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Ein Schotte wider Willen (Liebesroman)

von Katherine Collins (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Auf der Flucht vor ihrem lieblosen Ehemann versteckt sich Catriona in den Highlands. Das Familiengut Farquhar, wo ihr Bruder zurückgezogen lebt, scheint die perfekte Lösung zu sein – obwohl sie diesen Ort seit ihrer Kindheit meidet und er ihr Alpträume beschert. Doch als ihr Aufenthaltsort nicht lange unbekannt bleibt und auch andere, private Details an die Öffentlichkeit gelangen, beginnt sie zu zweifeln: Ist ihre Zufallsbekanntschaft, der verdammt attraktive Rick Harris, etwa nicht der charmante Autor, der er vorgibt zu sein, und spioniert er sie lediglich aus, um an neue Klatschgeschichten über ihren prominenten Bruder Ian McDermitt zu kommen?

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Impressum

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Erstausgabe Dezember 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-239-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-529-1

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung von Motiven von
© pixabay.com
Lektorat: Daniela Pusch

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Prolog

Mein Wecker schrillte. Automatisch schlug ich auf die Schlummertaste und hielt den Atem an. Hatte der Alarm auch Torin aus dem Schlummer gerissen? Vorsichtig drehte ich mich, um mich zu vergewissern, dass mein Mann noch schlief. Obwohl es Torin war, der am Morgen das Haus verlassen musste, und nicht ich, hasste er es, von meinem Wecker geweckt zu werden.

Noch immer die Luft anhaltend, rutschte ich aus dem Bett und huschte durch das dunkle Zimmer. Die schwarzen Blenden vor den riesigen Fenstern ließen kaum Licht durch, Torin konnte nicht schlafen, wenn es zu hell war. Oder zu laut. Oder zu warm, zu kalt, zu irgendwas. Er war sehr speziell. Leider auch unordentlich, weshalb ich stolperte und in voller Länge auf dem Boden aufschlug. Das Gegenstück zu dem Schuh, der mich zu Fall gebracht hatte, bohrte sich nun in meinen Bauch. Ich stöhnte leise, rieb mein Kinn, mit dem ich aufgeschlagen war, und betete stumm, dass ich Torin nicht geweckt hatte.

„Daingead, Weib!“, brüllte der aber auch schon und ließ mich zusammenzucken. Am frühen Morgen, da fing der Tag gleich prima an.

„Entschuldige“, flüsterte ich, wissend, dass es ohnehin nichts änderte. „Ich wollte nicht …“

„Ist es zu viel verlangt, dass du etwas Rücksicht nimmst!“

Ich rappelte mich auf, schob seine Schuhe zusammen und zu ihm hin. „Nein. Es tut mir leid, Torin, ich werde leiser sein.“

Er grollte etwas. Schritte näherten sich mir und ich wich schnell aus. Die Tür schlug zu. Einen Moment gönnte ich mir, in meiner Erleichterung zu baden, allerdings nur einen ganz kurzen, dann sprang ich auf und lief durch den engen Flur in den Wohnbereich. Die Edelstahloberflächen der offenen Küche begrüßten mich funkelnd. Es war eine Heidenarbeit, sie glänzend zu halten und es gab Tage, da hasste ich sie richtiggehend. Der Wassertank der Kaffeemaschine war leer und ich musste ihn auffüllen, was mich kostbare Sekunden kostete, außerdem zitterten meine Hände und mir fiel die Kapsel runter.

„Wo ist mein Frühstück?“, zischte Torin in meinem Rücken und schob mich zur Seite.

„Braucht noch einen Augenblick. Möchtest du dein Ei …?“ Sein Blick brachte mich zum Schweigen – und zum Zittern. Es fehlte nicht mehr viel, das sah man ihm an.

„Wo ist mein Kaffee?“

Mein Blick zuckte zur Maschine, die gurgelnd das geforderte Getränk bereitete. Das frische Aroma erfüllte bereits den Raum und machte die Frage unnötig.

„Noch nicht fertig?“, fragte er betont ruhig. Obwohl ich damit rechnete, traf mich sein Schlag, bevor ich ausweichen konnte. Er warf mich gegen die Kochinsel, an der ich mir die Hüfte prellte, so dass ich mir schnell auf die Lippe biss, um den Schmerzensschrei zu unterdrücken. „Es tut mir leid“, keuchte ich stattdessen. „Setz dich doch schon einmal, ich bringe dir den Kaffee und die Morgenzeitung.“ Die ich erst holen musste. Innerlich stöhnte ich. Ich befand mich auf verflucht dünnem Eis.

Torin trat auf mich zu, verstellte mir den Ausweg und zwang mich, zu ihm aufzusehen, indem er mein Kinn umfasste und es anhob. „Warum musst du so verflucht unzulänglich sein?“

Was mir auf der Zunge lag, schluckte ich schnell wieder herunter. Er hatte ja recht. Wie schwer konnte es sein, seinen Wünschen Folge zu leisten und ihn schlafen zu lassen, bis ich sein Frühstück gerichtet hatte, um ihn dann mit einer Tasse frischem Kaffees zu wecken und ihm derweil die Kleidung bereitzulegen? So manches Mal kam ich mir wie seine Leibeigene vor, dabei war ich die Tochter eines Dukes und er nur ein schottischer Baron. Vor hundert Jahren hätte man noch von einer Mesalliance gesprochen, so unvorteilhaft hatte ich mich verheiratet. Nun, meiner Mutter zufolge, war ein Baron besser als nichts, und unverheiratet zu bleiben wäre meine einzige Alternative gewesen.

Als er mich losließ, tat er es mit einer ruckartigen Bewegung, die mir eine Zerrung im Nacken zufügte.

„Du vernachlässigst einmal mehr deine Aufgaben. Ich frage mich, was du den ganzen Tag treibst, dass du es nicht schaffst, hier Ordnung zu halten.“ Er stieß den Früchtekorb um, während er um die Kochinsel herumging.

„Ich war … nachlässig, verzeih mir.“ Unauffällig reckte ich meine Schultern, aber die schmerzhafte Verspannung blieb. Torin setzte sich an den Tisch.

„Meinen Kaffee!“

Eilig kam ich seiner Forderung nach und stellte die Tasse vor ihm ab, um durch die Wohnung zu flitzen und die Zeitung zu holen. Dann machte ich mich augenblicklich daran, ihm seine Frühstückseier zu bereiten.

„Heute noch?“

„Natürlich!“ Fast wäre das Ei auf dem Boden gelandet, in meiner Hast es auf seinem gebutterten Toast abzulegen. Sein Blick glitt über mich und ich machte mich auf eine Beleidigung gefasst, weil seine Lippen sich geringschätzig verzogen.

„Du bist schlampig! Herrje, was hat mich nur geritten, dich zu heiraten?“

Eine zugegeben hervorragende Frage, die ich mir oft genug selbst stellte.

„Da fällt mir ein …“

Ich war bereits auf dem Rückzug und stoppte schnell.

„Daingead, was ist das für ein Fraß!“ Der Teller segelte mit Schwung zu Boden und zerbarst vor meinen Füßen. Splitter rissen meine Haut auf, aber ich wagte nicht, zurückzuweichen. Er käme ohnehin nach. Torin sprang auf und ragte über mir auf. Er war bullig und größer als ich. Nicht selten flößte er mir eine ungeheure Furcht ein. Sein Blick legte sich schneidend auf mich und seine Faust ballte sich. Bitte nicht. Aber es hatte selten einen Nutzen, eine Bitte an irgendwen zu richten. Das Unvermeidliche ließ sich nicht aufhalten. Seine Faust traf meine Schulter. Immerhin nicht mit voller Wucht, trotzdem torkelte ich rückwärts und stieß erneut gegen die Kochinsel, dieses Mal jedoch mit meinem Hinterteil.

Seine Faust hob sich wieder. Es gab nichts, was mich retten konnte, also schloss ich die Augen. Lange stellte ich mir die Frage schon nicht mehr, warum er mich schlug, oder warum ich es zuließ. In mir herrschte resignierte Stille, bis die Schmerzen mich durchzuckten.

Ein Klingeln rettete mich. Das Telefon. Ich spürte den Sockel der Kochinsel in meinem Rücken.

„Galloway?“, grunzte er in den Hörer. Er stand an der gläsernen Kommode neben dem offenen Durchgang zum Flur und starrte an die Wand. „Heute? – Wann? Wenn es sein muss.“

Vorsichtig rappelte ich mich auf und schob dabei die Scherben zusammen.

„Mach hier sauber!“, verlangte er harsch, nachdem er aufgelegt hatte. „Wenn ich wiederkomme …“

„Ja.“ Nur ein Wispern, aber er erwartete keine Antwort von mir, das tat er nie. Seine Erwartungen an mich waren, einfach und klar umrissen: nicht auffallen und ihm das Leben so angenehm wie nur möglich machen.

Ich kauerte am Boden, bis die Tür des Apartments hinter ihm zufiel, dann ließ ich die aufgeklaubten Reste seiner Mahlzeit fallen und kippte schlicht zur Seite. Noch in meinem Nachthemd auf den gewienerten, glänzendweißen Fliesen, Ei im Haar und Butter an der Wange, starrte ich vor mich hin. Das war also mein Leben. Ich war die Tochter eines Dukes, hatte ein nettes Vermögen mit in die Ehe gebracht und nur diesen einen Wunsch: Unsichtbar zu sein.

Das Gefühl blieb, selbst eine Dusche, kuschelige Kleidung und ein kleines Frühstück konnten nichts daran ändern. Immerhin schaffte ich es, das Chaos zu beseitigen und schrubbte gerade auf allen vieren den Boden, als es an der Tür klingelte.

Da ich nur selten Besuch bekam, machte es mich jedes Mal nervös, die Tür zu öffnen.

„Islay!“ Mein Cousin grinste mich an, was bereits bemerkenswert war. Dass er mich in den Arm nahm, zog mir fast den Boden unter den Füßen weg. Ich stöhnte auf, als sich seine starken Arme um mich schlossen.

„Catriona, ich musste es versuchen, bist du allein?“ Er ließ mich wieder los und strahlte mich an. Irritierend, denn glücklich wirkte Islay eigentlich nie. „Ich muss dir unbedingt Sina vorstellen.“ Er schob mich zurück und damit in den Flur hinein. Er streckte den Hals und sah hinter mich. „Du bist doch allein?“

Es war kein Geheimnis, dass Torin nicht wollte, dass ich Besuch bekam. Er verlangte, dass man sich vorher anmeldete und fand meist einen Grund, das Treffen abzusagen.

„Ja, Torin ist wie gewohnt früh raus.“ Ich räumte verdutzt den Weg und bemerkte nun, dass mein Cousin nicht allein gekommen war, weil er sich umdrehte und die Hand nach seiner Begleitung ausstreckte.

„Ich möchte dir Sina vorstellen, wenn wir schon mal in der Gegend sind.“ Er zog eine große Blondine näher und legte den Arm in ihren Rücken. „Sina, meine Cousine Catriona.“

Sie lächelte mich an. „Hallo.“

„Hàlo.“

Islay schob sie weiter und schloss dann die Tür. „Sie bevorzugt Kaffee.“

„So?“ Ich folgte ihm den Flur entlang bis in die Küche, wo er Sina den Stuhl hervorzog.

„Du übertreibst es wieder“, flüsterte sie und berührte ihn vertraut an der Wange. Ein leichtes Lächeln flackerte auf ihren Lippen, dass sich auf Islays widerspiegelte.

„Ich bin etwas überrascht …“ Gelinde gesagt, schließlich kam Islay sonst allein und warnte mich zumindest vor.

„Ich wollte die Chance nutzen.“ Er setzte sich an den Tisch. „Komm setz dich.“

Schön, Widerstand war zwecklos, also fügte ich mich und sank auf den Stuhl, den er mir bereitstellte, dann setzte er sich zu uns und ergriff Sinas Hand. „Du warst nicht auf der Hochzeit und wurdest vermisst“, offenbarte er angespannt. Nach einem Räuspern und einem Seitenblick fuhr er fort: „Du hast einiges verpasst.“

„Vielleicht nicht der beste Einstieg, Islay?“, mahnte Sina, wozu sie sich vorbeugte, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern.

Islay schoss Farbe ins Gesicht. „Ich stehe zu meinen Fehlern.“ Er begegnete meinem Blick. „Ich habe mich nicht mit Ruhm bekleckert und ich fürchte, Lachlan will mich erst einmal nicht mehr sehen.“

Ich stutzte, im ersten Moment verwirrt, denn niemand nannte  meinen älteren Bruder Kendrick bei seinem Taufnamen Lachlan.

„Tante Mairi …“ Er brach ab und konnte auch meinem Blick nicht mehr standhalten. Typisch Islay. Ich streckte die Hand aus und legte sie auf seine.

„Will dich auch nicht mehr sehen?“

Seine schweren Schultern hoben sich zu einem knappen Zucken. „Nein, aber damit können wir leben.“

Dieses Mal war ich es, die Sina einen Blick zuwarf. Meine Frage stand mir sicher auf der Stirn geschrieben: Was hatte sie damit zu tun?

„Sina hat die Hochzeit geplant und ich habe sie sabotiert.“

Dieses Eingeständnis hätte mich fast meine gute Erziehung vergessen lassen, allerdings war diese tief in mir verankert. Meine Mutter hatte da gute Arbeit geleistet und mich zu einer folgsamen, gewissenhaften, vornehmen Dame geformt, was Angesicht meiner ungestümen Art bemerkenswert war. Allerdings hatte ich, anders als meine älteren Geschwister, auch viel mehr Zeit zu Hause verbracht und war ihr damit voll und ganz ausgeliefert gewesen. Selbst nach meiner Volljährigkeit war ich ihr nicht entkommen und man konnte sagen, dass sich dieser Zustand noch immer nicht geändert hatte. Bei jedem falschen Schritt gellte mir ihre Stimme im Ohr. Bei jedem ketzerischen Gedanken stand sie mir vor Augen, und selbst wenn ich der Meinung war, alles getan zu haben, wie sie es wünschte, bekam ich die Furcht nicht in den Griff, sie könnte unzufrieden mit mir sein. Lustigerweise unterschied sich dies nicht von meinen Sorgen bezüglich meines Ehemanns.

„Es klingt sehr drastisch“, sprang Sina ein, als müsse sie Islay verteidigen. Sie rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn, richtete sich dabei kerzengerade auf und hob das spitze Kinn, um an ihrer Nase entlang auf mich herabzusehen. „Es war nicht schwerwiegend und weder seine Idee gewesen, noch allein seine Schuld.“ Sie nahm sich zurück, wurde wieder weicher in ihrer Haltung und setzte ein Lächeln auf, das ich als entschuldigend wertete. „Ich möchte nicht impertinent wirken, Mrs Galloway, aber Islay nimmt es sich zu sehr zu Herzen und am Ende waren alle Bemühungen ihrer Gnaden ohnehin wirkungslos. Kein Omen der Welt könnte einen Keil zwischen Lachlan und Carolina treiben.“ Sie lachte auf, als wäre die Vorstellung absurd.

„Ich fürchte, ich kann nicht folgen“, gestand ich ein und zog die Hand zurück, um sie fein übereinanderzulegen. Haltung, Schein, Lüge: wie tief steckte es in mir drin, stets die feine Lady zu sein?

Islay räusperte sich, setzte an, etwas zu sagen und klappte den Mund dann wieder zu, um sich umzusehen. „Dein Personal ist ziemlich nachlässig, oder?“

Mein Zucken war offenbarend.

„Bei einer Tasse Kaffee ließe sich alles viel angenehmer besprechen.“

Sina verdrehte die Augen und schob ihren Stuhl zurück. „Mylord, was darf ich Ihnen kredenzen?“ Ihre Stimme troff vor Belustigung.

„Nein, nein!“ Islay kam so schnell auf die Füße, dass sein Stuhl ins Schlingern geriet. „Natürlich bin ich in der Lage, mir selbst … uns selbst …“

Sina winkte ab. „Mrs Galloway, Sie erlauben, dass ich mich in Ihrer Küche betätige?“

Ich war viel zu verblüfft von Islays Reaktion, als dass ich antworten konnte.

„Wir sind erwachsene Menschen, nicht wahr? Wir schaffen es doch, eine Maschine mit Wasser und Kaffeepulver zu befüllen und einen Knopf zu drücken?“ Ihr Lächeln war vermittelnd, auch wenn ihre Worte eher einem Affront gleichkamen. Bei meiner Mutter wäre sie … ah. Mein Nicken setzte sie in Bewegung, noch bevor ich selbst aufstehen konnte. Dadurch war sie um die Kücheninsel herum, bevor ich auch nur ein weiteres Wort von mir geben konnte und stolperte fast über meinen Eimer und die Bürste.

„Nanu!“

Isaly folgte ihr besorgt. „Nachlässig ist gar kein Ausdruck.“

Er bezog sich auf das nicht vorhandene Dienstmädchen und mir schoss heiße Röte ins Gesicht, weil mir auf die Schnelle keine Erklärung einfiel, warum der Eimer noch hier stand. Denn einzugestehen, dass ich meinen Haushalt selbst bestreiten musste, war indiskutabel!

„Oh, Islay, weißt du, was zauberhaft wäre?“ Mein Cousin war gleich Feuer und Flamme und eilte zu ihr. „Um die Ecke ist doch diese Confiserie …“

„Wundervolle Idee! Ich besorge uns eine kleine Auswahl!“ Er drückte ihr noch einen Schmatzer auf die Wange und eilte durch den Flur. Die Tür fiel zu, als Wasser in die Spüle plätscherte und mich wieder ablenkte.

Sina befüllte den Wassertank der Kaffeemaschine. „Ihm fehlt es leider an Feinfühligkeit.“

„Wie meinen?“

Sina sah mich kurz prüfend an. „Sie sind zwar akkurat gekleidet, aber man sieht Ihnen dennoch an, dass sie vor unserem Eintreffen nicht die Füße hochgelegt haben. Ich gehe also davon aus, dass es kein Personal gibt und die Familie es nicht wissen soll.“

Sie hatte mich überrascht, das gab ich gerne zu. Um es zu überspielen, beschäftigte ich mich schnell mit der Auswahl an Kaffee. „Milchkaffee? Mokka, oder lieber mild?“

„Jetzt haben Sie sich verraten. Um den Schein zu wahren, hätten Sie mich zurechtweisen sollen und mir eine Lüge auftischen müssen, à la das Mädchen ist mit einem dringenden Botengang beschäftigt.“ Sie lachte auf. „Verzeihen Sie, ich habe nicht vor, mich in Ihre Belange einzumischen. Islay war nur sehr mitteilungsbedürftig, als er darauf drängte, Sie zu besuchen.“

Innerlich stöhnte ich. Diese Frau war eine Gefahr.

„Er ist besorgt.“ Sie streckte die Hand nach dem Milchkaffee aus. „Islay bevorzugt den hier, welchen möchten Sie?“

„Ebenfalls den Milchkaffee.“ Die Tassen hingen neben der Maschine und sie bediente sich wie selbstverständlich. Irgendwie war ich beeindruckt von ihrem Selbstvertrauen. Ich könnte niemals jemanden besuchen und dermaßen unbekümmert die Aufgaben der Gastgeberin an mich reißen.

„Ich weiß, dass auch Ihr Bruder beunruhigt ist.“ Wieder dieser prüfende Blick, während sie weiter die Maschine bediente. „Und Carolina auch, deswegen hielt ich es für eine gute Idee, herzukommen.“

„Völlig unnötigerweise.“ Auch wenn mir der Mund trocken wurde, ließ ich mir mein Unbehagen nicht ansehen, dachte ich zumindest.

„Das glaube ich nicht.“

„Miss …“ Hatte Islay ihren Nachnamen erwähnt? Sina und weiter?

„Es geht mich nichts an, richtig, aber ich werde Islay nicht beruhigen können, wenn ich nicht selbst davon überzeugt bin, dass er sich unnötig Sorgen macht.“ Sie stellte die zweite Tasse beiseite und wechselte die Kapsel. „Und Sie sind nicht sonderlich überzeugend.“

„Wie meinen?“ Ich sollte verärgert sein, meine Mutter wäre es, aber ihre Impertinenz verschlug mir schlicht die Sprache.

„Ihr Makeup verdeckt den blauen Fleck an ihrer Wange und dem Kinn, aber nicht den kleinen Riss an ihrer Lippe. Ich habe kürzlich selbst Blessuren verstecken müssen, da ich durch einen Unfall recht malträtiert aussah.“ Sie lächelte bitter. „Ich arbeite mit engem Kundenkontakt und habe mich schlaumachen müssen, wie man Blessuren abdeckt. Als Hochzeitsplanerin muss man auf sein Äußeres achten.“

Meine Finger glitten verräterisch über den kleinen Huckel an meiner Lippe. Sollte ich behaupten, es sei Herpes? Oder ich hätte mich irgendwie, irgendwo gestoßen? „Ich …“ Die Türglocke riss mir die Lüge von den Lippen. Ich rannte förmlich weg. Natürlich musste ich Islay wieder hereinlassen, aber so eilig war es dann doch nicht.

Er grinste gutgelaunt und hielt mir die Platte unter die Nase. „Ich hoffe, ich habe auch für dich das richtige dabei. Wenn nicht, schick mich einfach noch mal los.“ Er war schon halb den Flur hinab, bevor ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte. Das war sicher nicht mein Cousin, der Viscount of Kinross! Herrje, er war doch kein Botenjunge, den man … Und ich war weder ein Hausmädchen noch eine Leibeigene. Langsam folgte ich ihm und bekam das Lob Sinas mit.

„Wow, du hast an alles gedacht, ich bin beeindruckt.“ Islay strahlte regelrecht. Sina hatte den Kaffee bereitgestellt und wieder auf ihrem Stuhl Platz genommen. Ein schneller Blick zur Küchenzeile versicherte mir, dass sie allen Unrat fortgeräumt hatte und alles so aussah, als sei die Küche unbenutzt. Ich war gegen meinen Willen erneut von ihr angetan.

Ich holte die Teller und Gäbelchen aus dem Schrank, bevor ich mich zu ihnen setzte.

„Und ist für dich etwas dabei?“

Einen Moment blieb ich ratlos.

„Ich hole dir auch … Ich hätte vorher fragen sollen, entschuldige …“

„Nein!“ Schnell musterte ich die Platte, um eine Entscheidung zu fällen. Ginger Bites, Oatcakes, Karamelltorte mit Baiserhaube, Empire Biscuits, natürlich Shortbread, an dem kam ein Schotte nicht vorbei, aber auch Scones mit herrlicher Clotted Cream und Marmeladendeckel. Eine Schande, dass ich die Hälfte davon nicht essen durfte. „Es ist eine hervorragende Auswahl Islay und ich wäre mit jedem Teil zufrieden.“

„Dann bitte, wähle eines aus.“

Beide beobachteten mich, also hatte ich keine Wahl, obwohl ich mir schwertat mit schnellen Entscheidungen.

„Also, wo waren wir stehengeblieben?“, fragte Islay, als er sich an einem großen Stück Sahnetorte bediente. „Die Hochzeit, nicht wahr? Jemine, da hast du wirklich was verpasst!“

„Ja.“ Wieder spann mein Kopf Ausreden zusammen. Eine plötzliche Krankheit? Autopanne? Moment, wie war meine Erklärung an meinen Bruder gewesen, dass mein Mann und ich nicht hatten zur Hochzeit kommen können?

„Sie war ein Traum!“

Sina schnaubte verdrossen, was mich abstieß. Wie gewöhnlich. Moment? Hochzeitsplanerin, aktiv? Dann war sie nicht von Adel. Mutter musste entzückt sein!

„Sie war ein Albtraum, explodierende Toilettenhäuschen, Brände und Stromausfälle, ich wäre beinahe verzweifelt.“

„Oh nein, du hast alles mit einem Fingerschnippen geregelt. Ausfall der Busse? Schwupps standen Kutschen parat. Das Zelt steht in Flammen und der Ausgang ist blockiert? Sina schneidet einfach ein Loch in die Seitenplane und alle sind gerettet …“

Klang ganz danach, als hätte ich einiges verpasst. „O mo chreach! Das klingt tatsächlich schauderhaft.“

„Carolina bewertete die Feier als traumhaft“, stellte Sina trocken fest und brach in Gelächter aus, weil ich fassungslos dreinsah. Die Beschreibung klang alles andere als traumhaft.

„Vielleicht sollten wir von vorn beginnen, Islay, was meinst du? Also, aus meiner Sicht war es von vornherein …“

Ihre Erzählung fesselte mich und ich bereute, nicht dort gewesen zu sein. Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass es für mein Fernbleiben mehr als nur einen Grund gegeben hatte. Mir gegenüber konnte ich eingestehen, dass es nicht an Torin gelegen hatte, aber auch nicht an meiner Furcht. Farquhar. Ein Schauder lief über meinen Rücken und nicht, weil Sina soeben von der Feuersbrunst berichtete, die das McDermittzelt niedergebrannt hatte, in dem sich noch ein Haufen meiner Verwandtschaft befunden hatte.

„Catriona?“ Mein Cousin musterte mich irritiert. „Stimmt etwas nicht? Du zitterst ja.“

Tränen sprengten meine Augen und verwischten meine Sicht. Oh, Islay, wenn du wüsstest!

Was wäre, wenn ich es ihm erzählte? Alles anders. Aber konnte ich das? Wollte ich es?

Es war unmöglich, meine Situation zu ändern. Ich war verheiratet, eine Scheidung kam nicht infrage und es war auch albern. Es war meine Schuld, dass meine Ehe so schlecht lief. Ich war unzulänglich, war es immer schon gewesen, und hatte mit meiner Hochzeit den einen Kritiker nur durch den anderen ersetzt. Ich war gefangen und nichts und niemand konnte mir helfen.

Kapitel 1
Eine Reise in die Highlands

Das rötlich-goldene Licht der tief stehenden Sonne blendete mich, als ich die kurvigen Straßen von Inverness Richtung Farquhar befuhr. Vielleicht waren es auch meine Tränen, die mich schlecht sehen ließen. Mit Sicherheit konnte ich das nicht auseinanderhalten und ich wusste auch nicht, warum ich weinte. Denn eigentlich hatte ich keinen Grund. Ich ging. Freiwillig. Es war meine Entscheidung und doch flennte ich wie ein Schlosshund. Zehn Jahre waren wir ein Paar gewesen, Torin und ich, eine lange Zeit – eine Ewigkeit. Sechs davon sogar verheiratet. Das war die eigentliche schlimme Zeit, denn vor der Ehe war er anders gewesen. Sicher nicht perfekt, überführsorglich oder aufmerksam, aber auch nicht ständig unzufrieden und gemein. Wollte ich dies wirklich fortwerfen? Ich blinzelte, wischte mir die Tränen von den Wangen und konnte von der sich vor mir schlängelnden Straße nicht viel erkennen. Rechts wie links wehte das Heidegras im seichten Wind. Mein Seitenfenster stand offen und ließ die klare, würzige Heideluft herein, blies den stickigen Muff des Tages hinaus und mit ihm mein altes Leben. Eine ungemütliche Hitzeglocke hing über weite Teile des Landes und ließ mich bereuen, nicht das Cabrio genommen zu haben. Eine taktische Überlegung hatte mich davon abgehalten: Torin liebte das Cabrio und er wäre nur doppelt getrieben, mich zu finden. Nichts mitnehmen, was Torin vermissen könnte, war der Rat Sinas gewesen, der ich mich in meiner Not dann doch noch anvertraut hatte. Ich hatte sonst niemanden, was mir zu diesem Zeitpunkt schmerzlich bewusst geworden war. Ich hatte niemanden, dem ich von den wahren Umständen meines Lebens beichten konnte. Es klang theatralisch und zu oft wurde ich wegen dieses Charakterzuges ermahnt – nicht nur von Torin. Meine Mutter Mairi nannte mich eine Possenspielerin, meine Schwester Ealasaid meinte, ich übertreibe es mit Torins Fehlern nur und meinen Brüdern wagte ich nicht, mich zu offenbaren. Ich fürchtete mich vor ihrer Reaktion, denn beide waren aufbrausend und impulsiv. Keinesfalls sollte die Situation eskalieren, ich wollte nur endlich meine Gedanken ordnen, und zwar ohne Einfluss anderer. Es war ja möglich, dass ich tatsächlich übertrieb und auch Sina und Islay eine falsche Auffassung von der Sachlage hatten?

Schön, Islay hatte gleich mit Vergeltung gedroht und war nur widerwillig weggefahren, nachdem ihm seine Freundin Sina eine Stunde gut zugeredet und ich geschworen hatte, heute noch zu gehen. Sie hatten es Flucht genannt und es fühlte sich nun, in diesem Backofen von Leihwagen, den ich mir von meinem Taschengeld finanzierte, auf der hintersten Straße des Königreiches auch so an.

Diese Entscheidung war spontan und nicht geplant, und obwohl sie sich zugleich richtig und falsch anfühlte, war ich mir über den Ausgang dieser Geschichte nicht sicher. Wollte ich Torin wirklich verlassen? Was war mit den Konsequenzen?

Ein Schauder ließ mich beben. War eine einsame Zukunft besser, als eine mit Torin? Mal abgesehen davon, dass ich mich darüber hinaus auch noch zu einer Bittstellerin machte. Wovon sollte ich leben? Ich wäre doch gezwungen, auf das Verständnis und die Zuwendungen meiner Familie zurückzugreifen. Peinlich. Erniedrigend.

Immerhin warf ich zehn Jahre Gemeinsamkeit fort und wofür? Weshalb?

Ich weinte, also bedeutete er mir doch was. Ich musste ihn noch lieben, wenn mir dieser Schritt so monströs vorkam. Oder?

Der Gedanke machte es nur noch schlimmer und aus der holprigen Straße wurde ein feuchter Vorhang. Eilig wischte ich mir über das Gesicht, denn man durfte sich eines auf den Straßen Schottlands nicht erlauben: Unaufmerksamkeit. Jederzeit konnte ein Hindernis auf der Straße auftauchen, damit musste man hier rechnen, denn es gab keine eingezäunten Weiden. Koppeln für die Pferde, ja, aber Kühe und Schafe grasten hier oben völlig frei, und soweit ich mich erinnerte, züchtete Kendrick, mein älterer Bruder, Schafe auf dem kleinen, idyllischen Familienlandsitz Farquhar, welches mein Ziel war.

Der Gedanke war ebenfalls nicht hilfreich, um meine Fassung wiederzuerlangen. Nicht umsonst hatte ich das Gut seit zwanzig Jahren nicht mehr betreten und einen riesen Aufstand gemacht, wenn die Familie dort nach dem Rechten sehen wollte. Meine Mutter lag richtig, mich als Dramaqueen zu bezeichnen. Fünfzehn Jahre harter Verweigerung – selbst der Hochzeit Kendriks war ich ferngeblieben – gut, da hatte Torin auch seinen Teil zu beigetragen, aber die Aussicht, gerade dieses Gut besuchen zu müssen, hatte es mir sehr einfach gemacht, seinem Befehl zu folgen.

Farquhar. Unwillkürlich stieg das Bild des düsteren Schlosses aus meinen Erinnerungen empor. Die Hellebarden, die die Wände zierten, die alten Ritterrüstungen und ebenso alten Wandteppiche, die einen gewissen Muff aussandten. Ich schüttelte mich. Ich hielt mich auch von anderen Anwesen fern, wenn es sich einrichten ließ, und das machte Torin mir auch einfach. Ich durfte nicht ohne ihn verreisen und er hatte wenig Ambitionen, meiner Familie hinterherzureisen. Seiner Meinung nach konnten sie uns in unserem Apartment in London besuchen, wenn sie denn mussten. Sein Gut in Schottland, oben in Fyfe, hatten wir in den letzten acht Jahren nicht einmal betreten. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie es dort aussah, denn Torin beschäftigte keine Haushälterin oder einen Hausmeister, wie ich es von den Liegenschaften meiner Eltern gewohnt war. Nun, nach meiner Scheidung sollte dies nicht mehr mein Problem sein.

Erneut wischte ich mir über die Augen und klärte meine Sicht. Mein erschrockener Schrei gellte in meinen Ohren und ich stieg mit aller Macht auf die Bremse. Gleichzeitig riss ich das Steuer herum. Dumm, denn der Aufprall auf einen der am Wegesrand liegenden Findlingen war immer schwerwiegender, als der mit einem Tier – obwohl ich da bei einem Stier nicht so sicher war.

Nun, ich hatte Glück. Ich schleuderte zwar, bekam dabei einen netten Rundumblick von der blühenden, schottischen Heide und den beiden Straßenenden, nebst weiterer Verkehrsteilnehmer, und landete relativ unbeschadet im Graben. Der Krach, der folgte, fand seine Ursache nicht in meiner Aktion – zumindest nicht unmittelbar. Ein Ruck ging durch meinen Wagen und durch mich hindurch und schleuderte mich nach vorn. Ich schlug schmerzhaft gegen das Lenkrad und bekam das Auslösen meines Airbags mit. Es brannte schrecklich und der Aufprall nahm mir den Atem. Wie eine Puppe warf mich der Stoß wieder zurück.

Autsch.

Einen herrlichen Moment lang blieb ich in diesem Augenblick. Die untergehende Sonne wärmte meinen Hals und Teile meines abgewandten Gesichts. Ich hörte Vögel zwitschern und in der Ferne – so glaubte ich es zumindest – das Rauschen des Meeres. Etwas Warmes, Flüssiges rann über meine Schläfe und versackte in meinem Haar, oder tropfte es auf meine Schulter? Nach einem Blinzeln beließ ich die Augen geschlossen. Es war Blut und es lief mir den nackten Arm hinunter. Nach all den Jahren konnte ich noch immer kein Blut sehen, ohne dass mir übel, schwindlig und panisch zumute wurde. Die Erinnerungen stürmten auf mich ein, wie ich stundenlang in meinem eigenen Blut gelegen hatte und mit jedem Augenblick die Hoffnung auf Rettung schwand.

Ein Laut zerriss mein Trommelfell. „Miss? Verdammt noch mal!“ Wut, Zorn und Ärger, drei so ähnliche Empfindungen, die ich gelernt hatte, zu differenzieren und ihren Gehalt abzuwägen. Hier hielten sich alle drei die Waage. „Miss?“

Die Berührung war vorsichtig. Zwei Finger legten sich auf meinen Hals, suchten flink nach meinem Puls. „Gott sei Dank!“ Der Mann drehte mein Gesicht um und strich mir eine Strähne von der Wange. „Miss? Können Sie mich hören?“

Ich musste mich dem wohl stellen, also hob ich vorsichtig die Lider. Vor mir stand ein hellblonder, braungebrannter Mann in den Dreißigern, in legerer Jeans und einem buntbedruckten Shirt. Seine strahlenden Augen wurden von einem Meer an Wimpern umkränzt, die dunkler getönt waren, als sein Haar, aber mit dem Ansatz seines Bartes übereinstimmten.

„Miss?“

„Mir geht es gut.“ Trotzdem brach meine Stimme.

Sein Mund verzog sich. „Yeah, offensichtlich.“ Er zog die Hand zurück und öffnete die Autotür, um an mir herabzusehen. „Sind Sie eingeklemmt? Haben Sie schmerzen?“

„Mir geht es gut.“ Diesmal bekam ich die Worte sicherer hin.

„Dann sollten Sie aussteigen und sich einige Meter vom Unfallort entfernen. Ich werde die Warnbojen aufstellen und die Polizei verständigen.“ Er hielt mir die Hand hin, um mir beim Aussteigen behilflich zu sein. Ich starrte sie an. Ein Grund, warum Torin es nicht schätzte, wenn ich das Haus verließ, war der, dass ich mit anderen Menschen in Kontakt kam. Mit Männern. Er traute mir nicht zu, mich zu behaupten – oder zweifelte an meiner Treue.

„Es ist sicherer“, ermutigte mich der Fremde und beugte sich vor, um mich abzuschnallen. Er kroch dabei halb über mich in den Wagen und kam mir ungeheuer nah. Mein Keuchen quittierte er mit einem irritierten Blick. „Haben Sie Schmerzen?“

„Mir geht es gut.“ Also schön, das war unglaubwürdig. „Ein kleines Schwindelgefühl“, setzte ich dazu und brach den Blickkontakt, um mich eilig selbst abzuschnallen. Er zog sich zurück, und als ich mich umwandte, hielt er mir wieder die Hand hin. Vorsichtig legte ich meine hinein. Mein Herz stockte, weil es ein merkwürdiger Anblick war. Torins Hände waren eher Pranken, diese hier waren lang, sehnig, aber schlank. Die Finger schlossen sich um meine und ein sanfter Zug beförderte mich aus meinem Fahrersitz. Meine Knie zitterten und ich streckte schnell die Hand aus, um mich aufrecht zu halten.

Er war einen Kopf größer, nein, nicht einmal. Torin maß fast zwei Meter und überragte mich weit, denn mit meinen 1,65 m war ich eher kleingeraten.

„Wie geht es dem Schwindel?“

„Wie meinen?“ Ich sah zu ihm auf und wieder stockte mein Herzschlag. Torin war kein besonders schöner Mann, er hatte harte, strenge Gesichtszüge, die mit zunehmendem Alter immer deutlicher zur Geltung kamen. Mein Gegenüber dagegen hatte ein fast weiches Gesicht. Oval, mit einem ausdrucksstarken Kinn, hohen Wangenknochen und einer langen, geraden Nase. In gewisser Weise ähnelte er meinem Cousin Islay in jungen Jahren, bevor er begonnen hatte, seine Muskeln aufzubauen und damit meinen Brüdern nachzueifern, denn er war eher schmal, im Vergleich zu den Männern, mit denen ich sonst Umgang hatte. Meine Brüder waren ebenso wie Torin Hünen, überragten mich weit und waren so breit wie die Türrahmen in unserem Apartment. Selbst Islays Kreuz wurde immer breiter und so fühlte ich mich generell in männlicher Gesellschaft unterlegen.

„Ist Ihnen noch schwindelig?“ Er umfasste auch meinen zweiten Ellenbogen und zog mich näher an sich. „Vielleicht ist es besser, wenn ich Sie …“ Er drehte sich, um sich umzusehen. „Dort zu den Steinen trage.“

Die Antwort blieb ich ihm schuldig, denn die Aussicht, er könne mich tragen, ließ meine Knie weichwerden. Wenn man uns sah … Wenn Torin das erfuhr!

Er nahm mich auf.

Hitze und eisige Kälte schoss gleichzeitig durch meinen erstarrten Körper und lähmten mich nur noch mehr. Torin würde das niemals verstehen. Trotzdem klammerte ich mich an die Schultern des Fremden und hielt den Atem an, bis er mich wieder absetzte. Sich zu mir kniend, zog er sein Handy aus seiner Gesäßtasche.

„Wir brauchen die Ambulanz.“

Mein Hirn sprang an und Alarmsirenen schrillten augenblicklich in meinem Schädel. „Nein!“ Ich zog seine Hand runter, als er mit der anderen auf das Display seines Mobiltelefons tippen wollte. „Wir brauchen keinen Krankenwagen.“

„Miss …“ Er unterbrach das Tippen, seine Lippen wellten sich, bevor er sie in ein Lächeln bog, das einfach umwerfend war. „Verzeihung, vielleicht sollte ich mich vorstellen?“ Mein Schweigen nahm er als Zustimmung. „Rick.“ Er streckte die Hand aus, nahm meine auf und schüttelte sie. „Und Sie sind?“

Puh, mit den Lippen meinen Namen zu formen, war fast schwerer, als bei Besinnung zu bleiben. „Catriona.“ Den Nachnamen sparte ich mir, schließlich hatte er seinen auch nicht genannt und ich wollte nicht, dass es die Runde machte, dass ich hier war. Verflixt, ich hätte einen anderen Namen nennen sollen!

Fein, er war offenkundig kein Einheimischer, sein Akzent war unschottisch, eigentlich sogar unbritisch, aber wer wusste schon, wen er hier kannte? Mit wem er sprach, wem gegenüber er mich erwähnte? Spurlos untertauchen ging anders.

„Katrina, ein schöner Name.“

„Catri-o-na“, wiederholte ich, wobei ich den Umlaut deutlicher betonte als nötig, aber ich mochte den besonderen Klang meines Rufnamens und wollte ihn nicht banalisiert haben.

„Wie die Schauspielerin?“

„Ja.“

„Sie sind von hier?“

Nein, aber zu viele Informationen wollte ich ihm nicht geben. „Ja.“ Schnell sah ich mich um, erkannte aber nichts wieder. Mein Gefühl sagte mir, dass wir in der Nähe von Farquhar sein mussten, trotz des riesen Umweges, den ich absichtlich gefahren war. „Ich wohne die Straße runter.“ Ablenken. Besser er merkte nichts von meiner Unsicherheit, herrje, ich war die Tochter des Duke of Skye, hatte ein Eliteinternat besucht und einen guten Abschluss, wenn ich meine Ausbildung auch nie genutzt hatte. Nun, alles konnte sich ändern. Islay, der eigentlich seine Güter verwalten sollte und nichts weiter, spielte nun Geschäftsmann und war Mitinhaber einer Eventplanungsagentur. Damit hätte wohl niemand gerechnet.

„Dort werden wir Hilfe bekommen.“

„Catriona, wir sind beide verletzt und benötigen eine Untersuchung.“ Er drehte sich auf den Fußballen, um die Straße überblicken zu können. „Und den Abschleppdienst.“

„Beides werden wir auch bekommen. Hören Sie, Rick, hier draußen ist der Empfang miserabel. Ich gehe davon aus, dass wir schneller Hilfe erhalten, wenn wir zum Dùn gehen.“

Seine Augen ruhten auf mir und verengten sich. „Wohin?“

„Nun, Dùn ist nicht mehr die richtige Bezeichnung, eigentlich ist es eher ein kleines Schloss.“ Und klein war nicht unbedingt die Bezeichnung, die Farquhar verdiente. Unser Apartment in London passte gut hundert Mal hinein, aber der Landsitz war halt um einiges kleiner, als der Stammsitz meiner Eltern auf der Isle of Skye, der wahren Trutzburg, die unserem Geschlecht seit Jahrhunderten Schutz bot. „Es liegt dort hinten.“ Mein Arm beschrieb einen Bogen, schließlich konnte ich mich schlecht festlegen, wenn ich es gar nicht so genau wusste.

Sein Blick rutschte an mir herab. „Sie wohnen in einem Schloss?“

Dass ich nicht den Eindruck erweckte, nahm ich ihm nicht übel. Die Qualität meiner Kleidung zeigte sich nicht in ihrer Optik, ganz im Gegenteil. Sie war schlicht, schmucklos und bieder, genauso wie Torin es bevorzugte.

„Sie nicht?“

Sein Blick zuckte zurück zu meinen Augen. Überraschung leuchtete in ihnen. „Nein, tut mir leid, mit einem Schloss kann ich nicht dienen.“

„Nun“, räumte ich ein und streckte die Hand aus. Ich wollte seine Hand tätscheln, die auf seinem Knie lag, und zuckte erschrocken zurück, als es mir bewusst wurde. Wie peinlich! „Es ist auch nicht mein Schloss.“

Rick lachte auf. „Na, jetzt haben Sie mich aber gehabt!“

Ich verstand den Ausdruck nicht, überging es aber, fasziniert von dem lockeren Klang seines Lachens. Torin lachte anders, es klang rauer und irgendwie bedrohlich.

„Wir sollten trotzdem die Behörden verständigen, meinen Sie nicht? Immerhin hatten wir einen waschechten Unfall und zwei demolierte Wagen. Die Versicherungen werden auf eine Klärung der Schuldfrage bestehen und da ist ein offizieller Bericht vonnöten. Meinen Sie nicht?“

Offizieller Bericht. Mein Name, meine Adresse und meinen Aufenthaltsort müsste ich angeben und die Post ginge nach London. Selbst wenn nicht der Strafbescheid, so doch die Regulierungsbestätigung meiner Kfz-Versicherung und damit hätte Torin Anhaltspunkte, wo ich mich aufhielt. Nein, das Letzte, was mir in irgendeiner Weise dienlich wäre, war ein offizieller Bericht!

„Ich bin schuld, ich trage die Kosten.“ Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie ich das Geld aufbringen sollte. „Ich bin ins Schleudern geraten, als ich einem Schaf auswich.“ Das im Nichts verschwunden war. Daingead, diese wilde Tierhaltung war absolut gemeingefährlich!

Wieder sah Rick zu seinem Wagen, schätzte wohl den Schaden ab. „Das wird teuer. Und soweit ich weiß, ist man Mitverschulder, wenn man auffährt, ganz gleich, warum gebremst wurde.“

Grandios. Wann immer Torin einen Schaden an seinem Wagen feststellte, wollte sich die Gegenpartei aus der Verantwortung ziehen, aber mir musste natürlich jenes Exemplar Unfallfahrer über den Weg laufen, das seine Mitschuld einräumte.

Meine Wangen protestierten schmerzhaft, als ich meine Lippen zu einem Lächeln bog. „Bitte, Sie wären mir nicht aufgefahren, wenn ich nicht so überreagiert hätte. Belassen wir es dabei.“

„Wenn Sie darauf bestehen.“ Wieder verengten sich seine Augen und seine Musterung bezeugte sein Rätselraten. Fast konnte ich seine Gedanken hören. Was verbirgt sie? Welche Abgründe gibt es hier zu entdecken? „Aber meinen Sie wirklich, Sie sollten in ihrem Zustand durch die Gegend spazieren? Es sieht schlimm aus, wissen Sie.“

Unter Garantie hatte ich schon schlimmer ausgesehen. „Oh, seien Sie da ganz beruhigt, mir geht es blendend.“ Mein Lächeln sollte ihn beruhigen und verfehlte seine Wirkung nicht.

„Also schön.“ Er sah auf sein Telefon. „Empfang habe ich hier ohnehin keinen, also versuchen wir es auf Ihrem Weg. Geben Sie mir einen Moment, um die Autos abzuschließen. Brauchen Sie noch etwas aus Ihrem Wagen?“ Er wartete mein Kopfschütteln ab, bevor er aufstand und sich auf den Weg machte. Mein Blick folgte ihm, als er eine Tasche aus seinem Kofferraum holte, etwas in seinem Handschuhfach verstaute und die Tür dann verschloss, bevor er zu meinem Wagen ging und es ebenfalls absperrte, nachdem er den Schlüssel aus dem Zündschloss gezogen hatte. Gut, dass ich nicht das Cabrio genommen hatte, das über den Fingerabdruck bedient wurde.

„Ich habe Wasser und Taschentücher dabei“, bot er an und hob seine Tasche. „Möchten Sie sich vielleicht das Blut abwischen?“

Für einen theatralischen Auftritt auf Farquhar sollte ich bleiben, wie ich war. Ein typischer Gedanke, schließlich hatte ich einen Ruf zu wahren. Rick kniete sich zu mir und friemelte an dem Reißverschluss seiner Tasche. „Sorry, ist ein störrisches Ding, keine Ahnung, warum ich es immer noch habe.“ Endlich klappte er den Deckel auf und holte eine Wasserflasche und Papiertaschentücher heraus, die er anfeuchtete und mir hinhielt. Bevor ich reagieren konnte, zog er die Hand wieder zurück. „Wie dumm von mir“, murmelte er sich vorbeugend. Seine freie Hand legte sich an meine Wange und er drehte mein Gesicht, um mit dem Tuch meine Stirn abzutupfen. „Hm. Hat ziemlich heftig geblutet, scheint aber nur ein kleiner Riss zu sein. Haben Sie Kopfschmerzen? Ich sollte auch ein Aspirin haben.“

„Wie zuvorkommend von Ihnen.“

Unsere Blicke vereinten sich. Jemine, er hatte Augen zum Dahinschmelzen. Schnell ließ ich die Lider sinken.

„Das mindeste, was ich tun kann, Catriona.“ Nach wenigen Minuten war er mit seiner Aufgabe zufrieden. „Sehr gut, jetzt traue ich mich auch, Sie nach Hause zu bringen.“ Er grinste, das bemerkte ich trotz meiner niedergeschlagenen Augenlider. „Und ich hoffe, dass es tatsächlich nicht weit ist, denn ich würde mich nur ungern in der Dämmerung in der Wildnis verirren.“ Er lachte auf. „Das wäre am Tag schon eine Katastrophe. Es soll hier selbst im Sommer des Nachts richtig kalt werden.“

„Ja, so ist es auch, aber wir werden uns nicht verirren und die Nacht liegt sicher noch zwei oder drei Stunden vor uns.“ Zumindest klang ich überzeugend, auch wenn ich selbst es nicht war. Aber wie weit konnte es noch bis Farquhar sein?

Selbstbetrug war schon so sehr Teil meines Ichs, dass ich mich seelenruhig auf den Weg ins Unbekannte machte und Ricks Stütze ablehnte.

Kapitel 2
Heimeliges Farquhar?

Zugegeben, es war eine dumme Idee gewesen, zum Dùn zu laufen, aber mit einer derart langen Strecke hatte ich nicht gerechnet. Nun, ich hielt es insgeheim sogar für möglich, dass wir in die falsche Richtung liefen, traute mich aber nicht, es anzumerken.

Mit jedem Schritt nahm mein Ungemach zu. Mein Kopf dröhnte, Blitze zuckten vor meinem inneren Auge und so manches Mal hatte ich das Gefühl, dass der Boden auf mich zukam.

„Verdammt!“, brummte meine Stütze, die ich zu guter Letzt doch noch angenommen hatte und hob mich auf den Arm. „Wir machen eine Pause!“ Diesen Vorschlag hatte ich bereits einige Male mit der Begründung ausgeschlagen, dass wir jeden Moment das Schloss erreichen müssten, aber noch immer war es weit und breit nicht auszumachen und mittlerweile senkte sich die Nacht über die schillernde Heide.

Er setzte mich ab und checkte sein Telefon, während ich mich nach hinten fallenließ und die Augen schloss. Innerlich fuhr ich Karussell – nein, Achterbahn. Vielleicht war es auch eine Karussell-Achterbahn, denn so genau konnte ich nicht auseinanderhalten, ob es nur im Kreis herumging, oder hoch und runter, mit Loopings und solchen Highlights.

„Ich habe noch immer keinen Empfang, verdammt, wo zum Teufel sind wir? Am sechsten Kreis der Hölle?“ Sein Fluch klang grimmig und schreckte mich auf. Wenn Torin fluchte, war es generell der Anfang von einem bösen Ende. Trotz des Schwindels richtete ich mich auf.

„Schottland“, antwortete ich dünn. „Wir sind in einem dünnbesiedelten Teil von Schottland. Seit der Clearance im 18. Jahrhundert ein recht verlassener Landstrich, aber ich habe gehört, dass die Einwohnerzahl langsam aber stetig steigt.“

Einmal mehr legten sich seine kristallblauen Augen auf mich. Ein kleiner Schlag durchfuhr mich und ich richtete mich gerader auf. Haltung, das A und O einer vornehmen Person.

„Vermutlich dadurch, dass sich Touristen hierher verirren und nicht mehr Heim finden.“

Der Laut, der aus mir hervorbrach, war so ungewohnt, dass ich erschrak und sofort abbrach. Wann hatte ich zuletzt gelacht?

„Nein. Das ist nicht der Grund. Verirrte Touristen versenken wir im Loch Ness, damit Nessie nicht verhungert.“

Wieder lachte er und ich fiel einfach mit ein. Es war ein merkwürdiges Gefühl, einer Ohnmacht recht ähnlich, denn plötzlich schwirrte es in meinem Kopf und ich hätte schwören mögen, fliegen zu können.

„Hervorragend pariert, Catriona, und Sie haben mich auch noch neugierig gemacht. Nessie, uraltes Wesen, das sich der Wissenschaft entzieht, oder leerer Mythos?“ Er reichte mir die Wasserflasche, die nur noch einen kleinen Schluck beinhaltete.

„Oh, nein, bitte, ich bin nicht durstig und Sie haben die Last mit mir“, schlug ich schnell aus.

„Dann ist es noch weit?“ Sein Seufzen war abgrundtief.

Liebend gern hätte ich das Gegenteil versichert. Mich umsehend, verlor ich den Mut. Wir waren vor einer Weile an Klippen entlanggekommen, hatten mindestens zwei Schafherden umrundet – hoffentlich war es nicht beide Male dieselbe gewesen – und hatten das Anwesen – oder irgendein anderes Gebäude – noch immer nicht erreicht. So falsch konnte ich gar nicht liegen, oder trog mich meine Erinnerung? Zwanzig Jahre, daingead, wie konnte ich nur so ein Schaf sein? Als Kind war ich stundenlang allein durch die Heide gewandert, und war nun in dem Vertrauen, dass ich mich hier auskannte, einfach drauflos marschiert.

Sollte ich mein Versagen eingestehen? Ich warf ihm einen ängstlichen Blick zu, wobei sich mein Magen rasant absenkte und wieder hob.

„Es … es muss hier ganz in der Nähe sein.“ Mir fehlte der Mut, die Wahrheit zu sagen. Lange schon, viel zu lange. Ich senkte den Blick, auch um meine Tränen zu verbergen. „Ich habe mich nur verschätzt, weil man mit dem Wagen so viel schneller ist.“

„Also gut, dann sollten wir weiter, meinen Sie nicht?“ Mit seiner Hilfe kam ich auf die Füße und hielt mich dann an ihm fest. „Verzeihung.“

„Wie überlebt ihr Notfälle hier draußen?“

„Wir sind hart im Nehmen.“ Zwar biss ich mir auf die Lippe, aber es war aus mir herausgesprudelt. Man sagte mir nicht nur Theatralik nach, nein auch einen Hang zu Geschwätz. Aber solange er lachte, war es nur halb so schlimm.

„Dort entlang.“ Querfeldein, aber ich hatte es satt, der Straße zu folgen, die sich in unendlichen Bögen wand. Daingead! Wir mussten nahe an der Küste bleiben und den Hügel hinauf, warum also Zeit und Energie verschwenden, während wir der Straße folgten?

Torin wäre mir nicht gefolgt, er hätte mich nach dem ersten Schritt in Richtung Freiheit zurückgerissen und ermahnt, meine Stellung nicht zu vergessen. Baronin Brannduff, sein folgsames Frauchen.

Rick trottete jedoch hinter mir her, ohne mich aus den besorgten Augen zu lassen. „Vielleicht sollte ich Sie besser tragen. Sagen Sie mir einfach, wohin wir müssen.“

„Vielen Dank, aber ich fühle mich bedeutend besser.“ Eine Lüge, denn jeder Schritt den Abhang hinauf, bescherte mir Schmerzen, aber ich schaffte es, auch wenn ich auf der Kuppe zusammensank und die Lider vor Pein fest aufeinanderpresste.

„Na so was.“

„Es geht gleich wieder“, behauptete ich, obwohl mir meine Stimme widersprach. „Dieser Hügel war nur etwas anstrengend.“

Sein Lachen beruhigte mich, weshalb ich zuließ, dass er mich wieder auf den Arm hob. „Hügel. Ihr seid schon ein merkwürdiges Völkchen.“

„Es ist nicht mehr weit“, murmelte ich, wobei ich in der Umarmung zusammensank. „Ich brauche nur einen kleinen Moment, dann können wir weiter.“

„Keine Sorge, ich denke, ich finde den Weg nun.“

Blinzelnd stellte ich fest, dass wir uns nicht auf der Kuppe der Anhöhe befanden, sondern praktisch am Kopf des Glens, in dem Farquhar eingebettet war. Vor uns erstrahlte nicht das Schloss aus meiner Erinnerung, aber einige erleuchtete Fenster wiesen uns den Weg. „Farquhar“, wisperte ich erschauernd und schloss fest die Augen. Der Ort, der einige meiner schlimmsten Erinnerungen miteinander verband. Der Ort, an dem ich dem Tod ins Auge geblickt hatte. Der Ort, an dem mir meine eigene Mutter ins Gesicht gesagt hatte, sie wünschte, ich wäre bei meinem Unfall gestorben.

Obwohl ich anbot, den Weg ohne Hilfe zurückzulegen, stellte Rick mich erst am Fuß der Treppe ab. Schweiß ließ sein Gesicht im grellen Strahl der Laternen gleißen, die mit unserem Eintreffen angesprungen waren und beide Seiten der Treppe beleuchteten, die zur großen Pforte zu Farquhar empor führte. Anders als in meiner Erinnerung, aber natürlich waren wir früher stets bei Tageslicht angekommen und bei den wenigen heimlichen Ausflügen in die dunkle Nacht hatten wir die Küchentür genommen, die sich leichter öffnen und schließen ließ, ohne ein Geräusch zu verursachen.

Auch das Tor, das immerhin fast drei Meter hoch war und ebenso breit, erschien mir anders zu sein. Ich suchte nach den Drachenkopfklopfern, ohne sie zu finden. Selbst als ich die Finger nach dem geschmeidigen Holz ausstreckte und sie leicht darüber gleiten ließ, suchte ich noch nach den monströsen Klopfern. Es war Farquhar, da war ich mir sicher, aber warum war dann alles so anders?

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“

Es riss mich aus meinen Überlegungen und ich drehte mich zu meiner belustigten Begleitung um.

„Dort ist ihr Turm.“ Er deutete zu unserer Rechten, wo die letzten Überbleibsel der Burg, der schmale Wehrturm, samt Zinnen und Wehrgang, zu sehen waren.

„Der ist seit Jahrzehnten nicht mehr zu Betreten.“ Nicht, dass es mich davon abgehalten hatte. Mein Schaudern war so heftig, dass mir die Zähne aufeinanderschlugen. Der verhasste Wehrturm.

„Also eher eine Ruine?“ Er musterte die verlotterten Steine.

„Eine lebensgefährliche Ruine. Wir sollten …“ Anklopfen, aber wie, wenn die Klopfer fehlten?

Das Tor öffnete sich, wodurch ich einen erschrockenen Satz zurück machte. Ich war schlicht ein Angsthase.

„Aye?“ Die ältere Dame, die das riesige Portal öffnete, war von gleicher Größe wie ich, trug eine dicke Brille und eine schmutzige Schürze. Sie blinzelte in die unerträgliche Helligkeit der Scheinwerfer hinter uns und ihre faltige Stirn runzelte sich noch mehr. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie auf Gälisch, um dann umzuschalten. „Verzeihung …“

Sie erkannte mich nicht, nun, ich sie auch nicht. Zwanzig Jahre waren eine verflixt lange Zeit. „Ich bin Catriona McDermitt und wünsche meinen Bruder zu sprechen. Kendrick McDermitt“, gebot ich auf Gälisch.

Ich spürte Ricks Blick. War ich ihm zu harsch? Meine Mutter bemängelte oft, dass ich zu zögerlich sei, zu freundlich zu den Dienstboten, schließlich wurden sie bezahlt, um uns das Leben angenehm zu machen, da konnte man erwarten, dass sie ihre Aufgabe auch zu unserer Zufriedenheit ausführten. Ich dagegen fand nichts falsch daran, hin und wieder Bitte und Danke zu sagen. Zumal ich wusste, wie viel Arbeit sie mit uns hatten, seit Torin unseren Bedienstetenstab dezimiert hatte, weil er fand, ich hätte zu viel Freizeit, wenn ich ständig jemanden besuchen wollte.

Mein Lächeln, das ich nur aufsetzte, weil mich Ricks Blick nervös machte – zugegeben – blieb zittrig, aber meinem Gegenüber fiel das nicht auf. Sie quietschte, schlug sich die Hände vor den Mund, um den Laut abzuwürgen, und quietschte dann wieder. „Lady Catriona, welch unerwartete Überraschung!“

Wäre sie erwartet, wäre es auch keine Überraschung mehr, verkniff ich mir den Hinweis.

„Mit Ihnen hat hier niemand gerechnet!“

Auch das war nicht verwunderlich, schließlich war dies der absolut letzte Ort, an dem ich sein wollte – abgesehen von zu Hause.

„Seine Lordschaft wird so begeistert sein!“ Endlich räumte sie die Tür und bedeutete uns, mit hektischem Winken, einzutreten. „Und Lady McDermitt erst! Sie war so betrübt, dass Sie nicht zur Hochzeit hatten kommen können!“

Langsam wurde es mir zu viel, aber so richtig sicher, wie ich mein Gegenüber ausbremsen konnte, war ich auch nicht. Sollte ich erneut meinen Wunsch äußern, Kendrick zu sprechen?

„Verzeihung.“ Rick drängte sich an mir vorbei und streckte die Hand aus. „Dick Harris, die Dame und ich hatten einen Unfall einige Meilen die Straße hinab und hofften, hier versorgt zu werden. Ich hätte den Notruf gewählt, wenn wir Netz gehabt hätten, denn die Strecke hat Catriona ziemlich zugesetzt.“ Seine Hand stahl sich in meinen Rücken und er schob mich vor. So grell die Beleuchtung auf den Stufen, sprich in unserem Rücken, war, so duster war es direkt hinter der Tür. Erst nahe des Treppenaufgangs in die oberen Stockwerke gab es eine weitere Lampe. Ein uralter Kandelaber schmückte die Decke und fing einzelne Lichtstrahlen auf, um sie mit seinen Kristallen mannigfach zu reflektieren. Wenn er mit Kerzen bestückt und erleuchtet war, war er wundervoll anzusehen und beflügelte so manche kindliche Fantasie, aber im Halbdunkel, wenn nur hier und da ein Strahl aufgefangen wurde, wirkte er gespenstisch. Ich erinnerte mich mühelos an Nächte, in denen ich auf dem oberen Absatz der Treppe gekauert hatte, hungrig, durstig oder schlicht abenteuerlustig, und nicht gewagt hatte, herunterzugehen.

„Oh, Mylady, warum sagen Sie das denn nicht?“ Wie ein aufgeregtes Huhn hastete sie los, von rechts, wo sich die Treppe befand, nach links, was befremdlich war, schließlich lagen im Erdgeschoss nur die funktionalen Räume, alles Gesellschaftliche befand sich im ersten Stock und gegen Abend würde mein Bruder wohl kaum noch in seinem Kontor beschäftigt sein.

Sie kehrte um und kam zu mir, um mich mit sich zu ziehen. „Ich muss die Zimmer vorbereiten, solange ruhen Sie sich besser hier aus! Kommen Sie! Kommen Sie!“

Der vordere Raum direkt neben dem Eingangstor, der früher genutzt worden war, um unerwünschte Besucher zwar nicht vor der Tür stehenzulassen, aber auch nicht zu den Herrschaften vorzulassen, erstrahlte im ungewohnten Schein. Ich hatte ihn dunkel in Erinnerung. In Grün- und Brauntönen gehalten, mit Tierschädeln an den Wänden, alten Gemälden mit Jagdmotiven und diesen historischen Gewehren. Nun war es ein fast heimeliger Ort. Rosen begrüßten mich, Pink, Weiß und Rot, auch noch ein wenig Grün, ja, aber nicht mehr dieses schwere, dunkle Samtgrün, dass mich jedes Mal fast erstickte, wenn ich mich in den Vorhängen versteckt hatte. Den Kamin erkannte ich wieder. Wie die meisten im Haus war er stillgelegt und mit einem Heizkörper versehen worden, der die Illusion eines Kaminfeuers heraufbeschwor. Die Kamineinfassung war nach wie vor in dunklem Holz gehalten, aber die kleinen Deckchen brachen die Trostlosigkeit auf. Die davorstehenden Sitzgelegenheiten waren jene, die früher im kleinen Salon gestanden hatten, auch wenn ihr Bezug nun neu und voller Farbe war. Ich erkannte sie einzig an den geschwungenen Klauenfüßen wieder, die einmalig im Bestand Farquhars gewesen waren.

Ich wurde auf die Chaiselongue gebettet, als wäre ich siech und kurz davor, meinen letzten Atemzug zu tun.

„Ich verständige die Lady!“

„Meinen Bruder …“ Aber sie war schon hinausgestürmt.

„Nanu.“ Rick setzte sich mir gegenüber auf einen schmalen Stuhl. „Damit habe ich nicht gerechnet.“

„Sie ist … aufgeregt.“

„Das war deutlich.“ Er sah sich um. „Blumig.“

„Ja.“ Auch ich nahm erneut die Veränderung auf und war beeindruckt. Niemals hätte ich vermutet, dass man irgendetwas hieraus machen könnte. Für mich war immer klar gewesen, dass es ein Horrorschloss war und nichts dies jemals ändern könnte. Plötzlich war ich mir dessen nicht mehr so sicher.

„Ist das Farquhar?“

„Ja.“ Auch wenn es gar nicht mehr so war, wie ich es in Erinnerung hatte.

„Und Sie wohnen hier?“ Die Art, wie er mich ansah, machte mich nervös. Gut, ich wurde generell nervös, wenn man mich länger ansah und damit war auch Torin gemeint.

„Nicht permanent“, murmelte ich. Meine Finger bebten und ich verschränkte sie ineinander. Sie waren dreckig, ebenso wie meine Kleidung.

Die Stille dehnte sich, während Rick mich betrachtete und ich spürte, wie ich immer mehr zusammensank, mich kleiner machte und ängstlich auf seine Reaktion wartete. Seinen Ausbruch. Ich schalt mich innerlich, dass er nicht Torin war, dass es nicht recht war, ihm zu unterstellen, ähnlich abgebrüht zu sein, ähnlich verächtlich mir gegenüber, aber eine leise Furcht blieb.

So war es auch kein Wunder, dass ich meine Anspannung mit einem Aufschrei kundtat, als die Tür aufgerissen wurde.

„Catriona.“ Kendrick blieb direkt in der Tür stehen und starrte mich an, als wäre ich eine Fata Morgana. Neben ihm drängte sich eine rundliche, hochgewachsene Frau an ihm vorbei und schob ihn sacht zur Seite, als sie steckenblieb.

„Lachlan, wirklich.“ Sie drehte sich und das Lächeln, das sie soeben erst aufgesetzt hatte, fiel ihr gleich wieder aus dem Gesicht. Im nächsten Moment eilte sie auf mich zu. „O mo chreach, was ist passiert?“ Ihr Akzent war stark und ungewöhnlich, nun, eine Ausländerin, die Gälisch sprach, war ungewöhnlich!

Wie zuvor die ältere Frau, die Bedienstete, ignorierte diese Rick, was ihn sichtlich irritierte.

„Du blutest. Mein Gott!“ Sie kam ungelenk auf die Füße, schwankte dabei und löste endlich eine Reaktion bei meinem Bruder aus, er sprintete herbei, um ihr zu helfen. Erst, als sie sicher stand und er sie an sich zog, bekam ich seine Aufmerksamkeit. „Ein Unfall? Wir rufen besser Cameron.“

„Cousin Cameron?“ Unwahrscheinlich, aber irgendwie war meine Zunge schneller, als mein Kopf.“

„Ja. Er praktiziert in der Nachbarschaft.“ Er drückte die Frau in seinen Armen – ich ging mal davon aus, dass es seine Frau Carolina war – neben mich auf die Chaiselongue und verschwand so schnell, wie er hereingestürmt war.

Sie lächelte und streckte die Hand aus. „Lin … äh, Carolina“, stellte sie sich vor. „Schön dich endlich persönlich kennenzulernen.“

„Freut mich auch.“ Was nicht stimmte. Ich hatte Dinge über sie gehört, die mir nicht geheuer waren, allerdings mochte das auch nichts heißen, schließlich waren die Geschichten über Islays Freundin Sina auch eher negativ ausgefallen und da hatte ich mich schon vom Gegenteil überzeugen können. Oder: Ich hatte Zweifel an der Richtigkeit der Geschichten.

„Also, Mrs McCollum sollte deinen Aufzug bemerkt haben und für alles Weitere … hm. Ich glaube, sie sagte etwas von Zimmern. Leider ist mein Gälisch noch nicht so gut, dass ich immer alles verstehe.“ Sie lächelte zerknirscht. „Da schau ich besser mal nach, ob sie an Wasser und Tücher denkt, damit ihr euch zumindest herrichten könnt.“ Nun nahm sie erst Rick zur Kenntnis. Ihr Lächeln wurde steif, als sie sich zu ihm wandte und die Miene eisig.

„Torin, nicht wahr? Kann ich Ihnen …“

„Nein“, unterbrach ich sie und zog die Finger schnell zurück, mit denen ich sie berührt hatte. „Das ist Rick.“

Carolina verlor sekundenlang die Fassung, ah, böser Fehler, aber nun, sie war auch bürgerlich, da konnte man nicht erwarten, dass sie sich unter Kontrolle hatte.

„Oh.“ Sie fing sich und ihr Lächeln wurde wärmer. „Rick, verzeihen Sie …“

„Und er spricht kein Gälisch.“

Wieder verlor sie einen kurzen Moment den Faden, dann wechselte sie ins Englische, was wesentlich flüssiger, wenn auch nicht britisch klang.

„Verzeihung, man sollte vorsichtig mit schnellen Annahmen sein, nicht wahr? Catriona sieht mitgenommen aus und Sie haben auch einige Schrammen. Lachlan verständigt bereits unseren Arzt, gibt es etwas, was ich derweil für Sie tun kann? Oh, ich vergaß: Ich bin Carolina McDermitt.“ Sie stand auf und streckte ihm die Hand hin, die er verblüfft annahm.

„Dick Harris.“

„Sie hatten einen Unfall?“, erkundigte sich Carolina und zog die Hand zurück. „Brauchen Sie etwas?“

„Empfang für mein Telefon wäre nicht schlecht.“

Ich schreckte auf. Wir wurden doch nun versorgt, wollte er trotzdem die Behörden verständigen?

Carolina lachte auf und der gelöste Klang schallte melodisch durch den Raum. „Ja, leider ist der Empfang hier unterirdisch. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.“ Nach einer Versicherung, dass ich nichts weiter brauchte, verließ sie das Zimmer.

„Unterirdisch?“, fragte er mit einem angedeuteten Kopfschütteln.

„Keine Ahnung. Sie ist deutsch.“

„Ah.“ Er sah aber nicht aus, als verstände er, was ich damit meinte.

„Sprachbarriere.“

„Sie spricht Gälisch, nicht wahr?“, hakte er nach und legte den Finger in einen wunden Punkt. Ja, sie sprach meine Muttersprache, was interessant war. Meine Neugierde regte sich und zwickte. Neugierde – meine alte Nemesis. Wie oft hatte sie mich in Schwierigkeiten gebracht? Was hatte sie mich gekostet?

„Wer ist sie?“

„Meine Schwägerin.“ Es war ungewohnt die Bezeichnung zu verwenden. Ja, es gab weitere Schwägerinnen. Torins drei Schwestern und dann Ians Exgattin Cheyenne. Mein ältester Bruder hatte sich mit ihr keinen Gefallen getan, oder dem Rest der Familie. Schön, so genau sagen konnte ich es nicht, kannte ich sie doch genauso wenig, wie diese neue Schwägerin. Ich war Cheyenne vielleicht zwei Mal begegnet, am Tage der Eheschließung.

„Dafür war es eine recht kühle Begrüßung.“

„Oh, wir müssen uns erst noch kennenlernen.“ Ich lächelte unsicher.

Sein Blick wurde schärfer und ein Kranz feiner Fältchen bildete sich um seine Augen, die mir zuvor nicht aufgefallen waren. Wie alt mochte er sein?

„Wie ungewöhnlich“, murmelte er und strahlte mich dann an. „Nun, ich bin dankbar für die Gelegenheit, mal ein echtes Schloss von innen zu sehen.“

„Es ist nur ein kleines Schlösschen“, grenzte ich seine Erwartung ein. „Nichts Spektakuläres.“

Er sah sich um. „Bin ich anderer Auffassung. Es sieht nicht so muffig aus, wie man es erwarten sollte. Irgendwie habe ich mir dunkles Holz, schwere Vorhänge und jede Menge Staub vorgestellt.“ Er zwinkerte mir zu. „Und die in Not geratene Jungfer.“

„Nun ja, zumindest die ist vorhanden.“ Ich legte mir die Hand mit dem Rücken an die Stirn und deutete an, zur Seite zu sacken. „Oh, so eile herbei, edler Ritter …“

Sein Lachen erfüllte den Raum, wie Carolinas zuvor und beeindruckte mich mit seinem warmen Klang. Nun, eigentlich war es die Akustik, die mich überraschte. Mir war nie aufgefallen, wie gut sie wirken konnte.

„Ein alter Turm, eine holde Maid, ich revidiere meine Meinung. Es ist alles vorhanden, was ein Schloss benötigt!“

„Es gab auch mal einen Hausdrachen und Zwerge in den unterirdischen Katakomben.“ Meine Mutter wäre entsetzt, könnte sie mich hören, oder meine Gedanken lesen, denn die Bezeichnung war auf sie gemünzt und wir vier waren die Zwerge gewesen, die jeden Zentimeter des geschichtsträchtigen Gemäuers untersucht hatten – inklusive der Kellerräume.

Wieder brach er in Gelächter aus und stöhnte dabei. „Au! Habe Mitleid mit mir!“ Er hielt sich den Bauch. „Mein Zwerchfell!“

„Also schön, ich werde mich erbarmen.“ Gerade rechtzeitig, denn Kendrick kam zurück. Wie zuvor Carolina nahm er Rick endlich zur Kenntnis und verlor ebenfalls die Contenance.

„Oh, Verzeihung, Lachlan McDermitt, Guten Abend.“ Sein Blick zuckte zu mir und er wechselte die Sprache. „Catriona? Die Erklärung?“

„Wir hatten einen Unfall, ein Stück die Straße runter. Ich fürchte, ich bin einem deiner Tiere begegnet und habe die Kontrolle verloren.“ Mein Seufzen zog ich in die Länge. „Nun, zumindest wurde keines der Schafe verletzt.“

Kendrick sah mich an, schüttelte den Kopf und ließ es so stehen. „Also schön.“

„Dick Harris.“ Rick streckte die Hand aus und kam auf die Füße.

Zu meiner gelinden Überraschung schüttelte Kendrick die dargebotene Hand. „Willkommen auf Farquhar. Darf ich fragen, wie Sie zu meiner Schwester stehen?“

Dieser gemeine Hund hatte mich einfach ausgetrickst und die Frage weitergereicht, die ich ihm nicht ausführlich genug beantwortet hatte.

„Stehen?“

„Ihr Verhältnis“, murrte Kendrick, wobei seine Miene deutlich grimmiger wurde. Rick bemerkte es und versicherte schnell, dass falsche Schlüsse gezogen wurden.

„Ich bin Catriona in den Wagen gerutscht, als sie unerwartet bremste und schleuderte.“

„So?“ Kendricks Musterung war schon fast unverschämt. „Darf ich fragen, wo sie logieren?“

„Logieren?“

Kendrick verengte die Augen. „Leben.“

„Oh!“ Rick wippte auf seinen Füßen. „Aus Allendale, Georgia.“

„USA?“, tippte Kendrick überrascht, denn Georgia war auch der englische Name für Georgien.

„Richtig. Liegt ein wenig oberhalb von Florida, und war einer der dreizehn Kolonien, die Britannien in Übersee hatte, bevor wir uns – sagen wir – zu einer eigenen Nation zusammenschlossen.“

„Vielen Dank für die Geschichtslektion“, murmelte Kendrick, wobei er seine Musterung wieder aufnahm.

„Sollte keine werden.“ Rick grinste breit. „Ich habe nur festgestellt, dass ihr Engländer gerne Bezug auf die Geschichte nehmt.“

Mein Stöhnen machte die Männer auf mich aufmerksam – peinlicherweise, denn eigentlich hatte ich mein Entsetzen nur innerlich ausdrücken wollen. Wir waren doch keine Engländer!

Kendrick kniete sich zu mir, während Rick nach einem Schritt in meine Richtung stoppte und meinem Bruder den Vorrang ließ.

„A ghoil, verzeih mir, ich sollte Cameron Dampf machen, damit er sich herbequemt. Lehn dich zurück und nimm die Füße hoch.“ Er drückte mich in die Horizontale.

„Oh je, sie ist doch nicht ohnmächtig?“, rief Carolina in seinem Rücken und damit außerhalb meines Blickfeldes. Das änderte sich aber schnell. Ein Tablett polterte, als es auf dem Beistelltisch abgestellt wurde und ein Hauch frisch aufgebrühten Tees schwängerte die Luft. Im nächsten Augenblick kniete auch Carolina bei mir.

„Mir geht es gut.“ Irgendwie wurde ich es leid, dies immer zu wiederholen. Ich fühlte mich schon wie ein Abspielgerät. Repeat, Repeat, Repeat …

„Ich rufe noch mal Cameron an.“ Kendrick stand auf. „Catriona, es geht dir nicht gut, hör also auf, es ständig zu behaupten.“ Damit ließ er mich liegen und verschwand.

Carolina tätschelte meine Hand. „Wusste er immer schon besser, wie sich andere fühlen?“ Ein angedeutetes Grinsen lag auf ihren ungeschminkten Lippen. „Oder was sie brauchen?“

„Ja. Er weiß alles besser.“ Konspirierte ich etwa schon mit ihr, ohne sie überhaupt zu kennen? Ich war echt zu blauäugig, wenn es um Menschen und ihre Machenschaften ging. Sie kicherte und half mir, mich wieder aufzusetzen.

„Ich habe Tee mitgebracht. Mrs McCollum wollte dir tatsächlich Peach´n`Cream andrehen, aber der ist doch schrecklich. Außerdem tut dir ein ordentlicher Schwarztee besser, meinst du nicht.“ Sie streckte sich nach dem Tablett, um festzustellen, dass es außerhalb ihrer Reichweite lag. Und robbte hin. Dieses Mal unterdrückte ich mein Stöhnen rechtzeitig. Eine Lady rutschte doch nicht auf Knien durch ihren Salon!

Tee gluckerte und das Aroma belebte sogleich meine Sinne.

„Zucker? Sahne?“

„Ja bitte.“ Zumindest verstand sie es, den Tee anzubieten. Merkwürdig, dass ich sogleich eine Spur Ressentiment verspürte. Unangenehm. Ich wusste doch, wie es war, den Standards nicht zu genügen. Wie demütigend und traurig es machen konnte, Geringschätzung zu erfahren, wenn man sich doch so bemühte, Anerkennung zu finden. Und doch schaute ich auf die Frau herab, die sich offenkundig unsere Gepflogenheiten aneignen wollte?

Dabei sollte ich mich um Unvoreingenommenheit bemühen und der Auffassung meiner Mutter keinesfalls blind vertrauen. Sie war immer schon eigen gewesen, bedacht auf ihren angeheirateten Status, wohl weil sie nur die Tochter eines Barons war und mit dem Duke einen riesen Fisch an Land gezogen hatte. Nicht selten fragte ich mich, seit das Thema für mich relevant geworden war – also mit dreizehn, vierzehn Jahren – ob sie meinen Vater liebte. Ich zweifelte seit Jahren daran, schließlich waren ihre Worte anlässlich Torins Antrag deutlich gewesen. Etwas Besseres hätte ich nicht zu erwarten. Unwillkürlich kroch mir ein eisiger Schauer über den Rücken und ich zog die Schultern hoch.

„Oh! Ist es kühl? Verzeih mir, ich bin noch ganz aus dem Häuschen, dass du uns Besuchen kommst.“ Seit sie wusste, dass meine Begleitung kein Schotte war, verblieb sie im Englischen, was ich höflich fand. Carolina rappelte sich auf, was recht ungelenk aussah, weil sie sich dazu ächzend eine Hand in den Rücken stemmte und wie ein Sumoringer erst den einen Fuß aufstampfte, und dann den anderen, um den nötigen Schwung zu bekommen. Ihr Bauch fing meinen Blick ein. Ungehörig, weshalb ich ihn sogleich wieder abwandte, aber meine Überraschung war mir anzusehen. Sie war gar nicht rundlich, sie war schwanger!

„Schau, ich habe in jedem Aufenthaltsbereich Plaids auslegen lassen. Ich friere auch häufig, und da ich nicht ständig auf Lachlans Wärme zurückgreifen kann, hielt ich dies für eine erstklassige Alternative. Du weißt ja, das Heizsystem hier ist antiquiert und Lachlan weigert sich, es auszutauschen.“ Sie legte mir einen warmen, breiten Kaschmirschal um und steckte ihn sogar unter meinen Armen fest. Fürsorglich, aber doch übertrieben.

„Ja.“ Mein Cousin Islay und auch meine Schwester Ealasaid hatten mir schon berichtet, dass Carolina meinen Bruder mit seinem Taufnamen ansprach und nicht wie wir, seine Familie, mit seinem Zweitnamen Kendrick. Lachlan war ein so grausiger Name, dass Mutter ihn noch nie in ihrem Leben ausgesprochen hatte – na ja – noch nie, solange ich mich zurückentsinnen konnte. „Hier ist einiges antiquiert.“

Carolina lachte schnaubend auf. „Oh, ja! Aber wir machen Fortschritte. Ein oder zwei Jahrzehnte im Jahr. Zu der Zeit, dass unsere Kinder hier einziehen werden, sind wir wohl im einundzwanzigsten Jahrhundert angelangt!“

„Kinder.“

Sie tätschelte sich den Bauch. „Nummer eins und zwei sind unterwegs.“

„Zwillinge?“ Meine Augen klebten förmlich an ihrem Bauch. Einer meiner Unzulänglichkeiten war, dass ich in acht Jahren Ehe noch immer keinen Erben vorzuweisen hatte und es hatte Zeiten gegeben, in denen mich der Umstand sehr belastete.

„Ja.“ Sie setzte sich zu mir und nahm meine Hand, um sie auf ihren Bauch zu pressen. „Verflixt aktive noch dazu! Bei einem wissen wir, dass es ein Junge sein wird, aber das Zweite weigert sich, sich zu offenbaren.“ Sie kicherte und schob meine Hand zu einer Stelle, an der es bollerte.

Rick räusperte sich vernehmlich und machte Carolina auf sich aufmerksam. Sie verlor die Fassung, an den Fremden erinnert, der nun mehr über ihr Privatleben erfahren hatte, als es irgendjemand wissen sollte, und nahm leicht Röte an.

„Verzeihen Sie, wie mögen Sie Ihren Tee?“

Nun also wieder Gastgeberin. Jemand sollte ihr dringend raten, dabei zu bleiben.

„Danke, allerdings habe ich mich noch nicht daran gewöhnt, ständig Tee zu trinken.“

„Oh.“ Sie erholte sich schnell. „Dann sollte ich Kaffee …“

Es klopfte und Mrs McCollum trat ein. „Mylady, die Zimmer für die Herrschaften sind nun gerichtet. Soll das Abendessen später serviert werden?“

Mein Blick flog zu meiner Armbanduhr. Es war deutlich nach sechs Uhr, genau genommen kurz vor acht und das Abendessen war noch nicht erfolgt? Schon wieder ein schlimmer Fauxpas!

„Planen wir es für neun Uhr ein, Mrs McCollum, dann sollten auch unsere Gäste im Stande sein, uns Gesellschaft zu leisten.“ Sie lächelte mich versichernd an. „Bitte, begleiten Sie doch Mr …“

„Harris“, soufflierte Rick gelassen und wandte sich der Bediensteten zu. Haushälterin, wenn ich mich nicht irrte, bei all den Pflichten, die sie zu vereinen schien.

„Harris“, griff Carolina zufrieden auf, „zu seinem Zimmer. Ich werde Catriona zu ihrem begleiten. Welches ist es?“

Ich hatte kein eigenes Zimmer. Mein letzter Besuch hier lag so lange zurück, dass ich noch in den Kinderzimmern im dritten Stock des Ostflügels genächtigt hatte, zusammen mit Ealasaid, während meine Brüder Kendrick und Ian bereits ihre eigenen Räumlichkeiten bezogen hatten.

„Das Fliederzimmer ist für Lady Catriona vorgesehen.“ Mrs McCollum machte einen leichten Knicks – gerade noch angemessen – und bedeutete Rick dann, ihr zu folgen. Er sah zu mir zurück und für den Moment, in dem sich unsere Blicke trafen, herrschte Harmonie in meinen wilden Gedanken.

„Das Fliederzimmer also. Ich muss gestehen, mich erschlägt das Lila ein wenig, dabei sah es in der Planung so herrlich aus, aber komm, mach dir selbst ein Bild, Geschmäcker sind ja verschieden.“ Sie half mir auf die Füße, wobei sie wieder ächzte und ich unsanft aus meiner Seelenruhe gerissen wurde.

„Darf ich fragen …?“

„Ich habe vorgeschlagen, die Zimmer weniger … tragend zu gestalten.“ Sie zwinkerte mir zu, als sie meine Hand in ihren Ellenbogen legte und den Arm an sich drückte, um mir die Möglichkeit des Rückzugs zu nehmen. „Dieser Raum hier war einfach fürchterlich gestaltet.“ Sie stockte. „Na ja, Ihre Gnaden findet ihn eher jetzt schrecklich.“ Sie seufzte, versuchte aber gleich, ihren Schwermut zu verbergen, indem sie grinste. „Geschmäcker sind verschieden.“

„Ich wollte mich eigentlich erkundigen, wann es soweit ist.“ Hitze schoss mir in die Wangen, schließlich war es eine sehr intime Frage, zumindest bei dem Grad unserer Bekanntschaft.

„Oh.“ Sie rieb über ihre Kugel. „Ich habe noch vier Monate vor mir. Ich kann selbst kaum fassen, wie rund ich bereits bin.“

Sie führte mich in die Halle, wo uns Kendrick mit unserem Cousin Cameron entgegenkam.

„Catriona, ich hielt es schon für einen Scherz, als Kenny mich herbestellte, um dich zu untersuchen!“ Cameron nickte mir zu. Cousin war ein weitgefasster Begriff in unserer Familie, denn irgendwie war jeder McDermitt, Kendrick, Campbell, Stewart und McInness unser Cousin, auch wenn die Grade mittlerweile ins Zweistellige gingen.

„Ich bin keine Halluzination, Cousin, aber ich kann es nachempfinden, ich hielt es auch erst für einen Spaß, dass man nach dir schicken wollte.“

„Ich wollte Catriona zu ihrem Zimmer geleiten. Sie werden sich uns anschließen, Cameron, nicht wahr?“

„A graidh, ich übernehme das. Du siehst angestrengt aus. Setz dich und leg die Füße hoch, ich weiß doch, wie sie dir am Abend immer schmerzen.“ Kendrick übernahm meine Hand und drückte seiner Frau noch einen knappen Kuss auf die Wange. „Ich bin gleich wieder bei dir.“

Ihr Lächeln war so warm, so dankbar, dass mir fast die Knie ihren Dienst versagten. Da war etwas, das konnte man spüren und es war etwas, was mich zugleich traurig, wie auch zufrieden stimmte. Die Ehe sei kein Zuckerschlecken, sagte meine Mutter, wann immer ich mich ratsuchend an sie wandte. Man müsse die Gegebenheiten hinnehmen und das Beste daraus machen. Ich hatte es versucht und sah mich an dem Punkt, eingestehen zu müssen, dass ich es nicht mehr hinnehmen konnte, dass ich so nicht weitermachen konnte, dass die Ehe anders sein musste. Und hier hatte ich die Bestätigung. Wärme umhüllte mich, obwohl ich nur Augenzeuge war und nicht Teil der Bindung zwischen meinem Bruder und seiner Frau. Das war es, was ich mir immer erträumt hatte. Geborgenheit, Wärme – Liebe.

Wenn es all dies nun gab, und nicht nur in Geschichten, warum sollte ich dann darauf verzichten?

Weil ich hässlich und entstellt war.

Ich schluckte und die Kälte war zurück. Sie legte sich um mich wie ein zweiter Plaid und drang unerbittlich bis in meine Knochen vor. Richtig. Ich war nicht Carolina oder Sina oder Ealasaid: makellos und wunderschön. Ich war ich und keine Operation konnte daran etwas ändern.

Kapitel 3
Ein Abend voller Überraschungen

Pünktlich um neun fand ich mich im Speiseraum ein und stockte vor Überraschung. Auch hier waren alle dunklen, trutzigen Elemente verschwunden, oder besser: restauriert worden. Die Anrichte glänzte im Schein der elektrischen Kandelaber und selbst die wuchtigen Stühle um den riesigen Tisch wirkten mit ihren fröhlichen Troddeln weniger düster, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich zweifelte an der Entscheidung, die Polster goldgelb zu beziehen, aber es gab dem Raum tatsächlich einen freundlicheren Touch.

„Wie schön, dass du herunterkommst!“, begrüßte Carolina mich und erhob sich von ihrem Stuhl zur Rechten der Kopfseite. Wusste sie nicht, dass sie als nominelle Hausherrin am anderen Ende Platz nehmen musste?

„Bleib doch sitzen, a graidh.“ Kendrick drückte sie wieder auf ihren Stuhl, während er sich erhob und mir entgegenkam. Als weiblicher Gast saß ich selbstredend zur Linken meines Bruders und er schob mir den Stuhl heran.

„Ich habe mit Cameron gesprochen und er ist der Meinung, du solltest dich ausruhen und bei Beschwerden auf jeden Fall erneut vorstellig werden.“

Mein Seufzen war lockerleicht. „Danke, Kendrick, er sagte mir, er käme morgen, um noch einmal nach mir zu sehen. Bleibt es dabei?“

„Ja. Deine Begleitung hat keine erwähnenswerten Verletzungen davongetragen.“

„Gibt es in diesem Land etwa keine ärztliche Schweigepflicht?“

Seine warme Stimme elektrisierte mich. Rick trat ein. Sein Blick huschte über mich, dann zu Kendrick, der noch neben mir stand.

„Nein“, beschied der. „Auskunft erhält der, der für die Behandlung aufkommt.“ Das war natürlich Unsinn, aber wohl eine nötige Lüge, um Cameron zu schützen, der tatsächlich gegen seinen Eid verstoßen hatte, als er über Ricks Gesundheitszustand sprach.

„Ärztliche Schweigepflicht, was ist das?“, griff ich auf und tat verwundert. „Rick, Verzeihung, ich hätte daran denken können, dich abzuholen. Es muss eine Herausforderung sein, sich hier zurecht zu finden!“ Und dabei nicht zu verlaufen.

Er kam um den Tisch herum und zog sich den Stuhl neben mir heraus. „Es war tatsächlich weniger schwierig, als den Weg zu diesem Schloss zu finden.“ Er zwinkerte und nahm die Serviette auf.

„Wir sind erleichtert, Mr Harris, dass Sie bei dem Unfall nicht verletzt wurden. Vielleicht kann ich nun erfahren, was eigentlich passiert ist? Catriona?“, richtete er das Wort an mich.

Ich nahm einen Schluck des Tafelwassers, um meine Gedanken zu ordnen, die turbulent herumflogen. „Die untergehende Sonne blendete mich, ich sah etwas – ein großes Schaf oder eine kleine Kuh, ich weiß es nicht genau“ – schließlich war mein Blick tränenverhangen gewesen – „und wollte ausweichen. Ich verzog das Lenkrad und landete neben der Fahrbahn.“

„Nicht ganz“, übernahm Rick. „Ich schob sie von der Fahrbahn, als ich in ihre Seite prallte. Zum Glück gebremst, sonst wäre es wohl ernst ausgegangen. Trotzdem war Catriona einer Ohnmacht nahe und hat stark aus einer Wunde an ihrer Stirn geblutet. Hätte ich Empfang gehabt, hätte ich einen Rettungswagen angefordert.“

Carolina murmelte einen gälischen Fluch, der mir, obwohl er sehr leise gemurmelt worden war, in den Ohren klingelte. Niemals, unter keinen Umständen, darf eine Lady …

Kendrick wiederholte den Fluch laut und griff nach der Hand seiner Frau. Ein junger Bursche tischte auf, ohne nach unseren Wünschen zu fragen und wich meinem Blick aus. Ich wollte eine kleine Portion der Vorspeise ordern, die offensichtlich aus einer Cremesuppe bestand. Leider schrieb mir meine Diät vor, was ich wann in welchen Mengen zu mir nehmen durfte, und eine Mahlzeit nach sechs Uhr war schon genug an gebrochenen Regeln. Keinesfalls wollte ich sie mit einem großen Teller Cremesuppe weiter einreißen, auch wenn es noch so herrlich duftete. Ich hielt die Nase unauffällig in die Nebelschwaden. Kochend heiße Suppe?

Der Eindruck bestätigte sich. Jeder Teller dampfte, aber wie war das möglich?

„Also, Mr Harris, verstehe ich das richtig und Sie sind Catriona aufgefahren?“

Erschrocken lag mir ein Widerspruch auf den Lippen, kam aber nicht hervor. In den letzten acht Jahren war es nicht klug gewesen, Einschätzungen anders zu bewerten.

„So ist es wohl. Obwohl ich bremste, als ihre Leuchten aufblinkten, kam ich nicht rechtzeitig zum Stehen und stoppte erst durch das Hindernis.“ Rick hielt Kendricks Herausforderung stand und die Männer maßen sich, dann ließ sich mein Bruder ablenken.

„A graidh, vielleicht wäre es sinnvoll, die Unfallstelle zu kennzeichnen? Hier oben ist der Empfang so schlecht, dass ich sicher nicht ruhig schlafen könnte bei dem Gedanken, dass noch jemand verunglücken könnte.“

Kendrick stimmte ein. „Gleich nach dem Essen schaue ich mir das Desaster an, a ghoil, sicher wird Catriona Gepäck dabeihaben, die Sie für die Nacht benötigt.“ Er suchte meine Bestätigung, die ich ihm nicht geben konnte.

Meine Stimme versagte und ich schüttelte den Kopf.

„Kein Problem“, stellte Carolina fröhlich fest. „Ich habe Unmengen an Kleidung, in die ich nicht mehr hineinpasse.“ Sie brach ab und ihre erschrockenen Augen legten sich auf mich. „Natürlich nur, bis deine Koffer eintreffen oder wir eine andere Lösung finden.“

„Danke, du bist äußerst liebenswürdig.“ Zumindest erkannte sie einen Fauxpas, wenn sie hineinschlitterte. Abgesehen davon, dass ich tatsächlich darauf angewiesen war, dass man mir aushalf. Ich hatte gerade mal dabei, was ich am Leib trug plus Handtasche. Selbst mein Mobiltelefon hatte ich im Londoner Apartment gelassen.

Kendrick war mit Rick noch nicht fertig. „Aus Atlanta sagten Sie? Dann sind Sie Tourist?“

Ricks belustigtes Funkeln beruhigte mich. Er nahm keinen Anstoß an Kendricks rüder Befragung. Moment. Verwirrt nahm ich den Löffel auf und tunkte ihn in die sämige Flüssigkeit. Es war nicht rüde und es war keine Befragung, sondern Small Talk. Rick war ein Fremder, der sich urplötzlich in seinem Haus aufhielt, natürlich musste er einige Fragen stellen.

„Allendale. Es liegt noch ein gutes Stück südöstlicher als Atlanta und ja, Tourist trifft es wohl.“

„Dann fahren Sie einen Leihwagen.“

Wieder bestätigte Rick die Annahme und seufzte dabei. „Ich fuhr einen, zumindest. Ob ich zukünftig trampen muss, steht noch nicht fest.“

„Hm.“ Kendrick ignorierte den Kommentar, während ich ein Schmunzeln unterdrückte, obwohl die Aussicht natürlich abscheulich war. Trampen, das kam nun wirklich nicht infrage!

„Da können wir doch was tun, oder?“

Kendrick wandte sich mir zu, irritiert und um eine Antwort verlegen.

„Schottland ist nicht gerade die befahrenste Gegend und stell dir vor, hier auf eine Mitfahrgelegenheit warten zu müssen!“ Die vielleicht alle Jubeljahre mal kam.

„Was war denn Ihr Ziel?“

Rick beschäftigte sich einen Augenblick lang mit seiner Suppe, bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Eigentlich hatte ich keines. Ich bin nach Inverness geflogen und dachte mir, es findet sich auf dem Weg immer ein Ort zum Schlafen.“

Zugegeben, meine Fassung war dahin. Schön, ich plante nie irgendetwas, aber generell lebte niemand, den ich kannte, so in den Tag hinein. Ein fremdes Land besuchen, ohne zuvor die Unterbringung geregelt zu haben? Undenkbar!

„Wie aufregend“, beschied Carolina und beugte sich vor. „Da haben Sie sich auf ein ganz schönes Abenteuer eingelassen!“

„So war es zumindest geplant“, räumte Rick ein und legte den Löffel zur Seite. Sein Teller war ratzeputz leergefegt und animierte mich, an meine eigene Mahlzeit zu denken. Trotz leisen Widerwillens die Cremesuppe zu essen, probierte ich sie vorsichtig und wurde erneut überrascht. Sie war köstlich. Der Kampf in meinem Kopf übertönte Carolinas und Ricks Austausch über planbare Abenteuer. Pures Gift schrie ein Teil von mir, während ein anderer in dem Genuss schwelgte. Der Spargel war herauszuschmecken, dabei war die Saison doch längst vorüber! Es konnte nicht frisch sein, unmöglich, aber es schmeckte einfach phänomenal.

„Warum Schottland?“, unterbrach Kendrick und riss mich aus meiner kulinarischen Schwelgerei.

Rick lächelte unbeeindruckt. „Es ist einer der letzten echt rauen Ecken, habe ich mir sagen lassen.“

„Ich denke, Australien ist rauer. Oder Sibirien. Vermutlich auch große Gebiete Afrikas oder Asiens …“

„Oh, sicher!“ Rick hob die Hände. „Ich meinte es nicht beleidigend. Schottland ist ein zivilisiertes Land mit reicher Kultur. Ich bezog mich nur auf die Landschaft. Selbst die mag in der Sahara fordernder sein, aber darum ging es mir auch nicht. Ich wollte ein Amerikaner sein, der sich in einer zivilisierten, aber bodenständigen Gegend verliert. Selbstfindung, à la ich reise nach Tibet und treffe den Dalai Lama.“

„Hm, hier trifft man maximal ein paar störrische Schafe“, murmelte ich, wieder mehr mit meiner Mahlzeit beschäftigt als mit Kendricks Verhör.

Carolina prustete. „Das lag mir auch auf der Zunge.“

„Ich hatte da eigentlich an die Queen gedacht, aber sicherlich ist eine Begegnung mit einem Schaf ähnlich … sinngebend.“

Dieses Mal musste auch ich mir das Lachen verkneifen. „Oh, mit Sicherheit. Kendrick, du hast doch Erfahrung auf diesem Gebiet …“ Ich strahlte ihn an, was seine verbissene Miene lockerte.

„Tatsächlich steckte ich vor einiger Zeit auch in einer Sinnkrise und es war tatsächlich ein Schaf, das mir den Weg hinauswies.“ Um seine Lippen legte sich ein zärtlicher Zug und ich verlor seine Aufmerksamkeit.

„Ich glaube, es war anders herum. Sheamus hat mir die Augen geöffnet.“ Auch Carolina bekam einen verzückten Gesichtsausdruck und mir blieb nur Rick, der ähnlich amüsiert über die beiden war, wie ich selbst.

„Du bist also zur Sinnfindung um die halbe Welt geflogen? Gibt es nichts, was näher dran wäre? Die Niagarafälle oder …“, lenkte ich mich schnell ab, denn plötzlich erschien mir der Speisesaal merkwürdig eng. Ich saß aufdringlich nah bei ihm, fast berührten sich unsere Hände, wenn wir sie neben unsere Teller legten. Schnell ließ ich meine unter den Tisch rutschen und knibbelte an meinem Nagel. „Der Great Canyon.“

„Wunderschöne Orte, aber zu amerikanisch. Ich brauchte einfach andere Luft.“

Der Bursche war zurück und drängte sich zwischen uns, um die Teller fortzuräumen. Sekundenlang dachte ich tatsächlich an einen Nachschlag, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Dermaßen abgelenkt äußerte ich das Erste, das mir in den Sinn kam.

„Frische Luft haben wir hier fürwahr – wenn einem die Schafe nicht in die Quere kommen.“

Ricks Lachen riss Kendrick von seiner Gattin los. „Wo waren wir stehengeblieben? Verzeihung, ich bin leicht zerstreut.“

Aber ja. Innerlich schüttelte ich den Kopf. „Bei der Suche nach dem Sinn, Kendrick. Welchen Lebenssinn hast du gefunden?“

„Den Einzigen, der zählt, Catriona, und er ist sehr zu empfehlen, allerdings …“ Er musterte Rick knapp. „… glaube ich nicht, dass er für jeden geeignet oder zu finden ist.“

„Oh.“ Dieses eine Wort – das kein Wort war – sagte alles. Er griff schnell nach meinen Fingern und drückte sie. „Außer für uns, a ghoil. Es ist nur nicht immer so einfach zu finden. Glaub mir, manchmal springt es einen an, aber häufig muss man einfach stehenbleiben und nachschauen.“

Kryptisch. Meine Lippen streikten, also überspielte ich es, indem ich sie befeuchtete. „Für uns? Haben wir ein Anrecht auf …“ Ja worauf eigentlich? Wovon genau sprachen wir?

„Vielleicht kann man es nicht Anrecht nennen“, räumte er ein und es klang nach Drucksen. Wurde er auf seine alten Tage noch vorsichtig mit seinen Einschätzungen? „Aber ich bin davon überzeugt, dass wir in der Lage sind … dass es möglich ist …“

„Zu lieben“, beendete Carolina seinen Satz. „Und glücklich zu sein. Herrje, sind wir etwa schon mitten in der Sinnfindung? Mr Harris, da haben Sie scheinbar einen Nerv getroffen.“

Liebe und Glück. Es war Zeit für etwas Glück, da stimmte ich mit vollem Herzen überein, nur, wo ließ sich Glück finden? Musste ich die Highlands nach vierblättrigem Klee absuchen? Einem Kobold seinen Topf Gold entwenden oder eine Fee einfangen? Das war mir schon als kleines Mädchen nicht gelungen und irgendwie zweifelte ich daran, dass sich meine Fertigkeiten verbessert hatten.

„Eigentlich suche ich eher nach Inspiration, wobei ich gegen Glück und Liebe nichts einzuwenden hätte.“ Ich wagte nicht, in seine Richtung zu sehen.

„Inspiration?“ Kendrick lehnte sich zurück, allerdings nicht, um dem Diener Platz zu machen, der den zweiten Gang auftischte. „Zu was? Nicht noch jemand, der den ganzen Tag herumläuft, um Dornen zu fotografieren.“

„Romantische Inspirationen“, mahnte Carolina sanft. Sie saß stocksteif auf ihrem Stuhl und lediglich ihre geröteten Wangen und ihre glitzernden Augen verrieten, wie gespannt sie auf die Antwort wartete. Erleichtert entließ ich den Atem. Es war normal, dass mich jedes seiner Worte fesselte. Dass süße Aufregung meine Haut kribbeln ließ, es war die Neugierde auf das Unbekannte und die verspürte nicht nur ich.

„Ähm, nein, ich habe es nicht speziell auf Dornen abgesehen, oder auf romantische Impressionen. Eher wohl das Gegenteil.“ Sein langer, sehniger Zeigefinger strich über den Stil seiner Gabel, als wolle er das Muster darin erkunden. „Ich suche eigentlich nach düsteren Legenden und blutiger Historie.“

Damit sorgte er für einen Moment absoluter Stille am Tisch.

„Tja, dann sind Sie hier falsch.“ Carolina klang so enttäuscht, dass es genauso gut ich hätte sein können, die diese Worte äußerte.

„Blutige Historie gibt es in den Highlands an jeder Ecke“, fasste ich mich und wandte mich, nach einem gemurmelten Dank an den Burschen, an Rick. „Muss es etwas Bestimmtes sein? Ich riete dazu, Culloden Fields einen Besuch abzustatten, der wohl blutdurchtränkteste Ort in ganz Schottland.“

„Richtig, das liegt noch ein gutes Stück weiter südlich und ist sicher einen Besuch wert. Besuchen Sie auch Edinburgh, Glasgow und Aberdeen, geschichtsträchtige Städte …“, fuhr Kendrick fort und Carolina beendete den Satz: „Mit Flair.“

„Flair.“ Mein Bruder verdrehte die Augen. „Na, schön.“

„Ich hatte an weniger bekannte Orte gedacht und vor allem an weniger offensichtliches Grauen.“ Der Fisch war butterweich, was ich nur daran erkannte, wie er sich unter Ricks Messer zerteilte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte ich die Fischspeise jeder anderen vorgezogen, in den letzten acht Jahren war Fisch nicht Teil meines Speiseplans gewesen. Musste ich es ausführen? Ja, allein, um mir deutlich vor Augen zu führen, was ich mir alles versagte. Vielleicht sollte ich eine Liste anfertigen, oder besser nicht? Tief in mir drin wusste ich ja, dass es zu viel war. Besser, ich lenkte meine Gedanken in andere Bahnen.

„Wofür?“

Rick sah mich an, seine wundervollen, klaren Augen lagen auf mir und ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. „Schaurige Geschichten.“ Sein Mund verzog sich, als wisse er, dass ich regelrecht an seinen Worten hing. „Zum Fürchten und Gruseln.“

„Warum?“, wisperte ich fasziniert. Von ihm, von seinen Geheimnissen und versteckten Andeutungen.

„Schriftsteller?“

Ich zuckte zusammen, weil Kendrick die Vermutung eher ablehnend formulierte.

„Yeah. Horror und Thriller.“

„Schriftsteller“, hauchte ich und betrachtete ihn in ganz neuem Licht.

„Wie interessant!“ Auch Carolina war elektrisiert. „Nicht ganz mein Genre, aber einen richtigen Autor hat man auch nicht oft zu Gast! Kennt man etwas von Ihnen?“

Der Atem stockte mir. Das hätte man freundlicher formulieren können.

„Wenn es nicht Ihr Genre ist, vermutlich nicht, aber Sie können mich natürlich googeln.“ Er machte keinen gekränkten Eindruck. „Leider kann ich nicht von mir behaupten, international erfolgreich zu sein.“

„Erfolg ist wohl relativ.“ Carolina widmete sich ihrem Fisch und ich begann ebenfalls mit dem Gericht. „Ist es ein Hobby oder Ihr Broterwerb?“

„Broterwerb.“ Er zerteilte eine Kartoffel. „Mein neuer Roman soll hier spielen, aber ich habe noch keine Idee, was passieren könnte.“ Er grinste in die Runde. „Deswegen flog ich um die halbe Welt. Für Inspiration und passende Recherche. Sollte mir dabei der Sinn des Lebens in den Schoß fallen – bitteschön, schreibe ich halt auch ein Sachbuch zum Thema Lebensberatung.“

„Zumindest könnte ich das Lesen, ohne fortan von Albträumen geplagt zu werden.“

Rick griff nach meiner Hand und drückte sie sacht. „Wenn du leicht zu verängstigen bist, solltest du meine Romane nicht lesen. Sie sind sehr … explizit.“

„Nun, man kann immer den Deckel zuschlagen, nicht wahr?“

„Aber die Fantasie nicht abschalten, wenn sie erst einmal ihre Flausen treibt.“ Sein Daumen rieb sacht über meine Fingerknöchel.

„Du bist einfach zu ängstlich.“ Kendrick riss mich aus dem angenehmen Augenblick. „Ich erinnere mich, wie du nächtelang unter deinem Bett kauertest, weil Ian dir dumme Märchen über Hexen erzählte, die kleine Mädchen aus ihren Betten entführen.“

Hitze schoss mir in die Wangen und ich entzog Rick schnell meine Hand. Warum musste mein Bruder mich in aller Öffentlichkeit demütigen?

„Oder der Kronleuchter in der Halle. Sobald es dunkel wurde, hast du dich geweigert, die Treppe herunterzukommen.“ Er lachte auf. „Du hast Mutter in den Wahnsinn getrieben.“

„Hm, klingt nach einer guten Geschichte“, murmelte Carolina und verzog die Lippen zu einem zufriedenen Grinsen.

„Du hast eine lebhafte Fantasie, daran ist nichts auszusetzen. Als ich noch ein Junge war, hatte ich fürchterliche Angst vor unserem Nachbar. Er war ein komischer alter Kauz, immer schlecht gelaunt und aufbrausend. Ich glaubte stets, er sei ein Außerirdischer und warte auf sein Mutterschiff, um uns endlich alle auszulöschen.“ Er nahm sein Messer auf und leerte seinen Teller.

Ich ließ mir seine Worte, aber auch den Fisch, auf der Zunge zergehen. Kendricks Koch war mehr als talentiert, ich liebte den Lachs!

„Warum Horror?“, erkundigte sich Carolina, als der Gang abgeräumt wurde.

„Weil es kaum etwas gibt, was mehr Emotionen freisetzt, mehr im Körper auslöst, als sich zu grausen.“

Das konnte ich bestätigen. Es gab nichts, was einen mehr aufkratzte, als Furcht.

„Also, ich bevorzuge Informatives.“

„Ich auch“, stimmte Kendrick ein. „Aber du übertreibst es mit deiner Informationsflut. Carolina hortet alles, was auch nur entfernt mit Fotografie zu tun hat, und neuerdings entwickelt sie auch noch einen grünen Daumen.“

„Nun, die Bibliothek ist jämmerlich unterbestückt, wenn es um Kunst geht“, rechtfertigte sie sich unangenehm berührt, „und was soll ich tun, wenn du dich mit deinen Schafen amüsierst?“

Der Gang wurde abgetragen und ich war bereits satt. Lediglich Carolina schien interessiert am nächsten zu sein und erkundigte sich, was noch zu erwarten sei. Die Antwort verblüffte mich, denn nun sollte der Nachtisch gereicht werden, dabei war ich in familiärer Runde fünf Gänge gewöhnt.

„Ich hätte gerne zwei Stücke, Murry, danke.“ Carolina sah verlegen von einem zum anderen. „Der gedeckte Apfelkuchen ist köstlich.“

Kendrick verkniff sich ein Schmunzeln.

„Gedeckter Apfelkuchen? Kendrick, ich bin erstaunt, dass du eine Frau gefunden hast, die deinen Hang zu Apfelkuchen teilt.“ Ich kannte niemanden, der ähnlich viel Fruchtkuchen vertilgen konnte, wie mein Bruder.

„Tatsächlich esse ich ihn Lachlan für gewöhnlich weg.“ Sie machte eine zerknirschte Miene. „Besonders in letzter Zeit.“

„Ich bevorzuge Erdbeeren.“ Ich drehte mich leicht zu Rick, in der Hoffnung, er würde sich auch äußern.

„Kirschen, nichts geht über Kirschen.“ Mir wurde warm. Kirschen also. Er räusperte sich und die Fröhlichkeit wich aus seinen Augen, um einem vorsichtigen Unterton Platz zu machen. „Darf ich eine vielleicht unangebrachte Frage stellen?“

Keinen Fauxpas, betete ich, bitte lass ihn perfekt sein!

„Catriona spricht Sie mit Kendrick an, aber ihre Frau mit Lachlan. Es ist, als befände sich noch jemand im Raum und das ist gelinde gesagt verwirrend.“

Der Atem entwich mir erleichtert. Eine berechtigte Frage, wenn auch ein wenig unangebracht, da Kendrick und Carolina ihm noch nicht angeboten hatten, sie weniger förmlich anzusprechen. Das war auch nicht zu erwarten. Ich hätte ihm auch nicht erlauben sollen, mich mit meinem Vornamen anzusprechen, war nur in dem Moment unschlüssig gewesen, ob ich mich mit Lady Brannduff vorstellen sollte, oder mit meinem Mädchennamen. Fein, in gewöhnlicher Gesellschaft ist ein Lady Carolina McDermitt ebenso überkandidelt, wie eine Lady Brannduff und ich wollte mich schließlich daran gewöhnen, meinen Status aufzugeben.

„Meine Familie zieht meinen zweiten Vornamen vor.“

„Mutter hasst den Namen Lachlan.“ Meine Zähne schlugen unangenehm aufeinander, als ich den Mund wieder zuklappte. Schon wieder eine unbedachte Äußerung, die ich mir doch abgewöhnt hatte!

„So? Hat sie ihn nicht ausgewählt?“ Er schien Feuer gefangen zu haben und lehnte sich vor, um Kendrick zuerst zu mustern, dann mich. „Zumindest zugestimmt wird sie haben. Warum einem Namen zustimmen, den man grässlich findet?“

„Die Namen sind festgeschrieben“, erklärte ich, weil mein Bruder bei dieser Frage die Lippen verkniff und auch sein Blick eine warnende Note bekam. „Eine Reihe an Namen werden in bestimmten Abfolgen für die Nachkommen der McDermitts verwendet. Allein in meiner Generation gibt es drei Ealasaids.“

„Wie bitte?“ Carolinas Nachfrage schnitt durch die Luft, wie ein Peitschenhieb. Sie wandte sich Kendrick zu. „Willst du sagen, dass meine Kinder festgeschriebene Namen haben?“

Kendrick nahm Farbe an, als er die Annahme bejahte.

„Und die wären?“ Bemerkenswert, dass sie fragte, wirkte sie doch, als würde sie die Praktik von vornherein verdammen.

„Guy.“

Die Spannung stieg noch an, ähnlich wie ihr Ärger. „Das ist ein Scherz.“

Mein Bruder räusperte sich. „Nein.“

„Ich denke“, man hörte ihr problemlos ihre Beherrschtheit an, „darüber werden wir noch zu sprechen haben.“

Eine leise Bewunderung erfasste mich. Zum einen brach sie keinen Streit vom Zaun, wie man es von bürgerlichen Frauen kannte und gleichzeitig machte sie deutlich, dass sie ihren Standpunkt vertreten würde – wie erfolgreich das auch immer verlaufen würde.

Carolina mochte nicht den Ansprüchen unserer Mutter genügen, aber das schaffte ohnehin kaum jemand.

Kapitel 4
Eine Nacht vor dem Kamin

Die Nacht erschien endlos. Zum gefühlten tausendsten Mal drehte ich mich um und rückte mein Kissen zurecht. Es roch nach Lavendel. Es war ein schönes Zimmer, in den Innenhof gelegen und dadurch stockduster, denn der Mond beschien die Stirnseite des Hauses. Trotzdem konnte ich nicht schlafen. Mein Kopf spann sich Dinge zusammen. Wie immer. Auch mit Ende zwanzig hatte mich die Furcht noch fest im Griff, ganz besonders hier. Mein Herz pochte laut und jedes Knarzen schreckte meinen Puls erneut in die Höhe und davon gab es hier unendlich viele. Es war ein altes Haus, aber mich ständig daran zu erinnern, half nicht, mich zu entspannen. Also gab ich es auf und streckte mich nach der Lampe. Ihr warmer Schein reichte gerade bis zum Rand des Nachttisches, also beschien er weder mich noch viel von der Umgebung. So viele Gedanken man sich um jedes Detail der Einrichtung gemacht hatte, zweckdienlich war es nicht. Schön, der erste Anblick war atemberaubend gewesen. Die fein abgestimmten Fliedertöne, das leichte Rosa und das lichte Blau ließen den Raum wie eine Oase aus tausendundeiner Nacht erscheinen. Geradezu fantastisch.

Das Himmelbett war noch ein Überbleibsel aus den alten Tagen, aber durch die leichten Vorhänge wirkte es jetzt eher wie ein offenes Zelt, als wie eine erdrückende Höhle, mit den früheren Brokatvorhängen. Man spürte fast den frischen Atem des Gemäuers, das leichtherzige Seufzen.

Der begehbare Kleiderschrank war nun ein kleiner Nassraum, wodurch natürlich ein Kleiderschrank im Zimmer Platz finden musste, aber er wirkte nicht außer, oder gar gewöhnlich. Er schmiegte sich an die Wand zwischen dem Fenster und dem Kamin und wurde dadurch halb von den Gardinen bedeckt.

Eigentlich also ein heimeliger, sehr ansprechender Raum, aber wann immer ich die Augen schloss, war ich wieder in der Ruine. Begraben von Staub und Schutt und ängstlich meinem Herzschlag lauschend, weil es sonst nichts zu hören gab – für endlose Stunden.

Die Decke wog plötzlich eine Tonne und ich schleuderte sie fort, um aus dem Bett zu krabbeln. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Farquhar, wie hatte ich so dumm sein können? Hier fand ich weder Frieden noch genug Selbstbewusstsein, um meine Entscheidung zu treffen und sie Torin mitzuteilen.

Wieder hastete ich durch meine Möglichkeiten. Islay und Sina in Kinbrace behelligen, während sie versuchten, Sinas Agentur zum Laufen zu bringen? Eine Hochzeitsagentur im kleinen, verschlafenen Örtchen Kinbrace, da konnte man nur den Kopf schütteln. Nun, Islay kam mich häufig besuchen, weil er in Torins Augen der einzige ungefährliche Verwandte in der Familie war. Er hatte noch den kleinen, verschüchterten Jungen vor Augen, der Islay bei unserer Hochzeit gewesen war. Vermutlich war es der wahrscheinlichste Ort, um sich abzusetzen, deswegen eben auch der schlechteste. Torin wusste, wie sehr Islay mir am Herzen lag, eben auch, weil meine Mutter ihn leicht beeinflussen konnte und er niemanden hatte, um sich eine zweite Meinung einholen zu können. Ich wusste, wie das war, wohin es führen konnte, schließlich war das auch mein Weg in die Hölle gewesen. Als Nesthäkchen war ich ihr, nach dem Flüggewerden meiner Geschwister, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert gewesen. Ich hatte darauf vertraut, dass sie nur mein Bestes im Blick hatte, und hatte lange Jahre gebraucht, um Zweifel an ihr zulassen zu können.

Ich drehte mich im Kreis, nicht sicher, ob ich zurück ins Bett gehen sollte. Der Verstand riet es mir, aber es weckte auch eine unglaubliche Unruhe in mir.

Ealasaid in Edinburgh zu besuchen, wäre ebenfalls eine Option gewesen. Wir verstanden uns ganz gut, wenn ich meinen Mund hielt, aber sie hätte Mutter informiert und die … Nun, unsere Eltern aufzusuchen war keine der Möglichkeiten gewesen, eben aus dem Grund, dass meine Mutter es niemals guthieße, was ich zu tun beabsichtigte – oder besser, worüber ich in meiner Auszeit nachdenken wollte zu tun, denn ich war noch nicht entschlossen.

Mein geborgter Morgenmantel lag auf dem Boden und ich hob ihn auf, um hineinzuschlüpfen. Er reichte bis zum Boden, schließlich war er für eine Person von Carolinas Größe vorgesehen.

Meine Tante väterlicherseits wäre ein Anlaufpunkt, den ich lieber nicht wählte. Sie war eigen und lebte in einer zugigen Hütte auf Skye. Niemand von uns verstand, warum sie das Exil suchte und sich darauf versteifte, jeden Besucher zu vergraulen. Da Tante Ealasaid, die Schwester meines Vaters, aber ebenfalls zu den Verwandten gehörte, die ich besuchen durfte, hatte ich davon abgesehen.

Der Boden war unangenehm kühl, man hatte sich entschieden, den Teppich zu entfernen und das darunterliegende Parkett zu veredeln. Hübsch, aber auch kalt, wenn man keine Hausschuhe hatte. Es trieb mich an, das Zimmer schnell zu durchqueren. Der Flur war mit Läufern ausgelegt und wurde nur von dem Fenster am Ende des Gangs beschienen, was längst nicht ausreichte, um mir den Weg zu zeigen. Meine Finger tasteten über den Türrahmen und rutschten über die stoffbespannte Wand. Erschrocken zog ich die Hand zurück, als ich gegen etwas stieß. Wieder klopfte mein Herz zum Zerspringen und ich musste den Drang niederringen, zurück in mein Zimmer zu rennen, ins Bett zu springen und mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Meine Furcht war irrational. Ich hatte nichts Glitschiges, Abgestorbenes oder Vielbeiniges berührt, sondern nur etwas, was dort nicht hingehörte – meiner Meinung nach. Eine zweite Erkundung brachte Licht ins Dunkel – wortwörtlich! Ein Lichtschalter. Ich starrte das Ding an. Elektrizität auf Farquhar war eher etwas Sporadisches. Die Gesellschaftsräume hatten elektrische Leitungen und einige der Räume in den höheren Stockwerken auch – Gästezimmer und die privaten Räumlichkeiten der Familienangehörigen – aber Licht im Flur oder gar im Kinderzimmer?

Ein Blick die Wand entlang bezeugte, dass ich keinem Irrtum aufgesessen war. Die Abstände der Lampen waren zwar übertrieben kurzgehalten, aber dafür stand ich plötzlich auch wieder im Dunkeln. Erneut berührte ich den Schalter. Fein, ich hatte also nur eine Minute, um über den Flur zu laufen und die Treppe zu überwinden, wollte ich das wirklich?

Die Alternative: zurück in mein Zimmer und ins Bett? Mich weitere Stunden hin und her wälzen? Ich brauchte Beschäftigung. Ich tippte also erneut auf den Schalter und lief los. Der Flur war schmal und an beiden Wänden befanden sich in gleichmäßigen Abständen Türen zu Zimmerfluten. Dazwischen befand sich nichts. Nicht einmal Gemälde. Schön, die Galerie alter Bilder mit stoisch starrenden Gesichtern war nie nach meinem Geschmack gewesen, schließlich hatte ich immer das Gefühl gehabt, sie würden mich mit ihren Blicken verfolgen, aber nun wirkte der Gang endlos und damit ebenso gespenstisch.

Die Treppe wurde von kleinen Positionslichtern beleuchtet und der Mond tat sein Übriges, um die Halle mit seinem milchigen Schein zu fluten. Der untere Flur war noch beeindruckender, wurde doch jeder Abschnitt separat beleuchtet – mittels Bewegungssensoren. Ich war froh, dass ich diesen Weg gewählt und nicht die Abkürzung genommen hatte. Sicher war auch die Bibliothek mit einem modernen Beleuchtungssystem ausgestattet worden, aber der obere Bereich war nur durch eine enge Wendeltreppe mit dem unteren verbunden und die war schon bei Sonnenlicht eine Herausforderung. Für mich zumindest, denn bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl zu schwanken und jeden Moment zu fallen. Ich brauchte feste Stufen, selbst eine Leiter konnte ich nicht besteigen, ohne einen Schwindelanfall zu bekommen.

Die Bibliothek war erleuchtet und ich zögerte, einzutreten. Ich wollte nur ungern erklären, warum ich nicht in meinem Bett lag. Andererseits konnte ich die Frage hier zurückgeben, ohne für impertinent gehalten zu werden.

Die Bibliothek war einer der größten Räume des Schlosses und erstreckte sich über drei Etagen. Hier im Erdgeschoss gab es Sitzgelegenheiten, um zu schmökern, aber auch Tische, an denen man seine Korrespondenz erledigen konnte. Auf der mittleren Ebene, die ungefähr in zwei Meter Höhe als eine Art Balkon überlappte und dann die dritte, auf die man lediglich mittels eines schmalen Gangs an die Regale an den Wänden treten konnte, um sich ein Buch zu holen.

Es gab zwei riesige Kronleuchter, die sich auf der Höhe der dritten Ebene befanden und damit ihr Licht in einem weiten Umkreis verteilten, aber nicht unterhalb der Ebenen. Mein Standort lag somit im Halbdunkeln und wer auch immer die Bibliothek nutzte, hatte mich sicher noch nicht bemerkt. Wenn ich gehen wollte … schnell trat ich ein. Lampen hingen an den Wänden unterhalb der ersten Ebene in Repliken uralter Kandelaber, aber sie waren nicht in Betrieb. Wenn man hier nach Lesestoff suchte, wären die aber hilfreicher, als die Leuchter, die von der Decke hingen. Ich lauschte angestrengt, machte Schritt für Schritt tiefer in den saalartigen Raum und trat in den Lichtkegel. Regale standen in weiten Abständen in den Raum hinein, auch von der Fensterfront aus, und es war, als liefe man im Zickzack in einem Parkour.

Ich wurde zunehmend nervös. „Hallo?“

Ein Poltern wies mir den Weg, und als ich um die nächste Ecke herum war, kam mir Rick entgegen. Überrascht krümmte ich meine Finger in die Seide meines Morgenmantels.

„Hi.“ Er grinste schief. „Ich konnte nicht schlafen und dachte mir, jedes alte Haus hat Bücher.“

Im ersten Moment war ich einfach nicht in der Lage, eine Antwort zu formulieren. Er hatte geduscht, sein Haar war noch feucht und auch nicht wie zuvor gestylt. Sein Bart ringelte sich in kurzen Löckchen und er steckte offenbar in seinem Pyjama, nur, dass er nun sogar noch legerer gekleidet war als früher am Abend: kurze Shorts und Shirt.

„Ich auch.“

Sein Grinsen wurde wärmer. „War ein ereignisreicher Tag, nicht wahr?“

Davon konnte ich Arien singen. „Ja.“

„Also …“ Er nahm den Blick von mir und gleichsam auch die Starre, die nicht nur meine Glieder befallen hatte. „Ich habe noch nicht herausgefunden, wie die Bücher hier sortiert sind …“

„Oh.“ Da konnte ich auch nicht helfen, schließlich lag mein letzter Besuch auf Farquhar so lange zurück, dass mir damals nicht einmal erlaubt gewesen war, die Bibliothek zu betreten. „Ich fürchte, da kann nur Kendrick helfen.“

„So? Sag nicht, dass du eher ein Lesemuffel bist und dich schiere Verzweiflung hertrieb.“

Er war verdammt amüsant. „Nein. Ich lese gerne, aber ich fürchte, als ich behauptete, hier zu wohnen, war es geflunkert.“

„Ahaaa.“ Er dehnte es bedeutend.

Ich konnte nicht stehenbleiben und wandte mich ab, scheinbar interessiert, den Inhalt des nahestehenden Regals zu erkunden. Meine Fingerspitzen strichen über uralte Einbände. Oh je, hier fände sich sicherlich nichts Interessantes für jemanden, der Horrorgeschichten ersann.

„Eigentlich wohnst du …“

Mein Zögern war meiner Verwirrung geschuldet, denn eigentlich wohnte ich nirgends, wenn ich meinen Entschluss fasste. Aber bis dahin … „London.“

„Nanu.“

„Ich war schon lange nicht mehr hier“, überging ich meinen ersten Impuls, mich zu rechtfertigen. Torin zog London vor, ich war ihm lediglich gefolgt, weil es von mir erwartet wurde. „Ich fürchte, hier gibt es nur uralte Abhandlungen über Botanik.“ Typisch für Farquhar und meine Lippen bogen sich leicht. Farquhar hatte seine eigene Geschichte und nur die Jüngste war von Tragik geprägt.

„Botanik oder Fotografie, tja und da heißt es, in diesen alten Kästen seien Schätze unermesslichen Ausmaßes zu finden.“

„Aber ja.“ Ich zog einen dicken Wälzer heraus. „,Kipplings Enzyklopädie einheimischer Wildpflanzen‘ ist sicherlich eine kostbare Rarität.“ Darin blätternd tat ich angetan. „Sieh dir die herrlichen Illustrationen an. Wir haben hier sicherlich ein wahres Meisterwerk erwischt.“

Rick trat zu mir und sah über meine Schulter, um eine Zustimmung zu brummen. „Meisterlich. Ist es ein Strauch oder ein Strauß?“ Er deutete auf eine krickelige Skulptur aus schwarzen Strichen, die eher unter abstrakte Kunst fiel, wobei er mich halb umarmte. Mein Herz polterte los. Es war sicher unbeabsichtigt und wenn überhaupt als freundschaftliche Geste gemeint, trotzdem wurde mir augenblicklich warm an Stellen, die nichts mit freundschaftlichen Gefühlen gemein hatten.

„Äh.“ Schnell drehte ich den Wälzer. „Ich schätze, es ist eine Zwiebel.“

Sein Lachen machte es noch schlimmer, also blätterte ich rasch weiter und trat vor, um etwas Abstand zu schaffen, so gern ich auch geblieben wäre. Das Buch zuklappend drehte ich mich um. „Nun, was wäre mehr nach deinem Geschmack? Ich bin mir nicht sicher, wie mannigfaltig die Auswahl tatsächlich ist, aber den ein oder anderen Klassiker sollten wir hier auch in deinem Genre haben.“ Allerdings las ich nur Titel über Botanik und das änderte sich auch zwei Schritte weiter nicht.

„Eigentlich dachte ich an Recherche“, gab er verhalten zu. „Vermutlich wirst du einwenden, dass ich zuvor hätte fragen müssen, aber es überkam mich, als ich in meinem Bett an die Decke starrte und ich fürchte, wenn mich die Muse küsst, bin ich kaum mehr durch Argumente und Verstand zu halten.“ Er folgte mir langsam, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Der Turm hat es mir angetan.“

Ich lehnte mich gegen die Seite des Regals, weil mir die Knie plötzlich den Dienst versagten. „Der Turm? Der alte Wehrturm? Auf keinen Fall solltest du den betreten, er ist seit Jahrzehnten einsturzgefährdet.“

„Wie schade“, murmelte er in meinem Rücken, wo ich ihn bereits spüren konnte, bevor er mich berührte. „Hey?“

„Ein leichter Schwindel.“ Ich lächelte ihm über die Schulter hinweg zu. „Passiert schon mal.“ Und umrundete dann schnell das Regal, um pseudo-interessiert die Titel abzulesen. „,Wirkung und Nutzen – Dung in der Kritik‘, ,Schafe und ihre Auswirkung auf die Agrarwirtschaft‘, ,Das Schaf – von Fleisch bis Vlies‘, ich schätze, ein jedes ist nützlich, um in tiefen Schlaf zu fallen, aber ob sie sich zur Recherche eignen?“

„Wenn man eine Abhandlung über Schafe schreiben möchte, sicher schon und ich denke, man bekommt auch eine nette Gruselstory zusammen, aber offengestanden …“

Er brauchte es nicht sagen.

„Der Turm.“

„Ja. Er fasziniert mich.“

Seufzend strebte ich zur Fensterfront und zog den schweren Brokatvorhang zur Seite. Merkwürdig, dass er hier nicht ebenfalls ersetzt worden war, dafür war das Fenster von innen mit einer Folie beklebt. Nanu. Im Mondlicht duckte sich der Rest des einstigen Wehrturms zu Farquhar – damals noch Dùn Nairn – und wurde halb hinter den uralten Kiefern verdeckt.

Zwanzig Jahre später und längst den Kinderschuhen entwachsen und doch regte der Anblick noch immer ein Meer an unterschiedlichen Emotionen in mir wach und ja, Faszination war eine von ihnen.

„Findest du nicht, dass er gerade in diesem Licht etwas ungemein Einnehmendes hat?“

Mein Schauer überkam mich mit unbekannter Intensität und ich lehnte mich vor, um die Stirn an dem kühlen Glas der Fensterscheibe abzulegen.

„Man fragt sich gleich, welche Tragödie dort wohl stattgefunden haben muss.“

„Nur eine kindische Dummheit“, wisperte ich nur für mich und schloss die Augen. Zwanzig Jahre und doch fühlte es sich an, als läge ich noch immer unter all dem Schutt begraben und wartete auf den Tod.

„Was hast du gesagt?“

„Nichts!“ Ich drehte dem Dùn den Rücken zu. „Das Übliche, was im ganzen Land geschah, sonst nichts.“

Er glaubte mir nicht. Sein Blick wanderte über mein Gesicht, als stände dort alles geschrieben, was er wissen müsste. „Und das war?“

Eine Geschichtsstunde? Nun, ich sollte nicht annehmen, dass man in den USA schottische Geschichte lehrte. „Nach dem Niederschlagen der jakobitischen Aufstände Mitte des 18. Jahrhunderts wurden alle nachweislich an der Rebellion beteiligten Clans enteignet, getötet oder vertrieben, unter ihnen auch der McMulloch-Clan, der bis dahin hier gelebt und geherrscht hatte – in relativem Frieden mit den Stewarts. Sie errichteten Dùn Nairn und starben für ihre Überzeugung. Nun, bis auf die Lady of Nairn, die sich offiziell von ihrem Bruder und dem Rest der Sippe lossagte, um ein Anrecht auf das Land zu erhalten. Es ist dokumentiert, dass sie flüchtigen Highlandern während der Verfolgung sicheren Unterschlupf gewährte. Unter ihnen auch einem Sohn des Duke of Skye, der selbst aus politischen Erwägungen gegen die übereilte Kriegstaktik des Bonnie Prince Charlie gewesen war und seinen Söhnen und Mannen verboten hatte, für die jakobitische Sache zu kämpfen, nachdem er sich mit dem Prinzen überwarf.“

Rick folgte mir aufmerksam, sog jedes meiner Worte ein, als wären sie von Bedeutung. Zwar hatte ich nicht das Gefühl, dass sich nie jemand für das interessierte, was ich von mir gab, aber ein solches Maß an Aufmerksamkeit kannte ich nicht.

Meine Stimme versagte und ich musste mich räuspern, bevor ich fortfahren konnte, die Geschichte der sagenumwobenen Lady of Nairn zu erzählen. „Sein Sohn und Erbe verweigerte ihm den Gehorsam und kämpfte bei Culloden. Er wurde schwer verletzt und schleppte sich tagelang durch die Highlands, bevor er der Lady förmlich vor die Füße fiel …“ Sehr romantisiert, das musste ich nun zugeben, aber mir gefiel die Variante der Geschichte besser, als die meines älteren Bruders Ian, der behauptete, sie hätte ihn einfangen lassen, um ihn den Behörden zu übergeben, sollte er sie nicht zu seinem Weib machen. „Sie versteckte ihn vor dem Bataillon der Engländer, die auf Nairn einfielen, und behauptete sich gegen ihren Kommandanten. Aber erst das Eintreffen des Dukes sicherte ihr das Leben und ihr Hab und Gut gleich mit. Nairn musste zerstört werden, um das Vergehen des Clans McMulloch gegen die Krone zu sühnen, aber die Lady und all ihre Gefolgschaft erhielten einen Freibrief.“

Meine Finger schlossen sich um die hölzerne Fensterbank und ich ließ mich leicht auf sie herabsinken. Ich musste hochschauen, um in sein Gesicht sehen zu können, so nah, wie er bei mir stand.

„Das ist verdammt interessant“, murmelte er, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Ich nehme an, Skye sicherte sich Hab und Gut?“

„Zyniker“, wisperte ich. „Aber ja. Seit 1745 befindet sich das Land auf dem einst Dùn Narin stand im Besitz des Duke of Skye. Die zum Turm gehörende Burg wurde abgetragen und aus Teilen von ihnen Farquhar errichtet, nur einen Steinwurf von der alten Festung entfernt.“

„Die Lady of Nairn fand ein grausames Ende?“

„Das kommt wohl drauf an, wie man grausam definiert. Sie wurde sehr alt, überlebte all ihre Kinder, und verfolgte, wie ihr Urenkel in die Fußstapfen ihres Gemahls trat, bevor sie in der schlosseigenen Kapelle zur letzten Ruhe gebettet wurde. Es heißt …“ Griff ich nun doch noch auf Ians Geschichten zurück? Zögernd befeuchtete ich mir die Lippen.

„Es heißt?“, raunte er, was ein erwartungsfrohes Kribbeln in mir auslöste.

„Es heißt, sie spuke noch immer hier herum.“ Ich hatte ihn, er stand unter meinem Bann und dieses Wissen löste ein Gefühl der ungeheuren Macht in mir aus.

„Das …“ Er musste sich räuspern. „Ist genau das, was ich meine, Catriona. Das ist die Inspiration, die ich suche.“

„Dann werde ich wohl in deinem neuen Roman erwähnt werden müssen.“ Ich durchbrach den Moment mit Absicht. Was auch immer mich dazu trieb, sein Interesse zu wecken, war absolut fehl am Platz. Er trat zurück, als hätte er den Umschwung der Stimmung bemerkt.

„Daraus lässt sich tatsächlich einiges machen. Gibt es historische Belege? Nicht, dass sie tatsächlich vonnöten wären, aber wenn ich schon eine wahre Geschichte aufgreife, dann möchte ich das Mysterium vergrößern, indem ich so nah an den Tatsachen bleibe wie möglich.“ Seine Hand beschrieb einen Bogen. „Eine Familienchronik vielleicht oder Dokumente aus der Zeit?“

„Alles, was älter als hundert Jahre ist, wurde dem Museum für schottische Geschichte gestiftet. Wenn noch etwas in unserem Besitz wäre, dann auf Skye. Kendrick wird es wissen.“ Ich zuckte die Achseln und verließ meinen frostigen Platz am Fenster. Jeder Schritt tiefer in die hellbeleuchtete Bibliothek erwärmte auch mein Inneres. „Aber wir sollten Repliken haben, die zumindest die Familiengeschichte dokumentieren. Mein Onkel, Aidán-Guy, hat sich sein Leben lang damit beschäftigt, Forschung in der Heraldik zu betreiben.“

„Meinst du, er würde mit mir sprechen?“ Er folgte mir und setzte sich zu mir, als ich mich auf der Couch vor dem großen Kamin niederließ.

„Wenn du ihn zum Sprechen bringst, mache ich mir Sorgen. Er ist seit mehr als zehn Jahren tot.“ Mein Seufzen war traurig gestimmt. „Aber er hätte dir alles Mögliche erzählen können. Er war, wie Kendrick als junger Mann, ein wandelndes Lexikon. Ich bin froh, dass sich mein Bruder nun auch für andere Dinge als Bücher und Schafe interessiert.“

„So hat wohl jeder sein Steckenpferd und ich finde diese Auswahl nicht notwendigerweise schlecht.“ Sein Arm lag auf der Rückenlehne und seine Finger spielten mit den Quasten und Ösen des Überzugs nahe an meinem Gesicht.

„Nein. Ian ist derjenige mit den schlechten Interessen.“ Und das war noch milde ausgedrückt.

„Du hast noch einen Bruder?“

„Ian und Kendrick, sie sind Zwillinge, was man aber nicht glauben mag, wenn man sieht, wie unterschiedlich sie sind.“ Und immer schon gewesen waren. Meine Gedanken huschten wieder in die Vergangenheit. Kendrick, der immer einen klugen Spruch parat hatte, um alles Mögliche zu erklären und Ian, der jedes dieser Worte ins Lächerliche verdrehte und Spaß forderte. „Und eine ältere Schwester, Ealasaid. Hast du Geschwister?“

„Oh, ja. Zwei jüngere Halbbrüder. Sie halten meinen Vater auf Trab.“

„Leben sie auch in Allendale?“ Meine Familie war auf der Insel verstreut, auch wenn sich Ian und Islay häufig in London aufhielten.

„Nein. Houston. Ich sehe sie selten, aber sie sind auch um einiges jünger als ich.“ Er warf mir einen schnellen, abschätzenden Blick zu. „Ich verstehe mich nicht mit ihrer Mutter.“

„Die zweite Frau deines Vaters“, vermutete ich und versuchte mich in seine Situation zu versetzen. Mein Vater war ein gutmütiger, aber sturer Mann, der meine Mutter wenig Schranken aufzeigte, aber deutlich seine Meinung vertrat, was schon mal zu Streit führte, der lautstark wurde. Würde er sich eine neue Partnerin suchen, wenn meine Mutter …?

Ein merkwürdiger Gedanke.

„Ja. Sie ging mit mir zur Schule.“

„Oh.“

„Zugegeben, ich war verschossen in sie und lud sie zu einer Party ein, die ich nicht hätte geben dürfen. Mein Vater kam unerwartet nach Hause und sprengte die Party. Sie war entrüstet und schimpfte mich aus wie ein Rohrspatz, wie ich sie in so eine Situation bringen konnte – vielleicht sollte ich erwähnen, dass mein Vater Deputy ist und in Uniform und mit seinem Streifenwagen vorfuhr?“ Er verzog die Lippen zu einem bitteren Grinsen. „Er brachte sie nach Hause und einige Zeit später …“ Seine Schultern hoben sich. „Ich bin wohl immer noch verärgert über den Ausgang dieser Geschichte.“

„Hm.“

„Yeah, das Leben schreibt die fiesesten Geschichten, nicht wahr?“

Davon konnte ich eine Arie singen. „Ja, mit Sicherheit.“

„Ich habe es verwunden, indem ich meine erste Geschichte schrieb. Sie handelte von einer uralten Kreatur, die Männern das Leben aussaugt …“ Er brach ab. „Entschuldige, das ist nun wirklich nicht das passende Thema.“

„Passend wozu?“

„Ich möchte nicht, dass du meinetwegen nicht schlafen kannst.“

„Das wird nicht der Fall sein.“ Schließlich gab es auf Farquhar genug andere Dinge, die dies viel besser bewirkten, als eine Gruselgeschichte. Erinnerungen, zum Beispiel.

„Dann ist es vielleicht auch nicht weise, negativ über Frauen im Allgemeinen zu sprechen. Vor einer Frau. Ich mag mich anhören, wie ein Frauenhasser, wenn ich dir den Inhalt knapp wiedergebe.“ Seine Finger spielten wieder mit einer Quaste – dachte ich, denn als ich das Gesicht drehte, bemerkte ich, dass es eine meiner Haarsträhnen war.

„Bist du einer?“ Die Antwort erübrigte sich, das spürte ich tief in mir. Torin hätte mich nicht einen Meter Richtung Farquhar getragen, ganz gleich, wie mitgenommen und schlecht ich mich auch gefühlt hätte, und er hinterfragte auch nie, wie er oder seine Worte wirken könnten.

Trotzdem lauschte ich mit angehaltenem Atem der Stille, die sich anschloss.

„Nein“, murmelte er schließlich. „Im Grunde nicht, aber wenn ich mir die Themen meiner Publikationen so betrachte …“

„Dann könnte man Kendrick für einen verrückten Eigenbrötler mit Fixierung auf wollige Vierbeiner halten.“ Ich kicherte und drehte mich weiter. Ich musste meine Beine anziehen, um bequemer sitzen zu können und entzog ihm dabei unbeabsichtigt meine Haarsträhne.

„Vermutlich. Und Ian?“

„Für einen ungebildeten Weiberhelden.“ Dieses Mal brach die Belustigung aus mir heraus und ich lachte. „Es wäre so eindimensional!“

„Weil?“, soufflierte er sacht und ich fuhr fort, ihm von meiner Familie zu berichten. Von Ian, von seiner schrecklichen Kurzehe mit diesem Society Girl Cheyenne Boularouse und den Verwicklungen Islays in deren Auflösung. Ich quasselte, bis mir der Hals wehtat und die Lider mir zufielen.

Kapitel 5
Ein strahlender Tag

Ich verschlief das Frühstück und wurde von Carolina geweckt, die mir einen Waschkorb mit Kleidern brachte und wohl nicht erwartet hatte, mich schlafend in meinem Bett vorzufinden.

„Oh! Verzeihung!“

„Guten Morgen“, murmelte ich, mich in den Federn rekelnd.

„Entschuldige, normalerweise platze ich nicht in fremde Zimmer, aber die Tür war nicht verschlossen und da wollte ich den Korb nicht davor stehenlassen. Zumal Lachlan irgendwem den Flur zeigen wollte, um irgendeine Art von Galerie festzulegen. Herrje, er sprach davon, als ich schon fast eingenickt war, deswegen weiß ich die Details nicht, nur, dass jemand kommen könnte und da sollte …“

Mein Stöhnen unterbrach sie. „Danke, Carolina, aber ich bin ein ausgemachter Morgenmuffel und für Erklärungen vor dem Mittag eigentlich nicht zu gebrauchen.“

„Tja, dann warte ich noch eine Stunde, dann ist Nachmittag.“ Sie stellte den Korb ab. „Solange wünsche ich dir noch …“

„Wie spät ist es denn?“ Die Ecke meiner Decke schlug mir zurück ins Gesicht, als ich sie knicken wollte, um meine Schwägerin anzusehen.

„Das Mittagessen wird vermutlich jeden Augenblick serviert. Oh, das hätten wir euch sagen sollen: Es gibt keinen Gong mehr. Mittag ist um zwölf, Frühstück wird zwischen sieben und neun serviert und das Dinner variiert, fürchte ich.“

„Es ist zwölf?“ Dann hatte ich gute sechs Stunden geschlummert und das ohne einen einzigen Albtraum. „Dann wird es Zeit, aufzustehen. Danke, Carolina.“

„Gern. Brauchst du etwas? Kann ich dir irgendwie behilflich sein?“

„Danke, aber zum Glück können wir uns heutzutage auch allein anziehen, nicht wahr?“ Meine Lippen bogen sich zu einem Grinsen und es zündete auch gleich ein kleines Feuer in mir. Leise summend rutschte ich aus den Federn. „Ich versuche, nicht allzu spät bei Tisch zu erscheinen.“

„Wir werden auf dich warten“, versicherte sie mir und ließ mich allein. Ich eilte unter die Dusche, brauste mich ab und bemühte mich dabei, meinen Schopf nicht einzuweichen. Mein Haar trocknete nicht besonders schnell. So sehr ich es liebte, schwarz und seidig, wie es war, dass es so schwer wurde, wenn man es wusch und es Stunden brauchte, bis es trocknete, war wirklich ein Argument, es zu kürzen, auch wenn ich dem bisher widerstand. Mein Zopf reichte mir bis zum Po und darauf war ich stolz, zumindest, wenn ich es nicht gerade eilig hatte und mich das Haarebürsten schrecklich lang aufhielt.

Ich war die Letzte, die sich zum Essen einfand. Kendrick stand auf und wartete, bis ich bei meinem Stuhl angelangt war, um ihn mir heranzuschieben, eine unnötige Aufmerksamkeit. „Danke, wie lieb von dir.“

„Werde ich in den Genuss einer deiner Teepartys kommen, oder habe ich ausreichend bewiesen, noch immer ein ausgesuchter Gentleman zu sein?“ Er zwinkerte mir zu und wandte sich dann zu seiner Frau, um sich zu erklären. „Mutter bestand darauf, dass wir bei Tisch die Etikette wahren, aber wir durften ohnehin nur an den Wochenenden mit unseren Eltern speisen, wenn sie nicht zufällig woanders waren. Meist aßen wir also zu viert. Ian bewarf Ealasaid dabei gerne mit was immer sich anbot – meist dem Gemüse – und Catriona maßregelte ihn, so käme er nie in den Genuss an einer ihrer Teepartys teilzunehmen. Stattdessen führte sie mich als idealen Begleiter an, wodurch die nächste Salve gewöhnlich bei mir landete.“

„Eine Essensschlacht? Ich glaube, mein Vater hätte uns gelyncht“, kicherte Carolina. „Und wurdest du eingeladen und hast imaginären Tee mit Catriona und ihren unsichtbaren Freunden getrunken?“

„Oh ja, allerdings war es nicht ganz das, was ich erwartet hatte … oder Catriona.“ Er schenkte mir ein kurzes Strahlen, bevor er fortfuhr. „Ian hat uns beide reingelegt. Die Einladungen geschrieben, den Tisch gedeckt, alles sah so aus, als hätte einer von uns – jeder dachte, es wäre der andere – alles für diese lang angekündigte Teeparty hergerichtet, samt Gesellschaft.“

„Er hat es meisterlich verstanden, uns an der Nase herumzuführen. So peinlich es auch ist“, gestand ich ein und konnte nach all den Jahren doch darüber schmunzeln, auch wenn ich damals fast gestorben wäre vor Angst.

„Was ist passiert?“

„Fassen wir es mit einem gelungenen Scherz zusammen, meinst du nicht, Schwesterchen?“ Er griff nach meinen Fingern. „Einem fast bösartigen, aber genialen Scherz.“

Das machte Carolina nur noch neugieriger und auch Rick schien auf seinem Stuhl zu kippeln, so getrieben, den Rest der Geschichte zu hören.

„Er hat Stühle zusammenfallen lassen, den Tee in die Luft gejagt und schaurige Töne fabriziert, so dass wir – oder besser ich – daran glaubte, dass ein Geist anwesend war und mich holen käme, weil ich so unverschämt gewesen wäre, eine Teeparty in den Räumen dieser toten Lady zu geben!“ Meine Anspannung brach sich durch meinen Ausstoß. „Es war so furchteinflößend, dass ich jahrelang keinen Tee mehr anrühren konnte, ohne daran zu denken.“

„Er hat es wieder einmal übertreiben, ja“, räumte Kendrick begütigend ein, „aber es war eine Meisterleistung. Schade, dass er mit seinem Talent nie etwas Ernsthaftes anstellt.“

„Wie was? Ein Gruselkabinett zu leiten?“

„Jetzt sprichst du wie Mutter“, tadelte er mich. „Wenn du mich fragst, wäre es für uns alle besser, wenn Ian endlich etwas findet, was ihn beschäftigt – auf lange Sicht.“

„Etwas anderes als weibliche Gesellschaft“, fügte Carolina verdrossen hinzu. „Als ich zuletzt in Inverness war, fragte mich die Lokalreporterin ernsthaft, ob mein Baby von Ian sei, schließlich soll ja eine Affäre bestanden haben.“ Ihr feuriger Blick klärte sich. „Ich habe sie nach Farquhar eingeladen und sie dann von Sheamus vom Hof jagen lassen. Was für ein herrlicher Anblick.“ Sie seufzte versonnen.

„Sheamus? Der Bursche? War das nicht unangebracht hart?“ Trotz der alles anderen als feinen Frage der Reporterin, sollten wir uns doch in vornehmer Zurückhaltung üben. Drüberstehen, aber natürlich konnte ich Carolinas Ärger verstehen.

„Unser Wachschaf.“ Sie zuckte die Achseln. „Irgendwie hat sie nicht verstanden, dass er eigentlich nur ihren Handschuh wollte. Er knabbert halt gerne an Spitze.“

„Wachschaf?“, griff Rick verstört auf. „Ich nahm an, es gäbe Hunde, die Schafe bewachen und nicht umgekehrt.“

Mrs McCollum brachte auf einem bollernden Wagen einige große Schüsseln herein und verteilte sie auf dem Tisch.

„Hier oben braucht es keine Schäferhunde. Die Tiere bleiben in der Nähe, schließlich gibt es hier genug zu fressen und auch Unterstände. Aber Sheamus bewacht auch nicht die Herde, sondern Carolina. Er hat irgendwie einen Narren an ihr gefressen.“ Er wechselte das Thema. „Bevor ich es vergesse, die Werkstatt hat Bescheid gegeben, dass sie Ihren Wagen bis morgen repariert haben werden. Sie müssen vermutlich trotzdem Ihre Leasingfirma verständigen? Sie können dazu einen der Anschlüsse im Haus benutzen, denn auf Handyempfang ist hier kein Verlass.“

„Na ja.“ Carolina bedankte sich bei der Haushälterin dafür, dass diese ihr den gefüllten Teller reichte. „Wir könnten für Empfang sorgen, schließlich haben wir Verstärker anbringen lassen, aber Lachlan denkt, dass die Strahlung unseren Babys schaden könnte. Also: Back to the roots.“

„Ich glaube nicht, dass viele Menschen auf Empfang so einfach verzichten könnten.“ Rick nahm seinen Teller an und murmelte ebenfalls einen Dank. „Ich glaube, ich hätte binnen Tagen einen Nervenzusammenbruch.“

„Genau wie Sina“, kicherte Carolina. „Meine Freundin ist Hochzeitsplanerin und ihr Telefon, so sagt sie selbst, ist ihre Nabelschnur. Zugegeben, es hat Zeiten gegeben, da fiel mir der Verzicht auch schwer.“ Ihr Blick huschte über Kendrick. „Aber es lehrt uns auch eine gewisse Art von Akzeptanz. Dinge benötigen ihre Zeit, und manchmal müssen wir einfach etwas Geduld aufbringen.“

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es ein Dauerzustand sein könnte.“ Rick gabelte ein Stück Wurst auf und beäugte es kritisch. „Wie sieht es mit Internet aus?“

„Haben wir“, seufzte Carolina. „Nur eben kein WLAN.“

„Was auch nicht nötig ist“, beschied Kendrick und kam auf das vorherige Thema zurück. „Sie werden uns dann sicher morgen verlassen, nicht wahr?“

Mein Besteck fiel klimpernd auf den Tisch.

„Wir sind hier etwas eigen, was Gäste anbelangt, besonders unbekannte Gäste.“

„Kendrick, ich habe ihn in einen Unfall verwickelt, da kannst du ihn doch nicht einfach vor die Tür setzen.“

„Er ist nicht ernstlich verletzt worden und auch nur auf der Durchreise, nicht wahr, Mr Harris?“

Carolina seufzte gedehnt. „Verzeihen Sie uns, wir sind nicht generell ungastlich, aber es gab vermehrte Übertritte auf das Grundstück mit dem Versuch, uns zu bespitzeln. Wir haben Sicherheitsmaßnahmen ergreifen müssen und die Abgeschiedenheit ist eine davon.“

Rick lächelte. „Ich möchte nicht zur Last fallen, Sie haben mich mehr als freundlich aufgenommen und ich werde natürlich morgen abreisen.“

Oh nein.

„Darf ich mich, solange ich noch hier bin, umsehen, oder ist das auch nicht erwünscht?“, fragte er mit ausgesuchter Gelassenheit. „Ich hatte gehofft, dass mir Catriona das Haus zeigen könnte. Ich war nie zuvor in einem dermaßen beeindruckenden Gebäude und es ist offengestanden genau das Setting, das mir für meinen nächsten Roman vorschwebt.“

Kendricks Miene versteinerte. „Ich glaube nicht, dass wir auf Farquhar weitere Horrorgeschichten benötigen.“

„Warum nicht?“ Carolina streichelte seine Hand. „Ich weiß, du siehst den Ort lieber in seiner angedachten Bedeutung, aber etwas Mystizismus täte uns vielleicht ganz gut? Vielleicht vertreibt es zu neugierige Schmeißfliegen, wenn wir uns Ians Geschick zu Nutze machen und ein paar Fallen aufstellen?“

Seine Lippen kräuselten sich. „Du willst Farquhar in ein Gruselkabinett à la Ian verwandeln? Hast du dir überlegt, was das aus unseren Kindern machen könnte?“

„Sie werden ja wissen, dass es nicht echt ist, außerdem wird Ian so oder so versuchen ihnen Angst einzujagen, wenn auch nur die Hälfte deiner Geschichten stimmt.“

Damit gab Kendrick seinen Widerstand auf und ließ mich sprachlos zurück. Schön, für mich war Farquhar von jeher eine Gruselhochburg gewesen, welche romantischen Details er mir von dessen Entstehung berichten konnte. Es war auch eher seine Zustimmung, die mich sprachlos machte, denn ich hatte all seine Argumente im Ohr, warum wir Farquhar aufsuchen mussten, egal wie ich mich dabei fühlte. Es sei Teil unseres Erbes, es verdiene nicht wegen eines Unglücks gerichtet und verachtet zu werden … und so weiter. Es hatte mich nicht überrascht, dass er Mutter und Vater dazu gebracht hatte, ihn als Eigentümer einzusetzen, obwohl das Schloss Ian zugestanden hätte.

Rick räusperte sich. „Ich würde gerne über Dün Nan schreiben.“

„Dùn Nairn“, verbesserte ich schnell. „Ich habe ihm die Geschichte der Lady of Nairn erzählt.“

„Und jetzt wollen Sie ihr Ansehen mit Dreck bewerfen.“ Kendrick schüttelte den Kopf. „Warum können Männer nicht ertragen, wenn eine Frau wegen ihrer mutigen Taten verehrt wird?“

„Es geht mir nicht darum, sie von ihrem Sockel zu stoßen, Mr McDermitt, sondern darum, eine spannende Geschichte zu erzählen, bei der man sich gruselt. Ich werde es sicher nicht als wahre Begebenheit hinstellen.“

„Das war ein ganz Schönens Fettnäpfchen, hm?“, fragte Rick, als wir gemeinsam den Speiseraum verließen. Das Essen war in gespannter Stimmung beendet worden, nachdem Rick versucht hatte, Kendrick von seinen ehrhaften Absichten zu überzeugen.

„Er hat ein Argument. Ich würde auch keine Hobbygeisterjäger von meinem Grundstück fernhalten wollen – neben den Reportern und Paparazzi, die sie bereits belästigen.“ Es war der zweite Teil, der mich schaudern ließ. War unsere Ankunft hier verfolgt worden? Liefen im ganzen Land bereits die Druckerpressen heiß, um von meinem Besuch hier zu berichten? Dann wäre mein Versteck aufgedeckt und ich müsste mich offenbaren. Ich sah zurück. Sollte ich Kendrick endlich einweihen, dass ich mich hier verstecken wollte, bis ich mich zu einer Scheidung durchgerungen hatte? Und dann vielleicht noch länger? Noch hatte er nicht gefragt, obwohl er sicherlich darüber nachgedacht hatte, was mich hierhertrieb.

„Reporter sind auch nur Menschen.“

Gegen meinen Willen lachte ich auf. „Vielleicht waren sie es mal, aber dann haben sie ihre Seele dem Teufel verkauft.“

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und starrte in die Ferne, während wir uns der Treppe näherten. „Das ist eine harsche Einschätzung. Kennt einer von euch überhaupt einen Reporter? Mal abgesehen von der armen Frau, die von einem Schaf davongejagt wurde? Sicherlich ist sie eine nette Person.“

„Nein. Aber wenn du ständig Berichte über Familienmitglieder lesen müsstest, die schlicht an den Haaren herbeigezogen wurden, dann würdest du auch an diesem Berufszweig zweifeln.“ Oder Schafböcke auf sie hetzen. Carolina war eine Person mit dunklen Abgründen. Zu schade, dass ich das verpasst hatte.

„Wer sagt, dass sie erdacht wurden?“

„Na, das ist doch offenkundig. Meine Brüder mögen unterschiedlich sein, aber das Band zwischen ihnen ist stark. Sie würden stets füreinander eintreten und anzudeuten, Ian sei der Vater von Kendricks Zwillingen, ist geschmacklos.“ Ganz abgesehen davon, dass Ian sich keinen Harem hielt, einer rechten Gruppierung angehörte oder gar militante Bestrebungen, sich aus dem Commonwealth zu lösen, finanziell unterstützte. Und das waren bloß die Spitzen des berühmten Eisberges, was über ihn behauptet wurde.

Autor

  • Katherine Collins (Autor)

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Titel: Ein Schotte wider Willen (Liebesroman)