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Chef, ich bin dann mal Windeln wechseln (Humorvoller Roman, Humor)

von Mats Federberg (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Mats Federberg gibt einen humorvollen Einblick in die Abgründe und Risiken des Elterndaseins aus der Perspektive eines Vaters. Umwerfend komisch, voller abgründiger Pointen und unerhörter Begebenheiten. Mit bissigem Humor und großer Verve rechnet er mit den Illusionen des Vaterdaseins ab – ebenso wie mit Erziehungsratgebern und allen anderen, die es stets besser wissen. Zugleich ist das Buch eine Liebeserklärung an die größte Herausforderung seines Lebens: seine Tochter.

Impressum

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Erstausgabe September 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-234-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-525-3

Covergestaltung und -illustration: Christin Peulecke
unter Verwendung eines Motives von
© Asier Romero/shutterstock.com
Illustrationen im Buch: Mats Federberg

Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen, ausgenommen der Familie Federberg, dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen außerhalb der Familie Federberg, ob lebend oder tot, wären rein zufällig. Die Ereignisse haben sich zum größeren Teil so zugetragen. Einiges ist aus Erzählungen von Freunden, einiges ist weitergesponnen und weniges erfunden.

Abhänig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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1. Supermans Countdown

Tag der Geburt – nachgeburtliche Vaterschmerzen

Ein Mädchen! Ein gesundes, süßes Mädchen!
Einundfünfzig Zentimeter pures, zartrosanes, schlummerndes, herrlich riechendes Glück!
Getragen von einer Glückswelle schwebe ich mit meinem Fahrrad von der Geburtsklinik nach Hause. Die Stadt verschwimmt zu einem leuchtenden Aquarell.

Von rechts nehme ich zwar einen Schatten wahr, aber er dringt nicht in mein Bewusstsein.

Ich spüre nichts als den kühlen Fahrtwind. Ich fliege. Ich bin Papa! Ich bin Superman!!!

In diesem Moment kracht es und ich werde ruckartig aus dem Sattel geschleudert.

Scheiße, ich bin nicht Superman, denke ich noch, dann schlage ich auf.

Als ich versuche, meinen Körper vom Asphalt zu lösen, nehme ich langsam wieder Geräusche wahr.

„Hey, Haaallo!“, ruft eine Männerstimme.

Jemand fuhrwerkt mit seiner Hand in meinem Gesicht herum. Plötzlich kneift er mir heftig in die Nase. Ist der bescheuert?

„Aua! Was machen Sie da? Sie reißen mir ja die Nase ab!“

„Erste Hilfe. Man soll den Bewusstlosen zwicken. Hab ich mal gehört“, erklärt er.

„Das nennen Sie zwicken? Und sehe ich etwa bewusstlos aus?“

„Auf dem Fahrrad gerade schon. Haben Sie mich nicht gesehen?“, antwortet er.

Jetzt erkenne ich erst, dass sich der Kneifer aus einem Rollstuhl zu mir runterbeugt; ich muss wohl mit ihm zusammengeprallt sein. Keine Ahnung, woher der Kerl so schnell kam. Er hat wahrscheinlich einen ebenso hervorragenden Tag und mit Hilfe des abschüssigen Geländes gerade einen persönlichen Geschwindigkeits­rekord aufgestellt.

Ich quäle mich auf meine zitternden Beine.

„Natürlich habe ich Sie gesehen, aber Sie können hier doch nicht so rasen mit Ihrer Kiste!“, versuche ich mich zu rechtfertigen.

Sie sind gerast. Und zwar bei Rot über die Fußgängerampel!“ Er guckt mich schief an.

„Ich glaube, Ihr Finger sieht nicht gut aus.“

Ich schaue meine Hände an. Tatsächlich ist mein linker Ringfinger von einer Geometrie, wie ich sie nicht mit ihm vereinbart habe. Schon setzt ein heftiger Scherz ein. Mir wird schwindlig.

„Kommen Sie klar?“, fragt der als Rollstuhlfahrer getarnte Formel-1-Pilot. Ihm scheint nichts passiert zu sein.

„Ich glaub schon“, stöhne ich. Bloß erst mal weg, am Ende will mich der Kneifer auf seinem Schoß in die Ambulanz fahren.

Ich schiebe mich und mein eierndes Blechhäufchen wieder zurück ins Krankenhaus. Ist ja nicht weit.

Mit Gips und guten Wünschen verlasse ich am Abend nun das zweite Mal für heute die Klinik. Nicht ganz so euphorisch wie am Morgen – aber egal – ich bin Papa!

Hausmeister in den Wehen

Drei Tage später habe ich alles vorbereitet. Also vor allem mich. Eigentlich nur mich. Ich habe erst mal eine Ruhe-vor-dem-Sturm-Party gemacht. Ganz für mich allein. Pizzas, Bier, Schokolade und Filme. Und vor allem: nichts aufräumen! Es ist einfach herrlich. Ich glaube, das ist für alle Väter die schönste Zeit im Leben.

Das Telefon klingelt. Meine Frau ruft aus dem Krankenhaus an. Die Klinik bräuchte das Bett, das Baby wäre ja gesund und so können die beiden heute Nachmittag entlassen werden. Wie, heute? Heute ist doch erst mein Aufräumtag! Oha. Ganze vierundzwanzig Stunden früher, als geplant.

„Ist was?“, reißt mich meine Frau aus den Gedanken.

„Nein, alles super!“, versuche ich ruhig zu klingen.

„Hast du die Wärmelampe angebracht?“

Ein leichter Krampf umschließt meine Eingeweide.

„Natürlich, wo denkst du hin!“, antworte ich. „Du … ich muss jetzt, bis dann.“

Ich springe aus meiner Couchmulde, die mir für zwei Tage ein warmes und dankbares Heim geboten hat.

Mir bleiben drei Stunden für Wärmelampe, Aufräumen, Abwaschen und Einkaufen. Ich irre durch die Wohnung. Wo verdammt noch mal ist diese Lampe? Ich finde sie schließlich im Keller. Unter dem Babybettchen. Dem halb zusammengeschraubten Babybettchen. Mist, das gibt’s ja auch noch. Jetzt keine Panik bekommen! Also gut, das Bett werde ich auch noch schaffen. Ich schleppe alles mit meiner nach der Rollstuhlfahrer-Kollision unvergipsten Hand in die Wohnung.

Nach einer halben Stunde klaffen drei faustgroße Löcher in der Wand, in der eigentlich die Dübel der Wärmelampe ein sicher verankertes Heim finden sollten. Die Wand und ich haben uns scheinbar vorher nicht ausreichend bekannt gemacht. Bei näherer Betrachtung stellt sie sich als eine von Gipskarton vor. Gut, das habe ich natürlich nicht gewusst. Und ich habe sie ungebührend mit bürgerlich-gewöhnlichem Bohrbesteck begrüßt!

Ich verdeutliche der Wand, dass wir aus demselben Hause stammen und ich selbst teilweise aus Gips bin, wobei ich meinen verbundenen Ringfinger hochhalte. Doch es hilft nichts. Nach dem nächsten zerbröselten Loch gebe ich auf. Wer bitte denkt bei der Geburt eines Kindes an Gipskarton­dübel? Jetzt muss ich also auch noch in den Baumarkt. Oder halt! Wozu haben wir eigentlich einen Hausmeisterservice? Zumal ich gerade schwerstbeschädigt bin. Ich suche die Nummer raus.

Gott sei Dank ist er schon nach einer halben Stunde da. Allerdings auch etwas unheimlich. Als ob der Kerl den Auftrag gewittert hat. „Ullmann“, stellt er sich vor und ist dabei auch schon ein gutes Stück in die Wohnung vorgedrungen.

Er scheint meine Dringlichkeit gespürt zu haben.

„Was ist denn passiert?“, fragt er beim Anblick der ungewöhnlich arrangierten Nahrungsmittelreste.

„Ich bin Vater geworden“, schalle ich ihm stolz entgegen.

Doch Ullmann werkelt schon am Fenster herum.

„Nein, nein, die Fenster sind in Ordnung“, rufe ich.

„Entschuldigung, ich muss nur mal kurz durchlüften“, meint er.

Fünf Minuten später hängt die Wärmelampe über dem Wickeltisch. Einschließlich zugegipster Löcher. Gut, er macht das ja beruflich, versuche ich mich aufzubauen.

Sein Besuch dauert trotzdem fast eine Stunde. Er ist einer jener Menschen, bei denen man nur eine Silbe mit den Lippen andeuten muss, und der daraufhin selbstlos die komplette Last der Konversation übernimmt. Diesen Menschen ist zu danken, denn sie schultern generös das gesamte Gespräch, einschließlich der Fragen an sich selbst, die sie dann auch gleich noch beantworten.

Die Zeit drängt, in einer Stunde muss ich spätestens im Krankenhaus sein! Ich könnte platzen. Ich weiß nicht, wo ich zuerst anfangen soll. Doch Ullmann erzählt ausschmückend von der Geburt seines Sohnes. Ich versuche ihn zu unterbrechen, doch sein Blick macht deutlich: Jetzt rede ich! Und ich akzeptiere nur andächtiges Zuhören. Nach schier endlosen Minuten ist endlich die Nabelschnur durchgeschnit­­ten. Doch zu früh gefreut. Er geht nahtlos zur Schilderung einer weiteren Geburt über. Ich habe keine Ahnung, wie viele Kinder noch folgen. Da er es sich inzwischen ungefragt in meinem Sitzsack bequem gemacht hat, muss ich das Schlimmste befürchten.

Zwischen seinen einzelnen Monologblöcken versuche ich ein vernehmbares „Hhm“ oder „Aha“ unterzubekommen. Da er mit dem Rücken zur Tür sitzt, kann ich mich schließlich unbemerkt rausschleichen. Gott sei Dank! Nun kann ich in Windeseile wenigstens noch grob die restliche Wohnung aufräumen. Ich stürme mit einer Mülltüte durch die Zimmer. Plötzlich erstarre ich. Ich vernehme plärrendes Babygeschrei.

Verdammt, meine Frau und das Kind stehen schon vor der Tür! Ich bin zu spät! Doch halt, das Geräusch kommt aus dem Kinderzimmer. Von Ullmann, dem hinterhältigen Imitationskünstler. Er hat gerade die Perspektive gewechselt und ist in die Rolle eines seiner Neugeborenen geschlüpft. Wird man als Vater automatisch verrückt? Dann ist es plötzlich ganz still. Mein Schweiß rinnt: Jetzt wird er herausgestürmt kommen. Doch seine Erzählstimme erhebt sich erneut. Es scheint eine weitere Geburt zu folgen.

Schnell schiebe ich das Babybett ins Schlafzimmer. Zumindest die meisten Teile. Ich hoffe, das hält so.

Ich versuche, mich zu sammeln. Wo war noch mal die Babyschale fürs Auto? Mist, ausgerechnet im Kinderzimmer bei Ullmann! Als ich mich reinschleiche, kniet der Hausmeister gerade auf einem Kissen, schleudert seinen grauen Zopf hin und her und führt mit dem ganzen Körper seltsame Schraubbewegungen durch, als ob er zwei große Kanalrohre voneinander trennen will. Ich bekomme mit, dass es sich diesmal um die Schilderung einer Zwillingsgeburt handelt.

Seine Gesichtsmuskeln liegen in den Wehen. Seine Zunge hat sich schon ein ganzes Stück herausgeschoben. Viel scheint nicht mehr zu fehlen, dann ist sie endlich raus. Und wieder schraubt er mit zitternden Armen in der Luft. Ich verkneife es mir zu fragen, wie es speziell diesen Kindern heute geht. Ich will das Monologfeuer nicht weiter anheizen, ich muss endlich los!

Ich simuliere einen dringenden Anruf aus dem Krankenhaus. Mühsam bekomme ich Ullmann aus der Tür.

„Wir können uns ja das nächste Mal weiter unterhalten“, meint er. Als er weg ist, atme ich durch. Ich erwische mich dabei, dass es eher wie ein Hecheln klingt.

Am Abend liegt nun mein Töchterlein, dieses winzige Häufchen Niedlichkeit und Friedlichkeit, zum ersten Mal bei uns zu Hause in ihrem Bettchen. Meine Knie sind von der Konsistenz warmer Butter. Doch zum Glück habe ich meine Frau, die mich stützen kann.

Die Friedlichkeit und Ruhe währt bis zur Dunkelheit. Dann erwacht das Wesen zum Leben – und der erste Schrei währt bis zum Morgengrauen.

Gott sei Dank muss ich früh ins Büro.

Drei Wochen später: Aufgeflogen

In letzter Zeit erscheint mir mein Arbeitsplatz als der friedlichste Ort der Welt. Es ist einfach herrlich, in Ruhe hinter dem Bildschirm zu sitzen. Selbst das sporadische Fluchen meines Chefs klingt gegen unser Brülläffchen nun eher wie der zarte Gesang einer verliebten Nachtigall. Er hat selbst vier Kinder. Jetzt ist mir auch klar, wieso er immer so lange auf Arbeit ist. Seine Frau managt die Kinder allein, zudem ist sie auch noch berufstätig. Keine Ahnung wie Mütter das schaffen. Aber gegenüber dem stämmigen X-Chromosom des weiblichen Geschlechts muss der Mann mit seinem geduckt dahockenden Y-Chromosom einfach irgendwo seinen Tribut zollen.

Die letzten Wochen zu Hause waren schrecklich. Wenn die Kleine nicht gerade schläft, dann schreit sie und wenn meine Frau nicht gerade schläft, dann stillt sie. Ich verdrücke mich so lang wie es geht ins Büro. Hält ja kein Mensch aus.

„Warum musst du ausgerechnet jetzt immer so viele Überstunden machen?“, fragt sie mich. „Hat dein Chef kein Einsehen?“

„Ich kann mir das auch nicht recht erklären“, antworte ich.

„Das habe ich vermutet. Deswegen habe ich ihn heute Mittag mal angerufen.“

Ah ja. Pfff.

„Er sagt, es gäbe gar nicht mehr zu tun als sonst!“

„Das reicht ja auch völlig! Außerdem bin ich einfach unkonzentriert wegen der Schlafunterbrechung jede Nacht. Ich brauche halt für alles länger momentan“, versuche ich mich zu rechtfertigen.

„Soso, wegen der Schlafunterbrechung. Soll ich dir mal was sagen? Ich bin froh, wenn ich zwischen den fünfmal Stillen pro Nacht einmal ein kurzes Nickerchen machen kann! Als Wachunterbrechung! Und ich kann mich nicht erinnern, wann dein Schnarchen in letzter Zeit mal deutlich nachgelassen hätte!“

Das saß.

Doch so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Ich habe mich vorbereitet.

„Hör mal, das ist bei allen so! Es gibt eine Statistik, die sagt, dass frischgebackene Väter länger auf Arbeit sind! Kann ich dir raussuchen.“

„Und? Sagt die Statistik auch warum?“

Ich überlege fieberhaft.

„Wahrscheinlich, weil die Väter nun mehr Geld für die Familie verdienen müssen!“, schließe ich.

„Und verdienst du mehr Geld?“

„Ähhh …“

Mist. Schon wieder erwischt.

Zwei zu null für die bessere Betthälfte.

Ich bin aufgeflogen. Ab jetzt muss ich also pünktlich zu Hause sein.

Wozu eigentlich? Seit der Geburt bin ich für meine Frau eh von gasförmiger Existenz. Wenn die Kleine schläft, schläft meine Frau auch. Wenn die Kleine dagegen schreit, rennt ihre Mutter durch mich hindurch zu ihr hin. Selbst Luft hat eine größere Daseinsberechtigung, da man sie atmen muss. Ich dagegen trete für meine Frau nur hin und wieder als materielle Erscheinung auf, meist dann, wenn es ums Materielle geht: Wenn Windeln und Cremes besorgt werden sollen.

Niemand macht mir mehr Schnittchenteller für das gemütliche Abendbrot vorm Fernseher! Wozu auch, es ist ja vorbei mit gemütlichem Abendbrot vor dem Fernseher. Und niemand massiert mich mehr. Ich bin völlig mir selbst überlassen!

Und die Aufgabenteilung ist klar. Sie das Kind – ich das Büro. Sie noch die Wäsche – ich … das Büro. Bei ihr kommt dann noch das Kochen dazu. Bei mir der Weg zum Büro. Bügeln, Aufräumen, Putzen – auch das reißt meine Frau noch an sich. Gut, ich würde mich mit meiner Frau nicht darum schlagen. Niemals!

Ich gehe aber noch einkaufen, genau! Auf dem Weg vom Büro. Und wenn Reparaturen zu erledigen sind, ist das schließlich auch Männersache. Und Hausmeister Ullmann ist ja ein Mann.

Mutter-Kind-Decken-Partys

Die Kleine schreit etwas weniger, vergisst es zeitweise völlig und meine Frau beginnt, Mutter-Kind-Decken-Partys im Park zu veranstalten.

Der einzige partyähnliche Teil meines Lebens besteht aus bunten Büroklammern.

Picknicks im Park, sowas will ich auch! Zur Not auch mit Vätern.

Wie oft sehe ich, wenn ich im Sommer dienstlich unterwegs bin, schon vormittags entspannte Mütter zusammen mit ihren noch entspannteren Babys im Park liegen! Die Babys schlafen einfach oder kichern glücklich.

Neben diesen Picknicks macht meine Frau mit unserer Kleinen Spazierfahrten im Buggy, planscht beim Kleinkindschwimmen oder macht ein Mittagsschläfchen. Mittagsschläfchen! Ich werde immer neidischer. Während meine Frau ihr Nickerchen macht, muss ich durch das zähe Mittagstief waten und mich durch einen Sumpf aus Berichten schlagen. Ich finde das einfach ungerecht! Ich will auch mehr Zeit mit meiner Tochter haben.

Ich will Elternzeit!

Vaterseelenallein

Man hat mich erhört. Ich bekomme viel Zeit mit meiner Kleinen.
Meine Frau ist noch mal schwanger. Siebente Woche. Ja doch, es war geplant. Dieser Plan sieht vor, dass sich beide Kinder möglichst bald neutralisieren und wie das chinesische Symbol Yin und Yang eine harmonische und in sich ruhende Einheit bilden sollen. An sich eine gute Idee, bekundeten mir kürzlich Freunde, die auch zwei Kinder haben. Auch sie hätten vergleichbare Gedanken gehabt. Wenn auch weniger naiv. Und bei allem Respekt befürchteten sie, dass selbst unsere sicherlich hochintelligenten Kinder nicht sofort alle Bereiche der chinesischen Philosophie verinnerlicht haben würden.

Nun ist es zu spät, das Yang ist bereits im Bauch.

Doch plötzlich gibt es Schwangerschaftskomplikationen bei meiner Frau. Es besteht große Gefahr, das Kind zu verlieren!

Meine Frau muss ruhig liegen. Den ganzen Tag. Die ganze Woche. Vermutlich die ganze Schwangerschaft über!

Auf einen Schlag bin ich quasi alleinerziehend – und völlig ausgeliefert. Plötzlich stehe ich vaterseelenallein in der Arena! Vor mir das Hufe scharrende Böckchen – und ich bin das rote Tuch.

Da habe ich also meine Zeit mit dem Kind.

Elternzeit kann ich, wie befürchtet, so schnell nicht beantragen; wie immer gibt es auf Arbeit überlebenswichtige Termine. Ich soll sogar auf Dienstreise. Nicht nach Berlin. Auch nicht London. Nach China!

„Zum Chinamann kannst du fahren“, reagiert meine Frau als ich das Thema anklingen lasse. „Und bitte zwei Portionen für mich. Mit viel Fleisch!“

Ich kann sie unmöglich in der Situation allein lassen. Jetzt muss unser Yang im Bauch meiner Frau bewahrt werden! Die Chinesen haben genug davon.

Mein Chef zeigt Unverständnis, wie für fast alle zwischenmenschlichen Dinge. Verständnis zeigt er nur für Umsatzzahlen und da auch nur für die kräftig steigenden unter ihnen. Er hat das Mitgefühl eines gusseisernen Schraubstocks. Doch ich weigere mich, zu fliegen. Ich fühle, das wird der Beginn vom Ende meiner Karriere sein.

Für meine Arbeitszeit haben wir eine Tagesmutter gefunden. Doch davor und danach bin ich dran. Bis es dunkel wird. Bis ich leblos ins Bett falle. Und morgens von Neuem. Schraubstockchef – Kind – Haushalt. Und die Kleine will alles, nur nicht auf Decken in Parks liegen! Nie. Keine Sekunde. Mit ihrer Energie ließe sich der Strombedarf einer mittleren Kleinstadt decken. Davon hat mir meine Frau nichts erzählt. Ich bewundere alle Mütter. Ich vergöttere Alleinerziehende, die länger als zwei Wochen überleben.

Um meinem Umfeld den Grund für mein zweifellos baldiges Ableben zu dokumentieren, muss ich Tagebuch führen. Das glaubt mir sonst kein Mensch!

2. Tagebuch

03.05. Graue Haare

Schleppe mich morgens ins Bad. Aus dem Spiegel glotzt eine sabbernde Bulldogge mit zerknautschtem Gesicht. Ich weiß nicht, was Schönheitschirurgie heutzutage vermag, aber sie würde Grenzen ausloten müssen. Moment mal, was glänzt da so silbern an meiner Schläfe? Das sind graue Haare! Und gleich ein ganzes Büschel! Jetzt ist es endgültig so weit. Anschnallen und beige Strickjacke überziehen – Eintritt in die Seniorenumlaufbahn. Ab auf die Spur rechts außen zu den Brummifahrern und Leuten, die ihre Zähne nachts im Glas lagern. Ich habe schon so was geahnt. Gestern im Supermarkt wurden alle Kunden vor mir von der Kassiererin mit „Hallo“ begrüßt. Als ich dran war, musterte sie mich, überlegte kurz und sagte schließlich: „Guten Tag.“ Ich habe mich noch nie so alt gefühlt.

Zu meinem Entsetzen fallen die grauen Haare auch noch aus! Reiße die zugeschwollenen Augen auf. Moment mal, das ist … Gott sei Dank. Es ist nur Lametta!

Lametta?!

Wie verdammt kommt dieses Zeug in mein Resthaar? Mitten im Mai! Dafür gibt es nur eine Erklärung.

Da schreit sie auch schon aus der Küche. Es ist dieses durch­dringende Schreien, das gar nicht besonders laut ist – ich bin mir sicher, unsere Nachbarn bekommen nichts davon mit – aber es ist wirksam, da es gerichtet ist. Und zwar an mich. Nur an mich. Es ist eine einfache, aber perfide Methode, die letztlich immer wieder funktioniert. Und nur ich kann das Schreien abstellen, und das ist der Absenderin selbstverständlich mehr als bewusst. Sie ist Achtundzwanzig. Genauer gesagt achtundzwanzig Monate.

Pumpe noch mal die Lungen durch. Im Spiegel ist nur mein Kopf zu sehen. Ich habe Angst, nach unten zu gucken. Befürchte, dass da nichts mehr ist. Selbst ein Schluck Wasser müsste sich nach mehr anfühlen. Zur Eindämmung meiner Körperverwahrlosung bleibt keine Zeit. Ich muss in die Schlacht, es nützt nichts.

Der nächste Schrei erwischt mich im Mark. Ich stürme zum Epizentrum der Schallwellen und sehe noch, wie mein kleines Urknällchen der Schüssel, die gerade abwägt, ob sie an der Tischkante verbleiben solle oder nicht, die Entscheidung abnimmt. Der Müsli-Himbeer-Milchbrei ergießt sich klatschend über Mobiliar und Boden und gibt ein schmatzendes Geräusch unter ihren Füßen, die nun vom Schlachtfeld in den Flur und schließlich ins Schlafzimmer flüchten, wo die zweite Person, die direkt mit für die Existenz des kleinen Koboldes verantwortlich ist, reglos auf dem Bett zu liegen pflegt.

Nun ist Liegen sicherlich nicht die schlechteste Position. Für die Liegende. Zumindest wenn sie weiß, dass es für einen begrenzten Zeitraum ist und sie jemanden um sich hat, der den Bedürfnissen des Tages nachkommt. Des Vierundzwanzig-Stunden-Tages genauer gesagt. Nur eben für jene letzte Person, also mich, sieht die Lage nicht ganz so glücklich aus und weit und breit kann ich niemanden erkennen, der mir im Rahmen des mir verfügbaren Bestechungskontingentes dieses Schicksal abnehmen würde.

04.05. Vormittags: Mehrfrontenkrieg

Bin in der Küche und koche Hühnersuppe. Für mich, die Liegende und den kleinen Kobold. Eine verräterische Ruhe liegt in der Luft. Die Kleine spielt bestimmt nur, mache ich mir Mut.

Ich höre etwas.

Angespannt lausche ich. Will sie mir etwa auflauern? Sie ist klein, aber ich habe den Eindruck, sie weiß genau, wie verwundbar und schwach ich zurzeit bin, da meine eheliche Rückendeckung kampfunfähig ist.

Da ist es wieder. Dieses klackernde Geräusch! Ich schleiche ins Wohnzimmer. Da sitzt sie. Sie spielt mit Split-Steinchen vom Balkon. Ganz liebevoll lässt sie die Steine zwischen die Schiebetür rieseln. Es kostet sie Sekunden. Mich anschließend volle zwei Stunden, um die Steine mit einem kleinen Pinsel einzeln aus der Fuge zu pulen. Die Tür geht trotzdem nicht mehr zu. Ich muss wieder bei Ullmann anrufen.

In dem Moment, als ich ihn an der Strippe habe, schallt meine Frau aus dem Schlafzimmer: „Sie hat auf dein Kopfkissen gepullert!“

So ist das meistens: Hat man die Nordfront im Griff, bricht an der Südfront der Feind durch. Ob er noch eine Pumpe mitbringen könne, frage ich Ullmann gleich noch. Habe das Gefühl, sein bedingungsloses Verständnis bröckelt. Ich eile mit der Küchenrolle ins Schlafzimmer. Das Kopfkissen mutet wie Treibgut an in meinem Bett, das gerade einem Flussbett gleicht. Erwäge die Telefonnummer des Technischen Hilfswerkes als Kurzwahlnummer zu speichern. Ich beginne mit den Absaugarbeiten. Derweil lässt sich die inkontinente Naturgewalt nicht davon abhalten, nackig über die Matratzen zu purzeln, immer fröhlich durch die genässten Stellen. Ich bin zumindest froh, dass Kleinkindurin noch nicht so stinkt. Man lernt, sich über kleine Dinge zu freuen.

Mittags: Neue Pulliii!

Angriff ist die beste Verteidigung! Ich versuche, mein kleines Unruheherdchen über das Einbinden in Alltagsarbeiten unter Kontrolle zu halten. Und tatsächlich bringt sie ihrer Mama die Hühnersuppe ans Bett. Zumindest Teile davon. Ich wische ihr stillschweigend hinterher. Der Wille zählt. Die übriggebliebene Restsuppe will mein kleines Krankenschwesterchen auch gleich noch selbst essen. Da verabschiedet sich ein Tropfen von ihrem Löffel und lässt sich auf ihren Pulli fallen. Wie in Zeitlupe schauen meine Frau und ich uns an und wir wissen nur zu gut, was jetzt passiert.

„Neue Pulli. Neueee Pulliii!!!“, schluchzt die kleine Überflutete laut los. „Aber da ist doch gar nichts“, stimmen wir im Einklang ein. „Da ist alles absolut trocken!“, bekräftige ich, wobei ich tatsächlich verzweifelt nach der angeblich nassen Stelle suche.

„Neue Pulli! Neue Pulliiiiiiii!“

Stürze zum Kleiderschrank. Mist, ihr Lieblingspulli mit der hässlichen Katze drauf ist nicht da! „Neue Pulliii!“, kreischt es im Nebenzimmer. Schnappe mir schnell den Pullover mit dem Pferd.

„Nee, den nich!“, schluchzt sie noch lauter. „Den nich! Neue Pulliii!“

Hechte zum Wäscheständer. Wo … Gott sei Dank, da sitzt die hässliche Katze zwischen all den frisch gewaschenen Sachen eines halben Kleinkindtages! Der Pulli ist gerade erst wieder trocken geworden, seit dem Müsli-Zwischenfall heute Morgen.

Habe Angst vorm Wäschekorb. Er wuchert und quillt, spuckt und speit permanent dreckige Wäsche aus. Ich fürchte, dass die Sachen wie der süße Brei bald in alle Räume quellen, bis wir darin qualvoll ersticken. Um die Angst zu mindern, nenne ich den Korb Heinz-Jürgen. Wie meinen Onkel. Der gibt auch am liebsten nur Dreckiges von sich.

Nachmittags: Hilferuf, erster Versuch

Suche heimlich im Internet nach einem Kindermädchen oder einer Haushaltshilfe. Meine Frau muss davon erst einmal nichts mitkriegen. Rufe eine Natalie an. Sie spricht gebrochen Deutsch. Sie sei Halbbrasilianerin. Ich frage, welche Hälfte, unten oder obenrum. Sie legt auf der Stelle auf. Fazit: Es gibt ganz humorlose Halbbrasilianerinnen. Ich muss weiter suchen.

06.05. Kein Abfluss unter dieser Nummer

Handy ist weg. Hab jemanden im Verdacht.
„Wo ist mein Smartphone?“, nehme ich die kleine Verdächtige ins Verhör. Als sie mich verständnislos anschaut, versuche ich ihr zu erklären, was ein Smartphone ist. Dass es mein Lieblingsspielzeug ist. Sie scheint zu verstehen. Sie bringt mir eine Plüschkatze mit steifen Barthaaren und grünem Hut. Ich bedanke mich artig und versuche, das Handy zu orten, indem ich es vom Festnetztelefon anrufe. Irgendwo im Bad meine ich ganz leise ein Summen zu vernehmen. Aha, es kommt aus dem Klo.

Horche an der Sitzkeramik. Die Schüssel hat denselben Klingelton wie mein Smartphone. Das wird sicher kein Zufall sein. Es muss im Abflussrohr stecken. Ich muss Ullmann anrufen. Nee, Mist, der steckt ja mit im Klo! Die Nummer ist nur auf dem Handy gespeichert. Muss wohl oder übel selbst ran. Jetzt, wo ich so nahe über der Schüssel hänge, beginnen Würge-Gedanken in mir hochzusteigen. Nein! Bloß nicht das jetzt noch! Ich muss es um alles in der Welt verhindern, es gibt ja nur das eine Klo. Mit einer Hand halte ich mir die Nase zu. Versuche, an was Schönes zu denken. Mit der anderen Hand fingere ich mich in Gefilde vor, an die ich bisher nie einen Gedanken verschwendet hatte. Ich habe nie auch nur ansatzweise darüber nachgedacht, wie es dort aussehen könnte. Obwohl ich sonst gerne reise.

Ich fühle etwas. Ich hoffe, dass es nur mein Handy ist. Tatsächlich, da ist es! Jetzt ist der kleine Kobold fällig!!!

Ich trockne das Gerät mit Klopapier ab und drücke an den Tasten. Es geht noch! Rufe zum Test Ullmann an. Allerdings Scheißverbindung.

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07.05. Örtchen ohne Stille

Ich träume manchmal davon, mich morgens heimlich aus dem Bett schleichen zu können und eine halbe Stunde für mich allein zu haben. Nur ich! Das muss ich mir mal vorstellen! Das Modell kleiner Kobold jedoch, nachts am liebsten zwischen meiner Frau und mir positioniert, ist mit einem integrierten Bewegungssensor der neuesten Generation ausgestattet. Er funktioniert fehlerfrei, berührungslos und unerbittlich. Ich kann noch so geräuschlos aus dem Schlafzimmer schweben, eine Veränderung der Lichtverhältnisse durch das Fehlen meines Körpers oder ein unmerklich feiner Luftzug genügt. Spätestens wenn ich glaube, das rettende Ufer der Türschwelle erreicht zu haben, springt mein kleiner Bewegungsmelder im Bett hoch und ruft: „Papa? Papaaa!“ Schon steht sie kerzengerade auf der Matratze. Jeder normale Erwachsene würde einen Kreislaufkollaps bekommen, aber sie ist so erbarmungslos schnell, dass mir für mich und meine Freiheitsbedürfnisse nicht einmal die Zeit eines Kreislaufzusammenbruches bleibt. Mein Klettchen hat sich eingehakt und verfolgt mich stumm und noch etwas verstört ins Bad. Barfuß steht sie neben mir und beobachtet mich mit zerknautschtem Gesicht. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal allein mit mir und meinen Gedanken war und unbeobachtet tun und lassen konnte, was ich wollte. Sie trappelt weg. Hoffnung keimt in mir auf. Ich setze mich auf die Toilette. Einen Moment später steht Klettchen wieder in der Tür, mit ihrer Decke und dem Kopfkissen. Sie breitet alles vor mir auf den Fliesen aus, legt sich hin und observiert mich mit zugekniffenen Augen. Ich kann so nicht. Verdauung ist schließlich Kopfsache. Denken ist Bauchsache. Die Körperteile sollten sich besser absprechen.

Jedenfalls wird meine Bitte nach Privatsphäre ignoriert. Sie glaubt wohl, wenn ich ihr Geschäft betreue, müsste sie dies auch für mich tun. Ich beende die Sitzung ergebnislos. Ullmann muss mir dringend einen Schlüssel für die Badezimmertür machen!

09.05. Baby-TÜV

Nach einer wieder mal schlaflosen Nacht klingelt es. Ullmann ist schon da. Kein Wunder, ich bin sein bester Kunde.

„Die Kleine bringt mich noch mal um!“, stelle ich fest.

„Dafür gäb’s ’ne Lösung. ’S gibt für alles Interessenten“, entgegnet er.

„Wie bitte?“

Ullmann, der im früheren Leben Autohändler war, entdeckt seine alte Leidenschaft wieder.

Mit ernster Miene mustert er das Prüfobjekt, dessen Nase sich gerade von zähem Inhalt trennt.

„Nu, de Lüftung is verstoppt“, beginnt er seine Hauptuntersuchung. „Das Ansaugrohr leckt och.“

„Bissl Sabber läuft immer mal“, erwidere ich. „Das ist völlig normal.“

„Dann lass uns mal unter de Motorhaube gucken“, kündigt Ullmann an und observiert den Mund der Kleinen. „Aha, do sin Lücken im Zahnriemen.“

Sie beginnt zu schreien. „Viehesche Betriebsgeräusche. Schon bei geringer Belastung.“

„Geringe Belastung! Wenn se dir den Kiefer aufdrücken würden …“

Das Prüfobjekt pupst plötzlich.

„Mit’m Auspuff stimmt doch was ni! Wahrscheinlich der Endschalldämpfer“, kommentiert Ullmann mit heruntergezogenen Augenbrauen.

„Ach was, man muss höchstens den Vergaser bissl einstellen!“, entgegne ich langsam genervt.

Ullmann lässt sie laufen.

„Läuft unrund, schon im Leerlauf.“

„Aber du solltest mal sehen, wie schnell sie früh in die Gänge kommt!“, relativiere ich.

In dem Moment läuft sie lachend mit rückwärtsgewandtem Kopf gegen den Türrahmen.

„Aha, ’s Navi ist och im Eemer.“

„Mein Gott, das muss man halt noch programmieren!“

Dann läuft auch noch die Windel aus. Ullmann hat’s bemerkt.

„Und was is des Braune dorte an den Bremsbacken?“

„Das sind nicht die Bremsbacken. Das sind die Kotflügel! Das ist eben so!“, stelle ich richtig.

„Und wie viel schluckt se so?“

„Vielleicht einen Liter am Tag.“

„Bei wie viel Kilometern?“

„Keine Ahnung, so zwei bis drei.“

„Fuffzsch Liter uff hundert Kilometer, de reenste Sickergrube!“, resümiert Ullmann.

„Nu hör aber auf, das ist schließlich ein Liebhaberstück!“, bricht es aus mir heraus. Schmeiße Ullmann aus der Wohnung. Wie kommt er dazu, meine Tochter madig zu machen, der alte Gebrauchtwagenhändler?!

12.05. Putztiere

Vielleicht sollte ich über Ullmanns Idee noch mal nachdenken. Die kleine Strullerliese hat heute alles vollgepullert, was in unserer Wohnung als Sitzgelegenheit verwendbar war. Jedes Mal streift sie zuvor in einem unbeobachteten Moment die leere Windel ab und versteckt sie irgendwo. Habe ich Glück, erwische ich sie noch, wie und wo sie ihre Markierungsarbeiten verrichtet. Habe ich Pech, finde ich irgendwann nur die Windel und muss dies als Indiz für eine Tat werten. Dann beginnt die Suche nach dem Tatort. Ist er frisch, ist es kein größeres Problem. Dafür steht eine Einheit bereit, bestehend aus einer im Haushalt lebenden Person, die auf meinen Namen hört, Wasser und handelsüblichen Putzmitteln. Liegt die Tat länger zurück, wird ein Sondereinsatzkommando gebildet, dass aus derselben Personen besteht, die jedoch auf diverse technische Ausstattungen und chemische Verbindungen zurückgreift, wie sie beim Kampfmittel­beseitigungsdienst zum Einsatz kommen. Ullmann besorgt mir das Zeug.

Betrete neue Putz-Galaxien. Von einem Wesen namens „Wischmopp“ hatte ich schon gehört, als ich es jedoch lebendig vor mir sah, war das noch mal was anderes. Ich hörte, dass es sogar noch unbekanntere Arten unter der geheimnisvollen Familie der Putztiere gab, wie das sogenannte Wischwiesel. Auch der „Gemeine Bürstsauger“ wurde schon in Kleinkindhaushalten gesichtet. Und selbst beim Wischmopp gibt es noch, auch in Fachlexika kaum gewürdigte, Unterarten wie den nichtflusenden Breitwischmopp. Ich frag mich, wer sich einen flusenden halten würde.

Diese Haustiere haben den Vorteil, dass sie nicht nur pflegeleicht sind, sondern, dass sie zudem selbst pflegen. Sie sind damit in ihrer Entwicklung Kleinkindern weit voraus und sollten für Paare mit Kinderwunsch zur Adoption empfohlen werden.

13.05. Napoleons Erbin

Zugegebenermaßen sollte man in unserer Wohnung derzeit nicht unbedingt Besuch empfangen. Doch meine Frau übertreibt. Sie schäme sich, denn unsere Behausung sähe aus wie nach der Völkerschlacht. Tatsächlich hat Napoleon einst in der Gegend gewütet. Sicher wirkt das noch nach. Dafür kann ich doch aber nichts. Dabei ist Napoleon noch nichts gegen unseren kleinen Imperator! Und während damals die Alliierten aus Russen, Preußen und Österreichern zusammenstanden, kämpft hier ein einzelner zermürbter Sachse!

Im Erdgeschoss wohnt eine Familie aus Österreich, vielleicht sollte ich die mal einladen? Genau! Ich werde eine neue Allianz schmieden! Dieser Gedanke spendet mir Kraft.

Ich stürme das Schlachtfeld und fordere von der kleinen Spielfeldherrin, sie solle sich ergeben. Zumindest solle sie das Sandspielzeug aus der Küche räumen. Und die Sandburg auch gleich. Doch wie Napoleon bekommt sie einen Trotzanfall. Habe gelesen, man solle das trotzige Kind liebevoll auf den Schoß nehmen und ganz ruhig umarmen. Man stelle sich vor, Napoleons Gegner, Blücher oder Metternich, hätten damals den kleinen Stinker einfach mal auf den Schoß genommen und gestreichelt. Was wäre uns für eine Schlacht erspart geblieben!

Während dieses Gedankens verebbt das Geschrei und mein kleines Generälchen ruft das Kommando: „Nase putze!“

Wenn dieser Befehl ertönt, weiß ich: Jetzt ist das Schlimmste überstanden. Wenn man sich dann liebevoll mit einem frischen, weißen Taschentuch nähert, bestehen gute Chancen auf Friedensschlüsse.

Ich fange an, im Kinderzimmer aufzuräumen. Alleine. Vielleicht frage ich doch noch die Österreicher von unten.

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14.05. Bazillenschleuder

Ich sitze in einer Besprechung. Das heißt, mein Chef bespricht mich und alle anderen Kollegen. Wir kommen kaum zu Wort. Zwei Stunden lang. Ich antworte nur ab und zu aus dem Bauch heraus. Mit Magenknurren. Das liegt zum einen an der Abneigung gegenüber seinen Ausführungen und zum anderen daran, dass ich Hunger habe. Diesen habe ich wiederum indirekt meiner Tochter zu verdanken. Das kommt so:

Unser kleines Infektionsherdchen hat eine Sammelleidenschaft: Bakterien und Viren. Sie teilt sie auch gern mit uns. Also die Bazillen, nicht die Leidenschaft. Da ist sie großzügig, das muss man sagen. Andere würden keine fremden Finger an ihre Sammeltassen oder fremde Zungen an ihre Briefmarken lassen. Sie sieht das völlig entspannt. Im Gegenteil, sie bringt mir ihre Sammelobjekte gern vorbei und steckt ihren Finger freiwillig in meine Nase. So lässt sie mich gern an den damit verbundenen Erlebnissen teilhaben.

Sie ist zwei Tage krank und wird von mir verhätschelt. Ich liege dann immer zwei Wochen flach. Allerdings im Stehen! Man kann sich denken, wie das aussieht. Aber es muss ja weitergehen.

Vor ein paar Wochen hatte ich jedoch solche Kopfschmerzen, dass ich das Kopfkissen immer wieder nach großen spitzen Gegenständen abgetastet habe und nicht begreifen konnte, dass ich nicht fündig geworden bin. Meine kleine Bazillenschleuder war längst wieder komplett genesen und ich hatte mich mit ein paar besonderen Sammelstücken meiner Kleinen, die sie günstig von anderen Kindern erstanden hatte, in meine Kieferhöhlen zurückgezogen. Wir feierten Vereiterungstag. Mein HNO-Arzt feierte nach, da er den Auftrag von mir über eine mehrwöchige Selbstbezahler-Spritzenkur bekam.

Der Arzt schlug eine sogenannte Eigenbluttherapie vor. Ich fragte ihn, wenn schon scheinbar kein gesundes Blut verfügbar wäre, ob es denn keine Medikamente gäbe. Er meinte, mein Blut wäre das Medikament. Aha. Der Schamane wollte mir meine eigenen Körpersäfte gegen Geld andrehen. Das sollte wohl ein Scherz sein. Ich willigte trotzdem ein. Was blieb mir anderes übrig? Ich saß auf seinem Behandlungsstuhl und er war gerade mit irgendetwas bedrohlich Metallenem in meiner Nase.

Ich bin jetzt Prämiumkunde. Das heißt, ich darf sofort zu ihm und das Geld überreichen und muss nicht erst vor der Geldübergabe drei Stunden im Wartezimmer sitzen. Außerdem bekommt man, glaube ich, nach fünf Nebenhöhlenentzündungen eine Kieferhöhlenentzündung gratis.

Während mein Chef also spricht, habe ich die Therapie fast hinter mir. Sie ist tatsächlich erstaunlich erfolgreich! Mein Immunsystem läuft nun im Ultra-Turbo-Gang. Sobald ein Keim angreifen will, wird er ansatzlos übers Knie gelegt. Als ob lauter kleine Wladimir Putins mit Judojacke in mir säßen. Ich bin begeistert.

Doch jedes Medikament hat leider auch seine Nebenwirkungen. So wie das Immunsystem auf Hochdruck rackert, hat das Darmflora aufbauende Begleitmedikament auch meinen Verdauungstrakt angekurbelt. Ich habe jetzt den ganzen Tag Hunger! Nur ein paar Minuten nach einem üppigen Essen ist er erträglich, dann frisst er sich schon wieder in die Magengrube. Es ist unglaublich. Vermutlich habe ich dabei in den letzen vier Wochen mein Gewicht verdoppelt.

„Is was?“, weckt mich mein Chef aus meinen Gedanken. Iss was! Ich würde ja gern. Will der mich fertigmachen? Als er weiterspricht, greife ich heimlich zum Handy. Ich tippe schnell eine SOS-SMS an Ullmann. Er soll mich mit einem vorgetäuschten, dringenden Anliegen hier rausholen. Und er soll gleich ein Vierpfundbrot mitbringen. Geschnitten. Ich warte händeringend auf eine Antwort. Dann schreibt er endlich zurück. Er könne in einer Stunde etwas vorbeibringen. Ich muss heimlich ein bisschen weinen. Nicht wegen des Hilfsangebots, sondern weil es wahrscheinlich zu spät sein wird.

16.05. Hilferuf, zweiter Versuch

Bin völlig ausgelaugt. Brauche dringend professionelle Hilfe! Finde im Internet eine Svenja. Ich verabrede mich mit ihr vor der Haustür. Sie sei Doktorandin der Psychologie erklärt sie mir.

„Ach, das ist schon okay. Hauptsache Sie können putzen, waschen und mit Kindern“, antworte ich.

„Nein, nein, ich glaube Sie haben die Anzeige falsch verstanden. Ich suche alleinerziehende Männer für meine wissenschaftlichen Untersuchungen.“

„Welche Untersuchungen?“ Ich verstehe tatsächlich nichts. Soll ich auf ihre rote Couch? Gut. Es gäbe Schlimmeres.

„Mit wem redest du da?“, ruft es plötzlich

aus dem Schlafzimmer.

„Ist das Ihre Frau? Ich dachte, Sie sind alleinerziehend?“, fragt Frau Doktor Kindermädchen.

Ich schlage ihr die Tür vor der Nase zu.

19.05. Mnamnaaa!

Ich fahre nach dem Frühstück mit dem kleinen Kobold zum Bahnhof, um meine Mutter abzuholen. Sie wohnt hundert Kilometer entfernt und soll mir am Wochenende unter die hängenden Arme greifen. Ja, ich würde pünktlich sein, versicherte ich ihr am Telefon. Sie meinte wieder mal, dass sie ungern allein auf fremden Bahnhöfen stünde.

An der Kreuzung höre ich durchs geöffnete Autofenster irgendwo ein „Mnamna!“ rufen.

Mnamna. Ha, die Vokabel kenne ich auch von meinem kleinen Nimmersatt, lächle ich. Scheint die universelle Ausdrucksform für Hunger zu sein. Es ertönt wieder, diesmal mit nicht zu überhörender Dringlichkeit. Mitten in Deutschland muss ein Kind hungern, denke ich noch, als ein erneutes „Mnamnaaaaaaaaaaaaa!“ direkt in mein rechtes Ohr schreit. Oha. Es kommt also vom Rücksitz. Wie kann das sein? Der Nimmersatt hat vor zehn Minuten gefrühstückt! Ihr Verdauungstrakt sollte doch im Gegensatz zu meinem noch intakt sein. Die Nahrung scheint an ihrem Magen nur kurz vorbeizuziehen und zu winken.

Ich halte schnell in einer Parkbucht und renne zum Kofferraum. Wo ist noch mal die Knabberbox? Mist. Auf dem Küchentisch! Ich wühle im Kofferraum. Irgendwas Essbares muss sich doch noch finden lassen. Ein tiefes Hupen hinter mir bläst mir vor Schreck fast die Beine weg. Es ist ein Bus. An der pantomimisch ausdrucksstark ausgearbeiteten Darbietung des Fahrers kann ich ablesen, dass ich nicht in einer Park- sondern in einer Busbucht geankert habe. Ich springe auf den Fahrersitz und gebe Gas.

„Mnamnaaaaaaaaaaaaa!!!“

„Was? Schon wieder?“, erschrecke ich. „Ach so, du hattest ja noch gar nichts.“ Ich springe beim nächsten Bäcker rein, um das verhungernde Mäulchen stopfen zu können. Eine Minute später habe ich schon ein Milchbrötchen in der Hand, schneller ging es wirklich nicht. Will es ihr geben, doch das Auto ist verschlossen. Durch die Scheibe erkenne ich, dass sie mit dem Schlüssel spielt. Au verdammt, ich hatte ihr den Schlüsselbund ja zum Spielen gegeben! Und da hängt der Autoschlüssel dran! Sie muss zufällig auf den Schließknopf gedrückt haben.

Es sind mehr als dreißig Grad im Schatten und alle Fenster sind zu!

Sehe die schrecklichsten Zeitungsberichte vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Keine Panik! Das ist jetzt das Wichtigste. Wenn ich Panik bekomme, beginnt sie zu schreien und wirft den Schlüssel weg. Dann haben wir verloren. Ich muss sie bei Laune halten! Ich zwinge mich zum Lachen und versuche ihr wild gestikulierend zu verdeutlichen, dass sie auf den anderen Knopf drücken muss. Die Leute gucken schon komisch. Gott, dass mir das passieren muss, was für ein verantwortungsloser Trottel muss ich sein? Dann habe ich eine Idee: Der Zweitschlüssel. Er liegt zu Hause. Ullmann muss ihn mir schnell bringen. Greife in die Hosentasche, um das Handy zu holen. Meine verzweifelte Hand sucht und gräbt, in die tiefsten Tiefen. Doch umsonst, sie greift ins Leere.

Das Handy liegt im Auto.

Scheiße.

Die Kleine guckt mich nur an und lacht. Ich könnte heulen. Langsam vergeht auch ihr Lachen. Ich suche gerade nach einem großen Stein. Wie schlage ich am besten die Scheibe ein, ohne sie zu verletzen? Es wird auf jeden Fall teuer. Ich hole aus. Ein Klacken ertönt.

Gott sei Dank!

Sie hat den Schlossknopf gedrückt.

Reiße ihr den Schlüssel aus der Hand. Ich atme tief durch. Ich werde ihr nie wieder den Schlüssel zum Spielen geben. Nun aber schnell zum Bahnhof!

Mit zwanzig Minuten Verspätung treffen wir endlich ein. Meine Mutter guckt finster. Ich entschuldige mich für unsere Verspätung. Kein Problem, wenn sie schon warten müsse, dann am liebsten auf uns. Aber eben nicht auf fremden Bahnhöfen und nicht allein. Und warum ich nicht angerufen hätte? Ich antworte, dass ihr der Bahnhof ja gar nicht mehr so fremd sein könne und man auf Bahnhöfen nie allein ist.

„Mnamnaaaaaaaaa!!!“

„Siehste“, sag ich zu meiner Mutter. „Ach, und herzlich willkommen!“

20.05. Weißweinwäsche, Teil I

Ein bestehendes Problem mit der Flüssigkeitszufuhr unseres kleinen Tollpatsches liegt in der Tatsache begründet, dass sie ihren Trinkbecher oft schneller umkippt, als ich nachschütten kann. Würde man all die von ihr umgeschütteten Flüssigkeiten der letzten Wochen sammeln, könnte die Kleine zweifellos darin gleich ihren Segelschein für Binnengewässer machen.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960872344
ISBN (Buch)
9783960875253
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374357
Schlagworte
Hat deine Mutter Kinder?: Neue Sekundenschafe Das teuflische Mama-Buch: Bekenntnisse einer Mutter mit Fehl und Tadel Sarah Kuttner Eltern iPhone-Papas und anderen Spielplatz-Profis Sozialarbeiterin komisch Eltern werden drei Thorsten Wortmann Karriere im Eimerchen?: Warum Mütter nicht zum Arbeiten kommen Alleinerziehend mit Mann nur irgendwie hochbegabt: Unkorrigierte Geschichten aus der Nachhilfestunde Silia Liebe Kinder Sohn Voll ungechillt!: Wie ich die Pubertät meiner Kinder überlebte Rike Drust NEON Zwei Jan Weiler Business Muksmäuschenschlau: Wie ich als Hauptschulproll ein Abi mit 1+ hinlegte nicht ich: Mitgehört im Öffentlichen Nahverkehr Berit Hullmann Tochter bitte!: 555 unfreiwillig komische deutsche Geschichten Elterndasein Baby Liebeserklärung Nuckelalarm - Das Überlebensbuch für Väter Meine russische Schwiegermutter und andere Katastrophen Fuck the Möhrchen: Ein Baby packt aus Das Pubertier Okka Rohe Muttergefühle Kinderkacke: Das ehrliche Elternbuch Claudia Herrmann Der Maik-Tylor verträgt kein Bio: Neues aus dem Alltag einer Familienpsychologin Windelwahnsinn erzählendes Sachbuch Nina Puri Familienleben Völlig fertig und irre glücklich: Meine ersten Jahre als Mutter Erziehungsratgeber Frau Dokta!: Aus dem Klinik-Alltag einer furchtlosen Frauenärztin Silke Neumayer meine Familie und ich: Yoga-Philosophie für einen entspannteren Alltag Jugendamt NIDO Geburtsvorbereitung Kleine Scheißer in großen Gärten: Eine Vorstadtmutter schlägt sich durch Babykacke riecht nach Rosen: Eine Mutter mit Fehl und Tadel entlarvt Lügen über das Leben mit Kindern Ich bin ein Fundbüro: Mein Alltag mit Kindern Kann ich Pflaster für mein Handy Andrea Sawatzki sonst stirbt ein Einhorn!: 100 nicht ganz legale Erziehungstricks neues Glück Kinder zu bekommen Und ewig schläft das Pubertier Anja Koeseling Peter Imhof Vaterseelenallein Sachbuch

Autor

  • Mats Federberg (Autor)

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Titel: Chef, ich bin dann mal Windeln wechseln (Humorvoller Roman, Humor)