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Der Tod kennt keine Grenzen (Krimi)

von Daniel Himmelberger (Autor:in) Saro Marretta (Autor:in)
©2017 0 Seiten
Reihe: Ein Bern-Krimi, Band 1

Zusammenfassung

Wie weit würdest du gehen? Ein spannender Krimi mit Humor und südländischem Flair

Beppe Volpe reist mit dem Zug von Neapel nach Bern, um in der beschaulichen Schweizer Hauptstadt bei der Berner Kripo als Assistent der Kommissarin Katharina Tanner zu arbeiten. Schon bald lernt er die Studentin Ana Sanchez aus Chile kennen, die Hispanistik bei Professor Hernando Gómez an der Berner Universität studiert. Den Professor aber umgibt ein großes Geheimnis, welches niemand erfahren darf. Was für Beppe ruhig beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem schwierigen Fall. Die Ermittlungen führen ihn und die Kommissarin schließlich auf eine heiße Spur weit über die Grenzen hinaus bis nach Santiago de Chile.

Noch mehr Bern-Krimi von Daniel Himmelberger und Saro Marretta
Die letzte Reise nach Palermo (ISBN 9783960872900)

Erste Leserstimmen
„brisantes Thema verpackt in einem rasanten Krimi“
„ein spannender Mordfall und ein sympathischer Ermittler runden den Roman ab“
„unterhaltsame und kurzweilige Lektüre zum Abschalten“
„spannender Fall mit einer Portion Humor und südländischem Flair, genau das Richtige für zwischendurch“

Über die Autoren
Der Schweizer Autor Daniel Himmelberger ist nicht nur für seine fantasievollen Kriminalromane, sondern auch für sein feines Gespür zur poetischen Klaviermusik bekannt. Am Rhythmus seiner Sprache erkennt man, dass er nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein begnadeter Musiker ist. Seine Werke spielen einerseits in der beschaulichen Schweiz, darüber hinaus aber auch grenzüberschreitend in Italien, Chile oder Deutschland, wo das Verbrechen keinen Halt macht.

Der italienischstämmige Autor Saro Marretta ist in Sizilien aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Die Heimat Sizilien spiegelt sich in seinem ganzen Werk: In Gedichten, Romanen, Ratekrimis sowie im Spaghettibuch, das mit farbigen Illustrationen von Ted Scapa zu einem Bestseller wurde.

Leseprobe

Über dieses E-Book

Beppe Volpe reist mit dem Zug von Neapel nach Bern, um in der beschaulichen Schweizer Hauptstadt bei der Berner Kripo als Assistent der Kommissarin Katharina Tanner zu arbeiten. Schon bald lernt er die Studentin Ana Sanchez aus Chile kennen, die Hispanistik bei Professor Hernando Gómez an der Berner Universität studiert. Den Professor aber umgibt ein großes Geheimnis, welches niemand erfahren darf. Was für Beppe ruhig beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem schwierigen Fall. Die Ermittlungen führen ihn und die Kommissarin schließlich auf eine heiße Spur weit über die Grenzen hinaus bis nach Santiago de Chile.

Impressum

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Digitale Neuausgabe November 2017

© Erstausgabe, 2006 Pendragon Verlag Bielefeld
Copyright © 2017 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-289-4
Taschenbuch-ISBN 978-3-9608-7553-6

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung eines Motivs von
© Jose Luis Stephens/shutterstock.com
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Kapitel 1

Am Sonntag, 12. Dezember, stieg ein junger Mann im Bahnhof Bern aus dem Cisalpino von Milano. Auf dem Bahnsteig 5 setzte er sich auf seinen schweren Koffer und schaute erst einmal auf die Uhr. Alle Fahrpläne waren an diesem Tag geändert worden – endlich wurde in der Schweiz wieder einmal etwas Neues eingeführt.

Es schien niemand auf ihn zu warten, um ihn in Empfang zu nehmen. Oder war etwa der Cisalpino heute zu früh in Bern angekommen? So etwas war ihm jedenfalls in Neapel in seinem 30-jährigen Dasein noch nie passiert.

Seufzend erhob er sich und zog seinen schweren Koffer wie einen störrischen Hund hinter sich her. So eilten Herr und Koffer hintereinander die steile Rampe vom Bahnsteig 5 zur unterirdischen Bahnhofshalle hinunter. Sie bogen nach rechts ab.

Der Mann ging mit vorgebeugtem Oberkörper, den Koffer steif hinter sich herziehend, die Nase weit nach vorn gestreckt.

Auf einmal stach ihm der Geruch von Kebab in die Nase. „Napoli, Berna, Istanbul, dove sono in questo momento?“

Dann ging er vorbei an Pizza, McDonald, Nordsee und dem Kebab-Stand am Ende der lang gezogenen Bahnhofunterführung. Vor der Statue des heiligen Christophorus blieb er wie angewurzelt stehen.

„Madonna, auch in der Schweiz kennen sie den Christophorus! Und auch die Schweizer kauen sich die Fingernägel ab. Aber dieser Christophorus hatte besonders großen Hunger und hat sich sogar die Arme abgebissen!“

Dann wandte er sich nach links und suchte die Rolltreppe ins Freie. Sie funktionierte nicht.

„Komisch, dass in der Schweiz am Sonntag sogar die Rolltreppen stillstehen.“

Mühsam schleppte der Mann seinen schweren Koffer die lange Treppe zur Loeb-Ecke am Bahnhofplatz hinauf. Fast wäre ihm dabei der Schirm abhandengekommen, den er in seiner Linken trug. Draußen regnete es in Strömen.

„Mamma mia, der Himmel weint, anche questo.“ Nun stach ihm ein heimatlicher Geruch in seine Spürnase: verbrannte Marroni. Er entdeckte den Stand vor dem Warenhaus Loeb. Aus seiner Manteltasche klaubte er einen Zettel und fragte den Verkäufer nach der Adresse. „Ig nid wissen“, beteuerte dieser in gebrochenem Deutsch. „Ig sein aus Rumänien!“

Auf einmal hörte er hinter sich eine Frauenstimme:

„È lei, Beppe Volpe?“

Beppe drehte sich um. So hatte er sich die Frau während seiner Reise in die Schweiz nicht vorgestellt. Er hatte gedacht, sie sei eher dicklich und mit einem prüden Auftreten. Eben genau so, wie man sich in Neapel Schweizerinnen in Chefpositionen vorstellt. Mit ihren langen blonden Haaren und ihrer Figur ähnelte sie eher einem Model von Giorgio Armani.

„Habe ich etwa ein Rendezvous mit Michelle Hunziker?“

„Scherz beiseite! Mein Name ist Katharina Tanner, Kommissarin bei der Berner Kripo. Willkommen bei uns im Corps, Signor Beppe Volpe!“

Eine Weile schaute Beppe in ihr schönes Gesicht.

Dann sagte er erfreut: „Piacere, signora!“

Kapitel 2

„Steigen Sie ein und machen Sie es sich bequem!“

„Was, ins Polizeiauto, schon jetzt, wollen Sie etwa auch die Sirene einschalten?“

Die Kommissarin schenkte Beppe Volpe ein Lächeln und sah aus wie ein TV-Star im italienischen Fernsehen, Televisione della mamma. Dabei strich sie ihr blondes langes Haar lässig nach hinten und warf einen seitlichen Blick auf Beppes Hände. Beppe zückte sofort Daumen und Zeigefinger und ahmte damit eine Pistole nach: „Gibt es überhaupt Verbrecher hier in Bern?“ Dabei drückte er von oben mit dem Daumen auf den ausgestreckten Zeigefinger und schoss eine Kugel durch die Windschutzscheibe. Dann blies er den Rauch vom Zeigefinger weg. „Sie werden hier in Bern schon noch genug zu tun bekommen, Beppe, mindestens so viel wie in Neapel, wenn nötig mit einer richtigen Pistole! Gleich kommen wir zum Hotel Arabella in der Länggasse. Drei Nächte von Ihrem Aufenthalt werden von der Stadtpolizei übernommen, den Rest bezahlt Ihr Staatschef und Beschützer Silvio Berlusconi, oder etwa nicht?“

„Chiaro, der würde mir noch viel mehr bezahlen, nur um mich loszuwerden!“

„Warum denn Beppe, hat Berlusconi bereits genug von Ihnen?“

„Forse, ich war in Napoli nämlich auf dem besten Weg herauszufinden, wie die Banda del Buco das Geld der Banca Santo Spirito wusch. Zusammen mit zwei Kollegen war ich nahe daran, drei Geldwäscher festzunehmen.“

„Aber dann sollte die Regierung doch stolz auf Sie sein!“

„Die Regierung? No, signora. So einfach läuft das nicht bei uns.“

„Und wie läuft es denn bei euch?“

„Als die Regierung merkte, dass ich und meine zwei Kollegen die Sache ernst nahmen und in Kürze den Boss der Banda del Buco auf frischer Tat ertappt hätten, wurden wir alle drei promoviert.“

„Das heißt, ihr wurdet befördert?“

„Ja, meine beiden Kollegen in die Provinz Agrigento in ein Dorf mit knapp 1200 Seelen und ich zu Ihnen, Frau Kommissarin, in die Hauptstadt der Schweiz, als Assistent, finanziert vom EU-Förderprogramm der italienischen Regierung.

„Sie sind wirklich nicht zu beneiden, lieber Beppe. Aber bei mir sind Sie vorläufig sicher. Ich setze Sie jetzt vor dem Hotel Arabella ab. Sehen Sie daneben die Confiserie Glatz? Da treffen wir uns morgen um neun Uhr, d’accordo?“

„Sì signora, ho capito.“

„Allora a domani, Beppe, Ciao!“

Kapitel 3

„Goldregen in der Schweiz“, las Beppe Volpe in den Schlagzeilen der Berner Zeitung, während er im Café Glatz auf die Kommissarin wartete.

Er war bereits um acht Uhr vom Hotel Arabella in die Confiserie gegangen, weil er die Schweizer Pünktlichkeit fürchtete und beim ersten Rendezvous auf gar keinen Fall zu spät kommen wollte.

„Ich möchte bei dieser Dame immer bella figura machen“, sagte er zu sich selbst und strich seine Haare glatt nach hinten. Dabei schaute er selbstzufrieden in den Spiegel an der Wand gegenüber.

Dann vertiefte er sich in den Zeitungsartikel und entzifferte den Text. Es ging um die Goldreserven im Wert von 25 Milliarden Schweizer Franken, welche die Schweizerische Nationalbank verkaufen wollte. Staunend las er, dass die Schweizer offenbar zu viel Gold hatten und es nun loswerden wollten. Warum arbeiten die Schweizer immer noch wie verrückt, wenn sie doch so reich sind? – 25 Milliarden als Bescherung zu Weihnachten? – Ich wusste gar nicht, dass hier der Weihnachtsmann so viel tüchtiger ist als in Italien, dachte Beppe erstaunt.

Weiter las er, dass offenbar ein wilder Streit darüber entbrannt war, wer das Geld erhalten sollte. Woher das Gold stammte, schien niemanden zu interessieren. Jedenfalls las er nichts davon. Eines wusste er aber ganz sicher: In Neapel gab es nie Geld für die Regierung und die Bevölkerung, weil alles immer schon vorher unter ein paar wenigen ‚Familien‘ aufgeteilt wurde. Die Schweiz war in dieser Hinsicht für ihn wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Beppe erhob sich, ging hinüber zum Tresen und kaufte einen Schokobären.

„Schon aufgestanden, Beppe?“

„Bekomme ich dafür einen Goldbarren?“

Kommissarin Katharina Tanner stand lachend vor ihm und überreichte ihm tatsächlich einen Goldbarren.

„Grazie mille, signora, ich liebe die Schweizer Goldschokolade. È molto buona!“

Die Kommissarin schlug Beppe vor, zuerst die Stadt zu besichtigen und anschließend in ihr Büro zu gehen.

„Das Auto lassen wir lieber stehen! Zu Fuß haben wir in einer Stunde bereits das Wichtigste gesehen. Bern ist eine kleine Stadt.“

„Die Distanzen sind viel kürzer als in Neapel“, stellte Beppe fest, als sie nach knapp zehn Minuten bereits bei der Großen Schanze vor dem alten Hauptgebäude der Universität ankamen.

Draußen trafen schon die ersten Studentinnen und Studenten ein, teilweise mit verschlafenen Augen, offenbar vom Partywochenende. Am Montag waren Langeweile und Frust bei den jungen Leuten deutlich sichtbar. Das kam Beppe von seinem eigenen Studium bekannt vor, der erste Uni-Tag nach dem freien Wochenende war immer der mühsamste gewesen.

Diejenigen, die mit den Fahrrädern gekommen waren, stellten sie bei den Unterständen ab und begaben sich mit gesenktem Haupt in das Gebäude, als kehrten sie von einer verlorenen Schlacht heim. Die Mehrzahl der Studierenden wirkte auf Beppe ziemlich distanziert, man hörte nur wenige reden und lachen. Ganz anders in Neapel, da war bereits früh am Morgen ein Geschnatter und Gelächter beim Eintreffen der Studenten vor der Universität wie sonst nirgendwo auf der Welt.

„Die Temperaturen machen halt viel aus, ohne Sonne wäre auch ich kühler“, sagte Beppe zur Kommissarin, und sie nickte zustimmend.

Auf der Großen Schanze betrachteten sie das Panorama mit Eiger, Mönch und Jungfrau.

„Das sieht ja genauso aus wie auf den Ansichtskarten“, freute sich Beppe und war insgeheim froh, dass die Berge mit so viel Schnee ziemlich weit entfernt waren, denn ein wenig ungeheuerlich erschienen sie ihm, dem gebürtigen Neapolitaner, schon.

Als er ein Kind gewesen war, hatte es in Neapel einmal geschneit. Es hatte damals nur fünf Zentimeter Schnee auf der Straße gelegen, trotzdem hatte ihn seine Mamma nicht in die Schule geschickt, weil sie fand, das sei zu gefährlich.

Mit dem Lift fuhren sie von der Großen Schanze in das Untergeschoss des Bahnhofs, erneut vorbei an den Gerüchen der verschiedenen Stände und Fressbuden. Vor dem heiligen Christophorus salutierte Beppe kurz, bevor sie beide die Rolltreppe zur Loeb-Ecke hinauffuhren. Diesmal funktionierte sie, es war schließlich Montag, ein ganz normaler Arbeitstag.

Vor dem Bundeshaus begegnete ihnen ein gepflegter Herr.

„Guten Tag Herr Couchepin“, begrüßte ihn die Kommissarin erfreut, als wäre er ein alter Bekannter.

„Bonjour Madame“, erwiderte der Herr höflich und eilte davon.

„Voulez-vous Couchepin avec moi?“, witzelte Beppe. Die Kommissarin warf ihm einen ernsten Blick zu.

„Lassen Sie das, Beppe, das war soeben unser Bundesrat, Herr Pascal Couchepin.“

Beppe duckte sich wie ein geschlagener Hund.

„Na und, ich konnte doch nicht wissen, dass ein solcher Riese bei euch im Bundeshaus sitzt. Schließlich ist Berlusconi bei uns in Italien nur halb so groß! Trotz der neuen transplantierten Haare auf seiner Glatze.“

Jetzt musste auch die Kommissarin lachen, und gut gelaunt schlenderten sie noch ein wenig durch die Lauben der Berner Altstadt. Beppe schlug vor, einen Espresso zu trinken.

„Den können wir in meinem Büro trinken, kommen Sie, wir gehen zum Hauptkommissariat!“

Beim Waisenhausplatz mussten sie sich durch eine lange Schlange von Wartenden ins Hauptgebäude der Polizeiwache kämpfen.

„Was wollen all diese Leute hier? Gibt es Gratissuppe wie bei uns in Neapel?“

„Alles Klienten, die wegen einem Diebstahl oder einem anderen Delikt kommen.“

„Allora, dann gibt es für die Berner Polizei ja viel zu tun! – Mamma mia, ich glaubte, hier in die vacanze zu kommen, und was ist: Eine 20 Meter lange Schlange voller Probleme!“

Kapitel 4

Zur gleichen Zeit klingelte im Rektorat der Universität das Telefon. Prof. Dr. Hans Lutz war gerade daran, in den Unterlagen seiner Angestellten herumzustöbern. Im Moment wollte er nicht gestört werden und bat seine Sekretärin, Frau Dora Müller, keine Anrufe für ihn durchzustellen. Von seinem Büro aus hörte er gedämpft die Stimme seiner Sekretärin beim Telefonieren. Er selbst nahm die Arbeit immer peinlich genau und forderte von seinen Angestellten ebenfalls viel Einsatz und Disziplin. Entsprechend sah auch sein Äußeres aus. Der kurze, ordentliche Haarschnitt und der eingezogene Nacken deuteten darauf hin, dass er immer auf der Hut vor potentiellen Feinden war. Wo eine Suppe am Kochen war, fand er bestimmt das Haar darin.

Der Rektor betrachtete mit der Lupe die Abschlüsse seiner Professoren. Bei einer Urkunde hielt er immer wieder die Lupe über den Stempel, nahm die Brille ab, senkte den Kopf und suchte mit der Linse die optimale Schärfe. Dabei konnte er außer dem Namen des Unterzeichnenden nichts Verdächtiges erkennen.

„Seltsam, dieser Professor Julio Hierro de la Plata, wer ist dieser Mann? Habe noch nie von ihm gehört.“

Er griff nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer von Botero.

„Hallo Botero, eine Frage: Können Sie herausfinden, wer 1973 Rektor an der Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra in Santiago de Chile war?

Und sagt Ihnen der Name Julio Hierro de la Plata etwas?“

Juan Botero war überrascht über die ungewöhnliche Frage des Rektors, aber er kannte Hans Lutz schon lange und wusste, dass dieser manchmal bis zur Verzweiflung an einer Sache herumstudieren konnte, bis er sich endlich zufrieden gab.

„Worum geht es?“, fragte Botero.

„Ich bin auf etwas Sonderbares gestoßen: Die Abschlussurkunde eines unserer Professoren weckt in mir ein ungutes Gefühl. Die Urkunde scheint zwar echt zu sein, aber der Name des unterzeichneten Rektors ist mir völlig fremd“, antwortete Hans Lutz und legte seine Lupe auf den Tisch.

„Auch den Namen Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra finde ich sonderbar, ich habe jedenfalls noch nie im Zusammenhang mit einer Habilitation davon gehört. Oder Sie etwa?“

„Nein, ich auch nicht. Das hat aber nicht viel zu bedeuten.“

„Vielleicht. Es macht mich trotzdem stutzig. Ich zweifle daran, ob man an dieser Uni überhaupt eine Habilitation machen kann. In dieser Hinsicht habe ich in letzter Zeit einiges erlebt. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand sich seinen Abschluss  erschwindelt.“ 

„Um wen handelt es sich?“

„Um unseren Hispanistik-Professor, Hernando Gómez.“

„Hernando Gómez?“, fragte Botero erstaunt.

„Ja, er scheint mir überqualifiziert zu sein.

Außerdem konnte ich die Daten der Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra nicht bis ins Jahr 1973 zurückverfolgen.“

„Aber nein, das glaube ich nicht!“, beschwichtigte Botero ihn. „Sie sehen Gespenster, Herr Lutz, und das kurz vor Ihrer Pensionierung. Man merkt, dass bald Weihnachten ist.“

„Mag sein, dass Sie Recht haben, Botero. Ich hoffe es sogar. Trotzdem möchte ich Sie bitten, der Angelegenheit nachzugehen. Kennen Sie jemanden bei der chilenischen Botschaft? Ich nehme an, dass Sie dort am ehesten fündig werden. Melden Sie sich wieder bei mir, sobald Sie mehr wissen. ¡Adiós!“

Botero seufzte und schaltete sein Handy aus. Der Auftrag des Rektors widerstrebte ihm, aber er wusste, dass er ihn ausführen musste. Lutz ließ in dieser Sache bestimmt nicht locker.

Der Rektor starrte noch eine Weile vor sich hin. Professor Gómez war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Immer wieder machte er sich an junge Studentinnen heran und bändelte mit ihnen an, obwohl er verheiratet war. Damit hatte er schon etliche Male für negativen Gesprächsstoff gesorgt und brachte so seine Fakultät in Verruf. Konnte man dem Kerl überhaupt trauen? Gómez strahlte nicht die Würde aus, die man von einem alteingesessenen Professor erwarten durfte, der schon lange hier an der Uni lehrte. Vieles an ihm wirkte unecht und übertrieben. Wenn er durch die Gänge der Unitobler schlich und ihn mit seiner schleimigen, unterwürfigen Art begrüßte, kam er ihm wie eine Ratte vor. Lutz konnte ihn nicht ausstehen. Und nun kam noch sein Verdacht hinzu, dass etwas mit dem Uni-Abschluss des Professors nicht stimmte. „Ich hasse ihn!“, murmelte Lutz.

Kapitel 5

„Was machst du gerade, mein Schatz?“

„Ich bin soeben dabei, meine Seminararbeit für dich zu Ende zu schreiben. Du weißt ja, die Arbeit über die Leiden des Don Quijote de la Mancha von Cervantes. Dafür kriege ich hoffentlich wieder eine Bestnote von dir, nicht wahr?“

„Cervantes war schließlich ein Ehrenmann, wenn du über den schreibst, kann ich dir eine Spitzen-Bewertung machen, no problemas. Hast du nachher etwas Zeit für mich, Maria? Komm doch einfach vorbei und nimm deine Seminararbeit mit, ich helfe dir gerne dabei.“

„Na gut, in 20 Minuten bin ich bei dir, hasta la vista.“

Hernando Gómez legte den Hörer auf und ging von seinem Schlafzimmer hinüber in die Küche. Dort nahm er ein großes Messer aus der Schublade, hielt mit der linken Hand den Brotlaib an seine Brust und schnitt ihn in 12 gleiche Scheiben.

Das Telefon klingelte wieder. Erneut meldete sich eine Frauenstimme. Der Professor war sofort hellwach:

„Hallo Liebling, wo steckst du? – Zuhause? – Gut, das höre ich gerne. Hier in Bern hat sich außer dem Fahrplan nichts geändert. Wie immer, wenig Abwechslung. Vorhin war gerade ein Student bei mir, weil er Hilfe für seine Seminararbeit benötigte. Was man nicht alles tut für diese jungen Leute – sogar am Sonntag!“

„Ich weiß, Hernando, dass du viel beschäftigt bist,trotzdem könntest du dich etwas mehr um unsere Kinder kümmern. Weißt du überhaupt, dass Felipe ausgezogen ist und seit einer Woche bei seiner Freundin in Lausanne wohnt?“

„Wirklich? Nein, davon habe ich nichts gewusst. Ich weiß nur, dass ich euch jeden Monat 4000 Franken nach Genf überweise.“

„Soll ich dich auch noch bemitleiden? Dafür hast du doch in Bern deine Ruhe!“

„Du sagst es – Ruhe. Oft bin ich allein und habe kaum Besuch. Was ich habe, ist meine Arbeit! Am nächsten Wochenende komme ich nach Hause.“

An der Tür klingelte es.

„Liebling, es hat soeben geklingelt“, sagte Gómez zu seiner Frau. „Kannst du bitte rasch warten?“

Der Professor nahm den Hörer in die linke Hand und öffnete mit der rechten die Eingangstür.

Maria trat ein und hielt automatisch ihren Zeigefinger vor den rot geschminkten Mund, als sie bemerkte, dass Hernando Gómez am Telefonieren war. Der Professor machte eine Kunstpause und zwinkerte Maria zu. Dann sagte er laut, so dass es seine Frau durchs Telefon hören musste: „Ah, guten Tag Herr Doktor Lutz! Nehmen Sie Platz, ich komme sofort!“

Maria schlich kichernd durchs Wohnzimmer, während Gómez ruhig weiter telefonierte: „Liebling, der Rektor der Uni ist soeben vorbeigekommen, ich muss jetzt leider abbrechen, ich ruf dich aber später wieder an. Hasta luego.“

Maria räkelte sich inzwischen auf der Couch und lächelte verführerisch: „Komm zu mir, ¡mi amor!“

Kapitel 6

„Pronto, mamma, come stai? Was ist das für eine laute musica, machst du ein Fest?“ Beppe Volpe telefonierte vom Büro der Kommissarin aus. Sobald er ein subventioniertes Telefon in der Hand hielt, war seine Lust damit zu telefonieren nicht mehr zu bremsen. Ganz besonders, wenn seine Heimatstadt weit weg war.

Die Mutter antwortete: „Sie spielen gerade ‚O sole mio’ hinter deinem Fenster.“

Beppe erwiderte: „Aber heute ist noch nicht das Fest des Heiligen Gennaro.“

„Nein, heute ist das Fest der Camorra, der neapolitanischen Mafia. Berlusconi will, dass die Verjährungsfrist für Delikte reduziert wird, das heißt, dass der Mafia bald alle Delikte erlassen werden.“

„Solange die Verbrecher in Italien noch verurteilt werden können, ist der Rechtsstaat gewährleistet.“

„Beppino, wie geht es dir in der Schweiz?“

„Hier ist alles wunderbar, es regnet sogar Gold. Stell dir vor, in der Schweiz sind die Politiker daran, die Goldreserven der Nationalbank unter die Bevölkerung zu verteilen.“

„Was ist denn das für eine Camorra? So was stupido habe ich noch nie gehört: Die Schweizer Mafia muss ihr Gold verteilen! Und weißt du auch warum?“

„No, mamma, wie willst du das verstehen? Es gelingt ja nicht einmal mir. Aber hier ist nun einmal alles ganz anders als in Napoli. Und mir geht es soweit gut, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, mamma.“

„Das mach ich mir aber, mein Beppino. Um dich habe ich mir schon immer Sorgen machen müssen. Das wäre ja was ganz Neues, keine Sorgen! Hast du endlich ein Mädchen kennengelernt?“

„Ein Mädchen, wieso? Nein, ich habe hier kein Mädchen kennengelernt.“

„Na also, dann erzähl mir doch nicht, dass ich mir keine Sorgen um dich machen muss! In deinem Alter hat doch sonst jeder normale Junge ein Mädchen, oder etwa nicht?“

„Mamma, hör doch auf damit! Im Moment habe ich nun mal kein Mädchen. Das kommt noch früh genug, und deshalb bin ich noch lange kein Außenseiter.“

„Außenseiter? Habe ich etwas von Außenseiter gesagt, das wäre ja noch schöner! Wenn man dich hört, muss man sich ja wirklich ernsthafte Sorgen machen, mein Beppino. Also, wenn du in der Schweiz ein Mädchen kennenlernst, dann sag es mir, damit ich endlich aufatmen kann.“

„Sì, mamma, certo, das verspreche ich dir. Habe ich dir jemals etwas verschwiegen? Nein, also dann, ciao mamma!“

„Arrivederci Beppino.“

Kapitel 7

Hans Lutz betrachtete seine Digitaluhr. Mehrere Sekunden lang starrte er auf das Zifferblatt. Genau um 11.55 Uhr legte er die Akten fein säuberlich in die Schublade des Korpus unter dem Schreibtisch. Dann zog er einen Schlüssel aus der rechten Tasche seines grauen Anzuges und schloss die Schublade doppelt ab. Er schaute noch einmal auf seine Uhr und warf einen Blick aus dem Fenster seines Büros hinunter zum gegenüberliegenden Restaurant Mappamondo an der Länggassstraße 44. Im Lokal befanden sich bereits ein paar Leute, die Fensterplätze waren noch frei. Rasch klemmte er seinen Mantel unter den Arm und verließ eilig das Büro. Auf dem Weg zog er ihn aus lauter Gewohnheit an. Seine Gedanken kreisten immer noch um den Abschluss von Professor Gómez an der Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra de Chile.

Als Hans Lutz die Länggassstraße überquerte, kam von rechts ein schwarzer VW Golf herangebraust. Wie angewurzelt blieb der gedankenverlorene Rektor stehen und das Auto bremste abrupt vor ihm ab. Nun eilte der Rektor auf die andere Straßenseite und rief dem Golffahrer nach: „Willst Du mich umbringen?“ Er hörte den Fahrer durch das geöffnete Fenster fluchen: „Wenn alle Alten so wie Du ohne zu schauen über die Straße hühnern, komme ich nie ans Ziel!“

In diesem Moment stolperte Hans Lutz und fiel unsanft zu Boden. Er hörte, wie der Motor des Golfs aufheulte und das Auto davonfuhr.

Benommen erhob er sich langsam und klopfte den Staub von seinem grauen Mantel. „Eigentlich wollte ich heute meine Wienerli noch warm essen! Aber nicht so ungemütlich“, stammelte er vor sich hin.

Dann strebte er wie immer zur Self-Service Abteilung des Mappamondos. Dort wartete eine lange Schlange. Immer noch unter Schock überholte er alle zwanzig Wartenden und stellte sich vorne an. Normalerweise wusste er sofort, was er bestellen wollte. Meistens aß er Kartoffelsalat mit zwei Wienerli, weil er so mindestens fünf Franken pro Tag sparen konnte. Aber heute war er durch den Vorfall auf der Straße so verwirrt, dass er vor Schreck vergaß die Speisekarte zu studieren. Er zeigte immer noch verwirrt auf eine große Portion Lasagne al Forno, was die Frau am Buffet zur Frage veranlasste: „Questa porzione per lei, professore?“

„Sì, sì, ma molto calde, per favore.“

Er stellte das Tablett mit dem Essen auf den Tisch in der hinteren linken Ecke des Lokals, dort, wo er seit Jahren sein Mittagessen einnahm. Nachdem er die Lasagne zur Hälfte aufgegessen hatte, meinte er: „Il sugo è molto buono in questo ristorante!“

Nach zwei weiteren Bissen war er mehr als satt und rief so laut, dass sich die Leute im Mappamondo nach ihm umdrehten: „Madonna, habe ich heute wirklich die unverschämt teuren Lasagne al forno bestellt? – Eine Portion Wienerli hätte auch gereicht.“

Kapitel 8

Zur gleichen Zeit saß Juan Botero auf einem Plastikstuhl bei McDonalds an der Marktgasse 52. Er verschlang einen Big Mac. Vor ihm auf dem grauen Tablett lag ein zweiter und wartete auf den Verzehr. Botero glich einer riesigen Qualle. Sein Bauch schwappte über den silbrig glänzenden Metalltisch.

Seine Gedanken kreisten unablässig um den Anruf von Hans Lutz: Wenn am Uni-Abschluss von Professor Hernando Gómez tatsächlich etwas faul war, dann könnte man diesen ohne weiteres abservieren. Botero hatte zur gleichen Zeit wie Gómez habilitiert, über die Leiden der jungen Teresa von Avila, welche das unsterbliche Gedicht muero porque no muero geschrieben hatte, das ihn nicht mehr losließ. Darüber hatte er eine der ersten feministischen Arbeiten verfasst, schon damals, vor dreißig Jahren. Es war wirklich eine der originellsten Ideen seines Lebens gewesen. Sogar Pater Eugenio Silvio Patac, der Jesuitenhauptmann von Gijon, erkannte das Einzigartige seiner Habilitation und informierte den Bischof Alonso Maria Gonzales Barrera, den Obersten der ganzen Provinz Oviedo. Aber die Hohlköpfe in Bern nahmen das nicht einmal zur Kenntnis.

Wütend packte er mit der linken Hand den zweiten Big Mac, stopfte ihn mit Daumen und Zeigefinger in den Mund und wischte anschließend mit der Rechten die Ketchupspuren von seinen Lippen.

Umständlich erhob er sich, stand eine Weile in

seiner ganzen Fülle im Raum, bis er seinen Bruder Esel, so nannte er seinen Körper, ruckartig in Bewegung setzte. Er stieg beim Käfigturm ins Tram Nummer 3 und fuhr bis zur Haltestelle Eigerplatz. Botero überquerte die Straße und bewegte sich in Richtung eines Hochhauses, ein typischer Zementbau aus den 1960er Jahren mit zwei großen Liften. Niemand wollte in diesem Moment hinauffahren, und Botero war glücklich, den ganzen Lift für sich allein zu haben.

Im 12. Stock stieg er aus und befand sich in einem langgezogenen Korridor mit zwei Anschriften: links Consulado de Chile, rechts Embajada. Er klingelte bei der Botschaft. Ein Sekretär begrüßte ihn unterwürfig. „¿Como puedo servirle, ¿señor?“

„Kann ich bitte mit dem primer secretario, ¿señor Carlos Pardo sprechen? Ich habe für 15 Uhr einen Termin mit ihm verabredet.“

„No ¿señor. Hier ist die Botschaft. ¿Señor Pardo befindet sich auf dem Konsulat nebenan.“

Auf dem Konsulat wurde Botero von Carlos Pardo noch freundlicher empfangen. Er führte Botero in den Salon, wo er ihm Kaffee und Gebäck anbot.

„¿Señor Botero, was gibt uns die Ehre?“, fragte der secretario.

„Seit vielen Jahren arbeite ich mit dem Rektor der Universität Bern zusammen, Herrn Prof. Dr. Hans Lutz.“

„Ah, Sie meinen den Autor des Buches über die Reinkarnation der Menschheit?“

Botero schaute verdutzt drein.

„Hm, ja nun, er hat auch ein wichtiges Werk über den Vokalismus im alten Rom geschrieben.“

„Interessant! Und Sie, ¿señor Botero, haben Sie nicht auch verschiedene Bücher publiziert? Sie sind doch der Verfasser des Buches über die Leiden der heiligen Teresa – wirklich eine erstaunliche Frau. Sie sind bestimmt hier, weil Sie nun ein Buch über die chilenische Literatur schreiben möchten, habe ich Recht?“

„Mich interessieren natürlich die Werke von Pablo Neruda. Seine Gedichte über die Liebe sind herausragend. Er hat ja immerhin 1971 den Literaturnobelpreis erhalten. Aber eigentlich komme ich in einer anderen Sache zu Ihnen.“

Pardo schaute ihn prüfend an. „Und wie kann ich Ihnen behilflich sein, ¿señor?“

„Ganz einfach, wir möchten von Ihnen wissen, ob es in Santiago die Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra gibt. Und ob im Jahre 1973 der Rektor Julio Hierro de la Plata hieß? Weiter möchten wir herausfinden, ob damals Hernando Gómez an dieser Universität promovierte.“

Pardo lächelte sanft und antwortete: „No hay problemas. Unser Vizebotschafter, Herr Alfonso Duarte, wird die Sache für Sie abklären. Wir werden Sie bald anrufen. Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“

Botero zögerte. Dann antwortete er strahlend: „Ja, ich möchte gerne noch diese feinen Kekse aufessen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Kapitel 9

Im Bierhübeli im Länggass-Quartier war am gleichen Abend eine große Salsa-Night angesagt. Die Leute standen in einer langen Reihe vor dem Eingang. Auf dem mit I love you! versprayten Briefkasten beim Eingang standen über dreißig leere Bierflaschen nebeneinander. Die Jugendlichen warteten in einer langen Schlange auf Einlass. Am Geruch des abgestandenen Biers merkte Beppe, dass er nicht mehr in Neapel war. Dort roch es nach Pizza, alten Weinfässern und dem Modergeruch der faulen Tomaten alla napoletana, besonders aber nach den muffigen Katakomben unterhalb der Altstadt.

An der Tür sah Beppe zwei rechte Ohren mit goldenen Clips, die zu zwei hintereinanderstehenden, glatt rasierten Nacken gehörten. Die Fäuste hielten die beiden Rausschmeißer in die Hüften gestemmt und ihre Nasen steckten sie in die Taschen der jungen Frauen. Die Mädchen kannten das Ritual auswendig und öffneten sie den Bodyguards ohne zu zögern. Marcel Dupont, der Chef höchstpersönlich, stand daneben und drückte nach der Kontrolle jeder Frau freundlich die Hand. Die Männer grinsten.

Von weitem hörte Beppe die wilden Rhythmen der kubanischen Salsamusik. Hinter einer dunkelhaarigen Südamerikanerin, welche ihre Hüften im Rhythmus der Musik wippte, schlich er sich unauffällig ins verräucherte Lokal. Auf einmal drehte sich die junge Frau zu ihm um, und sie schauten sich in die Augen.

Beppe fragte mit all seinem südländischen Charme: „Bist du Italienerin?“ Die Frau lachte und verneinte, indem sie den Zeigefinger vor ihr Gesicht hielt und ihn zweimal hin und her bewegte. Dann entschwand sie in der Menge und ließ Beppe stehen.

Sein Gang glich dem eines Spürhundes. Mit seiner vorgestreckten Nase konnte er sogar in den Rauchschwaden drei verschiedene Parfümmarken erkennen. Mit geschlossenen Augen roch er den Duft von Obsession von Calvin Klein. Er öffnete die Augen und sagte: „Zu süß für meinen Geschmack!“ Dann schloss er sie erneut und folgte dem Duft von Opium pour femme von Yves Saint Laurent. Es roch für ihn zu stark nach Zimt und Pfeffer. Er kniff die Nase zusammen: „Diese Frau kommt bestimmt von der Bar!“ Nun öffnete er wieder die Augen und sah die Kellnerin mit einem Tablett voller leerer Bierflaschen vor sich auftauchen. Auf einmal spürte Beppe das Wehen eines leichten Frauenkleides um seinen Körper. Er folgte automatisch dieser Bewegung und dachte: Ah, Armani Sensi, questo è profumo di primavera! Erst jetzt erkannte er die Gestalt der jungen Frau. Es war wieder die Südamerikanerin, die er vom Eingang her kannte. Sie umtanzte ihn im Salsaschritt und fragte: „¿Eres estudiante?“ Beppe erschrak und antwortete: „Sehe ich wirklich so jung aus?“ Sie grinste und konterte: „Du siehst aus wie ein ewiger Student, der sich vor dem Schlussexamen fürchtet.“

„Ich und ewiger Student – das ist bei uns in Napoli ganz anders. Da wird keiner alt als Student.“

„Was meinst du damit, wird man vorher umgebracht?“

„Bei uns muss man die richtigen Freunde haben.“

„Du meinst, jemanden, auf den man sich verlassen kann, so wie unser Professor.“

„Welcher Professor?“

„Hernando Gómez, der Hispanistik-Professor. Er redet wie du. Er sagt auch andauernd, dass die richtigen Freunde das Wichtigste im Leben sind. Und ich glaube, er hat ein Verhältnis mit einer Kommilitonin.“

„Meinst du?“

„Er hat eine junge Freundin, mit der er oft zusammen ist. Manchmal sehen wir sie zusammen nach den Vorlesungen. Sie kommt aus Chile und alle Männer finden sie toll wegen ihrer langen Beine.“

Beppe schmunzelte. „Wenn du Lust hättest mit mir ins Hotel Arabella zu kommen, so könntest du noch heute Abend herausfinden, ob dir meine Beine gefallen.“

Die junge Frau lachte. Verführerisch drehte sie wie eine Profitänzerin ihre Hüften im Kreis und forderte Beppe auf, seinen Hintern zu bewegen.

„Uno, dos, tres, Stopp, cinco, seis, siete, Stopp“, machte sie ihm wie eine Tanzlehrerin den Salsaschritt vor.

„Kannst du nicht wie ein normaler Mensch bis zehn zählen?“, foppte sie Beppe.

Dann packte er sie wie ein Kubaner bei den Schultern und drehte sie entschlossen in die “dile que no”-Figur.

„Oh, Armani Sensi, dieses Parfüm mag ich sehr!“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich habe im Hotel Arabella eine große Flasche davon.“ Beppe formte mit seinen Händen zwei Tulpen in die Luft.

„Ich kenne dich doch gar nicht – du hast dich noch nicht mal vorgestellt!“

„Entschuldige, mein Name ist Beppe, Beppe Volpe.

„Und wie heißt du?“

„Ana Sánchez, aus Santiago de Chile.“

Beppe lächelte sie an und fragte: „Bist du nun zufrieden?“

„Zufrieden? Ist das alles, was du zu bieten hast?“

„Was sagst du dazu?“ Er zog Ana näher zu sich und küsste sie auf die linke Wange.

„Was, du küsst mich nur auf die Wange, Beppe? Wir tanzen hier Salsa und nicht Tarantella!“

Kapitel 10

Im Tram Nummer 3, welches zum Eigerplatz fuhr, merkte Professor Gómez, dass er verschiedenfarbige Socken trug: einen blauen und einen roten. Verunsichert schaute er auf seine Füße. Normalerweise konnte er die Farben seiner Socken mit Leichtigkeit auseinander halten. Heute war ein besonderer Tag. Der Anruf von Carlos Pardo hatte ihn verwirrt.

Er musste sich beeilen. Das Tram fuhr viel zu langsam. Diese alten Damen, die immer im Weg stehen, es ist zum Verzweifeln! Was wollen eigentlich die von der Botschaft von mir?

Seine Gedanken kreisten um den Telefonanruf, welcher ihn vor einer halben Stunde aus dem Bett geholt hatte. Hernando Gómez rückte sich seine graue Krawatte und die randlose Brille zurecht und drehte das Kinn nach links, als er mit dem Lift ins 12. Stockwerk zur chilenischen Botschaft hinauffuhr. Der secretario Carlos Pardo erwartete ihn bereits vor der Tür und empfing den Professor mit einer leichten Verbeugung.

„¿Hombre, que pasa?“

„Der Vizebotschafter, Herr Alfonso Duarte, würde gerne mit Ihnen sprechen.“

Gómez nahm Platz im großen Saal und Pardo ließ ihn eine Weile warten, bis er ihm lächelnd einen Grüntee und ein paar trockene Kekse servierte.

„Etwas ganz Spezielles nur für Sie, señor.“

Dann verließ Pardo erneut den Raum und ließ Gómez alleine mit der weiten Aussicht auf den Gurten-Kulm und den Quartierbahnhof des Weissenbühls. Der Bern-Lötschberg-Simplon-Zug war noch nicht abgefahren, als der Vizebotschafter im hellen Doppelreiher mit eingestecktem Seidentuch in der Brusttasche und einer leuchtend blauen Krawatte eintrat. Er streckte Gómez freundlich beide Hände entgegen und fixierte dabei seine Brille. Gómez durchzuckte ein ungutes Gefühl. Er sagte: „Buenos dias, Excellencia“, brachte aber kein weiteres Wort hervor.

„Mein lieber Professor: Mit Freude habe ich erfahren, dass Sie in unserem schönen Land studiert haben und dies sogar an der renommierten Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra. Was für eine Ehre! Mein Bruder wollte ebenfalls an dieser Universität promovieren, aber er hat sich plötzlich anders entschieden.“

Gómez rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Er nahm ein Stofftaschentuch aus seiner Jackentasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Also, Santiago de Chile hat mir wirklich sehr gut gefallen. Es ist eine unglaublich beeindruckende und auch aufregende Stadt.“

„In welcher Hinsicht meinen Sie das, mein lieber Professor?“

„Ich habe drei Jahre in der Nähe der Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra gelebt.“

„Ach ja, wo genau?“

„Das Haus befand sich gegenüber der Casa del escritor an der Almirante Simpson 7 im Quartier Providencia.“

„Und waren Sie auch einmal in dieser Casa?“

„Ja, ich habe dort sogar Pablo Neruda angetroffen. Es war im Sommer 1970, kurz bevor er den Literaturnobelpreis erhielt. Ich meine, im europäischen Sommer. In Chile war es Winter und recht kühl. Ich erinnere mich, dass wir alle froren und die Nächte eng zusammengepfercht in den Kneipen durchmachten. In den Wohnungen gab es keine Heizungen, deshalb waren wir Studenten Tag und Nacht unterwegs. Allerdings gab es im Zimmer des Präsidenten de los escritores einen kleinen Ölofen. Dieses Zimmer war tapeziert mit Fotos verdienstvoller Mitglieder des chilenischen Schriftstellervereins, zum Beispiel von Gabriela Mistral, der ersten Nobelpreisträgerin Chiles 1945 – und von Pablo Neruda. In zwei anderen Räumen standen Likörflaschen und Dutzende von Weinflaschen herum. Es waren Geschenke von Besuchern, welche von den Schriftstellern über Jahre hinweg gesammelt und gelagert wurden. Die Mitglieder des chilenischen Schriftstellervereins trinken offenbar wenig Wein, denn die Flaschen waren bedeckt mit Spinnennetzen. Zurück zu Neruda: Er erzählte mir, dass er mit dem Erlös seines Nobelpreises unter anderem seine beiden Schlafzimmer auf Isla Negra und in Valparaiso gemäß den Anweisungen seiner zweiten Ehefrau Matilde Urrutia neu einrichtete. Das Zimmer auf Isla Negra musste direkten Blick auf den Pazifik haben, so dass beim Aufwachen nur das weite Blau des Meeres zu sehen war. Er fühlte sich mit diesem Ort so encantado verbunden, dass er sich dort zusammen mit Matilde begraben ließ. Das Zimmer in Valparaiso hingegen war wie ein Erker aus Glas, mit herrlicher Aussicht hinunter auf die Altstadt und den Hafen, ein Weltkulturerbe der Unesco. Ich erinnere mich vor allem daran, dass Neruda mich plötzlich fragte, ob ich Muscheln in meiner Tasche hätte.

„Ich bin kein Fischhändler, ich studiere Hispanistik, hier an der Universität“, entgegnete ich erstaunt.

„Schade“, antwortete er trocken: „Ich dachte, du wärst Matrose!“

Jahre später entdeckte ich, dass Pablo Nerudas Haus auf Isla Negra einem Museum glich: Es war voller Muscheln und anderer wundersamer Dinge wie beispielsweise die Schiffs-Ikonen mit den wunderschönen bemalten Holzsirenen, in welche sich die Matrosen während ihrer langen Seereisen verliebten und für welche sie sehnsüchtig Seemannslieder sangen.“

„Nicht uninteressant, Herr Professor, und wie hieß der Rektor der Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra noch gleich?“

Gómez stockte der Atem. Nervös wischte er sich den Schweiß von seiner Stirn und den angegrauten Schläfen.

Alfonso Duarte beobachtete ihn aufmerksam.

„Ich glaube, er hieß Julio Hierro de la Plata, soweit ich mich erinnere. Es ist aber schon lange her, also bitte, ich bin mir da nicht mehr ganz sicher.“

„Ja, ja, die Zeit vergeht… Es ist reine Neugier und persönliches Interesse. Sie wissen ja, ich komme selbst aus Santiago de Chile und zudem noch aus dem Quartier Providencia.“

Gómez verstummte und auch Alfonso Duarte sagte nichts mehr. Sie beide wussten, dass die Pontificia Universidad Católica Madre y Maestra im Jahre 1973 nur Buchhalterdiplome verleihen durfte und Gómez interessierte sich für vieles, aber bestimmt nicht für Buchhaltung.

Alfonso Duarte lächelte mild. Gómez wusste nicht, was das bedeutete.

„Professor Gómez, wir beide wissen, wovon wir reden, aber Sie brauchen nichts zu befürchten! Wir haben keinen Grund, an Ihren hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen hier in Bern zu zweifeln.“

Gómez saß dem Vizebotschafter schweißüberströmt gegenüber: Alfonso Duarte hatte ihn in der Hand, doch solange er und der Rektor der Berner Universität, Professor Doktor Lutz, beide zufrieden mit ihm waren und ihn nicht öffentlich bloßstellten, konnte ihm eigentlich nicht viel passieren. Aber das deutliche Zeichen des Vizebotschafters hatte er verstanden.

Autoren

  • Daniel Himmelberger (Autor:in)

  • Saro Marretta (Autor:in)

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Titel: Der Tod kennt keine Grenzen (Krimi)