Lade Inhalt...

Ein ganzes, süßes Leben (Liebesroman)

von Anna Herzig (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Zuerst gibt es für Sophie nur Christopher. Dann kommt Adrian und fühlt sich so viel richtiger an. Doch für Adrian ist in Sophies Leben kein Platz. Eine verpasste Chance, eine unglückliche Ehe und fünfundzwanzig Jahre später befindet sich Sophie erneut an einer Kreuzung. Plötzlich steht Adrian in ihrer Küche und von nun an mitten in ihrem Leben. Viel später, kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag, lässt Sophie die Vergangenheit Revue passieren, und es wird klar: Das Schicksal kennt kein Alter.

Ein Roman über das Erwachsen- und Älterwerden, über die Liebe und deren Stiefschwester, die unglückliche Liebe, und über eine essentielle Frage des Lebens: Was braucht es, um glücklich zu sein?

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Neuausgabe Dezember 2017

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-272-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-548-2

Copyright © der Erstausgabe 2014, Forever by Ullstein
Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Titel: Zeit für die Liebe

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung eines Motivs von
© Irina Bg/shutterstock.com, © N.Chiwcharoen/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Höhne

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

Prolog (Damals)

Links oder rechts, Sophie?
Links oder rechts? Was wird es?

„Ach, verdammt“, flüstert sie und beißt sich auf die Lippen. Zu fest, aber das stört nicht. Jetzt hilft der Schmerz, damit sie mit beiden Beinen am Boden bleibt. Ein paar Minuten noch, auf die anschließend eine schwere Entscheidung folgen wird. Egal in welche Richtung sie Anlauf nimmt. Wenn Sophie in diesem Augenblick ausreißt, bricht sie allen das Herz. Was wiegt schon das eigene gegen mindestens fünfzig enttäuschter Leben? Was hat sie dazu gebracht, Hochverrat in diesem Ausmaß an sich selbst zu begehen? Richtig.

Er.

Diese Hochzeit findet nicht im kleinsten Kreise statt, so wie vereinbart, sondern wurde zu der Hochzeit aufgebauscht. Nicht diese Hochzeit, sondern ihre Hochzeit. Daran sind die Eltern ihres zukünftigen Ehemannes schuld. Nur das Beste für die Schwiegertochter und zukünftige Mutter ihrer mit Sicherheit elitären Enkelkinder, die noch nicht geboren sind. Das erste ist noch nicht geboren, um genau zu sein. Sie streicht über ihren runden Bauch, in dem sich ihr Sohn befindet. Wie etwas so Wundervolles aus einer so furchtbaren Situation hervorgehen kann, entzieht sich ihrem Verständnis.

Sophie wird sich später kaum noch daran erinnern, wie wunderschön sie ausgesehen hat, wie makellos. Obwohl sich alles in und an ihr gegen diese Verbindung sträubt, sagt ihr der längliche, auf zwei Beinen stehende Spiegel mit Goldumrandung etwas anderes, nämlich: Sieh dich an. Du hast von Anfang an perfekt in diese Familie voller Überflieger mit unbegrenzten Mitteln gepasst. Es ist dir bestimmt, dieses Leben zu führen, eines, in dem Sorgen ein Fremdwort sind. Du wirst dich um nichts kümmern müssen, niemals wieder, flüstert die rationale Stimme, die, die Sophie gar nicht leiden kann. Weil sie nicht immer, aber meistens, recht hat. Die Kinder deiner Kinder werden keinen einzigen Tag in ihrem Leben arbeiten müssen. Überleg dir gut, wie du aufgewachsen bist, wie deine Eltern kämpfen mussten, damit ihr das Notwendigste hattet.

Aber was, wenn?

Drei Worte, die ihr seit Wochen Magenschmerzen verursachen. Aber was, wenn? Der andere Mann.

Wenn er dich wollen würde, wirklich inständig wollen würde, dann hättest du nicht dieses Ding in dir, das so sehr wehtut, dass es nicht mehr erträglich ist. Erfüllte Liebe verursacht keine Schmerzen. Verursacht selten Schmerzen, korrigiert die Stimme.

Du bist ihm egal, säuselt sie, du kannst nicht alles für einen Mann riskieren, der launisch ist, und weitaus schlimmer: Nicht weiß, was er will. Das sind die Gefährlichsten. Das weißt du mittlerweile. Um dieses Wissen zu erlangen, hat sie mit einer teuren und kostbaren Währung bezahlt:

Ihrem Seelenfrieden.

„Sophie?“ Das ist ihr Name. Und die Stimme ihres mittlerweile besorgten Vaters. Sie reagiert nicht. Wenn sie ganz still ist, vielleicht wäre es dann möglich, dass sie sich in Luft auflösen könnte, wenn sie sich nur stark genug konzentriert. Oder sie könnte sich irgendwie durch das kleine Fenster hindurchquetschen in die Freiheit, Adrian finden und ihm sagen … Was würde sie ihm denn sagen? Es liegt nicht an ihr. Nicht mehr. Er muss kommen, hat sie während der gesamten letzten Nacht gedacht, während sie sich von einer Seite auf die andere im Bett gewälzt hat, neben Christopher, ihrem Verlobten, der tief schlief. Es liegt in seiner Verantwortung, auf mich zuzukommen und reinen Tisch zu machen. Aber so? Sie ist nicht klüger, als vorher. Sie weiß nichts darüber, wie er für sie empfindet und weitaus wichtiger: Ob er genug für sie fühlt, um sie für sich gewinnen zu wollen.

Es ist dein Hochzeitstag. Christopher ist hier, Adrian nicht. So einfach ist das.

Nein. Jetzt ist Schluss. Adrian hat nichts davon verdient. Nicht mal das kleinste bisschen Aufmerksamkeit. Sie hat ihm gesagt, was sie für ihn empfindet und er hat sie mit Schweigen bestraft. Christopher auf der anderen Seite liebt sie bedingungslos. Das ist das absolut letzte Mal gewesen, dass sie einem Mann, dem sie nichts bedeutet, Raum in ihren Gedanken geschaffen hat.

Herzklopfen und weiche Knie, das kann ich lernen. Irgendwie wird das schon funktionieren. Am Anfang werde ich mich daran erinnern müssen, diesen Mann zu lieben, aber mit der Zeit wird es einfacher werden, denkt sie.

Alles wird sich normal und vollständig anfühlen.

Richtig?

Teil I

1

(Jetzt)

Man sagt, Zeit heile alle Wunden.
Sophie glaubte das nicht und wehrte sich gegen diesen ganz speziellen Gedanken, der sich bereits vor Monaten in ihrem Kopf eingeschlichen hatte.

Eines Morgens war sie aufgewacht und da war er gewesen. Es begann als schwaches Flüstern, wurde lauter und hatte sich letztendlich als großes, weißes Plakat mit dicker, schwarzer Schrift vor ihr manifestiert, jedes Mal, wenn sie die Augen schloss: Lass ihn gehen.

Sophie blinzelte und stieg aus dem Bett. Die Vorhänge waren bereits zurückgezogen worden, das Frühstückstablett ruhte wie immer fein säuberlich auf dem Frisiertisch. Der gesamte Raum war sonnendurchflutet und sie hörte leises Vogelgezwitscher durch eines der gekippten Fenster.

Und ihn.

Das Beatmungsgerät, das Luft in seine Lungen zwang und der Sauerstoff, welcher seinem Kopf zugeführt wurde, verhinderten, dass er starb. Weg war für immer.

Sie strich ihr langes, cremefarbenes Nachthemd glatt und ging zu ihrem Ehemann hinüber. Alt werden ging so rasant schnell und wie weit weg es ihr damals noch erschienen war! Sie war eine alte, gebrechliche Frau geworden. Die Zeit, die unaufhörlich voranschritt und alles überdauerte.

„Guten Morgen“, sagte sie und lächelte. Sie rief sich sein Gesicht, wie es damals gewesen war, in Erinnerung. Ohne die Altersflecken, ohne die dünne, rissige Haut, durch die sich ganz fein die Adern abzeichneten. In ihrer Vorstellung lächelte er zurück. Seine neugierigen Blicke suchten ihre Augen und lasen darin, so wie sie es seit jenem Tag gemacht hatten, an dem ihnen das Leben eine zweite Chance gegeben hatte.

Sophie fuhr ihm mit zwei Fingern sanft durch das graue Haar, gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange und stellte sich vor, dass er wie damals roch, der Duft, der sie angezogen hatte; der es vor über fünfzig Jahren gewesen war, der sie hatte schwach werden und zweifeln lassen. Die Augen und der Mund hatten alles Weitere besiegelt, und sie war machtlos gewesen.

Lass mich gehen, flüsterte die Stimme wieder. Lass mich gehen, bitte.

„Ich kann nicht“, murmelte sie.

„Und sonst?“, hörte sie ihn sagen und lachen. Sein Lachen, das ihr jeglichen Atem geraubt hatte. Es klang nun weit entfernt.

Sie war nicht undankbar. Es war nur so, dass man immer hoffte, ein bisschen mehr Zeit zu haben. Jahre, Monate, Tage oder einfach nur Stunden.

Damals hatte sie sich mächtig gefühlt.

Es war das Vorrecht der Jugend zu glauben, man wäre der Mittelpunkt der Welt und die Schelte die Erfahrung, die einem auf dem langen, beschwerlichen Weg das Gegenteil wissen ließ.

Was bedeuteten die lohnenswerten Tage ohne die hoffnungslosen? Es war immer irgendwann für irgendwen der Zeitpunkt gekommen, um Abschied nehmen zu müssen. Für wen es letztendlich schmerzhafter war, blieb ungewiss.

Die Zeit heilte keine Wunden.

Es war lediglich so, dass die Narben blasser wurden, die Erinnerung ausgeblichener, die Seiten, die man jahrelang eifrig beschrieben hatte, vergilbter. Sophie erinnerte sich gerne daran, wie ihr Vater oft gesagt hatte, dass das Einzige, was er hoffte, seiner Tochter auf den Weg in ein eigenständiges Leben mitgeben zu können, ein wacher Geist war und ein gesundes Maß an Selbstzweifel, um immer genügend Raum des an sich Arbeitens zu gewährleisten.

***

Zum Glück gab es Norah Lane. Norah war wundervoll. In jeglicher Hinsicht. Sie hatte in den letzten zwei Jahren nicht nur die Funktion einer Pflegehelferin, sondern auch die einer Haushaltshilfe und guten Freundin eingenommen. Standhaft. Loyal. Warmherzig. Sie war etliche Jahre jünger als Sophie und schien den Alltag mühelos zu meistern. Sophie konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als sie Norah für immer ins Herz und in ihre Abendgebete eingeschlossen hatte. Es war vorletzten Mai gewesen, kurz vor seinem neunundsiebzigsten Geburtstag.

Die sechste Woche, in der er bereits ans Bett gefesselt, aber hin und wieder noch bei Bewusstsein gewesen war.

Sophie hatte sich geweigert, überhaupt noch zu schlafen, da sie die Momente nicht verpassen wollte, in denen sie ihrem Mann in die Augen sehen konnte, seine Hand drückte und hoffte, er würde sie erkennen.

Bisweilen konnte er minutenlang wach bleiben, sie nur ansehen und ein wenig lächeln, ohne irgendetwas zu sagen. Dann gab es die anderen Tage, in denen er scheinbar nur das Bewusstsein erlangte, um sie und ebenso jeden anderen, der in seine Nähe kam, zu beflegeln. Seit einigen Wochen war er gar nicht mehr aufgewacht.

„Sie müssen ihn gehen lassen“, hatten ihr die Ärzte mehrmals erklärt.

Bereits in jungen Jahren war sie einer der Menschen gewesen, die akribisch nach Zeichen suchten.

Zeichen, die zu etwas führten, das mehr war.

„Ich lese dir etwas vor, in Ordnung?“, fragte sie ihren Ehemann, der stumm blieb und die Augen geschlossen hatte; diese schönen Augen, die sie immer verfolgt hatten, als sie sich mit ihrer Kaffeetasse und der Morgenzeitung in der Hand zu ihm gesetzt hatte. Sophie hatte also begonnen, ihm das Horoskop vorzulesen, jeden Morgen. Zuerst ihr Sternzeichen, dann seines, gelegentlich Kommentare zu deren Wahrheitsgehalt hinzugefügt, nach seiner Meinung gefragt und ihm höflichkeitshalber einige Sekunden Zeit gelassen, um zu antworten, so getan, als würde er es und gelächelt.

Gelegentlich gesellte sich Norah hinzu, wenn ihr die Haushaltsarbeit einige Minuten Zeit ließ und unterhielt sich mit ihnen. Sie hatte gelernt, dass es Sophie keine größere Freude bereiten konnte, wenn sie ihn in die Unterhaltungen miteinbezogen. Anfangs fühlte es sich für Norah eigenartig an, aber es wurde zur Gewohnheit. Wie so viel anderes auch.

Während Sophie ihren Frühstückstee trank und Tabletten einnahm, die ihre Schmerzen zumindest um ein Drittel lindern würden, blätterte sie durch eines der unzähligen Fotoalben, die sie sorgsam in einer alten, hellbraunen Truhe im Schlafzimmer aufbewahrte. Sophie fand es schade, dass Kameras dazu benutzt wurden, um Augenblicke festzuhalten, zu konservieren. Es sollten die Menschen sein, die zu Momentefängern wurden.

Sophie war Tochter, Freundin, Geliebte, Ehefrau, anschließend Mutter und Großmutter geworden. In welcher Rolle sie sich am meisten wohlgefühlt hatte, wusste sie nicht mehr. Damals, als junge Frau, hatte sie sich nicht vorstellen können, dass es Wunden gab, deren Schnitte so tief brannten, dass man sie ein Leben lang mit sich herumtrug. Ebenso wenig war sie sich bewusst gewesen, was falscher Stolz mit den Leben zweier Menschen anrichten konnte. Das Leben in all seiner Grausamkeit hatte ihr daraufhin viele Jahrzehnte Zeit gegeben, eben das herauszufinden.

Als sich Sophie nach dem Frühstück fertig angekleidet hatte, gab sie Norah kurz Bescheid und verließ das große, stille Haus, um auf den Wochenmarkt zu gehen und einige Kleinigkeiten einzukaufen.

Die frische Luft und die Menschen würden ihr guttun. Bald würde ihr Sohn mit den Mädchen kommen, ihren Enkelinnen. Zwillinge noch dazu. Ihr Sohn, Maximilian, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte, besuchte sie jedes zweite Wochenende, um ein bisschen Zeit mit seiner Mutter zu verbringen. Er war ein guter Junge. Immer schon gewesen. Attraktiv wie sein Vater, einfühlsam wie Sophie. Eine durchaus gelungene Mischung und ein willkommener Lichtblick in diesen düsterten Stunden, in denen Sophie eine Entscheidung zu treffen hatte.

Die schwerste in ihrem ganzen Leben.

2

(Jetzt)

Norah Lane war in einer sehr kleinen Stadt, eher einem Dorf, aufgewachsen. Die Sommer waren dort lang, die Winter kalt und das Leben einfach, aber gut. Das deutlichste, klarste Bild, das sie aus ihrer Kindheit immer bei sich trug, war ihr Großvater. Ewig wippend in einem alten Schaukelstuhl, Zeitung lesend und über Politik schimpfend. Der ständig an ihm haftende Geruch von Aniskeksen verfolgte sie bis heute.

Und natürlich Tommy. Ein wunderschöner, acht Jahre alter Australian Kelpie. Es war eine Nutzliebe gewesen. In trostlosen Zeiten legte er ihr den Kopf auf die Knie oder ließ es zu, dass sie sich an ihn kuschelte und ihm ihr Teenagerleid klagte, das sie in sein Fell hineinmurmelte. Sie revanchierte sich mit langen Spaziergängen und beschützenden Armen, die sie um ihn legte und ihn an sich drückte, wenn Gewitter und teilweise heftiger, tagelanger Regen Einzug hielten. Und genau dieser Regen war es letztendlich gewesen, der sie immer hatte an Flucht denken lassen.

Als sie ihren Heimatort verließ, um in der nächstgelegenen Stadt zu studieren, hatte sie ihn zurücklassen müssen. Es war ein Abschied gewesen, der sie noch bis heute schmerzte. Der Weg, der sie und die alte Frau letztendlich zusammengeführt hatte, basierte auf einer Reihe unzusammenhängender Zufälle und Sekundenentscheidungen.

***

Norah hatte einen Abschluss in Kunstgeschichte gemacht und reiste nach dem Studium mit ihrem Liebhaber, Laurent, um die ganze Welt. Fast jedenfalls. Irgendwo zwischen Lissabon und Rom kam ihr Laurent abhanden, da er sich in Nadja verliebte. Eine Französin, die es verstand, mit ihrem bezaubernden Charme und ihren endlos langen Beinen umzugehen. Norah wusste das deshalb, weil sie die beiden in ihrem Zugabteil erwischt hatte, als sie vom Abendessen zurückgekehrt war.

Und auch wenn es vieles gab, das Norah gerne teilte, Männer gehörten nicht dazu.

In Florenz stieg sie aus dem Zug und mit ihm ließ sie ihr Vertrauen in Partnerschaften zurück. Norah perfektionierte ihre Italienischkenntnisse indem sie sechs Monate in Italien lebte. Die Männer, mit denen sie schlief, konnte sie nicht mehr zählen. Wenn Norah nach einem jener waghalsigen, unvorsichtigen und feurigen Liebesabenteuer aus dem Gewühl von Polstern, Decken und dem Geruch der vergangenen Nacht ihre wackligen Beine in Bewegung setzte, verbrachte sie Stunden damit, einfach auf der Fensterbank zu sitzen und zu rauchen. Nachzudenken. Hin und wieder reichte es ihr auch, mit leerem Gesichtsausdruck vor dem Spiegel zu stehen und ihre unzähligen Sommersprossen zu zählen. Dies tat sie an schönen, warmen Tagen ebenso wie an den kalten, düsteren. Sie kümmerte sich wenig um die Freunde, die sie zurückgelassen hatte, oder um die Eltern, die sich sorgten, und die Abtreibung eines Kindes, für das die Zeit noch nicht reif gewesen war. Sie lernte eine Landsmännin kennen, die ihr anbot, sollte sie je wieder in der Heimat sein, bei ihr vorbeizusehen, man könne doch ein bisschen Zeit zusammen verbringen. Und genau das tat sie, drei Monate später. Norah dachte: Warum eigentlich nicht? Sich auf neue Dinge einzulassen, muss nicht immer wehtun. Sie konnten einen weiterbringen, andere Wege aufzeigen.

Sie verbrachten den Abend vor dem Kamin in Norahs Haus, aneinandergelehnt, betrunken und waren nach ermüdenden, auslaugenden Gesprächen über die Sinnlosigkeit von Beziehungen zu dem anderen Geschlecht in angenehmes Schweigen verfallen.

Leicht hätte man den vielen, romantischen Aspekten dieser Nacht und des Ambientes die Schuld zuschieben können, für die Dinge, die nun ihren Lauf nahmen. Möglicherweise waren es auch die zarten, vorsichtigen Berührungen gewesen. Zwei Finger, die Norah eine rote Haarsträhne hinters Ohr schoben, der unsichere Kuss auf den Nacken, ein weiterer auf die Sommersprossen ihrer Stirn; sie ließ sich fallen. In etwas, das neu, aber dennoch nichts war, nach dem sie suchte.

Carmen. Ihr Name war Carmen, erinnerte Norah sich viele Monate später. Acht Wochen nach dieser Nacht und nachdem sie kläglich darin gescheitert war, in der ortsansässigen Anwaltskanzlei als Sekretärin zu arbeiten, und während in ihrem Kopf ein nicht enden wollender Wirbelsturm tobte, entschied sie für sich und Carmen, dass es an der Zeit war, die Situation zu beenden.

Warum sie ihr gesagt habe, dass sie sie liebe, wenn dem gar nicht so sei?

„Weil es das war, was du hören wolltest“, war alles, was Norah geantwortet hatte, bevor sie sich wieder dem Packen ihres Rucksackes gewidmet hatte. Mit dem Zug fuhr sie drei Ortschaften weiter, entschied sich spontan auszusteigen, und dort war es gewesen, dass sie in den Supermarkt gegangen war, um sich mit einigen Getränken und Sandwiches auszustatten. Der Supermarkt, in dem an der alten, verschmutzten Pinnwand neben anderen Annoncen für Babysitter, Klavierunterricht und Reinigungsdienste der einzige handgeschriebene Zettel hing, der allein dadurch ihre Aufmerksamkeit erregte. Haushälterin gesucht für ein Paar in den Siebzigern.

Das alles lag bereits mehr als zwei Jahre zurück.

Was wohl aus Laurent geworden war?

***

Es war einer dieser verregneten, wolkenverhangenen Nachmittage gewesen, die nur auf dem Land diese seltsame, verlassene, aber doch einzigartige Stimmung erzeugten. Nichts roch besser, als Mairegen, hatte sie damals gedacht.

Als Norah mit dem Zettel in der Hand, den sie im Supermarkt von der Pinnwand abgerissen hatte, an die Tür klopfte, war sie bereits durchnässt. Die langen, schweren Haarsträhnen hingen ihr widerborstig ins Gesicht und schränkten ihr Sichtfeld ein. Im Nachhinein wunderte sie sich, dass sich die alte Frau bei Norahs Anblick nicht zu Tode erschrocken hatte, als sie ihr langsam und zögerlich die Tür öffnete.

„Sie sind die Einzige“, war alles, was sie sagte, als Norah den Zettel mit der Annonce fast entschuldigend hochhob und nach Einladung eintrat. Fast hätte diese Szenerie unheimlich gewirkt, wäre da nicht diese tiefsitzende Traurigkeit in den Augen ihres Gegenübers gewesen, die Norah zu faszinieren begann.

„Kommen Sie, Kind“, sagte die alte Frau, nahm sie sogleich bei der Hand und führte sie in eines der Badezimmer des großen Hauses. Norah wusste noch genau, wie seltsam es sich angefühlt hatte, dass so viel Wohnfläche von so viel Stille beherrscht wurde. Keine Musik, keine gedämpften Geräusche aus dem Fernseher. Nichts.

„Stört es Sie?“, hatte die alte Frau, die sich als Sophie vorstellte, gefragt und auf das vor ihr liegende Päckchen Zigaretten gedeutet. Norah verneinte und trank einen Schluck von ihrem Tee. Der Regen drosch erbarmungslos auf die Veranda nieder, und während Sophie erzählte, rauchte, weitererzählte, sich auf die Unterlippe biss, begann Norah zu überlegen, wie Sophie Hollister wohl als junger Mensch gewesen sein mochte.

Ihr Blick schweifte zu den Teetassen, den Untertassen, der Steppdecke, die ordentlich gefaltet über Sophies dünnen Oberschenkeln lag, die langen Finger mit einigen Altersflecken, der Ehering, der schlicht wirkte, das Bild über der alten Frau, das sie und ihren Ehemann am Tag ihrer Hochzeit zeigte. Zwei große, braune Augen, die auf ein Paar stechend blaue Augen trafen. Es war nicht das Bild an sich, das Norah in seinen Bann zog, sondern die Chemie zwischen den zwei Menschen, die den Raum mit Wärme erfüllte.

Norah konnte nicht sagen, was sie dazu bewogen hatte, sich ausgerechnet für diese Art von Stelle zu interessieren. Aber es gab nichts, das auf sie wartete. Sie hatte kein Zuhause mehr und sie hätte sich lieber alle Finger einzeln abgehackt, als auch nur annähernd in Erwägung zu ziehen, in ihren Heimatort zurückzukehren, wo ihre Eltern ihr vorhalten würden, wie ziellos sie ihr Leben vergeudete. Letztendlich war es irrelevant, womit sie ihr Geld verdiente, solange sie durchkam. Sie befand sich noch in einem Alter, das ein übertriebenes Maß an Ziellosigkeit duldete.

Je weiter die alte Frau mit ihrer Erzählung fortfuhr, desto mehr begannen ihre Hände zu zittern. Sophie hatte schwer geschluckt, als sie mit ihrer Geschichte zum Ende gekommen war.

Genau in diesem Moment hatte Norah Lane beschlossen, zu bleiben und für sie zu arbeiten.

3

(Jetzt)

Sophie schloss die Haustür auf und trug ihren Einkaufskorb in die Küche. Sie war drei Stunden weg gewesen. Nachdem sie sich bei Norah erkundigt hatte, ob ihr Mann möglicherweise aufgewacht war und die zu erwartende Antwort erhalten hatte, räumte sie langsam und sachte die Lebensmittel aus und füllte den Kühlschrank. Kaffee, Wein, Milch, Brot, Salat, Lachs, ein bisschen Obst und Gemüse hatten ihr tatsächlich ganze drei Stunden abverlangt.

Der Tee, den sie sich frisch aufgegossen hat, roch gut und beruhigte sie. Sophie schmunzelte und dachte daran, wie diese kleinen Dinge früher einfacher gewesen waren. In ihrer Erinnerung war sie wieder Mitte zwanzig, in den Supermarkt hechtend, eine imaginäre Einkaufsliste abhakend, während sie binnen vierzig Minuten noch in drei weitere Geschäfte eilte und es sogar geschafft hatte, sich mit einer Freundin auf einen Kaffee zu treffen. Dieser Tage bedurfte es schon zwanzig Minuten, um zu überlegen, was sie mit vierzig Minuten machen könnte.

Sophie liebte den Markt. Das Treiben, die geschäftigen Menschen, die verschiedenen Gerüche, die Farben der Lebensmittel, die Gesprächsfetzen, die sie hin und wieder auffing, die Atmosphäre.

Nachdem sie den Tee ausgetrunken hatte, versuchte sie aufzustehen, doch das Schwindelgefühl, das sofort einsetzte, mahnte sie, es nicht mehr ganz so schnell zu versuchen. Sie schloss die Augen und rieb sich mit zwei Fingern in kleinen Kreisen die Schläfen. Langsam, dachte sie. Langsam.

Sophie hätte alles dafür gegeben, wenn ihr Mann sie jetzt umarmt und gesagt hätte, dass das einzig Gute am Älterwerden war, dass man sich hin und wieder verrückt benehmen durfte. Sie hätte sich an ihn gekuschelt, seinen Geruch eingeatmet und gesagt: „Tatsächlich? Wann sind wir zwei denn alt geworden? Und wie genau ist das passiert?“

Sophie wusste noch genau, wie weise sie sich mit zwanzig gefühlt hatte, mit dreißig eines Besseren belehrt wurde und mit vierzig gar nicht mehr allzu viel wissen wollte. Dieser eine hatte es immer verstanden, den Sturm in ihrem Kopf mühelos zum Erliegen zu bringen. Natürlich war Sophie ignorant genug gewesen zu glauben, es würde für immer so sein. Er und sie. Bis in alle Ewigkeit. Aber alles, was sie feststellen konnte, wenn sie ihn in seinem hilflosen, abhängigen Zustand sah, war das Ende. Das endgültige.

Sophie stemmte sich hoch, trat zum Küchenfenster und verlor sich in ihren Gedanken. Sie hatte ihren Garten immer schon geliebt. Als ihre Mutter noch gelebt und Sophie zum ersten Mal geheiratet hatte, waren sie fast täglich mit den Blumen zugange gewesen und hatten zugesehen, wie sie wuchsen. Immer größer, farbenprächtiger, harmonischer.

Für Sophie war der Garten immer eine Art Rückzugsort gewesen, wenn sie das Bedürfnis hatte, mit sich und ihren Gedanken allein zu sein. Ihr Mann hatte es immer respektiert, hatte sie respektiert. Der Gedanke, dass der einzige Mensch, den sie seit so vielen Jahren so außerordentlich abgöttisch liebte, nie mehr die Augen aufmachen würde, ließ sie in die Knie gehen.

Sophie stützte sich aufs Fensterbrett. Nach einigen Minuten drehte sie sich um, sah ihren Sohn gegen die Wand gelehnt und erschrak für einen kurzen Moment. Wie schnell im Nachhinein die Zeit verging. Sophie konnte sich an ihren stolpernden kleinen Maximilian erinnern. Die Gehversuche, die ersten Zähnchen, das Gefühl, ihr Baby im Arm zu halten. Warum schien es so weit weg, wenn sie doch alles noch derart taufrisch in Erinnerung hatte? Wehmut überkam sie.

„Lass uns spazieren gehen“, sagte Sophie und lächelte schwach.

So gingen sie ihre obligatorische Runde durch den Garten, Sophie eingehakt bei Maximilian. In Stille und Ehrfurcht. Als würde jede der Blumen eine Geschichte erzählen und der Duft der Pflanzen etwas Besonderes bedeuten. Die elfjährigen Zwillinge, seine Töchter und Sophies Enkelinnen, spielten auf dem grünen Rasen und genossen den herbstlichen Nachmittag.

„Sie sind gute Mädchen“, sagte Sophie, ohne ihn anzusehen.

„Das sind sie.“

Sie wusste, dass er auch heute einen Versuch wagen würde, sie zu fragen. Nach der Vergangenheit. Als sie noch jung und nichts entschieden war. Zu viele Details waren ihm noch unbekannt. Mehrfach hatte er bereits betont, dass er es einfach wissen musste. Sicher sein, dass sie sich richtig entschieden hatte. Dass sie zumindest die letzten dreißig Jahre glücklich gewesen war. Es war interessant, dass jedes Kind dachte, seine Eltern wären immer Erwachsene gewesen und hätten nie eine eigene Geschichte des Aufwachsens, Erfahrens, Liebens und Reiferwerdens hinter sich, ging es Sophie durch den Kopf, als sie und Maximilian sich an den kleinen, mit einem weißen Spitzendeckchen verzierten Tisch setzten.

Sie sahen den Mädchen beim Herumtollen zu, bis ihr Sohn sie durchdringend anblickte.

„Erzählst du es mir?“, fragte er vorsichtig und legte seine Hand auf ihre. Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

In diesem Moment trat Norah hinzu, brachte eine Kanne, zwei Tassen und schenkte beiden Kaffee ein. Sophie bedeutete ihr mit einem Nicken, sich dazuzusetzen und während Norah Platz nahm, antwortete sie ihrem Sohn: „Was möchtest du denn wissen?“

„Alles“, sagte er und lehnte sich in dem gepolsterten Gartenstuhl zurück.

 Maximilian kannte Norah, die Haushälterin seiner Mutter seit knapp zwei Jahren und möglicherweise waren die häufigen Besuche bei Sophie nicht ganz ohne Hintergedanken gewesen. Er wollte Norah nahe sein, sie ein wenig kennenlernen. Er konnte nicht genau sagen weshalb, womöglich fühlte er sich einfach wohl bei ihr. Diese Empfindung genügte, um ihn anzulocken. Es war schwer für jemanden wie ihn, der von Grund auf Menschen gegenüber eher scheu eingestellt war und sich mit neuen Bekanntschaften nicht leichttat. Als er sie heute zum ersten Mal seit Wochen wiedergesehen hatte, war er überrascht gewesen, wie freundlich Norah reagiert hatte, schließlich hatte er sich nach dem Weihnachtsabend einige Wochen zuvor ziemlich rar gemacht, darauf bedacht, Distanz zwischen sich und Norah zu bringen. Manchmal reagierte man mit Flucht auf etwas, das man nicht greifen konnte. Mensch sein war an manchen Tagen alles andere als einfach.

„Soll ich Sie allein lassen?“, fragt Norah nun, an Sophie gewandt, diese wiederum sah ihren Sohn an, der mit einem leichten Kopfschütteln verneinte. Norahs Anwesenheit störte Maximilian nicht.

Im Gegenteil.

Vielleicht wäre es klug, am Anfang zu beginnen, dachte Sophie. In mich hineinzusehen, von der unerwarteten Nachricht und der Ruhe vor dem Sturm zu berichten, den seelischen Verbindlichkeiten, die mich solange geplagt haben, um ganz ehrlich und eigentlich von allem genügend Abstand zu gewinnen. Damit ich richtig beurteilen und erzählen kann. Sophie versuchte, sich die Erinnerungen und Geschehnisse der Vergangenheit wahrheitsgemäß ins Gedächtnis zu rufen.

Aber es war schwierig, ehrlich zu sein.

Sophie (Damals)

Dieser Geruch. Es ist das Parfum gewesen, dachte sie oft im Nachhinein. Es hatte sie wahnsinnig gemacht. Die Augen. Der Mund. Aber nur ein bisschen. Die Art, wie er sie jedes Mal zum Lachen gebracht hatte. Vor allem dann, wenn ihr gar nicht danach war. Möglicherweise hatten wirklich mehrere Faktoren zusammengespielt, die sie anschließend in ein sehr tiefes Loch fallen ließen.

Sophie nahm sich vor, aufmerksam zu sein. Passives Zuhören von der Liste ihrer negativen Eigenschaften zu streichen, genauso wie konstant genervt zu reagieren, eine Ignoranz an den Tag zu legen, die sie bisher nicht sehr weit gebracht hatte, ihre Sätze nicht mehr mit „Nein, aber …“ zu beginnen und sich generell wie ein zivilisierter, gesellschaftskompatibler Mensch zu verhalten.

Zu viele Vorsätze für ein einziges Wochenende. Bis auf Christopher, ihren Freund, der seine Zunge nicht im Zaum halten konnte, herrschte gefräßiges Schweigen in dem Sushiladen und Sophie überlegte für einen Moment, was ihre Übelkeit mehr verstärkte: Der grüne Wackelpudding, auf dem sich eine Fliege niedergelassen hatte und der nun zum vierten Mal auf dem schmalen Beförderungsband zusammen mit vielen anderen, kleinen und sorgsam zubereiteten Köstlichkeiten an ihr vorbeifuhr, oder der Kater, den man sie nicht hatte auskurieren lassen. Wahrscheinlich beides.

„Geht’s dir nicht gut? Du siehst etwas blass aus“, fragte Christopher.

„Gut. Es geht mir gut“, lautete die Universalantwort auf die meisten Fragen in ihrem Leben. Sie hatte gerade erst das zarte Alter von vierundzwanzig Jahren erreicht und konnte mit Befindlichkeitsfragen schon jetzt nicht das Geringste anfangen. Es wurde ihr geglaubt. Sophie hätte es nicht getan. Sich geglaubt. Kein einziges Wort hätte sie sich geglaubt.

Aber sie glaubte an Camus, der gesagt hatte, dass die einzige Frage, mit der Menschen täglich zu kämpfen hatten, die war, ob man Selbstmord begehen sollte oder nicht.

Sie glaubte an die Präzision ihrer Periode, die garantiert am Ende des Monats um fünf Uhr morgens so heftig einsetzen würde, dass alleinig zwei Schmerztabletten und wippende Bewegungen sie davon abhielten, Vertiefungen in den Parkettboden ihrer Wohnung zu laufen und um einen schnellen Tod zu flehen.

Sie glaubte daran, ihr Bankkonto überziehen zu können, wenn sie kein Geld mehr hatte, und daran, dass aus einer unglücklichen Liebe keine glückliche werden konnte.

„Sicher?“, hakte er nach und strahlte sie mit zwei Reihen wunderschöner, weißer Zähne an.

„Alles bestens“, presste sie hervor und versuchte, ihren Ekel zu verbergen, indem sie sich ein Stück kalten Fisch in den Mund stopfte.

„Obwohl diese Blässe etwas Bezauberndes hat. Wie klar deine Haut ist, hinreißend.“

Aus, gleich ist es soweit, letzte Warnung, dachte sie und ließ ihre Gedanken schweifen, während Christopher ihr etwas von seinen Klienten zu erzählen begann. Er befand sich neben seinem Wirtschaftsstudium in einer Ausbildung zum Broker. Christopher hatte zudem in den ersten Wochen ihrer Beziehung versucht, sie zu einem gesünderen Lebensstil und Morgensport zu animieren. Ohne Erfolg.

Allein bei dem Gedanken, um sechs Uhr morgens röchelnd in einem Park zu joggen, die Augen noch mit Schlaf verklebt, hatte sie sich gewunden wie ein Tintenfisch.

„Mein Lebensstil ist schon in Ordnung, so wie er ist“, hatte sie ihm eines Tages trotzig eröffnet. Mit einer hochgezogenen Augenbraue hatte er geantwortet: „Nennst du fünf Tassen Kaffee, eine Packung Zigaretten und zwei Semmeln am Tag einen Lebensstil?“

Sie war sich nicht mehr sicher, was ihre Antwort darauf gewesen war und ob sie ihm überhaupt irgendetwas geantwortet oder sich einfach umgedreht hatte und aus dem Zimmer gestapft war, aber Christopher hatte ihr ein „Dann mach doch was du willst. Es ist dein Körper“ nachgemault und seinen perfekten, durchtrainierten Körper im Badezimmerspiegel betrachtet.

Interessant, dachte Sophie, gehört er einem wirklich, der eigene Körper? Wenn sie ihn mit anderen aus Pflichtgefühl teilen musste, obwohl es ihr Körper war? Er gehörte ihr nicht. Genau wie Christophers Auto lief ihr Körper auf Leasing.

Christopher, Christopher, Christopher.

Es war erstaunlich, wie schnell ein Name seine Bedeutung verlor, wenn man ihn zu oft hintereinander sagte. Was konnte sie über ihn sagen, statt seines Namens? Er war fünf Jahre älter als sie. Hatte eine bessere Ausbildung. Einen Führerschein. Kurze, schwarze Haare und ein sehr markantes Gesicht. Er war eine von diesen unbeschwerten Persönlichkeiten, die den goldenen Löffel bereits in die Wiege gelegt bekommen hatten. War es letztendlich diese Tatsache, die sie so sehr störte und in den Wahnsinn zu treiben schien? Dass das meiste, was er ihr anzubieten hatte, einen materiellen Ursprung hatte?

Sie sah Christopher an und fühlte nichts. Sie betrachtete sich in dem Spiegel, der neben ihr an der Wand hing, und fühlte dasselbe: Leere.

Liebling, was hältst du“, sagte er plötzlich und legte seine Hand auf ihre, die sie unvorsichtigerweise auf dem Tisch ruhen gelassen hatte, „von einem Kurzurlaub in Cornwall? Du, ich, die Hügellandschaften …“

„Hügellandschaften?“, fragte sie ein wenig gereizt und versuchte, das grüne Ding zu ignorieren, das nun zum fünften Mal auf dem Sushiband vorbeifuhr.

„Du weißt schon, so auf ro-man-tisch.“

Sie konnte diesen Schwachsinn nicht mehr ertragen und befreite ihre Hand aus seiner.

„Weißt du was? Ich fühle mich wirklich nicht besonders wohl“, sagte sie schnell und tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab. „Lass uns das ein anderes Mal nachholen, ja? Nächste Woche?“ Die Worte sprudelten es aus ihr heraus, als hätte sie ein Repertoire an Lügen und Ausreden für solche Situationen auswendig gelernt.

Sophie wünschte, ihre Freundin Betty würde sie jetzt anrufen. Dann könnte sie sich irgendeine fadenscheinige Ausrede aus den Fingern ziehen, ihre Sachen nehmen und gehen. Hinausstürmen aus dem Lokal. Aber für Theatralik hatte sie noch nie viel übrig gehabt, und somit musste sie das hier einfach aussitzen.

Sophie wollte die banalen Gesprächsfetzen in eine Grube fallen lassen und Erde darüber schütten. Erfolglos versuchte sie, den Kellner auf sich aufmerksam zu machen, und begann, in ihrer Tasche nach ihrer Geldbörse zu kramen. Innerlich zählte sie bereits die Sekunden bis zu Christophers zu erwartendem Kommentar, der ihre Bewegungen nichtig machen würde.

Er lächelte, zeigte seine schönen weißen Zähne und sagte: „Liebling, wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht bezahlen musst, wenn du mit mir zusammen bist? Und lass mich dich wenigstens nach Hause bringen. Mein Auto ist gemütlicher als die Bushaltestelle.“

„Ich möchte aber mit dem Bus fahren“, antwortete Sophie, obwohl sie wusste, dass sie diesen Kampf bereits verloren hatte. Sie ließ von ihrer Tasche ab, legte beide Hände auf die Knie und blieb artig sitzen. Christopher hatte es tatsächlich gewagt, nach dem Kellner zu schnippen. Sophie unterdrückte das starke Verlangen, ihm eine zu knallen. Christopher zu widersprechen machte ungefähr so viel Sinn, wie den Finger auf eine heiße Herdplatte zu legen, um zu sehen was passiert. Andererseits – und das würde Sophie noch am eigenen Leibe erfahren – gab es im Leben jedes Menschen Herdplatten, die unwiderstehlich anziehend heiß brannten. Es gab zwei Arten von Feuer: Eines, das einen umbrachte und eines, das einen zwar umbrachte, aber man trotzdem mit den Wunden weiterleben musste, als Erinnerung daran, wie schnell Dinge brennen konnten und was Feuer imstande war anzurichten.

Nachdem Christopher die Rechnung bezahlt und sie das Restaurant verlassen hatten, gingen sie zügig zu seinem Wagen. Für Außenstehende gaben sie durchaus ein attraktives Paar ab.

Als sie in seinem Wagen saßen, klingelte ihr Telefon. Sie sah den Namen auf dem kleinen Display und überlegte für einen Moment, ob sie den Anruf annehmen sollte. Christopher machte den Mund auf, um etwas zu sagen. Grund genug, um das Gespräch entgegenzunehmen. Es war ihre Mutter. Sie wollte wissen, was Sophie sich zum Geburtstag wünschte.

„Ich habe Mitte Februar Geburtstag. Wir haben den dritten Jänner.“ Diese Tatsache ließ Sophies Mutter unbeeindruckt. Sie solle doch gleich vorbeikommen. Es waren doch ohnehin Feiertage übers Wochenende. Sie ließe sich so selten blicken und ob ihre Tochter sich generell nur melden würde, wenn sie etwas brauche? Wollte sie bei der Gelegenheit nicht auch Christopher mitbringen?

„Nein“, antwortete Sophie, ohne die Liebe ihres Lebens am Fahrersitz überhaupt gefragt zu haben. Mit einem fast gezischten „Bis dann“ besiegelte sie einen Wochenend-Horrortrip, wohlwissend, was auf sie zukommen würde.

Sie sah Christopher an, er lächelte warmherzig. Sie tat es ihm nach und ließ sich küssen.

Ohne große Anstrengung ließ er sich dazu überreden, sie die zwanzigminütige Autofahrt zu ihren Eltern zu bringen, die außerhalb der Stadt lebten. Er fragte nicht warum oder weshalb. Er vertraute ihr. Die Autofahrt verlief ruhig. Edith Piafs La vie en rose säuselte aus dem Radio, und eine sanfte Traurigkeit begann sich in Sophie auszubreiten. Sie blickte zur Seite und sah Christopher an. Es gab so viele Dinge, über die sie mit ihm sprechen wollte. Stundenlang bis zum Sonnenaufgang. Aber es war schwierig, ehrlich zu sein.

Sophie sagte nichts und starrte aus dem Fenster der Beifahrertür. Als sie vor einer roten Ampel zum Stehen kamen, fragte Christopher, ob es sie störe, wenn er kurz telefoniere.

Sie blickte in den Wagen neben sich, in dem eine junge Frau saß. Anscheinend hatte Sophie einen sehr gelangweilten Gesichtsausdruck an den Tag gelegt, denn die Frau deutete auf den telefonierenden Christopher und verdrehte die Augen. Sophie erwiderte die Mimik und beiden Frauen lächelten. Sie winkte, Sophie nickte, dann setzten sich beide Fahrzeuge wieder in Bewegung. Ohne Vorwarnung legte Christopher seine Hand auf ihr Knie und schob den Rock langsam nach oben.

„Nicht“, murmelte Sophie und stieß seine Hand weg, ohne ihn dabei anzusehen.

„Was ist mit dir?“, fragte er, als sie vor der nächsten roten Ampel stehen blieben.

„Es muss nicht immer irgendetwas sein. Ich möchte das jetzt einfach nicht.“

„Tut mir leid“, sagte seine tiefe Stimme.

„Hör auf, dich zu entschuldigen, du hast nichts falsch gemacht“, war ihr letzter Satz für den Rest der Autofahrt. Er hielt vor dem Haus ihrer Eltern und ließ den Motor laufen.

Sie löste den Gurt, machte ihren Mantel zu und küsste Christopher auf die Wange. Als sie die Autotür öffnete, hielt er sie zurück. „Liebling, ist alles in Ordnung zwischen uns?“

„Ja“, antwortete sie. Eine Lüge mehr oder weniger tat nichts mehr zur Sache.

„Sophie“, murmelte sie.

„Was?“

„Mein Name ist Sophie.“

„Das weiß ich doch, Liebling.“

Sie verdrehte die Augen und stieg aus. Christopher schickte ihr eine Kusshand hinterher, sie lächelte zurück, doch sobald er außer Sichtweite war, erlaubte sie ihren Mundwinkeln, sich aus dem unnatürlichen, verkrampften Ansatz der Fröhlichkeit zu befreien. Christopher hatte nicht gefragt, ob er mitkommen durfte. Vermutlich hatte er heute noch eigene Pläne. Bei dem Gedanken, dass Christopher sich eventuell nebenher noch mit anderen Frauen traf, versetzte es ihr einen kurzen Stich, obwohl sie ihren Freund seit Monaten weder gut behandelte noch wertschätzte. Sie würde es ihm nicht einmal verübeln, wenn er sich anderswo umsah. Nach jemandem, mit dem das Leben schöner und nicht anstrengender wurde.

Ein Wochenende mit ihren Eltern. Diese Tatsache holte sie sehr schnell in die Gegenwart zurück, und sie marschierte auf die Eingangstür des schönen Einfamilienhauses zu, in der bereits ihre Mutter stand und bis über beide Ohren grinste.

„Sophie! Wie geht es dir, meine Kleine?“ Sie umarmten sich.

„Gut.“ Auch bei ihrer Mutter funktionierte die Antwort.

Sie drückte ihr einen Kuss auf die Wange und steuerte die Toilette an.

„Ich bin nur ein bisschen müde“, rief Sophie über ihre Schulter hinweg.

Sie saß auf der Toilette und wusste nicht mehr, wie lange sie bereits vor sich hinstarrte, den Slip bis zu den Kniekehlen hinuntergezogen, und darüber nachsann, woran sie nicht glaubte. Zum Beispiel zweifelte sie daran, dass ihre Probleme verschwanden, wenn sie die Augen davor verschloss, dass ihre Antidepressiva mit Wein besser wirkten, man aus schlechten Erfahrungen mehr lernte als aus guten, ihre Nachbarin jemals ihre Wohnung lüften würde, damit beim Öffnen der Tür nicht der beißende Geruch von zehn Katzen das gesamte Stiegenhaus durchflutete. Stopp.

Ihr Vater. Sie blendete ihre Gedanken aus und horchte auf. Zog den Slip hoch, Rock darüber, Spülen. Stopp.

Sie wartete hinter der Klotür, bis das Gemurmel ihres Vaters verstummt war. Langsam öffnete sie die Tür und trat ins Vorzimmer. Er stand vor ihr und sah sie an.

„Hallo, du“, sagte er und lächelte. Die Wärme in seinen Augen liebte sie am meisten an ihm.

„Hallo, du“, erwiderte Sophie, und sie umarmten sich.

Das Abendessen verlief weitgehend angenehm. Weitgehend.

„Wann werden du und Christopher uns zu Großeltern machen?“, fragte ihre Mutter beim Kaffee und drückte die Hand ihres Vaters.

„Wir haben nichts geplant“, erwiderte Sophie.

„Schade.“

„Weshalb?“

„Wir würden uns so freuen, ein Enkelkind in den Armen zu halten, nicht wahr?“, frohlockte sie auf ihre stupide Art, die es Sophie unendlich erschwerte, den Impuls zu unterdrücken, ihrer Mutter den heißen Kaffee ins Gesicht zu kippen. Zum ersten Mal wünschte sie sich, Christopher neben sich zu wissen. Der verständnisvolle Christopher Thaleni verfügte über genug Erfahrung im Umgang mit Sophie, damit er sie eventuell zurückhalten konnte, sollte sie sich dazu entschließen, sich zähnefletschend und sabbertriefend wie ein Werwolf auf ihre Mutter zu stürzen.

Mit einem: „Jetzt lass sie doch in Frieden, sie ist kaum zwei Stunden hier“, schaltete sich zum ersten Mal ihr Vater in die Konversation ein, und dafür war sie ihm unendlich dankbar. Er war ihr Indiana Jones. Nur ohne den Hut und die Peitsche. Und ohne den Attraktivitätsgrad von Harrison Ford.

„Muss ja nicht demnächst sein. Sie ist ja noch so jung. Fünfundzwanzig dieses Jahr, das ist doch kein Alter“, warf ihre Mutter ein.

„Was wünscht du dir?“, fragte ihr Vater nun.

„Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht“, antwortete Sophie, während ihre ruhelosen Augen seine sanftmütigen braunen fixierten.

„Wirst du mit Christopher feiern?“, ließ ihre Mutter nicht locker.

„Hm?“

„Christopher“, wiederholte sie. „Werdet ihr zusammen deinen Geburtstag feiern?“

„Vielleicht“, antwortete Sophie und lächelte ihren Vater an, der ihre mimische Geste erwiderte.

„Wie wäre es mit einem Buch?“, bohrte ihre Mutter unterdessen weiter.

„Ein Buch ist immer eine gute Idee“, antwortete Sophie desinteressiert. Ihr Vater stand auf, entschuldigte sich und ließ sich im Wohnzimmer nieder, um die Abendnachrichten anzusehen.

Sophie half ihrer Mutter dabei, den Abwasch zu erledigen. Während Lieder aus dem Radio ihr Geplänkel begleitete, tauschten sie Belanglosigkeiten aus.

„Wie läuft es bei der Arbeit?“

„Gut.“

„Wann hast du das nächste Mal Urlaub?“

„Im Sommer.“

„Juli?“

„August. Zwei Wochen.“

„Das ist ein schöner Monat.“

„Ja.“

Sophie fühlte sich allein. So allein, dass sie am liebsten geschrien hätte. Aber sie tat es nicht.

Die Nachrichten waren mittlerweile zu Ende, und Sophie nahm den Platz ihres Vaters auf der Couch ein. Ihre Eltern gingen die Treppen hinauf. Händchenhaltend. Tuschelnd. Sophie sah ihnen über die Schulter hinweg nach, bis ihre Schritte im oberen Stockwerk verstummt waren und verspürte einen Anflug von Eifersucht, dem sie prompt mit einem Glas Rotwein entgegenwirkte, während sie sich anteilslos den Hauptabendfilm ansah.

Als der Film, eine romantische Komödie, zu Ende war, schlenderte Sophie in ihr altes Kinderzimmer, knirsch, knirsch, knirsch, knarrten die Holztreppen unter ihrem Gewicht, und sie legte sich ins Bett, bereit zu schlafen, mit dem Kopf zur Wand. Zu diesem Zeitpunkt ahne sie noch nicht, was in einer Minute einsetzen, weitere fünfzehn Minuten andauern und Sophie davon abhalten würde, einschlafen zu können. Sie hörte ein Gerumpel aus dem Elternzimmer, als wäre einer der beiden aus dem Bett gefallen; die wirkliche Ursache war weitaus unheimlicher. Sie vernahm ein, durch die Wand Gott sei Dank gedämpftes: „Ja, ja, ja!“

Nein, nein, nein, dachte Sophie und vergrub ihr Gesicht angewidert im Kopfpolster. Sie wälzte sich unruhig von einer Seite zur anderen. Nichts wurde besser, und sie drehte den Kopf zur Seite, um die Uhrzeit des Weckers auf dem Nachtkästchen ablesen zu können: Mitternacht.

Hätte sie nicht vor fünf Monaten zu rauchen aufgehört, würde sie das Fenster aufmachen und eine Zigarette anzünden. Sie setzte sich langsam auf und begann nachzudenken. Ein Vorgang, der ihr selten guttat. Sie öffnete ein Fenster und lehnte sich hinaus. Die frische Luft beruhigte sie. Sophie blickte zu dem klaren Himmel hinauf.

„Ein Zeichen“, flüsterte sie und spürte den eisigen Wind, der ihre Wangen erröten ließ. Sie wollte lieben. Bereit sein, Christopher lieben zu können, aber sie wusste nicht wie. Wie würden sich diese drei Worte aus ihrem Mund anhören? Ehrlich? Leise oder doch selbstsicher? Er forderte keine Antwort, wartete nicht darauf. Sie wollte ihm von ihren Unsicherheiten erzählen, die sie auffraßen. Davon, dass es ihr schwerfiel, Emotionen zu zeigen. Sich zu zeigen. Der Entschluss, aus dem Wohnzimmer einen Stapel CDs zu holen, um ihre Gedanken mit Musik zu dämpfen, war schnell gefasst, und sie schlich vorsichtig aus ihrem Zimmer. Sie durchforstete das CD-Regal ihrer Eltern. Ein Kabarettprogramm nach dem anderen. Aber im Moment wollte sie nicht lachen.

Sie wollte weinen.

4

(Jetzt)

Maximilian fühlte eine Beklommenheit in sich aufsteigen und wollte sich nicht vorstellen, wie es seiner Mutter damals ergangen war. Er war sich sicher, dass seine Kindheit schön gewesen war. Dass er alles und noch viel mehr gehabt hatte, bis auf den Vater, zu dem er, ebenso wie seine Mutter, nie einen Zugang gefunden hatte. Christopher war immer dann präsent gewesen, als es nicht mehr notwendig gewesen war. In den Momenten, in denen Maximilian ihn gebraucht hätte, war es ihm gelungen, die Schwierigkeiten des Lebens, des Aufwachsens mit seinen Freunden und gelegentlich mit sich selbst auszumachen.

Sein Vater war immer sehr großzügig gewesen. Bitten und Forderungen des heranwachsenden Sohnes stießen so gut wie nie auf Widerstand. Sein Vater, der zwar physisch immer vorhanden, aber mit dem Kopf meist woanders war. Über die Jahre hatte sich Maximilian gefragt, wie zwei Menschen, die so unterschiedlich waren, zueinander gefunden und beschlossen hatten, eine Ehe einzugehen. Christopher Thaleni, der nur dann glücklich war, wenn er möglichst oft auf Reisen und Veranstaltungen und sein Kalender mit Terminen prall gefüllt war. Ein Arbeitstier, der ihnen ein Leben ermöglicht hatte, das jeder Beschreibung spottete. Ein Haifisch bei beruflichen Meetings, denen sein Sohn, als er das siebzehnte Lebensjahr erreicht hatte, hin und wieder beiwohnen durfte.

Maximilian wusste noch genau, wie er damals dachte, dass dieser Mann seine Familie vor allem und jedem beschützen konnte. Dann, als Christopher seinem fassungslosen Sohn an seinem achtzehnten Geburtstag die Autoschlüssel für einen Luxuswagen überreichte und Maximilian statt einer Umarmung nur ein unbeholfenes Schulterklopfen erhalten hatte.

Ebenso erinnerte er sich an die gelegentlichen Besuche bei seiner Großmutter, die noch sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes in dem schlichten Einfamilienhaus wohnte, jedoch mit einer Pflegerin, die ihr dabei half, den Alltag zu meistern. Vermutlich eine ähnliche Situation wie seine Mutter sie nun mit Norah Lane erlebte.

„Es ist sehr schade, dass ich meinen Großvater nie kennengelernt habe“, sagte Maximilian nun leise.

Sophie nickte nur und hielt einen Moment lang inne.

***

Norah wollte etwas einwerfen, überlegte kurz, behielt es jedoch für sich. Solange Maximilian die Fragen übernahm, konnte sie sich damit begnügen, diesen stattlichen Mann einfach nur anzusehen und sich Gedankenspielen hinzugeben. Unerwarteterweise war er der Erste, der seit sehr langer Zeit wieder ihr Interesse weckte; seine grünen Augen, der Mund. Seine Stimme, der Tonfall in dem er mit ihr sprach, war stets sanft aber dennoch männlich. Die Art, wie er sie manchmal unabsichtlich berührte oder streifte und Norah sofort dazu bewegte auf der Stelle einzufrieren. Es ärgerte sie, dass sie sich nicht besser unter Kontrolle hatte. Warum dieser Mann und warum jetzt?

Norah hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, geschweige denn damit gerechnet. Auch mit Schwärmereien konnte sie nicht viel anfangen. Bisher. Aber an diesem Mann, diesem Menschen war etwas anders. Es umgab ihn eine Besonderheit, etwas Spezielles, das Norah nicht benennen konnte und das dennoch oder gerade deshalb interessant war. Manchmal fühlt man sich von Anfang an mit einem Menschen wohl, obwohl man diesen kaum kannte.

Letztes Jahr zu Weihnachten, genauer gesagt am Weihnachtsabend, hatte es diesen einen Moment zwischen ihr und Maximilian gegeben. Es hatte so unscheinbar begonnen, aber Norah hatte etwas gespürt. Waren die Zeichen  wirklich unscheinbar, wenn man sie Revue passieren ließ oder wollte man ihnen nur keine Bedeutung beimessen? Es war das Knistern, das Norah aufhorchen ließ. Seine Töchter hatten bereits in einem der Gästezimmer geschlafen, Sophie hatte sich verabschiedet und ins Schlafzimmer zurückgezogen. Die Stimmung war entspannt und angeheitert. Einige Gläser Rotwein zum Abendessen, einige danach während des Auspackens der Geschenke. Sie waren in das gemütliche, gepolsterte Sofa vor dem leuchtenden Weihnachtsbaum gesunken, Norahs Kopf an Maximilians Oberarm gelehnt. Er bewegte sich, sie sah ihn an. Dann war plötzlich alles langsam geworden.

Es war Norah vorgekommen, als würde sie zum ersten Mal sein Gesicht ganz genau ansehen, seine Augen, die markanten Konturen, das männliche Kinn, die Bartstoppeln. Dieser eine Moment, der genauso schnell kam, wie er wieder vergehen konnte, war da und wollte genutzt werden. Maximilian drehte sich zu ihr.

„Ich will dich küssen.“

„Dann tu es.“

„Jetzt ist es komisch.“

„Warum?

„Weil ich darüber rede.“

„Du kannst mich küssen und dazwischen reden.“

„Deal“, antwortete er leise und noch bevor er das Wort zuende gesprochen hatte, war er sein Mund an ihren Lippen, Norahs bis zu diesem Moment regelmäßige Atmung, die ausgesetzt hatte und ein einziger Gedanke, den sie immerzu dachte: Bitte, mach, dass dieser Augenblick ewig dauert. Die Götter, welche auch immer für Angelegenheiten dieser Art zuständig waren, erhörten in dieser Nacht ihren Wunsch.

Danach hatte es Wochen gedauert, bis er wieder zu Besuch gekommen war. Sie hatte versucht, es nicht auf sich zu beziehen, nicht persönlich zu nehmen. Seine Abwesenheit nach diesen Ereignissen konnte alle möglichen Gründe haben, die mit ihr nichts zu tun haben mussten.

Norah verdrängte den Weihnachtsabend.Ebenso den ersten, sinnlichen Kuss von Maximilian, dessen Intensität sie erschrocken und verwirrt zurückgelassen hatte.

Maximilian hatte sich erst vor wenigen Monaten von seiner Ehefrau getrennt und konnte kaum Interesse an einer neuen, festen Bindung haben. Sie wollte nicht als Übergang oder – schlimmer noch – als Trost dienen. Norah kannte genug Schauergeschichten von Freundinnen und wollte nicht irgendjemand anders als Geschichte, als Referenzbeispiel für missglückte oder unerwiderte Gefühle dienen. Es war unsinnig zu interpretieren, vor allem dort, wo nichts vorhanden war.

Sagt die Logik.

Und das Herz?

Gehörte in Frischhaltefolie in die Tiefkühltruhe gelegt und sollte nur stundenweise aufgetaut werden, um mit einer Gabel kurz in alten Wunden zu rühren und Salz darüber zu streuen.

Norah würde sich lieber auf die Zunge beißen, als den ersten Schritt zu tun. Sie wollte nicht noch mal erleben, was es mit einem anrichtete, verletzt zu werden. Wenn das bedeutete, dass sie Maximilian einfach nur aus der Ferne und gelegentlich aus der Nähe ansah und hin und wieder Belanglosigkeiten mit ihm austauschte, dann würde genau das genügen. Im Prinzip war Liebeskummer, dass man wegen den Schmerzen trauerte, die man sich selbst zugefügt hatte, nicht jemand anders.

Sophie (Damals)

Wenige Wochen nach dem Besuch bei ihren Eltern begann ein wunderschöner, aber kalter Sonntagmorgen für Sophie damit, dass Christopher und sie um vier Uhr morgens noch immer wach waren und sich in den Haaren lagen. Am Abend zuvor waren sie bei einem seiner Freunde eingeladen gewesen, anschließend erschöpft nach Hause gefahren.

Sie stand bereits seit zwanzig Minuten unter der Dusche und ließ die heißen Wasserstrahlen auf ihre Schultern prasseln. Nur noch fünf Minuten, dachte sie und seifte sich zum zweiten Mal von oben bis unten ein. Sie genoss das Wasser, das den Seifenschaum von ihren Brüsten bis zu den Zehen hinunterspülte.

Liebling!“, hörte sie Christopher aus dem Schlafzimmer rufen. Sie schob den Duschvorhang zur Seite.

„Ja?“

„Lässt du mir auch noch heißes Wasser übrig?“

Dafür verschwendest du deinen Atem?, dachte sie.

„Natürlich!“, erwiderte sie in derselben Heiterkeit Christophers, die sie oft in den Wahnsinn trieb.

Der ewig gut gelaunte Christopher. Egal wie pessimistisch sie war, er fand immer etwas Gutes. Er war ein das-Glas-ist-halbvoll-Mensch und Sophie war eine das-Glas-ist-nicht-nur-halbleer-sondern-zerbricht-in-tausend-Scherben-auf-denen-ich-ausrutsche-und-mir-ein-Bein-breche-und-das-Steißbein-zerschmettere-Mensch.

Während sie aus der Dusche stieg und sich anschließend abtrocknete, dachte sie an den morgigen Tag, der nur einen Vormittagstermin aufwies: ihre Therapiestunde. Innerlich verfiel sie zu einem trotzigen, kleinen Kind, das sich davor sträubte, in den Kindergarten zu gehen. Ich will nicht, ich will nicht, ich – will – nicht. Sie band sich das Handtuch um und tapste ins Schlafzimmer, wo Christopher nackt und mehr als bereit auf dem Bett lag. Es war nicht so, dass sie ihren Freund nicht attraktiv fand, denn Christopher war in allen Bereichen ein vom Glück gesegneter Mann mit Vorzügen, die andere Frauen stocken ließen, wenn Sophie und er auf der Straße nebeneinander hergingen. Sie wollte so verzweifelt etwas spüren mit ihm, aber es funktionierte einfach nicht. Christopher war perfekt, aber etwas fehlte und Sophie wusste nicht was.

„Wirklich nicht“, warf Sophie ihm jetzt zu, ohne ihn anzusehen. Sie ließ das Handtuch am Boden liegen und zog ein T-Shirt an. Christopher erwiderte nichts, sprang auf, ging zügig ins Badezimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Sie konnte ihn verstehen, wirklich, aber sie konnte gleichsam nichts daran ändern, wie sie empfand. Also tat sie das Einzige, was sie tun konnte: es ignorieren. Mit einem Buch in der Hand legte sie sich auf das Bett und begann zu lesen. Heute war einer der wenigen Abende, an denen sie sich bereiterklärt hatte, bei Christopher zu übernachten. Als er – vermutlich vom Schmollen – zurückkam und sich zu ihr legte, fiel ihr wieder ein, warum es bei diesen wenigen Abenden blieb. Sie wollte sich nicht um jemanden kümmern müssen, außer um sich selbst und dies war bereits ein Fulltime-Job ohne Sonderzulagen.

Konnte man Neurosen steuerlich absetzen?

Oft trieb Sophie zwischen zwei Extremen und quälte sich, ein Mittelmaß zu finden. Selten war der ganze Kopf an der Wasseroberfläche, meistens nur die Nasenspitze. Manchmal hatte sie das Gefühl zu ertrinken. In ihren Gedanken. In sich. Sie war nicht geübt darin, wieder aufzutauchen.

Manchmal trug sie eine derart große Wut in sich, dass sie sich am liebsten der Länge nach auf den Boden legen und schreien wollte. Stundenlang.

„Warum bist du so ruhig?“, fragte Christopher.

„Wenn ich nichts zu sagen habe, halte ich den Mund.“ Die Antwort gefiel ihm nicht und prompt wollte Christopher einfordern, wozu es die letzten Tage nicht gereicht hatte.

Sonntag, 04:30 Uhr

„Bist du noch wach?“ (Er)

„Jetzt schon.“ (Sie)

„Tut mir leid.“ (Er)

„Was ist los?“ (Sie)

„Nichts. Ich dachte nur, wir könnten vielleicht ein bisschen …“ (Seine Hand glitt unter ihr Shirt und er begann, sie zu streicheln.)

„Muss das sein? Ich bin nicht in Stimmung.“ Christophers Hand entfernte sich wieder.

„Tut mir leid.“

04:45 Uhr

„Ich kann nicht einschlafen.“ (Sie)

„Ich auch nicht.“ (Er, erfreut über die Möglichkeit, sie könnten einen Zeitvertreib finden.) Sie drehten sich einander zu und sahen sich lange an. Er überlegte, wie er doch noch zum Zug kommen, sie, wie sie schnellstmöglich wieder einschlafen konnte.

Sophie drehte sich wieder von Christopher weg und versuchte, sich mit einem „Gute Nacht“, aus der Affäre zu ziehen. Keine fünf Minuten später spürte sie, wie er sich an sie drückte. Christopher. Und seine volle Männlichkeit.

„Oh mein Gott, Christopher!“, knurrte sie seitlich über ihre Schulter.

„Und wenn wir nur gaaanz kurz?“, hakte er nach und sie verdrehte im Dunkeln die Augen. Sie verkniff sich ein „Du hast zwei gesunde Hände“ und …

05:15 Uhr

… stieg aus dem Bett, um Tee zu machen.

„Möchtest du auch einen?“, fragte sie und Christopher, sichtlich erstaunt über ihr Interesse an seinem Wohlbefinden, benötigte einige Sekunden, um zu reagieren.

„Nein, aber danke, dass du gefragt hast.“

Als sie zurückkam, setzte sie sich mit der Tasse in der Hand zu ihm ans Bett. Er richtete sich auf.

„Weißt du eigentlich, wann wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben?“, fragte Christopher.

„Guten Morgen. Eigentlich wollte ich nur meinen Tee trinken.“

„Sag schon.“

„Ich weiß es nicht.“

„Eben.“ Er legte sich wieder hin, drehte sich von ihr weg. Sophie trank ihren Tee aus, stellte die Tasse beiseite und legte sich ebenfalls hin, in der Hoffnung doch etwas Schlaf zu bekommen. Weit gefehlt, denn später spürte sie …

05:35 Uhr

… ein Tippen an ihrer Schulter.

„Wie stellst du dir vor, dass das weitergeht?“ (Er, setzte sich nun gerade im Bett auf.)

„Was das?“ (Sie, übermüdet und gereizt.)

„Die Beziehung. Unsere Beziehung. Soll ich dir eine Definition von dem Wort geben?“

„Christopher, bitte.“ (Sie zog sich die Decke über den Kopf.)

„Was bitte?“ (Er zog sie wieder weg.)

„Hör auf. Reden wir später darüber, ich fühle mich im Moment nicht wohl.“ Sie richtete sich auf und hielt ihren Bauch.

„Was hast du?“

„Mir ist übel“, stöhnte Sophie und hielt sich eine Hand vor den Mund.

„Mir auch“, antwortete Christopher, „von deinem Verhalten in den letzten Monaten.“

Genau in diesem Moment erbrach sie sich in seinen Schoß.

Sophie hatte sich krankgemeldet auf der Arbeit. Seit heute Morgen befand sie sich in einer sehr innigen Beziehung mit ihrer Kloschlüssel. Nachdem sich ihr gesamter Mageninhalt vor ihr ausgebreitet hatte, begann sie zu überlegen, ob sie in den letzten Stunden etwas Verdorbenes oder Unverträgliches zu sich genommen hatte. Bevor sie jedoch Zeit hatte, sich aufzurichten oder lediglich mit der Hand auf die Spülung zu drücken, folgte bereits der nächste Schwall.

Ihre Wange an den Rand der Klobrille gedrückt, der Oberkörper mit den Händen auf den Bodenfliesen abgestützt, überlegte sie weiter. Lebensmittelvergiftung? In diesem Moment kündigte sich der nächste Brechreiz an. Viel mehr konnte doch in diesem Magen gar nicht mehr sein!

Obwohl sie sich nicht entsinnen konnte, was sie Verdächtiges gegessen haben mochte, schob Sophie die Schuld auf eine Lebensmittelvergiftung und lag einige Minuten später auf der Couch, durch einige Frauenmagazine blätternd. Langbeinige, das ganze Jahr über gebräunte, Schönheiten lächelten mit perfekt gebleichten Zähnen von diversen Titelseiten, gaben ihr und tausend anderen Frauen die neuesten Haarschnitte, Make-up und Kleidung vor. Die Themenauswahl der Artikel war erfrischend:

  1. Schlank in zwei Wochen
  2. Sex mit dem Ex
  3. Was es zu bedeuten hat, wenn er nicht anruft (nämlich genau das: Er will nicht anrufen)
  4. Wie betrüge ich richtig?
  5. Wie verhalte ich mich, wenn ich betrogen werde? (Mistkerl!)
  6. Endlich alleine (und trotzdem glücklich)!

Wichtige Dinge, um den Alltag zu meistern. Sie stapelte die Hefte, trug sie zum Mülleimer und bog gleich wieder auf die Toilette ab. Ihr Zynismus landete samt einer Unmenge an Magensäure in der Kloschüssel. Das Klingeln des Telefons übertönte ihre Würgegeräusche. Nachdem sie erneut gespült hatte und sich ziemlich sicher war, dass sie für heute alle ihre Sünden abgebüßt hatte, schleppte sie sich zurück ins Wohnzimmer und hörte ihren Anrufbeantworter ab, der ihr eine Nachricht von Christopher zum Besten gab. Er wollte vorbeikommen. Morgen Abend.

„So auf ro-man-tisch.“ Und außerdem wollte er wissen, „wie du dich wegen Cornwall entschieden hast, Liebling.“ Ihr Finger drückte erneut eine Taste, die ihr bestätigte: Nachricht gelöscht. Keine weiteren Nachrichten.

Zusammen mit ihrer Kleidung ließ Sophie einen Teil ihres Gewissens neben dem Anrufbeantworter liegen und ging nackt ins Badezimmer, um zu duschen. Stopp.

Ihr Blick wanderte im Badezimmer umher. Auf dem kleinen Kästchen neben der Dusche lagen einige Binden, Tampons und – Moment!

Ihre Periode. Auf einmal war sie sich gar nicht mehr so sicher, dass sie und Christopher beim letzten Mal verhütet hatten. Sophie spielte kurz mit dem Gedanken, ihm einen Brief mit genau dieser Fragestellung zu schicken: Bist du das letzte Mal in mir gekommen? So auf ro-man-tisch? Besser nicht.

Die Möglichkeit, schwanger zu werden, bestand bei ihr so gut wie nicht. Die Chancen waren weniger als gering, hatte ihr Gynäkologe gesagt.

Eine Dusche, ein bisschen Geld weniger und eine halbe Stunde später befand sie sich wieder am Ausgangspunkt: auf der Toilette. Nachdem sie die Gebrauchsanweisungen befolgt und es zudem geschafft hatte, auf zwei ihrer Finger zu urinieren, legte sie den Schwangerschaftstest auf den Boden und setzte sich davor nieder. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Fünf Minuten waren vorüber. Vorsichtig nahm sie den Test in die Hand und drehte ihn langsam um. Ihre Augen waren zugekniffen, und sie öffnete sie langsam. Sie sah das Ergebnis klar und deutlich.

Was hatte sie erwartet? War sie überrascht? Enttäuscht? Noch unglücklicher als vorher?

Sophie warf den Test in den kleinen Mülleimer und atmete tief durch. Sie fühlte sich leer. Aber das war sie nicht. Sophie war schwanger.

Mit diesem Wissen übergab sie sich zum letzten Mal für den heutigen Tag in die Kloschüssel.

Noch am selben Tag vereinbarte sie einen kurzfristigen Termin bei ihrem Gynäkologen für den späten Nachmittag.

Schwanger. Es sollte nicht möglich sein. Heute Vormittag war sie kurz versucht, über dem Frühstückskaffee eine Pro-und-Kontra-Liste zu erstellen im Bezug auf das Baby. Als wäre die Entscheidung über die Anschaffung eines neuen Autos zu treffen. In der heutigen Zeit hatte man die Möglichkeit zu sagen: Es ist mein Körper und meine Entscheidung. Würde sie diese Worte in den Mund nehmen, um sie als Rechtfertigung zu benutzen?

Je näher sie der Praxis kam, umso schwerer fühlten sich ihre Füße an. Sie zählte die Kinderwagen auf den Gehsteigen mit pausbäckigen Babys und kam auf die Zahl sieben. Eines lächelte sie mit vier Zähnchen an und ein Speichelfaden lief ihm über das Kinn. Sollte sie entzückt sein? Wäre das die angebrachte Empfindung?

Vor dem Eingang zur Ordination ihres Gynäkologen bog sie in einen Laden ab und kaufte sich ein Eis. Das erste in diesem Jahr. Viel blieb von diesem Genuss nicht, da sich ihre Zähne meldeten und ihr graute bereits vor dem zweiten Arzttermin diese Woche. Generell war sie kein Fan von Terminen. Das ewige Hin und Her von einem Ort zum anderen, wozu sollte das gut sein? Wir verbringen mehr als die Hälfte unseres Lebens damit, Dinge zu tun, die andere von uns wollen.

Sie warf das halb gegessene Eis zusammen mit ihren negativen Gedanken in den nächsten Mülleimer und nach wenigen Schritten stand sie vor der Sprechstundenhilfe. Die ganze Ordination war nach dem Feng-Shui-Prinzip ausgerichtet, hatte sie ihr bei Sophies letztem Besuch stolz verkündet. Wenige Tage darauf hatte Sophie begonnen, ihre Wohnung neu auszumalen. Die sorgfältig ausgewählten Farben für einen Feuer,- Luft,- Erde-, und Wasserbereich im Vorzimmer schön aufeinander gestapelt, hatte sie mit dem Wohnzimmer begonnen.

Genauer gesagt, hatte sie zwei Wände ausgemalt. Für den Rest war sie zu unmotiviert gewesen und hatte die übriggebliebenen Farben ihrer Mutter geschenkt. Ihre Wohnung würde ohne Feng-Shui auskommen müssen und sie auch. Die Sprechstundenhilfe nahm ihre Sozialversicherungskarte entgegen und Sophie versuchte, ihr Alter zu schätzen. Nach einigen Sekunden reichte ihr die Frau wieder die Karte und Sophie nahm im Wartezimmer Platz. Während ein Name nach dem anderen aufgerufen wurde – nur nicht ihrer – langweilte sie sich mit einigen Zeitschriften.

Das Gespräch mit dem Gynäkologen verlief unbefriedigend.

„Aufgrund Ihrer Probleme mit den verkrümmten Eierstöcken, die wir schon vor einigen Monaten besprochen haben, können Sie sich glücklich schätzen, diese Möglichkeit zu bekommen“, sagte er. Setzte er eine lebenslange Verantwortung allen Ernstes mit einer Möglichkeit gleich?

„Können wir einen Ultraschall machen?“, fragte sie. Es war unangenehm und sie kam sich in der momentan liegenden Position seltsam hilflos vor. Sie ignorierte die Hände des Arztes und ihre Augen klebten förmlich auf dem kleinen Monitor neben sich. Warum war es ihr peinlich? Sie fühlte sich, als hätte sie etwas falsch gemacht.

„Sie sind in der sechsten Woche“, sagte er, nachdem sie sich wieder angezogen hatte.

Eine halbe Stunde später befand sie sich mit einem kleinen Kuvert in der Hand wieder auf dem Heimweg, mit ihrer Mutter telefonierend. Sophie teilte ihr die Neuigkeit mit.

„Lustig“, sagt sie. „Wo wir doch erst unlängst darüber gesprochen haben.“ Ja, dachte sie. Sehr lustig. Für wen genau?

„Weiß es Christopher schon?“

„Nein.“

„Warum nicht?“, fragte ihre Mutter und ihr hysterischer Tonfall machte Sophie wütend.

„Ich weiß nicht, ob ich es behalten werde.“ Stille.

„Bist du nicht bereit dafür?“

„Darum geht es nicht“, antwortete sie.

„Du solltest mit Christopher reden.“

„Das werde ich. Irgendwann.“

„Bald.“

„Ja, Mutter.“

„Wollt ihr am Samstag zum Mittagessen vorbeikommen? Wir würden uns so freuen.“

„In Ordnung.“ In diesem Moment fiel ihr ein, dass sie noch bestellte Bücher von der Post abholen sollte und überlegte, wie sie ihre Mutter dezent abwürgen konnte.

„Wir sehen uns ja dann morgen“, sagte sie.

„Wie weit bist du?“

„Fast zu Hause.“

„Nein, ich meinte mit dem Baby.“

„Sechste Woche.“

„Dann hast du ja noch ein klein wenig Zeit zu überlegen.“

„So sieht es aus.“

„Bitte, Sophie, versprich mir, dass du mit ihm reden wirst. Der arme Kerl hat es nicht verdient, so behandelt zu werden“, sagte sie ernst. Und sie? Was hatte sie verdient? Es folgte ein minutenlanger Vortrag, der ihre Herzlosigkeit analysierte.

Sophie hatte ihren Dämonenwortkindergarten vor etwa fünf Jahren gegründet. Sie hatte die Tore geöffnet. Den Eingang. Vielleicht ein wenig zu weit. Und sie kamen hereingetrampelt, ungefähr zwanzig Stück, mit Wörtern dort, wo Gesichter sein sollten.

So kamen sie in ihre offenen Arme. Sophie zählte sie ab, jeden Tag, um sicherzugehen, keines verloren zu haben, und ging mit ihnen spazieren.

Verlogen flüsterte ihr ins Ohr, während Christopher versuchte, ihr irgendeine Geste der Zärtlichkeit abzugewinnen.

Ungeduld zwickte sie in die Wade, wenn sie Überstunden machen musste.

Eifersucht verbiss sich in ihren Nacken, wenn sie an jede einzelne Freundin dachte, die bereits geheiratet und Kinder bekommen hatte.

Herzlos und Egoistisch hielten ihr Augen und Ohren zu, wenn ihre Mutter über ihre Rückenschmerzen zu lamentieren begann.

Zynismus sorgte dafür, ihr mit einem imaginären Dampfstaubsauger jeden kleinsten Anflug von Romantik auszusaugen, zu schreien begann sie, wenn sie versuchte Wut und Unfreundlich davon abzuhalten, sich gegenseitig an den Haaren zu ziehen.

Neurotisch wühlte mit dreckigen Fingernägeln in ihren Gedankengängen, wenn sie versuchte, einzuschlafen.

Unentschlossen tröstete und streichelte Sophie, wenn sie sich nicht entscheiden konnte, welches Duschgel sie heute benutzen sollte.

Maßlos wütete in ihren Eingeweiden, wenn sie bereits vier Einkaufstaschen trug und nochmals in den Supermarkt zurücklief, weil sie etwas vergessen hatte.

Stur und Gedankenlos saßen spielend in einer Ecke, während  Sinnsuchend vollkommen orientierungslos und blind auf dem Boden herumkroch.

Unglück hob den Finger und lachte sie aus, wenn sie beim Eislaufen zweimal hintereinander auf das Steißbein fiel und der Punschstand, als sie an die Reihe kam, geschlossen war.

Innere Ruhe reichte ihr ein Händchen, wenn sie wie ein geschlagener Hund am Boden lag, und säuselte: „Alles wird wieder gut werden, du wirst sehen“, nur damit Aggressivität sie anschließend verprügelte.

Sophies Dämonenwortkindergarten liebte Musik. Vorwiegend Klassisch. Mittags bekamen sie die Zahntabletten, die in einer kleinen rosa Dose steckten, und Sophie stopfte sie in die kleinen Mäuler, gefolgt von einem Glas Milch. Sobald sie eingeschlafen waren, sah sie ihnen zu. Und überlegte, was sie wohl als Nächstes ausbrüteten, um Vorsorge zu treffen.

Sophie legte sich auf die Couch, ließ beide Hände auf dem Bauch ruhen und schloss die Augen, während sie eine angenehme Müdigkeit befiel. In den letzten paar Stunden des Abends war kein Laut mehr zu vernehmen. Mit Anbruch eines neuen Morgens wiederholte sich alles von vorn.

Der Job machte ihr Spaß. Vor wenigen Wochen hatte sie die Zusage für eine Stelle in einem der renommierten Headhuntingunternehmen des Landes erhalten und damit zusammen mit einer anderen Studienabsolventin (Claudia) über sechzig Mitbewerber ausgestochen. Heute würde sie in eine andere Abteilung wechseln und war froh über jeden Tag und die Arbeit, da sie sich währenddessen nicht mit Christopher und seinen Unsinnigkeiten auseinandersetzen musste. Als sie sich gerade in der Teeküche ihren ersten Kaffee des Tages zubereitete, geschah es. Dieser Geruch. Er zog an ihr vorbei, und sie drehte sich ruckartig um.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihren neuen Arbeitsplatz“, sagte er. Sie war derart fassungslos, dass sie vermutlich aussah, als hätte sie ein regenbogenfarbenes Einhorn gesehen.

„Lust?“, fragte das Einhorn.

„Wie bitte?“ Sophie errötete.

„Haben Sie keine Lust, mir zu folgen?“, antwortete Adrian, steckte die Hände in die Hosentaschen und grinste.

Überall hin, dachte sie und zwang ihre weichen Knie, sich in Bewegung zu setzen.

Autor

  • Anna Herzig (Autor)

Zurück

Titel: Ein ganzes, süßes Leben (Liebesroman)