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Poleposition für die Liebe (Chick-Lit, Liebesroman)

von Bettina Kiraly (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Frederick – Formel-1-Fahrer und selbstbewusster Herzensbrecher – ist nichts wichtiger, als Erfolg und seine Wirkung nach außen. Seine Gärtnerin Ava hasst es, wenn sie aufgrund ihrer sportlichen Art für jünger geschätzt wird, als sie in Wirklichkeit ist. Obwohl das erste Zusammentreffen der beiden mehr als unglücklich verläuft, freunden sie sich an. Frederick mag Avas Natürlichkeit. Ava verliebt sich in Fredericks Charme. Aber kann zusammenfinden, was sich nicht gesucht hat und allem Anschein nach auch nicht zusammenpasst?

Racing Love – Die Serie mit ♥ und Happy-End!

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Impressum

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Erstausgabe November 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-226-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-534-5

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© burstfire/shutterstock.com, © Maryna Stamatova/shutterstock.com, © anetta//shutterstock.com und © EFKS/shutterstock.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Kapitel 1

Mittwoch, 5. April 2017

Kein anderer Mann dieser Welt wäre davon genervt, neben dem Topmodel Evangelina Eristof aufzuwachen. Frederick allerdings wünschte sich, er wäre sie gestern Abend noch losgeworden. Hastig schloss er die Augen wieder, als würde sie dann genauso verschwinden wie das unwillkommene Sonnenlicht.

„Guten Morgen“, gurrte sie, während sie sich an ihn schmiegte.

„Morgen.“ Er rollte sich zur Seite und setzte sich auf. „Du kannst noch schnell duschen, aber dann musst du leider gehen. Die Arbeit wartet.“

Sie kicherte. „Ich habe vor, dich unter der Dusche auch ein wenig arbeiten zu lassen.“

„Ein verlockendes Angebot, das ich aber ablehnen muss.“ Er wich ihrem Blick aus. Anhänglichkeit war etwas, mit dem er schlecht umgehen konnte. „Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um das Frühstück.“

Nur in Boxershorts flüchtete er aus seinem Schlafzimmer und schaltete in der Küche den Kaffeeautomaten ein. Er öffnete den Kühlschrank und besah sich grübelnd den Inhalt. Schließlich holte er Butter und Marmelade heraus, die er auf zwei Brotscheiben strich. Er ließ von der Maschine zwei Tassen mit Kaffee füllen und stellte alles auf der schmalen Erhöhung zurecht, die die Küche vom Wohnbereich trennte. Fehlte noch, dass sie gemeinsam am Esstisch frühstückten! Das würde Evangelina nur auf falsche Gedanken bringen.

Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, hörte er das Rauschen des Wassers aus dem Bad. Er ging in den angrenzenden Ankleideraum und schlüpfte in eine Trainingshose und ein Shirt, bevor er sich ans Frühstücken machte.

Frederick hatte sein Frühstück bereits beendet, als Evangelina zu ihm in die Küche kam. Sie trug nur ihre Dessous und hielt Kleid und Schuhe in einer Hand. Bei seinem Anblick zog sie eine Schnute.

„Schon angezogen und gefrühstückt? Du hast es ja wirklich eilig.“

„Tut mir leid. Ich bin gestern Abend völlig fertig eingeschlafen. Eigentlich war nicht geplant, dass du …“ Er zuckte mit den Schultern.

„Verstehe. Aber jetzt können wir die Zeit doch nutzen, die uns bleibt.“ Sie ließ ihr Kleid und die Schuhe auf den Boden fallen und kam auf ihn zu. Ihr Körper schmiegte sich eng an ihn.

Seine Männlichkeit reagierte prompt auf ihre Nähe. Doch er würde dieser kurzen Ablenkung nicht nachgeben. Seine Regeln waren klar. Nicht mehr als drei Dates mit derselben Frau. Nach dem Sex trennten sich ihre Wege. Alles andere brachte nur Komplikationen mit sich.

Er war nicht abgebrüht. Er war nur vernünftig. Eine Nacht reichte ihm völlig aus. Vielleicht noch ein Foto, das von der Schönheit des Tages und ihm geschossen wurde, bevor er sie in sein Haus einlud. Mit dem Morgengrauen und dem Erscheinen des Bildes in einem der Klatschblätter kühlte seine Begeisterung allerdings rasch ab.

Sie legte ihre Arme um seinen Hals, wiegte ihre Hüften, um sich dabei an ihm zu reiben. „Ich habe später noch ein Shooting, aber vorher könnten wir nochmal in dein Schlafzimmer gehen.“

„Nein, das könnten wir nicht.“

„Gleich hier in der Küche?“ Sie lachte. „Ganz nach meinem Geschmack.“

Er schüttelte den Kopf und schob sie von sich. Verstand sie nicht, wie unangenehm es ihm war, wenn sie so hartnäckig mehr von ihm verlangte? Er vermied schon den Anschein von Anhänglichkeit. Schließlich hatte er schon in frühen Jahren gelernt, dass das nur zu Enttäuschung und Schmerz führte. Evangelina sollte eigentlich ebenfalls genug Lebenserfahrung haben, um sich nicht so anzubiedern. „Ich habe zu tun. Also wenn du noch frühstücken magst, rufe ich in der Zwischenzeit ein Taxi.“

„Ich esse morgens nichts. Aber danke für das Angebot.“ Ihr Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass die Abfuhr sie vor den Kopf stieß.

„Willst du einen Kaffee? Du kannst dir die Tasse gerne mitnehmen.“ Hauptsache, er wurde die Damen schnell los.

„Ich trinke ihn einfach gleich aus.“

Er unterdrückte ein Seufzen. „Gut, dann rufe ich dir das versprochene Taxi.“

Während er telefonierte, zog sie sich an und schaffte es tatsächlich, die Kaffeetasse in Rekordzeit zu leeren.

„Morgen bin ich auf einer Veranstaltung“, erzählte sie nebenbei. „Aber am Sonntag hätte ich noch Zeit.“

„Das freut mich für dich“, ignorierte er das wenig versteckte Angebot. Am Wochenende war er ohnehin in Bahrain. Er trommelte mit den Fingern auf die Arbeitsplatte. Angeblich sollte das Taxi nicht mehr als fünf Minuten bis zu ihm brauchen. Vielleicht durfte er langsam damit beginnen, sie aus dem Haus zu komplimentieren.

„Ich könnte vorbeikommen.“ Sie blieb beharrlich.

Er legte ihr einen Arm um die Taille und machte sich auf den Weg zur Tür. So blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

„Sonntag ist ganz schlecht“, behauptete er. „Dein Taxi ist bestimmt schon da.“

„Das kann nicht sein. Du hast gerade erst angerufen. Jedenfalls danke ich dir für den schönen Abend. Den würde ich gerne wiederholen.“

„Mhm“, brummte er unhöflich. Er schob sie weiter Richtung Tür, aber das konnte ihren Wortschwall nicht bremsen.

„Es war toll mit dir“, gurrte sie und legte eine Hand auf seine Brust. „Du bist ein wunderbarer Mann. Wann sehen wir uns wieder, Fred?“

„Frederick“, korrigierte er genervt. Er ertrug diesen Spitznamen nicht und mit zudringlichen Frauen kam er noch schlechter zurecht. „Wir werden sehen. Nächstes Wochenende muss ich zum Rennen nach Bahrain. Und davor hab‘ ich jede Menge zu tun.“

„Dein Leben ist so aufregend. Ich komme ja auch viel um die Welt, aber ihr Rennfahrer werdet gefeiert wie Rockstars.“

Die Eingangstür kam endlich in Sichtweite. Gott, warum musste dieses Haus so groß sein? Er setzte ganz automatisch sein Traumschwiegersohn-Lächeln auf. „Wir sind nur ganz normale Menschen, die versuchen, ihren Job gut zu erledigen.“

„Tu nicht so bescheiden. Das nimmt dir keiner ab. Nach deiner Leistung im Bett ist es auch nicht angebracht.“ Sie zwinkerte ihm zu.

Er legte ihre Hand auf seinen Arm und zog sie so vorwärts. Ihr fiel der Abschied wirklich schwer. Es schien, als wäre sie in Sekundenkleber getreten und käme überhaupt nicht mehr von der Stelle. „Danke für die Blumen. Ich muss mich jetzt allerdings auf einen wichtigen Termin vorbereiten.“

„Zu schade. Hoffentlich denkst du trotzdem ununterbrochen an mich.“

Sehr unwahrscheinlich. Er riss die Tür auf.

„Verrate mir noch eine Sache“, bat die Blondine.

„Was willst du wissen?“

„Hast du dich meinetwegen mit Roberto geschlagen? Ich bin vor einiger Zeit auch mit ihm ausgegangen, aber das ist mit dem zwischen uns nicht vergleichbar.“

Das bedeutete wohl, sie war nur auf der Jagd nach einem Rennfahrer gewesen. Irgendeinem. Bestimmt würde sie rasch Ersatz finden.

„Roberto und ich hatten lediglich eine Meinungsverschiedenheit, sein Überholmanöver in der letzten Kurve in Shanghai betreffend. Mit dir hatte das nichts zu tun.“ Wie konnte sie glauben, er würde sich wegen einer Frau mit einem anderen Mann prügeln?

„Aber …“

„Tut mir leid. Ich muss jetzt wirklich los. Dein Taxi wartet auch schon. Danke für alles.“

Als er sich zu ihr beugte, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, schob er sie gleichzeitig durch die Tür. Ein kurzes Winken und er schloss sie hinter Evangelina. Das Drama hatte endlich ein Ende.

Erleichtert atmete er auf und ging durch das Wohnzimmer, um sich in der Küche etwas zu trinken zu holen. Eine Bewegung im Garten zog seine Aufmerksamkeit auf sich.

Mit einem kurzen Seitenblick Richtung Glasfront kontrollierte er, ob das Model sich auf dem Weg zur Straße befand. Ja, sie ging gerade die letzten Stufen an der Seite des Hauses nach oben. Wer oder was zur Hölle befand sich dann in seinem Garten?

Er stellte sich vor die Glasfront und sah nach draußen, das abschüssige Gelände hinunter.

Das Grünzeug eines Busches ruckelte, als würde sich jemand daran zu schaffen machen. Eine Kappe erschien darüber. Auch wenn zu viel von der Person verdeckt war, um Einzelheiten zu erkennen, wusste er jetzt jedenfalls, dass sich kein Tier in seinen Garten verirrt hatte.

Die Gestalt bewegte sich. Eine grüne Latzhose über einem weißen Shirt. Er kniff die Augen zusammen. Durch die Blätter konnte er nicht viel erkennen. Aber die Person war zu zierlich für einen Mann. Die Fremde blickte Richtung Haus und verschwand dann wieder hinter dem Grünzeug.

War die Person ein Reporter? Nachdem er bei den ersten beiden Rennen dieses Jahres im Mittelfeld gelandet war, interessierte sich die Presse nicht genug für ihn, um ihm in seinem eigenen Garten aufzulauern. Zu seinem Leidwesen, wie er gestehen musste. Dennoch hatte sein Zusammenstoß mit einem seiner Kollegen letzte Woche für Aufsehen gesorgt. Ob man ihn deshalb bei einem weiteren Ausraster beobachten wollte?

Der Kopf der Person ragte neuerlich über das Gebüsch, bevor die Gestalt sich nach unten beugte. Ganz eindeutig beobachtete sie ihn, auch wenn Frederick bislang keine Kamera entdeckt hatte.

Er riss die Schiebetür auf und stapfte auf den Eindringling zu. „Hey! Sie da! Verschwinden Sie von meinem Grundstück.“

Die Person richtete sich auf. Es war tatsächlich eine Frau. Frederick erkannte blondes Haar unter der Kappe. Die Augen der Fremden waren erschrocken geweitet. Wie jung sie war! Vermutlich hatte sie nicht einmal einen Führerschein.

„Hallo, Herr Aigner. Ich dachte, man hätte Ihnen Bescheid gesagt …“

„Ach, melden sich Einbrecher jetzt schon telefonisch an? Was hast du hier zu suchen?“

Das Gesicht des Mädchens überzog sich mit Röte, was das Grün ihrer Augen leuchten ließ. „Ich bin doch für Sie zuständig.“

Was sollte das? Hatte man ihm ein Kind vorgesetzt, das sich an ihn heranmachen sollte, um ihn in eine unangenehme Situation zu bringen? Wollte man ihn in eine Falle locken? Oder handelte es sich bloß um einen schlechten Scherz? Seinen Freunden traute er alles zu. Letzten Sommer hatte man ihn in einen Whirlpool zu einer Schönheit gelockt, die sich dann als Mann entpuppt hatte. Die dabei entstandenen Fotos hatten empfindlich an seinem Image gekratzt. „Wer hat dich geschickt?“

„Ein Herr Juma.“

Fredericks Agent! Gerade Falk betete Frederick ständig vor, wie wichtig das Bild war, das man der Öffentlichkeit von sich zeigte. Na, der konnte was erleben!

„Da liegt ganz offensichtlich ein Missverständnis vor. Bist du zu Fuß da? Dann rufe ich dir ein Taxi.“

„Ich habe mein Auto dabei. Aber wenn ich gleich loslege, ist es rasch geschafft. Ich bin ziemlich geschickt. Soll ich wirklich jetzt schon gehen?“

Er nickte. Wehe, sie warf sich ihm an den Hals! „Am besten verschwindest du sofort.“

„Aber man hat mich informiert, dass es bei Ihnen Probleme mit der Standfestigkeit gibt. Das wäre im Handumdrehen gelöst, auch wenn bei Ihnen anscheinend auf anderen Gebieten ebenfalls noch viel zu tun ist.“

Was sollte das denn? Ihm war gerade erst zufriedenstellende Standfestigkeit bescheinigt worden. Bei ihm war alles perfekt!

„Bei der Größe wird es bestimmt eine Herausforderung, die Angelegenheit zufriedenstellend abzuschließen“, meinte sie weiter. „Aber einer Herausforderung kann ich nicht widerstehen. Warum sehen Sie sich nicht erst meine Arbeitsweise an, bevor Sie den Auftrag jemand anderem erteilen?“

„Auftrag?“ Wie konnte so ein junges Ding nur so geschäftsmäßig klingen, während es sich einem Mann anbot? Wo hatte Falk das Mädchen bloß aufgetrieben?

„Herr Juma meinte, Sie würden es nicht gerne selbst machen. Es könnte in eine ordentliche Sauerei ausarten. Und ich bin eine Expertin, wenn es schmutzig wird. Von daher …“

„Sei still! Trägst du ein Mikrofon bei dir? Was soll das Ganze?“

Sie blinzelte und trat einen Schritt zurück. „Tut mir leid, wenn Herr Juma sich geirrt hat. Ich will natürlich nicht in Ihre Privatsphäre eingreifen. In fünf Sekunden bin ich weg.“ Sie drehte sich um und griff nach etwas, das hinter ihr auf dem Boden lag.

Eine Heckenschere.

Die packte sie zu den anderen Gartengeräten in einer Metallbox, die halb verdeckt vom Busch neben ihren Füßen stand. Sie hob sie an, doch sie rutschte ihr sogleich wieder aus den Fingern und landete scheppernd im Gras. „Verdammt“, schimpfte sie.

Perplex sah er zu, wie sie das herausgefallene Werkzeug aufhob. Wenige Augenblicke später richtete sie sich auf und nickte ihm zu. „Schönen Tag noch.“

„Du arbeitest für eine Gärtnerei?“

„Ähm … natürlich. Was dachten Sie denn?“

Gott, wie dämlich! Sein Misstrauen seinen Mitmenschen gegenüber nahm immer absurdere Ausmaße an. „Keine Ahnung. Ich dachte, es wäre ein Scherz, um irgendwelche verfänglichen Fotos …“

Sie riss die Augen auf und stolperte zurück.

„Ja, ich weiß“, gab er zu. „Hat auch alles irgendwie nicht zueinander gepasst.“

„Ich habe den Auftrag, mich um den Baum zu kümmern, damit er den Gartenzaun nicht zerstört. Außerdem muss wohl auch alles andere wieder in Schuss gebracht werden. Soll ich mich um den Garten kümmern oder wollen Sie jemand anderen damit beauftragen?“

Er sah sich um. Der angesprochene Baum musste dringend gestützt werden. Zwischen den Hecken zeigte sich vereinzelt Unkraut. In dem kleinen Blumenbeet neben dem Pool welkten Blumen vom letzten Jahr vor sich hin und der Busch, an dem sie sich zu schaffen gemacht hatte, brauchte unbedingt einen Formschnitt. Falk hatte recht. Er machte Gartenarbeit nicht gerne selbst. Genauso wie einiges andere.

Sein Blick wanderte wieder zu dem Mädchen. Ihre grünen Augen faszinierten ihn, auch wenn es ihr offensichtlich an Stil fehlte. Allerdings sah sie auch ohne Schminke passabel aus.

„Der Garten hat es in der Tat mal wieder nötig. Da mein Agent dich beauftragt hat, kannst du bleiben.“

„Okay.“ Sie holte die Heckenschere wieder aus der Box. Kaum hatte sie sich damit aufgerichtet, glitt sie ihr aus der Hand und landete knapp neben ihren Füßen.

„Pass lieber auf. Mit der Schere kann man sich im Notfall bestimmt das Bein amputieren“, scherzte er.

„Ich habe mich bisher nie verletzt.“

Er hob eine Augenbraue. „Bist du noch in der Ausbildung?“

Sie kniff die Augen zusammen. „Nein, natürlich nicht. Herr Aigner, glauben Sie mir, Herr Juma hätte mich nicht engagiert, wenn ich nicht in der Läge wäre, Ihren Garten auf Vordermann zu bringen.“

„Im Augenblick scheinst du aber nicht allzu sicher im Umgang mit Werkzeug. Wenn es dich überfordert, sag lieber Bescheid.“

„Normalerweise sind meine Arbeitsbedingungen nicht so … so seltsam.“ Sie sah ihn an, als wäre er der eklige Auswurf einer noch abstoßenderen Pflanze. „Ich wurde noch nie für einen Einbrecher gehalten.“

„Tja, daran musst du dir selbst die Schuld geben. Hättest du dich mir vorgestellt, bevor du …“ Er dachte daran, womit er vor ein paar Minuten noch beschäftigt gewesen war. „… das wäre dir gar nicht gelungen. Ich hätte dir nicht geöffnet.“

„Nicht gerade höflich.“

Dem konnte er nicht widersprechen. In ihrem Alter war er bereits an die Distanziertheit seiner Mitmenschen gewohnt gewesen. Nach dem Tod seiner Eltern hatten ihn seine Großeltern aufgenommen. Doch als er aus einer Mischung aus Trauer und Wut ein paar seiner Spielsachen zerstört hatte, war er innerhalb der Familie weitergereicht worden. Er war gut damit gefahren, sich an niemanden zu binden. Das hatte ihn vor vielen Enttäuschungen bewahrt. Hoffentlich waren ihr solche Erfahrungen bislang erspart geblieben. „Dank der Presse muss ich vorsichtig sein.“

„Das klingt, als wären Sie übertrieben vorsichtig.“

Was wusste sie schon von solchen Dingen?

„Vergiss es. Kümmerst du dich bitte als erstes um den Baum und dann um das hässliche Gestrüpp hier?“ Er deutete auf einen zerrupften Strauch mit Dornen. „Am besten buddelst du das Unkraut gleich ganz aus. Ich hab‘ mich schon mehrmals daran gestochen.“

„Nein! Das können Sie dem wunderschönen Gelben Engel nicht antun.“

„Dem was?“ War sie übergeschnappt? Die Sonne brannte nicht heiß genug vom Himmel für einen Sonnenstich.

„So heißt die Rosensorte. Der Strauch ist nur nicht richtig gepflegt worden. Wenn ich ein wenig Mühe hineinstecke, blüht er bald wunderschön.“

„Ich brauche keine Rosen im Garten. Auf so kitschige Sachen stehe ich nicht. Halte es schlicht und geradlinig. Dann bin ich glücklich.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und stieß dabei den Werkzeugkasten um, was sie gar nicht zu bemerken schien. Ihr Gesicht strahlte vor Begeisterung. „Ein Farbtupfer an der richtigen Stelle ist wichtig für das Gesamtbild und erst dieser Duft …“

„Mach ihn weg. Ich muss jetzt zu einem Termin. Da ich annehme, du bist schon weg, wenn ich wiederkomme, wünsche ich dir noch viel Erfolg, Mädchen.“

„Mädchen?“, hörte er sie ungläubig murmeln, als er sich umwandte und zum Haus zurückkehrte.

Über diese Sache musste er sich später mit Falk unterhalten. Es ging gar nicht, dass sein Agent einfach jemanden anstellte, der sich auf seinem Grundstück aufhalten würde, ohne ihn davon zu unterrichten. Und wie war er auf dieses junge Ding gekommen? Musste ja eine lustige Suchanfrage gewesen sein. Aber Frederick war nun gezwungen, es auszubaden. Wenn er Pech hatte, dichtete man ihm noch Kinderarbeit an. Er selbst hatte sich früh um sein Leben kümmern müssen. Bestimmt war seine neue Gärtnerin ebenfalls nicht gerne von anderen abhängig, sonst würde sie nicht dermaßen um diesen Auftrag kämpfen.

In seinem Keller befand sich ein Trainingsraum, in den er sich jetzt für die nächsten Stunden zurückzog. Er hatte eigentlich vorgehabt, in Gesellschaft im firmeneigenen Kraftraum zu trainieren. Doch für heute hatte er von Überraschungen genug.

Kapitel 2

Freitag, 7. April 2017

„Dann nennt er mich Mädchen und stapft einfach davon. Dazu hat er mich die ganze Zeit geduzt, als wäre ich ein kleines Kind!“ Neuerlich kochte Ärger in Ava hoch. Sie hatte sich zutiefst beleidigt gefühlt. Er hatte sich wie ein arroganter Schnösel aufgeführt. Sie wollte gar nicht wissen, was mit seinen seltsamen Andeutungen gemeint gewesen war. Bestimmt handelte es sich um etwas noch Demütigenderes als die Bezeichnung Mädchen. Aber Männer wie er nahmen Frauen wie Ava vermutlich gar nicht bewusst wahr.

Milla lenkte das Auto auf den Parkplatz gegenüber der Bar, die ihr Ziel war. „Was ist schlimm daran, wenn er dich duzt?“

„Es war der Tonfall“, schimpfte Ava. „Diese gönnerhafte, abwertende Stimme, die klarmachte, dass er mich tatsächlich für ein Kind hielt.“

„Männer“, schnaubte Alessia. „Vergiss ihn einfach. … Warum nimmst du den freien Platz da nicht, Milla? Ist doch direkt neben dem Eingang?“

„Da kommen die ganzen Betrunkenen vorbei und zerkratzen meinen Wagen“, gab Milla zu bedenken.

„Als würde diese Rostlaube nicht bald von alleine auseinanderfallen.“

Milla seufzte und fuhr ein Stück weiter, um auf einen anderen Parkplatz zu fahren, musste dann aber einsehen, dass der Winkel völlig falsch war. Sie legte den Rückwärtsgang ein und kurvte weiter zwischen den Autos entlang.

„Einem geschenkten Wagen sieht man nicht unter die Motorhaube. Seid froh, dass wir einen fahrbaren Untersatz haben.“

„Wie wäre es mit dem Platz dort drüben?“, schlug Ava vor.

„Der ist doch viel zu eng.“ Stattdessen entschied Milla sich für einen weiter Entfernten. Doch auch der Einparkversuch ging schief und sie peilte einen anderen Parkplatz an, auf dem sie endlich stehenblieb.

„Weiter weg vom Eingang ging wohl nicht?“, brummte Alessia.

„Komm schon. Hauptsache wir kommen mal aus dem Auto raus.“ Ava griff nach ihrer Jacke und ihrer Tasche, die neben ihr auf der Rückbank lagen. „Also, schnappt eure Sachen und dann können wir uns gleich etwas zu trinken bestellen.“

Die drei Freundinnen hakten sich beieinander unter, überquerten den Parkplatz und steuerten den Eingang an. Die hohen Absätze von Alessia und Milla klapperten auf dem Asphalt. Avas Sneakers dazwischen machten kein Geräusch. Aber sie passten einfach besser zu ihren Jeans. Mit High Heels würde sie sich ohnehin nur die Beine brechen.

„Hast du deinen Ausweis mit, Ava?“, erkundigte Alessia sich plötzlich.

„Ich glaub‘ schon. Warum?“ Ava entdeckte den neuen Türsteher. „Nicht das auch noch. Habe ich heute nicht schon genug gelitten?“

Der breitschultrige, muskelbepackte Mann sah ihnen entgegen. „Guten Abend, Ladies.“

„Guten Abend“, antworteten sie unisono.

„Ist eure Freundin nicht zu jung für eine Bar?“ Sein Blick fixierte Ava. „Darf ich bitte mal deinen Ausweis sehen?“

Sie hätte gerne die Augen verdreht, ließ es aber lieber bleiben. Sie war schon Kerlen begegnet, die das als Eingeständnis ihrer Schuld betrachtet hatten. Also zog sie folgsam ihren Führerschein aus der Tasche und hielt ihn dem Türsteher unter die Augen.

Der Ausdruck auf seinem Gesicht blieb skeptisch. „Ernsthaft?“

„Ernsthaft.“ Jetzt entschlüpfte ihr doch ein Seufzen.

Andere Gäste näherten sich dem Eingang und beobachteten die Szene neugierig. Ava spürte, wie Hitze ihr Gesicht überzog.

„Na schön. Dann viel Spaß noch.“ Er trat zur Seite, um sie vorbeizulassen.

„Danke“, presste sie hervor und beeilte sich, ins Innere der Bar zu gelangen. „Wie peinlich“, beschwerte sie sich schlecht gelaunt.

„Der Kerl kennt dich noch nicht.“ Alessia steuerte einen freien Tisch in einer Ecke an und deutete dem Kellner. „Eine Runde Schnaps brennt den Geschmack der Demütigung weg.“

„Na toll. Jetzt fühle ich mich erst recht erniedrigt.“ Trotzdem nahm Ava den Alkohol entgegen und leerte das Schnapsglas in einem Zug.

Alessia grinste. „Besser?“

Sie nickte. „Vielleicht sollte ich mir dennoch die Haare wachsen lassen. Die neue Kurzhaarfrisur ist zwar bequem beim Arbeiten, lässt mich aber noch jünger wirken. Buhu. Ich brauche noch eine Runde.“

„Trinkt lieber nicht zu viel. Es macht keinen Spaß, euch nur dabei zuzusehen“, beschwerte sich Milla.

„Einverstanden. Ein Bier für jede von uns und dann steigen wir auf Alkoholfreies um.“ Ava winkte Tim noch einmal heran.

„Arbeitet Karl nicht mehr für euch?“, erkundigte Alessia sich bei dem Kellner, nachdem sie bestellt hatten.

„Doch, doch. Er ist nur im Liebesurlaub mit seiner Süßen.“ Tim legte den Kopf schief. „Gab es Probleme beim Reinkommen?“

Ava nickte.

„Sorry, Mädels. Ich sag‘ dem Neuen Bescheid. Karl wird ohnehin bald wieder zurück sein. Aber eigentlich …“

„… sollte ich mich geschmeichelt fühlen“, vollendete Ava den Satz. „Tue ich aber nicht. Ich bin jetzt fünfundzwanzig. Das ist einfach nicht mehr lustig.“

Er boxte sie gegen die Schulter. „Warte ein paar Jahre, dann beneiden dich alle drum.“

Sie schnaubte. Als er ihren Tisch wieder verlassen hatte, beugte sie sich zu ihren Freundinnen. „Können wir jetzt wieder zu meinem Hauptproblem zurückkehren? Was mache ich mit diesem arroganten Kerl von heute Morgen?“

„Du arbeitest doch nur für ihn“, antwortete Alessia lapidar.

„Aber er ist so süß!“

„Aha!“, kam es von Milla und Alessia gleichzeitig.

Milla schüttelte den Kopf. „Diese Information wäre gleich zu Beginn angebracht gewesen. Das ändert ja wohl alles. Bist du wieder rot angelaufen und hast kein Wort hervorgebracht?“

„Du hast ihm doch nichts auf die Füße geworfen wie dem attraktiven Typen beim letzten Mal?“

Ava seufzte. „Zumindest war es heute nur mein Fuß. Dieses Problem habe ich nur meinem Vater zu verdanken. Statt mir mehr Verantwortung zu übertragen, schickt er mich zu einem unwichtigen Auftrag.“

„Wäre es dir lieber, einer der Kollegen hätte statt deiner diesen sexy-charmanten Kerl kennengelernt?“, erkundigte Milla sich.

„Nein!“ Die Antwort kam viel zu schnell über Avas Lippen. „Trotzdem sollte mein Vater mir mehr zutrauen. Dieser Baum ist schnell abgestützt. Danach darf ich Unkraut zupfen, statt wichtige Entscheidungen zu treffen.“

„Dein Vater will nur das Beste für dich. Vielleicht ist er dabei ein wenig übervorsichtig.“

„Er engt mich ein, packt mich in Watte und wickelt zehn Schichten Alufolie drum herum“, präzisierte Ava.

„Du kannst ihn nicht ändern. Also ärgere dich nicht unnötig über ihn, sondern erzähl uns lieber mehr über deinen geheimnisvollen neuen Auftraggeber.“

Tim kam zurück an ihren Tisch und brachte das Bier. Sie stießen an und nahmen einen Schluck.

„Jetzt sag schon“, drängte Alessia.

Ava zögerte einen Augenblick. „Ihr dürft aber niemandem davon erzählen.“

Die beiden anderen Frauen hoben Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. „Großes Indianerehrenwort.“

„Er ist berühmt.“

„Ein Musiker? Ein Schauspieler?“, riet Milla.

„Ein Großindustrieller oder ein Sportler?“, überlegte Alessia gespannt.

„Letzteres“, gab Ava zu.

Milla runzelte die Stirn. „Fußballer? Tennisprofi?“

„Formel-1-Fahrer“, platzte Ava heraus, bevor die Raterunde neuerlich einsetzte.

Alessia lachte. „Gibt es in Österreich überhaupt berühmte Formel-1-Fahrer?“

„Frederick Aigner gilt als Shootingstar. Er ist Fahrer bei diesem neuen Team“, berichtete Ava. Sie interessierte sich schon seit ihrer Teenagerzeit für Motorsport. Ihre beiden Brüder hatten damals alle Rennen verfolgt. Irgendwann war die Begeisterung auch auf sie übergesprungen. Genau so war es auch bei One Car Uno gelaufen. Die Geschwindigkeit in der Formel 1 faszinierte sie, sodass sie sich notfalls die Rennen nun alleine ansah. Darum hatte sie ihren neuen Kunden auch sofort erkannt.

Milla zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Hab‘ nicht mal gewusst, dass es ein neues Team gibt.“

„Ja, Amber Heart Racing. Der Schmuck von Amber Heart sagt dir schon etwas, oder?

Jetzt nickte Milla. „Der Juwelier mit dem Onlinehandel. Sie haben mit Bernsteinschmuck begonnen. Inzwischen gibt es alles in Herzform von denen. Wirklich teures Zeug, aber wunderschön!“

„Der Besitzer von Amber Heart Racing versucht die Marke bekannter zu machen“, erzählte Ava. „Von der Firma gibt es bereits Parfums und Süßigkeiten. Sein Faible für Formel 1 hat ihn ein eigenes Team gründen lassen. Trotz aller Widerstände hat er ein paar gute Fahrer angeworben. Aber der Teamname macht es ihnen nicht gerade leicht.“

„Das kann ich mir vorstellen“, sagte Milla. „Welcher harte Kerl will schon mit Liebe und Romantik in Verbindung gebracht werden, während er in diesem testosterongesteuerten Job darum kämpft, ernst genommen zu werden? Männer sind da ja so empfindlich.“

„In diesem Fall verstehe ich das sogar. Frederick ist relativ neu beim Rennzirkus. Sein Teamkollege Marc war schon bei verschiedenen Teams Testfahrer. Er hat mehr Erfahrung als Frederick, aber der gilt als großes Talent. Wenn er diese Chance geschickt nutzt, bekommt er vielleicht mal einen Vertrag bei einem bekannten Rennstall. Aber wenn dort alle über das Bernsteinherz lachen …“

„Du weißt ganz schön viel über diesen Mann“, bemerkte Alessia grinsend.

„Ich hab‘ gegoogelt“, gestand Ava. „Man muss doch Bescheid wissen, mit wem man es zu tun hat.“

„Dann willst du den Job durchziehen?“

Sie straffte die Schultern. „Natürlich. Ich wünschte nur, sein erster Eindruck von mir wäre ein Besserer gewesen. Vermutlich hat mein Auftreten nicht gerade professionell gewirkt. Dad würde mir eine Predigt halten, wenn er davon erführe. Unsere Firma braucht den Auftrag. Und wenn es gut läuft, dann vermittelt uns Fredericks Agent vielleicht noch an den einen oder anderen Kunden von sich.“

„Du hast ein Händchen für Grünzeug“, munterte Milla sie auf. „Das klappt bestimmt. Mach dir nicht zu viele Sorgen.“

„Er hat gefragt, ob ich noch in der Ausbildung bin.“

Die anderen Mädels zogen eine Grimasse, die deutlich machte, dass es sich dabei in ihren Augen um einen schmerzhaften Tiefschlag handelte.

„Es war ein Fehler, mich nicht erst vorzustellen, sondern gleich mit der Arbeit zu beginnen. Ich dachte, er wäre schon außer Haus. Dann habe ich gesehen, wie er sich von Evangelina Eristof verabschiedet hat. Ganz offensichtlich hat sie die Nacht bei ihm verbracht. Aber das bleibt unter uns, ja?“

„Evangelina Eristof? Das Model?“

„War die nicht gerade auf der Titelseite der Vogue und des Playboys?“

Am Nebentisch drehten sich zwei Kerle um und sahen neugierig zu ihnen.

„Pst.“ Ava schickte ihren Freundinnen einen bösen Blick. „Nicht so laut.“

„Schon gut.“ Alessia wedelte mit der rechten Hand, damit die Typen neben ihnen sich wieder umwandten. „Dieser Frederick muss wirklich heiß sein, wenn es ihm gelingt, eine Frau wie Evangelina abzuschleppen.“

Ava nickte. Wenn sie die Augen schloss, sah sie wieder dieses kantige, einprägsame Gesicht vor sich. Diese für einen Mann eigentlich zu vollen Lippen, die sie an lange, intensive Küsse denken ließen. Die funkelnden braunen Augen, die bestimmt nicht immer so finster dreinblickten. Das kurze Haar, das in alle Richtungen abgestanden hatte. Wie sich wohl sein Gesichtsausdruck veränderte, wenn er lachte? Auf den Fotos im Internet hatte er immer höflich, aber ohne Lächeln für die Kameras posiert. Besser sie verdrängte die Erinnerung an all die atemberaubend attraktiven Frauen, die er an seiner Seite gehabt hatte. Lieber stellte sie sich vor, wie er sich von ihr Details über die Pflanzen in seinem Garten erzählen ließ. Als würde das jemals passieren.

„Erde an Ava. Hier unten wollen zwei liebreizende Frauen auch etwas von deinem Kopfkino abbekommen.“

Seufzend öffnete sie die Augen und setzte einen verträumten Blick auf. „Keine Chance. Ihr müsst euch mit den Fotos aus dem Internet begnügen, während ich jetzt sogar weiß, wie er riecht.“

„Dich hat es ja ordentlich erwischt.“ Alessia zeigte mit dem Daumen nach oben. „Wurde auch Zeit, dass du mal einen Mann triffst, der dich aus den Socken haut.“

„Blöd nur, dass der Mann nicht auf Frauen zu stehen scheint, die Tennissocken tragen“, gab Ava zu bedenken. „Oder hast du schon mal von Topmodels gehört, die Socken zu ihren High Heels anhaben?“

Kapitel 3

Dienstag, 11. April 2017

„Verdammt!“ Frederick hatte zu spät gebremst. Sein Wagen übersteuerte. Die Reifen verloren die Haftung auf dem Asphalt, trugen ihn von der Fahrbahn und genau auf die seitliche Mauer zu.

Sein Adrenalinpegel schoss in die Höhe, ließ sein Herz schneller schlagen, ihn konzentrierter zupacken. Erfolglos versuchte er, das Schlimmste zu verhindern, doch er hatte keine Kontrolle mehr über den Wagen. Er verfluchte seinen Fehler.

Gleich würde er gegen den Beton der Mauer krachen. Warum gab es auch gerade in dieser Kurve keine breitere Auslaufzone? Und wo war der Reifenstapel, wenn man ihn brauchte? Bei der Geschwindigkeit, die er immer noch draufhatte, musste er von einem Totalschaden ausgehen. Und er wusste genau, was das bedeutete. „Shit!“

Die Geräuschkulisse wurde unangenehm laut. Warnlichter blinkten, Reifen quietschten, Kies spritzte auf. Dann raste die Mauer auf ihn zu. Ein ohrenbetäubender Knall und anschließend … nichts mehr.

Der riesige Bildschirm an der Wand seines Wohnzimmers, auf den er die letzte Stunde beim Spielen gestarrt hatte, wurde schwarz. Neuerlich war es ihm nicht gelungen, seine Bestzeit vom letzten Mal zu toppen.

Spiel neu starten?, bot ihm der Bildschirm an.

Frederick blickte auf die Uhr. Einen Durchgang würde er noch beginnen, bevor er sich etwas zu essen machte. Der Verlauf der Strecke war immer noch nicht fest in seiner Erinnerung gespeichert. Beim echten Rennen konnte das gefährlich werden. Sekunden später befand sein Fahrzeug sich wieder auf der Rennstrecke.

Er hatte gerade die erste Kurve passiert, als ein lautes Klopfen an der Terrassentür ihn zusammenzucken ließ.

Diese kleine Gärtnerin stand davor. Verflucht! Musste sie ihn so erschrecken?

Er unterbrach das Spiel und stand auf, um ihr zu öffnen. Beim Näherkommen beobachtete er, wie sie unruhig von einem Fuß auf den anderen stieg. Ihr hübsches Gesicht war gerötet. Die Kappe hatte sie vom Kopf gezogen und drehte sie zwischen den Händen.

Hatte sie etwa Angst vor ihm? Nach seinem etwas unglücklichen Benehmen bei ihrem ersten Zusammentreffen vorgestern sollte er ihr das nicht zum Vorwurf machen. Gott, er hatte ihr unterstellt, ihn für Geld zu einem kompromittierenden Foto zu provozieren.

„Guten Morgen. Kann ich dir helfen?“, erkundigte er sich höflich, als er die Tür aufgeschoben hatte.

Sie lächelte verkrampft. „Hallo. Ja, ich wollte nur fragen, ob Sie gegen irgendwelche Pflanzen allergisch sind. Herr Juma hat dazu keine Angaben gemacht.“

„Nein, nicht dass ich wüsste.“ Er lächelte sie an. „Das ist aber nett, dass du dir Gedanken darüber machst.“

„Ich …“ Sie blinzelte. „Ähm … das gehört zu meinem Job. Außerdem wollte ich noch einmal auf den Gelben Engel zurückkommen.“

„Das war der komische Strauch, oder? Von dem bist du ja regelrecht besessen.“

„Ich liebe gelbe Rosen.“ Röte stieg in ihre Wangen. „Jedenfalls habe ich den Strauch ausgegraben. Wegschmeißen möchte ich ihn allerdings nicht. Sind Sie einverstanden, wenn ich versuche, ihn wieder aufzupäppeln? Ich würde ihn an einen schattigen Platz auf Ihrer Terrasse stellen, bis …“

„Mir egal.“ Er zuckte mit den Schultern.

„Sehr schön. Dann lege ich mal los.“

„Magst du noch etwas trinken?“, fragte er, weil er sah, wie ihr die feinen blonden Härchen auf der Stirn klebten.

Ein nervöses Lachen kam über ihre Lippen. „Ist auch ziemlich heiß heute.“

Er streckte sich und sah zum Himmel. Die Sonne verbarg sich hinter einer dichten Wolkenschicht. Sein Lächeln vertiefte sich und er hob eine Augenbraue.

Die Kappe rutschte aus ihren Fingern und fiel zu Boden. Während sie noch weiter errötete, bückte sie sich danach.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Könnten Sie bitte aufhören, mich so anzulächeln?“

Wenig erfolgreich versuchte er ernst zu bleiben und hob beide Hände in einer begütigenden Geste. Diese Reaktion auf sein seltenes Lächeln war ihm wohlbekannt. „Tut mir leid. Ich werde mich bessern. Willst du in der Zwischenzeit eine Cola, um dich abzukühlen?“

„Aber nur, wenn ich Sie nicht bei irgendetwas störe.“

„Kein Problem. Ich kann eine Pause gebrauchen.“ Er bedeutete ihr, ihm zu folgen und ging in die Küche nebenan. Aus dem großen amerikanischen Kühlschrank nahm er zwei Flaschen eisgekühlte Cola und hielt ihr eine davon entgegen.

„Das ist ja eine Wahnsinnsküche“, meinte sie beeindruckt, nachdem sie einen großen Schluck genommen hatte. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die Marmorarbeitsplatte. Ihm bedeutete das nichts. Die Küche war Teil der Einrichtung gewesen, die er übernommen hatte. Frauen tickten da offenbar anders.

„Der Raum alleine ist schon riesig. Und alles wirkt so modern“, schwärmte sie. „Aber der Kühlschrank toppt alles. So einen hätte ich auch gerne.“

„Vielleicht kannst du ihn dir leisten, wenn du mal von daheim ausziehst.“

Ihre Augenbrauen trafen sich beinahe über der Nasenwurzel. „Ich habe schon eine Wohnung. Natürlich ist die nicht dermaßen exklusiv, aber wenn dieser Kühlschrank drinstehen würde, wäre sie perfekt.“

„Dann zahlt Falk hoffentlich gut genug, damit du ihn dir leisten kannst.“

„Falk?“

„Mein Agent.“

Das Lächeln, das auf ihrem Gesicht erschien, stand ihr. „Mir scheint, wir müssen ihm mehr als geplant abknöpfen.“

„Das könnte nicht schaden. Wie ich ihn kenne, hat er ohnehin knallhart verhandelt. Ich werde dich nicht verraten.“

Neuerlich kroch leichte Röte über ihre Wangen. „Mal sehen, ob ich meinen Chef zu Nachverhandlungen überreden kann. Danke für den Tipp.“

„Kein Problem.“ Er nippte an seiner Cola. „Ist Gärtnerin schon immer dein Traumberuf gewesen?“

„Das liegt bei uns in der Familie. Aber ich liebe es, an der frischen Luft zu arbeiten und System in Unordnung zu bekommen. Wollten Sie schon immer Rennfahrer werden?“

Ob sie ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen bereits erkannt hatte? Oder war sie im Netz auf die Suche nach ihm gegangen? Beide Möglichkeiten fand er interessant. „Ja klar. Ich habe ziemlich jung mit Kart begonnen. Da ich mich nicht ungeschickt angestellt habe, bin ich drangeblieben. Mein Onkel hat mich Gott sei Dank früh gefördert. Es war immer mein Ziel, endlich in der Formel 1 zu landen.“

„Ein ganz schön aufregendes Leben.“

Er zuckte mit den Achseln. „Das höre ich oft.“

„Ihre Eltern müssen sehr stolz auf Sie sein.“

„Vielleicht wären sie es. Ich habe sie allerdings nie kennengelernt.“

Betroffen weiteten sich ihre Augen. „Was ist passiert?“

Das Mitgefühl in ihrer Stimme war unnötig. Schließlich war das alles schon lange vorbei. „Ein Autounfall, als ich noch ein Baby war. Ich habe überlebt, nicht einmal einen Kratzer abbekommen. Trotzdem hat mich das nicht daran gehindert, ausgerechnet Rennfahrer zu werden.“ Er lachte freudlos auf.

„Dann sind Sie in einer Pflegefamilie aufgewachsen?“, fragte sie.

Er hatte erwartet, sie würde sich eher danach erkundigen, wie er dennoch seinen Weg in den Rennsport gefunden hatte. „Ich wurde viel in der Familie meiner Eltern herumgereicht, nie adoptiert. Aber ein Onkel von mir hat auf einer Kartbahn gearbeitet und mich oft mitgenommen. Ich durfte mit den Karts fahren, wenn nicht viel los war. Der Besitzer hat mein Talent entdeckt und mit mir gearbeitet. Ich hatte außerordentliches Glück.“

„Wirklich traurig. Ich kann mir vorstellen, dass es für ein Kind schwierig sein muss, keine festen Bezugspersonen zu haben. Meine Familie ist riesig. Wir halten zusammen, teilen die gleichen Interessen. Diesen Halt nicht zu haben, muss ganz schön verunsichernd sein.“

Sie hatte recht.

Mit der Unsicherheit aufzuwachsen, nicht zu wissen, ob er am nächsten Tag vielleicht bei einem anderen Teil der Familie untergebracht wurde, hatte ihn geprägt. Er hängte sein Herz nicht leicht an Menschen, die er kennenlernte. Was man nicht an sich heranließ, konnte einem auch nicht fehlen, wenn es wieder verschwand.

„Es gab dennoch einige Konstanten in meinem Leben. Auch wenn ich nie länger als vier Jahre durchgehend bei einem meiner Verwandten gelebt habe, musste ich deswegen nie die Schule wechseln. Ich hatte trotzdem meine Freunde.“

Warum hatte er dieses Geständnis gemacht? Unruhe setzte sich in seinem Magen in Form eines unangenehmen Kribbelns fest. Nicht viele Leute wussten von diesem Aspekt seines Lebens. Das war etwas, das die Presse begierig breittreten würde.

„Hör mal. Das darfst du niemandem verraten“, verlangte er. „Das ist nichts, was ich normalerweise erzähle. Ich weiß nicht, ob Falk dich eine Verschwiegenheitserklärung hat unterzeichnen lassen. Aber ich erwarte, dass du die Dinge, die du während deines Jobs bei mir mitbekommst, für dich behältst.“

Sie nickte. „Natürlich. Ich würde Ihr Vertrauen niemals missbrauchen. Sie können sich auf mich verlassen.“

In seinem Magen kribbelte es immer noch. Er vertraute niemandem, den er nicht gut kannte.

„Schön. Diese Geschichte mag geklungen haben, als wäre ich als Kind unglücklich gewesen. Aber das war ich nicht.“

„Ich halte Sie nicht für bemitleidenswert“, versicherte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Vielleicht hatten Sie keinen idealen Start, aber inzwischen haben Sie schon einige Schikanen gemeistert. Sie können stolz auf sich sein. Sie liegen auf einem guten Platz.“

Ein Rennsportvergleich. Damit entlockte sie ihm ein weiteres warmes Lächeln. Seine Unruhe wich Belustigung. „Mal sehen, ob das immer noch stimmt, wenn ich über die Ziellinie fahre.“

„Ich drücke Ihnen die Daumen.“

Er sah zu, wie sie ihre Flasche leerte und nahm sie ihr ab. Zeit, das Mädchen loszuwerden. Er hatte zu tun.

„Ich möchte mich noch einmal für Freitag entschuldigen. Ich war einfach überrumpelt, habe befürchtet, wegen deines Besuches würde mir die Presse auflauern und ich habe nicht nachgedacht. Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Entschuldigung angenommen. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich mich nicht erst vorgestellt habe. Hätte ich gewusst, dass Sie zu Hause sind, hätte ich mich natürlich anders verhalten. Aber Ihr Agent meinte, ich würde Sie vermutlich nie zu Gesicht kriegen, also …“

„Schon gut“, unterbrach er. „Tja, leider muss ich wieder.“

„Oh, natürlich.“

Sie gingen zurück ins Wohnzimmer. Plötzlich blieb sie stehen und deutete auf den Bildschirm. „Sie spielen One Car Uno?“

Er trat neben sie. „Ich habe mir dafür extra eine Konsole zugelegt. So kann ich die Rennstrecken trainieren, auch wenn das Gefühl in einem echten Rennwagen natürlich ein ganz anderes ist.“

„Bei einem echten Rennen nur vom Absperrzaun aus zuzusehen ist nochmal ein ganz anderes Gefühl“, meinte sie mit einem Lachen. Ihre Augen begannen zu strahlen. „Aber One Car Uno gibt einem wirklich einen tollen Eindruck.“

„Du spielst auch?“

„Nicht mehr so viel wie im Winter. Ich schaffe es wegen der Überstunden in der Gartenhochsaison nur zwei bis dreimal die Woche, mir die Zeit zu nehmen.“

Nachdenklich warf er ihr einen Seitenblick zu. Sie erinnerte ihn unheimlich an ihn selbst, als er noch jünger gewesen war. Damals hatte er auch in jeder freien Sekunde zusätzlich virtuell geübt. Und er war ebenso schnell rot geworden wie seine kleine Gärtnerin.

„Lust auf ein Wettrennen?“, fragte er.

Sie sah zwischen ihrer Armbanduhr und dem Bildschirm hin und her. „Auf so einem riesigen Bildschirm habe ich noch nie gespielt. Das ist wirklich verlockend. Aber ich sollte im Garten arbeiten.“

„Eigentlich sieht es da draußen schon ganz ordentlich aus. Die Stütze für den Baum war das Wichtigste. Ich verpetze dich auch nicht bei deinem Boss.“

Kurz konnte er beobachten, wie sie mit sich rang, sah ihre Augen blitzen.

„Na schön. Aber nur eine Runde. Und jammern Sie nicht, wenn ich Sie besiege.“

Er lachte. „Du spuckst ganz schön große Töne. Wie heißt du überhaupt?“

Sie setzte sich auf einen Hocker an dem erhöhten Tisch, den er hinter der Couch aufgestellt hatte. „Ava.“

„Schöner Name.“ Frederick holte ein zweites Lenkrad aus einem Fach unter dem Tisch und fixierte es auf der Platte vor ihr. Dann stellte er auf Zwei-Spieler-Modus um.

„Das ist aber nicht die Version, die ich zu Hause habe“, meinte sie überrascht, als sie die unterschiedlichen Auswahlmöglichkeiten bei den Voreinstellungen der Wagen entdeckte.

„Diese Ausgabe wurde für uns Fahrer produziert. Hier werden sogar Abnutzungserscheinungen der Reifen und Gewichtsverlust durch den Benzinverbrauch während des Rennens mit eingerechnet. Ich übernehme meine Einstellungen für dich, damit die Chancen ausgeglichen sind.“

„Das ist ja wahnsinnig cool.“ Sie klang genauso begeistert wie sie von diesem dämlichen Rosenstock war.

Frederick startete das Spiel und sie jagten über die kurvige Strecke. Innerhalb weniger Sekunden wurde ihm klar, dass sie besser spielte als er erwartet hatte. Ihr gelang ein riskantes Überholmanöver, das ihn ziemlich alt aussehen ließ.

„Wie hast du das hingekriegt?“, erkundigte er sich, während sein Blick auf dem Bildschirm klebte.

„Man muss warten, bis der Gegner einen Fehler macht. Ich habe den Eindruck, Sie haben sich gar keine Mühe gegeben, mir den Weg zu versperren.“

„Doch, ich war nur eine Sekunde lang … ha!“ Er überholte sie und gab Gas. Kurzzeitig fiel sie zurück, sodass er sich bereits als Sieger sah.

Leider räumte er selbst ihr eine Chance ein, das Blatt zu wenden, weil er einen Fehler machte. Seinen üblichen. In der gleichen Kurve wie immer bremste er zu spät und wäre beinahe neuerlich gegen die Wand gebrettert. Gott sei Dank hatte er in Kurve vier weniger Geschwindigkeit drauf als vorhin, sodass er zwar über die Curbs und den Grünstreifen rumpelte, den Wagen dann aber unter Kontrolle bekam. Kurz bevor er den Kies erreichte, konnte er die Fahrtrichtung wechseln. Er gelangte wieder auf den Grünstreifen und bog direkt hinter Ava auf die Rennstrecke ein. „Verdammt!“

„Nicht jammern. Besonders, wenn Sie sich selbst ausschalten.“ Ava lachte fröhlich. „Sie sollten es doch gewohnt sein, nicht als Erster durch das Ziel zu fahren.“

„Autsch.“

Sie wandte ihm den Kopf zu. „Oh, mein Gott! Tut mir leid. Ich hatte kein Recht …“

„Konzentriere dich lieber. Ich weiß, ich habe meine Schwierigkeiten mit Kurve vier. Deshalb danke ich dem Erbauer der echten Strecke, dass dort keine Mauer ist. Du allerdings lässt dich von Nebensächlichkeiten ablenken.“

Er hatte sie überholt und raste davon. Den Rest der Strecke kannte er wie im Schlaf. „Im Leben solltest du niemals Rücksicht auf andere nehmen. Du bist nur für dich selbst verantwortlich.“

„Das ist ja eine unglaublich traurige Sicht auf die Welt“, antwortete sie.

Obwohl es ihm gelungen war, sie dank ihrer Entschuldigung abzuhängen, konnte Ava ein wenig Boden gutmachen. Sie nahm die Kurven überraschend elegant, hatte ihren Wagen immer unter Kontrolle.

„Für uns Normalsterbliche wird kein roter Teppich ausgerollt“, klärte sie ihn auf. „Wir erwarten nicht, dass man uns den Weg freimacht. Vielleicht lässt der Ruhm die Realität anders aussehen. Aber wir alle tragen Verantwortung für das, was wir tun. Besonders Sie, weil Sie im Rampenlicht stehen. Sie sind ein Vorbild für andere junge Menschen. Ihr Verhalten wird imitiert. Da können Sie sich doch nicht mit Einsatz der Ellbogen nach vorne drängen.“

„Wenn ich mich immer für jedes falsche Wort entschuldige, würde man mich nicht ernst nehmen. Für uns gelten nicht die gleichen Regeln, wir haben keine Schwächen. Auf der Rennstrecke weicht niemand aus, nur weil ich ihn höflich bitte.“

Nur um sie ein wenig zu reizen, wurde er langsamer und ließ sie näherkommen.

Ava versuchte, ihn zu überholen. Als sie sich mit der Schnauze ihres Rennwagens neben Frederick befand, täuschte er einen Schlenker in ihre Richtung an. „Das würde dein Gegner auf der Rennstrecke mit dir machen. Man darf sich nie zu sicher fühlen. Und wenn du ihm einmal so ein Verhalten durchgehen lässt, erwischt er dich das nächste Mal viel härter.“

Er ließ seinen Wagen einen Satz nach vorne machen und fuhr kurz darauf direkt vor Ava über die Ziellinie.

„Ich habe verstanden.“ Ava drehte sich vom Lenkrad weg und sah ihn an. „Das bedeutet aber nicht, dass ich der gleichen Meinung bin, wenn es um das echte Leben geht.“

„Damit kann ich leben. Noch eine Runde?“

„Tut mir leid.“ Sie erhob sich und deutete zur Uhr auf dem Bildschirm. „Ich muss jetzt wirklich etwas tun, auch wenn es viel Spaß gemacht hat, ein Rennen mit einem Profi zu fahren.“

„Für mich hat es die ganze Sache spannender gemacht. Wie oft die Woche kommst du her?“, erkundigte er sich.

„Dreimal die Woche zwei Stunden, bis dort draußen alles wieder in Schuss ist. Vielleicht reduziere ich dann die Zeit.“

Keine Ahnung, weshalb er überhaupt darüber nachdachte, doch dann beschloss er, dass Konkurrenz auf der Übungsteststrecke nicht schaden konnte. So machte es viel mehr Spaß. „Wenn du das nächste Mal kommst, fährst du wieder eine Runde mit mir?“

„Sind Sie sicher? Ich meine, Sie haben bestimmt genug zu tun.“

„Ich absolviere den Großteil der Vorbereitungen für die Rennen vor dem Bildschirm. Es ist eine nette Abwechslung, dabei Gesellschaft zu haben.“

„Dann sage ich sehr gerne zu, Herr Aigner.“ Sie errötete. „Mittwochmorgen bin ich wieder hier.“

„Perfekt. Dann steht unsere Spielverabredung. Du kannst übrigens Du zu mir sagen“, bot er mit einem breiten Grinsen an. Er wollte sie noch einmal aus dem Konzept bringen.

Prompt wäre sie fast über ihre eigenen Füße gestolpert. „Danke, Frederick. Bis Mittwoch.“

„Weißt du was? Warum klopfst du nicht noch einmal an, wenn du draußen fertig bist? Falls du ein paar Minuten Zeit hast und ich noch nicht weg bin, können wir das Rennen gleich wiederholen.“

„Ich … gerne.“ Sie nickte. „Bis später.“

Er schloss die Terrassentür hinter ihr und sah ihr nach, bis sie um die Ecke verschwunden war. Schließlich kehrte er zu seinem Spiel zurück.

Auf dem riesigen Bildschirm erschienen die Köpfe von Falk und Charly lebensgroß. Hinter Falk entdeckte Frederick das Bild, das im Büro seines Agenten hing. Offensichtlich hatte Falk jetzt, um zehn, die Arbeit des Tages noch nicht erledigt. Frederick glaubte, neue Falten um die Augen von Charly zu erkennen. Die helle Morgensonne in Sydney enthüllte jeden noch so kleinen Makel.

„Warst du wieder ohne Sonnencreme am Strand, Charly?“, stichelte Frederick. „Oder sind das die ersten Alterserscheinungen?“

„Wenn es nach den dunklen Ringen unter deinen Augen geht, passt du ebenfalls nicht sonderlich gut auf dich auf, Kumpel.“ Charlys Blick wanderte zu Falk. „Warum besorgst du ihm auch ein Haus mit einem überdimensionalen Fernseher? Da ist so viel Platz, dass ich Rick gar nicht erkennen kann.“

„Das Haus ist ganz nett, auch wenn es eine Nummer kleiner ebenfalls getan hätte“, gestand Frederick. „Aber den Bildschirm brauche ich, um One Car Uno zu spielen.“

„Hält er sich bereits für berühmt?“, wandte sich Charly an Falk.

„Er hat sich ganz gut im Griff, auch wenn unser lieber Freund manchmal übertreibt“, behauptete Fredericks Agent. „Meist zu schnell unterwegs. Ständig neue Frauen. Immer mit einem höflichen Gesichtsausdruck für die Kameras.“

„Ich trage eine große Verantwortung. Schließlich muss ich es ja aussehen lassen, als wäre mein Jetset-Leben die Erfüllung aller Träume. Wen sollten die Leute sonst beneiden?“

Charly lachte. „Ich durfte seine Eskapaden ja kürzlich live erleben. Meiner Meinung nach hat er seinen Größenwahnsinn noch ganz gut im Griff. Er schlägt sich doch gut.“

„Ich dachte, du wärst bei dem Rennen in Melbourne dabei gewesen“, meinte Falk. „Eine bessere Platzierung hätte nicht geschadet. Rick braucht ein gutes Ergebnis, danach darf er abheben. Im Augenblick ist allerdings noch harte Arbeit angesagt.“

„Wie geht es dir wirklich?“, wollte Charly von Frederick wissen. „Den Druck, der auf dir lastet, kann ich mir vorstellen. Gelingt es dir, den irgendwie abzubauen?“

Frederick lächelte. Niemand machte sich mehr Gedanken um ihn als Charly. Das war schon damals in der Schule so gewesen, als er Frederick regelmäßig Pausenbrote zugesteckt hatte. Charly hatte auf Frederick aufgepasst, als der, frustriert von seiner Situation, begonnen hatte, sich die falschen Leute als Vorbild zu nehmen. Und er stellte auch jetzt noch die Fragen, die Frederick unbewusst beschäftigten.

„Ich brauche einen perfekt trainierten Körper. Dafür muss ich ohnehin ständig meine Grenzen überschreiten. Der beste Job des Lebens, sich rund um die Uhr in Form bringen zu dürfen.“

„Du klingst besessen.“

Frederick schob den rechten Ärmel des Shirts hoch und ließ seine Muskeln spielen. „Das gefällt den Frauen. Warum sollte ich es nicht gut finden?“

Charlys Blick wanderte neuerlich zur anderen Seite des Bildschirms. „An dem Schlamassel kann ich nur dir die Schuld geben, Falk. Von Australien aus bleiben meine Mahnungen wirkungslos.“

„Als mein Agent muss er mich glücklich machen.“ Frederick fixierte Falk, was die anderen aufgrund der Entfernung der Kamera bestimmt nicht bemerkten. „Übrigens müssen wir uns noch über die Gärtnerin unterhalten, die du mir vorbeigeschickt hast. Ein tollpatschiges junges Ding. Warum hast du mich nicht vorgewarnt? Ich habe sie beschuldigt, sich für kompromittierende Fotos bei mir eingeschlichen zu haben.“

Seine Freunde begannen zu lachen.

„Die Arme“, sagte Charly schließlich. „Wie kannst du eine Frau dazu verdonnern, seine Gegenwart zu ertragen, Falk? Du kennst doch seinen Ruf.“

„Ich habe eine Firma beauftragt.“ Falk seufzte. „Gleich morgen rufe ich dort an und bitte darum, den Auftrag an einen Mann weiterzugeben.“

„Das musst du nicht“, erklärte Frederick hastig. „Sie ist ganz nett. Und sie kann ausgezeichnet One Car Uno spielen.“

„Du hast hoffentlich kein Bewerbungsgespräch mit ihr geführt oder irgendetwas ähnlich Peinliches angestellt, weshalb sie in deinem Haus war?“ Falks Gesichtsausdruck war besorgt.

„Sie hat gesehen, dass ich trainiert habe, als wir uns über die notwendigen Arbeiten im Garten unterhalten haben. Nichts weiter“, setzte Frederick sich zur Wehr. „Für meine überdrehte Verdächtigung bei unserem Kennenlernen habe ich mich ebenfalls entschuldigt.“

Charly lehnte sich zurück und trank aus einer riesigen Kaffeetasse. „Das ist ja wohl das Mindeste.“

Obwohl Frederick und er während des Rennwochenendes in Melbourne Zeit miteinander verbracht hatten, machte Frederick die Entfernung zwischen ihnen bereits wieder zu schaffen.

„Wie läuft das Geschäft?“, erkundigte er sich. „Hast du den Auftrag gekriegt oder kann ich dich zurück nach Österreich holen?“

„Der Auftrag ist unter Dach und Fach.“ Charlys Augen leuchteten vor Erleichterung. „Aber du weißt, dass Sydney jetzt ohnehin meine neue Heimat ist.“

Das musste ihm aber nicht gefallen. Dank seines riesigen Fernsehers konnte Frederick beobachten, wie Charly den Blick zu einem Foto neben sich an der Wand hob. Es handelte sich um ein Bild von Charly und seiner Verlobten. Für Angelica war sein Freund nach Australien ausgewandert. Und solange diese Liebe hielt, würden Falk und Frederick auf ihren Kumpel verzichten müssen.

„Da gibt es noch etwas, das ich euch erzählen muss.“ Charly grinste breit. Seine Augen strahlten. „Ich weiß, wir haben diese Reise nach Fredericks Saison schon ewig geplant, aber ich kann euch leider nicht begleiten.“

„Warum das denn nicht? Und weshalb scheint es, als würdest du dich auch noch darüber freuen?“

„Angelica ist schwanger.“

Frederick spürte einen Stich in der Herzgegend. Die Chance, dass Charly Australien verlassen würde, war gerade gen Null gesunken.

„Ich gratuliere, Kumpel! Das sind großartige Neuigkeiten“, sagte Frederick trotz seiner Enttäuschung.

Falk sprach ebenfalls seine Glückwünsche aus. Während sie sich über die Veränderungen unterhielten, die Charly nun bevorstanden, empfand Frederick unglaubliche Erleichterung darüber, frei und ungebunden zu sein. Er vermisste Charly jetzt schon und wünschte, sein Freund würde seine Familie wenigstens in Österreich gründen. Doch Frederick würde keiner beziehungshungrigen Frau jemals in die Falle gehen.

Kapitel 4

Donnerstag, 13. April 2017

„Und dann?“ Alessias Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung.

Ava schob sie zur Seite und lächelte dem Kunden zu, der vor dem Tresen darauf wartete, zu bezahlen. „Das macht neun Euro fünfzig. Soll ich Ihnen die Blumen in Papier verpacken?“

„Ich bitte darum.“ Der Mann zählte das Geld ab. Nachdem Ava Papier um den Strauß gewickelt hatte, gab sie ihn an den Mann weiter. „Viel Freude mit den Blumen.“

„Danke.“

„Ich hoffe, Ihre Frau freut sich darüber.“

„Das wird sie bestimmt.“ Er nickte ihr zu. „Auf Wiedersehen.“

„Bis zum nächsten Mal.“

Ein Klingeln ertönte, als er die Tür öffnete und den Laden, der Avas Schwester gehörte, verließ.

Alessia seufzte theatralisch. „Du machst es aber auch spannend.“

„Vor den Kunden kann ich nicht reden. Warum bist du überhaupt vorbeigekommen? Du interessierst dich doch nicht für Blumen.“

„Möglich. Aber ich interessiere mich für dich und deinen berühmten Bekannten. Also: Er hat sich bei dir entschuldigt und dann …?“

„… haben wir zusammen Computer gespielt.“ Ava griff nach Margeriten und Schleierkraut, um den gerade verkauften Blumenstrauß zu ersetzen.

„Wie bitte?“

Sie holte eine weitere rosafarbene Margerite aus der Vase hinter dem Tresen und fügte dann noch pinkfarbene Rosen hinzu. „Du hast mich schon verstanden.“

„Mit einem Computerspiel kriegt man doch keinen Mann rum!“

„Das war auch nicht der Sinn der Sache. Er fand die Vorstellung amüsant, mich vorzuführen. Und als er dann gemerkt hat, dass ich gar nicht sooo schlecht spiele, hat er mich eingeladen, auch am Mittwoch vor der Arbeit mit ihm zu trainieren.“

Alessia zog eine Rose aus der Vase und roch daran. Dann gab sie sie an Ava weiter. „Mit einem heißen Kerl trainiert man nicht vor dem Computer. Es sei denn, man ist dabei genauso nackt wie er.“

„Wir verstehen uns nur gut. Mehr ist da nicht. Und das geht auch so in Ordnung.“ Sie war mit dem Strauß zufrieden und band ihn zusammen.

„Wie heißt er gleich noch mal?“, fragte Alessia in bemüht beiläufigem Tonfall.

Ava stellte den Strauß vorne im Laden in die freie Vase. „Frederick Aigner. Wieso willst du …? Nicht googeln!“, rief sie entsetzt, als sie das Handy in Alessias Hand entdeckte.

„Warum denn nicht?“ Ihre Freundin tippte fleißig weiter.

Ava eilte durch den Raum und wollte das Handy an sich nehmen, kam jedoch zu spät.

„DAS ist er?“ Alessia hielt ihr das Display mit jeder Menge Bildern entgegen.

Auf einigen war Frederick im Rennanzug, breitbeinig, mit vor der Brust verschränkten Armen und grimmigem Blick zu sehen. Seine Nase wirkte bei der Pose stets ein wenig zu hoch. Auf anderen trug er teure Anzüge und dazu ganz selten dieses umwerfende Lächeln, das Ava zum Stottern brachte.

„Jetzt verstehe ich, warum du den vor uns geheim halten wolltest.“

„Das war nicht meine Absicht. Ich glaube, er findet es nur amüsant, mit jemandem die Strecke abzufahren, der nichts mit dem Profisport am Hut hat.“

„Was für Lippen!“, schwärmte Alessia. „Wie bringst du es fertig, den Bildschirm statt ihn anzustarren? Ich glaube, dieser Mund ist zum Küssen geschaffen. Bestimmt weiß er den auf mehr als eine Art einzusetzen.“

„Alessia!“, rief Ava entsetzt. Sie erlaubte sich nicht, ihre Gedanken in diese Richtung wandern zu lassen. Wenn sie nur einmal schwach würde, bekäme sie die Bilder nicht mehr aus ihrem Kopf. „Wenn ich das nächste Mal einen heißen Rennfahrer kennenlerne, darfst du das Internet daheim bei dir nach ihm durchsuchen.“

Ihre Freundin lachte. „So viel Glück hat man nur einmal im Leben.“

„Stimmt auch wieder.“ Sie ging zurück zu den fertigen Blumensträußen und sah die Vasen auf fehlendes Wasser durch. Sie füllte sie auf, während Alessia sie weiter löcherte.

„Siehst du ihn wieder?“

„Möglicherweise nächste Woche. Morgen Vormittag findet schon das erste freie Training statt.“

Alessia schlenderte durch den Laden. „In welchem Land ist er an diesem Wochenende?“

„Bahrain. Ich hoffe, er nimmt die Kurve vier besser als bei seinem Computerspiel. Sonst wird das nichts mit der Revanche.“

„Wird schon gut gehen. Er ist ein großer Junge.“

Ava suchte Alessias Blick. „Was gibt es eigentlich Neues von dem Kerl aus dem Internet, mit dem du dich verabreden wolltest? Habt ihr endlich einen Termin gefunden, an dem ihr beide Zeit habt?“

Ihre Freundin schüttelte den Kopf. „Ich fand die Entdeckung, dass er verheiratet ist und ein kleines Kind hat, nicht besonders prickelnd.“

„Tut mir leid.“ Alessia hatte aber auch ständig Pech mit den Männern.

„Ach, schon gut. Ich hatte nicht genug Zeit, mich in ihn zu verlieben. Aber wenn ich mir deinen Frederick so anschaue, beginne ich plötzlich an Liebe auf den ersten Blick zu glauben.“

Ava wandte sich ab und sortierte die Rosen in der Vase vor sich um. Es gefiel ihr nicht, wenn Alessia so über Frederick sprach. Nicht, dass Ava Interesse an diesem Mann gehabt hätte. Es erschien ihr nur … unpassend.

„Hat es dich denn erwischt? Du hast selbst gesagt, du findest ihn süß“, erinnerte Alessia sie.

„Er sieht viel zu gut aus, um mir etwas zu bedeuten. Du weißt doch ganz genau, dass ich mich in der Gegenwart von attraktiven Männern anstelle, als wolle ich einen Fettnäpfchen-Wettbewerb gewinnen. Kerle wie er machen mich nervös, ohne dass es sonderlich logisch wäre.“

„Selbstbewusstsein kann man trainieren. Vielleicht stellst du ihn dir bei eurem nächsten Zusammentreffen einfach nackt vor.“

Ava stöhnte auf.

„Okay, vermutlich wäre das nicht hilfreich“, gab Alessia zu. „Wenn ich mir die Muskeln auf diesem einen Foto ansehe, hege ich keine Hoffnung, der Rest von ihm könnte enttäuschend sein.“

„Es ist ohnehin nicht wichtig. Für ihn bin ich nicht mehr als ein unscheinbares Mädchen, das zufällig seinen Garten pflegt. Also lass uns das Thema wechseln.“

Alessia kam näher. „Du könntest dich schminken, ein wenig auffälligere Kleidung anziehen, damit er erkennt, dass du mehr zu bieten hast. Ich helfe dir gerne.“

Vehement schüttelte sie den Kopf. „Kommt gar nicht in Frage. Ich zupfe doch nicht, herausgeputzt wie ein Weihnachtsbaum, Unkraut, in der Hoffnung, er beobachtet mich dabei! Wenn ich irgendwann mal den Richtigen treffe, wird er mich so mögen, wie ich bin.“

„Deine Entscheidung. Aber schau dir mal die Fotos von ihm im Internet an. Glaubst du nicht …?“

Die Glocke über der Tür bimmelte.

Avas Vater und ihre Schwester traten ein. Sie funkelten sich wütend an. Die letzten Worte ihres Vaters quittierte Lena mit einem Kopfschütteln. Offensichtlich waren sie wieder einmal nicht einer Meinung.

„Es ist mein Laden, Papa“, presste Lena hervor. „Wenn man den Leuten nicht etwas Neues bietet, hebt man sich nicht von der Konkurrenz ab. Der Onlineshop bietet mir die Möglichkeit, berufstätige Menschen zu erreichen, die sonst nie bei mir vorbeischauen würden.“

„Aber dieser Mann spricht von den Blumen, als wären sie nur eine ganz normale Ware. Als hätten sie keine Seele. Und was die Umstellung kosten soll!“

Lena nickte Ava und Alessia kurz zu. „Hast du gesehen, was über der Eingangstür steht?“, fragte sie ihren Vater.

„Natürlich. Lenas Zauberblütenladen.“

„Genau! Lenas. Nicht Peters. Du hast mir das Geschäft vor einem Jahr übergeben. Jetzt bin ich alleine für die Entscheidungen zuständig.“

Peter Grünfeld kniff die Augen zusammen. „Wie du meinst.“

„Wie ich es hasse, wenn du das tust, Papa! Scheinbar stimmst du mir zu, doch dein Tonfall sagt etwas ganz anderes.“

„Ich habe ein paar Jahre mehr Erfahrung als du. Warum verlässt du dich nicht auf meine Einschätzung, sondern versuchst, diesen unvernünftigen Plan in die Tat umzusetzen?“

Ava trat zu ihrer Schwester und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Über dieses Thema gerieten Lena und ihr Vater ständig in Streit. Sie würden niemals eine Lösung finden, wenn sie sich nur gegenseitig vorwarfen, die Situation falsch einzuschätzen.

„Wir leben im 21. Jahrhundert!“, rief Lena. „Da reicht es nicht mehr, genauso gut wie die anderen zu sein. Von Werbung verstehst du einfach nichts.“

„Herr Grünfeld, könnten Sie mir bitte bei der Auswahl eines Blumenstraußes für meine Mutter helfen?“, unterbrach Alessia. „Ava wollte Lena ohnehin hinten auf ein Problem aufmerksam machen.“

Avas Vater öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Dann nickte er und trat mit Alessia vor die fertig gebundenen Sträuße.

Während die beiden zu diskutieren begannen, ob sie nicht eine eigene Kreation zusammenstellen sollten, zog Ava Lena in den hinteren Raum. Es gab keine Tür, weshalb sie nicht wirklich für sich waren.

„Was für ein Problem?“, erkundigte ihre Schwester sich besorgt. „Ist was mit der Blumenlieferung?“

„Nein, nein. Alles bestens. Nur eine Ausrede von Alessia, damit ich dich aus der Schusslinie bringen kann.“

„Na Gott sei Dank.“ Lena setzte ein Lächeln auf. „Danke, dass du ausgeholfen hast, Ava. Lief alles gut?“

„Gerne geschehen. Es war nicht viel los.“

Lena warf ihrem Vater einen schnellen Blick zu. „Das ist seit ein paar Wochen leider nichts Besonderes mehr“, erzählte sie Ava leise. „Papa scheint nicht bewusst zu sein, wie dringend notwendig eine Veränderung ist. Keine Ahnung, warum er bei dem Termin überhaupt dabei sein wollte. Ich hätte ihn erst gar nicht mitnehmen sollen. Der Laden gehört jetzt mir. Trotzdem mischt er sich ständig ein.“

„Er meint es nur gut.“

„Aber ich trage die Verantwortung. Dieser Laden ist mein Leben. Mein ganzes Geld steckt hier drin. Ich kann es mir nicht leisten, das Geschäft in den Sand zu setzen.“ In Lenas Stimme klang ein Anflug von Panik mit.

Ava umarmte ihre Schwester. „Es wird alles gut werden. Wenn ich dir irgendwie helfen kann …“

Lena umfasste Avas Gesicht mit beiden Händen. „Mach nicht den Fehler und übernimm die Gartenpflegefirma von Papa. Du weißt, dass er nicht loslassen kann. Martin hat mir gestern erzählt, dass unser Vater hinter seinem Rücken mit einem Lieferanten für seine Gärtnerei gesprochen hat. Papa war der Meinung, Martin würde sich über den Tisch ziehen lassen. Beinahe hätte er die Zypressen für einen Großauftrag nicht bekommen, weil Vater den Lieferanten vor den Kopf gestoßen hat.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen“, sagte Ava. „Ich liebe es, im Freien mit meinen Händen zu arbeiten.“

„Das kannst du auch als Angestellte in einer anderen Firma. Du darfst ihm nicht die Kontrolle über dein Leben geben, Schwesterchen.“

„Denkst du, ich will mich nicht irgendwann auch selbstständig machen? Simon hat sich mit seiner Poolfirma seinen Traum erfüllt und Papa mischt sich in seine Angelegenheiten nicht ein.“

Lena lachte. „Dir ist doch klar, dass Simon dafür in ein anderes Bundesland ziehen musste? Du kannst dein Glück gerne ein paar tausend Kilometer von hier mit einer eigenen Firma versuchen. Aber solange du Papas Klienten übernimmst, wird er immer wissen, was du tust.“

Ava nickte. Als Küken der Familie wurde jeder ihrer Schritte beobachtet. Sie wurde verhätschelt und als süßes kleines Ding angesehen. Dass ihre Mutter bei Avas Geburt gestorben war, erklärte diese Fürsorge nur bedingt. Alle anderen Blondköpfe der Grünfelds gaben ununterbrochen auf sie acht. Es würde schwer werden, die Nabelschnur zu durchtrennen, solange man sie nicht wie eine Erwachsene behandelte. Aber deswegen aus Wien wegziehen, ihre Familie und ihre Freunde hinter sich lassen?

„Ich habe noch ein wenig Zeit, bevor ich eine Entscheidung treffen muss. Jetzt werden wir erst einmal dafür sorgen, dass dein Laden besser läuft. Wenn du Fotos für deinen Onlineshop brauchst, sag Bescheid.“

„Auf dieses Angebot komme ich gerne zurück. Deine Bilder sind großartig und ich kann das Geld für einen Profi-Fotografen sparen.“

„Dafür ist Familie da.“ Sie sah ihrer Schwester fest in die Augen. Dann deutete sie mit dem Kopf nach nebenan. „Wollen wir den Rest der Grünfelds auch ins Boot holen?“

„Du unverbesserlicher Optimist.“ Lena seufzte. „Ich werde es zumindest versuchen.“

Kapitel 5

Freitag, 14. April 2017

Er fuhr den Wagen in die Box und zog das Lenkrad ab. Zwei Männer seines Teams eilten herbei und kümmerten sich um den Wagen, sobald er herausgeklettert war.

„Großartige Arbeit“, verkündete Xander durch das Mikrofon in Fredericks Helm.

„Danke“, gab er dem Renningenieur kurz angebunden zurück. Ja, er konnte zufrieden sein. Kurve vier, seine große Schwäche, war bei diesem freien Training am Vormittag gut gelaufen. Aber er durfte sich nicht zu früh freuen. Erst nach dem Qualifying morgen würde sich zeigen, ob seine Glückssträhne anhielt.

Er nahm den Helm ab und gab ihn an einen Teammitarbeiter weiter, der ihm eine Kappe reichte. Frederick fuhr sich durch sein schweißnasses Haar und zog dann die Kappe darüber.

„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, meinte sein Teamkollege Marc und klopfte ihm auf die Schulter, während sie gemeinsam zu dem Tisch schlenderten, an dem Erfrischungen warteten.

Frederick unterdrückte ein Grinsen. Er konnte sich vorstellen, wie schwer dem anderen Fahrer dieses Lob gefallen war. Auch wenn sie für dasselbe Team unterwegs waren, standen sie doch gleichzeitig auch in direkter Konkurrenz zueinander. Es konnte nur eine Nummer eins bei Amber Heart Racing geben.

Gott, dieser Name ließ sogar eine Kampfansage lächerlich klingen. Aber dieses Team war Fredericks große Chance. Er hatte nicht vor, sich durch einen anderen die Position im Team streitig machen zu lassen.

„Mal sehen, ob du die Leistung noch einmal abrufen kannst. In den Vorbesprechungen war man ja etwas besorgt, du könntest neuerlich Schwierigkeiten mit der Strecke haben.“

Frederick sollte die Stichelei ignorieren. Sowas gehörte zu diesem Sport dazu. Aber gerade jetzt, in einem Moment der Zufriedenheit, hasste er diese Andeutungen.

„Neuerlich?“

Marc grinste ihn an. „So wie bei den ersten beiden Rennen.“

„Wenn ich mich recht erinnere, warst du auch bloß vier beziehungsweise zwei Positionen vor mir im Ziel. Du solltest dir vielleicht mal Gedanken darüber machen, ob du nicht langsam zu alt für diesen Job bist. Hast du nicht in zwei Monaten bereits vierzig Kerzen auf deinem Geburtstagskuchen?“

„Meine Erfahrung ist von unschätzbarem Wert für das Team. Du hingehen …“ Beleidigend langsam hob Marc eine Augenbraue, während er ihn musterte. „… du bist nichts als eine glattpolierte Fassade ohne sonderlich großes Können.“

„Wir werden an diesem Wochenende klären, ob du deine Erfahrung gegen mich nutzen kannst. Ich befürchte, am Sonntag wirst du mich nur von hinten sehen.“

Marc prostete ihm zu. „Lust auf eine kleine Wette?“

„Das ist doch nicht erlaubt“, erinnerte Frederick, obwohl er wusste, wie Marc darauf reagieren würde.

„Feigling“, meinte der tatsächlich mit einem Lachen. „Niemand wird glauben, dass wir beide uns jemals anfreunden. Statt auf teambildende Maßnahmen zu setzen, sollten sie einen Wettkampf ausrufen. Das würde mehr Erfolg zeigen.“

Insgeheim stimmte Frederick ihm zu. Er konnte einer Herausforderung nicht widerstehen. „Du kannst es ja bei der nächsten Teambesprechung vorschlagen.“

„Ich werde jetzt mal meine Kräfte schonen und dich übermorgen im Rennen weit hinter mir lassen. Dann können wir unser privates Rennen sofort klären. Du hast ohnehin keine Chance.“

„Wir werden sehen.“

Lachend ging Marc davon.

Frederick schob den Gedanken an den Wettstreit mit Marc beiseite und konzentrierte sich auf die Aufgabe, die wichtiger war: an diesem Tag so schnell wie möglich und heil ans Ziel zu kommen. Endlich schien er den idealen Bremspunkt für diese vermaledeite Kurve gefunden zu haben. Doch am Sonntag würde das Werbebanner, das er sich als Kontrollpunkt gesucht hatte, an einer anderen Stelle stehen. Während des Trainings und des Qualifyings musste er den richtigen Bremspunkt in seine Erinnerung einbrennen.

Er brauchte Erfolgsergebnisse. Bald. Es fehlte noch, dass Marc Recht behielt und dieser ihn als Nummer eins des Teams ersetzte.

Er griff sich noch eine Flasche des Iso-Drinks und machte sich auf den Weg in die Fahrerunterkunft.

„Herr Aigner! Frederick!“

Die Stimme seines Bosses hielt ihn auf. Er setzte sein Strahlemann-Lächeln auf und wandte sich um. „Herr Gruber. Wie schön, Sie zu sehen.“

„Wirklich gutes Training, Frederick. Sie können stolz auf sich sein.“ Der Teamchef kam auf ihn zu.

„Nein, Sie können stolz auf sich sein. Ohne Ihre Unterstützung wäre ich niemals …“

Herr Gruber hob abwehrend die Hände. „Diese Lobrede können Sie sich für die Presse aufheben. Ich weiß, dass ich Ihnen das Leben ganz schön schwer gemacht habe. Der Druck auf uns alle war enorm. Ist er noch immer. Doch wir kommen unserem Ziel mit kleinen Schritten näher und näher.“

„Ohne Ihre Ausdauer hätten wir bestimmt nicht …“

Wieder unterbrach ihn der Boss mit einer Handbewegung. „Spielen Sie ruhig den bescheidenen, zurückhaltenden Teamplayer vor den Leuten da draußen.“ Er deutete vage in Richtung der Tribüne. „Aber mir gegenüber erwarte ich absolute Ehrlichkeit. Wir wollen gemeinsam groß werden. Dazu müssen wir voneinander lernen. Da nehme ich Sie nicht aus. Ein wenig Rivalität im Team mag als Ansporn dienen. Niemand kann Ihnen allerdings so viel beibringen wie Marc Raschen.“

„Es tut mir leid, wenn Sie mitbekommen haben, wie er und ich uns gekabbelt haben. Was abseits der Rennstrecke stattgefunden hat, wird sich nicht auf das Rennen auswirken“, versprach Frederick.

„Davon gehe ich aus.“ Johann Gruber hielt Fredericks Blick fest. Manch einer mochte an dem Mann mit den grauen Schläfen gezweifelt haben, als er die Gründung des Teams verkündet hatte. Doch Frederick kannte den Boss inzwischen gut genug, um sein Verhalten einschätzen zu können. Johann Gruber war nicht schwach, nicht naiv, nicht blauäugig. Er hatte sehr genau gewusst, was mit dieser Entscheidung auf ihn zukam. Ihm war nicht nur wichtig, dass das Team funktionierte, dass jeder seine Position kannte, dass sich Erfolge abzeichneten. Er verlangte von jedem, sein Bestes zu geben, weil er selbst es auch tat. Sein unzweifelhaft vorhandenes Verständnis für die Bedürfnisse und Eigenheiten eines Jeden von ihnen war nicht grenzenlos. Er verlor kein Wort zu viel, um sie zurechtzuweisen. Doch sein Blick sagte im Augenblick genug.

„Ich habe verstanden.“ Frederick spielte nicht den Zerknirschten. Er würde es dennoch nicht mehr zu solch einer Szene kommen lassen. Absolute Ehrlichkeit. Er konnte Grubers Forderung nachvollziehen.

Herr Gruber setzte ein Lächeln auf. „Noch einmal herzlichen Glückwunsch zu der tollen Leistung. Es scheint mir fast, als könnte sich eine Wende ankündigen. Mit den Zeiten, die Sie gerade gefahren sind, wären in den beiden nächsten Tagen ausgezeichnete Resultate möglich. Machen Sie mich noch ein wenig stolzer, Aigner.“

Frederick nickte. „Natürlich, Boss.“

„Wir könnten damit beginnen, indem Sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen, bevor Sie sich stärken. Vor der Box wartet eine Fernsehcrew, die gerne ein paar Aufnahmen von Ihnen machen würde.“

„Ein Interview? Jetzt?“

„Ich weiß, Sie brauchen Ihre Ruhe. Ich habe den Leuten gesagt, dass die Fragerunde nicht länger als fünf Minuten dauern darf.“

Hoffentlich wusste Gruber, was er da von ihm verlangte. Das Rennwochenende über hielt Frederick sich von der Presse fern. Die Meute stürzte sich nur zu gerne auf ihn. Sein Gesicht, sein Image, seine Frauen. All das zog Reporter an wie ein Eiswagen kleine Kinder. Zu seinen Bedingungen ließ Frederick sich darauf ein. Doch während der Renntage lenkten die Fragen ihn bloß ab. Immer befürchtete er, man könne seine Selbstdarstellung durchschauen, hinter die Fassade blicken wollen. Er war gerne in der Presse, genoss die Aufmerksamkeit, weil sie ihn interessanter für Investoren machte. Aber durfte er nicht selbst entscheiden, wann er eine Pause von dem ganzen Trubel brauchte?

„Vielleicht wollen die Presseleute lieber mit Marc reden. Gerade jetzt, wo er das erste Mal hinter mir war, gibt es bestimmt tolles Material, wenn er sich bei den Fragen windet.“

„Man hat aber nach Ihnen gefragt. Sie sind der Mann der Stunde. Und gerade Sie nutzen doch jede Gelegenheit, um Ihr Gesicht bekannter zu machen.“ Sein Chef klang zum Glück nicht vorwurfsvoll.

Er nickte. Gruber würde seinen Willen bekommen. Egal wie widerwillig Frederick diesen Auftrag übernahm. Die Bitte seines Bosses würde er niemals ausschlagen.

„Danke, Frederick. Ich weiß diese Geste zu schätzen.“

Während er sich auf den Weg ins Freie machte, wappnete er sich für die Fragen und das Kameralicht. Als er zu den Presseleuten trat, hatte er sein für die Öffentlichkeit bestimmtes halbherziges Lächeln aufgesetzt.

Der Journalist begrüßte ihn und wies ihn darauf hin, dass es eine Liveschaltung ins Fernsehstudio geben würde. Während an der Krawatte des Journalisten gezupft wurde, bat man Frederick, seine Kappe abzunehmen. Ohne nachzudenken, legte er die Kappe ab, gerade als die Kamera auf ihn zoomte. Frederick fuhr sich mit den Fingern durch sein Haar und ärgerte sich. Vermutlich würde in wenigen Minuten irgendeine Zeitschrift entzückt darauf aufmerksam machen, dass Fredericks Haare sich lockten, wenn es feucht wurde. Beinahe besessen wurde jede neue Information über ihn gesammelt. Einer der Gründe, weshalb er sich lieber auf Pressetermine vorbereitete.

„Ich stehe hier mit dem erklärten Frauenschwarm Frederick Aigner. Seit er Teil des Rennzirkus‘ ist, müssen Männer sich mit ihren Frauen um den besten Platz vor dem Bildschirm prügeln. Sie gelten als die neue Generation des Rennsports. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um, Herr Aigner?“

Er blinzelte und hätte beinahe vergessen, sein Lächeln beizubehalten. Etwas verspätet las er das Logo, das sich auf dem vor seiner Nase schwebenden Mikrofon befand. Stars and you. Ein österreichisches Fernsehformat. Er hatte irrtümlicherweise mit einem Sportsender gerechnet.

„Mir ist bewusst, dass meine Leistungen überzeugen müssen. In erster Linie geht es darum, die Menschen zu unterhalten, ihnen Spannung und Aufregung zu bieten.“

„Würden Sie sagen, Ihr Aussehen ist Ihnen dabei behilflich?“

„Warum sollte es das? Es spielt doch keine Rolle, wie ich unter dem Helm und dem Rennanzug aussehe, wenn ich als Erster durchs Ziel fahre.“

„Aber wenn Sie auf dem Treppchen ganz oben stehen, flimmert Ihr Gesicht über Millionen von Bildschirmen und wird auf unzähligen Zeitungen abgebildet.“

Er biss die Zähne zusammen und nickte. „Natürlich. NACH dem Rennen kann ich mich nicht verstecken. Ein attraktives Gesicht macht mich allerdings nicht schneller.“

„Wie wir gehört haben, wurden Sie mit Evangelina Eristof bei einem romantischen Abendessen gesehen. Haben Sie endlich Ihre Traumfrau gefunden?“

Hatte er es nicht gewusst? „Tut mir leid. Dazu kann ich leider keine Auskunft geben. Evangelina und ich kennen uns erst seit ein paar Tagen.“

Sein Gegenüber lächelte. „Allem Anschein nach brauchen Sie oft auch nicht länger, um festzustellen, dass Sie lieber weiter nach der Richtigen suchen.“

Frederick erwiderte den Blick des schmierigen Journalisten regungslos.

„Wollen Sie sich nicht dazu äußern?“, erkundigte der Mann sich nach fünf Sekunden des Schweigens zwischen ihnen.

„Ich habe keine Frage gehört. Aber ich möchte die Gelegenheit sehr gerne nutzen, um mich bei Ihren Zuschauern zu bedanken.“ Frederick lächelte genau in die Kamera. „Vielen Dank für die Unterstützung und Ihr Vertrauen in Amber Heart Racing. Sie alle besitzen noch mehr Herz als unser Logo. Ich hoffe, Ihre Begeisterung für diesen Sport trägt unser Team an diesem Wochenende ganz nach vorne.“

Er nickte dem Journalisten zu und ließ ihn dann einfach stehen. In seinem Rücken hörte er den aufdringlichen Kerl schnell ein paar abschließende Worte stammeln, bevor die Liveschaltung endlich abgebrochen wurde.

Frederick machte sich auf den Weg ins Fahrerlager, um sich umzuziehen und sich danach Mittagessen zu besorgen.

Als er sich eine Viertelstunde später mit einem Tablett zu einigen anderen Fahrern in den mit Aufstellwänden abgetrennten Bereich gesellte, bedachte Nicolas Lautner ihn mit einem amüsierten Gesichtsausdruck.

„Ist dieses Topmodel also noch im Rennen?“, erkundigte er sich. „Komisch. Davon hast du der Stewardess gegenüber, die dir ihre Nummer auf dem Hinflug zugesteckt hat, gar nichts erwähnt.“

Er nahm alleine an einem Tisch Platz. Die Topleute blieben gerne unter sich. Normalerweise nahm man ihn nicht einmal wahr. Dank dieses Interviews war ihm Spott nun sicher.

„Vermutlich kommt er mit den ganzen Frauen schon durcheinander“, überlegte Severin Vidal neben Nicolas grinsend. „Man sollte ihm das nicht zum Vorwurf machen.“

„Wie ist das eigentlich, wenn man ununterbrochen mit der gleichen Frau zusammen ist?“, wollte Frederick wissen. „Muss man sich dann irgendwann vorstellen, ein Topmodel würde neben einem im Bett liegen, damit man sich nicht zu Tode langweilt?“

Severins Gesichtsausdruck wurde ernst. „Verstanden. Keine Kommentare mehr zu deinen Frauengeschichten. Stattdessen gratuliere ich dir zu den Rundenzeiten heute. Für das erste Training gar nicht schlecht.“

Frederick nickte seinem Kollegen zu. Severin galt in seinem Team als Nummer eins. Er hatte etwas erreicht, auf das Frederick noch hinarbeitete. Das Kompliment bedeutete ihm also viel. „Danke. Vielleicht hast du ja noch einen Tipp für mich, damit es im Qualifying für die Zuschauer spannender wird.“

„Ihr habt den Motor inzwischen ganz gut eingestellt. Die Reifenabnutzung hattest du von Anfang an im Griff. Bleiben die Bremsen. Du gehst gerne ans Limit. Grundsätzlich eine Taktik, die wahre Helden hervorbringt. Aber der Grat zwischen Risikofreude und Irrsinn ist schmal.“

Frederick nickte. Damit war sein Problem ganz gut auf den Punkt gebracht. Er liebte den Rausch der Geschwindigkeit, den Kick, wenn er das Gaspedal durchdrückte. Leider überstimmte dieser Rausch viel zu oft seine Selbstbeherrschung.

„Wir werden sehen, ob ich den richtigen Mittelweg finde. Ganz offensichtlich habe ich noch einiges zu lernen“, gab er zu.

„Über deinen Hang zu schönen Frauen wissen wir alle Bescheid“, meinte Nicolas. „Sonst habe ich allerdings noch nichts über dich erfahren. Setz dich zu uns und erzähl mal, wo deine Karriere gestartet ist.“

Frederick nickte und stand auf. Endlich wurde er gesehen. Die Chance, diese Topleute besser kennenzulernen, würde er sich nicht entgehen lassen. Diese eine Runde im Training könnte die Wende für ihn bedeuten.

Erfolg! Wenn man einmal daran geschnuppert hatte, wurde man süchtig danach.

Kapitel 6

Sonntag, 16. April 2017

„Und? In welchem Rennauto sitzt er?“, fragte Alessia auf der Couch in Avas Wohnzimmer aufgeregt und stopfte sich Popcorn in den Mund.

„In dem Hellbraunen mit dem Herz drauf.“

Milla verzog an Avas anderer Seite das Gesicht. „Oje. Ich kann verstehen, dass man sich über sie oft lächerlich macht. Sieht ja nicht grade männlich aus. Trotz der Geschwindigkeit.“

„Bei Braun handelt es sich nun mal um die Firmenfarbe. Wiedererkennungswert ist wichtig. Und wenn sie erst mal ganz oben auf dem Treppchen stehen, wird sich niemand mehr Gedanken über die Farbe des Wagens machen, mit dem sie gewonnen haben.“ Ava sprach die Worte mit Überzeugung aus. Das Team war ganz neu. Sie hatten bereits kleine Erfolge gehabt. Schließlich landeten sie an den Renntagen immer im guten Mittelfeld.

„Ich ärgere mich, dass wir zu spät eingeschaltet haben. Ich hätte diesen Frederick gerne gesehen, bevor er in den Wagen gestiegen ist. Wenn der lächelt, fallen vermutlich reihenweise Fernseher wegen Überhitzung aus.“

Ava verdrehte die Augen. Seit Alessia die Bilder von Frederick gegoogelt hatte, übertraf sie sich mit immer einfallsreicheren Übertreibungen.

„Dieser Aigner ist so heiß, dass unter seinen Füßen der Asphalt zu qualmen beginnt“, stimmte Milla in die Schwärmerei mit ein. „Ich bin ja nicht der Typ, der bei Männern so viel Wert auf Äußerlichkeiten legt. Also bei den Kerlen, die ich im Alltag kennenlerne. Aber ich weiß Attraktivität zu schätzen. Ich bewundere sie nur zu gerne bei Models oder Schauspielern. Und bei Frederick kann ich gar nicht aufhören hinzustarren. Ob er schon mal Werbung gemacht hat?“

„Er stand für eine Parfummarke vor der Kamera. Außerdem für eine Modefirma“, antwortete Ava. „Seit er für Amber Heart Racing fährt, wurden Fotos mit dem Schmuck der Firma in Zeitungen veröffentlicht.“

Ihre Freundinnen kicherten.

„Du scheinst dich ja sehr genau informiert zu haben.“ Alessia zwinkerte ihr zu.

„Diese Sachen sind mir beiläufig aufgefallen. Ich stalke ihn nicht oder so“, meinte Ava.

„Wenn du es sagst.“

„Aber ein bisschen abgehoben kommt sein Verhalten der Presse gegenüber schon rüber“, gab Milla zu bedenken. „Vermutlich ist er ziemlich eingebildet.“

Ava schüttelte den Kopf. „Gar nicht. Mir gegenüber benimmt er sich nicht, als erwarte er einen Berühmtheitsbonus. Außerdem muss man ihm hoch anrechnen, dass er sich für andere einsetzt. Er hat für Waisenhäuser und Krankenhäuser gespendet. Und da war dieses Benefizfußballspiel, bei dem er auch mitgespielt hat.“

„Vermutlich macht er das nur aus Imagegründen.“

Ein böser Blick von Ava brachte Alessia zum Schweigen. „Ich weiß gar nicht, warum ich mir mit euch das Rennen anschauen soll“, überlegte Ava. „Ihr interessiert euch normalerweise überhaupt nicht für die Formel 1 und verderbt mir nur die Laune.“

Milla griff in die Schüssel mit Popcorn. „Wie lange dauert das Rennen eigentlich? Wir können auch eine Zeit lang auf einen anderen Sender drehen. Hauptsache wir schalten rechtzeitig um, damit wir die Siegerehrung mitbekommen. Vielleicht steht dein neuer Freund ja auch auf dem Treppchen.“

„Er hat im Qualifying den sechsten Platz gemacht. Es wäre schon ein tolles Ergebnis, wenn er diesen Rang halten könnte“, erklärte Ava.

„Wir sollten das Rennen laufen lassen.“ Alessia schenkte sich einen Schluck von dem Wein ein, den sie mitgebracht hatte. „Bestimmt will Ava sichergehen, dass Frederick dieses Rennen gut übersteht.“

„Aber das Ganze dauert eineinhalb Stunden. Sie sind erst fünf Runden gefahren. Von insgesamt siebenundfünfzig.“

Alessia leerte ihr Glas und füllte es danach ganz voll. „Gott, wird denen nicht schwindelig, wenn sie siebenundfünfzigmal die gleiche Strecke fahren?“

„Es gibt ja Links- und Rechtskurven. Das wird schon nicht eintönig. Es muss unglaublich sein, diese Strecke abfahren zu dürfen.“

„Du kannst ja deinen neuen Freund fragen, ob er dich mitnimmt“, schlug Milla vor.

„Nennt ihn doch nicht immer meinen Freund, verdammt!“ Ava stopfte sich den Mund mit Popcorn voll, um nicht mehr zu sagen.

„Einverstanden. Dann ist er halt nur dein Boss.“ Alessia wirkte ein wenig verärgert.

Ein paar Sekunden lang starrten sie schweigend auf den Bildschirm. Die Motoren dröhnten. Die Wagen rasten um die Kurven. Der Moderator kommentierte brav vor sich hin.

„Boah“, unterbrach Milla endlich das Schweigen. „Wahnsinnig aufregend ist das aber nicht gerade. Viel tut sich nicht. Waren das schon zwei Runden?“

„Warte noch. Warte … jetzt sind zwei Runden durch.“ Ava zog ein grummeliges Gesicht, weil sie sich lieber nach Frederick umgeschaut hätte.

„Toll. Noch fünfzig Runden“, freute Alessia sich scheinbar.

Ava warf ihren Freundinnen aus den Augenwinkeln einen vorsichtigen Blick zu. Die beiden gaben sich wirklich Mühe, interessiert zu wirken. Ava konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Vielleicht sollten sie für euch eine Halbzeitpause mit Auftritten von berühmten Sängern einführen.“

„Es gibt eine Halbzeit?“ Alessias Gesichtsausdruck wurde hoffnungsvoll.

Milla gab ein Prusten von sich. Alessia kicherte laut und Ava musste in ihr Lachen einfach einstimmen. Sie schaukelten sich gegenseitig hoch, bis ihnen vor Lachen die Tränen über die Wangen liefen.

„Eine Halbzeitpause ist aber wirklich eine großartige Idee“, sagte Alessia, sobald sie wieder Luft bekam. „Ich werde mich gleich an einen Brief für das Komitee setzen. Gibt es dort ein Komitee, das für sowas zuständig ist? Vielleicht schreibe ich auch direkt an Fredericks Rennteam. Ich schlage ihnen vor, das mit einer Schmuckschau zu verbinden.“

„Ja! Die Fahrer könnten die Männerschmuckkollektion präsentieren“, überlegte Milla weiter. „Die anderen Teams haben bestimmt auch Investoren, die dazu etwas beisteuern könnten.“

Ava lachte. „Wie genau stellt ihr euch das vor? Nach der Hälfte der Zeit ertönt ein Signalton. Alle Fahrer halten an Ort und Stelle an, werden aufgesammelt, schlüpfen in modenschaugeeignete Kleidung und starten nach einer kleinen, unterhaltsamen Zwischenshow wieder an der ursprünglichen Position?“

Milla und Alessia nickten.

„Na, dann habt ihr ja schon einen Plan, den ihr vorbringen könnt. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis Männer vorbeigeschickt werden, um sich mit euch darüber zu unterhalten. Wundert euch nicht, wenn die weiße, komisch zu schließende Jacken mithaben. Das ist schon ein Vorgeschmack auf die Modenschau.“

„Du bist so fies“, beschwerte Milla sich. „Beim Damentennis müssen die Spielerin auch unanständig kurze Röcke tragen, damit der Sport für die Kerle interessanter wird. Warum sollte es umgekehrt undenkbar sein? Wäre es nicht sexistisch, das nicht einmal in Betracht zu ziehen?“

„Die Formel 1 braucht keine weiblichen Zuschauer mehr. Das System ist bereits erfolgreich. Und die Fahrer können nun mal nicht in kurzen Hosen und Achselhemden im Wagen sitzen. Das wäre viel zu gefährlich.“

Alessia zog eine Grimasse. „Schon klar. Trotzdem könnte man etwas Pepp reinbringen. Hindernisse oder Schikanen einbauen.“

„So ein Quatsch! Das würde zu Chaos führen.“ Ava musste sich nur vorstellen, was alles bei so einem Szenario mit den schnellen Wagen passieren könnte und ihr Puls beschleunigte sich in neue Höhen. „Das, was den Sport interessant macht, ist die Geschwindigkeit. In der Formel E fahren sie mit Elektromotoren. Eigentlich eine interessante Idee, um zu zeigen, was mit umweltfreundlichen Motoren alles möglich ist. Aber da ist das Tempo so langsam, dass man auch Autos auf der Autobahn beobachten könnte.“

„Gut, dann müssen wir unseren Plan doch verwerfen.“ Alessia kramte in ihrer Handtasche. „Ist es okay, wenn wir Klatschblätter durchschauen? Ich habe ein paar Exemplare gefunden, in denen Artikel über Frederick zu lesen sind.“

Ava starrte auf den Stapel, den Alessia auf den Tisch fallen ließ. „Da steht überall was von ihm drin?“

Alessia nickte. „Er war sehr fleißig.“

Während der nächsten knappen Stunde beratschlagten sie über Möglichkeiten, die Formel 1 abwechslungsreicher zu gestalten. Sie aßen Eis und Popcorn, drehten den Ton der Übertragung nur dann auf laut, wenn etwas Interessantes zu passieren schien. Nebenher blätterten sie in den Zeitschriften und brachen in Begeisterungsrufe aus, wenn sie ein Bild von Frederick entdeckten.

Über die Werbeanzeigen konnte Ava noch lachen. Doch jede Frau, die neben ihm abgebildet war, drückte auf ihre Laune. Ständig war er mit bekannten Models oder Anwärterinnen auf den Miss World-Titel zu sehen. Attraktive Frauen hingen an seinem Arm und strahlten in die Kamera. Eine berühmte Schauspielerin hielt sich eine Zeitung vors Gesicht, als sie mit Frederick ein Restaurant verließ. Dem Fotografen war es dennoch gelungen, sie im Profil zu knipsen.

„Hat die nicht in diesem Film mit den Stunts und den Nacktszenen mitgespielt, in der es irgendwie auch um Liebe ging?“, fragte Alessia, als sie bemerkte, welchen Artikel Ava anstarrte.

„Ja, Karate Lover oder so ähnlich.“

„Heiße Braut. Als Frau darf ich das sagen.“

Ava nickte und brummte etwas Zustimmendes.

„Aber er wirkt auf keinem der Fotos glücklich. Vermutlich geht es ihm nur darum, für die Presse interessant zu bleiben. Keine Frau konnte ihn offensichtlich länger fesseln. Sonst hätte er eines dieser Models längst vor den Altar gezerrt.“

Sie hob den Blick. „Du musst mich nicht aufmuntern, Alessia. Er ist nur ein Kunde.“

Ihre Freundin nickte. „Klar.“

„Vergesst alle anderen Bilder! Seht euch das hier an.“ Milla deutete auf eine Seite der Zeitschrift auf ihrem Schoß.

Alessia keuchte auf.

Ava versuchte, nicht mit offenem Mund zu gaffen.

Ein Paparazzo hatte Frederick im Winter beim Schwimmen auf den Malediven geknipst. Er stieg gerade in schmalen Badeshorts aus dem Wasser. Offensichtlich hatte er den Fotografen zu spät entdeckt, denn sein Gesichtsausdruck war wütend, seine Hand abwehrend ausgestreckt.

Trotzdem konnte Ava nicht verhindern, dass ihr Blick über seinen nackten Oberkörper wanderte. Sie bewunderte seine durchtrainierten Bauchmuskeln, seine muskulösen Oberschenkel, die von der Badeshorts zusätzlich betont wurden. Dieser Mann war viel zu gutaussehend.

Auf allen anderen Bildern war er entweder in edlen Maßanzügen zu sehen oder er trug Kleidung, die aussah, als hätte er sie einem Bauarbeiter geklaut, die bestimmt aber unglaublich teuer gewesen war. Kein anderes Foto zeigte ihn halbnackt. Ob er genauso verärgert über dieses Eindringen in seine Privatsphäre gewesen war, wie er wirkte?

„Oh, mein Gott!“

Millas Aufschrei ließ Ava zum Bildschirm schauen. Im ersten Moment war nur Rauch zu erkennen. Der Kommentator erzählte irgendetwas von einem Unfall, doch Ava verstand kein Wort. Das Blut rauschte viel zu laut in ihren Ohren. Langsam löste sich aus dem Rauch der Umriss eines Fahrzeugs. Es handelte sich nicht um Fredericks Wagen. Avas Herzschlag beruhigte sich ein wenig.

Das Rennauto stand auf dem Grünstreifen in Flammen, doch der Fahrer wurde gerade aus dem Cockpit gezogen. Er schien wohlauf.

„Jetzt sagt schon, ob noch ein anderes Fahrzeug in den Unfall verwickelt war!“, jammerte Ava, doch der Kommentator beschäftigte sich lieber mit dem Unfallwagen.

Milla griff nach Avas Hand und drückte sie. Mehrere Sekunden lang warteten sie ungeduldig auf weitere Informationen.

„Ein bitterer Ausfall für das Team“, erklärte der Kommentator. „Es hätte Nicolas Lautners bestes Ergebnis in dieser Saison werden können. Ich hoffe, wir bekommen noch einmal eine Einspielung des Unfalls. Wenn ich mich nicht irre, wurde der Zusammenstoß von einem Wagen von Amber Heart Racing provoziert.“

Ava stöhnte auf.

Endlich wurden Bilder des Vorfalls gezeigt. Entsetzt erkannte Ava Fredericks Wagen. Lautner hatte zum Überholen angesetzt und dann aus irgendeinem Grund das Lenkrad verrissen. Seine Schnauze stieß an den Frontflügel von Frederick und schien irgendetwas beschädigt zu haben. Dann zog Lautners Wagen nach links und krachte in einen zweiten Wagen. Während sein Rennwagen in Flammen aufging, sah das zweite beteiligte Fahrzeug ziemlich demoliert aus.

Die Übertragung sprang wieder auf das Live-Bild um. Das Safety Car befand sich auf der Strecke. Ava entdeckte Frederick, der offensichtlich das Rennen fortgesetzt hatte, allerdings langsamer geworden war. Gerade bog er in die Boxengasse ein.

„Ich muss meine Aussage von vorhin revidieren“, sagte der Kommentator. „Ganz offensichtlich trägt Frederick Aigner keine Schuld an dem Unfall. Bleibt zu hoffen, dass der junge Fahrer nun die Nerven nicht verliert. Bis vor wenigen Augenblicken konnte er mit seiner Leistung am heutigen Tag nämlich sehr zufrieden sein.“

„Verdammt, hoffentlich ist nicht zu viel kaputt gegangen.“ Ava schnappte sich die Popcornschüssel und begann nervös zu kauen. „Er wäre sogar an sechster Stelle gewesen. Das wäre ein großartiges Ergebnis.“

Ihr Blick klebte genauso wie der ihrer Freundinnen am Bildschirm. Fredericks Stimme war zu hören, der über Funk mit seinem Renningenieur kommunizierte. Ava verstand die englischen Fachausdrücke nicht, aber es klang nicht, als wäre alles in Ordnung.

Frederick hielt an. Die Mechaniker eilten mit einem neuen Frontflügel herbei und tauschten ihn aus. Ihre Bewegungen wirkten geübt und wohlüberlegt. Dennoch dauerte dieser Umbau unglaublich lange.

Das Safety Car verließ bereits wieder die Rennstrecke, als Fredericks Wagen freigegeben wurde.

Sein Motor heulte auf. Er fuhr mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit aus der Boxengasse. Ein Wagen raste an ihm vorbei, bevor er über die Sicherheitslinie fahren konnte. Schließlich reihte er sich an siebter Stelle wieder ein.

„Das ist doch auch nicht schlecht“, versuchte Milla Ava zu beruhigen.

„Wenn der Wagen nicht mehr abbekommen hat. Er muss noch drei Runden durchhalten. Jetzt hilft nur Daumendrücken.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sah, wie auch Alessia und Milla ihre Daumen in ihre Fäuste drückten.

In der nächsten Runde schien es, als würde Frederick nicht mehr zu seinen Bestzeiten zurückkehren können. Ob der Unfall ihn verunsichert hatte? War er nicht mehr in der Lage zu kämpfen.

Sein Teamkollege Marc Raschen versuchte ihn zu überholen. Da endlich schien Frederick sich von seinem Schock zu erholen und konnte einen kleinen Vorsprung herausholen.

Ava merkte, dass sie den Atem angehalten hatte und sog die Luft tief in ihre Lungen. Es war total lächerlich. Sie hatte bislang nur ein paar Worte mit ihm gewechselt. Sie kannten sich weniger gut als Ava und ihr Postbote. Er war nur irgendein viel zu attraktiver Kerl, dem sie gleichgültig war. Dennoch brauchte sie die Bestätigung, dass es ihm gut ging. Trotzdem wünschte sie ihm alles Glück. Besser, sie dachte über die Gründe hierfür nicht nach.

Noch eine Runde konnte Frederick gut hinter sich bringen. Dann begann er als Siebter die letzte Runde. In eineinhalb Minuten wäre das Rennen entschieden.

Ihr taten bereits die Finger weh, weil sie sich beim Daumendrücken so verkrampfte. Sie rutschte bis an die Kante des Sofas vor und ließ den Fernsehbildschirm nicht aus den Augen. Für die meisten Zuschauer war interessant, wer das Rennen gewinnen würde. Deshalb gab es hauptsächlich Bildmaterial von den ersten drei Fahrern.

Die Kamera zeigte gerade das Duell zwischen dem dritten und zweiten Rennwagen. Ava hörte nicht einmal auf die Namen. Sie konzentrierte sich ausschließlich darauf, einen kurzen Blick auf Frederick erhaschen zu können.

„Nicht schon wieder“, jammerte Milla.

Zwei Rennwagen waren abseits der Strecke ineinander gekeilt stehen geblieben. Die Fahrer hatten ihre Wagen bereits verlassen und beschimpften sich hitzig. Ava verstand ihre Frustration. Für sie war das Rennen knapp vor der Ziellinie gelaufen.

„Ist eines davon UNSER Auto?“, fragte Alessia.

Ava schüttelte den Kopf. „Nein, der Unfall war vor Frederick. Schau, da kommt er gerade vorbei. Die beiden lagen an vierter und fünfter Stelle.“ Plötzlich riss sie die Augen auf. „Wisst ihr, was das bedeutet?“

Milla nickte. „Natürlich. Dass er verdammt viel Glück gehabt hat.“

„Das auch. Aber er ist jetzt Fünfter, wenn er es ins Ziel schafft. Das beste Ergebnis seiner Karriere!“

Der erste und der zweite Wagen gingen bereits durchs Ziel. Platz drei folgte kurz darauf. Der Jubel der Zuschauer war zu hören. Doch für Ava stand die wichtigste Entscheidung noch aus.

Frederick bog auf die letzte Gerade. Nur noch ein paar Meter und er hätte die Ziellinie erreicht. Direkt vor ihm befand sich noch ein Wagen. Frederick setzte an, um ihn zu überholen.

„Warum geht er nicht auf Nummer sicher?“, rief Ava entsetzt. Sie richtete sich so abrupt auf, dass Popcorn auf den Boden fiel. „Wenn dieses Überholmanöver jetzt schiefgeht!“

Tatsächlich hatte Frederick Schwierigkeiten, an dem anderen Wagen vorbeizukommen. Sein Konkurrent wollte nicht so kurz vor dem Ziel noch einen Platz verlieren. Er zog nach rechts und schnitt Frederick damit den Weg ab. Doch der schien dieses Manöver vorhergesehen zu haben. Noch während der Vordermann nach rechts lenkte, scherte Frederick nach links aus und drückte das Gaspedal durch. Auf dieser Seite hatte er genug Platz.

Die Ziellinie näherte sich furchtbar schnell. Auf einmal waren die beiden Fahrzeuge Seite an Seite. Ava sprang auf, als sie die Spannung nicht mehr ertrug. „Jetzt mach! Nur noch ein paar Zentimeter!“

Die Leute auf der Tribüne stimmten in Avas Schreie ein. Die Geräuschkulisse in Avas Ohren wurde allerdings immer leiser. Sie hielt neuerlich die Luft an. Und dann rasten die beiden Fahrzeuge über die Ziellinie.

„Hat es gereicht?“, fragte Milla. „Ich konnte es nicht erkennen. War Frederick vorne?“

„Ich glaube, es ist sich ausgegangen“, murmelte Ava.

Der Moderator schien sich ebenfalls unsicher zu sein. Endlich wurde von einer Kamera in der Vogelperspektive gezeigt, wie die beiden die Ziellinie überquerten.

„Ja! Unglaublich! Frederick hat den vierten Platz gemacht. Ganz knapp die Top Drei verpasst.“ Ein breites Grinsen hatte sich auf Avas Gesicht geschlichen.

„Na wenn er jetzt keinen Grund zum Feiern hat, weiß ich auch nicht“, meinte Alessia mit einem Lachen.

Plötzlich wurde Ava ernst. Bestimmt würde er den Ausgang des Rennens ausgiebig feiern. Wenn sie an all die Bilder dachte, die sie in den Zeitschriften entdeckt hatten, würde er es nicht alleine tun. Warum störte sie dieser Gedanke bloß so?

Kapitel 7

Sonntag, 16. April 2017

„Junge, ich dachte, ich müsste dir die Ohren lang ziehen, als du versucht hast, Miko Shukama zu überholen. Ehrlich! Was hast du dir nur dabei gedacht?“, dröhnte es in Fredericks Ohren.

Er lachte und winkte dem Publikum zu. Ein Teil des Applauses gehörte heute ihm. „Dass ich unbedingt noch einen Platz gutmachen will, Xander.“

„So etwas kannst du mir nicht antun. Ich dachte, du hättest den Verstand verloren.“ Ganz offensichtlich hatte der Renningenieur vor lauter Aufregung vergessen, dass man ihr Gespräch mitanhörte.

Später würde Frederick ihm erklären, genau gewusst zu haben, was er tat. Shukama zog immer nach rechts, wenn er auf einer Geraden verhindern wollte, überholt zu werden. Es war eine sichere Nummer gewesen. „Sag endlich, dass du dich freust.“

Xander schnaufte. „Ich bin verdammt stolz auf dich, Junge. Außerordentliche Leistung.“

„Das Team war großartig.“ Er fuhr zurück in die Box und kletterte aus dem Wagen.

Die Mechaniker und Techniker jubelten, klopften ihm auf die Schulter, umarmten ihn. Grinsend ließ Frederick die Gratulationen über sich ergehen. Es fiel ihm schwer, die Gefühle, die in ihm brodelten, zu benennen. Er war nicht so verrückt zu bedauern, das Siegertreppchen verpasst zu haben. Nachdem sie in der letzten und ersten Saison von Amber Heart Racing hart gearbeitet, getüftelt und aus Fehlern gelernt hatten, war dieses Ergebnis zugegebenermaßen unerwartet und berauschend. Aber es handelte sich nur um einen ersten wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Nicht mehr und nicht weniger.

„Gratuliere, Frederick.“ Marc schaffte es tatsächlich, bei seinen Glückwünschen ehrlich zu klingen. Er legte eine Hand in Fredericks Nacken und zog ihn kurz zu sich, um ihn zu umarmen. „Du kannst stolz auf dich sein.“

Einen Moment lang waren sie keine Rivalen, sondern Kollegen, die für das gleiche Team arbeiteten. Fredericks Erfolg würde auch positive Auswirkungen für Marc haben.

„Ich danke dir. Es hat sich ausgezahlt, dass wir die Boxenstopps so oft trainiert haben. Jede Handbewegung hat gesessen.“ Er lächelte. „Ich glaube, wir haben Glück, Teil von Amber Heart Racing zu sein.“

„Ja, Herr Gruber hat den Winter über ein paar fähige Leute angestellt. Von der Erfahrung der alten Hasen werden wir alle profitieren.“

„Hast du Xander gehört?“ Frederick zog eine Grimasse. „Seiner Meinung nach hätte ich es beim fünften Platz belassen sollen.“

Marc grinste. „Keine Ahnung, was er hat. Ich hätte es an deiner Stelle ebenfalls versucht, auch wenn ich an deiner Stelle aufgegeben hätte, als Shukama dir den Weg abgeschnitten hat.“

„Du weißt doch, ich bremse immer zu spät.“

Sein Kollege grinste und klopfte ihm auf die Schulter. „Dann hast du dieses Mal richtig gelegen. Ich hoffe, du hast den richtigen Zeitpunkt jetzt gefunden.“

„Herr Aigner!“ Ihr Boss rief nach Frederick.

„Wir sehen uns.“ Er verabschiedete sich mit einer Kopfbewegung und ging dann auf Herrn Gruber zu.

Wie erleichtert der Boss aussah! Endlich ein Licht am Horizont. Jetzt würden sich vielleicht neue Investoren finden lassen. Frederick wusste, der finanzielle Druck im Team war hoch.

„Sie haben mir einen Schrecken eingejagt, Aigner. Ich dachte schon, Sie würden auf den letzten Metern zum Ziel noch ausscheiden.“

„Das hätte ich niemals gewagt, Boss.“

Herr Gruber umarmte ihn. Wenn Frederick sich nicht täuschte, wirkten seine Augen verdächtig feucht.

„Gut gemacht. Die Presse ist ganz aus dem Häuschen. Draußen wartet wieder einmal ein Kamerateam auf Sie.“

„Neuerlich die Truppe vom letzten Mal?“, erkundigte Frederick sich.

„Nein, keine Sorge. Mir ist bewusst, dass diese Leute mit ihren Fragen übers Ziel hinausgeschossen sind. Es ist jemand vom ORF. Solange die offizielle Pressekonferenz noch nicht gestartet ist, würden sie gerne dem österreichischen Team zu ihrem Erfolg gratulieren.“

„Ich mache mich gleich auf den Weg.“

Dieses Mal nahm er sich aber die Zeit, mit einem Kamm sein Haar glatt zu frisieren. Er würde die Kappe nicht noch einmal abnehmen, nachdem die Presse am Freitag nach der Ausstrahlung des Interviews seine „neue Frisur“ gleich zum Thema gemacht hatte.

Als er aus der Box trat, wurde ihm von einigen Kollegen gratuliert.

Die Moderatorin des ORF eilte ebenfalls auf ihn zu, das Kamerateam im Gefolge. „Herr Aigner! Haben Sie ein paar Sekunden für uns?“

„Natürlich.“ Diesmal musste er sich keine Mühe geben, sein schönstes Lächeln zu zeigen.

„Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu Platz vier. Haben Sie zu Beginn dieses Rennwochenendes mit so einem Ergebnis gerechnet?“

„Vermutlich sollte ich jetzt sagen, dass ich mir sicher war, die harte Arbeit des Teams würde sich heute endlich bezahlt machen, ich hätte den Erfolg vorausgeahnt. In Wirklichkeit hat das Wochenende allerdings begonnen wie sonst auch. Wir haben uns wie immer gut vorbereitet. Doch auf den vierten Platz hätte ich niemals zu hoffen gewagt.“

„Der Unfall mit Nicolas Lautner hätte beinahe das Ende des Rennens für Sie bedeutet. Was ist in diesen Sekunden in Ihnen vorgegangen?“ Sie hielt ihm das Mikrofon vor die Nase.

„Ich dachte, man hätte mein Fluchen bis in die Pressekabinen gehört.“ Er lachte. „Der Zusammenstoß hat mich überrumpelt. Doch dann habe ich mich auf das konzentriert, was ich am besten kann: Fahren. Ich habe sofort gespürt, als am Chassis etwas kaputt gegangen ist. Man sagte mir, wir müssten den Frontflügel austauschen. Ein großer Schock. Aber ich möchte mich an dieser Stelle beim Team bedanken, das den Wechsel so schnell durchgeführt hat.“

Die Moderatorin nickte. „In der letzten Runde wurde es noch einmal spannend. Zuerst der Ausfall von Phelber und Weiss und danach befanden Sie sich plötzlich in Schlagweite von Miko Shukama. War ihnen sofort klar, Sie könnten ihn überholen?“

„Ich wollte es zumindest versuchen. Miko wollte es mir natürlich nicht leichtmachen, aber kampflos konnte ich mir diese Chance nicht entgehen lassen. Es war eine Bauchentscheidung. Ich habe meinen Fähigkeiten vertraut und viel Glück gehabt.“

Ganz so unüberlegt hatte er nicht gehandelt, aber er würde sich hüten und Mikos Schwachpunkt erwähnen. Besser, man hielt ihn für einen unvorhersehbaren Heißsporn.

„Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Wir drücken Ihnen die Daumen für die nächsten Rennen. Vielleicht können Sie demnächst an den Erfolg von anderen berühmten österreichischen Fahrern anschließen.“

Frederick lächelte. „Dankeschön. Ich arbeite daran. Viel Spaß noch an diesem Sonntag. Und vielen Dank an das Publikum für die großartige Unterstützung.“

Die Moderatorin wandte sich von ihm ab und lächelte in die Kamera. „Das war Frederick Aigner. Bestimmt werden wir von dem jungen Fahrer noch einiges hören. Jetzt gebe ich aber zurück an Tom. Wie ich höre, sind die drei ersten Fahrer im Pressezentrum eingetroffen.“

Sein Ziel war es, irgendwann an dieser Pressekonferenz teilzunehmen. Irgendwann würde jeder seinen Namen kennen.

Kapitel 8

Mittwoch, 19. April 2017

„Wenn du am Wochenende genauso unkonzentriert gefahren wärst, hättest du nicht mal den vorletzten Platz geschafft“, stichelte Ava und schien furchtbar stolz auf sich, weil sie sich von seiner Gegenwart nicht einschüchtern ließ.

„Anfängerglück“, behauptete Frederick, als sie ihn überholte. Er war froh, dass sie inzwischen nicht mehr ständig rot anlief. „In der nächsten Kurve kriege ich dich wieder.“

Ava war extra früh von der Firma aufgebrochen, damit sie noch One Car Uno spielen konnten. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sie so in Beschlag nahm. Aber wenn er ehrlich war, genoss er es, Zeit mit ihr zu verbringen. Sie war so ganz anders als die Frauen, die er datete. Bei ihr musste er nicht jedes Wort auf die Waagschale legen. Ava versuchte nicht, über ihn in die Presse zu gelangen. Sie hatten einfach Spaß.

Vielleicht würde er seinen Agenten bitten, ihre Arbeitszeit bei ihm zu verlängern. Die Optik des Gartens war ihm eigentlich egal, auch wenn Unordnung dort draußen besser keine Aufmerksamkeit bei den Fotografen erregte, die auf einen Fehler von ihm warteten.

Noch einmal gelang es ihr beinahe, seinen Wagen einzuholen. Doch Frederick ging knapp vor ihr durchs Ziel.

„Nimm es nicht so schwer“, meinte er lachend, als sie einen verärgerten Laut von sich gab.

„Es wird mit jeder Runde knapper. Das nächste Mal schlage ich dich.“

„Ehrlich, Ava. Du bist wirklich gut. Es war verdammt eng. Kein Grund, dir deswegen Druck zu machen.“ Er knuffte sie in die Seite. „Ich muss mich anstrengen, damit ich nicht verliere.“

Sie wandte den Blick ab. Röte kroch über ihr Gesicht. „Besser, ich mache mich an die Arbeit.“

„Möchtest du nicht erst noch etwas trinken?“ Er wollte, dass sie noch blieb.

„Aber der Garten …“

„… läuft nicht davon.“ Er lächelte sie an und er konnte sehen, dass ihr Widerstand schmolz.

„Na schön. Ich bin tatsächlich durstig.“ Sie folgte ihm in die Küche.

Frederick reichte ihr eine Flasche Cola. „Wie war dein Wochenende? Hast du die Zeit genutzt, um die Strecke von Sotschi zu üben? Vielleicht magst du mich beim Training etwas unterstützen.“

„Ehrlich gesagt habe ich mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht. Es gab da ein Sportereignis, das ich mir nicht entgehen lassen wollte.“ Sie wurde rot.

„Ach, du warst diese eine Person, die das Rennen gesehen hat? Die Zuschauerzahlen sollen ja so schlecht gewesen sein wie schon lange nicht mehr“, feixte er.

„Die Sicht war vorübergehend nicht sonderlich gut. Diese gegenseitige Beweihräucherung schon vor dem Rennen verursachte ziemliche Rauchentwicklung.“

Er lachte. Gott, sie ließ sich wahrlich nicht von der ganzen Show blenden.

„Dabei dachte ich, mein Lobgesang auf das Team wäre das, was die Leute hören wollen.“

„Ich habe ihn dir sogar abgekauft. Trotzdem war beim Interview dieses Funkeln in deinen Augen, das deutlich gezeigt hat, was du wirklich gedacht hast.“

„Und was wäre das?“ Er lehnte sich neugierig gegen die Arbeitsplatte.

Ava stellte die Flasche ab und hüpfte auf die Marmorplatte. Sie ließ ihre Beine baumeln und begann zu grinsen. „Du hast gedacht, dass du dir eine richtige Interviewstunde mit kreischenden Fans und einem riesigen Pokal verdient hättest.“

„Fast“, gestand er. „Den Pokal hole ich mir beim nächsten Mal, wenn ich wirklich auf dem Treppchen stehe. Aber wir haben unseren Erfolg auch ohne Pressekonferenz gefeiert.“

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. „Die Frau war wirklich hübsch.“

Er erinnerte sich nur vage an die kurvige Brünette mit der viel zu hohen Stimme. Nach ihrem Namen hatte er ohnehin nicht gefragt. Welche Farbe hatten ihre Augen gehabt? Hatte er ihr überhaupt einmal in die Augen geschaut? Er zuckte mit den Schultern. „Vermutlich, sonst wäre ich nicht mit ihr ins Hotel gegangen.“

Ihre Augen weiteten sich beinahe schockiert.

„Tut mir leid. Das klang mehr nach Macho als ich wollte. Wenn ich abends weggehe, lerne ich problemlos hübsche Frauen kennen. Die, die wirklich etwas zu sagen haben, sind allerdings Mangelware.“ Er grinste schief und hob eine Augenbraue. „Wenn du ein wenig älter wärst und ich weniger Flausen im Kopf hätte, gäben wir ein gutes Team ab.“

Neuerlich errötete sie. „So jung bin ich gar nicht.“

„Jedenfalls zu jung. Aber es freut mich, dass du das Rennen vor dem Bildschirm verfolgt hast. Du warst wahrscheinlich mein Glücksbringer.“

„Allzu gut hab‘ ich meinen Job aber nicht gemacht.“ Sie zog eine Grimasse. „Bei dem Unfall ist mein Herz beinahe stehengeblieben. Gott sei Dank ist Nicolas Lautner nichts passiert.“

„Er hatte unheimliches Glück.“

Sie trank ihre Cola leer. „Kennst du ihn gut?“

„Wann kennt man jemanden schon? Es gibt nur wenige Freundschaften im Rennzirkus. Die Konkurrenz untereinander ist einfach zu groß.“

„Aber ihr macht alle den gleichen Job. Da kommt man sich doch näher“, überlegte Ava.

„Wie viele Freunde hast du denn in der Firma, in der du arbeitest?“

Sie sog die Unterlippe ein und schien zu überlegen. „Ich glaube, ich würde niemanden dort meinen Freund nennen“, gab sie zu. „Aber das hat andere Gründe als bei dir.“

„Der Altersunterschied?“, mutmaßte er.

„Für wie alt hältst du mich denn?“, erkundigte sie sich pampig.

Oje. Das war ein Thema, bei dem Frauen immer furchtbar empfindlich reagierten. Egal was er sagte, es wäre das Falsche.

„Ist ja auch egal“, wiegelte er ab.

„Stimmt. Ich muss ohnehin los.“ Sie rutschte von der Arbeitsplatte und hielt ihm die leere Flasche entgegen. Bevor er jedoch danach greifen konnte, rutschte sie ihr aus der Hand. Mit einem dumpfen Geräusch kam sie auf dem Boden auf und rollte davon. „Verdammt. Tut mir leid.“

Er bückte sich, um die Flasche aufzuheben, doch sie war schneller. Ihre Finger berührten sich. Er spürte einen elektrischen Schlag und zog seine Hand zurück. Mit roten Wangen griff sie nach der Flasche und stellte sie neben den Kühlschrank.

Irgendwie fand er ihre Tollpatschigkeit süß. Vielleicht sollte er trotzdem aufhören, sie zu necken und durcheinanderzubringen. Sein Lächeln gegen sie einzusetzen war nicht nett. Fehlte noch, dass sie sich in ihn verliebte. Herzen brach er nie mit voller Absicht. Besonders nicht, wenn er sein Gegenüber mochte. Aber Ava wäre auch nicht die Richtige für ihn, selbst wenn der Altersunterschied nicht wäre. Wenn er sich denn irgendwann an eine Frau binden würde, dann wäre es niemand mit einem bodenständigen Job. Er wollte eine Frau, für die er beneidet wurde. Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren.

„Schon gut. Ist ja nichts passiert“, sagte er. „Kommst du übermorgen wieder vorbei?“

„Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe. Mein Chef wird schon misstrauisch.“ Sie zog eine Grimasse. „Keine Ahnung, warum er der Meinung ist, dass ich in meiner Arbeitszeit auch tatsächlich arbeiten sollte.“

„Ich habe mir gedacht, ich könnte den Auftrag an deine Firma aufstocken. Wenn mein Agent dir mehr Stunden zahlt, kannst du den Garten auf Vordermann bringen UND mit mir trainieren.“

Sie schüttelte den Kopf. „Du kannst mich doch nicht dafür bezahlen, dass ich Computer spiele. Das wäre … nein. Das geht nicht. Aber wie wäre es, wenn ich am Abend vorbeikomme, sobald mein Dienst zu Ende ist?“

„Gerne. Dann sehen wir uns gleich heute?“

Ihr Blick hielt seinem nicht stand. Sie räusperte sich mit gesenktem Kopf. „Wenn du magst.“

Wenigstens klang sie erfreut.

„Unbedingt. Wie wäre es um vier?“

Bei seiner Frage brach sie tatsächlich in Gelächter aus. „Wer aus deinem Bekanntenkreis arbeitet denn bitteschön nur bis vier? Vermutlich kann ich um sechs da sein. Vielleicht bringe ich uns Pizza mit. Ich komme auch durch den Seiteneingang, damit niemand etwas merkt.“

„Abgemacht. Ich freue mich drauf.“ Und verrückterweise tat er das tatsächlich. Sie war ganz anders als die Frauen, mit denen er normalerweise zu tun hatte. Ihre Bodenständigkeit und Natürlichkeit stellte eine erfrischende Abwechslung zu all den künstlichen weiblichen Wesen dar, die er sonst kennenlernte. Und ihre Tollpatschigkeit hatte etwas Niedliches. Dieser kleine Urlaub von seinem Alltag tat ihm richtig gut.

Kapitel 9

Mittwoch, 3. Mai 2017, zwei Wochen später

War sie jemals so glücklich gewesen wie in den letzten Wochen? In der Gartenbaufirma lief es gut. Sie hatte immer viel zu tun, sodass sie den Einmischungen ihres Vaters entgehen konnte.

Und ihr Privatleben war furchtbar spannend geworden. Die Spieleabende mit Frederick, die Gespräche, die sie führten, der Spaß, den sie zusammen hatten, der Blick in eine aufregende Welt, den er ihr vermittelte – das alles war mehr als sie sich jemals erträumt hatte. Doch die Heimlichkeit, zu der sie gezwungen waren, versetzte ihr von Treffen zu Treffen einen Stich ins Herz.

Ava drehte bereits die dritte Runde um Fredericks Haus und hatte noch immer keinen Parkplatz gefunden. Sie warf einen Blick auf die Uhr und fluchte. Ihr Vater hatte allen drei Mitarbeitern der Firma Überstunden angeordnet, weil überraschend einige neue Gartengestaltungsaufträge eingegangen waren. Kundengespräche mussten geführt, Pläne gezeichnet werden. Aber das hatte Ava heute nicht gebrauchen können. Die Verabredung mit Frederick war schon lange vereinbart gewesen.

Da! Endlich ein freier Platz, zwei Straßen von Fredericks Haus entfernt.

Sie lenkte ihren Wagen in die Lücke, schnappte ihre Tasche und machte sich auf den Weg zu Fredericks Grundstück.

Sein Agent hatte ihr den Schlüssel für das kleine Tor auf der Hinterseite des Gartens gegeben, damit sie unbemerkt das Grundstück betreten konnte. Er wusste nur nicht, dass sie ihn inzwischen auch außerdienstlich nutzte. Wie sehr sie sich inzwischen darüber ärgerte! Sie hatte kein Problem damit, während ihrer Arbeitszeit auf diesem Weg zu Frederick zu gelangen. Dann war sie in seinem Auftrag unterwegs und hatte ihn nicht zu stören. Doch heute Abend hatten sie eine Spielverabredung. Sie würde nicht arbeiten. Warum also musste sie sich zu ihm schleichen, als wäre sie ein schmutziges Geheimnis?

Gerade als sie das Tor aufgeschlossen hatte, begann ihr Handy zu klingeln. Sie zog das Tor hinter sich zu und angelte es aus ihrer Tasche.

Ihr Vater! Oh je, das gab Ärger.

„Hallo, Papa. Was gibt’s?“, erkundigte sie sich scheinheilig, obwohl sie genau wusste, wieso er anrief.

„Wo bist du denn? Du solltest doch den Gartenplan für die Wegeners fertig machen.“

Sie ging an den Sträuchern, die den Garten vor neugierigen Blicken schützten, entlang Richtung Haus. „Den zeichne ich morgen früh. Jetzt habe ich noch etwas zu erledigen.“

„Der Plan ist wichtig. Wir arbeiten in der Sache als ganze Familie zusammen. Martin muss die benötigten Pflanzen rechtzeitig für uns besorgen. Die Wegeners wollen in zwei Monaten in ihrem Garten heiraten. Dann muss alles fertig sein. Sonst bekommt Lena den Auftrag für die Blumengestecke für die Hochzeit nicht. Und du weißt, wie dringend sie den Auftrag braucht.“

Ava seufzte. „Ich weiß. Morgen früh.“

„Wenn ich nicht mit dem Garten für Herrn Buchsbaum beschäftigt wäre, würde ich mich selbst darum kümmern. Du wirst morgen eine Stunde früher beginnen, sonst schaffen wir das nicht in der geforderten Zeit.“

„Jawohl, Boss.“ Sie blickte in Richtung von Fredericks Haus. Die in Avas Rücken untergehende Sonne spiegelte sich auf der Glasfront des Wohnzimmers, sodass sie keine Details im Inneren erkennen konnte.

„Achte auf deinen Tonfall, Ava. In meinen Augen darfst du als Tochter des Chefs keine Sonderbehandlung erwarten.“

Einmal tief Luft holen.

„Ich weiß, Papa. Morgen früh stehe ich um sieben im Laden und kümmere mich um den Plan. Versprochen. Aber jetzt muss ich leider Schluss machen.“

„Was hast du eigentlich Geheimnisvolles vor?“, erkundigte ihr Vater sich.

„Nichts, was du spannend finden würdest. Wir reden morgen. Bis dann.“ Sie wartete nicht ab, bis er sich von ihr verabschiedet hatte. Stattdessen drückte sie den Anruf weg und steckte das Handy wieder in die Tasche.

Eine Stunde früher aufstehen. Na toll! Etwas, worauf sie sich nicht sonderlich freute. Aber die Zeit mit Frederick war jeden Ärger wert. Sie trat auf die Terrasse.

„Da bist du ja endlich!“, begrüßte er sie, als er auf ihr Klopfen hin öffnete. Sein besonderes Grinsen war noch breiter als sonst.

„Sorry. Ich wurde in der Firma aufgehalten. Du wirkst so aufgedreht, als hättest du den ersten Platz beim nächsten Rennen schon fix zugesagt bekommen.“

Er griff nach ihrem Ellbogen und zog sie in die Küche. „Heute Vormittag hat mich mein Agent angerufen. Ich habe einen dicken Werbedeal an Land gezogen. Die Einzelheiten sind schon geklärt. Das ist fast so gut wie ein garantierter erster Platz.“

„Wow!“ Sie meinte damit sowohl die Informationen als auch das Bild, das sich ihr in der Küche bot. In einem Sektkübel standen eine Flasche Champagner, daneben zwei Gläser und zwei Teller mit Häppchen, die aussahen, als stammten sie von irgendeinem Nobelcaterer.

„Wir müssen doch feiern.“ Er entkorkte geübt die Champagnerflasche und schenkte die sprudelnde Flüssigkeit in die Gläser.

„Kommt noch jemand?“, fragte sie etwas perplex.

Das hier hatte er wahrscheinlich für seine besten Freunde organisiert. Sie sollte verschwinden, bevor seine Kumpels kamen und sich über ihr Outfit lustig machten. Ava hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, ihre Arbeitskluft loszuwerden.

„Nein, wieso?“ Mit blitzenden Augen hielt er ihr ein Glas entgegen. Dann stockte er. „Du darfst doch schon Alkohol trinken, oder?“

Oh Mann! Sie sollte das Missverständnis ihr Alter betreffend möglichst bald aufklären. Aber wenn er erfuhr, dass sie kein junges Mädchen war, wollte er möglichweise keine Zeit mehr mit ihr verbringen. Er hatte diese seltsame Regel, sich mit einer Frau nicht öfter als dreimal zu treffen und höchstens einmal mit ihr zu schlafen. Ava schien für ihn als Frau unsichtbar, war deshalb von dieser Regelung für Verabredungen nicht betroffen. Sie verdrängte die ungerechtfertigte Enttäuschung. Mit wem verbrachte er schon so viel Zeit wie mit ihr?

Avas Herz klopfte schneller, als sie ihm das Glas abnahm. Sie hatte ihn gerne. Viel zu gerne. Aber das durfte er niemals erfahren.

Er ließ sein Glas an ihres klingen. „Auf meinen aufsteigenden Stern.“

Lachend schüttelte sie den Kopf. „Du kannst doch nicht auf dich selbst anstoßen.“

„Mein Toast hatte was mit meiner Karriere zu tun. Also schau mir tief in die Augen und trink dann einen Schluck, damit das Glück mich nicht verlässt.“

Wunschgemäß erwiderte sie seinen Blick, tauchte förmlich in das Braun seiner Augen ein. Hitze flutete ihren Körper, als die Sehnsucht sich wie eine Spirale in ihrem Bauch zu drehen begann. Nur zu gerne würde sie ihn jetzt umarmen, sich an seinem muskulösen Körper schmiegen und ihn küssen, an dieser vollen Unterlippe knabbern. Sie war nicht in der Lage, sich zu bewegen, als würde die Erdanziehungskraft sie an Ort und Stelle halten. Vielleicht war das ihre Rettung vor einer peinlichen Übersprunghandlung.

Erst als Fredericks Lächeln etwas von seiner Strahlkraft verlor, wurde ihr klar, dass sie ihn mit ihrem unverhohlenen Anstarren vor den Kopf stieß. Sein Gesichtsausdruck wirkte irritiert.

Sie zwang sich, den Blick zu senken und einen Schluck von dem Champagner zu kosten. So ein edles Getränk hatte sie noch nie zu sich genommen. Irgendwie wäre ihr ein Bier dennoch lieber gewesen.

„Erzähl mal. Was für ein Werbedeal ist das genau?“

Etwas zu hastig nahm sie noch einen Schluck und zog eine Grimasse, als die Flüssigkeit unangenehm in ihrem Magen kribbelte.

„Ich werde Werbung für eine Parfümmarke machen. Dann kann demnächst jeder Mann dieser Welt so riechen wie ich“, berichtete er zufrieden.

„Du meinst wie der Typ, der den vierten Platz in Bahrain erzielt hat?“, erkundigte sie sich mit einem schiefen Lächeln. Ihn aufzuziehen, schien ihr eine bessere Idee zu sein, als sich auf ihn zu stürzen, weil er so anziehend auf sie wirkte.

„Nein, wie der Teufelskerl, der sich beinahe bis auf das Treppchen vorgekämpft hat, obwohl er noch nicht lange in der Formel 1 mitmischt“, korrigierte er und schob ihr den Teller mit den Häppchen zu.

„Hauptsache, du bist von dir überzeugt.“ Sie steckte eines der kleinen Brötchen in den Mund. „Lecker. Will ich wissen, wieviel die gekostet haben?“

„Fünf Euro das Stück.“

Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund, um das teure Zeug nicht aus Versehen auszuspucken. „Ehrlich?“

Seine Augen funkelten, als er ein Lachen unterdrückte. „Du meintest doch, es würde dir schmecken.“

„Sicher. Und wenn ich den Preis vorher gewusst hätte, wäre es nicht im Ganzen in meinem Mund gelandet. Ich hätte mindestens zehn Mal abgebissen. Gibst du immer so viel Geld für Essen aus?“

Er schüttelte den Kopf. „Diese Häppchen sollte ich genauso wenig essen wie die Pizza das letzte Mal. Normalerweise muss ich auf meine Ernährung achten. Doch zur Feier des Tages darf ich auch einmal über die Stränge schlagen.“

„Immer wenn ich in Gefahr gerate zu vergessen, wer du bist, erinnerst du mich daran, mit einer Berühmtheit befreundet zu sein.“ Schockiert stolperte sie einen Schritt zurück. „Tut mir leid. Ich habe kein Recht anzudeuten, wir wären Freunde …“

„Unsinn. Klar sind wir Freunde. Wenn ich dich nicht mögen würde, verbrächte ich meine spärliche Freizeit doch nicht mit dir.“

Die Freude über seine Worte brachte ihr Herz zum Klopfen. Errötend nahm sie noch einen Schluck von dem Champagner und stellte das Glas dann ab. Champagner und sie würden keine Freunde werden. Aber das sagte sie ihm besser nicht.

„Und mit deinen anderen Freunden feierst du später? Du hast bislang noch nichts von ihnen erzählt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass du nicht unzählige Bekannte hast.“

„Bekannte habe ich tatsächlich genug. Sobald dein Gesicht im Fernsehen und in Zeitschriften auftaucht, bist du interessanter als ein rosa Einhorn. Aber solchen Leuten gehe ich lieber aus dem Weg.“ Er setzte sich auf einen der Hocker an der erhöhten Arbeitsplatte. „Mein Agent ist gleichzeitig mein bester Freund.“

„Hat das mehr Vor- oder mehr Nachteile?“, erkundigte sie sich.

Frederick lachte. „Ich sage dir Bescheid, wenn ich mir endgültig darüber im Klaren bin. Jedenfalls habe ich mit Falk gleich nach der erfolgreichen Vertragsverhandlung gefeiert, was bei ihm bedeutet, dass er mir einen Vortrag darüber gehalten hat, welche Verantwortung ich damit auf mich nehme.“

„Mit einem Werbedeal für ein Parfüm?“

„Na klar. Ich muss stundenlang gleichzeitig gut gelaunt, tiefgründig und sexy posieren, um vernünftige Fotos abzuliefern, die zum Kauf animieren.“

Sie streckte sich und boxte ihn gegen den Oberarm. „Spinner.“

„Autsch! Du schlägst ganz schön fest zu. Hoffentlich sieht man den blauen Fleck auf keiner Werbeanzeige.“ Er rieb sich mit gespielt schmerzverzerrtem Gesicht über die Stelle, die sie getroffen hatte.

„Falk meint, nachdem die Firma ihr Vertrauen in mich gesetzt hat, muss meine Leistung dem auch gerecht werden. Mein Bleifuß darf in der Presse nicht mehr zum Thema werden. Ich muss darauf achten, dass es für die Firma auch in Zukunft von Vorteil ist, wenn mein Name mit dem Produkt in Verbindung gebracht wird. Er hat lauter langweiliges Zeug aufgezählt. Aber diesen Aspekt meines Berufs im Auge zu behalten, ist schließlich sein Job.“

„Also ein Punkt auf der Nachteilsliste. Statt Spaß mit dir zu haben, muss er auf dich aufpassen.“

„So kann man es natürlich sehen.“

Ava stellte den Teller mit den Häppchen vor ihm ab, die er bislang noch nicht angerührt hatte. „Wenn doch noch unerwartet andere Leute hier auftauchen, musst du mir helfen, die zu vernichten“, meinte sie und biss vorsichtig von den sündhaft teuren Schnittchen ab.

„Wieso genießt du sie nicht alleine? Die meisten Frauen würden sich nicht zweimal bitten lassen.“

„Die meisten Frauen hätten auch kein schlechtes Gewissen, so viel Geld einfach zu essen oder die Sachen gar verderben zu lassen.“ Sie wollte nicht an all die Models denken, mit denen er ausging und die für ihre Figur gänzlich auf Essen verzichten würden.

Er hob eine Augenbraue, griff ein Brötchen und steckte es sich in den Mund. „Besser?“, fragte er undeutlich.

Sie nickte und ließ den Rest ihres Häppchens zwischen den Zähnen verschwinden. „Noch besser wäre es mit einer Flasche Bier. Der Champagner schmeckt, als hätte ihn ein Einhorn gepupst.“

Ihre Worte brachten ihn zum Lachen. Er hielt sich die Hand vor den Mund und drohte sich zu verschlucken. Ava musste um die Arbeitsplatte herumkommen und ihm kräftig auf den Rücken klopfen.

„Das war ja hinterhältig“, beschwerte er sich, als sein Hustenanfall geendet hatte. „Jetzt wünschte ich auch, ich hätte Bier hier, um den Mund damit auszuspülen. Aber von Alkohol halte ich mich üblicherweise lieber fern.“

Ava verdrehte die Augen. „Willst du damit sagen, ich bin für das Verschwinden der Häppchen, für die du ein Monatsgehalt ausgegeben hast UND für das Vernichten des Einhornpupses alleine zuständig?“

Frederick begann neuerlich zu lachen. „Bitte. Du bringst mich noch um!“

„Gibt es einen schöneren Tod, als beim Lachen zu ersticken?“, fragte sie und konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Ein warmes Kribbeln in ihrem Magen entstand, wenn er die für die Welt da draußen gedachte Maske fallen ließ. Dafür würde sie ihn rund um die Uhr zum Lachen bringen.

„Er gehört möglicherweise zu den Top Drei. Allerdings gibt es da eine Sache, die von nichts getoppt wird.“ Er ließ seine Augenbrauen hüpfen.

Ihr war klar, worauf er anspielte. Röte schoss in ihre Wangen. Sie räusperte sich und beschloss, das Thema zu wechseln, bevor sich unerwünschte Bilder in ihre Gedanken schleichen konnten. „Dein Agent ist also dein einziger Freund?“

„Nein.“ Er trank einen Schluck von seinem Glas Champagner. „Nein, das wäre vermutlich ziemlich traurig. Schließlich übertreibt Falk in seiner Rolle als mein Agent viel zu oft. Er und ich haben in der Schulzeit mit Charly ein eingeschworenes Team gebildet. Die Zwei kennen mich so gut wie sonst niemand.“

„Triffst du dich oft mit ihnen?“

„Charly ist nach Australien ausgewandert“, erzählte Frederick. „Der Liebe wegen. Dem unsinnigsten Grund überhaupt. Ich vermisse es, mit ihm abzuhängen.“

Ava nickte. Sie hörte die Traurigkeit in seiner Stimme. „Steht ihr trotzdem in Kontakt?“

„Wir skypen regelmäßig. Gerade jetzt, wo es so gut für mich läuft, würde ich mich freuen, wenn er hier wäre, um mir ab und zu den Kopf zu waschen.“

„Wenn du das nicht wörtlich meinst, übernehme ich gerne den Job. Keine Sorge, meine Kommentare werden dich auf dem Boden der Tatsachen festtackern.“

„Dazu bist du tatsächlich in der Lage.“ Lächelnd zwinkerte er ihr zu. „Vermutlich würdest du dich von dieser ganzen Oberflächlichkeit des Lebens als Berühmtheit nicht blenden lassen.“

„Ich bin, wer ich bin. Meine Sicht auf die Welt wird sich nicht so schnell ändern. Genauso wenig wie ich selbst.“

„Denken wir das nicht alle? Zumindest so lange, bis wir vom Ruhm korrumpiert werden.“ Er zog eine Grimasse.

„Mir wird das nie passieren“, war sie sich sicher. „Ich weiß, was ich will.“

Von Frederick als Frau wahrgenommen zu werden.

„Ich weiß, was möglich ist.“

Lediglich eine Freundin für ihn zu sein.

„Ich weiß, was ich dafür tun muss.“

Ihn nie merken zu lassen, was in ihr vorging.

„Und viel mehr brauche ich im Leben nicht.“

Womöglich schon, aber siehe Anfang der Argumentation.

„Diese Einstellung musst du dir bewahren. Magst du eine Runde One Car Uno spielen?“

Sie sah sehnsüchtig zu den Häppchen. „Wollen wir nicht vorher noch fertig essen?“

„Nimm die Dinger mit.“

„Aber dann saue ich dir das Lenkrad ein.“

„Wozu habe ich eine Putzfrau?“ Er schnappte sich einen Teller und brachte ihn ins Wohnzimmer. „Komm schon.“

Nach kurzem Zögern griff sie nach ihrem Glas Champagner und dem zweiten Teller und folgte ihm.

Während sie ein paar Runden auf der Rennbahn drehten, verputzten sie den Rest der Häppchen.

„Mir fällt auf, dass du immer anders bremst“, stellte Ava schließlich fest. „Auch in Kurven, die sich extrem gleichen.“

„Im Spiel mag es aussehen, als würde sie nicht viel unterscheiden. Aber in Wahrheit hat jede Kurve ihre Eigenheiten. Es kommt drauf an, welche Geschwindigkeit man beim Einbiegen draufhat. Je nach Eintrittswinkel ist die Haftung der Reifen unterschiedlich. One Car Uno simuliert die Reifenabnutzung ziemlich exakt. Gerate ich durch den Hinterradantrieb in einer Kurve zu stark ins Rutschen, lasse ich jede Menge Gummi auf dem Asphalt. Das muss ich bedenken, wenn ich die ideale Linie wähle.“

Sie seufzte. „Ich versuche ja, es dir nachzumachen. Trotzdem ist es mir noch kein einziges Mal gelungen, am Ende einer Runde mit dir auf einer Höhe zu sein. Geschweige denn dich zu überholen. Und dabei trainieren wir doch regelmäßig miteinander. Das ist fürchterlich entmutigend.“

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    Bettina Kiraly (Autor)

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Titel: Poleposition für die Liebe (Chick-Lit, Liebesroman)