Lade Inhalt...

Funke des Erwachens (Fantasy, Liebe, Abenteuer)

von Saskia Louis (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nym wacht auf und weiß nicht, wer sie ist.
Sie kennt die Geschichte der zwei verfeindeten Länder, dem göttlichen Bistaye und dem gottlosen Asavez. Sie weiß, dass das Mädchen, das ihr das Leben gerettet hat, eine Wahrheitsleserin ist. Sie weiß, dass der Bruder des Mädchens ein notorischer Frauenheld, Offizier in der asavezischen Garde und ein Ikano der Luft ist. Doch sie hat keine Ahnung, wer sie umbringen will, warum sie eine so gute Kämpferin ist und wie ihr richtiger Name lautet. Und es gibt da anscheinend einiges, das sie lieber nicht hätte vergessen sollen … 

Du möchtest mehr über die neue Tetralogie Geheimnis der Götter von Saskia Louis erfahren? Du möchtest über Neuerscheinungen, Aktionen und Gewinnspiele rund um das Thema informiert werden? Außerdem würdest du gerne vor allen Anderen die E-Books aus der Reihe lesen?

Dann melde dich gleich für unseren Geheimnis der Götter-Newsletter an, um immer auf dem Laufenden zu bleiben!

Wir freuen uns auf dich!

Zum Newsletter

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Erstausgabe September 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-241-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-545-1

Coverillustrationen: Antonia Sanker
Covergestaltung: Antonia Sanker
Titeltypographie: Sarah Schemske
Kartenillustration: Antonia Sanker

Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

Prolog

Das grundlegende Gesetz der Bistaye

Die Götter sind das Gesetz.
Thaka waltet Gerechtigkeit.
Valera ist die Stimme der Vernunft.
Tergon steht für den Willen der Vergebung.
Api dürstet nach Vergeltung.
Auf dass das Gleichgewicht gehalten werden möge.

Der Tag, an dem ihr Herz stillstand, war ein warmer Tag.
Die Sonne schien. Die Strahlen spiegelten sich auf der Strömung des Appo, dem Fluss, der das Land der Bistaye und das Land der Asavez voneinander trennte. Es war windstill, und als sie auf das Gewässer hinunterblickte, konnte sie in der Ferne die Jeferabrücke sehen – die einzige Möglichkeit, den Fluss zu überqueren.

Sie hielt ihre Hände in den Taschen. Irgendetwas verhakte sich darin, als sie versuchte, sie herauszuziehen.

Sie war ungeduldig. Sie wartete auf jemanden, doch dieser Jemand verspätete sich. Das war untypisch. Jede Sekunde zählte, das wussten hier alle.

Sie sah das Ufer hinauf und wieder hinab. Die Unruhe verdrängte das Gefühl der Glückseligkeit, das sie in den letzten Tagen erfüllt hatte.

Das Gespräch von gerade stahl sich in ihre Gedanken und ihr Kiefer verhärtete sich.

Wo war er?

Kapitel 1

Erstes Gesetz der Bistaye

Die Welt der Bistaye und die Welt der Asavez, dem gottlosen Volk, müssen strikt voneinander getrennt werden. Wird ein Asavez ohne Genehmigung auf der bistayischen Seite des Appo aufgegriffen, ist dieser unverzüglich zu exekutieren. Jeder, der sich dieser Aufgabe verweigert, wird des Volksverrats schuldig gesprochen und ebenfalls exekutiert.

Sie schmeckte Staub. Sand vermischt mit Dreck, der ihre Lunge füllte. Sie wollte husten, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Die Luft fand weder einen Weg hinein noch hinaus. Etwas presste sich auf ihre Lippen. Es fühlte sich warm auf ihrer kalten Haut an. Sauerstoff wurde in ihre brennenden Lungenflügel gepresst, die sich immer wieder verkrampften und entspannten.

Einmal. Zweimal. Dreimal …

Sie riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Sie blickte direkt auf eine Faust, die drohte, auf ihre Brust niederzufahren, und noch bevor sie ihren ersten richtigen Atemzug nehmen konnte, schnellte ihre Hand in den Himmel und fischte sie gewaltsam aus der Luft. Sie hatte sie treffen wollen, oder nicht?

Sie hörte, wie jemand einen schockierten Kieks-Laut von sich gab, und im nächsten Moment saß sie in der Senkrechten und hielt auch die andere Faust des vermeintlichen Angreifers in ihrem eisernen Griff, ihre Beine um seine geschlungen. Den Gegner unschädlich machen und dann entscheiden, was zu tun war. So hatte sie es gelernt.

Nur … es waren kleine Hände. Schmale Beine.

Die Konturen, die sie durch ihre brennenden Augen sehen konnte, wurden nun schärfer, und das Erste, was sie erkannte, waren geweitete Pupillen, die von einer hellgrünen Iris umgeben waren. Sie saßen in einem herzförmigen, glatten Gesicht.

Es war ein Mädchen. Der Angreifer war ein Mädchen, das kaum zwölf sein konnte und dessen dunkelblondes Haar zu einem schiefen Zopf gebunden war.

„Tut mir leid, ich … was ist passiert?“

Abrupt ließ sie die Hände des Mädchens los und zog ihre Beine zurück. Sie fielen gegen etwas Hartes. Als sie nach unten blickte, bemerkte sie, dass sie auf einem großen, flachen Stein saß, durch den sich Risse der Verwitterung zogen.

Das Mädchen machte eine Grimasse und rieb sich seine Handgelenke.

„Du warst tot“, bemerkte es sachlich, und die Art und Weise, wie es dabei ernst ihr Kinn auf die Brust drückte, hatte etwas sehr Komisches und gleichzeitig Vertrautes an sich.

„Ich war … tot?“ Die Worte hörten sich fremd aus ihrem eigenen Mund an und jetzt hob sie den Blick. Sie saß auf einer Lichtung und musste die Augen gegen die hellen Strahlen der Sonne zusammenpressen, um etwas erkennen zu können. Sie konnte Vögel singen hören und in ihrem Rücken hob sich das Kreisgebirge vom Himmel ab. Kein Baumwipfel konnte die Steinmassen verbergen.

Sie wusste, wo sie war. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie den Appo rauschen hören, und der Stein, auf dem sie saß, war der Alte Altar der Asavez. Hier waren bis vor eintausend Jahren noch Ernteerträge für die vier Götter gesammelt worden. Doch das war bevor die Asavez den Göttern den Rücken gekehrt hatten und zum ‚gottlosen Volk‘ geworden waren.

Ja, sie kannte sogar die genauen Koordinaten des Ortes, an dem sie sich befand. Aber … sonst war da nichts. Ihr Kopf war leer.

„Du warst so richtig tot“, sagte das junge Mädchen und stemmte seine Arme in die Seiten. „Ich glaube, ich hab dir das Leben gerettet.“

Sie hörte der Kleinen nur mit halbem Ohr zu. Ihre Lungen brannten immer noch bei jedem Zug und sie fühlte sich, als hätte jemand seine Fingernägel in ihr Herz und ihr Hirn gegraben. Ihr Kopf war so schwer, dass sie fürchtete, er würde gleich nach hinten sacken und ihr vom Rumpf fallen.

„Was ist passiert?“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendwem, und ihre Fingernägel krallten sich in den kalten Stein.

Das junge Mädchen war aufgestanden. Es trug ein schlichtes grünes Kleid, das ihm locker um den Brustkorb fiel und bis zu seinen Knöcheln reichte. Ein kleiner, lederner Rucksack lag zu seiner Seite. Es legte den Kopf schief und seine Haare streiften den weißen Kragen seines Kleides. „Du bist beinahe gestorben“, wiederholte es. „Habe ich doch gesagt.“

„Aber … wieso?“ Ihr Blick huschte von der einen Seite der Lichtung zur anderen. Die Grashalme gingen dem jungen Mädchen bis über die Knöchel und waren an einigen Stellen braun und abgetreten, als würden sich hier öfter Leute hin verirren. Die Blumen blühten nicht mehr. Dafür war es schon zu spät in diesem Jahr. Sie suchte nach etwas. Nur nach was? Vielleicht nach Anzeichen von anderen Menschen? Feinden? Freunden? War sie alleine gewesen? Sie wusste es nicht mehr.

Das Mädchen zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Aber ich finde, du könntest danke sagen. Mein Bruder sagt immer, dass man mit Leuten, die nicht danke sagen, am besten nichts zu tun haben sollte.“

Obwohl ihr jede Bewegung Schmerzen bereitete, musste sie lächeln. „Danke. Tut mir leid. Ich bin nur …“ Doch sie wusste nicht, was sie nur war. Sie betastete ihre Arme und Rippen, um zu sehen, ob sie sich etwas gebrochen hatte, und besah sich ihre Kleidung. Sie trug ein weißes Leinenhemd mit einer Knopfreihe, die bis zu ihrem Bauchnabel reichte, und darunter eine rote, dreckverschmierte Stoffhose, die eng an ihren Beinen anlag.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, sie angezogen zu haben. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie so eine Hose überhaupt besaß. Sie wusste nicht einmal, wie ihr Schrank aussah.

„Liri!“

Eine Stimme hallte durch den Wald, und sie hatte einen gezackten Dolch von ihrem Gürtel gezogen, bevor ihr bewusst wurde, was sie da eigentlich tat.

„Aliri Voros, das kann unmöglich dein Ernst sein! Wo bist du?“

Das Mädchen sah stirnrunzelnd auf den Dolch und wandte sich dann in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. „Ich bin hier“, rief sie.

„,Hier‘ ist keine anerkannte Ortsangabe!“

Das blonde Mädchen kicherte und sah sein Gegenüber lächelnd an. „Das ist mein Bruder. Ich glaube nicht, dass du ihn umbringen musst.“

Ihre Hand umklammerte den Dolch fester. Das wollte sie lieber selbst entscheiden.

Ornament

Levis Herzschlag beruhigte sich, als er Liris Stimme hörte, dennoch beschleunigte er seinen Schritt. Bei den verdammten Göttern, er hätte schon vor Jahren eine Leine für sie besorgen sollen – ihm doch egal, ob das keine menschliche Art und Weise war, mit seiner Schwester umzugehen.

Aliri war wie ein Ball aus Gummi. Schon immer gewesen. Sie hüpfte in der Gegend herum und ehe man sich’s versah, steckte sie in irgendeinem Gebüsch fest oder war im Wasser verloren gegangen.

„Ich werde noch mal ein ernstes Gespräch mit ihr darüber führen müssen, was es bedeutet, einer Anweisung zu folgen! Wenn ich ihr sage, sie solle bleiben, wo sie ist, bedeutet das nicht, dass sie losrennen und sich verstecken soll! Wir müssen doch wohl die Möglichkeit haben, kurz pinkeln zu gehen, ohne dass wir sie danach jedes Mal suchen müssen“, knirschte er und schlug einen Ast aus dem Weg. Seine Füße sanken in die feuchte Erde unter ihm und er zog sie mit einem Schmatzgeräusch wieder heraus.

„Levi, du musst dich beruhigen.“ Ro, der keine zwei Schritte hinter ihm war, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Sie ist zwölf. Natürlich bleibt sie nicht dort, wo wir sie gelassen haben. Ich bin überrascht, dass du überrascht bist!“

„Weißt du, Ro, wenn ich deine Meinung hören wollte, dann hätte ich dich danach gefragt.“

„Ah, du willst immer meine Meinung hören! Du bist nur zu schüchtern, um mich darum zu bitten“, grinste sein bester Freund.

Levi schnaubte. Er und Ro waren seit über elf Jahren befreundet. Es war Ro gewesen, der ihn und Aliri gefunden und mitgenommen hatte. Er war es auch gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass er und seine Schwester ein Zimmer in Oyitis, Asavezʼ Hauptstadt, bekamen. Levi war damals zwölf gewesen, Liri gerade mal ein paar Monate alt, und er wusste sehr wohl, dass Ro, der kein Jahr älter war als er, ihm damals das Leben gerettet hatte.

Doch all das änderte nichts daran, dass Levis Faust sich ab und an nur zu gerne in Ros Kiefer verirrt hätte. Er war einfach der größte Dummschwätzer in ganz Asavez.

„Wir hätten sie nicht mitnehmen sollen“, murmelte er und schlug sich weiter durch das dichte Geäst der Bäume, die sie um einige Meter überragten. Ab und zu konnte er durch das spärlicher werdende Blätterdach die Spitzen der Kreisberge in der Ferne erkennen. Es war später Sommer und die Blätter hatten angefangen, sich orange zu verfärben. Das hier war der einzige Laubwald, der in Asavez existierte. Weiter den Fluss hinab gab es noch einige Nadelwälder, und Levi hatte gehört, dass es hinter den Kreisbergen auch Tropenwälder geben sollte. Allerdings wusste er nicht, ob das stimmte. Niemand ging in die Kreisberge, geschweige denn dahinter.

„Sei nicht albern. Hier draußen ist es kaum gefährlich. Wir sind nicht auf einem Schlachtzug, Levi! Wenn du so willst, sind wir Postboten! Was soll Liri schon passieren?“

Sie waren keine einfachen Postboten. Sie sollten Briefe der Allianzen abholen, und diese Briefe hätte jeder Bistaye nur allzu gerne in seinem Besitz! Levi bückte sich unter einem tiefhängenden Ast hinweg und sein Blick glitt dabei über seine Schultern und über den schweren Rucksack auf seinem Rücken zu seinem Freund. „Sie könnte von einem Feuerluchs gefressen werden.“

Ro lachte laut auf. „Es gibt keine Feuerluchse mehr! Die sind vor Jahrhunderten ausgestorben.“

„Sie könnte von einem Adler in sein Nest verschleppt werden.“

„Levi, du hast Wahnvorstellungen. Es gibt nichts Gefährliches hier draußen.“

„Sag mal, hast du in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht aufgepasst? Liri schafft es auch, sich während eines Picknicks in Gefahr zu bringen.“

Ro verdrehte die Augen. „Die Gabel hat sie kaum verletzt.“

„Sie hat in ihrem Fuß gesteckt!“

Ro machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist ewig her.“

Es war letztes Jahr gewesen.

„Sie ist reifer geworden.“

Mhm. Reife war genau das, was eine Zwölfjährige ausstrahlte.

„Liri“, schrie Levi erneut und er konnte sie in der Ferne kichern hören. „Wir warten immer noch auf eine Ortsangabe!“

„Beim Alten Altar!“, flötete sie fröhlich zurück. „Ich habe gerade jemandem das Leben gerettet! Jemandem, der fast tot war!“

Levi runzelte die Stirn und er und Ro tauschten einen Blick.

Sie hatte jemandem das Leben gerettet?

Bei den verdammten Göttern, bitte lass es ein Singvogel sein!

Levis Schritte wurden hastiger und Ro war ihm dicht auf den Fersen, als er die letzten paar Meter durch den Wald zurücklegte und auf die Lichtung brach, die ohnehin ihr Ziel gewesen war.

Es war kein Vogel.

Neben Liri stand ein Mädchen. Nein. Eine junge Frau. Levi hätte sie auf Anfang zwanzig geschätzt, konnte es aber schlecht sagen. Sie sahen alle irgendwie ähnlich aus in dem Alter.

Sie war hochgewachsen und jeder Zentimeter ihres Körpers zeugte davon, dass sie eine Kämpferin war. Die rote Hose, die sie trug, war mit Erde beschmiert, als wäre sie über den Waldboden geschleift worden, doch das weiße Hemd war fast völlig unbefleckt. Sie hatte langes, schwarzes Haar, das ihr in Wellen über die Schultern fiel und in dem mehrere Blätter und Äste steckten. Ihre dunkelblauen Augen waren wachsam und ihre Haltung mehr als nur angespannt.

Sie blickte von ihm zu Ro und wieder zurück, und Levi war überrascht, dass sie in keinster Weise ängstlich wirkte. Verwirrt, konfus, aber nicht ängstlich. Vielleicht wegen des Dolches in ihrer Hand, den sie mit der Selbstverständlichkeit einer Frau hielt, die eine solche Waffe nicht das erste Mal zog. Er war auf ihn und Ro gerichtet. Nicht auf seine Schwester.

Das war beruhigend, wenn auch nicht optimal. Aber sie sah nicht aus, als würde sie gleich auf sie losgehen. Eher, als wäre der Dolch eine Vorsichtsmaßnahme. Das konnte Levi durchaus nachvollziehen. Vorsicht war etwas, das man in diesen Zeiten nicht genug haben konnte.

„Liri …“, murmelte er und schüttelte leicht den Kopf, zu keinem Zeitpunkt das Mädchen aus den Augen verlierend. Er hatte früh gelernt, dass man sich nie auf das zahme Aussehen seiner Gegner verlassen konnte. „Wen hast du denn da von den Toten erweckt?“

Seine Schwester hatte ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt und wippte auf ihren Fußballen vor und zurück. So als wüsste sie, dass sie womöglich unüberlegt gehandelt hatte. „Ich weiß es nicht. Ich bin vorgelaufen und dann lag sie auf dem steinernen Altar und hat nicht geatmet – da habe ich sie wiederbelebt.“

Das hatte er also davon, dass er ihr beigebracht hatte, wie man einem Menschen das Herz massierte!

„Da hast du sie wiederbelebt …“, wiederholte er langsam ihre Worte, seine Arme vor dem Körper verschränkt. Die Schwarzhaarige sah vollkommen gesund aus. Nichts deutete darauf hin, dass sie vor ein paar Minuten einen Herzstillstand gehabt haben mochte.

„Hätte ich sie etwa sterben lassen sollen?“ Liri sah trotzig zu ihm auf. Als wären seine Worte ein Vorwurf gewesen.

„Natürlich nicht. Du hast alles richtig gemacht, Liri“, bemerkte Ro, der ebenfalls neugierig die Schwarzhaarige betrachtete und seinen Rucksack vom Rücken hatte gleiten lassen. Der Dolch in ihrer Hand schien ihn überhaupt nicht zu beunruhigen. Aber wieso auch? „Sie hat Hilfe gebraucht, du hast ihr geholfen. Levi hat dich gut erzogen.“

Mhm. Er hatte sie super erzogen. Liri war die gutgläubigste Person, die es gab. Aber warum sollte sie auch Schlechtes erwarten, wo sie doch wusste, wann jemand log.

Levis Blick wanderte von dem Hals des Mädchens, an dem deutlich eine Ader pochte, über ihre Brust, die sich kontrolliert hob und senkte, hinab zu ihrer Hand. Ihre Fingerknöchel hoben sich weiß vom Dolch ab.

„Hast du vor, uns damit anzugreifen?“, fragte er beiläufig und ließ die Fingerkuppen auf seinen Unterarm prasseln.

Der Blick des Mädchens traf seinen. Sie war vollkommen ruhig. „Ich hab mich noch nicht entschieden.“

Das war ihm nicht gut genug. „Lass mich dir die Entscheidung abnehmen.“ Er nahm eine Hand von seinem Arm und hob zwei Finger.

Er spürte das vertraute Gefühl der Leichtigkeit, das ihn durchfloss. Sein Blut, das plötzlich in die Gegenrichtung zu zirkulieren schien, und sein Kopf, der angenehm leer wurde. Er fühlte die kühle Luft um sich herum. Seine Freiheit.

Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er sehen, wie das Mädchen verwirrt die Stirn runzelte, als dachte es, dass er sie heranwinken wolle. Dann erfassten ihre Haare eine Windböe und im nächsten Moment strauchelte sie nach vorne. Er ließ den Wind nach ihrer Faust greifen und winkte ihn erneut zu sich heran.

Der Dolch wurde aus ihrer Hand gerissen, genau in dem Moment, als Levi seine ausstreckte. Das Messer drehte sich mehrmals um die eigene Achse und landete schließlich mit dem Schaft voran zwischen seinen Fingern. Es hatte einen schlichten Holzgriff und die Klinge war schon etwas angelaufen. Die Waffe hatte bessere Tage gesehen.

Liri, die für seinen Geschmack immer noch viel zu nah an der Schwarzhaarigen stand, seufzte laut. „Du machst ihr Angst, Levi! Sie ist gerade fast gestorben! Ist das nicht traumatisch genug?“

„Sie sieht nicht aus, als hätte sie Angst“, stellte Levi fest, nachdem er den Dolch an seinem Gürtel neben seinen eigenen Messern befestigt hatte.

Sie sah weder verängstigt noch wütend noch vorsichtig aus. Und das war es, was ihn beunruhigte. Mit Furcht und Angst konnte er umgehen. Mit Geduld und Kontrolle verhielt sich das anders. Denn sie zeugten von einem kämpferischen Selbstbewusstsein, das er bei seinen Feinden lieber nicht sah.

Er bildete sich meistens nichts auf seine Kraft ein.

Okay, nein, das stimmte nicht.

Er bildete sich sehr häufig etwas darauf ein. Er war einer der letzten existierenden Ikano – in Asavez und Bistaye zusammen konnte es nur noch etwa fünfzig, vielleicht sechzig von ihnen geben – und das beeindruckte und verängstigte diejenigen, die er traf, zu gleichen Teilen. Jeder kam ihm mit Ehrfurcht und Respekt entgegen – und das genoss er. Wenn auch vor allem deswegen, weil es seine Aufgaben so viel leichter machte.

Dieses Mädchen jedoch schien vollkommen unbeeindruckt. Sie war groß gewachsen und – keine Frage – durchtrainiert, aber dennoch überragte er sie um mindestens einen halben Kopf. Auch Ro hätte sie sicherlich alleine überwältigen können. Ganz abgesehen davon, dass auch er ein Ikano war.

Warum war sie so ruhig und gelassen, als wisse sie, dass von ihnen beiden keine Gefahr ausginge? Wenn er gerade beinahe gestorben wäre und ihm im nächsten Moment jemand mit der Hilfe des Windes den Dolch aus der Hand gezerrt hätte, dann hätte ihn das durchaus beunruhigt.

„Willst du uns vielleicht sagen, wer du bist?“, fragte Ro, der immer noch neben ihm stand und nicht minder fasziniert von dem Mädchen schien.

Die Schwarzhaarige ließ sich langsam gegen den steinernen Altar sinken, die Hand, in der der Dolch gelegen hatte, zu ihrem Mund führend, als müsse sie angestrengt über diese Frage nachdenken. Ihr Blick war auf den Waldboden gerichtet und sie sagte nichts.

Levi seufzte und machte ein paar Schritte weiter auf die Lichtung hinaus. Er hatte das Gefühl, dass dieses Mädchen die Situation nicht einfacher machen würde. Er berührte seine Schwester kurz an der Schulter – vielleicht um sicherzugehen, dass wirklich alles in Ordnung mit ihr war – und blieb dann keine zwei Meter von dem Mädchen entfernt stehen. Sie blinzelte mehrmals und wenn Levi sich nicht irrte, dann war es jetzt doch Angst, die er in ihren Zügen erkannte. „Okay, vielleicht sollte ich einfach damit anfangen, wer ich bin. Ich bin Levi …“

„Ich kenne dich“, unterbrach sie ihn, blickte auf und ließ ihre Hand sinken. „Du bist Levi Voros. Du bist ein Ikano der Luft. Du bist zweiter Offizier der Asavezischen Garde, obwohl du selbst Flüchtiger aus den bistayischen Mauern warst. Du hast über einhundert Bistaye getötet und über einhundert andere gerettet. Du bist arrogant, hältst dich für überlegen, schläfst mit mehr Frauen, als deine Gehirnzellen verkraften können, und denkst, dass deine Worte Gesetz sind … und ich glaube, ich mag dich nicht.“

Amüsiert hob Levi einen Mundwinkel. Was sagte man dazu? „Wirklich? Du magst mich nicht? Wäre bei deiner Beschreibung jetzt fast gar nicht rübergekommen.“

Ro grinste breit und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Ich finde sie sympathisch. Treffsichere Charakterbeschreibungen hat sie auf jeden Fall drauf.“

Liri kicherte und grinste ebenfalls zu Levi hoch, der angestrengt versuchte, sich daran zu erinnern, ob und wenn ja woher er dieses Mädchen kannte. Andererseits kannten sie sich vielleicht gar nicht. Sein Ruf eilte ihm voraus. Und bis auf die Sache mit den Frauen – er schlief wirklich nicht mit so unglaublich vielen; es kam schlichtweg darauf an, wie man die Maßstäbe setzte – wusste sie ziemlich gut Bescheid.

Dennoch fragte er: „Sind wir uns schon einmal begegnet?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

„Sicher?“, fragte Ro beiläufig. „Vielleicht hast du ja auch schon mit ihm geschlafen.“

Das Mädchen schnaubte verächtlich. „Das bezweifle ich stark.“

„Ich auch“, bemerkte Levi. Ein diebisches Lächeln stahl sich auf seine Züge. „Wenn du mit mir geschlafen hättest, würdest du dich daran erinnern.“

„Hallo! Ekelig!“

Sie ignorierten Liri und Ro streckte dem Mädchen seine Hand entgegen. „Hey, ich bin Rojan und ich verzichte auf eine Charakterbeschreibung von mir, falls du eine parat hast.“

Etwas unschlüssig besah sich die Schwarzhaarige die Hand, doch schließlich schüttelte sie sie. „Hallo.“

Mehr sagte sie nicht.

Okay, so langsam verlor Levi die Geduld. „So, da du jetzt weißt, wer wir sind – wie wäre es mit einem Namen von dir? Das wäre doch ein guter Anfang.“

„Ich …“ Das Mädchen runzelte die Stirn und fuhr mit ihrem Finger darüber, bevor Levi sie schlucken sah.

„Es ist nur ein Name!“

„Ja, nur … ich weiß ihn nicht.“

Kapitel 2

Zweites Gesetz der Bistaye

Ein Ikano – ein Mensch, der die Kraft der Luft, des Wassers, der Erde oder des Feuers besitzt – hat sich bei dem Herrn seiner Mauer zu registrieren und der göttlichen Garde beizutreten. Ihm wird eine besondere Stellung innerhalb der Familie und der Gesellschaft eingeräumt. Nachdem er der Garde für fünf Jahre gedient hat, steht es ihm frei, eine andere Beschäftigung zu wählen. Ikano auf Seiten der Asavez stellen eine Bedrohung dar. Auf jeden Kopf ist eine Belohnung in Höhe von 2000 Nomis ausgesetzt.

Sie hatte keine Angst verspürt, als sie die beiden jungen Männer aus dem Wald spazieren sah. Warum, wusste sie nicht. Ihr war nur eines klar gewesen: Sie waren keine Gefahr für sie.

Sie wusste, wer Levi war. Sie wusste, wer Rojan war. Sie wusste sogar, dass Aliri, das Mädchen, das offenbar ihr Leben gerettet hatte, nicht irgendein normales Mädchen war.

Sie wusste, wo sie war, und hundert Möglichkeiten taten sich in ihrem Kopf auf, wie sie aus dem Wald heraus zum Appo finden würde. Sie wusste, dass der Dolch, den Levi ihr abgenommen hatte, wertlos war, und dass es nicht der Dolch war, mit dem sie es sonst vorzog, zu kämpfen. Sie konnte bis auf den Quadratzentimeter genau sagen, wie groß der asavezische Laubwald war.

Ihr Kopf war mit lauter Informationen gefüllt.

Aber die wichtigsten suchte sie vergebens.

Sie wusste nicht, wie sie hieß. Sie wusste nicht, wer sie war und was sie normalerweise tat. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie sie hierhergekommen war und warum sie beinahe gestorben war. Sie wusste, was sie in einem Spiegel sehen würde, doch sie wusste nicht, wer ihre Eltern waren. Der einzige Erinnerungsfetzen war, dass sie am Appo gestanden und auf den Fluss hinausgeblickt hatte. Und danach oder davor? Nichts. Nur ein blankes, leeres Nichts.

Und das jagte ihr mehr Angst ein, als es jeder Soldat der Asavezischen Garde gekonnt hätte.

„Du weißt deinen Namen nicht?“ Liri machte große, dramatische Augen. „Aber … warum?“

„Das weiß ich nicht!“, antwortete sie gereizt. Sie hatte das vage Gefühl, dass sie diese Worte nicht oft in den Mund nahm, und das machte sie umso wütender. „Ich habe keine Ahnung, wer ich bin und was ich hier tue!“

Ro und Levi hatten die Arme verschränkt. „Also, ich weiß ja, dass ihr Frauen gerne mysteriös seid“, bemerkte Levi. „Aber vorzugeben, dass du nicht einmal deinen eigenen Namen kennst, geht etwas zu weit, findest du nicht?“

„Wenn ihr mir nicht glaubt, dann testet es doch selbst“, knirschte sie und streckte Liri auffordernd eine Hand entgegen.

Alle starrten sie mit offenen Mündern an.

Ungeduldig wedelte sie mit ihrer Hand vor Liris Gesicht herum. „Du bist doch eine Wahrheitsleserin, oder nicht?“

Das blonde Mädchen machte große Augen, und ihr Bruder sah nun mehr als gereizt aus. Er hatte die gleichen grünen Augen wie seine Schwester, dafür aber hellbraune anstatt dunkelblonde Haare, die ihm in die Stirn hingen. Er war Zweiter Offizier der Asavezischen Garde und das sah man ihm auch an. So, wie man auch auf den ersten Blick erkannte, dass Rojan ein Kämpfer war – auch ohne das Schwert, das an seinem ledernen Gürtel hing, hätte sie ihn als solchen erkannt. Seine Augen waren braun und seine kurzgeschorenen Haare glänzten rötlich. Er war ihr um einiges sympathischer als sein Freund, der sie nun feindlich betrachtete.

„Woher weißt du, dass Liri eine Wahrheitsleserin ist?“

Sie seufzte laut auf. „Ich weiß es einfach! Keine Ahnung, warum. Ich sehe euch an und weiß Dinge über euch, aber bei mir selbst … keine Ahnung!“

Plötzlich umfasste eine kalte Hand die ihre, die ungewöhnlich warm zu sein schien. „Okay. Sag das nochmal“, sagte Liri bestimmt.

Dankbar lächelte sie das junge Mädchen an. „Ich habe keine Ahnung, wer ich bin“, flüsterte sie. „Ich weiß nicht, wie ich heiße, wo ich herkomme und was passiert ist.“

Kurz kletterte Kälte ihren Arm hoch. Als würden die Finger einer Hand, die in Eiswasser gelegen hatte, ihren Arm hinauffahren. Dann war das Gefühl vorbei und Aliri nickte. Sie ließ die Hand los und wandte ihr Gesicht zu ihrem Bruder. „Es stimmt.“

Levi blinzelte. Einmal. Zweimal. Dann stöhnte er auf und legte sich eine Hand über die Augen. „Na klasse! Es war so klar. Natürlich kann es nicht ein einziges Mal einfach sein. Ich soll Post abholen und stattdessen gabeln wir ein identitätsloses Mädchen auf.“

„Ja, stimmt. Du bist derjenige, der leiden muss“, sagte sie trocken.

Sie konnte sehen, wie Ro sich nur mühsam ein Lächeln verkniff. „Es tut ihm leid. Er kann nicht anders. Er ist einfach manchmal ein Arsch.“

„Danke, Ro!“

„Gerne, Levi. Ich bin immer für dich da.“

„Schön“, sagte Levi und zog seine Hand von den Augen. „Aber es muss doch irgendetwas geben, das du weißt. Ich meine … du kannst doch nicht nur wissen, dass du mich nicht magst.“

„Ich …“ Ihr Herz flatterte, und verzweifelt versuchte sie, Erinnerungen einzufangen, die ziellos in ihrem Kopf hin und her flogen. Was wusste sie über sich selbst? „Ich … bin einundzwanzig. Einundzwanzig Jahre, drei Monate und elf Tage – und ich liebe Erdbeeren? Spargel mag ich überhaupt nicht. Der Appo ist an der breitesten Stelle 18,7523 Kilometer breit. Meine Lieblingsfarbe ist Violett.“

Ro lachte laut auf. „Hauptsache, das Wichtige weißt du noch. Beeindruckend, dass du auf den Tag genau weißt, wie alt du bist, aber nicht, wie du heißt.“

Total beeindruckend. Sie hätte sich einen Ast abfreuen können, wäre der Rest nicht so beschissen gewesen.

Levi schien überhaupt nicht zufrieden mit ihren Angaben. Da waren sie schon zu zweit. „Bist du eine Asavez?“

Sie starrte ihn an und kramte in ihrem Kopf nach weiteren Informationen, doch immer wieder schien sie gegen eine Wand zu stoßen. „Doch, ich glaube schon. Ich müsste eine Asavez sein …“

„Du müsstest eine sein?“

„Ich bin hier, oder nicht?“

„Du könntest auch eine Flüchtige aus den Mauern sein.“

Oh. Natürlich. Sie könnte aus den bistayischen Mauern geflüchtet sein. Viele Bistaye waren in den letzten Jahren von dort nach Asavez geflüchtet – aber ebenso viele waren bei ihrer Flucht der Göttlichen Garde zum Opfer gefallen.

Mhm. Aber nein. Nein. Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie weggelaufen war. „Ich glaube nicht, dass ich eine Flüchtige bin.“

„Siehst du Levi, sie ist auf unserer Seite“, sagte Liri zufrieden, und bevor ihr Bruder auch nur blinzeln konnte, hatte sie den Dolch wieder aus seinem Gürtel gezogen und ihn in die Hand der Schwarzhaarigen gelegt.

„Liri!“

„Es ist ihrer! Sie sollte ihn haben. Damit sie sich sicherer fühlt.“

Genau das war der Punkt. Sie fühlte sich sicher. Auch ohne den Dolch hatte sie sich sicher gefühlt.

„Außerdem sollten wir ihr einen Namen geben“, fuhr sie fröhlich fort.

Liri sah die wildfremde junge Frau an, als wäre sie ein Hundebaby, das sie unbedingt adoptieren wollte. Ihr Bruder schien Ähnliches zu denken.

„Liri, sie ist kein Tier. Du kannst ihr nicht einfach irgendeinen Namen geben.“

Das Mädchen schob ihre Unterlippe vor und reckte ihr Kinn. „Ich gebe ihr nicht irgendeinen Namen. Ich gebe ihr einen total durchdachten: Nym.“ Sie blickte lächelnd zu ihr auf. „Weißt du, als Kurzform für Anonym.“

Nym?

Sie hieß nicht Nym. Aber Nym war besser, als nichts.

„… mir gefällt Nym“, setzte auch Ro hinzu. „Es ist zumindest einfacher, als sie für den Rest der Reise liebevoll ‚die Identitätslose‘ zu nennen – nichts für ungut, Levi!“

Sie zuckte die Schultern. Sie brauchte einen Namen, bis sie wieder wusste, welcher ihr eigener war. „Ist okay, wenn ihr mich Nym nennt.“

„Moment!“ Levi hob eine Hand. „Wir nehmen sie mit?“

Liri verdrehte die Augen, als würde ihr Bruder mal wieder überhaupt nichts verstehen. Nym – doch, sie mochte den Namen, er gab ihr zumindest etwas Halt – hätte es Liri gerne gleichgetan. Sie würde ganz sicher nicht einfach hierbleiben. Was dachte sich Levi nur?

„Wir können sie doch nicht einfach hier zurücklassen, Levi!“, bestätigte nun auch Ro ihre Gedanken. „Sie braucht ganz offensichtlich Hilfe.“

Hilfe. Das Wort gefiel ihr nicht. Das Wort kitzelte in ihrem Ohr und ihr Gehörgang schien es sofort wieder ausspucken zu wollen.

„Ich brauche nicht viel Hilfe“, sagte sie deswegen langsam. „Ich weiß ja nicht, wo ihr hinwollt, aber gibt es in Oyitis nicht das Vermisstenregister?“ Irgendwer musste bemerkt haben, dass sie fehlte. Irgendwer, der ihr sagen konnte, wer sie war.

Der Braunhaarige hatte die Lippen aufeinandergepresst und starrte sie regungslos an.

Er traute ihr nicht. Das konnte Nym sehen. Aber das störte sie nicht weiter. Sie traute auch niemandem.

Liri war zu ihrem Bruder gegangen und hatte seine Hand genommen. Sie wirkte merkwürdig klein neben Levi. „Bitte! Wir wollen doch sowieso nach Oyitis zurück. Dahin können wir sie mitnehmen, und vielleicht kann ein Arzt ihr ja wieder ihre Erinnerung zurückgeben.“

Levi wirkte unschlüssig, und Nym war es schleierhaft, wie er sich immer noch wie das Opfer fühlen konnte. Sie war es, die kein Leben hatte!

„Du kommst mit, Nym“, sagte Ro bestimmt und lief um den Altar herum. „Levi hat sowieso kein Entscheidungsrecht. Ich bin der Ältere, ich entscheide. Und wir lassen hier keine Frauen in Not zurück, die irgendjemand offensichtlich tot sehen will.“ Er bückte sich hinter den Steintisch und Nym konnte dumpf hören, wie Geröll aneinander schleifte. Im nächsten Moment tauchte er wieder auf, in seiner Hand mehrere Rollen Pergament. Allesamt versiegelt und mit einer dünnen Schicht Erde überzogen. Hatten sie nicht gesagt, dass sie Post abholen wollten? Das musste diese Post sein.

Nym wagte nicht, zu fragen, um was für eine Post es sich handelte. Dann würde Levi sie womöglich doch noch nachts in den Appo werfen.

Ro ging die einzelnen Pergamente durch und runzelte die Stirn. „Die Nachricht aus Lyrisa fehlt.“ Erneut besah er sich Siegel für Siegel jedes einzelnen Pergaments, bevor er wieder den Kopf schüttelte. „Nein. Sie ist nicht dabei.“

„Vielleicht haben sie sie direkt nach Oyitis geschickt. Die Hauptstadt liegt näher dran als der Altar. Wir haben zumindest keine Zeit, noch zu warten.“ Levi sah in den Himmel, der sich stetig verdunkelte. „Wir sollten noch etwas Fußweg hinter uns bringen, bevor wir für die Nacht anhalten. Ich meine, offensichtlich laufen hier irgendwelche Leute herum, die junge Frauen töten … und jetzt, wo wir plötzlich zu viert sind, brauchen wir vielleicht länger als gedacht.“ Bei diesen Worten warf er Nym einen vielsagenden Blick zu.

Sie ignorierte ihn – einfach, weil der Vorwurf weder Hand noch Fuß hatte. Sie war wohl kaum langsamer als Liri, deren Beine ungefähr so lang waren wie Levis Ellenbogen. Nyms Kopf pochte immer noch und ihre Knie brannten ein wenig, aber sonst fühlte sie sich gut. Dennoch … Fußmarsch?

„Wieso seid ihr nicht auf Pferden hergekommen?“, fragte sie und befestigte den Dolch an ihrer Seite.

Levi verengte seine Augen. „Hast du schon einmal versucht, auf Pferden durch den asavezischen Wald zu reiten?“

„Ich …“

„Nein, lass mich raten: Du weißt es nicht.“

Nym verschränkte ihre Arme und presste die Lippen aufeinander. „Nach Oyitis sind es mindestens anderthalb Tagesmärsche.“

„Na, dann laufen wir doch besser direkt los.“

Er nahm die Pergamente von Rojan entgegen und verstaute sie in seinem Rucksack.

Nym sah sich währenddessen auf der Lichtung um. Hatte sie etwas bei sich gehabt? Sie betastete ihre Hosentaschen, doch sie waren leer. Sie hatte nichts außer dem Dolch und ihrer Kleidung. Aber warum hatte ihr niemand den Dolch abgenommen? Es war doch dumm von einem Angreifer, ihr alles abzunehmen, außer ihrer Waffe.

Aber es war nicht ihre Waffe, oder? Der Dolch … der gehörte nicht ihr. Sie hätte so eine schlampige Handwerkskunst nie akzeptiert. Die Klinge war nicht einmal vernünftig ins Holz eingelassen worden.

Ihr wurde schwindelig. Es war merkwürdig, manche Dinge so genau zu wissen und von anderen keine Ahnung zu haben.

Sie wusste, dass sie eigentlich immer einen anderen Dolch bei sich trug – aber sie hätte beim besten Willen nicht sagen können, was das für einer gewesen war.

Eine Hand umschloss plötzlich ihre und verwirrt blinzelnd sah Nym an ihrem Arm hinab.

„Ich wette, wenn ich ihn darum bitte, passt Levi auch auf dich auf. Du musst jetzt also keine Angst mehr haben. Er ist gut darin. Er passt schon mein ganzes Leben lang auf mich auf. Und das wird immer schwieriger, weil ich, glaube ich, bald in die Pubertät komme.“

Nym musste lächeln und drückte die Hand des Mädchens kurz. „Ich habe keine Angst. Und ich glaube, dein Bruder kann sich witzigere Sachen vorstellen, als auf mich aufzupassen.“

„Wahre Worte“, bemerkte dieser prompt, bevor er seinen Rucksack schulterte. „Und Liri, hör auf, Süßholz mit Leuten zu raspeln, die du nicht kennst.“

Liri verdrehte die Augen und nahm ihren eigenen, weitaus kleineren Rucksack in die Hände. „Ich kenne sie besser als du. Mein Mund war auf ihren gepresst, Levi! Ich glaube, wir könnten jetzt schon sagen, dass wir Freunde sind.“

Levi stöhnte laut auf, sagte aber nichts mehr. Nym musste grinsen. Ja, es war wahrscheinlich wirklich nicht einfach, auf Liri aufzupassen.

 

Sie liefen nacheinander zurück in den Wald, in die Richtung, aus der Nym Levi und Rojan hatte kommen sehen. Richtung Südwesten, Richtung Jeferabrücke und Oyitis.

Vielleicht hätte sie die Hauptstadt auch alleine gefunden, schoss es Nym durch den Kopf. Irgendetwas sagte ihr, dass sie den Weg kannte.

Levi lief voran, während Liri und Nym zwischen ihm und Rojan, der das Schlusslicht bildete, eingekesselt waren. Liri redete ununterbrochen, doch so sehr Nym sich auch Mühe gab, ihr zuzuhören – jeder Schritt, den sie tat, lenkte sie ab.

Bei jedem Baum, den sie sah, und jeder Biegung, die sie nahmen, suchte sie nach neuen Erinnerungen. Nach Gesichtern und Namen. Nach irgendetwas, das ihr half, sich nicht so verloren zu fühlen.

Was war passiert? Wer wollte sie tot sehen und warum hatte der- oder diejenige es nicht zu Ende gebracht?

Sie faltete ihre Hände zusammen und sah an ihren nackten Armen hinab. Eine dünne Narbe zog sich auf der Oberseite ihres linken Unterarms bis zur Mitte ihres Mittelfingers.

Sie wusste nicht, woher sie kam. Angst vermischte sich mit Frustration und dem Gefühl von Kontrollverlust. Was brachte es ihr, zu wissen, wie breit der Appo war, wenn sie nicht wusste, woher diese Narbe kam?

„Liri, ich möchte deine Gefühle nicht verletzten, aber niemanden interessiert es, wie viele Schmetterlingsarten du auseinanderhalten kannst“, riss Rojan Nym aus ihren Gedanken.

„Aber wusstet ihr, dass die Flügel der Schmetterlinge aus kleinen Farbschuppen bestehen? Eigentlich sind sie also Echsen!“ Ihre Augen waren vor Begeisterung weit aufgerissen und als sie sich zu Nym umwandte, als erwarte sie Bestätigung dafür, dass das tatsächlich ein unglaublicher Fakt war, musste Nym ehrlich lächeln. Liri erinnerte sie an jemanden.

„Das ist tatsächlich unglaublich“, bestätigte sie ihr. „Und wusstest du, dass es in Asavez die einzige noch lebende Schmetterlingsart gibt, die höher fliegen kann, als das Kreisgebirge hoch ist?“

„Wirklich?“ Liri war stehen geblieben, ihr Rucksack hing an einem Riemen von ihrem Rücken. „Was für ein Schmetterling ist das?“

„Der Sifunas. Das ist Altasavezisch für ‚Wirbelwind‘. Er kann nicht nur unglaublich hoch fliegen, sein Flügelschlag und der Nektar, den er sammelt, sollen auch heilende Kräfte haben.“

„Wow. Ich wünschte, ich könnte ihn mal sehen …“

„Nun, ihn gibt es nur noch am Fuße des Kreisgebirges und auf dem Gebirge selbst und …“

Levi räusperte sich lautstark. Auch er war stehengeblieben, die Arme vor der Brust verschränkt und Nym mit einer gehobenen Augenbraue taxierend. „Nicht, dass ich nicht dankbar für die kurze Biologieeinlage wäre, aber die Sonne geht in einer Stunde unter und ich würde mich freuen, wenn Nym vielleicht etwas mehr darüber nachdenken könnte, wer sie ist, anstatt Unsinn aus ihrem Gehirn zu filtern, der von ihrem Gedächtnisschwund ganz offensichtlich nicht betroffen ist.“

„Das ist kein Unsinn!“, verteidigte Liri Nym sofort. „Du bist nur beleidigt, weil Nym mehr weiß als du – obwohl sie keine Ahnung hat, wer sie ist.“

Nym konnte Ro hinter sich leise prusten hören und Levi hatte jetzt auch die andere Augenbraue gehoben. „Ja. Du hast recht. Ich bin furchtbar neidisch auf dieses unglaublich wertvolle Schmetterlingswissen. Wenn wir zu Hause sind, werde ich mich in die Stille Ecke stellen und ernsthaft darüber nachdenken, was ich alles in meiner Bildung verpasst habe – bis dahin gehen wir weiter!“

Damit war die Diskussion für Levi beendet und er wandte sich wieder um, um den Weg fortzusetzen. Liri streckte ihm die Zunge raus, und Nym war sich ziemlich sicher, dass ihr Bruder das sehr genau wusste.

Sie betrachtete den Hinterkopf des Anführers der Karawane und dachte sich, dass es doch merkwürdig war, dass sie über ihn so viel mehr wusste, als über die anderen. Mehr als über Rojan oder Aliri und, nicht zu vergessen, über sich selbst.

Sie wusste, wann er Geburtstag hatte und dass er es zwar vorzog, mit seiner Ikanokraft zu kämpfen, aber dennoch ein begabter Schwertkämpfer war. Sie wusste, mit wie vielen Jahren er aus den bistayischen Mauern geflüchtet war und wie er seitdem auf Seiten der Asavez Flüchtigen half, dasselbe zu tun.

Aber sie wusste nicht, warum er geflohen war. Und warum er seine Schwester, nicht aber seine Eltern mitgenommen hatte. Wieso war er zum Gottlosen geworden?

Und wie hatte er es geschafft, der Göttlichen Garde zu entkommen?

So ganz ohne Hilfe. Niemand entkam der Göttlichen Garde ohne Hilfe von außen.

„Du wirkst nachdenklich, Nym.“

„Mhm?“ Sie warf einen Blick über ihre Schulter. Sie kam sich nackt vor im Vergleich zu den schwerbepackten Jungs. „Wärst du nicht nachdenklich, wenn du in meiner Position wärst?“

„Oh, ich bin auch von meiner Position aus sehr nachdenklich“, grinste Ro. „Man findet nicht alle Tage eine scheinbar tote Frau auf dem Alten Altar, die nicht weiß, wer sie ist oder was sie hier tut. Du bist das Aufregendste, was uns in einer langen Zeit passiert bist.“

„Schön, dass ich euch eine Freude bereiten konnte.“ Sie sagte es sarkastisch, doch sie lächelte dabei. Sie war auf einmal unheimlich froh, dass sie nicht alleine war.

Sie liefen noch eine halbe Stunde weiter, bis sie auf einem relativ freigelegenen Stück Wald anhielten. Es würde bald dunkel werden und es machte keinen Sinn, weiterzulaufen, wenn sie die Hand vor Augen nicht sehen konnten.

Rojan und Levi waren gut vorbereitet, bemerkte Nym. Sie hatten zusammenrollbare Bambusmatten und Decken aus Leinen mitgebracht und genug Essen und zu trinken für zwei weitere Tage. Allerdings natürlich nur für drei Leute.

„Du kannst auf meiner Matte schlafen“, bot Liri sofort an. „Ich bin klein und zäh und ich hab keine Angst vor Insekten. Mir macht der Boden nichts.“

„Das könnte ich unmöglich annehmen“, erwiderte Nym sofort. „Ihr gebt mir schon von eurem Essen ab. Die Erde reicht mir. Sie ist weicher, als der steinerne Altar.“

Liri wollte schon widersprechen, als Levi ihre schmalen Schultern von hinten umfasste und Nym ansah.

Seine Augen waren so grün wie das Moos zu Nyms Füßen und so undurchdringlich wie die Kreisberge. „Du schläfst auf meiner Matte … und außerdem möchte ich, dass du an meiner Seite schläfst.“

„Weil du mir nicht traust.“ Es war eine Feststellung.

„Ja, weil ich dir nicht traue. Und weil jemand dich umbringen will.“

„Du bist ein Ikano der Asavez. Ich wette, dich wollen auch eine Menge Leute umbringen.“

Er grinste. „Ja, aber ich habe gelernt, mit der Last zu leben. Für dich ist das Ganze noch neu. Oder vielleicht ist es das nicht. Aber du kannst dich zumindest nicht mehr daran erinnern.“

„Wie ritterlich von dir“, schnaubte sie, nahm jedoch die Matte aus seinem Rucksack, bevor er noch etwas erwidern konnte.

Von Liri konnte sie die Matte nicht nehmen – von Levi sehr wohl. Irgendetwas sagte ihr, dass er es verdient hatte, ab und zu auf einem dreckigen, harten Boden zu schlafen. Obwohl die Bambusmatten auch nicht gerade weich wie Federn waren. Aber Federbetten konnte sich fast niemand leisten. Es war zu kostspielig, sie zu produzieren … und dennoch hatte Nym das Gefühl, dass sie wusste, wie es sich anfühlte, in einem zu schlafen.

„Nym, reichst du mir mal die Feuersteine aus Levis Rucksack? Es wird heute Nacht ziemlich kalt werden.“

Nym nickte Ro zu und bückte sich, um ungeniert in Levis Sachen zu stöbern. Er hatte leider überhaupt nichts Interessantes dabei. Einige Äpfel und Brot, einen metallenen Wasserbehälter, ein kleines Messer, das nicht einmal eine Ratte hätte erstechen können, die Pergamentrollen, eine alte, hölzerne Mundharmonika …

„Die Steine sind in der Außentasche …“, flüsterte eine leise Stimme neben ihrem Ohr.

Nym schrak zusammen und wäre beinahe rückwärts auf die Erde gefallen. „Oh, das wusste ich nicht.“

„Mhm.“ Levi klang nicht überzeugt und nahm die Steine selber aus der rechten Seitentasche.

Nym spürte, wie ihre Wangen rosa anliefen. Egal. Es gab wichtigere Dinge. Sie rollte die Matte aus und ließ sich im Schneidersitz vor den trockenen Ästen nieder, die Ro aufgeschichtet hatte und über die Levi sich jetzt beugte. Innerhalb von wenigen Minuten hatte er ein Feuer entfacht, und augenblicklich überkam Nym eine merkwürdige Ruhe. Sie sah in die Flammen, und das Knistern der brennenden Äste war wie eine Hand, die ihr behutsam über den Rücken streichelte.

Sie musste keine Angst haben. Wenn es etwas gab, dessen sie sich sicher war, dann dass sie auf sich selbst aufpassen konnte.

Also, abgesehen davon, dass jemand sie heute beinahe umgebracht hätte und ihr irgendwie die Erinnerung genommen hatte.

Sie legte ihre Finger auf die Knie und atmete konzentriert die verbrannte Luft ein. Vielleicht würde sie sich morgen ja schon wieder an ihr Leben erinnern können.

Liri hatte sich ihr gegenüber gesetzt und die Hände zum Feuer gestreckt. Levi beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte etwas in ihr Ohr, das sie zum Kichern brachte. Schließlich küsste er sie auf den Schopf und ließ sich zwischen Nym und seiner Schwester nieder. Ro stocherte von der anderen Seite mit einem langen Ast in der Glut herum. Er hatte das Schwert vor seinen Füßen abgelegt und seine freie Hand zog abwesend Kreise in die Erde.

„Wir sollten das Feuer nicht zu lange brennen lassen, Levi. Vielleicht sind diejenigen, die Nym töten wollten, noch irgendwo in der Nähe. Eigentlich fordern wir es hiermit schon heraus.“

Levi nickte. „Das habe ich mir auch schon gedacht.“

Liri zog ihre Arme enger um sich. „Aber es ist so kalt. Die denken bestimmt, dass Nym tot ist, und sind schon längst weg. Das fühle ich.“

Ro lächelte. „Auf dein Gefühl können wir uns nur leider nicht immer verlassen, Liri.“

„Leg dich schon mal schlafen. Wir machen das Feuer erst aus, wenn du schon schläfst“, versprach Levi. „Und wenn dir zu kalt wird, kommst du einfach zu mir unter die Decke.“

Liri nickte und Nym warf Levi aus den Augenwinkeln einen Blick zu.

Ja, sie mochte ihn nicht. Aber hassen konnte sie ihn auch nicht.

Sie zog die Knie an und legte ihr Kinn darauf. Sie war müde. Ihre Glieder schmerzten, ihre Schläfe pochte und ihr Herz und ihre Lungen schienen sich unregelmäßig zusammenzuziehen. Doch ihr Kopf … ihr Kopf war hellwach. Sie zog den Dolch vom Gürtel und hielt ihn locker in der rechten Hand.

Der Dolch, der mit Sicherheit nicht ihr gehörte.

„Du solltest auch schlafen, Nym“, murmelte Ro neben ihr. „Vielleicht braucht dein Kopf nur etwas Ruhe, damit er sich erinnern kann.“

Sie nickte, doch glauben konnte sie das nicht. Ihr Kopf … er fühlte sich an, als hätte jemand mehrere Leitungen gekappt. Die Leitungen, die zu ihrem Ich führten, während alle anderen, die zu ihrem Wissen über die Natur oder die anderen führten, noch vollkommen intakt waren.

Das konnte kein Zufall sein, oder doch?

Trotzdem ließ sie sich zur Seite sinken, ihre dolchlose Hand unter ihren Kopf schiebend. Heute konnte sie nichts mehr tun, um ihre Erinnerungen wiederzubekommen. Morgen würden sie nach Oyitis reisen und vielleicht konnte ihr dort jemand helfen.

Sie schloss die Augen und konnte vor ihren dunklen Lidern noch immer die Flammen tanzen sehen.

Kapitel 3

Drittes Gesetz der Bistaye

Das Herz Bistayes ist in sieben Mauern unterteilt – die bistayischen Mauern. Innerhalb der ersten Mauer leben die Götter, in der letzten die Bettler. Jeder Bürger Bistayes ist einer Mauer zugeordnet und ihren Gesetzen unterstellt. Ein Wechsel in eine höhere Mauer ist mit dem zugeteilten Oberhaupt zu verhandeln. Besondere Verdienste für das Land werden hierbei berücksichtigt.

Auf der anderen Seite des Appo, nahe der Hafenstadt Amrie, eine der wenigen Städte, die sich nicht innerhalb der Mauern befand, sah ein junger Soldat der Göttlichen Garde der Sonne dabei zu, wie sie sich auf der Strömung spiegelte, orange färbte und dann vom Wasser mitgerissen zu werden schien. Schweiß tropfte unter dem goldenen Helm hervor, der sein Gesicht zur Hälfte verbarg, und schließlich zog er ihn sich vom Kopf.

„Fühlst dich heute wagemutig, was?“, lachte eine Stimme hinter ihm und er drehte sich um. Eine rothaarige Frau kam auf ihn zu. Ihre obere Gesichtshälfte war unter dem Gold verborgen, das er sich gerade vom Kopf genommen hatte, während ihre Haare ihr ums Kinn gedrückt wurden. „Wir dürfen den Helm erst abnehmen, wenn wir wieder in der Dritten Mauer sind, das weißt du doch. Wenn Api das sehen könnte …“ Sie schnalzte gespielt missbilligend mit der Zunge.

„Api hat andere Schwierigkeiten, als mich an unsere Regeln zu erinnern.“

„Na ja, er ist immerhin der Gott der Vergeltung … das sollte dir doch zumindest etwas Angst einjagen.“

„Es ist ein Titel. Api hat seit Jahrhunderten keine Vergeltung mehr ausgeübt.“

„Vielleicht fängt er ja jetzt wieder damit an …“

Der Soldat seufzte schwer und wischte sich mit der rechten Hand den Schweiß vom Nacken. „Was willst du, Esya? Ich hatte einen anstrengenden Tag und wollte die letzten Sonnenstrahlen in Ruhe genießen, bevor ich noch drei Ikanojäger dazu autorisieren muss, die Jefera zu überqueren, also …?“

Esya hatte ihre Augen hinter dem Helm zusammengekniffen und ihre braune Iris war nun fast nicht mehr zu erkennen. „Anstrengender Tag, soso. Ich hab genau gesehen, aus was dein anstrengender Tag bestand. Keine ritterliche Aufgabe, die du da übernommen hast, Jeki. Aber du solltest dich glücklich schätzen. Es ist eine Ehre, dass Api dich ausgewählt hat.“

Es war alles andere als eine Ehre und das wusste sie auch. Ihm war klar, warum er die Aufgabe hatte übernehmen müssen, trotzdem … nun ja. Die Götter zweifelte man nicht an. Dennoch wunderte er sich, dass Esya Bescheid wusste.

Er wandte der Frau wieder den Rücken zu und sah auf den Fluss. Die Überreste der Sonne wurden nun violett von der Wasseroberfläche reflektiert, bevor sie an der Horizontlinie zur Gänze im Wasser verschwanden. Es wurde Zeit.

Er hob den Helm über den Kopf und schob ihn an seine angedachte Stelle zurück. „Nett, mit dir zu reden, Esya, aber ich muss jetzt los. Die Ikanojäger warten auf mich.“

Esya stand breitbeinig da. Die hauchdünne goldene Uniform, die aus so unendlich vielen und so feinen metallischen Schuppen bestand, dass sie fürs menschliche Auge nicht sichtbar waren, schmiegte sich perfekt an ihre schmale Figur. Sie war hübsch. Das musste er ihr lassen. Auch, wenn sie so ein unzufriedenes Gesicht zog wie jetzt.

„Warum wirst du für Kleinigkeiten wie die Autorisierung von Ikanojägern rekrutiert?“, wollte sie wissen. „Du hast doch deine Lakaien dafür.“

Jeki schob die Hände in die Taschen seiner Uniform. Sie klebten von dem Schweiß, den er vor mehreren Stunden dort abgewischt hatte. „Meine Aufgabe ist noch nicht ganz beendet, Esya. Ich möchte nicht, dass ein Fehler gemacht wird – und irgendwer muss den Jägern doch sagen, wo die Ikano zu finden sind, oder etwa nicht?“

Die Rothaarige öffnete den Mund, doch Jeki wartete nicht auf eine Antwort. Er ließ sie stehen und lief das hölzerne Dock hinunter, schritt einen sandigen Weg hinab, an dessen Ende er sich nach links wandte und die hohe, sandfarbene Mauer entlangging. Die einzelnen Steine lagen schon so lange aufeinander, dass man sie fast nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Die Mauer reichte hoch in den Himmel, doch hier war sie höchstens fünf Meter hoch, niedrig im Vergleich zum Rest. Je näher man in den inneren Kreis vordrang, desto höher wurden die Mauern. Die Erste Mauer, die den Palast der Götter von den Adelshäusern abgrenzte, schien kein Ende mehr zu nehmen.

Jeki ließ die Segelboote der Händler, die Stoffe, Nahrung und Metalle für die inneren Mauern brachten, in seinem Rücken und seine Lederstiefel versanken in dem Gemisch aus Sand und Lehm, das den Boden ausmachte. Es dauerte eine Weile, bis er in Stein überging und Jeki auf einem Pflasterweg weiterlaufen konnte.

Die sieben Mauern von Bistaye besaßen fünf Eingänge. Einen in jeder Himmelsrichtung und einen in Amrie. Aber nur der östliche übersprang die äußeren drei Stadtteile, in denen die Bettler, Bauern und Handwerker lebten, und führte direkt zur Vierten und Dritten Mauer, der Heimat der Kaufleute und der Göttlichen Garde. Der östliche Eingang war auch derjenige, der der Jeferabrücke am nächsten lag. Dort warteten die Männer, die sich als Ikanojäger autorisieren lassen wollten. Sie brauchten die Erlaubnis, nach Asavez vordringen und ihr Glück dabei versuchen zu dürfen, den Göttern den Kopf eines Ikanos zu bringen.

Die meisten Jäger, die zurückkamen, brachten jedoch keine Ikanoköpfe. Sie brachten die Häupter namenloser Asavez und prahlten damit, dass sie nicht registrierte Ikano seien. Thaka selbst, der Gott der Gerechtigkeit und inoffizieller Schutzbefohlener der Ikano der Bistaye, testete die nach Bistaye gebrachten Leichen.

Jeki wusste nicht wie, doch die vier Götter konnten einen Ikano anhand einer Berührung erkennen. Vielleicht, weil sie selbst alle vier Elemente in sich vereint hatten.

Er entfernte sich nun noch etwas weiter vom Fluss und konnte aus der Ferne bereits die drei jungen Männer erkennen, von denen Api ihm erzählt hatte. Sie standen etwas abseits vom Tor, das zu so einer späten Zeit nur noch mit Sondergenehmigung geöffnet werden durfte, und lachten über irgendetwas. Jeki interessierte nicht, was so lustig war. Ihn interessierte lediglich, ob sie für die Aufgabe, die Api ihm gegeben hatte, angemessen waren.

Er beschleunigte seinen Schritt und musterte sie der Reihe nach.

Als Soldat der Göttlichen Garde war Jeki bereits in jeder der sieben Mauern gewesen – abgesehen natürlich von der ersten. Er kannte die Verwahrlosung der letzten und den architektonischen Übermut der zweiten. Er wusste, wie die Leute aus den äußeren Ringen tickten, und genauso wusste er, wie sich die Adelssöhne und Töchter zu Tode langweilten. Wenn man nicht um sein Leben und seine nächste Mahlzeit bangen musste, hatte man jede Menge Zeit.

Diese jungen Männer gehörten definitiv zur letzteren Sorte. Sie trugen teure, maßgeschneiderte Lederhosen, die an den Vorderseiten der Oberschenkel gehärtet worden waren, sodass sie vor Messern und anderen leichten Waffen schützten, und dunkelgrüne Wamse aus einem Stoff, den Jeki nicht einmal aussprechen konnte. Die Verarbeitung der Kleidung und ihre selbstsicheren Gesichter sprachen für sich.

Diese Männer brauchten kein Ansehen. Sie wollten nicht in eine höhere Mauer versetzt werden. Sie brauchten eine Freizeitbeschäftigung, die ihnen den nötigen Adrenalinkick gab. Sie wollten in das verbotene Land der Asavez und vielleicht noch ein wenig Ruhm für ihre Familie dazugewinnen. Gute Kämpfer waren die Söhne der Zweiten Mauer allesamt, sie waren also keineswegs unvorbereitet.

Jeki lächelte leicht. Jetzt machte er sich keine Sorgen mehr darum, dass diese drei die Aufgabe erledigen würden. Nein. Api hatte gut gewählt. Sie würden ihn sicherlich nicht enttäuschen.

„Seid ihr die Ikanojäger?“, fragte Jeki, obwohl er die Antwort bereits kannte.

Ehrfürchtig, trotz des nicht vorhandenen Altersunterschieds, sahen sie ihn an. Dann nickten sie reihum.

„Gut. Ich hoffe, allen ist bewusst, was für eine einmalige Chance das für euch ist? Dass ihr einen sicheren Tipp bekommt und die Ikano nicht noch erst suchen müsst? Api hat euch persönlich ausgesucht und ihr wisst, wie die Götter Enttäuschungen gegenüberstehen.“

Wieder nickten alle. Das Augenlid des kleinsten Mannes fing an zu zucken, doch Jeki ignorierte es. Er zog stattdessen das Pergament aus seinem Wams, den er über der metallenen Uniform trug. Es würde ihnen Zugang auf die Jeferabrücke gewähren. „Gut. Es sind zwei Ikano. Einer der Luft und einer des Wassers. Sie haben ein kleines Mädchen bei sich, aber das dürfte euch nicht weiter kümmern. Sie befinden sich südwestlich des Alten Altars der Asavez. Sie müssten sich noch immer im Wald befinden. Sie sind gute Kämpfer, aber nicht unbesiegbar. Verstanden?“

Alle nickten, wieder ohne ein Wort zu sagen. Jeki hatte sich schon vor langer Zeit daran gewöhnt, dass viele Angst hatten, auch nur ein falsches Wort zu einem Mitglied der Göttlichen Garde zu sagen. Blödsinn, seiner Meinung nach. Sie handelten auf Befehl und waren keineswegs blutrünstig. Zumindest die meisten nicht. Aber er gehörte ja selbst dazu – also, was wusste er schon?

„Schön. Dann beeilt euch lieber, bevor ihr gar kein Licht mehr habt. Viel Glück.“

Er reichte dem Mittleren das Pergament und hastig machten sie sich auf den Weg zur Brücke.

Jeki sah ihnen nach, bis die Dunkelheit sie verschluckt hatte.

Ja, Api hatte wirklich gut gewählt.

Dennoch war sein Herz heute schwerer als sonst. In den letzten Tagen war viel passiert und manchmal … manchmal fragte er sich, ob die Götter noch zwischen richtig und falsch oder nur noch zwischen Gewinnen und Verlieren unterschieden.

Ornament

Nym war in einem Zimmer. Es war klein und eng und die Wände waren weiß. Bilder von Laubbäumen hingen daran, und obwohl der Raum kaum ein Verließ war, fühlte es sich so an. Als wäre sie hier gefangen. Sie legte ihre Arme um ihren Oberkörper und sah an die Decke. Glaskugel um Glaskugel reihten sich aneinander, sodass man unmöglich erkennen konnte, ob sich dahinter noch eine Decke befand. Viele von den Kugeln waren hell erleuchtet, doch die meisten waren durchsichtig und dunkel. Dennoch spendeten die Wenigen genug Licht, um Nym den Raum genauer betrachten zu lassen. Sie drehte sich um ihre eigene Achse und hielt inne. Irgendetwas stimmte nicht. Erneut machte sie eine langsame Pirouette und erst dann fiel es ihr auf: Es gab keine Fenster. Und keine Tür.

Wie auf Kommando, als hätte sie sie mit ihren Gedanken erschaffen, tauchten plötzlich zwei schwarze Fensterrahmen in der Wand auf, die zu ihrer Linken lag, und eine rote Tür erschien in der Wand direkt vor ihr.

Stirnrunzelnd sah Nym aus den Fenstern, doch man konnte nichts hinter ihnen erkennen. Sie schienen in die Unendlichkeit zu zeigen – dann klopfte es.

Sie zuckte zusammen und ihre Hand fuhr wie automatisch zu ihrem Gürtel. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie gar keine Hose trug. Keine Hose, kein Dolch. Sie hatte ein weißes Kleid an, das formlos an ihrem Körper hinabhing.

Wo zum Teufel war sie?

Wieder klopfte es, diesmal etwas lauter. Jemand wollte unbedingt in dieses Zimmer, zu ihr. Sie starrte die Tür an, die kein Schloss besaß, dafür aber eine Klinke. Trotzdem konnte ohne ihre Erlaubnis wohl keiner von außen eintreten.

Das Klopfen wurde immer konstanter und zermürbender und sie wusste nicht, was sie tun sollte! Nym konnte doch keinem Fremden einfach so die Tür öffnen, sie …

Ihre Hand, die sie wie automatisiert erhoben hatte, zuckte zurück. Da war etwas anderes. Etwas Leiseres. Ein Knacken, das nicht aus dem Innenraum dieses Zimmers kam, sondern aus der Ferne durch die Fenster hallte – und wie eine Alarmglocke in ihren Ohren schrillte.

 

Sie riss die Augen auf und starrte in die Dunkelheit. Diesmal jedoch nicht in die Dunkelheit eines erträumten Fensters, sondern in die Nachtschwärze des Waldes. Das Klopfen an der Tür war verschwunden, doch das Knacken blieb.

Sie waren nicht allein.

Ihr Gesicht war auf das erloschene Feuer gerichtet. Die verbrannten Holzscheite waren genauso dunkel wie die Nacht, doch das Licht des kommenden Morgengrauens warf Schatten auf den unebenen Waldboden.

Sie blieb totenstill liegen, während ihre Augen umherhuschten und versuchten, sich so schnell wie möglich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Wieder hörte sie das Knacken, und die Schatten, die nun über Liris Matte fielen, waren nicht die eines Baumes.

Sie war auf den Füßen und hatte Liri von der Matte und hinter ihren Rücken gezogen, bevor Levi die Augen auch nur aufschlagen konnte.

Sie konnte ihren Puls an ihrer Halsschlagader spüren, doch die Schatten, die sie vor einer Sekunde noch gesehen hatte, waren wieder verschwunden. Doch sie wusste, dass sie immer noch hinter den Bäumen lauerten. Konnte es spüren.

„Was ist los?“ Ro hatte sein Schwert gezogen und sah sie verwirrt an, während Levi sich neben seiner Schwester positioniert hatte, den Blick auf die dunklen Bäume gerichtet. Dunkelheit. So viel Dunkelheit. Nym mochte die Dunkelheit nicht. Noch etwas, was sie zur Liste ihrer Erinnerungen hinzufügen konnte.

„Nym! Was hat dich geweckt?“

Sie ignorierte Ros Frage. Stattdessen machte sie einen Schritt nach vorne, bis sie genau über den Überresten des Lagerfeuers stand. „Zeigt euch, ihr Feiglinge“, knurrte sie. „Den Überraschungseffekt könnt ihr jetzt eh vergessen. Oder wollt ihr nun doch lieber zurück zu euren Müttern, um ihnen von eurem Abenteuer im Wald zu erzählen? Davon, wie ihr beinahe einen Ikano getötet hättet, aber eure Windeln zu groß waren, um schnell genug mit ihnen handeln zu können?“

Genau wie sie erwartet hatte, traten augenblicklich drei Gestalten hinter den Bäumen hervor.

Vierte, vielleicht Zweite Mauer, schoss es ihr durch den Kopf. Allesamt trainierte Schwertkämpfer, keine Ikano. Ein Linkshänder, zwei Rechtshänder, der Kleinste war der schnellste Kämpfer. Seine Art und Weise zu stehen, deutete auf einen altbistayischen Kampfstil hin, der nur noch von einem einzigen Adelsherrn gelehrt wurde. Vielleicht also doch Zweite Mauer. Der Mittlere war der Anführer, aber nicht aufgrund seiner Fähigkeiten, und der dritte im Bunde war lediglich ein Mitläufer. Er würde der Erste sein, der weglief.

Sie sahen sie an, als hätten sie nicht mit ihr gerechnet.

„Ganz schön vorlautes Mädchen“, lächelte der Mittlere und Größte. Sein Schwert hing locker an seiner Seite, doch Nym ließ sich nicht täuschen. Er war in Alarmbereitschaft. Nun, das war sie auch. „Und dann auch noch zwei Helden, die das Mädchen zum Kampf vorschicken.“

Als hätte sich Ro in genau diesem Moment das Gleiche gedacht, stieß er an ihre Seite und wollte sie hinter sich schieben. Doch sie musste sich nicht einmal zu ihm umwenden, um ihn mit ihrem rechten Arm und einem verblüfften Laut seinerseits wieder hinter sich zu schubsen.

„Lass mich“, fauchte sie. Sie brauchte das jetzt. Diese Situation. Sie kam ihr so vertraut vor. Und das Vertraute war das, was sie suchte.

Die Männer betrachteten sie höhnisch und belustigt, während Nym den Dolch wieder an ihren Gürtel steckte. Er würde ihr nichts nützen.

„Was tust du, Nym?“, zischte Levi hinter ihr.

„Du kannst mir ja helfen, falls ich dich brauche“, murmelte sie, ohne ihre Augen von den Angreifern abzuwenden.

Falls du mich brauchst?“

Der Anführer ließ seinen Blick kurz etwas verunsichert zu Levi fliegen, konzentrierte sich dann aber wieder auf sie. „Du stehst wohl auf Schmerzen, was?“, sprach er weiter, und Nyms Blick musste nur einmal an seiner Erscheinung hinunterhuschen, um sie wissen zu lassen, dass er derjenige mit dem meisten Geld war. „Keine Sorge. Ich kenne eine Menge Mädchen, die so etwas mögen. Ich werde dich nicht enttäuschen.“

Nym musste verächtlich schnauben. Sie konnte nicht anders. Sie hatte keine Ahnung, woher das Gefühl kam, aber … diese Situation war lächerlich! Dass die Jungen mit ihr sprachen, wie sie mit ihr sprachen. Dass sie immer noch grinsten und sie anfeixten. Es war … lächerlich. Einfach nur lächerlich.

„Geht“, sagte sie ruhig. „Dreht euch um, nehmt eure Waffen und geht.“

Der kleinste von ihnen lachte laut auf. „Was? Wer bist du denn?“

„Ich bin diejenige, die euch die Chance gibt, wegzulaufen. Ich zeige Barmherzigkeit – also nehmt sie an und geht.“

Nym konnte Rojans und Levis ungläubige Blicke in ihrem Rücken spüren, doch es kümmerte sie nicht.

Das hier konnte sie. Sie wusste nicht warum, sie wusste nur, dass sie für solche Situationen geboren worden war. Sie wusste, was sie tat, ohne dass sie wusste, was sie tat. Sie musste nicht nachdenken, sie handelte intuitiv.

„Barmherzigkeit?“, höhnte nun ein anderer, jünger wirkender Ikanojäger – der Mitläufer. „Du kannst froh sein, wenn wir deine Leiche nicht schänden.“

Nym hatte ihre Hände locker zu den Seiten hängen und einer ihrer Mundwinkel zog sich hoch. „Ist das ein Nein?“

„Das ist ein: Geh beiseite oder wir töten dich zuerst.“

Sie seufzte einmal schwer, während ein erster Sonnenstrahl sich durch die Baumwipfel kämpfte. „Liri“, flüsterte sie. „Bitte mach deine Augen zu.“

Dann ließ sie sich auf den Boden fallen und rammte ihre Faust in die vom Feuer zurückgebliebene Asche.

Sie spürte, wie sie auf ihrer Haut kitzelte, spürte, wie ihr Blut anfing zu kochen, spürte, dass sie endlich zu Hause war, als ihre Hand in Flammen aufging. Das Feuer wollte an ihrem Arm hinaufwandern, doch sie zwang es dazu, innezuhalten.

Sie zog ihre mit Asche gefüllte Hand nach oben, und die Holzreste schweißten sich zu einem brennenden Kohleball zusammen, den sie auf die Erde fallen ließ. Die gelöschten Holzscheite, auf denen sie stand, fingen ebenfalls Feuer und sie genoss das Gefühl der Hitze, das sie durchströmte, und die Flammen, die an ihrer Hose leckten, ihr jedoch nichts anhaben konnten. Sie war genau da, wo sie hingehörte.

„Du hast vergessen, dass du eine Ikano des Feuers bist?“, schrie Levi wütend, während er seiner Schwester eine Hand über die Augen legte.

Nym reagierte nicht, sie starrte auf die drei Ikanojäger, die nun panisch zurückstolperten.

„Ich hab euch die Wahl gegeben …“ Sie trat aus den Flammen, der Mitläufer taumelte zurück, und wie Nym es erwartet hatte, rannte er als erster so schnell davon, wie seine Beine ihn trugen. Die zwei anderen hatten ihre Schwerter erhoben, doch sie konnte sehen, wie ihre Hände zitterten. Konnte in ihren Augen erkennen, dass auch sie nun verstanden, wie lächerlich ihr Vorhaben, sie überwältigen zu wollen, gewesen war.

Der Kleinere, Flinkere kam mit einem Gemisch aus Angst- und Kampfgeschrei auf sie zugerannt und sie hätte beinahe laut aufgelacht. Was genau hatte er vor?

In einer fließenden Bewegung drehte sie sich um ihre eigene Achse und trat mit ihrem hinterhergezogenen Fuß das Schwert des Angreifers aus dessen Hand. Noch bevor es den Boden berührte, presste sie ihm seitlich eine Hand an den Hals und durchbrannte seine Halsschlagader. Kein Blut, kein Schrei – er klappte einfach so vor ihr zusammen und blieb tot vor ihren Füßen liegen.

Der Anführer hatte den Mund zu einem Schrei geöffnet und wedelte nun mit seinem Schwert vor ihren Augen herum.

Sie stieg sorgfältig über den toten Körper hinweg und umfasste die Klinge mit ihrer rechten Hand. Sie war schärfer, als sie angenommen hatte, doch der dumpfe Schmerz und das Blut, das ihre Hand hinuntertropfte, störten sie nicht weiter.

Die metallene Klinge wurde heiß unter ihrer Berührung, bis sie anfing, gelb zu glühen, und der untalentierte Ikanojäger den Griff vor Schmerz loslassen musste. Der Geruch nach verbranntem Fleisch stieg ihr in die Nase, doch der war ihr nicht unbekannt.

Sie trat das Schwert beiseite und legte nun beinahe zärtlich ihre Hand auf die Wange des Mannes, der sich in einer Schockstarre zu befinden schien. „Richte demjenigen, der versucht hat, mich umzubringen, etwas aus, okay? Er soll sich besser wünschen, dass ich mich nie wieder daran erinnern kann, wer er ist.“ Sie ließ ihre Hand sinken und ein Brandabdruck blieb auf dem Gesicht des Ikanojägers zurück. „Und jetzt geh.“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Die Erde knirschte unter seinen Füßen und sie konnten noch für einige Sekunden hören, wie sein Kopf immer wieder gegen niedrigere Äste schlug, dann wurde es still.

Nym atmete aus und die Hitze war so schnell wieder gegangen, wie sie gekommen war.

Sie wandte sich um und hätte nicht sagen können, dass sie die entgeisterten Blicke der Jungs nicht erwartet hatte. Levi hatte Liri immer noch eine Hand auf die Augen gepresst, gegen die sie sich jetzt vehement wehrte, und Ros Schwert steckte in der Erde vor ihm.

„Was zum Teufel …?“

„Was ist passiert? Nimm deine Hand weg, Levi! Ich möchte gucken, was passiert ist!“

Levi schüttelte immer noch entgeistert den Kopf und sah dann auf den toten Körper vor ihnen. Kein Blut, und trotzdem kein schöner Anblick. „Du hast vergessen, dass du eine Ikano des Feuers bist?“

Ro kratzte sich im Nacken und starrte die Leiche an. Dann seufzte er, warf einen Blick auf Liri und packte den Toten schließlich am Knöchel, um ihn hinter den nächstbesten Baum zu ziehen.

„Levi! Ich will auch sehen, was sie mit Feuer machen kann! Das ist so toll.“

Doch Nym sah in Levis Gesicht, dass er es überhaupt nicht als „toll“ erachtete, dass sie eine Ikano des Feuers war. Er schien wütend. Ziemlich wütend. Eine steile Falte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet, die sich für Nyms Geschmack etwas zu tief in seine Stirn grub. Sie ging um das Feuer herum – sie hatte das Gefühl, dass es keine gute Idee war, vor Levis Augen einfach hindurchzugehen – und verschränkte die Arme, gerade als Ro zurückkam und Levi Liris Blick freigab.

„Och, manno! Ich hab voll was verpasst, oder?“, beschwerte sie sich prompt und sah fasziniert auf die Flammen … und auf die Füße der Leiche, die Ro nicht ganz hatte verstecken können. „Ich wollte früher immer eine Ikano des Feuers sein!“, erklärte sie Nym. „Feuer ist ziemlich toll – wenn es einen nicht töten und verbrennen kann und so …“

„Ja, das ist es, nur … verdammt nochmal, hör auf, mich so anzusehen, Levi! Ich hab nichts getan!“

„Du hast nichts getan? Hast du bei deinem Herzstillstand etwa auch vergessen, was das Wort ‚nichts‘ bedeutet?“

„Na ja, ich habe nichts getan, was deinen bösen Blick rechtfertigen würde.“

„Du hast ihn getötet!“, brüllte er und fuchtelte mit seiner Hand in Richtung der Leiche. „Einfach so. Wir töten nicht einfach so! Ich weiß nicht, wo du herkommst, aber hier versuchen wir …“

„Einfach so?“ Ungläubig riss sie ihre Augen auf. „Ich habe ihn nicht einfach so getötet. Ich habe ihm eine Wahl gelassen, oder nicht? Ich habe ihnen gesagt, dass sie weglaufen sollen, und dann habe ich den einen getötet, weil er eine ernstzunehmende Gefahr für euch gewesen wäre – und ach ja: weil sie unsere Köpfe haben wollten, um sie an die Göttliche Garde zu verscherbeln!“

„Wir hätten sie vielleicht aufnehmen können, ihnen bei der Flucht helfen …“

„Flucht?“ Nym schnaubte laut. „Sie wollten ganz offensichtlich nicht flüchten. Hast du ihre Kleidung gesehen? Die waren mindestens aus der Vierten Mauer. Eher Adelige aus der Zweiten! Sie wollten sich weiter hocharbeiten, indem sie Jagd auf Ikano der Asavez machen, Levi. Oder sie wollten einfach nur mal einen kleinen Adrenalinkick. Sie wollten nicht aus Bistaye flüchten. Wieso denn auch? Nicht jeder will auf die andere Seite des Flusses. Sie wollten Ruhm und Ehre und ihnen war egal, über welche Leichen sie dabei gehen! Wie kannst du als Zweiter Offizier der Asavez das nicht wissen? Du solltest Freund und Feind unterscheiden können.“

Unbeabsichtigt hatten ihre Finger angefangen zu glühen. Mit einem Seufzen machte Rojan einen Schritt nach vorne und umschloss ihre Finger mit seiner Faust.

Ein Zischgeräusch ertönte und Nym bemerkte, wie ihre Fingerkuppen augenblicklich abkühlten. Sie blinzelte verblüfft zu ihm hoch. Sie hatte ihren Meister gefunden. Was hatte sie einem Ikano des Wassers entgegenzusetzen?

„So“, sagte er mit erhobenen Händen, „wir beruhigen uns jetzt erst mal wieder und …“

„Ist es nicht irgendwie so, dass sie unser Leben gerettet hat?“, unterbrach ihn Liri jetzt nachdenklich, einen winzigen Dolch, den Nym noch gar nicht bemerkt hatte, zwischen ihren Fingern hin- und herschiebend.

Levis Blick verdüsterte sich und sein Gesicht, das halb vom Feuer und halb von der aufgehenden Sonne beleuchtet wurde, schimmerte merkwürdig orange. „Wir hätten sie sehr gut alleine besiegen können …“

„Aber wir wären ohne Nym nicht aufgewacht. Sie hat ein unglaubliches Gehör.“

Nym grinste breit und hob bestätigend eine Augenbraue in Levis Richtung.

Der verengte seine Augen jedoch nur eine Spur mehr. „Ja, aber ohne sie wären wir wahrscheinlich überhaupt nicht angegriffen worden. Mir scheint, dich will wirklich gerne jemand tot sehen, und das gefällt mir nicht.“

„Das denke ich nicht, Levi“, murmelte Ro und er klang dabei fast entschuldigend. „Hast du in ihre Gesichter gesehen? Sie waren zu Tode erschreckt. Sie hatten keine Ahnung, wer sie ist und was sie kann.“

„Aber sie müssen einen Tipp bekommen haben. Wer hätte wissen können, wo wir sind? Wir wurden noch nie angegriffen, Rojan. Es wäre schon ein großer Zufall, dass wir sie finden und dann plötzlich Ikanojäger auf uns gehetzt werden!“

Ro schien darüber nachzudenken, aber zu keinem Schluss zu kommen. Schließlich zuckte er die Schultern. „Es ist egal. Wir sollten aufbrechen. Jetzt sind wir ohnehin schon wach, oder?“

Liris herzförmiges Gesicht war immer noch auf Nym gerichtet. Schließlich sagte sie ernst: „Kannst du mir das beibringen? Mit dem Feuer? Ich will auch sowas können. Menschen töten, ohne dass andere, die die Augen zugehalten bekommen, es hören.“

Nym hätte beinahe laut aufgelacht, als sie in Levis Gesicht sah. Es war beinahe schmerzlich verzogen, so als würde er fast lieber von seiner Schwester hören, dass sie gerne jetzt sofort schwanger wäre.

„Tut mir leid, Liri. Das kann ich dir nicht beibringen. Entweder man ist ein Ikano oder man ist keiner. Und wie ich den Rest gelernt habe … ich weiß es nicht mehr.“

Und so war es. Nym wusste, dass sie eine Ikano des Feuers war. Sie verstand nicht ganz, wie sie das hatte vergessen können. Sie konnte die Flammen noch auf ihrer Haut spüren und es war, als wäre sie wieder zu Hause. Aber sie wusste nicht, wer sie ausgebildet hatte. Und sie musste ausgebildet worden sein. Wie sonst hatte sie so gelassen und gezielt vorgehen können?

„Eine Ikano des Feuers …“ Ro lächelte und in seinen Zügen spiegelte sich leichte Begeisterung wider. „Levi, weißt du, was das bedeutet?“

„Unkontrollierte Waldbrände?“

Ro lachte trocken. „Sie könnte eine riesige Hilfe sein! Keiner rechnet mit einer Ikano des Feuers, wenn wir in zwei Wochen …“

„Ro, halt die Klappe.“

„Nein, halt nicht die Klappe, Ro“, widersprach Liri sofort und zog an seinem Ärmel. „Levi will mir nie sagen, was er machen muss.“

Nym hätte Liri nur zu gerne zugestimmt. Doch sie hatte das dumpfe Gefühl, dass Levi ihr noch weniger vertrauen würde, wenn sie jetzt nachhakte.

Der Ikano der Luft ignorierte seine Schwester jedoch gekonnt. Stattdessen sah er Nym an – länger als ihr lieb war – bis er scharf fragte: „Ist dir klar, was es bedeutet, eine Ikano zu sein? Was du damit für eine Verantwortung trägst?“

Gereizt ließ Nym ihre Fingerspitzen auf den stumpfen Dolch an ihrem Gürtel prasseln. „Natürlich weiß ich das.“

„Natürlich?“ Er schnaubte, hockte sich hin und fing an, ihre Matte zusammenzurollen. „Nym. Das Wort ‚natürlich‘ solltest du ab jetzt vielleicht nicht mehr benutzen.“ Er sah zu ihr hoch. „Das, was bei dir im Kopf los ist, ist nämlich wirklich nicht natürlich.“

Kapitel 4

Viertes Gesetz der Bistaye

Das Sammeln und Verbreiten von Informationen über die Kreisberge, das Kreisvolk und ihre Geschichte ist strengstens untersagt. Der Verstoß gegen dieses Gesetz wird mit dem Tod bestraft.

Eine Ikano des Feuers!
Das hatte Levi gerade noch gefehlt. Eine junge Frau, von der er nicht wusste, wer sie war, war eigentlich schon zu viel. Aber dann noch ein Mädchen, das so viel Macht und Kraft besaß, wie es eigentlich überhaupt niemandem zustehen sollte? Vor allem niemandem, der nicht wusste, was er tat.

Wie sie dagestanden hatte. Im Feuer. Vollkommen ruhig. So als würde sie täglich mit solchen Situationen konfrontiert werden. Aber vielleicht wurde sie das ja auch. Was wusste er schon? Fest stand, dass sie eine Ikano war und Ikanos in einem Verzeichnis in Oyitis gemeldet wurden. Außerdem war sie eine herausragende Kämpferin. Das musste sie schließlich auch irgendwo gelernt haben – wie schwer konnte es also sein, herauszufinden, wer sie war?

Sobald sie Informationen zu ihrer Identität hatten, konnten sie sie wieder nach Hause schicken.

Eine Ikano des Feuers.

Sie machte ihn nervös. Sie war unberechenbar. Die dritte Variabel in einer Gleichung, die nur für zwei bestimmt gewesen war. Normalerweise waren Menschen leicht zu durchschauen, vor allem Frauen, aber bei ihr … er hatte keine Ahnung. Erst erklärte sie seiner Schwester unglaublich süß und geduldig, was für außergewöhnliche Schmetterlinge es gab, und im nächsten Moment durchtrennte sie die Halsschlagader eines Angreifers, nur indem sie ihn berührte. Das war nicht normal! Das ging über die gewöhnlichen Gefühlsschwankungen einer Frau hinaus.

„Du tust es schon wieder“, murmelte Ro neben ihm und Levi musste ihm nicht ins Gesicht sehen, um zu wissen, dass er grinste.

„Ich tue was schon wieder?“

„Du bewegst deine Lippen im Einklang mit deinen Gedanken.“

„Tatsächlich? Und was sagen sie?“

„Sie sagen: Verdammte Scheiße, wer zum Teufel ist sie und womit habe ich es verdient, ihr über den Weg zu laufen?“

Mhm. Das waren nicht exakt seine Gedanken gewesen, aber Ros freie Übersetzung war gar nicht so schlecht. Levi zurrte seinen Rucksack enger und warf bei der Gelegenheit einen kurzen Blick über die Schulter. Liri unterhielt sich mit Nym und kicherte bei jedem Schritt, als würde sie das schwarzhaarige Mädchen bereits seit einer Ewigkeit kennen. So machte Liri es immer mit Frauen. Seine Schwester hing an weiblichen Vorbildern, wie eine Klette an Wolle. Er schob es dem Fehlen einer richtigen Mutter zu. Liri war mit Jungen und Männern groß geworden. Naha, Ros Mutter, war die einzige Art von Mutter gewesen, die Liri gehabt hatte. Aber Levi war es immer unangenehm gewesen, die Verantwortung für seine Schwester auf andere abzuwälzen, deswegen hatte er sie meistens überall dort mit hingenommen, wo auch er hingegangen war.

Und mit der Art von Frauen, die es sonst in Oyitis gab, hätte Levi seine Schwester nie freiwillig mehr als zwei Stunden alleine gelassen. Die Frauen aus Oyitis waren unglaublich oberflächlich. Was gut für ihn, aber schlecht für Liri war. Er wollte ihren Kopf nicht mit Unsinn über Strickmuster oder Flechtfrisuren füllen. Sie sollte sich verteidigen können, damit er sich nicht immer so große Sorgen machen musste.

Pff. Als ob das je passieren würde.

„Wir werden bald wissen, wer sie ist, und dann ist sie nicht mehr unser Problem“, murmelte Levi und richtete seinen Blick wieder nach vorne. Sie waren aus dem Wald hinausgekommen und gingen jetzt zwischen grünen Hügeln hindurch. Der Appo lag keinen Kilometer westlich von ihnen und wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte er die Jeferabrücke erkennen. Oyitis lag nicht fern der Brücke. Sie würden keine zwei Stunden mehr brauchen.

„Was, wenn sie in keinem Verzeichnis steht?“

„Mach dich nicht lächerlich, Ro. Sie ist eine Ikano des Feuers. Irgendwer wird sie gemeldet haben.“

„Es gibt eine Menge Ikano, die lieber nicht gemeldet werden wollen. Weil sie wissen, dass Provo sie dann für unsere Garde einbeziehen würde.“

Das stimmte natürlich. Der Anführer der Asavez – auch wenn er nur sehr ungerne so genannt wurde, weil es seiner Meinung nach den Sinn einer Demokratie dämpfte – würde jeden Ikano für seine Armee haben wollen. Und auch, wenn er Nym weder vertraute, noch sagen konnte, dass er sie sonderlich mochte, so konnte er auch nicht leugnen, dass sie eine ausgezeichnete Kämpferin war. Sie war mühelos mit den drei Angreifern fertig geworden – Macht des Feuers hin oder her.

„Hoffen wir einfach, dass sie gemeldet ist, okay?“

„Levi, sie könnte wirklich eine Hilfe sein, wenn wir …“

„Ro! Sie hat bis vor ein paar Stunden nicht einmal gewusst, dass sie Feuer beherrscht! Wir können auf unserer Mission niemanden gebrauchen, der nicht weiß, was er tut, und jede Sekunde neue Dinge über sich herausfindet.“

Ro zuckte die Schultern. „Ich habe oft genug das Gefühl, dass ich nicht weiß, was ich tue. Man muss nur mit falscher Selbstsicherheit an das Ganze herangehen, dann klappt das schon.“

Falsche Selbstsicherheit! Genau. Ro besaß keine einzige unsichere Pore in seinem Körper. „Wir kennen sie nicht. Sie könnte eine oberflächliche Zicke sein. Und sie muss ihre eigenen Probleme in den Griff bekommen, bevor sie sich derer von Bistaye und Asavez annehmen kann“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Vielleicht sollten wir sie dann einfach besser kennenlernen.“ Er blieb stehen und wandte sich um. „Nym, was sagst du zu der diesjährigen Sommermode?“

„Bitte was?“ Mit großen blauen Augen starrte die Schwarzhaarige Levis besten Freund an. Sie wirkte von seinen Worten erschrockener, als vom gestrigen Angriff. Ihr Gesicht war teilweise mit Erde beschmiert und ihr Mund war leicht geöffnet.

Verdammt. Wenn sie überrumpelt war, sah sie beschissen süß aus.

„Die Sommermode, was hältst du davon?“

„Äh … ich finde es schön, dass die Leute immer noch Anziehsachen tragen?“

Ro grinste breit und klopfte Levi auf die Schulter. „Siehst du? Keine oberflächliche Zicke. Dann können wir jetzt ja weiterlaufen.“

Levi legte sich eine Hand über die Augen. Wieso war die Welt nur gegen ihn?

„Du siehst gestresst aus, Levi“, meinte Ro, während sie den schmalen Weg weiter entlanggingen, um einen kleinen Hügel herum. „Vielleicht solltest du einen schönen Saft trinken und etwas entspannen.“

Entspannung klang gut. Vielleicht sollte er sich erst ein paar Minuten hinlegen, bevor er zu Provo ging und die Pergamente ablieferte. Vielleicht könnten sie auch einfach für den Rest des Weges schweigen und …

„Hallo, meine Lieblingssoldaten!“

Jeder Gedanke an Entspannung verflüchtigte sich sofort. Eine schlanke, kleine Gestalt mit wehendem dunkelbraunem Haar hatte hinter der letzten Biegung auf dem Rasen gesessen und sprang jetzt enthusiastisch auf. Wie ein Pferd, dem eine Schlange vor die Füße geworfen worden war. Ein Pferd, das Levi zu verfolgen schien.

„Hey, Leena“, sagte Ro fröhlich.

Leena. Sie rangierte nicht weit oben auf der Liste von Menschen, die er unbedingt wiedersehen wollte.

Es war nicht so, dass er sie nicht mochte. Sie war nur unerträglich fröhlich. Und anhänglich. Und mädchenhaft. Und sie kicherte so hoch. Und sie wollte ihre Kampfübungen immer mit ihm machen.

Er hätte nicht mit ihr schlafen dürfen.

„Hey, Ro, da seid ihr ja endlich. Ich warte schon eine halbe Ewigkeit auf euch.“

Sie schlug sich imaginären Dreck von ihrer schwarzen Hose, die sie unter einer grellgelben Tunika trug, die Levis Meinung nach erst im nächsten Jahrtausend hätte erfunden werden dürfen.

„Du wartest auf uns? Warum?“

„Provo wird nervös, und er wollte, dass jemand nach euch Ausschau hält und da … wer ist sie denn?“ Kaum merklich schob sie ihre Unterlippe vor und sah Levi vorwurfsvoll an.

Oh Mann. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er sollte sein inneres Gleichgewicht wirklich besser unter Kontrolle bekommen, bevor er noch etwas Dummes tat. Zum Beispiel ahnungslose Frauen mit einem Windstoß in den Appo befördern.

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte er ein wenig gereizt. „Frag sie selbst.“

Leena musterte Nym skeptisch. So als sei sie etwas Schleimiges, das sie gezwungen wurde, anzufassen.

Nym blinzelte verdutzt, schüttelte dann aber eilig den Kopf. „Es gibt nichts über mich zu wissen. Wir sollten schnell weiter.“ Hastig stieß sie mit beiden Händen gegen Levis Rucksack, damit er weiterging, während sie leise murmelte: „Nur weil du mit ihr geschlafen hast und sie sich der offensichtlichen Fehlvorstellung hingibt, dass du jeden Moment um ihre Hand anhalten könntest, sollten wir anderen nicht leiden müssen.“

Verdattert sah er sie an. „Woher …?“

Nym verdrehte die Augen. „Ich bitte dich! Ihr Blick sagt schon alles. Ich kenne ihre Art von Frau.“

„Tust du das?“ Er runzelte die Stirn.

„Du musst nicht alles hinterfragen, was ich sage, nur weil ich mich an nichts erinnere.“

„Ähm, doch. Irgendwie schon.“

Sie presste die Lippen aufeinander und ließ von seinem Rucksack ab. Er hatte sich keinen Millimeter bewegt. Stattdessen waren jetzt alle Blicke auf sie gerichtet.

„Über was flüstert ihr?“, wollte Leena sofort wissen.

„Das Wetter“, bemerkte Levi. „Gehen wir weiter? Wenn Provo nervös ist, sollten wir ihn nicht warten lassen.“

„Dein Bruder hat Probleme“, murmelte Nym gut hörbar zu Liri. Die fing prompt an zu kichern. „Ich weiß. Ihm sind sie nur nicht so bewusst.“

„Du solltest sie für ihn aufschreiben, damit er sie nicht vergisst. Kann er lesen?“

Levi wandte ihnen den Rücken zu. Je eher sie wussten, wohin Nym zu schicken war, desto besser.

Ornament

Wieso dauerte das so lange? Wieso waren sie noch nicht zurück? Jeki sah auf seinen Teller und kratzte sich am Kinn. Es war bereits Nachmittag, dabei hatte er sie schon vor mehreren Stunden erwartet.

„Jeki? Ich habe dir eine Frage gestellt.“

Ein hölzerner Kochlöffel wurde neben seinen noch gefüllten Teller geschlagen und augenblicklich zuckte er zusammen. „Was? Entschuldige, ich habe nicht aufgepasst.“

„Ist das die Art und Weise, wie man mit seiner Mutter umgeht?“

Höchstwahrscheinlich nicht. „Tut mir leid, Mama, mein Kopf ist noch bei der Arbeit.“

„Du trägst keine Rüstung, man kann dein Gesicht sehen, also arbeitest du auch nicht – nicht einmal im Kopf. Ist das klar?“

Er war sechsundzwanzig und schon lange kein Kind mehr. Wenn man der Göttlichen Garde angehörte, wurde einem das Kindsein früh genug ausgetrieben. Und trotzdem streckte er automatisch seinen Rücken durch, nahm den Löffel in die Hand und nickte. „Natürlich.“ Er sah seine Mutter viel zu selten. Er sollte sich mehr auf sie konzentrieren … und sie endlich dazu überreden, zu ihm in die Dritte Mauer zu ziehen.

Es war üblich, dass Soldaten der Göttlichen Garde ihre Familie mitnahmen, sobald sie rekrutiert wurden. Doch weder seine Mutter noch sein jüngerer Bruder hatten das Angebot annehmen wollen. Sie hatten gesagt, sie würden sich zu beobachtet und unwohl unter all den Soldaten fühlen. Jeki glaubte, dass es eher etwas damit zu tun hatte, dass ihr Haus die letzte Erinnerung an seinen Vater war.

Sein Blick fuhr durch den Raum, der sich seit seiner Rekrutierung im Alter von fünfzehn Jahren nicht verändert zu haben schien. Der Aufbau des Hauses war typisch für die Vierte Mauer. Zwei Stockwerke, schmaler Grundriss mit nach außen stehenden Wänden, damit das zweite Stockwerk breiter war, als der erste. Früher war noch nach Grundfläche in Quadratmetern bezahlt worden und das hatten sich alle Kaufleute oder Händler, die in der Vierten Mauer wohnten, zunutze gemacht.

Die Wände waren schlicht weiß, die Decken umso bunter und der Boden bestand zumeist aus dunklem Holz. Jekis Mutter jedoch hatte sich für helles Holz aus Birke entschieden. Es war zwar teurer gewesen, doch das hatte Jekis Vater, der bereits vor zehn Jahren verstorben war, nicht gestört. Er war Erzhändler und ein Ikano der Erde gewesen – hatte also gut für sich sorgen können. Die Fähigkeiten der Ikano wurden in der Familie weitergereicht, allerdings zumeist nur an den Erstgeborenen oder die Erstgeborene. Nur ab und zu verirrte sich ein Kind mit Fähigkeiten in eine Familie, in der kein Ikanoblut nachzuweisen war. Doch dies war nur ein höchst seltener Fall. Niemand wusste, wie genau die Fähigkeiten vererbt wurden, doch eines war gewiss: Die Ikano starben langsam aber sicher aus.

Umso verängstigter waren die Menschen, wenn sie tatsächlich auf einen Ikano trafen.

„Du siehst immer noch besorgt aus, Jeki“, sagte seine Mutter seufzend, während sie ihm subtil den Teller näher heranschob. „Für all die Sorgen, die du dir machen musst, bezahlen sie dir nicht genug.“

Er lachte leise und nahm den ersten Löffel von der Suppe mit Fleischbällchen – seit zwanzig Jahren sein Lieblingsessen. „Ich verdiene so viel Geld, dass ich die äußerste Mauer kaufen könnte … und das hier ist köstlich!“

„Natürlich ist es köstlich – und Geld allein macht auch nicht glücklich.“ Sie lächelte, nun etwas beruhigter, weil er endlich angefangen hatte, zu essen.

„Wo wir gerade über Glücklichsein sprechen … Mama: Janon wohnt nun schon seit drei Jahren nicht mehr hier und du beschwerst dich andauernd, dass ich dich zu selten besuchen komme. Glaubst du nicht, dass es einfacher wäre, wenn du …“

Seine Mutter seufzte schwer. „Ich werde nicht zu dir ziehen. Ich habe mein Leben hier, und bei euch, in der Dritten Mauer, da hat man keinen Spaß. So heißt es zumindest.“

Er schnaubte. Ja, die Gerüchte, die sich um die Dritte Mauer rankten, waren legendär. Wenn auch nur ein Zehntel von ihnen stimmen würde, dann hätte Jeki ein Kind mit jeder dort lebenden Frau, weil die Göttliche Garde aktiv gegen das Aussterben der Ikano anging, und sein Haustier wäre ein Feuerluchs. Den hielt die Göttliche Garde nämlich angeblich seit dreihundert Jahren am Leben, ohne dass es irgendjemand wusste.

„Wir haben sehr wohl Spaß und es ist um einiges sicherer …“

„Sicherer! Dass ich nicht lache.“ Seine Mutter hatte ihren Teller bereits leer gegessen und schob ihn jetzt in die Mitte des Tisches. „Als würde hier je etwas passieren. Letzte Woche hat jemand auf dem Markt aus Versehen drei Nomis zu wenig bezahlt – das war der Skandal des Jahrhunderts! Mir passiert hier nichts.“

Jeki presste die Lippen aufeinander. Was sollte er dazu sagen? Er war Soldat der Göttlichen Garde, er durfte ihr nicht erzählen, dass vermutet wurde, irgendjemand betreibe hier ein Auffanglager für Menschen, die aus Bistaye nach Asavez fliehen wollten. Nicht zu vergessen die Gruppe der Rebellen, die mit Asavez kommunizierten. Es war nichts sicher, doch die Göttliche Garde hatte ihre Quellen, und meistens konnte man sich auf sie verlassen.

Na ja, bald würden sie wissen, ob es so ein Lager tatsächlich gab und wer diese Rebellen waren.

„Außerdem bezweifele ich, dass Salia sich großartig darüber freuen würde, wenn deine Mutter bei dir einzieht, wo ihr doch bald heiraten wollt.“

„Salia wäre sehr glücklich darüber, dich bei uns zu haben.“

Solange es im Anbau neben ihrem Haus war. Es bringe Unglück, zu nah an seiner Mutter zu leben, denn dann müsste man im Schlafzimmer ja plötzlich leise sein. Er grinste bei dem Gedanken daran, wie sie ihm den letzten Punkt anschließend eindrucksvoll bewiesen hatte.

„Ach, Salia ist ein Engel“, lächelte seine Mutter. „Wie geht es ihr denn? Habt ihr schon einen Termin?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht, aber glaub mir, du bekommst ihn schon noch früh genug mit.“

„Na ja, ich könnte vielleicht helfen, wenn ihr schon in den Vorbereitungen seid …“

Jeki grinste bei dem unschuldigen Blick seiner Mutter. „Ma, ich bin mir sicher, Salia wird dir Bescheid sagen, sobald sie ein Kleid kaufen geht. Unsere Vorbereitungen wurden nur … kurzzeitig aufgehalten.“

„Wegen deiner Arbeit?“, fragte sie abschätzig. Sie machte kein Geheimnis daraus, dass sie sich immer etwas anderes für ihren Sohn gewünscht hatte. Aber Ikanos waren rar und die Götter brauchten jeden Einzelnen, um die hohe Anzahl an Flüchtigen, die in letzter Zeit zugenommen hatte, wieder auf ein Minimum zu reduzieren.

„Wegen unserer Arbeit. Genau. Aber das wird schon noch, keine Sorge.“

„Wie geht es Salia denn? Ist sie aufgeregt?“

„Oh, sie kann es kaum erwarten“, lächelte er. „Aber du kennst sie doch. Sie hat den Kopf mit lauter anderen Dingen voll.“

„Du hättest sie mitbringen können …“

„Sie arbeitet heute. Vielleicht nächstes Mal. Wie geht es eigentlich Janon? Ist er oft hier?“

„Na ja, öfter als du auf jeden Fall.“

Jeki bekam ein schlechtes Gewissen. Er wusste sehr wohl, dass er öfter hier vorbeischauen sollte, aber es war schwierig, sich einen Nachmittag freizunehmen. „Arbeitet er immer noch als Teppichhändler?“

Seine Mutter winkte ab. „Das hat er bereits vor zwei Wochen aufgegeben. Jetzt möchte er Architekt werden.“

„Aha.“ Sein kleiner Bruder hatte schon so viele verschiedene Berufe gehabt, dass er sie an beiden Händen nicht mehr abzählen konnte. Vor allem deswegen, weil er sich nicht mehr an alle erinnerte.

„Sag das nicht so abwertend“, schalt seine Mutter ihn. „Er sucht eben nach dem, was sein Leben sinnvoll erscheinen lässt. Das ist keine Schande.“

Ja. Ein Mitglied der Göttlichen Garde zu sein, war es in ihren Augen allerdings schon. Seine Mutter hatte es nie laut ausgesprochen, aber er wusste, dass sie ihn lieber im Beruf seines Vaters gesehen hätte. Für sie war Soldat zu sein nichts Ehrenwertes. Sie war Pazifistin und jeder, der es nicht war, lag falsch.

„Natürlich nicht. Sag ihm, wenn du ihn das nächste Mal siehst, dass er mich besuchen kommen soll.“ Janon hatte keine Angst vor der Dritten Mauer. Er hatte es sich als Kind zur Aufgabe gemacht, unbemerkt dort hineinzugelangen, und Jeki musste zugeben, dass er es beeindruckenderweise mehr als einmal geschafft hatte. Der Vollidiot konnte von Glück reden, dass er noch lebte.

„Er will morgen vorbeikommen, da kann ich ihm Bescheid sagen, und du …“

Seine Mutter wurde von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. Einem stetigen, penetranten und heftigen Klopfen.

Stirnrunzelnd erhob Jeki sich, und als seine Mutter zur Tür eilen wollte, hob er eine Hand, damit sie sitzen blieb.

Sie verdrehte die Augen, lächelte aber bei der übermäßigen Vorsicht ihres Sohnes. „Was glaubst du, wer das ist? Der Teufel persönlich?“

Jeki glaubte nicht an den Teufel. Er glaubte an das Böse im Menschen und das war meistens weitaus schlimmer.

„Vorsicht ist besser als Nachsicht“, murmelte er. „Von wem habe ich den schlauen Spruch nur?“

„Damals warst du fünf!“

Er zuckte die Achseln und öffnete die Tür. Er würde seiner Mutter bald ein Loch in das Holz bohren, damit sie sehen konnte, wer davor stand. „Ja?“

Ein gehetzt aussehender Mann stand vor der Tür. Seine Kleider waren dreckverschmiert, hingen teilweise in Fetzen von seinem Körper, und sein Gesicht spiegelte bloße Panik wider. Tiefe, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen und rote Striemen zogen sich über seine rechte Wange … erst jetzt erkannte Jeki ihn wieder. Es war einer der Adelssöhne, die er gestern losgeschickt hatte. Der größte von ihnen – und die hässlichen Striemen auf seiner Wange, die noch nicht angefangen hatten, sich zusammenzuziehen, waren ein Handabdruck. Ein kleiner, schmaler Handabdruck.

Er hätte beinahe geschmunzelt, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre. Eine Visitenkarte war hinterlassen worden. Nett.

„Ich suche Jeki Tujan, Erster Offizier der Göttlichen Garde“, stieß der junge Mann aus, seine  Angst war deutlich aus jeder einzelnen Silbe herauszuhören. „Ich will nur ihn sprechen. Jemand hat gesagt, er sei hier …“

Jeki sah ihn ruhig an und überlegte. Es hatte einen Grund, warum die Helme der Göttlichen Garde so ausgelegt waren, dass die Gesichter der Soldaten nicht erkannt wurden. Wenn jeder wüsste, wer er war, dann könnte er nicht einfach so ungestört in der Vierten Mauer herumspazieren. Außerdem würden sich die versuchten Mordanschläge auf ihn wahrscheinlich häufen. Aber das hier war wichtiger. Außerdem sah der junge Mann nicht so aus, als würde er es wagen, ein Mitglied der Göttlichen Garde zu verraten. Er hatte andere Probleme.

„Das ist schon okay“, nickte Jeki deshalb. „Ich bin derjenige, den du suchst.“

„Du … was?“

Na, wenigstens schienen die Helme zu funktionieren. „Ich bin Jeki, ich habe dir gestern die Erlaubnis erteilt, die Jeferabrücke zu überqueren. Aber wart ihr gestern nicht noch zu dritt …?“

Der Mann lief weiß an, öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder.

Genervt kratzte Jeki sich im Nacken. „Jetzt rede schon! Ich werde dir schon nicht gleich den Kopf abreißen. Was ist passiert? Habt ihr die beiden Ikanos überwältigt?“

„Es … ich … Es waren nicht nur zwei Ikanos! Es gab einen dritten. Eine junge Frau. Eine Ikano des Feuers!“

Jeki runzelte die Stirn und kniff seine Augen zusammen. „Eine Ikano des Feuers? Bist du sicher?“ Die Frage war unnötig, denn Jeki kannte die Antwort bereits. Auch ohne die Visitenkarte, die die Ikano auf seiner Wange hinterlassen hatte.

„Ja! Larion ist weggelaufen, aber sie hat Sergias getötet … einfach an seinen Hals gefasst und …“ Er brach ab und der Rest des Blutes, das sich an seinen Wangen festgeklammert hatte, verließ fluchtartig sein Gesicht.

„Wer ist sie?“, fragte Jeki scharf. „Und habt ihr wenigstens irgendeinen von den dreien getötet?“

„Wir … nein … dazu kam es nicht. Die anderen haben sich nicht einmal gerührt. Sie war es, die alles gemacht hat.“

Langsam verschränkte der Soldat seine Arme vor der Brust. „Wer ist sie? Hast du einen Namen? Wie sah sie aus?“

Die Angst, die dem Adelssohn in den Knochen saß, schien seine Zunge zu lähmen. Doch die Angst vor Jeki war offensichtlich präsenter. „Sie hatte lange, schwarze Haare, relativ groß für eine Frau und … ich glaube, sie nannten sie Nym.“

Nym? Das war ihm neu.

„Hat sie eine rote Hose getragen? Blaue Augen?“, hakte Jeki nach.

Die Augen seines Gegenübers weiteten sich. „Ja. Woher …? Kennt Ihr sie?“

Jeki seufzte. Ja, er kannte sie. Aber Nym hieß sie nicht.

„In Ordnung. Danke, dass du Bericht erstattest hast. Es tut mir leid für deinen Freund. Und unter den Umständen ist es wohl okay, dass Api ein wenig enttäuscht sein wird. Dennoch denke ich, dass er Verständnis haben wird.“

Erleichterung durchzog die Züge des jungen Mannes, nur um Sekunden später wieder von Furcht ersetzt zu werden. „Ich … ich …“

„Ja?“ Bei den Göttern, für dieses Gestotter hatte Jeki wirklich keine Zeit, geschweige denn Geduld.

„Ich soll noch etwas ausrichten.“

„Ach?“ Jetzt wurde es interessant.

„Ja, sie sagte … sie sagte …“

„Sie sagte?“, drängte Jeki.

Der Mann schluckte. „Sie hat gesagt, ich soll demjenigen, der versucht hat, sie umzubringen, sagen, er solle sich besser wünschen, dass sie sich nie wieder daran erinnern kann, wer er ist.“

Jeki blinzelte. Was?

Dass sie sich nicht würde daran erinnern können?

Aber … sollte das heißen, dass … sie erinnerte sich nicht? An nichts?

Verwirrt runzelte er die Stirn. Sie lebte, aber erinnerte sich nicht mehr … Wie war das möglich? „In Ordnung. Damit bist du bei mir wohl an der richtigen Adresse …“, murmelte er nachdenklich und betrachtete den Handabdruck auf der Wange des Adeligen.

Beide Augenbrauen seines Gegenübers fuhren gleichzeitig in die Höhe, doch Jeki ignorierte das. „Gut, du kannst gehen.“

Der Mann bewegte sich nicht.

„Geh!“

Offenbar wieder bei Bewusstsein zuckte der Adelige zusammen und hastete die gepflasterte Straße entlang, in die Richtung, in der sich das Tor zur Dritten und dann Zweiten Mauer befand.

Beunruhigt sah Jeki ihm nach.

Nym. Der Name wollte nicht ganz passen, und er fragte sich, wie sie ihn bekommen hatte. Die Ikano des Feuers. Die lebendige Ikano des Feuers. Ohne Erinnerung.

Er atmete tief durch und wandte sich zu seiner Mutter, die angefangen hatte, den Topf und die Teller abzuräumen. Sie hatte vermutlich absichtlich laut mit dem Geschirr geklappert, damit sie von seinem Gespräch nichts mit anhören musste. Seine Mutter fand, je weniger sie von seiner Arbeit wusste, desto besser.

„Mama, es tut mir leid …“

„Lass mich raten.“ Sie ließ ihren Teller in die Spüle sinken und hob eine Augenbraue. „Du musst los. Wegen der Arbeit. Und es kann nicht warten.“

„Ja, es sieht so aus. Api wird wissen wollen, was mir gerade gesagt wurde, und Götter lässt man nicht warten.“

„Mütter auch nicht.“

Ja. In diesem Fall würde er dennoch den Zorn seiner Mutter vorziehen. „Tut mir leid“, wiederholte er, beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie trug das ergraute Haar immer noch lang, und ihre braunen Augen – seine Augen – waren mit so viel Wärme gefüllt, dass Jeki manchmal davon überzeugt war, auch sie müsse eine Ikano des Feuers sein.

„Pass auf dich auf, okay?“

„Immer“, versprach er. „Außerdem würde Salia mich umbringen, wenn ich mich töten ließe.“

Sie lächelte. „Na. Den Zorn seiner Mutter, den eines Gottes und den seiner Verlobten auf sich zu ziehen, wäre dann doch etwas zu viel, oder?“

Oh. Der Zorn seiner Verlobten alleine wäre schon etwas zu viel – und er hatte das dumpfe Gefühl, dass die nächste Zeit Anlass dafür geben könnte.

Wieder seufzte er und glitt aus der Tür. Damit würde er sich später beschäftigen müssen. Jetzt gab es Wichtigeres zu tun.

Die gepflasterte Straße, die Jeki entlangeilte, war die mittlere der fünf Parallelstraßen, aus denen die Vierte Mauer bestand. Bunt bemalte Häuser mit Erkern, die auf die Straße hinausragten, türmten sich zu seinen Seiten auf, doch er beachtete die Wände, die geradezu nach Aufmerksamkeit schrien, nicht.

Das lief alles nicht nach Plan. Zumindest nicht nach dem, den er gehabt hatte. Den Api ihm erklärt hatte.

Er bog nach links in einen kleinen Weg, der zwischen dem monströsen Haus einer der reichsten Kaufmannsfamilien und einem nebenliegenden, privaten Garten entlangführte, und lief nun querfeldein, den schnellsten Weg, den er kannte, zur Dritten Mauer zurück.

Die Götter hatten ihren Palast innerhalb der Ersten Mauer. Einen Palast, von dem niemand, außer ein paar auserwählten Leuten, Dienstboten und den Göttern selbst, je das Innere gesehen hatte. Das Äußere jedoch war schwer auszublenden. Die drei vergoldeten Türme des Palastes ragten selbst über die Inneren Mauern hinweg, die die höchsten in Bistaye darstellten. Der Palast verlief mit seiner Größe scheinbar ins Nichts. Jeki hielt nichts von Prunk und Protz. Seiner Meinung nach hatten diejenigen, die ihre Häuser so in den Vordergrund stellten, andere Probleme, die es zu kompensieren galt. Das hätte er den Göttern natürlich nie gesagt. Vielleicht empfand er gerade deshalb Api, den Gott der Vergeltung, am sympathischsten. Api, der selbsternannte Schutzbefohlene der Göttlichen Garde, zog es vor, in der Dritten Mauer anstatt in der Ersten zu wohnen.

Als Erster Offizier hatte Jeki bereits alle Götter persönlich kennengelernt. Alle bis auf Tergon, den Gott der Vergebung. Tergon lebte sehr zurückgezogen und war Menschen und Ikanos nicht sonderlich zugetan. So hatte es ihm zumindest Api erzählt. Jeki jedoch hatte die Vermutung, dass die Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten und Intrigen, die sich außerhalb der Ersten Mauer abspielten, selbst für den Gott der Vergebung etwas zu viel waren. Man konnte eben nicht alles vergeben – das wusste Jeki nur allzu genau.

Er war am Tor der Dritten Mauer angekommen, das weiter ins Innere führte, und musste der Wache nur einen Blick zuwerfen, um durchgelassen zu werden. So unbekannt sein Gesicht auch in jeder anderen Mauer sein mochte, hier, innerhalb der Mauer der Göttlichen Garde, kannte es jeder. Er ging geradeaus, durch mehrere typisch schlicht gehaltene Häuser der hier wohnenden Soldaten hindurch, und seine Füße kamen ihm ungewöhnlich laut auf den hellen Sandsteinplatten vor, die den Boden ausmachten. Vielleicht, weil in seinem Kopf eine merkwürdige Stille herrschte. Was würde Api wohl zu dem sagen, was ihm gerade berichtet worden war?

Er eilte an dem Dom, einem Geschenk der Götter für die außergewöhnliche Arbeit der Göttlichen Garde, und an seinem eigenen Haus vorbei, in das Salia immer noch nicht ganz eingezogen war. Schon bald konnte er das große, türkise Haus des Gottes der Vergeltung erkennen. Da die Mauern nach innen hin immer enger und somit kleiner wurden, dauerte es keine Stunde, die Dritte Mauer im engsten Kreis zu durchlaufen. Dies war eine der Situationen, in der Jeki glücklich über diesen Umstand war.

Das Haus des Gottes, das mit Abstand das auffälligste in der Reihe war, war nicht bewacht.

Wozu auch? Alle wussten, dass er die vier Elemente beherrschte, und niemand wäre dumm genug, auszuprobieren, wie es wohl war, gegen jemand so mächtigen wie ihn zu kämpfen. Es hieß, die Götter schliefen nur drei Stunden pro Nacht – und das im Stehen.

Andererseits hieß es auch, dass Jeki in den Knochen seiner Opfer badete. Der Wahrheitsgehalt solcher Aussagen war also durchaus anzuzweifeln. Die Gerüchte, die in den inneren Mauern kursierten, waren meistens eben das: Gerüchte.

Salia machte sich einen Spaß daraus, selbst Gerüchte in Umlauf zu bringen, eines abwegiger als das andere. Sie hatten mehrmals schon Wetten darauf abgeschlossen, ob die Gerüchte Fuß fassen würden oder nicht. Doch eigentlich wünschte er sich oftmals, dass die Leute sich nicht so sehr mit Klatsch aufhielten. Das würde es zumindest einfacher machen, die Gerüchte von tatsächlichen und für seinen Job wichtigen Informationen zu unterscheiden.

Er blieb vor der großen, weiß gestrichenen Tür stehen, durch die vier Menschen nebeneinander durchgepasst hätten, und klopfte, so, wie er es schon mehr als hundert Mal getan hatte. Doch dieses Mal konnte er spüren, wie sich ein kleiner Knoten in seinem Magen bildete.

Es dauerte keine Minute, bis die Tür von einer jungen Frau, einer Dienstmagd, wie Jeki vermutete, geöffnet wurde. Sie lächelte ihm zu und ließ ihn ein.

„Er ist oben in der Bibliothek.“

Er nickte, senkte seinen Kopf kurz vor ihr – Dienstmagd hin oder her, sie war eine Dame – und lief dann die direkt vor ihm liegenden Treppen hoch.

Das Haus war ihm mehr als nur bekannt. Api hatte es sich angewöhnt, einmal im Monat ein Essen für alle Ikano und einige Soldaten zu veranstalten, das hier stattfand. Außerdem war Jeki als Erster Offizier so etwas wie sein Laufbursche. Wenn Api etwas getan haben wollte, rief er ihn. Das hatte seine Vor- und Nachteile.

Zwar wurde er mit noch mehr Respekt behandelt als ein einfacher Soldat der Göttlichen Garde ohnehin schon, andererseits hatte er auch kaum Freizeit. Worauf ihn seine Verlobte des Öfteren hinwies – obwohl sie genauso, wenn nicht sogar noch arbeitswütiger war.

Jekis Hand glitt das polierte Marmor des Geländers hinauf und er sah kurz an die Decke, an der ein pompöser Kronleuchter hing.

Api war ein sehr menschlicher, aber kein bescheidener Gott. Seine Wände waren mit schweren Gemälden aus fernen Ländern behangen, auf denen Jeki meistens nicht einmal erkennen konnte, was sie darstellten, und seine Böden waren aus Stein. In Bistaye, wo größtenteils nur mit Lehm und Holz gearbeitet wurde, war das eine Besonderheit. Auch die Teppiche, über die Jeki jetzt lief, waren nicht von hier – aber es gab nur wenige Dinge, die ihn weniger interessierten als Teppiche, deswegen hatte er nie nachgefragt, woher sie stammten.

Jeki war am Ende des nur spärlich beleuchteten Gangs angekommen und klopfte an die letzte Tür zu seiner Linken. „Komm herein“, antwortete Api sofort, als wüsste er bereits, wer vor der Tür stand. Und vielleicht tat er das ja auch. Jeki folgte der Anweisung und trat ein.

Api saß in einem Sessel ihm gegenüber und hatte ein Buch auf seinem Schoß aufgeschlagen. Die Titelseite lag nach unten gerichtet auf seinem Knie, deswegen konnte Jeki den Titel nicht lesen.

Der Gott der Vergeltung lächelte zu ihm hoch. „Hallo, Jeki. Ich hatte früher mit deinem Besuch gerechnet.“

Ja, das hatte er auch. „Der Adelsjunge war etwas durch den Wind und hat wohl länger nach Hause gebraucht, als erwartet.“

„Ja, die Adeligen. Haben Angst vorm richtigen Leben.“

Jeki verkniff sich ein Lächeln. Das von einem Gott!

Api erhob sich, das Buch immer noch in seinen Händen. „Ich hoffe doch, du kommst mit guten Nachrichten?“

Jeki wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Waren es gute Nachrichten? „Nun, das gestaltet sich etwas schwierig“, fing er an.

„Schwierig?“ Die Stimme des Gottes war leise, dennoch konnte Jeki jedes einzelne Wort so klar verstehen, als säße er in seinem Ohr. Api ließ das Buch auf einen Tisch nahe der Tür sinken und richtete seine ganze Aufmerksamkeit nun auf den Soldaten der Göttlichen Garde.

Der Gott war alt, über viertausend Jahre, auch wenn man ihm das natürlich nicht auf dem offensichtlichen Wege ansah. Nein. Er hatte weder nennenswerte Falten noch graue Haare. Er war hellblond, eine Spur heller als Jekis eigene Haare, und man hätte ihn auf einen Mann von vierzig Jahren geschätzt, wären da nicht seine Augen gewesen.

Apis violett schimmernde Augen waren so tief und erfahren, dass es schwer war, seinen Blick von ihnen abzuwenden. Er trug eine goldene Robe, die mit einem schwarzen Gürtel um seine Taille befestigt war – so war es Gesetz, damit die Götter immer von den normalen Menschen zu unterscheiden waren –, und einen schlichten goldenen Armreif.

„Dann erzähl mir doch, was schwierig ist“, sagte er und lächelte, seine Hände in die Taschen der Robe gelegt. „Um ehrlich zu sein, habe ich bei ihr nichts anderes erwartet. Ich wäre enttäuscht, wenn es nicht so wäre. Wenn der Ikanojäger so verstört ist, wie du behauptest, dann nehme ich an, sie lebt noch?“

Jeki nickte. „Ja, sie lebt und sie scheint zu den beiden anderen Ikanos gestoßen zu sein.“

„Feuer, Wasser und Luft vereint, was?“ Er seufzte. „Na ja, das wird nicht lange so sein. Was ist mit den adeligen Ikanojägern? Leben sie auch?“

„Sie hat einen getötet, die anderen beiden laufen lassen.“

Stirnrunzelnd fuhr Api sich mit einer Hand über die entstandenen Falten. „Sie hat nur einen getötet?“

Jeki nickte und er kam sich auf einmal etwas merkwürdig ohne seine Uniform vor. So ungeschützt. „Da ist noch etwas … sie scheint ihre Erinnerungen verloren zu haben.“ Bei den Worten sackte sein Herz unfreiwillig etwas tiefer. Jeki war ein Soldat. Er hatte keine Angst – oder zumindest würde er nie zugeben, welche zu haben. Aber in diesem Moment …

Api lächelte. „Wie praktisch. Sie lebt, aber sie hat ihre Erinnerungen verloren? Schade, dass das nicht ewig anhalten wird.“

Jeki atmete nun etwas beruhigter aus. Api schien nicht böse oder überrascht zu sein. „Ihr habt geahnt, dass sie ihre Erinnerungen verlieren könnte?“

Der Gott nickte langsam. „Ja, ich wusste, dass es so kommen könnte.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Was für eine glückliche Fügung, dass es so weitreichend zu sein scheint.“

Jeki blinzelte und sprach schließlich aus, was er dachte. „Ihr wusstet, dass, wenn sie nicht stirbt, ihr Gedächtnis darunter leiden könnte? Davon habt Ihr mir nichts gesagt.“

Api hob belustigt eine Augenbraue. „Verzeihung. Ich wusste nicht, dass ich dich über jeden kleinen Schritt meiner Ahnungen und Handlungen unterrichten muss. Vielleicht sollte ich das nächste Mal lieber um deine Erlaubnis bitten?“

„Nein, das …“ Jeki räusperte sich mit trockenem Hals. „Ich dachte nur, weil sie auch mein Auftrag war, und sie …“

„Jeki. Beruhige dich. Es gibt nichts zu befürchten.“ Api sagte das so selbstsicher, dass der Soldat ihm automatisch glaubte. „Gibt es sonst noch etwas?“

„Nun, sie hat denjenigen, der sie töten wollte, davor gewarnt, dass sie sich rächen würde“, übersetzte er frei die Worte des Adelssohnes.

Der Gott fing laut an zu lachen und holte seine Hände aus den Taschen. „Sollte ich mich jetzt fürchten?“

Auch Jeki musste lächeln. „Vielleicht tätet Ihr besser daran. Sie hat dem Adelssohn ihre Visitenkarte auf der Wange hinterlassen.“

Api ging zur Tür und öffnete sie, immer noch schmunzelnd. „Ich werde mich in Acht nehmen, und bis dahin können wir wohl nur hoffen, dass sie sich nicht zu früh daran erinnert, wer genau sie ist und warum sie getötet werden sollte. Ich werde dich auf dem Laufenden halten, damit du weißt, wann du deinen Auftrag beenden kannst.“

Jeki nickte, nun etwas beruhigter, und folgte Apis unausgesprochener Aufforderung. Bevor er das Zimmer jedoch verließ, warf er noch einen Blick auf das Buch, das der Gott der Vergeltung auf das Tischchen neben dem Eingang gelegt hatte.

Es war: Die Geschichte des Kreisvolkes.

Kapitel 5

Fünftes Gesetz der Bistaye

Flüchtige aus Bistaye sind erst von dem Moment an vogelfrei, an dem sie die Jeferabrücke betreten. Jeder, der einen Flüchtigen bei seinen Fluchtbemühungen unterstützt oder sein Wissen über Fluchtbemühungen eines Einzelnen oder einer Gruppe zurückhält, wird mit dem Tod bestraft.

Nym konnte nicht behaupten, dass sie Leena mochte.
Sie starrte der Brünetten auf den Hinterkopf und legte ihren eigenen schief. Es war offensichtlich, dass Levi mit ihr geschlafen und sie dann wieder abgesägt hatte. Nur dass Leena die Nachricht, dass sie den Laufpass bekommen hatte, scheinbar nicht erreicht hatte.

Sie lief eifrig neben ihm her – hinter ihrem Profil konnte Nym jetzt den Appo erkennen – und redete ununterbrochen. Nym hatte nach den ersten drei Minuten aufgehört, zu lauschen. Es war deutlich an Levis Gesicht abzulesen, dass Leenas Worte nicht sonderlich interessant waren. Da war es besser, sich mit Liri zu unterhalten, die nämlich, im Vergleich zu dem gelben, an Levi klebenden Bonbon, wirklich was zu sagen hatte.

Dennoch fragte sich Nym, wie Levi mit Leena hatte ins Bett gehen können, wo er sie doch offensichtlich unglaublich nervtötend fand? Was war los mit ihm? Eindeutig zu niedrige Standards. Kaum zu glauben, dass er mit Liri verwandt sein sollte. Seine Schwester wusste wohl intuitiv, mit welchen Menschen sie sich abgeben sollte. Dass sie schon jetzt so an ihr zu hängen schien, war Nym Beweis genug.

„Tut es weh, wenn deine Hände brennen? Und kannst du Feuerspucken, so wie ein Drache? Ich hab schon alle Arten von Ikanos gesehen, nur noch nie einen des Feuers! Feuer ist am tollsten!“

Ro räusperte sich bei Liris schnellen und eng aneinandergedrängten Worten ausdrucksstark. „Feuer ist das Tollste? Entschuldige Mal, aber ich kann die gute Nym hier mit einem Handgriff einfach so erlöschen lassen. Wer ist hier also toll?“

Liri errötete leicht und tätschelte dem riesigen Ro entschuldigend die Hand. „Du bist natürlich auch sehr toll! Aber dich kenne ich schon ewig.“ Sie betonte das letzte Wort, als wäre es etwas Schlechtes. „Ich sehe jetzt nicht mehr so das Tolle in dir. Eher so … das Langweilige.“

Gespielt empört schnappte Ro nach Luft. „Langweilig?“

Nym fing an zu lachen und sah den großen Rothaarigen grinsend an. „Keine Sorge. Für mich bist du noch neu. Du musst also erst noch langweilig werden. Gib mir ein oder zwei Tage.“

„Langweilig! Also wirklich. Levi, bin ich langweilig?“

Levi, der erleichtert schien, dass er eine Ausrede hatte, sich von Leena abzuwenden, sah sich um. „Was?“

„Die Mädels meinen, ich sei langweilig.“

Der Ikano der Luft grinste. „Also, für mich als Mann bist du überhaupt nicht langweilig. Du bist das Aufregendste, was mir je passieren konnte. Ist es das, was du hören willst?“

Nym musste noch mehr lachen und schlug Ro gegen die Schulter, so, als würden sie das schon ewig so tun. Sich gegenseitig aufziehen. Ro hatte eine so offene Art, dass Nym sich direkt in seinen Kreis mit einbezogen fühlte.

„Was sagst du, Leena? Bin ich langweilig?“ Er legte seinen Arm um Liris schmale Schultern und spannte seinen Bizeps leicht an.

Leena kicherte. „Du bist nicht langweilig. Natürlich nicht.“

Er ließ Liri los, die einen Ton von sich gegeben hatte, der zwischen Lachen und Röcheln anzusiedeln war, und nickte zufrieden. „Schön, dass wir darüber geredet haben.“

Liri schlug Ro ebenfalls und er fuhr ihr mit seiner flachen Hand über den Kopf, als sie wieder zu Nym hoch sah. „Du hast meine Frage nicht beantwortet. Tut es weh, wenn du brennst?“

Nym schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist sogar sehr angenehm. Warm und kuschelig und …“

„Moment!“, unterbrach Leena sie plötzlich laut. „Was? Wovon redet ihr? Wer brennt?“

„Nym brennt“, belehrte Liri sie, während ihr Zopf fröhlich hin und her wippte. „Sie ist eine Ikano des Feuers.“

Leena starrte Nym an. Sie war stehengeblieben und jetzt schüttelte sie den Kopf. „Nein. Ist sie nicht.“

Verdutzt hielten auch Levi und Rojan an. „Also, entweder haben wir alle heute Morgen zur gleichen Zeit halluziniert oder doch, es ist so, Leena“, sagte Levi schließlich langsam.

Ihre hellblauen Augen wurden groß und rund. „Aber das kann nicht sein! Ich hab die letzten Tage in der Bibliothek ausgeholfen und die Ikanoverzeichnisse neu geschrieben – es gibt in Asavez keine Ikanos des Feuers mehr.“

Gab es nicht?

Nym blinzelte verwirrt und spürte, wie ihre Finger wieder heiß wurden. Wenn es keine Ikanos des Feuers mehr in Asavez gab … wer war sie dann?

Levi schien sich die gleiche Frage zu stellen, denn seine Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, und wieder durchleuchtete er sie, als wolle er unbedingt wissen, welche Farbe ihre Unterwäsche hatte. „Aber sie ist eine. Das bedeutet also, dass sie nie verzeichnet wurde … oder dass du doch eine Bistaye bist.“

Nyms Blut schien schneller durch ihre Adern zu fließen, und der Umstand, dass sie Levis Vermutungen weder bestätigen noch verneinen konnte, machte sie wahnsinnig. Warum sollte sie in Asavez nicht verzeichnet sein? Was, wenn sie doch eine Bistaye war? Und wenn sie eine war, warum hatte sie fliehen wollen? Wer zum Teufel war sie?

„Ihr wisst nicht, wer sie ist?“, fragte Leena in hohem, durchdringendem Tonfall. „Und ihr nehmt sie einfach so mit?“ Vorwurfsvoll wandte sie sich an Levi, denn in ihren Augen trug wohl ganz offensichtlich er die Schuld für alles. „Was ist los mit dir? Du bist doch sonst so neurotisch vorsichtig und skeptisch. Deine Ansprachen darüber, niemandem zu vertrauen, sind legendär.“

Er kratzte sich unbehaglich am Rücken, auf dem immer noch der schwere Rucksack lag. „Sie weiß selbst nicht, wer sie ist, und wir konnten sie doch nicht einfach im Wald lassen … wo sie doch so viele töten wollen.“

Leenas Augen wurden immer größer und Nym fragte sich, ob es möglich war, dass einem Menschen einfach so, von alleine, die Augäpfel aus dem Kopf ploppten. „Seit wann bist du derjenige, der Jungfrauen in Not hilft, die eine mögliche Gefahr darstellen?“

„Moment mal!“ Nym fühlte sich gezwungen, einzugreifen. „Ich stelle überhaupt keine Gefahr dar. Wenn ich euch töten wollte, wärt ihr bereits tot, und ich bin auch sicherlich keine Jungfrau in Not.“ Na gut. Den Part mit der Jungfrau konnte sie nicht mit voller Überzeugung beantworten, aber sie fühlte sich nicht, als ob sie in Not wäre. Sie würde die Vermisstenanzeigen durchgehen, einen Arzt konsultieren und dann … dann würde schon alles wieder gut werden.

„Ich glaube ihr“, erklärte Liri langsam. „Sie sagt zumindest die Wahrheit – und ich glaube auch, dass sie uns alle sofort töten könnte, wenn sie wollte. Nicht dass ich sie kämpfen gesehen hätte.“ Sie warf ihrem Bruder einen bösen Blick zu.

Levi seufzte schwer. „Danke für das Vertrauen in unsere Fähigkeiten, Liri.“

„Bitte.“

Nym errötete leicht. Wie konnte das junge Mädchen sie nach so kurzer Zeit auf so ein Podest stellen? Das war nicht gesund. Außerdem war es fraglich, ob sie im Alleingang gegen die beiden Ikanos – einer davon ein Ikano des Wassers – gewinnen hätte können. Aber es war schön, dass jemand an sie glaubte.

„Hör mal, Leena“, warf Ro ein, der ungeduldig auf seinen Füßen hin- und hergetreten war. „Es hat gar keinen Sinn, da jetzt drüber zu diskutieren. Wir sind gleich in Oyitis, wir nehmen Nym mit, und sie wird ihre Erinnerung schon wiedergewinnen. Bis dahin: Sieh sie doch einfach als eine deiner Freundinnen an, die Hilfe braucht.“

Leena warf Nym einen Blick zu, von dem sie hoffte, dass er so noch nie einer ihrer Freundinnen gegolten hatte, und nickte widerwillig. „Schön. Aber ich sag Provo nicht, dass ihr euch eine Ikano des Feuers angelacht habt, die offensichtlich nicht zu existieren scheint.“

„Nein, das Vergnügen werde ich haben, schätze ich“, flüsterte Levi düster, und dem Grinsen nach zu urteilen, das Ro ihm zuwarf, würde er damit recht behalten.

Sie liefen weiter, einen kleinen Hügel hinab, immer auf den Appo zu. Nym hatte das Gefühl, dass sie schon einmal hier gewesen war – und das war doch ein gutes Zeichen, oder nicht?

Sie umrundeten einen kleinen Berg und gingen jetzt am Ufer des Appos entlang, während die Umrisse der Jeferabrücke sich mit jedem Schritt deutlicher vom Horizont abhoben. Schließlich tat sich ein schmaler Zweigfluss des Appos auf – der Klaverki – der einem flachen Steinbett folgte und an dem kein befestigter Weg entlangführte. Sie kletterten über Geröll und Steine gemischt mit kleinen Flecken Wiese, bis der Strom plötzlich steil nach unten abfiel.

Nym hatte genau gewusst, was für ein Bild sie erwartete. Das machte den Anblick, der sich ihr auftat, jedoch nicht weniger eindrucksvoll.

In drei Ebenen fiel der Klaverki in Form eines Wasserfalls eine Felswand hinab und mündete in einem türkis leuchtenden See, aus dem einzelne Felsen ragten. Um den See herum gab es einen schmalen, weißen Landstrich aus Sand, der in eine grüne Wiese überging, die mit vereinzelten Bäumen geschmückt war. Im Sommer mussten hier eine Menge Blumen blühen, jetzt allerdings war das Land einfach nur hellgrün.

Asavez grenzte an die Kreisberge und einige Nadelwälder und hatte ein mildes, leicht feuchtes Klima. Flüsse und Seen zogen sich durch das Land und nur zwei Monate lang, während des Winters, in dem oft Schnee lag, schien die Vegetation stillzustehen. Im Gegensatz dazu stand Bistaye. Das Land, das direkt an die Sakre-Wüste grenzte, von der niemand wusste, wo sie endete. Sobald man den Appo überquerte, wurde das Klima trockener, heißer und unerbittlicher, was es für viele der Bauern schwierig machte, eine ergiebige Ernte zu erzielen.

Als Nym jetzt auf den See sah, dessen Grund so tief war, dass sie ihn durch das klare Wasser hindurch nicht erkennen konnte, fragte sie sich, warum die Götter nie versucht hatten, Asavez zurückzuerobern. Es war so viel fruchtbarer als Bistaye. Aber vielleicht glaubten sie nicht, dass sie einen Kampf gewinnen konnten.

„… ich halte es nur einfach für keine gute Idee.“

Nym blinzelte und spitzte ihre Ohren. Zugegebenermaßen musste sie sich keine außergewöhnliche Mühe dabei geben, Leenas Worte zu verstehen. Sie war nicht besonders talentiert im Flüstern.

Eine ihrer Hände lag auf Levis Arm, während sie eindringlich auf ihn und Rojan einredete. Nym machte sich nicht die Mühe, jedes einzelne Wort aufzunehmen. Grundlegend ging es darum, dass man einer Fremden, die möglicherweise eine Bistaye war, nicht den geheimen Eingang zur geheimen Hauptstadt vom geheimen Asavez zeigte.

Du meine Güte. So geheim war das alles nun wirklich nicht! „Vielleicht kann ich euch das Ganze ja erleichtern“, bemerkte Nym, nachdem Leenas Kopf bereits rot angelaufen war.

Die Drei wandten sich überrascht um, so als hätten sie alle vergessen, dass diejenige, um die sich ihr Gespräch drehte, körperlich anwesend war.

„Was willst du uns erleichtern?“, fragte Leena skeptisch. Hören tat Nym jedoch: Als ob du etwas anderes könntest, als Dinge zu verkomplizieren.

Sie lächelte süß und verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Der See, oder auch der Oy, umfasst 2,392 Millionen Kubikmeter Wasser und ist an seiner tiefsten Stelle 42 Meter tief. Er friert nie zu und es leben keinerlei Tiere in ihm. Der Klaverki endet hier nicht, sondern verläuft einige Kilometer – 8,45, wenn ihr es genau wissen wollt – unterirdisch weiter, bis er über Land wieder zurück in den Appo fließt. In Oyitis leben zurzeit 1,782 Millionen Menschen. Nur ein Drittel davon sind Frauen, was meiner Meinung nach daran liegt, dass die Asavezische Garde hier ihren Hauptstützpunkt hat und keine Frau es lange mit diesen egoistischen Idioten aushält – aber nach meiner Meinung fragt ja keiner. Ach ja und euer geheimer Eingang ist hinter dem Wasserfall auf dem obersten Plateau, was in meinen Augen nicht wirklich von Originalität zeugt – aber wie gesagt: Nach meiner Meinung fragt ja keiner!“

Mit offenen Mündern starrten die Drei sie an.

„Hat dir einer mit einem Lexikon zu fest gegen den Kopf geschlagen, oder was?“, stieß Levi schließlich hervor, eine Hand an seiner Stirn, als wolle er fühlen, ob nicht er es war, der gerade eins mit einem Buch über den Kopf gezogen bekommen hatte.

Nym zuckte bescheiden mit ihren Schultern. „Ich habe anscheinend ein wirklich gutes Gedächtnis.“ Levi hob ironisch eine Augenbraue und verärgert verdrehte sie die Augen. „Zumindest für alles außer mich selbst.“

„Mhm … über dein Gehirn wird sich der Arzt bestimmt freuen. Wenigstens kannst du dich jetzt nicht mehr aufregen, richtig?“, fügte er an Leena gewandt hinzu.

Nym bezweifelte stark, dass es einen Moment in Leenas Leben gab, in dem sie sich nicht über irgendwas aufregte, sprach diesen Zweifel jedoch nicht aus. Sie wusste, wie tief der See war und auch, wann es besser war, die Klappe zu halten.

„Schön“, knurrte Leena, sichtlich unzufrieden damit, wie sich die Situation entwickelt hatte. „Ich geh vor! Ro, wärst du so nett …?“

Rojan, den Nym bis jetzt fast nur amüsiert gesehen hatte, machte einen albernen Knicks vor ihr und hob dann eine Hand zum Wasser, so als wolle er ihm zuwinken.

Der Klaverki grüßte zurück, indem er augenblicklich anfing, seine Fließrichtung so zu ändern, dass eine Schneise durch ihn hindurch bis zum Rande des Wasserfalls führte. Flache, glatte Steine fielen dahinter ab und bildeten eine Treppe den Wasserfall hinunter. Na ja, eine notdürftige Treppe.

„Danke“, sagte Leena angesäuert, sprang ins praktisch flache Flussbett und lief los. Kaum, dass sie in der Mitte angekommen war, krümmte Ro einen Finger, und für einen kurzen Moment schwappte Wasser nach oben und auf Leena zu.

Das Mädchen kreischte auf und schlug sich die Hände über den Kopf, doch das Wasser erreichte sie nie. Ro ließ es wieder zurückschwappen, bevor Leena auch nur einen Tropfen abbekam.

„Das ist nicht witzig, Ro!“, quiekte sie und sah ihn über ihre Schulter hinweg düster an.

Ro grinste und Nym senkte ihren Kopf, um ein Lächeln zu verbergen. „Es ist witzig“, murmelte sie dem großen Rothaarigen zu, und seine verschmitzten Augen ließen erahnen, dass er der gleichen Meinung war. Er machte auch vor ihr einen Knicks und mit dem Arm, der nicht das Wasser kontrollierte, eine einladende Geste Richtung Fluss. „Nach Euch, werte Damen.“

Ob sie als werte Dame zählte, wusste Nym nicht, doch sie folgte Liri den schlammigen Boden entlang, in den ihre Schuhe einsanken.

„Es ist viel lustiger, wenn Ro nicht dabei ist“, bemerkte Liri, als sie die steinernen Stufen erreicht hatten, die hinunter auf das erste Plateau und in den Wasserfall hineinführten, der wie der Fluss von Ro geteilt worden war. „Dann wird man nämlich so richtig nass!“

Nym bedauerte augenblicklich diejenigen, die keinen Ikano des Wassers dabeihatten, der ihnen eine trockene Durchquerung ermöglichte. Die anderen würden den schwierigeren Weg das Geröll herunter und dann durch den Wasserfall hindurch nehmen müssen. Der örtliche Arzt musste mit einer Menge Erkältungen und Knochenbrüchen zu kämpfen haben.

„Ich mag Wasser nicht besonders“, murmelte sie und griff instinktiv nach Liris Schulter, um sie vor einem Fall zu bewahren, als die Füße des Mädchens auf einem glatten Stein wegrutschten.

„Welch eine Überraschung“, murmelte jemand hinter ihr. „Die Ikano des Feuers ist wasserscheu.“

Nym entschied, Levis Aussage unkommentiert zu lassen, und richtete ihren Blick stur nach vorne.

Das durchscheinende Wasser hier war flach und die Steine führten wendeltreppenartig unter den Felsvorsprung, über dem der Fluss abbrach. Sobald auch Ro unter dem Fels war, ließ er seine Hand kaum merklich sinken. Sofort floss der Klaverki wieder normal, und durch die Schicht Wasser, die direkt vor ihren Gesichtern wieder nach unten fiel, konnte Nym die grünen Wiesen dahinter nur noch verschwommen erahnen.

Die Wassermassen dröhnten in ihren Ohren und sie war froh, als sie Leena und Liri in einen schmalen Spalt folgen konnte, der in den Berg hineinführte. Es war dunkel in dem Gang, dem sie einige Augenblicke folgten, und die Luft roch feucht und schwer. Die Felswände standen hier so eng aneinander, dass es für eine Gruppe Menschen unmöglich war, nebeneinanderher zu gehen, und als Nym über Liris Schopf hinwegsah, konnte sie Licht erkennen, das ihr aus nicht allzu weiter Ferne entgegendrang. Liri flötete vor sich hin, und in ihrem Nacken konnte sie Levis Atem federweich spüren. Seine Nähe war ihr unbehaglich und sie wäre gerne schneller gelaufen – aber sofern sie Liri nicht umrennen wollte, war das unmöglich.

„Weißt du, ob du schon einmal in Oyitis warst?“, fragte Levi hinter ihr leise.

Nym zuckte die Schultern. „Ich wusste, wo der Eingang ist, oder?“

„Viele Leute wissen, wo der Eingang ist. Er ist längst nicht mehr so geheim, wie alle es gerne hätten. Das bedeutet nicht, dass sie schon einmal hier waren. Du wusstest das mit diesen komischen Schmetterlingen auf den Kreisbergen: Bedeutet das, dass du auch schon einmal dort warst?“

Natürlich war sie noch nicht in den Kreisbergen gewesen. Niemand ging in die Kreisberge.

„Stimmt, du hast recht“, sagte sie mit süßlicher Stimme. „Ich wusste ja auch, dass du ein Blödmann bist, obwohl ich dich noch nicht kannte.“

Sie konnte sein Schnauben ihre Wirbelsäule hinunterklettern spüren, doch bevor er etwas erwidern konnte, hatte Leena bereits die graue Tür erreicht, durch die das Licht drang. Sie war nicht verschlossen, sondern nur angelehnt, und sobald Nym durch die Öffnung getreten war, wurde ihr klar, dass sie noch nie in Oyitis gewesen war.

Es war egal, dass sie wusste, wo der Eingang war, und dass ihr augenblicklich ein Grundriss der Stadt durch den Kopf blitzte – diese Aussicht hätte sie niemals vergessen. Eher hätte sie ihren eigenen Namen … na gut. Eher hätte sie vergessen, wie man atmete.

Sie stand auf einer Klippe, die mit einem Geländer aus weißem Holz umgeben war – wahrscheinlich, um die Anzahl der Menschen, die hier hinunterstürzten, auf ein Minimum zu beschränken. Hinter der Klippe klaffte ein dunkles Loch. Nur dass es kein Loch war, sondern ein überdachtes, grünes Tal, das von einer Vielzahl an steinernen Vorsprüngen und Klippen umgeben war. Auf einer davon standen sie. Auf jedem Vorsprung standen einzelne Häuser, manche davon sogar in den Stein hineingeschlagen, doch die Stadt an sich lag im Tal, das gut dreißig Meter unter ihnen lag und durch das ein kleiner Zweigfluss des Appos oder des Klaverkis floss, von dem sich Nym sicher war, dass sie in ihm hätte stehen können.

Die Dächer der Häuser, auf die sie nun hinabsahen, waren allesamt dunkelgelb und hellblau und auch die Schindeln, mit denen sie belegt waren, kamen Nym nicht bekannt vor.

„Du warst noch nie hier“, sagte Levi neben ihr amüsiert.

Nym brauchte nicht den Kopf zu schütteln, denn es war keine Frage gewesen.

Leena war vorgelaufen und hatte sich an das Geländer gestellt, wo sie jetzt an einer kleinen Glocke zog, die um einen der Holzbalken gebunden war. Das Geräusch des Läutens war so grell, dass Nym unfreiwillig zusammenzuckte.

Nein. Hier war sie sicher noch nie gewesen.

Liri kicherte und lief ebenfalls an den Rand zum Geländer, in dem, wie Nym jetzt bemerkte, zwei Scharniere eingelassen waren, an denen man einen Teil des Gerüsts nach hinten öffnen konnte.

„Ich hoffe, du hast keine Höhenangst“, grinste Levi, bevor auch er nach vorne ging und nach unten sah.

Höhenangst?

Sie machte ein paar Schritte zu den anderen hin und war erleichtert, als ihr Magen in keinster Weise auf den steilen Ausblick nach unten reagierte.

Keine Höhenangst … aber was taten sie hier? Offensichtlich warteten sie auf etwas.

Sie hatte den Gedanken kaum gedacht, als ein leises Knarren ertönte und etwas, das aussah wie ein hölzerner und nicht sehr stabiler Käfig, an Eisenseilen, die vor dem Hintergrund der dunkeln Felsen, überhaupt nicht erkennbar gewesen waren, vor ihnen nach oben gezogen wurde. Er hielt genau an der Stelle, an der Leena das Gatter geöffnet hatte.

Nym mochte sich nicht an viele Dinge erinnern, aber sie meinte mit ziemlicher Sicherheit sagen zu können, dass sie nicht lebensmüde war. Und dieser Käfig machte ihr mehr Angst, als es jeder Ikanojäger gekonnt hätte.

„Äh … gibt es denn keine … Treppe?“, fragte sie niemanden bestimmten.

Ro, der immer noch hinter ihr gestanden hatte, lachte leise. „Oh, doch sicherlich.“ Er nickte nach rechts, wo schmale Stufen, ebenfalls durch ein hölzernes Geländer begrenzt, in die Schwärze führten. „Du kannst sie gerne benutzen. Wir sehen uns dann in zwei Tagen, wenn du unten bist. Ach ja und es ist feucht hier. Ich würde mich also nicht so auf das Geländer verlassen.“

Zweimillionenneunhunderttausendundvier Stufen, schoss es Nym durch den Kopf, während kurz vor ihrem inneren Auge das Treppenmuster aufblitzte, das sich im Zickzack durch die verschiedenen Ebenen, einmal um das ganze Tal und durch verschiedene Teile des Berges zog.

Sie blinzelte und das Bild war verschwunden.

„Aber sind diese … Käfige nicht auch aus Holz?“, gab sie zu bedenken, ihre ratternden Gedanken für einige Momente ignorierend.

„Doch, aber sie werden monatlich gewartet und ausgebessert. Sie sind vollkommen sicher.“

„Es gab also noch nie Unfälle?“

Ro zuckte die Schultern und hielt ihr das Gatter auf, das Leena fallen gelassen hatte. „Keine, die mit der Technik zu tun hatten. Allerdings gab es die ein oder andere Ehefrau, die sich nicht umständlich scheiden lassen wollte, nachdem ihr Mann sie betrogen hatte … Damen zuerst.“

Na prima. Solange Leute nur in ihren Tod geschubst wurden, war ja alles super. Nym sah kurz zu Leena, die sie immer noch skeptisch betrachtete, entschied dann aber, dass sie von ihr nichts zu befürchten hatte. Vorerst.

Sie hielt einen Seufzer zurück, ignorierte das Knarzen unter ihren Füßen und versuchte, nicht daran zu denken, dass die Gitterstäbe so stabil wirkten, wie Liris kleine Finger.

Sobald Ro die Tür hinter ihnen mit einem Eisenbolzen verschlossen hatte, setzte sich der Aufzug in Bewegung, doch es dauerte nicht lang, bis er zwei Ebenen weiter unten erneut anhielt, weil andere Fahrgäste hinzusteigen wollten.

Die zwei älteren Frauen nickten Levi und Ro lächelnd zu, hoben kurz ihre Augenbrauen in Nyms Richtung, sagten jedoch nichts weiter. Als ob sie wissen könnten, dass sie nicht zu ihnen gehörte. Es gab 1,782 Millionen Menschen hier! Sie konnten unmöglich alle kennen.

„Wir gehen am besten direkt zu Provo“, murmelte Levi. Nym konnte seinen Blick im Nacken spüren und sie wusste, dass sie in diesem ‚wir‘ mit eingeschlossen war. „Ist er in seinem Büro, Leena?“

Das Mädchen zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich schon. Ich glaube, alles, was er getan hat, ist, auf euch zu warten.“

Provo. Kurz für Provodes, der inoffizielle Anführer der Asavez, seit über vierzig Jahren. Selbst Flüchtiger aus Bistayes Kern, Fünfte Mauer. Kein Ikano, dafür äußerst bewanderter Schwertkämpfer. Keine Kinder, keine Frau. Berührt niemanden. Es heißt, er habe Angst vor Keimen.

Fakt um Fakt strömte in Nyms Bewusstsein und das Wissen über den Anführer der Asavez häufte sich zu einem Berg an, der fast den überragte, den sie über Levi in ihrem Kopf herumtrug. Provo war ein fairer, gerechter Mann, der Menschen, die Fehler machten, vergab. Solange dieser Fehler niemanden aus seinem Volk mutwillig beschädigt hatte.

„Alles okay mit dir?“ Nym blinzelte und sah Liri an, die neugierig zu ihr aufschaute. „Du bist etwas blass geworden. Hast du doch Höhenangst?“

Sie schüttelte den Kopf. Tatsächlich war ihr in den letzten Sekunden nicht bewusst gewesen, dass sie sich bewegten. Nein. Sie hatte Angst vor ihrem Wissen. Vor dem, was ihr in den Geist sprang, wie ein Raubtier aus dem Gebüsch.

Sie sah über ihre Schulter zu Levi, der konzentriert aus dem Gitter sah. Augenblicklich wusste sie, dass er einssiebenundachtzig groß war und nie in einer Rüstung kämpfte, weil sie ihn in seinen Bewegungen einschränkte. Er hatte niemandem je erzählt, warum er aus den bistayischen Mauern geflohen war. Das Einzige, was bekannt war, war, dass er aus der Sechsten Mauer kam – und dass er kurz vorm Verdursten gewesen war, als Rojan ihn vor fast zwölf Jahren am Fuße der Jeferabrücke gefunden hatte.

Nym hätte jetzt gerne ihren Kopf aufgeschlitzt, um einen Blick dort hineinzuwerfen. Es war unglaublich frustrierend, über jeden der Anwesenden mehr zu wissen, als über sich selbst. Na gut. Abgesehen vielleicht von den zwei älteren Frauen, die jetzt, kaum fünf Meter über dem Boden des Tales, ausstiegen.

Mühsam zog sich Nym wieder aus ihren Gedanken zurück und konzentrierte sich stattdessen auf ihre Umgebung.

Der hölzerne Aufzug hatte den Boden erreicht, und es war merkwürdig, die Häuser, die von oben so klein und übersichtlich ausgesehen hatten, nun aus nächster Nähe zu betrachten.

Insgesamt fragte sich Nym, warum es hier unten immer noch so hell war. Es war nicht viel dunkler als draußen, unter der echten Sonne.

Sie trat aus dem Holzgefängnis und ihr Blick schweifte nach oben an die Felsdecke, die die Stadt schützte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass es sich nicht um eine massive Steinmasse handelte. In der Mitte gab es einen breiten, feuchtglänzenden Streifen aus Stalaktiten, der an seinem Ende tief in die Höhle hereinragte. Über dem Gestein, da war sich Nym sicher, floss wohl der Klaverki und der Bauch aus Fels konnte nur die Unterseite des Oy sein. An den Seiten der Felswände wies der Stein jedoch immer wieder große, teilweise mit Gras oder Flechten bewucherte Löcher auf, durch die spärliches Sonnenlicht fiel, das den Boden der Höhle befleckte. Der Himmel war dahinter nicht klar zu erkennen, aber man konnte schmale Streifen von Blau erahnen.

Hm. Sie hoffte doch sehr, dass es vor diesen Löchern irgendwelche Schilder gab, damit unschuldige Menschen nicht hier hinunterstürzten …

„Zwei in zehn Jahren“, murmelt Ro neben ihr, als Leena die Tür des Lifts öffnete.

„Was?“

„Zwei Menschen sind innerhalb von zehn Jahren in eines dieser Löcher gefallen – das ist es doch, was du dich gefragt hast, oder?“

Nym musste lächeln. „Zwei in zehn Jahren?“ Das war kein schlechter Schnitt.

„Kommst du mit zu Provo, Ro?“, fragte Levi, als sie allesamt ausgestiegen waren und andere Bewohner den Lift bereits für sich in Anspruch genommen hatten.

„Ah, nein, entschuldige. Du hast ja die Pergamente, oder? Ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich reinschneie und sie mir Essen kochen darf.“

Schnaubend schob Levi seinen Rucksack höher auf die Schultern. „Du Held. Was du alles auf dich nimmst, um deine Mutter glücklich zu machen.“

„Ich weiß“, grinste Ro. „Sie wollte eigentlich auch, dass ihr beide kommt. Aber ich hab ihr gesagt, dass ihr mir zu viel wegesst.“

„Du bist nur neidisch, weil sie mich lieber mag.“

„Ja, das auch. Euch durfte sie sich als Kinder aussuchen. Ich bin ihr einfach aufgezwungen worden … aber sieh zu, dass du trotzdem nachher mal mit Liri vorbeikommst“, murmelte er dann leiser, sodass Nym sich nicht sicher war, ob es okay war, dass sie auch zuhörte. „Du bist fast genauso ein Sohn für sie wie Liri ihre Tochter – und sie ist sowieso schon angesäuert darüber, dass du sie mitgenommen hast.“

„Ich hab sie nicht mitgenommen, sie …“

„Jaja, du lässt dich von ihr herumkommandieren, schon klar“, grinste er und schlug ihm auf die Schulter. Er tat das Gleiche bei Nym – nur etwas sanfter – und drückte Liri kurz an sich. Leena hob er nur die Hand entgegen, weswegen sie beleidigt die Unterlippe nach vorne schob. Ro bemerkte es nicht einmal. Er sah nicht aus wie die Art von Mann, der sich die Zeit nahm, auch noch auf die Gefühle von Frauen zu achten. „Wir sehen uns. Bestimmt schneller, als mir lieb ist … das gilt natürlich nur für dich, Levi.“

Er zwinkerte ihnen zu und lief dann die Hauptstraße der Stadt hinauf, die nicht gepflastert war, sondern aus festgetretener Erde zu bestehen schien.

Die bunten Häuser, die sich aneinanderreihten, hatten viele Fenster mit offenstehenden Läden aus Holz, die kunstvoll mit Stuck verziert und von echten Blüten umrahmt wurden. Kinder spielten in wild wuchernden Vorgärten, rosa blühende Bäume sprossen an scheinbar willkürlich gewählten Plätzen aus der Erde und sogar bunte Vögel hatten den Weg unter die Erde gefunden. Sie umkreisten den weißen Qualm, der aus dem einen oder anderen Schornstein stieg, und verwischten zu flatternden Farbflecken in der Luft. Nym hätte nichts dagegen gehabt, einmal durch die Stadt zu schlendern, aber Levi hatte andere Pläne.

„Wir müssen hier lang“, murmelte er, und Nym konnte kurz seine Hand in ihrem Rücken spüren, die sie nach rechts auf eine Steinwand zu schob. „Leena, ich weiß, du sagtest, du willst Provo nicht über Nym informieren … Aber macht es dir was aus, Provo doch schon einmal Bescheid zu geben? Ich will noch kurz meine Sachen zu Hause abladen.“ Er wartete nicht einmal auf eine Antwort, sondern ließ sie einfach stehen.

Es war unhöflich, aber effektiv. Nym hatte so eine Ahnung, dass Levi Effektivität Höflichkeit immer vorziehen würde – und sie wusste, dass es bei ihr genauso war.

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Funke des Erwachens (Fantasy, Liebe, Abenteuer)