „Bitte, Nick, nur dieses eine Mal.“

Er legte den Schraubenschlüssel auf den Werkzeugtisch, richtete sich auf und wischte sich anschließend die Hände am Lappen ab. „Du kannst nicht zehn Jahre später einfach hier auftauchen und von mir verlangen, dass ich dich durch das ganze Land quer von Phoenix nach Connecticut karre. Egal wie viel du mir dafür bietest.“ Er schüttelte den Kopf. „Warum fliegst du nicht einfach? Oder fährst mit dem Bus?“

Catlin schob ihr Kinn vor. Sie sah ihn herausfordernd an. „Fliegen ist nicht so mein Ding und der Bus auch nicht. Zu viele fremde Menschen, die mir was Böses könnten. Also was ist jetzt? Gib dir einen Ruck.“

Er lachte trocken auf und versuchte, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Sobald er Schwäche zeigte, würde sie sich wie eine Tigerin auf ihn stürzen und ihn gnadenlos zerfleischen. Und dann wäre er verloren.

„Du bist damals ohne ein Wort verschwunden und ich wusste nicht einmal warum.“ Seine Augen fixierten sie. Er versuchte, den merkwürdigen Ausdruck in ihrem Gesicht zu lesen. Ein Schatten huschte plötzlich darüber, der genauso schnell wieder verschwand, wie er gekommen war. Etwas an der jetzigen Situation erinnerte ihn an den Augenblick, wo sie ihn mit Stacey Kaplan in der Besenkammer entdeckt hatte. Sie hatte die Tür aufgerissen und ihn sekundenlang mit diesem Ausdruck im Gesicht nur angesehen. Er hatte Stacey dann weggeschubst, um Catlin das Ganze erklären zu können, doch sie war einfach abgehauen. Danach hatte er sie nie wiedergesehen.

„Warum, Catlin?“

Seine ehemalige Heimfreundin wand sich sichtlich unter seinem herausfordernden Blick. „Ich musste gehen, Nick. Es … es ging einfach nicht anders.“ Mit dem Finger fuhr sie beiläufig über den staubigen Kotflügel. Sie mied es, ihm in die Augen zu sehen.

Vermutlich war es ihr unangenehm darüber zu reden.

„Hatte es etwas mit der Stacey-KaplanSache in der Besenkammer zu tun?“

Sie schüttelte nur den Kopf.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Und warum hast du mich dann nicht einfach mitgenommen? So wie abgemacht? Weißt du noch? Wir wollten uns irgendwo ein kleines Apartment suchen, einen Job und du bist einfach ohne mich weg.“

Catlins Miene veränderte sich von abweisend zu unergründlich. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Ich musste einfach da raus. Ich hab es dort nicht mehr ausgehalten. Siebzehn Jahre, Nick. Und trotz allem war Childrens Hope nie mein zu Hause, verstehst du?“ Nick biss die Zähne zusammen vor Wut. Eigentlich hatte er gedacht, Catlin und die Enttäuschung endlich nach all den Jahren überwunden zu haben. Es hatte ihn einige schlaflose Nächte gekostet, über sie hinwegzukommen. Aber kaum stand sie wieder vor ihm, ließ sie den Schmerz erneut aufflammen, wie ein Buschfeuer. Und dann blieb sie ihm auch noch die Antwort schuldig.

Die Antwort, die ihn seit Jahren quälte und nicht richtig leben ließ.

Die Frage warum!

„Und ganz ehrlich, du warst nicht der Typ, um auszubrechen. Schon immer brauchtest du klare Strukturen und musstest alles peinlich genau planen. Wärst du wirklich einfach so mit mir abgehauen? Von jetzt auf gleich? Ich glaube nicht.“

Er zögerte. „Vermutlich nicht. Wir hätten uns aber auch eine Wohnung organisieren können. Die paar Tage oder Wochen wären doch nicht schlimm gewesen. Was spricht gegen etwas Struktur? Zudem warst du noch nicht volljährig.“

Ihr Gesichtsausdruck wechselte umgehend von unergründlich zu verschlossen, was ein deutliches Zeichen für ihn war, dass sie sich gerade in ihr Schneckenhaus zurückzog. Etwas, womit er nie zurechtgekommen war. Gerade in den letzten Monaten vor ihrem Weggang hatte es etwas gegeben, was sie ihm verschwiegen hatte.

Und bis heute wusste er nicht, was es gewesen war.

Zuerst hatte er auf einen Kerl getippt. Im Heim hatte sich unter den Jungs das Gerücht verbreitet, Catlin sei keine Jungfrau mehr. Also hatte er geglaubt, dass sie neuerdings einen Freund hatte, was ihn schier verrückt werden ließ. Doch als er sie darauf angesprochen hatte, war sie wie eine Furie auf ihn losgegangen und hatte ihm ein Veilchen verpasst.

„Ich mache dir ein Angebot“, sagte er. „Wenn du mir sagst, warum du wirklich gegangen bist, fahre ich dich nach Connecticut.“ Würde er vielleicht doch nach all den Jahren endlich die Antwort bekommen, auf die er so lange gehofft hatte?

„Vergiss es“, flüsterte sie ihm zu. Ihre Stimme klang schneidend, während die dunkelbraunen Augen aufblitzten und nahezu schwarz erschienen.

In diesem Moment wurde Nick klar, seine Freundin würde sich für nichts auf dieser Welt auf den Deal einlassen. All die Jahre hatten ihren sturen Charakter nicht erweicht. Catlin wich immer noch nicht vom Weg ab. In keiner Weise. Aber er war auch nicht gewillt, ihr einfach so zu verzeihen und dabei noch den roten Teppich auszurollen. Zumindest nicht für Geld, davon besaß er schließlich genug.

„Vergiss es, Nick Thornton“, knurrte sie erneut, als habe sie seine Gedanken erraten. „Vergiss, dass ich dich überhaupt gefragt habe. Lieber laufe ich zu Fuß nach Connecticut.“

Er steckte seine Hände in die Hosentaschen und schnalzte mit der Zunge. „Na, dann lass dich nicht aufhalten, Süße. Wenn du Glück hast, kommst du vielleicht noch in diesem Leben an.“ Mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen sah er, wie die langbeinige Blondine sich wortlos umdrehte und auf High Heels aus der Werkstatt stöckelte. Dennoch konnte er nicht umhin, ihr einen Blick hinterherzuwerfen. Das hellblonde Haar stand ihr gut und ihre Figur war genauso schlank wie früher. Nur ihre jugendliche Naivität war einer sexy erotischen Ausstrahlung gewichen. Außerdem hatte sie Rundungen an den richtigen Stellen, und wenn sie lief, hatte ihre Haltung etwas Stolzes an sich. Nick spürte ein leichtes Ziehen in seinem Unterleib.

Verdammt. Dieses Weib schaffte es auch nach zehn Jahren noch, ihn völlig aufzuwühlen. Er drehte sich um und haute wütend mit der Faust auf den Werkzeugtisch. Ein kleiner Schraubenschlüssel sprang hoch, um kurz darauf klappernd auf den Boden zu fallen. Normalerweise sollte er stinksauer auf sie sein und kein Wort mehr mit ihr wechseln. Aber was tat er? Er plapperte mit ihr wie ein altes Waschweib, bewunderte ihr Aussehen und machte ihr sogar noch ein Angebot. Sein Glück, dass sie es nicht angenommen hatte, so hatte sie ihn tatsächlich vor sich selbst beschützt.

Nick lief in sein Büro, knallte die Tür zu und ließ sich auf den Schreibtischstuhl plumpsen. Zur Hölle mit der Vergangenheit. Zur Hölle mit Catlin. Sollte Sie doch auf High Heels nach Connecticut stöckeln. Ihm war es egal.

***

Dieser Hornochse. Als ob sie sich von ihm oder jemand anderem zu etwas zwingen lassen würde. Irgendwie würde sie schon nach Connecticut kommen. Auch ohne Nick.

Wütend riss Catlin ihre Schuhe von den Füßen und hastete barfuß die Straße hinab zum Taxistand. Dass sich dabei kleine spitze Steinchen schmerzhaft in ihre Fußsohle bohrten, registrierte sie nur am Rande.

Nick war und blieb ein unbeugsamer Blödmann. Allerdings konnte sie auch nicht leugnen, dass die Begegnung mit dem Blödmann sie ganz schön verwirrt hatte. Ihm nach zehn Jahren das erste Mal wieder gegenüberzustehen, hatte diese Vertrautheit, die von Anfang an zwischen ihnen existiert hatte, wieder aufflammen lassen. Damals, als sie ihm bei der Prügelei mit Melvin hinten im Garten beistehen musste, waren sie beide Freunde geworden. Nick war zu ihrer Familie geworden und hatte sie zudem vervollständigt. Er war ihr Vertrauter, ihr bester Freund, ihre bessere Hälfte. Beinahe alles hatte sie mit ihm geteilt. Außer ihre Erlebnisse mit IHM. Weil ER ihr gedroht hatte, Nick sonst etwas anzutun.

Catlin seufzte auf und lief stur weiter geradeaus. Aber nach Nicks Intermezzo mit Stacey Kaplan in der Besenkammer, war ihr klargeworden, dass sie sich in Nick verliebt hatte. Aus Freundschaft war für sie unbemerkt mehr geworden. Viel zu tief saß die Enttäuschung, dass er anscheinend nicht so empfand. Sein Verhalten, es mit Stacey-der-dicken-Kuh-Kaplan in der Besenkammer zu treiben, hatte es ihr dann deutlich vor Augen geführt. Und genau deswegen war sie noch am selben Abend abgehauen. Hatte notdürftig ihre paar Habseligkeiten aus siebzehn Jahren Heimleben zusammengesucht und in ihren Rucksack gestopft. Ihren besten Freund weiterhin jeden Tag sehen zu müssen und zu wissen, wie sehr sie sich in ihm getäuscht hatte, hatte sie nicht nur verletzt, sondern ihr auch sämtliche Hoffnung auf ein glückliches Ende der Zeit im Waisenhaus genommen.

Wütend warf Catlin ihre Louboutins auf die Straße und spürte, wie ihr die Tränen kamen. Nie wieder würde sie einen Menschen so nah an sich heranlassen wie Nick. Für keinen Herzenswunsch. Sie unterdrückte die Tränen. Sie wollte nicht weinen. Weinen war ein Zeichen von Schwäche. Und Schwäche konnte sie sich einfach nicht leisten.

Catlin hörte schnelle Schritte hinter sich. „Cat, warte!“ Nick kam ihr hinterhergerannt. Stur lief sie einfach weiter. Sie würde auch eine andere Möglichkeit finden, nach Connecticut zu kommen. Sie brauchte ihn nicht. Sie brauchte niemanden. Sollte er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.

„Nun warte doch mal.“ Seine Hand griff sie an der Schulter und riss sie herum.

„Lass mich los, Thornton.“ Wütend schlug sie seine Hand weg.

Nick trat einen Schritt zurück und vergrub mit verkniffener Miene die Hände in den Hosentaschen seines Blaumanns. Er sah sie ernst an. Verstohlen musterte sie ihn. Nick war schlank, obgleich seine Figur um einiges muskulöser war als früher. Sein schwarz gelocktes Haar war immer noch widerspenstig und hing ihm in einzelnen Strähnen wirr in die Stirn. In den letzten zehn Jahren hatte sie einige Männer kennengelernt, aber keiner war annähernd so attraktiv wie Nick.

Nicht einmal Will Cunningham.

„Ich bin immer noch sauer auf dich Cat, hörst du? Du bist einfach abgehauen — ohne mich und ohne ein Wort“, schimpfte er.

„Verdammt ich hab dir gesagt, es ging nicht anders“, schleuderte sie ihm entgegen. Vermutlich, weil sie irgendwie auch wütend auf sich selbst war. Ihr Herz, das dumme Ding, schlug nämlich einen Salto nach dem anderen bei seinem Anblick. Sie hatte es nicht mehr unter Kontrolle.

Er verdrehte gequält die Augen. „Aber wir wollten uns doch immer alles erzählen. Warum dieses eine Mal nicht, Cat? Sag es mir.“ Er sah sie nun eindringlich an.

Sie wand sich unter seinem Blick. Vielleicht würde sie ihm irgendwann sagen können, was damals in ihr vorgegangen war, was sie wirklich bewegt hatte. Von den Dingen, die ihr im Heim passiert waren, die sie ihm nie erzählen konnte, oder ihrer Liebe zu ihm. Aber nicht jetzt. Nicht so. „Nick, bitte. Was passiert ist, ist passiert. Ich will nicht mit dir darüber reden.“

Nick seufzte auf und sah betreten auf den Boden. Unangenehmes Schweigen breitete sich aus.

Als er nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich den Blick hob und ihr in die Augen sah, konnte sie sehen, dass er sich längst entschieden hatte. Er würde den Job trotz allem annehmen, weil sie seine Hilfe brauchte. Weil sie Catlin war.

Aber sie konnte noch etwas in seinen Augen sehen. Die gleiche Sehnsucht, die sie selbst jeden einzelnen Tag verspürte, obwohl sie ihm bewusst den Rücken gekehrt hatte.

„Cat, ich hab dich wirklich vermisst.“ Ein Lächeln zog über sein Gesicht und ließ das süße Grübchen an seinem Kinn hervortreten. Ihr Herz hüpfte ein Stück höher. Genauso wie früher. Und in diesem Moment war alles Vergeben und Vergessen. Das Einzige was zählte, war, sie war hier bei ihm. Catlin ging langsam auf ihn zu und legte ihre Arme um seinen Hals. Er schlang seine um ihre Hüfte. Schließlich schmiegte sie sich mit ihrem Kopf in seine Halsbeuge und flüsterte: „Ich hab dich doch auch vermisst, du Blödmann.“

Und als er sie fest drückte, so als wolle er sie nie wieder loslassen, wusste sie, dass sie das Richtige getan hatte. Wenn es einer schaffen würde, sie nach Connecticut zu bringen, dann ihr Nick.

***

„Ich kann jetzt nicht einfach die Werkstatt zumachen. Ich habe Termine.“ Nick ließ sich stöhnend in seinem Schreibtischstuhl zurücksinken und rieb sich verzweifelt über die Stirn. „Und wir müssten einkaufen, Geld holen, den Weg planen. Dafür brauche ich einfach mehr Zeit. Verstehst du?“

Catlin verdrehte die Augen und stieß sich vom Türrahmen ab.

Nervös lief sie in seinem Büro hin und her.

Wahrscheinlich wäre sie am liebsten sofort ins Auto gesprungen und losgefahren, ohne vorher zu tanken, um mitten in der Wüste mit dem Auto zu verrecken. Seit zehn Minuten versuchte er ihr, zu verstehen zu geben, dass er Verpflichtungen hatte und so ein Trip mit dem Auto über zweieinhalbtausend Meilen eben geplant werden musste. Nur, weil sie bei ihm in der Werkstatt aufgetaucht war, und er ihr versprochen hatte, sie zu ihrer Mutter zu bringen, hieß es noch lange nicht, er könnte sofort alles stehen und liegen lassen. Sich quasi Hals über Kopf ins Abenteuer stürzen.

„Sag deine Termine doch einfach ab. Oder geht das etwa nicht?“

Seufzend fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Wieder einmal zeigte sich Catlins Sternzeichen in ihrem Verhalten. Stier – immer mit dem Kopf durch die Wand.

„Cat, bitte. Ich muss die Termine irgendwie umlegen. Wenn ich einfach so die Termine storniere und die Werkstatt für die nächsten Tage dichtmache, verliere ich einige meiner besten Kunden.“ Er würde ihr nicht auf die Nase binden, dass er es eigentlich nicht nötig hatte, jedem Kunden hinterherzuhecheln. Seine Eltern hatten ihm ein kleines Vermögen vererbt, weshalb er den Bauernhof gekauft hatte und die Werkstatt in der Scheune nur aus Leidenschaft betrieb. Er würde ihr auch nicht auf die Nase binden, dass er ihr Geld nicht wollte. Sondern sie nur nach Connecticut brachte, weil er hoffte, vielleicht endlich eine Antwort auf die Frage zu bekommen, warum sie damals einfach verschwunden war. Etwas musste im Heim passiert sein, da war er sich jetzt sicher. Ihr seltsames Verhalten und ihre Verschwiegenheit hatten ihn darin bestätigt.

Seine Freundin kam um den Schreibtisch herumgelaufen und setzte sich demonstrativ vor ihn auf die Kante. Ihr betörender Duft nach Apfel drang in seine Nase. Ihr Geruch löste in ihm plötzlich einen Wirbelsturm an Gefühlen aus. Aber am schlimmsten empfand er das Gefühl des verzehrenden Verlangens, sie einfach in seine Arme zu reißen und küssen zu wollen. Seine Fingerspitzen über ihre samtweiche Haut gleiten zu lassen und …

„Also gut. Dann leg deine Termine eben um“, unterbrach sie ihn. „Ich besorge uns alles andere. Womit fahren wir?“

Nick drängte die erregenden Gedanken beiseite und konzentrierte sich ganz darauf, distanziert zu wirken. Niemals würde er ihr zeigen, wie sehr ihn ihre Nähe aufwühlte. Sie hatte ihm einmal das Herz gebrochen, als sie ohne ihn gegangen war. Das würde er nicht noch einmal zulassen. Weder für sie noch irgendjemand sonst. „Mit dem Dodge. Auf der Ladefläche können wir alles Nötige transportieren.“ Er griff zu einem Stift und einem Notizzettel. Darauf schrieb er hastig einige Dinge, die sie für ihren Trip bräuchten.

Darunter einen Wasserkanister, einen Campingkocher, einige Dosen Fertiggerichte, mehrere Packungen Mineralwasser. „Hier.“ Er hielt ihr den Zettel hin.

Catlin nahm ihn entgegen und ihre Fingerspitzen berührten sich dabei für einen kurzen Moment. Es war, als würde ihn ein Stromstoß durchzucken. Hastig sah er ihr in die Augen. Darin konnte er ebenfalls einen Anflug von Verwirrung sehen. Ging es ihr womöglich genauso wie ihm?

Abrupt drehte sie sich jedoch von ihm weg und griff zu ihrer Handtasche. „Morgen um diese Zeit auf dem Highway?“

Er nickte. „Okay, Morgen um diese Zeit auf dem Weg nach Connecticut.“

Catlin warf ihm einen letzten Blick zu und verließ sein Büro. Er sah ihr hinterher. Unfassbar. Hätte ihm gestern jemand gesagt, dass seine Heimfreundin heute hier vorbeikommen würde, um ihn um einen Gefallen zu bitten, hätte er ihn ausgelacht. Aber anscheinend war Cat so verzweifelt, dass es sie nach zehn Jahren zu ihm getrieben hatte.

Nick beugte sich seufzend vor und griff zum Telefon. Vierundzwanzig Stunden hatte er also, um alles zu organisieren und sich gedanklich auf den Trip ins Ungewisse vorzubereiten. Eigentlich unmöglich, aber gegen Catlin kam er einfach nicht an.

4

„Du meinst wirklich alle Termine? Oh mein Gott. Das wird nicht einfach werden.“ James klang trotz all der Arbeit, die auf ihn zukam, freudig und seine Augen strahlten. Mit der Hand fuhr er sich nervös durchs Haar.

Nick musste das Gefühl unterdrücken, laut aufzulachen. So aufgeregt hatte er James das letzte Mal gesehen, als er gehört hatte, dass Sophie, seine erste Tochter, endlich auf die Welt wollte. James sprang von seinem Stuhl auf. „Schatz, hast du das gehört? Aufträge. Viele Aufträge. Damit können wir sicher auch den Wintergarten finanzieren.“

Aus der Küche kam Bethany angelaufen. Sie hielt einen Stapel Teller in der Hand und lächelte. „Dein Freudengeheul war ja nicht zu überhören.“ Sie zwinkerte Nick zu.

Er stieg auch gleich in die Frotzelei mit ein. „Es sei denn, du willst die Aufträge nicht, dann sage ich natürlich meinen Stammkunden ab. Die werden sicher auch zur Not eine andere Werkstatt finden.“ Sein Freund riss die Augen auf. „Bist du verrückt? Natürlich nehme ich die Aufträge an.“ James lief hastig ins Wohnzimmer, um kurz darauf mit einem Drink in der Hand zurückzukommen. „Entschuldige Schatz, aber darauf brauchte ich wirklich etwas zu trinken.“ Er hielt demonstrativ das Glas hoch. „So wie ich dich kenne, willst du keinen, oder?“

Mit einem Kopfschütteln lehnte Nick ab. Er trank nur sehr selten Alkohol und schon gar nicht, wenn er noch fahren musste. Bethany begann den Tisch einzudecken, während James sich wieder hinsetzte und die Stirn runzelte. „Vielleicht muss ich Pa dazuholen. Er hat sicher Lust, statt zu Angeln auch mal wieder an Autos herumzuschrauben.“

Nick grinste. „Sicherlich. Ich wundere mich ja immer noch, wie er jeden Tag ohne die Werkstatt auskommt.“

Plötzlich wurde James völlig ernst. „Also nicht, dass ich was gegen die Aufträge hätte, aber was willst du überhaupt in Fairfield? Und warum fliegst du nicht einfach?“

Aufseufzend sah Nick zu Bethany. Auch sie warf ihm einen fragenden Blick zu, hielt sich jedoch nach wie vor zurück. Natürlich fragten sich beide, was er in Connecticut wollte. Bisher war er aus Phoenix ja nicht herausgekommen.

„Ich muss jemanden dorthin bringen“, deutete er vage an.

Unisono ertönte es von James und seiner Frau: „Wen?“

Aus einem Impuls heraus presste er die Lippen aufeinander. Er wollte den beiden nicht erzählen, dass es sich dabei um Catlin handelte. Viel zu oft hatte er ihnen seit Beginn ihrer Freundschaft sein Leid geklagt und sich über Catlin ausgelassen. Sie würden ihn und seine Handlungsweise sicher nicht verstehen. Ihn eher noch für verrückt erklären. Was er sogar verstehen konnte. Er erklärte sich ja selber für völlig verrückt, seine Heimfreundin, die sich zehn Jahre lang nicht hatte blicken lassen, quer durch die USA zu karren. Dennoch musste er es tun. Sonst würde er es für den Rest seines Lebens bereuen, die Chance nicht genutzt zu haben, die Wahrheit zu erfahren.

„Ich …“, setzte er an. „Es handelt sich um eine Kundin, die mich um den Gefallen gebeten hat, weil Fliegen nicht so ihr Ding ist. Sie zahlt viel Geld dafür. Also macht euch keine Sorgen wegen des Ausfalles.“ Für einen Moment herrschte Schweigen am Tisch. Lediglich das leise Klirren des Besteckes und das Kindergeschrei im Garten waren zu vernehmen. Ihm schien, als würden die beiden auf eine weitere Erklärung von ihm warten. Doch dies würde er nicht tun. Sie würden ihm augenblicklich ins Gewissen reden und dann käme er sicher ins Schwanken. Und das wollte er nicht. Er hatte sich fest vorgenommen und Catlin versprochen, sie nach Fairfield zu bringen.

Bethany meldete sich als Erste wieder zu Wort. „Nick, ich kenne dich nun schon lange genug und ich bin mir sicher, dass sie mehr als nur eine Kundin für dich ist. Das sehe ich deinem Gesicht an.“

„Beth, ich …“

Mit einer Handbewegung brachte sie ihn zum Schweigen. „Du musst uns nichts erklären. Du bist alt genug. Aber bitte pass auf dich auf, ja?“

James stand auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Meine Frau hat recht. Und bis nach Connecticut ist es auch eine ordentliche Strecke für den alten Dodge. Also fahr vorsichtig, okay?“

***

Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Nick würde sie tatsächlich nach Connecticut bringen. Trotz allem, was geschehen war.

Catlin stieg aus dem Taxi und lief auf die Reinigung zu. Ihr war eingefallen, dass sie noch einige Kleider dort hatte, die sie unbedingt mitnehmen musste. Daher hatte sie sich ein Taxi nach Sedona City genommen, wo sie Mr. Xu einen letzten Besuch abstatten und sich von dem alten Mann verabschieden wollte.

Ehrlich gesagt, hatte sie zunächst Bedenken gehabt, ob Nick wirklich dem Trip zustimmen würde. Sein Verhalten war alles andere als freundlich ihr gegenüber gewesen. Sie konnte ihn sogar verstehen. Immerhin hatte sie ihr Wort damals nicht gehalten und war einfach ohne ihn verschwunden. Kein Wunder also, dass er sauer gewesen war. Aber sie hatte ihn schließlich doch noch überzeugen können. So wie früher, als sie ihn im Heim regelmäßig zu Dummheiten angestiftet hatte.

Nun würde sie nur noch ihre Sachen zusammenpacken und ihre Zelte in Sedona abbrechen. Wer wusste denn schon, was sie in Connecticut erwartete? Vielleicht würde sie ja am Ende sogar dort bleiben und ein neues Leben beginnen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen betrachtete Catlin die koreanischen Schriftzeichen auf dem Schaufenster. Connecticut. Weit weg und plötzlich doch zum Greifen nahe. Hoffentlich würde sie dort das finden, was sie sich tief in ihrem Herzen wünschte – ihre leibliche Familie zu treffen.

***

Noch bevor er durch den Perlenvorhang trat, hatte er sie bereits gerochen. Das war etwas, was er an Catlin mochte – ihren frischen Duft nach Apfel und Zimt, wobei die Zimtnote so dezent war, dass man nur von einem Hauch sprechen konnte. Gänzlich unaufdringlich und angenehm, genau wie sie als Person. Deswegen konnte er sich auch nicht vorstellen, dass sie etwas Unrechtes getan hatte.

„Hallo Mr. Xu“, begrüßte Catlin ihn freundlich, nachdem sie die Ladentür hinter sich geschlossen hatte.

Er schenkte ihr lediglich ein verunsichertes Lächeln. Sollte er sie darauf ansprechen? Sicherlich wäre es besser, sie zu warnen. Aber er wollte sich auch nicht in Dinge einmischen, die ihn nichts angingen.

Seine Stammkundin runzelte die Stirn. „Alles okay, Mr. Xu?“ Wie immer legte sie ihm die kleinen orangefarbenen Zettel hin, die er ihr eigentlich nur noch pro forma gab. Was an Anziehsachen von Catlin in seiner Reinigung hing, wusste er ganz genau. Sie hatte einen Hang zu besonderen Sachen. Sie achtete auf Qualität, weshalb er oft bei ihren Kleidungsstücken, die zum Teil aus Cashmere oder Seide bestanden, besonders schonende Reinigungsverfahren anwenden musste.

„Um ehrlich zu sein“, zögerte er und griff mit zitternder Hand zu den Zetteln, „es war jemand bei mir in der Reinigung, der nach dir gesucht hat.“ Nein, er konnte sie nicht ins offene Messer laufen lassen. Dafür kannte er sie zu lange. Mochte er sie zu gerne. Etwas an ihr sagte ihm, dass ihr Herz gut war. Auch wenn sie ihm einiges verschwieg.

Catlin riss die Augen auf. „Nach mir? Sind Sie sich sicher?“ Sie trat einen Schritt vom Tresen weg. „Vielleicht hat er mich mit jemandem verwechselt.“

Er griff unter die Theke und legte das Foto von ihr auf die Ablage. Der Typ hatte Abzüge davon im ganzen Viertel verteilt und in der Straße ordentlich für Furore gesorgt.

Sie betrachtete das Foto, griff danach und drehte es um, als erwartete sie, auf der Rückseite eine Nachricht zu lesen. „Wie sah der Mann aus?“

Er erinnerte sich nur zu genau an den Typen. Immerhin war es keine drei Stunden her, dass der stinkreiche Snob hier mit seiner Luxuskarosse, einem dunkelgrauen Jaguar, vorgefahren war. Der Kerl trug einen dieser extrem teuren Boss-Anzüge aus Wildseide, die bei jedem kleinsten Griff knitterten. Außerdem stank er mit jeder Faser nach teurem Aftershave Marke Elements. „Groß, dunkelhaarig, gutaussehend, klassischer Neureicher.“

Catlin sah gehetzt über die Schulter nach draußen. Sie faltete das Foto von sich zusammen und steckte es in ihre schwarze Tasche. Er bemerkte, dass ihre Hände zitterten.

„Was wollte er denn?“ Ihre Stimme vibrierte. Scheinbar versetzte sie die Tatsache, dass jemand nach ihr suchte, in Unruhe. „Er hat gemeint, er müsse dich treffen, du hättest etwas mitgenommen, was ihm gehört.“

Catlin schüttelte vehement den Kopf. „Da muss er mich mit einer anderen Frau verwechseln.“ An ihren hektischen Bewegungen und der Art, wie sie sich immer wieder umschaute, erkannte er jedoch, dass sie log. Und das versetzte ihm einen Stich. Anscheinend hatte er sie doch falsch eingeschätzt.

„Eigentlich wollte ich mich nicht einmischen, Catlin, aber hast du den Ring nun geklaut oder nicht?“

In ihren weit aufgerissenen Augen lag plötzlich ein flehender Ausdruck. „Mr. Xu, es ist nicht so, wie Sie denken. Ich …“ Sie brach ab und sah betreten zu Boden.

Es tat ihm leid, sie so aufgewühlt zu sehen. Aber was auch immer der Grund dafür war, sie hatte den Ring tatsächlich an sich genommen, so wie der Kerl es vorhin behauptet hatte. „Catlin, ich kenne dich jetzt schon so lange und habe auch nie danach gefragt, was du wirklich machst. Denn, dass du nicht nur Hostess bist, war mir schon beim ersten stinkenden Kleid klar, mit dem du hier vor Jahren in der Reinigung standest. Aber Diebstahl?“ Sie wand sich sichtlich unter seinem Blick.

„Ich … es … ich werde es Ihnen erklären, nur bitte verurteilen Sie mich nicht deswegen, ich …“

Er hob abwehrend die Hände. „Du musst mir nichts erklären. Ich denke, dass du deine Gründe hast. Hoffentlich bekommst du nur keine Probleme. Der Typ sah nämlich verdammt sauer aus, als er nach dir gefragt hat.“

Sie zuckte zusammen. „Wieso? Was hat er denn gesagt? Wollte er etwa zur Polizei?“

Er zuckte mit den Schultern. „Naja. Richtig gesagt hat er nichts, nur dass er dich sucht. Aber er hat das ganze Viertel hier verrückt gemacht. Also, wenn du den Ring noch hast, solltest du ihn besser zurückgeben.“

„Das kann ich nicht“, hauchte Catlin.

Mr. Xu schüttelte den Kopf und ging nach hinten, um den Stapel Sachen zu holen, den er wohlweislich bereits fertiggemacht hatte. Er ging wieder nach vorne und stutzte.

Catlin hatte ihr blondes Haar zu einem Zopf geflochten und vorne im Kragen ihres beigen Pullovers versteckt. Wortlos legte er ihr den Stapel Wäsche hin.

Seine Kundin griff zu ihren Sachen, warf ein paar Dollarnoten auf die Theke und sagte: „Tschüss, Mr. Xu. Verraten Sie bitte nicht, dass ich hier gewesen bin, ja?“ Sie warf ihm einen letzten Blick zu, lächelte gequält und verschwand durch die Glastür. Die Glocke über der Tür bimmelte leise.

Er griff zu den Dollarnoten, um sie in die Kasse zu legen. Nachzählen brauchte er nicht. Catlin hatte ihm sicher wie immer zuviel Geld gegeben. Seufzend lief er hinkend zum Schaufenster. Die attraktive junge Frau verschwand gerade hinter der nächsten Straßenecke. In diesem Moment tat es ihm leid, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Catlin war für ihn wie eine Tochter, die er nie hatte haben dürfen.

***

„Wann genau?“ Will spürte, wie das Adrenalin in seinen Körper gepumpt wurde und sein Blutdruck in die Höhe schoss. Endlich hatte er eine Spur zu dem Miststück, das ihn nicht nur um sein Bargeld, sondern auch noch um seinen Verlobungsring erleichtert hatte. Die ältere Dame am Kiosk zuckte mit den Schultern. „Ist noch gar nicht so lang her. Vor ein paar Tagen vielleicht.“ Ihr Arm, der selbst im unteren Bereich gut dem Durchmesser seines durchtrainierten Oberschenkels entsprach, langte aus dem Holzbüdchen und zeigte auf ein Geschäft die Straße hinab. „Sie geht regelmäßig dort in die Reinigung, um ihre Sachen abzugeben.“

Will unterdrückte den Drang danach, laut aufzuschreien. Er hatte gespürt, dass der alte Koreaner nicht ehrlich zu ihm gewesen war. Seine Antworten waren viel zu schnell gekommen, und dass er sich ständig über den grauen Schnauzbart strich, war auch verräterisch gewesen.

Plötzlich kam der Fettarm in Wallung. Welle für Welle zog sich über die prall gefüllte Haut, während die Kioskbesitzerin wild mit dem Arm vor seiner Nase herumfuchtelte. Das Bild ließ ihn erschauern.

„Sehen Sie, ist sie das nicht?“

Sein Kopf ruckte herum. „Wo?“ Wenn das Miststück tatsächlich hier in der Nähe war, würde er sie sich schnappen.

„Dort, die junge Frau mit dem braunen Packpapierbündel in der Hand.“

Will kniff die Augen zusammen und musterte die Person. „Sie hat aber kurze Haare.“

Die fette Alte lachte auf, sodass ihre Zahnlücke im Unterkiefer sichtbar wurde. „Brauchen Sie eine Brille, Mister? Ihren Zopf hat sie sich vorne ins Dekolleté gestopft.“

Er schenkte der zierlichen Blonden einen weiteren Blick. Plötzlich drehte sie ihren Kopf in seine Richtung, sodass er ihr Gesicht erkannte und sich schnell hinter dem Zeitungsständer in Deckung brachte. Schließlich sollte sie ihn nicht bemerken. Sonst würde sie womöglich verschwinden und er wäre keinen Schritt weiter.

Sein Herz pochte, während er ihr nachsah. Sie war es tatsächlich. Aber anscheinend wusste sie auch, dass er nach ihr suchte. Immer wieder sah sie sich hektisch um. Also hatte der Koreaner getratscht. Anscheinend kannte er das Miststück.

Mit einer hastigen Handbewegung griff Will in seine Hosentasche, zog einen Zwanzigdollarschein hervor, warf ihn der Alten auf die Münzablage und griff zu einer Arizona Public. „Der Rest ist für Sie.“ Sie strahlte ihn an. „Danke, Sir. Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee? Der geht aufs Haus.“

Will ignorierte jedoch die Alte und heftete sich an des Miststücks Fersen. Er durfte sie keinesfalls aus den Augen verlieren. Sonst wäre sie über alle Berge und mit ihr sein Verlobungsring.

***

Wütend auf sich selbst stampfte Catlin den Weg vom Pick-up Point zum Motel zurück. Sie hätte auf ihr Bauchgefühl hören und den Ring nicht stehlen sollen. Herrgott, es war doch von Anfang an abzusehen, dass es Konsequenzen haben würde, wenn sie einen Ring klaute, der, laut Aussage des Pfandleihers, circa fünfundreißigtausend Dollar wert war. Fünfundreißigtausend Dollar. Sie konnte es kaum fassen. Das war beinahe die Hälfte dessen, was sie sich in den letzten Jahren mühsam zusammengeklaut hatte. Wie zum gefühlt hundertsten Mal in der letzten halben Stunde sah sie sich nach allen Seiten um. Zu entdecken war zwar nichts, doch ihr sträubten sich aus einem unerfindlichen Grund die Nackenhaare. So, als würde sie jemand beobachten. Sie schob es ihrer Angst zu.

Verdammt, sie hätte den Ring einfach nicht nehmen sollen. Aber zurückgeben konnte sie ihn auch nicht. Damit musste sie ja nicht nur den Trip ins Ungewisse finanzieren, sondern den Rest womöglich als Startkapital für ein neues Leben in Connecticut investieren. Trotzdem, wenn sie gewusst hätte, was der Ring tatsächlich wert war, hätte sie ihn nicht genommen. Der Ring bedeutete Ärger, und zwar gehörigen. Der Ring könnte sie im schlimmsten Fall sogar ihren Kopf kosten. Verdammt!

Catlin seufzte auf und sah sich noch mal kurz um, bevor sie das Motel betrat. Obwohl niemand zu sehen war, kam sie sich seltsam beobachtet vor. Das war sicher die Angst vor Will. Besser sie verschwand schnellstmöglich. Wer weiß, wozu der Juwelier fähig war. Mist! Hätte Sie diesen arroganten Kerl bloß nicht erst angemacht. Aber was passiert war, war passiert. Daran ließe sich nun nichts mehr ändern. Nur länger hierbleiben konnte sie auf keinen Fall. Aber das würde sie ja auch nicht. Morgen um die Zeit war sie zusammen mit Nick bereits auf dem Weg Richtung Connecticut und dann nach ihr die Sintflut.

***

Die Blondine betrat ein rotes Sandsteingebäude. Es handelte sich um ein Motel außerhalb von Sedona. Wahrscheinlich war das Miststück eine professionelle Nutte, deren Zuhälter im Zimmer auf die Ausbeute wartete.

Unbändige Wut stieg in ihm auf. Er Idiot war voll drauf reingefallen. Hatte sich von ihrer Attraktivität und ihren Reizen blenden lassen, wie ein kleiner Junge. Als sie ihn wegen der Haare angefahren hatte, hätte er eigentlich etwas ahnen müssen. Vielleicht hatte sie ihn sogar gesehen, als er den Ring in seiner eigenen Filiale abgeholt hatte. Dabei hatte er dort nur den neuen Geschäftsführer einweisen wollen, als ihm das Schmuckstück ins Auge gefallen war. Es war eine Sonderanfertigung für einen Kunden gewesen, der jedoch wieder Abstand von dem Ring genommen hatte. Sein Glück. Auf Anhieb war ihm alles daran als der perfekte Verlobungsring für Jane erschienen. Deshalb hatte er ihr dieses Wochenende einen Heiratsantrag machen wollen, mit dem Ring, wie es sich eben gehörte. Doch das Miststück hatte ihm gerade einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und zwar einen dicken. Aber das würde er nicht zulassen. Er würde sich das Schmuckstück zurückholen. Jetzt!

***

Hastig suchte Catlin alle Sachen zusammen und schmiss sie in ihren rollbaren Kleiderschrank. Die Tatsache, dass Will Cunningham ihr auf den Fersen war, erschreckte sie immer noch. Die Frage, die sie sich zudem stellte, war, wie er überhaupt an ein Foto von ihr gekommen war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, fotografiert worden zu sein.

Catlin griff zu dem roten Kleid, das sie vorhin aus der Reinigung geholt hatte, und legte es im Koffer zusammen. So würde es zwar knittern, aber das war ihr egal. Die nächsten vierzehn Tage würde sie es ohnehin nicht brauchen. Und vielleicht danach nie wieder.

Es klopfte an der Tür. Aus Angst, der Juwelier würde ihr irgendwo in der Stadt über den Weg laufen, hatte sie die Motelchefin gebeten, ihre Rechnung fertigzumachen und sie ihr umgehend aufs Zimmer zu bringen. Danach würde sie mit einem Taxi zu Nick fahren und bei ihm übernachten, bevor Will sie noch hier im Bell Rock Inn aufstöberte. Da sie regelmäßig hier residierte, war dies auch kein Problem. Die Leute kannten sie. Wenn auch nur unter falschem Namen.

Mit einem Blick zurück auf den halb gepackten Koffer, lief sie zur Tür und öffnete diese einen Spalt, um zu sehen, wer davor stand. Doch unvermittelt wurde Catlin mit dem Türblatt zurück ins Zimmer gestoßen. Jemand trat ein. Sie erkannte ihn sofort und zuckte zusammen.

„Da guckst du, was?“ Wills attraktives Gesicht war wutverzerrt. „Die hellblonden Haare haben dich trotz Zopf verraten.“ Er griff zu ihrem Arm und warf die Tür hinter sich ins Schloss. „Wo ist mein Ring, du Miststück?“

Catlins Magen krampfte sich zusammen. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“

Der Kerl lachte trocken auf. „Verarsch mich nicht.“

Unsicher wich Catlin zurück und spürte, wie ihre Kniekehlen das Ende des Bettes berührten. Sie knickte ein und ließ sich auf die Matratze fallen.

Will stand drohend vor ihr. Er ließ ihren Arm los und kniff die Augen zusammen. „Gib mir den Ring wieder. Das Geld kannst du von mir aus für den guten Fick behalten, du Nutte.“

„Ich habe ihn aber nicht“, gab sie entschlossen zurück, konnte jedoch nicht verhindern, dass sich ein mulmiges Gefühl in ihr ausbreitete. Solche Situationen hatte sie immer gefürchtet.

„Und wo ist er? Hast du ihn schon zu Geld gemacht? Du bist doch eine Professionelle, oder hast du ihm deinen Zuhälter gegeben? Wohnt der auch hier?“ Will sah sich hastig im Zimmer um und warf einen Blick ins angrenzende Bad. Dann sah er zurück zu Catlin. Sie rieb sich den schmerzenden Oberarm. „Ich bin weder professionell, noch habe ich einen Zuhälter, der sich unterm Bett versteckt“, höhnte sie, um ihre Angst zu überspielen. „Sag mir lieber, woher du das Foto von mir hast?“

Cunningham grinste fies. „Von dem Video, das ich gedreht habe, während ich meinen Schwanz in dich gesteckt habe. Scheiße, eins muss ich dir lassen, vögeln kannst du, hätte mir eigentlich gleich auffallen müssen, dass da was nicht stimmt.“

Die Erkenntnis, gefilmt worden zu sein, raubte ihr schlichtweg den Atem. Das konnte nicht sein. Nirgendwo war eine Kamera zu sehen gewesen. Sie hatte es extra vorher überprüft. „Wo war sie?“, keuchte Catlin.

„In dem Aktenkoffer direkt neben dem Bett. Sie ist so eingebaut, dass sie vollkommen unsichtbar ist.“

„Warum?“

Ihr Kontrahent verzog das Gesicht. „Dumme Frage. Ich habe da ein Faible für und du bist auch nicht die Erste, die meine kleine private Pornosammlung ziert.“

Er hatte sie also benutzt. Genau wie ER. „Du Schwein, ich zeige dich an.“ Wut stieg in ihr auf. Catlin versuchte aufzustehen, doch er drückte sie rigoros wieder zurück aufs Bett.

„Jetzt mach aber mal halblang. Ich würde sagen, wir sind quitt. Ich will nur den Ring zurück. Wenn ich am Wochenende wieder zu Hause bin, will ich meiner Freundin einen Antrag machen und da brauche ich ihn, verstehst du?“

Catlin runzelte die Stirn. „Wieso vögelst du mit einer anderen, wenn du dich verloben willst?“, fuhr sie ihn an.

Cunningham trat einen Schritt zurück und lächelte höhnisch. „Ich bitte dich, drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Besseres findet. Außerdem führen Jane und ich eine offene Beziehung.“

Catlin versuchte, erneut aufzustehen. Als sie auf zittrigen Beinen stand, wich sie rückwärts zum Fenster. Das beklemmende Gefühl in ihrem Hals nahm stetig an Stärke zu.

Will kam ihr hinterher. „Ich will den Ring.“

„Der Ring ist aber nicht hier.“

Er kam ihr hinterher. Sie fühlte den Rahmen des Fensters in ihrem Rücken. Sie saß in der Falle.

„Dann hole ihn her.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht.“

„Klar kannst du. Oder hast du ihn irgendwo hier?“ Er drehte sich um, machte einen Schritt auf das Bett zu und griff zu ihrer Handtasche, die dort lag. Sie sprang nach vorne, um ihm die Tasche zu entreißen, doch er schubste sie mit Leichtigkeit mit einer Hand zurück. „Wage es ja nicht, oder ich rufe die Polizei. Dann kannst du denen erklären, wie ein fünfunddreißigtausend Dollar Ring von mir in deine Hände gekommen ist.“

Catlin blieb stehen und sah ihm angespannt dabei zu, wie er in ihrer Tasche herumwühlte. Ihrem gesamten Hab und Gut. Ihrem Privatleben.

Als er wieder aufsah, war seine Miene finster verzogen. „Wo auch immer du den Ring hast, hol ihn her. Wenn du ihn versetzt hast, lös ihn wieder aus. Ansonsten kannst du dich auf was gefasst machen.“ Er schnaufte auf. „Ich bin in genau zwei Stunden wieder hier und dann will ich den Ring zurück. Verstanden?“

Mit einem Mal schöpfte sie Hoffnung. Zwei Stunden würden ihr reichen, um von hier abzuhauen. Wenn er zurückkäme, wäre sie längst über alle Berge auf dem Weg nach Connecticut. Zusammen mit Nick. Was danach kam, wusste sie noch nicht. Aber Amerika war immerhin ein ziemlich großes Land.

Er lächelte linkisch. „Und wenn du glaubst, ich wäre blöd, dann muss ich dich warnen. Deine Tasche mit deinen persönlichen Sachen nehme ich als Pfand mit. Gibt’s du mir den Ring, bekommst du sie wieder.“

Catlins Herz setzte einen Schlag aus. In ihrer Tasche war alles, was sie für die Reise brauchte. Ihr Personalausweis, der Schlüssel zum Schließfach mit dem Geld vom Ring und der Brief mit dem Hinweis auf ihre Mutter. „Du kannst die Sachen nicht mitnehmen“, schrie sie. „Sie gehören mir.“ Wie eine Furie sprang sie auf ihn zu, um die Tasche an sich zu reißen.

Er wehrte sie ab und stieß sie rücklings aufs Bett. Sie sprang wieder auf und versuchte, ihm die Tasche zu entwenden. Es entbrannte ein Kampf. Schließlich drückte er Catlin aufs Bett und schmiss sich auf sie drauf.

„Lass mich los, geh runter von mir“, keuchte sie.

„Zwei Stunden“, raunte er ihr ins Ohr. „In zwei Stunden ist der Ring wieder hier oder du wanderst in den Knast.“

Sie hielt still. Wenn sie sich wehrte, würde alles nur noch schlimmer werden. „Okay“, japste sie. Und damit ließ er sie los und verschwand mitsamt ihrem gesamten Leben in einer schwarzen Gucci Schultertasche.

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    Jennifer Wellen (Autor)

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Titel: Lost in Pain -  Zurück zu dir (Liebe, Spannung)