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Somalia Rain (Kurzgeschichte, Liebe)

von Stenglein Nadine (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Sarah ist Journalistin und wird seit ihrer Kindheit in regelmäßigen Abständen von beunruhigenden, sich wiederholenden Träume verfolgt. Bei einer Rückführung erfährt sie, dass der junge Mann, der ihr in diesen Träumen das Leben rettet, ihre große Liebe aus einem früheren Leben in Somalia war. Wie es das Schicksal will, führt sie ihr nächster Job in dieses Land, in dem sie auch nach Spuren ihrer Vergangenheit aus jenem Leben suchen will. Wird sie fündig werden?

Impressum

booksnacks

Erstausgabe September 2017

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-266-5

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von pixabay
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Um sie herum herrschte reges Treiben. Leute schrien durcheinander und der Abendhimmel über der Stadt färbte sich purpurrot, als würde er bluten. Sarah rannte eine Straße hinab. Ihr grüngelbes knöchellanges Kleid war zerrissen und sie trug nur noch einen Schuh, den anderen hatte sie irgendwo auf der Flucht verloren. Hier und da lagen zerfetzte Plakate einer Demonstration, an die sie sich nur noch dunkel erinnern konnte. Sie wusste nur, dass sie sich in Somalia befand, inmitten eines Bürgerkriegs. Schüsse hallten durch die Innenstadt, deren Name ihr genauso entfallen war, wie der des jungen Mannes, der ihr folgte. Alles was sie wollte war, dieser Hölle zusammen mit ihm zu entfliehen. Sie wandte sich nach ihm um, während ihr Herzschlag sich verdoppelte. 

„Nicht umdrehen, lauf weiter Maria!“, rief er ihr hektisch zu. Schweiß perlte von seiner Stirn, in die ihm ein paar seiner schwarzen Haarsträhnen fielen. Sie fragte sich, warum er sie `Maria` nannte.

Zeitgleich versuchte sie sich an seinen Namen zu erinnern, aber es war sinnlos, die Gedanken kamen an kein Ziel. Ihr Gefühl jedoch sprach eine klare Sprache, sie liebte ihn, bedingungslos.

Ein paar Meter weiter erhaschte sie eine enge Gasse. Vielleicht ist das die Rettung, schoss es ihr durch den Kopf. Ohne zu zögern steuerte sie darauf zu, da hörte sie den Schrei eines Kindes in unmittelbarer Nähe. Ihr Blick flog nach rechts. Auf einem Gehweg entdeckte sie eine junge Frau, die vor einer Mülltonne lag und sich krümmte. Ein dicklicher älterer Mann beugte sich über sie und begann ihren Körper mit einem Knüppel zu malträtieren. Nur ein paar Schritte entfernt stand ein kleiner schmächtiger Junge, der verzweifelt um Hilfe schrie. Der Mann stieß ihn zurück und setzte gleich darauf seine Folter an der wehrlosen Frau fort, die ihren Kopf mit den Händen zu schützen versuchte. Die Szene bohrte sich tief in Sarahs Seele und löste eine augenblickliche Entscheidung in ihrem Herzen aus. Sie musste handeln und warf ihren eigenen Rettungsplan über Bord. So schnell sie konnte eilte sie direkt auf den Mann, die Frau und das Kind zu. Hinter sich hörte sie die mahnenden Rufe ihres Begleiters. Doch es gab kein Zurück mehr. Die Hände zu Fäusten geballt stieß sie den weiterhin auf die Frau einprügelnden Mann so fest gegen den Brustkorb, dass dieser rückwärts torkelte. Sekunden später jedoch fing er sich wieder. Sein Gesicht verzog sich hasserfüllt und scannte Sarah, die der Frau zusammen mit dem Kind auf die Beine half.

„Lauft, schnell!“, rief sie den beiden zu. Beim Weitereilen berührte die Fremde dankend ihre Wange. Sarah schenkte ihr ein kurzes Lächeln, dann wurde sie von jemanden zu Boden gerissen. Zeitgleich hörte sie einen Schuss, der in ihren Ohren hallte wie ein dumpfer Donner. Sie blickte auf und sah, dass der Mann von vorhin die Flucht ergriff und der, der ihr gefolgt war, halbwegs über ihr lag. Blut durchdrang sein eierschalenfarbenes Hemd. Sarah spürte wie sich ihr Herz zusammenschnürte, sodass sie für einen Moment das Gefühl hatte, sie würde innerlich zerbersten. Sie wollte schreien, weinen, doch sie konnte nicht, sie fühlte sich wie gelähmt. 

In dem Moment schrak sie schweißgebadet aus ihrem Traum. 

Es war der 30. Juli. 

Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es erst 4.15 Uhr in der Nacht war. Verdattert setzte sie sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn. Um sie herum war es, bis auf das Ticken der Wanduhr über der Schlafzimmertür, still. Sie atmete tief ein und aus und ließ sich zurück aufs Bett sinken. Wie immer nach diesem Traum am Ende eines jeden Monats lag sie gedankenversunken bis zum Morgen wach. Erst als die ersten Sonnenstrahlen durch das Schlafzimmerfenster fielen, stand sie langsam auf und fühlte sich wie erschlagen. Sie hätte den jungen Mann nach seinem Namen fragen sollen. Aber es war wie bisher. Während sie träumte, war ihr dies nicht bewusst. Nur dieses Mal war sie um eine Information reicher geworden. Der junge Mann, der ihr so fremd und gleichzeitig doch so vertraut vorkam und von dem sie auch im Wachzustand gedanklich nicht loskam, hatte sie Maria genannt. Vielleicht hatte ihre beste Freundin Anna doch recht und sie sollte die Reise, zu der sie sie schon lange überreden wollte, wirklich antreten, dachte sie. Sarah ging noch einmal in sich und beschloss schließlich es zu wagen. 

 

Anna freute sich über alle Maßen über diese Entscheidung, die sie ihr bei ihrem nächsten Besuch mitteilte. „Du wirst sehen, es wird dir neue und vor allem wichtige Erkenntnisse liefern, ich hab das im Gefühl. Maria, das war vielleicht wirklich dein Name damals“, sagte sie bestimmt und hielt kurz inne.

„Nach was suchst du denn? Kann ich helfen?“, fragte Sarah und beobachtete, wie Anna in eine alte Holzkiste griff, die in einer Ecke ihrer Praxis stand. 

Anna war Psychologin und hatte für jede Lebenssituation einen Ratschlag und wohl auch …

„Eine CD … aha“, sagte Sarah ein wenig ernüchterd, als Anna ihr die blaue Hülle in die Hände drückte. 

Sarah betrachtete das Coverfoto, welches ein Tor vor wolkenlosen blauem Himmel zeigte, durch das gleißendes Licht fiel. Darüber stand in weißen Lettern „Reise in dein früheres Leben“.

„Du sagtest, du hättest keine Zeit mehr für einen Experten, der das kann.“ 

„Ja, leider. Der Flug geht schon übermorgen … Aber danke“, erwiderte Sarah. 

„Du hättest es schon eher haben können, ich habs dir schon tausend Mal gesagt. Aber nun auf die Schnelle hab ich nichts Besseres anzubieten. Und du weißt, ich selbst kann keine solche Sitzung durchführen. Folge einfach den Anweisungen des netten Herrn auf der CD. Bei mir hat es geklappt.“ 

Sarah nickte zwar, stand dem Ganzen aber nach wie vor skeptisch gegenüber.

„Ach ja, ich hätte es beinahe schon wieder vergessen“, sagte sie.

Anna zog die Stirn in Falten und fuhr sich mit den Fingern durch ihr kurzes blondes Haar. 

„Was vergessen?“

„Na, dass du in einem deiner früheren Leben angeblich eine Hexe warst. Nun, da klappt so magisches Zeugs wohl gut“, ergänzte Sarah und musste grinsen.

„Ja, mach dich nur lustig. Aber wer weiß, vielleicht fällt mir irgendwann ja wieder ein Zauberspruch von damals ein, dann hex ich dir erst mal das freche Grinsen weg.“

Sarah strich sich die roten Naturlocken hinter die Schultern und gab der gespielt schmollenden Anna einen Kuss auf die rechte sommersprossenübersäte Wange. 

„He, ich dank dir“, bemerkte sie ernster.

Kurz schlang Anna die Arme um sie. 

„Und es bleibt beim Abschiedsessen morgen Mittag?“, fragte sie. 

Sarah nickte und zeigte auf die CD.

„Ich sag dir dann, ob es was brachte, das heißt, wenn ich überhaupt wieder aufwache.“ 

Anna winkte ab und seufzte. 

„Du wirst mir noch mal auf Knien danken.“

 

Sarah entspannte sich mit einem Beruhigungstee, nachdem der erste Versuch der Reise misslang und war umso überraschter, nachdem der Zweite tatsächlich hielt, was die Kurzbeschreibung auf der CD-Hüllenrückseite und Anna versprachen. Tief entspannt flimmerten irgendwann Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Sie sah sich als kleines Mädchen, zusammen in einer großen, aber armen Familie. Wie Viele andere im Ort hausten sie bescheiden und waren dennoch zufrieden. Als sie Joshua begegnete, den sie liebevoll Josh nannte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie sah sein Gesicht mit den dunklen, glänzenden Augen, den vollen Lippen und der weichen braunen Haut genau vor sich, spürte die Schmetterlinge, wenn er sie sanft berührte, fühlte die Trauer nach seinem Tod. Zwei Jahre später kam sie durch eine Autobombe in der Nähe eines Hotels ums Leben. Sie sah sich von oben am Boden liegen, bevor sie starb, fühlte aber keinerlei Schmerzen. Einen Augenblick später wurde sie von der Stimme auf der CD langsam zurückgeholt. Es war anscheinend wahr, sie hatte schon einmal gelebt. Nachdem sie wieder im Hier und Jetzt angekommen war, überkam sie die Sehnsucht nach dem Mann aus ihren Träumen stärker denn je. Doch Sehnsucht, Trauer, gepaart mit einer unglaublichen Faszination, waren nicht die einzigen Emotionen, die sie durchwühlten. Sie konnte die Verabredung mit Anna kaum abwarten, und als es endlich soweit war, übergoss sie ihre Freundin regelrecht mit den Neuigkeiten, sodass diese vor Staunen fast darin ertrank.  

„Schon als Kind fühlte ich mich enorm zu Fotos von weiten Stränden, von bestimmten Ländern, Orten hingezogen. Im Nachhinein weiß ich nun, dass sie alle Somalia glichen, dem schönen, wie auch nicht so schönen Somalia“, erzählte sie Anna. 

Nachdenklich sah diese sie an und nickte schließlich langsam. 

„Nun weißt du warum.“ 

„Und ich weiß endlich seinen Namen, Josh. Er hat mir das Leben gerettet. Ich fühlte mich schuldig. Wenn ich nicht der Frau und dem Kind geholfen hätte, dann …“

„Ja und das Schuldgefühl hast du auch in dieses Leben mitgenommen“, gab Anna zurück.

Mit zusammengezogenen Brauen musterte Sarah sie, während sie, erst ohne es selbst zu bemerken, den Löffel monoton in ihrem Cappuccino kreisen ließ.

„Du denkst dauernd, du müsstest Leute beschützen, sie befreien oder sonst was. Und es macht dich doch wahnsinnig, wenn du glaubst, du wärst an etwas Schuld. Erinnere dich nur mal an die Scheidung deiner Eltern oder an die Magersucht deiner Schwester. Mensch, du bist vor kurzem erst dreiundzwanzig geworden, fang endlich an zu leben und an dich zu denken.“ 

Sarah ging in sich und ließ Annas Worte wirken, sie musste ihr recht geben. Aber so einfach war das alles nicht für sie. Langsam blickte sie auf und faltete die Hände auf der Tischplatte.

„Wir versprachen uns sozusagen, dass wir uns wiedersehen wollen. Im nächsten Leben. Das bedeutet dieser eine Satz doch … über die Grenzen des Todes hinaus. Ich hatte noch nie einen Freund, nie richtig, ich suchte immer nach jemanden, der so war wie dieser junge Mann aus meinen Träumen. Es gibt ihn, irgendwo. Mein Gott … das ist alles so … einfach unfassbar“, sagte Sarah. 

„Ja, faszinierend. Es kann sogar gut sein … ich meine, dass er vielleicht schon in deiner Nähe ist.“ 

Dieser Satz ließ Sarah besonders aufhorchen und führte dazu, dass sie in den Stunden vor ihrer Abreise praktisch jeden Mann aus der näheren Umgebung so gut wie möglich unter die Lupe nahm. Doch keiner erschien ihr richtig, sie war überzeugt, dass sie es merken würde, würde er ihren Weg kreuzen. Der allerletzte jedenfalls, der für sie in Betracht kam, war ihr Kollege Frederik. Seit etwa zwei Monaten arbeitete er für die gleiche Zeitung wie sie und der Chefredakteur fand, dass sie beide von den Qualifikationen her hervorragend zusammenpassten. Schließlich hatte auch er schon Erfahrung mit Auslandseinsätzen. Das war aber auch schon alles, wie sie fand. Zudem fand sie es äußerst dreist, dass der Redakteur ihnen das Messer sprichwörtlich auf die Brust setzte. Seine Forderung — entweder würden sie zusammen nach Somalia fliegen und Recherchen über die aktuellen Zustände im Krisengebiet und das sogenannte „Land ohne Gesetze“ machen oder gar nicht. Sarah musste nachgeben, denn dies wollte sie unbedingt. Zuvor weil sie ihrem inneren Drang, dadurch vielleicht auch etwas verbessern zu können, folgen musste und nun auch, weil sie hoffte, weitere Antworten in persönlichen Dingen zu finden. Wie sie wusste, war Somalia allerdings auch für Journalisten ein gefährliches Pflaster, dennoch wagte sie zusammen mit ihrem Kollegen den Schritt. Das Schlimme war nur — Frederik war ein Besserwisser. Im Gegenzug hielt er sie für hochnäsig, wie ihr eine Kollegin zusteckte. Auf dem Flug wechselten sie kaum ein Wort und wenn doch, dann höchstens über das Wetter. Somalia empfing sie mit einer glühenden Hitze. Erschöpft kamen beide schließlich in ihrem kleinen dürftigen Hotel in Mogadischu an. Dort gab es nicht viele Gäste und hier und da zeugten Einschusslöcher von der Gefahr, die in diesem hoffnungslosen Land durch die Straßen und Häuser schlich. Sarah fand, dass es vom Hotel aus jedoch ziemlich ruhig in der Hauptstadt Somalias aussah. Ein Trugbild, das war ihr leider bewusst. Frederik und sie packten aus, machten sich frisch, ruhten sich ein wenig aus und zogen dann gesichert mit kugelsicheren Westen und einer kleinen Kamera los. Draußen warteten drei Leibwächter, die ihnen zur Seite gestellt wurden und die sie bei ihren Ausflügen auf Schritt und Tritt begleiten würden. In einem Kleinbus machten sie sich auf den Weg in die Innenstadt. Sarah sah sich ganz genau um und versuchte, irgendetwas von früher zu entdecken, das sie besonders rührte, eine ganz intensive Erinnerung erweckte. Doch das tat es nicht, vielleicht, so sagte sie sich, war es auch die Nervosität vor dem Kommenden, die dies nicht zuließ. Ihre Begleiter berichteten von kürzlichen Kämpfen zwischen verfeindeten Somaliern, die erneut Todesopfer forderten. Fast täglich gab es solche Kämpfe. Hier und da sah man Militär und verängstigte Menschen. Für Nachmittag war ein Treffen mit einem hohen Offizier und einem Minister angesetzt. Beide versprachen für die deutsche Presse interessante Informationen bereitzuhalten. Sarah setzte große Hoffnung in das Gespräch.

„Du bleibst immer dicht hinter mir“, sagte Frederik mit ernster Miene. 

„Ich bin kein Kleinkind“, erwiderte sie und schüttelte leicht den Kopf. 

„Tu es einfach. Ich war schon zwei Mal hier, du nicht und es ist kein Kinderspiel“, gab er zurück und zog sich sein schweißdurchtränktes Shirt über den Kopf, um es durch ein trockeneres zu ersetzen. Dabei fiel ihr eine kleine Narbe auf seiner Brust in der Nähe seines Herzens auf. Der Anblick ließ sie vor Erstaunen erzittern.

„Josh?“, flüsterte sie, woraufhin er die Stirn in Falten zog. 

„Josh? Ich kann ja verstehen, dass dich dieser Anblick und die Hitze durcheinanderbringt, aber mein Name ist immer noch Frederik“, sagte er.

Sie wollte gerade etwas erwidern, als sie Schüsse hörte, kurz darauf stoppte der Kleinbus. Ihre Begleiter wurden mehr als unruhig und sprachen heftig durcheinander. Sie verstand kein einziges Wort. Frederik zog sie zur Seite. Kurz darauf wurden die Türen aufgerissen und ein paar bewaffnete Männer platzten herein. Einer von ihnen drückte Sarah hart auf den Boden des Busses. Dann hörte sie einen weiteren Schuss, während die Männer etwas Unverständliches brüllten. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ihre Begleiter aus dem Bus gedrängt wurden und einer der Eindringlinge Frederik sein Gewehr an den Kopf hielt. Obwohl sie innerlich beinahe vor Angst starb versuchte sie, äußerlich cool zu bleiben. 

„Verdammter Mist! Bleib ruhig Sarah“, stammelte dieser und hob die Hände. 

Tausend Gedanken durchschwirrten ihren Kopf, der schmerzlich zu pochen begann. Jemand musste denen gesteckt haben, dass sie Journalisten waren und auf dem Weg zu einem wichtigen Interview. Sie war sich sicher. Sie wären nicht die ersten Journalisten, die Opfer in diesem Krieg wurden. Ein eiskalter Schauer überlief ihren Rücken. Der Bus setzte seine Fahrt schließlich fort, während sie an ihre Familie und Anna denken musste, die schon Angst um sie gehabt hatten, bevor sie in den Flieger gestiegen war. Nun war sie mehr als berechtigt. Das Fahrzeug vibrierte unter Sarah, als sie eine gefühlte Ewigkeit später über eine unebene Straße fuhren. Kein Zweifel, sie wurden gerade verschleppt. Sie schwor sich, keine Dummheiten zu machen und weiter ruhig zu bleiben, besonders auch um Frederik nicht zu gefährden. Vielleicht kehrte das Schicksal gerade zurück und sie konnte das von damals irgendwie wiedergutmachen. Irgendwann stoppte der Bus und sie wurden von den Männern hinausgetrieben in eine zerfallene, einsam in der Prärie gelegene Hütte, die Gewehre immer im Rücken spürend. 

„Die wollen Lösegeld“, flüsterte Frederik ihr zu und presste sich dicht neben sie an eine Wand. Sie saßen auf einem dreckigen Steinboden, auf dem hier und da Abfall lag. Die Männer fesselten ihre Hände hinter dem Rücken und ihre Knöchel mit Seilen. Sarah blickte zu Frederik. Schweiß tropfte ihm von der Stirn in die graublauen Augen. 

 

Er sollte recht behalten, sie wollten einen Tauschhandel. Sarah und er wurden mit eigener Kamera gefilmt. Immer wieder redeten die Entführer in einem Mischmasch aus Englisch und ihrer Muttersprache auf sie ein, Sarah verstand das Wichtigste. Sie musste eine Message sprechen, Lösegeld in Höhe von einer Million Euro von der Bundesregierung fordern, das binnen drei Tagen an einem bestimmten Ort abgelegt werden sollte. Wenn nicht, würde man kurzen Prozess mit ihnen machen, übersetzte Frederik. Sarah tat, was von ihr verlangt wurde, während ihr Kollege nunmehr in Stille verharren musste. Als er das Redeverbot dennoch einmal brach, schlug ihm einer der Männer seinen Gewehrkolben gegen den Kopf. 

„Die Regierung wird nicht zahlen, Sarah. Die werden unter Garantie versuchen, mit den Geiselnehmern anderweitig zu verhandeln. Das wird schlecht für uns ausgehen, wenn wir uns nicht selbst helfen“, flüsterte er ihr später zu. 

„Nein … fliehen wäre viel zu riskant. Wir …“

Frederik sah ihr tief in die Augen und blies sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. 

„Du machst was ich sage, verdammt. Du hast doch keine Ahnung!“, zischte er zurück. 

Einer der Männer stand auf und blickte sie warnend an. Währenddessen verließ ein anderer mit der Kamera in Händen die Hütte. Merklich wollten seine Kumpanen Ruhe und es erschien ihr, als wären sie genauso nervös wie sie selbst. Sie schätzte, die Männer waren nicht älter als sie. Jedes noch so kleine Geräusch ließ sie aufhorchen und erst wenn sie sich absolut sicher wiegten, spielten sie mit Murmeln und lachten sogar hin und wieder. 

 

Es war mitten in der Nacht, als ein weiterer Mann hinzukam. Durch ihn entbrannte eine heftige Diskussion. Immer wieder blickte er zu Frederik und Sarah hinüber. 

„Ich versteh kein einziges Wort mehr. Über was streiten die?“, fragte Sarah ihren Kollegen. 

„Ich glaube, die reden über Geld und auch über Gefängnis. Die verschlucken die Worte geradezu … ich weiß es also nicht genau.“ 

Er rutschte ein wenig näher an sie heran. 

„Ich hab die Handfesseln am Rücken fast auf. Wenn die schlafen, dann …“

„Vergiss es“, warf sie so leise, aber bestimmt wie möglich ein. 

Frederik schlug mit dem Kopf rücklings an die Wand und biss die Zähne wütend zusammen. 

„Dann bleib doch wo du bist!“, zischte er. 

Der Neuankömmling kam etwas näher und ging vor ihnen in die Hocke. Seine Aufmerksamkeit galt insbesondere Sarah. Er atmete tief durch und ging nach ein paar Minuten wieder zurück zu den anderen. Sarah ignorierte ihn so gut es ihr möglich war. Schweißgeruch durchzog den kargen Raum mit einer weiteren Tür in Frederiks Nähe. In ihrem Gefängnis gab es nur einen alten Holztisch und ein paar klapprige Stühle, sowie einige Mücken, die sich an einem kleinen Fenster tummelten. Ihr Summen machte Sarah zusätzlich langsam wahnsinnig. Sie hatte Durst von der trockenen Luft und die Angst wuchs von Minute zu Minute. Immer wieder musterte sie Frederik von der Seite. War er Josh, konnte sie es nur durch die Anspannung und Furcht nicht spüren? Hatten ihr vielleicht ihre bisherigen Differenzen einen Schleier vor die Augen gezogen?, fragte sie sich. Zu gerne hätte sie von ihm gewusst, ob sich bei dem Namen Maria etwas in ihm rührte, aber nun war anderes wichtiger. Sie musste versuchen, einen einigermaßen klaren Kopf zu bewahren und nicht auszuticken. Eine Weile später, die Männer hatten sich inzwischen hingelegt und schienen fest zu schlafen, war für Frederik die Zeit des Aufbruchs gekommen. Er weckte Sarah, die hin und wieder sogar ein wenig eingenickt war. Nur einer der Rebellen hielt Wache und trat gerade vor die Hütte, als Frederik flüsterte: 

„Ich mach dich von dem Seil los. Dann springst du auf und wir rennen zur Hintertür raus. Renn einfach drauf zu.“ 

„Und woher willst du wissen, dass die nicht verriegelt ist? Die sind nicht dumm.“ 

„Dann tret ich sie halt einfach ein, dürfte ja kein Problem, sieht ziemlich windig aus. Aber still jetzt.“ 

Ohne eine Antwort abzuwarten, löste er ihre Fesseln. Sie schüttelte heftig den Kopf. Aber schon zog er sie hoch, ergriff sie hart am Oberarm und schob sie auf die Tür zu. In dem Moment hörte sie die Stimme des zurückkehrenden Wachmannes und kurz darauf die der anderen. 

„Renn! Ich halt sie auf und komm dann nach!“, schrie Frederik und stieß sie vorwärts. 

Aber das konnte sie nicht, sie konnte ihn hier nicht alleine lassen. Der Traum, er vermischte sich plötzlich so sehr mit der Realität, dass ihr übel wurde. Im Augenwinkel sah sie, dass die Männer ihre Gewehre suchten, doch die schienen wie vom Erdboden verschluckt. Fluchend und hektisch suchten sie alles danach ab. Einer von ihnen griff in seine Jackentasche und zog blitzschnell eine Pistole hervor, die er noch in Reserve hatte. Bebend richtete er sie auf Sarah und Frederik.

„Josh … Josh!“, schrie sie außer sich. 

Der Neuankömmling stellte sich augenblicklich vor seinen Kumpel. Dieser brüllte ihn an, woraufhin er sich umwandte und ihm die Waffe aus den Händen schlug. Einen Augenblick später schnappte er sie sich vom Boden und ging damit auf Frederik und Sarah zu. Die anderen standen da wie versteinert und auch Sarah konnte sich plötzlich keinen Millimeter mehr bewegen. Die Szene erschien ihr für ein paar Sekunden wie eingefroren. Sie sah sich dem Tode verdammt nahe. 

„Hast du mich mit Josh gemeint?“, fragte der Neue Sarah. Seine Stimme klang auf einmal ganz leise und irgendwie weich. Auf seine Frage hin nickte Sarah.

erwundert starrte sie ihn an und ging ein paar Sekunden später wie in Zeitlupe an Frederik vorbei, der versuchte sie zurückzuhalten. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. 

„Lass, ist gut … glaube ich. Er will uns nichts Böses, er hat ihnen ja anscheinend auch die Waffen weggenommen, während sie schliefen“, stammelte sie. 

Tief sah sie dem Somalier in die Augen und spürte plötzlich, dass sie etwas verband. Auch er schien ähnlich zu empfinden, sein Blick sprach Bände. Langsam griff sie nach vorne und berührte seine Brust, er wich nicht zurück. 

„Bist du nun wirklich irre?“, fragte Frederik. 

Die anderen kamen näher, doch der Neue richtete die Pistole plötzlich auf sie und zog Sarah in eine Ecke, von der aus er jeden gut im Blick hatte. Wieder bedeutete sie Frederik einfach ruhig zu bleiben, was ihm natürlich schwerfiel. 

Der Somalier ließ es zu, dass sie sein Shirt nach oben zog, während er die anderen nicht aus den Augen ließ. Sarahs Lippen öffneten sich vor Erstaunen. Auf seiner Brust in der Nähe des Herzens prangte ein ovales Muttermal. 

„Maria?“, flüsterte er. 

Zuerst glaubte sie sich verhört zu haben, dann aber wiederholte er den Namen. 

„Maria!“ 

Er war es, sie hatte ihn gefunden, mitten im Krieg und das hier war kein Traum. Von draußen drangen Motorengeräusche zu ihnen und holten Sarah aus ihrer erneuten Starre. Frederik stürmte zum Fenster.

„Das sind US-Soldaten. Die gehören zu unserer Seite!“, rief er jubelnd. 

Die Rebellen stemmten sich gegen die Eingangstür, doch die Soldaten konnten sie dadurch nicht zurückhalten. Sarah würde nicht zulassen, dass Josh oder wie immer er in diesem Leben nun hieß, etwas zustoßen würde. Frederik rannte auf die Soldaten zu, zwei von ihnen brachten ihn sofort nach draußen. Josh sah Sarah an, nur für einen Augenblick, und sie wusste, er dachte das Gleiche wie sie. Mit einem Tritt öffnete er die Tür. 

„Stopp!“, schrie einer der Soldaten hinter ihnen. Sie wandten sich um. Sarah sah, dass der Amerikaner seine Waffe direkt auf Josh richtete. Langsam ließ dieser die Pistole aus den Händen gleiten. Der Soldat traute dem Frieden nicht und hielt die Waffe weiter auf ihn gerichtet, er war merklich kurz davor abzudrücken. Seine Kollegen brachten währenddessen die Rebellen in ihre Gewalt. Sarah musste handeln, sie zögerte keinen Moment länger und stellte sich vor Josh.

„No, no! He helped us!“, rief sie dem Soldaten zu. 

Verwirrt blickte er sie an und gerade als er etwas erwidern wollte, ergriff sie Josh`s Hand und floh mit ihm nach draußen. Während sie in Richtung eines kleinen Wäldchens rannten, hofften sie beide, dass dieses Leben ihnen eine zweite Chance für ihre Liebe schenken würde und sie dieses Mal heil davonkommen durften.

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Über die Autorin

Nadine Stenglein hatte schon in der Kindheit das Bedürfnis zu schreiben. Neben Fantasy schreibt sie auch sehr gerne Thriller, Krimis, Liebeskomödien, Liebesromane, Songtexte und Gedichte sowie Kurzgeschichten. 2015 veröffentlichte sie ihren Debütroman Aurora Sea bei Feelings (Droemer Knaur). Darauf folgten ihre Vampire Romance Rubinmond und ein Krimi mit dem Titel Doubt – Zu wahr, um schön zu sein.

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    Stenglein Nadine (Autor)

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Titel: Somalia Rain (Kurzgeschichte, Liebe)