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Somalia Rain (Kurzgeschichte, Liebe)

von Stenglein Nadine (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Sarah ist Journalistin und wird seit ihrer Kindheit in regelmäßigen Abständen von beunruhigenden, sich wiederholenden Träume verfolgt. Bei einer Rückführung erfährt sie, dass der junge Mann, der ihr in diesen Träumen das Leben rettet, ihre große Liebe aus einem früheren Leben in Somalia war. Wie es das Schicksal will, führt sie ihr nächster Job in dieses Land, in dem sie auch nach Spuren ihrer Vergangenheit aus jenem Leben suchen will. Wird sie fündig werden?

Impressum

booksnacks

Erstausgabe September 2017

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-266-5

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Um sie herum herrschte reges Treiben. Leute schrien durcheinander und der Abendhimmel über der Stadt färbte sich purpurrot, als würde er bluten. Sarah rannte eine Straße hinab. Ihr grüngelbes knöchellanges Kleid war zerrissen und sie trug nur noch einen Schuh, den anderen hatte sie irgendwo auf der Flucht verloren. Hier und da lagen zerfetzte Plakate einer Demonstration, an die sie sich nur noch dunkel erinnern konnte. Sie wusste nur, dass sie sich in Somalia befand, inmitten eines Bürgerkriegs. Schüsse hallten durch die Innenstadt, deren Name ihr genauso entfallen war, wie der des jungen Mannes, der ihr folgte. Alles was sie wollte war, dieser Hölle zusammen mit ihm zu entfliehen. Sie wandte sich nach ihm um, während ihr Herzschlag sich verdoppelte. 

„Nicht umdrehen, lauf weiter Maria!“, rief er ihr hektisch zu. Schweiß perlte von seiner Stirn, in die ihm ein paar seiner schwarzen Haarsträhnen fielen. Sie fragte sich, warum er sie `Maria` nannte.

Zeitgleich versuchte sie sich an seinen Namen zu erinnern, aber es war sinnlos, die Gedanken kamen an kein Ziel. Ihr Gefühl jedoch sprach eine klare Sprache, sie liebte ihn, bedingungslos.

Ein paar Meter weiter erhaschte sie eine enge Gasse. Vielleicht ist das die Rettung, schoss es ihr durch den Kopf. Ohne zu zögern steuerte sie darauf zu, da hörte sie den Schrei eines Kindes in unmittelbarer Nähe. Ihr Blick flog nach rechts. Auf einem Gehweg entdeckte sie eine junge Frau, die vor einer Mülltonne lag und sich krümmte. Ein dicklicher älterer Mann beugte sich über sie und begann ihren Körper mit einem Knüppel zu malträtieren. Nur ein paar Schritte entfernt stand ein kleiner schmächtiger Junge, der verzweifelt um Hilfe schrie. Der Mann stieß ihn zurück und setzte gleich darauf seine Folter an der wehrlosen Frau fort, die ihren Kopf mit den Händen zu schützen versuchte. Die Szene bohrte sich tief in Sarahs Seele und löste eine augenblickliche Entscheidung in ihrem Herzen aus. Sie musste handeln und warf ihren eigenen Rettungsplan über Bord. So schnell sie konnte eilte sie direkt auf den Mann, die Frau und das Kind zu. Hinter sich hörte sie die mahnenden Rufe ihres Begleiters. Doch es gab kein Zurück mehr. Die Hände zu Fäusten geballt stieß sie den weiterhin auf die Frau einprügelnden Mann so fest gegen den Brustkorb, dass dieser rückwärts torkelte. Sekunden später jedoch fing er sich wieder. Sein Gesicht verzog sich hasserfüllt und scannte Sarah, die der Frau zusammen mit dem Kind auf die Beine half.

„Lauft, schnell!“, rief sie den beiden zu. Beim Weitereilen berührte die Fremde dankend ihre Wange. Sarah schenkte ihr ein kurzes Lächeln, dann wurde sie von jemanden zu Boden gerissen. Zeitgleich hörte sie einen Schuss, der in ihren Ohren hallte wie ein dumpfer Donner. Sie blickte auf und sah, dass der Mann von vorhin die Flucht ergriff und der, der ihr gefolgt war, halbwegs über ihr lag. Blut durchdrang sein eierschalenfarbenes Hemd. Sarah spürte wie sich ihr Herz zusammenschnürte, sodass sie für einen Moment das Gefühl hatte, sie würde innerlich zerbersten. Sie wollte schreien, weinen, doch sie konnte nicht, sie fühlte sich wie gelähmt. 

In dem Moment schrak sie schweißgebadet aus ihrem Traum. 

Es war der 30. Juli. 

Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es erst 4.15 Uhr in der Nacht war. Verdattert setzte sie sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn. Um sie herum war es, bis auf das Ticken der Wanduhr über der Schlafzimmertür, still. Sie atmete tief ein und aus und ließ sich zurück aufs Bett sinken. Wie immer nach diesem Traum am Ende eines jeden Monats lag sie gedankenversunken bis zum Morgen wach. Erst als die ersten Sonnenstrahlen durch das Schlafzimmerfenster fielen, stand sie langsam auf und fühlte sich wie erschlagen. Sie hätte den jungen Mann nach seinem Namen fragen sollen. Aber es war wie bisher. Während sie träumte, war ihr dies nicht bewusst. Nur dieses Mal war sie um eine Information reicher geworden. Der junge Mann, der ihr so fremd und gleichzeitig doch so vertraut vorkam und von dem sie auch im Wachzustand gedanklich nicht loskam, hatte sie Maria genannt. Vielleicht hatte ihre beste Freundin Anna doch recht und sie sollte die Reise, zu der sie sie schon lange überreden wollte, wirklich antreten, dachte sie. Sarah ging noch einmal in sich und beschloss schließlich es zu wagen. 

 

Anna freute sich über alle Maßen über diese Entscheidung, die sie ihr bei ihrem nächsten Besuch mitteilte. „Du wirst sehen, es wird dir neue und vor allem wichtige Erkenntnisse liefern, ich hab das im Gefühl. Maria, das war vielleicht wirklich dein Name damals“, sagte sie bestimmt und hielt kurz inne.

„Nach was suchst du denn? Kann ich helfen?“, fragte Sarah und beobachtete, wie Anna in eine alte Holzkiste griff, die in einer Ecke ihrer Praxis stand. 

Anna war Psychologin und hatte für jede Lebenssituation einen Ratschlag und wohl auch …

„Eine CD … aha“, sagte Sarah ein wenig ernüchterd, als Anna ihr die blaue Hülle in die Hände drückte. 

Sarah betrachtete das Coverfoto, welches ein Tor vor wolkenlosen blauem Himmel zeigte, durch das gleißendes Licht fiel. Darüber stand in weißen Lettern „Reise in dein früheres Leben“.

„Du sagtest, du hättest keine Zeit mehr für einen Experten, der das kann.“ 

„Ja, leider. Der Flug geht schon übermorgen … Aber danke“, erwiderte Sarah. 

„Du hättest es schon eher haben können, ich habs dir schon tausend Mal gesagt. Aber nun auf die Schnelle hab ich nichts Besseres anzubieten. Und du weißt, ich selbst kann keine solche Sitzung durchführen. Folge einfach den Anweisungen des netten Herrn auf der CD. Bei mir hat es geklappt.“ 

Sarah nickte zwar, stand dem Ganzen aber nach wie vor skeptisch gegenüber.

„Ach ja, ich hätte es beinahe schon wieder vergessen“, sagte sie.

Anna zog die Stirn in Falten und fuhr sich mit den Fingern durch ihr kurzes blondes Haar. 

„Was vergessen?“

„Na, dass du in einem deiner früheren Leben angeblich eine Hexe warst. Nun, da klappt so magisches Zeugs wohl gut“, ergänzte Sarah und musste grinsen.

„Ja, mach dich nur lustig. Aber wer weiß, vielleicht fällt mir irgendwann ja wieder ein Zauberspruch von damals ein, dann hex ich dir erst mal das freche Grinsen weg.“

Sarah strich sich die roten Naturlocken hinter die Schultern und gab der gespielt schmollenden Anna einen Kuss auf die rechte sommersprossenübersäte Wange. 

„He, ich dank dir“, bemerkte sie ernster.

Kurz schlang Anna die Arme um sie. 

„Und es bleibt beim Abschiedsessen morgen Mittag?“, fragte sie. 

Sarah nickte und zeigte auf die CD.

„Ich sag dir dann, ob es was brachte, das heißt, wenn ich überhaupt wieder aufwache.“ 

Anna winkte ab und seufzte. 

„Du wirst mir noch mal auf Knien danken.“

 

Sarah entspannte sich mit einem Beruhigungstee, nachdem der erste Versuch der Reise misslang und war umso überraschter, nachdem der Zweite tatsächlich hielt, was die Kurzbeschreibung auf der CD-Hüllenrückseite und Anna versprachen. Tief entspannt flimmerten irgendwann Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Sie sah sich als kleines Mädchen, zusammen in einer großen, aber armen Familie. Wie Viele andere im Ort hausten sie bescheiden und waren dennoch zufrieden. Als sie Joshua begegnete, den sie liebevoll Josh nannte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie sah sein Gesicht mit den dunklen, glänzenden Augen, den vollen Lippen und der weichen braunen Haut genau vor sich, spürte die Schmetterlinge, wenn er sie sanft berührte, fühlte die Trauer nach seinem Tod. Zwei Jahre später kam sie durch eine Autobombe in der Nähe eines Hotels ums Leben. Sie sah sich von oben am Boden liegen, bevor sie starb, fühlte aber keinerlei Schmerzen. Einen Augenblick später wurde sie von der Stimme auf der CD langsam zurückgeholt. Es war anscheinend wahr, sie hatte schon einmal gelebt. Nachdem sie wieder im Hier und Jetzt angekommen war, überkam sie die Sehnsucht nach dem Mann aus ihren Träumen stärker denn je. Doch Sehnsucht, Trauer, gepaart mit einer unglaublichen Faszination, waren nicht die einzigen Emotionen, die sie durchwühlten. Sie konnte die Verabredung mit Anna kaum abwarten, und als es endlich soweit war, übergoss sie ihre Freundin regelrecht mit den Neuigkeiten, sodass diese vor Staunen fast darin ertrank.  

„Schon als Kind fühlte ich mich enorm zu Fotos von weiten Stränden, von bestimmten Ländern, Orten hingezogen. Im Nachhinein weiß ich nun, dass sie alle Somalia glichen, dem schönen, wie auch nicht so schönen Somalia“, erzählte sie Anna. 

Nachdenklich sah diese sie an und nickte schließlich langsam. 

„Nun weißt du warum.“ 

„Und ich weiß endlich seinen Namen, Josh. Er hat mir das Leben gerettet. Ich fühlte mich schuldig. Wenn ich nicht der Frau und dem Kind geholfen hätte, dann …“

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    Stenglein Nadine (Autor)

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