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Der große Fang (Liebe, Chick-Lit, Sports-Romance)

von Saskia Louis (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Ryan Hale hat alles.
Geld, gutes Aussehen, seinen Traumjob – und ein gesundes Misstrauen gegenüber Frauen, denn der Catcher weiß aus Erfahrung, dass seine Freundinnen auf kurz oder lang alle verrückt werden.
Alles, was er möchte, ist eine Frau, die ehrlich ist. Eine Frau, die weiß, was sie will.

Grace Hayden weiß nicht, was sie will.
Sie möchte ihre Vergangenheit hinter sich lassen, aber nicht vergessen. Sie möchte die Beziehung zu ihrem Vater aufrechthalten, aber sich nicht unter Druck setzen. Sie möchte erfolgreich sein, aber sich nicht selbst verlieren. An diesem Punkt in ihrem Leben war sie schon einmal und dorthin möchte sie nicht mehr zurück.
Zumindest bei Ryan weiß sie, dass er nur ein guter Freund ist. Aber wenn sie genauer darüber nachdenkt, dann ist sie sich da auch gar nicht so sicher …

Jeder Band der Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe August 2017

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-080-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-524-6

Covergestaltung: Cornelius Schiffmann - Design, Illustration & Fotografie
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com @mimagephotography, @ Eugene Onischenko
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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 Für Lukas Nuxoll, weil seine Fotos wunderbar sind und er mein Leben positiv färbt.

Prolog

Vor zehn Jahren …

„Grace?“
Sie tippte sich mit den Fingerspitzen aufs Kinn und blickte in ihren Spind. Sie musste sich neue Pinsel kaufen. Die Borsten ihrer alten waren viel zu trocken.

„Grace, hast du mich gehört?“

Abschlussball. Alle redeten vom Abschlussball, aber sie wusste ehrlich gesagt noch gar nicht, ob sie überhaupt gehen sollte. Ihre Mitschüler waren alle so dämlich. Wollten Polizisten, Anwälte oder gar Baseballer werden – dabei waren sie alle so untalentiert und dumm, dass sie kaum als Kartoffel geeignet waren. Nein, sie würde nicht gehen. Es gab wichtigere Dinge, auf die sie sich konzentrieren musste.

„Grace!“

Sie schloss ihren Spind und wandte sich ungeduldig zu der Stimme um, die sie einfach nicht in Ruhe lassen wollte. Sie gehörte einem schlaksigen Jungen, dessen Nase so groß war, dass man eine ganze Farbtube darauf hätte abstellen können.

„Was?“ fragte sie genervt.

Sie kannte den Typen von irgendwoher. Vielleicht aus dem Unterricht. Hatte er sie nicht sogar schon einmal gefragt, ob sie einen Kaffee mit ihm trinken wollte?

„Ähm …“ Der Junge rang nervös seine Hände ineinander. „Ich hatte gefragt, ob du … nun ja … möglicherweise mit mir zum Abschlussball gehen wollen würdest.“

Irritiert betrachtete sie ihr Gegenüber, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, danke.“

„Ähm … du hast nicht einmal darüber nachgedacht.“

„Das muss ich auch nicht. Ich werde meine Zeit nicht auf einem langweiligen Tanzball vergeuden.“

„Oh. Bist du sicher?“

„Ja, bin ich. Außerdem kenne ich nicht einmal deinen Namen, das spricht nicht gerade für dich. Und jetzt hör auf, dich lächerlich zu machen, indem du nochmal fragst.“

Ihr Gegenüber war weiß geworden, die Augen weit aufgerissen. „Er … ist Eric Green.“

„Was?“ Wieso sprach er immer noch mit ihr?
„Mein Name. Er ist Eric Green.“

„Das ist ja schön für dich, warum sollte mich das interessieren? Geh.“

Das brauchte er sich nicht zweimal sagen zu lassen. Er stolperte über seine Füße und rannte beinahe Nelly um, die ihm entgegenkam.

Die Haare von Grace’ Freundin waren schwarz und glatt, ihre Haut makellos. Grace hatte sie immer darum beneidet, dass sie so graziös aussah – wie ein ganz eigenes Kunstwerk.

„Hey“, murmelte sie, während ihr Blick dem Typen folgte, dessen Namen Grace schon längst wieder vergessen hatte. „Was ist denn mit ihm?“

„Keine Ahnung, wollte mit mir ausgehen.“
„Oh, okay.“ Ihre Freundin schien abgelenkt und knabberte an ihren Fingernägeln herum.

„Alles okay?“, wollte Grace wissen, während sie den Spind abschloss und auf ihre Uhr sah. Sie musste unbedingt noch ins Atelier, wenn sie ihren Zeitplan einhalten wollte.

„Nein, nicht echt“, stellte Nelly fest und ließ ihre Hand vom Mund sinken. „Mein … mein Opa ist ja letzte Woche gestorben und heute soll die Beerdigung sein …“

„Oh, richtig.“ Grace nickte. Das hatte sie schon fast wieder vergessen. „Du schaffst das schon.“

Nellys Mundwinkel zuckten. „Ich weiß nicht … ich dachte, du könntest vielleicht mitkommen? Als emotionale Unterstützung?“

„Oh.“ Grace’ Augenbrauen flogen nach oben.

Ihr tat es wirklich leid, dass Nellys Opa tot war. Sie wusste, dass es ihrer Freundin nicht gerade gut ging und sie hätte ihr die Situation gerne erträglicher gemacht. Aber sie war nicht wirklich in der Position dazu. Sie konnte ihn nicht zurückholen und sie hatte so viel um die Ohren …

Sie tätschelte Nelly tröstend den Arm. „Nelly, das würde ich wirklich gerne, aber ich habe heute den Termin mit der Galeristin und …“

Ihre Freundin versteinerte unter ihrer Berührung und machte einen Schritt zurück. „Grace, die Beerdigung geht nur ein paar Stunden und ich dachte, du könntest deine Kunst vielleicht für einen Moment hintenanstellen.“

Also, das war jetzt nicht fair. Sie hatte so hart gearbeitet!

„Nelly“, sagte sie geduldig. „Wenn es jeder andere Zeitpunkt wäre, ich würde sofort mitkommen. Aber … du weißt, wie wichtig das für mich ist. Der Termin steht fest. Ich will nächstes Jahr meine zweite Ausstellung machen, ich darf mein Ziel nicht aus den Augen verlieren, ich …“

„Du! Du, du, du, du!“ Nelly biss die Zähne aufeinander und wandte den Kopf ab. „Lass es einmal auch um mich gehen, Grace! Ich brauche dich heute.“

„Ich … ich …“ Grace’ Kehle schnürte sich enger. Sie wollte ihr helfen, aber … sie hatte so viel Zeit in ihren Traum investiert und ihr Vater zählte auf sie.

„Nelly, ich kann dir nicht helfen. Dein Opa, er … er ist tot, aber meine Karriere ist es nicht. Ich muss mich nun einmal darauf konzentrieren.“

Sie hatte ein Ziel. Einen Traum. Das musste ihre Freundin doch verstehen! „Es tut mir leid, ich kann nicht mitgehen.“

Ihre Freundin starrte sie mit großen Augen an und Grace’ Magen zog sich zusammen, als sie Tränen darin glitzern sah.

„In Ordnung, Grace“, sagte Nelly mit zitternder Stimme. „Werde doch glücklich mit deiner Kunst. Ich glaube, du hast keine Zeit für eine Freundschaft, also mache ich es einfacher für dich: Unsere ist hiermit beendet.“

Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief davon.

Grace’ Augen brannten und Wut fraß sich durch ihre Adern. „Schön!“, schrie sie ihr zornig nach. „Ich wollte mir sowieso Freunde suchen, die ein wenig hübscher sind als du! Die besser zu mir passen! Die mir nicht dauernd im Weg stehen!“

Nelly lief schneller und Grace schloss die Augen.

Warum hatte sie das gesagt? Das hätte sie nicht tun sollen.

Nur … die Worte waren ihr aus dem Mund geflogen, bevor sie sie hatte aufhalten können. Sie waren ihr so leichtgefallen. Grace starrte ihrer Freundin nach, die so unendlich verletzt ausgesehen hatte und schluckte.
Schön. Sie brauchte sie nicht. Sie brauchte niemanden. Es war, wie ihr Vater immer sagte: Wenn man seine Bestimmung gefunden hatte, gab es nichts, was einen daran hindern konnte, diese zu erfüllen. Ihr ganzes Leben lag noch vor ihr! Sie hatte keine Zeit, sich von ihren Freunden herunterziehen zu lassen. Sie hielten sie nur auf. Sie …

Das Brennen in ihren Augen wurde unerträglich und sie senkte ihr Kinn. Grace starrte auf ihre Schnürsenkel, auf ihre Finger, an denen Kobaltblau klebte.

Es war ihr Traum, oder? Erfolgreich zu sein. Berühmt zu werden. All das zu haben, was ihr Vater ihr prophezeite. Träume forderten nun einmal Opfer.

Sie brauchte keine Freunde. Sie würde sie nächstes Jahr auf dem College ja ohnehin aus den Augen verlieren. Ja, sie war vielleicht egoistisch gewesen, aber Nelly musste es doch verstehen! Verstehen, dass … dass was?

Sie hatte ihren Opa verloren und eine Freundin gebraucht. Nichts weiter. Grace’ Fingernägel gruben sich in ihre Handinnenfläche und sie atmete tief ein und aus. Tränen bahnten sich ihren Weg und sie versuchte verzweifelt sie wegzublinzeln. Ihr Leben war so, wie sie es wollte. So wie sie es sich ausgemalt hatte.

Oder?

Nur – warum tat ihr Herz dann so weh?

Kapitel 1

Heute …

 „Ich bin kein Held!“
Ryan Hale zog sich genervt die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und versuchte sich sanft, aber bestimmt weiter mit der Schulter einen Weg durch die Reportermasse zu kämpfen. Mit dem sanften Teil hatte er ernsthafte Probleme, aber es würde niemandem helfen, wenn er jemanden zu Boden schubste und er am nächsten Tag vom Helden zum Feindbild gemacht wurde.

„Aber Sie haben den Jungen doch gerettet!“, schrie ihm einer der Anzugträger ins Gesicht.

Jetzt ging das wieder los!

„Jeder hätte den Jungen gerettet.“

„Aber nicht jeder hat den Jungen gerettet.“

„Das ist mir doch egal, was nicht jeder hat“, fluchte er und stieß das Mikrofon, das ihm jemand den Hals hinunterzustopfen versuchte, aus seinem Gesicht. „Es macht mich nicht zum Helden, den Arm ausgestreckt und jemanden umgeschubst zu haben. Das macht mich lediglich zu einem Mann mit guten Reflexen.“

„Aber es waren Ihre Reflexe, die den Jungen gerettet haben.“

Es war aussichtslos.

Jeder sah, was er sehen wollte und zuhören tat ihm ohnehin keiner. Abrupt blieb er stehen und hob mit einem verkniffenen Lächeln das Gesicht in die Kamera. „Schön. Ich bin ein beschissener Held! Man sollte mir eine Statue bauen und einen Feiertag nach mir benennen. Den Ryan-Hale-ist-ein-Held-Tag. Dort halte ich dann auch gerne eine Rede darüber, was für ein toller Mensch ich bin! Würden Sie mir jetzt bitte das Mikro aus dem Gesicht nehmen? Sonst werde ich meine außergewöhnlichen Reflexe dafür nutzen, es Ihnen aus der Hand zu schlagen.“

„Moment. Sie haben mir noch gar nicht gesagt, wie Sie sich dabei gefühlt haben.“

„Grandios natürlich“, knurrte Ryan und trat mit seinem Fuß gegen ein fremdes Schienenbein. „Endlich konnte ich der Held sein, als der ich geboren wurde! Ich habe meine Bestimmung gefunden.“

„Möchten Sie der Familie des Jungen noch irgendetwas sagen?“

„Ja, ich würde gerne allen Eltern auf der Welt etwas sagen: Besorgen Sie sich eine Leine und achten Sie drauf, dass Ihre verdammten Kinder nicht einfach so auf die Straße laufen!“

„Ähm …“ Der Reporter ließ sein Mikrofon etwas sinken, bevor er leise murmelte: „Könnten Sie das noch einmal ohne das verdammt vor den Kindern sagen? So können wir das nicht für die 12-Uhr-Nachrichten benutzen.“

„Das ist mir doch egal!“, fuhr Ryan ihn an. „Ich habe sowieso keinen Schimmer, warum Sie mich verfolgen. Meine heroischen Zeiten sind vorbei. Mehr als ein Leben rette ich nicht pro Monat!“

„Aber …“

„Meine Güte, sind denn alle heute Strühs!?“, rief er aufgebracht, bevor er im nächsten Moment die rettende Tür erreicht hatte und sich ins Innere des Stadions flüchtete.

Sobald die Tür hinter ihm zuschlug, konnte er wieder frei atmen und die Stille, die ihn plötzlich umgab, war ihm so willkommen, dass er gerne für mehrere Sekunden einfach nur dagestanden und gelächelt hätte – aber wer wusste schon, wie lange sich die Schakale von so etwas wie einer Tür würden aufhalten lassen? Deswegen schritt er schleunigst weiter. Einfach immer weiter weg von dem verdammten Blitzlicht und dem wirren Stimmdurcheinander.

Ryan hatte sich die letzten Jahre nichts sehnlicher gewünscht, als dass die Presse endlich aufhören würde, ihn wie einen Frauenhasser und bösartigen, gemeinen Menschen darzustellen. Wenn er gewusst hätte, dass es noch viel schlimmer war, der Gute zu sein, hätte er doch glatt lieber nochmal seine Ex-Freundin auf offener Straße als Miststück beschimpft.

Kopfschüttelnd ging er die steril-weißen Gänge entlang auf die Treppen zu. Es war schon absurd genug, dass er sich gerade dabei hatte fotografieren lassen müssen, wie er zu einem Fotoshooting ging, bei dem er sich würde fotografieren lassen! Er fragte sich, ob irgendeiner der Hampelmänner da draußen auch die Ironie darin sah.

Er war nicht erfreut gewesen, als Sam Parker, der PR-Manager der Delphies, ihn darum gebeten hatte, an einem Publicity Shooting teilzunehmen. Das Problem war nur: Wenn Sam um etwas bat, dann war es eigentlich ein Befehl und wenn Sam etwas befahl, dann wehrte ein intelligenter Mensch sich nicht dagegen.
Und Ryan war intelligent. Das hatte ihm zumindest seine Mutter immer gesagt – und die würde ja schließlich nicht lügen …

Jedenfalls durfte er jetzt, wegen eines bescheuerten Nachmittags, an dem er aus Versehen ein Leben gerettet hatte, das Werbegesicht der Delphies sein! Die Saison ging in zwei Monaten los und er verstand ja, dass Sam seinen derzeitigen Heldenstatus ausnutzen wollte, doch … Gott.

Heldenstatus! Er musste dringend ein paar Kaninchen überfahren und ein paar kranke Kinder auslachen, damit er dieses Wort nie wieder denken oder gar benutzen musste. Sein Handy klingelte und er war dankbar für die Ablenkung.

„Hale.“

„Ryan, Schatz, wie geht es meinem Helden?“

Großartig. „Witzig, Mom“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Sehr witzig.“

„Ach, du darfst die ganzen Leute nicht ernst nehmen. Die reden eben gerne. Freu dich stattdessen lieber darüber, deinen alten Titel losgeworden zu sein. Nach deiner letzten furchtbaren Freundin warst du immer nur der ‚Frauenhasser‘ – so eine Schauspielerin kommt mir nicht mehr ins Haus, hast du das verstanden? Ich hoffe doch, du wählst dir deine nächste Liebhaberin sorgfältiger aus.“

Er verzog das Gesicht bei dem Wort ‚Liebhaberin‘ aber im Grunde genommen … ja, das hoffte er auch. Nur schien die Vergangenheit bewiesen zu haben, dass er in dem Bereich kein gutes Händchen hatte. Trotzdem versprach er: „Die nächste Frau, die ich nach Hause bringe, wird süß und einfach und lieb sein.“ Und nicht das Verlangen haben, unsere ganze Beziehung in den Medien breitzutreten, setzte er in seinem Kopf hinzu.

Wo er gerade schon dabei war: Sie würde keine Drama-Queen sein und außerdem genau wissen, was sie wollte und immer klar artikulieren können, wo sie in der Beziehung gerade stand.

Mehr als diesen bescheidenen Wunsch hatte er nicht.

Er wollte wissen, woran er war.

Das sollte nicht zu viel verlangt sein, oder?

„Wie geht es dir denn nun, Schatz? Hast du den Schock überwunden?“

Ryan brauchte ein paar Momente, um zu verstehen, dass seine Mutter nicht von seiner Ex-Freundin sprach, sondern von seinem neu gewonnen und lächerlichen Ruhm. „Ich ja! Die Presse offenbar nicht.“

„Nun, die schreibt doch sowieso, was sie will. Vielleicht ist alles, was du brauchst, ein wenig Ablenkung.“

„Vielleicht. Du hörst dich an, als hättest du auch schon einen Vorschlag, was genau diese Ablenkung sein könnte.“

„Das habe ich in der Tat. Deswegen rufe ich auch an. Ich habe entschieden, deinen Bruder zu dir zu schicken.“

Ryan hielt mitten im Schritt inne. „Du hast was?“

„Ich werde deinen Bruder für ein paar Wochen zu dir schicken.“

„Aha … in Ordnung“, sagte er langsam nickend. „Mom, nur noch eine kurze Frage: warum?“

„Er will das College abbrechen, Ryan! Er schreibt erstklassige Noten, meint aber, er will nicht mehr hingehen. Stattdessen möchte er die Welt bereisen und DJ werden.“

Ryan musste grinsen. „Na, das hört sich doch nach einem Plan an.“

„Ryan Michael Hale, wage es nicht, dich darüber lustig zu machen! Ich werde Ruffy seine Zukunft nicht wegwerfen lassen. Doch er hört einfach nicht auf mich. Dein Vater hat es auch schon versucht und hat kläglich versagt, deswegen bist du jetzt dran. Zu dir hat er immer aufgesehen.“

Schnaubend erklomm Ryan die nächste Treppe. „Hat er nicht! Er findet Baseball bescheuert.“

„Nun ja, ich will nicht bestreiten, dass er dich lieber als Basketballer sehen würde, aber dennoch hast du immer eine gewisse Vorbildfunktion erfüllt. Wann darf er also kommen?“

„Wann? Würdest du ihn gerne direkt morgen schicken, oder was?“

„Wenn ich könnte, ja. Aber eine kleine Wahl möchte ich dir schon geben. Wie wäre es mit März?“

„Im März bin ich in Arizona beim Frühlingstraining und mitten in der Saisonvorbereitung.“

„Dann wird er eben danach kommen und dann wirst du ihm in ganzer Bandbreite davon berichten, wie das College – und vor allem der Abschluss – dich menschlich und intellektuell gefordert, verbessert und reifer hat werden lassen.“

Wenn Ryan ehrlich war, dann war das College für ihn Zeitverschwendung gewesen und das Einzige, was er gelernt hatte, war, wie man Frauen aufriss. Also ja, schon: Es hatte ihn verbessert. Über das reifer werden ließ sich diskutieren. Aber er würde einen Teufel tun, seiner Mutter das zu sagen.

„Ich weiß nicht, Mom, ich bin im Moment sehr beschäftigt. Dieses Heldentum ist gerade sehr anstrengend und zeitaufwändig. Da sollte ich mich voll und ganz drauf konzentrieren.“

„Du bist kein Held, das wissen wir beide, also reiß dich zusammen und rücke Raphael den Kopf gerade! Ich melde mich noch einmal, wenn ich Genaueres weiß.“

Ryan lachte leise. Es ging doch nichts über mütterliche Liebe. Wenigstens sprach sie endlich aus, was er schon längst wusste. Er war kein Held!

Er war Baseballspieler, machte sich gut auf Cornflakes-Packungen, war ein talentierter Koch und Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spieler – aber er war kein bescheuerter Held, nur weil er ein anständiger Mensch war!

„Okay, in Ordnung. Ich versuche, Raphaels Kopf deine Werte und Vorstellungen zu infiltrieren. Kann aber nichts versprechen.“

„Könntest du das bitte taktvoller ausdrücken?“

„Ich werde versuchen, Raphaels Traum kaputtzumachen?“

„Besser. Und du hast ja noch mehr als zwei Monate, in denen du vorbereiten kannst, was du zu ihm sagst. Hab’ dich lieb, Ryan.“

„Ich dich auch, Mom. Grüß Dad und pass auf deinen Blutdruck auf.“

„Meinem Blutdruck wird es fantastisch gehen, sobald Ruffy wieder auf dem College ist.“

„Klasse, Mom. Setz mich bloß nicht unter Druck.“

„Das ganze Leben besteht aus Druck, Schatz, und meine Aufgabe ist es, dich darauf vorzubereiten! Wir sehen uns, rette nicht allzu viele Jungen, bis dann!“

„Bye“, seufzte Ryan und legte auf.

Einige Sekunden blieb er auf dem Treppenabsatz stehen und sah auf sein Handy. Wenn er sich nicht irrte, dann würde … jap.

Das Telefon vibrierte und eine Nachricht von Ruffy leuchtete auf: Versuch ruhig, mich zu überzeugen, du rennst bei mir gegen eine Wand.

Ich habe mehr Angst vor Mom als vor dir, tippte er zurück und schob sich das Telefon wieder in die hintere Jeanstasche. Raphael und er hatten es sich angewöhnt, über den Zweitapparat in ihrem Haus die Gespräche ihrer Mutter zu belauschen. Sie war bis heute nicht dahintergekommen – was vor allem daran lag, dass Ryans Dad die Leitung ebenfalls benutzte, um sie dabei zu belauschen, wenn sie sich über ihn bei ihren Freundinnen beschwerte und das Geheimnis akribisch unter Verschluss hielt. Ryan hatte das schon immer für sehr intelligent von seinem Vater gehalten, denn so wusste dieser, was er tun musste, um seine Frau Janine glücklich zu machen – und konnte es so aussehen lassen, als wäre er selbst darauf gekommen. Er wollte die Ehe seiner Eltern nicht riskieren, würde seiner Mutter also nie etwas verraten.

Er nahm die letzten Stufen und warf der Tür, vor der er nun stand, einen miesepetrigen Blick zu.

Manchmal wünschte er sich, einfach so richtig hässlich zu sein. Dann würde sicherlich niemand sein Gesicht in einer Zeitschrift sehen wollen.

Leider war er wunderschön.

„Verdammte Gene!“, murmelte er, bevor er die Tür aufstieß.

Kapitel 2

„Oh mein Gott, Grace, oh mein Gott, Grace!“
„Was? Alles gut? Dein Gesicht ist ganz fleckig, Kay.“

„Ich weiß!“, sagte ihre Freundin aufgeregt und lief hastig um sie herum, um die Tür hinter ihr zu schließen. „Aber Grace! Ryan hat es im Fernsehen benutzt!“

Grace seufzte und eilte mit den vollgepackten Einkaufstüten in die Küche. Sie war spät dran. Wieder einmal.

„Was hat er benutzt? Ein Kondom? Einen Sonnenhut?“

„Nein, du Verrückte! Strüh! Er hat das Wort Strüh im Fernsehen benutzt!“

Ach, Strüh. Das Wort, das eine Million Bedeutungen hatte und das ihre beste Freundin in Amerika verbreiten wollte. Das Wort, das ihr tierisch auf die Nerven ging.

„Das ist der Anfang, ich sag’ es dir“, fuhr Kaylie fort. „Bald werden es alle kennen und dann …“ Sie hielt abrupt inne, als Grace sich zu ihr umdrehte und sie sie offenbar zum ersten Mal ansah.

Ihr Mund öffnete sich zu einem schockierten ‚Oh‘.

„Ja, ich weiß, ich weiß!“, seufzte Grace und bückte sich, um die Milch aus der Papiertüte zu fischen und im Kühlschrank zu verstauen. „Meine Haare sind kurz!“

„Ähm, ja …“, sagte Kaylie langsam. „Und orange.“

Mist. Grace hatte gehofft, sie hätte das verdrängen können.

„Ja, sie sind orange und kurz und hätte ich das Geld, würde ich meinen Frisör verklagen!“, stöhnte sie und richtete sich wieder auf. „Aber ich habe das Geld nicht und ich bin spät dran für einen Termin.“

„Oh, okay.“ Entschuldigend hob ihre Freundin die Hand. „Ich sage nichts mehr.“

„Natürlich musst du etwas sagen, Kaylie! Meine Haare sind orange“, jammerte Grace und legte sich beide Hände aufs Gesicht. „So kann ich doch nicht rausgehen! Ich hab’ gleich einen wichtigen Job und ich will nicht gefeuert werden, weil ich unangemessen am Arbeitsplatz erscheine!“

Dieser Tag war ein verdammtes Desaster – und Grace hatte nicht einmal die Zeit dafür, sich darüber ausgiebig zu beschweren, denn wie gesagt: Sie war spät dran.

Schon wieder!

Und sie durfte nicht zu spät kommen.

Schon wieder!

„Hier, warte“, sagte Kaylie optimistisch, machte einen Schritt in den Flur hinein und zog eine Kappe vom Garderobenhaken. „Setz die auf.“

Skeptisch nahm Grace die Kappe entgegen. „Und dann?“

„Dann setzt du sie nie wieder ab!“

„Toller Rat!“, schnaubte sie und beeilte sich damit, auch die restlichen Einkäufe zu verstauen. Die Kappe platzierte sie dennoch auf ihrem Kopf.

Kaylie lächelte entschuldigend und bückte sich nun nach dem Gemüse. „Hast du wenigstens dein Geld zurückverlangt?“

„Ich …“ Grace stockte, öffnete den Mund und schüttelte schließlich verdrießlich den Kopf. „Nein, habe ich nicht. Sie sah so jung aus. Und ich glaube, sie hat Kinder, da konnte ich ihr doch nicht mein Geld wegnehmen.“

„Grace, deine Haare sind orange! Du hättest ihr viel mehr als ihr Geld wegnehmen sollen!“

Ja, rein logisch gesehen war das richtig, aber … die Frisörin hatte so begeistert ausgesehen. Und wer war Grace, ihr die Laune kaputtzumachen? Außerdem war sie ja schließlich dort gewesen, um eine kleine Typänderung zu durchlaufen und die hatte sie nun definitiv bekommen, oder? Und der Schnitt an und für sich war ja gar nicht schlecht. Vielleicht etwas kürzer als schulterlanges Haar, wie sie es sich vorgestellt hatte, und auch etwas stufiger und mit etwas mehr Pony als sie verlangt hatte, aber … das Mädchen war sehr höflich gewesen und hatte ihr einen amüsanten Witz erzählt und … ach, verdammt nochmal, ihre Haare waren orange und Grace hasste eben Konfrontationen mit fremden Menschen! Harmonie war so viel angenehmer als Streit und Missbilligungen und Missgunst und all diese anderen hässlichen Gefühle.

Und wenn sie mit orangefarbenen Haaren leben musste, um einer Frisörin nicht das Herz zu brechen, dann würde sie das eben tun.

„Ich muss mich wirklich beeilen“, sagte sie und stopfte die nun leere Tüte in eine Schublade. „Das ist mein erstes Sport-Shooting und ich bekomme einen Haufen Geld, wenn ich mich vernünftig anstelle.“

„Ach, das schaffst du schon. Sportler zu fotografieren stelle ich mir simpel vor. Zieh ihnen das T-Shirt aus, lass sie die Arme hinter dem Nacken überkreuzen und schon hast du ein Bild, das alle lieben werden!“

„Du meinst, Frauen.“

„Ja. Ist das nicht die Leserschaft?“

Grace lachte. „Eigentlich nicht wirklich.“ Aber sie hatte keine Zeit, Kaylie zu erläutern, dass die SportsIn größtenteils an Männer verkauft wurde, von denen sich die meisten nicht sonderlich für einen muskulösen Oberkörper interessieren würden. Abgesehen von den Steroid-Opfern, die sich an dem Blick von Muskeln ergötzten. Aber höchstwahrscheinlich würde es dennoch mindestens ein Bild geben, auf dem das Fotoobjekt halbnackt zu sehen war. So war die ungeschriebene Regel. Und die Bilder konnten immer noch an ein Frauenmagazin verkauft werden.

„Ist auch egal“, stellte sie fest und fegte an Kaylie vorbei in ihr Schlafzimmer, um sich aus ihrer Jeans zu schälen und in einen grauen Businessrock zu schlüpfen. Sie hatte den Job erst seit zwei Wochen und sie war darauf angewiesen, einen professionellen Eindruck zu machen.

Na ja, andererseits hatte sie orangefarbene Haare, sie könnte also auch gleich mit zerrissenen Jeans und Bikinioberteil zum Termin gehen.

Sie stopfte die weiße Bluse in den Rock und sah zu ihrer Freundin auf, die im Türrahmen lehnte. „Bist du wirklich nervös?“, wollte Kaylie wissen.

Grace zuckte mit den Schultern und suchte nach ihren Perlenohrringen, die ihrer Meinung nach Professionalität ausstrahlten.

Eigentlich, wenn sie ehrlich war, machte sie sich keine großen Sorgen darum, dass sie einen guten Job erledigen würde. Grace war gut in dem, was sie tat. Sie war einer der glücklichen Menschen, denen alles zuflog. Sie strengte sich an, ja, aber oftmals musste sie nicht ganz so viel Disziplin aufbringen wie so manch anderer. Ja, sie hatte Glück gehabt mit ihrem Genpool – aber leider gab es zu jedem Talent auch eine Kehrseite.

„Keine Ahnung“, stieß sie schließlich aus, als ihr klar wurde, dass Kaylie noch immer auf eine Antwort wartete. „Ich habe nicht direkt Angst, eher … Respekt?“

Ja, das war eine akkurate Beschreibung.

„Respekt zu haben ist immer gut!“, unterstützte sie Kaylie. „Und wenn ich das so sagen darf: Es wurde Zeit, dass du aufhörst, dich unter Wert zu verkaufen! Dieser blöde Foto Shop, in dem du vorher gearbeitet hast, war wirklich keine Herausforderung für dich. Ich bin stolz auf dich.“

Grace nickte, hielt ihren Blick jedoch auf die Stiefel gesenkt, die sie sich gerade über die Füße zog. Es war Ende Januar und noch immer verdammt kalt draußen.

„Grace, das war ein Kompliment, das dich zum Lächeln, nicht zum Nachdenken bringen sollte“, bemerkte Kaylie misstrauisch. Ach, sie war einfach zu aufmerksam.

Grace sprang auf und seufzte schwer. „Ich weiß! Ich bin auch stolz auf mich.“

„Du hörst dich aber nicht so an.“

„Woher willst du das wissen? Wie hört sich denn eine Stimme an, wenn sie Stolz ausstrahlt?“

Kaylie tippte sich mit Zeige- und Mittelfinger gegen das Kinn und schien kurze Momente über diese Frage nachzudenken, bevor sie sagte: „Ich weiß nicht … schwulstig?“

„Na, dann hoffe ich wirklich, dass ich mich nicht stolz angehört habe“, bemerkte Grace und lief wieder an ihr vorbei, um ihre Jacke überzuwerfen. „Würdest du die restlichen Einkäufe einräumen?“, bat sie und schlang sich einen Schal um den Hals. Vielleicht konnte sie den ja auch einfach um ihren Kopf binden …

„Mach’ ich.“

„Danke. Ich werde dich auf ewig lieben“, versprach Grace und fiel ihrer Freundin spontan um den Hals.

Dieser Tag war jetzt schon so unglaublich anstrengend gewesen – dabei hatte ihre Arbeit doch noch nicht einmal angefangen! Aber ihre kleine Schwester hatte sie darum gebeten, sich um das Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter zu kümmern und Grace hatte nicht Nein sagen können, weil Madison doch gerade erst – vor zwei Monaten – den Blinddarm entfernt bekommen hatte und Amelia, ihre ältere Schwester, hatte sie auch nicht behelligen wollen. Sie war Krankenschwester und ohnehin schon dauergestresst. Also war sie in das Einkaufszentrum gehetzt, nur um sich von einem Verkäufer für Lederwaren vollquatschen zu lassen und komplett die Zeit zu vergessen – schon wieder!

„Ich weiß deine Liebe zu schätzen“, murmelte Kaylie und tätschelte ihr den Rücken. „Und Grace, ich weiß, du bist gerade in Eile, aber ich wollte dir noch etwas sagen …“

Grace ließ ihre Freundin los und grabschte nach den Schlüsseln, die sie vorher auf die Anrichte gelegt hatte. „Klar, wenn du dich beeilst.“
Kaylie nickte und erst jetzt bemerkte Grace, dass sie die Hände ineinander verkrampft vor ihren Körper hielt.

Na, das war ja mal ein gutes Omen …

„Nun, du weißt doch, dass ich mit Dex zusammen bin …“

„Dex? Ist das der riesige Muskelmann, der mir meine Milch wegtrinkt und andauernd halbnackt in unserer Küche steht? Nein, der ist mir noch nicht aufgefallen.“

Kaylie verdrehte grinsend die Augen. „Haha. Nun, Dex und ich sind jetzt schon über drei Monate zusammen und es ist vielleicht zu früh, aber wir hängen sowieso fast die ganze Zeit aufeinander. Und jetzt, wo Chloe ausgezogen ist und Dex das Penthouse für sich alleine hat …“

Der Schlüssel fiel aus Grace’ Fingern und schlug auf dem Boden auf. „Du willst ausziehen?“

Dexter war ein toller Kerl. Er war Spieler der Delphies, der ortsansässigen Baseballmannschaft, kümmerte sich liebevoll um seine Chaoten-Schwester Chloe und war wohl als Jackpot im Männerlotto zu bezeichnen, aber … Grace wollte Kaylie trotzdem nicht an ihn verlieren!

„Na ja, nicht jetzt sofort, aber nächsten Monat, wenn der Mietvertrag ausläuft … natürlich nur, wenn du eine neue Mitbewohnerin gefunden hast! Oder vielleicht willst du ja auch alleine wohnen? Mit deinem neuen Job verdienst du deutlich mehr und könntest es dir ganz sicher leisten …“

Grace starrte ihre Freundin an, deren Lippen sich weiterbewegten, doch sie fühlte sich nicht dazu imstande, weiter zuzuhören. Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass sie und Kaylie nicht ewig zusammen wohnen bleiben würden, aber sie hatte zumindest gehofft, dass sie noch mindestens ein halbes Jahr hatte, bevor Kaylie, die bisher vor jeder Beziehung weggelaufen war, sich mit ihrem Baseballgott in einem Bunker verschanzte. Sie wohnten nun bereits seit fünf Jahren zusammen und wenn sich das plötzlich änderte, dann …

„… hoffe, das ist okay, Grace.“

Grace blinzelte und zwang sich zu einem Lächeln. „Natürlich ist das okay. Du liebst Dexter, ihr wollt zusammenziehen. Das kommt nicht überraschend.“

Doch es kam überraschend! Und Grace wollte es nicht zugeben, aber sie brauchte Kaylie. Sie mochte es, nach Hause zu kommen und mit ihr zu tratschen. Sie mochte es, sie einfach in den Arm nehmen zu können, wenn sie sich gerade verloren fühlte.

Sie war ihre beste Freundin und sie freute sich, dass sie so glücklich war … aber konnte sie mit Dexter nicht noch eine Weile in getrennten Wohnungen glücklich sein?

„Ich freue mich für dich“, sagte Grace und bückte sich hastig nach dem Schlüssel. „Wirklich. Danke, dass du so früh Bescheid gibst. Ich muss jetzt wirklich los, aber wir reden heute Abend drüber!“

Kaylies Ohren liefen dunkelrot an. „Ich bin heute Abend schon bei Dex, tut mir …“

„Dann morgen Abend“, setzte sie beschwingt hinzu, mit Mühe und Not das Lächeln haltend.

Gott, sie war ein schrecklicher Mensch. Sie wollte ihrer besten Freundin ihr Glück verwehren, nur damit sie selbst nicht einsam war? Was war nur los mit ihr? Sie hatte auch einen Freund. Sie war auch glücklich. Und vielleicht würde sie Henry einfach fragen, ob er nicht bei ihr einziehen wollte!

Sie mochten in ihrer Beziehung nicht so innig sein wie Dex und Kaylie – aber ganz ehrlich, wer war das schon? Das hieß nicht, dass sie nicht verliebt waren!

Schön, er hatte ihre Freunde bis heute nicht kennengelernt, weil er dauernd auf Geschäftsreise war und immer meinte, er sei nicht scharf darauf, neue Leute kennenzulernen, aber … das würde sie bald ändern. Er sollte sich nicht so anstellen. Sie massierte doch auch seine Füße, obwohl sie die ekelig fand. Jeder musste Opfer in einer Beziehung bringen.

„Ich freue mich wirklich“, wiederholte sie, an Kaylie gewandt, bevor sie aus der Tür trat. Denn sie sollte wahrlich kein schlechtes Gewissen haben, weil sie mit ihrem Freund zusammenzog.

Während sie die Treppe hinuntereilte, knöpfte sie ihren Mantel zu und sog schließlich auf der Straße die kalte Luft in ihre Lungen. Grace mochte den Winter. Im Winter schien alles ruhiger und entspannter.

Was für eine trügerische Jahreszeit.

Wenn sie es sich recht überlegte, fing sie langsam an, den Winter dafür zu verurteilen, dass er allen Menschen etwas vormachte!
Und als sie sah, dass innerhalb der letzten halben Stunde, die sie ihr Auto nicht benutzt hatte, wieder eine dünne Eisschicht die Windschutzscheibe befallen hatte, entschied sie spontan, dass sie den Winter wohl doch eher hasste.

Sie kratzte den eisigen Belag vom Glas, setzte sich hinters Lenkrad und rieb sich die abgefrorenen Hände. Grace zog die Brille aus dem Handschuhfach und setzte sie auf, bevor sie rückwärts aus der Parklücke fuhr. Natürlich klingelte in genau diesem Moment ihr Telefon …

Nur die Tatsache, dass es klug war, weiter auf die Straße zu schauen, hielt sie davon ab, sich die Hände vor die Stirn zu schlagen. Sie hätte es ausschalten sollen – doch jetzt blinkte schon das Wort Dad auf und womöglich brauchte er sie und … ach, Mist. Sie hob ab und schaltete den Lautsprecher ein.

„Hey, Dad. Was gibt’s? Ich hab’ nicht viel Zeit, ich sitze im Auto und …“

„Ich habe es beendet, Gracie“, unterbrach sie der aufgeregte Bass ihres Vaters unsanft. „Es ist fertig. Du musst herkommen und es ansehen.“

„Was ist fertig, Dad?“

„Die Delfinballerina natürlich!“

„Ach so. Klar.“ Vor Grace schaltete die Ampel auf orange und sie drückte das Gaspedal durch. Sie hatte noch zehn Minuten und eigentlich benötigte man diese Zeit beim Delphies Stadion schon allein dafür, einen Parkplatz zu finden. „Wann hast du den letzten Schliff angelegt?“

„Vor zwanzig Sekunden! Du musst herkommen und mir deine Meinung dazu sagen.“

„Dad, ich arbeite, ich kann nicht …“

„Ich spreche nicht von jetzt. Ich spreche von Sonntag. Bis dahin muss der Ton ohnehin noch gebrannt und getrocknet werden.“

Grace presste die Lippen aufeinander und bremste vor einer scharfen Kurve ab. Sie wollte pünktlich sein, aber sich deswegen nicht umbringen.

„Dad“, sagte sie vorsichtig, „du weißt, dass Mom Sonntag ihren Geburtstag feiert.“

„Natürlich weiß ich das. Wir waren über zwanzig Jahre verheiratet, glaubst du, nur weil wir jetzt geschieden sind, vergesse ich ihren Geburtstag?“

„Nein, natürlich nicht, nur …“

„Na also, was hat also ihr Geburtstag mit meiner Kunst zu tun? Du bist die Einzige von euch drei Mädchen, die mein Genie versteht und du musst dir die Delfinballerina ansehen! Sie ist wunderbar geworden.“

„Dad!“, sagte Grace lauter. „Mom feiert Sonntag ihren Geburtstag.“

„Du wiederholst dich, Gracie. Was hat das mit irgendetwas zu tun?“

„Ich bin auf dieser Feier, Dad!“

„Aber doch nicht den ganzen Tag!“

„Na ja, aber schon … fast den ganzen Tag.“

„Gracie, ich bitte dich nur um ein paar Stunden deiner Zeit, ist das zu viel verlangt?“

„Dad, komm schon, ich kann morgen doch schon kommen, da …“

„Der Ton muss noch brennen, er wird morgen nicht trocken sein.“

„Montagabend, ich könnte …“

„Montag wollen die Heinis von der Kunstgalerie sich die Skulptur schon angucken. Ich brauche eine professionelle Meinung von jemandem, bevor sie kommen.“

Er brauchte keine Meinung, er brauchte Bestätigung! Aber ihr Vater war seit der Scheidung einsam, auch wenn er es nicht zugab. Er verlor sich in seiner Kunst und hatte seine Freunde über den Erfolg hinweg schon längst vergessen. Sie schien die Einzige zu sein, die es noch mit ihm aushielt. Amelia und Madison hatten längst aufgegeben. Sie konnten weder mit Kunst noch mit ausgeprägtem Egoismus etwas anfangen. Grace war wohl der einzige Grund, warum sie überhaupt noch mit ihrem Vater redeten.

„Schön, ich komme“, seufzte sie. „Passt dir acht Uhr?“

Kapitel 3

„Passt dir das Kostüm?“
Ryan hob ungläubig die Augenbrauen. „Das ist nicht dein Ernst! Ich dachte, das wäre ein Scherz von dir.“

Sam, PR-Manager der Delphies, in Fachkreisen bekannt als der Eisblock, hob eine Augenbraue. „Ich bin nicht witzig, Ryan. Ich dachte, das wäre dir inzwischen klar. Und wenn es um gute Werbung geht, verstehe ich erst recht keinen Spaß.“

Die Mundwinkel des Mistkerls zuckten! Das konnte Ryan genau sehen.

„Ich sag’ dir was, Sam“, knurrte Ryan und knackte mit seinen Fingerknöcheln. „In dem Moment, in dem du dich in einem Wonder-Woman-Kostüm neben mich stellst, werde ich die Superman-Uniform anziehen. Solltest du aber kein goldenes Lasso schwingen, rate ich dir, dir das unterschwellige Grinsen vom Gesicht zu wischen, sonst übernehme ich das für dich.“

Jetzt gab sich der PR-Mann nicht einmal die Mühe, zu verstecken, wie amüsant er diese verdammte Situation fand. „Da ist heute Morgen aber jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden. Schlägt dir das Heldentum aufs Gemüt, Ryan? Und wenn du mein Gesicht deformieren möchtest, musst du damit rechnen, dass Chloe dich umbringt. Sie hängt sehr an meinen perfekten Wangenknochen.“

„Chloe ist eine kluge Frau“, murmelte Ryan düster. „Sie wird verstehen, wie ich die Welt mit einem winzigen Schlag in dein Gesicht verbessert habe.“

„Darauf würde ich nicht bauen“, meinte Sam und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Aber schön. Ich wusste, dass du kleine Diva dich zieren würdest. Nur weil du die Muskelpartien nicht ausfüllen kannst, musst du dich nicht schämen. Aber dann: kein Superman-Kostüm für dich. Wie wäre es stattdessen mit einem Action-Shooting, bei dem du ein Kind erneut davor retten kannst, mit einem Auto zu kollidieren?“

Der Einzige, der bald Rettung brauchen würde, war der Klugscheißer von PR-Mann, der gehörig an Ryans Nerven zerrte. Es war ja schön für Sam, dass er, seit er mit Chloe zusammen war, sein lang verlorenes Lächeln zurückgefunden hatte. Aber konnte er bitte in seiner Freizeit glücklich sein? Das hier war geschäftlich und da hatte Spaß nichts zu suchen.

Zumindest sah Ryan das gerade so.

Herrgott, dieses dumme Getue der Reporter war einfach lächerlich! Er hatte gehandelt wie jeder halbwegs anständige Mensch und die Presse stürzte sich darauf, als hätte er den Weltfrieden herbeigeführt.

„Steck dir dein Action-Shooting sonst wohin, Sam“, stellte Ryan trocken fest und riss sich ein paar Weintrauben von der Rebe, die auf dem Catering-Tisch lag.

„Ich hoffe doch sehr für dich, dass du zu deinem Interviewer gerade netter warst, denn sollte der Artikel, der Samstag erscheint, Mist sein, werde ich dich ohne Skrupel bei Panther als den Schuldigen anschwärzen.“

Diese Drohung würdigte Ryan erneut mit einem Schnauben.

Cole Panther war seit etwas mehr als drei Wochen der neue Besitzer der Delphies. Er hatte die Mannschaft quasi von seinem Vater geerbt und das Gerücht ging um, dass er einige Verkäufe und eine Horde neuer Einkäufe geplant hatte. Doch Ryan machte sich keine Sorgen. Er war der verdammt beste Catcher der MLB und Cole Panther mochte mit seinen vielleicht dreißig Jahren noch grün hinter den Ohren sein – aber er war nicht blöd.

„Tu das ruhig, Sam“, meinte Ryan und schluckte die letzte Traube herunter. „Erzähl Panther doch am besten gleich, dass ich dir auch dein Pausenbrot weggenommen habe. Das könnte ihn interessieren.“
„Mann, Mann, Mann, Hale! Du bist ja heute wirklich die Sonne über dem Teletubbie-Land.“

„Ich tue, was ich kann.“

„Schön, schmoll ruhig noch ein bisschen. Ich geh’ den SportsIn Typen fragen, wann endlich die Fotografin eintrifft. Iss nicht zu viel, sonst sieht man gleich deine Bauchmuskeln nicht mehr – und du willst doch Millionen von Hausfrauen nicht enttäuschen, oder?“

Sam gab ihm nicht die Möglichkeit, noch eine patzige Antwort darauf loszuwerden, sondern lief bereits durch den hellen, ausgeleuchteten Raum, der so ziemlich der größte Albtraum des Baseballspielers war.

Ryan war Catcher und die Aufgabe eines Catchers war es, stets aufmerksam zu sein und alles im Blick zu behalten. Er hatte einen der anspruchsvollsten Jobs des gesamten Spiels, sagte den Pitchern an, welche Bälle sie am besten warfen, musste zusehen, dass die Spieler des gegnerischen Teams nicht versuchten, sich einfach so zur nächsten Base vorzustehlen und ja … Ryan war großzügig genug, sich als einen der wichtigsten Spieler der Mannschaft zu bezeichnen.

Er war gut darin, Dinge vorauszusehen, durchweg konzentriert zu bleiben. Aber diese Fähigkeit beschränkte sich leider nur aufs Spielfeld. In seinem Privatleben hatte er königlich darin versagt, in die Zukunft zu sehen, und sich bei Dingen wie Interviews und Fotoshootings richtig zu konzentrieren. Und das aus einem ganz einfachem Grund: Es interessierte ihn alles einen feuchten Dreck.

Er hielt sich für einen der uninteressantesten Menschen, die diese Welt zu bieten hatte.

Er hatte eine schöne, behütete Kindheit gehabt, seine Eltern waren immer noch zusammen. Er hatte in seinem Leben noch keine Drogen genommen, nicht den Wunsch, das nachzuholen, bezahlte pünktlich seine Rechnungen, wohnte in einem Haus in der Vorstadt und kochte gerne – und wäre da nicht das Debakel mit Mary-Ann gewesen, wären die Medien nie auf die Idee gekommen, ihn ins Fadenkreuz zu nehmen.

Aber jetzt war das Kind in den Brunnen gefallen – oder sollte er lieber sagen, dass die Beziehung in den Brunnen gefallen war – und von der objektiven Seite aus betrachtet, war die gute Publicity, die er gerade genoss, das Beste, was ihm hätte passieren können. Tja, schade nur, dass Ryan Objektivität mit eher gemischten Gefühlen gegenüberstand.

Sie mochte für andere funktionieren – Psychologen, Journalisten und Lehrer – aber er konnte sich einfach nicht damit anfreunden.

Er war nun einmal kein Objekt – warum dann mit Objektivität vorgehen? Das hatte wahrlich keinen Sinn.

Er griff sich eines der Sandwiches, die ebenfalls auf der langen Cateringtheke lagen, biss hinein, verzog den Mund und ließ es wieder fallen.

Widerlich.
Die Delphie-Organisation sollte Cara für diesen Job engagieren. Vielleicht sollte er mit Sam mal darüber reden. Cara war die Ex seines besten Freundes Ty, mit dem sie auch einen Sohn zusammen hatte, und sie war es, die ihm das Kochen nähergebracht hatte. Mittlerweile leitete sie ein Catering-Business. Über die letzten sechs Jahre hinweg, in denen Cara und Ty ihren Sohn immer wieder von Houston nach Philadelphia und wieder zurück geschifft hatten, war sie zu einer guten Freundin geworden. Auch wenn Ty das nicht gerne hörte, weil er Ryan immer vorwarf, er würde sich besser mit der Mutter seines Kindes verstehen als er selbst.

Ryan ließ es sein, ihm zuzustimmen. Cara und Ty erzählten zwar immer allen, sie hätten Frieden geschlossen, aber Ryan kannte beide Seiten – sie logen sich eins ins Fäustchen. Zwischen den beiden gab es so viele unterdrückte Gefühle, dass Ryan jeden Tag damit rechnete, sie würden explodieren. Zurzeit hielten sie die Scharade jedoch noch sehr erfolgreich aufrecht und Ryan hatte nicht vor, ihnen die Illusion zu nehmen. Für Danny, ihren Sohn, war dieser gespielte Frieden derzeit das Beste. Hoffte er.

Er wickelte den Schandfleck von Sandwich gerade in eine Serviette, als die gegenüberliegende Tür aufschlug und eine Frau in den Raum gehetzt kam.

Sie war schmal, flachbrüstig und klein und reichte Ryan wahrscheinlich gerade mal bis zur Schulter. Ihre Wangen waren gerötet, vielleicht von der Kälte, möglicherweise war sie aber auch die Stufen hochgerannt, und sie trug eine riesige Kameratasche über ihrer Schulter. Die Tasche musste verdammt schwer sein und Ryan rechnete fast damit, dass die Frau der Schwerkraft nachgab und einfach zur Seite wegkippte, doch sie hielt sich wacker auf den Beinen, während sie sich hektisch umsah. Bei ihren ruckartigen Kopfbewegungen flogen ihr die kinnlangen Haare um die Ohren, deren Farbe Ryan beim besten Willen nicht anders als mit Karotte trifft Orange bezeichnen konnte.

Als ihr Blick auf Sam und dem Interviewer landete, die sich angeregt unterhielten, sackten ihre Schultern sichtlich nach unten und ihre Mundwinkel zuckten kurz zu einem erleichterten Lächeln nach oben. Ihre mit Sommersprossen verzierte Nase kräuselte sich kurz und die Brille, die sie trug, rutschte daran hinab. Sie zog sie von ihrem Gesicht, steckte sie in ihre Handtasche und fixierte ihn schließlich.

Sie lächelte und irgendwie … war sie süß.

Sie war keine umwerfende Schönheit. Hatte eher etwas von dem Mädchen von nebenan, war aber süß. Sehr süß. Sie sah nicht nach Drama aus. Das gefiel ihm.

Sie bewegte sich auf ihn zu und wenn Ryan den Hüftschwung von ihr näher betrachtete, dann könnte er fast dazu hingerissen werden, sie als dezent heiß zu bezeichnen. Außerdem kam sie ihm vage bekannt vor.

Sein Gesichtsgedächtnis war nicht das Beste, aber die dunkelblauen Augen und die Art, wie sie sich durch das Recken ihres Kinns versuchte größer zu machen …

„Hey.“ Die kleine Frau blieb vor ihm stehen, ließ die Kameratasche zu Boden sinken und streckte die Hand aus. „Schön, dich wiederzusehen, Ryan. Ich habe gehört, wir beide werden heute ein kleines Beauty-Shooting durchführen.“

Ryan runzelte die Stirn, ergriff jedoch ihre Hand. „Du bist die Fotografin“, stellte er fest.

„Du hast eine skandalös gute Auffassungsgabe. Aber du bist ja Catcher, ich schätze also, das ist dein Job“, bemerkte sie lächelnd.

„Ja, danke …“, sagte er langsam, versuchte sich daran zu erinnern, woher er sie kannte … und gab auf. „Entschuldige, aber kennen wir uns?“

„Tun wir. Wir haben uns letztes Jahr auf der Weihnachtsfeier der Delphies kennengelernt. Ich bin Grace, Freundin von Emma, Kaylie, Michelle und …“

Der Groschen fiel.

„Ah, natürlich.“ Er lächelte. „Grace. Tut mir leid, ich habe dich erst nicht erkannt, weil …“

Sie winkte ab. „Meine Haare so kurz sind, ich weiß.“

„Nun ja, und … orange.“

Verärgert schnalzte sein Gegenüber mit der Zunge. „Warum müssen alle daran festhalten!? Ich finde die Kürze viel dramatischer. Die Farbe, die … die trägt man heute so.“

Ryan hob skeptisch eine Augenbraue. „Wann? Zu Halloween, wenn man als Kürbis gehen will?“

„Nein, einfach so! Quasi als … Accessoire.“

„Orangefarbene Haare sind also wie eine schicke Handtasche?“

„Ja“, beharrte Grace. „Das ist total modisch! Alle großen Stars haben diesen Look.“

„Alle großen Stars wie … Samson aus der Sesamstraße?“
„Samson ist braun und nein, den meine ich nicht. Ich spreche von Rihanna und Taylor Swift und … all den anderen Leuten.“ Sie wedelte ausdrucksstark mit der Hand in der Luft herum.

Süß.

„Grace, ich fürchte, da hat dein Frisör dich angelogen. Aber Kompliment an dich, du trägst die Farbe mit Stil.“

Sie verengte die Augen, als versuche sie zu ergründen, ob er sich gerade über sie lustig machte – aber er tat ihr nicht den Gefallen, ihre stumme Frage zu beantworten. Dafür hatte er viel zu viel Spaß.

Schließlich zuckte sie die Schultern. „Ich hoffe einfach mal für dich, dass das ernst gemeint war, denn sonst müsste ich dir leider mit Photoshop ein paar Pickel aufs Gesicht zaubern“, sagte sie fröhlich und Ryan ging erneut durch den Kopf, dass er diese Frau durchaus mögen könnte.

„Solange du mich nicht dazu zwingst, mir Öl auf die Brust zu schmieren – tu mit mir, was du willst.“

Grace lachte. „Was ich will? Aber Ryan, wenn ich eine Frau mit weitaus weniger Stil wäre, würde ich jetzt eine frivole, zweideutige Anmerkung machen und dir verheißungsvoll zuzwinkern.“

Ja, die Frau gefiel ihm definitiv.

„Tu dir keinen Zwang an“, grinste er. „Es gibt Schlimmeres, als von einer hübschen Frau auf billige Art und Weise angemacht zu werden.“

Ein dezenter Rot-Ton kroch Grace den Hals hinauf. „Nein danke, ich verzichte.“ Sie wandte den Blick ab und beäugte die Sandwiches auf dem Tisch. „Das Öl werde ich dennoch weglassen. Denn ich bin ein guter Mensch.“ Sie streckte die Hand nach einem der Sandwiches aus. Hastig fuhr auch Ryans Hand nach vorne, um ihre abzufangen.

„Tu es nicht!“, warnte er sie. „Das schmeckt widerlich.“

Grace sah auf die Finger, die er immer noch um ihr Handgelenk geschlossen hatte und Ryan dachte für kurze Zeit daran, sie loszulassen – entschied sich jedoch dagegen. Ihre Haut war weich und warm … und er flirtete gerne. Er hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr geflirtet.

„Hast du versucht, es zu verbessern?“, wollte Grace wissen.

Für einen Moment war Ryan verwirrt. Er sollte seine Flirttechniken verbessern? Er brauchte einige Zeit, bis er verstand, dass sie vom Sandwich sprach.

„Inwiefern willst du es verbessern?“, fragte er interessiert und ließ sie widerwillig doch los.

„Siehe zu und lerne“, versprach sie verheißungsvoll und Ryan beobachtete sie die nächsten drei Minuten dabei, wie sie ein widerliches Sandwich zu ganz neuen Bereichen von ekelig erhob.

Sie quetschte Weintrauben zwischen die labbrigen Brotscheiben, Chipskrümel, einen Dip, der verdächtig kräftig nach Knoblauch und Kapern roch, und toppte das ganze schließlich enthusiastisch mit einem Stück weißer Schokolade.

Also, wenn sie sich gleich nicht übergab, dann würde er es tun.

„Versuchst du gerade, mich mit einem steinernen Magen zu beeindrucken?“, wollte Ryan stirnrunzelnd wissen. „Falls ja: Es funktioniert.“

Grace lachte laut und nahm einen weiteren Bissen. „Warum sollte ich dich beeindrucken wollen?“

„Weil ich süß bin.“

Sie lachte noch lauter und in ihren Augen spiegelte sich das helle Neonlicht der Decke wider. „Das bist du in der Tat. Aber es gibt, glaube ich, Dinge die mehr Sexappeal haben als ein starker Magen. Starke Brüste zum Beispiel.“

Ryan winkte ab. „Starke Brüste sind so furchtbar unoriginell.“

„Auch wieder wahr. Aber ich muss dich enttäuschen: Ich esse das Sandwich nur, weil es delikat gut schmeckt!“

Er glaubte ihr kein Wort. Auch wenn er zugeben musste, dass sie bei ihren Worten überzeugend genießerisch die Augen geschlossen und sich die Lippen geleckt hatte. Aber das konnte jede Frau, die schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht hatte und heutzutage, bei den Weicheiern da draußen, war das eine Fähigkeit, auf die die moderne Frau nicht verzichten konnte.

„Du kannst das unmöglich lecker finden.“

„Natürlich ist das lecker!“, sagte sie mit vollem Mund. „Individuell lecker!“

„Ist das ein Euphemismus für abartig?“

„Du bist ein Euphemismus für abartig“, erwiderte sie lächelnd und schob sich auch das letzte Stück Brot zwischen die Zähne.

„Schlagfertig“, stellte er grinsend fest.

„Danke! Mhm, mjam.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Darf ich dir eine persönliche Frage stellen?“, fragte Ryan und lehnte sich leicht vor.

„Klar!“

„Reines Interesse, aber … wie oft wurde dir der Magen schon ausgepumpt?“

Grace fing so laut an zu lachen, dass er beinahe vor ihr zurückgeschreckt wäre. „Gott, du hörst dich an wie Kaylie. Ihr habt einen solch’ engen Essenshorizont. Das tut mir im Herzen weh.“

„Das muss das Sodbrennen sein“, stellte er fest und Grace kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn in diesem Moment trat der Interviewer zu ihnen.

„Da sind Sie ja, Miss Hayden“, sagte er angesäuert. „Ich hatte Sie vor einer Viertelstunde erwartet.“

„Ich bin seit einer Viertelstunde hier, aber Mister Hale hier hat mich von meiner Arbeit abgehalten“, stellte sie ungerührt fest.

Ryan war zu amüsiert, um es persönlich zu nehmen, dass sie die Schuld auf ihn abwälzte.

„Oh.“ Der Sportreporter blickte kurz zu ihm und als Ryan nicht widersprach, nickte er. „Schön. Können wir dann anfangen?“

„Können wir.“ Grace schulterte die Tasche und lächelte noch einmal zu Ryan hoch.

Diese Frau hatte ein Lächeln, das Männer sicherlich dazu bringen konnte, ihre ekeligen Sandwich-Variationen zu essen. Sie wäre eine hervorragende Auftragskillerin. Sie könnte ihre Opfer jedes Mal problemlos vergiften.

„Ryan, kommst du?“

Er blinzelte und nickte langsam. Das war eine wirklich verfängliche Frage …

Grace blickte durch die Linse und konnte nicht umhin, festzustellen, dass Ryan lächerlich fotogen war.

Langsam fing sie an zu bezweifeln, dass der Manager der Delphies die Spieler für ihr Können kaufte. Sie bekam das vage Gefühl, dass er eher nach Attraktivität und Schönheit ging. Es war schon mehr als auffällig, wie viele heiße Typen das Philadelphia Baseballteam bevölkerten. Das konnte kein Zufall mehr sein.

Seine dunkle Haut hob sich vom Greenscreen ab, vor dem sie ihn positioniert hatte und kein T-Shirt der Welt hätte seine Muskeln verbergen können – abgesehen davon trug er zurzeit keins. Die schwarzen Haare waren kurzgeschoren, der dunkle Blick eindringlich, der kantige Kiefer angespannt … die Lippen fest zusammengepresst.

„Ryan, was hältst du davon, zu lächeln?“

„Genauso viel wie von meiner Pose und meiner Kleidung!“, knurrte er zurück.

Grace biss sich auf die Zunge, um nicht wieder anzufangen zu lachen. „Du musst dir schon ein wenig Mühe geben, denn … nimm es mir nicht übel, aber du siehst nicht glücklich aus.“

„Ich bin auch nicht glücklich!“

„Ja, aber mit dem Foto wollen wir die Nachricht vermitteln, dass du glücklich bist. Du hast ein Leben gerettet!“

„Ich habe eher das Gefühl, dass mit dem Foto vermittelt werden soll, dass ich eine Menge Muskeln habe und ich heiß bin.“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil ich kein Shirt anhabe!“

Sie hob den Kopf von der Kamera. „Oh, ja. Ja, das auch. Aber das ist nur ein Teil des Shootings! Die Fotos werden an Frauenmagazine verkauft. Wir machen gleich noch welche in deiner Uniform.“

Noch welche?“ Ryan sah aus, als hätte sie ihm soeben vorgeschlagen, ihm ohne Narkose alle Zähne zu ziehen. „Wieso denn noch welche? Ihr braucht doch nur eins.“

Ihm schien offenbar nicht klar zu sein, dass der Artikel über ihn vier Seiten einnehmen sollte. Und Grace fühlte sich auch nicht danach, ihn zu erleuchten.

„Zur Sicherheit werden immer mehrere Fotos gemacht“, erklärte sie und hoffte, dass ihre geröteten Wangen sie nicht verrieten. Andererseits hatte sie die schon, seitdem er sein T-Shirt ausgezogen hatte.

Sie war ja eigentlich keine dieser Frauen, die sich von einem durchtrainierten Körper leicht beeinflussen ließ … hatte sie bis vor fünf Minuten gedacht. Aber Ryans Muskeln waren schon etwas Besonderes. Sie war Künstlerin! Sie wusste Besonderheiten und Perfektion wertzuschätzen. Das war der alleinige Grund dafür, warum sie durch die Linse meistens nicht auf sein Gesicht starrte, worauf ihr Blick eigentlich hätte ruhen sollen.

Ryan hatte keine dieser aufgepumpten, bulligen Muskeln, keinen Stiernacken oder Oberarme, die Baumstämmen glichen. Er hatte diese sehnigen, wunderschönen Sportlermuskeln, die sie gerne mal im Kerzenschein zeichnen würde.

Sie hatte nur die Befürchtung, dass ihr Freund Henry etwas dagegen haben könnte. Ein Jammer …

Als Kunstobjekt wäre Ryan wirklich was Feines.

„Vielleicht kannst du dein T-Shirt ja einfach wieder anziehen“, überlegte Grace, „ich denke …“

„Nein!“, schnarrte ihr Kollege, der eigentlich Benjamin Tersgarden hieß, aber auf der Arbeit nur als Benny the Bitch bekannt war. „Das T-Shirt bleibt aus. Herrgott, Miss Hayden. Es ist Ihr Job, ihn gut abzulichten! Sie werden ja wohl ein paar Schnappschüsse von unserem halbnackten Helden schießen können.“

Grace räusperte sich und richtete sich auf. „Mister Tersgarden, wenn er sich unwohl fühlt, dann wird das Ganze auf den Bildern zu sehen sein und … sind die Fotos wirklich nötig?“

Benny the Bitch verengte die Augen und stemmte die Hände in die Seiten. „Wie lange sind Sie im Geschäft, Miss Hayden?“

„Ähm, als Fotografin schon etwas länger, ich …“

„Ja, als Fotografin, die die Haustiere von gelangweilten Hausfrauen fotografiert! In diesem professionellen Business läuft das etwas anders. Also tun Sie verdammt nochmal, was ich sage, und schießen sie die beschissenen Fotos!“

Grace sah ihn an, wollte den Mund öffnen, erklären, dass sie auch ein paar eigene Ideen hatte, tat es jedoch nicht.

Sie schluckte nur, nickte und verschanzte sich dann wieder hinter der Kamera.

Irrte sie sich oder sah Ryan noch angepisster aus als zuvor?

Sie räusperte sich. „Okay, Ryan“, sagte sie lauter, „fangen wir noch einmal von vorne an.“

Griesgrämig kratzte er sich im Nacken. „Glaub’ mir, das Letzte, was ich will, ist wieder von vorne anzufangen! Kannst du mich nicht einfach als den düsteren, eigenbrötlerischen Spielverderber darstellen, der in seiner Freizeit Kinder rettet, bevor er den Nachbarshund tritt?“

„Tut mir leid“, meinte sie bedauernd. „Den Titel trägt schon jemand anderes. Und könntest du wenigstens versuchen zu lachen? Für mich?“

Interessiert legte er den Kopf zur Seite. „Was kriege ich denn dafür?“

„Jetzt bist du also schon eigenbrötlerischer Spielverderber und Erpresser?“, fragte Grace lachend.

„Ich bin ein Mann mit vielen Gesichtern“, stellte er grinsend fest, die Hand immer noch im Nacken – und Grace drückte den Auslöser.

Sie betrachtete das Foto auf dem kleinen Bildschirm und hob selbstzufrieden die Augenbrauen in Ryans Richtung. „Ich glaube, wir haben das Bild. Bist du bereit für ein Bild in deiner Baseballuniform und heroischer Pose? Du als Held hast dir doch bestimmt schon Posen für den Moment des Ruhmes ausgedacht.“

Schlagartig verdüsterte sich Ryans Miene und er kam vom Greenscreen her auf sie zu.

„Hör mal, ja: Du darfst alles zu mir sagen. Alles. Schnucki, Bärchen, Lulatsch, heißer Typ, Kamikaze-Krieger, Penner – mir egal. Aber nenn mich nicht Held!“ Er spuckte das Wort aus, als habe es ihn persönlich angegriffen und dann nackt an einen Laternenmast gebunden. „Es gibt da draußen echte Helden. Menschen, die jeden Tag ihr Leben riskieren. Menschen, die sechs Kinder bekommen. Menschen, die offen zugeben, dass sie auf Justin Bieber stehen! Aber nur, weil ich anständig genug war, den Jungen nicht von dem Auto über den Gehweg schleifen zu lassen, macht mich das noch lange nicht zu jemandem, der diesen Begriff verdient hat. Ich bin lediglich ein Mann, der zur rechten Zeit am rechten Ort war und vielleicht aufmerksamer ist als der Normalmensch. Und ja, möglicherweise habe ich gute Reflexe – aber verdammt nochmal, es ist mein Job, welche zu haben und das sollte mir nicht als besondere Fähigkeit zugeschrieben werden.“

 

Grace starrte ihn mit aufgerissenen Augen an – dann brach sie in Gelächter aus.

Verständnislos sah ihr Gegenüber sie an. „Was ist daran bitte witzig?“

Sie lachte noch lauter und tätschelte ihm die Schulter. Als ihr jedoch bewusst wurde, dass er ja immer noch halbnackt war, zog sie ihre Hand hastig zurück.

„Oh Gott, du Armer!“, sagte sie hicksend. „Und ich dachte, ich hätte mit meinen orangefarbenen Haaren schon das schlimme Los gezogen.“

„Was? Ich verstehe kein Wort. Was zur Hölle ist so amüsant?“ „Na ja, deine Taktik ist desaströs! Sie wird total nach hinten losgehen.“

„Welche …“

„Na, dass du jedem sagst, dass du kein Held bist“, erklärte sie kopfschüttelnd. „Das klingt so ehrlich, dass du bescheiden wirkst. Und was ist besser als ein Held? Ein bescheidener Held! Die Reporter werden dich nie in Ruhe lassen. Sie werden dich verfolgen, dir Denkmäler errichten. Frauen werden auf Postern bekunden, dass sie ein Kind von dir wollen und Männer werden dir folgen, um zu sehen, wie du es zu solch einem Heldentum bringen konntest! Und jedes Mal wirst du abstreiten, dass du ein guter Mensch bist – und die Masse wird dich nur noch mehr lieben.“

Ryans Miene hatte sich von griesgrämig zu ungehemmt panisch gewandelt. „Also soll ich einfach bei dem Blödsinn mitmachen, oder was? Soll ich mir selbst auf die Schulter klopfen und mir ein Superman-Cape besorgen?“

„Ach weißt du, so ein Cape sollte jeder im Schrank haben, aber nein … es wäre nur vielleicht besser, wenn du in nächster Zeit etwas mehr das Arschloch raushängen ließest. Nur zur Sicherheit.“

Verblüfft blickte er zu ihr hinab. „Aber ich bin kein Arschloch.“

Theatralisch ließ sie einen Luftschwall aus, während ihre Schultern nach unten sanken. „Das ist natürlich bitter. Du bist wirklich ein Pechvogel. Und jetzt zieh dich um, damit die Menschen dich endlich bald auch auf einem Cover bewundern können.“

„Wird die Unterschrift zu dem Cover Held sein?“, fragt er verdrießlich.

„Ich entscheide das nicht – also ja.“

„Na klasse“, sagte er tonlos und wandte sich zum Gehen um. Doch bevor er den Raum verlassen hatte, konnte sie ihn noch deutlich „Ich hätte doch Bäcker werden sollen“, murmeln hören.

Kapitel 4

Nach einer weiteren Stunde, in der Ryan dazu gezwungen worden war, nett, charmant und humorvoll und doch bitte nicht so grimmig auszusehen, waren ihm zwei Dinge klar: Er hasste Fotoshootings abgrundtief und er mochte Grace verdammt gerne.

Es war eine Ewigkeit her, dass er eine Frau gemocht hatte – auf emotionaler und nicht nur auf körperlicher Ebene. Er war schließlich auch nur ein Mann mit nicht ganz so heldenhaften Bedürfnissen – und deswegen fackelte er nicht lange und fragte Grace, sobald sie die Kamera verstaut und mit der dummen Kartoffel von Reporter geredet hatte, ob sie Lust hätte, heute Abend mit ihm essen zu gehen.

Grace schaute verblüfft zu ihm auf und fragte mit geröteten Wangen: „Ähm, als Date?“

Er nickte. „Ja, als Date.“

„Oh.“

Na, das war ja eine wünschenswerte Reaktion.

„Tut mir leid, ich kann nicht.“

Sie sah wirklich aus, als würde es ihr leidtun, dennoch legte er den Kopf schief und legte eine leidende Hand auf seine Brust. „Ist es, weil ich schwarz bin?“

Ihre Mundwinkel zuckten und ihre Sommersprossen gleich mit. „Versuchst du mir gerade einzureden, dass ich rassistisch bin, damit ich mit dir ausgehe, um zu beweisen, dass du im Unrecht bist?“

„Ja. Funktioniert es?“

Nachdenklich ließ sie die Fingerkuppen auf ihre Wange prasseln. „Wäre es nicht rassistisch, nur mit dir auszugehen, weil du schwarz bist?“

Darüber hatte er noch nicht nachgedacht. Aber das war auch nicht wichtig. „Diese Art von Rassismus ist okay“, stellte er klar.

Grace legte den Kopf in den Nacken und fing wieder mit diesem befreiten Lachen an, das ihm eine Gänsehaut bereitete.

„Es tut mir echt leid, Ryan, du bist sehr süß und reich und wirklich heldenhaft – wie du ja weißt – und wäre ich Single, würde ich sofort mit dir ausgehen, aber … ich bin leider kein Single.“

Er seufzte.

Natürlich war sie kein Single. Was hatte er sich gedacht? Frauen wie Grace, die heiß waren, Humor hatten und fähig dazu schienen, eine Banane von einer Orange zu unterscheiden, waren nie allein! Weil die Männer so klug waren, sie hastig vom Markt zu nehmen. Kein Wunder, dass er nur an Verrückte geriet. Er war einfach zu langsam! Womöglich waren schon alle guten Frauen weg.

„Das ist verdammt schade“, stellte er ehrlich fest und die Röte in Grace’ Wangen vertiefte sich gleich noch ein wenig mehr. „Wie glücklich seid ihr?“

Grace lachte erneut und hatte offenbar nicht mitbekommen, dass das wirklich kein Scherz hatte sein sollen. Aber sie darauf aufmerksam zu machen, kam ihm pietätlos vor.

„Danke für das Shooting, Ryan“, sagte Grace lächelnd und streckte die Hand aus. „Wir sehen uns bestimmt bald wieder. Die Baseballwelt ist klein und seitdem Kaylie mit Dex zusammen ist, werde ich regelmäßig zu irgendwelchen Events mitgeschleppt.“

Ryan ergriff ihre Hand und hatte das unbestimmte Gefühl, dass kleine Flammen an seinem Arm zu züngeln schienen.

Das war so klar! Natürlich fühlte er sich zu der Frau, die er nicht haben konnte, hingezogen. Denn so tickte er nun einmal. Wer mochte es schon simpel?

Nein. Das musste sich ändern. Kein Drama mehr. Seine nächste Freundin würde völlig undramatisch sein.

„Bestimmt“, nickte er. „Und falls du es dir mit deinem Freund anders überlegst, ruf mich an. Kaylie hat meine Nummer.“

„Alles klar“, sagte sie grinsend, auch wenn er in ihren Augen lesen konnte, dass sie nicht damit rechnete, ihn anrufen zu müssen.
So – ein  – Jammer.

Orangehaarige Frauen taten es wirklich für ihn.

Grace hob ein letztes Mal die Hand zum Abschied, bevor sie aus der Tür stakste und ihn neben dem wenig ansprechenden Buffet zurückließ.

Er folgte ihr mit seinem Blick und fuhr sich über die kurzgeschorenen Haare. Na wenigstens hatte er es versucht. Was bewies, dass er die Liebe noch nicht aufgegeben hatte. Das war doch ein wünschenswerter Zustand!

Ach, er hörte sich wie das Weichei an, das er manchmal gerne sein würde. Aber wenn er ehrlich war, dann war er, was Beziehungen anging, verdammt zynisch geworden. Und er mochte es so. Denn er hasste Drama und Frauen schienen zu nichts anderem in der Lage zu sein. Das lag mit Sicherheit an all den Soap-Operas, die sie ständig schauten.

„Na, warst du der Schönling, zu dem deine Mutter dich erzogen hat?“

Ryan wandte den Kopf und blickte zu Sam, der sich während des Shootings schön in sein Büro verzogen hatte. Es hatte bestimmt eine wichtige Partie Solitaire gegeben, um die er sich hatte kümmern müssen.

„Sam, das Angebot, dir die Fresse zu polieren, steht noch. Nur falls du es wahrnehmen willst.“

„Nein, danke. Ich bin kein Schnäppchenjäger. Also, alles gut gelaufen? Chloe hat mir die Fotografin empfohlen und darauf bestanden, dass ich auf sie bestehe – und wenn sie schlecht war, würde das heißen, dass ich ein Pantoffelheld bin, also enttäusch mich nicht.“

Sam war ein Pantoffelheld. Keine Frage. Aber es stand ihm.

„Sie war sehr gut. Einwandfrei. Wo wir gerade bei Angestellten sind … erinnerst du dich noch an Cara? Die Frau, die das Catering bei der Weihnachtsfeier der Delphies übernommen hatte?“

„Nicht einmal ein bisschen“, stellte Sam fest.

Ryan lachte leise. „Ist auch egal. Engagier sie.“

„Wofür?“

„Für alles! Immer wenn ihr Essen braucht.“

Sam runzelte die Stirn. „Warum?“

„Darum“, bemerkte Ryan und drückte ihm eines der Sandwiches in die Hand, bevor er ebenfalls aus der verhassten Höhle des falschen Lächelns verschwand.

Er zog sich die Uniform aus und schlüpfte stattdessen in Jogginghose und T-Shirt. Er hatte am heutigen Tag diverse Aggressionen angesammelt, die er mithilfe einer Stemmbank wieder loswerden wollte. Gerade zog er das T-Shirt über den Kopf, als sein Handy klingelte.

Caras Name blitzte auf und lächelnd hob er ab.

„Ich habe gerade noch über dich gesprochen“, begrüßte er sie und verließ die Umkleide, um zum Fitnessraum zu schlendern.

„Tatsächlich?“, fragte sie laut. Im Hintergrund waren eine elektronische Durchsage und mehrere Menschenstimmen zu hören. Sie war wohl im Supermarkt. „Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.“

„Gut. Es könnte sein, dass die Delphie-Organisation dich bald für alle ihre Events einstellt.“

„Oh.“ Für einen Moment herrschte angespannte Stille am anderen Ende.

Ryan seufzte. „Du überlegst doch nicht ernsthaft, den Job abzusagen, nur weil du dann Ty öfter über den Weg rennen könntest?“

„Was, nein, Quatsch!“ Die Antwort war etwas zu hastig gekommen. „Ich … Danny, nimm die Finger aus dem Süßigkeitsregal, das ist Diebstahl!“

Ryan hörte, wie ihr Sohn etwas erwiderte, konnte allerdings die Worte nicht verstehen. Alles, was er mitbekam, war ein rigoroses und von der Hörmuschel weit entferntes Nein, bevor Cara weitersprach:

„Also, klar würde ich den Job annehmen, wenn sie fragen sollten. Apropos Ty … also, er hat Danny das Wochenende, kann ihn aber erst heute um sechs abholen. Ich muss allerdings schon um fünf bei einem Job sein … könntest du die Stunde auf Danny aufpassen?“

Ryan hatte den Fitnessraum der Delphies erreicht, dessen Tür sperrangelweit offenstand. Ty hob die Hand, als er ihn erkannte. Er lief gerade auf dem Laufband. Er sah nicht so aus, als könne er Danny erst um sechs holen. Ryan lehnte sich an den Türrahmen und senkte seine Stimme. „Musst du wirklich schon um fünf beim Job sein oder willst du nicht mit Ty reden müssen, wenn er Danny abholt?“

„Das würdige ich nicht mit einer Antwort“, sagte sie pikiert.

Also ja. „Weißt du Cara, ihr solltet wirklich mal wie zwei Erwachsene über all den Kram reden, der passiert ist. Dann würdet ihr Zwei vielleicht nicht immer so krampfhaft tun müssen, als würdet ihr euch verstehen – und vielleicht tatsächlich miteinander klarkommen.“

„Ich sehe dich dann nachher. Danke, Ryan“, sagte sie kühl und legte auf.

Ja, Cara stand drauf, wenn man ihr Tipps gab.

Seufzend steckte er das Handy in die Tasche und begegnete Tylers misstrauischem Blick.

„Cara? War das Cara? Du hast ihren Namen gesagt.“

„Jap.“

Er wartete eine Sekunde, zwei Sekunden …

„Weißt du, mir gefällt das nicht, dass du dich so gut mit ihr verstehst“, sagte Ty grimmig. Er enttäuschte ihn nie.

„Ich weiß“, grinste Ryan. „Das erzählst du mir seit drei Jahren.“

„Ja. Und trotzdem bist du immer noch mit ihr befreundet.“

„Na ja, wenn ich nicht mit ihr befreundet wäre und als euer Puffer funktionieren würde, wäre einer von euch beiden womöglich schon tot, also …“

Ty fixierte seinen Blick auf die Anzeige des Laufbands. „Du redest Schwachsinn. Cara und ich verstehen uns super. Wir streiten nie.“

„Ja, weil ihr nie zusammen in einem Raum seid!“

„Natürlich sind wir das! Erst letztens haben wir uns für mindestens fünf Minuten unterhalten.“

Ryan schnaubte und hängte sein Handtuch über das Geländer des Laufbands. „Übers Wetter oder was?“

„Hey! Der Schneesturm war echt heftig.“

„Der Schneesturm war vor zwei Wochen, du Pfosten! Ihr habt das letzte Mal vor zwei Wochen geredet?“

Ty dachte kurz drüber nach. „Nein, wir haben heute Morgen geredet …“

„Über WhatsApp durchzugeben, wann du deinen Sohn abholst, zählt nicht!“

„Sagt wer? Bist du jetzt die Kommunikationspolizei, oder was? Cara und ich verstehen uns, Danny geht es mit der derzeitigen Vereinbarung gut – ich versteh’ echt nicht, was dein Problem ist.“

Manchmal, da war Tyler mehr als dumm.

Also so richtig Toastbrot-dämlich. So wie die Kinder, die im Fernsehen gezeigt wurden, und Dinge sagten wie: „Eine Giraffe ist ein Nilpferd mit einem langen Hals“ oder „Schokolade wächst auf Bäumen.“ Nur dass die Kinder noch süß dabei waren und Ty … Ty einfach nur blöd.

„Nun, ich stehe nicht auf Cara und sie nicht auf mich. Wir kochen nur des Öfteren was zusammen – da verstehe ich nicht, was dein Problem ist.“

Tylers Augen hatten sich zu Schlitzen verengt. „Ich habe manchmal das Gefühl, ihr redet über … Dinge.“

„Da könntest du recht haben. Wir reden über viele Dinge.“

„Dinge, die mich betreffen“, quetschte er zwischen den Zähnen hervor.

„Jetzt hältst du dich für zu wichtig.“ Ryan fing an zu laufen.

„Ihr sprecht also nicht über mich, du und Cara?“

Andauernd. „Nie.“

Er schien erleichtert. „Okay.“

Ryan nickte und fühlte sich nicht schuldig für seine Lüge. Er hatte Cara versprochen zu lügen – es war also ehrenhaft.

„Wer ist Cara?“, wollte Jake wissen, der gerade zur Tür hereinspaziert kam.

„Seine Ex“, meinte Ryan kurz angebunden und stellte das Laufband einige Stufen höher. Eigentlich sollte Jake das wissen. Aber er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er sich Dinge merken könnte, die andere betrafen.

„Ach so …“, murmelte Jake stirnrunzelnd. „Ist sie heiß?“

„Alter, sie ist die Mutter meines Kindes“, knurrte Ty.

Jake hob unbeeindruckt die Augenbrauen. „Und? Schließt das Ersteres aus? Mütter können heiß sein. Ich habe da letztens mit einer geschlafen, die …“

„Jake“, sagte Tyler ruhig und abrupt verstummte der Baseman. Sie hatten in letzter Zeit oft etwas miteinander unternommen, was vor allem daran lag, dass sie mitunter die einzigen Singles der Mannschaft und keine Rookies waren. Es war einfach etwas anderes, mit einem Mann, der in einer Beziehung war, was trinken zu gehen als mit Männern, die ihre Eier nicht zu Hause in der Handtasche ihrer Freundin hatten. Es bestand jedoch die stumme Übereinkunft darüber, dass sie, wenn Jake Mist redete, ihn mit einer deutlich betonten Nennung seines Namens zum Schweigen bringen konnten.

„Habt ihr schon das von Taloma gehört?“, wechselte Jake das Thema und lehnte sich missmutig an die Wand.

Taloma war ein Infielder der Delphies, der gut in dem war, was er tat, aber lieber für sich blieb.

„Was denn gehört?“, fragte Ryan.

„Er heiratet“, sagte er angewidert. „Und die Frau von Ray ist schon wieder schwanger! Und Marquez hat sich verliebt, hat er mir letztens erzählt. In irgendeine Frau, die er beim Bäcker kennengelernt hat. Wirklich: beim Bäcker!!! Wer geht denn heute noch zum Bäcker?“

„Ist doch schön für ihn“, meinte Ryan schulterzuckend.

„Schön?“, spuckte Jake aus. „Mir geht das tierisch auf den Sack, dass sich hier plötzlich alle verlieben! Wenn der Eisblock schon weich wird, was soll der Welt dann bitte noch passieren?“

„Eifersüchtig Jake, weil du dich nur mit körperlicher Liebe auskennst?“, bemerkte Ty grinsend.

„Eifersüchtig?“, fragte er entgeistert. „Nein. Verängstigt! Wer sagt mir, dass das nicht ansteckend ist? Erst Luke, dann Dex und jetzt Sam! Ich sag dir, wenn dieses Liebesvirus auf mich übergeht, muss ich mich, glaube ich, umbringen.“

„Wenn das Liebesvirus auf dich übergeht, dann wird deine Angebetete das mit dem Töten erledigen – weil du sie nach einer Woche betrügst“, stellte Ryan abwesend fest, genau in dem Moment, als die Tür erneut aufschwang.

Alle drei hoben den Kopf und Ryan wäre fast über die eigenen Füße gestolpert, als er erkannte, wer da im Türrahmen stand.

Denn es war eine Frau! Mit Brüsten und langen Haaren und Sportshorts und allem.

Er kannte sie, sie war auch Teil des Marketings und arbeitete mit Sam zusammen. Allerdings hatte er ihren Namen wieder vergessen.

„Habt ihr noch nie eine Frau gesehen, oder was?“, fragte sie schnaubend und legte sich das Handtuch über die Schulter, das sich weiß von ihrer karamellfarbenen Haut abhob.

Jake war der Erste, der sich aus seiner Starre löste.

„Ähm … doch, aber Frauen kommen nicht hierher“, sagte er langsam und deutlich, als hielte er sie für zurückgeblieben. „Außer wenn Chloe, die Schwester von Dex, mal wieder sauer auf ihn ist. Aber sie bleibt hier auch nie lange. Nur ein paar Minuten, bis sie ihn zu Boden gerungen hat.“

Die Frau verzog verächtlich den Mund. „Jake, mir wurde ja schon erzählt, dass du ein paar Schwierigkeiten damit hast, Frauen den nötigen Respekt entgegenzubringen, aber wenn du willst, könnte ich dir dabei helfen. Eine Stunde die Woche oder so und in spätestens zwei Jahren werden wir dich auch als ansatzweise menschliches Lebewesen betrachten.“

Er sah sie dümmlich an. „Woher weißt du meinen Namen?“

Ryan stöhnte leise. „Jake, sie ist Teil der Organisation – sie wird sich mit den Baseballspielern beschäftigt haben.“

„Oh, ach so, ja … aber das ändert doch nichts daran, dass sie hier nichts zu suchen hat!“, sagte er entrüstet.

„Dein Versuch, mich höflich darum zu bitten zu gehen, ist süß, Kleiner – aber mein Hometrainer ist kaputt und ich habe beschlossen, dass Frauen ab jetzt doch hierherkommen können. Dieser Raum ist für die ganze Delphie-Organisation, oder etwa nicht?“

Die Jungs sahen sich an. Keiner konnte ihr widersprechen, auch wenn alle fieberhaft nach einer Ausrede zu suchen schienen. Zumindest war Tylers Kopf tiefrot angelaufen und Jake starrte mit leicht geöffnetem Mund dümmlich in die Gegend.

„Na also. Dann haben wir ja kein Problem“, erklärte die Schwarzhaarige süffisant lächelnd und machte sich auf den Weg zum einzigen noch freien Laufband.

„Ey, ich wollte auch aufs Laufband!“, stellte Jake prompt fest.

„Alter vor Schönheit“, sagte sie schulterzuckend. „Und du bist wirklich zu hübsch für diese Welt. Fast schon mädchenhaft mit deinen langen Wimpern. Außerdem könnte ich deine Mutter sein – und deine Mutter solltest du respektieren.“

Jakes Halsadern schwollen an und Ryan konnte sich nur mühsam ein Lachen verkneifen. Der Baseman stand kurz vor einem Wutausbruch. Auch wenn jedem klar war, dass die Fitnessraumbereicherung höchstens seine ältere Schwester hätte sein können – Ryan schätzte sie auf um die dreißig – so war auch jedem klar, dass Jake sich dennoch jedes Mal aufregte, wenn er auf sein Alter angesprochen wurde. Er war dreiundzwanzig, nicht unbedingt jung für den Beruf eines Baseballers und mittlerweile hatten sie schon weitaus jüngere Teammitglieder – aber er regte sich jedes Mal so schön darüber auf.

„Könntet ihr auch mal was sagen?“, blaffte Jake ihn und Tyler an. „Wieso muss ich mich schon wieder zum Depp machen?“

„Weil du so talentiert darin bist, Jake“, stellte Ty fest. „Und ich muss ihr recht geben: Seine Mutter sollte man respektieren!“

„Das, was er sagt“, meinte Ryan und deutete mit seinem Finger auf Ty.

„Ihr seid doch echt Scheiße“, murrte der Baseman. „Und wenn Sie schon hier Sport machen, können Sie wenigstens sagen, wer Sie sind.“

„Savannah Thomas, ich bin PR-Agentin hier“, murmelte sie abwesend und zog das Handy aus ihren Shorts, das angefangen hatte zu klingeln. Seufzend stellte sie das Laufband wieder aus und hob das Telefon an ihr Ohr.

„Mister Panther, ich hoffe sehr für Sie, dass es um etwas Überlebenswichtiges geht, denn ansonsten werde ich in den nächsten drei Sekunden auflegen.“

Augenblicklich rissen alle ihren Kopf zu ihr herum. Ryan warf Ty einen Blick zu, der genauso perplex zurückblickte. Panther? Der Oberboss Panther? Egal ob Vater oder Sohn – man redete so nicht mit einem Panther! Das war Naturgesetz.

„Weil es nicht meine Aufgabe ist!“, fuhr Savannah auf. „Ich bin PR-Agentin für die Mannschaft, nicht für Ihr Liebesleben und selbst wenn ich nicht gerade in meiner Mittagspause wäre, würde ich keine Restaurantreservierung für Sie erledigen, denn dafür haben Sie Ihre Assistentin!“

Kurze Stille, dann: „Ist das mein Problem, dass sie unfähig ist? Ich glaube nicht. Also entschuldigen Sie mich, ich muss Sport machen.“

Mit diesen Worten legte sie auf. Als sie die entgeisterten Blicke auf sich bemerkte, blickte sie fragend in die Runde.

„Was denn?“

„War das Mister Panther?“, wollte Tyler vorsichtig wissen.

„Ja. Panther Junior.“

„Du weißt schon, dass er der Oberboss ist, oder?“, rutschte es Ryan heraus.

Savannah schien unbeeindruckt. „Ist mir nicht entgangen. Aber ich weiß auch, dass Hunde, die bellen nicht beißen. Und Cole Panther bellt sehr laut – und das meistens mit irgendwelchem Nonsens, den Leute für ihn erledigen sollen, wozu er aber sehr wohl selbst in der Lage ist.“

„Ja, aber Cole ist ein eiskalter Geschäftsmann, Savannah“, sagte Jake, der auf einmal ernst geworden schien. „Er hat Leute schon für weniger gefeuert.“

Die PR-Agentin legte interessiert den Kopf schief. „Wenn er so ein guter Geschäftsmann ist wie du sagst, dann wird er mich nicht feuern. Einfach, weil ich zu gut bin. Und woher weißt du das über ihn?“

„Ich … kenne ihn“, sagte Jake sich räuspernd und schritt zur Stemmbank.

„Du kennst ihn?“, fragte Tyler ungläubig. „Woher?“

„Ist doch egal, woher! Ich kenne ihn und ich weiß, dass er kein geduldiger Mann ist – also rate ich Ihnen, Savannah, sich zusammenzureißen.“

Die PR-Agentin schien immer noch nicht beeindruckt. „Das gerade war zusammenreißen. Und sollte Mister Panther mich feuern, weil ich mich geweigert habe, lächerliche Aufgaben zu übernehmen, die nicht in meinen Tätigkeitsbereich fallen, werde ich ihn auf alles verklagen, was er hat – und dann werden wir ja mal sehen, wer sich lieber hätte zusammenreißen sollen.“

Dieser Ansage folgten einige Momente angespannter Stille, bis Jake leise aus den Mundwinkeln zu Ryan bemerkte: „Wow. Ich glaube, ich habe soeben eine Frau kennengelernt, vor der ich mehr Angst habe als vor einer Emma, der auf einer Party der Champagner ausgegangen ist.“

Ryan nickte langsam – das sollte schon was heißen.

Kapitel 5

Grace saß auf der Couch und starrte auf den schwarzen Fernseher. Es war nach sechs, sie hatte frei und es war so furchtbar leer hier, dass sie nicht einmal ein Nutellabrot mit Salami hatte glücklich machen können. Zu allem Überfluss hatte sie, als sie nach Hause gekommen war, einen Brief auf der Küchenanrichte gefunden, der sie zum 10-jährigen Highschool-Reunion-Treffen in zwei Monaten einlud. Sie wollte nicht zu diesem Treffen gehen, dachte aber gleichzeitig, dass es feige war, einfach nicht aufzutauchen. Aber wenn Nelly da war … Sorgen, die warten konnten!

Heute war einer der Tage gewesen, an denen sie dringend eine Umarmung gebraucht hätte – und normalerweise hatte Kaylie das immer übernommen, aber die war ja bei Dex und würde bald nie mehr da sein, um ihr an einem stressigen Tag zur Seite zu stehen.

Verdammt, sie vermisste sie jetzt schon. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und rief Henry an. Wofür war ein Freund sonst gut?

Nach dem zweiten Klingeln ging die Mailbox dran. Ja, er hatte gesagt, dass er heute Abend bei sich zu Hause den Papierkram erledigen musste – aber ganz ehrlich: Darauf konnte Grace heute wirklich keine Rücksicht nehmen.

Sie war einsam, die nächsten Tage würden einfach nur anstrengend sein, Benny the Bitch hatte natürlich ausgerechnet die Fotos genommen, die kompletter Schrott waren und Ryan als den sensiblen Helden darstellten, der er auf keinen Fall sein wollte, und ihre Schwester hatte sich über das Geschenk beschwert, das sie besorgt hatte.

Dieser Tag war furchtbar gewesen und sie brauchte eine Umarmung. Jetzt!

„Hey, Henry“, sagte sie in den Hörer und sprang vom Sofa auf. „Ich weiß, du bist beschäftigt, aber ich komme trotzdem vorbei. Ich hatte einen wirklich schlechten Tag und ich könnte jemanden brauchen, der mich in den Arm nimmt, mir über die Haare streichelt und mir die Lüge auftischt, dass alles besser wird. Also, bis gleich.“

Sie zog sich an, ließ das Telefon in ihrer Jackentasche verschwinden und war im nächsten Moment aus der Tür. Es hatte angefangen zu nieseln und kalte Tropfen klatschten ihr Dank des übereifrigen Windes ins Gesicht. Sie zog sich die Kapuze über und hockte sich hinters Steuer, bevor sie ihre Brille aufsetzte und den Fünfzehn-Minuten-Weg zu Henry antrat.

Henry war Geschäftsführer einer Staubsaugerfirma und besaß eine kleine, aber luxuriöse Wohnung in der Innenstadt Philadelphias. Hauptsitz der Firma war das vierzig Minuten entfernte Wilmington, wo er den Großteil seiner Woche verbrachte, was es oftmals schwer machte, ihre Termine miteinander zu koordinieren. Aber er war blond, breitschultrig, humorvoll und der erste Mann seit Langem, den Grace wirklich interessant gefunden hatte. Er war warmherzig und gut und vielleicht etwas schüchtern, was ein Treffen mit ihren Freunden anging, aber zumindest konnte sie sich bei ihm sicher fühlen. Er war attraktiv, aber nicht so gutaussehend, dass sie Angst haben musste, die Frauen legten sich nachts nackt zu ihm ins Bett. Er war witzig, aber nicht so lustig, dass er mit seinem Charisma ein Aufreißer hätte sein können. Er war einfach nur nett und würde nie auf die Idee kommen, sie zu verletzen. Und so etwas war rar gesät – was machte es da aus, dass er bei manchen sozialen Dingen etwas kompliziert war und ihr Magen nicht jedes Mal einen Salto machte, wenn sie sich trafen?

Grace parkte am Straßenrand, atmete einmal tief durch und freute sich einfach nur noch auf die Umarmung und die beruhigenden Worte, die Henry sicherlich finden würde. Im Beruhigen war er gut. Das war einfach seine natürliche Ausstrahlung. Sie brauchte sich nie über ihn aufzuregen. Sie eilte den schmalen, grau gepflasterten Weg zum Haus hinauf und schlüpfte in die Eingangstür, durch die ihr eine untersetzte Frau Ende sechzig entgegenkam, die ihr wohlwollend zuzwinkerte. Grace versuchte wohlwollend zurückzuzwinkern, hatte aber das unbestimmte Gefühl, dass es lediglich so aussah, als habe sie keine Kontrolle über die Lidfunktion ihres Auges. Zumindest blickte sich die Dame noch einmal irritiert zu ihr um.

Na ja, ihre Intention war gut gewesen! Das war es, was zählte.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, erklomm sie die drei Treppen zu Henrys Wohnung und klingelte. Es dauerte nicht lange, da konnte sie Schritte hören und die Tür schwang auf.

Grace lächelte erleichtert – bevor ihre Mundwinkel im nächsten Moment nach unten klappten.

Entweder Henry trug eine blonde Perücke und hatte sich in den letzten zwei Tagen ein paar Brüste wachsen lassen oder eine wildfremde Frau hatte gerade seine Tür geöffnet.

Verwirrt machte Grace einen Schritt zurück. „Hallo“, sagte sie vorsichtig. „Ich wollte zu Henry, ist er da?“

Die Frau lächelte und stand im Türrahmen, als würde sie dort hingehören. „Er ist gerade unter der Dusche. Erwartet er Sie? Sind Sie aus seinem Büro hier?“

Die Frage hatte Grace eigentlich auch gerade stellen wollen. „Nein, er erwartet mich nicht …“, erwiderte sie langsam. „Und ich bin nicht aus seinem Büro … ich bin Grace. Und wer sind Sie?“

„Oh, wie unhöflich!“ Die Frau lachte und streckte die Hand aus. „Ich bin Eliza, Henrys Frau! Sind Sie …“

Sie sprach wohl weiter, aber Grace hörte ihre Worte nicht mehr. Ein lautstarkes, penetrantes Rauschen hatte in ihrem Kopf eingesetzt, das ihr weismachen wollte, sie befände sich gerade in einem Katherine Heigl Film, der aufgrund seiner wenig vorhandenen Originalität von der Presse zerrissen wurde. Was war denn jetzt los?

Er war verheiratet! Und ein Klischee!

Das Zweite konnte sie ihm eigentlich noch viel weniger verzeihen!

Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals und schien sich durch ihre Speiseröhre zu brennen, während sie fieberhaft versuchte, das Blut hinunter zu zwingen, das ihr in den Kopf gestiegen war.

Verheiratet!

„… wer sagten Sie, dass Sie sind?“

Die Ehefrau ihres Freundes musterte sie interessiert und Grace fühlte sich nicht dazu in der Lage, etwas anderes als: „Ich schätze, seine Affäre“, hervorzuwürgen.

Das Lächeln ihres Gegenübers erstarb schlagartig und es war, als würde Grace ihr eigenes Gesicht in ihrem Ausdruck widergespiegelt sehen. Aber es war dennoch sehr undeutlich, weil sich ein grauer Schleier über ihre Augen gelegt hatte und alles, was passierte, wie ein Film wirkte, den sie gerne vorzeitig verlassen würde. Jetzt.

„Seine was?“, fragte Eliza scharf.

„Affäre. A.F.F.Ä.R.E“, buchstabierte sie, denn es konnte ja sein, dass sie vor lauter Scham und Wut undeutlich gesprochen hatte.

Eliza öffnete entsetzt den Mund. „Sie schlafen mit meinem Mann!?“, brüllte sie – laut genug, um besagten Mann aus dem Bad eilen zu lassen.

„Eliza, was ist denn …“

Er sah Grace in der Tür und wurde augenblicklich kreidebleich. „Grace“, würgte er hervor.

Na wenigstens wusste er noch ihren Namen, wenn er schon vergessen hatte, das kleine Detail einer Ehefrau zu erwähnen.

Grace wurde schlecht. Ihr war bis in die Eingeweide hinunter übel.

Hatte sie eben noch gedacht, dass Henry ihr Fels in der Brandung war?

„Ich bin so eine dumme Kuh“, flüsterte sie atemlos und hasste sich dafür, dass Tränen in ihren Augen brannten. „Du bist ja doch nur ein weiterer Mistkerl.“

Sie war so verblüfft über diese Erkenntnis, dass sie kopfschüttelnd von der immer dunkelroter anlaufenden Ehefrau zu Henry und zurück blickte.

„Wer ist sie, Henry?“, verlangte die legitim mit ihm schlafende Ehefrau fauchend zu wissen.

„Niemand!“, sagte er hastig. „Sie ist absolut niemand.“

Ungläubig, während kleine Nadeln in ihre Lungen stachen, sah Grace ihn an.

„Ich bin ein Niemand?“, wiederholte sie fassungslos, während ihre Stimme eine Oktave höher rutschte. Der graue Schleier färbte sich rot. „Ich bin seit zwei verdammten Monaten ein Niemand!?“

„Ich kenne sie nicht wirklich, ich schwöre es dir! Ich habe ihr mal einen Staubsauger verkauft!“, verhaspelte sich Henry und blickte bittend zu seiner Frau.

Aber so dumm war niemand.

Sie war der Grund für all deine Überstunden?“, zischte Eliza und schubste ihn gegen den Türrahmen. „Dabei ist sie nicht einmal ein Dessous Model!!! Sie sieht aus wie eine Lehrerin!“

„Entschuldigen Sie mal, aber Lehrerinnen können sehr heiß sein!“, fuhr Grace sie an. „Und ich bin Künstlerin.“

„Sie sind eine Schlampe!“, spuckte Eliza aus. „Das ist es, was Sie sind!“

Okay, der Katherine Heigl Film wurde gerade zu einem FSK 16 Streifen hochgestuft und Grace überlegte wirklich, wem sie zuerst eine scheuern sollte – dabei war sie doch Pazifistin! Und dafür, dass sie normalerweise jedem Konflikt aus dem Weg ging, fing sie gerade an, sich wirklich in diesen hineinzusteigern.

„Die einzige Schlampe, die hier steht, ist Ihr Mann!“, fuhr Grace sie an und starrte wütend zu Henry, der in sich zusammengesunken war.

„Das muss ich mir von einer schlampigen Zweitbesetzung nicht anhören“, höhnte Eliza, „ich gehe!“ Sie stürmte in die Wohnung und als Grace an ihren Armen hinabblickte, bemerkte sie überrascht, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte.

„Du bist so ein Arschloch!“, schrie sie Henry an und schlug ihm mit der Faust auf die Brust. Er gab einen befriedigenden Uff-Laut von sich.

„Warum zum Teufel lügst du denn nicht?“, fragte dieser verdattert. „Man erzählt doch nicht einfach, dass man die Affäre des Ehemannes ist!“

„Man erzählt auch nicht einfach, dass man Single ist, wenn man verheiratet ist!“

„Ich … ich …“, stammelte er und seine Gesichtsfarbe variierte in den verschiedensten Rot- Weiß- und Grüntönen. Wenn sie nicht so wütend gewesen wäre, hätte Grace das jetzt gerne gemalt. Aquarellfarben erschienen ihr hier die richtige Wahl.

„Es tut mir leid, aber nun … eine Frau wie du … ich hätte meine Ehefrau nicht für dich verlassen. Da dachte ich, dass es sich sowieso nicht lohnt, es dir zu sagen …“

„Eine Frau wie ich!?“, spuckte Grace aus und ihre Augen brannten so schmerzhaft, dass sie fest damit rechnete, die Tränen müssten jeden Moment daraus hervorplatzen.

„Versteh mich nicht falsch, du bist hübsch! Ich habe dich gerne. Ich wollte gucken, wo es hinführt, es läuft schon länger nicht mehr mit Eliza, aber du … bist so nett. Du lässt zu viel mit dir machen. Das zeugt nicht gerade von Charakter und …“

„Aber mir nicht zu erzählen, dass du verheiratet bist, ist Beweis von einer Menge Rückgrat, oder was!?“ Sie schlug ihn gleich nochmal. „Weißt du was? Du bist es einfach nicht wert!“

Mit diesen Worten wandte sie sich um und rannte die Treppen hinunter. Ihr Blut kochte, ihr Gesicht glühte und ihre Fäuste kribbelten. Sie war so unglaublich wütend und … Scheiße, jetzt fielen doch die ersten Tränen ihre Wangen hinab. Zornig presste sie sie mit der Faust in ihre Haut, bevor sie ihr Handy aus der Tasche zog. Sie rief bei Kaylie an.

„Hey Süße, was gi…“

„Gib mir Ryans Telefonnummer“, knirschte sie und stapfte zum Auto.

„Was?“

„Schick mir einfach seine Nummer, Kay!“

„Grace, ist alles in Ordnung, du …“

„Schick sie mir!“, sagte sie laut und legte auf.

Eine Minute später hatte sie eine besorgte WhatsApp-Nachricht und Ryans Handynummer. Die Nachricht ignorierte, die Nummer wählte sie, während sie wütend hinter den Fahrersitz glitt und die Tür zuknallte. Das Freizeichen ertönte dreimal, bevor sich jemand meldete.

„Hale“, meldete sich eine männliche Stimme.

„Ryan? Hier ist Grace!“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Du weißt schon, die Fotografin, die du heute angemacht hast!“

Kurze Stille, dann: „Ähm, ja. Ich erinnere mich. Hey Grace, wie geht’s dir?“

„Einfach fantastisch“, zischte sie. „Willst du immer noch mit mir ausgehen?“ Sie war verdammt noch mal eine begehrenswerte Frau! Heiße Baseballer standen auf sie!

„Ohm …“ Ryan hörte sich mehr als besorgt an. „Bist du sicher, dass es dir gut geht?“

„Ja! Willst du jetzt mit mir ausgehen oder nicht?“

„Na ja, hast du nicht gesagt, du hättest einen Freund? Ich mische mich nicht in Beziehungen ein und ich will nicht …“

„Um meinen Freund brauchst du dir wirklich keine Sorgen mehr zu machen! Seit zwei Sekunden habe ich keinen mehr. Also?“

„Du hast dich gerade getrennt?“, fragte er verblüfft.

„Rede ich irgendwie undeutlich?“

„Nein, nur …“

„Darauf brauchst du mir nicht zu antworten! Also, was ist jetzt?“ „Na ja, es wirkt ziemlich frisch. Bist du sicher, dass …“

„Du kannst mich nicht auch noch in den Wind schießen!“, fuhr sie auf und schlug ihren Ellenbogen am Fensterglas an. „Du hast mich heute Mittag angemacht und wolltest mit mir ausgehen. Du bist quasi einen Vertrag eingegangen!“

„Ich bin einen was?“

„Ist alles nicht wichtig. Gehst du jetzt mit mir aus oder was?!“

Wieder schwieg Ryan für einige Momente, bevor er fragte: „In einer Stunde bei Costo’s?“

Ryan hatte schon seinen guten Anteil an Dates gehabt.

Gute Dates, schlechte Dates, lange Dates, kurze Dates, lustige Dates, traurige Dates – aber das, was er gerade hatte, konnte er partout nicht einordnen. Vielleicht verrücktes Date? Er würde sich eine Cosmopolitan kaufen müssen, um das zu recherchieren. Oder er fragte Jake. Der hatte doch sicherlich schon alles mitgemacht. Tatsache war, dass sein Gegenüber bereits am dritten Martini nippte, ihn betrachtete, als sei er persönlich Schuld daran, dass alle Männer Schweine waren und er insgesamt das Gefühl hatte, dass sie nur mit ihm ausging, um sich selbst und der Welt etwas zu beweisen.

Das war eine Schlagzeile, die darauf wartete, geschrieben zu werden und das konnte er zurzeit eigentlich wirklich nicht gebrauchen. Grace hatte so unscheinbar gewirkt! Und jetzt war sie ein Drama auf zwei Beinen. Schön, es war irgendwie auch süß, wie ihre Wangen innerhalb der letzten zehn Minuten immer dunkler und ihre Stimme immer schriller geworden war. Sie wirkte nicht hysterisch, sondern einfach nur gut begründet aufgebracht und … na ja, ein wenig hysterisch vielleicht doch.

Ihre orangefarbenen Haare leuchteten im gedämpften Licht des Lokals und wären sie in einem anderen Zeitalter, hätte sie sich innerhalb von Sekunden auf dem Scheiterhaufen wiedergefunden.

„… und dann wagt er es, mir ins Gesicht zu sagen, dass ich eben nicht die Art von Frau wäre, für die ein Mann seine Ehefrau verlassen würde! Weil ich zu nett wäre! Was ist das für ein Argument? Wie kann jemand zu nett sein!?“

„Ich habe keine Ahnung. Und wenn es dir hilft: Nett ist gerade nicht das Wort, das mir zu dir einfällt“, unterstützte sie Ryan, denn das kam ihm wie ein genialer Zug vor.

„Danke!“, brüllte sie ihn an und belustigt bemerkte er, wie die Kellner ihm interessierte Blicke zuwarfen. Er lächelte ihnen zu und wandte sich dann wieder zu der bezaubernden Furie vor sich, die nickte und krampfhaft ihr Martiniglas umklammerte.

„Denn das bin ich auch nicht! Nett! Nur, weil ich Harmonie mag, heißt das nicht, dass ich unerträglich nett bin! Herrgott, ich bin Malerin, natürlich stehe ich auf Harmonie!“

„Du bist Malerin?“, fragte Ryan verblüfft und ließ sein Bier von den Lippen sinken. „Ich dachte, du wärst Fotografin.“

„Bin ich auch! Kann ich nicht Malerin und Fotografin sein? Ist das netten Frauen etwa nicht erlaubt? Muss ich mich jetzt für eine Sache entscheiden, während mein Freund zwei Sachen gleichzeitig besteigen durfte?“

„Ich würde aus dem Bauch heraus mal mit ‚Nein‘ antworten“, überlegte Ryan langsam.

Das hier war ein Tanz auf Glasscherben. Die Chance, dass er etwas Falsches sagte, war achtzig zu zwanzig – und das nicht zu seinen Gunsten.

„Ja, das solltest du auch.“ Sie stürzte den Martini herunter und winkte nach dem Kellner für einen neuen. „Und ich verdiene ja auch gar kein Geld mehr mit dem Malen, also bin ich vielleicht auch gar keine richtige Malerin mehr, aber darum geht es doch auch gar nicht!“

„Worum geht es dann?“, wollte Ryan wissen, denn er hatte ernsthafte Schwierigkeiten damit, es herauszufinden. Grace hatte schon so viele Problematiken angesprochen, dass es möglicherweise einfach um den bevorstehenden dritten Weltkrieg ging, von dem sie mehr zu wissen schien als er. Oder aber auch um eine schwierige mathematische Gleichung. Sie hatte zumindest kurzzeitig über eine Formel geredet … doch er war sich ziemlich sicher, dass es dabei um eine Formel gegangen war, wie man jemanden umbringen konnte, ohne dass man ins Gefängnis musste.

„Es geht um dich!“, fuhr sie auf und überraschte ihn somit erneut.

„Um mich?“ Nein, dabei fühlte er sich nicht wohl.

„Ja! Um dich – und um euch!“

„Euch?“ Frauen sprachen wirklich eine andere Sprache.

„Ja, um euch! Ich meine, er hat mich von vorne bis hinten belogen, sich eine Ausrede nach der anderen zurechtgelegt und ich habe es nicht gemerkt, weil er so charmant und unscheinbar war! Ich meine – was ist los mit euch!?“

Ryan lehnte sich verwirrt in seinem Sitz zurück. „Uns?“

„Ja, euch!“

„Ähm, ich kenne deinen Ex-Freund nicht, er …“

„Euch Männern!“, fauchte sie. „Was ist nur falsch bei euch im Kopf?“

„Ist das eine Fangfrage? Denn ich glaube, viele Wissenschaftler arbeiten bereits an dieser Frage, und …“

„Wir sind bereit, euch alles zu geben“, unterbrach sie ihn wirsch. „Und ihr trampelt auf uns herum!“

„Also ich finde, du solltest hier nicht verallge…“

„Und das noch nicht einmal besonders gut, weißt du!?“, fuhr sie fort. „Ihr stellt euch dämlich an, aber wir Frauen sind von eurem guten Aussehen und eurem charmanten Getue geblendet und werfen jede Emanzipation aus dem Fenster! Warum ist mein Martini schon wieder alle?

Ryan hatte zugegebenermaßen einige Erfahrung mit hysterischen Frauen – keine Tatsache, auf die er stolz war – aber diese hier schoss den Vogel ab. Sie hatte heute Mittag so gefasst und normal gewirkt. Wie hätte er ahnen können, dass sie sich wie ein Werwolf bei Nacht verwandelte?

„Und er war noch nicht einmal sonderlich vorsichtig!“, führte sie ihre Tirade fort. „Männer sind so blöd!“

„Also, zu unserer Verteidigung“, räusperte sich Ryan und verkniff sich sein Grinsen mit einem weiteren Schluck Bier. Dieser Abend war wirklich höchst unterhaltsam. Das musste er ihr lassen. „Menschen im Allgemeinen stehen doch eher auf der dummen Seite der Geschöpfe. Zumindest was Emotionen und alles andere angeht.“

„Woher nimmst du denn diese Weisheit?“

„Von Einstein. Er hat mal gesagt: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Grace’ Mundwinkel zuckten und sie ließ ihr Glas sinken. „Das hat Einstein gesagt?“

„Jap.“

„Ich mag den Typen.“ Und weg war der Inhalt ihres Martinis. „Aber selbst Einstein war ein Frauenheld!“

„Ja, er war eben Genie in jedem Lebensbereich“, nickte Ryan anerkennend. Einstein sollte ein Vorbild für jeden Mann sein.

Nachdenklich tippte Grace mit ihren Fingern an das Glas, ließ ihren Nacken kreisen, blickte auf die schweren Teppiche und hellen, runden Tische, mit denen das Restaurant ausgestattet war, bis sie schließlich in sich zusammensank – und zu Ryans Entsetzen Tränen in ihren Augen glänzten.

Um Gottes willen.

In seinem Kopf gingen Alarmglocken los und sofort sah er sich nach der nächsten Fluchtmöglichkeit um.

Warum hatte er zugesagt? Er hatte doch bereits am Telefon gewusst, dass dieses Treffen in einem Desaster enden würde! Aber er mochte Grace und sie hatte sich so niedergeschlagen angehört, dass er gar nicht anders gekonnt hatte, als sich mit ihr zu treffen. Dabei hatte er Drama doch verdammt nochmal aus dem Weg gehen wollen!

Und jetzt fing sie an zu schniefen und ihre Unterlippe bebte und Ryan fragte sich, ob es auffallen würde, wenn er mit einem Hechtsprung unter dem Tisch verschwand. Oder ob es verwerflich wäre, ihr zehntausend Dollar dafür anzubieten, jetzt nur nicht anzufangen zu weinen.

Er würde hunderte Jungen davor bewahren, von einem Auto überfahren zu werden, wenn es nur hieß, dass er nie wieder eine Frau würde weinen sehen müssen. Denn wenn Frauen weinten, dann passierte etwas Furchtbares mit ihrem Gesicht – und er fühlte sich jedes Mal, als hätte er gerade einen Hundewelpen getreten und ihn dann zum Metzger gebracht.

„Tut mir leid, dass ich dich den ganzen Abend nur angeschrien habe“, schniefte sie und tupfte sich mit einer Serviette ihre Wange ab. „Ich … ich … ich … habe nur noch mit niemandem darüber geredet und ich wollte nicht platzen.“

„Verständlich“, sagte Ryan und rutschte unwohl auf seinem Sitz hin und her. „Wer will schon gerne platzen?“

„Ein Luftballon?“, schlug sie vor. „Damit die Leere in ihm endlich verschwindet?“

Er lachte leise. „Vielleicht reicht dem Ballon ja auch eine Therapie.“

„Vielleicht mache ich auch einfach eine Therapie. Aber eigentlich ist er es auch gar nicht wert! Wir haben noch nicht einmal das L-Wort benutzt. Aber andererseits habe ich noch nie das L-Wort benutzt. Es hatte auch einfach noch niemand verdient. Und ich sollte das Ganze vielleicht positiv sehen, es ist nur … meine Haare sind orange! Und mein Vater ist einsam, aber ein Arschloch und ich kann nicht Nein sagen und Kaylie zieht aus. Alle sind glücklich und zufrieden und in einer Beziehung mit irgendwelchen Hammer-Männern und ich sitze hier und heule einen heißen, reichen Baseballer zu, der vielleicht tatsächlich mal an mir interessiert war!“ Sie hickste laut. „Und ich würde sehr gerne deine Lebensgeschichte hören, Ryan, denn du wirkst wie ein interessanter Typ, aber ich fürchte fast, dass ich jetzt schon zu betrunken bin, denn du hast vier wunderschöne Augen.“

„Ähm … danke.“

„Gerne! Und weißt du, was das Traurige ist?“

„An meinen Augen?“

„Nein! An dem heutigen Abend.“

„Nein, keinen Schimmer.“

„Das hier ist nicht einmal mein furchtbarstes Date!“

Ryan blickte sie an und musste trotz der Salzspuren auf ihren Wangen anfangen zu lachen. „Meins auch nicht. Wenn dich das beruhigt.“

„Kein bisschen“, hickste sie, lächelte wacklig und winkte erneut dem Kellner. „Was kann denn bitte für dich noch schlimmer als eine heulende Furie gewesen sein?“

Er zuckte mit den Schultern und konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals auf einem Date, schon bevor das Essen gekommen war, über so etwas geredet hatte.

„Nun, ich war mal mit einem Mädchen aus, deren Ärmel Feuer fing, weil sie ihren Arm über eine Kerze gehalten hatte. Sie ist dann mit leichten Verbrennungen ins Krankenhaus gekommen.“

Grace Kinnlade klappte nach unten. „Das erfindest du gerade!“

Er wünschte, es wäre so. „Nein. Und da war da eine andere Frau, die mit mir ausgegangen ist, um herauszufinden, ob sie lesbisch ist … sie ist heute glücklich mit ihrer Sekretärin verheiratet und bekommt bald ihr erstes Kind.“

„Nein!“
„Ah, stimmt. Es ist ihr zweites.“

„Das ist so traurig“, stellte Grace mit aufgerissenen Augen fest.

Ryan nickte. Denn ganz ehrlich, was sollte er dazu noch sagen? Es war traurig.

„Darauf sollten wir einen trinken! Du hast auch einen Grund, besoffen zu sein.“

Er schmunzelte. „Das ist sehr taktvoll von dir, mich darauf hinzuweisen.“
„Ja, bitte.“ Sie winkte dem Kellner. Und bevor sie etwas sagen konnte, fragte Ryan, ob sie möglicherweise etwas Brot haben könnten. Er musste Grace dringend füttern, sonst läge sie noch vor zehn unterm Tisch.

„Grace, du musst das hier nicht tun, weißt du?“, räusperte er sich. „Du bist eindeutig noch nicht bereit dazu, mit irgendwem auszugehen und …“

„Doch, bin ich!“ Er hätte ihren Worten womöglich Glauben geschenkt, wenn sie sie nicht gelallt hätte und ihre Wangen nicht tief pink gewesen wären. „Und weißt du was?“

„Was?“

„Ich habe soeben mein Lebensmotto geändert! Es war früher: Wer nicht sucht, der nicht findet. Aber das ist jetzt vorbei! Jetzt ist es: Ich suche nicht, ich lasse mich finden! Ganz einfach. Denn ich suche immer nur die falschen Männer. Und vielleicht sollte ich einfach insgesamt Pause machen.“

Sie bemerkte offensichtlich nicht, dass sie sich in der letzten Minute drastisch selbst widersprochen hatte.

„So. Und jetzt erzähl mir, warum du kein Arschloch bist.“

„Werde ich sofort tun, nur Grace, vielleicht solltest du aufhören zu trinken?“

„Und vielleicht sollte ich die Friseuse, die mir die Haare gefärbt hat, verklagen. Aber werde ich das tun?“

Ryan hatte da eine rege Vermutung …

„Nein!“

 

Ryan hatte geglaubt, dass Grace nach dem Verzehr des Brotes und den paar Minuten an der frischen Luft, die sie auf dem Weg zu ihrem Auto gehabt hatten, vielleicht etwas nüchterner werden würde.

Er hatte sich geirrt.

„… und dann habe ich auf dem College einfach so getan, als würde ich Mathe nicht können, obwohl ich vieeeeel schlauer als alle war! Aber es ist nicht ratsam, in irgendetwas allzu gut zu sein. Aber wem sage ich das? Du bist Baseballer.“

Meine Güte, diese Frau konnte reden!

Er schloss ihre Tür auf und als sie nicht darauf reagierte, zog er ihr kurzerhand die Beine unter dem Körper weg und trug sie in das Treppenhaus des Mehrfamilienhauses, das sie mit Kaylie bewohnte. Gleichwohl Kaylie wohl ausziehen würde – wie Grace ihm heute Abend mehrmals berichtet hatte.

„Huch, was tust du?“, quietschte Grace, ließ sich aber willig gegen ihn fallen.

„Ich bringe dich ins Bett.“

Sie kicherte. „Vielversprechend.“

Ryan stöhnte innerlich und versuchte zu ignorieren, wie sich ihre weichen Konturen an seinen Körper schmiegten. In diesem Moment hasste er sich ein wenig dafür, dass er so ein Gentleman war.

Er nahm die Stufen und dachte an Superman und Scheiterhaufen und Baseballstatistiken.

Grace hatte auf dem Weg von Costo’s zu ihrem Auto zweimal versucht ihn zu küssen, ihn aber immer wieder verfehlt. Gott sei Dank. Sie mochte zwar betrunken sein, aber er war es nicht. Und sein Körper auch nicht. Und der reagierte auf Frauenkörper, die so waren wie der von Grace.

„Du bist echt voll schön, Ryan!“, nuschelte Grace in seinen Hals hinein und ihre Lippen strichen über seinen Puls.

Das half nicht!

„Und du bist echt voll betrunken“, murmelte er und wiederholte es in seinem Kopf, denn daran musste er jetzt denken. Er war ein guter Kerl und Grace war verletzlich und sie brauchte zurzeit eher einen guten Freund als jemanden, der sie sich gerade nackt vorstellte. Und sie war Drama auf zwei Beinen.

Er hatte ihre Wohnungstür mittlerweile erreicht, öffnete sie und trat in den Flur. „Welches Zimmer ist deines?“

„Das neben der Küche. Mich hat noch nie jemand ins Bett getragen“, lallte die Orangine in seinen Armen. „Das ist soooo romantisch.“

Das Ganze wäre romantischer, wenn sie sich morgen noch an irgendetwas von dem heutigen Abend erinnern könnte.

„Du wirst schon noch jemanden finden, der dich ins Bett trägt“, murmelte Ryan und achtete darauf, dass sie sich ihren Kopf nicht im Rahmen anschlug.

„Nein, er wird mich finden! Das habe ich doch gerade gesagt. Ich suche nicht mehr. Suchen ist was für Loser! Und ich bin kein Loser. Ich bin eine orangehaarige Frau, die kein Loser ist.“

„Hört sich logisch an“, bestätigte Ryan und ließ sie langsam auf ihre Matratze sinken.

Grace seufzte wohlig auf und schob sich augenblicklich den Arm unter den Kopf. „Schlafen wir jetzt miteinander?“, murmelte sie schläfrig.

Ryan gab einen Lacher von sich – doch er war nicht ganz bei der Sache, weil ihr Top ihren Bauch hinaufgerutscht war und er die Ansätze ihres BHs …

„Ich schlaf’ nur fünf Minuten, dann können wir anfangen“, nuschelte sie und zog sich abrupt die Decke zum Kinn hoch.

Ryan presste die Augenlider zusammen und schüttelte über sich selbst den Kopf. Nein, definitiv kein Held!

„Wir schlafen ein anderes Mal miteinander“, versprach er und strich ihr sacht eine Haarsträhne aus den Augen.

„Okay. Hört sich suuuuper an.“

Ja. Tat es.

Er wandte sich um und lief aus ihrem Zimmer, bevor er sein Handy hervorholte und Kaylie anrief.

„Warum belästigst du meine Freundin mitten in der Nacht?“, erklang nach einigen Momenten Dex’ verschlafene Stimme.

„Hey Dex, halt die Klappe und gib mir Kaylie.“

„Warum?“

„Es ist wichtig.“

„Schön.“

Er hörte Deckengeraschel durch die Ohrmuschel, bevor Kaylie fragte: „Was ist los, Ryan? Brauchst du Frauentipps?“

Er zog eine Grimasse. „Ja, sowas Ähnliches. Ich war heute mit Grace aus und ihr geht es nicht so gut.“

„Was hast du mit ihr gemacht?“, kam sofort die alarmierte Frage.

„Gar nichts! Sie hat sich von ihrem Freund getrennt und ich wollte einfach nur sichergehen, dass jemand da ist, wenn sie morgen aufwacht. Sie wird nämlich wirklich nicht glücklich sein.“

Einerseits wegen der Dinge, die sie ihm heute gesagt hatte, andererseits wegen des mordsmäßigen Katers, der auf sie wartete.

„Oh. Okay. Wie hat sie sich denn getrennt? Und warum hat sie nichts gesagt?“

„Das wirst du sie selbst fragen müssen. Ich habe sie auf jeden Fall ins Bett gebracht, werde die Tür hinter mir absperren und den Schlüssel in euren Briefkasten werfen, in Ordnung?“

„Natürlich. Ähm, danke, Ryan.“

„Kein Problem. Nur Kaylie …?“

„Ja?“

„Sei morgen früh da!“ Dann legte er auf.

Kapitel 6

Oh Gott.
Oh.

Gott.

Grace legte sich eine Hand auf die klamme Stirn und die andere auf ihren rebellierenden Magen. Sie hatte noch nie einen Blackout gehabt – und leider war gestern Nacht keine Ausnahme gewesen. Sie erinnerte sich an alles.

Oh Gott, oh Gott, oh Gott.

Hitze flutete ihr Gesicht und nur mit Mühe und Not drängte sie die Übelkeit wieder nach unten. Sie würde sich einfach mit ihren Kopfschmerzen ablenken.

Ihre Hand sackte von ihrer Stirn über ihre Augen und schließlich über ihren Mund. Sie hatte ihm alles erzählt. Von Henry, von ihrem Vater, von allem! Sie hatte gejammert, geweint, sich betrunken, hysterisch rumgeschrien und zu guter Letzt hatte er sie die Treppen hochtragen müssen, damit sie nicht einfach vor der Haustür einschlief.

Oh Gott! Stöhnend richtete sie sich auf und kniff die Augen vor dem Sonnenlicht zusammen, das durch ihre Vorhänge fiel. Wenn es einen Moment gab, in dem sie gerne im Boden versunken wäre, dann war der jetzt! Und wenn ihr nun jemand einen Sack Zement über den Kopf schütten würde, hätte sie da auch nichts gegen.

„Scheiße“, flüsterte sie, stemmte sich in die Höhe und stolperte aus ihrem Zimmer ins Bad, wo sie sich für zwanzig Minuten unter einen heißen Wasserstrahl stellte, der ihr alles, aber nicht die Erinnerung vom Körper wusch. In ihrem ganzen Leben war ihr noch nie etwas so peinlich gewesen. Was zum Teufel musste Ryan jetzt von ihr denken? Er hielt sie doch sicherlich für emotional und geistig labil. Und warum war er nicht einfach gegangen? Sie hätte sich in dem Zustand alleine gelassen. Ihr ganzes Verhalten war erbärmlich gewesen. Sie war so schwach und bemitleidenswert gewesen, dass sie sich selbst nicht im Spiegel ansehen mochte.

Sie war verdammt nochmal besser als das.

Und was für ein verdammter Heiliger war Ryan bitte? Er hatte sogar ihr Auto zu ihr nach Hause gefahren, obwohl er dann ein Taxi zurück zum Lokal hatte nehmen müssen, um sich um sein eigenes zu kümmern. Großer Gott, es tat ihr wirklich leid, aber sie würde sich hinter all die anderen Reporter einreihen müssen: Er war ein Held!

Es schien ihr unmöglich, dass es so gute Menschen tatsächlich noch geben sollte. Sie hatte fest daran geglaubt, dass Krieg, Hunger und Reality-TV sie komplett ausgerottet hatten. Sie warf sich in eine Jogginghose und ein weites T-Shirt und taumelte in die Küche, in der Kaylie sie begrüßte und ihr eine Tasse Kaffee und ein Glas Wasser entgegenstreckte.

„Erst das Wasser mit der Aspirin, dann den Kaffee. Und heute keinen Anis oder Sonstiges dazugeben! Du siehst nicht aus, als solltest du deinen Magen unnötig belasten.“

Ja, so fühlte sie sich auch nicht.

Grace sah Kaylie an, murmelte „Ich liebe dich“ und nahm das Glas Wasser entgegen, bevor sie die Tablette einwarf, die Kaylie bereits auf den Küchentisch gelegt hatte. Dann setzte sie sich hin und wartete darauf, dass der Boden aufhörte, sich zu wellen.

Für einen Moment schwiegen sie, tranken Kaffee und genossen die Stille, bis Kay beiläufig fragte: „Anstrengender Tag gestern?“

Grace ließ ihren Oberkörper nach vorne fallen und vergrub ihren Kopf unter einem Arm, während sie mit dem anderen nach ihrem Handy tastete. Sie musste wissen, wieviel Uhr es war und wann sie wieder ins Bett konnte. „Oh Gott, oh Gott, oh Gott …“

„Ich glaub’, bei ihm ist besetzt, Süße. Wenn er beim fünfzigsten Mal nicht drangeht, würde ich es vielleicht später noch einmal versuchen.“

„Ich bin das erbärmlichste, bemitleidenswerteste, traurigste und hysterischste Wesen dieser Erde, Kaylie“, jammerte Grace, gab die Suche auf und leckte dabei aus Versehen die Holzplatte des Tisches an.

Kein würdiges Frühstück, deswegen richtete sie sich auf. „Ich war so verletzt und habe Ryan zugeheult und gejammert und gelitten und getrunken und ich habe mich so unglaublich zum Deppen gemacht und ich muss auf der Stelle sterben!“

Kaylie hob eine Augenbraue und stellte ihre Kaffeetasse ab. „Also, nicht dass mir das melodramatische und übertriebene Schauspiel nicht gefallen würde, aber könntest du die Geschichte von vorne erzählen? Mir gefallen Anfänge sehr gut. Wer hat dich verletzt? Und mit welcher Waffe soll ich ihn umbringen? Ich wollte ja schon immer mal einen Bogen ausprobieren. Obwohl ich auch Gefallen an einer Armbrust finden könnte … für welche der Waffen wandert man wohl länger in den Knast, was meinst du?“

Grace schossen die Tränen in die Augen – sie hatte ihre emotionale Phase offenbar noch nicht überwunden – und Kaylie rückte näher zu ihr heran, bevor sie die Arme so fest um sie schloss, dass sie kaum noch Luft bekam. Welch ein wundervolles Gefühl …

„Henry ist verheiratet, seine Frau ist ein Biest, ich bin zu nett, Ryan ist ein Held und mein Kopf fühlt sich an, als würde ein Affe darin Bongo spielen“, fasste sie schniefend zusammen. „Ach ja – und ich bin super peinlich und traurig mitanzusehen.“

Kaylie schnappte entgeistert nach Luft. „Henry ist verheiratet!? Dieses verlogene, beschissene …“

„Ja. Aber das Wichtigere ist, dass ich zu nett bin“, unterbrach sie Grace. „Denn ich bin keine Frau, für die jemand seine Ehefrau verlassen würde und ich bin keine Frau, die cool mit der Situation umgehen könnte und ich bin keine Frau, die einen charmanten Baseballspieler davon überzeugen kann, dass sie nicht geisteskrank, sondern eben nur speziell ist!“

„Reden wir jetzt wieder über Ryan?“

„Natürlich reden wir über Ryan! Ich war gestern genauso wie ich jetzt bin und er … er … und ich … und … es ist so peinlich … und …“

„Oh, Süße …“

Kaylie tätschelte ihr den Rücken und seufzte leise. „Du darfst verletzt sein und Ryan wird dich nicht für geisteskrank halten. Wenn du die Frauen kennen würdest, mit denen er sich schon herumschlagen musste, dann würdest du dich immer noch als Hauptgewinn betrachten! Und wenn ich das mal bitte erwähnen darf: Du bist sowas von die Frau, für die ein Mann seine Ehefrau verlassen würde! Auch wenn ich das wirklich nicht unterstützen will, aber Grace: Du bist ein Riesenfang! Henry ist ein Schwein und ich denke, ich werde die Armbrust nehmen.“

„Mir würde ein Morgenstern gefallen“, schniefte Grace und griff erneut nach ihrem Kaffee. „Oder ein Degen. Die sind irgendwie krass.“

„Ein Degen wird es sein“, bestätigte Kaylie und klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter, bevor sie langsam fragte: „Grace, ist Henry das Einzige, was …“

„… mich hat zusammenbrechen lassen?“

„Dazu geführt hat, dass du dich betrunken hast?“, korrigierte sie Kay. „Ist es vielleicht auch wegen des Umzugs? Ich weiß, ich hätte dich nicht damit überfallen sollen und ich liebe dich und vielleicht sollte ich noch warten …“

„Wage es nicht!“, sagte Grace und zog ihren Kopf aus der Umarmung. „Nur weil ich ein Waschlappen bin, sollte meine beste Freundin nicht darunter leiden müssen.“

Kaylie verzog das Gesicht und Grace konnte das schlechte Gewissen ihrer Freundin förmlich spüren.

„Kay“, seufzte sie. „Mir tut es leid. Es ist mein Leben, es sind meine Probleme. Ich sollte dich nicht so damit belasten.“

„Aber ich werde gerne mit deinen Problemen belastet“, sagte Kaylie bestürzt.

„Ja, ich weiß und natürlich will ich nicht, dass du wegziehst. Aber du kannst dein Leben nicht nach meinem ausrichten, genauso wenig, wie ich meins nach deinem. Ich werde schon zurechtkommen. Ich … es ist nur gerade viel auf einmal. Ich würde gerne vorankommen – mit meinem Job, mit meinem Leben – aber ich stehe mir immer wieder selbst im Weg und dafür kann niemand was außer mir. Sei du glücklich mit Dexter und ich überlege mir derweil, wie fest ich Ryan auf den Kopf schlagen muss, damit er den gestrigen Abend vergisst.“

Vielleicht hatte Grace sich erst so richtig betrinken und blamieren müssen, um einzusehen, dass sie unzufrieden war.
Sie hatte gehofft, dass ihr der neue Job mehr zu dem Ich verhelfen würde, mit dem sie zufrieden war. Es hatte lange gedauert, bis sie sich getraut hatte, ein wenig erfolgreicher zu werden und sie wusste, dass es albern war, sich selbst zu manipulieren und vor den gleichen Dingen Angst zu haben wie schon immer. Aber es war schwer. Es war schwer, seine Muster zu ändern. Es war schwer, die Angst als absurd abzutun – wo sie doch wusste, dass sie nicht unbegründet war. Und es war schwer, sich daran zu erinnern, dass sie nicht mehr auf der Highschool war. Dass sie sich geändert hatte. Dass sie Freundinnen hatte, die sie so mochten, wie sie war und … sie verdammt nochmal nicht ihr Vater war!

„Grace“, sagte Kaylie behutsam. „Du weißt, du musst mir keine Dinge verschweigen, nur um die Harmonie zu wahren, oder?“

Es war, als würde ihre Freundin ihre Gedanken lesen.

„Du weißt doch: Ich mag dich auch, wenn du mich anschreist und wir nicht zum Chinesen gehen, so wie ich es will, sondern zum Griechen, so wie du es willst. Du beschwerst dich oft nicht, weil du nicht streiten willst, aber so ein ehrlicher Streit ist manchmal gar nicht schlimm.“

„Ich weiß“, sagte sie erschöpft. Es war nur einfacher, zuzustimmen. Sicherer, sich unterzuordnen, als sich von seinem Egoismus einnehmen zu lassen. Bei Kaylie war das etwas anderes. Sie war ihr sicher. Sie war eine Freundin, die ihr alles verzeihen würde. Aber solche Menschen waren schwer zu finden. Und umso schwerer war es, solche Menschen zu verlieren.

„Und mach dir keine Gedanken wegen Ryan“, setzte Kaylie nach einer Weile hinzu. „Er ist ein guter Kerl. Er wird nichts weitersagen und sich auch nicht über dich lustig machen.“

„Ich weiß, dass er ein guter Kerl ist! Ich habe ihm vorgeschlagen, er solle doch mit mir schlafen und er hat nur gelächelt und ist gegangen!“

Kaylie biss sich auf die Lippe. Sie gab sich Mühe, ihr Grinsen zu verbergen und versagte schließlich. „Du hast gefragt, ob ihr miteinander schlafen könnt?“

„Nein, ich habe es angeordnet!“, stöhnte sie. „Gott, mir wäre es wirklich lieber, wenn er sich über mich lustig machen würde, als das ernst zu nehmen, was gestern aus meinem Mund kam.“

Kaylie bekam große Augen. „So schlimm?“

„Schlimmer. Du hast keine Ahnung. Ich war die totale keifende Heulsuse.“

„Ach, ich bin mir sicher, du kamst charmant rüber.“

Ja, natürlich. Und morgen würde sie sich einen Alligator kaufen und ihn als Haustier halten.

Mann, sie musste wirklich bei ihm anrufen und sich entschuldigen. Sie schämte sich in Grund und Boden – und es tat ihr ehrlich leid, dass er gestern so viel abbekommen hatte, nur, weil sie sich hatte beweisen wollen, dass sie die Trennung von Henry nicht juckte. Was ja hervorragend geklappt hatte.

„Ich bin sicher, er hat es schon wieder vergessen! Männer denken über so was nicht nach“, versprach Kay. „Und reden tun sie schon gar nicht drüber. Du wirst sehen. Heute Abend denkt Ryan schon gar nicht mehr dran!“

 

„Und sie hat richtig geweint?“, fragte Ty stirnrunzelnd und kreidete die Spitze seines Queues ein. „Mit Tränen und allem?“

„Mit Tränen, Rotz und Wasser“, nickte Ryan, beugte sich über den Billardtisch und versenkte die Zwölf in der rechten Ecktasche. „Aber auf eine so verdammt ehrliche Art, dass ich … keine Ahnung. Weißt du, was ich meine?“

Ty schnaubte. „Nein, natürlich nicht.“

„Sie hat wirklich und wahrhaftig geweint! Einfach, weil es raus musste. Nicht, weil sie mich manipulieren wollte oder absichtlich dramatisiert hat. Sondern weil es ihr ehrlich schlecht ging!“

Sein Freund betrachtete ihn skeptisch. „Du freust dich über merkwürdige Dinge, Hale“, stellte er schließlich trocken fest. „Warum bist du nicht einfach gegangen?“

Ja, das war eine gute Frage … aber er hatte einfach nicht gekonnt. Sie hatte einsam gewirkt und er hatte sie nicht alleine lassen wollen. „Sie ist sonst eine coole Person“, meinte er schulterzuckend. „Sie hatte was Besseres verdient als jemanden, der sie alleine lässt.“

Ty grinste. „Der Held schlägt wieder zu. Kein Wunder, dass alle deine Freundinnen dich ausnutzen. Du kannst nicht anders – du musst ihnen deine heldenhafte Schulter zum Ausweinen anbieten.“

„Halt die Fresse, Ty“, seufzte Ryan müde und versuchte aus seinem Kopf zu schieben, dass Mary-Ann heute angerufen hatte. Das dritte Mal diese Woche. Sie waren seit gefühlten Ewigkeiten getrennt und trotzdem hinterließ sie ihm alle paar Wochen eine Horde an Nachrichten auf der Mailbox. Er war sich ziemlich sicher, dass Mary-Ann noch nie echt in seiner Gegenwart geweint hatte. Sie war Schauspielerin. Es würde ihn nicht wundern, wenn jede einzelne ihrer Tränen aus Plastik gewesen war.

„Immer noch ein sensibles Thema, was?“, stellte sein Freund lachend fest. „Ich habe Danny auf jeden Fall beigebracht, dich nur noch mit ‚Held‘ anzusprechen.“

„Jaja, du bist ein brillanter Vater – apropos Danny, wo ist dein Sohn eigentlich? Ich dachte, du hättest ihn fürs ganze Wochenende.“

Tyler rieb energisch mit dem Kreidestück über seinen Billardstab. „Ja, hatte ich“, sagte er schroff.

Hätte er mal die Klappe gehalten …

„Kinder bekommen Heimweh, Tyler“, sagte Ryan leise. „Das ist vollkommen normal.“

„Ach, wirklich? Dass sie bei ihrem eigenen Vater Heimweh bekommen und der vollkommen darin versagt, seinen eigenen Sohn zu beruhigen, ist normal?“ Das Stück Kreide brach in seiner Hand.

„Er ist fünf, Ty. Du warst lange in Houston, hast ihn nur alle paar Wochen gesehen. Er muss sich daran gewöhnen.“

„Ja, ich weiß. Ich dachte nur, dass ein halbes Jahr Gewöhnung vielleicht genug wäre … keine Ahnung.“

Ryan klopfte ihm auf die Schulter, bevor er die nächste Kugel versenkte. Mehr Zuneigungsbekundungen würde Ty nicht bekommen. Er kannte ihn seit fünf Jahren, seit sie zusammen bei den Houston Astros angefangen hatten, und wusste genau, wie wichtig Tyler sein Sohn war, auch wenn Cara das oftmals nicht so sah. Aber sie waren jung gewesen, als sie das Kind bekommen hatten, und Tyler hatte Fehler gemacht – die er versuchte auszubügeln. Ihm ging es verdammt dreckig damit, auch wenn Ryan vermutlich der Einzige war, der das wusste. Und Ty hielt nichts davon, ehrlich zu Cara zu sein. Größtenteils wahrscheinlich, weil er ihr heilig bewahrtes Gleichgewicht – das sie sich beide einbildeten – nicht zerstören wollte.

„Wann kommt eigentlich Jake?“, fragte Ryan, um das Thema zu wechseln. „Wollte er nicht schon vor einer halben Stunde hier sein?“

„Wollte er. Aber ich glaube, eine Frau ist ihm dazwischengekommen. Oder wohl eher unter ihn. Meine Güte, er hätte es echt verdient, an einer Geschlechtskrankheit zu verrecken.“

Ryan lachte leise und nickte. „Er wäre wahrscheinlich auch noch zufrieden damit, so zu gehen. Er …“

Er kam nicht dazu, zu Ende zu sprechen, denn sein Handy fing an zu klingeln. Fest damit rechnend, dass Jake anrief, um abzusagen, zog er es aus der Tasche und hielt verdutzt inne, als der Name ‚Grace‘ aufblitzte.

„Was denn, ruft der Teufel an?“, fragte Ty, der nun neugierig über seine Schulter sah. „Ah, nicht ganz.“

Ryan kratzte sich am Kopf und nahm den Anruf entgegen. Er war neugierig – und wollte sichergehen, dass sie nicht an ihren Kopfschmerzen gestorben war.

„Hale“, meldete er sich automatisiert.

Eine kurze Pause entstand, dann antwortete Grace: „Irgendwie hatte ich gehofft, dass deine Mailbox drangeht.“

Er grinste. „Ist dir der gestrige Abend peinlich?“

„Ach, nur ein kleines bisschen …“, log sie zerknirscht.

„Hey, du bist nicht über mich hergefallen, dir muss nichts peinlich sein.“

„Ich habe dir Sex angeboten.“

„Daran erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich an alles!“

Die Arme. „Na ja, mir wird ständig Sex angeboten, also – immer noch nichts, was dir peinlich sein müsste.“

„Oh mein Gott“, stöhnte sie.

„Ja, genau so hören sich die Frauen dann an, nachdem ich ihnen den Sex gewährt habe.“

Grace lachte und ein Klatschen drang durch seine Ohrmuschel – so, als hätte sie sich mit der flachen Hand gegen den Kopf geschlagen.

„Es tut mir so leid, Ryan“, sagte sie schließlich seufzend. „Wirklich, das ist … können wir einfach vergessen, dass das je passiert ist?“

Nein.

„Du kennst mich nicht und ich will nicht, dass du mich je wieder mit der Frau in Verbindung bringst, die du gestern gesehen hast.“ Das ließe sich einrichten.

„Mach dir keinen Kopf, ich habe schon schlimmere Frauen erlebt.“

„Das hat Kaylie auch gesagt – aber das ist sicherlich nicht mein Ziel, dass Leute bei mir denken: Ach, es gab schon Schlimmere!“

„Hey, dein Freund ist ein Arsch, du stehst auf Martinis – das ist alles, was ich von gestern mitgenommen habe“, log er, denn er war nun einmal mit einem verdammt guten Gedächtnis gesegnet und Grace hatte die interessantesten Dinge von sich gegeben.

„Danke, das ist echt lieb von dir … Gott, ich brauchte, schätze ich, nur eine Ablenkung und – danke! Du warst der reinste Gentleman. Ein richtiger …“

„Wenn du jetzt Held sagst, erinnere ich mich plötzlich doch an alles, was gestern aus deinem Mund kam.“

„… Freund“, ergänzte sie hastig.

Na, das Wort war nicht unbedingt besser. Und dass Ty praktisch wie ein Waschweib an seiner Seite hing, gefiel ihm auch nicht. Schnaubend streckte er den Arm aus, um ihn von sich wegzuschubsen.

„Schön, nehmen wir Freund“, sagte er. „Wie geht es deinem Kopf?“

„Welchem Kopf? Der ist vor fünf Stunden explodiert und wird wohl nie wieder zusammengesetzt werden können.“

„Na, dann hast du wenigstens keine Schmerzen. Geht es dir denn sonst gut?“

„Du meinst, ob ich immer noch ein nervliches Wrack bin?“

Und da hatte er nun versucht, taktvoll zu sein … „Ja, genau das.“

„Mhm, keine Ahnung.“

Also ja.

Ryan starrte auf den Billardtisch, dann auf den Boden und sagte schließlich: „Hör mal, wenn du nur zu Hause rumhängst, dann kannst du eigentlich auch vorbeikommen.“

Er ignorierte Tys ungläubigen Blick und die Worte „Alter, sie ist eine Frau!“ aus seinem Mund.

„Ich bin mit Ty in der Sportsbar gegenüber vom Stadion, Jake kommt gleich auch noch und wir sind zwar keine einfühlsamen Ladies, aber einen gewissen Grad an Ablenkung können wir bieten.“

„Oh“, stockte Grace.

„Bist du vollkommen bescheuert?“, fragte Ty.

„Hey Leute“, sagte Jake, der gerade zu ihnen gestoßen war und seine Jacke über einen Stuhl hängte. „Was habe ich verpasst?“

Ryan wandte ihm rigoros den Rücken zu. „Und nur damit du es weißt: Du kannst auch Nein sagen“, sagte er zu Grace und versuchte Tylers Stimme auszublenden, der von irgendeinem ‚Vollidioten‘ sprach. Vielleicht redete er ja über sich selbst in der dritten Person.

„Was?“, fragte Grace.

„Du hast gestern erwähnt, dass du nicht Nein sagen kannst … deswegen wollte ich das nochmal extra erwähnen.“

„Das habe ich gesagt?“

„Ja … ich meine nein, denn ich erinnere mich ja nicht mehr daran.“

Sie lachte leise in sein Ohr. „Danke, das weiß ich zu schätzen. Und die Jungs sind damit einverstanden?“

„Er will ’ne Frau einladen?“, schrie Jake. „Hat er den Verstand verloren?“

Ryan schirmte das Handy mit seiner Hand ab. „Klar. Die freuen sich über weibliche Einsichten und Tipps und Tricks, ihre Persönlichkeit zu verbessern. Am besten machst du ihnen eine Liste.“

„Okay, erster Punkt ist, dass Jake lernen muss, leiser zu schreien.“

Ryans Grinsen wurde breiter. „Richte ich ihm aus. Also, kommst du?“

„Weißt du was? Ja! Ich komme. Ich bin zu jung und cool, um alleine zu Hause rumzuhängen und mich zu bemitleiden. Bis gleich.“ Im nächsten Moment hatte sie aufgelegt.

Zufrieden schob auch Ryan sein Handy wieder zurück in seine Jeanstasche und wandte sich zwei entsetzten Gesichtern zu.

„Sie ist eine Frau!“, rief Jake.

„Alter …“, sagte Ty mitleidig.

Ryan hob verteidigend die Hände. „Sie hat sich traurig angehört!“

„Na und!?“, fluchte Jake. „Das Mädchen, das ich gerade aus meinem Bett geschmissen habe, sah auch traurig aus, aber habe ich sie dazu eingeladen, mitzukommen? Nein! Ich habe ihr ein Snickers gegeben und bin gegangen.“

„Ja, aber du bist auch ein Arschloch, Jake, und ich nicht“, erklärte Ryan weise. „Spielen wir jetzt zu Ende, oder was?“

„Alter!“, wiederholte Ty kopfschüttelnd, bevor er sein Queue an den weißen Ball ansetzte und zustieß.

Kapitel 7

Grace hielt es für keine gute Idee, im Schlafanzug in der Bar aufzukreuzen, deswegen zog sie sich eine enge Jeans und ein ebenso enges Oberteil an, bevor sie so lange Mascara auftrug, bis ihr Selbstbewusstsein wieder eine gesunde Größe hatte.

Sie war besser als das!

Sie konnte es für sich selbst nur immer wiederholen: Sie war besser als die traurige, sich bemitleidende Person, die sie den ganzen Tag über gewesen war. Deswegen legte sie auch noch einen Lidstrich an und stieg beschwingt in ihren Wagen. Dass es peinlich werden könnte, Ryan wiederzusehen, fiel ihr erst ein, als sie bereits geparkt hatte und ausgestiegen war.

Na, jetzt war sie schon mal hier und schlimmer als gestern Abend konnte es nicht werden. Nie wieder.

Sie zog sich den Schal enger um den Hals, ließ das protzige Stadion in ihrem Rücken und ging in die Sportsbar, die wohl irgendeinen Namen hatte, der mal über der Tür gehangen hatte, aber seit Jahren nur noch halb und verblichen zu erkennen war. Deswegen nannte man sie nur ‚Sportsbar‘.

Warme und nach schalem Bier riechende Luft schlug Grace entgegen, als sie in den weitläufigen Raum trat, der in Tresen-, Ess- und Spielbereich aufgeteilt war. Runde Tische mit wackligen Stühlen standen zu ihrer Linken, der Tresen, an dem die braune Farbe bereits abblätterte, erstreckte sich zu ihrer Rechten und der knarrende Dielenboden führte zu den mit einem Vorhang abgetrennten Billardtischen, Kickern und Flippern, die wohl rechtlich in der Verfassung für Sportsbars als unabdingbar festgelegt worden waren. Jetzt allerdings stand der Vorhang sperrangelweit offen und Grace brauchte nicht lange, um dahinterzukommen, wer da an einem der Billardtische spielte. Sie folgte einfach dem Blick von ausnahmslos allen Frauen und landete prompt auf Ryans Rücken, Jakes feixendem Grinsen und Tyler, der sich gegen die Wand lehnte, seine Hände auf das Queue abgestützt.

Es gab zwei Gründe, warum Frauen in diese Bar kamen: Sie hatten sich verlaufen oder sie wollten einen Blick auf einen der Delphie-Jungs erhaschen, die sich bekanntermaßen ständig hier herumtrieben. Grace musste ihren Blick nur schweifen lassen, um Cade Siegel, Jason Collins und Jared Williams zu entdecken, zwei junge Pitcher und einen Left Fielder, die an einem dunklen Tisch in der hintersten Ecke saßen, und über die Luke sich ständig beschwerte, weil sie ihm im Nacken saßen – dabei war in einem Baseballteam wahrlich genug Platz für drei gute Pitcher!

An der Bar saßen weitere Baseballspieler, deren Namen sie allerdings vergessen hatte. Eine Baseballmannschaft war einfach zu groß und ihr blödes Gedächtnis merkte sich nur die Namen der gutaussehenden Spieler. Die meisten Delphies waren untereinander befreundet, auch wenn Grace, seitdem zwei ihrer Freundinnen mit Spielern liiert waren, immer mehr Gossip von allen Seiten mitbekam. Männer waren solche Klatschtanten und überall herrschten Neid und böses Blut aufgrund ausgespannter Freundinnen und Lästereien über irgendwelche Teammitglieder, die sich bei Cole Panther, dem neuen Besitzer der Delphies, einschleimten. So war die Welt einfach. Diese Eigenschaften machten vor Sportlern nicht halt.

Sie seufzte angesichts der tuschelnden Frauen, die immer wieder zu Ty, Ryan und Jake hinnickten, der es sich nicht nehmen ließ, jeder Einzelnen mit seinen Blicken Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Die Frauen fingen an zu kichern und Grace verdrehte die Augen. Irgendwann, da würde Jake eine Frau treffen, bei der er auf Granit biss – und dann würde eine wirklich lustige Zeit für alle außer ihm beginnen. Sie freute sich jetzt schon darauf.

Sie bahnte sich einen Weg durch die Samstagabend-Masse und hob die Hand, als Ryan sie entdeckte. Er lächelte und augenblicklich hatte Grace keine Angst mehr davor, dass es peinlich werden könnte. Er würde es nicht peinlich werden lassen! Weil Ryan eben doch ein Held war. Egal, wie oft er dem widersprach, er gehörte zusammen mit Superman, Iron Man und Wonder Woman auf ein Podest.

„Hey, alles klar?“, fragte er, als sie die Männergruppe endlich erreicht hatte, und drückte sie in einer kurzen Umarmung an sich. Als wären sie seit Ewigkeiten Freunde. Als hätte er sie gestern nicht ihre Treppen hochtragen müssen, weil sie zu betrunken zum Laufen gewesen war.

„Jap, alles klar … bei Jake auch? Er sieht unglücklich aus.“

„Mach dir keine Sorgen, das ist nur, weil du hier bist“, stellte Ty fest und drückte kurz ihre Schulter. „Nett, dich wiederzusehen, Grace. Immer schön, eine Frau am Männerabend dabei zu haben. Gibt dem Ganzen eine ganz andere Perspektive.“

Grace musste lachen, denn Ty hatte die Worte grinsend von sich gegeben. „Ich kann mir gerne den Bauch kratzen und rülpsen, wenn das hilft.“

„Wer darf dir den Bauch kratzen?“, fragte Jake interessiert und wandte sich von den Frauen ab. „Hey Grace, hab’ gehört, dein Ex ist ein Arsch?“

„Dein Charme übertrifft sogar noch deine zölibatären Verhältnisse, Jake“, bemerkte Grace augenverdrehend. „Es ist immer so erfrischend, wenn man merkt, wie froh du bist, einen zu sehen.“

„Natürlich bin ich nicht froh, dich hier zu sehen“, sagte er irritiert. „Du bist Kaylies beste Freundin. Du wirst ihr von all meinen Fehltritten berichten – und wahrscheinlich vermiest du mir die Tour und erklärst mir, dass ich Frauen mehr respektieren sollte.“

Damit hatte er recht. Kaylie und er hatten eine merkwürdig enge Beziehung, die niemand so genau zuordnen konnte. Entweder war sie seine beste Freundin oder seine Schwester und manchmal auch seine Mutter.

„Hey, wenn du mich nett fragst, werde ich Kaylie nichts sagen!“

„Das ist doch gelogen“, schnaubte er. „Mit dir hier kann ich keine Frauen aufreißen.“

Grace war davon überzeugt, dass Jake Frauen mit geschlossenen Augen und einem komischen Hut auf seinem Kopf aufreißen konnte. Er war die Art von Mann, die zu hübsch zum Ansehen war. Dunkelblonde Haare, die in Surfermanier verwuschelt waren, tiefblaue Augen und Wangenknochen, die von Michelangelo selbst gemeißelt worden zu sein schienen. Er war ein lebendig gewordener Teenie-Traum. Die Art von Mann, die, je älter sie wurde, nur noch männlicher wirkte. Es war eine Schande, dass Jake sich dessen bewusst war.

„Ist das denn euer Plan?“, fragte Grace mit erhobenen Augenbrauen und sah in die Runde. „Ist das hier ein Single-Treffen? Wollt ihr alle drei eine Frau abschleppen?“

„Single-Treffen?“, fragte Jake verdrießlich. „Sind wir jetzt ein Artikel in der Cosmopolitan oder was?“

Grace war sich ziemlich sicher, dass es da bestimmt den einen oder anderen Absatz über Jake gab.

„Schön. Dann eben nur: Wollt ihr alle eine Frau abschleppen?“

„Nein“, sagten Ryan und Tyler.

„Ja“, sagte Jake, scheinbar verwirrt aufgrund ihrer Frage. „Nur ist es ganz sicher kein deprimierendes Single-Treffen, wie ihr Frauen es nennen würdet. Das, was wir hier machen, ist, auf hohem Niveau zu jagen.“

Ryan hielt sich eine Hand an den Kopf. „Oh bitte, zieh uns da nicht mit rein. Wir sind definitiv kein Wir.“

„Auf hohem Niveau?“, wollte Grace wissen. „Seit wann datest du Frauen mit Niveau?“

Jake grinste. „Na ja, das ist wohl eher sowas wie eine Redewendung.“

Grace musste lachen. „Dein Frauenverschleiß ist mehr als ungesund, Jake.“

„Hey, ich tue nur meinen Teil für die Menschheit!“, sagte Jake und hob beide Hände in die Höhe. „Seitdem Luke wahrlich und wahrhaftig vom Markt ist, gibt es verdammt viele einsame Frauen in Philadelphia. Wer soll sich denn sonst um sie kümmern, wenn schon nicht ich? Ryan und Ty hier vielleicht, die bald am Krückstock gehen und seit Monaten nicht mehr flachgelegt wurden?“

Na, wenn er das jetzt so darstellte …

„Wir finden einfach keine Frauen mehr, weil die alle schon von dir benutzt wurden“, sagte Ryan trocken.

Tyler deutete mit seinem Finger auf Ryan. „Das, was er sagt.“

„Meine Güte, bin ich froh, eine Frau zu sein“, meinte Grace gespielt nachdenklich. „Um die Männer steht es hier ja denkbar schlecht für die nächsten zehn Jahre. Wo doch schon alle Frauen von Jake benutzt wurden.“

Ryan grinste. „Ach, wir kommen klar, oder Ty?“

Der nickte. „Ich wiederhole: Das, was er sagt! Und Jake, beweis mal deine Manieren und hol Grace was zu trinken.“

Jake verdrehte die Augen, verschwand jedoch Richtung Bar.

Verdutzt sah Grace ihm nach. „Er hat mich gar nicht gefragt, was ich will.“

Ryan winkte ab. „Er hätte es sich sowieso nicht merken können. Sein Kopf ist mit Bildern von Brüsten gefüllt. Also Grace, Lust auf eine Partie Billard?“

„Klar.“

„Kannst du das denn?“, setzte Ryan skeptisch hinzu.

Sie hob eine Schulter und krempelte sich die Ärmel ihres Cardigans hoch. „Ich bin mit Emma befreundet.“

Emma war die Freundin von Luke, einem Pitcher der Delphies, kam aus Deutschland und hatte Billard zu ihrer Religion gemacht. Sie hatte ihren Freundinnen so lange gezeigt, wie man einen Ball traf, bis diese sie nicht mehr langweilten. „Reicht das als Antwort?“

„Reicht mir“, lachte Ryan. „Du darfst sogar anfangen und … blutet dein Unterarm?“

„Was?“ Überrascht blickte sie an sich herunter und streckte sich die Arme vom Körper. Rote Schlieren zogen sich von ihrem linken Ellenbogen bis zu ihrem Handballen.

„Oh nein.“ Sie lachte und kratzte mit den Fingernägeln über die Spuren. „Das ist nur Karminrot.“

Tyler und Ryan wechselten einen Blick und runzelten zeitgleich die Stirn.

„Farbe“, ergänzte sie grinsend. „Das ist nur Farbe.“

„Hast du heute ein Zimmer gestrichen?“, fragte Ty verwirrt.
„Sowas Ähnliches. Fangen wir an?“

Ryan warf ihr noch einen weiteren fragenden Blick zu, sagte jedoch nichts weiter. Stattdessen ordnete er die Kugeln in das Plastikdreieck, das auf der grünen Platte lag, und reichte ihr den weißen Ball. „Na, dann zeig mal, was du kannst.“

 

Grace konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal mit männlichen Wesen so viel Spaß gehabt hatte. Klar, mit ihren Freundinnen amüsierte sie sich immer, aber es hatte etwas für sich, völlig ungezwungen mit drei wirklich witzigen Kerlen rumzuhängen. Die Jungs piesackten sich untereinander, beschimpften sich schamlos und grinsten über jeden dreckigen Witz, den Grace machte. Zugegeben, das waren nicht allzu viele, aber dennoch hatte sie nach einer Stunde das Gefühl, der ganze gestrige Tag wäre einfach so in den Sphären ihres Gehirnes verschwunden. Irgendwann hatten sie angefangen, Bettgeschichten miteinander auszutauschen – worin Jake nicht ganz überraschend der Talentierteste war – und Grace wusste nicht wieso, aber sie hatte keine Skrupel, selbst einige peinliche Geschichten auszupacken.

Vielleicht, weil sie so viel gelacht hatte.

Vielleicht, weil Männer weniger verurteilend waren als Frauen. Vielleicht, weil sie schon wieder ordentlich einen im Tee hatte. Die drei Männer waren allesamt mehr als reich und hatten ihr einen Wein nach dem anderen ausgegeben – und wer lehnte schon kostenlosen Alkohol ab?

Möglicherweise war es also eine Mischung aus allem.

„… und dann hat er gefragt, ob ich denn ein Problem damit hätte, wenn er einen BH von mir anprobieren würde“, schloss sie mit einer ihrer weniger konventionellen ersten Date-Geschichten. Es war ihre einzig Gute und sie hatte sie sich bis zum Schluss aufbewahrt.

Tyler lachte und ließ eine der Billardkugeln von seiner einen Hand in die andere wandern. „Und wie hast du darauf reagiert?“, wollte er wissen.

„Ich meinte: Okay, wenn du ihn nicht ausleierst.“ Sie legte den Kopf schief und erinnerte sich an den Abend. „Aber er hat ihn ausgeleiert.“

Ryan schüttelte grinsend den Kopf und nahm den letzten Schluck seines Bieres, bevor er bemerkte: „Abgesehen davon, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass du die Geschichte gerade erfunden hast, um mit Jakes ‚Nackte Mädchen verstecken sich in meinem Schrank und wollen mir gewisse Körperteile verkaufen‘- Geschichten mitzuhalten – wie will er bitte deinen BH hinten zubekommen haben? Warst du mit einem Regenschirm aus?“

Es konnte ja schließlich nicht jeder so ein breites Kreuz haben wie er!

„Was ich nicht verstehe“, mischte sich Jake ein, der bereits bei seinem vierten Bier war und noch genauso nüchtern wirkte wie zu Anfang des Abends. „Warum tragen Frauen überhaupt BHs? Das ist doch wie ein Käfig für eure Brüste! Sie sollten frei sein … die Welt erkunden, Dinge sehen! Es ist unmenschlich von euch Frauen, die Brüste zu verstecken, als würdet ihr euch für sie schämen. Das verletzt ihre und unsere Gefühle“, er deutete auf sich und seine Teamkollegen, „ist also durch und durch bösartig.“

Grace prustete, stellte ihr Weinglas auf dem Billardtisch ab, aus Angst, etwas zu verschütten, und hielt sich vornübergebeugt kopfschüttelnd eine Hand an den Kopf.

„Weißt du, Jake, ich hoffe doch sehr, dass du diese Frage in deinem nächsten Fernsehinterview wiederholst! Und wenn du dann noch alle Frauen, die BHs tragen, als Strüh bezeichnest, dann wird Kaylie dich noch mehr lieben!“

„Bitte ja, mach das“, unterstützte sie Ryan. „Sam wird sich freuen, wenn er endlich wieder etwas Arbeit bekommt.“

„Ich verstehe das wirklich nicht“, meinte Grace kichernd. „Was habt ihr Männer nur mit Brüsten? So besonders sind die nicht.“

„Um das zu beurteilen, muss meine Erinnerung noch einmal aufgefrischt werden“, gab Ryan zu bedenken. „Vielleicht solltest du dich kurz ausziehen.“

„Na, nach vier weiteren Weißweinen vielleicht“, lachte Grace und beobachtete zwei Frauen, die nun zielstrebig in ihre Richtung kamen.

Sie waren Grace schon vor einer Weile aufgefallen. Immer wieder waren ihre Blicke zu den drei Delphies gehuscht – sie schienen sich wohl endlich dazu entschieden zu haben, es zu wagen, sie anzusprechen.

Grace war nicht einverstanden mit dieser Entwicklung. Dies war eine Single-Nacht! Sie brauchte diesen Abend und diese zwei Frauen, die mehr Schminke als Poren im Gesicht hatten, wirkten sowieso nicht sonderlich legitim. Die waren doch nie im Leben einundzwanzig.

Sie beugte sich zu Ryan hinüber. Er roch gut, fiel ihr auf. Nach warmer Milch mit Honig. „Soll ich sie verscheuchen oder wären Ty oder du interessiert?“ Sie ließ Jake absichtlich raus – aus offensichtlichen Gründen.

„Ah, solche Groupies können ziemlich hartnäckig werden“, murmelte er ihr leise ins Ohr. „Du meinst wirklich, du würdest mit ihnen fertig werden?“

„Ohne Probleme.“

„Na, dann zeig mal her“, sagte er, legte ihr eine warme Hand ins Kreuz und schob sie minimal vor, während das erste der beiden jungen Mädchen mit dunkelbraunen Haaren und blonden Spitzen die Gruppe ansprach.

„Hey.“ Sie tat schüchtern und lächelte sie von unten hinauf an. „Wir sind so einsam und ihr saht aus, als hättet ihr eine Menge Spaß, kann man sich da vielleicht anschließen?“

Jakes Mund war natürlich schon halb offen, als Grace sich vor ihn stellte und eine grimmige Miene aufsetzte.

„Entschuldigt, aber seht ihr nicht, dass wir auf einem Date sind?“, fragte sie abschätzig und verschränkte demonstrativ die Arme vor ihrem Körper.

„Oh.“ Das Mädchen warf einen Blick zu ihrer Freundin, dann zu jedem einzelnen der Baseballspieler. „Tut uns leid. Mit wem bist du denn auf einem Date?“

Grace lehnte sich verheißungsvoll nach vorne, zog anzüglich eine Augenbraue nach oben, fuhr sich mit den Fingerspitzen über den Brustansatz und flüsterte. „Mit allen dreien!“

Die beiden verzogen ungläubig ihre Gesichter.

„Was?“, fragte die kleinere der beiden, die sicherlich nicht einmal Autofahren durfte.

„Ihr habt mich schon verstanden“, flüsterte Grace lächelnd. „Ich habe nicht gedacht, dass es so viele Fanatiker von orangefarbenen Haaren gibt, gerade unter den Baseballspielern, aber ihnen muss vor lauter Geld wohl langweilig werden … der Vierte kommt gleich noch.“

Die Frauen lachten nervös auf und sahen unsicher zu Jake, Ty und Ryan hinüber, die zugegebenermaßen erfolgreich eine unbewegte Miene zur Schau stellten. „Aber … aber … wie …“

„Ja. Genauso, wie ihr gerade denkt“, flüsterte Grace.

Mit riesigen Augen warfen die Mädchen einen letzten Blick auf die Delphie-Jungs, dann flüchteten sie ins Badezimmer.

Grace grinste und hinter ihr fing Ryan an zu klatschen. „Beeindruckend. Wirklich beeindruckend.“

Grace knickste übertrieben tief und wedelte – wie sie hoffte – ehrfurchtsvoll mit ihren Armen herum. „Danke. Vielen Dank. Man kann mich jeden Mittwoch und Freitag buchen.“

„Hey“, unterbrach Jake ihre Vorstellung, „ich war vielleicht interessiert!“

„Natürlich warst du interessiert. Sie haben geatmet!“, meinte Grace augenverdrehend. „Kaylie kommt vielleicht damit klar, mit einer männlichen Schlampe befreundet zu sein, aber ich nicht, also …“ Sie seufzte theatralisch. „Also wirst du dich wohl grundlegend ändern müssen.“

„Aber nicht mehr heute, oder?“, knurrte Jake unzufrieden.

„Nein, so ein, zwei Jahre gebe ich dir noch.“

„Wie wunderbar! Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mit noch einer platonischen Freundin klarkomme. Sonst sitze ich in zwei Wochen noch bei euch auf dem Sofa und lasse mir die Nägel lackieren.“

„Tief im Inneren sehnst du dich doch danach, Jake.“

„Ja, so sehr wie nach einer heißen Nadel, die ich schlucken muss“, sagte er.

„Ah, jetzt hast du seine Gefühle verletzt“, seufzte Ty und schlug Jake auf die Schulter. „Komm zur Bar, ich kauf’ dir noch ein Bier. Der Bartender kauft dir sonst wahrscheinlich nicht ab, dass du einundzwanzig bist.“

„Ich bin beschissene dreiundzwanzig, Brady!“

„Jaja, natürlich“, grinste Ty und zog ihn mit zur Bar.

Ryan blieb zurück und prostete ihr mit seiner nun leeren Flasche zu. „Und? Wie fühlst du dich? Erfolgreich abgelenkt?“

„Mehr als abgelenkt!“, gab sie lächelnd zu. „Danke. Wirklich. Danke, danke!“

„Wofür?“, fragte er irritiert.

„Für heute. Dafür, dass du mich gefragt hast, ob ich kommen will. Für gestern. Dafür, dass du so nett warst und nicht gegangen bist und … mich ins Bett gebracht hast. Danke, dass du nicht erwähnst, dass ich dich quasi in mein Bett eingeladen habe.“

„Das ist es, was dir peinlich war? Mir würden die zwei Mal, in denen du versucht hast, mich zu küssen, ja viel eher auf den Magen schlagen.“

Sie lachte. „Um Gottes willen, das hatte ich verdrängt. Ja, das tut mir auch leid. Ich verspreche dir, dass ich das nicht wiederholen werde!“

„Alles klar.“

„Nein, wirklich. Die peinliche Grace ist jetzt weg. Also, ein letztes Mal: danke. Das hätte wirklich nicht jeder Kerl getan.“

Er zuckte unbehaglich mit den Schultern. Er schien mit Dank nicht gut zurechtzukommen. „Kein Problem.“

„Du bist ein guter Freund“, lächelte sie und klopfte ihm auf die Schulter. „Wirklich, ein guter Freund.“

Und einen wirklich guten Freund konnte sie im Moment sehr viel mehr gebrauchen, als einen Mann, der sie nur ins Bett bekommen wollte.

 

Ryan betrachtete Grace’ Lächeln, ihre Finger, die einen Tropfen Kondenswasser von ihrem Weinglas wischten und ihre rosigen Wangen, die sich so wunderbar mit ihren orangefarbenen Haaren bissen.

Drama. Sie war Drama auf zwei Beinen. Überhaupt nicht das, was er brauchte. Da war es vielleicht gut, dass er soeben in die Freundesschublade abgeschoben worden war.

Das war kein Problem. Er konnte ihr Freund sein.

Nichts leichter als das.

Kapitel 8

Zwei Monate später …

Grace stöhnte leise und schloss die Augen. Sie leckte sich über die Lippen und sank zurück in die Kissen. Ihre Haut kribbelte, ihr Atem ging gleichmäßig. Der perfekte Abend.

„Ich bin tiefenentspannt“, murmelte sie schläfrig.

„Ich auch“, kam es von ihrer Seite. „Das war so unglaublich gut, mir fehlen die Worte.“

Sie nickte, sich selbst bestätigend. Denn es stimmte. „So. Gut.“

„Ich bin überhaupt nicht entspannt!“

Grace öffnete die Augen und begegnete Emmas Blick, die ihr gegenübersaß und vollkommen in ihrem großen, flauschigen Bademantel unterzugehen schien.

„Ich dachte, eine Massage und Maniküre wären genau das Richtige für mich, aber ich bin immer noch so nervös wie vor zwei Stunden! Ich will mein Geld zurück.“

Das konnte schwierig werden, weil Emma überhaupt nicht gezahlt hatte.

„Süße, atme durch“, sagte Kaylie lächelnd und tätschelte über den Tisch hinweg Emmas Arm. Sie stieß dabei beinahe die gläserne Karaffe mit dem Gurkenwasser um. „Du heiratest – und bekommst keine Hufeisen auf deine Stirn gebrannt. Du wirst dich schon noch entspannen.“

Grace war sich da nicht so sicher.

Emmas Fuß wippte auf und ab, sodass er immer wieder Chloes Bein streifte, die neben ihr saß, und sie kaute auf ihren frisch manikürten Nägeln herum.

Grace’ Haare rochen nach Mandarine, ihre Fingernägel waren tiefrot und ihre Muskeln waren zu Matsch massiert worden. Aber zu einer guten Art von Matsch. Dem, den jeder Mensch in seinem Körper haben sollte. Entspannter ging nicht! Wenn Emmas Nerven sich jetzt nicht beruhigten, dann würde das so schnell auch nicht passieren.

„Emma, dass du nervös bist, liegt daran, dass wir keinen Alkohol haben“, unterrichtete sie Chloe. „Warum ist das noch gleich so?“, wollte sie skeptisch wissen. „Das hier ist doch ein Junggesellinnenabschied, oder nicht? Oder trinkt man in Deutschland nicht?“ Auffordernd sah sie zu Jenny und Mira, den heutigen Ergänzungen ihrer Gruppe. Sie waren Emmas Freundinnen aus Deutschland, ihrer Heimat. „Ich dachte, ihr seid da alle so scharf auf Bier und Menschen, die Süßigkeiten aus Autos werfen – da käme es mir komisch vor, wenn ihr bei einem so wichtigen Event wie dem Junggesellinnenabschied nicht trinken würdet.“

„Wir trinken“, bestätigte Mira, die Grace sofort für ihr seidiges, braunes Haar beneidet hatte. Zugegebenermaßen hatte sie in den letzten Monaten jeden beneidet, dessen Haare nicht nach einem sehr gesunden Gemüse aussahen und sie war erleichtert, dass sie fast wieder zu ihrer natürlichen blonden Farbe zurückgekehrt war.

„Aber Emma hier wollte keinen Alkohol auf ihrem letzten freien Abend als alleinstehende Frau. Ebenso wenig, wie sie Penis-Lutscher auf der Straße verkaufen wollte!“ Sie und Jenny sahen Emma vorwurfsvoll an.

„Warum sollte irgendjemand Penis-Lutscher auf der Straße verschachern wollen?“, fragte Michelle perplex, die bis gerade eben noch Gurkenscheiben auf ihren Augen liegen gehabt hatte, die nun aber an ihrem Gesicht hinunterrutschten, als sie sich aufrichtete.

„Weil das in Deutschland quasi Tradition hat“, unterrichtete sie Mira. „Die baldige Braut verkauft Süßigkeiten, Sexspielzeug und Alkohol an Fremde auf der Straße.“

Grace musste lachen.

Die hatten sie nicht mehr alle, die Deutschen! Verkauften Genitalien aus Zucker auf der Straße, tranken Wasser, das sprudelte und für das man auch noch bezahlen musste, und traten den Ball lieber mit ihrem Fuß, statt ordentlich mit einem Schläger auf ihn einzudreschen. Diese Nation war wirklich mehr als verwirrt.

„Oh, das hört sich lustig an“, stellte Chloe begeistert fest. „Emma, was ist los mit dir?“

„Es ist albern! Ich will mich nicht auf der Straße zum Affen machen, das tue ich im Privatleben schon genug, vielen Dank. Und meine Hochzeit“, sie schnappte bei dem Wort geräuschvoll nach Luft, „wird schon groß genug. Da wollte ich das hier heute Abend klein und gemütlich halten.“

Was wohl auch der Grund war, warum sie ihre Feier mitten in der Woche und so kurz vor der eigentlichen Hochzeit am Samstag abhielt.

„Schön, geschenkt“, meinte Chloe. „Aber warum kein Alkohol?“ Sie sah sich im Raum um, als erwarte sie, dass sich zwei Flaschen Tequila hinter den Vorhängen des Spas versteckten und jeden Moment in Zitronen bekleidet heraussprangen.

Das war eine gute Frage, fand Grace, und automatisch wanderte ihr Blick Emmas Oberkörper hinunter zu ihrem Bauch. Augenblicklich taten es fünf Augenpaare ihrem gleich.

Die Braut in spe hob abwehrend die Hände. „Ich bin nicht schwanger, ich bin nur dick, weil ich so viel esse vor lauter Stress! Hört auf, mich so anzusehen. Mir ist ohnehin die ganze Zeit schlecht. Ich würde den Alkohol wahrscheinlich sofort wieder herauswürgen. Ich …“ Sie seufzte schwer und friemelte an dem Band herum, das ihren Bademantel zusammenhielt. „Tut mir leid, ich bin albern. Danke, dass ihr hier das veranstaltet und so süß seid und versucht mir zu helfen, aber … ich drehe vollkommen am Rad!“

Das war ihnen allen mittlerweile klar.

Grace musste bei dem Gedanken daran, dass Ryan ihr Emmas Zusammenbruch vorausgesagt hatte, grinsen. Jake hatte gewettet, dass sie Luke vor dem Altar stehen ließ und Ty hatte gemeint, sie würde innerhalb der ersten drei Monate schwanger werden. Bisher hatten beide noch die Chance richtigzuliegen, während Ryan schon gewonnen hatte.

„Du darfst aufgeregt sein, das ist vollkommen in Ordnung“, meinte Jenny und schüttete ihr etwas Gurkenwasser ein. „Ich habe bei meiner Hochzeit so geschwitzt, dass Philipp mir mein Kleid vom Körper schneiden musste, weil es so klebte.“

„Ging mir genauso mit Wes“, bestätigte Michelle.

„Ich will an Hochzeit nicht einmal denken“, grummelte Kaylie.

„Sam will mich dazu zwingen, ihn in einem Jahr zu heiraten, aber ich werde ihn bis dahin mit Sex abrichten und es ein weiteres Jahr hinauszögern. Das geht mir alles zu schnell“, meinte Chloe.

„Zu schnell!?“, quietschte Emma. „Ich kenne Luke ein Jahr! Du Sam dein halbes Leben!“

Oh Gott, Chloe hatte alles nur noch schlimmer gemacht.

Mira tätschelte Emmas Hand. „Ich habe Nils ein halbes Jahr gekannt und ihn dann geheiratet. Und wir sind glücklich.“

Das schien Emmas Nerven zeitweilig etwas zu glätten. Lang genug jedenfalls, um Grace bewusst werden zu lassen, dass sie der einzige Single in der Runde war.

Sie betrachtete jedes einzelne Gesicht, doch kam zum gleichen Ergebnis. Sie war die Einzige, die vollkommen alleine war und auch niemanden wirklich in Aussicht hatte. Der Gedanke war deprimierender, als sie zugeben wollte, aber gleichzeitig war sie auch froh darum. Sie hatte in den letzten Jahren eine Menge über sich selbst gelernt und akzeptiert, dass viele Menschen dazu bestimmt waren, ihren Traum zu leben – sie aber nicht dazugehörte. Sie hatte es versucht, sich selbst und den Respekt vor sich verloren und es schließlich hinter sich gelassen. Sie war glücklich mit dieser Entscheidung, im Einklang damit. Wer sagte ihr, dass ein Kerl dieses neugewonnene Gleichgewicht nicht wieder durcheinanderbringen würde?

„Ladies, ich habe hier vielleicht etwas, das euch aufheitern wird“, versprach Chloe, die offenbar bemerkt hatte, dass die Stimmung in eine wenig wünschenswerte Richtung gekippt war. Sie zog ihre Handtasche heran, die am Rand eines Whirlpools zu ihrer Rechten stand, und kramte darin herum. Chloe schien ihren gesamten Haushalt und zwei Bücher mit sich herumzutragen, deswegen dauerte es eine Weile, bis sie eine Reihe von Bildern zutage förderte, die sie auf dem Tisch ausbreitete.

Grace beugte sich nach vorne und ihre Augenbrauen flogen nach oben. Auf dem Tisch lagen eine Reihe halbnackter Männer in Baseballhosen.

„Das sind die Promo-Shots der Delphies“, sagte Chloe fröhlich. „Sam hat sie herumliegen lassen – er muss also gewollt haben, dass ich sie finde und mitbringe. Wir küren heute den Mann mit dem schönsten Körper, bevor es Emma verboten ist, sie weiterhin anzusehen.“

Die Frauen fingen an, mädchenhaft zu kichern und Grace schämte sich fast dafür, dass sie miteinstimmte. Wie eine räudige Gruppe Schulmädchen! Auch Emmas Mundwinkel hatten sich gehoben.

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Der große Fang (Liebe, Chick-Lit, Sports-Romance)