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Eisblaue Versuchung (Erotischer Roman)

von Lia Bergmann (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nach dem Studienabschluss tritt Julia eine Stelle als Au Pair in Schottland an. Doch sie staunt nicht schlecht, als sie ihren neuen Arbeitsplatz sieht: Dewberry Hall, das Anwesen des schwerreichen Hotelerben Isaac Carlyle, dessen Tochter Edie Julia betreuen soll. Der attraktive Hotelier hat in der Vergangenheit vor allem durch sein ausschweifendes Jetset-Leben Schlagzeilen gemacht und der Verstand rät Julia deutlich, Abstand zu wahren. Wenn da bloß nicht diese unglaublichen eisblauen Augen wären …
Entgegen ihrer Vorsätze lässt Julia sich auf ein aufregendes erotisches Abenteuer mit Isaac ein. Doch bald kommen ihr Zweifel: warum darf Edies Mutter nicht erwähnt werden? Und welche Rolle spielte Isaac bei deren rätselhaftem Verschwinden?

Impressum

Secret Desires

Erstausgabe Oktober 2017

Copyright © 2020 Secret Desires, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-273-3

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung von Motiven von
123RF.de: © kiuikson, © Evgeny Ustyuzhaninf
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Auf ins Abenteuer!

Ich ziehe den Koffer hinter mir her und trete durch die Glastür des Ankunftsterminals. Ein wenig Herzklopfen habe ich jetzt doch. Ich habe es tatsächlich durchgezogen. Vielleicht war es ein wenig feige, Lucas vor vollendete Tatsachen zu stellen. Doch je mehr die Erkenntnis bei mir durchsickert, dass für mich ein neuer, aufregender Abschnitt meines Lebens beginnt, desto befreiter fühle ich mich. Natürlich haben meine Eltern recht. Es war übereilt und planlos und ich bin in der Tat etwas nervös, was mich erwartet, doch ich verwirkliche mir einen Traum.

Ein Jahr Schottland!

Ich kann noch gar nicht fassen, dass ich wirklich hier bin. Der Druck, der auf mir lastete und in den vergangenen Monaten immer stärker wurde, fällt plötzlich von mir ab und ich fühle mich seltsam gelöst. Nach dem Examen schien alles so vorherbestimmt. Referendariat – natürlich nur, wenn Lucas eine Stelle in der Nähe gefunden hätte. Zweites Staatsexamen, feste Stelle und dann … Verlobung, Heirat, Kinder? Die Schienen waren gelegt, die Weichen gestellt und ich? Ich saß in diesem Zug, der ohne mein Zutun dahinraste, während die Landschaft an mir vorbeiflog. Soll das wirklich mein Leben sein? Will ich das?

Ein wenig tut es weh, an Lucas zu denken, und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich befreit fühle. Womöglich war er der Richtige. Womöglich werde ich diese Entscheidung später bereuen. Doch gleichzeitig ist da das Gefühl, etwas zu verpassen, nicht genug erlebt zu haben, um mich jetzt schon auf Jahre oder Jahrzehnte festzulegen. Ich habe mich unglaublich alt gefühlt. Mit fünfundzwanzig Jahren! Und wenn ich mich später dafür in den Hintern beiße, ich muss diese Erfahrung machen, den Kopf freibekommen, mir klarwerden, was ich vom Leben will. Einmal noch etwas Unvernünftiges tun. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Jetzt bin ich aber erst einmal verdammt gespannt auf meinen Arbeitgeber. Ich schaue mich um. Ob er die Kleine gleich mitgebracht hat? Hinter der Absperrung entdecke ich ein Pappschild mit meinem Namen. Mein Herz klopft schneller, während ich auf das Schild und den großen, braunhaarigen Mann in dem kurzärmligen blauen Hemd zusteuere, der es hält. Na, der sieht doch ganz nett aus. Ein wenig jung vielleicht für den Vater einer vierjährigen Tochter. Er lächelt mich an. Mit der großen, schwarzgerahmten Brille sieht er ein wenig aus wie der Klassenstreber, aber nett.

»Mr Carlyle?«, frage ich hoffnungsvoll. Der Mann lacht und schüttelt den Kopf.

»Ich dachte nur, weil Sie …« Ich deute auf das Schild in seiner Hand. Eine zweite Julia Blumberg wird es hier doch wohl nicht geben.

»Sie sind Ms Blumberg?« Der Mann mustert mich mit unverhohlener Neugier. Ich nicke. Jetzt bin ich verunsichert.

»Ich bin Craig. Mr Carlyles persönlicher Fahrer. Darf ich Ihr Gepäck nehmen?«

Persönlicher Fahrer? Jetzt bin ich baff. Das kann ja interessant werden. Davon war in den Unterlagen keine Rede gewesen. Ich habe das Angebot so kurzentschlossen angenommen, dass ich bisher nur mit der Dame von der Agentur telefoniert habe. Ich weiß, dass die Familie mit Nachnamen Carlyle heißt, dass ich für die Betreuung ihrer vierjährigen Tochter Edyth zuständig sein soll und dass sie etwas außerhalb von Aberdeen wohnt. Das ist aber auch schon alles. Ich habe nicht einmal versucht, die Familie zu googlen. Bei dem häufigen Nachnamen hätte das vermutlich auch keinen Sinn gehabt. Dass dieser Mr Carlyle offenbar so wohlhabend ist, dass er einen eigenen Chauffeur hat, ist mir neu. Doch ich werde mich sicher nicht darüber beschweren.

Craig nimmt meinen Koffer und ich trotte hinter ihm her zum Parkplatz, wo er auf ein ziemlich nobel aussehendes anthrazitfarbenes Auto zusteuert. Ich stutze. Nicht, dass ich etwas von Autos verstehen würde, aber diese langgezogene, eckige Schnauze, den Kühlergrill, die geflügelte Dame auf der Motorhaube, das erkenne ja sogar ich.

»Ist … ist das etwa ein Rolls-Royce?«, entfährt es mir.

Craig lacht und schüttelt amüsiert den Kopf.

»Ein 2016 Rolls-Royce Phantom, um genau zu sein. Gefällt er Ihnen?«

Mir hat es die Sprache verschlagen – was nicht häufig vorkommt. Ich nicke nur stumm und lasse mich von Craig in den Fond des Wagens bugsieren, während er das Gepäck einlädt. Der Innenraum ist nicht minder elegant und ich mache mir Sorgen, meine brandneue Dark-Denim-Jeans könne auf die hellgrauen Ledersitze abfärben. Craig klettert auf den Fahrersitz – rechts natürlich – und startet den Wagen.

Während wir durch die Landschaft rollen, schießen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf, von meiner völlig unangemessenen Studentinnengarderobe über Horrorszenarien von einem Jahr mit einem völlig verzogenen Rotzgör in Gucci und Armani bis zu Fantasien von einem Jahr Luxus mit Poolbar und Butler. Was ist dieser Carlyle für ein Typ? Ich überlege kurz, ob ich mein Handy zücken und meinen Arbeitgeber noch einmal versuchen soll zu googlen, aber dazu müsste ich seinen Vornamen oder einen weiteren Anhaltspunkt haben. Oder sollte ich Craig fragen? Nein. Es wäre mir peinlich zuzugeben, wie unvorbereitet ich in diese Sache hineingestolpert bin.

Die Gegend draußen wird immer ländlicher. In den Unterlagen der Agentur stand »etwas außerhalb von Aberdeen«. Nun, »etwas« ist wohl relativ. Craig biegt auf eine rechts und links von Schafweiden gesäumte Straße ein, die kaum breiter als ein Feldweg ist. Hinter der nächsten Biegung passieren wir zwei massive Steinpfeiler, die den Weg auf eine, von knorrigen Kastanien gesäumte Allee freigeben. Dann kommt das Haus in Sicht. Ich schlucke. Haus ist vielleicht nicht das richtige Wort. Anwesen trifft es wohl eher. Ein riesiges, graues Gebäude im neugotischen Stil mit lauter Erkern und Türmchen, das aussieht, als gebe es dort versteckte Zimmer hinter Tapetentüren, ein geheimes Verlies im Keller oder mindestens ein bis zwei Gespenster.

Berühmt und berüchtigt

»Wir sind da. Willkommen auf Dewberry Hall.« Es ist offensichtlich, dass Craig – nach meiner Reaktion auf den Rolls – nur darauf wartet, dass ich in Ehrfurcht erstarre. Er grinst mich herausfordernd an, doch ich beschließe, nicht zu liefern.

»Hübsch«, sage ich knapp und löse den Gurt. Craig springt aus dem Wagen, um mir die Tür zu öffnen.

»Ihren Koffer werde ich gleich aufs Zimmer bringen. Am besten, ich stelle Sie erst einmal Mrs Pemberton vor.«

Mrs Pemberton? Wer ist das nun wieder? Ich verkneife mir die Frage und folge Craig. Wir lassen das große Hauptportal rechts liegen und gehen links um das Haus herum durch einen Seiteneingang.

»Mrs Pemberton?«, ruft Craig in den langen Flur zu unserer Rechten und ich erwarte fast eine gestrenge Erscheinung mit Dutt, gestärkter Schürze und Häubchen. Aus dem Flur taucht eine ältere Dame mit einem jugendlich wirkenden Kurzhaarschnitt auf. Sie trägt einen dunkelblauen, knielangen Rock und ein schlichtes Oberteil in einem ähnlichen Farbton, dazu eine Kette aus großen, goldenen Perlen, die mich entfernt an Oliven erinnern.

Entgegen meiner Erwartung hat Mrs Pemberton ein offenes, freundliches Gesicht mit vielen kleinen Lachfältchen. Zur Begrüßung ergreift sie meine Hand mit beiden Händen und drückt sie herzlich.

»Ms Blumberg. Wie schön, Sie hier zu haben. Edie ist schon ganz aufgeregt. Sie war gestern kaum ins Bett zu bekommen. Derzeit ist sie noch mit der Nanny unterwegs, aber sie werden sicher gleich zurückkommen, dann können Sie die Kleine kennenlernen.«

»Die Nanny?«, frage ich verwirrt. »Ich dachte, ich …«

»Gemma ist schon seit Edies Geburt bei uns. Sie wird sich auch weiter um Edyth kümmern, sie morgens wecken, anziehen, ihr Frühstück machen und sie abends ins Bett bringen. Ihre Aufgabe, Ms Blumberg, wird es sein, tagsüber mit der Kleinen Zeit zu verbringen und Deutsch mit ihr zu sprechen. Mr Carlyle legt Wert darauf, dass sie es nicht verlernt. Ihre Mutter war … ist Schweizerin, wissen Sie? Unternehmen Sie etwas Nettes mit ihr, fahren Sie an den Strand, zu Doonies Farm, gehen Sie spazieren oder spielen Sie mit ihr. Wichtig ist, dass Sie dabei ausschließlich Deutsch mit ihr sprechen. Sie wird schnell versuchen, auf Englisch auszuweichen, weil es für sie bequemer ist. Da müssen Sie stur bleiben.« Sie lacht. »Die Kleine hat ihren eigenen Kopf, aber keine Angst, sonst ist sie ein kleines Engelchen.«

Ich bin einigermaßen geplättet. Zusammengefasst gesagt, werde ich ein Jahr lang in einem riesigen Haus wohnen, in dem es offenbar Personal für alles Mögliche gibt und bekomme ein Taschengeld von neunzig Pfund pro Woche allein dafür, dass ich mit einem kleinen Mädchen Ausflüge mache und spiele? Nun denn, es hätte mich schlimmer treffen können. Ich folge Mrs Pemberton den Flur entlang.

»Hier waren früher die Dienstbotenquartiere. Aber heute wohnt hier niemand mehr. Wir gehen alle am Ende des Arbeitstages heim zu unseren Familien.« Sie zwinkert mir zu. »Das Gebäude mag aus dem späten 18. Jahrhundert stammen, aber nicht unsere Arbeitsverträge. Heute haben der Verwalter und ich hier unsere Büros. Gemmas Zimmer befindet sich im Obergeschoss direkt neben Edies. Sie werden im Aprikosenzimmer wohnen.«

»Aprikosenzimmer?«

»Nun«, Mrs Pemberton lächelt. »Alle Gästezimmer haben unterschiedliche Farbkonzepte. In Ihrem dominiert die Farbe Apricot, deswegen nennen wir es so. Es ist hübsch und freundlich. Es wird Ihnen gefallen.«

Das tut es in der Tat. Die Einrichtung liegt irgendwo zwischen modern und klassisch-elegant. Mein Herz jubelt beim Anblick des kleinen Betthimmels aus hellem, aprikosenfarbenem Stoff am Kopfende des Bettes. Ich werde mich fühlen wie eine Prinzessin. Das Fenster zeigt zum Garten hinaus – ein Traum von einem englischen Garten mit ordentlich gestutzten, symmetrisch angelegten Rasenflächen, üppigen Blumenrabatten und einem mit Blauregen überrankten Wandelgang. Ich blinzle. Also, mit so etwas hatte ich nun weiß Gott nicht gerechnet.

Aus dem Flur sind aufgeregte Stimmen und das Gepolter flinker Kinderfüße zu hören.

»Warte, Edyth!«

Die Tür fliegt auf und ein kleines Mädchen mit einem wirren dunklen Lockenkopf und von Aufregung geröteten Wangen platzt herein.

»Bist du Julia?«, fragt sie in fast akzentfreiem Deutsch. Ihre runden, erstaunlich blauen Augen mustern mich neugierig.

Ich gehe in die Hocke und strecke die Hand aus.

»Ja. Genau. Und du bist Edyth? Schön, dich kennenzulernen, Edyth.«

»Du kannst Edie zu mir sagen. Alle meine Freunde nennen mich so.«

Eine junge, rothaarige Frau mit einem freundlichen runden Gesicht kommt hinter Edie ins Zimmer und schüttelt lachend den Kopf. Das wird sicher Gemma sein, das Kindermädchen.

»Gut, Edie. Ich freue mich schon sehr darauf, mit dir zu spielen.«

Das kleine Mädchen strahlt mich an und nickt.

»Dad sagt, du fährst mit mir zu Codonas. Da gibt es eine Achterbahn, die sieht aus wie eine Raupe. Und ein gaaanz großes Riesenrad.«

»Natürlich. Bestimmt. Wenn du das gerne möchtest.«

»Edie, Ms Blumberg ist gerade erst angekommen. Lass sie sich bitte erst einmal einrichten, ja?« Die junge Frau streckt mir die Hand hin. »Ich bin Gemma, Edies Nanny.«

»Julia.«

»Komm, Edie. Wir spielen noch ein bisschen mit deinem Kaufladen. Du siehst Julia später beim Abendessen. Sie muss ja erst einmal auspacken und mit deinem Dad sprechen.«

Die Kleine zieht eine Schippe und verschränkt die Arme, folgt Gemma aber trotzdem aus dem Raum. Im Flur dreht sie sich noch einmal um und winkt mir.

»Ciao, Julia. Bis später!«

Ich winke ihr zurück.

»Craig kommt sicher gleich mit dem Koffer. Richten Sie sich erst einmal in Ruhe ein. Ich komme in einer Stunde wieder und bringe Sie dann direkt zu Mr Carlyle«, verabschiedet sich Mrs Pemberton. 

Craig bringt mir nicht nur mein Gepäck, er verrät mir dankenswerterweise auch das W-LAN-Passwort. Ich rufe zunächst meine Eltern an, um ihnen Bescheid zu geben, dass ich gut angekommen bin. Dann packe ich aus und mache mich frisch. Auf dem kleinen Sekretär finde ich eine lederne Briefpapiermappe, wie sie oft in Hotelzimmern zu finden sind. Isaac Carlyle – Carlyle International Hotels steht dort in goldener Prägeschrift. Ha! Endlich ein Anhaltspunkt, um meinem mysteriösen neuen Arbeitgeber einmal auf den Zahn zu fühlen, bevor ich ihn gleich persönlich kennenlerne. Rasch klappe ich den Laptop auf, wähle mich ein und starte eine Suche. Seine Tochter kann er schon einmal nicht verleugnen, denke ich, als mir ein dunkelhaariger Mann mit ernstem Blick aus der Bildersuche entgegenstarrt. Er hat dieselben stechend blauen Augen wie Edie. Streng und forschend blicken sie in die Kamera. Die gewölbten schwarzen Augenbrauen lassen seinen Blick leicht ironisch wirken. Sein scharf geschnittenes Gesicht, die leichten Geheimratsecken, die gerade Nase mit der steilen Zornesfalte darüber und die schmale Oberlippe verleihen seinen Gesichtszügen eine Härte, die nur das leichte Lächeln, die tiefen Grübchen in den Wangen und der ausgeprägte Amorbogen seiner Lippe etwas abzumildern vermögen. Puh! Verdammt attraktiv der Kerl. Aber anlegen möchte ich mich nicht mit ihm. Er sieht aus wie jemand, der es gewohnt ist, sich durchzusetzen. Ich rufe die Websuche auf. Wow! So viele Artikel. Hauptsächlich auf Webseiten diverser Klatschblätter und Hochglanzmagazine. Neugierig klicke ich mich durch die Seiten. Isaac Carlyle, 45, alleiniger Erbe einer großen internationalen Hotelkette. Wurde als einer der begehrtesten Junggesellen Großbritanniens gehandelt. Jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich gar nicht erst versucht habe, ihn zu googlen. Doch wer hätte ahnen können, dass sich hinter diesem Allerweltsnachnamen eine Jetsetgröße mit hunderten von Interneteinträgen verbirgt? Partys, Gerüchte über Sex- und Drogenexzesse, Affären, zuletzt mit dem Schweizer Model und It-Girl Valerie Gerber. Valerie, ihrerseits Armschmuck einer Reihe wechselnder mächtiger und reicher Männer: Politiker, Topmanager, Fußballer und Firmenbosse. Überraschende Verlobung, schließlich Geburt der Tochter Edyth Louise vor vier Jahren. Streit, Trennungsgerüchte, Versöhnung. Ich runzle die Stirn. Vor eineinhalb Jahren verschwindet Valerie Gerber urplötzlich während eines Party-Wochenendes bei einem befreundeten Ehepaar an der Côte d‘Azur. Vermisstenmeldung, großangelegte Suche, Valerie bleibt verschwunden. Gerüchte, Carlyle könnte mit dem plötzlichen Verschwinden seiner Verlobten etwas zu tun haben, können von der Polizei nicht bestätigt werden. Na wunderbar! Womöglich hat der Typ seine Verlobte um die Ecke gebracht und ich werde ein Jahr unter einem Dach mit ihm leben. Erste Zweifel beschleichen mich, ob das alles wirklich so eine gute Idee war.

Der neue Boss

Mit einem entsprechend mulmigen Gefühl folge ich Mrs Pemberton später in den Flur.

»Ähm, ich habe gelesen, Edies Mutter wird seit über einem Jahr vermisst? Das muss schrecklich sein für ein so kleines Kind. Wie verkraftet sie es?«

Mrs Pemberton fährt herum und ergreift meinen Oberarm. Sie senkt die Stimme fast zu einem Flüstern.

»Über Edies Mutter sprechen wir in diesem Haus nicht. Mr Carlyle kann sehr ungehalten reagieren, wenn man Ms Gerber erwähnt. Ich bitte Sie also um entsprechende Zurückhaltung, auch Edie gegenüber.«

Verdattert schweige ich und nicke. Eine schreckliche Vorstellung, dass über die Mutter der Kleinen nicht einmal gesprochen werden darf. Das Mädchen tut mir auf einmal fürchterlich leid.

»Edie war erst zweieinhalb. Sie kann sich an ihre Mutter nicht erinnern«, erklärt Mrs Pemberton mit einem resignierten Schulterzucken, so als ob das eine ausreichende Entschuldigung wäre. Grübelnd folge ich ihr die Treppe hinunter. Wir durchqueren die achteckige Halle, in der sich das zentrale Treppenhaus befindet, und laufen durch einen sonnenlichtdurchfluteten Raum mit Parkettboden. Außer zwei runden Loungesitzgruppen, über denen jeweils ein riesiger moderner Hängeleuchter aus Glas und Metall hängt, zwei eleganten Wandkonsolen mit großen Spiegeln darüber und einem offenen Kamin an der Stirnseite, ist der Raum leer und hat die Dimension eines Ballsaales – was er vermutlich früher auch einmal gewesen ist. Die hohen, weißgerahmten Flügeltüren führen auf die Terrasse und den Garten hinaus und lassen viel Licht herein. Am Ende des Saales bleiben wir vor einer schweren Tür aus dunklem Holz stehen. Mrs Pemberton klopft, und ich versuche, meinen Atem zu beruhigen. Ich hoffe, dass Mr Carlyle netter ist, als meine kleine Recherche und Mrs Pembertons Warnung vermuten lassen.

»Ja, bitte?« Eine erstaunlich tiefe, männliche Stimme dringt durch die Tür.

Mrs Pemberton öffnet und steckt den Kopf hinein.

»Ms Blumberg für Sie, Mr Carlyle.«

Sie hält die Tür für mich auf und bedeutet mir, einzutreten. Mein Herz trommelt gegen meine Rippen. Vor weißen deckenhohen Bücherregalen steht ein großer, eleganter Schreibtisch und dahinter sitzt, in einem roten Ledersessel, Mr Carlyle, der sich nun erhebt und mir die Hand reicht. Er ist erstaunlich groß und ich muss zu ihm aufschauen, als ich danach greife und sie schüttle.

»Ms Blumberg. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.«

Sein Lächeln erreicht nur einen Mundwinkel und wirkt eher spöttisch als freundlich.

»Vielen Dank, ja. Ich habe auch Edie bereits kennengelernt. Sie …«

»Sie sind reichlich jung.« Die stahlblauen Augen mustern mich kritisch, und ich fühle mich plötzlich wie in einem dieser Träume, in denen man feststellt, dass man vergessen hat, sich anzuziehen. Seine Augenbraue wandert nach oben und er macht ein schnalzendes Geräusch mit dem Mundwinkel, wobei er leicht den Kopf schüttelt.

»Ich habe Sie mir älter vorgestellt.«

Langsam verdrängt Ärger meine Nervosität. Blöder, reicher Schnösel! Warum stellt er mich dann ein? Mein Alter stand schließlich in der Bewerbung.

»Fünfundzwanzig. So steht es auch in meinen Bewerbungsunterlagen. Sie haben …«

»Edie hat Sie eingestellt. Ich habe lediglich eine kleine Vorauswahl getroffen. Ihr Bild hat ihr gefallen.«

So einer ist das also. Einer von diesen Kerlen, die meinen, einer Frau über den Mund fahren zu müssen. Und dann sucht er seine Angestellten anscheinend nach dem Foto aus. Ich kann nicht verhindern, dass sich mein Ärger in meiner Mimik spiegelt. So etwas wie ein Lächeln erscheint auf Mr Carlyles Gesicht.

»Mir im Übrigen auch. Die kurzen Haare stehen Ihnen. Nehmen Sie doch Platz, Ms Blumberg.« Ich lasse mich auf dem roten Besuchersessel vor dem Schreibtisch nieder, in dem ich förmlich versinke. Mr Carlyle umrundet den Schreibtisch und setzt sich vorne auf die Tischkante.

»Entschuldigen Sie meine Direktheit, Ms Blumberg. Natürlich hat mich nicht nur Ihre sympathische Erscheinung für Sie eingenommen. Ihr Lebenslauf liest sich auch sehr interessant. Sie haben offenbar einige Praktika in Kindergärten und Erziehungseinrichtungen absolviert. Ich denke, das kann nicht schaden. Allerdings brauche ich keine Gouvernante. Edie hat bereits ein hervorragendes Kindermädchen. Sie …«

Ich nicke. Jetzt bin ich einmal dran, ihm ins Wort zu fallen.

»Ich habe Gemma bereits kennengelernt, Mr Carlyle.«

Seine Brauen ziehen sich zusammen. Es gefällt ihm nicht, unterbrochen zu werden. Doch er fährt mit einem kleinen, schwer zu deutenden Lächeln fort.

»Wunderbar. Dann wissen Sie wahrscheinlich bereits, dass es mir hauptsächlich darum geht, dass Sie mit Edyth Zeit verbringen und Deutsch mit ihr sprechen. Ich selbst spreche leider nur Französisch, Spanisch und Russisch und hatte nie Zeit, es ausreichend zu lernen.«

Ach, nur! Angeber.

»Vielleicht wissen Sie, dass Edies Mutter Schweizerin war. Sie hat in den ersten Lebensjahren mit der Kleinen Deutsch gesprochen und ich möchte nicht, dass sie es vollkommen verlernt.«

»Ja, das kann ich verstehen. Es ist großartig, zweisprachig aufzuwachsen.«

»Ich möchte aber nicht, dass Sie Edie gegenüber ihre Mutter erwähnen. Sie hat keine Erinnerungen an sie und das ist auch gut so.« Sein Gesicht nimmt wieder diesen harten Ausdruck an, den ich bereits von dem Foto aus dem Netz kenne.

»Meinen Sie nicht, es wäre vielleicht …«

Er beugt sich plötzlich vor und stützt sich auf die beiden Armlehnen meines Sessels. Erschrocken presse ich mich gegen die Rückenlehne. Sein Gesicht ist kaum eine Handbreit von meinem entfernt, seine blauen Augen bohren sich in meine. Ich schlucke.   

»Hören Sie, Ms Blumberg. Was Edie angeht, dulde ich keinen Widerspruch.« Ich merke, wie mein Mund trocken wird und mein Herz in meinem Brustkorb flattert wie ein aufgeschreckter Vogel. Mein Nacken prickelt und ich kann den Blick nicht abwenden. Ein Hauch von seinem Parfum kitzelt meine Nase. Ein angenehm dezenter Zitrusduft mit einer Spur von Gewürzen und Moschus. Trotz allem bin ich beinahe versucht, mich vorzulehnen und an seinem Hals zu schnuppern.

»Ich liebe meine Tochter über alles und ich möchte nicht, dass sie sich unnötig aufregt. Sie hat kaum eine aktive Erinnerung an die Zeit mit ihrer Mutter und ich dulde nicht, dass jemand die Wunden wieder aufwühlt. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Ich schlucke und nicke. »Natürlich.«

Doch ich kann nicht umhin, mich zu fragen, ob er tatsächlich nur seine Tochter schützen möchte, oder ob andere Gründe dahinterstecken, dass er seine Ex-Verlobte nicht erwähnen will.

»Wunderbar. Ich wusste, wir verstehen uns.«

Er lächelt kurz und richtet sich wieder auf.

»Kommen Sie, das Abendessen wird sicher bereits fertig sein«, sagt er beiläufig, als sei nichts weiter geschehen. Ich nicke stumm und gebe mir Mühe, nicht allzu unelegant zu wirken, während ich mich aus dem weichen Sitzpolster stemme.

Ich muss zugeben, er ist schon eine imposante Erscheinung in seinem sportlich geschnittenen grauen Anzug mit der dunklen Krawatte. Schlank mit einem kräftig wirkenden Oberkörper, schätzungsweise knapp einen Meter neunzig groß – und dann diese intensiv blauen Augen. Kein Wunder, dass ihm offenbar die Damenwelt zu Füßen liegt.

Er führt mich in das elegante Esszimmer, in dem an der langen Tafel vier Plätze eingedeckt sind. In diesem Setting wirken Edies niedliches Beatrix Potter Kindergeschirr und ihr quietschbunter Plastikbecher mit der Eiskönigin darauf vollkommen deplatziert und ich muss schmunzeln.

Mrs Pemberton beginnt, das Essen aufzutragen und bittet uns, Platz zu nehmen. Ich zögere.

»Kommen Sie hier an meine Seite, Ms Blumberg.« Mr Carlyle deutet auf den Platz rechts vom Kopfende des Tisches neben Edies Gedeck. Kurze Zeit später kommt Edyth in den Raum gestürmt, Gemma im Schlepptau. Binnen Sekunden hellt sich Mr Carlyles düstere Miene auf und er sieht fast sympathisch aus.

»Edie, Schätzchen!« Er bückt sich und breitet die Arme aus. Edyth rennt ihm entgegen und lässt sich von ihm in die Arme schließen und im Kreis durch die Luft wirbeln. Er drückt seine Tochter noch einmal fest an sich, bevor er sie absetzt. »Hattest du einen schönen Tag heute?«

»Mhmmm«, nickt die Kleine knapp. »Daddy, wann darf ich mit Julia nach Codonas?«

»Am Wochenende, Schatz. In der Woche ist Kindergarten.«

An mich gewandt erklärt er: »In der Woche geht Edie von acht bis elf Uhr dreißig in die Vorschule. Gemma macht sie fertig, Sie werden sie hinbringen und abholen.« Er greift in die Tasche und wirft mir einen Schlüssel zu.

»Sie können den Lexus nehmen. Die Adresse von Edies Vorschule ist im Navi programmiert.«

Natürlich greife ich daneben und der Schlüssel landet mit einem Klirren auf dem Tisch neben meinem Glas. Ich räuspere mich, hebe ihn auf und stecke ihn in die Tasche.

»Prima. Danke. Wann müssen wir hier losfahren, um pünktlich da zu sein?«

»Etwa um viertel vor acht. Es ist nicht weit«, erklärt Gemma. Sie nimmt mir gegenüber Platz und Edie klettert auf ihre Sitzerhöhung neben mir.

»Brauchen Sie noch etwas, Mr Carlyle? Ich würde mich sonst jetzt auf den Weg machen.«

»Nein, vielen Dank, Mrs Pemberton. Gehen Sie ruhig. Einen schönen Feierabend.«

Nanu? Das klang ja beinahe herzlich. Vielleicht ist er ja doch kein so übler Kerl. Wenn man etwas über den Charakter eines Menschen erfahren möchte, muss man sich angeblich nur ansehen, wie er mit Untergebenen umgeht. Da könnte tatsächlich etwas dran sein. Zu Mrs Pemberton und Gemma ist er jedenfalls freundlich und höflich. Und wenn man ihn im Umgang mit Edie sieht, scheint er wie ausgewechselt. Liebevoll, zugewandt und zärtlich. Vollkommen anders als der selbstverliebte, arrogante Kerl, den er vorhin im Arbeitszimmer herausgekehrt hat.

Das Essen ist hervorragend und ich fürchte bereits um meine schlanke Linie, wenn ich ein Jahr lang so vorzüglich bekocht werde.

»Ich mag die Eiskönigin. Magst du die Eiskönigin?«, fragt Edyth auf Englisch und nimmt einen großen Schluck aus ihrem Becher.

»Ja«, antworte ich wahrheitsgemäß. Ich habe schon immer eine Schwäche für Disney-Filme gehabt. Ich bin unsicher, ob ich bei Tisch mit ihr Deutsch sprechen soll, beschließe aber, dass es Gemma und Mr Carlyle gegenüber unhöflich wäre.

»Wen magst du lieber? Elsa oder Anna?«, will Edie wissen und schaut mich mit gestrengem Blick an. Ich zögere, denn ich fühle mich wie bei einer Prüfung.

»Ich glaube, ich mag Anna lieber.«

Edyth scheint hochzufrieden mit meiner Antwort.

»Ich auch. Anna ist mutig, nicht wahr?«

»Ja. Ja, das ist sie«, lache ich.

»Und ich mag Kristoff«, fügt Edie hinzu und schaufelt einen Löffel Gemüse in ihren Mund. »Bist du verheiratet?«, fragt sie mit vollem Mund.

»Edie, erst den Mund leermachen«, mahnt Gemma in amüsiertem Ton. Jetzt wünsche ich mir, ich hätte dieses Gespräch mit Edie auf Deutsch geführt.

»Nein, bin ich nicht.«

»Hast du einen Freund?«

»Edyth! Es gehört sich nicht, Leute so auszufragen«, flüstert Gemma.

»Dabei wird es gerade interessant«, schaltet sich Mr Carlyle ein. Er legt den Kopf schräg und schaut mich mit hochgezogener Augenbraue prüfend an.

Ich ärgere mich darüber, dass meine Wangen zu glühen beginnen. Seine Bemerkung sollte ich einfach ignorieren. Leider werde ich unglaublich schnell rot und man sieht mir immer sofort an, wenn mir eine Situation unangenehm ist.

»Nein, aktuell habe ich keinen Freund.«

»Warum denn nicht?«, fragt Edyth, beinahe empört.

»Edie!«, zischt Gemma. Mr Carlyle unterdrückt ein Grinsen.

»Ich, ähm, ich schätze, ich habe einfach noch nicht den Richtigen gefunden.« Ich fühle Mr Carlyles amüsierten Blick auf mir ruhen.

»Daddy hat gerade auch keine Freundin«, verkündet Edie lautstark.

»Junge Dame, jetzt reicht es aber. Iss lieber deinen Teller leer. Es ist gleich Schlafenszeit. Ms Blumberg wird dir noch eine Geschichte vorlesen, und dann bringt Gemma dich ins Bett.« Mr Carlyle legt sein Besteck zur Seite und greift nach seinem Glas.

Ich muss mich bemühen, nicht zu grinsen. Jetzt weiß er, wie es ist, von seinem süßen Dreikäsehoch öffentlich vorgeführt zu werden. Geschieht ihm recht.

Nach dem Essen gehen wir ins Wohnzimmer und ich lese Edyth noch aus dem dicken, hübsch bebilderten Märchenbuch vor, das sie anschleppt. Es ist auf Deutsch geschrieben und schon sehr zerlesen. Sie muss dieses Buch lieben, denn sie verbessert mich, als ich ein falsches Wort lese. Offenbar kennt sie die Geschichten auswendig. Mr Carlyle lehnt am Kaminsims und betrachtet uns. Ich fühle mich beobachtet und kann mich kaum auf das Märchen konzentrieren. Als ich zu Ende gelesen habe, klappe ich das Buch zu.

»Und jetzt gute Nacht, kleines Rapunzel. Wir müssen morgen früh raus«, sage ich. Sie protestiert, lässt sich aber schließlich von Gemma an der Hand aus dem Zimmer führen.

Ungezügelte Träume

Ich mache Anstalten, ebenfalls aufzustehen.

»Bleiben Sie doch sitzen, Ms Blumberg. Leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft.« Mr Carlyle lächelt. »Möchten Sie etwas trinken? Ich würde mir gern eine Flasche Wein aufmachen.«

»Danke, gerne.«

Er geht nach nebenan, kehrt mit einer Flasche und zwei Gläsern zurück und schenkt uns ein.

»Sie haben Edie gerade nicht ganz die Wahrheit gesagt.«

Er reicht mir mein Glas.

»Wie bitte?«

»Sie sagten, Sie haben noch nicht den Richtigen gefunden. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, nicht wahr?«

»Was?« Ich bin total verwirrt. Wovon spricht er?

Er stützt sich auf die Rückenlehne des Sessels zu meiner Linken und betrachtet mich eingehend.

»Sie haben mindestens ein gebrochenes Herz zurückgelassen.«

»Woher wollen Sie das wissen?« Außerdem geht es Sie überhaupt nichts an, möchte ich hinterherschicken, schlucke die Bemerkung dann aber doch hinunter. Zugegeben bin ich auch ein wenig neugierig darauf, was ihn zu dieser Auffassung bringt.

Er kommt um den Sessel herum und setzt sich neben mich auf das Sofa. Mit Daumen und Zeigefinger zupft er eine Strähne meines Pixiecuts in die Stirn.

»Auf Ihrem Bewerbungsfoto trugen Sie die Haare noch lang. Wenn Frauen eine so radikale Veränderung vornehmen, geht das meistens Hand in Hand mit radikalen Veränderungen ihres Privatlebens.«

Ist er jetzt unter die Hobbypsychologen gegangen? Ich weiß einfach keine schlagfertige Antwort. Daher ziehe ich es vor, zu schweigen und lieber einen Schluck Wein zu nehmen.

»Ihr Schweigen verrät mir, dass ich recht habe. Sie sind eine Frau auf der Suche nach dem Abenteuer.« Ein selbstzufriedenes Lächeln kräuselt seine Lippen. »Aber ich möchte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Sprechen wir doch lieber über Ihre Pläne.«

»Meine Pläne? Sie meinen … meine Zukunftspläne?«

»Meinetwegen auch darüber. Ich meinte vielmehr, ob Sie sich schon überlegt haben, was Sie hier in Schottland gerne unternehmen möchten.«

»Dunnotar Castle, Balmedie Beach, ein paar Museen und Parks habe ich auf meiner Liste.«

»Sie sollten mit Edyth in den Hazelhead Park fahren. Ein wunderschöner Park und es gibt einen tollen Spielplatz und einige Tiere zu sehen.«

»Hazelhead«, ich nicke. »Ich glaube, der steht auch auf meiner Liste.«

Carlyle betrachtet mich über den Rand seines Weinglases. In meinem Magen kribbelt es. Sein Blick hat etwas an sich, das mich verunsichert. Etwas Lauerndes, das bei mir die inneren Alarmglocken schrillen lässt. Vielleicht ist es dieses intensive Blau seiner Augen. Sie wirken stechend, so als ob er meine geheimsten Gedanken lesen könnte. Und doch kann ich kaum wegsehen.

»Edie scheint sie zu mögen«, stellt er fest und nippt an seinem Glas. »Für gewöhnlich hat meine Tochter einen unfehlbar guten Geschmack.«

Für gewöhnlich. War das nun ein Kompliment oder eine versteckte Beleidigung? Aus diesem Typ werde ich nicht schlau.

»Sie haben studiert, um Lehrerin zu werden?«, will Mr Carlyle wissen.

»Ehrlich gesagt – in erster Linie wollte ich Sprachen studieren und da war es naheliegend. Jetzt bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich Lehrerin werden möchte. Deswegen wollte ich auch erst einmal ins Ausland, bevor ich mich festlege.«

»Eine weise Entscheidung.« Mr Carlyle nippt an seinem Wein. »Es ist selten gut, Dinge übers Knie zu brechen. Obwohl Sie bestimmt eine gute Lehrerin werden würden.«

»Glauben Sie?« Ich nehme ebenfalls einen Schluck Wein. Nicht schlecht! Definitiv besser als das, was ich mir für gewöhnlich leiste, auch wenn ich nicht zur Tetrapack-Fraktion gehöre. »Manchmal fürchte ich, mir könnte die nötige Autorität fehlen.«

In seinen blauen Augen blitzt es kurz auf und er sieht mich mit einem fast anzüglichen Lächeln über den Rand seines Glases hinweg an.

»Oh, ich glaube, Sie unterschätzen sich. Ich wette, Sie könnten unter den richtigen Umständen ziemlich streng werden.«

 Unwillkürlich weicht mein Blick seinem aus und streift das Klavier in der Ecke des Raumes, auf dem noch ein Notenblatt steht.

»Spielen Sie Klavier?«

Er bleibt mir eine Antwort schuldig. Stattdessen steht er abrupt auf und leert sein Weinglas.

»Die Arbeit ruft. Ich muss zurück an den Schreibtisch.«

Sein Gesicht hat wieder diesen harten Ausdruck angenommen, als hätte ich ihn mit meiner Frage irgendwie verärgert.

»Habe ich irgendetwas …«

»Einen schönen Abend, Ms Blumberg und angenehme Träume.«

Und damit ist er verschwunden.

»… Falsches gesagt?«, murmle ich und zucke mit den Schultern. Seltsamer Typ. Ich trinke meinen Wein aus und beschließe, auf mein Zimmer zu gehen und noch ein wenig in meinem Reiseführer zu schmökern.

Im Flur begegnet mir Gemma.

»Oh, Sie wollen schon ins Bett? Ich war gerade auf dem Weg nach unten.«

»Mr Carlyle wollte noch arbeiten. Ich fürchte fast, ich habe ihn irgendwie verärgert. Dabei habe ich nur gefragt, ob er Klavier spielt, weil da eines im Wohnzimmer …«

Gemma lacht und legt mir eine Hand auf die Schulter. 

»Vielleicht haben Sie ein Talent für Fettnäpfchen. Valerie, seine Ex, hat gespielt. Das Instrument ist seither unberührt und wird nur ab und zu einmal abgestaubt. Mr Carlyle kann sehr unfreundlich werden, wenn man Miss Gerber erwähnt. Aber machen Sie sich keine Gedanken, Julia. Sie konnten das schließlich nicht wissen, und sein Zorn ist im Allgemeinen schnell verraucht. Der Boss kann etwas eigen sein, aber im Grunde ist er kein schlechter Mensch. Ich bin jetzt schon vier Jahre hier und kann nicht behaupten, dass er mich jemals schlecht behandelt hätte. Im Gegenteil. Die Stelle ist sehr gut bezahlt und ich arbeite mich nun weiß Gott nicht tot. Erst recht nicht jetzt, wo Sie da sind. Ich werde eine Menge mehr Tagesfreizeit haben – bei gleicher Bezahlung.«

Sie lacht. »Da kann ich mich doch wirklich nicht beschweren, oder? Also, machen Sie sich keine Sorgen. Er kriegt sich wieder ein.«

»Danke, Gemma. Das beruhigt mich. Wir sehen uns morgen?«

»Spätestens beim Frühstück. Gute Nacht, Julia. Und noch einmal herzlich willkommen.«

»Vielen Dank und Gute Nacht.«

Ich schlafe unruhig, wälze mich hin und her. Sehe im Traum immer wieder diese Augen und den bohrenden Blick. Im Dämmerschlaf driften meine Gedanken in eine Ecke, die mir nicht gefällt, kehren immer wieder zu dem Moment im Arbeitszimmer zurück. Sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt. Ich male mir aus, wie er seine Lippen auf meine presst, seine Zunge hungrig meinen Mund erobert, seine warmen, kräftigen Hände über meinen Körper gleiten, meine Brüste kneten, sich zwischen meine Schenkel schieben und sie mit sanfter Gewalt öffnen. Feuchte Hitze wühlt in meinem Unterleib, während ich mir vorstelle, wie sich unsere Körper fordernd aneinanderpressen, seine warme Haut auf meiner. Wie er mich ausfüllt, wieder und wieder in mich stößt, wir uns gegeneinander bewegen, miteinander verschmelzen.

 Ich schrecke auf und reibe mir über die Augen. Das Prickeln und Ziehen in meinem Unterleib hallt nach. Lange habe ich keinen erotischen Traum mehr gehabt und ausgerechnet dieser Kerl drängt sich in meine Fantasie und bringt meine Hormone zum Überkochen. Zugegeben, er kann sich sehen lassen, und diese leicht überhebliche Art kann auf eine fatale Weise sehr anziehend wirken, aber er ist definitiv eine Nummer zu groß für mich. Das sind Männer, von denen man besser die Hände lässt. Ich schmiege die Wange in die Kühle des Kissens. Doch dieses sehnsüchtige Kribbeln will sich einfach nicht legen. Womöglich hat Mr Carlyle recht. Ich bin auf der Suche nach etwas. Auf der Suche nach Lebendigkeit, nach Leidenschaft, einfach nach mehr. Lucas und ich, wir waren mehr wie Freunde. Ich würde ihm Unrecht tun, wenn ich sagte, der Sex sei schlecht gewesen. Das war er nicht. Er war warm, kuschelig, vertraut. Doch in der letzten Zeit hat mir zunehmend etwas gefehlt. Dieses Sehnen, der Hunger, die Lust, an Grenzen zu gehen. Wenn es das zwischen Lucas und mir überhaupt gegeben hat, dann hat es nur sehr kurz gewährt. Es hat die erste Phase der Verliebtheit nicht überdauert. An diese Stelle sind Verlässlichkeit, Vertrautheit und Geborgenheit getreten. So etwas findet man nicht mit jedem, das ist mir klar. Vielleicht ist es der größte Fehler meines Lebens, Lucas gehen zu lassen und all das fortzugeben für … ja, für was? Für ein vages Gefühl, etwas zu vermissen, Gelegenheiten zu verpassen, mein Leben nicht voll auszukosten?

Ein Mann wie Mr Carlyle kommt meiner Fantasie da gerade recht. Sexy, erfolgreich, selbstbewusst und lebenserfahren. Natürlich reizt mich das. Doch ich bin klug genug, mir nicht die Finger zu verbrennen. Oder etwa nicht?

Ich schließe die Augen und versuche, wieder in den Schlaf zu finden. Doch während ich langsam wegdämmere, merke ich, wie meine Gedanken wieder zu meinem Traum zurückkehren. Fast automatisch schiebt sich meine Hand unter der Decke zwischen meine Schenkel, findet die pochende, feuchte Hitze. Meine Finger tasten streicheln und reizen mich, tauchen in die Wärme. Mein Handballen presst sich gegen meine empfindlichste Stelle, während ich meine Hand langsam bewege. Ich stelle mir vor, wie sich seine Hände anfühlen, die kräftigen, schlanken Finger. Ich stöhne leise in mein Kissen, während ich mir ausmale, wie er mich über seinen Schreibtisch beugt, meine Schenkel spreizt und seine Finger langsam in mich hineingleiten lässt, meine harte Perle reizt und sie zwischen den Fingern reibt. Mein Atem kommt in Stößen über meine Lippen, als ich mir vorstelle, wie er hinter mir steht, meine Hüften packt und mit langen, festen Stößen in mich eindringt, seine harte Männlichkeit sich tiefer und tiefer in mich schiebt und mich ausfüllt. Meine Finger bewegen sich schneller, dehnen, reizen und streicheln mich, während ich mich, getragen von meiner Fantasie, immer weiter in meine Lust steigere, bis ich schließlich die ersehnte Erlösung finde. Ich fühle mich ein wenig schuldig, als ich die Hand fest zwischen meine Schenkel presse und mein Körper lustvoll zusammenzuckt. Es fühlt sich falsch an, dass mich der bloße Gedanke an diesen Mann so erregt. Immerhin ist er mein Boss und jemand, von dem ich mich tunlichst fernhalten sollte.

Doch die Gedanken sind bekanntlich frei und Fantasie und Realität sind zwei Paar Schuhe. Eine wohlige, erfüllte Wärme breitet sich in meinem Körper aus. Ich kuschle mich zufrieden in meine Decke und gleite langsam in den Schlaf.

Gefährliches Spiel

Am Morgen finde ich mich zur vereinbarten Zeit am Frühstückstisch ein. Mein Magen rumort ein wenig, was ich nicht vollständig auf den köstlichen Duft von Mrs Pembertons Pfannkuchen zurückführen kann. Mr Carlyle unter die Augen zu treten, ist mir ein wenig unangenehm nach letzter Nacht. Ein wenig kommt es mir so vor, als müsste jeder sehen können, was ich gestern Nacht in meiner Fantasie getrieben habe. Als ob es mir auf die Stirn geschrieben stünde. Dass meine Wangen bei dem bloßen Gedanken daran zu glühen beginnen, macht es nicht unbedingt besser.

Doch zum Glück scheint Mr Carlyle heute in Eile und mit den Gedanken woanders zu sein. Gleich nach dem Frühstück bricht er zu einem wichtigen geschäftlichen Termin auf, ohne unser gestriges Gespräch und sein abruptes Ende auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Gemma scheint recht zu behalten. Vermutlich hat er den Vorfall längst wieder vergessen.

 Nachdem ich Edie im Kindergarten abgeliefert habe, finde ich mich in einem riesigen, leeren Haus wieder und weiß so recht nichts mit mir anzufangen. Gemma ist zu einem Shopping-Trip nach Aberdeen aufgebrochen und Mrs Pemberton wuselt irgendwo im Hauswirtschaftstrakt herum. Ich schlendre durchs Haus und sehe mich ein wenig um. Es gibt wenig Persönliches, keinen Nippes oder Fotos. Alles sieht aus, als sei ein fähiger Innenarchitekt am Werk gewesen, doch mir fehlt ein wenig der individuelle Touch, die Erinnerungsstücke. Dafür drücke ich mich immer ums Staubwischen, weil bei mir so viel Kinkerlitzchen in den Regalen stehen, die man alle einzeln herausnehmen und abstauben müsste. Ich schätze, es hat beides etwas für sich.

Da ich nicht so recht weiß, was ich mit mir anfangen soll, während ich auf Edie warte, hole ich meinen E-Book-Reader, um auf der Terrasse ein bisschen zu lesen. Vorher drehe ich eine Runde durch den wunderschönen Garten, der sicher einem guten Dutzend Gärtner Vollzeitbeschäftigung garantiert. Am Ende des Gartens steht eine alte Weide, deren dichte Zweige bis tief auf den Rasen herabhängen. Am Stamm entdecke ich eine Leiter und lege den Kopf in den Nacken. Versteckt zwischen den dichten Blättern entdecke ich ein Baumhaus. Sicher ist das Edies Lieblingsplatz. Als Kind habe ich immer von einem richtigen Baumhaus geträumt. Doch mit unserem Reihenhausgarten blieb es leider bei dem Traum.

Schließlich setze ich mich auf die Terrasse und lese ein Kapitel in meinem Buch. Doch heute ist es windig und etwas zu kühl, um sich lange ohne Jacke draußen aufzuhalten. Ich beschließe, ins Wohnzimmer umzuziehen. Neugierig entziffere ich die Rücken der Bücher in den Regalen. Eine gut sortierte Bibliothek. Zwei Regalbretter ganz unten sind für Edies Bücher reserviert. Hier finde ich auch ihr geliebtes Märchenbuch. Daneben steht eine bunte Spielzeugkiste, die in diesem Ambiente ebenso fehl am Platze wirkt wie Edies Disney-Becher an der eleganten Tafel. Ich muss lächeln. Es spricht für Mr Carlyle, dass er in seinem durchgestylten Wohnzimmer einen Platz für die Bilderbücher und das Spielzeug seiner Tochter eingeräumt hat. Mit Edie hat er locker und fröhlich gewirkt. Irgendwie charmant. Ich ärgere mich darüber, dass der überhebliche Kerl schon wieder meine Gedanken beschäftigt. Diese Eisaugen gehen mir nicht aus dem Kopf und der Gedanke an meinen Traum letzte Nacht lässt meine Wangen glühen. Dabei stehe ich doch gar nicht auf solche Männer. Selbstgefällig und arrogant, distanzlos und … überhaupt völlig unmöglich. Er meint, Geld und Einfluss machen Höflichkeit und Zurückhaltung überflüssig. Na ja, wahrscheinlich ist er es gewohnt, dass sich ihm die Mädchen reihenweise zu Füßen werfen. Wie viele Frauen bereit sind, sich zu erniedrigen, nur um ein reiches Exemplar der Gattung Mann abzugreifen, können wir ja tagtäglich in den Medien bewundern. Wie er mich gestern Abend einfach abgefertigt und sitzenlassen hat, nur weil ich ihm – vollkommen ohne Absicht und bösen Willen – auf seine empfindlichen Millionärszehen getreten bin. Das ist doch wirklich keine Art!

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    Lia Bergmann (Autor)

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Titel: Eisblaue Versuchung (Erotischer Roman)