Lade Inhalt...

Japan (Kurzgeschichte, Krimi)

von Thomas Lang (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über die Kurzgeschichte

Humorvoll und spannend beleuchtet Thomas Lang die Eigenheiten japanischer Kultur – und zwar nicht aus der Perspektive eines gewöhnlichen Touristen, sondern als Besatzungsmitglied auf einem Frachtschiff, wo er die seltene Chance erhält, ein japanisches Kollektiv über einen längeren Zeitraum begleiten zu dürfen. Seinen Wirtschaftsthriller Der Weg des Schwerts würzte Thomas Lang mit spannendem Hintergrundwissen über Japan. Seine Recherchen zu dem Japan-Thriller brachten ihn an aberwitzige Orte und in jede Menge verrückter Situationen, die er in Japan dem Leser mit viel Witz und Liebe zur Kultur nahebringt – ganz ohne touristische Klischees.

Impressum

Logo150px

Erstausgabe Oktober 2017

Copyright © 2017, booksnacks,
ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-96087-263-4

Titel- und Covergestaltung: Sarah Schemske
unter Verwendung eines Motivs von
© pixabay.com
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Japan



Thomas Lang

Frühstück mit Fisch

Japan ist ein kompliziertes und rätselhaftes Land. Es hilft dem Reisenden beim komplexen Vorgang des Verstehens, wenn er beispielsweise auch einmal mit dem Auto nach Japan fährt und/oder mit einem Frachtschiff die Rückreise antritt. Nicht weil ihm das im Land der aufgehende Sonne (so die wörtliche Übersetzung von Nippon) zu Recht Prädikate wie durchgeknallt einträgt, sondern weil dem Chronisten zum einen klar wird, wie weit entfernt dieses Land von seiner europäischen Heimat entfernt ist, und zum anderen, weil er auf See und auf dem weiten Weg zu einer eigenen Kajüte mehr über Japan erfährt, als aus tausend Büchern und Reiseführern. Am Ende genug, damit der Gaiin mehr als zwei Jahrzehnte später den kühnen Gedanken fassen wird, einen Thriller zu schreiben, in dem Japan die zentrale Rolle spielt.

Wie gesagt, Japan ist kompliziert und komplex. So sehr, dass das Thema nur zu einem Booksnack verarbeitet, daraus eine vollwertige Mahlzeit entsteht. Zur besseren Bekömmlichkeit ist dieser Snack wie eine Sushi-Platte angerichtet: In mehreren Bissen, sprich Kapiteln.

P.S.: Die Zutaten für diesen Snack haben über die Jahre im Einzelfall vielleicht ein wenig Hautgout der Verklärung angenommen. Die folgende Geschichte spielt 1992.

ichi

Toshiyuki Hayashida mustert mich eingehend und stumm. Der Kapitän ist untersetzt, einen guten Kopf kleiner als ich, trägt ein flaches Gesicht mit buschigen Brauen, das oben eine weiße Uniformmütze mit schwarzem Schild abschließt. Mit ihrem dichten Grauschleier kann sie sich nicht entscheiden, ob sie schon so viel von der Welt oder einfach nur bessere Tage gesehen hat. Derartige Kopfbedeckungen seemännischen Führungspersonals haben eine gewisse Popularität durch Filme erlangt, in denen deutsche U-Boote und ihre Besatzungen im Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle spielen. Die in der Regel dazu verdammt sind, zum Ende der Spielhandlung unter Teppichen von berstenden Wasserbomben der Alliierten abzusaufen: Tiefe 250? Jawohl, Herr Kaleun! Das muss das Boot abkönnen!

Trotz der grundsätzlichen Probleme eines weißen Teufels, das Alter eines Asiaten zuverlässig taxieren zu können, schätze ich mein Gegenüber auf Ende Fünfzig.

Die Einrichtung der Kapitänskajüte kreuzt irgendwo zwischen geräumig und gemütlich. Die Atmosphäre wirkt ein wenig schummrig. Das Inventar mit holzgetäferten Wänden ist dunkel gehalten. Die beiden Bullaugen weisen als einzige Fenster für den gesamten Raum allenfalls den Durchmesser einer Familienpizza auf. Das Mobiliar erfüllt nicht alleine die Anforderungen an ein Arbeitszimmer. Auf der linken Seite befindet sich eine Sitzgruppe mit zwei Sesseln und einem Sofa, die zu unbenutzt aussehen, um bequem sein zu können. Hinter der Türe zu meiner Rechten vermute ich den Privatbereich meines Gastgebers mit seiner Koje.

Der Kapitän nimmt im frugalen Ledersessel hinter seinem Schreibtisch Platz und weist mir mit einer knappen Geste seiner Rechten den Besucherstuhl vor dem Tisch zu, dessen Oberfläche mit einer grünen Schreibunterlage aus Leder, einer Schale mit Schreibgeräten, einer Lampe, einem Stapel mit Papieren und einem großen Aschenbecher bedeckt ist. Dessen quantitativ eindrucksvoll aufgehäufter Inhalt lässt nur einen Schluss zu: Hayashida-san ist Kettenraucher.

Die Miene im Gesicht meines Gegenübers verharrt in Starre. Wie die einer Maske aus dem No-Theater. Er nimmt seine Mütze ab, legt sie neben die Schreibtischunterlage und greift in die Tasche seines dunkelblauen Uniformrocks, um eine Schachtel Mild Seven und ein goldenes Feuerzeug hervorzuholen. Beim Öffnen der Schachtel durchdringt ihn die Einsicht seiner für einen Japaner heiligen Verpflichtung, als Gastgeber stets in makelloser Perfektion reüssieren zu müssen. Er hält mir die geöffnete Schachtel entgegen, bevor er sich selbst bedient. Ich nicke mit Freundlichkeit wie aus billigem Kunststoff gepresst, während ich zugreife.

„Arigato. Domo arigato.“

Ich revanchiere mich, indem ich dem Kapitän Feuer reiche. Mild Seven sind das qualmbare Äquivalent zu Lightbier. Freilich stark verdünnt mit handwarmem, stillem Mineralwasser und praktisch ohne Hopfen gebraut. Wenn ich eines fernen Tages die Entscheidung fassen sollte, das Rauchen an den Nagel zu hängen, werde ich mir zur Unterstützung des Entzugs eine Stange Mild Seven besorgen.

Meine basisjapanische Dankesformel scheint Hoffnung im Kapitän zu wecken. Er zwingt seine Mundwinkel zu einer mimischen Übung, die ich in meiner stets sonntagskindlich-optimistisch orientierten Gemütslage als Phantasie eines Lächelns interpretieren möchte. Ich würde meinen gesamten Besitz für die Richtigkeit meiner Einschätzung verwetten, dass ich im Augenblick in Herrn Hayashidas Liste aller denkbaren persönlichen Heimsuchungen irgendwo zwischen der vereiterten Wurzel eines Backenzahns im Unterkiefer, einer Steuerprüfung und einem halben Dutzend eingewachsener Zehennägel rangiere. Denn ich bin in den kommenden 31 Tagen Gast auf der Toshigi Maru. So lautet der Name des Schiffs, das Kapitän Hayashida befehligt. Ein Gast, den der japanische Automobilhersteller Nissan seinem Mitarbeiter Hayashida auf das Auge gedrückt hat. Somit habe ich den offiziellen Status eines o-kyaku-san inne, eines ehrenwerten Gastes. Aber in Wahrheit bin ich nur ein yoso no hito, ein Fremder, der nicht zum uchi dieses Schiffs, der Firma, der gesamten japanischen Kultur gehört. Ich bin ein Außenstehender. Als Gaijin habe ich nicht den Hauch einer Chance, mich wenigstens für den Standard eines geistig minderbemittelten, motorisch desorganisierten japanischen Tölpels zu qualifizieren, über den sich ein frustrierter Sohn Nippons mit einem herzhaften bakayarō! Luft machen kann.

Die Toshigi Maru wird morgen um die Mittagszeit von Yokohama auslaufen. Mit einem Bauch voll neuwertiger Automobile. Einen Tag später soll das Handelsschiff im Hafen von Kyushu an der nördlichen Küste der südlichen Hauptinsel Japans mit weiteren Fahrzeugen bestückt werden, sodass neben mir etwa 6000 fabrikneue Automobile, beziehungsweise Teilesätze, eine Reise antreten, die binnen Monatsfrist im Hafen von Amsterdam enden wird. Zwischenstopps unwahrscheinlich, aber nicht gänzlich ausgeschlossen.

Mit dieser Passage, über die ich in einer Autofachzeitschrift berichten will, geht für mich ein seit Kindertagen gehegter Wunsch in Erfüllung. Schuld daran trägt mein Urgroßvater. Ex-Kurantmarkmillionär Friedrich Aisenbrey. Dieser Ahn, Jahrgang 1874, ererbte sein Vermögen durch den friedlichen Heimgang seines hochbetagten Vaters Johann Caspar Aisenbrey 1898. Der hatte seinen Reichtum mit dem industriellen Schneidern von Uniformen für Armeen, Feuerwehren und Polizisten erworben. Ebenso wie mit goldbetressten Maßanfertigungen für den Potenten von Welt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Friedrich, der studierte Ingenieur für Schiffs- und Wasserbau, hatte unmittelbar beim Eintritt des Vermögensfalls auf die mahnenden Stimmen seiner als subjektiv fragil empfundenen Gesundheit gehört und seinen Broterwerb an den Nagel gehängt. Um sich auf eine ausgedehnte Kavaliersreise zu begeben, die ihn innerhalb von knapp zwei Jahren einmal um die ganze Welt führen sollte.

Zu den wenigen Artefakten der überschaubaren urgroßväterlichen Hinterlassenschaften (er verdaddelte seine Kurant-Millionen im ersten Weltkrieg mit dem Zeichnen von Kriegsanleihen) hatte eine Kladde gehört, die mit hunderten von Blättern gefüllt war. Auf den Seiten aus Seidenpapier hatte mein Urgroßvater in akkurater Sütterlinschrift seine Erlebnisse und Eindrücke der Reise fixiert. In einem eigenwilligen manierierten wie spröden Stil, der wohl dem Zeitgeist entsprochen hatte: „Der Koch war ein Gelber und Heide aus Mauritius, ein Teil der Mannschaft Schwarze aus unseren Kolonien…“

Die erste Etappe seiner Reise hatte den alten Fritz in gut vier Monaten mit einem Segelklipper, der Eisenbahnschienen, Konzertflügel und etliche Tonnen Dynamit geladen hatte, von Hamburg nach Melbourne in Australien geführt. Das Schiff mit dem Urgroßvater an Bord, war seinerzeit in den gleichen Breiten des Atlantiks in einen Hurrikan geraten, wie die Pamir im September 1957, sodass die zeitgenössische Presse auf die Beschreibungen meines Ahnherrn zurückgriff, um authentische Schilderungen der Atmosphäre während des Sturms auf einem Segelschiff veröffentlichen zu können, der im Fall der Pamir schließlich 80 Mann der Besatzung das Leben gekostet hatte.

Die Vorstellung, dass ich über einen Urgroßvater verfügte, der persönlich ein solch atemberaubendes Abenteuer gewagt hatte, hatte mich nicht nur über die Jahre meiner Kindheit mit Nachdruck fasziniert. Ich hatte mir damals fest vorgenommen, selbst einmal mit einem Frachtschiff von einem Kontinent zum anderen zu reisen, wenn ich nur erst alt genug dafür wäre.

Diesen Wunsch habe ich nie aus den Augen verloren. Auch wenn mit wachsendem Alter die authentische Wiederholung der Reise mangels aktiver Segelklipper im Frachtverkehr zu meinem großen Bedauern nicht mehr möglich war.

Meine Arbeit bei einer Automobil-Fachzeitschrift, und die daraus resultierenden engen Kontakte zu japanischen Autofirmen, rückten die Erfüllung meines Reisewunschs ab den späten Achtzigern in realisierbare Nähe. Denn deren Produkte gelangten damals praktisch ausnahmslos via Schiff über rund 12.000 Seemeilen nach Europa. Natürlich hätten es mir meine Mittel erlaubt, einfach eine Passage auf einem Frachtschiff zu buchen, das auch Passagiere an Bord aufnimmt. Doch ein solches Vorgehen erschien mir stets als zu profan, weil ich mich nicht von der Überzeugen abbringen ließ, dass man für seine große Fahrt auf einem Frachtschiff anheuert und nicht einfach eine Fahrkarte löst. Eine Kreuzfahrt inmitten reicher aber unkultivierter Rentner mit verschwenderischen Buffets, Kapitänsdinner und Nachspeisen dekoriert mit funkenspeienden Wunderkerzen wäre als Alternative nie in Frage gekommen. Eine Kreuzfahrt bildet für mich noch heute das real existierende Äquivalent zu Dantes Inferno. Ich würde niemals an einem Preisausschreiben teilnehmen, bei dem es eine Kreuzfahrt zu gewinnen gibt. Ich hätte zu viel Angst zu gewinnen.

Über Jahre insistierte ich bei Toyota mir meinen Wunsch zu erfüllen. Trotz der persönlichen, freundschaftlichen Beziehungen zu Mitarbeitern der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und der regelmäßigen gemeinsamen Reisen nach Japan versagte ich komplett, meine Ansprechpartner von der Ernsthaftigkeit meines Anliegens dergestalt zu überzeugen, dass sie meinen Plänen zustimmen wollten. Genau gesagt, waren meine Ansprechpartner in der Kölner Toyota Zentrale nicht in der Lage, ihren japanischen Kollegen glaubhaft zu vermitteln, dass es sich bei meinem Vorhaben keineswegs nur um eine jener allseits gewärtigen Verirrung des Geistes und der Sinne handelt, die eine närrische Langnase nach einhelliger Ansicht der überwiegenden Mehrheit japanischer Zeitgenossen unentwegt bedrängen. Da es die kulturelle Tradition des Landes auf der anderen Seite verbietet, einem Fremden mit Nachdruck zu bescheiden: Vergiss es Baby! Wenn dessen Anliegen nicht überzeugen können, verfolgen Japaner eine subtilere Strategie, um Ablehnung zu strukturieren: Ignorieren, ignorieren und nochmals ignorieren! Diese Hochleistungsignoranz wird freilich stets auf einem Bett vom zauberhaften Lächeln angerichtet. So lange, bis der Gaijin zu guter Letzt resigniert, die Lust an seinen Spinnereien verliert und sich schließlich von seinem Vorhaben verabschiedet. Egal, wie lange das dauern mag.

Um endlich Nägel mit Köpfen zu schmieden, wandte ich mich im Frühsommer 1991 an Nissan. Auch dort erntete ich zuerst abschlägiges Kopfschütteln. Doch nachdem ich noch einige Dutzend Male mit Nachdruck gemault, gebittelt, gebettelt, gequängelt und gedroht hatte, Seppuku-begehen zu müssen, wenn mir die Erfüllung meines bockigen Begehrens nicht gewährt würde, setzte sich die Maschinerie in Gang und schon Ende September 1992 bestätigten die Japaner meine Reise ab Mitte November.

Wer sich mangels Erfahrungen mit Aufenthalten im Ausland zur Ansicht versteigt, dass es sich bei Deutschland um den Hort der weltweit am höchst entwickelten Bürokratie handelt, der hat mit Sicherheit noch nie in seinem Leben Japaner mit einem Anliegen von offizieller Tragweite bedrängt. Was Regelwut und Kreativität beim Errichten bürokratischer Hürden anbelangt, so ist das Land der aufgehenden Sonne unbestritten die Heimat der weltweit führenden Profis für verwaltungstechnisch basierte Zwangshandlungen.

Dies zeigte sich rasch, als meine Reisepläne bei ihrem Marsch durch die Distanzen ein grundsätzliches Problem offenbarten. Das Befördern von profanen Reisenden — oder noch schlimmer: Touristen! — auf einem Frachtschiff, das unter japanischer Flagge registriert ist, hat der kaiserliche Gesetzgeber unter allen Umständen durch und durch ausgeschlossen. Und das schon seit den Tagen vor der Gründung des Yamato-Reichs im fünften vorchristlichen Jahrhundert. Um dieses Verdikt auf legalen Wegen auszutricksen, war für diese Passage ein Eintrag meiner Wenigkeit als offizielles Besatzungsmitglied in die Stammrolle erforderlich. Was als angenehmer Nebeneffekt mit meiner romantischen Idee vom Anheuern korrespondierte. Aber das wollte ich den japanischen Bürohengsten nicht auf die Nase binden.

Ich versuche im Angesicht des Kapitäns eine Konversation zu Wasser zu lassen, um in der Sprache meines neuen, maritimen Vorgesetzten zu bleiben, indem ich mich bemühe, die Motivation für meine Reise zu beschreiben. Das Element der Huldigung von Taten meines Ahnherrn scheint ihm als Japaner zu konvenieren. Er verringert die Distanz mir gegenüber um ein oder zwei Promillepünktchen.

Kapitän Hayashida greift nach dem Stapel mit den Papieren, blättert darin und entnimmt ein Blatt mit einer Liste. Er dreht es herum, sodass ich es betrachten kann und legt es vor mir auf die Schreibtischplatte. Auf dem Bogen identifiziere ich umgeben von japanischen Schriftzeichen eine Tabelle. Sie enthält 23 Posten. In der ersten Spalte stehen Namen auf Japanisch und dahinter in Klammern deren Übersetzung auf Englisch. Die zweite Spalte füllt Zahlen, die ich als Alter zum danebenstehenden Namen interpretiere. Die dritte Spalte enthält in beiden Sprachen den Rang der altersmäßig korrekt definierten Person und in die letzte scheint der Unterschrift des Voranstehenden vorbehalten zu sein, weil sie mit Schriftzeichen in unterschiedlichen Handschriften gefüllt ist. Ich nehme das Blatt und versuche es zu enträtseln. In Zeile 1, steht Hayashida, Toshiyuki. Er ist tatsächlich Ende Fünfzig, genau 58 Jahre alt. Und, wen wird das noch überraschen? Da steht es nämlich vor mir schwarz auf weiß: der Kapitän.

Die darunter sortierten Namen kann ich mir nicht merken. Mir fällt nur auf, dass die Offiziere eher so alt wie ich sind, also zwischen 35 und 40, die Matrosen zählen dagegen ausnahmslos mindestens 55 Jahre. Später auf der Reise lerne ich, dass in Japan das Alter stets Hierarchien und sogar den Stand sticht. Wenn Hayashida-san zum Feierabend ein Bierchen in Gesellschaft trinken will, setzt er sich immer zu den Matrosen, die seiner Altersgruppe angehören. Nicht zu den Offizieren, die zwar seinem Rang entsprechen, aber zu jung für den Umgang im Rahmen ungezwungener privater Gespräche sind.

In Reihe 23 der Liste entdecke ich Thomas, Lang, 35. Als Rang ist Supervisor eingetragen. Mein Gegenüber deutet auf die letzte Spalte und weist mich an: „Mr. Thomas! Sign!“ Was ich da genau unterschreibe, werde ich nie erfahren.

Danach empfange ich ein vielseitiges bilinguales Formular (japanisch/englisch), in das ich für den Zoll jeden Gegenstand eintragen muss, den ich mit mir führe. Jedes Kameragehäuse, jedes Objektiv mit Angabe des Herstellers und der Fabrikationsnummer, die Marke meiner Armbanduhr, und so weiter. Da Hayashida-san weder über die erforderlichen Kenntnisse der englischen Sprache noch über einen Funken Humor zu verfügen scheint, verkneife ich mir die Frage, ob ich auch die Borsten meiner Zahnbürste zählen und angeben soll.

Ich beschließe darüber hinaus spontan, keine Diskussion darüber zu beginnen, dass Thomas mein Vorname ist und nicht mein Nachname. Auch wenn wir gerade so gemütlich, ordnungsbürokratisch beisammen sitzen. In Japan kommt der Nachname immer an erster Stelle. Am Ende führt dieser Irrtum noch zur Absage der Reise, weil dieses so überaus bedeutsame Dokument einen schwerwiegenden Fehler aufweist. Ich hoffe, dass der Schwindel nie auffliegt. Am Ende muss das Schiff wieder zurückkehren, auch wenn wir bereits den atlantischen Ozean erreicht haben. Und ich muss im Anschluss eine langjährige Haftstrafe im kaiserlichen Kerker wegen Urkundenfälschung verbüßen. Ich ziehe einen Stift aus der Innentasche meines Jacketts und signiere mit kühnem Schwung die 23. Zeile der Tabelle mit Thomas.

 

ni

Um das Eis zu brechen, greife ich in meine Reisetasche, die ich neben mir auf dem Boden abgestellt habe. Die Tasche beinhaltet seit Jahren mein Handgepäck auf Fernreisen. Ein Louis-Vuitton-Fake aus Thailand. Erworben für umgerechnet zwölf Mark. Sie unterscheidet sich vom Original in erster Linie dadurch, dass sie stabiler, langlebiger und handwerklich hochwertiger gearbeitet ist. Ich ziehe einen kunstvoll verpackten Karton heraus, dessen Form und Gewicht den Rückschluss erlauben, dass er eine Flasche umschließt, und reiche ihn dem Kapitän. Dessen Miene hellt sich auf. Präsente haben für Japaner eine besondere Bedeutung. Schenken und beschenkt werden bereitet jedem, ungeachtet von Alter, Geschlecht und Stand aufrichtige, geradezu kindliche Freude. Besonders wenn die Gabe ausdrücklich eine persönliche Wertschätzung des Gebers vermittelt und Aufwand und Phantasie bei der Auswahl offensichtlich sind. Abzüge in der B-Note fallen nur an, wenn die Verpackung der Gabe sichtbar uninspiriert oder handwerklich unbegabt ausfällt. Hayashida-san steht auf, reicht mir seine Rechte. Während ich sie schüttle, verbeugt er sich mehrfach und murmelt Dankesworte, die ich natürlich nicht verstehe, die aber ohne Einschränkung aufrichtig ausfallen.

Mit Gesten der Ermunterung, eskortiert durch mein strahlendstes Lächeln, fordere ich den Kapitän auf, das Präsent zu öffnen. Er ist sichtlich dankbar darüber, dass er sich diesbezüglich nicht aus reiner Höflichkeit zurückhalten muss. Mit routinierten Griffen befreit er den Karton von seiner Umhüllung. Der Aufdruck verrät ihm, dass der Inhalt aus einer Flasche 18 Jahre altem Macallan besteht. Ich hatte den Tropfen zwei Wochen zuvor in einem Dutyfreeshop des Flughafens Kai Tak in Hongkong erworben und dabei richtig tief in die Tasche gegriffen. Mein Kalkül geht auf. Der Kapitän ist, wie das Gros seiner männlichen Landsleute, ein bekennender Freund des Whiskeys. Für diese Gruppe von Japanern entspricht die Überlassung eines alten, originalen Single Malts aus den schottischen Highlands einem vorgezogenen Weihnachtsabend für einen Knaben meiner Generation mit einer zehn Quadratmeter großen elektrischen Eisenbahn vor dem geschmückten Baum.

Der Kapitän betrachtet den Karton mit leicht geöffnetem Mund und nickt ohne Pause, um seiner Freude und Anerkennung Ausdruck zu verleihen. Er legt meine Gabe behutsam wie ein Neugeborenes auf den Tisch und geht zu einem dem Wandschränke. Hinter der Türe, die eröffnet, befindet sich ein Regalfach mit einigen Flaschen, die durch ein zusätzliches Brett aus dunklem Holz fixiert sind, in das Löcher vom Durchmesser von Flaschen gebohrt sind. Die Löcher umschließen die Flaschen auf halber Höhe. Offensichtlich, um ihnen auch bei hohem Seegang sicheren Stand zu gewährleisten. Ein halbes Dutzend Gläser aus geschliffenem Kristall ruhen darunter in tiefen Mulden. Der Kapitän greift zwei davon und eine Flasche Suntory-Whisky. Immerhin ein zwölf Jahre alter Yamazaki.

Er stellt die Gläser auf die Tischplatte und füllt sie drei Finger breit mit dem japanischen Destillat. Von der landestypischen Unsitte, den braunen Brand mit Soda und Eiswürfel zu verwässern, hält der Seemann zu meiner Erleichterung nichts. Von homöopathischer Dosierung ebenso wenig. Mit einem Kan-pei prosten wir uns zu und ich schicke den ungeliebten, drei Finger hoch im Glas stehenden Trunk mit einem einzigen Zug in meine Leibesmitte. Der Gebäudereiniger dreht mit 43 Atü. Und das am hellen Nachmittag. Aber irgendwo auf dieser schönen Welt wird es schon 17 Uhr sein.

Und überhaupt: Das muss das Boot abkönnen, Herrn Kaleun!

Obwohl Englisch die offizielle Sprache der internationalen Seefahrt ist, zeigt sich Hayashida-san im praktischen Umgang mit Mister Shakespeares Zunge ausgesprochen schwerblütig. Unser Gespräch gestaltet sich in einer Weise, für die das Attribut schwerfällig reinem Euphemismus gleichkäme. Der Kapitän führt mich entsprechend wortkarg über das Oberdeck, zeigt mir die Messe, wo die Mahlzeiten eingenommen werden. Schließlich Bad und Toiletten und weist mir meine Kabine zu. Die Tür trägt ein Schild aus Messing mit dem eingravierten Schriftzug Doctor.

Davon habe ich mein ganzes Leben geträumt. Einmal in einen grünen Kittel mit passender Haube gehüllt zu sein und durch den Mundschutz meinen Assistenten anzuzischen: 200 Volt! Fertig! Weg vom Tisch! Und dann den Moribunden auf dem OP-Tisch mit auf die Brust gepresste Dioden des Defibrillators tanzen zu lassen.

Insgesamt sechs Finger Yamazaki aus der Suntory-Destillerie auf nüchternen Magen bleiben halt nicht ohne Folgen. Mein neuer Boss bestand darauf, dass er auf einem seiner stämmigen Beine nicht auf Dauer stehen wolle.

Mein künftiges Reich ist einigermaßen geräumig. Drei Bullaugen auf der gegenüberliegenden Seite der Türe sorgen für ausreichend Licht, obwohl die Kabine mit dunklem Holz verkleidet ist. Oder besser gesagt mit Resopal, das wie Mahagoni gemustert ist. Unterhalb der Fenster steht die Koje mit einer 25 Zentimeter hohen Umrandung aus Holz, damit der Schläfer bei hohem Seegang nicht unfreiwillig die Matratze verlässt. Sieht ein bisschen wie ein Bett für Kinder aus. Ich taktiere das Lager in der Länge als gerade passend für meine ein Meter neunzig. Angesichts der Körpergröße durchschnittlicher Japaner hatte ich im Vorfeld mit einer Schlafstatt aus der Prokrustes-Serie japanischer Schiffsausstatter gerechnet (und befürchtet). Rechts von der Koje ist ein Schreibtisch fest mit der Wand verschraubt und darüber ein Regal. Auf der anderen Seite sind zwei Schränke für mein Gepäck in die Wand eingelassen. Ein Waschbecken mit Spiegel darüber komplettiert die Einrichtung.

Der Einweisung in die wichtigsten Gepflogenheiten an Bord durch den Kapitän entnehme ich, dass drei Mahlzeiten täglich serviert werden, die pünktlich um sieben, zwölf und 17:30 Uhr auf den Tisch kommen. Dann überlässt er mich meinem Schicksal mit dem Hinweis, dass ich mich auf dem Schiff stets frei bewegen darf, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen, wenn ich mich für einen bestimmten Bereich wie die Brücke oder den Maschinenraum interessiere. Ich bin schließlich kein Passagier, sondern offizielles Mitglied der Besatzung. Der Supervisor.

„Welcome Mr. Thomas!“

Es ist früher Nachmittag und ich beginne meinen neuen Aufgabenbereich zu erkunden. Es gibt auf der Welt keine hässlicheren Schiffe als Autotransporter. Sie sind eigentlich nur riesige, rechteckige Parkhäuser aus Stahl mit einem Rumpf darunter. Die Toshigi Maru ist 247 Meter lang, hat einen Tiefgang von zwölf Metern und ragt über 27 Meter aus dem Wasser. Der Aufbau ist weiß, der Rumpf dunkelblau gestrichen, die Hausfarben von Nissan. Mit rund 45.000 Bruttoregistertonnen ist der Frachter so gewichtig wie ein ausgewachsenes Schlachtschiff aus dem Zweiten Weltkrieg und größer als ein Flugzeugträger jener Tage. Die Autos verteilen sich auf dreizehn Decks. Im vorderen Teil des Oberdecks sind die Unterkünfte der Besatzung, Sanitärräume, Küche, Messe und zwei Bereiche für die Freizeitgestaltung untergebracht. Darüber befindet sich nur noch die Brücke. Auch der hintere Teil des Oberdecks ist mit flammneuen Autos vollgepackt, von denen jedes mit vier Spanngurten am Boden fixiert ist. Die Besatzung prüft täglich, ob sich einer der Gurte gelockert hat. Wenn sich bei stürmischer See ein Fahrzeug losreißt, zertrümmert er die Ladung eines kompletten Decks in kleine Teile. Der Außenbereich des Oberdecks führt um das gesamte Schiff, sodass für ausreichend Bewegung gesorgt ist. Man kann beispielsweise auf diesem fast 400 Meter langen Rundweg joggen.

Aber man muss nicht.

Ich stehe an der Backbordreling, rauche und beobachte das Beladen des Schiffs. Die bis zum Horizont reichende Kaianlage ist mit zigtausenden von neuwertigen, präzise geparkten Autos bedeckt. Das Heck der Toshigi Maru ist backbord abgeschrägt und bildet eine riesige Klappe, die als Auf- beziehungsweise Abfahrt auf das Kai herabgelassen ist. Alle zwei bis drei Minuten preschen zwei Kleinbusse aus dem Schiff und jagen in Richtung der Parkfläche. Aus den Bussen springen jeweils acht Männer, die im Laufschritt je ein Auto entern, starten und in einer kleinen Kolonne mit zügiger Fahrt im Inneren des Schiffs verschwinden, gefolgt von den beiden Kleinlastern. Das Schauspiel ist gleichermaßen faszinierend wie beruhigend. Ich verfolge das Verladen mindestens zwei Stunden lang.

Nachdem ich mein Gepäck sortiert, die Kleidung im Schrank gelagert und den Schreibtisch mit meinen Büchern und der Reiseschreibmaschine eingeweiht habe, prüfe ich die Koje. Sie ist tatsächlich auf den Millimeter so lang wie ich. Die Matratze wirkt vertrauenseinflößend bequem. Nicht zu hart und nicht zu weich. Über dem Kopfende ist eine kräftige Lampe zum Lesen in die Wand eingelassen.

Danach suche ich die Messe für das Abendessen auf. Ich bin fünf Minuten vor 17.30 Uhr zur Stelle. Der Raum ist noch leer. Er ist der größte, den ich bisher auf dem Schiff kennengelernt habe. In der Mitte verteilen sich vier runde Tische mit jeweils sechs Plätzen, die bereits eingedeckt sind. Im Zentrum jedes Tischs steht ein weißer elektrischer Reiskocher, der mit infantilen japanischen Comic-Figuren verziert ist. Einer der beiden Gehilfen des Kochs, der mich verwirrt durch mächtige Brillengläser mustert, als wäre ihm der bocksfüßige Ungeist des Sake erschienen, verteilt Gläser, Reisschalen und Essstäbchen. Den größten Teil der Stirnseite des Raums nimmt ein Tresen ein, hinter dem sich eine offene Küche befindet. Rechts davon ist ein Regal in die Wand eingelassen, in dem Geschirr und Gläser stehen. Die andere Längsseite ist die Außenwand mit den Bullaugen. Die Wände der Messe sind weiß, sodass der Raum ohne Kunstlicht heller wirkt als die Kabinen.

Die Rückseite der Messe bildet einen separaten Raum. Der sich durch eine flexible Trennwand absperren lässt. Entlang der Wand verteilen sich nachlässig gehütete Ledersessel, die trotzdem einen bequemen Eindruck machen, und drei runde Couchtische. An der Wand steht auf einem flachen Regal ein Fernsehgerät, im Fach darunter ein Videorecorder, der Rest der Bretter ist mit Videokassetten gefüllt, die auf der Rückseite ausnahmslos japanische Schriftzeichen tragen.

Hinter dem Tresen hat sich ein Mann aufgebaut, der der Koch sein muss. Laut Besatzungsliste ist er 50. Er trägt ein weißes T-Shirt und eine blütenreine Schürze, die fast bis zum Boden reicht. Die unbedeckten Bereiche seiner Arme sind mit kunstvollen, bunten Tätowierungen überzogen, die oberhalb der Handgelenke wie eine Manschette abschließen. Der Mann ist wie alle meiner neuen Kameraden der Besatzung einen guten Kopf kleiner als ich, für einen Japaner deutlich rundlich um Kinn und Hüften, trägt mit Gel zurückgekämmte Haare und einen dünnen Schnurrbart wie David Niven. Ich gehe auf ihn zu, reiche ihm die Hand, verbeuge mich und stelle mich als Thomas-san vor. Er streckt mir ebenfalls die Hand entgegen, schenkt mir ein offenes, aufrichtiges Lachen und nennt unter mehreren Verbeugungen seinen Namen: Tadashi Ichimura. Als ich meine Hand zurückziehe, bemerke ich, dass das letzte Glied seines linken kleinen Fingers fehlt. Er sagt etwas, das ich als call me Teddy interpretiere. Angesichts seines Körperschmucks und der kleinen Verstümmelung komme ich zu dem Schluss, dass Teddy im Rahmen seiner Biografie ganz offensichtlich einige Kapitel verwaltet, in denen die shintoistische Seefahrt noch keine Rolle gespielt hat.

Kapitän Hayashida betritt die Messe. Er hat seine Uniformjacke gegen das Oberteil eines Trainingsanzugs getauscht, der seit vielen Jahren seinen Lebensabend bei der Altkleidersammlung verbringen würde, wenn Frau Hayashida ebenfalls an Bord wäre. Dazu trägt er Flip-Flops an den sockenlosen Füßen, eine schwarze Baseballkappe mit der Aufschrift Captain und eine Jogginghose, die selbst die Unterprivilegiertesten meiner Landsleute verstören würden, wenn sie sich damit des Vormittags zum entschlossenen Verzehr gebrannter Tröster niederer Stände auf einem bequemen Sitzmöbel in ihrer sozial geförderten Unterkunft einfinden müssten. Hayashida-san führt mich zu meinem Platz an seinem Tisch.

Ich stelle mich den vier anderen Männern in Freizeitkleidung vor, die ebenfalls an diesem Rund Platz genommen haben. Sie lächeln mehr oder weniger natürlich und scheinen darüber hinaus kein großes Interesse an mir zu hegen. Die übrigen Besatzungsmitglieder, die sich in den beiden nächsten Minuten um die drei anderen Tische verteilen, würdigen mich keines Blickes. Sie vermitteln den Eindruck, als zählte ein ein Meter neunzig großer Gaijin mit langen blonden Haaren und einem Bart seit ungezählten Generationen zum unverzichtbaren Inventar eines japanischen  Frachtschiffs. Zumindest seit dem späten 16. Jahrhundert, als Anjin-san aus England zum Hatamoto und Freund des Shoguns aufgestiegen war.

Das Abendessen besteht aus einem Eintopf mit Gemüse, Nudeln und kleinen Fischstückchen, die in einer klaren Brühe schwimmen. Zum Würzen stehen kleine Kännchen mit Sojasoße auf dem Tisch. Der Reis muss trocken, bei Bedarf selbst aus dem Kocher in der Mitte des Tischs in die Schalen mit einem hölzernen Spachtel geschaufelt werden. Zu Trinken gibt es grünen, japanischen Tee, der relativ bitter ist. Diejenigen, die auf Freiwache sind, gönnen sich ein Bier. Jeder, der an Bord Bier oder andere alkoholische Getränke während der Fahrt zu sich nehmen will, musste eine Bestellung vor Beginn der Reise bei der Reederei abgeben und das Deputat per Vorkasse bezahlen. Ich habe 20.000 Yen in 100 Dosen Kirin, drei für jeden Tag, investiert. Für die artgerechte Haltung meines Labetrunks bei angemessen Temperaturen ist mir ein eigenes Fach im Kühlraum zugewiesen worden.

Die Männer wechseln während des Essens nur wenige Worte. Sie konzentrieren sich auf die Einnahme der Mahlzeit, die in wenigen Minuten verzehrt ist. Ohne dabei den Eindruck von Hast zu erwecken. Als Nachtisch reicht Teddy für jeden einen Apfel. Die Früchte sehen vollkommen identisch aus, als wären sie wie Autos oder CD-Player von einem Fließband gelaufen. Genauso schmeckt mein Apfel auch.

Nach dem Essen bringt jeder sein Geschirr zum Tresen und stapelt es in Plastikbecken nach Tellern, Schüsseln, Gläsern und Stäbchen sortiert. Durch den routinierten Gebrauch meiner Essstäbchen und mit genussvollem Schlürfen der Brühe scheine ich dem Kapitän wieder ein wenig Last von der Seele genommen zu haben, denn meine rudimentäre Vertrautheit mit einheimischen Gepflogenheiten und mein guter Appetit nähren seine Hoffnung, dass ich mich am Ende doch als einigermaßen unkomplizierter Gast erweisen könnte. Zumindest als einer, der keine großen Probleme bereitet, was angesichts des geradezu heiligen Gebots der Gastfreundschaft zu seiner Entspannung beiträgt.

san

Der Wecker, den ich zwei Tage zuvor in den unendlichen Einkaufspassagen der Katakomben unter den Bahngleisen, die zum Hauptbahnhof von Tokio führen, erworben habe, funktioniert. Trotz der Betriebsanleitung auf Japanisch ist es mir gelungen, ihn korrekt in Betrieb zu nehmen und zu stellen. Das beweist die synthetische Melodie, die dem zigarettenschachtelgroßen Plastikgehäuse pünktlich entgleitet. Ich muss dabei an die akustischen Emissionen eines stark sedierten Patchinko-Automaten denken. Eine gewöhnungsbedürftige Assoziation für den ersten ungelenken Denkvorgang eines Tages.

Es ist 6.30 Uhr. Meine erste Nacht auf der Toshigi Maru war eine ruhige und erholsame gewesen. Müde genug war ich. Vier Wochen lang bin ich bislang durch Südostasien gezogen. Den Auftakt meiner Rundreise hatte die Tokio-Motorshow Mitte Oktober gebildet, für die ich eine Einladung von Mazda erhalten hatte. Das Anschlussprogramm führte die Gruppe aus einem Dutzend über Hongkong, Kotakinabalu und Sandakan auf Borneo und schließlich nach Singapur.

Da ich ja mit dem Schiff nach Europa reisen wollte, stand mir das Rückreiseticket in der Businessclass nach Europa zur freien Verfügung. Ich nutzte es, um über Bangkok, Hongkong und Seoul wieder nach Tokio zu fliegen. Für diese Tournee und die Schiffsreise hatte ich meinen gesamten Jahresurlaub von sechs Wochen eingesetzt. Meine Berichte von der Messe, von Fahrberichten in Europa unbekannter Mazdas und das Feature über die Verkehrspolitik in Singapur, verfasste ich auf meiner Reiseschreibmaschine in langen Hotelnächten und sandte sie per Fax in die Redaktion. Ja, lieber Leser, es gab Zeiten vor der Geburt des Internets, in denen es tatsächlich auch schon möglich gewesen war, über Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg, ohne Zeitverlust mit dem Versand schriftlicher Dokumente zu kommunizieren.

Ich habe Hunger. Schlag sieben finde ich mich in der Messe zum Frühstück ein, dem der Kapitän und sein erster Offizier bereits zusprechen. Ich melde mich mit einem korrekten Ohio gozaimatsu, was erstaunte Erwiderung erfährt. Mein Blick gleitet über das Speiseangebot. Grüner Tee geht in Ordnung. Allerdings japanischer, recht bitter und daher gewöhnungsbedürftig. Auf dem ganzen Tisch ist kein Krümel Brot zu entdecken. Dafür Reis aus dem Kocher als kohlehydratbasierte Sättigungsbeilage. Etwas Warmes braucht der Mensch! Dazu reicht Teddy eingelegten Chinakohl, der leicht säuerlich schmeckt, aber nicht im Ansatz so würzig wie koreanisches Kimchi ist, lauwarme Miso-Suppe, ein rohes Ei und eine Art Paste, die aus dem Inneren eines Fischs zu stammen scheint und wohl ursprünglich der Ausbildung seines lebendigen Nachwuchs dienen sollte. Wenn derartige Gebinde an für mich frühstücksuntypischen Speisen in den nächsten 30 Tagen die erste Mahlzeit des Tages bilden sollen, wäre es nun an der Zeit, die Entscheidung, einen Monat auf einem Schiff mit 22 Japanern zu verbringen, noch einmal zu überdenken. Noch wäre es Zeit, eine falsche Entscheidung zu korrigieren.

Das rohe Ei wird in einer kleinen Schale mit Sojasoße verrührt und über dem Reis verteilt. Der Hunger treibt alles hinunter. Mir fällt auf, dass der Geschmack zwar ungewohnt ist, die Mahlzeit aber insgesamt kurzfristig sättigend und langfristig bekömmlich ist. Einschließlich des Rogens, der künstlich rot gefärbt ist und nach nicht allzu frischem Salzwasser schmeckt. Damit gewinnt der Reis wenigstens geschmacklich etwas an Fahrt.

„Good? Japan Breakfast?“, fragt Teddy, als ich ihm mein Geschirr bringe.

„Hai“, nicke ich und versuche dabei glaubhaft zu wirken.

7.30 Uhr. Morgenzigarette backbord an der Reling. Die Beladung des Schiffs läuft immer noch. Drei Stunden später fallen die Leinen und die Toshigi Maru legt ab.

Das schwimmende Parkhaus gleitet gemessen durch die Bucht von Tokio. Es ist beinahe spätsommerlich mild und warm, die Sonne scheint. Obwohl heute der 11. November ist. Ich verharre die ganze Zeit an meinem Stammplatz an der Steuerbordreling und beobachte die unendlich riesige und verschachtelte Stadt und die nie enden wollenden Hafenanlagen, die über mehr als zwei Stunden am Schiff vorbei gleiten. Unterbrochen vom Mittagessen, das wieder aus einem Eintopf besteht, der noch köstlicher als der vom Abend zuvor mundet. Die Fleischeinlage schmeckt nach Huhn. Der bei jeder Mahlzeit obligatorische Fisch lauert in Gestalt eines geräucherten Filets einer mir unbekannten Kaltblüterspezies auf einem Extrateller. Ich kombiniere und drapiere es mit dem eingelegten Kohl und Reis zu einer Art Vorspeise. Es fällt auf, dass Teddy weder Fett noch Salz zu kennen scheint. Das Essen schmeckt mild, erlaubt den frischen Zutaten ihren behutsamen Eigengeschmack zu entfalten. Wer zusätzlich würzen will, muss zur Sojasoße greifen. Irgendwelche synthetischen Geschmacksverstärker oder Glutamate werden meinen Körper im kommenden Monat auf keinen Fall belästigen.

In den nächsten Tagen lerne ich, dass neben Salz und Fett auch Zucker auf diesem Schiff weniger unbekannt als vielmehr unerwünscht ist. An Bord gibt es nicht einen Krümel davon. Auch nicht zum Süßen von Tee oder Kaffee. Gleichermaßen verpönt sind Süßigkeiten oder Limonaden. Von Schokolade ganz zu schweigen. Desserts bestehen grundsätzlich aus frischem Obst. Ich beginne zu begreifen, warum Japaner im Durchschnitt älter werden, als der Rest der Menschheit und dabei schlank und zierlich bleiben, obwohl ich bei jeder Mahlzeit staune, welche Mengen meine Mannschaftskameraden verdrücken können.

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Thomas Lang (Autor)

Zurück

Titel: Japan (Kurzgeschichte, Krimi)