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Ein Boss zum Verlieben (Liebe, Chick-Lit, Frauenroman)

von Laura Albers (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nach Frankreich der Liebe wegen! Schön wär’s, denkt Sophie. Ihre Motivation ist das genaue Gegenteil: Sie will weg von ihren Erinnerungen an eine gescheiterte Liebe, hin zur aufregenden Arbeit in den Galéries Jouvet in Metz. Nicht ganz unerwartet trifft sie in der lothringischen Metropole auf jemanden, den sie von früher kennt, nämlich ihren neuen Chef Yannis Jouvet. Mit seinem Charme bezaubert er Sophie, doch kann sie ihm vertrauen?

Ein familiärer Unglücksfall in ihrer Heimatstadt Aachen zwingt sie jedoch zu einer kurzen Heimreise. Als sie nach Metz zurückkehrt hat sich Yannis verändert. Sophies Freund Samir drängt sie, ihr Leben und ihre Gefühle in die Hand zu nehmen. Notfalls muss sie Yannis dazu zwingen, Farbe zu bekennen. Das kann sie nur in seiner Heimatstadt Saint-Tropez schaffen, oder nicht?

Impressum

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Erstausgabe Juli 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-224-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-522-2

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Kai Gathemann
Covergestaltung: Sarah Schemske
unter Verwendung von Motiven von
© Monkey Business Images/shutterstock.com und © Ekaterina Pokrovsky/shutterstock.com

Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Kapitel 1

Sophie musste sich beherrschen, um nicht in einen Hopserlauf zu verfallen, als sie die Grannus-Arkaden durch den Personaleingang verließ. Sie hatte den Job in Metz ergattert!

Drei Monate Auszeit. Von zu Hause, von ihrem Exfreund Leon – oder vielmehr der Erinnerung an ihn –, von ihren Eltern und von Aachen, das ihr den diesjährigen Frühling noch verregneter vorkam als sonst …

Mit dem Hochgefühl, bald ein Abenteuer zu erleben, nahm sie den Bus aus dem Zentrum nach Walheim, wo sie seit einem guten Jahr mit ihrer besten Freundin Mia und deren Freund in einer WG wohnte. Mia war noch auf ihrer Arbeitsstelle in einem Blumenladen in der Innenstadt, Niklas auf Geschäftsreise. Also war leider keiner da, dem sie die Neuigkeit sofort erzählen konnte. Zur Feier des Tages beschloss Sophie zu kochen und holte beim Delikatessenladen an der Ecke die Zutaten für ein asiatisches Hühnchengericht.

Während sie wenig später das Fleisch in Stücke schnitt und die Marinade anrührte, standen ihr die letzten, düsteren Monate vor Augen, in denen sie so viele Stunden über den Reinfall mit Leon gebrütet hatte. Er war der erste Mann gewesen, dem sie wirklich vertraut hatte. Alles, was sie vorher über die Liebe gewusst hatte, hatte sie in romantischen Filmen gesehen. Nicht einmal Mia gegenüber hatte sie eingestanden, dass sie mit zweiundzwanzig, als sie Leon traf, noch Jungfrau gewesen war. Schließlich war Sophie vorher auch schon zweimal liiert gewesen.

Sie stellte das Fleisch zur Seite und machte sich daran, Sellerie, Frühlingszwiebeln und Möhren klein zu schneiden.

Ihr allererster Freund zählte nicht wirklich. Er hatte damals nach einem Zwischenfall während ihres Praktikums in den Grannus-Arkaden Schluss gemacht. Das war fast zehn Jahre her. Blutjung, wie sie beide damals gewesen waren, hatten sie sich gegenseitig bedingungsloses Vertrauen versprochen. Nur kurze Zeit später stieß er sie einfach weg, weil er einem Gerücht mehr glaubte als ihr. Er hatte sie nicht mal zu Wort kommen lassen.

Sie setzte das Wasser für den Reis auf, holte den Wok aus dem unteren Fach des Küchenschranks und stellte ihn auf die größte Platte.

In ihrem letzten Schuljahr war sie mit Torsten zusammen gewesen, der eher altmodische Ansichten zum Thema Sex vor der Ehe hatte. Aufgrund einer Fernsehdokumentation über junge Erwachsene in den USA, die sich Waiting till Marriage auf die Fahnen geschrieben hatten, wollte er sich auf Sex nicht einlassen. Sophie wischte sich mit dem Handrücken über die schwitzige Stirn, als sie an Torstens Küsse dachte, und wie er sie dann jedes Mal an ihre Abmachung erinnerte. Dabei war es eigentlich nur seine Abmachung gewesen. Sie hatte sich betrogen gefühlt, weil sie die starken Gefühle in den Griff bekommen musste, die seine zärtlichen Küsse in ihr auslösten. Trotzdem war sie mit ihm glücklich gewesen. Sie erlebten schöne, intensive Stunden, so wie in den Filmen und den Liebesromanen, die sie liebte. Aber er war konsequent geblieben. Und schließlich fand auch die Geschichte mit Torsten ein frühes Ende. Er traf eine andere, die ihn viel stärker berührte als sie. So hatte er es damals ausgedrückt.

Danach platzte Leon in ihr Leben. Er sah großartig aus, machte ein duales Studium in Banking und Finance und ließ sie glauben, dass er sie unwiderstehlich fand. Er war auch der Erste, der ihr regelmäßig Blumen schenkte. Anfangs. Genaugenommen bis zu dem Tag, an dem er mit ihr schlief. Es war eine ernüchternde Erfahrung für Sophie: Leon kümmerte sich nicht sehr um ihre Bedürfnisse. Er liebte sie zwar leidenschaftlich, war aber allzu schnell fertig. Und er fragte nie nach, wie es ihr ging. Daran änderte sich auch nichts im Lauf ihrer Beziehung. Vielleicht war das normal. Jedes Kind wusste, dass man den Schmachtfetzen in Film und Literatur nicht glauben konnte.

Sie stellte die Gasflamme am Herd groß und wartete, bis das Öl im Wok heiß war, bevor sie das Fleisch hineingab und anbriet. Das laute Zischen übertönte die Gedanken in ihrem Kopf. Im Nu wurde es unangenehm warm in der kleinen Küche. Ungeduldig schob Sophie ihre beschlagene Brille mit dem mittleren Knöchel ihres Zeigefingers nach oben.

Sie schüttelte sich kurz und schob die Erinnerung an das schicke Loft zur Seite, in dem sie mit Leon gelebt hatte. Ihre gesamten Ersparnisse und das Geld aus ihren Studentenjobs waren darin versickert. Gedanklich zog sie einen Strich darunter. Nun war alles anders. Metz war ihre große Chance. Sie freute sich auf den Job.

Noch lebte Sophie mit Mia und Niklas unter einem Dach, die jedoch in ein paar Monaten heiraten würden und dann die Wohnung für sich brauchten. Sophie war sich nicht sicher: Sollte sie sich eine neue WG in der Aachener City suchen oder zu ihren Eltern auf der anderen Seite der Stadt zurückziehen? Natürlich nur übergangsweise.

Es war Zeit, sich zu lösen, definitiv. Von ihrer Vorstellung einer glücklichen Beziehung zwischen Mann und Frau ebenso wie von ihren Eltern. Die beiden würden nie erwachsen werden, wenn sie es nicht wurde. Bei dem Gedanken musste sie lachen.

Sie hörte die Tür gehen.

„Hm, riecht das lecker!“ Mias Stimme klang gut gelaunt wie immer.

Zwei Teller Chicken Curry später wischte sich Mia mit der Serviette den Mund ab und strahlte. „Das war richtig gut!“ Sie beugte sich vor und grinste Sophie an. „Du weißt gar nicht, wie ich mich für dich freue! Aber du brauchst neue Klamotten für Metz. Zwischen all den schicken Französinnen wirst du dich behaupten müssen.“

Sophie zwinkerte. „Morgen gehe ich shoppen.“ Sie nahm einen Schluck Wasser. „Aber etwas anderes macht mir ein bisschen Stress.“

Mia schob die Unterlippe vor. „Mamsi und Papsi?“ Mit dieser verniedlichenden Bezeichnung hob sie gern auf ironische Weise ihre Meinung über das Verhältnis zwischen Sophie und ihren Eltern hervor. „Hast du ihnen etwa noch nichts von der Bewerbung gesagt?“

Sophie verdrehte die Augen. „Nein. Und ich weiß nicht, ob ich es ihnen einfach am Telefon verklickern soll.“

„Wie alt sind wir nochmal? Elf? Du lebst schon eine ganze Weile selbstständig. Und nur weil du gerade Single bist, haben sie kein Recht darauf, in deine Entscheidungen reinzuquatschen.“

„Aber …“

„Nichts ‚aber‘. Du entscheidest ganz allein, was du beruflich machst. Vielmehr hast du es ja bereits getan. Und unter uns gesagt, ist es die beste Entscheidung, die du seit langem getroffen hast.“

Sophie nickte zögerlich. Sie stellte sich ihre Mutter vor, ihren erschreckten Blick und die Müdigkeit, die aus all ihren Poren zu kriechen schien. Sie war nur ein Schatten der Frau, die sie vor ihrer Ehe gewesen sein musste. Sophies Vater hatte sich in die Tänzerin verliebt, in ihre ungezähmte und leidenschaftliche Wildheit. Aber geheiratet hatte er sie erst, nachdem sie ihren Beruf aufgegeben hatte. Was für ein Abziehbild von einem Leben ihre Eltern danach gelebt hatten! Tanzen war auf den Status eines Hobbys heruntergebrochen worden. Ihre Mutter arbeitete, solange Sophie sich erinnern konnte, als Verkäuferin in einem Tierfachhandel. Wie sehr musste sie ihr früheres Leben vermissen. Und ihr Vater? Er ging seiner Dachdeckerarbeit nach, sah in seiner Freizeit Fußball im Fernsehen oder besuchte die Spiele der Alemannia Aachen, deren treuer Fan er war.

Sophie hatte in den Jahren, seit sie selbst für sich sorgte, gelernt, ihren Eltern zu verzeihen, dass sie ihr in ihrer Kindheit nie wirklich ihre Liebe hatten zeigen können. Beide schienen immer zu sehr von ihrer Arbeit und ihren Sorgen abgelenkt. In ihrem gemütlichen, kleinen Häuschen hatte die Schwermut wie Schatten in den Zimmerecken gelauert. Ihre Eltern waren dem Mädchen von damals nur selten mit der Herzlichkeit begegnet, die Sophie in den Familien ihrer Freundinnen erlebt hatte. Viel wichtiger war ihnen gewesen, dass Sophie es „zu etwas brachte“. Deshalb ermöglichten sie ihr ein Studium. Auch wenn sie auf etwas Greifbareres als Medien und Kommunikation gehofft hatten. Von ihrem jetzigen Beruf als Werbedesignerin und Konzepterin hatten sie nur verschwommene Vorstellungen. Erst als Sophie mit Leon zusammenzog, änderten sie plötzlich ihr Verhalten und begannen zu klammern. Sie wollten über jeden ihrer Schritte informiert werden.

Aber Mia hatte recht, Sophie entschied selbst, wie sie ihren Eltern von dem Auslandsaufenthalt erzählen würde. Seit ihrer Bewerbung vor drei Wochen hatte sich lange nichts getan, und nun ging alles schneller als gedacht. Aber es fühlte sich gut an.

Mia stand auf. „Geh nur, ich mache hier sauber.“ Sie begann das Geschirr in die altmodische Spüle zu stellen und drehte dann das heiße Wasser auf.

Sophie warf ihr einen Luftkuss zu, schnappte sich ihr Handy und verzog sich ins Wohnzimmer, wo sie sich auf das abgesessene, urgemütliche Sofa fallen ließ. Als sie die Nummer ihrer Eltern antippte, beschleunigte sich ihr Herzschlag.

„Schatz, bist du es?“ Das war ihre Mutter. Wenn sie Sophie gleich mit einem Kosewort begrüßte, musste sie guter Laune sein.

„Ja, ich bin’s. Wie geht’s euch?“

„Prima. Du denkst dran, dass du uns am Sonntag zum Essen besuchen kommst?“

„Ja, wie jeden Sonntag.“ Sophie feixte. Dann fiel ihr ein, dass das kommende Sonntagsessen für eine Weile das letzte sein würde. Sie hatte nämlich nicht vor, an den Wochenenden nach Hause zu fahren.

„Rufst du aus einem bestimmten Grund an?“ Hatte sie es an ihrer Stimme bemerkt? Sie musste diesen siebten Sinn besitzen, der Müttern so oft angedichtet wurde.

„Ja, das tue ich. Heute hat sich für mich beruflich etwas getan – und es ist großartig!“ Es war klug, von der lukrativen Seite her zu argumentieren. „Das Ganze bringt mir einen besseren Verdienst, und voraussichtlich kann ich danach in den Grannus-Arkaden in Aachen aufsteigen. Mehr Verantwortung und mehr Geld.“ Als sie es aussprach, atmete sie tief durch. Wie spannend das alles war!

„Was meinst du mit ‚danach‘? Und warum betonst du Aachen? Du arbeitest doch sowieso hier.“ Ihre Mutter sprach mit jedem Wort langsamer.

Sophie mühte sich, einen unbeschwerten Ton zu treffen. „Stell dir vor, ich kann für drei Monate nach Frankreich. Lothringen genauer gesagt. In Metz werde ich bei der Eröffnung einer Galeries-Jouvet-Filiale mitarbeiten. Es gibt eine Kooperation zwischen Jouvet und Grannus. Ich werde dort Anregungen für unsere Lebensmittelabteilung sammeln. Zugleich bin ich vor Ort für alles zuständig, was Grannus betrifft.“ Sie unterbrach sich, atemlos vom hektischen Reden.

Schweigen.

„Bist du noch da?“

„Du … du sollst nach Metz?“ Der Tonfall ihrer Mutter ließ ein Bild vor Sophies innerem Auge entstehen, und sie wusste wieder, weshalb sie die Nachricht lieber per Telefon hatte vermitteln wollen. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter Tränen in den Augen.

„In Metz haben die Galeries Jouvet ein altes, pleite gegangenes Warenhaus im Zentrum aufgekauft und renoviert. Es eröffnet demnächst neu. Die Grannus-Arkaden sind mit einem kleinen Anteil beteiligt. Ich werde dafür sorgen, dass ein bisschen von uns in Frankreich sichtbar wird, und bringe im Gegenzug frische Ideen für unsere Food Area mit.“ Sie redete sich in Begeisterung. „Du weißt doch, alles, was mit Lebensmitteln zu tun hat, fasziniert mich. Wir werden bald nicht nur Belgien und Holland, sondern auch Frankreich im Angebot haben.“ Sie entwarf im Geiste ein modernes, großes Warenhaus vor sich, voller Menschen, die sich für das Neue interessierten, für die Mischung mehrerer Stile. Auch für die Grannus-Arkaden war geplant, in der Lebensmittelabteilung noch stärker als bisher auf nachhaltige Produkte zu setzen. Die Verkaufsräume sollten umgestaltet werden, und Sophies Vorstellungen würden berücksichtigt werden. Sie hatte einen widerstandsfähigen Parkettboden aus Schiffsplanken im Sinn. Die Regalreihen sollten aus aufbereitetem Holz von ehemaligen Weinfässern gebaut werden. Alles würde in warmen Farben gehalten sein.

Nach den Bildern zu urteilen, die sie bisher von den Renovierungsarbeiten in den Galeries Jouvet gesehen hatte, würde sie sich dort ebenfalls sehr wohl fühlen. Sie konnte sich für die Eröffnungsfeier in Metz lichtdurchflutete Räume vorstellen, über und über mit Frühlingsblumen geschmückt. Den Kunden würden Häppchen gereicht, dazu ein Glas Crémant. Wie weit die Vorbereitungen wohl schon vorangeschritten waren? Ihre Vorfreude wuchs.

„Oh, das ist ja großartig“, sagte ihre Mutter lahm.

„Ja, das ist es. Freust du dich für mich?“

„Hm, das muss ich wohl?“ Sie ließ es wie eine Frage klingen. „Drei Monate, sagtest du? Wann geht es denn los?“

„Nächsten Montag.“

Was?

Sophie lachte auf. „Ja, und ich habe vorher noch viel zu erledigen. Ist das nicht aufregend?“ Sie wollte sich nicht vom offensichtlichen Entsetzen ihrer Mutter runterziehen lassen. „Ich muss noch Kleidung kaufen, damit ich was zum Anziehen habe.“ Sophie bemerkte nur am Rande, wie ungewöhnlich das aus ihrem Mund klingen musste, die sich nie groß Gedanken um Garderobe gemacht hatte. „Außerdem muss ich sehen, ob meine Papiere gültig sind, mein Pensum hier im Büro erledigen, mit dem Chef und der Konzernleitung besprechen, worauf es ankommt, und, ach, ich weiß gar nicht, woran ich noch alles denken muss.“

„Aber, dann sehen wir dich nur noch ein einziges Mal? Oder kannst du unter der Woche noch vorbeikommen? Du musst uns doch genau erzählen …“ Sie brach ab.

„Weißt du was, ich komme am Mittwochabend vorbei, zeige dir meine neuen Kleider und erzähle alles, was du wissen willst. Okay?“

„Also, ich bin ein bisschen überrumpelt, um die Wahrheit zu sagen.“

„Du und Papa, ihr habt ja noch Zeit, euch an den Gedanken zu gewöhnen. Und im Sommer bin ich schon zurück.“ An das Ende des Aufenthalts wollte sie noch gar nicht denken.

„Wie war nochmal der Name dieser Galerien?“

Sophie stutzte. Hatte ihre Mutter etwa …? „Jouvet. Es gibt mehrere solcher Kaufhäuser, unter anderem in Lyon, Marseille und Paris. Und jetzt eröffnet eines in Metz.“

Jouvet sagtest du?“

Sophie war es leichtgefallen, den Namen auszusprechen, aber als sie ihn aus dem Mund ihrer Mutter hörte, beschleunigte sich unverhofft ihr Puls. „Ja“, sagte sie leise.

„Etwa Yannis Jouvet?“ Sie hatte sich den Namen gemerkt, obwohl es fast zehn Jahre her war.

„So heißen die Besitzer, ja. Yannis Jouvet ist der Chef in Metz.“ Sie räusperte sich. „Aber das ist kein Problem. Bitte wärm die alte Geschichte nicht auf. Ich weiß sehr genau, was ich tue.“

„Wenn du dir sicher bist, Kind … Bist du das?“

Sophie drückte den Rücken durch und winkte Mia herbei, die offenbar mit dem Abwasch fertig war und – eine Weinflasche und zwei Gläser in Händen – in der Tür zum Wohnzimmer stand.

„Ja“, sagte Sophie mit fester Stimme ins Telefon, „ich bin mir vollkommen sicher. Monsieur Jouvet ist ein angesehener Geschäftsmann, und außerdem hat er mir nie etwas getan. Vermutlich kann er sich nicht mal daran erinnern, dass er mich damals kennengelernt hat.“ Bei der Erinnerung daran, unter welchen Bedingungen sie beide sich getroffen hatten, errötete sie zwar, aber das konnte ihre Mutter zum Glück nicht sehen. „Außerdem“, sie machte eine kleine Kunstpause, „bin ich nicht weit weg von Zuhause. Wenn etwas ist, mit dir oder mit Papa, kann ich jederzeit herkommen.“

Mia hatte sich neben Sophie gesetzt und die Gläser auf dem Tisch abgestellt. Jetzt schenkte sie Wein ein und wackelte mit dem Kopf, um anzudeuten, dass Sophie ihre Tochterrolle eingenommen hatte und dabei war, sich zu rechtfertigen. Sophie zwinkerte ihr zu.

„Mutsch, mach dir keine Sorgen. Das wird eine großartige Erfahrung für mich werden. Die Unterkunft wird gestellt, und ich freue mich auch darauf, mein Französisch aufzubessern. Sei so lieb und erzähl es Papa, damit er schon mal Bescheid weiß. Ich besuche euch übermorgen, dann könnt ihr mich mit Fragen löchern. Versuch doch, dich ein bisschen für mich zu freuen.“

Ihre Mutter atmete hörbar ein und aus. „Ich freue mich für dich. Dein Vater wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, aber … du bist ja nicht aus der Welt, falls etwas mit seinem Herzen sein sollte …“

Sophie kämpfte gegen die Furcht an, die sie sofort befiel. Manchmal hatte sie den Verdacht, dass ihre Eltern die Herzprobleme ihres Vaters gezielt einsetzten, wenn sie bei ihr etwas erreichen wollten. „Genau. Bis übermorgen“, flötete sie also ins Handy und legte auf. Sie griff nach dem Weinglas und prostete Mia zu.

„Sag mal, habe ich den Namen Yannis Jouvet gehört?“ Mia deutete mit dem Mundwinkel ein schiefes Lächeln an.

Sophie pustete laut die Luft aus. „Ja, hast du. Wie heißt der alte, abgegriffene Spruch? Man sieht sich immer zweimal im Leben. Da das ein Naturgesetz zu sein scheint, komme ich eh nicht drum herum, also nehme ich das in Kauf. Oder soll ich mich etwa von dem großen Jouvet davon abhalten lassen, eine wunderschöne Zeit in Metz zu verbringen?“ Sie sprach überzeugter, als sie innerlich war.

„Nein, das sollst du definitiv nicht. Außerdem hast du recht, er weiß vermutlich nicht mal deinen Namen, geschweige denn, wie du aussiehst. Du warst damals fast noch ein Kind.“

„Eben! Und jetzt lass uns lieber im Internet nach einem guten Reiseführer suchen. Oder sollen wir uns einen französischen Schmachtfetzen ansehen?“

„Wie wäre es mit der fabelhaften Welt der Amélie?“

„Oh ja, den haben wir lange nicht mehr gesehen.“

„Aber zuerst lass uns anstoßen. Es kommt schließlich nicht oft vor, dass meine Freundin ein Glas Wein mit mir trinkt. Auf Metz!“

Sophie hob ebenfalls ihr Glas und betrachtete die tiefrote Flüssigkeit darin. Mia hatte nur einen großzügig bemessenen Schluck hineingefüllt. Sophie lächelte, dann ließ sie ihr Glas gegen das von Mia klingen. „Auf Metz! Und auf die beste Freundin der Welt, die alles über mich weiß.“

Kapitel 2

Eine vollgestopfte Woche lag hinter Sophie. Am Montagmorgen spürte sie nochmals das etwas mulmige Gefühl, das der Besuch bei ihren Eltern am Mittwochabend und das Mittagessen gestern in ihr ausgelöst hatten. Beim gemeinsamen Frühstück redete Mia auf sie ein.

„Ich fasse es nicht. Wenn du dein Gesicht sehen könntest!“ Sie beugte sich vor und griff nach Sophies Hand. „Es wird wirklich höchste Zeit, dass du hier rauskommst! Sophie Thielen, du musst endlich von Mamsi und Papsi weg.“

Sophie schnaubte, sagte aber nichts.

„Seit gestern läufst du mit hängenden Schultern herum. Muss ich dir erst in den Hintern treten, damit du dich streckst? Das wird eine super Zeit, du wirst sehen.“ Mia streichelte über Sophies Handrücken, dann zog sie die Finger zurück, um nach ihrer Kaffeetasse zu greifen.

Sophie lächelte. Mia hatte recht. Warum zweifelte sie immer an ihrer eigenen Entschlossenheit?

Sie verabschiedeten sich „ohne viel Getöse“, wie ihre Mutter immer sagte, danach ging Sophie hinunter und stieg in ihren Wagen. Der altersschwache, treue Twingo war vollgepackt mit neuen Kleidern, Büchern und DVDs, sein Tank gefüllt, der Reifendruck überprüft. Das hatte ihr Vater sich nicht nehmen lassen und an der Tanke um die Ecke für seine Tochter erledigt – mit einem Stöhnen bei jedem In-die-Knie-Gehen. Ein letztes Mal tastete Sophie nach der Geldbörse in ihrer Handtasche, dann schnallte sie sich an und machte sich auf den Weg. Und endlich befiel sie wieder das Hochgefühl, das sie die gesamte letzte Woche bei ihren Erledigungen begleitet hatte.

Fast viereinhalb Stunden später erschien ihr die Metzer Kathedrale über den Häuserdächern wie eine Verheißung, bevor sie um eine Ecke fuhr und sie schließlich in ihrer ganzen Größe bewundern konnte. Nach dem tristen Aachener Frühling war das in Sonnenlicht getauchte, hell strahlende Gotteshaus wie ein Willkommensgruß aus einer anderen, fröhlicheren Welt. Es fühlte sich wie Urlaub an, nicht wie der Beginn eines neuen Jobs.

Sophie hatte ihr Navigationsgerät so programmiert, dass sie an ihrem zukünftigen Arbeitsplatz vorbeikam. Sie hatte das Traditionskaufhaus im Zentrum von Metz vage aus Kindheitstagen in Erinnerung, seither hatte sich vieles verändert. Dankbar für eine rote Ampel, die ihr Gelegenheit bot, kurz anzuhalten, beugte sie sich vor und warf nochmals einen ausgedehnten Blick auf die Kathedrale, bevor sie sie nur noch im Rückspiegel bewundern konnte.

Die breite, rötliche Betontrasse mitten auf der Hauptstraße war neu. Darauf fuhren lange Gelenkbusse, die an Straßenbahnen erinnerten. Mettis nannten sich diese futuristisch wirkenden Busse. Sophie beschloss, dieses Transportsystem mit dem modernen Namen „le Met’“ zu nutzen, wenn das Haus, in dem für sie ein kleines Appartement angemietet worden war, in Reichweite der Trasse lag. Man hatte ihr einen kostenlosen Stellplatz in der Nähe ihrer Wohnung zugesichert, was in Metz anscheinend keine Kleinigkeit war. Es würde auf jeden Fall unkomplizierter sein, den Mettis zu nehmen, als in der Nähe der Galeries Jouvet einen Parkplatz zu finden und zu zahlen, wenn sie zur Arbeit musste.

So langsam sie konnte fuhr sie weiter, sich ständig der Gefahr bewusst, dass sie gleich von der Straße gehupt werden würde. Sophie grinste. Beim Fahrstil der Franzosen half nur die Gelassenheit eines Ochsen. Sie versuchte das Gehupe und die genervten Blicke zu ignorieren, mit denen sie bedacht wurde. Ihr fiel eine Bemerkung ein, die ihr Französisch-Leistungskurs-Lehrer mal im Unterricht hatte fallen lassen: Die Franzosen würden so Liebe machen, wie sie Auto fuhren. Was genau der Lehrer damit gemeint hatte, wusste sie bis heute nicht. Woher auch, sie hatte nie einen französischen Mann näher kennengelernt. Aber die chaotischen Verhältnisse auf den Straßen gaben ihr jetzt eine Ahnung. Ungestüm war wohl das passende Wort. Sie lächelte. Ob das, was in den französischen Liebesfilmen gezeigt wurde, der Wahrheit entsprach? Sophie schüttelte den Kopf, um den Gedanken loszuwerden, und hielt weiter nach den Galeries Jouvet Ausschau.

Das da vorn mussten sie sein: ein großes Gebäude mit unterschiedlichen architektonischen Einflüssen, teilweise eingerüstet. Es stand am Ende der Rue Serpenoise, die zur Fußgängerzone gehörte, und wie erhofft, konnte Sophie von der anderen Seite heranfahren. Eigentlich gab es hier keine Gelegenheit, um zu parken. Ihr Navi forderte sie auf, am Ende der Straße links abzubiegen, womit sie die Galeries dann im Rücken hätte. Kurz entschlossen schaltete sie den Warnblinker ein und hielt im hinteren Bereich einer Haltestelle an, um das Gebäude genauer zu betrachten. Die renovierte Fassade erstrahlte in einem frischen Sandton. Zwischen den hohen, schlanken Fenstern erblickte sie liebevoll restaurierte Jugendstilreliefs. Der alte Name des Kaufhauses, der als Fliesenmosaik über dem ehemaligen Haupteingang angebracht war, verstärkte diesen Retro-Charme noch. Oberhalb des neuen, verbreiterten Eingangsbereichs, der um die Straßenecke ging, prangte in großen, kobaltblau leuchtenden Buchstaben der neue Namenszug: Galeries Jouvet. Darunter standen ein paar Männer in Arbeitskleidung und Schutzhelmen, die über eine Mappe gebeugt miteinander sprachen.

Wie auf Zuruf drehten sie sich plötzlich um und blickten in Sophies Richtung. Sie lüftete kurz ihre Sonnenbrille, deren Gläser von innen beschlugen. Erst als sich ein Mann von dem Grüppchen der Arbeiter löste und mit ausholenden Schritten auf sie zukam, hörte Sophie das Hupen um sich herum. Ein Transporter hinter ihr konnte offenbar nicht vorbei, weil sie halb auf der Fahrbahn stand. Wer weiß, wie lange sie schon den Verkehr blockierte! Sie fluchte leise, wobei ihre Brille auf dem Nasenrücken nach unten rutschte. Noch während sie hastig den Gang einlegte, hob der herbeieilende Mann, der seinen blauen Bauarbeiterhelm zu Jeans und Sakko trug, den Arm und gestikulierte in Sophies Richtung.

„Ja, ja, schon gut.“ Sie pustete eine einzelne Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte, und drehte den Zündschlüssel. Der Motor brummelte kurz, sprang aber nicht an. Ausgerechnet jetzt! Ihr Twingo meuterte nach langen Fahrten gelegentlich, aber dies war nun wirklich ein ganz schlechter Moment.

Der Transporter hinter ihr ließ ein Dauerhupen erdröhnen. Gott sei Dank erbarmte sich ein Fahrer auf der Gegenfahrbahn und blieb stehen, damit der Transporter an Sophies Twingo vorbeifahren konnte. Inzwischen war der behelmte Mann bei ihrem Wagen angekommen. Noch bevor er sich vorbeugte, um ans Beifahrerfenster zu klopfen, machte ihr Herz einen Satz. War es seine Haltung, seine Gestalt oder etwas in seinem Gesicht, das sie bisher nur schemenhaft hatte sehen können? Ihre Nervosität wuchs, und das lag nicht allein daran, dass sie sich als akutes Verkehrshindernis in einer denkbar unangenehmen Situation befand. Sie hatte das Gefühl, den Mann zu kennen, der selbst in der unvorteilhaften, gebückten Pose, in der er neben ihrem klapprigen Auto stand, auffallend gut aussah.

Er war groß und schlank, hatte sonnengebräunte Haut, die Jeans saßen lässig auf seinen Hüften. Die Sakkoärmel umspannten muskulöse Arme, und der Hals, der aus dem weißen Kragen herausragte, wirkte ebenfalls stark. Er klopfte nochmals an die Scheibe. Sophie musste sich hinüberbeugen, um das Fenster herunterzukurbeln. Sie schielte über den Rand der Sonnenbrille nach oben. Die gelösten, kürzeren Haare kringelten sich feucht um ihr erhitztes Gesicht und kitzelten ihre Haut. Sophie fühlte sich klebrig. Na prima. Als ob es darauf jetzt ankäme, sagte sie sich und versuchte dem Typen ein unverbindliches Lächeln zu schenken, aber dazu war sie nicht entspannt genug.

Er legte den Kopf schief und fixierte sie aus sehr dunklen Augen, in denen ein belustigtes Glitzern aufleuchtete. Etwas in ihrer Brust flackerte wie eine Kerzenflamme. Es war nur ein winziger Hauch, aber sie spürte ihn trotzdem. Mit einer angenehmen Baritonstimme sprudelte er französische Sätze hervor, die für Sophie wie Musik klangen. Der Herzschlag in ihren Ohren und der Verkehrslärm um sie herum verhinderten, dass sie mehr verstand als ein paar einzelne Wörter, darunter „pardon“, „Madame“ und „vite“. Sie zeigte auf ihre Ohren, um anzudeuten, dass sie ihn nicht hören konnte. Sein Lächeln verschwand. Er redete etwas lauter und hektischer, fuchtelte mit den Händen vor und hinter ihrem Wagen herum und wirkte nun nicht mehr amüsiert, sondern eher sauer.

Sie verstand, dass es um den Straßenverkehr ging, den sie mit ihrem Kleinwagen blockierte. Seine Äußerungen klangen immer weniger nach Musik, aber sie konnte kaum etwas verstehen. Sie hörte eindeutig ein paar Flüche heraus.

„Ja. JA!“, grummelte sie in seine Richtung, setzte sich wieder gerade hin und versuchte den Twingo zu starten. Hätte sie sich bloß rechtzeitig von der Karre getrennt. Nicht nur Leon, auch ihr Vater hatte ihr damit in den Ohren gelegen. Musste sich ausgerechnet in diesem Moment erweisen, dass die beiden recht gehabt hatten? Bei ihrem ersten Versuch gab es nur ein Klicken, als sie den Schlüssel drehte. Beim zweiten Versuch das Gleiche. Die Beifahrertür öffnete sich und der Typ beugte sich in den Wagen vor. Der Helm jedoch war ein Hindernis, mit dem er am Rahmen hängenblieb. Er zog den Kopf zurück und setzte sich kurzerhand neben Sophie. Sie konnte in letzter Sekunde ihre Handtasche vom Vordersitz auf die Rückbank in Sicherheit bringen.

Er wirkte viel zu groß für ihren Twingo. Sein Helm berührte die Wagendecke, er musste den Kopf einziehen, den er ihr zugewandt hatte. Er musterte sie nachdenklich. Sie war sich sicher, ihm schon einmal begegnet zu sein, konnte das Gesicht jedoch nicht zuordnen. Ihre Aufgeregtheit wuchs nicht nur, weil sie den Wagen nicht starten konnte und da draußen gerade wieder ein Hupkonzert begann. Es war auch sein Geruch. Er hatte ein Aftershave oder Deo benutzt, dessen Sandelholzton sich mit seinem frischen Schweiß mischte. Das alles musste sie in kürzester Zeit wahrgenommen haben, denn zum Denken ließ er ihr kaum Gelegenheit.

„Mais vous n’écoutez pas?“, fragte er.

Ob sie ihm nicht zuhörte? Und ob! Allerdings war es der erste Satz, den sie verstand.

„Pardon, mais ce n’est pas ma faute.“ Typisch, sie begann sich zu rechtfertigen. Genau das, was Mia ihr immer vorwarf. Natürlich war es ihr Fehler, sie hätte hier ja nicht anhalten müssen. Er setzte den Helm ab, und zum Vorschein kamen seine dichten, glänzend schwarzen Haare. Und da wusste sie auch, wen sie vor sich hatte. Ihren neuen Chef höchstpersönlich.

„Pas votre faute? C’est drôle, ça.“ Ein Lachen schwang in seiner Stimme mit.

Sie schluckte. Lustig fand sie diesen Moment nicht gerade. Obwohl ihre Nervosität durch seine Nähe einen aufregenden Charakter bekam. Ihre Brillengläser waren inzwischen noch mehr beschlagen. Sie atmete tief durch und tauschte die Sonnenbrille gegen ihre andere, die sie in die Halterung am Armaturenbrett gelegt hatte. Dann versuchte sie abermals, den Wagen zu starten. Diesmal sprang der Motor an, erstarb jedoch im nächsten Moment wieder.

„Mist“, zischte sie.

Yannis Jouvet hatte offenbar anhand ihrer wenigen Worte bemerkt, dass sie Deutsche war, denn er wechselte sogleich die Sprache. „Ah, die Wagen tut es nischt mehr?“

Obwohl sie hektisch war und sich gerade ganz woanders hinwünschte, musste Sophie über seinen Akzent lächeln. „Ist etwas in die Jahre gekommen, mein kleiner Franzose.“ Erschrocken hielt sie den Atem an. Das würde er doch hoffentlich nicht auf sich beziehen, sondern auf ihr Auto?

„Ha!“ Er stieß ein Lachen aus wie einen Ruf. „Läuft er noch mit Zwischengas, Ihr kleiner Franzose?“ Die letzten drei Worte sprach er langsam und betont aus. Als sie ihm einen Seitenblick zuwarf, entdeckte sie tiefe Grübchen, die sich wie schwarze Punkte in seine Wangen gruben.

„So in etwa.“ Nochmals versuchte sie den Twingo zu starten, doch er weigerte sich hartnäckig.

„Das klingt nischt gut. Vielleischt sollten Sie ihren kleinen Franzosen gegen einen größeren eintauschen. Oder einen jüngeren.“ Sein Lachen begleitete ein winziger Grunzer, der in ihr eine verschwommene Erinnerung, eher ein Gefühl weckte.

„Komiker“, stieß sie hervor und starrte geradeaus, ohne wirklich wahrzunehmen, was vor ihrer Windschutzscheibe passierte. Verbissen schob sie den rechten Fuß von der Bremse aufs Gaspedal. Während sie den Schlüssel drehte, gab sie vorsichtig Gas. Der Motor sprang an und lief ruckelnd im Leerlauf.

„Jetzt raus mit Ihnen, schnell!“ Wenn sie nicht gleich anfuhr, würde der Motor womöglich wieder ausgehen. Sie wedelte mit der Hand in seine Richtung. Er grinste noch einmal, bevor er rasch aus dem Wagen ausstieg und die Tür zuschlug. Sophie setzte den Blinker und fuhr auf die Straße. Ihre Spur war ja frei. Als sie langsam davonrollte, wurde Yannis Jouvet im Rückspiegel immer kleiner. Seltsam, dass sie ihn ausgerechnet auf diese Weise hatte wiedersehen müssen. Noch seltsamer fand sie das Gefühl, das die Begegnung in ihr ausgelöst hatte.

Ob er sie erkannt hatte?

Er blickte ihr nach, setzte den Helm wieder auf und schlenderte zurück zu den Arbeitern, die allesamt ihrem Twingo hinterherstarrten.

Nur wenige Momente später fand Sophie sich unverhofft mitten auf der Trasse der Stadtbahn Mettis wieder, was ihr erst bewusst wurde, als ein paar Menschen ihr von den Bürgersteigen aus übertrieben zuwinkten und sie kopfschüttelnd musterten. Zum Glück fand sie eine Lücke, durch die sie die Trasse verlassen konnte. Der Blick des Fahrers hinter der riesigen Windschutzscheibe des fast bedrohlich wirkenden Busses würde sie sicherlich bis in ihre Träume verfolgen. Was für ein großartiger Start in dieser Stadt, die sie viel beschaulicher in Erinnerung gehabt hatte! Damals hatte sie nicht selbst fahren müssen, sondern nur verträumt vom Rücksitz aus den blauen Himmel über den hohen Häusern betrachtet.

Tatsächlich brummte es nur so von Leben. Die ganz eigene Mischung aus Stilrichtungen, die die Stadt ausmachte, fiel ihr auf, und erst heute begriff sie, was ihr Vater ihr damals hatte klarmachen wollen, als sie hier gewesen waren. Metz war älter als Paris und verbarg viele Geheimnisse, die sich in den architektonischen Besonderheiten nur andeuteten. Sie fand das alles sehr aufregend. Hoffentlich würde sie die Zeit finden, die Stadt zu erkunden, während sie hier lebte und arbeitete. Eine beinahe resignative Gelassenheit erfasste sie. Sie hatte die Mettis-Trasse überlebt, und sah sie im Gesicht des jungen Mannes, der dort am Straßenrand stand und ihren Twingo mit seinen Blicken verfolgte, nicht ein Lächeln? Was war schon dabei, wenn sie sich bis auf die Knochen blamierte? Eigentlich nichts.

Es kostete Sophie trotz Navigationsgerät einige Mühe, doch schließlich fand sie den winzigen Innenhof, auf dem sie parken durfte, und der zu dem Stadthaus gehörte, in dem sie die nächsten drei Monate wohnen würde. Wahrscheinlich war es eine gute Idee, in Zukunft mit „le Met’“ zu fahren. Damit würde sie viel schneller von hier in die City gelangen, als wenn sie sich mit dem Wagen durch die vollgestopften Straßen drängeln musste. Und es würde ihre Nerven schonen. Der Twingo gehörte in die Autowerkstatt, aber jetzt konnte er erst mal stehen bleiben.

Sophie fühlte sich auf angenehme Art angespannt, als sie auf die altmodische Klingel neben der dunklen, rustikalen Holztür drückte. Ein Türöffner summte, sie musste sich gegen das Holzblatt pressen, damit es sich schließlich öffnete. Nicht nur das Portal und die Fassade aus Buntsandstein wirkten wie aus einer anderen Zeit, auch das Treppenhaus mit seinen schwarzen und weißen, in Karomuster verlegten Fliesen und dem massiven Holzhandlauf an der schmalen Wendeltreppe verströmten einen etwas angestaubten Charme. Die Wohnungstür im Erdgeschoss öffnete sich. Die Frau, die Sophie mit strahlendem Lächeln die Hand entgegenstreckte, war das genaue Gegenteil von angestaubt. Ungefähr im gleichen Alter wie sie selbst, hatte sie lange, großzügige blonde Locken und ein helles, aufgeschlossenes Gesicht. Sie trug ein schlichtes, mintfarbenes Sommerkleid, das ihr weibliches Erscheinungsbild perfekt unterstrich. Diesen Chic, den auch Mia gemeint hatte, sogen die Französinnen anscheinend mit der Muttermilch ein. Sophie fühlte sich an Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve oder Carole Bouquet erinnert.

„Bonjour.“ Die Frau nahm Sophies Hand und erwiderte ihren Druck, „Sie müssen Sophie Thielen sein. Ich bin Florence Aubrun. Enchantée!“

Ah, dann war das die Vermieterin persönlich, die ebenfalls in den Galeries Jouvet arbeitete, wie Sophie wusste. Sie antwortete auf Französisch und freute sich darüber, dass es ihr leicht fiel.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Appartement. Es ist klein und kuschelig, perfekt für eine Person. Aber natürlich können Sie mal jemanden einladen.“ Damit huschte sie zurück hinter ihre Tür und kam kurz darauf mit einem Schlüssel heraus. „Folgen Sie mir.“ Sie griff nach Sophies Trolley, ohne sich um deren Einwände zu kümmern, und führte sie drei Stockwerke höher. Auf jedem Geschoss gab es nur eine Wohnungstür. Florence führte sie bis unters Dach. Perfekt, dachte Sophie. Sie liebte Dachwohnungen.

Ihre Vermieterin schloss die Tür aus Holz und Glas auf und ruckelte am Griff, bis er nachgab. Sophie schmunzelte. Für sie gehörten diese alten, etwas widerspenstigen Beschläge an Fenstern und Türen einfach zu Frankreich dazu. Jedenfalls in den älteren Häusern. Sie erinnerten sie an die Sommerferien mit ihren Eltern in Frankreich.

„Herzlich Willkommen!“ Florence lud Sophie mit einer ausholenden Geste ein, die Wohnung zu betreten.

Sophie betrachtete den Raum und hatte dabei das Gefühl, durch die Augen ihres Vaters zu blicken, der sie schon als Kind auf Tricks aufmerksam gemacht hatte, mit denen man Häuser von innen größer oder kleiner wirken lassen konnte, als sie tatsächlich waren. Riesige Dachgauben ließen auf beiden Seiten viel Licht herein. Das abgestoßene Parkett verlieh dem Raum einen warmen Grundton. Die gesamte Wohnung bestand aus diesem einen Zimmer. Lediglich eine schmale Tür führte davon ab, sicherlich ins Bad. Vermutlich handelte es sich bei dem Appartement um ein ehemaliges Chambre de bonne, ein Hausmeister- oder Bedienstetenzimmer.

Neben der schmalen Tür schloss sich eine Küchenzeile mit einem kleinen Dachfenster über der Arbeitsplatte an. Die Spüle war aus Porzellan und eckig geformt. Die weiß und blau gemusterten Fliesen an der Wand mussten schon sehr alt sein, wie alles hier.

Sophie blickte sich staunend um, dann ging sie zu dem schmalen Tisch, um den vier Stühle gruppiert waren, und stellte ihre Handtasche ab. „Ist das Eiche?“, fragte sie und streichelte nach dem zustimmenden Nicken von Florence Aubrun über das Holz, das stark gemasert und abgegriffen war. Das Möbelstück wirkte auf sie, als habe es ein eigenes Leben, das weit in vergangene Jahrhunderte zurückreichte. Die bunt durcheinandergewürfelten Stühle passten nicht zu dem Tisch. Oder, korrigierte Sophie einen Moment später ihren ersten Eindruck, sie passten gerade deshalb dazu. Und zu dem gesamten Rest der Wohnung, die alle Stilbrüche wagte, die man sich vorstellen konnte. Jeder Stuhl musste aus einer anderen Zeit und vielleicht auch aus einem anderen Land stammen. Und jeder hatte sicherlich eine eigene Geschichte zu erzählen. Sophie erkannte sofort, welcher ihr Lieblingsstuhl sein würde: der hochlehnige mit der lederbezogenen Sitzfläche und dem schwarzbraunen Holzrahmen. Ihre Oma hatte solche Stühle besessen. Sie waren nicht gut für die Unterseite der Oberschenkel, wenn man sehr lange darauf saß, weil die breiten Nieten ins Fleisch drückten, mit denen das Leder am Rand der Sitzfläche auf dem Holz befestigt war. Aber alles andere daran war bequem. Sophie atmete tief ein.

„Gefällt es Ihnen nicht?“ Florence Aubrun klang ängstlich. „Ich mag die Wohnung sehr, sie birgt viele Erinnerungen.“ Sie zog die Schultern hoch. „Natürlich ist das nicht jedermanns Geschmack. Wenn Sie möchten, können Sie die Möbel in den Keller schaffen und eigene Stücke …“

„Oh nein, ich mag sie. Sehr sogar!“ Sophie spürte, dass sie sich hier wohlfühlen würde. Das Bett, das in einer der dunkleren Ecken stand, war hoch und breit und mit einem Moskitonetz versehen. „Darf ich?“ Sie machte ein paar Schritte darauf zu.

„Ja, die Matratze ist noch nicht alt, eine Sonderanfertigung, weil das Bett keine genormte Größe hat. Mein Urgroßvater war ein hochgewachsener Mann und ließ es sich von einem Schreiner bauen. Ebenfalls aus Eiche, weil er den kleinen Esstisch so liebte, den er aus dem ersten Weltkrieg mit nach Hause gebracht hatte.“ Nun war es Florence, die liebevoll den Tisch streichelte. „Meine Uroma hat immer darüber geschimpft, dass der Tisch viel zu schmal wäre, wenn die ganze Familie daran saß. Aber ihm war er heilig.“

Sophie hatte sich inzwischen auf den Bettrand gesetzt. Hatte sie damit gerechnet, einzusinken und wie auf einem kleinen Boot hin und her gewiegt zu werden, so hatte sie sich getäuscht. Im Gegensatz zu sämtlichen alten französischen Betten, in denen sie jemals gelegen hatte, war dieses angenehm fest. Die Matratze gab nur wenig nach. Oh ja, sie würde sich hier wohlfühlen.

Mit einem spontanen kleinen Kichern ließ sie sich nach hinten fallen. Und bemerkte noch ein weiteres angenehmes Detail: Die Wohnung sah nicht nur schön und gemütlich aus, sie roch auch gut. Es hing kein alter Mief darin. Eine winzige Spur von Bienenwachs – vermutlich vom Parkettboden – mischte sich mit der frischen Frühlingsluft, die durch den angelehnten Flügel einer Dachgaube hereindrang, den Holzgerüchen der alten Möbel und dem Waschmittel, nach dem die Tagesdecke auf dem Bett duftete. Ja, nicht einmal Bettwäsche hatte sie mitbringen müssen. Die gehörte zur Wohnung dazu, genau wie Geschirr für vier Personen und die gesamte Küchenausstattung.

Sie setzte sich auf. „C’est for-mi-da-ble!“, rief sie aus.

Florence Aubruns Gesicht erhellte ein umwerfendes Lächeln. „Das freut mich, wirklich! Sie haben das Bad noch nicht gesehen.“ Damit machte sie zwei schnelle kleine Schritte zu der Tür, hinter der Sophie das Bad vermutet hatte, und öffnete sie. „Es ist vor drei Jahren eingebaut worden. Davor haben meine Eltern dieses Stockwerk noch bewohnt, zusammen mit der Wohnung darunter.“ Wo ihre Eltern jetzt lebten, erwähnte sie nicht, und Sophie fragte nicht nach, da sie nicht neugierig wirken wollte. Stattdessen stand sie rasch auf, um sich das kleine Badezimmer anzusehen, das farblich auf die Küchenzeile abgestimmt war. Eine Badewanne hatte hier keinen Platz gefunden, doch die kleine Dusche unter der Schräge war neu und einladend.

Sophie strahlte Florence Aubrun mit einem breiten Lächeln an. „Einfach wunderbar! Ich werde mich hier ganz schnell einleben.“

„Ja, das glaube ich auch. Sollen wir Ihre Sachen hereinholen, und danach lade ich Sie auf eine Tasse Tee ein?“

„Oh, Tee klingt wunderbar. Aber wie wäre es damit: Ich hole meine Sachen herein, und in der Zwischenzeit können Sie den Tee kochen? Es ist nicht mehr viel.“

Zwanzig Minuten später hatte Sophie ihr Gepäck nach oben geschleppt und mitten im Raum abgestellt. Ihr Scannerblick hatte ihr bereits verraten, wo sie alles unterbringen würde, und mit einem Juchzer begrüßte sie den kleinen, auf geschwungenen Beinen stehenden Jugendstilsekretär, der gerade genug Platz für ihr Notebook bot. Sie betrat das Bad, machte sich ein bisschen frisch, dann nahm sie ihre Haare in einem lockeren Knoten zusammen und steckte ihn mit einer Klammer fest. Bevor sie die Wohnung wieder verließ, um hinunter zu Florence zu gehen, zwinkerte sie ihrem Spiegelbild zu. Ja, es war eine gute Entscheidung gewesen, herzukommen. Und bevor sie sich morgen offiziell ihrem Chef vorstellte, wollte sie Florence nach ihm ausfragen.

„Ja, so kam das.“ Florence lehnte sich zurück und betrachtete versonnen die Teetasse, die sie in der Hand hielt. „Die Lothringer sind manchmal etwas misstrauisch, wenn es um Bestimmungen aus Paris geht. Oder um Trends und Moden aus den anderen französischen Départements. Wir sind hier im Grand Est“, sie lächelte bei der erst jüngst eingeführten Bezeichnung der Großregion, „ein bisschen eigen. Aber das ist nicht unbedingt ein Fehler, n’est‑ce pas?“

„Nein, sicher nicht. Ich verstehe, dass man sich in Metz über die Investition der Galeries Jouvet nicht nur gefreut hat.“ Sophie zog die Schultern hoch. „Damit war nun mal viel Ungewisses verbunden. Andererseits – eine Pleite ist auch nicht schön.“

Florence lachte auf. „Da sagst du was.“ Sie waren nach dem ersten Schluck Tee zum Du übergegangen. „Aber jetzt gefällt das Gebäude den Metzern! Die Renovierungen sind mit viel Feingefühl durchgeführt worden. Der Chef wollte alles behindertengerecht haben. Der große Haupteingang war von den Dumonts, den Vorbesitzern, schon geplant gewesen. Das einzige Neue an der Fassade ist im Grunde der Namenszug.“

Sophie spürte, wie sich ihr Puls bei ihrer nächsten Frage beschleunigte. „Kennst du den neuen Chef bereits?“

„Yannis Jouvet? Natürlich! Es gibt viel zu tun, weil es mit Riesensprüngen auf die Neueröffnung zu geht.“

„Wie kommst du mit ihm zurecht? Ist er … nett?“ Sie grinste. Nett. Was für eine Vokabel für Yannis Jouvet!

Florence lachte schallend. „Na, was glaubst du wohl? Yannis Jouvet gilt als der begehrteste Junggeselle der Region, wenn nicht sogar ganz Frankreichs. Hast du schon mal ein Foto von ihm gesehen?“

Sophie räusperte sich. „Ich bin ihm sogar schon begegnet.“ Sollte sie Florence auch die Geschichte von damals erzählen? Die fröhliche Art der sympathischen Französin hatte eine entspannende Wirkung auf sie.

„Tatsächlich? Erzähl!“

Doch in diesem Moment drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Beide Frauen wandten sich zur Wohnungstür um, die gleich darauf aufschwang. Ein junger, dunkelblonder Mann in Anzug und Krawatte trat herein und stellte einen Aktenkoffer ab. „Salut, chérie …“ Er unterbrach sich und trat näher. Florence war aufgestanden, ging zu ihm und begrüßte ihn mit einem Küsschen.

„Darf ich vorstellen? Das ist mein Mann Philippe. Und das ist Sophie Thielen aus Aachen, die für drei Monate hier wohnen wird.“

Florence holte eine Tasse für Philippe, während er Sophie mit Bises auf beide Wangen begrüßte. „Enchanté! Ah ja, Sie arbeiten in den Galeries Jouvet, wie meine Frau, n’est‑ce pas?“

„Wir haben gerade über den Chef gesprochen.“ Florence goss Tee in Philippes Tasse und zwinkerte ihm zu. „Sophie ist ihm schon einmal begegnet.“

„Tatsächlich? Erzählen Sie!“

„Ach, das war eigentlich eher peinlich.“ Sie schwankte einen Moment, dann sprach sie weiter. „Auf der Herfahrt bin ich am neuen Kaufhaus vorbeigekommen und habe kurz angehalten.“ Sie verdrehte die Augen. „Das war dumm von mir, denn ich hielt den Verkehr auf – nicht lang, aber es gab ein Hupkonzert. Die Fahrer hätten mich am liebsten mitsamt meinem Twingo weggesprengt.“

Florence und Philippe lachten. Sophie erzählte, dass es ausgerechnet Yannis Jouvet gewesen war, der ihr vor Ort noch die Leviten gelesen hatte.

„Wie fandest du ihn?“ Florence’ Blick bekam ein gespanntes Glitzern.

Sophie zog eine Grimasse. „Na ja.“ Sie musste lachen.

„Wenn Florence mir nicht jeden Tag schwören würde, dass sie nur mich liebt … also, ich weiß nicht, was ich täte. Yannis Jouvet gehört verboten. Oder wenigstens verheiratet. Damit alle Singlefrauen wieder frei atmen können.“

„Ach, komm, du übertreibst, chéri.“ Florence gab ihm einen Klaps auf den Oberarm.

Er hatte nicht ganz unrecht, dachte Sophie. Zumindest, was sie betraf. Seit sie über ihn redeten, spürte sie ein Kribbeln unter der Haut. Beim Gedanken, ihm morgen gegenüberzustehen, befiel sie Nervosität. Gleichzeitig freute sie sich darauf.

„Wir fahren dann morgen gemeinsam zur Arbeit, Florence?“ Sie stand auf. Sie musste noch auspacken und wollte sich nach dem langen, heißen Tag eine wohlverdiente Dusche gönnen.

„Ja, wir fahren mit dem Mettis. Lade dir die App für dein Portable herunter, damit du alle Fahrpläne abrufbar hast. Wir sind ja in verschiedenen Abteilungen, so musst du dich nicht von mir abhängig machen. Aber natürlich kannst du dich jederzeit melden, wenn ich dir helfen kann.“

An der Tür drehte Sophie sich noch einmal um. „Nun hast du mir doch nichts über den Chef erzählt“, sagte sie zu Florence, „außer dass er ein Schwiegermuttertraum ist.“ Sie ging mit der Stimme am Ende hoch und warf Philippe einen Blick zu, der sich zurücklehnte und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Und schon wieder hat er eine an der Angel.“ Philippe feixte.

„Ach was, ich bin gar nicht auf der Suche nach …“, Sophie unterbrach sich. Sie sollte sich definitiv abgewöhnen, sich für alles zu rechtfertigen, was sie sagte und tat.

„Alors“, begann Florence und spitzte kurz die Lippen, als müsse sie einen Moment nachdenken. „Abgesehen davon, dass er großartig aussieht, einen durchtrainierten Körper hat, einfach alles tragen kann – selbst Bauarbeiterhelme – und stinkreich ist …“ Sie warf ihrem Mann einen Luftkuss zu. „Abgesehen davon ist er umwerfend sympathisch, weltoffen und sozial eingestellt. Er ist ein Mann, den es sonst nur im Märchen gibt.“

Beide lachten, als Philippe zu protestieren begann. Er meinte es sicher nicht ganz ernst, als er sagte: „Bestimmt hat er irgendwo eine Leiche im Keller. Ich wiederhole mich, aber ganz ehrlich: Kerle wie der gehören verboten.“ Er war neben Florence getreten, legte den Arm um ihre Taille und küsste sie in die Halsbeuge. „Mit mir bist du auf jeden Fall besser bedient, mon cœur.“

Kapitel 3

Zum Glück hielt Sophie nicht viel von Lebensweisheiten, die besagten, dass die erste Nacht in einem neuen Bett wegweisend war. Wenn das stimmen würde, hätte sie eine anstrengende und turbulente Zeit vor sich. Ihre Träume in dieser Nacht waren unruhig gewesen und … „nicht jugendfrei“, wie ihre Mutter es mit einem Augenzwinkern nennen würde, ein Überbleibsel aus ihrer leichtlebigen Vergangenheit als Tänzerin. Ihr Vater liebte sie wahrscheinlich nur wegen dieses übriggebliebenen Zwinkerns immer noch. Ihre Mutter schien damit Dinge zu versprechen, von denen Sophie nichts Näheres wissen wollte.

Mit einem Gähnen strich Sophie sich die Haare aus dem Gesicht und drehte sich auf den Rücken. Sie scannte den Raum und die Atmosphäre, wie sie es nach dem Aufwachen immer tat. Das Zimmer, die Wohnung fühlte sich gut an. Ihr Check ergab nichts, das für schlechte Stimmung sorgte. Warum dachte sie jetzt an ihre Eltern? Was hatten sie mit den unruhigen Träumen zu tun, die sie mehrmals aus dem Schlaf hatten aufwachen lassen?

Sie schloss die Augen und versuchte die Träume zu erhaschen. All ihre ehemaligen Partner waren ihr in dieser Nacht begegnet. Sie hatten sich gestritten. Besonders klar stand ihr Leon vor Augen, kein Wunder. Sie gab sich Mühe, die Beklemmung abzulegen, die jeglicher Gedanke an ihn auslöste, und konzentrierte sich auf die anderen Träume. Da war doch noch mehr gewesen.

Sie schlug beide Hände vor die Augen. Oh nein! Sie hatte einen ihrer peinlichsten Momente nochmals durchlebt. Schnell schüttelte sie den Kopf, um die Erinnerung an sich als knapp Sechzehnjährige am Kopiergerät abzuschütteln. An die Azubis um sie herum und an den supercoolen Trainee aus Frankreich, Monsieur Unwiderstehlich. Warum musste ihr Unterbewusstsein sie ausgerechnet jetzt daran erinnern?

Doch nicht nur das … Manchmal war ihre Scannernatur mit dem außergewöhnlichen Gedächtnis nur nervig. Jetzt fiel ihr nämlich ein, was sie von Monsieur Irrésistible danach noch geträumt hatte. Es war ein sehr expliziter Traum gewesen, und er hatte nichts mit ihren echten Lebenserfahrungen zu tun. Woher sollte sie die auch haben? Von Leon ganz sicher nicht. Er hatte sie niemals auf diese Art geliebt. Nun gut, den Traum vergrub sie tief in ihrem Innern. Davon brauchte niemand etwas zu erfahren. In ihrem Kopf formte sich die Frage, ob sie sich wünschte, dass er wahr werden würde. Einer Antwort darauf stellte sie sich jedoch nicht.

Endlich stand sie auf, machte sich ein kleines Frühstück und entschied sich dann überraschend schnell für ein Outfit. Eine petrolfarbene Pumphose aus leichtem, fließendem Stoff, darüber eine zimtfarbene Tunika mit Spitze, flache, helle Schuhe aus weichem Veloursleder. Sicher nicht das übliche Business-Outfit der typisch Deutschen, aber nun ja, sie arbeitete in der Kreativbranche. Da verzieh man kleine Extravaganzen. Und den Stil der Französinnen zu kopieren, traute sie sich nicht zu. Also musste sie auf ihr eigenes Urteilsvermögen bauen. Sie grinste, während sie sich im Spiegel betrachtete. Bisher hatte ihre Garderobe aus Jeans und Shirts bestanden. Wann immer möglich, trug sie Chucks in allen Farben. Nur wenn Termine mit Kunden ins Haus standen oder bei offiziellen Anlässen hatte sie sich bisher zum klassischen Büro-Outfit mit Kostüm und Bluse durchringen können. Dass sie deshalb und wegen ihrer Hornbrille eine ansatzweise nerdige Ausstrahlung hatte, nahm sie in Kauf. In der Werbebranche war sie damit keine Seltenheit.

Sie drehte sich vor dem schmalen, hohen Spiegel in der offenstehenden Tür des uralten Kleiderschranks. Mia und ihre Eltern hatten sie vergangenen Mittwoch unabhängig voneinander bestärkt und ihr gesagt, sie solle die Sachen keinesfalls umtauschen. Die Kleidung stand ihr gut und passte zu ihrer Brille und ihrem überschulterlangen, kastanienbraunen Haar. Der Zimtton des Oberteils ließ das helle Braun ihrer Augen leuchten und harmonierte mit ihrer Hautfarbe, die reifem Weizen glich. Sie war derzeit noch winterblass, doch das würde sich ändern, sobald die Sonne öfter schien. Sie hoffte darauf, dass das hier eher der Fall sein würde als im Regenloch Aachen.

Sie beschloss, ihre Haare mit einem schlichten Band im Nacken zusammenzubinden. Noch ein Blick in den Spiegel. Sie fühlte sich wohl in ihrer Haut. Gegen die kühle Morgenluft nahm sie ihre dünne Allround-Strickjacke mit, die sich jedem Kleidungsstil anpasste.

Florence wartete bereits auf sie, als sie die Treppe hinunterlief.

„Bonjour, comme tu es jolie“, murmelte sie, als sie sie mit Bises begrüßte. Sophie freute sich über das Kompliment, denn es bedeutete ihr viel, von einer Französin als „hübsch“ bezeichnet zu werden.

„Toi aussi!“ Florence trug marineblaue Röhrenjeans zu weißen Segelschuhen und darüber ein blau-weiß gestreiftes Poloshirt mit rotem Kragen. Sie hatte ein Leinensakko lose über die Schultern gehängt und die Haare in einer Banane zusammengesteckt. Abermals musste Sophie an Catherine Deneuve in jungen Jahren denken.

Der Eindruck der unnahbaren Schönen löste sich rasch auf, als die beiden Frauen zur Trasse des Mettis gingen, nach kurzer Wartezeit den Gelenkbus nahmen und in der Nähe des Kaufhauses ausstiegen. Auf ihrem restlichen Weg durch die Fußgängerzone machte Florence Sophie auf mehrere kleine Läden aufmerksam, in denen man besonders gute Baguettes oder Croissants, Macarons oder luftgetrockneten Schinken, vegane Spezialitäten, ausgefallene Schminksachen oder die neumodischsten Klamotten finden konnte. Sie winkte dabei alle paar Meter jemandem zu, rief „Salut“ oder „Bonjour“, und zwei der Ladenbesitzerinnen begrüßte sie mit Bises. Das Ganze wirkte fast dörflich, obwohl die Stadt mit den hohen Gebäuden und der Betriebsamkeit keinen Zweifel daran ließ, dass sie sich in einer Metropole befanden.

Als sie sich den Galeries Jouvet näherten, fiel Sophie auf, dass über Nacht alle Gerüste abgebaut worden waren. Man sah dem Warenhaus auf den ersten Blick nicht an, dass es noch geschlossen war. Aufsteller auf beiden Seiten des Haupteingangs verkündeten in großen Lettern den Termin der Neueröffnung am Freitag. Sophie atmete tief ein und aus, dann blieb sie vor dem ehemaligen Haupteingang stehen und betrachtete das große Mosaik mit dem Jugendstilschriftzug. Es war irgendwie sympathisch von Yannis Jouvet, dass er es nicht hatte entfernen, sondern sogar restaurieren lassen. Wenn an der Fassade der alte Name noch prangen durfte, war zu erwarten, dass der ursprüngliche Geist des Hauses nicht unterdrückt worden war. Sie freute sich darüber, ohne genau zu wissen, weshalb.

Sie war in den Grannus-Arkaden für die Werbung zuständig, hatte aber auch großes Mitspracherecht, wenn es um die Entwicklung neuer Konzepte ging. Ihre Idee, das Food-Segment auf neue Beine zu stellen und Frankreich als neuen Themenschwerpunkt mit ins Boot zu holen, war bei der Geschäftsleitung auf offene Ohren gestoßen. Sie hatte sich mit der Zeit einen Ruf erarbeitet, der ihr bei solchen Dingen zugutekam. Und nun hatten ihre Zuverlässigkeit und Sorgfalt bei der Nachhaltigkeit und Qualität der Produkte ihr diesen schönen Job in Metz eingebracht. Wenn ihr Gefühl sie nicht trog, konnte sie hier einige gute Anregungen mitnehmen.

„Schön geworden, nicht?“ Florence hatte ebenfalls den Kopf in den Nacken gelegt und das Mosaik bewundert. Nun griff sie nach Sophies Ellbogen und zog sie mit sich zu einem schmalen Durchgang zwischen dem Geschäftshaus und dem Nachbargebäude. „Komm, hier ist der Personaleingang.“

Die Räume der Geschäftsleitung und des Personalbüros lagen oberhalb der vier Kaufhausetagen in drei weiteren Stockwerken. Man brauchte einen Schlüssel, um mit dem Kundenaufzug bis hierher fahren zu können. Zwischen den Obergeschossen gab es einen Paternoster, der wahrscheinlich noch aus der Gründerzeit stammte. In dem Vertrauen, dass auch er runderneuert war, freute Sophie sich darauf, ihn zu benutzen. Wie sich herausstellte, würde das schon sehr bald der Fall sein.

 „Ich stelle dich zuerst unserer Personalchefin vor. Wir nennen sie alle nur die Madame, als wäre es ein Titel.“ Sie lächelte. „Es passt zu ihr, du wirst sehen. Sie wird wissen, wie es weitergeht. Vermutlich will der Big Boss dich kennenlernen. Er sitzt ganz oben.“ Mit einem Grinsen deutete sie zur Decke. „Ich bin bei der Kindermode im Dritten und werde den Tag damit verbringen, das Auspacken und Arrangieren der Ware zu überwachen. Bis gestern haben wir noch an der Ausstattung der Räume gearbeitet. Ich habe dann früher Schluss gemacht, um dich zu empfangen.“ Sie zog die Brauen hoch. „Ich hoffe, es stimmt, was sie mir versprochen haben, und über Nacht ist der ganze Dreck und Staub beseitigt worden.“

Dann pochte sie an eine offenstehende Glastür und betrat vor Sophie den Raum, in dem eine Frau mittleren Alters, in ein schlichtes Kostüm gekleidet, zwei Männern in Arbeitshosen Anweisungen gab. Der Raum wurde von einem übergroßen Schreibtisch beherrscht, der über Eck ging. Er lag voll mit Ordnern, losen Blättern, verschiedensten in durchsichtiges Plastik gehüllten Kleidungsstücken und mehreren Spielzeugpackungen. Außerdem standen unzählige Kartons unter dem Schreibtisch und in teils gefährlich instabil wirkenden Stapeln überall auf dem Boden verteilt. Ein kleiner Glastisch mit zwei modernen Plastikstühlen war an die Wand gerückt worden – augenscheinlich wegen der vielen Kartons, die vermutlich bis Freitag verschwunden sein mussten. Der Glastisch war übersät mit Mappen.

„Sie wissen, was zu tun ist. Ich verlasse mich auf Sie.“ Mit diesen resoluten Worten entließ die Dame die beiden Männer, bevor sie sich Sophie zuwandte. Sie musterte sie mit aufmerksamem, jedoch nicht unfreundlichem Blick.

Sollte sie als Erste etwas sagen? Durch das Schweigen verunsichert, warf Sophie Florence einen Seitenblick zu, doch diese lächelte nur. Gerade als Sophie sich anschickte, eine Begrüßung zu murmeln, kam die Dame um den überfüllten Schreibtisch herum und streckte ihr die Hand entgegen.

„Bonjour, Sie müssen die neue Mitarbeiterin aus Deutschland sein, n’est‑ce pas? Sophie Thielen? Herzlich willkommen im Hause Dumont … pardon, in den Galeries Jouvet natürlich.“ Damit ergriff sie Sophies Hand und schüttelte sie, bevor sie sich Florence zuwandte und dabei Sophies „Bonjour“ nicht zu hören schien. „Florence, haben Sie Dank. Ich habe die beiden Arbeiter gerade in Ihre Abteilung geschickt. Dort funktioniert die Technik noch nicht wie gewünscht. Wenn wir für die Eröffnungsfeier die Liliputwelt zum Laufen bringen wollen, ist da noch einiges zu tun.“

„Oh je“, Florence verzog das Gesicht. Ihre vorhin geäußerte Hoffnung zerschlug sich damit wohl gerade. „Dann wird es heute noch nichts mit Einräumen?“

„Ich fürchte nein. Aber ich habe die beiden zur Eile angehalten.“ Plötzlich wurde ihr strenges Gesicht weich. „Wir kriegen das schon hin, keine Angst. Monsieur Jouvet hat vorausschauend geplant.“ Bekam ihre Stimme einen liebevollen Klang, als sie seinen Namen aussprach? Wer war diese Frau überhaupt? Bei ihrem korrekten Getue hatte sie mal eben vergessen, ihren eigenen Namen zu nennen. Gehörte sie womöglich der Kaufmannsfamilie an, die das Haus Dumont im späten neunzehnten Jahrhundert gegründet und in den Zehnerjahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts hatte Konkurs anmelden müssen?

Diese Fragen gingen Sophie durch den Kopf, während sie Madame musterte. Sie konnte irgendwo zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig sein. Das Haar trug sie in einem pechschwarz gefärbten, strengen Pagenschnitt. Ihr Look wurde durch kräftig rot geschminkte Lippen unterstrichen. Die Augen waren lediglich mit einem dezenten Lidstrich umrandet. Die feinen Linien über der Nasenwurzel, neben den Augen und zwischen Nase und Mundwinkeln schienen Mimikfalten zu sein, die keinen Rückschluss auf ihr Alter zuließen.

Madame entließ nun Florence mit einem Winken, das wie eine unbedachte Geste aus dem Handgelenk wirkte, bevor sie sich ganz Sophie zuwandte. Erst jetzt war die Farbe ihrer Augen zu erkennen: ein metallisch wirkendes Blau. Eine alterslose, starke Frau war sie, die man sich, entsprechend zurechtgemacht, ebenso gut als Darstellerin einer Hexe in einem Historienfilm vorstellen konnte. Sophie musste lächeln, als ihr dieser Gedanke in den Sinn kam. Madame legte den Kopf schief.

„Habe ich mich überhaupt vorgestellt?“ Ihre Worte milderten den Eindruck unnachgiebiger Strenge ab, den sie mit ihrer Haltung bisher vermittelt hatte.

„Nein, das haben Sie tatsächlich nicht.“

Madame deutete ein Lächeln an, als Sophie in fließendem Französisch antwortete.

„Na, dann: Ich bin Corinne Chevalier, und wie Sie sich vermutlich schon denken können, habe ich vorher für die Familie Dumont gearbeitet. Ich bin sozusagen Teil des Inventars und kenne alle Geheimgänge im Gebäude.“ Sie lachte, sodass Sophie sich nicht sicher war, ob sie das mit den Geheimgängen nur als Metapher meinte. Sie hielt es durchaus für möglich, dass sich im Kellergeschoss irgendwelche Querverbindungen zu anderen alten Häusern befanden. Verbargen nicht alle alten Städte ihr eigenes Netz von Katakomben? Und hatte es Metz nicht schon zur Zeit der Römer gegeben?

 „Haben Sie Monsieur Jouvet schon kennengelernt?“ Mit diesen Worten rief Madame Chevalier Sophie zurück ins Hier und Jetzt. Sophies Herz ließ einen Schlag aus. Verwirrt berührte sie kurz den Anhänger der Kette auf ihrer Brust. „Ich bin ihm heute noch nicht begegnet. Allerdings kenne ich ihn von früher.“ Sie biss sich auf die Lippen. Wie befürchtet, hakte Madame sofort nach.

„Tatsächlich? Das müssen Sie mir erzählen. Ich würde Ihnen gern einen Sitzplatz anbieten, aber Sie sehen ja selbst.“

„Also, ich kenne ihn nicht wirklich, es war nur eine kurze Begegnung.“ Sie straffte die Schultern. „Ich freue mich sehr, dass ich diesen Job machen darf und bin gespannt auf die Abläufe.“

Der Themenwechsel funktionierte. Madame griff nach einem Schlüsselbund auf ihrem Schreibtisch und erklärte, sie werde Sophie alles zeigen. Sie bat sie, ihr zu folgen, führte sie an zwei Büros vorbei und stellte ihr die jeweiligen Mitarbeiter vor. Außerdem zeigte sie ihr die Kantine, in der die Belegschaft mittags ein warmes Essen einnehmen konnte, danach zwei kleinere Lagerräume, in denen Chaos herrschte. Sie schloss beide Türen wieder. „Das wird sich sehr bald ändern. Im Moment sind alle Lager überfüllt, weil die Ware zum großen Teil bereits eingetroffen ist, wir sie aber noch nicht in den Verkaufsräumen ausstellen können. Die großen Lager befinden sich übrigens in den Kellerräumen. Kommen Sie mit, wir fahren eins höher.“ Damit trat sie zu dem Paternosteraufzug und machte einen Schritt in die Kabine, die gerade vorbeifuhr. Als sie bemerkte, dass Sophie ihr nicht folgte, bückte sie sich, unaufhaltsam höhergleitend. „Steigen Sie einfach ein, es ist kinderleicht.“ Damit entschwand sie Sophies Blicken.

Zögerlich traute Sophie sich nun ebenfalls, den langsam hochfahrenden Aufzug zu betreten. Ihr Herz klopfte wie damals, als sie zum allerersten Mal alleine hatte Karussell fahren dürfen. Die Kabine war nicht mehr als einen Meter breit und zwei Meter hoch. Es war ein eigenartiges Gefühl, so die Stockwerke hinaufzufahren. Was würde eigentlich geschehen, wenn man auszusteigen vergaß? Standen die Kabinen auf dem Kopf, wenn sie wieder herunterfuhren? Das hatte sie sich schon als Kind immer gefragt. Bis heute hatte sie es nicht überprüfen können, aber ihre kindliche Angst war sicher unbegründet.

Zuerst erblickte sie die Schuhe, dann die Unterschenkel und schließlich den Rest von Madame Chevalier und wusste, dass sie hier aussteigen musste.

„Na, war gar nicht schlimm, n’est‑ce pas?“

In diesem Stockwerk lag ein Büro neben dem anderen, und für einen Moment wunderte sich Sophie darüber, dass es so viele waren. In Aachen gab es nur ein paar Großraumbüros, in denen alle Angestellten ihre Arbeitsplätze hatten. Lediglich für die Geschäftsleitung standen zwei Einzelbüros zur Verfügung. Eine Sekunde musste Sophie an ihre Schreibtischnachbarn in Aachen denken. Ob sie sie vermissten? Ihr Platz blieb frei, bis sie zurückkam, das hatte man ihr versprochen. Der Gedanke an die Kollegen zu Hause wärmte sie.

„Vor der Renovierung haben wir darüber nachgedacht, die Wände zwischen den Büros einzureißen, aber die Mehrzahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben dafür gestimmt, es so zu lassen.“ Madame Chevalier zeigte in den Flur hinein, von dem rechts und links Türen abgingen. „Stattdessen haben wir Glastüren und Fenster eingebaut, damit man trotzdem Blickkontakt hat – zumindest teilweise.“

„Das gefällt mir“, sagte Sophie. „So ist es sicherlich einfacher, sich zu konzentrieren.“ Die Namen der Bürokräfte standen an den Türen. Ein Glück, denn es würde schwer werden, sich in der kurzen Zeit alle zu merken. Sophie verspürte eine wachsende Nervosität und Ungeduld. Sie wollte Yannis Jouvet endlich offiziell kennenlernen … oder wollte sie es vielleicht einfach nur hinter sich bringen?

„Ihr Büro ist oben, beim Chef“, sagte Madame und schien Sophie zu fixieren. Ihre Stimme klang, als verstünde sie nicht ganz, wieso die Deutsche ein Büro im obersten Stockwerk bekam, wo sie selbst unmittelbar über den Verkaufsräumen saß.

Sophie schluckte trocken.

„Kommen Sie, fahren wir zu ihm.“

Kapitel 4

Sophie hatte kaum Zeit, ihre Gefühle zu analysieren und alles zu verarbeiten, was ihr innerer Scanner ihr verriet. Zunächst musste sie sich eingestehen, dass ihr Puls sich weiter beschleunigt hatte. Auch wenn sie es gern mit dem Fahren im Paternoster begründet hätte, war ihr doch klar, dass die Ursache dafür eine andere war. Obwohl sie dicht neben Madame stand und deren dezentes Parfum riechen konnte, filterte ihre Nase, sobald sie das nächste Stockwerk erreichten, einen Geruch heraus, den sie instinktiv zuordnen konnte. Es war der von Yannis Jouvet.

Sie mochte diesen Geruch nach Sandelholz und einer Prise von Ingwer, den sie bisher noch nie an einem Mann gerochen hatte. Außer gestern in ihrem Wagen, weshalb sie ihn zweifelsfrei dem Mann zuordnen konnte, der ihn verströmte. Nicht deine Liga, war ihr nächster Gedanke, und darüber täuschte auch ihre Kleidung nicht hinweg, die für ihre Verhältnisse nicht nur außergewöhnlich, sondern auch außergewöhnlich teuer gewesen war.

Während sie unaufhaltsam weiter nach oben glitten, versuchte Sophie ihren Herzschlag unter Kontrolle zu bringen und sich damit zu beruhigen, dass es keineswegs in ihrer Absicht lag, in der Liga eines Yannis Jouvet zu spielen. Sie befahl ihren Synapsen, den Empfang auf das Wesentliche zu beschränken. Aber was war das Wesentliche? Der offensichtlich neu verlegte Parkettboden, die Kunstdrucke mit Motiven von Niki de Saint Phalle, die Wände mit Glaselementen, die Einblick in die Räume dahinter gewährten?

Ihr Weg durch den Flur an geschmackvoll eingerichteten Räumen vorbei, deren Aufgabe Sophie noch nicht ganz klar war, erinnerte sie an die Wartezeiten vor Beginn der Bachelorprüfungen im Studium, derartig angespannt fühlte sie sich. Wo blieb ihre Professionalität?

Sie gelangten an ein Zimmer, das offensichtlich ein Büro war und ihr auf Anhieb gefiel. Vermutlich das Reich der Chefsekretärin. Madame blieb jedoch nicht stehen, sondern steuerte zielstrebig die gegenüberliegende Tür an. Sie war als einzige nicht durchsichtig, sondern milchig. Hinter dem Glaselement war ein weißes Rollo heruntergelassen, sodass man nicht in den Raum hineinsehen konnte. Ah ja, der Chef hatte gern Einblick in alle Räume, hielt sich selbst jedoch versteckt, wenn es ihm gerade passte.

Madame zog ihr Kostümjäckchen zurecht, straffte den Rücken und lächelte Sophie an. „Bringen wir es hinter uns.“

Hatte sie richtig verstanden? Bringen wir es hinter uns? Welch eigenartige Formulierung.

Madame Chevalier klopfte an die Tür und wartete, bis eine dunkle Stimme „Herein“ rief, dann öffnete sie die Tür und ließ Sophie den Vortritt.

Sophie konnte Yannis Jouvet nicht sogleich entdecken. Also ließ sie ihre Blicke über die Bürolandschaft schweifen – anders konnte man das, was sie sah, nicht nennen. Alles war groß, neu und edel. Auch hier hing ein Druck von Niki de Saint Phalle. Oder war es ein Original? Die anthrazitfarbene Ledercouchgarnitur in der Ecke hätte für eine zehnköpfige Familie gereicht. Der Flachbildschirm an der Wand hatte fast die Ausmaße einer Kinoleinwand. Am Schreibtisch konnten mindestens drei Personen gleichzeitig arbeiten, ohne sich ins Gehege zu kommen. In einer Nische zwischen zwei dunklen Holzregalen stand ein Schweizer Kaffeevollautomat. Die Außenwand bestand aus Glas, eine offene Balkontür führte auf eine Dachterrasse. Darauf standen Gartenmöbel aus Korbgeflecht zwischen Kübelpflanzen, die Knospen trugen.

„Ah, Sie haben den Oleander entdeckt“, erklang Yannis Jouvets Stimme von irgendwo hinter dem Schreibtisch. Endlich konnte sie ihn sehen, als er vom Boden aufstand – was hatte er dort unten gemacht? – und sich die Hände rieb, als wolle er sie von Staub befreien. „Herzlich Willkommen, Madame Thielen.“ Er lächelte, dann wandte er sich an Madame. „Ich danke Ihnen, Corinne. Wenn nichts mehr ist, können Sie wieder nach unten gehen. Sicher stehen die Leute vor Ihrer Bürotür Schlange.“ Er kam um den Tisch herum und deutete zur Tür.

„Ja, ich gehe dann mal wieder. Merci.“ Beinahe rechnete Sophie damit, dass sie vor dem Chef knicksen würde, doch Madame drehte sich um, warf ihr einen letzten – bedauernden? mitleidigen? – Blick zu und ging eiligen Schrittes zurück zum Paternoster. Der hatte aufgehört, sich zu bewegen, fiel Sophie auf, sein stetiges Brummen war verstummt, doch er sprang an, sobald Madame die Kabine betrat.

„Der Paternoster – eines der Relikte im Haus, die ich bewahren wollte.“ Wärme klang aus Yannis Jouvets Stimme, der offenbar Sophies Blick gefolgt war und nun die Bürotür zuzog. Sie drehte sich zu ihm um und betrachtete ihn in aller Ruhe, wie sie es gern tat, wenn sie jemanden kennenlernte. Seinen schwarzen, etwas störrischen Schopf, die hohe Stirn. Seine Augen waren kaum heller als seine Haarfarbe, sein Blick offen. Sophie erschien es eine Sekunde, als erkenne sie darin etwas wieder, das sie selbst tief in ihrem Innern verschlossen hielt, doch sie schob den Eindruck rasch zur Seite. Sein Gesicht war kantig, nicht schmal, die Lippen sinnlich und trotzdem streng. Bevor sie sich dazu hinreißen ließ, auch seinen Körper, der in Jeans und ein schlichtes, weißes Hemd gekleidet war, mit ihrem Blick abzutasten, stieß sie ein verlegenes Lachen aus, das sie von sich gar nicht kannte. Er hatte ihre Musterung kommentarlos über sich ergehen lassen.

Linkisch streckte sie ihm die Hand entgegen. „Bonjour, Monsieur Jouvet. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Er erwiderte ihren Druck fest und kurz, dann ließ er ihre Hand nach einem weiteren kleinen Moment wieder los. In seinen Wangen erschienen die Grübchen, als er lächelte. Niemals hatte Sophie einen Menschen mit einer derartigen Ausstrahlung erlebt. Das musste die Wirkung sein, die Philippe Aubrun gestern Abend scherzhaft hatte verbieten lassen wollen.

„Wir sind uns bereits begegnet, nischt wahr?“ Er wechselte ins Deutsche. Seine Stimme bekam dadurch eine etwas dunklere Farbe. Eigenartig.

„Ja, also … gestern meinen Sie?“ Sie verstummte. Erinnerte er sich inzwischen an das junge Mädchen in Aachen? Sie hatte sich in all den Jahren verändert, und sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr Name damals gefallen wäre, als sie vor ihm gestanden hatte. Oder vielmehr gesessen hatte. Sie verscheuchte die Erinnerung.

„Läuft Ihr kleiner Franzose wieder?“

Sie rollte nachdenklich mit den Augen und hörte sofort damit auf, als sie in ihrem Kopf Mias Stimme zu hören glaubte, die sie mit dieser Marotte – einer von vielen – ständig aufzog. Dann verstand sie, dass er auf ihren Twingo anspielte, und nickte lachend. „Ja“, ihr Nicken ging in eine verneinende Geste über. „Oder vielmehr, ich bin mir nicht sicher.“

Er deutete mit der Hand auf einen der Sessel. „Möchten Sie einen Kaffee? Bitte, setzen Sie sich doch.“

„Ja, gerne, ein Cappuccino wäre wunderbar.“

Während er sich an dem Kaffeeautomaten zu schaffen machte, fragte er: „Was heißt, Sie sind sich nicht sicher?“

„Ich bin gestern damit noch durch die Stadt zu meiner Wohnung gefahren, aber er ist mir zweimal vor einer roten Ampel ausgegangen. Ich denke, ich muss ihn durchchecken lassen.“

Er kam zu Sophie und reichte ihr eine Tasse, auf deren Untertasse ein Stück Zucker neben dem Löffel bereitlag. Seinen eigenen Kaffee stellte er auf dem Tisch ab. Sophie ließ den Zucker liegen, rührte das Gebräu um und nahm einen Schluck. Es schmeckte köstlich. Langsam fühlte sie sich sicherer. Sie war aus beruflichen Gründen hergekommen, und gleich würden sie über die Arbeit reden. „Im Moment brauche ich das Auto ja nicht. Der Mettis ist toll. Damit bin ich viel schneller, als wenn ich selbst durch die Stadt kurven würde.“

„Ja, das finde ich auch. Ist Ihre Wohnung angenehm? Ich hatte Madame Chevalier gebeten, eine angemessene Unterkunft für Sie zu finden.“ Er runzelte kurz die Stirn. „Ich habe noch keine eigene Sekretärin und muss gestehen, dass ich diverse Arbeiten auf verschiedene Mitarbeiter verteile.“

„Oh, ja, ich wohne im Haus von Florence Aubrun aus der Kinderabteilung. Es ist eine gemütliche kleine Wohnung, perfekt für einen Single.“ Sie schloss die Augen. Warum hatte sie das mit dem Single gesagt? Sie sah ein Lächeln in seinem Gesicht, als sie die Lider wieder öffnete. Er würde doch nicht denken, dass sie mit ihm flirtete? Er schwieg, und das verunsicherte sie. Er war nicht auf klassische Art schön, sondern eher auf jungenhafte. Sophie erwischte sich dabei, im Ausschnitt seines Hemdes nach Körperbehaarung zu suchen. Als sie dort nicht fündig wurde, nahm sie seine Hände in Augenschein. Sie waren glatt.

„Florence Aubrun, richtig. Sie ist eine sehr fähige Mitarbeiterin. Sie wird Ihnen vieles zeigen können, sie war vor der Übernahme schon hier. Ihr Vater hat bei der Planung dieses wunderbaren Büros geholfen.“

Sie betrachtete den Raum. „Das ist wirklich beeindruckend. Ein schöner Arbeitsplatz.“

„En effet“, er wechselte die Sprache, wie es ihm gerade in den Sinn kam. Sophie genoss es, ihm darin folgen zu können. Sie liebte Französisch und hatte es nach der Schule in Sprachkursen vertieft. Glücklicherweise war sie in den meisten Dingen des Alltags nicht schüchtern, wenn man von Männern mal absah. Anders als die meisten in ihrer Schule hatte sie sich immer getraut, drauflos zu reden. So hatte sie sowohl ihr Englisch als auch ihr Französisch recht schnell auf ein sicheres Niveau gebracht. Schon allein wegen dieser Fähigkeiten besuchte sie jährlich die größeren europäischen Lebensmittelmessen, die für die Grannus-Arkaden von Interesse waren. Es machte ihr großen Spaß, mit Yannis Jouvet zwischen den Sprachen hin- und herzuspringen, auch wenn – oder gerade weil – gelegentlich die Jouvet-Grübchen aufleuchteten, wenn sie eine Formulierung vermutlich ein bisschen zu sehr dem Deutschen anpasste. Umgekehrt fand sie seine französischen Zischlaute, wenn er Deutsch sprach, fast beunruhigend sexy.

Sie fragte sich, warum er so lange Small Talk mit ihr machte. Sicherlich hatte er vor der Neueröffnung noch viel zu tun, und bis dahin waren es nur noch zweieinhalb Tage. Der Gedanke, dass er ihre Gesellschaft genoss, schmeichelte ihr zwar, doch sie verwarf ihn gleich wieder. Außer einem gelegentlich etwas längeren Blick aus seinen hellwach wirkenden Augen gab er ihr keinen Grund zu der Vermutung, dass er ihr mehr Interesse schenkte als irgendeiner anderen Angestellten. Allerdings fühlte sie sich auch nicht wie eine Untergebene behandelt, vielmehr relativierte das gemeinsame Spiel mit den Sprachen ihren anfänglichen Vergleich mit den ungleichen Ligen sogar ein bisschen. Sie bemerkte, dass sie sich in seiner Gegenwart entspannte und ihr interner Scanner zur Ruhe kam. Gemeinsam lachten sie über Scherze, die sie über die Sprachen und Kulturen ihrer Länder machten. Sophie fühlte sich wohl. Trotzdem kamen sie irgendwann an den Punkt, an dem es um ihre konkrete Arbeit gehen musste. Auf ihre Frage, womit sie anfangen solle, stand er auf. Sie tat es ihm gleich.

„Fürs Erste brauchen wir Sie zur Unterstützung unseres Innenausstatters. Die Feier ist bereits komplett durchgeplant, wie Sie sich denken können. Jean‑Jacques wird jede helfende Hand brauchen. Insbesondere solche, die Erfahrung mit derartigen Veranstaltungen haben. Die haben Sie doch?“

„Oh ja, größere Feiern und Events in den Grannus-Arkaden organisiere ich auch immer.“

Yannis Jouvet war um seinen Schreibtisch herumgegangen und griff nach einer Mappe. Dann drehte er sich zur Seite und wandte sich einem Tisch zu, auf dem ein großer, hochmoderner Drucker stand. Er drückte auf einen Knopf. „Ob das Ding endlich funktioniert?“ Das Gerät sprang an und gab surrende Geräusche von sich. Anscheinend hatte er vorhin daran herumgefuhrwerkt, als sie und Madame ins Büro gekommen waren und sie ihn nicht hatte entdecken können. Er musste auf dem Boden gekniet haben.

Er drehte sich freudestrahlend um. „Läuft. Ehrlich gesagt waren mir die altmodischen Kopiergeräte lieber als diese All-in-one-Geräte.“ Er hielt inne. „Benutzen Sie noch die alten Kopierer?“

Sophie stieg Hitze in die Wangen. War das eine Anspielung auf ihre damalige Begegnung? Sie stieß einen Huster aus. Sein Blick war abwartend und offen. Pokerte er so gut oder fiel ihm nicht auf, was er gerade gesagt hatte? Wahrscheinlich erinnerte er sich gar nicht an sie, so musste es sein.

Sophie hatte damals einen schulterlangen Bob mit Pony getragen. Heute waren ihre Haare länger, und der Pony war längst Geschichte. Die damalige Brille war kantig, dunkelrot und relativ schmal gewesen, während sie jetzt ein großes, braun meliertes Horngestell trug. Vielleicht waren ihre Wangen auch nicht mehr so kindlich rund, wodurch ihr Gesicht insgesamt schmaler wirkte. Außerdem hatte sie sich an jenem Abend stark geschminkt gehabt.

Yannis wartete noch immer auf ihre Antwort, sein Lächeln war arglos und offen. Nein, offenbar brachte Yannis Jouvet die Teenager‑Sophie nicht mit der Frau in Zusammenhang, die vor ihm stand.

„Wir haben noch einen letzten dieser Dinos im Flur stehen, aber ansonsten arbeiten wir ebenfalls mit Plottern, die auch scannen und kopieren.“ Die Hitze auf ihren Wangen ebbte ab. „Sie haben recht, die sind anfälliger als die alten Geräte.“

Yannis Jouvet kam wieder um den Schreibtisch herum und streckte Sophie die Mappe entgegen. „Bitte sehr, das soll ich Ihnen von Jean‑Jacques geben. Er hat alles ausgedruckt, was für die Eröffnung wichtig ist. Deko und Blumen, Catering, Ablauf, Musik. Ich zeige Ihnen Ihr Büro, damit Sie sich in die Unterlagen vertiefen können, und wenn Sie damit fertig sind, stelle ich Sie unserem Meister der Harmonie vor.“ Seine Grübchen entpuppten sich mehr und mehr als Eyecatcher, je öfter er sie zeigte.

„Meister der Harmonie?“, fragte Sophie, als er ihr voraus in den Flur trat. Er ging zu dem Büroraum gegenüber, den sie vorher bereits gesehen und für das Reich der Chefsekretärin gehalten hatte. Davor blieb er kurz stehen, um ihr zu antworten.

„Ja, er hat ein untrügliches Auge für Farben und Formen, und er kann sich alles bis ins kleinste Detail vorstellen, bevor er es real vor Augen hat. Von ganzem Herzen Innenausstatter. Bitte sehr: Das ist Ihr Büro.“ Er öffnete die Glastür zu dem Raum, der in hellen Farben gehalten war.

Auf der linken Seite waren eine kleine, cremefarbene Ledercouch und zwei Sessel um einen Beistelltisch mit Milchglasplatte gruppiert. An der Wand darüber hing ein Flachbildschirm, der jedoch nicht die Ausmaße hatte wie der ihres Chefs. Ein riesiger Schreibtisch inmitten des Raums, ebenfalls mit einer Platte aus Milchglas, zu dessen beiden Seiten je ein weißer Lederstuhl bereitstand, vervollständigte das Bild. Auf dem Tisch entdeckte Sophie einen ultraschmalen Bildschirm und eine Tastatur sowie eine ergonomisch geformte Maus. Unter dem Schreibtisch erkannte sie den Rechner, daneben, auf einem entsprechenden Möbelstück, stand ein Plotter, mit dem sie vermutlich sogar Plakate ausdrucken konnte. Neben dem Fenster, das die Hälfte der Außenwand einnahm, stand ein Flipchart. Auf einem Sideboard aus hellem Holz entdeckte Sophie einen Kaffeevollautomaten neben einem kleinen Regal, in dem Porzellangeschirr und Gläser bereitstanden. Ein leeres Wandregal wartete darauf, mit Ordnern gefüllt zu werden. Auch hier roch alles neu, und durch das offene Fenster wehte frischer Wind herein.

„Aber das …“ Sophie drehte sich langsam um und bestaunte das Büro. Es war purer Luxus! Sie bemerkte, dass die Tür und das Glaselement freie Sicht auf den größten Teil des Flurs boten – und auf das Büro von Yannis Jouvet, sobald er das Rollo öffnete. Somit hatte er diesen Raum und die Person, die darin saß, unter Kontrolle, wenn er es wünschte. Und hier sollte sie arbeiten? Jetzt verstand sie den etwas missgünstigen Blick von Madame. Oder war er doch eher mitleidig gewesen?

„Quoi: ‚aber das‘? Gefällt es Ihnen nicht?“

Sie blieb stehen. Ihr Chef spitzte die Lippen. Seine Mimik irritierte sie.

„Oh, doch, es ist traumhaft!“

Bei dem schwärmerischen Wort huschte ein Lächeln über seine Züge. „Aber? Ich höre in Ihrer Satzmelodie ein Aber …“

„Ich frage mich, ob es für die Belegschaft okay ist, wenn ich dieses Büro bekomme. Ich meine, das steht eigentlich Ihrer Chefsekretärin zu.“

„Ich habe keine Chefsekretärin, das Büro ist unbenutzt.“

Das bedeutete, dass er noch nicht nach einer Sekretärin gesucht hatte. Oder dass er Sophie woanders hin verfrachten würde, sobald er eine hatte. Auch gut. „Was ist mit Madame Chevalier?“ Sie unterbrach sich, weil sie nicht wusste, wie sie den Satz beenden wollte.

„Madame Chevalier?“ Er hob eine Augenbraue.

„Nichts, ich meinte nur, dass sie vielleicht gern hier oben, von hier oben aus, ähm, arbeiten würde.“

„Würden Sie lieber mit ihr tauschen?“ Er legte die Hand an sein Kinn, als dächte er über die Idee nach, und strich sich mit dem Zeigefinger über die Lippen. Verlegen wandte Sophie den Blick ab und sprach zum Boden weiter.

„Nein, das meine ich nicht. Es ist ein wunderbares Büro. Ich werde mich hier wohlfühlen.“ Sie sah hoch und bemerkte, dass er ihren Körper betrachtet hatte. Sie mochte es nicht, wenn Männer sie auf diese Art ansahen. Doch bei ihm schien es ihr nichts auszumachen. Sein Blick ließ kein tiefergehendes Interesse erkennen oder ob sie ihm gefiel oder nicht. Es war eher der Ausdruck eines Einkäufers, der Waren begutachtete. Geschäftsmäßig. Oder machte er sich Gedanken über ihren Aufzug? Erwartete er von ihr eine ähnliche Tracht wie Madame sie trug? Sie reckte das Kinn vor, ging um den Schreibtisch herum und legte die Mappe ab.

Er lächelte. „Nun, das hoffe ich. Falls ich es noch nicht gesagt habe: Herzlich Willkommen in den Galeries Jouvet.“ Er reichte ihr über den Schreibtisch hinweg nochmals die Hand. Für einen Moment fühlte es sich an, als würde er durch die Berührung tiefer in sie hineinblicken. Was für eine seltsame Empfindung! Sie zog ihre Hand zurück, die er noch immer festhielt. Vielleicht war er psychologisch geschult und ein Taktierer? Nun, das würde sie noch herausfinden.

Sie fand ihn sympathisch und mochte seine Gesellschaft. Andererseits war er irgendwie unberechenbar. Seine Mimik, aber auch die Art wie er sprach – das war anders als alles, was sie bisher kennengelernt hatte. Vielleicht hing es damit zusammen, dass er Franzose war und wohlhabend und erfolgreich. Er war im Süden geboren und hatte dort lange Jahre gelebt. Vielleicht spielte das ebenfalls eine Rolle. Sophie wusste, dass seine Familie eine Hotelkette an der Côte d’Azur führte. Es machte ihn noch einen Ticken sympathischer, dass er einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen hatte. Andererseits – auch die Galeries Jouvet gehörten seiner Familie. Sein Onkel war es, Hugo Jouvet, der die Warenhauskette von seinem Vater und Großvater geerbt hatte. Insofern, revidierte sie ihren Gedanken von eben wieder, hatte er sich doch in ein gut gepolstertes Nest setzen können.

„Vielen Dank, Monsieur Jouvet. Ich beginne dann mal mit der Durchsicht.“

Ein metallisch klingendes Läuten unterbrach sie. Er griff in seine Jeanstasche und zog ein Smartphone heraus, warf einen Blick darauf und hob die Hand, ein Winken andeutend. „Pardon!“ Damit drehte er sich um und verließ ihr Büro. Bevor er seine eigene Tür öffnete, hörte sie, wie er „Lucille?“ ins Telefon sagte. Dann schloss sich die Tür hinter ihm.

Sophie fühlte sich plötzlich allein in dieser Flucht heller, luxuriöser Räume, die weniger nach Arbeit als nach einem modernen Hotel aussahen. Ernüchtert hängte sie ihre Tasche über die Stuhllehne und zog ihre Strickjacke aus. Meine Güte, hatte sie das alte Teil die ganze Zeit angehabt?

Sie suchte nach einer Garderobe und fand sie neben der Tür. Dort hängte sie die Jacke auf einen Bügel und bemerkte, dass das Rollo im Chefbüro nicht ganz blickdicht war. Yannis stand offenbar direkt an der Glasfront vor der Dachterrasse. Sie konnte schemenhaft seine Gestalt erkennen. Noch immer hielt er das Telefon ans Ohr. Nach seinen Bewegungen zu urteilen, war es ein lebhaftes Gespräch. Seine Stimme hatte, als er „Lucille sagte, den Klang geändert. Sie war zu einer Stimme geworden, die man hatte, wenn man mit jemandem sprach, den man schon sein Leben lang kannte. Oder mit dem man sehr vertraut war. Den man vielleicht liebte.

Langsam ging Sophie zurück und ließ sich in den Bürostuhl sinken. Es überraschte sie nicht im Mindesten, dass sie darauf saß wie auf einer Wolke. Alles hier entsprach dem neuesten ergonomischen Standard. Zweifellos war auch die Computermaus so geformt, dass sie die geringstmögliche Belastung bereitete. Vor der Tastatur war ein kleines Polster für die Handgelenke angebracht. Perfekt. Sie schaltete den Rechner ein, rutschte ein Stück zur Seite und öffnete die Mappe.

Kapitel 5

Yannis Jouvet ließ sich an diesem Vormittag nicht mehr blicken, das Rollo in seinem Büro blieb unbewegt. Als Sophie hungrig wurde, dachte sie darüber nach, ihn zu fragen, ob er mit ihr in die etwas verspätete Mittagspause gehen wollte. Entschlossen ging sie aus ihrem Büro hinaus und blieb vorm Chefbüro stehen. Nur Sekunden später ließ sie die Hand, die sie bereits zum Anklopfen erhoben hatte, wieder sinken. Was für eine absurde Idee! Was würde er wohl von ihr denken, wenn sie mit dieser unmöglichen Frage bei ihm hereinplatzen würde? Nichts deutete darauf hin, dass er überhaupt in seinem Büro war. Allerdings hatte sie ihn nicht hinausgehen sehen, und er musste ja an ihrer Tür vorbei, wenn er das tat.

Vielleicht betrachtete er gerade ihren Schatten vor dem Milchglas? Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Hastig drehte sie sich um, ging zum Paternoster und fuhr damit hinunter in das Stockwerk, in dem Madame ihr die Kantine gezeigt hatte. Am Essensduft, der im Flur hing, erkannte sie, dass sie hier richtig war.

Nach der Ruhe in ihrem Büro fühlte sie sich wie in eine andere Welt versetzt. Alles war modern und zweckmäßig und sauber – aber es summte vor Betriebsamkeit. Sie folgte ihrer Nase. Kaum, dass sie den großen Raum betreten hatte, in dem mehrere, etwa zur Hälfte besetzte Tischgruppen verteilt waren, erklang ein Ruf: „Sophie!“

Sie sah sich um und entdeckte Florence, die ihr von einem Tisch aus zuwinkte. Erfreut ging sie zu ihr. Sie würde ihr bestimmt erklären, wie das hier alles funktionierte. Tatsächlich stand Florence von ihrem Platz auf und sagte zu dem modisch gekleideten Typen an ihrem Tisch: „Wir sind gleich wieder da.“ Dann begleitete sie Sophie an der Essensausgabe entlang und zeigte ihr, wo sie alles fand.

Kurz darauf setzte sich Sophie mit an ihren Tisch. Florence sagte: „Jean‑Jacques, darf ich vorstellen? Das ist Sophie Thielen, unsere Mitarbeiterin aus Aachen. Sophie, das ist unser Maître d’Harmonie, Jean‑Jacques Lerêve, der schon ganz scharf darauf ist, dich kennenzulernen. Er hat mir gesagt, dass du in deiner ersten Zeit ihm zugeordnet bist.“

Sophie erkannte sofort, dass Jean‑Jacques eine Künstlerseele beheimatete. Außerdem war er schwul. Beides, seine künstlerische und seine homosexuelle Neigung stellte er mit seiner Kleidung und Gestik deutlich zur Schau. Es entspannte das Kennenlernen von der ersten Sekunde an. Sophie legte jegliche Unsicherheit ab, die sie sonst oft Männern gegenüber verspürte. Sehr schnell entdeckten sie im Gespräch über ihre bisherige Arbeit eine gemeinsame Leidenschaft: Beide bevorzugten beim Entwerfen neuer Werbelogos oder Flyer ein unorthodoxes Designprogramm, das nur wenige ihrer Kollegen und Kolleginnen überhaupt anwenden konnten.

„Das ist wunderbar“, rief Jean aus. „Dann brauche ich meine Dateien nicht zu konvertieren, und wir können uns all unsere Ideen einfach so hin- und herschicken und bearbeiten.“ Er beugte sich zu ihr vor und pustete eine Locke aus seiner Stirn, die sich immer wieder aus der Tolle auf seinem Kopf löste, um vor seinem linken Auge herumzubaumeln. Als sie kurz darauf feststellten, dass sie auch dieselben Designkünstler mochten, stand Florence lachend vom Tisch auf und griff nach ihrem Tablett: „Ich sehe schon, ihr braucht mich vorerst nicht mehr. Viel Spaß euch beiden. Ich bin gespannt, was ihr für die Eröffnung zaubert.“

Sophie begleitete Jean‑Jacques anschließend in dessen Büro. Er schob einen Haufen Stoffproben von einem Stuhl und trug ihn hinter seinen Schreibtisch, damit sie sich neben ihn setzen konnte. Gemeinsam besprachen sie anhand seiner Pläne den Ablauf der Eröffnungsfeier. Sophie machte ihm ein paar Vorschläge, die er sofort begeistert übernahm. Dann teilten sie die restlichen Aufgaben untereinander auf. Sophie erstellte ein Dokument, auf das beide an ihrem Arbeitsplatz zugreifen und in dem sie Erledigtes abhaken konnten.

„Das muss die deutsche Gründlichkeit sein, von der alle reden.“ Jean‑Jacques warf ihr einen bewundernden Blick zu. „So fühle ich mich viel sicherer, weißt du das? Ich habe jetzt keine Angst mehr vor Freitag.“

„Hattest du denn Angst?“

„Hm, du kennst den Chef nicht. Ja, ich hatte Angst. Allerdings war diese Nummer für einen allein auch einfach zu groß. Deshalb habe ich etwas gewagt.“ Er tippte wild auf seine Tastatur ein, um einen Pfad für alle Dokumente anzulegen, den Sophie von ihrem Büro aus wiederfinden würde. „Madame – du kennst sie bereits, oder?“

Sophie nickte.

„Also, bei Madame habe ich einen Stein im Brett, obwohl ich noch recht neu in dem Laden bin. Ich gehöre nicht zum Inventar.“ Er griff mit zwei Fingern nach der Strähne vor seinem Auge und schob sie vorsichtig zwischen die mit viel Gel fixierten Haare über seiner Stirn, damit sie nicht sofort wieder herausrutschen konnte. Sophie fragte sich unwillkürlich, ob er sie absichtlich immer herunterrutschen ließ.

„Du verstehst dich also gut mit Madame Chevalier“, versuchte sie, ihn zum Weiterreden zu bewegen.

„Ja. Und ich habe sie gefragt, wer sich auf die Stelle beworben hat. Monsieur Jouvet wollte gern jemanden von den Grannus-Arkaden einstellen, weil er das Konzept des Unternehmens kennt und viel davon hält.“

Sie nickte.

„Es gab noch andere Bewerbungen, weil die Ausschreibung auch in einer französischen Zeitung veröffentlicht wurde. Darunter müssen ein paar sehr interessante Anwärter gewesen sein. Eine davon kam sogar aus Paris von den Galeries Lafayette. Kannst du dir das vorstellen?“ Er wandte den Blick zur Bürodecke. „Weißt du, was das für uns bedeutet, wenn sich sogar jemand von denen bewirbt?“

„Wow, ja.“

„Jedenfalls habe ich deine Bewerbung gesehen, und ich habe mich für dich ausgesprochen.“

„Tatsächlich? Das hast du?“

„Ja. Ich bin dem Chef vor ein, zwei Wochen über den Weg gelaufen, hab mich überwunden und ihn angesprochen.“ Er hielt inne, und an seinem verträumten Lächeln erkannte Sophie, dass das Gespräch für ihn wohl gut verlaufen sein musste. „Ich sagte ihm, dass ich es großartig fände, wenn du zu uns kämest. Er wollte wissen, warum, und ich sagte, dass hier ein bisschen deutsche Gründlichkeit nicht schaden würde.“ Er errötete leicht und feixte. „Ich bin ein Chaot, das weiß ich selbst, aber der Chef hatte meine Ideen schon gesehen und mir diesen Spitznamen verpasst. Kannst du dir das vorstellen? Maître d’Harmonie, moi!“ Er kicherte. „Bisher hat das noch niemand erkannt. Alle haben immer nur mein Büro gesehen und die Unordnung darin. Aber er …“

„Also wolltest du mich, weil du dachtest, ich bin eine typische Deutsche?“ Sophie wusste nicht genau, warum die Vorstellung sie enttäuschte.

„Nein, ich wollte dich, weil ich das Gefühl hatte, dass es passt. Ich hatte das Foto auf der Bewerbung gesehen und deine Referenzen. Natürlich habe ich recherchiert und Bilder von den Ausstellungen angeschaut, die du auf die Beine gestellt hast. Die haben mir alle gefallen. Du hast einen außergewöhnlichen Blick. Da kommt das Deutsche in dir nur noch dazu, und das ist nicht abwertend gemeint, im Gegenteil.“

„Ja, schon gut“, Sophie lachte. „Ich glaube dir ja.“

„Weißt du, als ich mit ihm darüber redete, traf er seine Entscheidung ganz schnell. ‚Sie haben recht, Jean‑Jacques‘, sagte er und: ‚Eigentlich habe ich es von Anfang an gewusst‘.“

Eigentlich habe ich es von Anfang gewusst. An diese Worte erinnerte sich Sophie, als sie am späten Nachmittag zu ihrem Büro zurückkehrte. Mit Jean‑Jacques hatte sie stundenlang über dem Konzept für die Feier gebrütet. Seine Unsicherheit bezüglich der Häppchen, die bei der Eröffnung gereicht werden sollten, hatte sie mit Ideen aus ihrer Aachener Zeit ausbügeln können. Sie fühlte sich aufgeregt und zufrieden, während sie im Paternoster nach oben glitt.

Als sie den Fuß auf den Flurboden setzte und einen schnellen Schritt nach vorn machte, spürte sie einen Anflug wunderbarer Leichtigkeit. Es war bestimmt schon ein Jahr her, dass sie sich so glücklich gefühlt hatte – noch bevor Leon sich von ihr getrennt hatte. Um ehrlich zu sein, hatte sie dieses Freudenkribbeln zum letzten Mal erlebt, als Mia ihr von ihren Hochzeitsplänen berichtet hatte. Es hatte also nicht einmal etwas mit Leon zu tun gehabt.

Lächelnd schritt sie auf ihre Bürotür zu. Endlich konnte sie sich wieder über die kleinen Dinge des Lebens freuen. Sie hatte es vermisst, dieses kindliche Gefühl, das eigentlich typisch für sie war. Als sie die Hälfte des Flurs hinter sich gebracht hatte, öffnete sich die Milchglastür. Sie straffte die Schultern. Yannis Jouvet stutzte, als er sie sah, dann schloss er die Tür und kam ihr lächelnd entgegen. Es war ein Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung. In ihr schaltete sich ein Warnsystem ein, verlässlich wie eh und je. Sie hatte es entwickelt, nachdem Leon ihr Selbstvertrauen und ihren Glauben an die Liebe zerstört hatte. Sie fragte sich, wie aufrichtig sein Lächeln war.

„Ah, Madame Thielen, da sind Sie ja. Finden Sie sich in unserem Haus zurecht?“ Sie blieben beide stehen. Wie sie erst jetzt registrierte, war er nicht ganz so groß, wie sie gedacht hatte, knapp über eins achtzig vielleicht. Was es ihr immer noch erlauben würde, hohe Schuhe zu tragen, ohne ihn zu überragen. Dieser unsinnige Gedanke brachte ihr Profilächeln, das sie aufgesetzt hatte, kurz ins Wanken.

„Oh ja, ich habe den Maître d’Harmonie kennengelernt, und wir haben den ganzen Nachmittag an den Plänen für die Feier gearbeitet.“

Er zog eine Braue hoch. „An den Plänen gearbeitet? Ich hoffe doch, es ist alles in die Wege geleitet!“

In dieser Sekunde begriff sie, warum Jean‑Jacques und sogar Madame auf sie ein bisschen eingeschüchtert gewirkt hatten. Auf Sophie hatte seine streng klingende Äußerung jedoch keine große Wirkung. Sie war mit einem Vater aufgewachsen, gegen dessen Kontrollsucht sie und ihre Mutter ständig hatten ankämpfen müssen.

Sie strahlte Yannis Jouvet an. „Ja, ist es. Wir haben einige Details geändert, aber nichts, was den Ablauf auf den Kopf stellen würde. Jean‑Jacques hat gründlich vorgearbeitet.“ Sie sah ihm fest in die Augen. „Die Sache läuft, und es wird grandios.“

„Das freut mich. Ich wusste, dass Sie hierher passen.“

„So? Woher konnten Sie das wissen?“ Spielte er etwa wieder auf ihre damalige Begegnung in Aachen an? Aber nein, das hatte sie heute Morgen schon ausgeschlossen.

„Ha!“, lachte er auf und hob die Hand zu ihrem Gesicht hoch, wie um sie zu berühren, ließ sie dann jedoch fallen, als sie unwillkürlich zurückzuckte. „Ich habe ein Gespür für Menschen.“ Er ließ den Satz in der Luft hängen und betrachtete sie, bis sie vor Verlegenheit beinahe den Blick senkte. War das als Kompliment zu verstehen? Schwang darin mit, dass er mehr über sie wusste, als er bisher zu erkennen gegeben hatte? Genoss er es, sie zu verunsichern? Wahrscheinlich spielte er generell gerne mit Frauen, das war es!

Als das Schweigen unangenehm zu werden drohte, redete er weiter. „Wissen Sie, ich kenne die Grannus-Arkaden, weil ich während meiner Studienzeit als Trainee dort war.“ Er machte eine Pause. Damit sie einhaken konnte? „Mir hat es dort sehr gut gefallen. Ich mag den Führungsstil und das Engagement der Mitarbeiter. Das war vor zehn Jahren bereits so, und das Unternehmen ist auf Erfolgskurs, nicht wahr?“

„Ja, das stimmt. Wir schreiben seit über zehn Jahren solide schwarze Zahlen. Es hängt damit zusammen, dass die Grannus-Arkaden ein Familienunternehmen geblieben sind. Vielleicht auch damit, dass wir nicht zu groß sind. Und …“, sie errötete. Das war unbescheiden, sie hielt lieber die Klappe.

„Und?“ Yannis Jouvets Blick war ehrlich interessiert, seine Stimme klang sanft.

Sie straffte die Schultern. Beinahe glaubte sie, Mias Stimme zu hören, die ihr riet, ihre falsche Bescheidenheit abzulegen. „Nun, wir haben eine gute Nase für den Markt und für Trends. Und die Strategie der Nachhaltigkeit geht auf. Für die Food Area bin ich die Hauptverantwortliche, seit ich im Betrieb bin. Tatsächlich war es meine Idee, dass wir das Angebot der Großregion um Lothringen und das Elsass erweitern wollen. Wir bestellen direkt bei den Erzeugern und unterstützen damit die kleineren Unternehmen dieser Regionen. Zugleich sichern wir unseren Kunden hochwertige Waren zu annehmbaren Preisen zu.“

Überraschend zeichneten sich seine Grübchen in den Wangen ab und verwirrten sie. „Sehen Sie, das meinte ich. Sie werden über uns einige gute Kontakte knüpfen können.“ Unvermittelt streckte er ihr die Hand entgegen. Sophie zögerte, dann schlug sie ein. Seine Haut war warm und trocken, und es fühlte sich an, als wäre ihr die Berührung längst vertraut. „Und wir“, sprach er weiter, „können von Ihnen vielleicht den einen oder anderen Impuls bekommen. Ich empfinde es als eine Bereicherung, Ihnen begegnet zu sein.“ Noch immer hielt er ihre Hand. Seine schwarzen Augen verrieten nichts darüber, ob in seiner Bemerkung ein verborgener Sinn lag. „Nun muss ich los. Sie haben doch auch gleich Feierabend, oder nicht, Sophie Thielen?“ Er drückte ihre Hand noch einmal leicht, dann ließ er sie los. „Wir sehen uns morgen. Oder an einem anderen Tag.“

Damit drehte er sich um und ging davon, mit einem federnden Schritt, der sie an einen alten Hollywoodfilm mit Cary Grant und Grace Kelly denken ließ. Erst, als er ihr vor dem Paternoster nochmal einen Blick zuwarf, bevor er – feixend – den Aufzug betrat, wurde ihr bewusst, dass sie wie angewachsen im Flur stehengeblieben war und ihm hinterher starrte. Sie konnte einen albernen Kiekser nicht unterdrücken, als sie gut gelaunt ihre Bürotür aufzog und zum PC ging, um dort die Ordner und Dateien zu finden, die sie mit Jean‑Jacques heute bearbeitet hatte.

In den nächsten beiden Tagen lebte Sophie sich genauso gut ein, wie ihr erster Arbeitstag es hatte vermuten lassen. Jean‑Jacques und sie arbeiteten Hand in Hand, meistens in seinem Büro, weil er dort all die Deko- und Stoffproben hatte, die es ihnen ermöglichten, ihre Vorstellungen konkret werden zu lassen.

Erstaunlich fand Sophie, dass Madame dem Meister der Harmonie ebenso zu vertrauen schien wie der Big Boss, obwohl das nicht recht zu ihr passen wollte. Ihr eigenes Büro war bereits am Mittwochmittag aufgeräumt gewesen, als hätten dort nie Unmengen von Kisten gestanden. Sophie musste sich eingestehen, dass sie es im Grunde genoss, sich hauptsächlich in dem Stockwerk aufzuhalten, in dem Jean‑Jacques und Madame arbeiteten. Es war ihr oben fast zu still, wenn sie morgens ankam. Yannis Jouvet war entweder immer vor ihr da oder kam zwischendurch, da war sie sich nicht sicher. Das Rollo in seinem Büro blieb geschlossen, und wenn seine Tür nicht offenstand, was bisher nie der Fall gewesen war, konnte sie nicht wissen, ob er anwesend war oder nicht.

Sein Geruch, den sie seit dem ersten Tag im Gedächtnis behalten hatte, schien ständig im oberen Stockwerk zu schweben. Manchmal glaubte sie, seine Stimme zu hören, doch sie bekam ihn nie zu Gesicht. Trotzdem hatte sie andauernd das Gefühl, beobachtet zu werden. Fast wäre es ihr lieber, er würde das Rollo öffnen, damit sie sich sicher sein konnte. So ergriff sie jede Gelegenheit, um zu Jean‑Jacques zu gehen und mit ihm im Büro oder in den Verkaufsräumen zu arbeiten.

Die Abteilungen füllten sich nach und nach, die Waren wurden eingeräumt. Am besten – gleich nach der Lebensmittelabteilung – gefiel es Sophie bei Florence. Für die Kindermoden und Spielwaren hatte Jean sich eine besondere Attraktion ausgedacht. Viele Mitarbeiter eines großen Spielzeugherstellers bauten zusammen mit dem eigentlichen Personal eine Mini-Version von Metz nach. Wenn die Attraktionen standen, sollten die Gebäude und Straßen mit Plüschtieren bevölkert werden, und viele der Figuren sowie Modellautos und -busse würden sich am Ende darin fortbewegen. Selbst wenn es keine neue Idee war, passte sie zu diesem Kaufhaus, in dem die Tradition des Vorgängers weiter bestehen sollte.

Am Donnerstagabend war es schon spät, als sie endlich zufrieden ihr Werk betrachteten. Außer Madame und Jean‑Jacques waren nur noch die Leiter der verschiedenen Abteilungen da, unter ihnen Florence. Den Chef hatte Sophie seit dem ersten Tag nicht mehr gesehen.

„Wollen wir noch gemeinsam etwas trinken gehen, um unser Werk zu feiern?“ Diese Frage kam überraschend von Madame.

„Ja, gern. Warum nicht?“ Sophie hatte bisher jeden Abend allein in ihrer Wohnung verbracht. Die Arbeit hatte ihr nicht viel Zeit gelassen, um Metz zu erkunden. „Seid ihr dabei? Jean? Florence? Und ihr?“ Sie blickte die Anwesenden nacheinander an. „Ich gebe euch einen Wein aus.“

„Mich brauchst du nicht zweimal zu fragen, puce“, sagte Jean‑Jacques. „Ich weiß auch schon, wohin wir gehen. Zur Bar à Vins bei der Kathedrale.“

„Ah, du meinst La Quille“, sagte Florence. „Ja, das ist ein schönes Lokal. Ich schicke Philippe eine WhatsApp, dass ich später nach Hause komme.“

Es war ein ungewöhnlich warmer Tag für Ende April, und die Metzer nutzten das aus. Alle Lokale gegenüber der Kathedrale waren gut besucht. Mit Hilfe von weichen Decken, die die Wirte ihren Gästen zur Verfügung stellten, konnte man an diesem Abend an den Tischen im Freien sitzen.

Sophie fühlte sich wohl in der Gesellschaft ihrer Kollegen. Nach dem ersten Schluck Wein gingen ihre Gedanken auf Wanderschaft. Die lebhafte Unterhaltung am Tisch wurde zu einem einlullenden Hintergrundgeräusch. Ihr Blick wurde immer wieder nach oben zu den gelben Sandsteinwänden des Gotteshauses gezogen. Ganz egal, ob man an Gott oder die christliche Kirche glaubte, dieses Gebäude strahlte Ruhe und Frieden aus. Sophie mochte die gotische Bauweise und bewunderte die Strebebögen, die filigran wirkten und der Kathedrale etwas Zierliches verliehen. Sie nahm sich vor, sie von innen zu besichtigen, sobald sie Zeit dazu fand.

Das letzte Mal hatte sie die berühmten Chagallfenster als Kind gesehen. Damals war sie ihren Eltern eher widerwillig in die Kathedrale gefolgt und hatte nicht erwartet, wie sehr Chagalls Kunst sie gefangen nehmen würde. Dann – Vater wartete bereits ungeduldig am Hauptportal – hatte Mutter ihr die Worte vorgelesen, die der Künstler selbst zu den Fenstern geäußert haben sollte: Für mich stellt ein Kirchenfenster die durchsichtige Trennwand zwischen meinem Herzen und dem Herzen der Welt dar. Sophie hatte damals etwas Überwältigendes in diesen Worten gespürt, obwohl sie nicht hätte sagen können, was genau daran sie überwältigte, oder wie sich dieses Gefühl auf sie auswirkte. Sie hatte den Eindruck damals rasch abgeschüttelt. Sie war noch ein Kind gewesen. Wie hätte sie sich mit solchen Empfindungen auseinandersetzen sollen? Sie ahnte, dass sie mit ihren Eltern nicht darüber sprechen konnte. Mutters Blick würde genauso erstarren, wie er es tat, wenn die Rede auf das Tanztheater kam. Und Vater würde über ihre „Flausen“ den Kopf schütteln.

Daran musste sie jetzt denken. Sie wollte die Fenster bei Tageslicht aus dem Innern des Kirchenschiffs betrachten und sich dieses Mal Zeit dafür nehmen.

„Tu rêves?“, drang eine Stimme an ihr Ohr. Sie straffte die Schultern und lächelte Jean an, der ihrem Blick gefolgt war und nun, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, ebenfalls Saint Etienne betrachtete.

„Ja, ich habe tatsächlich ein bisschen geträumt“, bestätigte Sophie seine Frage. Er beendete in aller Ruhe seine Betrachtung, bevor er sich ihr wieder zuwandte.

„Wir leben schön hier“, sagte er.

„Oh ja, das finde ich auch.“ Florence hielt ihre Handtasche auf dem Schoß. Sie wirkte, als wolle sie gleich aufbrechen. Philippe erwartete sie wahrscheinlich. „Ich muss los“, sagte sie. „Kommst du mit, Sophie?“

„Ach, es ist ein so wunderschöner Abend.“ Die anderen Kollegen, die mitgekommen waren, hatten sich kurz vorher verabschiedet. Sophie sah fragend zu Jean‑Jacques.

„Also, ich bleibe noch ein bisschen. Ich will den Wein ja nicht in einem Zug kippen.“ Er deutete auf sein Glas. Auch Sophie hatte erst weniger als die Hälfte ihrer Weinschorle getrunken. Sie ließ sich Zeit, weil sie niemals mehr als ein Glas trank.

„Ich bleibe auch noch eine kleine Weile“, sagte Madame. Sie wirkte entspannt, das Licht der Kerze machte ihre Züge weicher. Überrascht erkannte Sophie eine Sinnlichkeit in ihrem Gesicht, die Madame sonst mit ihrem strengen Blick und ihrer Haltung geschickt verbarg.

„Dann bleibe ich auch noch. Wir sehen uns morgen früh, Flo. Nimm einen Gruß mit zu Philippe.“

„Sie haben sich schnell eingelebt, meine Liebe.“ Madame hatte sich, ihr Glas in der Hand, zurückgelehnt und lächelte Sophie zu.

„Ich liebe Frankreich und die französische Sprache. Ich habe mit meinen Eltern in den Schulferien viel von Frankreich gesehen. Und an Feiertagen sind wir oft nach Lothringen oder ins Elsass gefahren.“

„Sie sprechen sehr gut Französisch, das ist ein Vorteil.“

„Danke sehr! Meine Mutter spricht die Sprache auch. Sie war früher Tänzerin und hat oft auf französischen Bühnen gestanden.“

„Kennen wir ihren Namen?“

„Eher nicht. Sie hörte mit dem Tanzen auf, als sie meinem Vater begegnete, sie war noch sehr jung.“ Tatsächlich war ihre Mutter damals jünger als sie selbst gewesen.

Jean‑Jacques schnalzte mit der Zunge. „C’est dommage! Eine Künstlerseele sollte niemals ihre Kunst aufgeben.“

Sophie lächelte bei seinen pathetischen Worten. „Du hast schon recht. Ich glaube, manchmal hat sie es sehr vermisst.“

„Sie hat eine Entscheidung getroffen.“ Madame wog den Kopf hin und her. „Ich verstehe das.“ Hatte sie etwas Ähnliches erlebt? War in ihr auch eine Seite zu kurz gekommen, die sie lieber ausgelebt hätte? „Das müssen wir nun einmal tun. Unsere Entscheidungen treffen. Stellt euch vor, was geschehen wäre, wenn Yannis Jouvet sich nicht entschieden hätte.“

Ein Ruck ging durch Sophies Körper. „Wie meinen Sie das?“

„Nun, soweit ich weiß, hat er seinen Patenonkel davon überzeugt, Dumont aufzukaufen und es mit Metz als Standort für die Galeries Jouvet zu probieren.“ Sie nahm einen Schluck Wein. „Glück für Metz, Glück für das Haus und Glück für mich. Sonst müsste ich meine damalige Entscheidung, bei Dumont zu arbeiten, heute bereuen.“

Aus Jean‑Jaques’ Miene folgerte Sophie, dass Madame wohl noch nicht oft so viel von sich preisgegeben hatte.

„Ich habe mich als junge Frau dazu entschieden, Karriere zu machen und kinderlos zu bleiben. Ich dachte, dass ich nicht beides könne. Das ist zwar ungewöhnlich für eine Französin, aber das war nun mal meine Überzeugung.“ Sie zog die Schultern hoch. „Ich habe nichts vermisst und konnte mich ganz und gar auf meinen Beruf konzentrieren. Welche Mutter kann das schon? Mag sein, dass ich ein paar Dinge verpasst habe.“ Sie ließ den Blick zum Himmel schweifen. „Dafür habe ich die Welt gesehen und sehr früh viel Verantwortung für das Haus Dumont übernommen.“ Wieder wanderte ihr Blick an Orte, zu denen Sophie ihr nicht folgen konnte. Sie wirkte dabei jedoch nicht traurig, obwohl sie sicherlich eine furchtbare Zeit hatte durchmachen müssen, als das Kaufhaus Dumont zugrundeging. „Jetzt stehen wir am Neubeginn, und ich bin glücklich, dass ich dabei sein darf. Und das, meine Lieben, verdanken wir allesamt Yannis Jouvet.“ Sie hob ihr Glas, und alle stießen an und tranken einen Schluck.

„Ist er eigentlich liiert?“

Erst als Jean und Madame Chevalier Sophie überrascht musterten, fiel ihr auf, dass sie selbst die Frage gestellt hatte. Sie errötete.

„Das weiß man nicht genau“, sagte Jean‑Jacques. „Er wird bei öffentlichen Anlässen mit Frauen gesehen, mit schönen und jungen Frauen, aber es sind immer andere. Offenbar geht er nie zweimal mit derselben aus.“

Ob eine davon diese Lucille war, die am ersten Tag angerufen hatte? Seine Stimme hatte geklungen, als wäre es jemand, den er schon sehr lange kannte, und nicht als wäre er frisch verliebt. Sophie öffnete den Mund, um nach Lucille zu fragen, doch da setzte Madame sich aufrecht hin. Ihr Tonfall klang tadelnd, ihr Gesicht war wieder ganz das der strengen Dame, umrahmt vom messerscharf geschnittenen Pagenschnitt.

„Darüber haben wir nicht zu urteilen, Jean‑Jacques.“

„Ich urteile doch ni–“

„Wie auch immer“, unterbrach sie ihn, „über Yannis Jouvet sollten wir nicht klatschen und tratschen. Das hat er nicht verdient.“

Jean rollte mit den Augen und zwinkerte Sophie zu. Wir reden später, glaubte sie aus seiner Miene zu lesen und nickte ihm zu.

„Und nun, ihr Lieben, wird es langsam spät. Wir haben einen anstrengenden Tag vor uns.“ Madame stand auf, verabschiedete sich und ging mit schnellen Schritten davon.

Sophie trank ihren letzten Schluck Wein und erhob sich ebenfalls. „Ich mache mich auch auf den Weg.“

„Ich komme mit dir zum Mettis“, sagte Jean. „Wir haben den gleichen Weg.“ Als sie die Stufen zur Straße hinaufgegangen waren, blieb Jean‑Jacques stehen. „Ach, ich muss nochmal schnell im Lokal verschwinden. Es dauert nicht lang.“

„Ist gut, ich warte hier auf dich.“ Sie schob die Hände durch die Ärmel ihrer Jacke. Dann drehte sie sich vom Lokal weg und versank abermals in der Bewunderung des Gotteshauses.

„Was Sie wohl derart faszinieren mag?“ Im selben Moment, als sie die Worte hörte, stieg ihr auch schon sein Geruch in die Nase. Yannis Jouvet war von irgendwoher aufgekreuzt, stand nun neben ihr und hatte, wie früher am Abend Jean‑Jacques, den Kopf in den Nacken gelegt, um ihrem Blick zu folgen.

Seltsam, dass sie ihren Chef ausgerechnet hier traf, nachdem sie ihn zwei Tage lang nicht gesehen hatte. Sie hob die Hände und zeichnete die Konturen der Kathedrale in der Luft nach, während sie redete. „Ich mag diese klaren Formen und wie die Baumeister damals veranschaulicht haben, dass alles nach oben strebt, dem Himmel zu. Als ich ein Kind war, habe ich die Kathedrale auch schon besucht. Allerdings habe ich damals nicht so viel wahrgenommen wie heute.“

„Ich war kürzlich drinnen. Beeindruckend.“

Sie wandte sich ihm zu. Anscheinend hatte er sie die ganze Zeit angesehen, während sie mit den Händen in der Luft herumgefuchtelt und nach oben gestarrt hatte.

„Ich will auch wieder hinein. Ich muss die Atmosphäre unbedingt nochmal auf mich wirken lassen.“

„Sind Sie gläubig?“

Nanu? Die Gretchenfrage, schoss es ihr unsinnigerweise durch den Kopf. Ihr lag eine ausholende Antwort auf der Zunge, ein Bericht über ihre Kindheit mit Messdienst und Kommunion, und dass sie die Firmung im Teenageralter abgelehnt hatte. Doch ein weiteres Mal glaubte sie, Mias Stimme zu hören, die sie daran erinnerte, sich nicht immer zu rechtfertigen. Also lächelte sie Yannis Jouvet an und spitzte die Lippen. „Spielt das eine Rolle?“

Er stutzte, dann lächelte er. „Nicht wirklich, n’est‑ce pas?“

Ein Räuspern erklang in Sophies Rücken. Jean‑Jacques war zurück. „Ah, bonsoir, Monsieur Jouvet.“ Falls er überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. Doch dann tat er etwas, das Sophie beim Maître d’Harmonie bisher nicht beobachtet hatte: Er fing an, weitschweifig zu erklären, wie es dazu kam, dass er und Mademoiselle Thielen noch so spät unterwegs waren, obwohl morgen die große Eröffnungsfeier bevorstand. Amüsiert erkannte sie in seinem Verhalten ein Muster, in das sie vor wenigen Augenblicken selbst beinahe verfallen wäre. Yannis Jouvet, der seine Aufmerksamkeit nun seinem Mitarbeiter widmete, hatte den Kopf leicht schiefgelegt und lauschte Jean‑Jacques’ Erklärungen mit freundlicher Miene. Dieser wurde zunehmend hektischer, blickte schließlich auf seine Armbanduhr und sagte: „Eh bien, und nun ist es spät. Wir müssen los!“

Sophie bedauerte, dass der kurze Moment, in dem sie Yannis Jouvet hatte unbemerkt beobachten können, plötzlich vorbei war. Beide Männer sahen sie abwartend an. Sie schob ihre Handtasche auf der Schulter nach oben. „Ja, lass uns gehen.“

„Wir haben unser Gespräch noch nicht beendet, Madame Thielen“, sagte Yannis Jouvet.

Jeans Mund blieb offen stehen, was Sophie daran erinnerte, ihren eigenen zuzuklappen. „Ähm“, erwiderte sie wenig geistreich.

„Ach so, Sie müssen noch ein paar Dinge besprechen?“ Jean wollte offensichtlich das Schweigen brechen, das auf Sophies Gestotter folgte. Sophie hatte den Eindruck, dass der Maître d’Harmonie seinem Chef gegenüber zwischen Bewunderung und Neid schwankte. Jean hatte einige Gemeinsamkeiten mit ihr, erkannte sie. Vielleicht konnte sie etwas daraus lernen, wenn sie sein Verhalten beobachtete. Was für wirre Gedanken, sagte sie sich dann und blickte abwartend den Chef an.

Yannis Jouvet machte eine einladende Geste zur Kathedrale. „Gehen Sie ein paar Schritte mit mir? Ich fahre Sie nachher nach Hause.“ Sein Lächeln war breit, als er in Jean‑Jacques’ Richtung sagte: „Wir sehen uns morgen. Bonne nuit!“

Kapitel 6

Plötzlich fühlte sie sich schüchtern und linkisch, als sie neben Yannis Jouvet die Straße hinauf zur Kathedrale ging. Er schwieg.

„Sie wollten noch etwas mit mir besprechen?“

Er blickte sie an. „Ja, es interessiert mich, warum Sie sich die Kathedrale ansehen wollen, wo Sie doch nicht gläubig sind.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht …“ Sie unterbrach sich, sah ihn von der Seite an und musste grinsen, als sie das Grübchen in seiner Wange entdeckte. „Um ehrlich zu sein, will ich vor allem wegen der Chagallfenster nochmal hinein.“

„So?“

Sie ging schweigend neben ihm her zur Kathedrale hinauf. Es machte sie nervös, als sie im Augenwinkel erkannte, dass er sie ansah. Sobald sie den Kopf drehte, wandte er den Blick jedoch zurück auf den Weg. Vielleicht um nicht zu stolpern, da sie im Halbdunkel über das unebene Pflaster gingen. Dann blieb er auf dem Vorplatz der Kirche stehen und betrachtete das Portal. „Erzählen Sie mir mehr?“ Zuerst war Sophie sich nicht sicher, ob sie die Frage tatsächlich gehört hatte. Er zog eine Braue hoch.

Sie straffte die Schultern. „Ich war noch klein, das sagte ich Ihnen schon. Damals fand ich es langweilig, wenn meine Eltern mich in allen Städten in die Kirchen zerrten, um sie zu besichtigen. Außerdem wirkte mein Vater eigenartig auf mich, wenn wir das taten.“

„Wie, eigenartig?“

Seltsam, diesen Gedanken hatte sie vorher noch nie gehabt. Yannis Jouvet betrachtete sie unverwandt im diffusen Licht der Strahler, die auf die Kathedrale gerichtet waren und das Gemäuer erhellten. Sophies Unsicherheit zog sich nach innen zurück, an eine Stelle, an der sie sie fast vergessen konnte. Sie zog die Schultern hoch. „Das ist schwer zu beschreiben. Mein Vater ist streng katholisch. Meine Mutter und er haben mich so erzogen.“ Sie hielt einen Moment inne. Nun hatte er seine Antwort bekommen – oder zumindest einen Teil davon. Denn ihre Erziehung sagte noch nichts über ihren Glauben als Erwachsene aus. „Wenn wir im Urlaub waren, waren die Kirchen also Pflichtprogramm. Und eigentlich war es mein Vater, der als Erster darauf drängte, es hinter uns zu bringen.“ Sie lachte auf. „Tatsächlich, er hat oft diese Ausdrucksweise benutzt. ‚Es hinter uns bringen‘. Ja, und wenn wir drinnen waren, wollte er als Erster raus. Aber Mama sah das anders.“ Hatte sie gerade Mama gesagt? So nannte sie ihre Mutter schon nicht mehr, seit sie siebzehn war.

„Was tat sie?“

„Sie ließ sich Zeit. Sie setzte sich meistens in eine der hinteren Bänke und betrachtete in aller Ruhe die Wände, die Bilder, die Altare, die Säulen, die Decken der Kirchen. Manchmal erzählte sie mir leise etwas über das, was sie sah. Ich fühlte mich damals immer ein bisschen hin- und hergerissen. Mein Vater stand am Ausgang, meine Mutter tat, als habe sie ihn vergessen.“

„Verstehe. Und was war hier, im Dom?“ Er hatte Sophie am Ellbogen ein Stück weiter geschoben. Sie standen vor dem Portal, er probierte den Türgriff. Das Tor war verschlossen. Hatte er tatsächlich damit gerechnet, dass sie zu dieser Zeit in die Kirche eintreten konnten? Er zuckte die Schultern und ging ein paar Schritte zurück. Sie folgte ihm, dann blieben sie stehen und wandten wie abgesprochen den Blick wieder nach oben. Vor dem Nachthimmel wirkte das helle Gebäude fast unwirklich.

„Da kommen die Chagallfenster ins Spiel. Mein Vater mochte sie nicht. Ich dagegen konnte mich nicht entscheiden, ob sie mir gefielen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich sie nochmal in Ruhe ansehen will.“

„Es ist nicht sinnvoll, sie von außen zu betrachten. Da ist nichts zu erkennen.“

„Ja, ich weiß.“ Plötzlich beschleunigte sich ihr Puls. Sollte sie Yannis Jouvet von den Gedanken über Chagalls Worte erzählen, die sie vorhin gehabt hatte? War es Zufall, dass er ausgerechnet über die Fenster mit ihr sprechen wollte? Was sollte es sonst sein als Zufall? „Meine Mutter las mir damals ein Zitat von Chagall vor. Das berührte mich sehr, obwohl ich es nicht ganz erfassen konnte. Er sprach davon, dass er in seinen Kirchenfenstern eine Art Trennwand sähe.“ Sie blickte ihm in die Augen. „Zwischen seinem eigenen Herzen und dem Herzen der Welt.“ Die Worte kamen ihr pathetisch vor. Aber es waren ja nicht ihre, sondern die des Künstlers.

„Ja, davon habe ich gehört. Und wie haben Sie darauf reagiert?“

„Damals vor allem mit Unsicherheit. Ich verstand nicht, was er ausdrücken wollte. Und irgendwie war ich neidisch.“

Er fasste nach ihrem Ellbogen und dirigierte sie in Richtung Parkhaus La Cathédrale, das unterhalb der alten Markthallen lag. „Neidisch?“, fragte er dabei.

„Weil ich das Gefühl hatte, dass Chagall etwas Besonderes meinte. Etwas, wovon ich keinen Schimmer hatte. Sprach er mit seinen Bildern direkt aus seinem Herzen? Und war er wirklich überzeugt, dass er damit das Herz der Welt berührte?“ Sie unterstrich ihre Worte mit Gesten, deutete auf ihr Herz und machte ausholende Bewegungen mit ihren Armen. „Das war mir alles eine Nummer zu groß. Ich konnte es damals nicht begreifen. Das ist mir allerdings … vorhin erst bewusst geworden.“ Nachdenklich hielt sie inne.

„Ich verstehe. Glauben Sie, dass Ihre Eltern daran schuld waren?“

Sie musterte ihn und stellte erstaunt fest, dass sie mit Yannis Jouvet in ein interessantes philosophisches Gespräch vertieft war. Den Unterschied zwischen seiner und ihrer Liga hatte sie völlig vergessen. „Nein. Oder vielleicht zum Teil, weil sie so unterschiedlich mit ihrem Glauben umgingen. Ich denke, solche spirituellen Gedanken sind für ein Kind einfach zu viel. Meinst du nicht? Und Kunst ist oft nur schwer zu verstehen, sogar für Erwachsene.“

Erst als er die Augenbrauen nach oben zog, fiel ihr auf, dass sie ihn geduzt hatte. Er reagierte nicht darauf. „Ich weiß nicht … Meine eigenen Eltern sind sehr kunstinteressiert. Sie sind Hoteliers, deshalb hatten wir nur sehr selten gemeinsame Ferien. Aber sobald wir fremde Städte besuchten, waren die Kirchen und Galerien Pflichtprogramm. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn wir zu Hause gemeinsam am Tisch saßen, diskutierten wir über das, was wir gesehen hatten. Es war ihnen wichtig, dass wir uns mit allen Formen der Kunst auseinandersetzten.“

„Daher Niki de St. Phalle?“ Sophie sog die Luft ein. Die Skulpturen und Zeichnungen der Künstlerin gefielen ihr, und seit sie erfahren hatte, dass eine Missbrauchsgeschichte das Leben dieser Frau überschattet hatte, sah sie ihre Werke auch als politisches Statement. Ihr war bewusst, dass gerade Männer mit den Frauenfiguren manchmal ihre Schwierigkeiten hatten und sie schlicht als geschmacklos wahrnahmen. Deshalb hatte sie sich gefreut, als sie in den Räumen von Yannis Jouvet ausgerechnet Drucke dieser Künstlerin gefunden hatte. Das wurde ihr bewusst, noch während sie darauf wartete, wie er auf ihre Frage reagieren würde.

„Sie ist die Lieblingskünstlerin meiner Schwester Adrienne.“ Er lächelte. „Aber ich mag ihre Werke auch.“

„Ist das in Ihrem Büro ein Druck oder ein Original?“

„Spielt das eine Rolle?“ Er lachte. Sie stimmte ein. Sie hatten das Parkdeck erreicht, er zog seinen Schlüssel heraus und drückte auf die Fernbedienung. Mit einem metallischen Klicken zeigte das Auto an, wo es stand.

Ein unangenehmer Geruchsmix aus Abgasen, Essensdunst und Urin hing in der feuchtwarmen Luft. Sophie zog ihre Jacke aus und ärgerte sich über den klebrigen Film, der sich auf ihr Gesicht legte. Sie fühlte sich unwohl, wenn sie schwitzte. Mit einem Mal spürte sie, wie erschöpft sie von diesem langen Arbeitstag war. Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihre Armbanduhr, als sie neben Yannis Jouvets sportlichen Wagen trat und die Beifahrertür öffnete. Die Parklücken waren zu eng, um Höflichkeitsgesten auszuführen. Allerdings bezweifelte Sophie keinen Moment, dass ihr Chef ihr andernfalls die Tür aufgehalten hätte. Vielleicht, weil er es mit den Türen des Parkhauses auch getan hatte. Ihm entging offenbar nicht, dass sie nach der Uhrzeit schielte.

„Zeit fürs Bett?“, fragte er, als sie einstieg und damit seinen Blicken entschwand. Nur einen Moment später saß auch er im Wagen und beugte sich vor, um den Schlüssel in die Zündung zu schieben.

„Es ist kurz vor Mitternacht. Also ja“, antwortete sie schlicht, befangen wegen der Nähe zu ihm. Eigenartig, dass sie hier im Wagen ihres Chefs saß. Wie war es dazu gekommen? Hatte ihn tatsächlich interessiert, was sie ihm über die Kathedrale erzählt hatte? Verstohlen sah sie ihn von der Seite an und erkannte, dass sein Gesicht von einem dünnen Schweißfilm überzogen war. Wie beruhigend – auch der große Yannis Jouvet war nicht Mister Perfect. Die Bartstoppeln, die sein Gesicht inzwischen noch dunkler erscheinen ließen, durchbrachen das Idealbild ebenfalls, das sie sich in den letzten Tagen von ihm gemacht hatte.

Sie ließ die Schultern sinken. Es war ein schöner Tag gewesen, ein gemütlicher Abend, und der kleine Spaziergang und das Gespräch mit ihm hatten sie entspannt. Es gab keinen Grund, nervös zu werden. Während er den Wagen aus dem Parkhaus lenkte, schwieg Yannis Jouvet. Zurück auf der Straße öffnete er die Fenster.

„Haben Sie sich gut bei uns eingelebt?“

Warum kehrte er zum Small Talk zurück? Wollte er keine irreführende Vertraulichkeit aufkommen lassen?

„Ja. Ich fühle mich sehr wohl und verstehe mich gut mit der Belegschaft. Der Tapetenwechsel tut mir gut.“

„Sie haben sich relativ kurzfristig beworben …“ Sophie wusste nicht, ob das eine Frage oder eine Feststellung war.

„Ja, schon. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich aus den Arkaden weggehen soll.“

„Hatten Sie persönliche Gründe?“ Hoppla, das war kein Small Talk mehr.

Sie zögerte. „Sind es nicht immer persönliche Gründe, wenn wir eine Entscheidung treffen?“

Er hielt vor einer roten Ampel und drehte den Kopf. Sie konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht erkennen. Sie waren kohlschwarz. Dann leuchteten seine Zähne, als er lächelte. „Da haben Sie wohl recht, Sophie Thielen.“ Er legte den Gang ein und fuhr an. Sie würden ihre Wohnung in wenigen Minuten erreichen.

„Wie auch immer, ich freue mich, dass Sie diese Entscheidung getroffen haben.“ Was meinte er damit? Flirtete er etwa? Doch sein Gesicht wirkte ausdruckslos.

Unsicher schwieg sie während der restlichen Fahrt. Sie wusste nicht genau, wie sie den Spaziergang und das Gespräch einschätzen sollte – und erst recht nicht, was er mit den persönlichen Fragen hatte herausfinden wollen. Bevor sie sich in ihren Gedanken verstrickte und verkomplizierte, was gar nicht kompliziert war, beschloss Sophie, mit ihren Überlegungen aufzuhören. Yannis Jouvet war ihr Chef. Vielleicht schätzte er es einfach, seine Mitarbeiter privat ein bisschen näher zu kennen. Das würde jedenfalls zu der Art von Respekt passen, die sie bei ihren Kollegen und Kolleginnen beobachtet hatte. Wer weiß, womöglich verwickelte er alle neuen Mitarbeiter früher oder später in ein persönliches Gespräch, um zu erfahren, wie sie tickten.

„Wir sind da.“ Bevor sie reagieren konnte, stieg Yannis Jouvet aus und ging um den Wagen herum, um ihr die Beifahrertür zu öffnen. Das machte sie verlegen, obwohl es zu ihren Überlegungen im Parkhaus passte. Es war eine Geste, die nicht zeitgemäß schien. Ein Mann drückte damit Achtung und Sympathie einer Frau gegenüber aus. Achtung und Sympathie, dachte Sophie und befürchtete, rot anzulaufen.

Verwirrt stand sie aus dem tiefergelegten Wagen auf und geriet prompt ins Stolpern. Yannis Jouvet griff nach ihrem Ellbogen und zog sie zu sich heran. Plötzlich war sie ihm so nah, dass sein Geruch sie überfiel. In die Reste seines Aftershaves mischte sich der Duft seines Körpers. Es irritierte sie, wie vertraut er ihr war und wie sehr sie ihn mochte. Seine Augen schienen im Licht der Straßenlaterne abermals tiefschwarz. Er betrachtete sie. Es war sicher nur ein kurzer Moment, doch für sie schien er sich in die Länge zu ziehen. Nur wenige Menschen hatten einen solchen Blick, und nur wenige hielten ihn aus. Die meisten sahen weg, anstatt sich darauf einzulassen, ihr Gegenüber zu sehen. Sophie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, und straffte die Schultern. Diese kleine Bewegung bewirkte, dass er sie losließ und einen halben Schritt zurücktrat. In seinen Mundwinkeln lag der Hauch eines Lächelns. Doch dieses halbe Lächeln weckte in Sophie ein Gefühl der Verbundenheit.

„Vielen Dank“, sagte sie und öffnete ihre Handtasche, um nach dem Schlüssel zu suchen.

„Ich habe zu danken. Wir sehen uns morgen in den Galeries. Nun schlafen Sie gut, Sophie Thielen. Morgen wird ein aufregender Tag.“

Er drückte ihre Hand und verabschiedete sich mit Bises, wobei er sie nicht berührte. Ob er vor ihrer verschwitzten Haut zurückschreckte? Oder war es ihm selbst unangenehm, weil auch er nicht mehr taufrisch war? Sie drehte sich um und ging zur Haustür, um aufzuschließen. Es kostete sie einiges an Selbstbeherrschung, ihm nicht hinterherzublicken, als er davonfuhr.

In der Wohnung von Florence und Philippe war es dunkel und still. Gut, dass sie nicht sahen, wer Sophie nach Hause gebracht hatte. Noch besser, dass sie nicht mitbekamen, wie verwirrt sie sich fühlte. Eine eigenartige Leichtigkeit hatte sich in ihr ausgebreitet, die sie leise singen ließ, als sie in ihrer Wohnung war, sich im Bad fertig machte und den Wecker stellte. Sie ging den Verlauf des Abends in Gedanken noch mal durch. Die Gespräche mit den Kollegen in der Bar à Vins und was sie dabei über Yannis Jouvet erfahren hatte. Dann der Spaziergang mit ihm. Sie empfand das Wohlgefühl nochmals nach, das ihre Unterhaltung in ihr ausgelöst hatte. Jetzt, im Dunkel des Zimmers, wurde ihr klar, dass sie ihr Misstrauen komplett abgelegt hatte. Wie beim Maître d’Harmonie, hatte sie auch Yannis Jouvet gegenüber ganz sie selbst sein können. Das war ungewöhnlich. Ob es daran lag, dass er Franzose war? Hatten französische Männer Frauen gegenüber eine andere Haltung als Deutsche? Sie lächelte, als sie daran dachte, was sie ihm von ihrer Kindheit erzählt hatte. Yannis Jouvet hatte mit ihr gesprochen wie ein Freund. Das Lächeln wich nicht von ihrem Gesicht, und irgendwann schlief sie ein, ruhig und zufrieden. Sie hatte das Gefühl, angekommen zu sein.

Kapitel 7

„Die Minicroissants sind noch nicht da, Sophie!“ Jean‑Jacques raufte sich die Haare, als Sophie die Lebensmittelabteilung betrat – kurz vor Öffnung der Tore für die draußen bereits wartenden Kunden. Hier war ein Buffet aufgebaut worden. Der Maître d’Harmonie zog Sophie am Ellbogen zu der großen, gut bestückten Theke und deutete auf eine leere Fläche.

Sofort begann sie damit, die Leckereien umzusortieren. Sie schob die Platten mit den auf winzigen Platzdeckchen liegenden Macarons ein bisschen auseinander, stellte einen der Teller mit den Petit Fours weiter vor und verrückte auch alle anderen Teller und Platten etwas. Sofort sah das Buffet voll aus, die leere Stelle war nicht mehr zu sehen.

„Ich kümmere mich darum. Wenn die Croissants kommen, gehe ich damit herum und biete sie den Kunden an. Niemand wird merken, dass es nicht so geplant war.“ Sie zeigte mit dem Finger auf den Kaffeeautomaten, der leise vor sich hin zischte. „Wo ist der Barista, den wir zusammen mit der Maschine engagiert haben?“

Jean verwüstete ein weiteres Mal die Tolle über seiner Stirn und zog die Schultern hoch. Sophie musste lachen. „Bleib cool, alles ist gut. Der Tag ist da, die Türen öffnen sich gleich. Alle werden sich wohlfühlen, du wirst es sehen.“

Dann entdeckte sie einen jungen Mann mit langer, roter Bistroschürze, der sich gerade vor der Kaffeemaschine vom Boden erhob. Ein Käppi saß keck auf seinen stachelig gestylten Haaren. Das leise Zischen des Automaten hatte aufgehört. Er grinste in Sophies Richtung. „Läuft hier. Die Leute werden den besten Expresso von ganz Metz bekommen.“ Sophie musste sich ein Lächeln verbeißen. Eigenartig, was die Franzosen aus dem italienischen Espresso gemacht hatten. Aber irgendwie auch charmant.

Mit einem Rundumblick versicherte sie sich, dass alle Mitarbeiter auf ihren Posten waren, und sah auch bereits die ersten Kunden mit der Rolltreppe herunterfahren. Sie griff Jean‑Jacques’ Arm und führte ihn zum Fahrstuhl. Als sie gemeinsam zur Büroetage hochfuhren, sah sie ihm eindringlich in die Augen. „Du beseitigst jetzt erst mal das Chaos auf deinem Kopf. Deine Haare sehen aus, als hätte ein Papageienpärchen darin genistet. Danach kommst du wieder runter in die Lebensmittelabteilung.“ Sie stieg mit ihm aus, schob ihn in Richtung seines Büros und wandte sich zum Paternoster. Schon im Hochgleiten sagte sie: „Ich telefoniere mit der Pâtisserie wegen der Minicroissants. In zehn Minuten treffen wir uns wieder unten.“

Die Umsetzung ihrer Pläne war fast fehlerlos verlaufen. In allen Etagen brummte es vor freudiger Aufregung. Die Belegschaft wirkte wie eine riesige Schar Kinder, die auf den Weihnachtsmann wartete. Mit Begeisterung hatten alle geholfen, die letzten Dekorationen zu vervollständigen und die frisch gelieferten Lebensmittel aufzubauen. Am meisten hatte es Sophie die Liliputlandschaft in der Kinderabteilung angetan. Mit den Bildern all dieser Attraktionen vor dem inneren Auge ging sie mit raschen Schritten den Flur entlang. Erst, als sie das Büro von Yannis Jouvet erreichte, wurde ihr klar, dass heute etwas anders war als sonst: Er hatte die Jalousien geöffnet, und zum ersten Mal konnte sie ihn am Schreibtisch sitzen sehen.

Sie analysierte die Regungen, die sie bei seinem Anblick durchliefen. Der gestrige Abend hatte anscheinend alles geändert und eine neue Grundlage geschaffen. Alle Gedanken an die peinliche Begegnung vor so langer Zeit waren unwichtig geworden. Ja, sie würde mit ihm darüber reden, entschied Sophie in diesem Moment, und die belastende Erinnerung damit endgültig aus ihrem Leben schaffen. Mia wäre stolz auf sie. Ein warmes Gefühl durchströmte sie beim Gedanken an ihre Freundin.

Noch immer betrachtete sie ihren Chef, der sie offenbar nicht bemerkte. Sein Blick war konzentriert auf den PC-Bildschirm geheftet, und er tippte blind auf der Tastatur. Am liebsten wäre sie stehen geblieben und hätte ihn noch ein bisschen beobachtet.

Doch sie hatte ein dringendes Telefonat zu erledigen. Bevor sie in ihr eigenes Büro trat, winkte sie ihm zu. Er winkte zurück, blieb aber am Rechner. Offenbar wollte er seine Arbeit nicht unterbrechen.

Sie ging zum Schreibtisch und nahm das Telefon zur Hand, um bei der Pâtisserie nach den Minicroissants zu fragen. Wie gut, dass sie mehrere verschiedene Lieferanten für die unterschiedlichen Leckereien beauftragt hatten. Der Inhaber der kleinen Bäckerei entschuldigte sich vielfach. Der Transporter habe just heute Morgen den Geist aufgegeben, die Tochter sei bereits mit dem Kombi ihres Freundes unterwegs. Es könne sich nur noch um Minuten handeln.

Sophie legte auf und verstaute ihre Handtasche in der unteren Schreibtischschublade. Sie wollte ohne diese Last wieder nach unten gehen. Als sie ihre Bürotür öffnete, schwang die Milchglastür auf.

„Bonjour, Sophie Thielen!“ Er lächelte sein Zahnpastalächeln. Offenbar war er im Geschäftsmodus. „Stürzen Sie sich in die Arena?“

„Bonjour, Monsieur Jouvet.“ Bei seiner Wortwahl musste sie lächeln. „Ja, ich muss dringend in die Lebensmittelabteilung. Es gab eine kleine Verzögerung mit den Minicroissants.“

„Schlimm?“ Beide setzten sich in Bewegung und näherten sich dem Paternoster.

„Nein, schon geklärt. Ich werde die Croissants selbst herumreichen.“

„Darf ich Sie nach unten begleiten?“

„Natürlich.“

Er stieg in dieselbe Kabine des Paternosters, obwohl er dazu nach ihr einen großen Schritt machen musste. Plötzlich war er so dicht neben ihr, dass sie ihn nicht nur riechen, sondern auch die Poren seiner Haut erkennen konnte. Sie legte den Kopf schief. Bildete sie es sich nur ein oder war er nervös? Sein Blick hatte etwas Unstetes, das sie bisher noch nicht an ihm gesehen hatte. Sie hatten das Bürostockwerk bereits erreicht, in dem sie zum normalen Fahrstuhl würden wechseln müssen. Abermals ließ er ihr den Vortritt und musste einen großen Schritt nach oben machen, da der Paternoster nicht stehen blieb. Warum hatte er nicht einfach die nächste Kabine genommen?

Fragend sah Sophie in seine schwarzen Augen und fand darin etwas von der Unsicherheit gespiegelt, die sie selbst an ihrem ersten Tag verspürt hatte. Sie berührte seinen Unterarm, wie um ihn zu beruhigen, und zog die Hand sofort zurück, als er darauf blickte.

„Es läuft hervorragend.“

„Das können Sie nicht wissen“, er grinste schief. „Schließlich waren Sie oben, bevor der große Andrang gekommen ist.“ Er lockerte die Schultern. „Falls es einen großen Andrang gibt, heißt das.“

 „Den gibt es.“ Sie rückte ihre Brille zurecht. „Kommen Sie, überzeugen wir uns.“

Im Fahrstuhl drückte sie auf den Knopf fürs Untergeschoss, in dem sich die riesige Lebensmittelabteilung befand. Gerade als sich die Türen schließen wollten, sprang Jean‑Jacques herbei und hielt die Hand dazwischen, sodass sie wieder aufglitten. Seine Haare waren frisch gestylt, und sein Lächeln wirkte noch nervöser als das von Yannis Jouvet. Staunend begriff Sophie, dass sie anscheinend die Erfahrenste von den Dreien war, was große Events in Kaufhäusern anging. Nach einer gemurmelten Begrüßung zog Jean den Kopf zwischen die Schultern, ein Anblick, der auf den Big Boss offenbar eine beunruhigende Wirkung hatte. Er bewegte Kopf und Schultern in kreisenden Bewegungen, als müsse er eine Last abstreifen. Sophie unterdrückte ein Kichern. Bevor der Fahrstuhl zum Stehen kam, lächelte sie beide Männer herzlich an. „Nun, ich sehe mal nach meinen Minicroissants. Auf ins Getümmel!“

Die Türen öffneten sich. Sofort umgab moderne französische Musik sie, die Düfte nach frischen süßen und deftigen Naschereien zogen durch den Raum und es wimmelte von Menschen. Sie hielten fast alle etwas zu essen oder zu trinken in Händen, schlenderten die Regale entlang, standen in Grüppchen zusammen und unterhielten sich. Viele von ihnen trugen Einkaufskörbe, in denen bereits Lebensmittel lagen. Die Kinder hatten gasgefüllte Luftballons ums Handgelenk gebunden.

„Mademoiselle Thielen!“, hörte Sophie einen Ruf und drehte sich zu der Stimme um. Madame Chevalier winkte ihr von ihrem Beobachtungsposten in der Ecke aus zu. Neben ihr erkannte Sophie eine junge Frau, die ein riesiges Bäckertablett auf den Händen balancierte. Es war mit einem Papiertuch bedeckt. Das mussten die Minicroissants sein. Sie eilte auf die beiden zu.

„Hier kommt noch Ware für Sie.“ Madame ging mit der Stimme hoch wie bei einer Frage. „Ich sehe keinen freien Platz dafür“, schob sie hinterher.

„Ah, ja, ich weiß Bescheid. Folgen Sie mir.“ Sophie ging der jungen Frau voraus in ein Hinterzimmer, in dem Plastik- und Papiertaschen in Regalen neben riesigen Kühlschränken lagerten. Sie schob auf einem Tisch die Vorräte an Patisserien zusammen, die dort darauf warteten, nachgefüllt zu werden, und nahm einen Stapel Serviertabletts in die Hand. „Können Sie es hier abstellen?“

Die Frau positionierte das Servierbrett so auf dem Tisch, dass es nicht kippen konnte. Dann half sie Sophie, die Minicroissants auf die Silbertabletts zu verteilen. „Ich nehme das hier wieder mit, okay?“ Sie hielt das große Tablett in der Hand.

„Ja, bitte, ich wüsste auch nicht, wohin damit.“

„Die Rechnung schickt mein Vater morgen oder übermorgen.“

In den nächsten beiden Stunden war Sophie damit beschäftigt, mit gefüllten Tabletts herumzugehen und Minicroissants anzureichen. Die Kunden wirkten zufrieden. Offenbar hatte die Neugier viele Metzer dazu getrieben, die Eröffnung der Galeries Jouvet mitzufeiern. Es herrschte ausgelassene Stimmung.

Immer wieder sah sie die schwarzen Haare von Yannis Jouvet aufblitzen, die ihren Blick wie von selbst anzogen. Er war in Gespräche mit den Kunden vertieft. Es war ein schönes Gefühl, im selben Raum zu arbeiten. Sie glaubte, ihn mit jedem Mal ausgelassener zu sehen. Er war der Herr dieser Hallen und er war glücklich. Das strahlte er aus. Erstaunlich, dass sie ihm gestern die große Anspannung vor der Feier nicht angemerkt hatte.

„Sehe ich da etwa blinkende Herzchen?“

Sophie fuhr zu Jean‑Jacques herum, der neben sie getreten war und in ihr Ohr geflüstert hatte. Feixend wies er mit dem Kinn in die Richtung, in die sie eben noch gestarrt hatte. Yannis Jouvet stand dort neben einer jungen, schönen Frau, die auf ihn einredete. Doch sein dunkler Blick war auf Sophies Gesicht gerichtet. Er war zu weit weg, als dass sie etwas darin hätte lesen können. Die Hitze stieg ihr in die Wangen, sie drehte sich betont zum Maître d’Harmonie um.

„Was meinst du?“ Sie pustete ein Haar weg, das sie an der Nase kitzelte. Wie immer war sie inzwischen erhitzt von dem Getümmel und der positiven Erregung, die sie im Lauf des Morgens ergriffen hatte. Mit dem kurzärmeligen Etuikleid hatte sie eine gute Wahl getroffen, es ließ Luft an ihre Haut.

„Wenn mich nicht alles täuscht, verfällt unser deutsches Fräulein gerade dem Charme von Monsieur Irrésistible.“ Sophie stutzte. Jean benutzte den Namen, den sie hämisch dem damaligen Yannis Jouvet verpasst hatte!

„Woher weißt du …?“ Sie unterbrach sich, und die Hitze in ihren Wangen intensivierte sich noch. Jean musste das komplett falsch interpretieren.

Er lachte. „Pinkfarbene Herzchen. Wie bei diesem Smiley mit den Herzchenaugen.“

„Smiley mit Herzchenaugen? Gibt es eine neue Liebe in Ihrem Leben, Jean‑Jacques?“ Beim Klang der Baritonstimme stellten sich die Härchen entlang Sophies Rückgrat auf. Hoffentlich hatte er ihr vorheriges Gespräch nicht mitbekommen! Noch mehr Missverständnisse in so kurzer Zeit konnte es wohl kaum geben. Ihre Brille begann zu rutschen. Sie drückte Jean das Tablett mit den letzten Minicroissants in die Hand.

„Ja, Jean, bist du frisch verliebt? Du strahlst jedenfalls so“, sagte sie. „Entschuldigt ihr mich?“ Damit verschwand sie zum Aufzug und fuhr nach oben. Schließlich hatte sie auch in den anderen Abteilungen nach dem Rechten zu sehen. Erst als Florence sie mit den fast identischen Worten („Du strahlst ja so!“) begrüßte, fiel ihr auf, dass ihr ein Lächeln im Gesicht klebte. Sie lachte laut. „Es läuft prima unten. Bei dir auch?“

„Oh ja, die Kinder sind begeistert! Und die Mütter kaufen Kinderkleidung für den Sommer. Wir werden morgen schon nachordern müssen. Hoffentlich bleibt es so.“

Sophie ließ den Blick schweifen. „Ich denke schon. Wir liegen preislich im Mittelfeld, und die Menschen wollen gute Qualität. Die bieten wir ihnen.“

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    Laura Albers (Autor)

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Titel: Ein Boss zum Verlieben (Liebe, Chick-Lit, Frauenroman)