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Mein Leben mit Anna von IKEA – Verlobung (Humor)

von Thomas Kowa (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Kaum ist Matthias zu seiner schwedischen Freundin Anna gezogen, merkt er schnell, dass im Land der Elche und Billy-Regale einiges anders ist als daheim. Vor allem im Advent. Das wäre eigentlich eine Zeit trauter Zweisamkeit, doch der ex-porschefahrende Ex-Freund von Anna hat sich in den Kopf gesetzt, seine »Große Liebe« zurückzuerobern. Der Millionärssohn gibt sich umweltbewusst und überredet Anna, mit ihm auf eine Klimakonferenz ins tiefste Grönland zu fahren.
Derweil muss Matthias seinen Arbeitgeber retten, der alles auf ein neues Produkt gesetzt hat: Dönereis. Matthias soll dafür eine Werbekampagne entwerfen – mitten im Winter. Scheitert er, ist nicht nur sein Job bedroht, sondern auch sein Aufenthalt in Schweden und die Liebe zu Anna. Doch er wäre nicht Matthias Käfer, wenn er nicht eine ungewöhnliche Idee hätte …

Du wolltest schon immer wissen, wer schlauer, hinterlistiger und lustiger ist? Siri, Alexa oder Anna von IKEA?
Dann lies die interaktive Kurzgeschichte von Thomas Kowa, die Dir als Chat im Facebook-Messenger präsentiert wird. Wie das geht? Einfach den Messenger-Code direkt in deinem Facebook-Messenger am Handy scannen oder diesen Link m.me/dpbookbot anklicken, der dich direkt zum dp Book Bot bringt. Das Ganze ist natürlich kostenlos und kann gerne geteilt werden. Viel Spaß!

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Impressum

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Überarbeitete Neuausgabe Dezember 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-258-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-561-1

Covergestaltung: Christin Peulecke
unter Verwendung von Motiven von
© renata.s/Freepik, © Valentine/Freepik, © kjpargeter/Freepik und pixabay.com
Lektorat: Daniela Höhne

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 erschienenen Titels Weihnachten mit Anna von IKEA von Thomas Kowa.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Vorwort

Als mich mein Verlag dp Digital Publishers mit der Idee konfrontierte, eine Geschichte für die Adventszeit zu schreiben, bei der täglich ein Kapitel veröffentlicht wird, war ich sofort Feuer und Flamme. Spontan dachte ich an einen Horrorschocker, der mit jedem Wintertag dämonischer wird und an Heiligabend in einem furiosen Finale mündet.

Keine Ahnung, weshalb ich ausgerechnet diese Idee hatte, ich habe Weihnachten daheim jedenfalls nicht traumatisch in Erinnerung. Zumindest wenn man davon absieht, dass ich als Dreikäsehoch fünf Stunden heulend vor der verschlossenen Wohnzimmertür stand, weil mir nicht einleuchten wollte, dass es zum Geburtstag die Geschenke morgens gibt, aber an Weihnachten erst abends.

Klar heißt es Heiligabend, aber es heißt ja auch Baumschule und Kindergarten und dort werden weder Kinder angepflanzt, noch Weißtannen in höherer Mathematik unterrichtet.

Wie auch immer, je näher der Abgabetermin für den Weihnachtsroman kam, desto weniger verspürte ich Lust, jeden Tag jemanden fast oder wirklich umzubringen, zumal ich ja ohnehin nicht zu den blutrünstigen, sondern eher zu den hintersinnigen Schriftstellern gehöre.

Okay, vielleicht bin ich auch nur vordergründig hintersinnig, auf alle Fälle wäre meine Erwartung als Leser an einen Roman zum Fest der Liebe eher romantisch.

Also beispielsweise ein kleiner, harmloser Giftmord.

Aber da ich nicht Agatha Christie bin, habe ich diese Idee schnell wieder verworfen und überlegt, was ich sonst noch kann.

Daraufhin war erst einmal Sendepause in meinem Hirn.  Doch der Abgabetermin rückte immer näher.

Ich war schon kurz davor, aus Axolotl Roadkill abzuschreiben, oder wenigstens aus der Dissertation von Ex-Dr. Guttenberg, als mich schließlich eine Leserin rettete, die sich eine Fortsetzung von Mein Leben mit Anna von IKEA wünschte.

Danke, Mama!

Nein, im Ernst, erst dachte ich, das geht nicht, weil nichts langweiliger ist, als ein glückliches Liebespaar. Aber dann fiel mir ein, dass der liebenswürdige Chaot Matthias Käfer sicher nicht von heute auf morgen seine Schusseligkeit ablegen wird und auch von Anna durfte man gerne ein wenig mehr erfahren.

Außerdem, Weihnachten in Schweden, ist das nicht total besinnlich, romantisch – und arschkalt?

Und schon fingen die kleinen Rädchen in meinem Gehirn an sich zu drehen und ich schaffte es noch rechtzeitig vor Weihnachten, diesen kleinen Roman zu schreiben.

Dadurch, dass er in Tage und nicht in Kapitel unterteilt ist, hat er eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Struktur, denn an manchen Tagen kommt einfach alles zusammen und an anderen passiert so gut wie gar nichts.   Oder zumindest nichts, was man erzählen möchte. Aber ich habe da den armen Matthias einfach überstimmt und so gibt es jeden Tag etwas hoffentlich Lesenswertes.

Jetzt bleibt mir nur noch, ein Frohes Fest zu wünschen. Vorhang auf für Weihnachten mit Anna von IKEA.

Thomas_Kowa

Weihnachten ist ein Fest der Freude.
Leider wird dabei zu wenig gelacht.

Jean-Paul Sartre, französischer Schriftsteller

Freitag, 01. Dezember

Da hängt er nun. Und verhöhnt mich mit seiner ganzen unerbittlichen Pracht. Anna steht daneben und lächelt erwartungsvoll.

Und was hab ich? Nichts. Nada. Oder inget, wie man auf Schwedisch sagt.

Klar, ich hatte eine Menge zu tun, erst mein Umzug aus Deutschland nach Göteborg, dann die Eröffnung unseres kleinen Bed & Breakfasts und schließlich habe ich ja noch einen Job bei Kemal Industries, dem Klempner-Fliesenleger-Dachdecker-Konglomerat meines Freundes Kemal, der ständig neue Geschäftsideen hat, für die er Werbekampagnen benötigt.

Andererseits hatte Anna die letzten Tage auch sehr viel um ihre hübschen Ohren, irgendeine Projektwoche in ihrer Schule für irgendeine Klimakonferenz, die wahrscheinlich irgendetwas beschließt, das am Anfang alle ganz toll finden und an das sich am Ende trotzdem niemand hält.

»Gefällt er dir nicht?«, fragt Anna und schaut mich immer noch lächelnd, aber mit einer Spur von Skepsis an.

»Doch, doch«, sage ich. »Er ist super.«

Genaugenommen ist er viel zu super, ihr Adventskalender. Eine mit grünem Flies bezogene, s-förmige Stange, an der vierundzwanzig kleine Geschenke hängen und wie es sich in Schweden bei Weihnachtsgeschenken gehört, alle mit einem persönlichen Wachssiegel verschlossen.

Und ich hab inget.

Aber vielleicht stelle ich uns erst einmal vor. Ich bin Matthias Käfer, Mitte dreißig, ehemaliger Bankkaufmann, ehemaliger Single und ehemaliger Oggersheimer.

Anna habe ich in Deutschland bei IKEA kennengelernt – sowohl virtuell wie auch in echt – und als sie nach Schweden zurückgezogen ist, weil sie dort als Deutschlehrerin arbeiten konnte, bin ich einfach mitgegangen.

Okay, ganz so schnell und unkompliziert lief es nicht, aber inzwischen sind wir – Matthias Käfer und Anna Svenson – ein glückliches Paar.

Bis eben.

Denn jetzt steht sie mit diesem perfekten Adventskalender vor mir und mein schlechtes Gewissen frisst mich auf.

Schließlich hatte Anna mir mehrere Winke mit dem Zaunpfahl, dem Gartentor und der Garage gegeben, dass sie sich einen Adventskalender wünscht. Und ich hab das erstens verstanden – aus meiner Sicht eine beachtliche Leistung für einen Mann – und es mir zweitens aufgeschrieben, hab sogar drittens drei Kringel darum gemacht und es viertens dann wieder vergessen.

Das liegt daran, dass ich mich voll auf Annas Weihnachtsgeschenk konzentriert habe. Aber das kann ich jetzt schlecht als Ersatz oder Ausrede verwenden.

Außerdem gab es, als ich noch ein Kind war, bei uns daheim in Ludwigshafen-Oggersheim immer nur die Adventskalender aus dem Aldi für 89 Pfennige. Deren einziger Reiz bestand darin, herauszufinden, welches Motiv sich heute hinter dem Türchen versteckt. Klar, da war auch Schokolade drinnen, aber die schmeckte wie aus hinterrücks eingeschmolzenen Osterhasen hergestellt. Was wahrscheinlich auch so war. Hätte man so einen 89-Pfennig-Adventskalender damals seiner Freundin geschenkt, hätte die einen sofort vor den Europäischen Gerichtshof für Frauenrechte geschleppt und dann Schluss gemacht.

Deswegen war von Anfang an klar, dass ich Anna keinen Adventskalender kaufen kann. Dummerweise bin ich in diesem Stadium der Problemlösung steckengeblieben und hab mich neuen Aufgaben gewidmet.

Ich blicke wieder auf ihren Adventskalender für mich und versuche, dankbar zu lächeln.

»Willst du nicht das erste Türchen öffnen?«, fragt Anna.

Ich nicke, nehme das Päckchen mit der Nummer eins, es ist flach und groß wie ein Teller. Das Wachssiegel darauf besteht aus einem Geschirrspüler, der von einem Herzchen umrahmt ist.

»Das ist ja kreativ«, sage ich und fühle mich gleich noch schlechter.

Anna hat sich trotz all ihrem Stress Zeit für mich genommen.

Ich löse das Siegel ab, öffne die Geschenkverpackung und halte eine Vinyl-Platte von Boney M. in den Händen, das Christmas Album in der schwedischen Ausgabe.

»Und was hast du für mich?«, fragt Anna und blickt mich so erwartungsvoll wie ahnungslos an. Ich liebe diesen Blick eigentlich, doch nur dann, wenn ich auch etwas anzubieten habe.

Aber ich habe ja nur inget.

In meiner Panik reiche ich Anna einen Umschlag.

Schon im nächsten Moment ahne ich, dass es ein Fehler ist.

»Ist das ein Gutschein?«, fragt Anna.

Bevor ich antworten kann, hat sie den Umschlag schon geöffnet. »Eine Rechnung?« Sie blickt mich konsterniert an. »Für Damenunterwäsche?« Sie deutet auf den Umschlag. »Hast du die gesammelt und ich bekomme jetzt jeden Tag eine? Und dann an Heiligabend einen Offenbarungseid?«

»Du hast gefragt, ob ich was für dich habe«, antworte ich kleinlaut. »Und die Damenunterwäsche ist wohl kaum für mich.«

»Die hab ja auch ich bestellt.« Sie schüttelt den Kopf. »Erinnerst du dich noch, als du mich vor ein paar Wochen gefragt hast, was ich mir zu Weihnachten wünsche?«

Ich nicke und schaue sie zerknirscht an. »Du hast gesagt, du wünschst dir nichts, aber ein Adventskalender wäre schön.«

»Daran erinnerst du dich also?«

»Ja, aber ich hab glatt vergessen, dass schon Advent ist.« Ich zucke entschuldigend mit den Schultern. »Liegt ja hier schon seit September Schnee.«

»Der war im Oktober wieder weg.«

»Ja, aber nur für zwei Tage.« Ich mag Schweden wirklich, aber das Wetter ist echt eine Katastrophe, wenn man nicht auf Schneematsch, vereiste Autoscheiben und abgefrorene Zehen steht. Ich dürfte das Anna gegenüber ja nie sagen, aber im speziellen Fall von Schweden finde ich die globale Erwärmung gar nicht so schlimm.

»Du hast also nichts für mich?«, fragt sie und zieht eine enttäuschte Schnute.

»Ich schenke dir morgen einen Adventskalender«, sage ich und nehme sie in den Arm. »Und das Beste daran ist, dass du dann gleich zwei Türchen auf einmal aufmachen darfst.«

Und dann endlich lächelt Anna zufrieden.

Auch beim Streichholz ist das Wichtigste der Kopf.
Klaus Peter Erxleben, Werbeprofi

Samstag, 02. Dezember

Obwohl heute Samstag ist, muss Anna zur Arbeit, denn wie sie mir am Morgen extra noch einmal erklärt hat, leitet sie die Aktion der schwedischen Schulen zur demnächst in Grönland stattfindenden Weltklimakonferenz. Zwar würde ich mich freuen, wenn die anwesenden Politiker an der Meinung schwedischer Schüler interessiert wären, aber wahrscheinlich hören die lieber auf die Meinung der schwedischen oder deutschen Autoindustrie. Aber vielleicht wird ja aus einem der Schüler mal ein Politiker, der nicht vergisst, wo er herkommt und wofür er einmal eingestanden ist.

Allein schon deswegen unterstütze ich Anna.

Außerdem bleibt mir so der ganze Tag, um ihren Adventskalender zu basteln.

Und der muss gut werden, denn in meinem Türchen habe ich heute Morgen ein Bio-Rasierwasser gefunden, in einem edlen gläsernen Flacon. Nun könnte man sich fragen, warum Rasierwasser biologisch sein muss, schließlich will ich das Zeug nicht essen, aber seit die Kosmetikindustrie angefangen hat, Aluminium, Plastikteilchen und Mineralöle in allen möglichen Produkten zu verwenden, bleibt einem offensichtlich nur Bio-Kosmetik, wenn man nicht herumlaufen möchte wie ein wandelndes Chemiewerk.

Kaum hat Anna die Wohnung verlassen, gehe ich in den Keller und hole einen Umzugskarton hervor, der seit zwanzig Jahren verschlossen ist. Trotz mehrerer zwischenzeitlicher Umzüge weiß ich noch genau, was sich darin befindet. Ich stelle den Karton auf den Werktisch, blase den Staub vom Deckel und öffne ihn. Mein Herz pocht. Als ich diesen Karton verschlossen habe, war ich noch jung und unbedarft.

Jetzt bin ich nur noch unbedarft.

Jedenfalls versprüht dieser Karton einen Hauch Geschichte. In Deutschland gab es nämlich zwischen 1930 und 1983 ein Zündholzmonopol. Beim Abschluss des entsprechenden Vertrages war Deutschland hochverschuldet und der Preis für den Kredit des schwedischen Industriellen Ivar Kreuger bestand darin, dass es 53 Jahre lang erst im Deutschen Reich und dann in Westdeutschland nur noch Welthölzer zu kaufen gab.

Weil ich vor zwanzig Jahren angesichts der soundso vielten Finanzkrise vermutet habe, dass es aufgrund der Überschuldung in Europa erneut zu einem Zündholzmonopol kommt, habe ich damals bei einem Sonderangebot zugeschlagen und diesen Umzugskarton mit Streichhölzern gefüllt.

Im Nachhinein betrachtet vielleicht ein etwas gewagtes Investment, insbesondere für einen Fünfzehnjährigen, aber hätte ich stattdessen in Aktien der deutschen Telekom investiert, besäße ich jetzt nur noch einen Bruchteil meiner Anlage, während mein Zündholzbestand stabil geblieben ist. Und aus denen werde ich jetzt einen Adventskalender bauen, der Anna umhauen wird.

Jedenfalls, wenn keine Borkenkäfer die Zündhölzer verspeist haben.

Schnell öffne ich den Karton, blicke freudig auf die unzähligen Weltholzverpackungen, die mangels Sonne kaum verblichen sind, öffne eine und halte perfekt aussehende Zündhölzer in meinen Händen. Ich mache die Becker-Faust, würde im Überschwang am liebsten eines der Dinger anzünden, doch ich kenne mich zu gut und halte mich zurück. Wahrscheinlich brennen die gut getrockneten Zündhölzer wie Zunder.

Daher beschließe ich, erst einmal im feuerfesten Keller zu bleiben und erst am Ende alles nach oben zu transportieren.

Damit ich nicht wieder mit inget dastehe.

Zum Glück weiß ich schon, was ich baue: Annas Lieblingsort in Göteborg, die Fischkirche. Genaugenommen heißt das Gebäude Feskekörka und ist eine Fischmarkthalle, aber weil sie im Stil einer gotischen Kirche gebaut wurde, sagt man im Volksmund eben Fischkirche dazu.

Aber selbst wenn es eine Kirche für Fische wäre, fände ich das immer noch besser, als eine von einem Science-Fiction-Autor gebaute, in der prominente Hollywood-Schauspieler irgendwelchen Unsinn erzählen, um möglichst einfältigen Leuten möglichst viel Geld abzuknöpfen.

Angesichts meines Baumaterials wäre es sicher passender gewesen, den Zündholzpalast in Stockholm nachzubauen, aber Anna mag nun mal die Fischkirche und so bekommt sie diese. Außerdem passen die hellen Klinkersteine der Fischkirche perfekt zu meinen Zündhölzern und sie ist relativ einfach aufgebaut: Sie sieht aus wie ein Kirchenschiff mit großen erkerähnlichen Rundbogenfenstern an den Seiten. Einen Turm besitzt sie keinen, dafür mehrere kleine Dachspitzen, die wie der Aufsatz auf einer Pickelhaube aussehen. Lediglich die Anzahl der Fenster muss ich von sieben auf jeder Längsseite erhöhen, sodass mein Nachbau vierundzwanzig Fenster haben wird, für jeden Tag eines.

Und das Beste ist, für die Kirche gibt es eine Bauanleitung im Internet, mit der das angeblich sogar Achtjährige hinbekommen.

Also traue ich mir das auch zu, lege die am Morgen heimlich ausgedruckte Anleitung auf den Kellertisch und fange an, die ersten Zündhölzer zusammenzuleimen. Das klappt überraschend gut und als ich nach einer Stunde das Fundament gelegt habe, bin ich fast ein wenig stolz. Zwar kleben meine Finger aneinander, als wären Magnete dort eingebaut und der Holzleim ist ausgegangen, aber nachdem ich die Hände gewaschen und den nächsten Baumarkt glücklich gemacht habe, geht es sofort weiter.

Beziehungsweise würde es, wenn nicht gerade mein Handy klingeln würde. Es ist Kemal, mein Chef.

Noch mal zur Erinnerung: Wir haben Samstag.

Wochenende.

***

Ich mag Kemal ja gerne, aber seine diversen Diversifikationsprojekte haben mich in letzter Zeit ziemlich gestresst. Ihm reicht es nicht mehr, erfolgreicher Klempner, Fliesenleger und Dachdecker zu sein, er will jetzt die große weite Welt erobern. Es fing mit einem Vor-Ort-Autoreparaturservice an, dann kam eine Fladenbrot-Bäckerei hinzu und schließlich noch ein Ayran-Lieferservice, mit dem von mir erfundenen – aber sicherlich verbesserungswürdigen – Slogan: Frischer Ayran, so schnell wie aus dem Wasserhahn.

Kreativität braucht eben ihre Zeit und die wollte Kemal mir immer weniger geben, weil er stets schon mit der nächsten Idee um die Ecke kam.

Ich beschließe, dass ich mir seinen neuen Geistesblitz auch noch am Montag anhören kann und lasse das Telefon klingeln, bis es aufgibt.

Während ich weiter an meiner Streichholzfischkirche baue, ziehen die Stunden an mir vorbei wie beim Binge-Watching einer spannenden Fernsehserie. Plötzlich ist es schon Nachmittag, ich habe noch nichts gegessen und es stehen schon alle vier Wände der Fischkirche. Nur noch das Dach fehlt.

Ich lege eine kurze Pause ein, backe mir ein paar der wirklich leckeren Fladenbrote auf, die Kemal mir vor ein paar Tagen zugesendet hat, trinke schmackhaften Ayran dazu und dann geht es weiter. Ich überzeuge mich, dass die Wände meiner Kirche ausgehärtet sind und fange an, die Stützen für das Dach zu verlegen, die ich gemäß Bauanleitung zuvor zusammengeklebt habe.

Zwei Stunden später, als ich gerade das Dach auf mein Gebäude setze, sendet Anna mir eine SMS. Sie habe noch einen alten Freund getroffen und komme erst am Abend heim.

Das passt super, denn dann bin ich mit Sicherheit fertig.

Ich verleime das Dach und lasse auch dieses aushärten. Lediglich die kleinen Spitzen auf jedem Erker und dem Dach fehlen jetzt noch, aber die soll man gemäß Anleitung erst aufsetzen, wenn alles ganz stabil steht. Sie bestehen ohnehin nur aus jeweils einem Zündholz, da kann kaum mehr etwas schiefgehen.

Also gehe ich nach oben in die Küche und forme die Wachssiegel für jedes Geschenk aus einem alten Kinderstempel von Anna, der aussieht wie eine Schwarzwälder Kirschtorte. Früher hätte ich das sicher auch im Keller erledigt, aber inzwischen bin ich vorsichtiger geworden, weil ich weiß, dass meine Schusseligkeit und die leichte Entflammbarkeit des Bauwerks keine gute Kombination sind.

Jetzt fehlen nur noch die Geschenke selbst. Im Wesentlichen bestehen sie aus Geschenkpapier.

Ich muss zugeben, das wäre recht suboptimal, würde auf dem Geschenkpapier nicht noch etwas draufstehen.

Nämlich je ein Gedicht. Die habe ich in den letzten Wochen für Anna geschrieben, mich aber nie getraut, sie ihr vorzulesen. In jedes der Gedichte packe ich Mannemer Dreck, ein auf Oblaten gebackener und mit Schokolade überzogener Lebkuchen aus meiner Heimat, der deutlich besser schmeckt, als sein Name vermuten lässt. Ich hätte hier gerne mehr variiert, aber in einem klassischen Adventskalender ist ja auch immer nur Schokolade drinnen und außerdem ist das Gedicht das eigentliche Geschenk.

Erst als das Wachs der Geschenksiegel so kalt ist wie das Herz von Donald Trump, gehe ich wieder in den feuerfesten Keller und lege die Geschenke in den Turm. Ich finde, alles sieht perfekt aus und bin sicher, Anna ist stolz auf mich.

Jetzt fehlen nur noch die Spitzen auf jedem Dachgiebel über den Fenstern und auf dem Hauptdach.

Ich bin gerade dabei, mit spitzen Fingern das vorletzte Streichholz zu platzieren, als mein Taschentelefon piept. Anna schreibt, sie ist in fünf Minuten daheim, ich schaue auf die Uhr. Verdammt es ist schon Abend! Jetzt muss ich mich aber beeilen, schließlich muss ich noch die Fischkirche verlustfrei in die Wohnung tragen.

Hastig nehme ich ein Streichholz für die letzte Dachspitze aus der Packung, komme dabei mit dem Kopf an die Reibfläche, entzünde das Zündholz, will es mit einer schnellen Bewegung wegwerfen, doch es bleibt an meinen klebrigen Händen hängen, was ich erst bemerke, als ich ein wenig zu nah an die Fischkirche komme.

Der Rest ist ein einziger Feuersturm auf dem Tisch vor mir und in meinem Herzen.

Ersteren kann ich mit dem Feuerlöscher und meinen Tränen löschen, den zweiten nicht.

Im nächsten Moment sehe ich durch das Kellerfenster Anna zur Haustür gehen.

Ich renne die Treppe nach oben, kann im Flur gerade noch die Kellertür schließen und höre hinter der Haustür schon Anna mit dem Schlüssel rascheln.

Schnell renne ich nach oben in die Wohnung, schließe die Tür und wische mir die Tränen aus den Augen.

Ich höre, wie Anna die Treppe hochkommt und öffne die Wohnungstür wieder.

Schon beim Begrüßungskuss fallen ihr meine roten Augen auf. »Was ist denn passiert?«

Wenn ich ihr von dem abgebrannten Turm erzähle, ist die Überraschung verdorben und ich kann ihr den Turm morgen nicht mehr bauen. Also zucke ich nur mit den Schultern. »Hab Zwiebeln geschnitten.«

»Hast du was zu essen gekocht?« Sie rümpft ihre Nase. »Hat es deswegen im Treppenhaus so verbrannt gerochen?«

»Nein, ich dachte, ich schneid die Zwiebeln einfach schon mal vor.«

Anna blickt mich skeptisch an. »Und was hast du so den ganzen Tag gemacht?«

»Na, Zwiebeln geschnitten.« Ich merke selbst, dass dies jetzt nicht gerade die beste Ausrede ist. »Und ich hab mir überlegt, was ich alles in den Adventskalender packen könnte.«

Jetzt lächelt sie. »Du hast einen Adventskalender für mich?«

»Man wartet nie zu lange, wenn man auf etwas Gutes wartet«, antworte ich mit einem schwedischen Sprichwort, das wahrscheinlich in einer ähnlichen Situation wie meiner erfunden wurde. »Morgen ist er fertig«, sage ich schließlich und lege meinen Arm um Annas Schulter. »Und das Beste daran ist, dass du dann gleich drei Türchen auf einmal aufmachen darfst.«

Anna lächelt, aber selbst ich merke, sie ist nicht mehr ganz so zufrieden.

Der, der keine Hose hat, muss mit dem nackten Popo gehen.
Schwedisches Sprichwort

Sonntag, 03. Dezember, 1. Advent

Früh am Morgen werde ich von Kemals Anruf geweckt. Ich drücke ihn einfach weg, schließlich ist Montag auch noch ein Tag. In der Nacht ist mir eingefallen, dass ich nicht mehr genügend Streichhölzer besitze, um die gesamte Fischkirche erneut zu bauen. Und weil Sonntag ist, kann ich auch keine einkaufen.

Obwohl es immer noch dunkel ist, stehe ich auf, in der Hoffnung, dass mir eine Lösung für das Adventskalenderproblem einfällt.

Weil dem nicht so ist, mache ich das Frühstück, bringe es Anna ans Bett und stelle ein brennendes Teelicht für den ersten Advent auf das Tablett.

Dann kuschle ich mich noch mal an Anna, denn wenn wir gar nicht erst aufstehen, muss ich meinen Adventskalender nicht öffnen und die Frage nach ihrem bleibt vielleicht aus.

Okay, das ist eher so ein Plan, den Fünfjährige als perfekt bezeichnen würden und spätestens, als Anna fragt, was wir denn heute machen, wird auch mir klar, dass er nicht aufgehen wird.

»Wir könnten auf einen Flohmarkt gehen«, sagt sie.

»Es ist dunkel und kalt«, antworte ich. »Außerdem sind wir schon zu spät für die besten Angebote.«

»Deswegen beginnt der Flohmarkt erst um vierzehn Uhr«, entgegnet sie. »Das ist weniger Stress für alle Beteiligten.«

»Aber kalt ist es trotzdem«, sage ich und ziehe die Decke über meinen Kopf.

»Es ist aber spannend«, sagt sie. »Der Flohmarkt ist nämlich für Besucher bis vierzehn Uhr abgesperrt und erst wenn der Startschuss ertönt, rennen alle los und schauen nach dem besten Angebot.«

»Ich bin dabei«, sage ich und richte mich auf.

Anna schaut mich verdutzt an, doch dann gibt sie mir einen Kuss und lächelt.

Den restlichen Morgen verbringen Anna und ich damit, eine Anzeige für unser Bed & Breakfast in mehreren Reiseportalen aufzugeben. Wir haben es letzte Woche eröffnet, um ein paar internationale Gäste anzulocken, und so die Welt zu uns zu holen, weil wir wegen Annas Job als Lehrerin die meiste Zeit im Jahr nicht zu dieser kommen können. Selbst ich bin moderner geworden und habe mir neben einem Laptop sogar einen Spielzeugroboter angeschafft, der den Gästen das Frühstück ans Bett bringt. Denn wenn ich das machen würde, wäre das wahrscheinlich eher unpassend.

Unser Bed & Breakfast besteht nur aus einem Zimmer, womit es das kleinste Hotel von Göteborg ist. Und wahrscheinlich auch das erfolgloseste, denn bisher hat noch niemand bei uns gebucht.

Verständlich, wie ich finde, denn ich würde im Winter auch nicht nach Schweden fahren, jedenfalls nicht ohne Polarausrüstung. Erst recht nicht nach Göteborg, wo man nicht mal Skifahren kann, jedenfalls nicht in der Altstadt, wo wir wohnen.

Bevor wir gehen, packe ich an der Adventskalenderstange noch eine leckere Schweizer Schokolade aus. Ich breche eine Schokorippe ab und teile sie mit Anna. Trotzdem hab ich dabei wieder ein richtig schlechtes Gewissen.

Heute muss es endlich klappen, sonst hält Anna mich noch für einen unzuverlässigen Versager.

Viel zu früh fahren wir mit einem Carsharing-Smart zum Flohmarkt, was an mir liegt, denn ich möchte aus diversen Gründen möglichst nah am Eingang parken.

Dies gelingt so einigermaßen, denn offensichtlich hatten viele denselben Plan. Als wir an den mit einem langen Seil abgesperrten Eingang des Flohmarkts kommen, ergattern wir immerhin einen Platz in der zweiten Reihe. Ich überrede Anna, dass wir getrennt ausschwärmen, weil wir dann doppelt so hohe Chancen auf ein tolles Angebot haben. Sie findet das zwar unromantisch, aber als sie sieht, dass die Konkurrenz schon mit Ferngläsern nach den besten Objekten Ausschau hält, willigt sie ein.

Zumal ich auch mit einem Fernglas dastehe, was ich für eine außerordentlich geniale Idee gehalten habe, bis ich sah, dass es fast alle so machen. Aber das ändert nichts an meinem Plan, eine möglichst antike und möglichst kleine Kommode mit möglichst vierundzwanzig Fächern zu ersteigern, diese heimlich im Smart zu verfrachten und daheim Anna damit zu überraschen. Okay, das sind möglicherweise ein paar Bedingungen zu viel, aber man muss ja auch mal Glück haben im Leben.

Zugegeben, mit Anna hatte ich schon unverschämt viel Glück, aber es gibt ja auch Leute, die zweimal im Lotto gewinnen.

Und hinterher trotzdem nicht alles verprassen.

Außerdem habe ich vorhin mit meinen Fernglas genau diese Kommode entdeckt und damit Anna auch ganz sicher in eine andere Richtung läuft, weise ich sie auf einen antiken Spiegel hin, der so weit wie möglich von meiner Kommode entfernt steht, aber super in unser Bed & Breakfast passen würde.

Mein Herz pocht und ich spüre, dass meine gestrige Pechsträhne nur eine Ausnahme war, so gut wie meine Chancen jetzt stehen.

Ich atme tief durch, spanne meine Muskeln an und dann endlich wird die Startpistole abgeschossen. Nun bin ich als Deutscher genetisch bedingt mit ordentlichen Ellenbogen ausgestattet, die ich in Notfällen auch einzusetzen weiß, aber beim Start werde ich von einigen schwedischen Hausfrauen fast über den Haufen gerannt. Ich muss zur Seite ausweichen und komme erst zur Kommode, als schon drei Hausfrauen vor mir stehen, die unbegreiflicherweise schneller waren als ich.

Vielleicht hätte man die Flohmarktbesucher wie bei den olympischen Spielen in Männer und Frauen aufteilen sollen, damit ich eine faire Chance habe.

Gleich die erste der Hausfrauen kauft die Kommode für einen lächerlichen Preis und obwohl ich ihr in meinem Anfänger-Schwedisch erst das Doppelte, dann das Vierfache und schließlich das Zehnfache biete, lässt sie mich einfach stehen.

Derweil sind an dem Flohmarktstand die restlichen Kommoden ebenso ausverkauft. Außer Atem schaue ich bei den anderen Ständen vorbei, doch sehe ich nichts mehr, das man auch nur im Entferntesten als Adventskalender entfremden könnte.

Bis auf ein Billy-Regal.

Okay, ich könnte auch ein paar Gummispanner kaufen, zwei Tennisbälle und einen Fernseher, aber ich habe keine Idee, wie ich daraus einen Adventskalender bauen soll.

Also kaufe ich das Billy-Regal, vor allem, weil es schon zusammengelegt ist und schleppe es rennend (ja, das geht, wenn man nur will) zum Smart.

Nein, es ist nicht einfach, ein Billy-Regal in einen Smart zu verfrachten und als ich es endlich geschafft habe, steht Anna schon vor mir. Sie hat den antiken Spiegel in der Hand, der mir im Verhältnis zum Smart recht groß erscheint. »Wo warst du denn die ganze Zeit?«

Meine Antwort besteht aus unschlüssig ausgestoßener Luft. »Äääh, ich hab nichts gefunden.«

»Und was ist das da im Smart? Dein Geschirrspüler?«

»Das ist … äh, dein Adventskalender.«

Anna schaut mich mit einer Mischung aus Vorfreude und Skepsis an, wobei die Skepsis überwiegt. »Und wie bringen wir den Spiegel nach Hause?«

»Dachgepäckträger?«, antworte ich und sehe dann selbst, dass der Smart keinen hat. »Wir könnten den Spiegel mit ein paar Gummispannern auf dem Dach befestigen«, sage ich schließlich.

Da uns nichts Besseres einfällt, besorge ich die Gummispanner und man mag es kaum glauben, nicht einmal dreißig Minuten später stehen wir vor einer Ampel, die recht plötzlich rot geworden ist und kehren ziemlich viele Scherben auf.

»Die bringen Glück, hab ich gehört«, sage ich.

Das ist der Moment, in dem Anna nicht mehr lächelt.

Ein gutes Gewissen ist ein ständiges Weihnachten.
Benjamin Franklin (1706 - 1790), amerikanischer Präsident

Montag, 04. Dezember

Am nächsten Morgen werde ich erneut von Kemals Anruf geweckt. Da aus unerfindlichen Gründen der Unterricht in Schweden bis auf wenige Ausnahmen genauso wie in Deutschland mitten in der Nacht beginnt, also um 8 Uhr morgens, ist Anna schon auf dem Weg in die Schule. »Endlich ich erreiche dich«, sagt Kemal.

»Es ist Montagmorgen, acht Uhr.«

»Ich weiß, aber ich auch nix kann dafür, wenn ich hab beste Idee von Welt an Wochenende, oder?«

»Du hast doch jeden Tag eine neue Idee.«

»Und ihr seid nie da, du in Schwede und Frau Dings in Kuba.«

»Frau Weber ist in Kuba?«

»Erst Urlaub und dann verlängert, weil sich zwanzigjährige Salsatänzer habe total in sie vernarrt.«

»Frau Weber ist fünfundfünfzig. Und verheiratet.«

»Geschiede. Und sechsundfünfzig.«

Tja, wenn man wie ich die ganze Zeit Homeoffice macht, bekommt man offensichtlich nicht mehr alles mit.

Das erinnert mich daran, dass ich gestern Abend auch von Anna nur noch wenig mitbekommen habe.

Kaum waren wir mit dem spiegellosen Rahmen daheim angekommen, meinte sie, sie müsse für morgen noch etwas vorbereiten und hat sich in ihrem Arbeitszimmer verkrochen.

Was mir immerhin die Zeit gab, das Billy-Regal aufzubauen und hinter dem Vorhang unserer Abstellecke zu verstecken.

Jetzt fehlen nur noch die Gedichte und ein paar Pralinen als Inhalt, die ich in der Stadt besorgen werde. Dann hat Anna heute Abend endlich ihren Adventskalender.

»Was hältst du von meiner neue Idee?«, fragt derweil Kemal am Telefon. »Ist super, oder?«

Ups, da war ich wohl ein wenig unaufmerksam. »Ja, ist super«, sage ich.

»Deswegen du müsse mache Fernsehkampagne, so schnell wie möglich, hab schon alles gebucht. Erster Spot werde diese Wochenende gesendet. ARD, ZDF, volles Programm.«

»Was?«

»Wir mache diese Mal ganz groß, setze alles auf eine Karte. Fernsehspots rund um das Uhr, Plakatwerbung, Internetbanner.«

»Internetbanner bringen nichts.«

»Woher ich soll wisse, wenn du nicht erreichbar? Jetzt ich schon hab alles gebucht an Wochenende.«

»Und Frau Weber hat dem zugestimmt?«, frage ich. Die dreht doch sonst jeden Cent dreimal um, bevor sie eine Zahlung veranlasst.

»Sie alles unterschriebe, ohne anzuschaue. Hat mich auch gewundert, weil wenn geht schief, Existenz von Firma steht auf Spiel. Aber sie sage nur, man muss Lebe seine Traum.«

Ich schlucke, obwohl ich im Grunde auch meinen Traum lebe, jedenfalls wollte ich immer in die Werbung und habe es dank Kemal erreicht. Und das steht jetzt offensichtlich auf dem Spiel.

»Du müsse komme nach Deutschland und leite Dreharbeite für Werbespot.«

»Gibt es denn schon ein Drehbuch?«

»Du müsse schreibe. Wann du komme nach Deutschland?«

Eigentlich könnte ich jetzt darauf bestehen, dass wir Heimarbeit vereinbart hatten, aber ich befürchte, wenn ich in Schweden bleibe, fährt Kemal die Firma und damit meinen Job mit Karacho an die Wand. »Ich muss heute Abend mal mit meiner Freundin darüber reden«, sage ich.

»Anna sicher stimme zu, so nett wie ist. Und wenn Anna höre von tolle Produkt, sie will bestimmt komme mit nach Deutschland.«

»Sie ist Lehrerin, sie kann nicht einfach verreisen.«

»Wenn man wolle gehe alles. Ich auch erst hatte Zweifel, ob Idee so gut, aber dann ich am Samstag ausprobiert und es geworde perfekt. Und Sonntag ich habe klar gemacht alle Verträge, damit wir verliere nix Zeit. Weil Zeit ist nämlich perfekt für meine Produkt. Ich hab sogar Antrag gestellt für lasse Idee patentiere.«

In dem Moment fällt mir auf, dass ich immer noch nicht weiß, um welches Produkt es geht. Das kann ich Kemal jetzt allerdings nicht mehr sagen, also muss ich auf andere Art herausfinden, um was es sich handelt. »Meinst du, im Sommer wird es sich nicht verkaufen?«

»Doch, doch. Weil ist beste Produkt von ganze Welt. Es wird sich immer verkaufe wie geschnitte Fladebrot.«

»Und wer soll es produzieren?«

»Erste Charge ich selber produziert, aber dann ich gesehe, ist zu viel Arbeit und habe beauftragt großes Firma. Eine Million Stück pro Tag. Produziere drei Monate Vollschicht, nur für uns.« Er seufzt. »Ist ganz schön teuer, ich musste verpfände ganze Firmeeigetum, um nur zu bezahle Produktion von erste Woche, aber irgendwie wir müsse decke riesige Bedarf.«

»Wie hast du den Bedarf denn ermittelt?«

»Ich hab gefragt Schwiegermutter, war begeistert.«

»Ist deine Schwiegermutter nicht taub und blind?«

»War taub und blind.« Kemal räuspert sich. »Jetzt liege unter Erde.«

Ich muss erneut schlucken.

»Hat aber nix zu tue mit Produkt«, sagt Kemal schnell. »Schwiegermutter ist schon drei Monate unter Erde. Ich ihr gezeigt Produkt an ihre Grabstein und sie habe durch Engel zu mir gesproche und gesagt, ich solle unbedingt lebe meine Traum.«

Mir kommt das Ganze zwar vor wie ein Albtraum, aber das behalte ich lieber für mich.

»Ich nur unsicher mit Name«, sagt Kemal schließlich. »Soll ich Produkt nenne Eisdöner oder Dönereis?«

***

Nachdem mir vor Schreck das Telefon aus der Hand gefallen ist, erwache ich erst wieder aus meinem geistigen Koma, als Anna mir eine SMS sendet. Ist es okay, wenn ich für heute Abend einen alten Freund zu uns einlade? 18 Uhr?

Ja, klar, antworte ich, denn die Freunde, die ich von Anna bisher kenne, sind alle sehr nett. Und manche auch ein wenig durchgeknallt, aber stets lustig. Morten zum Beispiel, ein Rentner, der ehrenamtlich bei Greenpeace arbeitet und kein Eigentum mehr besitzt, sondern sich bei Bedarf alles leiht. Außerdem hat er einmal behauptet, er würde gerne einen Wal heiraten, aber er befürchte, er würde die Hochzeitsnacht nicht überleben.

Vielleicht hat der Freund von Anna ja eine Idee, wie man im Winter Dönereis verkaufen kann.

Ich habe nämlich keine. Andererseits, habe ich immer davon geträumt, ein erfolgreicher Werbefachmann zu sein und das wäre die Gelegenheit, mich zu beweisen. Schließlich kann jeder ein tolles Produkt vermarkten, doch die wahre Kunst ist es, ein Produkt erfolgreich zu bewerben, von dem bisher niemand wusste, dass er es braucht.

Um meinen Kopf freizubekommen, gehe ich in die Stadt und kaufe fünfundzwanzig Pralinen, eine für mich und vierundzwanzig für den Adventskalender.

Wieder daheim setze ich mich vor ein leeres Blatt Papier und nehme mir vor, einen passenden Slogan für das Dönereis zu finden.

Nach zwei Stunden intensivem Nachdenken ist mir nichts eingefallen, bis auf Das ist echt der größte Scheiß – Dönereis.

Nach dem Mittagessen bestehend aus Fladenbrot und Ayran beschließe ich, den Slogan morgen anzugehen und mich erst einmal dem Drehbuch für den Werbespot zu widmen.

Am späten Nachmittag fasse ich meine bisherigen Drehbuchentwürfe zusammen. Das gelingt mir recht schnell, denn sie sind alle vor Wut zerknüllt im Mülleimer gelandet.

In der Hoffnung, dass mir nur Zucker und Koffein fehlen, esse ich eine Praline und trinke eine Cola, die sofort einschlägt wie eine Bombe, weil ich sonst nicht mal einen Kaffee zu mir nehme.

Anschließend zapple ich zwar wild herum wie ein ADHS-Kind, aber mir fällt trotzdem nichts ein.

Ich nehme eine weitere Praline, glaube fast, dass ich eine Idee habe, doch dann verschwindet diese so schnell aus meinen Hirnwindungen wie die Praline in meinem Mund.

Ich nehme noch eine, doch die Idee bleibt verschollen.

Verzweifelt blicke ich auf die Uhr. Verdammt! Es ist schon 17:30 Uhr und Anna wollte um 18 Uhr mit ihrem alten Bekannten kommen.

Und ich hab die Gedichte für sie noch nicht aufgeschrieben und die Pralinen darin eingepackt.

Ich lasse alles stehen und liegen und exakt eine Minute vor 18 Uhr stehen alle Gedichte auf dem Geschenkpapier. Beim Einpacken zähle ich die Pralinen fünf Mal, doch es sind wirklich nur noch zweiundzwanzig. Spontan beschließe ich, den 24. Dezember nur mit einem Gedicht zu versehen, weil Anna an dem Tag das Weihnachtsgeschenk bekommt.

Für den 23. Dezember nehme ich Annas Geschenk für mich von heute, dass ich noch gar nicht ausgepackt habe, erhitze ihr Siegel und stemple meines darauf. Fertig. Ich nehme mir vor, das Geschenk in den nächsten Tagen auszutauschen und lege es gerade ins Billy Regal, als ich ziemlich kräftige Fußstapfen die Treppe hochkommen höre. Das kann auf keinen Fall Anna sein.

Als sich die Tür öffnet, glaube ich erst, neben Anna steht Dolph Lundgren und zwar so jung und muskulös wie damals bei Rocky IV.

Morten ist das schon mal nicht.

»Das ist Viggo.« Anna deutet auf den blonden Muskelprotz. Er trägt irgendwelche Trekkingklamotten, als müsse er noch schnell zum Nordkap. Immerhin hängt an seiner Jacke ein Greenpeace-Button, so beschließe ich, ihn sympathisch zu finden, lächle ihn an und reiche ihm die Hand.

Viggo hingegen mustert mich, als müssten wir gleich in den Ring zusammen. »Hej«, sagt er nur knapp, nimmt meine Hand und drückt sie zusammen wie eine Zitrone, die er auspressen will.

»Ich hab dir schon mal von ihm erzählt«, sagt Anna, während sie Dolph alias Viggo in unser Wohnzimmer bittet. Er reicht mir seine Trekkingjacke als sei ich ein Bediensteter. Während ich die Jacke in die Garderobe hänge, fällt mir auf, dass der Greenpeace-Button genau über dem Logo des Herstellers befestigt ist. Es ist einer dieser sündhaft teuren Edel-Outdoor-Marken, die ihre Kleider nicht für den nächsten Survival-Trip herstellen, sondern für den Laufsteg. Die Klamotten sind quasi das Pendant zu den SUVs, die einen auf Geländewagen machen, aber sofort steckenbleiben, wenn man mit ihnen mal durch eine Pfütze fährt.

Ich setze Tee auf, nehme eine Schüssel mit Pepparkaka, also Lebkuchen und bringe beides in das Wohnzimmer.

Eigentlich muss ich Anna dringend fragen, ob ich für den Dreh des Werbespots nach Deutschland kann, doch ich befürchte, das ist unpassend, solange Viggo da ist.

»Dein Adventskalender ist fertig«, sage ich stattdessen und deute auf den Vorhang vor der Abstellkammer.

Anna macht nicht einmal Anstalten aufzustehen und ihn sich anzuschauen, sondern lächelt nur verhalten.

»Ich dachte, ihr Deutschen seid so pünktlich?«, entgegnet stattdessen Viggo und zwar zu meiner Überraschung in Deutsch, wenn auch mit starkem schwedischen Akzent.

»Das ist ein Klischee«, antworte ich. »Wirst du spätestens erkennen, wenn du mal mit der Deutschen Bahn fährst.«

Anna muss lachen, während Viggo nicht mal mit der Wimper zuckt. »Wie hat dir eigentlich dein Geschenk für heute gefallen?«, fragt Anna.

»Super«, sage ich, denn bisher hat das auf alle ihre Geschenke zugetroffen.

»Da kommen schöne Erinnerung wieder, oder?«, fragt sie und schmiegt sich an mich.

Ich bemühe mich, nicht ganz so doof zu gucken. »Ja, sicher.«

Sie löst sich von mir. »Irgendwie wirkst du nicht so begeistert.«

»Doch, doch«, sage ich. »War nur heute viel los im Job. Kemal hat ganz verrückte Ideen. Ich muss eine Fernsehkampagne für ihn entwickeln, ein ziemlich abgefahrenes Produkt …«

»Ich war auch mal in der Werbung«, unterbricht mich Viggo. »Bis ich gemerkt habe, was wirklich wichtig ist.«

Komisch, Anna hat mir nie erzählt, dass sie einen Werber kennt, obwohl ich von diesem Viggo ja angeblich schon mal gehört habe.

»Viggo hat mich übrigens auf seinem Mountainbike mitgekommen«, sagt Anna nun und wirkt total glücklich, obwohl draußen gefühlte Minus zwanzig Grad sind. In Deutschland fände ich das mehr als nur beachtlich, unter diesen Bedingungen mit dem Fahrrad zu kommen, aber für Schweden ist das völlig normal, die haben ein Temperaturempfinden wie ein Eisbär.

»Toll«, sage ich, während ich mir immer noch den Kopf zerbreche, woher ich Viggo kennen sollte.

»Viggo hat nämlich seinen Porsche verkauft.«

Dann wird mir alles klar.

Viggo ist Annas porschefahrender Ex-Freund. Der nach einem Unfall mit Anna lieber seinen Porsche in der Werkstatt besucht hat, statt Anna im Krankenhaus.

In der Hoffnung, dass man nicht sieht, wie mir gerade das Gesicht entgleist, nehme ich mir einen Lebkuchen und beiße hinein.

»Anna wollte dich noch etwas fragen«, sagt Viggo und gibt ihr einen – wie ich finde, viel zu vertrauten – Stups in die Seite.

Sie blickt mich unsicher an. »Also, Viggo fährt für eine Umweltorganisation am Mittwoch zur Weltklimakonferenz in Grönland.«

»Und ich hab sie eingeladen, mitzukommen«, sagt Viggo selbstsicher.

»Um unser Schulprojekt vorzustellen«, vervollständigt Anna.

Mir fällt beinah der Pepparkaka aus dem Mund. »Mit deinem Ex-Freund?«, will ich laut ausrufen, doch da er dabeisitzt, verzichte ich darauf. »Aber dazu müsste dich doch die Schule vom Unterricht freistellen?«, frage ich stattdessen.

Anna lächelt begeistert. »Die Schule hat die Freistellung schon genehmigt, weil ich dann die Interessen der Schüler direkt vor Ort vertreten kann und per Blog darüber berichten.«

Irgendwie kommt es mir gerade so vor, als bekomme ich nicht nur bei Kemal Industries nicht mehr alles mit, sondern auch daheim.

»Ich wollte dir das vorher schon sagen, aber du warst ja die ganze Zeit beschäftigt.« Anna beißt sich auf die Lippe. »Es hängt nur noch an dir. Kann ich mit Viggo nach Grönland?«


Die Männer mögen das Feuer entdeckt haben.
Aber die Frauen wissen besser, wie man damit spielt.

Sarah Jessica Parker, Schauspielerin

Dienstag, 05. Dezember

Den restlichen gestrigen Abend harmonierten Anna und Viggo so gut miteinander, dass ich mir vorkam wie ein Gast im eigenen Haus.

Natürlich konnte ich Anna den Wunsch nicht abschlagen, zur Klimakonferenz zu fahren, auch wenn Viggo mir mehr als nur Bauchschmerzen bereitet. Aber wie sang Sting schon damals in den 80ern: If you love somebody set them free.

Klar, wenn man Sting heißt, offensichtlich ganz nett ist, gut aussieht, toll singen kann und mehrere Millionen auf dem Konto hat, dann kann man das alles so locker sehen. Wer soll denn da noch Besseres kommen?

Wenn man allerdings Matthias Käfer heißt, vor Kurzem knapp der Pleite entgangen ist, schusselig und nur normal aussehend, dann ist ein Muskelprotz wie Viggo, der offensichtlich vermögend ist und trotzdem einen auf Öko macht, eine echte Bedrohung.

Dennoch wollte ich Anna den Wunsch nicht abschlagen.

Und mir nicht die Chance verbauen, mich als Werbeprofi zu beweisen und die Firma zu retten.

Da muss mir jetzt echt etwas einfallen.

Nun ist es meist so, dass mir die besten Ideen über Nacht kommen. Also genaugenommen nicht mir, sondern meinem Unterbewusstsein, aber das gehört ja auch irgendwie zu mir, selbst wenn ich es persönlich noch nie gesehen oder gesprochen habe.

Heute Nacht ist mir allerdings überhaupt nichts eingefallen.

Wenigstens hat sich Anna über meinen Adventskalender und die Gedichte gefreut, von denen sie heute Morgen immerhin fünf Stück auf einmal lesen konnte. Sie hat sogar versprochen, die Gedichte aus dem Adventskalender mitzunehmen, damit sie jeden Morgen an mich denkt. Denn die Klimakonferenz findet im hintersten Zipfel von Grönland statt, wo es kein Internet und nur Satellitentelefon gibt, damit die Politiker sich wirklich auf die Natur einlassen.

Und sie dauert eine Woche.

Bis dahin habe ich entweder meinen Job gerettet oder bin arbeitslos.

Nachdem Anna aus dem Haus gegangen ist, versuche ich noch einmal systematisch an die Werbekampagne heranzugehen. Zum Auftakt überlege ich mir, welche total unnötigen Produkte erfolgreich sind und wie man die vermarktet hat.

Als Erstes fallen mir Atomkraftwerke ein. Doch die hat sich nie jemand privat in den Garten gestellt, sondern sie wurden nur von Staatsunternehmen gebaut, weil irgendwelche Kraftwerkshersteller die entscheidenden Politiker entweder belabert oder bestochen haben. Scheidet demnach aus finanziellen und moralischen Gründen aus.

Als Zweites fallen mir Zigaretten ein, die nur deswegen dauerhaft funktionieren, weil sie abhängig machen und das wird bei Dönereis kaum der Fall sein.

Als Drittes komme ich auf Horoskope. Aber die zahlt man meist nicht extra und sie sind mehr Unterhaltung denn ernsthafte Beschäftigung, jedenfalls für jemanden, der noch alle Tassen in der Geschirrspülmaschine hat.

So komme ich offensichtlich nicht weiter. Vielleicht muss ich zuerst die negativen Assoziationen zu Dönereis loswerden, die ich nach wie vor empfinde.

Ich rufe Kemal an, denn möglicherweise ist ja alles gar nicht so schlimm, wie ich es mir ausmale.

»Und hast du schon fertig Kampagne?«, begrüßt er mich.

»So einfach ist das nicht«, entgegne ich.

»Wieso? Für Vor-Ort-Autoreparatur hast du doch auch innerhalb von eine Tag tolle Spot gemacht.« Er beginnt zu singen: »Wenn das Auto mal defekt ist, ja, was ist denn da dabei, da kommt Kemal vorbei, da kommt Kemal vorbei.«

»Das war auch ein Produkt, dessen Sinn auf den ersten Blick ersichtlich ist«, sage ich. »Man bleibt mit dem Auto liegen und jemand schleppt einen nicht teuer ab, sondern repariert vor Ort. Ein echter USP eben.«

»Was hat USB damit zu tun? Dönereis ist nix Computer.«

»USP«, wiederhole ich. »Unique Selling Point. So nennt man die unverwechselbare Eigenschaft eines Produktes, wegen der die Kunden es kaufen.«

»Die ist doch sonneklar für Dönereis«, antwortet Kemal. »Du liebe Döner, du liebe Eis, du liebe Dönereis.«

»Und wenn jemand Kaffee und Pizza mag, dann möchte er auch, dass seine Pizza nach Kaffee schmeckt?«

»Pizza esse nur Italiener. Wenn du aber nehme Lahmacun und türkische Espresso wird funktioniere. Ich sofort müsse aufschreibe.«

Ich verzichte wohl besser auf weitere Beispiele, damit ich Kemal nicht noch auf mehr existenzvernichtende Ideen bringe. »Sag mal, das Dönereis, aus was besteht das genau?«, frage ich stattdessen.

»Na, Döner und Eis.«

»Und wie stellst du das her?«

»Ich mixe Döner mit allem in Mixer klein, zusamme mit Wasser und viel Zitrone, packe in Gefriertruhe und stecke Stange aus hartgebackene Fladebrot rein, fertig.«

Tja, es ist doch so schlimm, wie ich mir das vorgestellt habe. »Kannst du die Produktion und die Werbespots noch stoppen?«

»Du zweifle an meine Idee?« Ich höre Unmut in Kemals Stimme.

»Nein, aber Eis im Winter, das lässt sich nur sehr schlecht verkaufen.«

»Das liege nur daran, dass es bisher nix gab Dönereis. Warte ab, wenn du probiere hier bei Werbedreh. Ich außerdem dir sende eine Karton, damit du könne mache populär, wenn du wieder zurück in Schwede.«

»Trotzdem, lass uns das richtig aufziehen«, sage ich. »Mit Marktforschung, durchdachtem Produktdesign und vor allem im Sommer. Also storniere alles, was du noch kannst.«

»Du zweifle an Einschätzung von meine Schwiegermutter?«

»Für jedes Produkt gibt es einen falschen und einen richtigen Zeitpunkt«, erwidere ich. »Apples Newton wollte auch niemand haben und erst als das Ding zwanzig Jahre später wieder als iPad auf den Markt kam, war es ein Erfolg.«

»Ich damals gekauft Newton. War super-Produkt, nur Schrifterkennung war nix gut. Aber Dönereis ist super-super-super-Produkt. Außerdem ich nix könne mehr storniere. Weil ich alles so kurzfristig gebucht, ich musste unterschreibe, das nix Storno möglich.« Er räuspert sich. »Plus du werde Zweifel sofort vergesse, wenn ich sage, wen ich habe gebucht für Werbespot.«

»Du hast jemanden gebucht ohne mit mir zu reden?«

»Zeit ist Geld und du nix geschickt Drehbuch, also ich habe entschiede. Ist super-prominente Promi.«

»Wer ist es?«, frage ich und mache mich auf einen dieser C-Promis gefasst, die es nicht mal ins Dschungelcamp schaffen.

»Es ist intelligenteste Frau von Deutschland«, sagt Kemal. »Und auch bekannt für ihre gute Geschmack.«

»Ist es eine Promi-Köchin?«, frage ich, denn das könnte sogar funktionieren.

»Viel besser«, sagt Kemal. »Es ist – halt fest dich – Daniela Katzeberger.«

Wer nicht wirklich etwas Tolles zu verkaufen hat, der wirbt nackt dafür.
Thomas Pfitzer, Mentaltrainer und Leistungscoach

Mittwoch, 06. Dezember

In der Nacht habe ich einen Albtraum, in dem ich unter der Brücke liege und nichts zu essen habe als Dönereis mit Gefrierbrand. Schließlich werde ich von einem Strumpf gefüllt mit Walnüssen und zwei Mandarinenaugen geweckt. Erst erschrecke ich, dann erkenne ich, dass ich wach bin, lache und schließlich wird mir klar, es ist Nikolaus. Anna hat an mich gedacht und ich habe mal wieder inget.

»Das ist nur ein kleines Dankeschön, weil ich nach Grönland darf«, sagt sie und gibt mir einen Kuss.

Ich überschlage kurz, wie kalt es im ewigen Eis von Grönland sein muss, wenn hier in Südschweden schon arktische Temperaturen herrschen und finde wenigstens etwas Positives daran, dass ich nicht auch in den hintersten Zipfel Grönlands fliegen muss, sondern nur nach Deutschland.

Wie es der Zufall will, starten unsere Flüge in Göteborg fast um dieselbe Zeit, also fahren wir per Carsharing mit einem Volvo zum Flughafen und holen unterwegs Viggo ab.

Er stellt einen verdächtig neu aussehenden Rucksack in den Kofferraum. »Ich wäre ja lieber mit dem Mountainbike zum Flughafen gefahren, aber da ihr ohnehin mit dem Auto kommt, werden meine paar Muskeln die CO2-Bilanz nicht groß belasten, oder?«

»Und deine paar Gehirnzellen erst recht nicht«, würde ich antworten, täte mich jemand fragen. Aber das macht niemand und ihm selbst will ich das nicht sagen, denn Viggo ist mindestens fünfmal so stark wie ich.

Ich weiß nicht, was schlimmer ist, dass ich Anna eine Woche lang nicht sehen werde, dass ausgerechnet Viggo sie begleitet oder dass ich immer noch keine Idee für einen Dönereis-Werbespot habe.

Ob nun mit oder ohne Daniela Katzenberger.

Davon abgesehen, hätte ich eher Kevin Großkreuz genommen, auch wenn den Spot nur Fußballfans verstehen dürften.

Am Flughafen drängelt sich Viggo sogleich neben Anna und lässt mich nicht mal ihren Koffer schieben. »Bei den Flugtickets ist was ganz Dummes passiert«, sagt er, blickt aber eher erfreut als zerknirscht. »Es gab nur noch Businessclass.«

Ich halte Viggo ja schon die ganze Zeit für einen Blender, aber spätestens jetzt bin ich absolut überzeugt davon. Nun sind Frauen im Allgemeinen ja cleverer als Männer, aber von der Männerpsyche haben sie genauso wenig Ahnung wie wir von jener der Frauen. Jedenfalls scheint mir das der einzige Grund, weswegen Anna nicht merkt, dass Viggo sich gar nicht geändert hat, sondern nur seine Masche.

Vielleicht sehe ich das aber auch nicht objektiv, weil ich Anna so sehr liebe, dass ich Angst davor habe, sie zu verlieren.

Und vielleicht muss ich ihr einfach vertrauen, schließlich hat sie mich noch nie enttäuscht.

Ich bringe die beiden ans Gate, merke, wie sich eine Träne im Auge nach oben kämpft und versuche sie zu unterdrücken, damit ich vor Viggo nicht wie ein Waschlappen dastehe. Anna scheint es ähnlich zu gehen und wir umarmen uns so lange, bis Viggo meint, das wäre jetzt der Last Call für das Priority-Boarding.

Als Frauen noch keine Karriere gemacht haben, war das Leben irgendwie einfacher.

Also für uns Männer.

Viggo kommt auf mich zu und knufft mich zum Abschied in die Seite. »Keine Angst, Anna ist bei mir in guten Händen.«

Ich bin ja nun wirklich kein Patriarch, aber in dem Moment verstehe ich recht gut, warum der Keuschheitsgürtel erfunden wurde.

***

Kaum sind die beiden im Flugzeug verschwunden, trotte ich zu meinem Gate und steige in meine Maschine. Die Aussicht darauf, von Anna eine geschlagene Woche lang nichts zu hören, bedrückt mich und ich frage mich, ob ich unter den Bedingungen überhaupt kreativ sein kann.

Schließlich lähmt nichts so sehr wie Angst.

Und Botox. Wer das nicht glaubt, braucht nur mal in das Gesicht von Nicole Kidman zu schauen.

Wie in Trance setze ich mich auf meinen Platz. Ich erwache erst wieder aus meiner Lethargie, als mir auffällt, dass der Pilot des Flugzeugs durch die Passagierreihen geht und jeden Gast einzeln mit Handschlag begrüßt.

Dann ist er auch schon bei mir und reicht mir die Hand. Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Ich könnte schwören, dass ich ihn schon einmal gesehen habe.

Als ich seine Stimme höre, fällt es mir schlagartig ein. Mir wird beinah schwarz vor Augen. »Herr Enders?«, rufe ich.

»Das steht auf meinem Namensschild«, sagt er.

»Ich kenne Sie.«

Jetzt blickt er mich genauer an. »Waren Sie auf einem Flug nach Göteborg nicht mein Sitznachbar, der mit der schwedischen Freundin, der so Flugangst hatte?«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960872580
ISBN (Buch)
9783960875611
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378894
Schlagworte
ein weihnachtsmärchen in kanada roman bestseller 2016 Winter in briar Creek Weihnachtsmarkt liebesroman neuerscheinung ebook birgit otten Kindle E-Book liebesroman liebe Ebook Weihnachtsbräuche liebesroman neuerscheinung weihnachtswünsche und andere katastrophen humorroman neuerscheinung Adventskranz saskia louis liebesromane deutsch kindle judy astley liebesromane E-Book karin lindberg Adventszeit Käfer mission mistelzweig: Roman humor kindle edition Fool’s Gold gabriella engelmann himmelblauer zuckerguss: willkommen in lakewood humor neuerscheinung kindle katrin Koppold liebesromane kindle edition Mein Leben mit Anna von IKEA liebesromane neuerscheinung und wenn es liebe ist liebesroman Ebook das weihnachtsversprechen Millionär Millionärssohn Peter Godazgar Weihnachtszauber wider Willen humor neuerscheinung liebesroman kindle luisa sturm wintersonnenglanz: roman Ebook liebe Bestseller ein weihnachtsmuffel zum verlieben küss niemals einen baseballer humor bestseller 2017 Hamster annabell schmidt Zuckerkuss und Mistelzweig lichterzauber in manhattan das leben ist kein punschkonzert: ein weihnachtsroman Norden Erzählungen küss mich santa humorvoller roman Ebook Mistelzweig schwedisches Möbelhaus katie fforde Belletristik Bestseller winterzauber wider willen liebesromane für kindle winterzauber in paris kleiner streuner – große liebe Kindle Bestseller humor

Autor

  • Thomas Kowa (Autor)

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Titel: Mein Leben mit Anna von IKEA – Verlobung (Humor)