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Der Tulpenbaum (Kurzgeschichte, Liebe)

Eine Booksnacks-Kurzgeschichte

von Karin Kitsche (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Beginnend in den 20er Jahren erzählt die Autorin von der Liebesgeschichte ihrer Großeltern und von jenem Tulpenbaum, der die beiden und ihre Nachfahren begleitet. Mitten in den Wiesen und Feldern stand er einst. Längst ist dieses Idyll schmucken Häusern gewichen. Der Baum aber lebt und blüht jedes Jahr aufs Neue und bewahrt die Geheimnisse der Menschen, die sich unter seinem Blätterdach treffen. Und wer seinem Rauschen lauscht, kann sie hören ...

Impressum

booksnacks

Erstausgabe August 2017

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-193-4

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von fotolia.com: ©Deanne
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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„Bleib liegen, du bist mein Kind und musst jetzt schlafen.“ Mit sanftem aber bestimmtem Druck zwang das kleine Mädchen ihr Kätzchen auf das Leinen zurück.

„Anna? Anna wo bist du? Komm meine Kleine, du musst mir helfen.“ Mit diesen Worten zog Bruno seine Tochter von der Pappschachtel und dem darin liegenden Kätzchen fort. Seinen schnellen Schritten über den Hof konnte das Kind kaum folgen und so rannte es an der Hand des Vaters zwischen Hauswand und Staketenzaun entlang, hinaus über die Straße und schließlich auf die Dorfkneipe zu. In der Gaststube angekommen, hob er sie auf den Stammtisch hinauf, strich ihr die wilden schwarzen Locken aus dem Gesicht und bat: „Sing uns ein Lied, ein schönes Lied, mein Engel.“

 

Anna kannte die Männer, die hier am Sonntagnachmittag zusammensaßen, ein, zwei Biere tranken, über die Ernte und die schwere Arbeit im Bergbau schwatzten. Doch jetzt waren diese Männer mit den vom Wetter gegerbten Gesichtern und den schwieligen Händen still. Erwartungsvoll sahen sie zu Anna hinauf. Sie schob den Träger der Schürze auf die Schulter und begann mit ihrer glockenhellen und reinen Stimme „Vom Himmel hoch da komm ich her“ zu singen.

 

Das Lied war zu Ende und Anna blickte abwartend in die Runde. Die Männer lächelten schweigend. Noch während Anna da oben stand, reichte der Vater seine Mütze herum und jeder der Männer warf eine Münze hinein. Heinrich, der Wirt, stellte ein großes Glas Bier vor Vater auf den Tisch, packte das Kind um die Taille und schwenkte es im hohen Bogen hinab auf den Dielenboden. „Das hast du wieder fein gemacht.“

Das Stück Zucker, das Heinrich der Kleinen zusteckte, verschwand sofort in Annas Mund. Und schon sauste sie hinaus aus der Gaststube. Draußen spähte sie nach beiden Seiten des langen Flures, kletterte behände auf die schwere Truhe und besah sich genüsslich in dem großen, dunkel gerahmten Spiegel. Das tat sie mit Vorliebe, denn nirgendwo sonst wusste Anna einen Spiegel, in dem sie sich ganz betrachten konnte, von den Füßen bis zu ihren wundervollen schwarzen Haaren. Mutter hatte ihr ein Stück hellblaues Leinen ins Haar gebunden, um die Lockenpracht zu bändigen. Zufrieden mit seinem Äußeren hob das Kind die karierte Schürze ein wenig in die Höhe und machte brav einen Knicks. Imaginärer Beifall brandete auf und Anna machte noch einen Knicks. Dann hüpfte sie von der Truhe und zur Tür hinaus.

Die „Großen“, Kurt und Gustav, lehnten drüben am Zaun und äfften: „Vom Himmel hoch ...“ Anna quittierte es mit einem zornigen „Bäh“ und lief an ihnen vorbei zu ihrem Pappkarton. Das Kätzchen aber hatte die Gesangseinlage zur Flucht genutzt und war inzwischen verschwunden.

 

Seit Ostern saß Anna in der fünften Bankreihe des Schulzimmers. Sie war in die dritte Klasse versetzt worden. Und sie war stolz, nicht nur die Namen ihrer Geschwister schreiben zu können, sondern auch die aller Heiliger. Rechnen mochte sie nicht so gern. Aber Singen, ja Singen war das Allerschönste. An Feiertagen durfte sie ganz allein in der Kirche singen. Dann war es mucksmäuschenstill, alle blickten zu ihr nach vorn und lauschten andächtig ihrer wunderschönen Stimme. Später, wenn sie groß wäre, da würde sie Sängerin werden. Daran glaubte die kleine Anna ganz fest.

 

Das Allerschlimmste an der Schule aber war der Unterricht beim Kantor. Wenn er durch die Bankreihen ging, aus der Bibel las und sein Stock zur Betonung seiner Worte auf und nieder wippte, musste man auf der Hut sein. Blitzschnell und ohne jeden Grund ließ er das Stück Rohr auf eines der Kinder niedersausen. Jedes von ihnen kannte das pfeifende Geräusch und fürchtete den Schmerz, der nach dem kurzen Schlag einsetzte.

 

Schräg hinter ihr in der Bankreihe der Jungen saß Edwin. Der schüchterne Junge mit dem blonden Haar kam jeden Morgen aus dem Nachbardorf gelaufen. Anna mochte ihn und es tat ihr entsetzlich weh, wenn der Kantor ihn schlug. Und er schlug ihn oft. Dabei konnte Edwin nichts dafür, dass er keine Zeit hatte, seine Hausaufgaben zu erledigen. Jeden Tag musste der Junge zum Arbeiten mit aufs Feld und in den Stall. Mit Schaudern erinnerte sich Anna an den Tag, als ihn der hagere Kantor so lange prügelte, bis der Rohrstock brach.

Sag auf „Der Mensch lebt ...“ hatte ihn der Kantor aufgefordert. Zaghaft hatte Edwin begonnen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein ...„ Schon hatte die Angst vor dem Stock Edwins Gedanken gelähmt und des Herrn Kantors herrisches „Na? Na? Weiter!“ verängstigte den Jungen noch mehr. Der Rohrstock sauste nieder: „Na?“ Dann drosch der Kantor wie von Sinnen und schrie: „Er frisst auch Wurst!!!“

 

Seitdem musste Edwin auch während der Feldarbeit lernen. Sein Vater sagte die frommen Sprüche auf und Edwin musste sie nachsagen. Bis er sie konnte. Damals ahnte Anna noch nicht, dass dieser schüchterne Junge viele Jahre später eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde. Und sie ahnte auch nicht, dass Edwin selbst es niemals erfahren würde.

 

Seit zwei Jahren nun schon lebte Anna von ihrer Familie getrennt. Gerade mal vierzehnjährig war sie als Magd beim Großbauern Kastner untergekommen. Am ersten Tag hatte sie der Vater auf dem zwölf Kilometer langen Fußmarsch begleitet. Sie liefen durch Wiesen und Felder, durch den wispernden Laubwald vorbei am Feldschlösschen, das die Einheimischen nur spöttisch den ´Kleiderschrank´ nannten und schließlich entlang des ausgedehnten Forstes mit seinen wuchtigen Eichen. Dann war das große schwarze Tor des Vierseitenhofes hinter ihr ins Schloss gefallen. Noch niemals zuvor hatte Anna solch ein großes Anwesen von innen gesehen. Vater hatte sie vor sich her dem Haupthaus entgegen geschoben. Und während einige Mägde tuschelnd die Köpfe zusammensteckten, begafften die Knechte die Neue mit offener Neugier.

 

Zum riesigen Vierseitenhof gehörte das Gasthaus, das entlang der Dorfstraße stand und somit den Innenhof von dieser Seite her vor neugierigen Blicken schützte. Während im Erdgeschoss die Küche, die kleine und die große Gaststube untergebracht waren, gab es oben nur einen einzigen Raum, den Tanzboden. Seine Decke wurde von mächtigen Holzbalken gestützt und seine Fenster zeigten allesamt zur Dorfstraße hinaus. Tagsüber war die Küche des Hofes Annas Platz, abends die Schenke. Und war am Wochenende Tanz, bediente sie dort oben in dem riesigen Saal die Gäste. Wie gern hätte sie auch einmal einen Tanz gewagt, sich im Takt der Musik wiegen und herumwirbeln lassen. Doch das duldete der Bauer nicht. Wenn er nur sah, dass die Burschen sich allzu lange mit den Mägden unterhielten, gab es Ärger. Also begnügten sie sich damit, sich hinter der Theke im Takt zu wiegen, solange das Bier aus dem Hahn in die Gläser lief. Einmal im Monat erhielten die Mägde und Knechte frei. Dann durften sie am Samstagnachmittag den Hof verlassen. Pünktlich vor dem Füttern am Sonntagabend mussten sie wieder zurück sein.

 

An solch einem Samstagnachmittag begegnete Anna ihrer großen Liebe zum ersten Mal. Sie hatte das Dorf bereits hinter sich gelassen, als sie ihn oben an der Straße erblickte. Auch er schien sie bemerkt zu haben, denn er verlangsamte seine Schritte, dann blieb er stehen und schaute neugierig in ihre Richtung. Anna war nicht so wohl dabei. Doch was sollte sie tun? Unsicher blickte sie zum Dorf zurück. Niemand war zu sehen. Dann standen sie sich auch schon gegenüber. Der Bursche sah ihr direkt in die Augen und noch bevor sich sein Mund zu einem freudigen Lächeln entschloss, strahlten seine Augen. Es waren diese Augen, die Anna wie ein Stich mitten ins Herz trafen. Es tat so weh, dass sie sich erschrocken an die Brust fasste. Alles um sie schien sich zu drehen, so sehr, so schnell, dass ihr schwindelig wurde. Und er lachte. Dann spürte sie seinen starken Arm und hörte ihn sagen: „Na, na, du wirst mir doch wohl nicht umfallen!?“

 

Obwohl sie sicher war, dass sie sehr wohl umgefallen wäre, schüttelte sie trotzig ihre dunkle Lockenpracht. Der Bursche zog sie sachte ins Gras und nachdem sich Anna ein wenig erholt hatte, zeigte sie zum Waldrand: „Also dann ... ich muss da hinauf.“

„Und ich muss in die Stadt und danach dort hinüber.“ Dabei wies er in die entgegengesetzte Richtung. Just schlug er vor: „Wenn du mit bis zur Stadt gehst, bring ich dich anschließend noch ein Stück auf deinem Weg.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er sie bei der Hand und sie ging mit ihm. Er sprach kein Wort, aber sie spürte seine Blicke und auch sein Lächeln. An einem Feldweg kurz vor der Stadt blieb er stehen: „Jetzt löse ich mein Versprechen ein, komm.“ Hand in Hand schlenderten die beiden zum Wald hinauf, liefen vorbei an bunten, duftenden Wiesen und fanden sich viel zu schnell an der nächsten Abzweigung wieder.

 

„Weißt du, was das für ein Baum ist?“ Er zeigte nach oben und sie sah in den Wipfel hinauf. Nein, so einen Baum hatte Anna noch niemals zuvor gesehen. Diese glatten, an den Rändern gezackten Blätter waren größer als eine ihrer Handflächen. „Das ist ein Tulpenbaum“, gab er ihr, ohne eine Antwort abzuwarten, Auskunft. Und als sie zwei, drei Schritte zurücktrat, entdeckte sie die kugeligen Blütenkelche. Schon hielt sie einen in ihren Händen, zartes orange, das zum Ansatz hin grün verlief. „Für dich“, flüsterte er und blickte ihr wieder so tief in die Augen, dass die Welt erneut begann, sich zu drehen. Sie saßen noch lange auf der Bank unter dem Baum und lauschten dem leisen Rascheln der Blätter, wenn der Wind mit ihnen spielte. Erst als es bereits dämmerte, verabschiedeten sie sich und Anna eilte die Lindenallee hinauf. Da oben am Waldrand traf sie auf ihren altvertrauten Weg. Fast eine Stunde Weg lag nun noch vor ihr, eine Stunde ganz und gar in Gedanken an diesen Burschen, dessen Namen sie noch nicht einmal kannte.

 

An nichts anderes als an diesen Burschen konnte Anna auch am Sonntag denken, und immerzu sah sie seine Augen. Als sie am Nachmittag die Lindenallee hinunterlief, erblickte sie ihn schon bei der Bank. Und Hans konnte es kaum noch erwarten, das Mädchen in seine Arme schließen zu können. Über eine Stunde schon harrte er im Schatten des Baumes aus, immer in Angst, er könnte das zierliche Mädchen verpasst haben. Nun, da er ihre Hände in den seinen hielt, strahlte er übers ganze Gesicht. Und als sie ihn anlächelte, nahm er sie in seine Arme. Gemeinsam liefen sie dorthin zurück, wo sie sich am Vortag zum ersten Mal getroffen hatten und verabschiedeten sich mit dem Versprechen: „In vier Wochen hier und dann bis zum Tulpenbaum.“

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    Karin Kitsche (Autor)

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