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Mordsmäßig kaltgemacht - Louisa Manus dritter Fall

von Saskia Louis (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Louisa Manu gibt sich redlich Mühe damit, ein langweiliges, ruhiges Leben zu führen –versagt jedoch auf ganzer Länge. Aber das ist ganz bestimmt nicht ihre Schuld!
Sie hätte gerne ein romantisches Date mit einem tollen Mann. Stattdessen segnet ihr Lieblingsmitglied der Kölner Eishockeymannschaft vor ihren Augen das Zeitliche. Sie nimmt sich fest vor, sich diesmal aus den polizeilichen Ermittlungen rauszuhalten. Stattdessen bietet ihr eine örtliche Zeitung kostenlose Publicity an, wenn sie ebendies nicht tut. Was bleibt ihr da schon anderes übrig, als sich erneut auf Verbrecherjagd zu begeben?

Kommissar Rispo setzt wieder einmal alles daran, sie an ihrem Vorhaben zu hindern ... bis er plötzlich selbst ihre Hilfe braucht.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Oktober 2017

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-126-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-547-5
Hörbuch-ISBN: 978-8-72608-102-2

Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Artkot
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Werner, weil er genauso in mein Leben gehört wie Schokolade.

Kapitel 1

Die Musik dröhnte durch die Lautsprecher und hinterließ ein penetrantes Summen in meinen Ohren. Aber das war gut so, denn dann konnte ich die Worte meines Nebenmannes wenigstens nicht verstehen.

Ich hatte in meinem Leben schon eine Menge Mist gehört, das meiste davon aus meinem eigenen Mund, doch das, was mein Date hier gerade von sich gab, schoss den Vogel wirklich ab.

Ich schielte zur Seite und sah, dass die Lippen des braunhaarigen Typens sich immer noch bewegten, deswegen nickte ich weiterhin, während ich einen Schluck von meiner Cola nahm und über die Köpfe der vor uns sitzenden Menschen hinweg auf das Eis sah.

Er hatte so vielversprechend gut ausgesehen! Süße Grübchen, noch alle Haare auf dem Kopf, hochgewachsene Statur. Und dann hatte er den Mund aufgemacht und alles zerstört. Ohne Vorwarnung. Wie sollte eine Frau bitte mit so viel Dummheit auf einmal umgehen?

„… oder?“, hörte ich ihn über die Musik hinweg schreien.

Ich stellte mir vor, dass er gerade „Ich bin langweilig, oder?“ gesagt hatte und konnte daher mit einiger Inbrunst: „Ja, total!“, zurückrufen.

Ariane schuldete mir etwas! Sie hatte mich mit diesem testosteronlosen Koch verkuppeln wollen.

Na gut, wenn ich ehrlich war, hatte ich nicht ganz zugehört, als sie ihn mir beschrieben hatte. Sie hatte damit angefangen, dass seine Lasagne himmlisch war, und ein weiteres Kaufargument hatte ich nicht gebraucht. Beim nächsten Mal würde ich es besser wissen – bevor ich noch einen meiner Freitagabende verschwendete.

„… immer wieder Basmatireis mit Jasminreis verwechselt wird, und ich finde es einfach nur frech, wie teuer der Sadrireis geworden ist! Ja, er mag der Beste sein, aber …“

Oh Gott.

Konnte das Eishockeyspiel nicht endlich losgehen? Dann könnte mir jemand einen Puck zwischen die Augen schießen und ich hätte ein edles, dramatisches und innovatives Ende für diesen Abend gefunden.

Die guten Plätze, auf denen wir saßen, waren das Einzige, was mich hier noch hielt. Ich war relativ talentiert darin, nervige Stimmen auszublenden – ich hatte eine jüngere Schwester, die die faszinierend blödesten Dinge von sich gab, wenn sie einen Joint zu viel geraucht hatte – und irgendwann würde die Stimme meines Dates schon zu einem angenehmen Plätschern werden und mit den Umgebungsgeräuschen verschmelzen. Kostenlos den Kölner Haien dabei zuzusehen, wie sie die Düsseldorfer EG hoffentlich in Grund und Boden stampften, war die Begleitung wenigstens wert. Die Cola hatte ich auch ausgegeben bekommen, ich würde mich also auf die guten Seiten konzentrieren.

„… machen Sie so beruflich?“

Oh. Das war keine Ja-Nein-Frage. Auf diese würde ich tatsächlich antworten müssen. Was frau nicht alles für eine Cola und ein Eishockeyspiel tat.

„Ich bin Blumenladeninhaberin und freie Journalistin.“

Das Letzte war ein wenig gelogen, ich hatte bis jetzt nur einen einzigen Artikel für das Kölner Blatt verfasst und der war von der Redaktion eigentlich auch grundlegend verändert worden. Theoretisch hatte ich mehr Erfahrung damit, mich fälschlich als Journalistin auszugeben, als tatsächlich eine zu sein. Was sollte es. Es machte mich interessanter.

Nur, Moment: Ich wollte für Prince Cooking ja gar nicht interessant sein.

„Na ja, die journalistische Seite lasse ich gerade etwas schleifen“, fügte ich deswegen hastig hinzu. „Ich bin nämlich wirklich faul, müssen Sie wissen.“

„Blumenladeninhaberin? Das hört sich aber interessant an. Vor allem, da …“

Er fing an, einen Monolog darüber zu führen, warum ich mich glücklich schätzen konnte, den faszinierenden Beruf einer Floristin angenommen zu haben, und ich konzentrierte mich wieder auf das Geschehen vor mir.

Ich wusste, dass mein Job fantastisch war. Das brauchte mir niemand mehr zu erklären. Was mir jemand erklären sollte, war, warum das Spiel immer noch nicht losging.

Als hätte der Stadionsprecher meine Gedanken gehört, rief er in dem Moment durch die Lautsprecher: „Und nun, meine Damen und Herren, begrüßen sie Shaaarkyyy, das Maskottchen der Kölner Haie!“

Sofort setzte ich mich aufrechter in meinen Sitz hin. Sharky war der beste Teil des Abends! Der Hip‑Hop und Breakdance tanzende Haifisch war seit Kindheitstagen meine Ikone. Für kurze Zeit hatte ich sogar den Berufswunsch geäußert, ihn zu ersetzen.

Da ich in Tierkostümen jedoch fürchterlich schwitzte und meine Breakdance-Künste sich darauf beschränkten, dass ich mich exzellent auf den Boden werfen konnte, hatte ich diesen Traum schnell wieder aufgegeben.

„Albern, oder?“, rief mein Date. „Ein Haifisch, der tanzt?“

Also, wenn ich ihn nicht bereits abgeschrieben gehabt hätte, dann spätestens jetzt.

Ich verengte die Augen in seine Richtung und sagte trocken: „Das ist Kunst.“

Ich konnte nur nicht ganz benennen, welche Art von Kunst. Moderne wahrscheinlich.

Ich wandte meinen Kopf ruckartig nach vorne, während Beyoncé durch die Lautsprecher anfing, den Single-Ladies zu empfehlen, ihre Hände in die Luft zu werfen – und wer war ich, den Rat der RnB-Queen zu missachten?

Mit den Armen schwenkend sah ich dabei zu, wie Sharky aufs Eis stürmte. Offenbar war er auch Single, denn er warf seine Arme ebenfalls in die Luft und vollführte kunstvolle Schwenker, bevor er mit der Breakdance-Einlage fortfuhr.

Mein Date konnte mir erzählen, was es wollte – der Hai war genial. Wie er die Flossen in die Luft hob, sich kurz auf dem Plüschkopf drehte, mehrfach um die eigene Achse wirbelte, auf die Knie fiel, sich den Plüschkopf vom Haupt riss … oh, Moment.

Das sah nicht mehr normal aus.
Das Maskottchen kniete nun auf allen Vieren, der Menschenkopf guckte aus dem massigen grauen Körper heraus, bevor es schließlich mit der Stirn zuerst aufs Eis fiel, zuckte und reglos liegen blieb.

Ich schlug die Hand vor den Mund und zehntausend Zuschauer taten es mir gleich.

Entweder das gehörte zur dramatischen Vorstellung oder … irgendetwas war da gehörig schiefgelaufen. Ich tendierte zu Letzerem, denn der Haifisch lag immer noch bewegungslos am Boden, während mehrere Menschen nun auf das Eis rannten und ihn auf den Rücken drehten.

Die Musik hörte auf zu spielen, die Halle wurde nur noch von lautem Stimmgewirr durchzogen, und wie gebannt starrte ich auf das Geschehen vor mir. Taktvoll wäre es gewesen, den Blick abzuwenden.

Gut, dass ich Taktgefühl nicht besonders viel abgewinnen konnte.

„Ich glaube … er ist tot“, stellte ich überrascht fest.

„Was?“ Mein Date lachte nervös auf, während die umherstehenden Leute weiter nach vorne drängten, um eine bessere Sicht zu haben.

„Er ist tot“, wiederholte ich und verrenkte meinen Hals, um neben einem zwei Meter breiten Mann hersehen zu können.

„Das können Sie doch nicht wissen“, schnaubte der Koch. „Er könnte ohnmächtig geworden sein … von der Hitze im Kostüm. Oder er könnte Epileptiker sein und er ist nur zu weit weg, als dass wir seine Zuckungen sehen …“

„Ja, könnte er …“ Doch wenn man sich mein Leben genauer ansah, dann war die Wahrscheinlichkeit, dass der Stoffhaifisch so tot wie dieses Date war, unverhältnismäßig hoch. Es passte einfach zu mir, dass ich zu einem Eishockeyspiel ging und das Maskottchen vor meinen Augen starb. Ein abgetrennter Finger im Sperrmüll, eine Leiche, die von Stricknadeln durchbohrt worden war … und ein Maskottchen, das soeben seinen letzten Tanz getanzt hatte.
Ja, reihte sich doch wunderbar ein.

Außerdem zog sich eine Gänsehaut meinen Nacken hinunter – die ich nicht der Kälte des Eisstadions zuschreiben konnte.

Ich schämte mich dafür, aber ich war kurz davor, zu lachen.

Wer hätte das gedacht? Mit einem möglichen Toten nahm dieses Date doch noch eine skandalös gute Wendung. Eins war klar: Ich musste da runter aufs Eis.

Dort tummelten sich mittlerweile so viele Leute um den Toten, dass ich nichts mehr erkennen konnte, und seit ein paar Monaten war es quasi meine Aufgabe, auf mögliche Kriminalfälle zu achten …

Ich musste mir selbst auf die Schulter klopfen. Ich war ungemein talentiert darin, Dinge schönzureden. Dennoch: Es ging hier schließlich um meine Karriere und die Zukunft des Blumenladens, der, seit mein Gesicht mehrfach in der Zeitung gewesen war, solide schwarze Zahlen schrieb.

„Wir bitten alle Zuschauer, die Tribüne zu verlassen und nach draußen zu gehen“, schallte plötzlich eine emotionslose Stimme über die Ränge. „Das Spiel muss aus … Gründen verschoben werden.“

Aus Gründen! Dass ich nicht lachte. Als ob nicht allen hier klar war, warum das Spiel ausfiel.

Die Masse setzte sich in Bewegung, und immer wieder stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um noch einen Blick auf das Geschehen auf dem Eis zu erhaschen.
„Was tun Sie da?“, wollte der Koch schließlich wissen, als er mich beinahe umrannte, während ich gedankenverloren stehengeblieben war, um die aufs Eis schlitternden Sanitäter zu beobachten.

„Ich stille meine Neugierde“, sagte ich langsam und legte den Kopf schief.

„Laufen Sie weiter! Wir wollen hier alle raus“, blaffte ein bulliger Mann mit Schweinsaugen, der versuchte, sich an meiner Seite vorbeizudrängen. Ich verdrehte die Augen, setzte mich jedoch wieder in Bewegung. Die anderen wollten das Gebäude vielleicht verlassen, für mich galt das nicht.

Als wir gefühlte Stunden später die Tribüne endlich hinter uns gelassen hatten, stellte ich genervt fest, dass mein Date mir immer noch hinterherlief. Ich hatte gehofft, den Typen vielleicht in der Menge zu verlieren.

„Louisa!“, rief er über das stetig ansteigende Gemurmel hinweg. „Wo wollen Sie denn hin? Dort drüben ist der Ausgang!“

„Ja, ich weiß. Ich will aber nicht zum Ausgang.“

Ich kämpfte gegen den Strom der Masse an, der mich in Richtung Ausgang trieb. Auf den Zehenspitzen versuchte ich einen Überblick über das Geschehen zu behalten und nach den Türen zu suchen, die in den Servicebereich und somit in das Innere des Stadions führten. Jeder in diesem Raum schien jedoch größer zu sein als ich.
Ich schob mich seitwärts durch die Menschenkörper und versuchte nicht allzu viel von der verschwitzten Luft einzuatmen, bis ich endlich an einer der Wände ankam, an der ich mich zu einer Tür entlanghangeln konnte.

„Was haben Sie vor?“

Ich zuckte angesichts der Stimme an meinem Ohr zusammen. Der Koch war mir gefolgt. Ich dachte darüber nach, mir eine Ausrede zu überlegen, damit er mich allein ließ, war aber zu sehr in Eile, als dass ich mir die Mühe gemacht hätte. Wenn die Polizei erst eintraf und unten alles absperrte, hätte ich keine Chance mehr, mir ein Bild von der Leiche zu machen. Adrenalin pumpte durch meine Adern und da war wieder diese unbestimmte Aufregung, die ich jedes Mal verspürte, wenn ein Rätsel anfing, sich vor meinen Augen zu entfalten. Seit ich das indirekte Angebot des Kölner Blatts für kostenlose Publicity erhalten hatte, hatte ich auf eine Chance wie diese gewartet. Alles, was ich tun sollte, war, mich wieder in einen Kriminalfall einzumischen und danach über meine Erfahrungen zu berichten. Auch wenn man bei meiner Vergangenheit das Gegenteil hätte behaupten können, fielen mir Tote nicht tagtäglich vor die Füße. Meine letzte Leiche hatte ich vor Monaten entdeckt und ich konnte diese hier nicht einfach unbeachtet an mir vorbeiziehen lassen. Ich brauchte die Werbung. Ich wollte die Werbung! Sie war das letzte Körnchen, das mir zum sicheren Erfolg als florierende Floristin fehlte.

„Kommen Sie einfach mit“, seufzte ich schließlich und öffnete die Tür vor mir.

„Aber wohin?“

„Den toten Fisch sezieren.“

Als ich endlich, mein Date im Schlepptau, den Eingang zum Eis gefunden hatte, war die Fläche gerappelt voll. Spieler, Männer in Anzügen, Sanitäter und Polizeibeamte tummelten sich, sodass es niemanden interessierte, dass ich mich ebenfalls über die rutschige Fläche hinweg zu dem Haifisch drängte, dessen bewegungslose Flosse ich zwischen mehreren Paar Füßen und Schlittschuhen erkennen konnte. Ich hoffte inständig, dass kein Blut zu sehen war. Blut und mein Magen waren keine erfolgreiche Kombination, und wäre ich ein Vampir gewesen, hätte ich ein ernsthaftes Problem gehabt.

Ich rutschte über das Eis und fiel des Öfteren über meine Füße, sodass ich mich an fremden Armen und Schultern festhalten musste, aber die Menge schien zu schockiert, als dass mir jemand Beachtung schenkte. Vielmehr schien sich die allgemeine Aufmerksamkeit jetzt auf eine laute Stimme zu richten, die mir die Nackenhaare aufstellte.

„Allesamt runter vom Eis! Jeder, der keine Marke hat, verschwindet. Das hier ist kein verdammter Kindergeburtstag.“

Welch ein Glück, dass ich zwei Briefmarken in meiner Handtasche herumtrug – und als ob der Eigentümer der Stimme wüsste, wie ein Kindergeburtstag aussah.

„Marvin, machen Sie verdammt nochmal Ihren Job und bringen Sie die Leute vom Eis. Sie zertrampeln mir meinen Tatort.“

Die Gänsehaut zog sich von meinem Nacken aus nun auch über den Rest meines Körpers, und das hatte rein gar nichts mit der niedrigen Temperatur des Raumes zu tun. Es war Rispos Stimme. Die Stimme, die mir das letzte Mal, als wir miteinander gesprochen hatten, gesagt hatte, ich sei zu viel. Kompliziert. Arbeit.

Mir sprang mein Herz in den Hals, doch ich ignorierte das drückende Gefühl, das sich auf meinen Magen presste. Ich war darüber hinweg. Ja, er hatte mich verletzt, als er mich abgesägt hatte. Aber das war nun schon mehrere Monate her, und alles, was übrig geblieben war, war eine gesunde Wut.

Na ja, fast. Es schwebten möglicherweise noch ein paar andere, nichtige Gefühle durch meinen Körper, aber die beachtete ich nicht.

Mein Laden war wichtiger als meine dummen Emotionen, die sowieso nur andauernd Ärger machten. Ich reckte mein Kinn und schob mich weiter vor, auf eine schlaksige Gestalt mit blonden, wirren Haaren zu. Der Mann trug einen Anzug, der ihn zu verschlucken schien, und ich erkannte ihn als Marvin, den selbsternannten Recherchisten der Kölner Wache. Ich mochte Marvin. Er hatte mir bei den letzten zwei Fällen mehrfach, wenn auch nicht immer ganz absichtlich, geholfen. Wie es aussah, war er tatsächlich von seinem Schreibtischjob zu Rispos Partner befördert worden. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Er verehrte Rispo wie die Inder die Kuh – und deren Ego war nun wahrlich schon groß genug. Außerdem fiel es mir schwer, mir vorzustellen, wie es wohl aussehen mochte, wenn der Mann, dessen Statur mich immer ein wenig an ein abgenagtes Brathähnchen erinnerte, eine Pistole zog.

Marvin drehte sich jetzt um und sah etwas hilflos in die Menge von Gaffern. Mindestens zehn davon waren Spieler der Kölner Haie, die dreimal so breit und doppelt so hoch wie er schienen.

„Ähm, ihr habt den Kommissar gehört. Ihr müsst gehen“, stellte er lahm fest.

Er tat mir so leid, dass ich tatsächlich beinahe freiwillig wieder gegangen wäre, nur um ihm die Illusion zu lassen, dass er ein gewisses Maß an Autorität ausstrahlte. Leider hatte ich einen Job zu erledigen. Ich rutschte weiter nach rechts, um einen besseren Blick zu erhalten, während einige Uniformierte sich erbarmten und Marvin dabei halfen, den Großteil der Menge vom Spielfeld zu verbannen.

Ich hielt meinen Kopf gesenkt und ignorierte die Polizisten, meine Augen immer noch aufs Ziel gerichtet.

Zwischen zwei bulligen Oberkörpern hindurch konnte ich einen Blick auf das Gesicht des Opfers erhaschen. Die Haut war schneeweiß und hätte mit dem Eis verschmelzen können, wäre sie nicht von hellrosa Flecken unterbrochen worden. Der Tote sah aus wie eine Wachsfigur. Dunkle Haare, spitze Nase. Der Junge, der da lag, konnte keine fünfundzwanzig sein, und eine leichte Übelkeit sammelte sich in meinem Magen. Wieso hatte er sterben müssen?

Mein Blick glitt tiefer und die Kälte des Eises schien durch meine Schuhsohlen in meinen Körper zu wandern, während mein Atem in weißen Kondenswölkchen vor mir in der Luft hängen blieb. Das Kostüm war in der Mitte zerschnitten worden, sodass die Arme des Opfers nun auf dem frostigen Eis lagen und das blaue schlichte T-Shirt, das es trug, offenbarte. Ich hatte das Verlangen, seine Arme auf etwas Wärmeres zu betten, was absurd war, denn der Junge würde die Kälte ohnehin nicht mehr spüren. Das rot-schwarz-weiße Logo der Kölner Haie war direkt über einer goldenen, klobigen Uhr auf seinen rechten Unterarm tätowiert worden. Eine dünne Goldkette mit einem weißen Yang-Zeichen zierte seinen Hals und die rosa Flecken zogen sich über jedes sichtbare Stück Haut.

Ein breiter Rücken schob sich plötzlich in mein Blickfeld und ließ mich blinzeln. Die Kälte in meinen Gliedern wurde von einer Hitze vertrieben, die ich keiner bestimmten Emotion zuordnen konnte.

Gut. Es war Wut.

Und etwas anderes.

Ich erkannte Rispo sofort. Die Art, wie er über dem Opfer hockte, die sich langsam lichtende Menschenmasse um ihn herum vollkommen ausblendend, den Rücken gerade, die großen Hände auf seine Knie gestützt.

Ich schluckte.

Ich hatte ihn in den vergangenen Monaten des Öfteren durch die Fensterfront meines Ladens gesehen, wenn er einen seiner Brüder abholte, die Louisa’s Flower Power neuerdings zu ihrem Coolentreff gemacht hatten. Aber ein Rispo zum Anfassen war so viel gefährlicher als einer, den ich verstohlen durchs Glas beobachten konnte.

„Siehst du das?“, sagte einer der vor mir stehenden Spieler. Auf seinem Rücken standen eine große 22 und der Name Brüllig. Sein Nebenmann trug die 11, war hellblond und hieß Weidemann. Ich kannte sie beide von den Durchsagen des Stadionsprechers. „Er benutzt einen Block. Hat die Polizei kein Geld für Elektronik oder glaubt der Kommissar nicht an Technik?“

„Vielleicht verbietet es ihm seine Religion“, antwortete sein Nebenmann.

Ich musste unfreiwillig lachen und augenblicklich fuhr Rispos Kopf in die Höhe.

Ich schloss hastig meinen Mund. Er konnte mich unmöglich am Lachen erkannt haben.

„Marvin. Sagen Sie mir, dass das nicht Louisa Manu ist, die ich gerade unangemessen laut habe lachen hören.“

Oh. Vielleicht ja doch.

Die beiden Eishockeyspieler vor mir drehten sich zu mir um und gaben dadurch dem nun wieder neben Rispo stehenden Marvin eine wunderbare Sicht auf meine Wenigkeit frei.

Ich hob die Hand zum Gruß und lächelte breit.

Marvin sah unsicher zwischen mir und Rispos Rücken hin und her.
„Ähm … Und wenn sie es doch ist?“
„Dann wird es hier gleich sehr ungemütlich.“
„Ungemütlicher als mit der Leiche hier vor uns, meinen Sie?“
„Sehr viel ungemütlicher.“
„Oh …“ Der Recherchist lief tomatenrot an, sein Blick starr auf mein Gesicht gerichtet. „Vielleicht solltest du besser gehen, Louisa.“

Als ob.

Schnaubend schob ich mich zwischen den Kölner Haien hindurch, die mir bereitwillig Platz machten. Der gute Herr Grumpig könnte wenigstens den Anstand haben, mich anzusehen!

„Marvin, habe ich dir nicht das letzte Mal gesagt, dass du dich nicht von Rispo herumschubsen lassen sollst? Er braucht jemanden, der ihm ab und zu sagt, dass er ein Arschloch ist. Sonst vergisst er das immer.“

„Öhm, das hast du. Doch, aber … also Arschloch ist ein sehr negativ geladenes Wort und …“ In seinem Blick spiegelte sich die blanke Überforderung.

„Marvin, Sie sind Polizist“, sagte Rispo bemüht ruhig, der nun seinen Block zurück in seine Jeanstasche steckte. „Ist eine Blumenverkäuferin eine Autoritätsperson, die dazu befugt ist, Ihnen irgendetwas vorzuschreiben?“

„Blumenladeninhaberin“, korrigierte ich automatisch.

Rispo richtete sich auf und strich seine Hosenbeine glatt, bevor er sich ganz langsam und scheinbar gelassen zu mir umdrehte. Aber alles, von seinen fast schwarzen Augen bis zu seinem verhärteten Kiefer, ließ mich wissen, dass das ein Trugbild war.

Kommissar Joshua Rispo war eine fast ein Meter neunzig große, dunkelhaarige schlechte Laune auf zwei Beinen, und dennoch war er … wie war noch gleich der Fachterminus? Ach ja. Heiß.

Egal, auf wie dickem Eis er sich befand, egal, wie sehr ich ihn hassen wollte. Dieser Umstand war einfach nicht zu leugnen, und den Versuch, das zu tun, hatte mein Körper schon vor Ewigkeiten aufgegeben. Selbst in schwarzem T-Shirt und Jeans machte er eine bessere Figur als so manches nackte Unterwäschemodel. Er brauchte mich nur anzusehen und mein Magen fing an zu flattern, aber ich würde einen Teufel tun, ihm das zu zeigen. Deswegen lächelte ich nur, die Arme vor meinem Körper verschränkt. Ich hatte das Gefühl, dass ich demnächst in die Defensive würde gehen müssen. Unsere Beziehung, wenn man sie so nennen durfte, war nicht auf dem besten Nenner geendet.

„Louisa“, sagte er trocken. „Welch eine Überraschung, dich hier zu sehen. Man sollte dich als Leichenspürhund einsetzen.“

„Meine Bewerbung ist gestern raus.“

„Ich werde zusehen, dass du eine nette Anstellung in der Arktis bekommst. Aber so schön es auch ist, mit dir zu plaudern: Du hast hier verdammt nochmal nichts verloren. Schade, dass du jetzt also wieder gehen musst.“

„Schade, dass du immer noch denkst, ich würde mich für deine Anordnungen interessieren. Du könntest dir so viel Leid ersparen, wenn du dich nicht mehr diesem Irrglauben hingeben würdest“, sagte ich leicht abwesend, während ich den Kopf schräg hielt, um noch einen Blick auf die wieder freigelegte Leiche zu erhaschen. Die Haare klatschten dem toten Mann am Kopf. So als hätte er unnatürlich viel geschwitzt.

„Puh, ich bin ja echt froh“, murmelte ich.

Ich konnte Rispo mit seinen Zähnen knirschen hören. „Du bist froh, dass dieser Mann tot ist? Soll ich dich auf die Verdächtigenliste setzen?“

„Verschwende deine Zeit, wie du willst. Ich meinte eigentlich nur, dass ich froh bin, dass er offensichtlich vergiftet wurde. Ich kann Blut wirklich nicht ausstehen. Das hier ist viel … hygienischer.“

„Wir haben noch kein Urteil über die Todesursache gefällt“, warf Marvin ein. „Es könnte immer noch ein natürlicher Tod gewesen sein.“

Ich blickte zu Rispo und war mir sicher, dass er nicht so dachte. Ich ebenso wenig.

„Marvin, es wäre nett, wenn Sie keine vertraulichen Informationen an diese bestimmte Zivilistin geben würden“, sagte Rispo und an mich gewandt fügte er hinzu: „Aber schön, dass das Mordopfer wenigstens dir eine Freude machen konnte – soll ich das so an die Verwandten weitergeben?“

„Nein, das wäre wirklich sehr taktlos von dir“, bemerkte ich unschuldig. „Wie stündest du denn dann da?“

„Na, die Taktlosigkeit überlasse ich dann lieber dir – und jetzt raus aus meinem Tatort! Ihr alle!“

Sein zweiter Blick galt den zwei Spielern, die nun hinter mir standen, meinem Date, das ich vollkommen vergessen hatte, aber das immer noch da war, und einem rothaarigen Anzugträger mit dick umrandeter Brille, den ich bis eben nicht bemerkt hatte. Er starrte wie versteinert auf den Toten, die Faust auf seinen Mund gepresst.

Absolut niemand bewegte sich, bis eine Stimme von meiner Rechten kam: „Sie kennen den Kommissar, Louisa?“

Der Koch hatte gesprochen, und abrupt wandten sich alle ihm zu.

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nein, nicht wirklich. Er ist mir ab und zu mal in die Quere gekommen. Ich hab seinen Namen aber auch schon wieder vergessen. Wie war der noch gleich? Risotto?“

Kommissar Risotto, wenn ich bitten darf“, sagte Rispo knapp und sah sich nach zwei Uniformierten um. „Würden Sie Frau Manu bitte vom Eis begleiten. Ich möchte nicht, dass sie wieder falsche Ideen bekommt und diesen Fall plötzlich zur persönlichen Angelegenheit erklärt. Und könnten Sie den Schönling neben ihr gleich mitnehmen?“

„Was denn? Eifersüchtig, dass mein Partner hübscher ist als deiner, Risotto? Nichts für ungut, Marvin“, setzte ich in Richtung des Recherchisten hinzu. „Sie sind auch sehr attraktiv.“

Rispo hob eine abschätzige Augenbraue, die ich ihm gerne aus dem Gesicht geschlagen hätte. „Ich kann mich vor Eifersucht kaum halten, aber geweint wird in meiner Freizeit.“

Ich biss mir auf die Unterlippe und hasste es, dass er wirklich vollkommen ungerührt aussah, als die zwei Uniformierten mich erreichten und eine ausladende Handbewegung zum Ausgang hin machten. Schnaubend trat ich einen Schritt zurück, und möglicherweise hätte ich etwas gesagt, das als Beamtenbeleidigung hätte bezeichnet werden können, wäre mir Rispo nicht zuvorgekommen.

„Was zum Teufel denken Sie, das Sie da tun? Treten Sie von der Leiche weg!“

Abrupt wandten sich alle wieder um. Die Nummer 22, Brüllig, hatte sich neben den Toten gekniet und sich interessiert über die Leiche gebeugt.

Hastig hob er beide Hände und richte sich wieder auf. „Oh, Entschuldigung. Ich war neugierig. Ich habe noch nie einen Toten gesehen.“

„Warten Sie noch ein paar Minuten. Wenn Frau Manu hier nicht verschwunden ist, sehen sie gleich zwei.“

Frau Manu. War das sein Ernst? Nach all den Dingen, die er mit mir angestellt hatte?

Ich presste meine Lippen schmerzhaft fest aufeinander. „Kommissar Risotto wurde heute offenbar mit zu heißem Wasser gekocht, nehmen Sie ihn nicht ernst.“

Brüllig starrte mich an und legte schließlich den Kopf schief. „Habe ich richtig gehört? Sie sind Louisa Manu? Die Detektivin?“

Rispo stieß einen scheinbar schmerzerfüllten Seufzer aus. „Um Gottes willen …“

„Ja, bin ich“, stellte ich fest, Rispo ignorierend. Damit fuhr man bei ihm ohnehin am besten. „Sie haben von mir gehört?“

„Ja, natürlich!“ Der Spieler schien beeindruckt. „Das Kölner Blatt war ja voll von Ihnen. Sie sind eine sehr interessante Persönlichkeit.“

Ich warf Rispo ein zuckersüßes Lächeln zu. Der hatte derweil Daumen und Zeigefinger auf seine Augenlider gepresst, offenbar auf der Suche nach Geduld. Er sollte einfach aufgeben. Er war seit Jahren auf der Suche und würde sie ja doch nicht finden.

„Schön, wenn das Leute wertzuschätzen wissen“, sagte ich freundlich an den Spieler gewandt, der wirklich süß war. Er hatte dunkelblaue Augen, hellbraune Haare und eine Narbe zierte seine Augenbraue. „Wissen Sie, manchen Leuten ist meine interessante Persönlichkeit einfach zu viel.“

„Aber warum denn?“, fragte Brüllig perplex, bevor er mit einem Augenzwinkern hinzufügte: „Ist doch nur eine Herausforderung.“

„Ja, nicht jeder ist der Herausforderung gewachsen.“

Der Spieler nickte, so als verstünde er. „Manche sind einfach nicht Manns genug.“

„Ich bin wirklich sehr froh, dass Sie das so ausgedrückt haben.“

Er grinste und reichte mir die Hand. „Ich bin Felix – und Sie haben nicht zufällig Lust, morgen mit mir essen zu gehen?“

Überrascht blinzelte ich ihn an, während ich Rispo leise: „Das kann doch nicht wahr sein“, murmeln hörte.

„Ähm … okay?“

Er war süß. Und Sportler. Wie viel verdienten Eishockeyspieler eigentlich in Deutschland? Reines Interesse.

„Was ist denn jetzt los?“, wollte der Koch neben mir wissen. „Sind wir nicht gerade auf einem Date?“

Oh, richtig. Das war schon etwas unangenehm. Aber wenn ich genauer darüber nachdachte …

„Ach, kommen Sie schon“, sagte ich an den Reisliebhaber gewandt. „Es wäre ohnehin nicht zu einem zweiten gekommen. Sie finden mich zu laut und ich Sie zu langweilig. Sie hätten versucht, mir aus Höflichkeit einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, ich hätte mein Gesicht abgewandt, es wäre äußerst peinlich geworden und Sie hätten sich nie wieder gemeldet. In zwanzig Jahren hätten Sie dann auf genau diesen Abend zurückgesehen und Ihnen wäre immer noch die Schamesröte ins Gesicht gestiegen, obwohl Sie sich längst nicht mehr an meinen Namen erinnern würden. Ist es nicht einfacher, diese Schritte einfach zu überspringen?“

„Oh mein Gott, das hier ist ein Tatort und keine Louisa-Manu-Privatparty! Könntest du dein desaströses Privatleben womöglich woanders sortieren!?“

Es schien, als habe Rispo nun doch aufgegeben, seine Stimme auf eine normale Lautstärke zu reduzieren.

„Wenigstens habe ich ein Privatleben“, fauchte ich zurück. „Felix, Sie finden mich im Telefonbuch, rufen Sie mich morgen früh einfach an, um Genaueres abzusprechen.“

„Frau Manu, Sie sollten jetzt wirklich besser gehen“, sagte Marvin, der aus ungeahnten Tiefen den Mut dazu hervorgezaubert hatte, mich leicht am Arm zu packen und mich Richtung Ausgang zu dirigieren.

Aber er hatte sich genau den falschen Moment dazu ausgesucht, denn jetzt war ich ernsthaft wütend. Rispo hatte nicht das Recht, mein Privatleben als desaströs zu bezeichnen – denn bevor er auf der Bildfläche aufgetaucht war, war es mehr als in Ordnung gewesen! Überhaupt war es nicht fair, dass ich ihn nur ansehen musste und mein Herz mir in den Magen fiel, während er mich betrachtete, als wäre nie etwas zwischen uns geschehen. Und verdammt nochmal, wenn mein Privatleben schon desaströs war, dann konnte ich wenigstens meine Karriere auf Vordermann bringen. Und das würde ich tun, indem ich mich wieder Hals über Kopf in einen Mordfall stürzte, der mich absolut nichts anging, mir aber die beste Publicity einbringen würde, die es gab.

All diese Gedanken führten dazu, dass ich mich etwas zu enthusiastisch von Marvin losriss. Meine profillosen Turnschuhe verloren ihren Halt auf dem Eis, ich fuchtelte wild mit meinen Armen herum, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren – aber das hatte mich noch nie davor bewahrt, hinzufallen. Dieses Mal war keine Ausnahme.

Ich stürzte nach vorne, fiel auf die Knie und schlug mit dem Kopf auf der Schulter des Toten auf. Ich quietschte laut und richtete mich hastig auf alle Viere auf, sodass meine Nase nun direkt über dem Gesicht des Opfers hing. So nah stand ich dem Maskottchen dann auch wieder nicht.

Ich starrte in die leeren Augen des jungen Mannes und sog erschrocken Luft ein. Mir schlug ein merkwürdiger Geruch entgegen. Nach Mandeln. Bitteren Mandeln.

Mein Mund öffnete sich leicht, ich sah auf die rosa Flecke, sah auf den Mund … „Oh mein Gott, ich weiß, was ihn getötet hat!“

„Nein.“ Zwei Arme packten mich und zogen mich unsanft wieder auf die Füße. „Ganz sicher nicht.“

Ich hob meinen Blick und starrte in Rispos dunkle Schokoaugen. Seine Fußspitzen berührten meine.

„Du weißt überhaupt nichts, Louisa. Du hast nichts zu wissen.“ Sein Blick war nun beinahe flehentlich geworden, denn er wusste genau, was auf eine solche Ankündigung meinerseits folgte.

„Doch. Weiß ich. Aber ich werde es dir nicht sagen. Die Information behalte ich für meine eigenen Ermittlungen.“

Rispo schloss seine Augen und als er sie wieder öffnete, stand eine Warnung darin, die mich zurückweichen lassen wollte. Doch seine Hände hatten sich fest um meine Schultern gelegt.

„Lou.“ Rispos Stimme war eindringlich und angespannt. Wie ein Bogen, der sich spannte. Bereit zum Schuss. „Ich weiß, du wirst das hier jetzt persönlich nehmen, wegen dem, was zwischen uns passiert ist.“

„Was soll denn schon zwischen uns passiert sein?“

Rispos Mundwinkel zuckten kurz, bevor er die Augen verengte. „Ich habe da drei wunderbare Voice-Nachrichten auf meiner Mailbox, die das genauer erläutern …“

Blut schoss in meine Wangen. Oh mein Gott. Die Nachrichten hatte ich komplett verdrängt.

„Ich weiß nicht, wovon du redest“, hustete ich.

„Natürlich nicht. Du warst anscheinend so betrunken, dass es mich wundern würde, wenn du dich auch nur an ein Wort erinnerst.“

„Ich war überhaupt nicht-“

„Darum geht es jetzt auch gar nicht, Lou.“

„Du warst es, der es zur Sprache gebracht hat!“

„Ja und ich bin es, der wieder zum wichtigen Teil zurückkehrt: Wir werden das letzte Mal nicht wiederholen. Du wirst nicht wieder dein Leben riskieren, nur weil du deine scheiß Neugier nicht kontrolliert bekommst. Du hast hier verdammt nochmal nichts verloren, und ich schwöre dir, Lou, wenn du nicht sofort verschwindest und die Sache fallen lässt, lass ich dich wegen Behinderung der Justiz verhaften.“

Ich schnaubte und verdrehte die Augen. „Als ob du mich verhaften würdest!“

„Fordere es nicht heraus, Lou.“

„Ich bitte dich, Josh. Weißt du, wie oft du mir schon damit gedroht hast, mich festzunehmen?“

„Ich meine es ernst, Lou.“

Ich musste lachen. „Okay. Dann mach doch. Steck mich ins Gefängnis.“

***

„Jannis?“

„Schwesterherz, was kann ich für dich tun?“

Ich lehnte meinen Kopf gegen die Steinwand neben mir. „Du musst mir einen Gefallen tun und mich abholen.“

„Von wo?“

„… aus dem Gefängnis.“ Ich seufzte. „Rispo hat mich verhaftet.“

Kapitel 2

Es dauerte geschlagene zwei Minuten, bis mein Bruder aufhörte zu lachen. Ich hätte diese ganze Situation ja auch sehr amüsant gefunden, hätte ich nicht selbst in ihr gesteckt und dringend aufs Klo gemusst. Die Gewahrsamszellen-Toilette war eine Zumutung und erinnerte an ein Dixi-Klo, dem schlecht geworden war.

„Jannis!“, ermahnte ich ihn schließlich laut. „Reiß dich zusammen, das ist nicht lustig.“

„Doch, ist es Loubalou“, japste er. „Wirklich: Ich ziehe den Hut vor dem Kerl.“

„Sag mal, auf welcher Seite stehst du eigentlich?“

„Tu nicht so unschuldig. Ich bin mir sicher, du hast es herausgefordert.“

Dazu wollte ich mich ehrlich gesagt lieber nicht äußern.

Ich seufzte schwer und ließ auch meinen Rücken gegen die kalte Steinwand sacken. „Kannst du mich bitte einfach abholen?“

„Natürlich. Lass mich nur eben noch meine Kamera suchen.“

„Jannis!“

„Ach, ich freu mich auf Mamas Gesicht. Bin in zwanzig Minuten bei dir! Soll ich dir einen orangenen Overall mitbringen?“
„Mir wäre eine Flasche Wodka lieber.“

„Aber Schwesterherz, ich kann dein falsches Verhalten doch nicht auch noch belohnen.“

Ich schnappte automatisch nach Luft. „Ich hab mich nicht falsch verhalten! Ich habe lediglich … Interesse an dem Tod einer mir sehr wichtigen kölschen Ikone bekundet und schon steckt er mich in eine Gewahrsamszelle.“

„Kölsche Ikone? Ist Lukas Podolski umgebracht worden?“

Na ja. Fast. „Es geht um Sharky! Poldi hat uns verlassen, deswegen ist Sharky noch wichtiger für Köln geworden.“

„Das Maskottchen der Kölner Haie ist umgebracht worden?“

„Ja, aber der ausschlaggebende Punkt ist eigentlich, dass Rispo total überreagiert hat, nur weil ich den Toten zu lang angesehen habe.“

„Schon klar, Lou. Er ist heute Morgen wahrscheinlich aufgewacht und dachte sich: Hey, verhafte ich doch meine Ex-Freundin. Das wird lustig, da sie ja so ein liebevoll ruhiges Temperament hat.“

Das Wort Ex-Freundin ließ mich bitter aufstoßen, und es wurde Zeit, härtere Geschütze aufzufahren. „Jannis, weißt du eigentlich, wie viele Dinge ich über dich weiß, die wirklich niemand anderes wissen sollte?“

Er lachte leise. „Frauen werden immer so grumpig, wenn sie im Gefängnis sitzen.“

„Hol mich endlich hier raus.“

„Bin unterwegs.“

Zwanzig Minuten später stand ich vor dem grauen Betonklotz, der sich Polizeipräsidium nannte, meiner Meinung nach aber eher als trostloses Denkmal der Trostlosigkeit geschimpft hätte werden sollen. Es war bereits dunkel, doch die Frühlingstemperaturen waren immer noch warm genug, um mich in meinem knielangen Rock und dem Kölner–Haie-Trikot nicht zittern zu lassen. Die großen Laternen, die den Parkplatz erleuchteten, schienen allesamt wie Scheinwerferlichtkegel auf mich gerichtet zu sein.

Seht sie an, sie hat sich eines desaströsen Privatlebens schuldig gemacht.

Bis auf den Mord war dieser Abend wirklich eine herbe Enttäuschung gewesen. Angefangen bei dem Koch, der sich als totaler Reinfall entpuppt hatte, bis zu dem Wiedersehen mit Josh. Ich hatte mir mehrfach ausgemalt, unter welchen Umständen ich Rispo wieder begegnen wollte – komischerweise war ich in keinem dieser Szenarien mit dem Kopf auf eine Leiche gefallen. Vielmehr hatte ich mich am Arm eines etablierten Schauspielers gesehen, mit meinen perfekten neugeborenen Zwillingen auf dem Arm, während Rispo mir sehnsuchtsvoll nachstarrte und bereute, dass er mich je aufgegeben hatte. Aber wie immer hatte er keinerlei Emotionen preisgegeben, und ich verachtete mich selbst dafür, dass mich das so wurmte. Bestimmt hatte er schon eine neue Freundin, die nicht zu viel für ihn war – und in der Lage dazu, für mehr als eine halbe Stunde ihr Gleichgewicht zu halten. Das war ja anscheinend, was er sich wünschte.

„Hast du mich gerade Mistkerl genannt?“

Mein Kopf schreckte hoch und ich sah Jannis an.

Mein Bruder war, bis auf eine leicht diabolische Ader, eine bessere, sieben Jahre ältere Version meiner selbst. Wir hatten dieselben grünen Augen und dieselbe Ambition, nicht den Zorn unserer Mutter auf uns zu ziehen. Wobei er dabei sehr viel bessere Karten hatte. Er war verheiratet und hatte ihr bereits zwei wunderschöne Enkeltöchter geschenkt, während ich bisher nur unterhaltsame Geschichten über Leichen und einen leeren Uterus vorzuweisen hatte. Das waren enttäuschenderweise keine Eigenschaften, die meine Mutter wertzuschätzen wusste.

„Ich habe mich nur gefragt, ob ich jetzt im System bin und wegen Behinderung der Justiz angeklagt werde“, sagte ich düster, während ich auf seinen Wagen zulief.

„Behinderung der Justiz gibt es im deutschen Strafrecht nicht, Lou“, bemerkte mein Bruder grinsend und hielt mir die Tür auf. „Ich schätze, dir dürfte nichts weiter passieren. Rispo wollte dich wohl einfach nur aus dem Weg haben.“

Na großartig. Jetzt fühlte ich mich noch dümmer als ohnehin schon. Rispo hatte mich nicht nur eingebuchtet – er hatte mich für etwas eingebuchtet, für das man sich in diesem Land gar nicht strafbar machen konnte!

„Was genau hast du eigentlich getan, um ihn so aufzuregen? Dich auf die Leiche geschmissen?“

„Zu laut geatmet“, bemerkte ich und ließ mich auf dem warmen Beifahrersitz nieder. Ich würde Jannis nicht wissen lassen, wie nah seine Vermutung der Wahrheit kam.

Nachdem mein Bruder mich vor meiner Haustür abgesetzt und ich ihm das Versprechen abgenommen hatte, dass er unserer Mutter nichts von den heutigen Vorkommnissen erzählen würde, war es kurz nach zehn. Ich war so erschöpft, dass ich einfach nur noch ins Bett wollte. Wut war sehr anstrengend – und von der hatte ich in den letzten zwei Stunden mehr als genug angestaut.

Ich wollte Rispo wehtun. Dabei war ich sonst ein sehr sanfter Mensch. Na gut, sanft war vielleicht doch etwas zu viel des Guten, aber ich hatte noch nie jemandem absichtlich Schmerzen zufügen wollen. Abgesehen von Lord Voldemort.

Gott, ich war so wütend auf Rispo, dass ich meine Hände eine Stunde lang in Blumenerde würde stecken müssen, um mich wieder zu beruhigen.

Die Wahrheit war, dass er recht hatte. Was vielleicht auch der Grund meiner Wut war.

Mein Privatleben war desaströs.

Ich war siebenundzwanzig Jahre alt und es gab nur zwei Männer, die es mir je wirklich angetan hatten. Der erste war Chris – der verheiratet gewesen war und mich ausgelacht hatte, als ich ihm meine Gefühle gestanden hatte. Der zweite Mann war Rispo, der mich mehr wahnsinnig als glücklich gemacht hatte – und dem ich dennoch drei betrunkene Voice Nachrichten auf der Mailbox hinterlassen hatte, nachdem er mich abgesägt hatte.

Beide Männer waren emotional kompliziert und nicht offen für eine Beziehung gewesen. Der erste, weil er bereits in einer steckte, der zweite, weil er ein sehr enges Verhältnis mit seiner Arbeit führte und Frauen ohnehin nicht sehr vertrauensvoll zugeneigt war, seit seine Verlobte ihn betrogen hatte.

Es blieb also die Frage: Warum suchte ich mir nicht einen Mann, der keine Probleme hatte? Oder holte mir noch eine zweite Katze?

Ich musste endlich aufhören, mir vorzumachen, dass ich emotional unerreichbare Männer schon mit ein bisschen Liebe für eine ernste Beziehung öffnen konnte. Ich konnte sie nicht vor sich selbst retten. So viel Macht hatte ich nicht – und Geduld schon gar nicht.

Nein, das hörte jetzt auf. Der Eishockeyspieler, den ich morgen treffen würde, war ein guter Anfang. Er hatte nett gewirkt und fiel sicherlich nicht in Ohnmacht, wenn ich ihm erzählte, dass ich keine Lust mehr auf lockere Beziehungen und One-Night-Stands hatte.

Wenigstens lief in meinem Job alles bestens, sonst wäre ich wahrscheinlich mehr als deprimiert gewesen. Der Blumenladen schrieb beständig schwarze Zahlen, und in ein paar Monaten würde ich endlich anfangen, Gewinn zu machen, da meine Schulden getilgt worden wären. Ich hatte letzte Woche sogar angefangen, mit einem größeren Van zu liebäugeln, der meinen Passat als Lieferwagen ersetzen könnte. Alles, was mein Laden noch brauchte, war ein kleiner Schubs in die richtige Richtung. Und den würde er bekommen.

Ich öffnete die Haustür des Mehrfamilienhauses, in dem ich wohnte, und zog mein Handy aus der Tasche. Mit der einen Hand tippte ich eine Nachricht an meinen Kontakt des Kölner Blatts, um ihm zu erzählen, dass ich bald einen neuen Artikel für die Zeitung hätte, während ich mit der anderen meinen Briefkasten öffnete.

Ich griff mir den entgegenstürzenden Schwall an Papier und überwand die letzten Stufen bis zu meiner Wohnungstür.

Das Miauen von Twinky, meines verhaltensgestörten Katers, dessen größter Wunsch es war, endlich der Hund sein zu dürfen, als der er geboren worden war, begrüßte mich.

„Hey Süßer“, murmelte ich, ließ mein Handy und den Schlüssel auf die Küchenanrichte gleiten und legte die Post daneben.

Twinky umkreiste zweimal meine Beine, gab ein kurzes zufriedenes Schnurren von sich und verzog sich dann zurück auf die Couch. Zu tieferen Liebesbekundungen war er nicht imstande. Er war keinen Deut besser als die emotional unerreichbaren Männer, in die ich mich verliebte. Aber zumindest ihn konnte ich einsperren und mit Kaffee dazu zwingen, mich zurückzulieben. Bis jetzt funktionierte diese Art von Beziehung besser als jede zuvor.

Ich blickte meine Post durch, legte die Rechnungen auf einen Stapel, pinnte die Pizza-Flyer an meinen Kühlschrank und runzelte die Stirn über die zwei übrig gebliebenen Werbezettel. Der eine versprach mir dreißig Prozent Rabatt auf eine Thai-Massage, die mein Leben verändern und mich zu den Pforten einer neuen Dimension von Entspannung bringen würde. Eine andere Dimension – möglichst eine ohne Rispo – klang vielversprechend, deswegen legte ich den Coupon zu meinen Schlüsseln auf die Anrichte. Das zweite Blatt Papier wies auf einen am Dienstag stattfindenden Selbstverteidigungskurs für Frauen hin, der von der hiesigen Polizei angeboten wurde. Mhm. Wenn ich mich schon wieder in einen Mordfall stürzte, dann sollte ich mich dieses Mal vielleicht besser vorbereiten. Auch diesen Zettel ließ ich auf der Anrichte liegen. Ich würde meine beste Freundin Ariane fragen, ob sie nicht Lust hätte, mitzukommen. Seit sie mit ihrem Gärtner zusammen war, sahen wir uns nicht mehr ganz so oft wie früher. Ich machte ihr keinen Vorwurf, sie war so glücklich wie schon lange nicht mehr, und ich gönnte es ihr. Dennoch hatte ich das Gefühl, in den letzten Monaten etwas einsamer als sonst gewesen zu sein. Ich sollte mich nicht beschweren, ich hatte ein tolles Leben. Eine liebevolle, wenn auch verrückte Familie, loyale Freunde und einen Beruf, der mir Spaß machte. Nicht zu vergessen eine frische Leiche, die meine Aufmerksamkeit verlangte. Mehr brauchte ich nicht. Nur noch eine Sache.

Grimmig griff ich nach meinem Handy und wählte die Nummer, die ich aus meinen Kontakten gelöscht hatte, aber immer noch auswendig kannte.

„Hier ist Joshua Rispo, hinterlasst mir eine Nachricht, vielleicht rufe ich zurück.“

„Es war eine Blausäurevergiftung, Mistkerl. Das Maskottchen ist an einer Blausäurevergiftung gestorben. Oder von mir aus auch Cyanidvergiftung, wenn du mehr wie James Bond klingen willst. Und rate mal, wer genau weiß, wie man an Blausäure rankommt? Das bin ich. Also pass auf, was du demnächst trinkst.“

Ich legte auf und starrte auf das Telefon in meinen Händen. War es eine Straftat, einem Polizisten damit zu drohen, ihn umzubringen?

Ach, egal. So schlimm war das Gefängnis jetzt auch nicht gewesen.

„Was meinst du damit, er war ein dummer Reiskopf?“

„Genau das, was ich sage, Ari! Er war dumm und hatte nur Reis im Kopf.“ Ich schloss mein Auto ab und erklomm die Stufen zu Louisa’s Flower Power, während ich das Handy zwischen Ohr und Schulter klemmte, um die Tür öffnen zu können. „Ich fasse es nicht, dass du mich mit ihm verkuppeln wolltest. Du weißt doch, was ich für Männer mag.“

„Ja, dieser Problematik bin ich mir vollkommen bewusst. Ich dachte, es wäre vielleicht gut, wenn du mal etwas über den Tellerrand sehen würdest“, beharrte meine beste Freundin. „Der Koch ist selbstständig, wünscht sich eine Familie und …“

„… besitzt keinerlei Humor“, schloss ich für sie.

„Nun, man darf halt nicht zu wählerisch sein.“

„Er hat seiner Lieblingspfanne einen Namen gegeben, Ari. Sie heißt Annabelle und ist seine engste Vertraute.“

Ein unterdrücktes Kichern war zu hören, bevor sie sagte: „Ich weiß gar nicht, was du hast. Für mich hört es sich so an, als wäre er ein sehr lustiger Typ.“

Ja, leider nur unabsichtlich. „Es war auf jeden Fall ein Reinfall“, seufzte ich und ließ die Glastür fallen, die das mir vertraute Klingeln von sich gab.

„Du ziehst aber auch immer die merkwürdigsten Gestalten an.“

Du hast ihn mir angedreht!“

„Ja, weil ich wollte, dass du mal wieder ausgehst. Was du ja auch getan hast. Ich war also erfolgreich.“

Darüber konnte man streiten, aber ich hatte keine Lust, dieses deprimierende Thema fortzuführen. „Ist auch egal“, stellte ich fest und fing an, die Stielrosen aus den Kühlfächern zu holen und im Verkaufsraum zu platzieren. „Wie geht es dir und Alejandro?“
„Besser als meinem Garten, seitdem er aufgehört hat, sich um ihn zu kümmern“, sagte sie lachend. „Lou, er ist fast perfekt. Er hat mich wirklich und wahrhaftig gern. Und das, obwohl ich jeden Abend mit zwei Kilo Schokolade an meiner Kleidung zurückkomme.“

Ich musste lächeln. „Vielleicht hat er dich auch gerade deswegen gern. Weil er so auf Schokolade steht.“

Ariane gehörte die Maisonette du Chocolat, in der sie Pralinen und andere schokoladige Köstlichkeiten verkaufte. Das wäre mir als Mann zumindest Grund genug, sie auf der Stelle zu heiraten.

„Vielleicht auch das.“ Sie kicherte. Ein verliebtes Kichern, das mich eifersüchtig werden ließ. Ich verdrehte über mich selbst die Augen. Ich sollte mich zusammenreißen.

„Sag mal, Ari, hast du Dienstagabend schon was vor?“

Zehn Minuten später hatten wir verabredet, uns Dienstag für den Selbstverteidigungskurs zu treffen. Sobald ich das Handy in meiner Hosentasche verstaut hatte, trat meine Angestellte Trudi durch die Tür. Sie trug ein skandalös kurzes Sommerkleid, das seine grellen Farben aus dem Teletubbie-Land geklaut zu haben schien, hatte eine schwarz-goldene Paillettenjacke um ihre Hüften geschlungen und eine große runde Sonnenbrille auf der Nase, die ihr Gesicht verschluckte. Es sollte vielleicht erwähnt werden, dass Trudi siebzig Jahre alt war und manche Dinge im gewissen Alter nicht mehr ganz so ansehnlich waren, wie vielleicht vierzig Jahre zuvor. Oberschenkel, zum Beispiel. Dass ihre Stützstrümpfe kurz unter dem Saum des Kleides endeten, half der Ästhetik auch nicht gerade. Aber gutes Aussehen war ja auch nicht, wofür ich sie bezahlte. Geld bekam sie wegen dem frischen Zimtgebäck in ihren Armen.

Trudis Backkünste waren der Grund, warum ich sie nicht längst gefeuert hatte und ich meinen Gürtel eine Lasche weiter hatte stellen müssen. Sie konnte Gänseblümchen nicht von Hyazinthen unterscheiden, aber wenn man ihre Erdnuss-Karamell-Kekse aß, vergaß man sehr schnell, warum diese Fähigkeiten als Blumenverkäuferin überhaupt wichtig sein sollten.

„Guten Morgen, Louisa. Du siehst heute Morgen aber sehr hübsch aus.“

Ich trug Jeans und mein Louisa’s Flower Power T-Shirt. Allerdings hatte ich mir heute Morgen die Haare gewaschen; ich nahm das Kompliment also dankend an.

„Danke, Trudi. Dir würde man heute auf der Straße auch hinterhergucken“, sagte ich wahrheitsgemäß.

„Oh, ich weiß“, bemerkte sie stolz. „Ich habe mich dazu entschlossen, mir ein neues Hobby zuzulegen, und das bedarf aufwendiger Kostümierung.“

Ich konnte nicht umhin, bei dieser Ankündigung einen leisen Schwall von Panik zu verspüren. Seitdem Trudis Mann gestorben war, hatte sie neue Methoden entwickelt, sich die Zeit zu vertreiben. Eine beängstigender als die andere.

„Was für ein Hobby?“, fragte ich vorsichtig und zog mich langsam hinter den Verkaufstresen zurück, falls es mit giftigen Tieren, Wasser oder Feuer zu tun hatte. Trudi stellte die Kekse vor mir ab, bevor sie bedeutungsvoll die Hände in die Luft reckte.

„Ich werde zaubern lernen“, sagte sie und formte mit ihren Händen einen weiten Halbkreis, der womöglich einen unsichtbaren Regenbogen darstellen sollte.

„Zaubern?“, wiederholte ich.

Sie nickte freudig und zog sich plötzlich die Jacke, die sie um ihre Hüften gebunden hatte, vom Körper, um sie überzuwerfen. „Alles, was ich noch brauche, ist ein Name. Und natürlich ein Talent. Aber mein Günter hat immer gesagt, dass ich eine Magierin in der Küche bin. Es sollte doch nicht allzu schwer sein, den Raum meiner Expertise zu erweitern.“

Ich gab einen unbestimmten „Mhm“-Laut von mir. Ich wusste noch nicht, in welche Richtung ihre Zauberkünste gehen sollten, deswegen wollte ich sie weder bestärken noch ihrem Eifer einen Dämpfer versetzen.

„Ich habe mir sogar schon den ersten Trick beigebracht. Ich glaube, gerade dir könnte er gefallen. Möchtest du mal sehen?“

Ich machte einen weiteren Schritt von ihr weg, bevor ich nickte. „Klar, zeig her.“

Sie verbeugte sich kurz – nun, es war vielmehr ein Nicken, denn wir beide wussten, dass sie aus einer Verbeugung so schnell nicht mehr hochkommen würde – und fing dann an, mit ihren Fingern zu wackeln. Ihre grauen Locken folgten ihrem Beispiel und erbebten.

„Ich werde nun aus völlig leerer Luft“, sie fuchtelte durch den Raum, um die Leere zu verdeutlichen, „ein paar Blumen herzaubern.“

Sie ließ ihre eine Hand weitere Schlangenlinien durch die Luft zeichnen, während die andere in einen ihrer schwarzen Ärmel fuhr und sichtlich angestrengt etwas daraus hervorzuzerren versuchte.

„So wunderschöne Blumen“, fuhr sie ächzend fort, „dass die Sonne matt neben ihnen … ihnen …“, es gab einen letzten Ruck und ein Schwall Plastikblumen löste sich endlich aus ihrem Ärmel, „… erscheint!“

Ich besah mir die zerknitterten Rosen in ihrer Hand, deren Plastikblätter nun teilweise auf dem Boden lagen, und dann glitt mein Blick zu den Keksen vor mir. Den wirklich leckeren Keksen.

Ich fing an zu klatschen.

Trudi lächelte und nickte dankbar. „Ich muss noch etwas an den Handbewegungen arbeiten, aber mit ein bisschen Feinschliff kann das was werden, oder?“

„Mit Sicherheit“, sagte ich bestimmt, froh darüber, dass sie das was nicht spezifiziert hatte.

„Danke. Morgen lerne ich Kartentricks. Das wird lustig. Vielleicht kann ich bald eine Show machen und dir damit neue Kunden bescheren.“

„Darüber können wir dann reden, wenn du deine Zauberkünste perfektioniert hast“, versprach ich und nahm mir einen Keks. Allein darüber nachzudenken, stresste mich.

Trudi nickte zufrieden und stellte die Plastikblumen, die sie soeben hervorgezaubert hatte, zu ein paar Rosen in eine mit Wasser gefüllte Vase.

„Und was hast du gestern so getrieben?“, fragte sie dann an mich gewandt, während bei jedem ihrer Schritte Pailletten auf den Boden fielen und sich zu den Plastikblütenblättern gesellten.

„Ich hatte ein Date“, erklärte ich.

„Oh, mit einem reichen Mann?“

Trudis Ehemann war sehr wohlhabend gewesen und deshalb versuchte sie jedem einzureden, dass die einzig richtige Wahl einer Frau, die auch nur ein wenig Verstand besaß, ein Mann mit Schotter war. Grundsätzlich hatte ich dagegen nichts einzuwenden. Nur kannte ich leider keine reichen Männer.

„Nein, mit einem Koch. Aber er war nichts für mich. Nicht mein Typ.“

Trudi nickte nachdenklich. „Ich mochte den Polizisten. Was ist nochmal mit dem passiert?“

Ich öffnete den Mund, um ihr genau zu sagen, was noch mit ihm passieren würde, sollte er mich jemals wieder in den Knast stecken, doch ich kam nicht dazu. Die Tür ging auf und drei Gestalten traten herein. Zwei davon hochgewachsen, dunkelhaarig, mit einem charmanten Lächeln auf den Zügen, die dritte rothaarig und mein zweites, schlampigeres, jüngeres und aufregenderes Ich.

„Guck mal, dein Fanclub ist hier“, sagte Trudi fröhlich und nahm hastig die Kekse vom Tresen, um sie den Neuzugängen anzubieten.

Ich schnaubte, musste aber lächeln. Tatsächlich waren Jonas und Finn Rispo, Joshs jüngere Brüder, verdächtig oft hier. Was einerseits an Trudis Keksen, andererseits an meiner Schwester Emily lag, die eine Gang mit den Rispo-Jungs gegründet hatte.

„Hey, Lou“, grüßte mich Emmi und griff sich zwei Zimtsterne. „Ich bin pünktlich, oder?“

Jonas nickte mir zu, den Mund schon mit Trudis Backkünsten vollgestopft, und Finn fragte: „Wie war’s im Knast, Lou?“
Ich starrte ihn mit offenem Mund an, während Emmi sich an ihrem Keks verschluckte. „Oh mein Gott, du wurdest eingebuchtet? Was hast du getan? Fremde Vorgärten gewässert?“

Ich ignorierte sie. „Woher zum Teufel weißt du das?“, fragte ich perplex an Finn gewandt, der breit grinste.

„Ich bin allwissend.“

„Hat Josh es dir gesagt?“

„Ich würde lieber dabei bleiben, dass ich allwissend bin.“

„Ich fasse es nicht, dass Josh es dir gesagt hat!“

Finn hob abwehrend beide Hände in die Höhe. „Er hat es nur getan, damit deine Schmach größer ist und du dich diesmal aus seinen Angelegenheiten heraushälst.“

Das machte die Sache natürlich bei weitem besser.

„Lou, ich bekomme neuen Respekt vor dir“, sagte meine Schwester beeindruckt und zog Trudis Plastikblumen aus der Vase neben sich, um sie zwischen ihren Fingern zu zerfriemeln. „Hat dich jemand im Knast zu seiner Bitch gemacht?“

Ich verdrehte die Augen und stützte mich mit den Händen auf die Tischplatte. „Du kannst Josh ausrichten, dass er mich mal kann und das Ganze noch bereuen wird – und was macht ihr beide überhaupt so früh hier?“ Ich fixierte erst Jonas, dann Finn. „Es ist Samstag und kurz nach neun. Solltet ihr nicht schlafen?“

„Ich kann Joshi im Moment leider nicht drohen, weil ich mir demnächst sein Auto leihen will“, sagte Finn entschuldigend, und er sah wirklich aus, als würde es ihm leidtun. „Und wir sind noch gar nicht schlafen gegangen, sondern wollten uns schon mal unser Kater-Frühstück holen.“ Er nickte zu Trudis Keksen, die er angefangen hatte, sich in seine Hosentaschen zu stopfen.

Sie waren noch nicht schlafen gewesen?

Meine Güte. Auf einmal fühlte ich mich alt. Mein Blick wanderte zu meiner Schwester, die genervt die Augen verdrehte. „Guck mich nicht so an! Ich hab geschlafen. Ich weiß doch, dass du es nicht magst, wenn ich bei der Arbeit einpenne.“

Ich verengte meine Augen. „Wie viele Stunden hast du geschlafen?“

Sie dachte kurz darüber nach. „Drei mindestens.“

Na prima.

„Was ist mit dir?“, wollte ich von Jonas wissen. Er war mit neunzehn der jüngste Rispo und steckte gerade in einer Ausbildung zum Bürokaufmann. „Warst du auch mit den beiden feiern? Du schreibst nächste Woche Klausur in technischem Betriebswesen.“

Ich wusste das, weil ich ihm derzeit Nachhilfe in diesem Fach gab. Er war vor ein paar Wochen mit dem süßesten, schüchternsten Gesicht der Weltgeschichte, das mir fast das Herz gebrochen hatte, und mit der Bitte auf mich zugekommen, ihm unter die Arme zu greifen. Mit abgeschlossenem BWL-Studium war ich mehr als qualifiziert dafür, ihm zu helfen – was hätte ich also tun sollen? Nein sagen? Ich hatte schließlich schon mehrfach bewiesen, dass ich eine Schwäche für Rispos hatte.

Jonas zog eine Grimasse und kratzte sich im Nacken. Wenigstens sah er schuldig aus. Das war mehr, als ich bei seinem ältesten Bruder je zu Gesicht bekommen hatte. „Wir lernen doch morgen noch zusammen. Das reicht doch, oder?“

„Ich gebe dir Nachhilfe, kein neues Gehirn“, bemerkte ich kopfschüttelnd.

Er machte eine abwinkende Handbewegung. „Ich lerne heute Nacht noch. Das klappt schon.“ Er nahm sich noch drei weitere Kekse, hob die Hand und verschwand aus der Tür.

„Ich geh mich dann auch mal umziehen“, sagte Emily, die heute zum Arbeiten eingeteilt war. „Siehst du, ich hab sogar dein hässliches T-Shirt mitgebracht.“ Sie wedelte mit dem hellgrünen Stoff, den sie mehr als einmal als „menschenverachtend“ bezeichnet hatte, vor meinem Gesicht herum. „Wenn ich keine Vorzeigemitarbeiterin bin, dann weiß ich auch nicht.“

Ich freute mich über die Uniform. Noch schöner wäre es allerdings gewesen, wenn ihr Atem nicht nach Alkohol gerochen hätte.

Sie drückte Finn kurz an sich, flüsterte ihm etwas ins Ohr, was ihn grinsen ließ, und verschwand dann in meinem Arbeitszimmer.

Trudi glitt hinter den Tresen, um die restlichen Kekse in eine Schale zu packen, während Finn mich erwartungsvoll ansah.

Misstrauisch hob ich die Augenbrauen. „Was?“

„Louisa …“, begann er langsam. „Du willst doch immer allen Menschen helfen, oder?“

„Bei deinem Gesichtsausdruck würde ich sagen: Nein.“

„Du lügst. Also: Ich habe da ein Anliegen, bei dem nur du mir helfen kannst.“

„Ich werde nichts für dich unterschreiben!“

„Nein, nein. Es geht um etwas anderes. Etwas, wo nur du, dein blendendes Aussehen und dein hoher IQ helfen können.“

Ich verdrehte die Augen. Finn war sehr talentiert darin, auf subtile Art und Weise dick aufzutragen. „Wow, ich fühle mich geehrt.“

„Das solltest du. Also, die Sache ist die: Wie ich ja bereits sagte, würde ich mir gerne Joshis Auto leihen. Aus unerfindlichen Gründen ist er die letzten Wochen aber noch mieser gelaunt als ohnehin schon, und damit mein Wunsch erfüllt wird, muss er erst wieder etwas … fröhlicher werden.“

Mir gefiel der vielsagende Blick nicht, den Finn mir zuwarf. „Und was könnte ich dagegen tun? Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Meine Anwesenheit macht deinen Bruder nicht glücklich. Meine Anwesenheit sorgt dafür, dass er unschuldige Frauen in Gewahrsam steckt.“

„Na ja, aber das liegt sicherlich wieder nur an seiner allgemein schlechten Stimmung. Wenn sich das ändern würde …“

„Wie stellst du dir das vor?“

„Ich dachte, wenn du vielleicht mit ihm schlafen würdest … nur ein, zwei Mal …“
Starr sah ich ihn an. „Habe ich das richtig verstanden? Du willst, dass ich mich prostituiere, damit dein Bruder dir gut gesinnt ist?“
„Nicht direkt. Du würdest kein Geld dafür bekommen.“

„Das wird ja immer besser. Ich soll also einfach so mit ihm schlafen, damit du sein Auto haben kannst?“

„Ja, genau! Wie passt dir Montagabend?“

„Raus, Finn.“

„Ist Dienstag besser?“

„Raus! Bevor ich dir in deinen betrunkenen Hintern trete.“

„Eigentlich ist der Wochentag auch wirklich egal, es reicht, wenn du es nächste Woche einrichten könntest …“

Ich nahm die Plastikblume vom Boden, dort wo Emmi sie hatte fallen lassen, und schlug ihm damit mehrfach gegen den Kopf.

Finn grinste weiter. „Ich frag dich Montag nochmal“, versprach er, schnappte sich die Plastikblume aus meiner Hand, roch genüsslich daran und schritt aus der Tür.

Ungläubig starrte ich ihm nach. Egomane müsste man sein.

„Die jungen Leute von heute haben so viel Energie“, sagte Trudi hinter mir bewundernd. „Wenn wir uns betrinken und die Nacht durchmachen würden, könnten wir sicherlich nicht mehr so gerade stehen.“

„Ich bin jung!“, beschwerte ich mich. „Und wenn ich wollte, könnte auch ich die Nacht durchfeiern.“

„Natürlich“, sagte Trudi mit tröstlichem Blick und kam um den Tresen herum, um meinen Rücken zu tätscheln.

Na prima. Meine siebzigjährige Angestellte dachte, dass wir uns körperlich auf einer Ebene befanden.

Mein Handy vibrierte mit einer Nachricht. Froh darum, nicht darüber nachdenken zu müssen, wie langweilig mein Leben offensichtlich von außen aussah, sah ich auf den Bildschirm. Ich hatte eine einfache, aber deutliche SMS von meinem Kontaktmann beim Kölner Blatt bekommen.

Heute um zehn gibt es eine Pressekonferenz bezüglich des Haifischfalls. Der leitende Ermittler erklärt die Sachlage. Schauen Sie als Reporterin vorbei.

Oh, eine Pressekonferenz!

Ein Laut der Begeisterung glitt über meine Lippen. Ich hatte schon immer zu einer Pressekonferenz gehen wollen.

Es sah so aus, als würden sich heute gleich zwei meiner Träume erfüllen. Denn mein zweiter war es, die Chance zu bekommen, Rispo so richtig schön ins Schwitzen zu bringen. Und darin war ich bewiesenermaßen talentiert.

Ach, heute würde ein schöner Tag werden.

Kapitel 3

„Haben Sie das von der Papaver-Rhoeas-Analyse gehört? Dass sich die Polizei anhand dieser neuen Methode ein viel genaueres Bild vom Profil des Mörders machen kann als noch vor einem Jahr? Einfach unglaublich, dass sie versuchen, diese Informationen geheim zu halten. Nur damit die Presse und das Volk weiterhin im Dunkeln tappen und sie nicht dauernd nach genaueren Details fragen.“

Der Reporter von der Bild neben mir bekam große Augen. „Woher haben Sie denn diese Informationen?“

Ich runzelte die Stirn und tat so, als wäre ich überrascht von seiner Unwissenheit. „Haben Sie etwa nicht von der Papaver-Analyse gehört? Die Gerüchte darum häufen sich doch! Die können unmöglich an Ihnen vorbeigegangen sein.“

„Oh, doch, doch. Natürlich.“ Hastig nickte der Reporter, dessen Ego offensichtlich genauso dick war wie sein Bauch. „Ich kannte sie nur noch nicht unter dem kompletten Namen. Papaver-Analyse sagt mir natürlich etwas.“

Ich nickte verständnisvoll und strich mir meinen Bleistiftrock glatt. Ich sah gerade so unglaublich seriös aus, dass selbst meine Mutter zufrieden gewesen wäre. „Natürlich. Papaver-Rhoeas-Analyse ist auch etwas kompliziert. Es wundert mich nicht, dass der Name für den Alltag verkürzt wurde. Ich für meinen Teil werde den Kommissar heute genau danach fragen. Es kann nicht sein, dass die Rechtsinstitutionen weiter mit ihrer Geheimnistuerei durchkommen. Wozu die Technik heutzutage alles fähig ist …“

Der Reporter nickte eifrig und schrieb etwas auf seinen Block. Höchstwahrscheinlich das Wort Papaver-Rhoeas-Analyse.

Ich wandte meinen Kopf ab, um mein Lächeln zu verbergen, und stieß mich weiter durch die Gruppe von Kameramännern und Journalisten, deren Stimmengewirr den engen, grauen Raum mit einem durchdringenden Summen erfüllte. Ich besah mir die Gesichter und die Namensschilder der Umherstehenden und suchte meine nächsten Opfer.

Eine Gruppe Anzugträger mit zurückgegelten Haaren oder wahlweise dramatischen Fönfrisuren tat sich vor mir auf. Sorgfältig positionierte ich mich neben ihnen, bevor ich laut eine Frau im schwarzen Hosenanzug fragte: „Meinen Sie, dass die Papaver-Analyse bei diesem Fall zu einem schnelleren Durchbruch führt?“

Ich brauchte eine Viertelstunde, bis mich eine blonde Frau mit schwarz umrandeter Brille fragte, ob ich auch so interessiert an der neuen Geheimmethode der Polizei wäre und ob die Papaver-Rhoeas-Analyse wohl die Zukunft der deutschen Kriminalpolizei sei und den Markt revolutionieren würde.

Rispo würde sich wünschen, er hätte mich in einer dunklen Teergrube versenkt anstatt mich in eine Gewahrsamszelle zu werfen.

Es dauerte eine weitere Viertelstunde, bis die Reporter – also auch ich – dazu aufgefordert wurden, sich bitte einen Platz zu suchen.

Vier Stuhlreihen bestehend aus harten Bürostühlen, die wohl dafür verantwortlich waren, warum Polizisten oft so schlecht gelaunt waren, standen mir zur Wahl. Ich setzte mich in die erste Reihe auf den mittleren Stuhl. Einfach weil ich das Erste sein wollte, das Rispo sah.

Ich hätte mich nie für eine rachsüchtige Person gehalten, aber Rispo brachte nun einmal die schlechtesten Seiten in mir hervor. Vielleicht war ich tief in meinem Inneren auch schon immer etwas gemein gewesen. Ich war nun mal die Tochter meiner Mutter, und die hatte Frauen schon dafür aus ihrer Organisation geworfen, dass sie Perlenohrringe mit Modeschmuck aus Plastik kombiniert hatten. So erzählte man es sich zumindest. Na schön, so erzählte ich es allen. Aber ich traute es meiner Mutter auf jeden Fall zu!

Die Tür hinter uns ging auf und drei Männer, allesamt in Anzug und Krawatte, traten herein und liefen zum einzigen vor mir stehenden Tisch, auf dem drei Mikrofone positioniert worden waren.

Rispo ließ sich in der Mitte nieder, den Mund zu einer flachen Linie gepresst. Er zog den Stuhl heran, blickte auf – und seine Kinnlade klappte herunter. Na ja, eigentlich zuckte nur ein Muskel in seiner Wange und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Aber bei Rispo kam das einem geöffnetem Mund und einem Panikanfall gleich.

Sein Blick bohrte sich in meinen, die Augen schwarz wie Kohle, während ich mich genüsslich im Stuhl zurücklehnte, die Beine überschlug und ihm fröhlich lächelnd mit meinem Notizblock zuwinkte.

Er senkte das Kinn und murmelte etwas. Wäre ich ausgebildete Lippenleserin des Bundesnachrichtendienstes gewesen, hätte ich wohl gesagt, dass es: „Ach, du Scheiße“, war. Da ich aber nur unwissende Zivilistin war, ging ich davon aus, dass er: „Schön, dich zu sehen, Lou“, sagte.

Der braunhaarige, leicht untersetzte Mann links neben Rispo, der sich dank eines Schildchens vor ihm auf dem Tisch als Polizeichef outete, räusperte sich vernehmlich. Oh, erst jetzt erkannte ich ihn! Es war Sven Leodrik, ein ehemaliger Mitschüler von Jannis. Außerdem der Mann, den ich indirekt schon einmal erpresst hatte. Zufälle gab’s.

„Vielen Dank für Ihr Kommen“, setzte er an.

Mein Blick glitt zu Rispo, der mich unaufhörlich anstarrte. Er sah ganz und gar nicht dankbar aus. Eher so, als ob er sich fragte, warum die Welt ihn hasste. Also, das war wirklich nicht schmeichelhaft. Er hatte schließlich angefangen! Was hatte er erwartet? Ich zwang mich dazu, meinen Blick abzuwenden.

Der Polizeichef redete weiter. „Timo B., Maskottchen der Kölner Haie, ist gestern um 19 Uhr 21 verstorben. Jede medizinische Hilfe kam zu spät. Todesursache ist eine Blausäurevergiftung, die wenige Stunden zuvor oral in das System des Opfers gelangt sein muss.“

Mensch, wer hätte das gedacht. Eine Blausäurevergiftung.

„Wir gehen derzeit von gezieltem Mord aus. Es ist noch unklar, wie genau das Opfer vergiftet wurde. Es sind keinerlei Rückstände des Giftes in seiner Trinkflasche oder an persönlichen Gegenständen gefunden worden. Auch Motiv oder Tatverdächtige sind noch nicht bekannt. Kommissar Rispo ist leitender Ermittler im Fall Timo B. und wird Ihnen gerne weitere Fragen beantworten, soweit es ihm möglich ist.“

Der dritte Mann fing an, Reporter dranzunehmen, die hektisch ihre Arme in die Höhe streckten. Ich ließ meine Hände, wo sie waren. Meine Saat des Wahnsinns war bereits gesät worden. Ich würde mich einfach zurücklehnen und genießen.

Ein Journalist, der für irgendeine Sportzeitschrift unterwegs war, wollte wissen, ob sich der Mord auf die nächsten Spiele der Kölner Haie auswirken würde. Ein anderer, ob ein Terroranschlag vermutet wurde.

Rispo fertigte die erste Frage mit zwei Sätzen ab und alles, was er zur zweiten sagte, war: „Sobald wir Nachricht von der Anti-Eishockey-Maskottchen-Organisation erhalten, die einen weltweiten Komplott gegen überdimensionale Stofftiere plant, rufe ich Sie persönlich an.“

Der Polizeichef sah daraufhin nicht sehr glücklich aus, aber wie immer interessierte Rispo sich nicht für das Glück anderer. Er war da sehr simpel gestrickt: Dumme Fragen bedurften dummer Antworten.

Die dritte Frage ließ mich aufhorchen.

„Sind Sie sicher, dass sie noch keinen genauen Tatverdächtigen haben?“, ertönte eine Stimme hinter mir. Es war der dicke Mann von der Bild.

Rispo hob eine Augenbraue. „Ja.“

„Nun, das ist schwer zu glauben. Ebenso wenig wie die Aussage, dass Sie keine Rückstände gefunden haben wollen – wo wir doch alle wissen, dass Ihnen dank der Papaver-Rhoeas-Analyse viele neue Türen offenstehen.“

„Der was?“, fragte Rispo perplex.

„Papaver-Rhoeas-Analyse“, meinte der Reporter wichtigtuerisch und beugte sich im Stuhl nach vorne, sodass die Vorderbeine bedrohlich ächzten. „Sie wissen genau, wovon ich rede.“

Rispo sah aus, als hätte man ihm einen verdorbenen Fisch ins Gesicht geschlagen. Sven Leodrik blickte ihn verwirrt an. „Wovon redet er?“, wollte er wissen.

„Jetzt tun Sie doch nicht so!“, fuhr die blonde Frau mit der Brille dazwischen, die genau neben mir saß. „Sie stecken doch alle unter einer Decke.“

„Einer sehr großen und dunklen Decke“, bestärkte ich sie nickend. „Wir alle hier wissen, dass durch die Papaver-Analyse die kleinsten DNA-Partikel innerhalb von Sekunden gefunden werden können – und das sollte die Menschheit erfahren.“

Zustimmendes Gemurmel von meinen Fast-Kollegen.

Rispos Blick fuhr zu mir und ich erhaschte den Moment, in dem er erkannte, was hier vor sich ging. Er war dabei gewesen, als ich die Papaver-Rhoeas-Analyse das erste Mal benutzt hatte, um mir Zutritt zu einem Haus zu verschaffen. Für mehrere Sekunden stand ihm doch tatsächlich der Mund offen, und hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich gesagt, dass er beeindruckt wirkte. Doch der Moment verstrich und der Ausdruck in seinem Gesicht wurde von seinen Augenbrauen verschluckt, die sich über seinen dunklen Augen zu einer Linie verschlossen.

„Die Papaver-Analyse existiert nicht“, sagte er verkniffen.

„Nun, sie mag zwar noch experimentell sein“, warf ich ein, „aber das heißt noch lange nicht, dass man sie unter den Teppich kehren kann.“

Ich hätte schwören können, dass Rispo Dampf aus den Ohren stieb. Aber die Kameras liefen, und er konnte es sich nicht leisten, in der Öffentlichkeit auszurasten. Er war schon einmal suspendiert worden, weil er jemanden zusammengeschlagen hatte. Wie würde es aussehen, wenn er das vor laufender Kamera wiederholte – bei einer Frau.

„Ich versichere Ihnen, dass diese Methode nicht existiert. Sie war mal im Gespräch …“, sein Blick brannte sich in meine Haut, „aber hat sich als zu verrückt, anstrengend und, sagen wir, vollkommen dumm herausgestellt.“

Ich musste mir fest auf die Lippen beißen, um ihm nicht zu erklären, wer hier dumm war.

Der Polizeichef neben ihm sah mehr als perplex drein. „Von was zum Teufel reden die denn alle hier“, konnte ich ihn zischen hören.

„Und das sollen wir Ihnen glauben?“, fragte der Bild-Typ.

Rispo lehnte sich im Stuhl zurück, verschränkte die Hände im Nacken und zuckte die Achseln. „Das werden Sie wohl müssen.“

Niemand der Journalisten sah überzeugt aus, und ein vorwurfsvolles Tuscheln setzte ein, bevor der dritte Polizeivertreter sie aufforderte, weitere Fragen zu stellen.

Ich machte mir ein paar Notizen, so richtig helfen tat mir aber keine der Informationen, die Rispo preisgab, und als die Pressekonferenz für beendet erklärt wurde, war ich die erste, die von meinem Platz aufsprang. Es war Zeit, zu gehen. Bevor Rispo mich abfangen und doch noch verprügeln konnte. Aber alle Journalisten hatten es anscheinend eilig, und da ich so weit vorne gesessen hatte, war ich eine der letzten, die sich in die vor der Tür gebildete Menschentraube drängen konnte.

Ich kam bis zur Mitte des Ganges, von dem ich dachte, dass er zum Ausgang führte, als sich eine große, warme und sehr entschlossene Hand um meinen Oberarm legte.

„Frau Papaver-Rhoeas, auf ein Wort“, flüsterte es in mein Ohr.

Ich zuckte zusammen und stieß einen Schwall Luft aus, bevor ich hastig sagte: „Sie müssen mich verwechseln. Mein Name ist Manu, nicht …“

„Mhm, schon klar.“ Rispos Kinn kratzte über meine Wange, während er mich an den Schultern in einen rechts von uns gelegenen Korridor bugsierte.

Ich bekam eine Gänsehaut, während mein Herz stolperte, und … nein. Das reichte. Ich war kein verdammter Teenager! Einmal Pubertät war schlimm genug gewesen.

„Hör auf damit“, zischte ich und versuchte mich loszumachen. „Ich bin nicht dein Hund.“

„Nein, richtig. Ein Hund würde gehorchen.“

„Ja, es tut mir wirklich sehr leid, dass du mich nicht wie jeden anderen Aspekt deines Lebens kontrollieren kannst. Sieh mich als Herausforderung für deine Zwangsstörung an – und jetzt lass mich los!“

„Das werde ich“, versprach er, bevor er eine Tür zu meiner Linken öffnete, mich hineinschubste, mir folgte und sie wieder zuzog.

Ich war gegen etwas gestolpert, das über den Boden schrapte, und als Josh das Licht anmachte, bemerkte ich, dass es ein Plastikeimer gewesen war.

Ich sah mich um, betrachtete die mit Toilettenpapier und Putzzeug bepackten Regale, den Mopp zu meinen Füßen und den Besenstiel, der mir in die Seite drückte. Wir standen in einer zwei Quadratmeter großen Putzkammer.

„Gemütlich“, stellte ich fest. „Ist das dein Büro?“

Rispo schnaubte. Er war mir nun so nah, dass ich den Luftzug auf meinem Gesicht spüren konnte. Seine Zehen berührten meine. Ich konnte sein Aftershave riechen. Vanille, Wald und … Rispo. Ich wollte einen Schritt zurückmachen, doch der Raum ließ nicht viel Bewegungsfreiheit zu, und erneut stolperte ich fast über den Putzeimer.

„Man sollte meinen, dass ein Kommissar einen etwas geräumigeren Raum zur Verfügung gestellt bekommt“, sagte ich nervös und flocht meine Finger ineinander. „Aber ich schätze, sie gehen wohl einfach nach Fähigkeit und …“

„Louisa, hast du schon einmal darüber nachgedacht, einfach die Klappe zu halten?“

Ich wünschte, ich könnte. Aber ich war nervös und er stand viel zu nah und … ich räusperte mich und riss mich zusammen.

„Okay. Hören wir auf mit dem Blödsinn. Dein autoritäres Verhalten geht mir ehrlich gesagt ziemlich auf die Nerven und ist völlig unbegründet. Ich bin absolut dazu berechtigt, hier zu sein. Ich bin Reporterin, Josh.“

Rispo stützte sich mit einem Arm gegen die geschlossene Tür, legte den Kopf schräg und sah unbeeindruckt zu mir herab. „Machst du es jetzt wie beim letzten Mal? Erzählst allen, du würdest für die Zeitung arbeiten?“

„Ja, nur dass es dieses Mal wahr ist.“ Ich drückte ihm meinen Presseausweis ins Gesicht. „Ich bin freie Mitarbeiterin fürs Kölner Blatt.“
„Was haben die denn geraucht!? Du bist so objektiv wie ein Sektenmitglied!“

„Ich würde aufpassen, was du sagst, sonst schreib ich noch schlecht über dich.“

Unglaublich aber wahr: Rispo verdrehte die Augen. „Wie könnte mein Ruf als Teddybär vom Dienst das nur aushalten?“

Meine Mundwinkel zuckten, aber ich kämpfte erfolgreich gegen ein Lächeln an. „Frauen könnten aufhören, dir Muffins zu backen. Ist dir das denn gar nichts wert?“

„Bis auf meine Mutter hat mir noch nie eine Frau irgendetwas gebacken.“

Das wunderte mich nicht. Mit Rispo hielt man Konferenzen und Krisensitzungen, keine Kaffeekränzchen.

„So, da wir nun geklärt hätten, dass meine Anwesenheit bei der Pressekonferenz legitim war, könnte ich dann wieder gehen?“

Rispos Arm, der die Tür geschlossen hielt, war auch eine Antwort.

„Nur so aus Neugierde“, sagte er im Plauderton. „Setzt du deine neugewonnene Macht als Möchtegern-Journalistin nur dafür ein, mich zu nerven und meinen Job zu erschweren, oder hast du damit auch vor, den Mordfall zu untersuchen?“

Ich hob entschuldigend die Achseln. „Tut mir leid. Diese Informationen fallen leider unter meine Schweigepflicht.“

„Journalisten haben keine Schweigepflicht“, sagte er leise, während er seinen Kopf vorbeugte und seine Lippen meine Schläfe streiften, bevor er mir ins Ohr murmelte: „Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass du ganz sicher kein Priester bist.“

Verärgert – darüber, dass er immer noch einen Effekt auf mich hatte und darüber, dass er so ein Mistkerl war – schubste ich ihn weg.

„Behalt deinen Mund bei dir, Casablödmann. Eine anonyme Quelle hat mir verraten, was meine Aufgaben als Journalistin abdeckt, und meine journalistische Integrität verbietet es mir, sie dir zu verraten. Ich bin schließlich seriös.“

„Das würde ich nie in Frage stellen. Es zeugt definitiv von Seriosität, den Reportern eine nicht existierende Methode der DNA-Analyse einzureden, nur um mich anzupissen.“

„Du hast mich verhaftet!“, fuhr ich ihn an.

Er hob eine Schulter. „Du hast meine Ermittlungen behindert. Und könntest du bitte deine Stimme senken? Ich stehe direkt vor dir.“

Ungläubig sah ich ihn an. Mister Schrei-mich-tot wollte mir etwas zu angemessener Stimmlautstärke erzählen?

„Mich ins Gefängnis zu stecken war unprofessionell von dir, Josh! Du hast deine Macht ausgenutzt, um …“

„Erzähl du mir nichts von Professionalität“, unterbrach er mich. Seine Stimme war nun auch lauter geworden und eine steile Falte hatte sich zwischen seinen Brauen gebildet. „Alles, was du tust, hat persönliche Hintergründe!“

„Ich weiß!“, schrie ich, presste meinen Zeigefinger auf seine Brust und stellte mich auf die Zehenspitzen. In solchen Situationen hasste ich es, dass er so viel größer war. „Ich habe auch nie etwas anderes behauptet! Aber du tust so, als seist du der perfekte kleine Polizist und ich diejenige, die impulsiv handelt. Realitätscheck, Josh: Mich ins Gefängnis zu stecken hat nichts mit deinem Job zu tun, sondern damit, dass du immer noch wütend bist, weil ich beim letzten Fall nicht auf dich gehört und … unüberlegt gehandelt habe!“

„Nein, es hat damit zu tun, dass ich dich davor bewahren will, umgebracht zu werden!“

„Hey, du hast doch bereits festgestellt, dass ich zu viel Arbeit bin“, sagte ich bitter. „Warum zum Teufel bist du noch überrascht?“

Verwirrt ließ er den Arm sinken, der am Holz der Tür verweilt hatte. „Geht es immer noch darum?“, fragte er ernüchtert. „Um das, was ich gesagt habe, als ich …“

„Es geht darum, dass du mich in den Knast gesteckt hast, obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe“, unterbrach ich ihn und bohrte ihm meinen hoffentlich schmerzhaften zweiten Zeigefinger in die Brust.

„Du hattest den Blick, Lou! Den Blick, der mir die Zehennägel hochrollt, weil ich um mein und dein Leben fürchten muss. Was hätte ich denn tun sollen?“

„Es ist nicht deine Aufgabe, dich um mein Leben zu sorgen. Diese Verantwortung hast du mehr als deutlich von dir geschoben. Also hör auf, dir darüber Gedanken zu machen!“

Ich kann nicht“, fuhr er mich an und umschloss abrupt meine Finger auf seiner Brust mit den Händen. „Ich wünschte, ich könnte, aber du und dieser Blick … ihr infiltriert mein Gehirn und raubt mir den Schlaf. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn ich im Kopf habe, dass du draußen herumrennst und laut: ‚Wer ist der Mörder?’, schreist.“

Ich starrte auf meine Hände, die Rispo immer noch umschlossen hielt, und meine Knöchel begannen zu kribbeln.

Ich war ihm nicht egal. Aber er wollte trotzdem nicht mit mir zusammen sein.

Sollte ich deswegen jetzt lächeln oder weinen?

„Das hat wirklich keinen Sinn“, bemerkte ich und entzog ihm mit sanfter Gewalt meine Zeigefinger. „Das funktioniert so nicht. Wir können nicht kommunizieren. Es ist zu viel passiert. Vielleicht sollten wir zwei nur noch auf professioneller Ebene miteinander verkehren.“

Rispo griff sich mit der rechten Hand an die Stirn. „Wir haben keine professionelle Ebene! Denn wir haben nicht dieselbe Profession!“

„Hör auf zu schreien. Ich bin mir sicher, irgendwo in China wollen Kinder schlafen.“

Er stöhnte, und ein dumpfer Laut entstand, als er seinen Hinterkopf gegen das Metallregal sinken ließ.

„Es ist egal, was ich sage, oder?“, stellte er schließlich ernüchtert fest. „Du wirst deine Nase wieder in fremde Angelegenheiten stecken. So oft ich dich auch verhaften lassen würde … du würdest doch wieder versuchen, den Mörder zu finden.“

„Ich werde nicht deine Polizeiangelegenheiten behindern, wenn es das ist, was du fragst. Aber was kann ich denn dafür, dass ich heute Abend ein Date mit einem der Eishockeyspieler habe und er wahrscheinlich von den gestrigen Vorfällen so emotional belastet ist, dass er mit irgendwem über den Vorfall wird reden müssen? Und ich bin nun einmal eine verdammt gute Zuhörerin. Und wenn ich ihm damit helfen kann, mit einer Menge feinfühliger Fragen bezüglich Timo B.’s Tod sein Seelenheil wiederherzustellen, wäre es da nicht selbstsüchtig von mir, wenn ich ihm diese Hilfe verwehre?“

Tanzte gerade ein Einhorn in meinem Ohr oder hatte Rispo tatsächlich angefangen, leise zu lachen?

„Du bist unglaublich. Wie kannst du mich zum Lachen bringen und mir gleichzeitig den letzten Nerv rauben?“

In meinem Kopf strich ich ‚letzten Nerv’ und ersetzte es mit ‚Atem’. So. Jetzt raubte ich seinen Atem. Viel besser!

„Ich fördere das emotionale Multitasking anderer Menschen“, meinte ich lächelnd. „Wissenschaftler arbeiten schon daran, meine Fähigkeiten für das Herbeiführen des Weltfriedens zu verwenden. Aber bis jetzt bin ich ihnen noch zu komplex und mein Gehirn ein anatomisches Wunder.“

„So komplex bist du gar nicht“, flüsterte Josh und strich abwesend eine meiner braunen Haarsträhnen, die sich aus meinem Haarknoten gestohlen hatte, hinter mein Ohr. „Soweit ich mich erinnern kann, bist du in den wichtigen Bereichen doch sehr einfach gestrickt. Nur was deine Anatomie betrifft …“ Ein träges Lächeln zog sich über sein Gesicht. „Da muss ich wohl zustimmen.“

Ich schloss meine Augen für einen kurzen Moment, und als ich sie wieder öffnete, wusste ich, dass es besser gewesen war, als ich Josh noch aus dem Weg gegangen war. Wenn ich keinen Strich unter unsere Nicht-Beziehung zog, würde ich wieder Jahre brauchen, bevor ich für einen neuen Mann bereit war. Und ich hatte keine Jahre.

„Hör auf, mit mir zu flirten, Josh“, bat ich ihn leise. „Du warst es, der mich nicht wollte, und ehrlich gesagt … war es nicht wirklich einfach, über dich hinwegzukommen. Jetzt mit mir zu flirten, ist einfach nur unfair.“

Er ließ langsam seine Hand sinken und betrachtete mich nachdenklich. „Du hast recht“, sagte er langsam, fast überrascht. „Alte Gewohnheit, schätze ich.“ Sein Blick glitt über meine Augen, meine Wangen, blieb an meinen Lippen hängen.

Hastig wandte ich den Kopf ab und öffnete die Tür des Besenschranks.

„So schön es auch war, zusammen mit dir in einem stickigen Schrank zu stehen, ich habe einen Laden zu führen. Wir sehen uns … möglicherweise.“

„Möglicherweise.“ Unzufriedenheit schwang in Rispos Stimme mit, und ich konnte nicht ganz zuordnen, welchen Ursprung sie hatte. War es die Tatsache, dass er mich nicht davon abhalten konnte, mich wieder an einem Mordfall zu beteiligen, oder dass ich ihm gerade verboten hatte, mit mir zu flirten?

„Eine Sache noch“, sagte er und riss mich aus meinen Gedanken. „Woher wusstest du das mit der Blausäurevergiftung?“

Ich grinste breit. „Du wirst es nie erfahren.“

Kapitel 4

Einhundertfünfzigtausend.

Einhundertfünfzigtausend Euro betrug ungefähr das durchschnittliche Jahreseinkommen eines deutschen Eishockeyspielers. Zumindest hatte Google mir das ausgespuckt. Das war nicht hollywoodreich, aber schon ordentlich. Besser als ein Kriminalkommissar auf jeden Fall.

Ich schwang die Beine aus meinem Passat, zog mir die Turnschuhe von den Füßen und ersetzte sie durch ein Paar goldener Riemchenstilettos, die ich aus dem Schrank meiner Schwester hatte. Abgesehen von einer stolzen Sammlung an Gummistiefeln war ich Schuhen nicht sonderlich zugetan. Dennoch hatte ich mich dazu entschlossen, heute Abend härtere Geschütze aufzufahren. Die Konfrontation mit Rispo heute Morgen hatte mir gezeigt, dass ich einen neuen Mann in meinem Leben brauchte. Sei es nur dafür, den blöden Herrn Grumpig endlich zu vergessen. Außerdem hatte ich ein gutes Gefühl bei Felix dem Eishockeyspieler, was damit zusammenhängen konnte, dass ich den Großteil meines Nachmittags damit verbracht hatte, ihn im Internet zu stalken.

Felix Brüllig war seit fast fünf Jahren bei den Kölner Haien, kam ursprünglich aus Frankfurt und aß gerne Schokolade. Er mochte Kinder, kochte gerne und zog Kuscheln mit der richtigen Frau einer Affäre mit der falschen vor. Das hatte er den Lesern eines Frauenmagazins verraten. Negativschlagzeilen über ihn hatte es fast keine gegeben. Er hatte in den letzten Jahren unter mehrfachem Dopingverdacht und dem des Anabolikamissbrauchs gestanden, doch diese Anschuldigungen waren jedes Mal durch einen negativen Drogen-Urintest abgewiesen worden – ein richtiger Traummann also!

Außerdem hatte er sich heute Vormittag am Telefon bei mir erkundigt, was ich gerne essen würde, anstatt mir vorzuschreiben, wohin wir gingen. Das wusste ich zu schätzen.

Wir hatten uns schließlich für einen Koreaner in Nippes entschieden, der direkt neben der Pferderennbahn lag. Die Sonne ging gerade unter, als ich mir den Cardigan, den ich über einem dunkelblauen Sommerkleid mit optimistisch großem Ausschnitt trug, enger um den Körper zog. Felix wartete bereits auf mich, seine rechte Gesichtshälfte von einer Straßenlaterne orange erleuchtet, und ich erwischte mich dabei, wie ich die Breite seiner Schultern mit denen Rispos verglich.

Ich schlug mir genervt mit der flachen Hand gegen die Stirn.

Felix sah an sich selbst herunter. „Hätte ich lieber nicht Rosa tragen sollen?“

Ich ließ hastig die Hand sinken und wurde rot. „Nein, nein. Das Rosa steht dir ausgezeichnet.“

Tatsächlich ließ ihn das fast pinke Hemd nicht im Mindesten unmännlich wirken. Eher das Gegenteil war der Fall. Es lag so eng an, dass ich jeden einzelnen beeindruckenden Muskelstrang erkennen konnte. Meine Güte, dieser Mann musste ernsthaft viel Zeit auf der Stemmbank verbringen. Und im Gegensatz zu mir schien er nach seinem Work-out nicht zum Bäcker zu gehen, um sich mit einem oder auch drei Schokocroissants zu belohnen. Insgesamt, fiel mir auf, sah er wirklich unglaublich gut aus. Dunkelblonde, kurzgeschorene Haare. Einen Zwei-Wochen-Bart, der sein kantiges Kinn betonte. Mich wunderte es ehrlich gesagt ein bisschen, dass so ein Mann überhaupt an mir interessiert war. Ich war an guten Haartagen höchstens als hübsch zu bezeichnen – und selbst dann schien Trudi die Einzige zu sein, die das je bemerkte.

„Es saß eine Mücke auf meiner Stirn“, erklärte ich hastig und tat so, als wische ich die Überreste des nicht vorhandenen Insekts an meinem Kleid ab. „Ich kann die Viecher echt nicht ausstehen.“

„Verstehe.“ Felix lächelte milde. „Hatte mich schon gewundert. Ich habe im Allgemeinen nichts gegen Schläge, aber erst, wenn man sich schon ein wenig kennt und beide Parteien damit einverstanden sind.“ Er machte eine ausladende Bewegung zum Restauranteingang hin. „Sollen wir?“

Ich lachte nervös, nicht ganz sicher, ob er gerade einen Witz oder eine Ankündigung gemacht hatte, und schlüpfte vor ihm durch die Tür.

Mir schlug der Geruch von heißem Öl, gebratenem Fleisch und einem verschwendeten Abend entgegen.

Vielleicht hätte ich nicht so schnell urteilen und ihm eine echte Chance geben sollen, aber … Ich fühlte nichts. Kein Prickeln, kein flaues Gefühl im Magen, kein Verlangen, Felix mit meiner schillernden Persönlichkeit zu beeindrucken. Was war nur los mit mir? Ich hatte noch keine zwei Minuten mit diesem heißen Eishockeyspieler verbracht, und schon wusste ich, dass er nichts für mich war? War ich denn total bescheuert? Es war, als wollte ich einfach nicht glücklich werden. Das einzig Gute an diesem Treffen war, dass es für mich sowieso kein normales Date hatte werden sollen. Ich war hier, um so viele Informationen über den Verstorbenen aus Felix herauszuquetschen wie nur möglich.

„Du führst also deinen eigenen Blumenladen?“, fragte der Eishockeyspieler, sobald man uns zu einem Tisch geleitet hatte, über den ein schwerer roter Stoff drapiert worden war.

„Ja, das war schon immer mein Traum“, erklärte ich und legte die Serviette auf meinen Schoß. „Ich habe nach meinem BWL-Studium eine Weile die Finanzen und den Einkauf eines anderen Blumenladens geregelt, ein bisschen Erfahrung im Binden von Kränzen und Sträußen gesammelt, aber sobald ich das Geld zusammen und einen Kredit in der Tasche hatte, bin ich ins kalte Wasser gesprungen und habe den Laden eröffnet.“

Felix nickte und schien beeindruckt. „Hast du es je bereut?“

„Nie. Es ist schön, sein eigener Boss zu sein.“

„Das verstehe ich. Dennoch muss auch viel Druck auf einem lasten, weil man ein mögliches Versagen auf niemand anderen außer sich selbst schieben kann, nicht?“

Ganz schön tiefsinnig für ein Gespräch mit einem Mann, der wahrscheinlich schon mehr Pucks als Regentropfen gegen den Kopf bekommen hatte. Ich bemerkte, wie ich anfing, Felix zu mögen. Nicht als ein potentieller Freund, aber als Menschen. Er schien intelligent und tatsächlich daran interessiert, was ich sagte.

„Ähm, ich schätze schon“, sagte ich langsam. „Aber im Moment läuft es zumindest beruflich ganz gut.“

„Privat also nicht?“

Mir schoss automatisch das Blut in die Wangen. „Nun, ich … also, nein. Ich weiß nicht.“

Felix sah mich geduldig an, so als könne er es kaum erwarten, die komplette Geschichte zu hören.

„Ich habe mich vor nicht allzu langer Zeit von jemandem getrennt“, brachte ich schließlich hervor.

Langsam nickend legte Felix den Kopf schief, und für einen kurzen Moment flog ein Lächeln über sein Gesicht. Aber es war so schnell verschwunden, dass ich es mir auch hätte einbilden können.

„Der Kommissar?“, wollte er wissen.

Mein Ellenbogen rutschte vom Tisch, und nur mit Mühe konnte ich mein Kinn davor bewahren, eine Delle in den Tisch zu rammen. „Woher …?“

Er hob eine Schulter. „Ah, nur so ein Gefühl. Die Art, wie ihr miteinander umgegangen seid.“

Und dabei hatte ich gedacht, wir hätten uns beeindruckend subtil angegiftet.

„Ich habe mich auch gerade erst getrennt“, eröffnete mir Felix, vielleicht, damit mir das Ganze nicht so peinlich war. „Und meine Freundin war … sagen wir … besonders.“ Er beschrieb mit seinem Zeigefinger ausdrucksstarke Kreise neben seiner Schläfe, während er das letzte Wort sagte.

Ich lachte. „Ich wünschte, ich könnte das Gleiche über Rispo sagen. Er ist leider nicht verrückt, sondern nur sehr gut in seinem Job – alles andere ist unwichtig für ihn.“

„Ach, tatsächlich?“ Felix hob einen Mundwinkel an, so als wüsste er es besser.

Ich nickte nur und zog mir die Ärmel meines Cardigans über die Hände. Mir war es unangenehm, weiter über mich zu reden, deswegen wechselte ich das Thema.

„Lastet eigentlich viel Druck auf einem Sportler? Immer topfit zu sein?“

„Nicht, wenn man realistisch ist“, sagte mein Gegenüber leichthin. „Ich kann nicht ewig Eishockey spielen. Das ist mir bewusst. Mein Vertrag bei den Haien läuft nächstes Jahr aus, die jetzige Saison ist quasi vorbei und ich bin über dreißig … ich werde wahrscheinlich nächstes Jahr in Rente gehen. Egal, was mein Agent sagt: Aufhören, wenn’s am schönsten ist, oder? Ich werde den Vertrag mit ihm so oder so bald auflösen. Er ist etwas schludrig in letzter Zeit. Bernie soll sich mal um seine eigenen Schulden kümmern, bevor er sich um meine Sorgen macht.“

„Du hast Schulden?“, rutschte es mir heraus.

„Ich hab mir ein Haus gekauft.“ Er tat es mit einem Schulterzucken ab und griff sich die Essenskarte. „Also, was nehmen wir denn heute …“

Die nächsten zehn Minuten verbrachten wir damit, die Karte zu studieren, bis die Kellnerin kam und nach unserer Bestellung fragte.

Ich bat um gefüllte Teigtaschen und gebratene Rindfleischstreifen, während mein Gegenüber eine der kompliziertesten Bestellungen von sich gab, die ich je gehört hatte. Die Hälfte davon stand nicht einmal auf der Karte. Dennoch schien die Kellnerin mehr als nur glücklich, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Er hätte wahrscheinlich nach Elfenbein fragen können und sie wäre persönlich nach Afrika geflogen, um ihm einen Elefanten zu erlegen.

„Wow“, sagte ich und lehnte mich im Stuhl zurück. „Das war beeindruckend. Kann man das lernen?“

Felix lächelte breit und zog anzüglich eine Augenbraue hoch. „Nein, dafür braucht man ein natürliches Talent. Ich bin vielleicht etwas verwöhnt … aber ich kriege immer, was ich will. Egal mit welchen Mitteln.“

Ich lachte. Er war wirklich unterhaltsam. Im Bett landen würden wir dennoch nicht. Trotz seiner Empathie, trotz des aufmerksamen Zuhörens … ich fühlte mich nicht im Mindesten zu ihm hingezogen, und es wurde Zeit, das Gespräch auf das tote Maskottchen zu lenken. Dafür galt es wie immer, mit äußerstem Feingefühl vorzugehen. Eine meiner Spezialitäten.

„Hatte euer Maskottchen eigentlich irgendwelche Totfeinde?“

Beide Augenbrauen meines Gegenübers flogen in die Höhe. „Bitte, was?“

Mhm. In meinem Kopf hatte das Ganze irgendwie lässiger geklungen.

„Sorry, meine Gedanken sind manchmal etwas sprunghaft.“ Ich hustete mir verärgert in die Hand. Ich sollte wirklich Unterricht in Verhörtechniken nehmen. Wurde das auf der Volkshochschule angeboten? „Ich habe nur gerade an Timo gedacht. Du weißt schon, das Opfer. Ich habe mich gefragt, ob es jemanden gab, der ihm etwas hätte antun wollen. Er muss noch sehr jung gewesen sein – was kann er sich schon zuschulden kommen lassen haben?“

Es war eine dämliche Frage, denn dank meiner fünfundzwanzigjährigen Schwester wusste ich nur zu genau, was sich im jungen Alter schon alles an Sünden angesammelt haben konnten. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Timo B. ebenfalls mit fünf verheirateten Männern geschlafen und einen Pfarrer davon überzeugt hatte, mit ihm im Beichtstuhl herumzumachen, weil Gott ja auch etwas Unterhaltung brauchte. Ebenso wenig glaubte ich, dass er regelmäßig Süßigkeiten klaute und sie an Grundschulkinder verkaufte – aber was wusste ich schon?

„Ist das jetzt der Part, in dem du mich wegen des Mordes verhörst?“, fragte Felix neugierig. „In dem du von der Blumenladeninhaberin zur Detektivin wirst?“

Er war offensichtlich zu intelligent, um auf meine gewitzte Scharade hereinzufallen.

Das Blut, das meine Wangen verätzte, ignorierend hob ich eine Schulter. „Nur, wenn du möchtest natürlich.“

„Warum nicht? Ich vertraue sowieso nicht darauf, dass die Polizei einen guten Job macht. Was möchtest du wissen?“

„Na ja, was war Timo so für ein Typ? Hatte er irgendwelche Feinde?“

Felix legte sich eine seiner massiven Hände in den Nacken und schien darüber nachzudenken. „Ich kann dir nur sagen, was ich schon den Bullen gesagt habe: Ehrlich gesagt hat keiner ihn so wirklich gemocht.“

„Warum nicht?“

„Der Junge kannte keine Grenzen. Saß bei Trainingseinheiten dabei, die nichts mit ihm zu tun hatten. Hat sich selbst auf Partys eingeladen. Hat Leute belauscht, seine Nase in lauter fremde Angelegenheiten gesteckt. Hat sich immer an allem bedient, als wäre es seins. Das konnte einen wahnsinnig machen. Noch vorm Spiel gestern habe ich ihn dabei erwischt, wie er meinen Proteinshake ausgetrunken hat. Dabei wusste er, dass ich das Eiweiß brauche, um hundert Prozent fit zu sein.“

Ich blinzelte mehrmals und ein flaues Gefühl setzte in meinem Magen ein. „Er … er hat deinen Shake getrunken?“

„Jap. Hat nicht mal aufgehört, als er mich gesehen hat. Hat mich quasi dabei zusehen lassen“, schnaubte Felix verärgert, während die Kellnerin kam und unser Essen brachte. Der Blick des Eishockeyspielers lag begierig auf den Speisen, doch meine Augen waren immer noch auf sein Gesicht gepinnt. Das flaue Gefühl war zu einem faustgroßen Knoten in meiner Brust herangewachsen. „Hast du auch davon getrunken? Von dem Shake?“, fragte ich hastig.

„Wie denn? Er war leer!“

Es sind keinerlei Rückstände des Giftes in seiner Trinkflasche oder an persönlichen Gegenständen gefunden worden.

Die Stimme des Polizeichefs hallte in meinem Ohr wider, während Felix eine Teigtasche auf seine Gabel spießte und zum Mund führte.

Aber … aber das könnte ja heißen … das könnte bedeuten, dass …

Meine Hand fuhr nach vorne und ich schlug Felix die Gabel aus der Hand. Klirrend fiel sie zu Boden, während die Teigware in seinem Schoß landete und Soße auf Shirt und Tischdecke spritzte.

Verwundert sah er mich an. „Ich weiß, Kohlenhydrate sind schlecht für den Körper, aber du musst doch nicht gleich so drastisch werden.“

Ich lachte nervös auf und suchte nach meinem Handy in meiner Handtasche. „Hast du den Shake noch irgendwo?“, fragte ich, während ich eine Nummer eintippte. „Den Becher meine ich?“

Mein Gegenüber schien nun mehr als verwirrt. „Vielleicht in meinem Spind – keine Ahnung. Ist das wichtig?“

„Es ist wichtig“, sagte ich mit Nachdruck und zog ihm den Teller weg, den er immer noch hungrig betrachtete.

„Aber warum?“

„Weil Timo vergiftet wurde und der Täter es vielleicht gar nicht auf ihn, sondern auf dich abgesehen hat“, informierte ich ihn und hielt mir das Telefon ans Ohr.

Felix fing an zu lachen. „Wer sollte mich umbringen wollen? Sieh mich an.“ Er deutete mit seinen Händen auf seinen Oberkörper und dann auf sein Gesicht. „Niemand würde es wagen, diese Perfektion von der Erdoberfläche zu wischen.“

Da war ich anderer Meinung, auch wenn ich beeindruckt von Felix’ Selbstvertrauen war.

Nach dem dritten Tuten hob jemand ab. „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich mittlerweile Angst habe, wenn ich sehe, dass du anrufst?“ Da war aber jemand fröhlich. „Denn du rufst mich nur an, wenn jemand tot ist, du umgebracht werden sollst oder betrunken bist.“

„Was willst du mir damit sagen? Dass ich öfter anrufen soll? Zum Beispiel, wenn ich gerade an Blumen rieche oder mit Hundewelpen spiele?“

„Sag einfach, was los ist, Lou. Bevor ich mein Handy mit der Hand zerquetsche.“

„Vielleicht rufe ich dich ja auch an, weil ich nicht aufhören kann, an dich zu denken und dich sofort in meinem Bett haben will – für eine Runde unkomplizierten Sex ohne Verpflichtungen“, schlug ich vor.

„Wenn du unkomplizierten Sex willst: Ich sitze dir genau gegenüber“, informierte mich Felix räuspernd.

Auf der anderen Seite des Telefons hingegen entstand eine kurze Pause. „Und? Ist das der Grund, warum du anrufst?“

Hatte die Stimme des Bastards etwa hoffnungsvoll geklungen!? „Nein, du Blödmann! Ich werde nie wieder mit dir schlafen!“

„Das lassen wir mal offen zur Diskussion – weswegen rufst du wirklich an?“

Ich ignorierte seinen ersten Kommentar geflissentlich, wie auch Felix’ interessierte Miene. „Weil ich womöglich weiß, wie Timo B. vergiftet wurde. Und es könnte gut sein, dass er nicht das Opfer sein sollte.“

„Das ist Schwachsinn“, schnaubte Felix sofort. „Niemand will mich umbringen, alle lieben mich!“

„Wer ist das da im Hintergrund?“, fragte Rispo irritiert.

„Mein Date … und ziemlich sicher derjenige, der eigentlich hat sterben sollen.“

Wieder folgte ein kurzer Moment der Stille, bevor Rispo murmelte: „Du musst dir nicht einmal sonderlich viel Mühe geben, um dich in beschissene Lagen zu bringen, oder?“

Wem sagte er das. Ich war wohl einfach ein Naturtalent.

Zwei Stunden später saß ich in meinem zweiten Zuhause - dem Eingangsbereich des Polizeipräsidiums. Die Sekretärin, von der ich mir langsam wirklich mal den Namen merken sollte, hatte mir einen Tee und ein Kissen gebracht und mir gesagt, ich solle es mir gemütlich machen. Das sah ich als kein gutes Zeichen, aber ich gehorchte. Eines war auf jeden Fall sicher: Dieses Date war noch schlechter als mein gestriges gewesen. Der Koch war wenigstens nicht nach zwanzig Minuten von der Polizei zur näheren Befragung eingesammelt worden. Felix hatte darauf bestanden, dass die Idee, jemand habe es auf ihn abgesehen, blödsinnig sei. Rispo hatte darauf bestanden, ihn dennoch mitzunehmen. Ich hatte darauf bestanden, bei der Befragung dabei zu sein.

Der Einzige, der bekam, was er wollte, war Rispo.

Ich nutzte die Wartezeit, um die grauen PVC-Fliesen, mit denen der Raum ausgelegt war, zu zählen und mir schon einmal erste Notizen für den Zeitungsartikel zu machen. Mir war gesagt worden, ich solle die Geschichte persönlich halten, denn je privater eine Story schien, desto interessierter seien die Leser.

Die Polizei ist gemein und sollte dringend mal wieder ihren Bart rasieren, war meine bisherige Überschrift. Irgendwie noch nicht ganz eingängig. Und dann vielleicht doch nicht die Art von persönlich, die das Kölner Blatt erwartete. Ich strich die Zeile durch und ersetzte sie mit: Verwechslungsskandal: Kölsche Plüschikone versehentlich ermordet?

Mhm. Das war dann doch etwas zu dramatisierend. Aber die Überschrift konnte ich mir ja noch überlegen, sobald der Artikel fertig war. Ich schrieb: schlechtes Date nimmt grandiose Wendung durch Mord, und: Mittelmäßiges Date wird zu Verhör, und: Deutsche Eishockeyspieler sind nicht reich, auf. Gleich dahinter schrieb ich: Warum musste Sharky gehen, mit einer Menge Fragezeichen dahinter.

Ich fragte mich, ob das Kölner Blatt wohl ganze Sätze erwartete, denn zum jetzigen Zeitpunkt sah ich da eher schwarz. Ein ganzes Blatt mit Worten zu füllen, war anstrengend. Das letzte Mal hatte ich einem Journalisten ein paar Aufzeichnungen gegeben, ihm erzählt, was passiert war, und plötzlich war daraus ein Artikel entstanden. Ich packte das Blatt Papier weg – ich würde es später noch mal versuchen – und als ich aufblickte, kam gerade Kommissar Grumpig aus einem der Gänge.

Ich sprang auf und riss dabei das Kissen, auf dem ich gesessen hatte, zu Boden. „Und?“, wollte ich wissen. „Wurden Rückstände des Giftes in dem Becher gefunden?“

Rispo überwand die letzten Meter zu mir, die Miene nichtssagend, die Hände in den Hosentaschen. Er trug eine ausgewaschene Jeans und ein dunkelrotes T-Shirt, dessen Schriftzug so ausgeblichen war, dass ich ihn nicht mehr erkennen konnte. Er war unrasiert und seine Haare standen ihm von allen Seiten ab. Ich bekam das Gefühl, dass er einen entspannten Abend auf der Couch verbracht hatte, bevor ich ihn angerufen hatte, und eine dringliche Frage bildete sich in meinem Kopf: War er dabei allein gewesen?

„Wir kümmern uns, Lou“, meinte er schließlich. „Du kannst nach Hause gehen.“

Was? „Das ist nicht dein Ernst.“

„Das ist mein voller Ernst.“

Ich stemmte meine Hände in die Seiten. „Ich habe eine Stunde gewartet. Ich will Informationen“, presste ich zwischen meinen Zähnen hervor.

„Ich will einen Ferrari und einen einzigen ruhigen Samstagabend alle paar Wochen – wenn ich mit der Enttäuschung der Realität leben kann, kannst du das auch.“

„Ich hatte recht, oder?“, fragte ich scharf nach, jeden von Rispos Gesichtszügen analysierend. „Das Gift war für ihn bestimmt. Sonst hättet ihr schon längst aufgehört, ihn zu befragen.“

„Die Wege der Polizei sind unergründlich.“

Mhm, die Wege meiner Faust auch.

„Du bist ein Arsch, Josh“, stellte ich sachlich fest und zwang mich dazu, die Hände von meinen Hüften sinken zu lassen. Die Pose erinnerte mich zu sehr an meine Mutter.

Rispo gähnte und nickte. „Ich habe gelernt, mich mit dieser Tatsache zu arrangieren.“

„Ohne mich hättet ihr vergeblich nach den Überresten des Giftes gesucht. Ohne mich wäre Felix wahrscheinlich auch umgebracht worden und ihr hättet jetzt zwei Leichen.“

„Und sobald du die Polizeischule abgeschlossen und zum Kommissar ausgebildet worden bist, Lou, bin ich mehr als glücklich, dich in die Polizeiarbeit zu integrieren, aber bis dahin: Steck deine Nase in ein Buch oder in deine Blumen, aber nicht in meinen Fall.“

Und damit drehte er sich um und ging, und ich bekam auf einmal große Lust, einen Waffenschein zu machen.

Kapitel 5

In meiner Familie waren Sonntage nicht zum Ausschlafen da. Sonntage wurden zur Erinnerung an Familienverpflichtungen, zum Austausch wichtiger Lebensereignisse, für umfangreiche Kritik an seinem Charakter und zum Analysieren von Unzulänglichkeiten in seinem - meistens aber meinem – Verhalten genutzt. In anderen Worten: Brunch mit meiner Mutter.

Es war eine Tradition, die ihr näher am Herzen lag als ihre eigenen Rippen, und wir alle wären nicht auf die Idee gekommen, anzuzweifeln, dass wir uns jeden Sonntag trafen. Größtenteils weil Mamas Kopf ampelrot angelaufen und kurz vorm Explodieren gewesen war, als Emmi das letzte Mal bemerkt hatte, das wir doch allmählich zu alt für ein wöchentliches gemeinsames Frühstück wären.

Deswegen verließ ich also am Sonntagmorgen um zwanzig nach zehn meine Wohnung. Der bewölkte Himmel spiegelte meine Laune wider. Ich ärgerte mich über mein übereifriges Selbst. Warum hatte ich Rispo direkt anrufen müssen? Warum hatte ich Felix nicht erst selbst ein paar Fragen stellen können, bevor ich mein neugewonnenes Wissen mit der Polizei teilte?

Jetzt hatte Rispo Felix sicherlich in irgendeinem fensterlosen Raum eingesperrt und es mir somit unmöglich gemacht, mir mein eigenes Bild von der Situation zu machen und meine eigene Spur zu verfolgen. Was er zweifelsohne so geplant hatte.

Die Wahrheit war, dass mir mittlerweile die Mittel und Wege ausgingen, an Polizeimaterial heranzukommen. Ich konnte weder den Polizeichef noch meinen Bruder erpressen, und eine Polizeiakte stehlen konnte ich auch nicht. Einerseits wäre das nämlich unoriginell, weil ich das alles schon einmal getan hatte, und andererseits würde Rispo endgültig dafür sorgen, dass keine neuen oder alten Lücken entstanden, durch die ich mich durchquetschen konnte. Klar, ich war Pseudo-Journalistin und mit der Masche könnte ich Leute befragen – nur wusste ich nicht, wen ich befragen sollte. Ich konnte schlecht hinter dem ganzen Team der Kölner Haie herrennen, und die Ex-Freundin, die Felix erwähnt hatte, war bei Google auch nicht aufzufinden gewesen. Zu viele Leute hatten Zugriff zu den Katakomben der Lanxess Arena, es war somit unmöglich, den Verdächtigenkreis auf eine gehirnfreundliche Größe einzuschränken.

Wenn nicht ein kleines Wunder passierte, würde ich nie meinen Zeitungsartikel schreiben können. Niemand wollte von meinen zwei desaströsen Dates hören, solange sie nicht mit einem aufgeklärten Mordfall endeten. Adieu, Blumenvan. Trotz der schlechten Aussichten, an brauchbare Infos zu kommen, würde ich heute Mittag vor meiner Nachhilfestunde mit Jonas beim Stadion vorbeischauen. Ich hatte keine Ahnung, ob die Haie auch sonntags trainierten, aber das würde ich dann ja herausfinden.

Ich lief zu meinem Auto und warf das Paar Gummistiefel, das ich in der Hand gehalten hatte, in den Kofferraum. Meine Mutter hatte mich gebeten, mich um ihre Rosen im Vorgarten zu kümmern und Oleander zu pflanzen, und zu der Möglichkeit, in frischem Dreck rumzuwühlen, sagte ich nicht Nein.

Ich hatte mich gerade hinters Steuer gesetzt, als ich einen weißen Zettel bemerkte, der hinter meiner Windschutzscheibe klemmte.

Stöhnend stieg ich wieder aus und zog ihn hervor. Ich durfte hier parken. Ich hatte schon immer hier geparkt. Hatte die ganze Kölner Polizei es jetzt auf mich abgesehen?

Doch als ich das Papier auseinanderfaltete, sah ich, dass es nicht von der Kölner Polizei kam.

Ich beobachte dich. Behalt deine Finger, wo sie sind.

Ich starrte die zwei Zeilen an und sackte in mich zusammen.
Och, nö.

Nicht schon wieder!

Wieso mussten Leute mich immer bedrohen? Wenn ich ein zwei Meter großer Karatekämpfer gewesen wäre – okay. Aber ich war doch nun wirklich nicht angsteinflößend.

Stöhnend kramte ich mein Handy aus der Tasche, während ich verstohlene Blicke zu allen Seiten warf. Doch auf dem Gehsteig tummelten sich nur wenig verdächtig aussehende Fußgänger, und keiner von ihnen grinste mich an und rief: „Ja, richtig: Ich war’s.“ Ein Neonpfeil mit der Betitelung schuldig tat sich auch nicht vor mir auf.

Warum auch? Mir wurde im Leben ja nie etwas einfach gemacht!

Das Freizeichen ertönte einmal an meinem Ohr, bevor mir Rispos Mailboxansage erklärte, dass er gerade Besseres zu tun hatte, als für mich das Telefon in die Hand zu nehmen. Schließlich piepte es laut in meinem Ohr. Mein Zeichen.

„Josh, hier ist Louisa. Du weißt schon, die Frau, mit der du mal geschlafen, die du dann jedoch sitzen gelassen und schließlich ins Gefängnis verfrachtet hast. Davon gibt es hoffentlich nur eine. Jedenfalls dachte ich, nachdem du dich letztes Mal so unnötig aufgeregt hast, ich mache es diesmal besser und sage dir lieber sofort, wenn ich Drohnachrichten bekomme. Fühle dich also informiert: Ich habe soeben einen nicht sehr netten Zettel von meiner Windschutzscheibe gefischt. Wenn du Näheres wissen willst, ruf mich zurück. Vielleicht erzähle ich es dir dann.“ Ich erhob meine Stimme. „Vielleicht lasse ich dich aber auch nur eine Stunde warten, bevor ich dich nach Hause schicke, ohne irgendetwas Interessantes von mir gegeben zu haben!

Ich legte auf und fühlte mich plötzlich um einiges ausgeglichener. Es fing an, mir zu dämmern, warum Josh so viel rumbrüllte. Man fühlte sich danach so viel freier!

„Tante Lou, was ist besser: Ein Pferd oder eine Ärztin?“

Ich ließ meine fünfjährige Nichte auf meinen Beinen auf- und abhüpfen, während ich darüber nachdachte. Anhand Isabells Anime-Augen und den leicht geöffneten Lippen erkannte ich, dass die Beantwortung dieser Frage von äußerster Wichtigkeit war. Ich fragte mich, ob sie etwas mit ihrem Berufswunsch, Pferd zu werden, zu tun haben könnte.

„Das kommt darauf an“, sagte ich schließlich, während ich sie unter ihren Achseln festhielt, damit sie nicht von meinem Schoß fiel und sich ihren Kopf aufschlug. Oder meine Knie. „Wenn es darum geht, wer schneller rennen kann, dann ist das Pferd besser. Wenn es darum geht, wer besser Pflaster aufkleben kann, dann die Ärztin.“

Isa zupfte mit Zeigefinger und Daumen an ihrer Unterlippe herum. „Stimmt. Weil das Pferd nicht stundiliert hat.“

Ich lächelte. „Genau.“ Oder weil es Hufe hatte. „Wieso fragst du?“

Sie seufzte schwer, so als müsse sie zwischen einer Grippe und der Tollwut wählen, bevor sie aufhörte zu wippen und mich ernst ansah. „Weil, ich möchte jetzt glaub ich doch kein Pferd mehr werden."

Ich war ein wenig enttäuscht. Ich hätte gerne ein Pferd in der Familie gehabt.

„Warum hast du dich umentschieden?"

„Weil Mama sagt, dass in der heutigen Windschaft … da ist es sehr schwer, als Pferd Geld zu machen."

Da könnte Steffi etwas auf der Spur sein. Ich nickte.

„Ja, die Windschaft heutzutage ist hart."

„Deswegen möchte ich jetzt Ärztin werden … oder Traktorrennfahrerin."

„Beides gleichwertig wichtige Berufe", sagte ich schmunzelnd. „Du hast ja noch etwas Zeit, bis du dich entscheiden musst."

„Mhm … weil, Ärztinnen müssen auch Pipi untersuchen und das will ich nicht“, erklärte sie und fing wieder an zu hopsen. Also von meinem jetzigen Standpunkt aus würde ich ihr eine Karriere als Trampolinspringerin empfehlen. „Was wolltest du denn früher werden?“

„Nutellatesterin“, sagte ich wahrheitsgemäß. Meinen geheimen Maskottchenwunsch ließ ich unerwähnt. Manche Träume waren nur für einen selbst bestimmt.

„Oh.“ Isas Gesicht erhellte sich. „Warum bist du das nicht geworden?“

„Wegen der furchtbaren Windschaft“, sagte ich und drückte ihr einen feuchten Kuss auf die Wange. Weil ich sie so sehr liebte – und weil sie bitte sofort aufhören musste, meine Beine umzubringen!

„Und weil sie das Nutella immer zu schnell gegessen hat, als dass sie überhaupt was hätte schmecken können“, meldete sich Jannis zu Wort, der im Halbschlaf am Tisch saß.

„Weißt du eigentlich, was dein Papa werden wollte, als er klein war?“, flüsterte ich leise, meinen Bruder ignorierend. „Ballerina. Oder Prinzessin. Er konnte sich nicht entscheiden.“

Steffi, Jannis’ Frau, fing laut an zu lachen.

Mein Bruder öffnete ein skeptisches Auge. „Warum lachst du darüber?“

„Weil es wahr ist“, prustete sie und legte ihrem Ehemann eine Hand in den Nacken. Die beiden kannten sich noch aus der Schule und hatten keine Geheimnisse voreinander. Das hatte viele positive Seiten. Für mich.

„Das Essen ist fertig“, rief in dem Moment meine zweite Nichte Lara, die aus der Küche gefegt kam. „Und Omi sagt, dass ihr alle das Rührei essen müsst, auch wenn ich reingeniest habe.“

„Das stärkt nur eure Abwehrkräfte“, sagte meine Mutter, die mit Pfanne und Brötchenkorb bewaffnet ihrer Enkelin ins Esszimmer folgte.

„Und wenn nicht, dann mach ich ein Pflaster drauf“, sagte Isa stolz. „Ich kann das, ich bin kein Pferd mehr.“

„Das ist toll, Liebes“, sagte meine Mutter lächelnd und stellte das Essen ab, bevor sie sich zu mir wandte. „Wo ist deine Schwester, Lou?“

Was denn? Kaum war Emily zu spät, war sie meine Schwester und nicht mehr die von Jannis? Oder gar ihr Kind?

Ich stand auf und setzte mich an den Tisch. „Ich habe keine Ahnung. Aber ich bin sicher, sie verspätet sich aufgrund meines schlechten Einflusses. Wahrscheinlich hat sie eine Leiche gefunden.“

Keiner widersprach.

Emily klingelte zehn Minuten nach elf an der Tür und ihre geröteten Augen ließen mich vermuten, dass es womöglich doch Alkohol war, der sie daran behindert hatte, pünktlich zu kommen – nicht etwa ich oder eine Leiche.

Das Gute an ihrer Verspätung war, dass Mama ihr allsonntägliches Kreuzverhör an ihr vornahm und nicht an mir. Innerhalb von fünf Minuten hatte sie Emily so sehr ins Schwitzen gebracht, dass sie einen Wet-T-Shirt-Contest hätte gewinnen können.

„… und was willst du tun, wenn du dein Studium beendet hast? Wann ist es überhaupt endlich soweit? Und was für Jobmöglichkeiten gibt es im Feld Ethnologie?“

Emmi sah aus, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie sich übergeben oder weinen sollte.

„Nun ja“, sagte sie schließlich, als Mama keine Anstalten machte, weiterzureden, bevor sie es nicht tat. „Ich hatte gestern eine brillante Geschäftsidee.“

„Aber du bist weder brillant, noch hast du einen Geschäftssinn“, bemerkte Jannis skeptisch. „Sieht noch jemand ein Problem darin?“

Steffi schlug ihm gegen den Hinterkopf. „Hör auf, deine Schwester zu ärgern und sei ein gutes Beispiel für deine Kinder.“

„Sagt die Frau, die ihren Mann schlägt“, grummelte er.

Isabell, Lara und ich kicherten.

„Und zwar habe ich mir überlegt, in die Internet-Branche einzusteigen“, referierte Emmi weiter, das Kinn in die Höhe gereckt. „Dort gibt es einen breiten Markt für junge, hübsche Frauen wie mich.“

„Tatsächlich?“, fragte meine Mutter, die zwar hervorragend E-Mails beantworten und Google bedienen konnte, aber das Internet sonst als Zeitverschwendung betrachtete. „Was für ein Markt?“

„Er nennt sich YouTube“, sagte sie und schmierte sich Nutella auf ihr Brötchen. „Damit kann man Millionen machen. Man braucht nur die richtige Art von Videos.“

Eine steile Falte bildete sich auf der Stirn meiner Mutter, gemischt mit einem unterschwelligen Ausdruck von Entsetzen, und ich hätte schwören können, dass sie das Wort ,Nacktvideos’ mit ihren Lippen formte.

„Mir ist sehr wohl klar, was YouTube ist, Emily“, stellte meine Mutter klar und spuckte das Wort aus wie eine verfaulte Auster. „YouTube ist die legitimierte Niveaulosigkeit!“

„Das ist nicht wahr“, versuchte ich sie zu beschwichtigen. „Es gibt auch gute Dinge auf YouTube. Geschichtsdokumentationen, lustige Tiervideos und Kochtipps zum Beispiel.“

Meine Mutter sah zu Emily. „Emmi, Schatz, willst du Geschichtsdokumentationen, lustige Tiervideos oder Kochtipps drehen?“

„Um Gottes willen, nein! Ich möchte in die niveaulose Sparte, die du gerade angesprochen hast.“

„Emily“, sagte mein Vater und räusperte sich, der wohl mitbekommen hatte, dass seine Frau gerade eine Panikattacke erlitt. „Videos zu drehen ist wirklich kein ernstzunehmender Job.“

„Sag das mal Gronkh oder dem Mädel von Bibis Beauty Palace“, schnaubte Emily. „Wirklich: Ich muss nur noch ein gutes Thema finden und ich bin im Geschäft. Und sorry, Mama, aber mit lustigen Tiervideos macht man kein Geld.“

„Außer, man macht eines dieser Videos, in denen die Katzen Angst vor Gurken haben“, erinnerte sie Steffi.

„Oh richtig, das war lustig! Aber wie gesagt“, Emily räusperte sich, „um richtig erfolgreich zu sein, brauche ich ein Thema, das alle interessiert und nicht langweilt. Aber das kriege ich schon hin.“

Man musste es meiner Schwester lassen: Ihr Optimismus war unbrechbar.

Etwas, das meine Mutter nicht von sich behaupten konnte. „Du wirst dich nicht vor der Kamera zum Affen machen!“, sagte sie aufgebracht. „Das ist wirklich nicht das, was eine junge Dame zu ihrem Beruf machen sollte! Ich …“

Sie fuhr mit ihrer Tirade darüber fort, dass Emily doch eigentlich so intelligent wäre und sie endlich aufwachen müsse, doch ich nahm nur die Hälfte davon wahr, denn meine Schwester hatte mich mit ihrem Ellenbogen angestoßen und sah mich flehentlich an.

„Was?“, wollte ich leise wissen.

„Hilf mir!“, zischte sie.
„Wie denn?“, antwortete ich und versuchte meinen Mund nicht allzu sehr zu bewegen. „Ich werfe mich ganz sicher nicht selbst in die Schusslinie.“

Emmi verengte die Augen. Schließlich seufzte sie schwer, ließ ihren Blick erneut zu unserer Mutter flackern und murmelte in meine Richtung: „Sorry, ich hab dich lieb, aber ich kann nicht mehr“, bevor sie laut verkündete: „Lou war vorgestern Abend im Gefängnis.“

Abrupte Stille senkte sich über den Tisch, während ich ungläubig den Mund öffnete. Mir fielen spontan einige Worte ein, die ich Emily an den Kopf werfen wollte, aber es waren Kinder anwesend.

Ausnahmslos alle starrten mich an, Jannis und Emily beide breit grinsend, und ich wusste mir nicht besser zu helfen, als Emily ihr Nutellabrötchen wegzunehmen, Salz draufzustreuen und es ihr bestimmt wieder in die Hand zu drücken.

„Du wirst das essen, und wenn ich es dir den Rachen hinunterstopfen muss“, zischte ich.

„Louisa Josephine Manu, ist das wahr?“ Meine Mutter war ganz blass geworden.

„Hast du jemanden umgebracht?“, wollte Lara mit offenem Mund wissen.

„Nein, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden“, grummelte ich und warf Emily einen giftigen Blick zu.

Mein Vater hatte amüsiert eine Augenbraue gehoben und tätschelte seiner Frau die durchgestreckten Schultern. „Ich bin mir sicher, es war ein Missverständnis, Gitti“, sagte er und versuchte die Wogen zu glätten. „Oder?“ Erwartungsvoll sah er mich an.

„Na ja, also … ähm … ich würde mal sagen … ja?“

Und auch der letzte Tropfen Blut floss aus dem Gesicht meiner Mutter.

Wäre ich doch nur Nutellatesterin in Südamerika geworden. Dann hätte ich mich jetzt nicht mit dem Scheiß hier herumschlagen müssen.

Vierundfünfzig Minuten später hatte ich meine Mutter davon überzeugen können, dass ich keine Drogen nahm und Freitagnacht auch nicht der Anfang meiner kriminellen Karriere sein würde. Ich wollte ihr nicht erzählen, dass ich wieder eine Leiche gefunden hatte - auch wenn ich diesmal wirklich nicht allein damit gewesen war – deswegen beließ ich es bei der Aussage, dass ich die falsche Tür genommen und mir somit wider meines Wissens ungebeten Zutritt zu einem Privatbesitz verschafft hatte. Jannis prustete so oft während meiner Geschichte, dass ich Angst hatte, meine Mutter würde die Lüge sofort durchschauen. Doch ihr Blutdruck war offenbar so hoch, dass ihr Gehirn langsamer arbeitete.

Sobald sie sich beruhigt hatte, entschuldigte ich mich, zog meine Gummistiefel über und setzte mich in den Vorgarten. Ich trug meine ältesten Jeans und ein hässliches braunes T-Shirt und konnte somit ohne schlechtes Gewissen meine Hände tief in die Erde vergraben, um den Oleander zu pflanzen. Die Sonne hatte die Wolken verdrängt und schien warm auf mein Gesicht. Drei Setzlinge später hatte ich mich beruhigt und plante nicht mehr Emilys baldige Hinrichtung. Ich wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und stellte beunruhigt fest, dass ich in letzter Zeit wirklich außergewöhnlich oft darüber nachgedacht hatte, andere Leute umzubringen, als ein Schatten über mich fiel.

Ich blickte automatisch auf und ließ vor Schreck meine Gartenschaufel fallen.

„Na, schaufelst du dir gerade dein eigenes Grab?“

Fahrig strich ich mir die Haarsträhnen, die sich aus meinem lockeren Knoten gelöst hatten, aus dem Gesicht und versuchte abwesend meine dreckigen Hände an meiner Jeans abzuwischen.

„Was … was tust du hier?“, fragte ich perplex.

Es war eine Sache, wenn Josh an meine Wohnungstür klopfte – was er zugegebenermaßen schon seit Längerem nicht mehr getan hatte – etwas ganz anderes jedoch, wenn er im Vorgarten meines Elternhauses stand. Es hatte etwas merkwürdig Intimes, dass er hier stand und meine Mutter keine drei Meter entfernt in der Küche hantierte.

Rispos Blick glitt an meiner Erscheinung hinab. Sein Blick blieb an meiner Stirn, meinen Wangen, meinem dreckigen T-Shirt hängen, bevor er leicht den Kopf schüttelte.

„Ich hätte mir denken können, dass du Erde gerne mit deinen Händen umgräbst – wo du doch so gerne im Dreck anderer Leute wühlst.“

Das war unnötig feindselig, fand ich.

„Bist du wütend auf mich?“, fragte ich irritiert und rappelte mich vom Boden auf.

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    Saskia Louis (Autor)

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Titel: Mordsmäßig kaltgemacht - Louisa Manus dritter Fall