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Ein Schotte zu viel (Liebe, Romantik, Chick-lit)

von Katherine Collins (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Erstausgabe September 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-529-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-528-4

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung von Motiven von
© pixabay.com

Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhänig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Über dieses E-Book

Sina hat es nicht leicht: Als Weddingplanerin richtet sie die Hochzeit ihrer besten Freundin Liny in den schottischen Highlands aus – komplett mit schottischen Wettkämpfen, Kilts und Schafen. Doch ihr Ruf und ihr ehrgeiziger Plan, sich selbständig zu machen, um ihrem Ex und cholerischen Chef bei der Agentur zu entkommen, stehen aufgrund einer Reihe von Pannen und mysteriösen Unfällen auf der Kippe. Auch ihr Tischpartner Islay Campbell erweist sich als äußerst ungalanter Begleiter und harte Nuss. Keine Chance, dass Sina mit ihm als Partner bei den Highland Games das Preisgeld gewinnt, so schlecht wie die beiden miteinander auskommen.

Sollte Sina sich doch lieber für den charmanten, wenn auch aufdringlichen Ian McDermitt, dem Duke of Skye, entscheiden? Wenn da nicht immer dieses leise Kribbeln wäre, jedes Mal wenn sie in Islays Nähe ist – und bei den Highland Games muss man ganz schön auf Tuchfühlung …

Was bisher geschah

Nach der Trennung von ihrem jahrelangen Partner hat Carolina Hildebrecht, genannt Liny, ihren Wohnsitz von Hamburg nach London verlagert, da sie dort nicht nur die Gesellschaft und den Trost ihrer besten Freundin Sina Conrad erhält, sondern zudem noch in die Agentur einsteigen kann, bei der Sina arbeitet.

Als Grafikdesignerin der Hochzeitsagentur WeddingDreams.

Ein bedeutender Auftrag führt beide in die Highlands nahe Inverness. Eine mehrtägige Hochzeit eines namentlich nicht bekannten Paares soll innerhalb kurzer Zeit vorbereitet werden. Das Schloss ist baufällig und alles andere als geeignet für eine romantische Hochzeit, außerdem ist der Verwalter des Guts, Mr Kendrick, nicht erfreut über Linys abwertende Meinung. Trotz der Spannungen knistert es zwischen ihnen und auch Linys abweisendes Verhalten hält Kendrick nicht lange auf Abstand.

Als sie sich schließlich eingesteht, sich mehr zu wünschen, bricht ihr Arbeitgeber George Mortimer in das Idyll und knallt ihr einen Zeitungsartikel vor den Latz, der all ihre Träume zerplatzen lässt: Der Mann, der sich als Lachlan Kendrick vorstellte, wird in dem Zeitungsartikel, auf dem auch sie abgelichtet ist, als Ian McDermitt, Erbe des Duke of Skye und Verlobter von Cheyenne Boularouse genannt, der Auftraggeberin der Hochzeit, die Sina und Liny auf Farquhar planen.

Erneut steht sie vor dem Abgrund: verletzt und arbeitslos. Kendrick, der eigentlich Lachlan Kendrick McDermitt heißt, und der Zwillingsbruder des im Artikel genannten Ian McDermitt ist, lässt aber nicht locker, um das Missverständnis aufzuklären und sich auch nicht von der unkooperativen Sina aufhalten. Er findet Liny und gesteht ihr seine Liebe. So kommt es, dass nun auf Farquhar erneut die Hochzeitglocken läuten: Dieses Mal für Liny und Lachlan – und Sina nun die Hochzeit ihrer besten Freundin ausrichten darf. Eine Hochzeit in den Highlands.

Kapitel 1
Eine Hochzeit in den Highlands

Ich drückte Linys Schulter. Meine beste Freundin war außer sich, hatte bereits gläserne Augen und stand so offensichtlich kurz davor, in haltlose Tränen auszubrechen, dass ich etwas unternehmen musste, bevor die Stimmung umschlug. Sie war zwar sonst nicht nahe am Wasser gebaut, aber seit ich auf Farquhar war, bekam ich eine neue Seite an meiner jahrelangen Freundin präsentiert. „Tief durchatmen. Alles ist halb so schlimm“, versicherte ich also und grinste in den Spiegel, obwohl ich mindestens so angespannt war wie sie. Diese Hochzeit war nicht die erste, die ich organisierte, schließlich arbeitete ich seit acht Jahren als Weddingplanerin in einer Agentur, und doch stellte mich dieses Event heute immer wieder vor unerwartete Herausforderungen. Trösten von tränennahen Bräuten zählte normalerweise nicht dazu.

„Es passt nicht“, wiederholte sie, während die schottische Stylistin an der Verschnürung der Korsage zerrte. Es ergab ein recht lächerliches Bild bei dessen Betrachtung man sich fragte, ob es nötig war, die Korsage tatsächlich noch enger zu schnüren. Liny war schlank und auch hochgewachsen, anders als die pummlige Schneiderin, die an ihr arbeitete, als quetschte sie sich selbst in das zu kleine Kleid. „Uff.“ Sie tat ihr Bestes, um das Kleid zu schließen, das musste man ihr lassen, aber in diesem Punkt hatte Liny unbestreitbar recht.

„Wie kann es nicht passen? Die letzte Anprobe war doch erst vor zwei Wochen!“

Die Situation ging offenbar mehr und mehr den Bach runter, was konnte die Braut davon abhalten, in haltlose Tränen auszubrechen? Falsche Frage, was konnte Liny dazu bringen, die Haltung zu wahren? Schließlich war meine Freundin Liny dafür bekannt, sarkastische Kommentare abzugeben und sich nicht aus der Ruhe bringen zulassen. So hatte sie auch ihren Zukünftigen kennengelernt, Lachlan McDermitt, den Sohn des Duke of Skye. Bei der Planung der Hochzeit seines Bruders waren sie sich vor zwei Jahren begegnet: Auf einer Schafswiese. Damals waren Liny und ich noch Kolleginnen in der Agentur gewesen. Und nun ging sie mit einem schottischen Adeligen vor den Traualtar.

 Zwei Dinge halfen bei ihr immer: Konfrontation und Überraschung. „Hm, woran mag das liegen?“ Ich zwinkerte mit einem bedeutenden Blick auf ihren Bauch und erreichte, was kein Trost oder Zureden vollbracht hätten. Linys Augen klärten sich schlagartig, wurden größer und spiegelten Hoffnung wieder.

„Unsinn“, murmelte sie, trotz ihres Wunsches, schwanger zu werden, und strich sich dabei über den flachen Bauch, den sie zusätzlich einzog.

Auf den Weg gebracht, trieb ich es voran, alles war besser, als eine Braut, die jeden Moment die Fassung verlor und losheulte wie ein Schlosshund. „Ach ja? Da sagt ein bekanntes Klatschblatt aber etwas völlig anderes.“

Besagte Klatschzeitung spekulierte bereits seit der Bekanntgabe der Eheschließung zwischen meiner Freundin Liny und dem schottischen Adeligen, Lachlan Kendrick McDermitt, über die Gründe und einer davon war eine mögliche Schwangerschaft. Ich gab schon lange nichts mehr auf die Berichte, obwohl ich zu Beginn jede Ausgabe gekauft und verschlungen hatte, schließlich sah ich Liny so gut wie gar nicht mehr, seit sie sich nach Farquhar, dem Herrenhaus der McDermitts in den Highlands, zurückgezogen hatte: vor mehr als eineinhalb Jahren. Zwar telefonierten wir regelmäßig, immer noch, aber es war doch etwas anderes, nachdem wir ein Jahr lang zusammengearbeitet und dabei fast den ganzen Tag miteinander verbracht hatten. Ich vermisste sie, das gab ich gerne zu.

Liny drehte sich, um mich vis á vis anzusehen. „Ich bin definitiv nicht schwanger.“

„Also, wenn du mich fragst …“ Ich brach unter ihrem feurigen Blick ab und hob die Hände. „Schon gut, ich halte den Mund.“ Ich konnte mir weitere Provokationen sparen, Liny hatte sich wieder in der Gewalt. Sie strich das Kleid glatt, erst am Bauch, dann an den Seiten und drehte sich zum Ärger der Stylistin vor dem Spiegel hin und her, bis diese etwas Harsches sagte, was ich nicht verstand. Gälisch und vermutlich eine freundliche Bitte, stillzuhalten, aber in meinen Ohren klang jedes gälische Wort nach einer Beleidigung.

„Was wäre dabei?“, mischte sich Carmen, Linys Schwester, ein und enthob mich der Notwendigkeit, sie bei Laune zu halten. Gut so, denn eigentlich hatte ich genug anderes zu tun. Nachrichten abzurufen zum Beispiel. Ian, der Bruder des Bräutigams, spammte mich mit Nachrichten zu. Keine von ihnen war irgendwie relevant, was mich gehörig ärgerte, schließlich hatte ich keine Zeit, die ich mir mit dummen Geschwätz vertreiben könnte. Neben Liny hatte ich noch eine Menge anderer Dinge im Auge zu behalten: Pastor, Verpflegung, Gästezahl und Anwesenheit, Blumen, Deko … Die Liste war endlos.

Wie weit ist Lachlan?, tippte ich schnell und warf Liny dabei einen Blick zu. Du kannst dich auf den Weg machen, Liny sollte in fünf Minuten bereit sein.

Wenn nicht, musste Ian halt vor der Tür warten. Mich interessierte momentan ohnehin viel mehr, ob der Geistliche mittlerweile eingetroffen war, hatte ich ihn doch den ganzen Morgen über nicht erreichen können. Was tat so ein schottischer Geistlicher wohl an einem Morgen, an dem er zwei Menschen vermählen sollte, dass er nicht zu erreichen war?

Ich schob den Gedanken und meinen aufwallenden Ärger darüber, dass noch immer keine positive Nachricht zum Verbleib des Pastors eingegangen war, beiseite. Gab es Alternativen? Da war doch etwas, was ich irgendwo mal gehört hatte, in Bezug auf Schottland und Hochzeiten, aber es wollte mir partout nicht einfallen.

„Ziehen Sie den Bauch ein, Madame!“, wies die Stylistin an und zog mit Gewalt an der Verschnürung. „Jetzt!“

Liny keuchte. „Sie bringen mich um!“

„Zu!“, stellte die dralle Stylistin zufrieden fest und trat von der Braut zurück.

„So geht das nicht!“

Was für eine Dramaqueen, aber zumindest das hatte sie mit allen Bräuten gemeinsam. „Atme einfach flacher. Es geht, glaub mir.“ Ich übernahm den Platz der Stylistin in Linys Rücken und lockerte die Verschnürung wieder. „Besser.“

„Ist es zu?“ Sie drehte sich bei dem Versuch, die Schnürung in ihr Blickfeld zu bekommen und glich damit einem Hund, der seinen eigenen Schwanz jagte. Putzig, wie aufgeregt sie war, und so untypisch für sie.

„Es ist alles bedeckt, was bedeckt sein soll“, versicherte ich. „Du bist wunderschön.“

„Pfft. Ich passe nicht in mein Kleid!“

Ich überging den Hinweis, legte den Arm um ihre Mitte und wies sie an, langsam und flach zu atmen. Wir übten es zwei Atemzüge lang zusammen. „Sieh es so, Lachlan werden die Augen rausfallen, wenn er dich zu Gesicht bekommt, das ist es doch wert, oder?“

Linys Augen begannen zu strahlen und aller Frust wich von ihr. „Ja, das ist es wert.“ Alles an ihr unterstrich ihre Worte. Es machte mich fassungslos. Das, oder dass sich tatsächlich leiser Neid in mir regte. Liny hatte unverschämtes Glück mit ihrem Lachlan, aber sie hatte es auch verdient, dass sie bewundert und geliebt wurde. Wusste sie eigentlich wie sehr? Ich hatte in den vergangenen Wochen sehr viel mit Lachlan gesprochen, mehr als in den zwei Jahren zuvor, und war immens beeindruckt von seiner Hingabe für Liny.

„Miss, die Tiara.“

Eine Nachricht ging ein und ich checkte sie schnell, mich auf meine Aufgabe konzentrierend. Es war nicht der richtige Augenblick, um zu sinnieren, zu hadern oder dem Schicksal böse zu sein, weil es zu mir nicht so gut war, wie zu Liny.

Der Pastor war da und damit war alles bereit. Ich schloss erleichtert die Augen. Wie hätte ich dagestanden, wenn die Zeremonie ohne Geistlichen hätte stattfinden müssen? Wie in Deutschland war es natürlich eine Pro Forma Sache, ein Gimmick, wenn man so wollte, die eigentliche Eheschließung wurde durch einen Standesbeamten vollzogen. Nur so war sie tatsächlich gültig, dennoch hatte es bedeutend mehr Flair, mit Gottes Segen getraut zu werden. Zumindest war dies die offizielle Erklärung für die doch sehr ausgedehnte Feier, die uns erwartete. Ich wusste allerdings, dass es weder dem Wunsch des Bräutigams, noch dem der Braut entsprach, so einen Aufwand zu betreiben. In dem Zusammenhang war sogar Las Vegas gefallen, aber letztlich hatte sich Liny der Etikette gebeugt und damit dem Willen der zukünftigen Schwiegermutter.

„Wir liegen hervorragend in der Zeit, falls es jemanden interessiert, und ich habe auch noch keine Hiobsbotschaften bekommen.“ Nicht ganz die Wahrheit, aber schließlich ging es mir darum, Liny zu beruhigen. Irgendwie war sie mehr als nur durch den Wind in letzter Zeit, hatte sogar die Planung ihrer eigenen Hochzeit völlig aus der Hand gegeben, was ich ihr nie zugetraut hätte. Schließlich hatte sie durch unsere Zusammenarbeit bei WeddingDreams mehr als genug Erfahrung gesammelt, mir nicht selten beigestanden und hatte ihre Aufgaben immer gut gemeistert. Vermutlich lag es an Lachlans Einfluss, dass sie einsah, wenn etwas nicht gut für sie war. Wie die nervenaufreibende Planung einer riesigen Hochzeit, die, obwohl Liny es nicht ahnte, anders verlaufen sollte, als ich es ihr geschildert hatte. Wieder vibrierte mein Handy und ich überflog Ians Nachricht. Bla, bla, bla – ich bin da.

Vielleicht sollte ich den Hinweis fallenlassen, wie sehr ich Gradlinigkeit schätzte? Ian war das komplette Gegenteil zu seinem Zwillingsbruder. Er redete gern und viel und am liebsten mit Frauen, was dazu geführt hatte, dass seine Ehe mit dem berühmten It-Sternchen Cheyenne Boularouse genau sechs Monate gehalten hatte. Seitdem brauchte er keine Rechenschaft mehr über seine Flirts abzulegen, was er nur zu offensichtlich genoss. Es verging keine Woche, in der er nicht mit einer neuen, blonden Sexbombe in den Klatschblättern abgelichtet wurde. Hin und wieder – und das regte Liny und Lachlan häufig auf – auch mit Liny. Eigentlich war Liny mit Lachlan auf Reisen und meist nicht einmal in England, oder gar London, aber wann immer man Lachlan ablichtete, hielt man ihn für seinen dekadenten Zwilling. Dies war einer der Gründe, warum die Beiden völlig zurückgezogen auf dem abgelegenen Gut Farquhar in den schottischen Highlands lebten und sich selten in der Gesellschaft zeigten.

Ich ging zur Tür, um sie zu öffnen. „Ah! Sehr schön!“ Ian Fergus McDermitt glich seinem um wenige Minuten jüngeren Zwillingsbruder bis aufs schwarze, getrimmte Haar, besonders, da sich der Bräutigam zum Anlass der Eheschließung seinen Bart abrasiert hatte, auf den Ian stets verzichtete. Seine hellen Augen strahlten eine Lebensfreude aus, die einen neidisch machen musste, auch, wenn man selbst kein Trauerkloß war. Seine Aufmachung war ebenso beeindruckend, wie seine Körpermaße. Er war schick der schottischen Tradition nach im Kilt erschienen, trug weiße Socken hochgezogen bis zu den Knien, ein blütenweißes Hemd und eine formelle zum Kilt passende Jacke. Gewöhnungsbedürftig für mich Deutsche, aber es hatte durchaus auch seinen Reiz. Zumal Ian großgewachsen war und einen Schulterumfang hatte, der jeden Bär neidisch machte. Mir kamen eher andere Gefühle hoch. Spott, schließlich kannte ich Ian sonst eher modisch und vor allem zeitgemäß gekleidet.

Dafür, dass er mich wie wild zuspammte, ließ er mich erstaunlich links liegen. Seine gesamte Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Liny. „Mo creach, letzte Chance.“ Er griff nach ihrer Hand, als sie zögerte.

„My Laird, Ihr Anliegen schmeichelt mir, aber ich sehe mich außerstande, Ihnen eine positive Antwort zu geben“, gab sie hochtrabend von sich und machte dabei einen passablen Knicks.

Ian pfiff. „Jetzt klingst du schon ganz wie unsere Mutter. Du musst dir nur noch diesen Blick angewöhnen und Lachlan behält recht.“

„Womit?“

„Dass du perfekt bist.“ Ian verstand es, einer Frau Honig um den Bart zu schmieren, aber das wunderte mich nicht. Ich hatte ihn schon einige Male in Aktion erlebt und war immer wieder beeindruckt von seinem Fingerspitzengefühl.

„Klar bin ich das. Carmen, kannst du Vater anrufen?“ Linys Schwester Carmen blockte das sofort ab und so ging die Bitte an mich weiter. „Sina?“

„Der Brautgang ist hier anders geregelt.“ Das hatte ich ihr schon einige Male vorgebetet, aber sie war schlicht zu aufgedreht, um daran zu denken. „Ian, wenn ich bitten darf.“ Ich bedeutete ihm, seines Amtes zu walten, und lauschte mit meinem Handy beschäftigt ihrem Geplänkel.

„Gern, also, wie gesagt, letzte Chance: Heiratest du lieber meinen Bruder, den brummigen Schafhirten, oder den äußerst charmanten zukünftigen Duke of Skye? Denk an all die Juwelen, die ich …“

„Schafhirte. Definitiv und unter allen Umständen.“

Ian lachte auf und ich verlor den Faden. Zusätzliche Gäste? Ich las den Eintrag erneut, wobei mir ganz flau wurde. Lachlan hatte am Vorabend angedeutet, dass nicht alle geladenen Gäste ihr Kommen bestätigt hatten, aber davon auszugehen sei, dass sie dennoch kämen. Allein deswegen hatte ich am Morgen panisch nach Erweiterungen des Menüs herumtelefoniert. Aber nun sollten noch mehr uneingeladene Gäste bewirtet werden? Das war ein Scherz! Abgesehen von den Lebensmitteln, musste auch das Personal aufgestockt werden, um die Mengen an Personen zu bewirten. Ersteres war nicht zwangsläufig ein Problem, hatte ich doch auf einen Vorrat für die anstehende Woche bestanden, und alternative Speisen konnten zubereitet werden. Hungern musste also niemand, so sich Leute fanden, die sich an den Herd stellten und sich die Gäste nicht zu fein waren, sich am Büfett zu bedienen. In Anbetracht dessen, dass wir uns hier nicht auf einer stinknormalen Hochzeitsfeier befanden, sondern der des Sohnes eines britischen Dukes, wagte ich, diese Bereitschaft zu bezweifeln.

Ich stolperte den anderen hinterher, fassungslos und mit brennendem Magen. Der wichtigste Tag im Leben meiner Freundin und ich versaute ihn. Dabei unterschlug ich, dass es fünf weitere Tage voller Feierlichkeiten gab, aus deren Planung ich aber größtenteils raus war. Ich musste hauptsächlich anwesend sein und bei der Organisation helfen, soweit es mir möglich war, um Liny Freiraum zu geben.

Nach dieser Hochzeit benötigte ich vermutlich drei Monate Erholungsurlaub, dumm nur, dass dies bereits mein Urlaub war und ich George nie und nimmer dazu brächte, mir auch nur einen weiteren Tag zu gewähren. Seufzend schob ich den bitteren Gedanken an meinen Chef weit von mich, wobei ich absichtlich alles andere ausklammerte, was in den letzten zwei Jahren zwischen uns vorgefallen war.

Die Sonne strahlte regelrecht und blendete mich, als ich aus dem Haus trat, weshalb ich das drohende Unheil zuerst hörte.

 „Mäh!“

Ich blinzelte und hob die Hand, um fassungslos das gehörnte Untier anzustarren, das auf uns zumarschiert kam.

„Oh, nein! Sheamus, was zum Henker machst du hier?“ Der Schafsbock Sheamus, der für seine Anhänglichkeit bekannt war, und Liny bei unserer Ankunft vor zwei Jahren gleich zu Boden geschubst hatte, blökte erneut und stapfte die unteren Stufen des Herrenhauses hoch. Das kleine Schloss hatte mehrere Eingänge, aber dieses war der Haupteingang und daher mit einer breiten Freitreppe versehen, an deren beiden Enden Löwen mit Wappentafeln Wache hielten. Hinter uns befand sich die riesige, uralte Halle und an den Seiten waren seit einigen hundert Jahren Anbauten leicht schräg nach hinten gezogen, dass es von Oben wie ein Kelch aussah. In ihnen befanden sich gute hundertfünfzig Räume, die sich nun wieder in ihrem alten Glanz sonnten. Das war bei unserem ersten Besuch nicht so gewesen. „Warum bist du nicht im Stall, wo du hingehörst?“

Liny sprach mit dem Tier, als wäre es ein geliebtes Familienmitglied, ein Hund oder so etwas. Bemerkte nur ich, wie merkwürdig sie sich benahm, als sie auch noch in der Landessprache auf ihn einredete und dabei sein Maul kraulte?

„Es reicht jetzt! Sguir dheth! Thalla!“

„Määähhh!“

Ich blinzelte voller Unglaube, als das Vieh tatsächlich die Stufen herabstapfte und sich dann zu uns umsah, als wartete es auf unsere Begleitung. Unheimlich, und das nicht wegen der gedrehten Hörner, dem gelben Starren und dem aberwitzigen Bärtchen.

Liny sah sich um. „Wo ist der Wagen?“

Ich hatte ihr erzählt, dass die kirchliche Trauung in der Kathedrale zu Inverness stattfände, weil Lachlan sie überraschen wollte und meine Deckung erbeten hatte. Es war wesentlich leichter gewesen, Liny abzulenken, als ich es für möglich gehalten hatte. „Wir gehen zu Fuß, Liny.“ Es war nämlich nicht weit zu der riesen Überraschung, die Lachlan verdammt nervös machte, ohne dass ich den Grund dafür verstand, selbst als er versuchte, es zu erklären. Ein besonderer Ort. Ich verdrehte die Augen und nahm meine Führungsrolle ein, dafür musste ich irgendwie an dem Vieh vorbei. „Komm, wir wollen doch nicht in Verzug geraten.“

„Daingead!

Dieses Wort hatte ich mittlerweile so oft vernommen, dass ich es einordnen konnte. Ein Fluch, so etwas wie Scheiße oder Verdammt. Ich drehte mich, wie alle anderen auch, um die Störung in Augenschein zu nehmen und konnte nicht verhindern, dass mir der Mund aufklappte.

Ein großer, rothaariger Mann im edlen, aber dreckstarrenden Aufzug kam uns entgegen mit einer dermaßen um Verzeihung heischenden Miene, dass man automatisch an einen Dackel dachte. Es fehlte nur noch das leise Fiepen.

„Verzeihung“, murrte er und versuchte wohl, unauffällig etwas von dem Stroh von seinem Kilt zu streichen. Ian brach in schallendes Gelächter aus und japste nur noch unverständliche Worte.

„Ein Malheur, es tut mir leid, Carolina.“ Er trat vor und streckte die Hand aus, ließ sie aber gleich wieder fallen. Keiner von uns wollte genau wissen, was ihm an den Fingern klebte, die er schnell hinter sich versteckte. Meine Augen folgten ihnen in abartiger Faszination. Er hatte große Hände, die über und über mit Matsch bedeckt waren – und ich ignorierte mein besseres Wissen, dass es Kot war, geflissentlich. Alarmsirenen schrillten in meinem Kopf, denn er sprach mit eben jenem Akzent, den ich hier jeden Tag vernahm. Er war Schotte, trug eindeutig feierliche Kleidung – auch wenn ich mich nur schwer an die Röcke gewöhnen konnte – und redete ziemlich vertraut mit Liny. Eins plus Eins sind …

„Ich fürchte, ich muss um ein paar Minuten Aufschub bitten.“

„Bitte, sagen Sie mir, dass Sie nicht einer der Trauzeugen sind.“ Meine Stimme war so verdammt schrill, dass sie mir selbst in den Ohren schmerzte. Was durchaus beachtlich war, schrillten dort doch immer noch besagte Glocken in nicht gerade tiefem Ton. Wenn ich mich nicht irrte, war mein Zeitplan soeben in Dung begraben worden. Kam man hier mit einem Trauzeugen weniger aus? Herrje, wer brauchte schon fünf berockte Männer, um sich an ein Eheversprechen zu erinnern?

„Nur bis ich …“ Er sah an sich herab und lief dabei rot an, was sich fürchterlich mit seiner Haarfarbe und seinem Bärtchen stach. „Es tut mir leid, ja, ich bin Islay Campbell.“

Ich konnte mir nicht helfen, ein recht peinlicher Laut rollte in meiner Kehle und ich spürte einen Anflug von Panik. Ein Trauzeuge wälzte sich im Dreck, während der andere die Braut bezirzte. Was zum Teufel war mit diesem Volk los, dass sie einen besonderen Tag nicht mit dem nötigen Respekt begingen? Allerdings war da noch etwas, was mich aus der Bahn warf. Mein Blick fiel an ihm herab. Er war groß, nahm es locker mit Ian und Lachlan auf, auch in der Breite seiner Brust, obwohl er schlanker schien, schlacksiger, irgendwie unfertig. Das mochte aber an all dem Dreck liegen, der ihn wirken ließ, wie einen Bub, der gerade sein Schlammbad beendet hatte. Sein Frack hatte übel gelitten, aber wirklich auffällig wurde es an den Beinen. Die Strümpfe, die bei Ian penibel weiß strahlten, hatten bei ihm Klumpen von Dung anhaften. Der Kilt, der anders als Ians in blauen, gelben und grünen Karos unterteilt war, war nicht weniger strohig und dabei blendete ich den Kot einmal mehr freudig aus. Selbst im flammend roten Haar befanden sich Halme. Einer hing ihm sogar in die Stirn. Er bemerkte es, während ich ihn anstarrte und zupfte ihn schnell ab. Dabei fing er meinen Blick auf und hielt ihn für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er seinen zu Boden richtete. Ich konnte nicht wegsehen und das lag nicht daran, dass er schon grotesk aussah, für einen Trauzeugen. Da war etwas anderes, etwas albernes, weshalb ich es eigentlich nicht in Betracht ziehen sollte. Ein Kribbeln im Magen.

„Du chrashst Kennys Hochzeit!“, gackerte Ian, was ich dermaßen daneben fand, dass es mich wachrüttelte. Panik war keine Option. Wie konnte ich das Desaster abwenden? Eine kleine Verschiebung einbauen, einen anderen Trauzeugen wählen? Ach, wozu, schließlich gab es davon eine ganze Herde.

„Das wird er nicht“, beschied Liny überraschend kühl, obwohl sie ihr Gegenüber anlächelte und sogar knickste. „My Laird, so leid es mir tut, du wirst nun auf der Stelle deinen Platz am Altar einnehmen.“

Ihm sackte das Kinn herab und überspielte es dann geschickt mit einem Räuspern. „Carolina, ich kann unmöglich in diesem Aufzug … das verstehst du doch.“

„Das hätten du bedenken sollen, bevor du was auch immer anstelltest. Was hattest du im Stall zu suchen?“

Islay lief pink an und suchte nach Hilfe. Ian hob die Hände, um anzudeuten, nicht mit hineingezogen werden zu wollen. „Ein Unfall“, bot er als Erklärung an und bemerkte wohl, wie dürftig das war, noch bevor Liny es zerschmetterte.

„Wäre mir Sheamus heute Nacht in unserem Zimmer begegnet, hätte ich das nicht lustig gefunden!“ Das war wirklich eine abwegige Idee, fand ich, stand damit aber so ziemlich alleine da, denn Ian murmelte etwas, was fast nach Bedauern klang, dass der Schafsbock entwischt war. Männer.

„Wir dachten nur …“, murmelte Islay, wobei seine Gesichtsfarbe noch dunkler wurde.

„Schäferstündchen, ja ist angekommen. Trotzdem: nicht witzig!“

Dem konnte ich nur zustimmen. Schäferstündchen, was für eine abgeschmackte Anspielung.

„Zur Strafe hast du die Wahl, der Trauung fernzubleiben oder so zu erscheinen.“

Das Schrillen war augenblicklich zurück, denn da gab es eine winzige Kleinigkeit, die Liny völlig zu vergessen schien. „Tu mir das nicht an“, hisste ich atemlos. „Er ist mein Tischpartner!“ Da George sich standhaft geweigert hatte, mich zu begleiten, und ich offiziell Single war, hatte ich kaum eine Wahl gehabt, als an Begleitung zu nehmen, was da war. Ich hatte nur eine Ausnahme gemacht, denn mit Ian wollte ich nicht den ganzen Abend verbringen, so charmant er auch sein konnte. Nun jedoch bereute ich meine Entscheidung. Lieber Ians Gesäusel, als der Gestank von Schafsdung!

„Sie schaffen es doch in …“, quietschte ich, nach Linys Fingern greifend und fest zudrückend, „… zehn Minuten?“

Ian lachte, trat zu dem bedröppelten Schotten und schlug ihm auf die Schulter, dass er schwankte. „Schau Islay, selbst die gutmütige Liny bringst du auf die Palme.“

„Ich …“ Er fing sich und wieder begegneten sich unsere Blicke. Mir wurde augenblicklich warm in der Magengegend und ich war froh, dass er den Kontakt direkt wieder abbrach.

„Ja, ich …“

„Na komm, ich helfe dir. Ich fürchte, du wirst die McDermitt-Farben tragen müssen.“ Ian lachte wieder und legte den Arm um den anderen Mann, um ihn anzuschieben. Ich sah ihm nach, konnte mich einfach nicht von seinem Anblick losreißen.

„Islay? Was ist das für ein Name?“

„Ein schottischer vermutlich.“

„Und er ist?“

„Ein Cousin mütterlicherseits.“

„Ah.“ Jetzt wusste ich genauso viel wie zuvor. Natürlich war er ein Verwandter, schließlich waren unter den Trauzeugen nur Verwandte. „Er sieht jung aus.“

„Ist er.“

Zumindest lenkte mich ihre Knappheit von der Tür ab. Sie war merkwürdig kurz angebunden. Wurde sie nun wieder nervös? Innerlich seufzend nahm ich meine Aufgabe wieder wahr und versuchte es mit einer flapsigen Ablenkung. „Und wie alt genau? Muss man sich Sorgen machen?“

„Warum sollte …“

„Also, wie alt?“

„Fünfundzwanzig, also bist du auf der sicheren Seite.“

Merkwürdig was diese Worte in mir anrichteten. „Ach, was dir wieder durch den Kopf geht.“ Aber so weit hergeholt war es gar nicht. Ich drehte den Gedanken hin und her. Schön, da lief etwas mit meinem Chef, George, aber irgendwie war es nichts, was man Beziehung nennen konnte. Herrje, er begleitete mich nicht einmal auf die Hochzeit meiner Freundin, obwohl ich sehr deutlich gemacht hatte, wie wichtig mir die Feier war und dass ich gerne in Begleitung wäre. George hatte sich in einen cholerischen Anfall geflüchtet und am Ende war ich mehr als froh gewesen, allein fahren zu können.

Das letzte, was ich hier gebrauchen konnte, war, mich mit Georges Gemüt zu beschäftigen, oder der Zähmung selbigem.

Sah ich mich also als Single? Hatte ich es endlich aufgegeben, meinem Chef imponieren zu wollen, und war nach guten vier Jahren endlich frei für etwas Neues?

Ein Telefon spielte einen Lovesong und riss mich von den absolut nebensächlichen Gedanken fort. Liny fuhr aufgeschreckt herum.

„Carmen, mein Handy, schnell! – Hàlo.“ Sie wandte sich ab und ich ließ ihr den Moment der Ungestörtheit, auch wenn es nicht der Sitte entsprach, dass Braut und Bräutigam vor der Hochzeit miteinander sprachen. Tja, eines der Dinge, die hier in Schottland anders gehandhabt wurden, als bei uns in Deutschland.

Mein Handy vibrierte und ich checkte schnell die Nachricht. George. Irritiert las ich die SMS gleich zwei Mal und konnte es trotzdem nicht fassen, was dort stand. George wies mich an, nach Lands End zu reisen, um mich um eine Hochzeit zu kümmern, die bereits am Ende der Woche stattfinden sollte. Es sei wichtig und hätte oberste Priorität. Ich starrte auf das Display. Ich hatte Urlaub. Er wusste, wo ich war, welche Aufgabe ich hatte – als Trauzeugin – und wie wichtig es mir war, dies mit Liny zu erleben. George erwartete doch nicht ernsthaft, dass ich hier alles stehen und liegen ließ …

Ich war sprachlos. War es nun einfach nur dreist oder unglaublich egoistisch?

Sollte ich anrufen? Ignorieren konnte ich es nicht, schließlich war er mein Arbeitgeber. Ich musste es zumindest absprechen, beziehungsweise deutlich machen, dass ich meinen Urlaub nicht abbrechen wollte.

Die Antwort auf meine Nachricht kam prompt.

Dein Urlaub ist gestrichen.

Dieses Mal fehlten mir sogar die Worte, um meinen Frust innerlich zu formulieren. Meine Hand schloss sich fester um mein Smartphone. Damit hätte ich rechnen können, es war schließlich nicht das erste Mal, dass er mich aus meinem Urlaub zurückbeorderte, aber bisher war es nur dann passiert, wenn ich ohnehin zu Hause geblieben war und es kein Drama gewesen war. Nun befand ich mich aber am anderen Ende der Insel – leicht übertrieben, gut – und nicht ein paar Häuserblocks entfernt.

Ich bin in Schottland, nahe Inverness, damit fahre ich gut acht bis zehn Stunden, je nach Verkehrslage, zurück nach London, wo ich meine Arbeitsmaterialien habe und weitere Stunden bis nach Lands End. So ich meinen Urlaub einfach abbrechen könnte.

Oder auch nur bereit wäre es zu tun. Verflixt! Aber ich haderte bereits. Ich mochte meinen Job und, auch wenn es nicht immer leicht war, für George zu arbeiten, ich hatte mich im Lauf der Jahre daran gewöhnt. Zum Teil wohl auch, weil ich so lange an ein Happy End für uns geglaubt hatte und dafür meine eigenen Ziele hintenangestellt hatte. Möglicherweise hatte ich auch auf eine berufliche Partnerschaft gehofft, obwohl es nie im Raum gestanden hatte.

„Nanu, jetzt ist die Braut ohne mich durchgebrannt?“ Ian schob mich zur Seite, stand ich doch mitten vor dem großen Portal des steinernen Herrenhauses und blockierte es damit für die beiden alles andere als schmächtigen Männer.

Ich schnappte zwei Dinge auf: Durchgebrannt und Islays Blick.

„Ach herrje, gerade war sie doch noch hier“, griff Carmen auf, die mich völlig aus der Bahn warf, schließlich hatte ich für einen Moment völlig vergessen, wo ich war. Ich rief mir also die Details mühsam zurück: Liny – Hochzeit – Durchgebrannt.

„Was?!“ Ich fuhr herum. Mein Blick flitze über den Hof. Die säuberlich gekieste Auffahrt mit dem Blumenrondell, die im Wappen der McDermitts angeordnet waren, der Stall versteckt hinter dicken Efeuranken, die Straße und zwei Wege, die um das Haus herumführten. Erst mein zweiter Versuch, das Rätsel um Linys Abwesenheit zu lösen, erbrachte einen Hinweis. Weiße, satinbezogene Pumps lagen einsam einige Meter entfernt achtlos im Gras.

Nun, ich hatte sie gewarnt, dass ein Sixpence als Glücksbringer im Pumps vielleicht traditionell war, aber sicherlich nicht bequem. Von der Braut fehlte jede weitere Spur.

„Nur gut, dass wir die Schuld auf den Kleinen hier schieben können.“ Ian griff seinem Cousin in den Nacken und drückte ihn runter. „Sprich schon mal dein letztes Gebet, Kenny wird dich lynchen.“

Ich ließ die Männer stehen, schließlich führten sie sich auf wie raufende Buben, und waren damit eher hinderlich, als hilfreich. Carmen sah sich ebenso ratlos um, wie sie dreinschaute, also war es auch müßig Informationen von ihr einholen zu wollen. Blieben die Schuhe übrig, die immerhin in der richtigen Richtung verloren gegangen waren. Hatte Liny schlicht die Geduld verloren und war schon einmal ums Haus herum?

Ich folgte beunruhigt der Eingebung, schließlich hatte ich einiges in Kauf genommen, um Lachlans Überraschung zu decken, die nun vermutlich aufgeflogen war. Ein Blick um die Ecke des Hauses bewies, wie richtig ich mit meiner Befürchtung lag. Liny stand mittig auf der Wiese und starrte die Wimpel an, die im Wind flatterten – die Banner der Highland-Clans, die an den Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit einer der Söhne des Duke of Skyes teilnahmen.

Damit war meine Lüge wohl vorzeitig aufgedeckt und Liny ahnte nun zumindest, dass die Eheschließung nicht in dem erwarteten kleinen Familienrahmen stattfinden würde, wie ich es ihr gegenüber behauptet hatte.

 Siebzehn Clans waren angereist, und obwohl viele von ihnen in irgendeinem Grad mit den McDermitts verwandt waren, würde es sicherlich keine intime Familienfeier werden.

Lachlan eilte auf seine Braut zu und war lang vor mir bei ihr angelangt, schließlich musste er sich auch nicht in Pumps auf Rasen fortbewegen. Er nahm sie in den Arm und sie sprachen leise miteinander. Ihre Vertrautheit war megasüß und doch gab es zumindest bei uns in Deutschland den Brauch, dass Braut und Bräutigam erst vor dem Altar aufeinandertrafen.

„Liny! Verdammt, du kannst doch nicht einfach … und du solltest sie gar nicht sehen!“

„Dummer Aberglaube“, griff Ian auf, der Carmen am Arm hatte. Islay hielt sich bedrückt im Hintergrund. „Aber wir sollten màthair nicht länger warten lassen, sie verliert langsam die Geduld mit uns.“

„Liny, du weinst doch nicht!“ Das Unglück ließ ja nicht lang auf sich warten. „Dein Make-up!“

„Ian, du musst die Verwandtschaft ablenken. Gib uns eine halbe Stunde Vorsprung“, bat Lachlan, ohne Liny aus den Armen zu lassen. „Islay, du fährst uns, wo ist dein Wagen?“

Es sirrte ziemlich schrill in meinen Ohren.

„Was?“, entwich es mir entsetzt. Ich zog an Linys Arm. „Okay, das ist normal, nennen wir es Hochzeitskoller, aber jetzt alles platzenzulassen, wegen dummer Angst, ist doch idiotisch!“

„Du willst abhauen? Fein, dann heirate ich deine perfekte Braut, schlimmer als mit Cheyenne kann es auch nicht laufen.“

Lachlan verunglimpfte ihn und setzte eine Warnung hintendran, besser einen großen Abstand von Carolina zu halten.

„Entscheide dich, bràthair, willst du sie oder nicht. Unsere Familie wartet darauf, dass du eine bessere Wahl triffst, als ich.“

Ian war keine Hilfe, aber so weit war ich heute bereits gewesen. Wenn die Hochzeit nicht den Bach runtergehen sollte, musste ich nun schnell für Beruhigung sorgen. „Lachlan, Liny ist manchmal etwas stürmisch und unbedacht, aber herrje, sagtest du nicht, dass du sie liebst? Dass du sie glücklich machen willst? Dann tu es auch. Verdammt, ja es ist eine beängstigende Angelegenheit, aber ihr wart euch doch so sicher!“ Ich rang die Hände und mein Hirn gleich mit. Was konnte ich sagen, damit er zur Vernunft kam? Verflixt, damit hatte ich einfach nicht gerechnet, alles schien so perfekt bei ihnen zu laufen, warum kam der große Knall ausgerechnet fünf Minuten vor der Trauung? „Liny ist kein schlechter Mensch und sie liebt dich aufrichtig. Meinungsverschiedenheiten …“

„Miss“, unterbrach Islay mich und räusperte sich unter meinem irritierten Blick erst einmal. Miss. Wie unpersönlich und distanziert war das denn? „Ich glaube, die wollen zusammen weg. Gretna Green, nehme ich an.“

Ich konnte mir nicht helfen, mir klappte der Mund auf, merkte es und konnte doch lange Sekunden nichts an meinem sicherlich dämlichen Gesichtsausdruck ändern. Ian brach erneut in Gelächter aus und Carmen wusste nichts damit anzufangen. Sie sah ratlos in die Runde.

„Du heiratest, Mann!“, japste Ian. „Alles ist vorbereitet, die Familie ist d´accord und anwesend und du willst durchbrennen und deine Braut in Gretna Green heiraten? Du bist etwas zu versessen auf die Vergangenheit, weißt du das?“ Er schlug Lachlan auf die Schulter. „Komm, lass den Quatsch und lass uns màthair beruhigen, sie läuft bereits Amok, weil es zu einigen Minuten Verspätung kam.“

„Nein. Liny möchte lieber fahren.“ Er küsste die Stirn seiner Braut, die völlig selbstvergessen in seinen Armen kuschelte, als ginge sie die Diskussion gar nichts an. „Also verschieben wir es.“

„Ich will gar nichts verschieben! Lachlan, mir ist alles völlig egal, Hauptsache, ich habe mich nicht umsonst in dieses Kleid gezwängt. Das ist Folter, weißt du.“

Er schob mich ein Stück weiter von sich, um sie einen langen Moment anzusehen. „Du bist wunderschön, Carolina.“

Oh Mann, schön, sollte er Liny bewundern, aber das war doch nun wirklich nicht Priorität!

„Dann hat sich das ja gelohnt.“

Er grinste. „Wie wollen wir es durchziehen? Aufregend oder klassisch?“

„Klassisch“, beschied ich schnell, um das ganze abzukürzen, und bekam Zustimmung von Carmen und Ian.

„Na ja, ich bin für aufregend.“ Islay korrigierte sich schnell unter meinem feurigen Blick. „Natürlich klassisch.“

Mann, was war der für ein Kindskopf?

„So, da das geklärt ist“, griff ich auf, damit sich niemand mehr umentschied und mein Zeitplan nicht völlig den Bach runterging, und lächelte dabei in die Runde. „Mr Campbell, sorgen Sie doch dafür, dass der Bräutigam, wie es sich gehört, am Altar auf die Braut wartet.“

Islay trat vor, aber Lachlan behielt Liny seelenruhig im Arm und wiederholte seine Frage. „Wie möchtest du zu Lady McDermitt werden?“

Ich warnte Liny innerlich, keinen Unsinn anzustellen und machte mich bereit, es auch verbal zu formulieren – höflicher.

„Du hast dir viel Mühe gegeben, nicht wahr? Und es ist dir bestimmt nicht leichtgefallen, den Garten zu öffnen.“

„Sie kennt dich zu gut, Kenny!“, unkte Ian.

„Wir bleiben und haben einen wundervollen Tag, einverstanden? Ach, und sollten wir Schafe in unserem Schlafzimmer vorfinden …“ Sie warf Islay einen warnenden Blick zu. „Wird uns bestimmt die passende Reaktion darauf einfallen, meinst du nicht?“

Lachlan grinste und es schien, als hätten sie alles um sich herum vergessen. „Als wären wir das nicht gewohnt.“

Ich entließ angespannt den angehaltenen Atem. Waren wir an der Klippe gerade noch drumherum geschippert? Keine Fluchtgedanken mehr? Manchmal kam ich nicht ganz hinterher, bei Linys Meinungsumschwüngen und gerade in dieser Situation war es nicht ratsam, die Zügel aus der Hand zu geben.

Ian feixte, als er sich zu mir beugte. „Ein lustiges Paar, was? Man weiß nie, was sie sich nun wieder einfallen lassen, um uns alle zu verblüffen.“

Er lenkte mich ab, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, in der ich ihm seufzend beipflichtete. Dann setzte ich dem Geturtel ein Ende. „Mr Campbell, seien Sie so gut und übernehmen nun Ihren Posten?“ Genaugenommen die Braut, aber das wusste er auch so. Allerdings setzte er sich zwar in Bewegung, blieb dann aber neben den Turteltauben stehen, und sah sich um wie Falschgeld.

„Liny, die Gäste warten. Wenn es dir recht ist, machen wir jetzt weiter.“ Im Gegensatz zu Islay hatte ich keine Probleme damit, dem Paar auch physisch nahezukommen. Ich wrang Liny aus Lachlans Umarmung und schob sie eher grob dem Trauzeugen zu. „Mr Campbell …“

Traditionell bekam ich Lachlans Begleitung, war ich schließlich nicht bloß die Planerin des Events, sondern auch noch erste Brautjungfer und Trauzeugin. Damit war ich verflixt tief in diese Geschichte involviert und konnte gar nicht alles stehen- und liegenlassen, wie George es von mir verlangte. Schnell schob ich den unerfreulichen Gedanken beiseite. Es konnte noch so viel schiefgehen, als dass ich mich ablenken lassen durfte. Mein Handy schwieg und ich hoffte, es bedeutete, dass keine weiteren Katastrophen auf mich warteten. Lachlan führte mich vor der Gruppe Richtung geheimen Garten, Liny und Islay folgten, während Carmen und Ian die Nachhut bildeten.

„Mann, kannst du bitte aufhören, mir das Leben extra schwer zu machen? Durchbrennen! Jetzt!“

Kapitel 2
Eine etwas andere Trauung

Ich wusste, wie es weiterginge, und war doch überrascht, als die Dudelsäcke zu spielen begannen. Es war ein majestätischer Klang, der durch die Szenerie noch unterstrichen wurde. Aufgereiht an beiden Seiten des Hauptweges, der einen Kreis durch den sonst verschlossenen Garten von Farquhar zog, standen kräftige Männer in Tartan und einer Backpipe und spielten gemeinsam eine gewaltige Melodie. Es war ohrenbetäubend, ja, aber ebenso herrlich, durch das Spalier zu schreiten. Hinter Ian und Carmen schlossen sich die Männer an und folgten uns in einer lauten Prozession. Der ummauerte, geheime Garten umfasste einige urige Bäume, Rosenbeete und einen romantischen, kleinen See. Er war bedeutend kleiner als er wirkte, denn während wir langsam dem Weg folgten, erschien es wie eine abgeschiedene Welt und man konnte nachvollziehen, warum es so in Lachlans Interesse lag, diesen Ort zu schützen. Er hatte etwas. Vielleicht nichts Magisches, wie Liny immer behauptete, aber er hatte Charme.

Maximal zwei Minuten bis zum kleinen See, an dem die Trauung vollzogen werden sollte, genug Zeit, Lachlan noch einmal ins Gewissen zu reden. „Sie bemüht sich, perfekt zu sein.“

Lachlans durchdringender Blick legte sich mit einer Irritation auf mich, die mich fast zum Verstummen brachte. „Sie ist perfekt.“

„Sie …“

„Sina, Carolina bemüht sich, aber nicht um Perfektion, sondern, um den Erwartungen meiner Eltern gerecht zu werden. Dessen bin ich mir bewusst. Meine Eltern wollen keinen zweiten Eklat, wie bei Ian. Sie haben genug von seinen Sperenzchen, legen ihm Daumenschrauben an und versuchen es zugleich auch bei mir. Sie werden schon einsehen, dass Carolina nicht Cheyenne ist. Da fällt mir ein, gegenüber meinen Eltern sprichst du bitte nicht von Liny. Sie meinen, es sei gewöhnlich und meiner Gattin nicht angemessen.“ Er verzog das Gesicht. „Sorry, aber das Zugeständnis war nötig, um zumindest die Abwehr zu überbrücken.“

Er legte seine Hand auf meine. „In meinen Augen ist Carolina perfekt, wie sie ist.“

Bisher hatte ich Islays Worte einfach abgetan, aber jetzt bekam ich doch das Gefühl, er könne richtig liegen. „Du wolltest mit ihr durchbrennen?“

Er zuckte die massigen Schultern. „Das hier ist genau, was ich verabscheue. Das Aufgebot, das Gedränge, das Einmischen Dutzender in Belange, die sie nichts angehen, die Öffentlichkeit, die ständige Bewertung. Carolina weiß das, deswegen hat sie es wohl vorgeschlagen.“

Ich lachte auf, ungewollt, aber es brach aus purer Erleichterung aus mir heraus. Die beiden waren das verschrobenste Paar, das ich je gekannt hatte und sowas von widersprüchlich, weil beide anders als erwartet agierten, wenn sie der Meinung waren, der jeweils andere wünsche es so. Das wirklich Merkwürdige: Es funktionierte.

„Aber du hast dir doch so viel Mühe gegeben, alles geheim zu halten und diese Überraschung zu planen.“

„Ich war mir aber nie sicher, ob es ihr auch gefallen würde. Ich habe immer noch das Gefühl, dass es den Ort entweiht.“ Er brummte die Worte mit einem düsteren Blick.

„Ich finde es urromantisch und ich bin mir sicher, sie weiß die Geste zu schätzen.“ Das hatte ich ihm jedes Mal versichert, wenn er Zweifel bekam und wie immer murmelte er eine Zustimmung und seufzte.

Der kleine See kam in Sicht und mir stockte der Atem. Eine Art Steg war über den vorderen Teil errichtet worden, auf dem der Geistliche mit roten Wangen und auf den Fußballen wippend, bereits auf das Brautpaar wartete. Er war klein, rundlich und erstaunlich heiter, selbst für ein so freudiges Ereignis. Lachlan beherrschte sich, obwohl er deutlich schneller voranschritt und ungeduldige Blicke zurück zu seiner Braut warf. Wir befanden uns auf dem Steg wie auf dem Präsentierteller und wurden auch bereits kräftig mit Blitzlicht beschossen, obwohl die allgemeine Anweisung hieß, das Fotografieren auf das Notwendige zu beschränken. Schließlich kannte ich Lachlans Phobie und war auch hautnah Zeuge gewesen, wie Paparazzi einem das Leben vermiesen konnten. Einst hatte einer dieser Haie ein anzügliches Bild von Lachlan und Liny in Flagranti geschossen und es in der Sun, dem bekanntesten britischen Klatschblatt, veröffentlicht. George war wutschnaubend aufgetaucht und hatte Liny eiskalt rausgeschmissen. Allerdings war ein anderes Detail damals wichtiger gewesen: Die Verwechslung der Zwillinge. Die Sun hatte behauptet, Liny hätte den zukünftigen Bräutigam Ian verführt, was dessen damalige Verlobte Cheyenne auf den Plan gerufen hatte. Das Chaos war perfekt gewesen, weil Liny in ihrem abgrundtiefen Schock, so von Lachlan hintergangen worden zu sein, abreiste und von Lachlan nichts mehr hatte hören wollen. Es genügte wohl zu sagen, dass Paparazzi, Fotografen und Reporter auf dieser Hochzeit daher nicht gern gesehen waren. Weshalb die von mir beauftragten Hochzeitsfotografen die strikte Anweisung hatten, sich zurückzuhalten und es nicht zu übertreiben. Sie waren jetzt die einzigen, die etwas auf diese Anweisung gaben und reagierten verwirrt. Ich gab ihnen einen unauffälligen Wink, und zumindest einer von ihnen verstand es und hob die Kamera. Lachlan atmete tief ein und drehte sich um. Ich blieb, wo ich war, obwohl ich eigentlich auf die andere Seite des Brautpaares musste, aber ich wollte den Fotografen nicht im Weg stehen. Ich brauchte perfekte Bilder für die Dankeskarten und gerade dieser Moment schien dafür besonders geeignet. Beide strahlten sich an, als wären sie soeben vermählt worden.

„Miss. Miss!“, hisste Islay und bedeutete mir wenig unauffällig mit ihm den Platz zu tauschen, was ich noch einen Moment länger ignorieren wollte, um möglichst viele Bilder vom Brautpaar zu ermöglichen. Romantische Aufnahmen zum Dahinschmelzen.

Islay griff nach mir und zog mich mit einem Ruck zu sich. So unerwartet, wie es war, ließ es mich torkeln und ich landete in seinen Armen. Einen Augenblick hing ich an ihm, an seiner Brust, spürte den weichen Stoff seines Tartans an meiner Wange und das Stechen der Clansbrosche – einem distelumkränzten Schwert – noch dazu. Ich atmete seinen männlichen Duft ein und spürte die Hitze seines Körpers und seine Kraft.

Mein erster Gedanke war daher kein Entrüsten, sondern ging in die völlig andere Richtung: Uiuiui.

Er drehte uns in Position und schob mich von sich.  Schade, denn allein wie er sich anfühlte, ließ meine Knie beben und ich wäre gerne geblieben, wo ich war. Dumm nur, dass ich mich gleichzeitig schlecht fühlte, weil ich so offensichtlich Interesse an einem anderen Mann als George hatte und zudem der Gedanke in meinem Kopf herumschwirrte, dass es richtig unprofessionell wäre, auf einer von mir ausgerichteten Hochzeit etwas mit einem der Trauzeugen anzufangen.

Gut, das mit George war Geschichte. Es war vorbei. Eigentlich war da nie etwas Echtes gewesen. Ich hatte mir da etwas eingebildet, hatte mehr hineininterpretiert, als je da gewesen war. Es war dämlich, an einer Illusion festzuhalten, wenn nicht einmal das Herz noch dran hing. Und eigentlich, wenn ich es diskret anstellte …

Als Islay mich nun von sich schob, hielt ich mich eigenständig aufrecht, abgelenkt von meinen Gedanken, und damit abgelenkt von ihm und meiner körperlichen Reaktion auf ihn.

Ian brachte Lachlan dazu, Liny loszulassen und sich dem Geistlichen zuzuwenden. Zumindest annähernd, denn sie sahen sich immer noch an, grinsend, nahezu strahlend und irgendwie fesselte es auch mich. So viele Hochzeiten ich auch schon ausgerichtet hatte, diesen Blick sah man selten. Diesen völlig ineinander versunkenen Blick. Ein Seufzen schlich sich unbemerkt über meine Lippen, so ergriffen war ich von dem Anblick. Gleichzeitig blutete mein Herz. So sehr ich es ihr gönnte, fragte ich mich, warum niemand mich so ansah und ich niemanden so ansehen konnte.

Carmen seufzte übertrieben laut. „Wie romantisch!“

Zumindest riss mich das von dem Anblick der Beiden los. Ich drehte mich und gab dem Priester einen Wink. Wir sollten es vorantreiben, bevor die Braut mehr verlor als ihre Schuhe.

Der Priester hob in der Landessprache an, die Zeremonie zu beginnen und sorgte für plötzliche Stille. Selbst das Blitzlicht stoppte. Lachlan ergriff Linys Hand und hob sie dem Geistlichen entgegen, der ein goldenes Band hervorholte und es mit tragenden Worten um die vereinten Hände wickelte. Handfasting. Ich hatte recherchiert, wusste, dass es ein verbreiteter, keltischer Brauch war und häufig in Kombination mit dem christlichen Segen zelebriert wurde. Verstehen konnte ich von der Rede nichts und es ging nicht nur mir so. Carmen brummte immer mal wieder, dass es nie ein Ende fände. Ich lauschte dem fremdländischen Klang der Worte, schloss die Augen, um mich mitreißen zu lassen. Es war fast eine Art Singsang, rutschte für meine Ohren ab ins Lallen. Ich riss die Augen auf und musterte den Geistlichen. Rote Nase, geplatzte Petechien in den Augen und leicht schwankend. Er war betrunken!

Mein Herzschlag stockte. Er ruinierte alles! Wie konnte man so verdammt verantwortungslos sein und sich vor der Arbeit volllaufen lassen? Noch viel schlimmer: die Hochzeitsplanerin hatte das nicht verhindert!

Ich warf einen nervösen Blick auf das Brautpaar, das sich immer noch einträchtig ansah. Sie bemerkten es gar nicht. Okay, Schadensbegrenzung. Alles war gut, solange die Sache halbwegs rund über die Bühne ging. Oh mein Gott!

Schön, ich hatte mir zu viel vorgenommen und zu wenig Hilfe. Ich konnte nicht an allen Orten gleichzeitig sein und sowohl die Braut beruhigen und begleiten, als auch den Pastor begrüßen und alles drei Mal checken. Ich war darauf angewiesen, dass meine Unterstützer ihren Teil beitrugen, aber offenbar war niemandem aufgefallen, dass dieser Mann nicht mehr in der Lage war, die Trauung zu vollziehen! Mein Herz pochte zum Zerspringen und auch ich begann vor mich herzumurmeln: „Lass es schnell vorbei sein. Lass es bloß schnell vorbei sein!“ Aber es hielt an und an und wollte einfach nicht enden. Mein Handy machte mich auf weitere Krisengebiete aufmerksam und ich schwankte von abgehetzter Suche nach Lösungen und kaltem Entsetzen, dass alles in einem bösen Knall endete. Mein Schuh begann zu drücken und ich stieg unauffällig aus ihm heraus, damit er mich nicht ablenkte und nur Kauderwelsch in meinen Nachrichten stand. Endlich ergriff Lachlan das Wort: „Tha mise Lachlan Kendrick McDermitt a-nis ´gad ghabhail-sa Carolina Hildebrecht gu bhith ´nam chéile phòsda.“ Ich, Lachlan Kendrick McDermitt, nehme hiermit Dich, Carolina Hildebrecht, zu meiner Ehefrau.

Ich starrte ihn an, es war abgesprochen, dass zumindest das Ehegelübde auf Englisch gesprochen wurde, so dass auch die nicht-gälische Verwandtschaft wusste, was gerade vor sich ging. Soviel zu Absprachen!

„Ann am fianais Dhé`s na tha seo de fhianaisean tha mise a`gealltainn a bhith´nam fhear pòsda dhileas gràdhach agus tairis dhuitsa, cho fad´s a bhios an dithis againn beò.“ In der Gegenwart Gottes und vor all den Zeugen, gelobe ich, Dir ein liebevoller, treuer und loyaler Ehemann zu sein, bis das der Tod uns scheidet.

Die Pause, die eintrat, war getragen von dutzendem einbehaltenem Atem.

Liny lächelte, atmete tief durch und machte ihren Schwur: „Tha mise Carolina Hildebrecht a-nis ´gad ghabhail-sa Lachlan Kendrick McDermitt gu bhith ´nam chéile pòsda.“ Ich, Carolina Hildebrecht, nehme hier mit dich, Lachlan Kendrick McDermitt, zu meinem Ehemann. „Ann am fianais Dhé`s na tha seo de fhianaisean tha mise a`gealltainn a bhith´nam bhean phòsda dhileas ghràdhach agus thairis dhuitsa, cho fad´s a bhios an dithis againn beò.“ In der Gegenwart Gottes und vor all den Zeugen, gelobe ich, Dir eine liebevolle, treue und loyale Ehefrau zu sein, bis dass der Tod uns scheidet.

Alle Augen waren auf Lachlan und Liny gerichtet, auch meine, allerdings wurde ich zunehmen unruhig. Sie war fertig, oder nicht? Warum ging es dann nicht weiter? Ein schneller Blick zum Geistlichen bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Der Priester hatte die Augen geschlossen und schwankte leicht. Eingeschlafen?

Ich unterdrückte gerade noch einen Aufschrei. Ich war zu weit entfernt, um ihn anzustoßen, oder anzusprechen. Islay stand wesentlich günstiger und konnte es viel unauffälliger tun, aber er wich meinem Blick aus. Verflixt!

„Mr Campbell“, hisste ich, aber er reagierte nicht. Ich versuchte es, mit einem lauten Räuspern, aber auch das erbrachte nicht den gewünschten Effekt. Islay hörte mich nicht. Die Stille wurde langsam unangenehm – mir zumindest – und ich sah mich gezwungen zu handeln. Zunächst jedoch stolperte ich über meine ausgezogenen Schuhe. Ich fing mich gerade noch und stand mit hochrotem Kopf vor dem Priester, der tatsächlich leise schnarchte. „Pst!“

„Miss Conrad! Was machen Sie denn?“ Islay zog mich von dem Priester fort.

„Er schläft!“, hisste ich. „Er muss doch …“

Der Geistliche unterbrach mich, indem er in die Hände klatschte. Islay zog mich zu sich, um den Weg freizuräumen, denn der Priester trat vor, legte seine Hände auf und unter die verbundenen Hände von Lachlan und Liny und hob erneut zu einer langen gälischen Litanei an.

„Er ist betrunken“, flüsterte ich und wurde erneut nicht gehört – oder ignoriert? „Wann ist es endlich zu Ende? Verdammt, es war eine Stunde veranschlagt, nicht …“ Hinter mir jubelte die Menge und ich drehte mich überrascht um. Liny lag in Lachlans Armen und wurde stürmisch geküsst. Rosenblätter flogen und gingen auch auf mich und Islay nieder. Romantisch und viel schöner, als der traditionelle Reis.

„Ich präsentiere Mr und Mrs McDermitt!“, rief Ian und sorgte für neuen Jubel.

„Ruinieren Sie nicht alles“, wisperte Islay in mein Ohr, aber es kam gar nicht richtig bei mir an. Der Hauch seines Atems kribbelte auf meiner Haut und bewirkte ein recht bekanntes Gefühl an einer Stelle, die ich nun nicht näher beachten wollte. „Daingead, Sie gackern herum, wie ein aufgescheuchtes Huhn!“

Wie ungerecht. Ich streckte die Schultern und sah ihm fest in die Augen. „Der Priester ist betrunken“, stellte ich erneut, dieses Mal im neutralem, sachlichen Ton fest. „Er ruiniert die Feier.“

Islay schnaubte. „Natürlich ist er betrunken, er hat mit so vielen Gästen wie möglich auf das Glück des Brautpaares angestoßen. Ein alter Familienbrauch und wenn er während der Feier einschläft, sagt es eine lebenslange Verbindung voraus.“

Das war der widersinnigste Brauch, von dem ich je gehört hatte.

Islay griff nach meiner Hand und legte sie sich auf den Unterarm, um Lachlan und Liny zu folgen, die ihre Prozession zum Festzelt antraten. Meine Schuhe blieben zurück und ich zerrte an meinem Arm. „Moment, meine Schuhe …“

„Die Braut ist barfuß, dann brauchen Sie Ihre auch nicht. Tradition.“ Er zog mich stur weiter, damit wir unseren Platz als zweites Paar nach Braut und Bräutigam nicht verloren, während wir durch den kleinen Garten zurück zum Tor gingen. Die Dudelsäcke ertönten wieder und erübrigten jeden weiteren Einwand – ich konnte die Musik ohnehin nicht übertönen.

Am Tor, das sonst den kleinen, geheimen Garten vor unerlaubtem Besuch abschottete, übergab Islay Lachlan einen kleinen Sack mit Klimpergeld, das der Bräutigam leerte. Münzen flogen durch die Luft und Kinder, die offenbar nur auf diesen Moment gewartet hatten, stoben hervor und wuselten vor ihren Füßen herum.

„Verspricht dem Brautpaar Reichtum“, murrte Islay an meiner Seite und schob mich weiter. Die Kutsche wartete, die uns zum Festzelt bringen sollte, das einige Meilen entfernt aufgebaut worden war, damit Liny es nicht zu früh bemerkte. Lachlan hatte es mit den Überraschungen übertrieben, aber meine Meinung dazu hatte ich bereits kundgetan und war ignoriert worden.

Ich half Liny den Schleier zu verstauen und setzte mich ihr gegenüber. „Bekommst du Luft?“

„Vielleicht möchtest du dich umziehen?“, griff Lachlan das Thema auf und drehte sich besorgt seiner Braut zu, die tatsächlich etwas durch dem Wind wirkte. Aber sie schüttelte den Kopf.

„Ich bin überwältigt, aber ich werde mein Hochzeitskleid sicher nicht vor Ende der Feier ausziehen!“ Demonstrativ atmete sie tief ein. „Geht.“

„Ist das Kleid zu eng? Warum bestellt man kein passendes? Sicher hätte es auch größer toll ausgesehen.“ Islay konnte von Glück reden, dass er Liny nicht vor zwei Jahren durch die Blume gesagt hatte, sie sei fett. Damals hätte er das nicht überlebt. Heute schoss Liny lediglich Farbe ins Gesicht und sie wechselte einen scheuen Blick mit ihrem Bräutigam.

„Du siehst einfach hinreißend aus, a graidh“, versicherte er. „Und solltest du das Bewusstsein verlieren …“ Sein Grinsen wurde zweideutig und überstrahlte mühelos seinen sonst so düsteren Eindruck. In solchen Momenten war er seinem Filou-Bruder Ian verdammt ähnlich. „ … können wir uns wenigstens zurückziehen.“

Liny seufzte. „Hm, verführerisch, aber wohl nicht machbar.“

„Du bist mir Eine.“ Zwar war ich durchaus amüsiert, aber das Unverständnis überwog. Allerdings war das bei uns so üblich. Wenn ich etwas nicht verstand, dann Caroline Hildebrecht, aber das hatte unsere Freundschaft nie getrübt. Ich mochte wohl verschrobene Menschen, kam mit schwierigen Charakteren deutlich besser zurecht, als viele andere.

Wieder seufzte die Braut. „Ich werde brav mitspielen, Sina. Bei all der Mühe, die du mit mir hattest.“

Ich wechselte einen Blick mit Lachlan, der sich der Geste seiner Frischanvermählten bediente und ihre Finger ergriff, um die Eröffnung selbst zu machen. „Also, eigentlich war sie eine Finte.“

Vielleicht nicht der richtige Moment für eine Beichte, zumal bei einem explosiven Menschen wie Liny. Allerdings überraschte sie mich einmal mehr. Sie lachte. „Ich hoffe, sie wurde gut dafür bezahlt, mich zum Narren zu halten, denn sie war spitzenmäßig!“

So ganz stimmte seine Feststellung zwar nicht, aber ich wollte mal nicht kleinlich sein. Mein Telefon riss mich aus dem Moment, obwohl ich auf das Geplänkel abgelenkt einging.

 „Süße, so etwas mache ich unentgeltlich. Dein Gesicht zu sehen, wenn du hinter die Finte kommst, ist einfach zu köstlich – in der Regel. Was hast du genommen, dass du es so locker nimmst?“

Zusätzliches Personal war eingetroffen und wartete auf Anweisung. Erleichtert gab ich die Führung selbiger an Mrs McCollum, der Haushälterin Farquhars weiter. Sie wusste am besten, wo Not am Mann war und ich befand mich nicht einmal in der Nähe des Geschehens.

Islay an meiner Seite grollte etwas, da er aber in der Landessprache verblieb, musste ich mich darum nicht kümmern. Liny griff es auf, nachdem Lachlan den Cousin bereits gerügt hatte, auf seine Worte zu achten.

„Zum einen habe ich den Schafhirten geheiratet, Islay, und zum anderen ist sie meine absolut beste Freundin. Sie kennt mich in- und auswendig.“ Liny lächelte mich an. „Und gewöhnlich gehe ich nicht besonders gut mit Überraschungen um.“ Sie zwinkerte mir zu, als Zeichen unseres Verständnisses. „Um deine Frage zu beantworten: Wir haben die Hochzeitsnacht vorgezogen und deswegen bin ich ziemlich tiefenentspannt.“

Das war einfach zu putzig. Das Gelächter brach gleichzeitig aus uns heraus und wir beugten uns auch zur selben Zeit vor, um nach der Hand der anderen zu greifen.

„Das Rezept werde ich mir ausleihen müssen.“

„Gern, allerdings warne ich vor nicht verschriebenen … Maßnahmen.“ Liny grinste. „Und der Verwendung der falschen Komponente.“

„Wegen der Nebenwirkungen.“ Ich winkte ab. „No risk, no fun.“

„Sollte ich irgendwen vorwarnen?“, brummte Lachlan weniger amüsiert wie Liny und ich, aber er hatte auch jemand anderem im Blick als wir. „Dich vermutlich, Sina, Ian …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich stelle dir gerne passendere Kandidaten vor.“

„Danke, aber die Wahl treffe ich lieber selbst.“

Er seufzte tief. „Ich habe dich gewarnt. Da ist viel heiße Luft, aber leider wenig Substanz.“

Da ich sicher nicht auf Ian hereinfiele, fühlte ich mich sehr großmütig. „Ich bin mir sicher, dass du dich da irrst. Er ist bestimmt eine missverstandene Seele.“

„Wenn du meinst“, brummte er und beließ es dabei. Brüderliche Loyalität siegte eben über die Sorge für Freunde der Braut.

Linys Gelassenheit bekam erste Risse, als wir uns dem Festzelt näherten, auf dessen Wimpeln die Clanbanner im Wind wehten. „Sag mal, hast du das halbe Land eingeladen?“

Lachlan räusperte sich verlegen und drückte die Hand seiner Braut. „Also, die Auswahl der Gäste wurde schwierig.“

Islay an meiner Seite regte sich und ließ ein knappes Lachen verlauten.

„Es hört sich sehr weit hergeholt an, Carolina, aber für meine Eltern ist dies die Hochzeit ihres möglichen Erben.“

Das verwunderte nicht nur Liny, sondern auch mich. Ich war natürlich nicht sonderlich firm in den Erbangelegenheiten von schottischen Adligen, aber bisher war ich davon ausgegangen, sie seien ähnlich geregelt, wie in Deutschland – mit Ausnahme des Titels selbstredend.

„Ian ist der Erstgeborene“, hob Liny hervor und bat mit ihrem Blick um eine sofortige Versicherung. Lachlan wirkte eher zerknirscht. Noch mehr Lügen? Sie mochte derzeit friedlich wie ein Lamm sein, aber er sollte ihr Temperament besser nicht unterschätzen. Mann, selbst ich war verärgert und steckte schließlich nicht in ihren Schuhen.

„Ja, schon“, räumte er schließlich ein, schien aber noch etwas zurückzuhalten.

„Raus damit.“

„Ich sagte bereits, dass Ian nicht sonderlich …“ Er druckste herum.

„Ich wusste nicht, dass es da eine Wahl gibt.“ Dabei war mir der Gedanke, Babysitter bei einem zukünftigen Duke zu spielen, nicht ganz geheuer und offen gestanden erwartete ich, als Patin in Betracht gezogen zu werden, wenn es erst einmal soweit war. Tja, vielleicht bekamen sie nur Mädchen. Mir ging ein Licht auf. Vielleicht bekam Ian nur Mädchen und da war eine Art Backup sicher sinnvoll.

„Es ist keine Wahl.“ Lachlan rang sich endlich dazu durch, die Karten auf den Tisch zu legen. „Ian wird der Duke of Skye, sollte unser Vater sterben. Aber … nun, nur ein eheliches Kind kann ihn beerben und irgendwie zweifelt jeder daran, dass Ian ein solchen hervorbringt.“

Liny stöhnte gedehnt und sackte in die Polster, als die Kutsche vor dem großen Portal des Festzeltes angelangte. Haltung sah definitiv anders aus.

„Wird dir vielleicht schlecht? Schwindlig? Vielleicht solltest du dich ausruhen?“

Ich musste lachen, auch wenn Linys Blick Lachlans Hoffnungen bereits zerstörten. „Sorry, aber hier müsst ihr durch und Carolina, bevor die anderen Gäste eintreffen, solltest du dich noch kurz ausruhen!“ Sie sah durchaus aus, als wäre das alles bereits zu viel für sie, aber zumindest in dem Bereich hatte man mich angehört und einen kleinen Rückzugsort eingerichtet, in dem sich die Braut von den Strapazen erholen konnte – und nicht barbarisch ein Plumpsklo benutzen musste.

„Ich begleite euch.“

„Auf keinen Fall“, beschied ich fest und gab Islay einen Wink, endlich auszusteigen. „Mr Campbell?“ Er sah zu mir auf, war ich doch bei seiner Ansprache aufgestanden und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Ich sah ihm an, was er dachte: nicht ladylike. Ich blieb in der Haltung, schließlich wollte ich gar nicht den Eindruck erwecken, mehr zu sein, als ich war. Ich war stolz auf meine Herkunft, auch wenn sich unter meinen Ahnen keine Titelträger tummelten. Wir waren Bauern, Arbeiter und später Geschäftsleute und das durch die Bank. Meine Eltern betrieben zwei Handwerksunternehmen, ohne selbst Handwerker zu sein und hatten Erfolg, meine Großeltern besaßen zwei Lebensmittelläden in unserer Stadt. Ich war stolz auf sie und sah keinen Grund, mir einen anderen Hintergrund zu wünschen. Ich war, wer ich war. „Wir müssen aussteigen und so wie ich es sehe, machen Sie den Anfang.“

Die Kutsche geriet ins Schlingern, als er aufstand und mit dem Herabsehen war augenblicklich Essig. Er war einen guten Kopf größer als ich, tja, zumindest ohne meine Schuhe. Er sah grimmig auf mich nieder und machte keine Anstalten, das Gefährt zu verlassen. „Mr Campbell …“

„Eigentlich Lord …“

Er wurde ebenso unterbrochen, wie ich zuvor. „Islay“, beschied Lachlan. „Er ist übrigens ein kluges Kerlchen. Gut mit Zahlen und sucht noch nach einem Betätigungsfeld.“

Klang wie ein Vorstellungsgespräch. Ich schmunzelte und musterte Islay intensiv. Es trieb ihm dunkle Röte in die Wangen und übte wohl einen ungeheuren Fluchtreiz aus, denn er sprang fast hinaus. Liny zwinkerte mir zu, während Lachlan seinem Cousin folgte.

„Er ist allerdings eher zurückhaltend.“ Sie beugte sich vor, um mir weiter zuzuflüstern. „Scheint ein Spleen hier zu sein.“

„Du stellst mich mal wieder schlimmer hin, als ich bin, Liny.“ Ich hielt ihr Kleid, während sie ausstieg und dabei absichtlich in die Arme ihres Gatten fiel und ihn küsste.

„Noch mehr Überraschungen?“

„Mit denen wollte ich bis morgen warten“, gab er knirschend zu. „Aber eher schöne Überraschungen, keine Bösen. Glaube ich.“ Seine Miene wurde grimmig. „Hoffe ich.“

„Wir nehmen es, wie es kommt“, mischte ich mich ein und hakte mich bei Liny unter. „Wir beruhigen uns jetzt erst einmal und ihr begrüßt die Gäste.“

Islay klappte der Mund auf und widersprach: „Aber die Braut …“

„Braucht eine Auszeit.“

Er brach ab, nicht sicher, wie er reagieren sollte. Er tänzelte, suchte Lachlans Rat, dann Linys, bevor er sich geschlagen gab. „Vielleicht fällt es nicht auf. Kendrick, wir sollten hier warten, bis es Carolina wieder …“

„Und die Gäste allein lassen?“ Womöglich sollte ich mich nicht einmischen und es Lachlan überlassen, den Cousin auf Kurs zu bringen, aber er zuckte die Achseln, wollte sich wohl auch aus der Verantwortung stehlen. „Die Herren werden die Gäste begrüßen und die Braut entschuldigen. Ich denke, dass ihr zehn Minuten ohne weiblichen Schutz überstehen werdet.“ Damit schob ich Liny um das Zelt herum zum Hintereingang.

„Wenn ich dir einen Rat geben darf …“

„Soweit ist es schon gekommen?“, spaßte ich, schließlich war ich es allzu oft gewesen, die Liny mit guten Ratschlägen beiseite stand.

„Na ja, ich bin verheiratet, während du …“ Sie zuckte die Achseln und streckte mir dann die Zunge entgegen.

„Salz in die Wunde, was bist du für eine Freundin?“ Ich schob sie weiter bis zum Ottomanen. „Setz dich. Soll ich das Kleid etwas öffnen? Solange du den Schleier trägst, ist dein Rücken verdeckt, auch wenn wir die Korsage offenstehen ließen.“

„Hm. Was ist mit dem Schleiertanz? Dann stehe ich plötzlich nackt da.“

„Der was?“ Hörte sich arg orientalisch an, aber ich wusste natürlich, dass es in einigen Regionen Deutschlands und Osteuropas einen Brauch gab, bei dem der Schleier der Braut zerteilt wurde und diese Stücke die Brautjungfern bekamen. Diejenige mit dem größten Stück, so sagte man, wäre die nächste Braut. Also etwas ähnliches wie der Brautstraußwurf. „Ich bin wohl nicht umfassend informiert.“

„Oh, ich war selbst nicht sicher. Irgendwie ist sich da niemand so recht sicher. Die einen halten es für unabdingbar und dir nächsten halten es für Firlefanz.“ Liny seufzte. „Aber schaden kann es nicht, oder?“

„Wirfst du den Brautstrauß?“

„Er ist von Lachlan.“

Ich verdrehte die Augen. „Ich fange ihn und gebe ihn dir zurück.“

Sie lachte auf. „Mach die anderen ungebundenen Frauen nicht trübsinnig!“

„Warum? Ist es ein Fauxpas und bedeutet, dass keine von ihnen je vor dem Altar enden wird?“ Sie nahm ihr Glas Wasser entgegen und ließ sich widerstandslos die Füße hochlegen. Dabei sackte sie seufzend in die Kissen.

„Du verwöhnst mich.“

„Gehört sich so.“

Liny kicherte. „Islay ist noch zu jung, um zu heiraten. Solltest du den Strauß fangen und tatsächlich die Nächste sein, wäre es sehr traurig für die anderen Frauen und Mädchen. Besonders jene von ihnen, die schon länger in festen Händen sind und auf einen baldigen Antrag hoffen.“

So betrachtet. Ich setzte mich zu ihr. „Ich glaube, der junge Herr Lord Dingensbummens ist von mir nicht sonderlich angetan.“ Ich zwinkerte. „Er hat mir nicht einmal geholfen, aus der Kutsche zu steigen.“ Obwohl diese Verfehlung nicht einmal die Schlimmste bisherige war. Meine Beine streckend, wackelte ich mit den Zehen. „Und er hat mir meine Schuhe genommen.“

Liny stutze.

„Brauch hin oder her, das nehme ich ihm übel.“

„Du bist barfuß.“

„Du auch.“

„Hast du schon mal versucht, mit einem Sixpence im Pumps zu laufen?“

„Nein, aber einige Euros habe ich dort schon mitgeführt“, gab ich kichernd zu. „Allerdings Scheine, das muss ich eingestehen.“

„Ein absolut sicherer Ort, nur, wie bist du das Geld losgeworden? Jeder Barkeeper muss doch direkt umgekippt sein, als du damit bezahlen wolltest.“ Ein Kniff in ihre Wade ließ sie aufkreischen. „Du misshandelst die Braut!“

„Tja, irgendwer muss dir ja Benimm einbläuen.“ Ich ließ das Flachsen und schob ihre Beine wieder von der Sitzgelegenheit. „Also? Bereit?“

Ihre Augen wurden größer und das Glas in ihrer Hand begann zu beben. „Wie viele sind es?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Es waren siebzehn Wimpel … Er hat doch nicht wirklich halb Schottland eingeladen?“ Sie kam nur überaus zögerlich auf die Füße.

„Ich weiß es wirklich nicht, aber bei dem, was ich so mitbekommen habe, ist es eher ganz Schottland.“

Sie wurde blass. Schnell trat ich an ihre Seite, um sie zu stützen.

„Hey, ignoriere es. Du begrüßt, wen du kennst, bleibst in Lachlans Nähe, und wenn dir alles zu viel wird, hast du hier einen heimeligen Ort, um dich zurückzuziehen. Ich habe mein Handy dabei. Einmal durchklingeln und ich eile an deine Seite und beschütze dich vor dem Ansturm fremder Menschen.“ Ich zwinkerte, in der Hoffnung, meine Scherze ließen sie die Fassung wiedergewinnen. „Mach dir nicht so viele Gedanken.“

„Ich verstehe nur nicht, wie es so viele werden konnten, wenn wir doch die engste Familie geplant hatten.“

„Nun, wenn der Clan zur engsten Familie gehört und vier Geschwister in unterschiedliche Clans einheiraten …“ Der exponentielle Wachstum war doch offenkundig.

Liny stöhnte. „Danke, daran hättest du mich früher erinnern können. Seine Schwestern, nicht wahr?“

„Und Tanten. Wenn du zukünftig klein feiern möchtest, solltest du dich deutlicher ausdrücken und Namen nennen. Da kommt es natürlich zwangsläufig zu Ressentiments …“

„Toll.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und ich dachte, ich hätte mich optimal darauf vorbereitet, Lachlan zu heiraten.“

Ich schob sie sanft zum Saal. „In dem du Gälisch lernst?“ Lächerlich, und ich konnte meine Amüsiertheit auch nicht aus meiner Stimme heraushalten.

„In dem ich Gälisch lerne, mich anständig und gemessen benehme und aufhöre, meinen Launen die Oberhand zu lassen.“ Sie stöhnte herzzerreißend. „Sie werden mich hassen!“

„Ach was! Hör auf, ein Drama zu veranstalten und nimm dich jetzt noch für“, ich sah auf mein Handy, „mindestens acht Stunden zusammen.“

Ihr Blick war einfach köstlich.

Es war nicht schwer, den Bräutigam wiederzufinden. Zum einen, weil er ein eindrucksvoller Mann war – groß, breite Schultern, ebenholzschwarzes, wuscheliges Haar – und zum anderen, weil man uns den Weg freiräumte, sobald man uns entdeckte.

Lachlan atmete sichtbar erleichtert aus und nahm Liny in den Arm, um sie zu präsentieren. „Da ist meine Luckenbooth, ist sie nicht hinreißend?“

Ich ließ mich zurückfallen, schließlich war es Linys Tag und sie sollte im Mittelpunkt stehen – ob es ihr gefiel oder nicht. Leider kam ich nicht weit und trat jemanden auf den Fuß. Da ich augenblicklich aufgehoben und zur Seite gestellt wurde, was mit einem Brummen unterlegt war, wusste ich, wem ich auf die Zehen gestiegen war. Islay. Seine Hände brannten sich in meine Taille, als lägen sie direkt auf meiner Haut. Die Wirkung auf meine Standfestigkeit war beeindruckend. Meine Knie bebten.

„Verzeihung.“ Nicht, dass der Hauch zu hören wäre, schließlich konnte ich es kaum anständig formulieren. Es war irritierend. Merkwürdig. Unverständlich. Ich hatte genug Erfahrung mit Männern und der Liebe, um nicht jedem charmanten Horst zu verfallen, und Islay war alles andere als charmant. Eigentlich war er im Vergleich zu – sagen wir Ian – völlig uninteressant. Vom Alter, vom Aussehen, von der Art, wie er mit mir umging. Deswegen wunderte es mich, welche Wirkung er auf mich hatte. Rein physisch reagierte ich auf seine Nähe, auf seine Berührung.

„Sie haben eine Ewigkeit gebraucht.“

Ich hob den Blick, nicht sicher, wie ich auf seinen Anblick reagieren würde, wenn seine Berührung mich schon mitnahm, aber seine Miene war alles andere als zum Verlieben. Ich atmete langsam ein und entließ meinen Ärger mit meinem Atem. Nach zwei Wiederholungen schaffte ich es zu Lächeln. „Einige Minuten, Islay, keine Ewigkeit.“ Ich nutzte mit voller Absicht seinen Taufnamen und verbuchte einen Erfolg, sein Grimm legte sich und Erschrockenheit übernahm die Vorherrschaft in seiner Miene. Keinen Widerspruch gewöhnt? Ein kleiner verwöhnter Bengel? Zu anstrengend, ganz gleich wie weich meine Knie bei seiner Berührung wurden. Mal abgesehen davon, dass mich der ganze Heckmeck, den Liny in den letzten beiden Jahren hatte mitmachen müssen, nicht gerade anzog. Ich war keine Wilde, nur weil ich nicht adlig war. Ich fand weder an meinem Benehmen, meiner Wortwahl, noch an meinem Kleidungsstil etwas auszusetzen und fände es empörend, wenn man mich dahingehend beriete, wie es sich die Duchess bei Liny herausnahm. Sie könne kein weißes Kleid tragen, sie war schließlich keine Jungfrau, Farbe sei in Schottland Tradition. Nur gut, dass wir nicht nur die deutsche Tradition anführen konnten, sondern auch die britische, die mit Königin Viktoria eine berühmte Königin vorzuweisen hatte, die den Brauch in Weiß zu heiraten auf der Insel begründet hatte. Unnötig zu sagen, dass mich die Duchess nicht sonderlich sympathisch fand.

„Ah, da bist du ja!“, flötete Carmen, Linys Schwester, und zerrte Ian mit sich. Ein zugegeben lustiges Bild, denn er sah alles andere als amüsiert aus. Eher mühsam beherrscht, wenn ich Lachlans Mimik als Vergleich nahm. „Puh, das war ja eine Tortur!“ Carmen hing an Ian wie eine Klette. „Nur gut, dass mein Schwager ein so agiler Mann ist und so stark …“ Es fehlte nur noch, dass sie ihm in die Muskeln kniff. „Carolina ist schon zu beneiden, meinst du nicht?“

„Wegen Ian oder Lachlan?“

„Oh, bitte“, murrte Ian, sich aus dem Griff der schwangeren Schwägerin befreiend. „Können wir uns zumindest heute auf Kenny einigen? Es schaudert mir jedes Mal, wenn ich diesen Namen höre!“

„Seinen Taufnamen“, hob ich hervor, schließlich war es nicht das erste Mal, dass wir diese Diskussion führten, er kannte meine Meinung dazu und Linys deckte sich zur Abwechslung mit meiner. Lachlan hatte sich mit Lachlan vorgestellt, es war sein Taufname und nur weil der Rest seiner Familie ihn lieber mit seinem zweiten Rufnamen ansprach – Kendrick, beziehungsweise Kenny – war es kein Grund für uns, sich dem anzuschließen.

„Nur für heute? Du hast was gut bei mir“, stellte er in Aussicht, worauf ich gut verzichten konnte.

„Ich bleibe bei Lachlan, selbst wenn du mir die Kronjuwelen zu Füßen legst.“

Er stöhnte gedehnt. „Du bist eine harte Nuss, Sina, Süße.“

Islay räusperte sich. „Wir sollten unsere Plätze einnehmen.“

„Oh, das wäre herrlich! Ich muss gestehen, dass mich meine Füße umbringen.“ Sie präsentierte ihre in Peeptoepumps gezwängten Zehen und machte mich einigermaßen eifersüchtig. Kleine Steinchen gruben sich in meine nackten Fußballen, obwohl das riesige Zelt eigentlich auf einem der wenigen ebenen Flächen auf der Wiese aufgestellt war. War ich etwa die einzige, die gezwungen war, einen unverständlichen, gar unbekannten Brauch zu folgen?

„Zieh sie doch aus.“

„Oh, nein, nein. Meine Schuhe sind mir heilig. Weißt du, wie lange ich ein Paar gesucht habe, das mir passt?“ Carmen lehnte sich an ihre unfreiwillige Stütze.

„Ungefähr so lange wie ich nach meinen.“ Eine bittere Feststellung, schließlich hatte ich keinen Schimmer, was aus meinem Paar geworden war.

„Passend?“ Islay starrte völlig fassungslos auf Carmens eingezwängte Zehen. „Sind Sie Aschenputtels Stiefschwester?“

Ian prustete. Ich war eher fassungslos. Nicht charmant war eine maßlose Untertreibung bei diesem Herren.

Carmen ließ ihren Rock fallen. „Wir wollten uns setzen, nicht wahr?“ Sie zog Ian weiter, der immer noch lachte und ließ mich mit dem zu freundlichen, jungen Adligen allein.

„Ihr Frauen habt echt ein Problem.“

Wenn man mich fragte, hatte er eins, aber ich verkniff mir den Hinweis ebenso wie meinen leichten Groll. Carmens Füße passten tatsächlich nicht in die Schuhe, also hatte er immerhin recht, auch wenn es völlig daneben war, es auszusprechen – so verdammt plump.

„Sind Sie sich sicher, dass Carolina und Lachlan uns während der Vorstellung nicht brauchen werden?“ Die Brautjungfern hatten schließlich besondere Pflichten und die wollte ich um nichts in der Welt vernachlässigen.

„Wir haben die wichtigen Gäste bereits begrüßt.“ Schön zu hören, dass er nicht nur Frauen gegenüber keinen Takt wahrte. „Unser Tisch ist dort drüben.“ Er deutete in den großen Saal des Festzeltes auf einen Platz im Nirgendwo. Interessanterweise war die Platzverteilung völlig anders als erwartet. Zwar hatte ich keinen vollen Überblick, aber die Reihen Tische, die ich überblicken konnte, waren nicht in Gruppen oder im Kreis aufgestellt, sondern in geraden Linien. An jedem Ende standen livrierte Diener bereit und nahmen die Gäste in Empfang, um sie zu ihren Plätzen zu geleiten. Dass jeder sogleich den richtigen Anlaufpunkt fand, erklärte sich durch die Clanbanner, die von der Decke hingen. Damit hatte ich natürlich ein Problem, denn ich gehörte zu keinem Clan, und Carmen und der Rest von Linys angereister Familie auch nicht. Auch ein zweiter Rundumblick ergab keine neuen Erkenntnisse. Ich bereute nun, diesen wichtigen Teil der Planung aus der Hand gegeben zu haben, aber gleich drei meiner Vorschläge waren von der Duchess abgeschmettert worden, weil sie den Rängen einzelner Anwesenden nicht gerecht wurden.

„Unser Tisch?“, griff ich also auf, in der Hoffnung, er sprach tatsächlich von uns beiden und nicht von sich und seiner Familie.

„Sie sind meine Begleitung und ich bin für Sie verantwortlich. Kommen Sie.“

„Sina.“

Er nahm es nicht auf, sondern strebte durch die Tischreihen, dass ich Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen. Nun, er trug Schuhe, während ich in jedes Steinchen trat, das auf dem ursprünglich blank gewienerten Holzboden  herumlag!

Er setzte sich, seinen Tischnachbarn begrüßend, der zu mir aufsah, als ich neben Islay stehenblieb. Der ignorierte mich.

„Hálo.“

„Hallo.“ Ich streckte die Hand aus. „Sina Conrad, Brautjungfer und mit Islay bestraft.“ Gut, so machte ich mir ihn sicher nicht zum Freund, aber irgendwann war auch mein Vorrat an Geduld aufgebraucht. Ich schüttelte die Hand des Mannes, der zumindest aufstand und sich und seine weibliche Begleitung vorstellte. Cousins. Mairi und Don Campbell. Ich lächelte ihn an. „Wie nett, Sie kennenzulernen.“

„Ebenfalls. Sie sind aus Deutschland wie Carolina? Man hört es an Ihrem Akzent. Möchten Sie sich nicht setzen?“ Er kam um Islay herum und zog den Stuhl unter den Tisch hervor, um ihn mir ranzuschieben.

„Vielen Dank. Ja. Wir sind zusammen aufgewachsen.“ Best friends forever, auch wenn das forever einige Jahre durch die räumliche Entfernung zwischen uns gelitten hatte.

„Und dann verschlägt es sie gemeinsam in die schottische Wildnis.“

Das konnte ich selbstredend nicht so stehenlassen. „Eigentlich nach London. Was Carolina bewogen hat, sich hier zu verstecken, ist mir ein Rätsel.“ Ich grinste, damit ich nicht falsch verstanden wurde, schließlich hatte die Vorstellung etwas Wildromantisches. Du verliebst dich und verbringst dein Leben in absoluter Harmonie und Glückseligkeit in Abgeschiedenheit. Hm. Vielleicht war es auch langweilig.

Don lachte und Mairi fiel mit ein. „Nun, es liegt sicherlich nicht an Ken. Herrje, er ist so mürrisch wie ein altersschwacher Esel.“

Neben mir brummelte Islay etwas und ich wandte mich ihm zu, in der Annahme, er hätte etwas zur Unterhaltung beizutragen, aber er wiederholte sich nicht. Seine grünen Augen blitzten lediglich auf, als er mich kurz ansah.

„Oder an seinen schäbigen Schafen. Hast du das Untier gesehen, dass hinter der Hochzeitskutsche hergetrabt ist?“ Mairi schüttelte sich. „Kann er sich kein vernünftiges Hobby suchen? Hundezucht? Meinen Sie, Carolina könnte da auf ihn einwirken?“

Mit einem Schnalzen schüttelte ich den Kopf. „Ich fürchte, ihr gefällt das Ding mit den Schafen.“

„Tatsächlich?“

Da war ich mir ziemlich sicher.

Islay grollte etwas auf Gälisch, was ich ungemein freundlich fand, schließlich sollte ihm doch klar sein, dass ich ihn sehr wahrscheinlich nicht verstand. „Wie bitte?“, fragte ich also und sah ihm demonstrativ in die Augen. Er senkte den Blick und murmelte wieder etwas.

„Vergessen Sie es. Wer auch immer Sie neben ihn platziert hat, hat sich einen Spaß mit Ihnen erlaubt, Sina. Islay …“ Don musterte ihn spöttisch. „Ist schwierig.“

Offensichtlich. Ein weiteres Paar setzte sich zu uns an den Tisch und Mairi machte uns miteinander bekannt. Weitere Campbells, weitere Cousinen meines stummen Begleiters. Dru und Vic, beide in seinem Alter und überaus amüsiert, dass er eine Begleitung gestellt bekommen hatte. Na, das konnte sicher ein lustiger Abend werden.

Kapitel 3
Liebesschwüre

Der Ablauf des Abends war kompliziert gestaltet, schließlich sollten beide Traditionen – die deutsche, wie auch die schottische – gewürdigt werden. Es gab Überschneidungen, aber ebenso viele Unterschiede. Wir Deutschen waren in der Unterzahl, schließlich hatte Liny nur wirklich enge Freunde und die Familie eingeladen, zusammen kamen wir auf exakt siebzehn Mann, beziehungsweise natürlich Frau. Die Familie saß bei den McDermitts, die Freundinnen waren auf die anderen Clans verteilt, je nach Kombination, ob sie nun als Single angereist waren, oder als Paar und an welchen Tischen der entsprechende Platz oder Partner zu finden war. Ich hatte geraten, die wenigen Ausländer zu konzentrieren, damit sie sich wohl fühlten, war aber gnadenlos überstimmt worden. Von der Duchess persönlich, die den Einwand, wir würden uns besser amüsieren, wenn wir einander verständen, nicht gelten ließ. Nach langer, fruchtloser Diskussion beendete die Duchess das Gespräch, indem sie es schlicht befahl. Die deutschen Gäste wurden aufgeteilt und Schluss damit. O-Ton.

„Bist du soweit?“ Carmen drückte ihren Rücken durch. „Ich sage dir, so eine Schwangerschaft ist kein Spaß.“

„Bestimmt nicht.“ Noch war ich mir nicht sicher, ob mein Ablauf nicht erneut über den Haufen geworfen werden würde, wie bei den gälischen Treueschwüren und dem Blitzlichtgewitter, das ich ausdrücklich untersagt hatte. Seit Beginn der Feier wurde ich vertröstet. Kurz noch die Ansprache der Eltern, der Trauzeugen, der Geschwister, der Freunde … Selbstredend hatte ich keine lange Rede geschwungen, schließlich war es bei uns Deutschen kein Brauch und ich fand es überdies ermüdend. Nun, mit der Einschätzung war ich nicht allein, wenn ich die gelangweilten Gesichter der Campbells richtig deutete. Dru und Vic, meine Tischnachbarn, flüsterten sich Späße zu, während Islay mich ignorierte.

„Laut Planung sollten wir schon längst fertig sein“, murrte ich grimmig und versuchte, den Blick der Duchess aufzufangen, aber sie hielt es wie Islay und tat so, als gäbe es mich nicht. Also gut, wie hieß es so schön? Den Stier bei den Hörnern packen. Ich stand auf und fand mein Gelenk urplötzlich von Eisenhand umklammert.

„Was haben Sie vor?“

„Meinen Programmpunkt abhaken.“ Mein Telefon klingelte und ich befreite mich schnell aus seinem Griff, in der Annahme, Liny riefe nach mir. Aber schon der Blick auf das Display korrigierte mich. George, mein Chef. Mit einem Wisch drückte ich ihn weg. Nicht heute Abend und wenn es nach mir ginge … Einen Moment lang hing ich diesem angenehmen Gedanken noch nach, starrte auf das Handy und spielte mit ihm.

„Sina?“ Sie zupfte an meinem Kleid. „Jetzt? Bevor der Tanz anfängt, danach ist die Bühne nicht mehr nutzbar“, drängte sie. Es war Carmen, die sich für die Ausführung der Brautleute-Spielchen eingesetzt hatte. Sie seien so lustig und unterhaltsam. Richtig. Der Duchess erschienen sie aber zu vulgär, wie mich Lachlan in einem Zwiegespräch bei meiner Ankunft hatte wissen lassen. Deswegen hatte ich die Erwartungen der deutschen Gäste auch gedämmt und lediglich auf eine Aktion bestanden, die nach Abstimmung ausgewählt wurde. Vielleicht die falsche Strategie, schließlich hatte man sich auf das Durchsägen eines Baumstamms mittels einer Säge geeinigt und das Drumherum rechtfertigte den Spaß schon nicht mehr.

„Was haben Sie vor?“, fragte Islay wieder, wobei er zwischen uns hin und her sah und mein Handgelenk wieder einfing.

„Es ist Teil der Planung und abgesegnet.“ Nicht, dass es ihn etwas anginge. „Wir werden Hilfe brauchen, kannst du schauen, wo sich Britta und Carsten verstecken? Die Sitzordnung hat sich so oft verändert, dass ich nicht mehr im Kopf habe, wer wo sitzt.“ Zur Not konnte ich natürlich anrufen, aber bei dem herrschenden Lärm war es nicht selbstverständlich, dass man sein Telefon auch hörte.

Er umklammerte immer noch mein Gelenk und jeder dezente Versuch, es erneut aus seiner Hand zu drehen, scheiterte.

Islay kam holprig auf die Füße und stieß dabei fast seinen Stuhl um. „Was …“

„Islay, das ist unsere Tradition, wir wissen, was zu tun ist.“ Was so viel bedeutete, wie: Steh mir nicht im Weg!

Da er noch immer keine Anstalten machte, mich loszulassen und es begann, peinlich zu werden, schüttelte ich den Arm.

„Ich glaube, sie waren dort hinten, bei den Grünen Karos.“ Carmen bekam von meinem Dilemma nichts mit, drehte sie sich doch ratlos im Kreis und deutete einmal quer durch den Saal. Ich verkniff mir ein Grinsen, denn irgendwie waren alle Kilts mit grünen Karos ausgestattet. „Schön, möchtest du schon einmal Lachlan und Carolina hervorlocken und sie sanft vorbereiten?“ In der Zwischenzeit konnte ich die Sachen heranschaffen, die wir brauchten – mit Hilfe von Britta und Carsten. Nachdem ich meine Freiheit wieder hatte und das Gefühl, gleich in Flammen aufzugehen, verflogen war. Zögerlich sah ich zu Islay hoch. Sollte ich ihn fragen? Zweifelsohne hätte er weniger Schwierigkeiten, den Baumstamm mit Carsten in das Zelt zu bugsieren, als wenn Britta oder ich Carsten dabei halfen. Schubkarre hin oder her. „Es wäre nett, wenn du uns helfen könntest.“

Was er wohl nicht vorhatte, wenn ich sein Starren richtig deutete. Womöglich war es ein Fauxpas, einen Adeligen um Mithilfe zu bitten, wer konnte das schon mit Sicherheit sagen? Vielleicht machten sie sich schon aus Prinzip die Hände nicht dreckig? Ich kannte schließlich nur zwei Adlige: Ian und Lachlan, und die beiden handhabten es absolut unterschiedlich. Womöglich war Lachlan einfach die bodenständige Ausnahme? Achselzuckend nahm ich meine Bitte zurück. „Wir schaffen es auch so. Danke.“ Überraschenderweise folgte er mir trotzdem. Britta und Carsten waren am hintersten Ende der Tische platziert, fast schon am Ausgang des Festzeltes und bekamen dort nicht viel von dem Brautpaar mit. Schön, es gab riesige Videoleinwände, aber die wurden von umherlaufenden Gästen verstellt, die sich ausgerechnet vor dem Beamer unterhalten mussten. Derzeit hatte Britta zumindest den Ausblick auf zwei schwarze Silhouetten.

„Unsere Rettung! Mann, wie lange soll das noch so weitergehen?“ Eine berechtigte Frage fand ich, leider kannte ich die Antwort auch nicht.

„Eigentlich schließen die Schwüre der Braut und des Bräutigams den offiziellen Teil ab, danach wird getanzt und gefeiert, aber man hat mir schon den Quasselmarathon von soeben verschwiegen.“ Ich grinste schief.

„Ich habe kein Wort verstanden“, vertraute Britta mir an. „Aber alle hier haben wie verrückt gelacht.“ Sie sah an mir vorbei. „Wer ist denn deine Begleitung?“

Den Blick über die Schulter konnte ich mir sparen. „Islay Campbell.“ Ich wechselte ins Englische. „Ein Cousin Lachlans und Trauzeuge. Islay, darf ich dir Britta und Carsten Worms vorstellen? Britta ist mit Carolina und mir zur Schule gegangen.“

Sein Blick huschte über Britta, dann über Carsten, bevor er sich eher missmutig auf mich legte. Schön, dass er nicht nur mir gegenüber absolut unfreundlich war. „Freunde?“

„Früher gab es uns nur im Dreierpack.“ Was ihn sicher nicht die Bohne interessierte. „Wir sollten uns sputen“, wandte ich mich wieder an meinesgleichen, mit denen ich mich auch wortlos verstand. Brittas Brauen wanderten in die Höhe und ihr Blick wurde intensiv. Was ist das für ein Vogel?

„Wollen wir?“

Carsten stand auf und griff nach Brittas Hand. „Sind dabei. Wo sind die Sachen?“

„Kommt mit.“ Clevererweise hatte ich alles, was wir brauchten, in Linys Ruheraum bringen lassen. Er lag nahe am Geschehen und war menschenleer. Islay folgte uns mit Abstand und blockierte den Durchgang.

„Britta, kannst du den einen Bock nehmen? Carsten, schaffst du die Schubkarre mit dem Stamm?“ Für mich blieb dann der zweite Bock und die Säge.

„Was wird das?“

„Brauchtum.“

„Bockspringen?“

Ein Lachen entwich mir, was für eine absurde Vorstellung. „Nein. Sägen.“ Islays Blick schweifte über die Utensilien und man sah ihm an, dass er damit nichts anfangen konnte. „Es geht um Kommunikation. Spaßeshalber wird gesagt, dass derjenige, der beim Sägen den Ton angibt, auch das Sagen in der Ehe haben wird.“

„Das ist unpassend. Selbstverständlich wird sich Carolina an das halten, was man ihr sagt.“

„Der meint das ernst, was?“, fragte Britta schockiert in unserer Landessprache. „Da kennt jemand Liny nicht besonders gut. Ich beginne, mich zu fragen …“

„Das wird nicht funktionieren. Carolina ist kein Hündchen, sondern eine selbstständige, erwachsene Frau.“ Und ganz gleich, wie sehr man versuchen würde, sie einzuengen, ein gewisses Maß an Freiheit ließe sie sich niemals nehmen. Oder irrte ich mich da? War sie am Ende so verrückt nach Lachlan, dass sie die Konsequenzen gar nicht richtig bedachte?

„Sie weiß, was sie tut.“ Hoffentlich, und wenn alles schief lief … War es besser, wenn sie richtig lag und nicht schwanger war. Andernfalls stürzte sie sich regelrecht ins künftige Unglück à la Prinzessin Diana. Natürlich war das nichts, was ich laut äußern wollte, also blieb ich bei meiner stillen Hoffnung.

„Und anders als unser schottischer Freund hier, ist Lachlan nicht im letzten Jahrhundert versackt und wünscht sich von seiner Frau mehr als ein hübsches Gesicht.“

Die Spitze traf und Islays Miene verdüsterte sich. Er legte seine mächtigen Arme vor die Brust und schien sich dabei noch aufzublähen, wirkte er doch von Augenblick zu Augenblick größer, breiter und dominanter. Dumm für ihn, dass wir mit anderen Werten aufgezogen worden waren und uns ein Adelstitel keine Ehrfurcht einjagte.

„Das funktioniert nicht.“ Ich trat vor, um ihn zur Seite zu schieben. „Wir müssen hier durch.“

„Sie werden Ken lächerlich machen.“

„Weil er kein Holz sägen kann? Zufällig weiß ich das besser!“ Hatte ich ihn doch schon etliche Male beim Holzhacken erwischt. Vielleicht war die Säge eine Herausforderung, aber selbst das glaubte ich nicht. „Es ist ein Spiel, es ist dazu gedacht, dass sich die Brautleute lächerlich machen. Es gehört dazu, und wenn du mich fragst, werden die beiden diese Aufgabe mit Bravour meistern. Angst, dass ich recht haben könnte?“

Ihn aus der Fassung zu bringen, hatte seinen Reiz. Er starrte mich an, als wäre ich eine Art Ungeheuer, aber ebenso verdutzt, dass ich ausgerechnet ihm zur Last fallen musste. Er hatte deutlich ein Problem mit mir. Gut, ich ja auch mit ihm.

„So ein Unsinn!“

Natürlich. „Carsten, Britta, geht doch schon Mal vor.“ Ich lächelte verbindlich. „Ich bin in einer Sekunde bei euch.“ Aber ein vertrauliches Wort war hier wohl angebracht.

„Also, gut …“

Ich wartete, bis die beiden den Ruheraum verlassen hatten, dann wandte ich mich ihm zu, verbindlich und freundlich. „Islay, es ist ein harmloser Spaß, der an niemandes Ehre kratzen wird.“

„Sie sagten, sie sollen sich lächerlich machen.“

„Ein wenig. Es ist sicherlich nicht so schlimm, wie ein Brautpaar, das kreischend aus dem Brautgemach rennt, weil ihnen ein Schaf entgegenblökt.“

Er hatte den Anstand, zu erröten. „Das ist etwas völlig anderes.“

„So?“ Nun, ich wollte mich schließlich nicht streiten. „Islay, es ist mit Lachlan und der Duchess abgesprochen.“

In seinem Gesicht konnte man lesen, wie in einem Buch. Er glaubte mir nicht.

„Ich habe keine Zeit für lange Diskussionen. Die Hochzeit folgt einem Zeitplan und wir sind bereits in Verzug durch die vielen ungeplanten Reden. Wir brauchen vielleicht eine Viertelstunde, dann geht es mit den Treueschwüren weiter, gefolgt vom ersten Tanz.“ Und damit war der offizielle Teil abgehakt.

„Fünfzehn Minuten?“

Mein Telefon lenkte mich ab. Da ich Liny versprochen hatte, ihr in jedem Notfall beizustehen und immer noch Organisatorisches zu erledigen war, fischte ich es schnell aus meinem Täschchen und nahm ab, ohne auf das Display zu sehen.

„Wie kann ich zu Diensten sein?“, flötete ich betont heiter.

„Sehr schön, dann bist du sicher auf dem Weg nach Lands End?“, brummte George in mein Ohr.

Erschrocken nahm ich das Telefon vom Ohr und sah auf das Display. Es zeigte mir sein Abbild.

„Miss?“

Ich hob den Blick, wurde mir Islays Gegenwart gewahr und fing mich schnell wieder. Ich war Geschäftsfrau und kleine Rückschläge brachten mich nicht aus der Fassung. „Das ist ein geschäftliches Gespräch, entschuldige mich bitte kurz.“ Ich drehte mich um und schritt wacklig von ihm fort. Peinlich berührt, weil ich nicht so cool war, wie ich erscheinen wollte. Es war der absolut falsche Augenblick für dieses Telefonat. Erst hinter der Zeltplane hob ich das Telefon wieder und räusperte mich, weil ich das Gefühl hatte, dass mir ein riesen Kaninchen im Mund steckte. Dabei schweifte mein Blick über die bequeme Sitzecke, auf der ich zuvor bereits mit Liny gesessen hatte, und die betont exquisite Ausstattung. Die kargen Planen waren, wie im Hauptzelt auch, noch mit Extrabahnen Stoff verhängt, so dass man sich vorkam wie in einem Traum aus Tausendundeiner Nacht. Sie waren in hellen Tönen gehalten, gelb, beige, hellbraun und ein wenig blau und machten den kleinen Raum zu einer gemütlichen Höhle. Ein Paravent stand in der Ecke, für den Fall, dass sich die Braut umkleiden wollte, und auch ein Frisiertisch stand bereit. Mich interessierte eher die kleine Bar auf der entgegengesetzten Seite, denn einen Schluck Hochprozentigen hatte ich nun bitter nötig. „George?“

„Du vergisst deine Manieren, Sina. Ich habe Besseres zu tun, als in der Leitung zu hängen, während du sonst wem schöntust.“

Wie hatte ich seine abstrusen Vorhaltungen, gepaart mit lautstarkem Gezeter, doch vermisst. Mein Magen zog sich zusammen, aber zumindest pochte mein Herz brav weiter. Zu oft hatte er so mit mir gesprochen und irgendwann hatte es an Wirkung verloren. Irgendwann war es mir gleichgültig geworden, dass ich ihm mit Widerspruch vor den Kopf stieß. Seltsamerweise konnte ich den Zeitpunkt nicht eingrenzen, obwohl es mich hin und wieder beschäftigte. Meist schlaflos nachts im Bett, nachdem ich mich tagsüber bei der Arbeit wieder einmal über ihn geärgert hatte.

„George, ich schrieb dir bereits, dass ich keinesfalls meinen Urlaub abbrechen werde.“

„Es war keine Bitte, Sina, dieser Auftrag …“

„Ist mir völlig egal. Liny ist meine beste und längste Freundin und ich lasse sie nicht im Stich.“ Mein Magen machte einen Looping. Das war deutlich und sicherlich wurde George nun ebenso deutlich – will heißen: laut, unverständlich.

„Sie ist ein Flittchen, das sich, während sie für mich arbeiten sollte, dem Bräutigam an den Hals warf und mich dutzende von Aufträgen kostete!“

Dieses Thema war ein absolut alter Hut und jedes Argument bereits mehrfach durchgekaut, aber George blieb bei seiner Meinung und ließ keine Korrektur gelten. Trotzdem musste ich sie anbringen, es war wie ein innerer Zwang. Ich konnte es nicht so stehenlassen. „Liny ist kein Flittchen und hat sich nicht Ian an den Hals geworfen. Und Lachlan auch nicht. Sie musste fast gezwungen werden, sich überhaupt mit ihm zu unterhalten und hatte absolut nicht vor, sich zu verlieben. Und das Letzte, was sie geplant hatte, war deinen Auftrag zu versauen, indem sie sich dem Bräutigam an den Hals wirft!“ Wut kochte in mir hoch und ich musste tief durchatmen, um sie zu zügeln. Ruhiger fuhr ich fort: „Deine Vorwürfe sind ungerecht. Aber darum geht es auch nicht. Selbst, wenn sie sich einen altersschwachen, millionenschweren Greis geangelt hätte, und das absolut rein hypothetisch, bliebe sie meine Freundin. Deren Hochzeit ich nicht verlassen würde, selbst wenn es mich meinen Job kostet.“

Der Atem entwich mir und mein Herz setzte doch noch einen Takt aus. Das hatte ich nicht sagen wollen. George griff solche Dinge gerne auf und es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt, meinen Fünfjahresplan in die Selbstständigkeit ins Rollen zu bringen.

„Du solltest deine Loyalität prüfen, Sina. Sie ist bei dem Flittchen völlig fehlgeleitet.“

Ich schloss die Augen und bezwang den Drang, einfach aufzulegen. Mit George musste man sich direkt auseinandersetzen, denn er verhielt sich wie ein Heuler aus Harry Potter. Umso länger man ihn unbeachtet ließ, umso gewaltiger wurde sein Ausbruch.

„Was ist mit mir? Mit uns? Ich denke, du schuldest mir etwas mehr Loyalität!“

Erneut atmete ich tief durch. „George, du hast selbst gesagt …“

„Unterbrich mich nicht!“, brüllte er mir ins Ohr und ich senkte das Telefon. So wurde das nichts. Ich ließ ihn schreien und wartete ungeduldig darauf, dass er luftholte, um reinzugrätschen.

„George, ich habe jetzt keine Zeit für diese Diskussion, die wir gerne führen können, wenn wir uns wiedersehen, mit allen nötigen Konsequenzen.“ Wieder wurde mir gehörig schummrig, bei der Aussicht, dass er mich rauswarf. Es war zu früh. Meine Finanzierung stand nicht, ich hatte keinen Kundenkreis, keinen Arbeitsplatz und auch keine eigenen Connections zu liefern. „Bis dann.“ Schnell legte ich auf und stieß den Atem aus. Diese Baustelle war eher ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen und mich unter heißer Lava begraben konnte. Mal abgesehen davon, dass er nun erst recht kochte, wie ein Dampfkessel.

„Probleme?“

Ich schreckte zusammen. Gott, ihn hatte ich völlig vergessen!

Mit einem Lächeln auf den Lippen drehte ich mich um. „Aber nein.“ Den Schein wahren, alles war perfekt und mir ging es blendend. Also, wo war ich stehengeblieben? „Der Bock fehlt noch, dann sind wir mit unserem Programmpunkt in Nullkommanichts durch und die Feier kann endlich gesellig werden.“ Jedes Wort schlug einen Purzelbaum, so bemüht fröhlich presste ich sie hervor, als ich an ihm vorbei ging. „Du kannst völlig beruhigt sein, Lachlan kann sich gar nicht blamieren.“ Ian in seinen Schuhen wäre ein Brüller, aber Liny und Lachlan hatten kein Kommunikationsproblem. Sicher nicht.

Ich ließ ihn stehen und versuchte, den Holzbock anzuheben. Er war schwerer als erwartet, weshalb ich ihn wieder fallenließ. „Uff.“

„Ich nehm den.“ Islay schob mich zur Seite und hob den Bock problemlos an. Tja, er war auch sichtbar muskulöser und somit stärker als ich.

„Vielen Dank.“ Ich übernahm die Führung. Britta sah mir mit einem Blick entgegen, der bereits alles sagte. Wie hast du das angestellt?

„Hierhin, direkt vor dem Brauttisch, bitte. Wärst du noch so gut und hilfst Carsten dabei, den Baumstamm auf die Böcke zu legen?“ Ich lächelte zu ihm auf. „Bitte?“

Islay grollte und schob mich erneut zur Seite, um das angesprochene Stück Baum eigenhändig auf den Böcken abzulegen.

Zugegeben, ich war beeindruckt und wechselte einen dementsprechenden Blick mit Britta, die einen Pfiff andeutete. Sie kam näher und wisperte mir ins Ohr.

„Gerade stellt sich mir die Frage, was Schotten wohl unterm Rock tragen.“ Sie zwinkerte. „Leider muss ich auf eigenhändige Recherche verzichten, aber was ist mit dir?“

„Um deine Neugierde zu befriedigen?“ Ich grinste, schüttelte den Kopf und formte mit den Lippen No way. Arg übertrieben, aber ich hatte irgendwie nicht das Gefühl, amouröse Gefühle bei meiner grummeligen Begleitung auszulösen. Oder er bei mir.

„Danke, Islay.“ Mein Lächeln wurde mit einem Brummen quittiert. Er war ein verdammt schwieriger Geselle und der Mühe der Damenwelt offensichtlich nicht wert. „Sie waren uns eine große Hilfe.“

„Daingead.“ Zwar murmelte er nur, aber ich stand direkt vor ihm. Verdammt? Was wollte er damit sagen?

„Es ist soweit“, kreischte Carmen ins Mikrofon und ließ mich zusammenzucken. Schön, das war ein Grund zum Fluchen. „Liebes Brautpaar, bitte gesellt euch zu uns. Für unsere ausländischen Freunde …“

„Carmen!“ Meine Stimme war verflucht schrill, aber ich konnte es einfach nicht fassen, dass sie so einen Mist von sich gab. Ich hastete zu ihr und entwand ihr das Mikrofon. „Liebe Gäste und verehrte Gastgeber, ein alter, deutscher Brauch ist es, dass das Brautpaar an ihrem Ehrentag auf die Probe gestellt wird.“ Da die Tische sternförmig vom Tisch des Brautpaares abgingen, musste ich, um allen einen Überblick zu verschaffen, die Gäste auf die andere Seite locken. „Eine ganze Reihe an Aufgaben wird ihnen gestellt, manche schulen das Verständnis füreinander, andere mehren eher das Unverständnis.“ Ich grinste in die Runde. „Üblicherweise amüsiert sich die Hochzeitgesellschaft ein bis zwei Stunden damit, dem Paar zuzusehen, wie sie Aufgaben absolvieren, die Mal lustig, aber auch Mal ekelhaft sein können.“

Ein Jubel ging durch die Seite, auf der die deutschen Gäste untergebracht waren, und Stühle schoben sich über den kargen Erdboden.

„Ich habe schon Bräute in Exkrementen wühlen sehen …“

Ich umrundete den Tisch des Brautpaares und zog eine Lawine an Gästen mit mir. Sie drängten sich auf die andere Seite, verstellten den Sitzenden den Blick und nötigten sie, sich ebenfalls hinzustellen. Klein Geratene nutzten ihre Stühle und Bänke.

„Da ich Carolina wirklich gut leiden kann …“ Ein Stöhnen ging durch die Menge. „Habe ich darauf verzichtet. Was Lachlan anbelangt … tja …“ Neben ihm blieb ich stehen und maß ihn kritisch. „Er macht mich sprachlos.“

„Übertreib es nicht“, warnte er mich leise.

„Immer noch. Meist, weil er mir den Mund verbietet, wie gerade eben, also schweige ich jetzt.“ Ich senkte das Mikrofon und grinste in die Runde.

„Sina, bitte.“ Liny nahm mir das Mikrofon aus der Hand. „Genau genommen ist die Prüfung, der sie uns unterziehen will, eine ganz harmlose.“

Die Enttäuschung im Saal war spürbar.

„In Deutschland mag sie für Amüsement sorgen, ich fürchte, hier wird man darüber lachen.“ Liny ging zum Baumstamm und lehnte sich darauf. „Wir werden dieses Stück Holz gemeinsam durchsägen. Unspektakulär, aber Tradition.“

„Vielleicht sollten wir es spannender machen?“, schlug Britta vor und nahm Liny das Mikrofon ab. „Sie könnten dabei singen, das wäre doch eine Herausforderung.“

„Für die armen Zuhörer!“, griff ich auf, weil Liny nun Mal nicht singen konnte, und eroberte das Mikrofon zurück. „Also, Lachlan, Liny, hier ist eure Säge.“ Ich drückte ihnen die Blattsäge in die Hand, die absichtlich unnötig lang war, um die Aufgabe etwas zu erschweren. Allerdings sah es in seinen Händen eher wie ein Kinderspielzeug aus. Lachlan sah Liny in die Augen, legte den Kopf schräg und hob gleichzeitig mit ihr die Säge an. Ebenso gespenstisch wortlos begannen sie zu sägen. Hin, her, hin, her, als täten sie tagtäglich nichts anderes. Die Gäste waren mucksmäuschenstill und beobachteten die beiden mit ähnlichem Erstaunen, das auch mich fesselte. Meine fünfzehn Minuten waren enggefasst gewesen für die Dicke des Baumes, aber die beiden brauchten gerade Mal die Hälfte. Es blieb still, als der Stamm brach und die beiden die Säge zur Seite stellten.

„Jetzt kann ich es ja sagen: Es heißt, derjenige, der beim Sägen das Sagen hat, hat auch in der Ehe das Kommando.“ Ich gab ihnen einen Moment, um sich selbst ein Bild zu machen. „Wie ich bereits sagte: Unspektakulär.“

Ein Lachen ging durch den Saal.

„Und da wir gerade so ergriffen lauschen, Lachlan, Carolina, ich glaube, ihr wolltet auch noch Mal zu Wort kommen.“

Carsten hievte die Baumteile auf die Schubkarre, während ich erneut einen Blick auf mein Handy warf. George ließ nicht locker. Sicherlich steigerte er sich gerade in einen Mordsgroll hinein.

Meinen Job war ich wohl los. Der Bock hielt mich aufrecht, weil mir einen Moment lang die Sinne schwanden. Fein. Kein Problem. Oder besser: Nichts, womit ich nicht umgehen könnte. Mein Fünfjahresplan stand und konnte durchaus gestaucht werden. Ein Jahr sollte ich von meinen Ersparnissen leben können. Bis dahin musste ich natürlich Geldgeber haben und die ersten Aufträge abwickeln, um einen Cashflow zu bekommen. Der wiederum war nötig …

„Was meinst du?“ Britta stieß mich an.

„Wie bitte?“

„Abgelenkt?“ Ihr Blick schweifte zu Islay und meiner folgte. Er bückte sich und hob die Säge auf, die bei Carstens Bemühungen, so viel wie möglich auf die Schubkarre zu bekommen, umgefallen war. Seine Waden waren bereits beeindruckend, aber was sich darüber zeigte, als sich der Kilt etwas lüftete …

Britta stieß mich kichernd an. „Erinnert mich an …“

„Arnold Schwarzenegger?“

Sie prustete. „Du hast echt keinen Geschmack.“

Darüber wollte ich sicher nicht diskutieren. „Wer sagt, dass ich den sexy finde?“

„Helft ihr noch Mal?“ Carsten schnaufte, als er die Schubkarre anhob und losrollte. Britta sah ihm nach, schnalzte und seufzte abgrundtief. „Kein Vergleich.“ Damit folgte sie ihrem Mann. Mein Bock wartete auf mich, leider lenkte mich mein Telefon erneut ab. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer bezüglich einer Hochzeit und meiner Ankunft.

Verzeihung, mit wem habe ich die Ehre?

Der Name sagte mir nichts.

Sehr geehrte Miss Bernsteen, leider kann ich Sie keinen meiner Aufträge zuordnen. Bitte setzten Sie sich mit George Mortimer, Inhaber der WeddingDreams Agentur mit Sitz in London, in Verbindung.

Ich gab noch die Kontaktdaten weiter und hielt die Sache für abgehakt, aber kaum hatte ich das Telefon weggesteckt und mich zu dem Bock umgedreht, bimmelte es wieder.

„Verflixt.“

Miss Bernsteen bestand darauf, von George an mich verwiesen worden zu sein. Mir schwante Böses. Die Hochzeit in Lands End am Ende der Woche?

Miss Bernsteen, wann und wo soll das große Ereignis stattfinden?

Die Antwort ließ meine Ohren schrillen. George war unglaublich. Ich musste dringend mit ihm reden, selbst Nägel mit Köpfen machen. Mein Blick fiel auf Liny, die gerade ihrem Ehegatten vor den Augen der Gäste ausschweifend ihre Liebe erklärte. Vielleicht …

Okay, fragen könnte ich, aber nicht in den nächsten Tagen. Bis dahin hatte ich vielleicht schon andere Möglichkeiten aufgetan und ich musste nicht Liny um Geld bitten. Das wäre mir echt peinlich.

Zurück zu meinem derzeitigen Problem: Miss Bernsteen und eine Hochzeit, die ich nicht planen würde.

Kapitel 4
Ein Tanz in Ehren

Nach den öffentlichen Liebesschwüren, die ich fast völlig verpasst hatte, sollte nun der erste Tanz des Brautpaares stattfinden. Wie auch in Deutschland üblich, würde der Rest der Hochzeitsgesellschaft mit einfallen und ich sah skeptisch zu meinem stummen Begleiter. Würde er mich auffordern? Nicht, dass ich aufgefordert werden müsste, ich konnte den Spieß auch umdrehen, nur machte Islay eher den Eindruck, selbst das Heft in der Hand halten zu wollen. Eher der Jägertyp zu sein, und die reagierten allergisch auf selbstbewusste Frauen. Also wartete ich. Und wartete. Und würde nervös. „Wirst du mich noch zum Tanzen auffordern, Islay?“

 Meine Frage überraschte ihn merklich, denn er starrte mich an. „Der Hochzeitstanz.“ Ich machte einen Wink in Richtung der Tanzfläche, die einen Kreis um den Tisch des Brautpaares zog, und sie vom Rest der Gesellschaft abtrennte. Er hatte mir freundlicherweise geholfen und den Bock fortgeräumt, während ich noch damit beschäftigt gewesen war, Aufträge zu canceln, die ich nie angenommen hatte. Deswegen standen wir, anstatt an unserem langweiligen Tisch zu sitzen, an dem zwar reger Verkehr herrschte, aber trotzdem Langeweile. „Ich möchte tanzen.“

 Ian hinter mir lachte. Ich erkannte ihn sofort, schließlich kannte ich ihn schon eine Weile und seine Stimme – oder halt sein Lachen – war der seines Bruders sehr ähnlich. „Islay hat zwei linke Füße, a graidh, ihn wirst du nicht zu einem Tanz überreden.“ Seine Hand schlich sich in meinen Rücken und wanderte langsam herab – fast eine Liebkosung. Ich wich seiner Berührung aus, drehte mich um und bedachte ihn mit offensichtlicher Skepsis. „Zugegeben, mein Gälisch ist nonexistend, aber heißt agäth nicht so etwas wie Liebling?“

 „Englisch ist so eine unzulängliche Sprache, dass die Bedeutung nicht ganz treffend ist.“ Er zwinkerte und zog mich an sich. „Aber du darfst es ruhig so verstehen.“

 Er hielt mich wohl für dämlicher als ich war. „Ich verzichte.“

 „Auch auf den Tanz? Du kannst langte warten, bis der da dich fragt.“ Er deutete knapp mit dem Daumen auf seinen rothaarigen Cousin. Dem Fingerzeig folgend, sah ich Islay an, der meinen Blick kurz hielt und dann wegsah. Also gut. Wenn ich tanzen wollte, war Ian wohl meine einzige Chance. Ich ergriff seine Hand, was blieb mir schon anderes übrig?

„Schön. Danke, Islay, für die Hilfe.“ Meine Höflichkeit war verschwendet, er wandte sich barsch ab und stapfte davon.

 Ian grinste zufrieden. Sein Griff war fest und er ließ mich auch nicht wieder los, sondern drehte mich direkt auf der Tanzfläche – die sich rund um den Brauttisch erstreckte und ihn von den Gästetischen trennte. Seine Hand legte sich in meinen Rücken, der Daumen rieb unnötig oft über mein Schulterblatt. Zu intim, auch wenn wir uns gut kannten. Es war eine Nähe, die man von Bekannten nicht erwartete oder gar wünschte. „Ian, behalte deine Hände bei dir.“

 Er lachte. „So prüde heute, Sina?“

 „Nein. Nur bewusst, welchen Eindruck ich hinterlassen könnte.“ Schließlich war halb Schottland hier versammelt. Wenn ich je den Absprung schaffen und meine eigene Agentur eröffnen wollte, brauchte ich einen einwandfreien Ruf. Ich konnte mir nicht leisten, eine ganze Bevölkerungsgruppe gegen mich aufzubringen – Schotten waren in dem Punkt katholischer als der Papst. Ich wollte professionell wirken, man konnte ja nie wissen, welche Connections sich auf einer Hochzeit ergeben konnten und da wollte ich mich Mal dezent am Riemen reißen. „Welchen Eindruck möchtest du hinterlassen?“ Er kam näher und raunte es mir fast schon zu, so leise sprach er. „Und bei wem?“

 „Niemand Besonderem.“ Was nicht stimmte. Aber die Sache war wohl aussichtslos, schließlich hatte Islay nicht ein Wort mehr mit mir gesprochen. Mal abgesehen davon, dass ich mir die Flirterei ohnehin verkneifen musste. Herrje, dieser Plan mit der Selbstständigkeit als Weddingplanerin war vielleicht doch eine Nummer zu groß für mich.

Wie auch immer, ein Techtelmechtel mit Ian kam einfach nicht infrage. Er war weder mein Typ, noch hatte ich Interesse an einem Intermezzo. Ich wollte – und das überraschte mich selbst – was Liny hatte. Liebe. Ein Gedanke, der mich die Augen verdrehen ließ. Klar wollte ich Liebe, wer nicht? Aber ich wollte, genau was Liny hatte – nur nicht mit einem Abklatsch ihres Gatten. Nein, die Idee war abstoßend, zumindest seit ich wusste, dass zwischen den beiden – Carolina und Lachlan und nicht Ian, natürlich – was lief. Außerdem war Ian niemand, mit dem man für die Zukunft planen konnte, sondern nur für ein Abenteuer, und das war wiederum nicht, was ich wollte. Ian war ein Hallodri, war heute mir dieser Frau liiert und morgen mit jener. Eine unter vielen zu sein war nicht mein Ding. Mal abgesehen davon, dass man für die Presse interessant wurde, wenn auch nur die Möglichkeit einer Verbindung – ganz gleich wie tief oder lang – im Raum stand und das brauchte ich nun wirklich nicht. Zumal ich mich nicht, wie Liny einst, halbnackt im meist verkauften Klatschblatt der Insel wiederfinden wollte. Also, besser einen Bogen um diesen Mann machen!

„Wozu dann die Mühe?“ Sein Atem am meiner Wange verursachte eine unangenehme Gänsehaut. Er war etwas zu aufdringlich, oder ich war empfindlich.

„Ian.“ Meine letzte Mahnung, wenn er nicht Abstand hielt, ließe ich ihn stehen.

„Du siehst hübsch aus.“

„Hm.“ Ich verdrehte die Augen, schließlich war er schon Mal einfallsreicher gewesen.

„Ich weiß, hübsch ist kein Kompliment.“

Jetzt wurde er frech.

„Aber ehrlich. Darauf legt ihr Deutschen doch wert.“

„Ian, lass es einfach.“ Die Musik verklang. Herrlich, einen zweiten Tanz wollte ich nicht mit ihm absolvieren, wenn er so vertraulich wurde. Zum Glück ließ er mich widerstandslos gehen und begleitete mich zurück zum Tisch, wo er mir beim Hinsetzen half und den Stuhl unter den Po schob. Schön, er war ein vollendeter Gentleman, wenn er wollte, und sicher war es für mich eher ungewöhnlich, dass man mir den Stuhl zurechtrückte, dennoch war es irgendwie fehl am Platz. Aufgesetzt. Übertrieben. Ich zog mir den Stuhl noch etwas näher ran, nicht weil es nötig war, sondern weil ich das Gefühl hatte, damit seine Geste zu negieren.

Er setzte sich neben mich, wo zuvor eine seiner Cousinen gesessen hatte und wandte sich mir zu. „Islay, wir sollten tauschen.“

Der Angesprochene richtete seine grünblauen Augen auf den Cousin, wobei seine rötlichen Brauen über seiner Nasenwurzel zusammenwanderten. „B` àill leibh?“

„Tauschen. Wir beide wissen doch, dass du Sina nicht das Wasser reichen kannst.“ Er klang versöhnlich, aber irgendwie war es genau das, was Widerstand in mir weckte. Er klang, als spräche er mit einem Kind, dem er eine Dummheit ausreden wollte. Irritiert sah ich rüber zu Islay, der seinen Cousin nicht aus den Augen ließ.

„B` àill leibh?“ Sein Gesicht rötete sich leicht und seine Stimme war deutlich tiefer geworden. Sie wechselten ein paar Worte auf Gälisch, dann legte sich Islays Blick auf mich. „Nay.“

„Komm schon“, wechselte Ian wieder ins Englische. „Mit meiner Partnerin wäre es unnötig heftig und du hast doch eh keine Chance.“

Islay blieb im Gälischen, also verstand ich nur die Hälfte des Gesprächs.

„Die Spiele, Junge, sind nichts für Burschen, die noch Grün hinter den Ohren sind. Bei gut hundert Teilnehmern kommst du nicht einmal unter die ersten fünfzig. Nie und nimmer, Islay. Komm schon. Ich habe Chancen zu gewinnen, gönn ihr die Ehre, Lady der Spiele zu sein.“

Islay starrte mich an. „Nay.“

„Was ist dein Problem?“ Ian lachte, schüttelte sich dabei. „Mit dir? Also bitte! Du hast keine Chance.“ Er sah sich um. „Er glaubt wirklich noch an Märchen, oder?“ Vic und Dru lachten mit und gaben giftige Worte von sich. „Lass die Witze, Islay, du solltest nicht einmal teilnehmen, das ist nichts für kleine Jungs.“

Islay war mittlerweile hochrot im Gesicht. „Tha mi còig bliadhna air fhichead a dh` aois.“

„Und immer noch kein Mann.“

Wenn Blicke töten könnten, Ian wäre wohl leblos zu Boden gesunken, so jedoch lachte er bloß höhnisch auf und lehnte sich zufrieden zurück.

„Mann, Islay, du wirst dich lächerlich machen.“

„Chan eil.“

„Was wollen wir wetten?“ Ian warf versichernde Blicke zu den anderen Männern, die in die Diskussion einfielen, natürlich auf Gälisch, so dass ich immer noch raten musste, was überhaupt vor sich ging. Ärgerlicherweise fiel mein Name und Islay musterte mich mürrisch.

„Alles oder nichts“, schlug Ian vor, wobei seine Augen über mich glitten. „Und freie Wahl.“ Er lehnte sich vor und griff nach meiner Hand. „Sina …“

„Tanzen.“ Islays Stuhl schabte über den Boden und seine Hand wedelte vor meinem Gesicht, bevor er meine Hand von Ian eroberte, der mich nicht freigeben wollte. „Meine Begleitung.“ Er zog mich hoch. Charmant. Bemerkten die beiden, dass sie sich wie Idioten aufführten? Wohl nicht, denn Ian kam auch auf die Füße und griff nach meiner anderen Hand, um mich zurückzuerobern.

„Sie tanzt mit mir.“ Er lächelte mich an. „Darf ich bitten, my Lady?“ Er hob meine Hand an seine Lippen. Okay, das war echt albern.

„Miss Conrad tanzt jetzt mit mir.“

Nicht, dass ich gefragt wurde, weder offiziell, noch überhaupt. Mann, was für ein Affentanz.

„Sei kein Idiot, Is.“

Ein Schwall gälischer Worte, ein Ruck an meinem Arm und ich lag an seiner Brust – für ungefähr eine Millisekunde, dann torkelte ich bereits hinter ihm her. „Hey!“ Das erste Mal an diesem Abend war ich froh, keine Schuhe zu tragen, die mich sicherlich zu Fall gebracht hätten. So fing ich mich spielendleicht und konnte ihm meine Finger entreißen, bevor wir bei der Tanzfläche ankamen. „Was zum Teufel soll das?“

„Tanzen.“

Meine Nägel bohrten sich in meine Handflächen. Tief durchatmen. „Du kannst mich nicht einfach hinter dir herschleifen. Du fragst, wartest meine Entscheidung ab und respektierst diese, verstanden!“

Seine grünen Augen lagen unergründlich auf mir. „Sie wollten tanzen.“

„Richtig. Ich wollte tanzen, du nicht, also habe ich mit Ian getanzt. Sache abgeschlossen.“ Es auszusprechen, linderte meine Wut. „Wenn du nun tanzen möchtest, hast du zu fragen und meine Antwort abzuwarten.“

Es arbeitete in seinem Gesicht. War er verärgert? Weil ich Grenzen aufzeigte? Er war noch verzogener, als ich es bisher vermutet hatte.

„Miss Conrad, bitte erweisen Sie mir die Ehre eines Tanzes.“

Okay, jetzt wollte er mich veräppeln. Er hielt mir die Hand hin.

„Bitte.“

Fein, dann wollte ich Mal nicht so sein. Vielleicht bekam ich zumindest eine Erklärung für sein Verhalten. Schön, ich könnte auch noch Ian fragen, was der Hokuspokus sollte, aber irgendwie wollte ich es von Islay hören. Ehrgeiz vermutlich. Ich kapitulierte doch nicht vor einem Typen, der um einiges jünger war als ich. Fünfundzwanzig, Mann, er war fast noch ein Kind und sollte mich mit etwas mehr Respekt behandeln. Immerhin war ich ganze fünf Jahre älter und damit auch weiser als er. Also gut, ihn als Kind zu bezeichnen, ging dann vielleicht doch etwas zu weit. Seufzend reichte ich ihm meine Hand. Ich war hier die Erwachsene, ich musste für den passenden Umgangston sorgen. Kein Problem. Fünf Jahre mit George, seinen cholerischen Ausbrüchen ausgesetzt und ständig um den heißen Brei tanzend, hatten mich abgehärtet. Ein kleiner Junge mit schlechtem Benehmen brachte mich da nicht aus dem Konzept.

Allerdings war ich mir dessen nicht mehr so sicher, als das Lied ausklang und das folgende bedeutend langsamer war. Ein Schmusesong! Sein Entsetzen war köstlich und half, meines zu vertreiben. Es war doch wirklich nichts dabei, also legte ich ihm die Arme um den Hals und trat näher an ihn heran. Ich nahm eine leichte Note Dung wahr und wich zurück.

„Zum Duschen war wohl keine Zeit mehr gewesen.“ Gut, das hätte ich mir verkneifen können. „Wolltest du das bockige Schaf wirklich in das Schlafzimmer der beiden sperren?“ Das Thema lockerte ihn keineswegs auf, das spürte ich an der Verhärtung seiner Nackenmuskulatur, ach ja, und seine Hände drückten sich fester in meine Seiten. Wir gaben sicherlich ein interessantes Bild ab, so stocksteif, wie er sich bewegte, Mal abgesehen davon, dass er mich tatsächlich nur in der Taille berührte. Das letzte Mal, dass ich einen Lovesong so verbrachte, war mit vierzehn Jahren gewesen, als mich mein damaliger Schwarm bei der Jugenddisco zum Tanzen aufgefordert hatte und wir uns beide so verdammt dämlich angestellt hatten, als wäre ein Tanz irgendetwas Besonderes. Als wäre eine Umarmung bereits verrucht, die engere Berührung der Körper verboten. Ich kannte viele, die der Zeit der Pubertät hinterhertrauerten. Mir war es damals alles viel zu gestelzt gewesen, viel zu undurchsichtig.

Ich hatte es damals gehasst und empfand heute nicht anders, aber die Zeit hatte mich gelehrt, dass eine Situation immer auch in meiner Hand lag. Ich wollte diese Beklommenheit nicht, dann musste ich es ändern. „Ich bin nicht ganz schlau aus deinem Gespräch mit Ian geworden. Worum ging es?“ Ich bekam keine Antwort, lediglich einen durchdringenden Blick. „Mein Name tauchte in einem Schwall Gälisch auf. Ich denke, es steht mir zu, den Inhalt des Gesprächs zu erfahren.“

„Ihre Begleitung.“

„Tatsächlich?“ Er brachte mich echt noch Mal auf die Palme. Verflixt, soweit hatte ich es bereits mitbekommen. „Islay, ich halte mich nicht für minderbemittelt, noch habe ich was an den Ohren. Etwas genauer, bitte.“ Innerlich gratulierte ich mir für meinen ruhigen Ton, der Schärfe aus den Worten nehmen sollte.

„Bei den Spielen“, murrte er, nachdem er einige Zeit auf der Zunge herumgekaut hatte. Tja, ein Glück, dass ich kein Mensch war, der sich an langen Gesprächen ergötzte. „Wir sind als Paar vorgesehen.“

Klang merkwürdig.

„Ich wusste nicht, dass noch weitere Spiele geplant sind. Etwas Traditionelles?“ Wovon man mich ruhig hätte unterrichten können. Jetzt schlitterte ich völlig unvorbereitet in etwas, was ich nicht einschätzen konnte. Tja, so war das Leben. Plane, und es kommt definitiv anders.

„Aye.“

„Ich hoffe, man bestreitet diese Spiele im Sitzen.“ Mit etwas Glück war es nichts Aufwendiges, allerdings verpuffte die Hoffnung bei seinem Verdutzen Anblick gleich wieder.

Sein Räuspern dauerte deutlich zu lange an. „Einige davon.“

Ich verlor den Takt, blieb stehen und wurde von seiner Führung umgehauen. Meine Schuld, hundertprozentig, trotzdem regte sich mein Unmut und ich stieß mich von ihm ab, als ich wieder aufrecht stand. Er ließ mich aber nicht los, folgte mir, als wäre es ein Tanzschritt und trat dabei auf meinen nackten Fuß.

„Ahh!“ Er wog mindestens eine Tonne.

„Oh.“

„Verdammt!“ Ich hopste auf meinem unversehrten Fuß und schloss die Finger um meine zerquetschten Zehen.

„Das musste so enden.“ Wo kam der jetzt schon wieder her? Ian zog mich zu sich, hinderte mich dabei am peinlichen Herumhopsen und nahm mich schwungvoll auf den Arm. „Ich hätte mich durchsetzen sollen, verzeih mir, a graidh. Zukünftig passe ich besser auf dich auf und beschütze dich vor Trotteln wie Islay.“

„Es war ein Versehen.“

„Wenn ich meine Schuhe angehabt hätte …“ Ich fing bei dem Vorwurf Islays Blick auf. Schön, ich hatte es selbst verschuldet und war ungerecht.

„Warum bist du auch barfuß? Du solltest lernen, dich durchzusetzen, besonders, wenn Lachlan mit seinem Traditionswahn kommt. Barfuß! Durchbrennen, Mann, er übertreibt es wirklich.“ Er setzte mich ab und hob meinen Fuß auf, um ihn zu betrachten. Er war verdammt dreckig, was mir tatsächlich peinlich war, also zog ich mein Bein zurück.

„Ist nichts, schon gut. Seit wann ist Durchbrennen eine schottische Tradition?“, lenkte ich ab und versteckte meine Füße unter meinem Kleid.

Ian blieb vor mir knien und grinste zu mir auf. „Ein Familiengeheimnis.“

Spielte er mit mir Katz und Maus? Tja, Pech, dass ich Liny fragen konnte und sicherlich eine Antwort bekam.

„Fein. Danke, Ian, es geht schon wieder.“

„Er ist tapsig wie ein junger Bär, ich habe dich gewarnt.“

„Tanzen ist wirklich nicht seine Stärke“, fiel Mairi, eine Cousine, ein. „Er landet immer auf den Zehen seiner Partnerin.“

„Immerhin ist Ihr Kleid ganz geblieben.“ Don lachte. „Und sollten Sie jemanden brauchen, der Ihnen ihre Kette öffnet …“

„Stimmt!“, griff Vic auf. „Das war ja Islay! Zerrissen hat er sie, dabei sollte er sie mir nur öffnen, weil sie sich in meinem Haar verheddert hatte.“

„Feingefühl ist ihm fremd, a graidh, da bist du mit mir besser beraten.“ Ian drückte meine Finger, was meinen Blick automatisch bannte. Er war deutlich vertrauter als sonst. Ich zog die Hand zurück.

„Vielleicht haben die Spiele nichts mit Feingefühl zu tun und so wie ich das verstehe …“

Ians Heiterkeitsausbruch unterbrach mich. „Du hast keine Chance, auch nur in die Punkte zu kommen mit Islay als Partner. Mal abgesehen davon, dass die McDermitts nie ein Highland-Game verlieren, an dem sie teilnehmen!“

Das weckte zumindest den Widerspruch der anderen Campbells am Tisch.

„Da wäre noch die Einzelwertung, aber ohne Übung hast du da einfach keine Chance. Oder hast du schon Mal einen Baumstamm geworfen?“

Das ging deutlich in eine Richtung, die ich nicht erwartet hatte.

„Sie ist meine Partnerin“, grollte Islay. „Und du hast deine. Wenn du so übermächtig bist …“

Ian ignorierte ihn. „Zusammen sind wir unschlagbar.“

„Highland-Games?“ Also keine Spiele für die Belustigung der Hochzeitsgäste.

„Eine Überraschung für Carolina.“

Und für mich. „Wann …?“

„Den Rest der Woche.“

Das erklärte, warum Lachlan mich die ganze Woche hatte hierbehalten wollen, obwohl ich der Meinung gewesen war, dass die beiden besser ihren Honeymoon zu zweit genossen. Mal abgesehen davon, dass ich jetzt wirklich unter Druck stand. Ich konnte gar nicht abreisen, wenn ich doch an den Highland-Games teilnehmen sollte, selbst wenn ich es meinem Chef George zuliebe in Betracht zöge.

Der Lautsprecher knackte und der DJ verkündete, dass alle ungebundenen Damen sich nun einfinden sollten, um den Brautstrauß zu erhaschen.

„Na prima“, murrte ich, an das Gedränge denkend, das unweigerlich folgen würde. „Und das barfuß! Ich kann froh sein, wenn ich morgen überhaupt noch stehen kann, wenn erst einmal eine Horde heiratswilliger Damen über meine Zehen getrampelt ist.“

Ich klappte den Mund zu, weil mir auffiel, dass ich schon wie Liny klang: mürrisch und negativ. Also schob ich den Stuhl zurück und stellte mich der Herausforderung. Mairi schloss sich mir an.

„Warum bist du denn barfuß?“

„Islay meinte, es wäre Tradition.“ Wie oft musste ich das heute noch wiederholen?

Sie lachte auf. „So ein Trottel.“

Okay, langsam wurde es nervig. „Warum?“

„Weil wir seit mindestens einem Jahrhundert diesen Brauch nicht mehr pflegen. Seine Mutter war da die Ausnahme.“ Wir stellten uns zu den anderen Frauen, die meist in Grüppchen zusammenstanden und miteinander tuschelten. Weitere Campbell-Frauen gesellten sich zu uns und ich bekam einen ungefähren Überblick über das Ausmaß der Feier, die deutlich ausgeufert war. Schließlich war die Zahl in den letzten zwei Wochen täglich nach oben korrigiert worden, und wenn schon fünfzig unverheiratete Frauen aufliefen, um einen Strauß zu fangen, waren es sogar noch mehr geworden, als mein letzter Stand war. Hervorragend, wie die Absprache mit mir lief, obwohl ich mehrfach deutlich gemacht hatte, wie wichtig dieser Aspekt war.

Liny wedelte mit den Blumen. „Das hier ist ein Geschenk meines Gatten und ich schätze ihn sehr. Möge seine neue Besitzerin ihn in Ehren halten und sich ebenso glücklich schätzen wie ich!“ Sie drehte sich und durch den Schwung flog der Strauß in hohem Bogen in die Luft. Lustigerweise direkt auf mich zu. Die Campell-Frauen schoben mich im Pulk weiter und ich verlor die Blumen aus den Augen. Ein großes Stöhnen ging durch die Menge und Mairi fasste die Enttäuschung in Worte: „Daingead! Landet das dumme Ding in der Deko!“ Ihr Finger deutete auf die Stoff- und Gazebahnen, die den Himmel des Zeltes bildeten, und in ihm verheddert baumelte der Strauß.

„Oh.“

Es echote durch den Saal.

„Tja, ich bedaure verkünden zu müssen, dass mein Glück außerordentlich ist und wohl auch einzigartig. Grämt euch bitte nicht, der Schleiertanz wird sicher bessere Aussichten versprechen!“

Ein Glück, dass sie beides eingeplant hatte, die Frauen sahen tatsächlich aus, als wollten sie jeden Augenblick Amok laufen.

„Was bitte schön ist ein Schleiertanz?“, fragte Mairi und schob mich zurück zu unserem Tisch. Viel lieber wäre ich geblieben, wo ich war.

„Na, so ein Jammer“, begrüßte Ian uns grinsend. „Keine weiteren Trauerfeiern, Pardon, Hochzeiten mehr.“

„Idiot!“, warf Mairi ihm vor und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. „Mann, und ich hatte echt Hoffnung!“

„Auf Phil?“ Don grinste breit. „Vergiss es, der heiratet dich nicht. Er begleitet dich nicht einmal auf die Hochzeit deines Cousins, da meint er es sicher nicht ernst genug, es mit dir zu versuchen.“

„Er muss arbeiten“, murrte Mairi, während mir die Ohren klingelten. „Er wäre gerne dabei, hat aber nicht freibekommen.“

„Klar.“ Don wechselte einen Blick mit Ian, der es offensichtlich genauso sah.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Erkenntnis. Sie hatten recht, auch George war eine Sackgasse. Einsehen und abhaken – endlich. Das Atmen gelang befreiter, als seit langem, schließlich war ich endlich mit mir im Einklang. Herz und Verstand waren sich nach fünf Jahren endlich einig und es war gut so. Ich grinste zufrieden und erntete verwunderte Blicke.

„Sie sind solo? Dann stört es Sie natürlich nicht, dass der Strauß im Nirvana hängt.“

Sie sollte es gut sein lassen.

„Tja, die Hoffnung stirbt zuletzt“, griff ich fröhlich auf. Mir war deutlich nach Albern zumute. „Bei so vielen potentiellen Partnern hätte ja einer für mich dabei sein können.“

Ian lachte auf und streckte die Hand nach mir aus, um mein Kinn zu umschließen und sacht zu drücken. „Deine hidden Agenda? Einen Trottel finden, der dich heiratet?“

Ich befreite mein Kinn und schob seine Hand weg. „Mein Partner sollte keinesfalls ein Trottel sein, mit dem kann ich nichts anfangen. Ich suche eher nach einem intelligenten, humorvollen Mann mit Anstand und dem gewissen Etwas.“ Die Herausforderung schwang in meiner Stimme mit, aber ich hatte auch kein Problem damit, es in Worte zu fassen: „Damit scheidest du wohl aus, Ian.“

Don rutschte näher. „Was genau ist das gewisse Etwas?“

„Tja, wenn ich das wüsste. Ich denke Mal, ich merke es rechtzeitig.“ Sicher war ich mir da nicht.

Der Tisch brach in Gelächter aus und mir fiel auf, dass jemand gewohnt Brummiges fehlte. Herrlich, jetzt hatte mich meine Begleitung schon früh am Abend im Stich gelassen. Anscheinend sollte ich meine Anforderungen an zukünftige Partner herunterschrauben, wenn ich schon stehengelassen wurde! Ich sah mich um und konnte Islay tatsächlich nicht ausmachen. Also schön, ich war ja nicht auf ihn angewiesen.

Liny im Auge zu behalten, gestaltete sich schwierig, schließlich saß ich nicht in ihrer Nähe und ständig versperrten mir Tanzende die Sicht. Fein, vielleicht übertrieb ich es auch, das wollte ich gar nicht ausschließen, aber es wunderte mich auch, dass sie so mühelos zurechtkam. Musste sie denn nie aufs stille Örtchen? Brauchte sie nicht hin und wieder einen Augenblick Ruhe vor dem Trouble? Aber sie machte durchweg einen gelösten und fröhlichen Eindruck. Abgelenkt griff ich nach meinem Glas und verfehlte es. Es kippte, ich versuchte es abzufangen und verschüttete den Inhalt trotzdem – nur halt auf mich und nicht quer über den Tisch.

„Oh, je“, griff Vic auf. „Das solltest du auswaschen. Keine Sorge, wir lassen Ian wissen, dass du schnell zurück sein wirst.“

Unnötig, aber ich korrigierte sie nicht. Ian hatte sich angeboten, mir ein Stück der Hochzeitstorte zu besorgen, weil ich keine Anstalten gemacht hatte, sie mir selbst zu holen. Tja, ich hätte ihm sagen können, dass ich kein zuckerverseuchtes Stück gefestigte Sahne in mich hineinschieben würde, aber er war so nervig geworden, dass es mir recht war, wenn er mir alles Mögliche holte. Vielleicht sollte ich ihn auf die Suche nach meinen Schuhen schicken? Das hielte ihn zumindest eine Weile beschäftigt und ich hätte meine Ruhe. Mir war nicht nach Reden zumute. Mir war nicht nach hohlem Geschwätz, steifem Lächeln und nichtssagenden Phrasen. Mir war unergründlicher Weise eher zum Heulen. Zu viel Alkohol? Möglich, aber genauso gut konnte mir einfach die Situation zu viel sein. So gesehen war ich frisch getrennt, auch wenn ich nie offiziell Georges Freundin gewesen war. In trüben Gedanken versunken, wich ich auf dem Weg zum Waschraum blind Tänzern aus. Es war wohl eine Frage der Zeit, bis es schiefgehen musste und ich gegen jemanden stieß. Mit einer Entschuldigung auf den Lippen sah ich auf und stockte. Islay. Der Atem entwich mir. Es war, als wäre es das erste Mal. Mit einem Wusch rutschte mein Herz ab, schlingerte auf Höhe meiner Knie und mein Hirn folgte. Na ja, und dann hopste beides wieder in die Höhe.

Er hob die Hand, meine Pumps hingen von seinen Fingern, das bemerkte ich aber nur, weil er sie mir direkt vor die Augen hielt und damit mein Blickfeld ausfüllte. Schuhe.

Schuhe. Mehr brachte mein Kopf nicht zustande. Natürlich war das Offline nicht nur in meinem Hirn, mein ganzer Körper war off.

Islay ging in die Knie. Mein Blick folgte. Er hob den Saum meines Kleides an, nur ein Stück und sah zu mir auf. „Dürfte ich?“ Seine Finger schlossen sich um meinen Knöchel und hoben meinen Fuß an, um ihn in den Schuh zu schieben. Der zweite Fuß landete ebenso in seinem Hort, aber anstatt aufzustehen, blieb er, wo er war. Sein Daumen glitt federleicht über die Innenseite meines Knöchels. Sollte er lassen, denn meine Knie wurden zittrig. Das könnte peinlich enden, also riss ich mich zusammen und hob den Blick, in der Hoffnung, damit auch meine Gedanken von ihm abwenden zu können. Über mir schwang der Stoffhimmel leicht im Wind und in ihm der Brautstrauß. Zumindest in dem Moment, in dem ich ihn erkannte. Im nächsten segelte er mir bereits entgegen. Es war ein Reflex, die Arme auszustrecken und ihn aufzufangen. Es war ein hübsches Bouquet roter Rosen, abgerundet mit weißen Lilien und etwas Grünzeug. Glitter schimmerte und Perlen umkränzten den Straußkopf. Ich ginge jede Wette ein, dass die Blumen aus dem geheimen Garten stammten.

„Daingead, wo kommt das jetzt her?“ Er kam hoch und nahm mir den Strauß ab, um ihn zu drehen.

„Da bist du ja.“ Ian zog mich an der Hüfte von Islay weg und nahm mich halb in den Arm. „Islay, nicht zu glauben, da haschen alle unverheirateten Frauen zwischen vierzehn und hundert nach dem Ding und du fängst ihn?“

Islay nahm Farbe an und drückte ihn mir schnell an die Brust. „Nay!“

„Er fiel von der Decke“, korrigierte ich, mich von ihm befreiend und Abstand gewinnend. „Und ich habe ihn aufgefangen.“

„Na, herzlichen Glückwunsch, wer ist als Bräutigam eingeplant?“

„Du nicht.“

Er lachte bloß.

„Ich war auf dem Weg in den Waschraum. Entschuldigt mich bitte.“

„Sina.“ Ian folgte mir. „Wir sollten wirklich zusammen an den Games teilnehmen.“

Innerlich stöhnte ich, weil er nicht aufhören wollte, mich als Partnerin zu gewinnen. Es war schon nervig und beruhigend zugleich. Immerhin hatte ich eine gute Erklärung für sein ungewöhnlich intensives Interesse.

„Wirst du mir bis in den Waschraum folgen, Ian?“

„Wenn du es möchtest.“ Sein Grinsen sagte deutlich, was er dort tun wollte.

„Darauf kann ich verzichten.“ Trotzdem folgte er mir weiterhin.

„Hey, warte Mal. Was ist das Problem?“

Also Tacheles? Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um. „Es ist Linys Hochzeit, da interessiert mich sicher kein Techtelmechtel mit ihrem Schwager.“

„So? A ghoil, so kleinlich bist du nicht.“

„Du kennst mich gar nicht.“

Er streckte die Finger aus und berührte meine Wange. „Gut genug.“

Ihm zu widersprechen war deutlich sinnlos, er wollte wohl nicht hören, also schlug ich einen anderen Weg ein. „Ich sehe es wie Islay. Er ist als mein Partner vorgesehen und ich sehe keinen Grund, daran etwas zu ändern.“ Es war wohl gleich, was die kommenden Tage für mich schwierig machte: die Abwehr Ians oder die Einsilbigkeit Islays.

„Komm schon, er kann dir nicht das Wasser reichen.“

„Das entscheidest nicht du.“ Ich wandte mich ab, für mich war das Gespräch beendet.

„Sina, als ich sagte, er könne dir nicht das Wasser reichen, war es noch freundlich ausgedrückt.“ Er schnitt mir den Weg ab. „Er ist nichts für dich.“

„Du unterstellst mir Absichten?“

Er lachte auf. „Auf Islay? Bitte. Er ist … das musst du doch bemerkt haben.“

Okay, er wusste, wie man mich einfing. Ich zögerte, wartete auf seine nächsten Worte. Angespannt und irgendwie nervös. Mein Knöchel kribbelte, gerade da, wo Islay mich vor kurzem gestreichelt hatte.

„Sein Interesse … wirst du nicht halten können, geschweige denn wecken.“

„Du bist weniger wählerisch, ja?“ Mann, wenn ich mich nicht so gut unter Kontrolle hätte …

Er grinste und berührte meine Wange. „Jetzt willst du mich missverstehen. Islay hat es einfach nicht mit Frauen, Sina. Daran kann auch eine verführerische Sirene wie du nichts ändern.“ 

„So ist das also“, ertönte eine Stimme hinter uns.

Im ersten Moment reagierte ich nicht, was zur Folge hatte, dass ich mit einem Ruck aus Ians Sphäre gerissen wurde und die Stimme zuordnete. Aber natürlich war es unmöglich, George war …

Ich sah auf, um klarzustellen, dass man nicht einfach an mir herumzerrte, und beendete meinen Gedanken: hier.

Sein dunkelbraunes Haar melierte sich nicht nur an den Schläfen, selbst seine Brauen und – ekelig ja – seine Nasenhaare wiesen graue Härchen auf. Er war massig, aber nicht muskulös und auch nur eine Handbreit größer als ich.

„Was für die Eine wirkt, funktioniert auch bei der Anderen, ja?“ Seine Hände umklammerten meine Oberarme. „Du lässt mich also sitzen, um dich gesundzustoßen.“

Ordinär, mehr fiel mir bei bestem Willen nicht ein.

„Verzeihung, dies ist eine Familienfeier …“

Er schob mich zur Seite, um an Ian herabzusehen. „Mylord, ich tue Ihnen hier einen Gefallen.“

„George!“

„Du kennst diesen Mann?“ Ian nahm sich zurück, obwohl sein Blick von Georges fester Umklammerung meiner Oberarme zu meinem Gesicht und zurückglitten.

„Mein Boss“, krächzte ich und bekam endlich wieder etwas Festigkeit zurück. Es war ungeheuerlich und die Situation musste dringend geregelt werden. Ich zwang ein Lächeln auf meine Lippen und schob mich beherrscht von George fort. „George Mortimer. George, du musst doch Ian McDermitt erkennen. Seine Lordschaft ist der Bruder des Bräutigams und war seinerzeit …“

„Ich bin kein Idiot.“

Meine Zähne schlugen klackernd aufeinander. Ich hasste es, unterbrochen zu werden. „Das wollte ich auch nicht ausdrücken. Lord McDermitt …“

„Willst du etwa abstreiten, dass du nur hier bist, um dir ein Stück vom Kuchen zu sichern?“

„Selbstverständlich nicht.“ Zur Beruhigung legte ich ihm die Hand auf die Brust. „George komm mit, hier können wir nicht reden, es ist viel zu laut und …“

„Gehören Sie zu den geladenen Gästen?“, fragte Ian, wobei man ihm anhörte, dass er auf eine negative Antwort hoffte. Momentan schienen sich Männer in meinem Leben zu häufen, die gerne Probleme bereiteten.

„Ian, bitte, ich benötige einen ungestörten Moment.“ Ich lächelte ihm zu, was ihn auch zu beruhigen schien. „Wir klären das Missverständnis.“ Zumindest konnte ich mir sicher sein, dass Ian auf Georges Worte nichts gab, schließlich kannten wir uns gut genug. George zog ich fort. Es war kein Umweg, schließlich befanden sich die Waschräume in unmittelbarer Nähe zu Linys Rückzugsort, den ich nun zweckentfremden wollte. In Abgeschiedenheit haderte ich mit meinem Pech. Es war der absolut falsche Zeitpunkt, sich mit George auseinanderzusetzen, was mein bimmelndes Handy anschaulich unterstrich. Mrs McCollum fragte nach dem Personalstand im Festsaal. Herrlich.

„George …“ Ich wandte mich ihm zu und bemerkte Ian, der uns gefolgt war und am Eingang stehen blieb, die Arme verschränkt, die Miene missmutig. Er war definitiv Lachlans Zwilling, denn den Gesichtsausdruck kannte ich zur Genüge. „Ian, ich brauche wirklich einen Augenblick allein mit meinem Chef.“

„Nay, mich interessiert, was er zu sagen hat und offenbar hat er eine Neigung zu Ausbrüchen, wenn ich Linys Worte richtig interpretiere. Ich bleibe.“

George brodelte, hielt sich aber zurück. Er war nicht dumm, ganz im Gegenteil, er war gewitzt, clever und konnte durchaus charmant sein, wenn er wollte. „Mylord, es ist ein dienstliches Gespräch und unterliegt …“

„Ich bleibe.“

Wieder bimmelte mein Telefon. Ich hatte für diese Auseinandersetzung keine Zeit! „George, ich habe Urlaub. Ich besuche die Hochzeit meiner Freundin und damit ist alles gesagt, was dienstlich gesagt werden muss.“

„Und privat?“ Seine dunklen Augen glimmten auf und sein Auge zuckte. In Abgeschiedenheit hätte er sich nicht so zurückgehalten, sondern mich angebrüllt.

„Es gibt kein privat, George, das hast du mir sehr deutlich zu verstehen gegeben.“

„Ich bin hier, oder?“

Er verblüffte mich damit, zugegeben, aber so leicht bekam man mich nicht rum. „Ich habe dich gebeten, mich zu begleiten, du hast Nein gesagt. Dann wolltest du mich ans andere Ende der Insel schicken und gerade eben warfst du mir Dinge an den Kopf, die ich mir von meinem Partner nicht gefallen ließe.“

Seine Augen verengten sich und seine Lippen bebten vor unterdrücktem Zorn. „Ich liebe dich.“

Okay, das wurde albern.

„Das wurde mir in den letzten Tagen klar und ich wollte dich bei mir haben, während ich mich um die Hochzeit in Lands End kümmere.“

Unsinn. Er kam näher und ich wich automatisch nach hinten aus. „George, hör auf damit.“ Das wurde mir nun wirklich zu bunt. „Hör zu, ich denke schon eine ganze Weile darüber nach …“

„Wegen ihm? Sina, Schätzchen, er ist eine Sackgasse.“ Er streichelte meine Wange und zwang mich, erneut zurückzuweichen.

„Du bist die Sackgasse, George.“ Es tat gut, es in Worte zu fassen und der Krampf in meinem Bauch löste sich. Befreiter atmete ich tief ein. „In allen Belangen. Du siehst mich als Dienerin. Ich springe ein, wenn du pfeifst, mache, was du willst, und sage zu allem Ja und Amen.“ Den Kopf schüttelnd, machte ich einen weiteren Schritt zurück. „Es reicht mir.“

„Du willst es also wie Carolina versuchen? Dir einen reichen Schnösel suchen und …“ Er folgte mir bedrohlich und ich war echt froh, dass Ian da war – zur Sicherheit.

„Ich brauche keinen reichen Schnösel, ich kann meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten!“

George lachte mit gehässigem Unterton auf. „Aber natürlich, Madame will ja arbeiten.“

„Ja, richtig. Für mich ist Arbeit ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich kann mir nicht vorstellen, den ganzen Tag mit shoppen zu vertrödeln oder beim Teekränzchen Schwachsinn zu plaudern.“ Tatsache, schließlich hatte ich bereits einige dieser Teerunden hinter mir und mir jedes Mal gewünscht, es möge irgendetwas passieren, damit es endlich ein Ende fand. Besonders die Gesellschaft der Duchess war anstrengend. Adel? Nein danke!

„Wenn dir dein Job so viel bedeutet, solltest du ihn nicht so bedenkenlos aufs Spiel setzen!“

Der Umschwung überraschte mich kein bisschen. „Warum? Glaubst du, ich finde sonst nichts?“ Eine dumme Herausforderung, was mir sehr deutlich bewusst war, herrje, ich steuerte geradewegs auf ein Fiasko zu.

„Sina, du schaffst es doch nicht auch nur einmal für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen! Jedes Mal kommen Beschwerden. Nicht ein einziges Mal ist der Kunde mit deiner Leistung  zufrieden gewesen. Wer, glaubst du, wird dich haben wollen? Ein hübsches Gesicht und eine volle Bluse sind leider kein Einstellungsgrund. Schon gar nicht, wenn du dein jämmerliches Zeugnis nicht vorlegen kannst. Vier Jahre, nicht wahr? Unbeschäftigt? Tja, deine Aussichten …“

„Das ist eine Lüge.“ Trotzdem bebte ich vor Erschütterung, weil mir selbstverständlich klar war, wie verheerend es wäre, sollte George nicht nur ein mieses Zeugnis ausstellen – wogegen ich klagen könnte – sondern auch noch solchen Mist über mich verbreiten. Daran zweifeln tat ich nicht, bei seinem fiesen Grinsen.

„Schätzchen, bezichtigst du mich einer Lüge? Ich habe etliche Belege deiner Inkompetenz.“ Seine Wut verpuffte. Auch nichts Neues, aber erst in diesem Moment wurde mir klar, was für ein absoluter Mistkerl er war, sich an der Ausweglosigkeit anderer so zu erfreuen.

„Du gehst nun besser, George. Ich bin im Urlaub, alles Weitere besprechen wir nächste Woche im Büro.“ Das ließ mir Zeit, einige Dinge zu klären. Wo zum Teufel ich Geld herbekam, das erst in einigen Jahren zurückgezahlt werden konnte – wenn überhaupt.

„Du wirfst mich raus?“ Wieder machte er einen Schritt auf mich zu, aber ich ließ mich nicht davon beeindrucken.

„Ja. Und wenn du nicht freiwillig gehst, sorge ich dafür, dass man dich vom Gelände wirft. Ich habe eine ganze Hundertschaft an Sicherheitsleuten engagiert.“ Doppelt ärgerlich, dass er es dennoch auf das Gelände geschafft hatte. Wenn er hindurchschlüpfte, wie viele sonst noch? Gut, das Areal war ein Sicherheitsdesaster und die ständige Änderung der Gästeliste auch keine Hilfe, einen Überblick zu behalten, wer nun zugangsberechtigt war und wer nicht.

Es wäre besser gewesen, meine Beteiligung daran nicht zu erwähnen, denn Georges Blick wurde mörderisch.

„Hast du, ja?“, bellte er und packte mich. Ich war gleich wieder frei, trotzdem war ich immens erschrocken. Mein Herz schlug bis in den Hals und ich begann zu zittern.

„Mal langsam, Freundchen.“

Ian sah mir an, wie ich mich fühlte, verwunderlich genug, und drängte George zum Ausgang.

„Du hast diese Hochzeit arrangiert?“, rief der, wobei er versuchte, sich Ians Griff zu entziehen. „Du hast gegen die Vertragsstatuten verstoßen!“

„Dieser Passus wurde in meinem Vertrag gestrichen“, korrigierte ich ihn dünn. „Aber bitte schön, ich akzeptiere eine fristlose Kündigung.“ Was machte ich nur? Aber natürlich wollte ich einfach nicht schwach wirken, mich nicht einschüchtern lassen und diesen verdammten Schlussstrich ziehen. „Nebenbei stehen mir noch zwei Wochen Urlaub zu und weitere dreiundneunzig Tage an auszuzahlenden Überstunden.“ Natürlich rechnete ich nicht damit, auch nur einen Penny ausgezahlt zu bekommen – nicht ohne Kampf. Deswegen ja der Fünfjahresplan, in dessen Verlauf ich meine Überstunden hätte abfeiern können und meinen Ausstieg in den Winter hätte legen können, so dass mir zur Hochsaison genügend Zeit für die Kundenakquise geblieben wäre.

Ian gab George etwas Spielraum, schirmte mich aber weiterhin vor ihm ab, indem er George am Schlafittchen hielt, was dem gar nicht gefiel, aber jeder Widerstand war zwecklos. Also machte er das Beste daraus und richtete seinen Groll gegen mich.

„Du willst es so. Du bist raus.“

Das Schön! steckte in meinem Hals fest, also nickte ich bloß.

„Dies hier ist Privatgelände. Unbefugtes Betreten ist untersagt. Ich will Sie hier nicht noch einmal herumwieseln sehen, verstanden!“

George starrte mich immer noch an. Erwartete er, ich käme zu Kreuze gekrochen? Gut, bisher hatte ich immer versucht, die Wogen zu glätten und zu vermitteln. Ich hatte immer die Kröten geschluckt, seine Erwartung kam da nicht von ungefähr, sondern war begründet.

Ian schob ihn raus und sprach mit einem der Sicherheitsleute, die die Eingänge bewachten. Mir bebten die Knie. Die Hand ausstreckend, ließ ich mich auf der Bank nieder und schloss die Augen. Meine Gedanken rasten in wilder Panik. Arbeitslos. Tja, das Leben war einfach unberechenbar.

Kapitel 5
Schwierigkeiten im Anmarsch?

Ian reichte mir ein kühles Glas Wasser und setzte sich zu mir. „Ein netter Geselle.“

„Ich kümmere mich sofort darum.“ Meine Finger zitterten, aber das kühle Nass tat ungeheuer gut. „Danke.“ Es stimmte zwar, dass ich es nicht allein geschafft hätte, aber damit konnte ich leben.

„Dem solltest du vielleicht besser aus dem Weg gehen.“

„Ich kann mit ihm umgehen, keine Sorge.“ Seufzend nippte ich an meinem Wasser und fischte mit der freien Hand mein Handy hervor. Der Leiter der Sicherheit, ein – wer hätte es gedacht – griesgrämiger Schotte, war der Einzige der langen Liste an Auftragnehmern, der sich bisher nicht mit einem Problem an mich gewendet hatte.

„Womöglich solltest du aber nicht.“

Verwirrt sah ich auf, nicht in der Lage, seine Worte einzuordnen. „Bitte?

„Damit umgehen.“

Ich verstand nicht, meine Gedanken auf die Sicherheitsmängel gerichtet.

„Mit Typen wie deinem Ex-Boss.“

Der Groschen fiel und ich lachte auf. „Ich habe acht Jahre mit ihm zusammengearbeitet und kenne sein Gemüt. Ich komme mit ihm zurecht.“

Besser, als mit grummeligen Schotten. Das Telefon hob ich ans Ohr, nachdem ich auf Connor getippt hatte – dem schweigsamen Sicherheitschef. „Conrad hier.“ Ich sammelte meine Gedanken. „Soeben musste ein ungebetener Gast aus dem Festzelt entfernt werden.“

„Aye.“

Ich wartete, aber mehr kam nicht.

„Habe ich nicht deutlich gemacht, wie wichtig die absolute Privatsphäre ist?“ Eine rhetorische Frage, zumindest dachte ich das.

„Aye.“

„Wie kam dann ein ungebetener Gast …?“

„Miss Conrad, ich garantiere Ihnen, dass keine ungeladenen Gäste Zutritt zum Festzelt haben.“

„Soeben …“

„Die Zufahrtswege sind blockiert und wir registrieren jeden, der auch nur in Richtung des Festplatzes schielt.“

Ich zählte rückwärts, um Ruhe zu bewahren, und schaffte es mit üblicher Sicherheit. „Mr Connor, Fakt ist, dass mich persönlich gerade ein Mann belästigte, der hier definitiv nichts verloren hatte.“

„Nay.“

„Mr Connor, ich weiß, wem der Zutritt versagt ist und wem nicht.“ Das war nicht ganz korrekt, aber das gäbe ich in diesem Moment nicht zu.

„Laut meinen Papieren gibt es keine ungebetenen Gäste.“

„Dann sind Ihre Papiere falsch.“ George hatte sich auf das Gelände gestohlen. Irgendwie. Es waren mehrere Meilen Fußweg, um von der öffentlichen Straße bis zum Herrenhaus von  Farquhar zu gelangen und das Festzelt lag noch dahinter. Es gab keinen Asphalt, keine Ausschilderung, und für Autos war die Zufahrt gesperrt. Selbst wenn George der Typ für nette Heidespaziergänge wäre, ein Spaziergänger wäre spätestens am Festgelände aufgehalten worden.

„Nay, Lassie, alles hat seine Ordnung.“

Ich verdrehte die Augen gen Himmel. „Mr George Mortimer wurde soeben von einem Ihrer Männer fortgebracht. Er befand sich innerhalb des Festzeltes, wo er absolut …“

„Ihre Begleitung.“

„Wie bitte?“

„Mr George Mortimer von der Hochzeitsagentur WeddingDreams. Eingetroffen vor gut einer Stunde über das Haupttor. Auf der Liste stand Ihre Begleitung als noch abwesend, er machte glaubhaft, dieser zu sein. Moment. Ah ja. Ein Bild von Ihnen in deutlicher Pose.“

Mir klappte der Mund auf. „Sie lassen jemanden auf das Gelände, nur weil er ein Bild von mir hat?“ Oh ja, es gab ein Sicherheitsproblem!

„Selbstverständlich haben wir die Angaben verifiziert. Sie arbeiten für WeddingDreams, so steht es zumindest auf der Website der Agentur. Damit hatten wir genug, um zu der Annahme zu gelangen …“

„Sie hätten anrufen müssen!“

Connor schwieg, was mir nur recht war. Nicht aufregen lautete die Devise, obwohl es nun erst recht bedeutend war, dass dieser Abend perfekt über die Bühne ging. Meine Visitenkarte, wenn man so wollte. Bei der Anzahl an Gästen, viele von ihnen aus dem Adel, genauso viele aus gutbetuchten Verhältnissen, hätte ich eine Chance auf Empfehlungen und einen potentiellen Kundenstamm. Natürlich bedeutete es, dass ich nun mein Augenmerk verstärkt auf die Knüpfung neuer Kontakte legen musste und damit die Feier für mich gelaufen war. Tja, allzu vergnüglich war es bisher ohnehin nicht gewesen, dank meines griesgrämigen Begleiters.

„Mr Connor, es werden ohne vorheriger Abklärung keine Personen mehr auf das Gelände gelassen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Aye.“

„Schön.“ Ich seufzte. „Gibt es sonst noch Nachzügler, deren Status ungeklärt ist?“

„Nay, Lassie. Sollen die Gäste überprüft werden, um es sicherzustellen?“

Gott bewahre! „Das wird den Aufwand nicht rechtfertigen. Aber ein guter Vorschlag, Mr Connor. Wir bleiben in Kontakt. Danke für die gute Zusammenarbeit.“ Ich legte auf und schüttelte den Kopf. „Was bedeutet Lassie?“

Ian, der die ganze Zeit geduldig zuhörte, lachte auf. „Unter uns? Du solltest niemanden gestatten, dich so zu nennen, wenn du ernst genommen werden möchtest.“

Ganz wie vermutet also. „Habt ihr hier ein Problem mit Frauen?“

„Oh nein, ich glaube, ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass wir Frauen lieben.“

„Fein, dann mit Feminismus?“

„Also, da wäre ich in der Tat vorsichtiger, irgendeine Behauptung aufzustellen.“ Er zwinkerte und streckte die Finger nach mir aus, um meine Wange zu streicheln. „Soll ich mit ihm reden?“

So weit käme es noch. „Vielen Dank für das Angebot, aber ich bin mir sicher, dass ich das Problem geregelt bekomme.“ Das Glas beiseite stellend, erhob ich mich, wobei ich vergaß, dass ich nun wieder Highheels trug. Ich schwankte und landete auf Ians Schoß.

„Nicht so stürmisch.“ Er schloss die Arme um mich und beugte sein Gesicht zu mir.

„Ian …“

„Daingead!“, fluchte Islay in meinem Rücken.

Okay, ich hatte es satt, ständig unterbrochen zu werden und ganz bestimmt hatte ich auch satt, was nun folgte, auch wenn ich kein Wort davon verstand. Ian zog mich enger an sich.

„Lass mich los!“ Ich schob mich von seinem Schoß und kam noch immer wacklig auf die Füße. „Wenn die Herren mich entschuldigen wollen.“ Ich hatte größere Probleme, als zwei Schotten, die sich bekriegten.

„Warte.“ Ian fing mich ab. „Du solltest abwarten, bis es sicher ist.“

„Ich habe Aufgaben zu erfüllen und keine Zeit, mich zu verstecken, weil irgendwo Gefahren lauern mögen.“

Er verstellte mir den Weg. „Dann begleite ich dich.“

Wieder brach ein Schwall Gälisch über mich herein. Es lenkte Ian ab und ich nahm einfach den anderen Ausgang, jenen, den auch George gezwungenermaßen hatte nehmen müssen. Ein Windstoß bauschte mein Kleid und stoppte mich, kaum aus dem Zelt getreten. Die Sonne stand bereits tief und schickte warme, rötlich goldene Strahlen über die Heide. Der Anblick war atemberaubend – wenn man die Zeit hatte, ihn zu bewundern. Ich stöckelte um das riesige Zelt herum, der Weg schien endlos und länger als zuvor, als ich ihn barfuß mit Liny abgeschritten war.

Zwei Nebeneingänge passierte ich und fragte das Personal kurz nach Vorkommnissen, bevor ich endlich am Hauptportal angelangte. Hier herrschte reger Verkehr, Gäste kamen und gingen und es war schwierig, den Überblick zu behalten. Kontrolle war Illusion, selbst mit der Anzahl an Sicherheitskräften, die ich mit Lachlans Hilfe angeheuert hatte.

„Ah, was hat dich hierher verschlagen?“ Britta gesellte sich zu mir, eine Zigarette in der Hand und breit grinsend. „Läufst du vor Georgie-Boy davon?“

„Du wusstest, dass er hier ist?“

Sie zuckte die Achseln. „Er fragte mich, wo du bist, also ja, ich wusste wohl … Was ist los, Sina? Hat Liny ihn etwa ausgeladen und du hast ihn trotzdem reingeschmuggelt?“

„Nein. Und Georgie-Boy ist jetzt mein Ex-Boss.“

Fast fiel ihr die Fluppe aus dem Mund. „Du hast gekündigt?“

„Ich denke, das ist noch ein Streitpunkt. Er wird sagen, er hätte gekündigt, aber eigentlich war es andersherum.“ Ich seufzte schwer, da kam noch einiges auf mich zu und ich bereute meine voreilige Kündigung noch. „Verdammt, ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll.“

„Ach komm schon, du fällst immer auf die Füße.“ Sie drückte ihre Zigarette aus. „Kommst du wieder mit rein?“

„Nein, ich muss einmal ums Zeltherum und dann nach der Verteilung der Servicekräfte schauen.“ Ich wollte jede Station abtelefonieren und nach Problemen fragen, nur für den Fall, dass es noch mehr Gäste hier gab, die Probleme hatten, sich von Frauen etwas sagen zu lassen.

„Also gut, sehen wir uns später?“

„Kann ich nicht versprechen.“ Alte Freundschaften pflegen, hatte zurzeit keine Priorität.

Autor

  • Katherine Collins (Autor)

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Titel: Ein Schotte zu viel (Liebe, Romantik, Chick-lit)