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Die letzte Reise nach Palermo (Krimi)

von Daniel Himmelberger (Autor:in) Saro Marretta (Autor:in)
©2017 0 Seiten
Reihe: Ein Bern-Krimi, Band 2

Zusammenfassung

Hat die Mafia ihre Finger im Spiel? Ein spannender Krimi mit Herz, Humor und italienischem Flair

Einige Schriftsteller aus Bern planen eine Reise nach Sizilien. Doch kurz vor der Abreise erreicht sie die Nachricht von der Ermordung einer Kollegin. Führt die Spur der Täter nach Palermo? Hat die Mafia ihre Finger im Spiel? Kommissarin Katharina Tanner und ihr Assistent Beppe Volpe ermitteln auch in ihrem zweiten Fall mit schweizerischer Gründlichkeit und italienischer Spontaneität.

Noch mehr Bern-Krimi von Daniel Himmelberger und Saro Marretta
Der Tod kennt keine Grenzen (ISBN 9783960872894)

Erste Leserstimmen„Die letzte Reise nach Palermo ist ein Roman voller Spannung, Humor und Liebe zu Palermo und Sizilien.“ (Goethe Institut Palermo)
„eine spannende Reise nach Italien“
„Unterhaltsam, fesselnd und mit viel Humor – klare Leseempfehlung!“
„kurzweiliger Krimi mit tollen Charakteren und malerischen Schauplätzen“

Über die Autoren
Der Schweizer Autor Daniel Himmelberger ist nicht nur für seine fantasievollen Kriminalromane, sondern auch für sein feines Gespür zur poetischen Klaviermusik bekannt. Am Rhythmus seiner Sprache erkennt man, dass er nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein begnadeter Musiker ist. Seine Werke spielen einerseits in der beschaulichen Schweiz, darüber hinaus aber auch grenzüberschreitend in Italien, Chile oder Deutschland, wo das Verbrechen keinen Halt macht.

Der italienischstämmige Autor Saro Marretta ist in Sizilien aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Die Heimat Sizilien spiegelt sich in seinem ganzen Werk: In Gedichten, Romanen, Ratekrimis sowie im Spaghettibuch, das mit farbigen Illustrationen von Ted Scapa zu einem Bestseller wurde.

Leseprobe

Über dieses E-Book

Der Berner Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verein plant für eine Gruppe von Krimiautoren eine Reise nach Sizilien. Doch kurz vor der Abreise erreicht sie die erschütternde Nachricht von der Ermordung ihrer Kollegin Eva Berger. Mit einem Dolch in der Brust ist sie von ihrer Tochter Sarah im Bett aufgefunden worden. Eine letzte Mitteilung von Evas sizilianischen Freund lässt die schockierte Tochter aufhorchen: Was hat das Foto mit den antiken Statuen auf dem Handy zu bedeuten? Und was hat es mit dem letzten Manuskript ihrer Mutter auf sich? Hat etwa die Mafia ihre Finger im Spiel? Ohne zu zögern macht sich Sarah auf eigene Faust auf den Weg nach Palermo und gerät immer tiefer in einen gefährlichen Sumpf aus Verbrechen und Verrat. Und dann ist da auch noch der aufdringliche Parkwächter Rosario, der Sarah keine Sekunde aus den Augen zu lassen scheint…

Zum Glück ist sie nicht allein: Katharina Tanner und ihr   Assistent Beppe Volpe von der Berner Kripo haben schnell die Fährte nach Sizilien aufgenommen und ermitteln auch in ihrem zweiten Fall mit schweizerischer Gründlichkeit und italienischer Spontaneität.

Impressum

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Digitale Neuausgabe November 2017

© Erstausgabe, 2008 Pendragon Verlag Bielefeld
Copyright © 2017 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-290-0
Taschenbuch-ISBN 978-3-96087-554-3

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung eines Motivs von
adpic.de
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Kapitel 1

Dienstag, 26. September.

Um sechs Uhr morgens klingelten in Bern zwölf Wecker. Beinahe gleichzeitig verließen elf Personen ihr Bett und machten sich für die Reise bereit.

Eine Person blieb im Bett liegen. Sie hatte das Klingeln des Weckers nicht gehört. Konnte es nicht hören, denn ihr Körper war bereits kalt und starr. Es war die Schriftstellerin Eva Berger, die morgens um sieben Uhr an der Berner Rathausgasse 68 im ersten Stock von ihrer Tochter Sarah tot im Bett aufgefunden wurde. Mit einem Dolch in der Brust lag die Mutter in ihrem Blut. Sie hatte noch versucht sich zur Wehr zu setzen. Die Polizei fand später unter ihren Fingernägeln Spuren eines kurzen Kampfes: ein paar Hautfetzen und Haare. Aber sie hatte keine Chance. Der Mörder hatte sie im Schlaf überrascht. Der Tod ihrer Mutter war für Sarah ein fürchterlicher Schock.

Henri Wyss, verschuldeter Antiquitätenhändler und Übersetzer esoterischer Bücher, die niemand kaufte, war der Präsident des Berner Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Vereins und hatte für eine Autorengruppe eine Reise nach Sizilien organisiert. Nun öffnete er die Fensterläden, atmete tief durch und hob seine rechte Hand zum Gruß zur rot leuchtenden Morgensonne. Dann setzte er sich mitten im Wohnzimmer auf seinen kostbaren Orientteppich. Dort verharrte er einige Minuten im Schneidersitz und meditierte mit geschlossenen Augen.

Vor wenigen Jahren war Henri Wyss zum Buddhismus konvertiert. Nun achtete er auf das konsequente Einhalten von religiösen Ritualen und Bräuchen. Als Vereinspräsident der Berner Schriftsteller war er bekannt für seine autoritäre und unnachgiebige Haltung, wenn es um finanzielle Fragen wie beispielsweise Honorare für Lesungen oder Anschaffungen für das Sekretariat des Vereins ging.

Nachdem Henri Wyss sich sorgfältig angezogen und sein Gepäck noch einmal überprüft hatte, bestellte er ein Taxi. Eine Viertelstunde später fuhr er von seiner Wohnung in Muri nach Bern vors Bundeshaus.

Im noblen Spiegel-Quartier am Fuße des Berner Hausberges Gurten, von wo die Aussicht über die Altstadt von Bern am schönsten ist, schraubte Esther Gasser soeben im Badezimmer ihren Lippenstift zu. Beim Verlassen ihrer Villa schulterte sie schwungvoll den blauen Rucksack. Der schwere, rote Koffer stand schon auf dem Gehsteig. Nun befestigte sie das sperrige Ding mit einem elastischen Riemen auf dem Gepäckträger ihres alten Militärfahrrades.

Dann stieg sie entschlossen auf ihr Rad und fuhr hügelabwärts durch die Monbijoustraße zum Bundeshaus. Esther freute sich. Sie hatte 30 Franken fürs Taxi gespart.

Fausto, der Chauffeur, beobachtete einen graumelierten Herrn mit Kraushaaren, der aus einem Taxi stieg und sich dem italienischen Reisebus näherte.

„Sie kommen“, raunte Fausto seinem Begleiter Giuseppe zu.

Die beiden stiegen aus und Fausto begrüßte den Gast:

„Buongiorno signore, viene a Palermo con noi?“

„Sì, sono il presidente“, antwortete Henri Wyss würdevoll.

„Ah, Sie sind aber sehr pünktlich, Herr Präsident! – Sind Sie immer der Erste?“ Henri schaute Fausto verwundert an und blickte dann auf seine Uhr: Sie zeigte 6.45 Uhr.

„Die anderen werden bestimmt gleich kommen. Ich bringe inzwischen mein Gepäck in den Bus.“

Nun näherte sich eine schwarz gekleidete Dame auf einem alten Militärfahrrad. Auf ihrem Rücken tanzte ein blauer Rucksack und hinten auf dem Gepäckträger schwankte der breite, rote Koffer. Unmittelbar vor dem Bus bremste sie abrupt und verlor fast das Gleichgewicht.

„Guten Morgen, wo sind denn die anderen? – Bin ich etwa die Erste?“, fragte sie den Chauffeur.

„Sie sind die prima donna“, antwortete Fausto lächelnd,

„der Präsident ist schon da.“

„Könnten Sie mir bitte mit meinem Gepäck helfen? Ich muss noch mein Fahrrad abstellen.“

„Certamente, signora.“

Kapitel 2

Beppe Volpe verließ am selben Dienstagmorgen um 6.30 Uhr das Hotel Arabelle in der Berner Länggasse und hastete wie üblich hinüber zur Confiserie Glatz. Der Duft der frischen Croissants umschwebte ihn. – Zu viele Kalorien, dachte er traurig. Er wollte auf keinen Fall Gewicht zulegen und achtete streng auf seine bella figura.

Da es noch früh war, musste er nicht lange auf die Bedienung warten. „Was wünschen Sie?“, fragte die Verkäuferin freundlich. „Am liebsten hätte ich so ein feines Buttercroissant, aber geben Sie mir doch besser dieses Baguette hier und einen Cappuccino.“

Beppe bezahlte, trank rasch seinen Cappuccino und verließ wenige Minuten später die Confiserie Glatz. Der Cappuccino hatte mehr Schaum als Kaffee in der Tasse, genauso wie er es liebte. Und er war fast so gut wie in der legendären Bar Gambrinus an der Via Chiaia 1 in Napoli. Er schwang sich, das Baguette in der linken Hand, auf sein Fahrrad und radelte durch die Länggasse bis zur Grossen Schanze und von dort hinunter zum Bubenbergplatz, wo er links Richtung Stadtzentrum einbog. Mit erhobenem Baguette grüßte er symbolisch den heiligen Christophorus, der unter dem Bahnhofplatz sein trauriges Dasein fristete. Fast hätte er bei dem Manöver sein Baguette verloren. Deshalb bog er nun etwas vorsichtiger links in die Bundesgasse ein. Von weitem sah er einen Reisebus aus Italien, der vor dem Bundeshaus geparkt war.

Beppe verlangsamte seine Fahrt, um das Kennzeichen zu studieren.

„Ah, da, Palermo!“, rief er erfreut und schwenkte dabei sein Baguette: „Ciao, amici!“, rief er den beiden Männern zu, die vor dem Reisebus warteten.

Der eine wollte gerade ein rotes Tuch in der Kanalisation verschwinden lassen und schaute irritiert auf, als ihn Beppe auf Italienisch begrüßte.

„Ciao amico, gehst du heute die historische Altstadt von Bern besichtigen?“

„Nein, ich muss zurückfahren, nach Palermo.“

„Dann wünsche ich euch eine gute Reise! Grüßt mir unterwegs Napoli, meine Heimatstadt.“

„Und auch deine Mamma?“, spotteten die beiden Italiener.

„Ja natürlich“, antwortete Beppe, „sie fehlt mir sehr.“

Beppe trat kräftig in die Pedale. Er wollte heute pünktlich bei seiner Chefin sein. Wenn er früh am Morgen im Büro erschien, schenkte sie ihm als Erstes ihr hinreißendes Lächeln. Er liebte ihre langen, blonden Haare. Ab und zu stellte er sich vor, wie er seine bezaubernde Chefin in die Arme nehmen würde. Sie war zwar etwas größer als er, vielleicht zwei Zentimeter, aber mit seiner durchtrainierten Figur, seinen schwarzen Haaren und seinem dunklen Teint wären sie trotzdem ein schönes Paar. Bestimmt wäre auch Mamma begeistert, dachte Beppe, aber leider war Katharina seine Vorgesetzte. Ob sie schon im Büro vor ihren Parfumflaschen steht und den passenden Duft für den heutigen Tag aussucht?, überlegte er weiter.

Vom Bundesplatz bis zum Polizeihauptgebäude am Waisenhausplatz hatte Beppe quer über den Bärenplatz 400 Meter zurückzulegen. Diese schaffte er mit seinem schnellen  Fahrrad locker in zwei Minuten. Der Zeiger seiner neuen Swatch zeigte genau auf sieben Uhr, als er die Treppen zum Büro hinaufeilte und dabei immer zwei Stufen auf einmal nahm.

Im Büro des Kriminalkommissariats saß Katharina Tanner wie jeden Morgen an ihrem Schreibtisch, las die eingegangenen Mails, hörte den Anrufbeantworter ab, sortierte die Akten, die sie heute bearbeiten musste, und überflog in der Berner Zeitung die wichtigsten Schlagzeilen. Dazu trank sie eine heiße Schokolade aus dem Automaten. Auf Seite drei las sie: Nationalbank-Gold verhökert. Gold zu früh verkauft… Die Schweizerische Nationalbank hat 1300 Tonnen Gold in einem ungünstigen Moment zu einem Schleuderpreis veräußert. Aktuell würde sie 10,8 Milliarden Franken mehr lösen.

Katharina Tanner war in den Zeitungsartikel vertieft, als es an die Tür klopfte.

„Herein!“, rief sie und schaute auf die runde Wanduhr.

7.00 Uhr. Die Tür öffnete sich und ein älterer Polizist trat ein. Er rückte seine dicke Hornbrille zurecht und murmelte mit besorgter Miene: „Guten Morgen, Frau Kommissarin. Heute erwarten wir nur 2000 Demonstranten vor dem Bundeshaus. Sie sind gegen das neue Asylgesetz. Jedes Jahr engagieren sich weniger Leute für dieses Problem.“

Er kicherte, rückte wieder seine Hornbrille zurecht, verzog seinen Mund, wandte sich gemächlich um und schlurfte zur Tür hinaus. Als er gerade das Büro verlassen wollte, tauchte plötzlich Beppe vor ihm auf.

„Was hast du denn in der Hand, Beppe? Einen Knüppel? – Bereitest du dich etwa schon auf die Demo vor?“

„Nein, was denkst du, das ist mein Frühstück!“ Beppe betrat das Büro von Katharina Tanner.

„Guten Morgen, Chefin!“, begrüßte er sie gutgelaunt.

„Tag Beppe“, antwortete sie, „so pünktlich wie heute bist du selten.“

„Das sind wir bei uns in Italia ja auch nicht gewohnt. Da gibt es immer eine Zeitspanne, sagen wir so zwischen null und zwei Stunden, je nachdem, wo man arbeitet. Und was sind schon zwei Stunden gemessen an der Ewigkeit! In Napoli machte es überhaupt nichts, wenn ich mal nicht zur Arbeit erschien.“

„Hattest du denn keinen Chef, der dich kontrollierte?“

„Sì, certo, aber der war selbst auch nicht immer pünktlich. Also war es nicht so schlimm, wenn wir Polizisten ab und zu fehlten. Einmal kam der oberste Kommissar aus Mailand mit einem dicken Buch zu uns. Darin waren alle Namen der Polizisten von Neapel mit Adresse und Qualifikation fein säuberlich aufgelistet. Es waren 123 Namen, und ausgerechnet an dem Tag, als er zur Inspektion erschien, waren nur 20 Polizisten anwesend, weil in Neapel am gleichen Abend das wichtigste Fußballspiel der Saison gegen die Polenta-Fresser aus Milano stattfand. Da konnte tagsüber vor Aufregung natürlich keiner mehr arbeiten. Weil der Oberkommissar aber selbst ein Mailänder war, hatte er kein Verständnis für unsere arme Mannschaft. Er fragte mich, ob ich kein Tifoso sei.

„Jeder Neapolitaner ist Tifoso“, antwortete ich.

„Und wo sind die anderen Polizisten?“, wollte er darauf wissen.

„Sie bewachen freiwillig das Stadion, damit den Mailänder Fans nichts geschieht“, antwortete ich schlagfertig.

Der Inspektor durchforstete seine Namensliste und deutete mit dem Zeigefinger auf einen Namen. Es war Gennaro Esposito.

„Schützt dieser Mann auch die Mailänder?“

Ich machte ein ernstes Gesicht und sagte: „Was für ein Zufall, Herr Oberkommissar, das bin ja ich in persona!“ Dabei legte ich meine linke Hand aufs Herz.

Der Inspektor machte ein verdutztes Gesicht, kratzte sich am Hals und meinte mürrisch: „Bene, es scheinen ja alle hier zu sein. Du bist bereits der dritte, der seinen Namen auf Anhieb erkennt. Ich scheine heute das große Los gezogen zu haben. Bringen Sie mich zu Ihrem Chef, signor Esposito.“

Ich führte den Oberkommissar durch die leeren Gänge des neapolitanischen Polizeihauptgebäudes. Beim Fahrstuhl in der hintersten Ecke drückte ich auf den Schalter, aber der Lift rührte sich nicht. Erst jetzt sah ich das Schild: Ausser Betrieb!

„So was“, murmelte ich ungläubig, „wir müssen wohl oder übel die Treppe in den vierten Stock hinaufsteigen, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Oberkommissar.“

Der Inspektor schaute kurz auf seine Schuhspitzen, dann meinte er entschlossen: „Die Inspektion ist für heute abgeschlossen, signor Esposito. Ich habe genug gesehen und bin soweit zufrieden. Ich werde Ihnen meinen ausführlichen Bericht in etwa drei Monaten zustellen. Darin sind alle Stärken und Schwächen des neapolitanischen Polizeicorps detailliert beschrieben. Ich danke Ihnen für die freundliche Auskunft und ihren vorbildlichen Einsatz, signor Esposito.“

Katharina Tanner schüttelte ungläubig den Kopf.

„So was, das ist kaum zu glauben!“ Sie zeigte mit dem Finger auf die Schlagzeile in der Berner Zeitung.

„Ach so, die Geschichte mit dem Schweizer Gold!“, meinte Beppe, „das begreife ich nicht. Bei uns in Italien werden solche Sachen anders geregelt.“

„Wie denn?“

„Bevor in Napoli das Geld beim Volk ankommt, hat es sich bereits in Luft aufgelöst – sogar das schwere Gold löst sich dort einfach in Luft auf, wumm!“

Kapitel 3

Als Sarah ihre Mutter erstochen im Schlafzimmer fand, erschrak sie zutiefst und rannte entsetzt vors Haus. Einige Nachbarn hörten ihr Schreien und öffneten verwundert die Fenster zur Straßenseite, wo sich die junge Frau ins Gebüsch übergab. Mit der rechten Hand zeigte sie, am ganzen Leib zitternd, zum Eingang ihrer Wohnung. In ihren Augen stand Entsetzen.

„Sollen wir die Polizei rufen?“, fragte der ältere Mann aus dem zweiten Stock besorgt.

„Ja, meine Mutter… tot… ermordet…“

„Ermordet? – Eva ist ermordet worden?“, wiederholte der Mann entsetzt und verschwand vom Fenster. Kurze Zeit später trat er mit dem Mobiltelefon in der Hand aus der Tür und gab es der jungen Frau.

„Kriminalpolizei Bern?“

„Sarah Berger“, meldete sich die junge Frau.

„Katharina Tanner. Guten Morgen, Frau Berger. Was ist geschehen?“

Sarah begann zu weinen: „Etwas Furchtbares: Meine Mutter ist ermordet worden. Ich habe nichts davon bemerkt, weil ich die Mansarde bewohne. Als ich vorhin zu ihr wollte, lag sie erstochen im Bett.“

„Ihre Adresse, bitte.“

„Rathausgasse 68, erster Stock.“

„Wir kommen sofort.“

Sarahs verzweifeltes Schluchzen übertönte die Stimme der Kommissarin.

Nachdem Katharina Tanner den Hörer aufgelegt hatte, befahl sie energisch: „Beppe, komm, beeil dich, es gibt Arbeit für uns!“

„Was denn? Ich wollte doch gerade meinen Cappuccino trinken und das Baguette genießen, so wie jeden Morgen vor der Arbeit.“

„Später – los jetzt, es handelt sich um einen Mordfall!“

„Mordfall? – Mamma mia, wenn ich das meiner Mamma in Neapel erzähle!“

Bei Bergers klingelte das Telefon. Sarah eilte in die Wohnung und griff nach dem Hörer.

„Guten Morgen, Sarah, Henri vom Berner Schriftsteller-Verein am Apparat. – Ist Ihre Mutter schon unterwegs?“

„Unterwegs? – Nein, sie liegt tot im Bett, mit einem Dolch in der Brust.“

Es folgte ein langes Schweigen. Dann hörte Sarah wieder die Stimme von Henri Wyss: „Hast du die Polizei gerufen?“

„Ja, ich habe soeben mit der Kommissarin Katharina Tanner von der Berner Kriminalpolizei telefoniert. Sie wird gleich hier sein. Könntet ihr bitte mit der Abfahrt warten? Vielleicht muss sie mit euch sprechen.“

„Ja, natürlich. Ich werde in einer halben Stunde noch einmal anrufen und jetzt sofort mit Frau Tanner Kontakt aufnehmen. Mein tiefstes Beileid, Sarah.“

Kapitel 4

Vor dem sizilianischen Reisebus beim Bundesplatz hatte sich inzwischen fast die ganze Gruppe des Berner Schriftsteller-Vereins versammelt: Der Präsident und Reiseleiter Henri Wyss, Esther Gasser, Alice Käser, Reto Müller, die Bestsellerautorin Shelly Dunn, die Krimiautorin und Gourmetspezialistin Katja Romero, Silke Herrmann, die in Bern wohnhafte Deutsche aus Hamburg, Raul Kern, der Theologe Bernhard Ryser und der Verleger John Schneider.

Alle warteten nur noch auf den Krimiautor Professor Rufus Fuhrer und die Bestsellerautorin Eva Berger. Bleich im Gesicht und mit zittriger Stimme teilte Henri Wyss der Gruppe mit, dass die Abfahrt leider verschoben werden müsse, weil etwas Schreckliches geschehen sei. Bestürzt vernahmen die Wartenden, dass ihre Kollegin Eva Berger einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Für eine Weile wurde es ganz still. Sie, die sonst so viel erzählten, wussten auf einmal nicht mehr, was sie sagen sollten.

Rufus Fuhrer hatte lange unter der Dusche gestanden. Seine Gedanken verweilten bei seinem neuen Kriminalroman. „Endlich habe ich sie getötet!“, schrie er plötzlich begeistert und meinte damit die Hauptfigur Maya Müller, für die er bisher einfach nicht die richtige Todesart hatte finden können. „Mit dem Dolch muss sie sterben – dass ich nicht früher darauf gekommen bin!“ Mit nassen Haaren verließ er das Badezimmer, zog sich hastig an und schrieb wie im Fieber die vierte Szene ins Notebook.

„So, nun kann’s losgehen“, murmelte er zufrieden. Er schaute auf die Uhr und erschrak. 7.00 Uhr. „Die werden sicher auf mich warten!“ Hastig nahm er seinen Koffer und eilte zur Tramhaltestelle.

Als er endlich vor dem Bundeshaus eintraf, erwarteten ihn seine Kolleginnen und Kollegen mit versteinerten Mienen.

„Tut mir schrecklich leid, dass ich zu spät komme! Aber es ist etwas ganz Wichtiges dazwischengekommen: Endlich habe ich sie getötet!“

Entsetzt blickten ihn alle an.

„Ja, mit einem Dolch habe ich sie erstochen!“ Grabesstille breitete sich unter den Anwesenden aus. Belustigt ergänzte Rufus: „Ich meine natürlich Maya

Müller, meine Romanfigur.“

Nachdem Rufus Fuhrer vom Mord an Eva Berger erfahren hatte, sagte Henri zur Reisegruppe: „Wir müssen uns für Auskünfte zur Verfügung halten. Am besten bleiben wir hier, bis ich mit der Polizei gesprochen habe.“

Um 7.30 Uhr telefonierte er mit der Kommissarin Katharina Tanner.

Sie gab ihm folgende Anweisungen: „Wir haben den Tatort abgeriegelt, und die Leute von der Spurensicherung sind an der Arbeit. Ich erwarte Sie und die ganze Reisegruppe um neun Uhr im Polizeihauptgebäude am Waisenhausplatz. Bitte melden Sie sich beim Empfang im Parterre, ich werde Sie dort abholen.“

Henri Wyss teilte diese Hiobsbotschaft unverzüglich der Reisegruppe mit, die sich widerwillig fügte. Es gab in der Gruppe fünf Krimiautoren. Aber ein wirkliches Verbrechen hatte noch keiner von ihnen hautnah erlebt. Und ausgerechnet die erfolgreichste Autorin war jetzt das Opfer.

Nachdenklich gingen sie, Henri Wyss an der Spitze, zum Bärenplatz. In der überdachten Veranda des Restaurants Gfeller diskutierten sie darüber, ob sie die Reise antreten sollten.

„Der Mord ist kein gutes Omen für die Reise“, meinte Katja Romero.

Esther Gasser erwiderte: „Anderseits können wir nichts mehr für die arme Eva tun und das Leben geht halt weiter. Ich finde, wir sollten die Reise trotzdem durchführen. Das wäre sicher auch im Sinne von Eva.“

Alle nickten. Eigentlich wollte niemand von ihnen wirklich daheimbleiben, aber eine unbeschwerte Reise, das konnten sie sich auch nicht mehr vorstellen.

Henri Wyss fasste zusammen: „Vorerst halten wir uns für die polizeiliche Befragung zur Verfügung. Das kann mehrere Stunden dauern. Wenn wir alle Fragen beantwortet haben, gibt es für uns hier nichts mehr zu tun. Wer lieber hier bleibt, um Eva Berger die letzte Ehre zu erweisen, soll es mir mitteilen. Die andern werden wie geplant an der Reise teilnehmen.“

Kapitel 5

Um neun Uhr meldeten sich die elf Personen des Berner Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Vereins und die beiden sizilianischen Fahrer beim Empfang des Polizeihauptgebäudes am Waisenhausplatz.

Die Kommissarin Katharina Tanner und ihr Assistent Beppe Volpe warteten schon auf sie. Der Fahrer Fausto aus Palermo und sein Partner Giuseppe wurden nach Aufnahme ihrer Personalien sofort wieder entlassen.

„Es dauert etwa zwei Stunden, dann können Sie losfahren“, bemerkte Beppe, bevor die beiden Italiener das Gebäude verließen. Dann sagte die Kommissarin: „Mein Büro befindet sich im zweiten Stock. Dürfte ich Sie, Herr Präsident, als Ersten bitten, mit nach oben zu kommen?“

„Das klingt ja nach einem Verhör“, antwortete Henri Wyss gequält und stieg zusammen mit Katharina Tanner und Beppe Volpe die Treppen empor.

Die anderen zehn warteten unten in einem engen Raum, wo es nur sechs Stühle gab. John Schneider zündete sich nervös eine Zigarette an. Eine Polizistin deutete auf das Schild Rauchen verboten!, welches unmittelbar neben ihm an der Wand hing. John fluchte leise und drückte die Zigarette an der Verbotstafel aus.

Im Büro wies die Kommissarin Henri Wyss an, sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch zu setzen. Beppe stellte sich unauffällig in die Ecke und beobachtete das Verhör.

„Herr Wyss, Frau Berger war Mitglied Ihres Vereins. Sie wollte mit Ihnen nach Italien reisen. Wann hatten Sie zum letzten Mal Kontakt mit ihr?“

„Vor zwei Wochen, da rief sie mich zuhause an und fragte, ob sie ihren Badeanzug einpacken solle.“

„Und was haben Sie geantwortet?“

„Ja, unbedingt, denn wir werden ein paar Abstecher ans Meer machen und wer möchte, kann dort auch baden gehen.“

„Waren Sie mit Eva Berger gut befreundet?“

„Ich kenne sie seit über zehn Jahren. Ich habe miterlebt, wie sie ihre Tochter Sarah alleine aufgezogen hat. Evas Mann ist vor neun Jahren an Lungenkrebs gestorben. Er hat immer sehr viel geraucht und überhaupt nicht auf seine Gesundheit geachtet. Eva und ich waren gute Bekannte, aber nie eng befreundet.“

„Hatte Frau Berger Feinde? – Gab es Leute, die sie nicht mochten?“

„Feinde? – Nicht, dass ich wüsste. Eva war eine Frau, die immer offen sagte, was sie dachte, und die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hielt. Sie konnte sehr kritisch sein, wenn es um Bewertungen von Veröffentlichungen ihrer Kolleginnen und Kollegen ging. Aber Feinde hatte sie deswegen bestimmt nicht, das wäre viel zu hart ausgedrückt.“

„Vielen Dank, Herr Wyss, fürs Erste haben wir genug gehört. Beppe wird Sie nach unten begleiten und ihre Kollegin Esther Gasser abholen.“

„Wie lange werden die Verhöre dauern?“

„Ich schätze nicht länger als zwei Stunden. Gegen elf Uhr sind wir damit fertig. Dann können Sie von mir aus losfahren. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise!“

„Danke, Frau Kommissarin.“ Beppe und Henri Wyss stiegen nebeneinander die Treppen hinunter.

„Am liebsten würde ich mit Ihnen fahren“, sagte Beppe.

„Ach ja, und der Mord?“, meinte Henri.

„Wissen Sie, dort, wo ich herkomme, gibt es viele Verbrechen. Ein Mord mehr, ein Mord weniger, das macht keinen Unterschied.“

„Woher kommen Sie denn?“

„Aus Napoli, einer der schönsten und gefährlichsten Städte der Welt.“

Im Warteraum forderte Beppe die Autorin Esther Gasser auf, ihn zu begleiten. Henri Wyss gesellte sich zu den anderen.

Als Nächster musste sich der Verleger John Schneider bereithalten.

„Gleich sind Sie dran“, sagte Beppe vor versammelter Runde.

Kapitel 6

Inzwischen spazierten Giuseppe und Fausto durch die Berner Innenstadt. Beim Käfigturm blieben sie stehen und betrachteten die Kinobilder, die dort ausgestellt waren.

„Hier gibt es nur amerikanische Filme, der einzige italienische ist ein alter Sexfilm mit Rocco Stallone, dem italienischen Hengst.“

„Was meinst du, wann können wir fahren?“, fragte Giuseppe.

„Was weiß ich, vielleicht gegen Mittag. Sonst können wir gleich die Nacht über hierbleiben, denn wir würden das Schiff in Genua auf jeden Fall verpassen“, antwortete Fausto.

„Und wann müssen wir spätestens am Hafen von Genua eintreffen?“

„Abends um halb neun. Unser Schiff läuft um zehn Uhr aus und wir brauchen über eine Stunde, um die Formalitäten zu erledigen.“

„Dann sollten wir also in zweieinhalb Stunden losfahren?“

„Ja, sonst schaffen wir es nicht.“

„Hast du auch Hunger?“, fragte Giuseppe.

„Mordshunger. Komm, wir suchen eine Bar mit guten Panini.“

„Pizza wäre auch nicht schlecht.“

Giuseppe und Fausto schlenderten die Marktgasse hinunter. Vor einem Schaufenster blieben sie stehen und betrachteten die ausgestellten Schweizer Käsekuchen. „Schau mal die Pizza!“, rief Giuseppe. „Die möchte ich probieren.“

Sie kauften beide ein Stück heißen Käsekuchen auf die Hand und bissen kräftig hinein.

„Was für komische Pizzen diese Schweizer machen“, bemerkte Giuseppe belustigt.

„Ist aber gar nicht so schlecht, diese dicke Pizza Margherita“, meinte Fausto schmatzend. „Ich kaufe mir noch ein zweites Stück, möchtest du auch?“

Giuseppe schnitt eine Grimasse und Fausto grinste. „Ist halt nicht wie in Italia hier. Die Schweizer sind nicht umsonst so wohl genährt.“

Sie schlenderten weiter durch die Lauben der Berner Altstadt hinunter bis zum Zytglogge-Turm. Dort bestaunten sie gemeinsam mit einer japanischen Reisegesellschaft die älteste Uhr von Bern und begaben sich anschließend zum Brunnen auf dem Kornhausplatz.

„Schau mal diese Figur mit dem vollen Mund!“, rief Giuseppe, als sie den Chindlifrässer-Brunnen betrachteten.

„Sind das Schinkensandwichs, die der altertümliche Kerl in seinen Mund hineinstopft?“

„Chindlifrässer“, buchstabierte Fausto auf Berndeutsch.

 „Was das wohl heißen soll?“

„Grauenvoll, schau, der Kerl frisst Kinder auf. Der lebte wohl, bevor es hier Kartoffeln gab.“

Fausto lachte. „Komm, Giuseppe, wir haben heute ja schon einige seltsame Dinge erlebt. Lass uns noch eine Weile durch die Altstadt bummeln.“

Sie schlenderten vom Zytglogge-Turm durch die neu gepflasterte Kram- und Gerechtigkeitsgasse, hinunter zur Nydeggbrücke, überquerten die Aare, die mit dem letzten Gletscherwasser aus dem Berner Oberland in einer Schlaufe die Berner Altstadt reißend umfloss.

„Wahnsinn, wie wild der Fluss hier fließt. Das sieht man bei uns auf Sizilien nicht.“

„Es heißt ja, die Schweiz sei das Land, wo Milch und Honig fließen.“

„Du meinst Wasser und Schokolade? – Davon gibt’s hier eine ganze Menge.“

„Dafür haben wir auf Sizilien das Meer und den besseren Cappuccino.“

„Das wissen wir noch gar nicht, wir haben hier ja noch keinen getrunken.“

Beim Bärengraben schauten sie sich die zotteligen Braunbären an, welche auf dem Rücken lagen und mit offener Schnauze und schläfrigen Augen warteten, bis die Karotten der Touristen in ihrem Mund landeten.

„Diese Berner Bären führen ein Leben wie im Schlaraffenland“, meinte Giuseppe. „Sie brauchen nicht arbeiten zu gehen, sie müssen nicht früh aufstehen, und die Mahlzeiten werden ihnen gratis angeboten.“

„Ich brauche jetzt einen Cappuccino. Lass uns hier ins Alte Tramdepot gehen. Da kriegen wir sicher einen.“

Sie setzten sich an einen der langen Tische und bestellten zwei Cappuccini. Der Kellner sprach Italienisch mit einem vertrauten Akzent. Es stellte sich heraus, dass er aus Siracusa stammte und vor fünfundzwanzig Jahren nach Bern gekommen war.

„Wollten Sie nie nach Sizilien zurückkehren?“

„Doch, in Siracusa habe ich vor 21 Jahren eine Metzgerei aufgebaut. Als die Sizilianer endlich lernten, meine Blut- und Leberwürste nach Schweizer Art zu schätzen und das Geschäft allmählich florierte, kam eines Tages ein junger Mann und verlangte Schutzgeld von mir. „Wovor wollen Sie mich schützen?“, fragte ich ihn. Er antwortete: „Dass ihr Geschäft von niemandem gestört wird.“ Nun wusste ich, dass es für mich in Siracusa keine Zukunft gab. Für solche Leute wollte ich nicht arbeiten. Ich kehrte nach Bern zurück und schenkte Bier aus. Dafür gibt es wenigstens Trinkgelder. – „Aus welcher Region stammen Sie?“

Giuseppe antwortete: „Wir kommen aus Palermo und haben Waren – vor allem Rotwein – nach Deutschland transportiert. Morgen bringen wir eine Reisegruppe mit Berner scrittori nach Palermo. Alle sind Krimiautoren. Pass gut auf, sonst schicken Sie dir einen Mafioso hier ins Alte Tramdepot, auf dem Papier natürlich.“

„Der Cappuccino schmeckt fast wie bei uns“, meinte Fausto und schaute Giuseppe fragend an.

„Stimmt“, sagte dieser, „wir nehmen noch zwei dunkle Bier.“

„Können wir gleich bezahlen? Wir sollten bald zurück zum Bundeshaus.“

„Zwei Cappuccini und zwei Bier, das macht 22 Franken.“

Fausto rieb sich die Augen: „Und was kostet hier eine Flasche Barolo?“

Giuseppe und Fausto kehrten zurück in die Unterstadt und gingen die Junkerngasse hinauf zum gotischen Münster. Voller Ehrfurcht betrachteten sie das in Stein gehauene Jüngste Gericht über dem mittleren Eingang.

Dann eilten sie weiter die Herrengasse hinauf zum Casino, in dem an diesem Abend der italienische Stardirigent Riccardo Muti das Berner Sinfonieorchester leitete.

„Neben Pizzerien, Spaghetterien und Sexfilmen gibt es in Bern auch noch klassische Kultur aus Italien“, witzelte Giuseppe.

Als sie über den Casinoplatz zum Fünfsternehotel Bellevue schlenderten, erblickten sie von weitem ihren hellblauen Reisebus. Es war 10.45. Sie hatten also Zeit, sich noch ein wenig umzuschauen.

Kapitel 7

Giuseppe und Fausto schlenderten am Bundeshaus vorbei. Alle Türen und Fenster waren verschlossen. Die Fassade verschwand hinter einem Baugerüst und das Wort Transparenz zierte in riesigen Lettern die durchsichtige Umhüllung. Hatte Christo hier sein neustes Kunstwerk installiert? Aber niemand schien an diesem Morgen dort zu arbeiten. Der Eingang zum Bundeshaus war verschlossen. Giuseppe und Fausto schlenderten über den Markt auf dem Bundesplatz. Hier verkauften die Marktfrauen Salat, Gemüse und Blumen.

Ein Lieferwagen mit Schweizer Basilikum war soeben eingetroffen und wurde rasch entladen.

„Schweizer Basilikum für die Pasta mit Pesto zu verkaufen!“, hörten sie eine Bäuerin rufen.

„Echtes Schweizer Basilikum, signora?“, wollte Guiseppe wissen. „Sieht  genauso aus wie das Basilikum in Italien.“

„Es kommt ja auch von dort“, erwiderte die Marktfrau.

„Dann ist es also italienisches Basilikum?“

„Nur die Keimlinge sind italienisch. – Das Basilikum ist hier gewachsen. Wir haben es gehegt und gepflegt und deshalb ist es Schweizer Basilikum!“

„Ah, also eingebürgertes Basilikum?“

Kapitel 8

Gegen elf Uhr trafen die ersten Autoren wieder beim Reisebus ein. Giuseppe und Fausto empfingen sie mit einem warmen Kaffee, den sie selbst im Bus gebraut hatten. Nach der traurigen Verzögerung freuten sich die Gäste über diesen herzlichen Empfang und waren froh, endlich einzusteigen. Fünf Personen sagten ihre Beteiligung nach dem Mord an Eva Berger allerdings ab und baten Henri Wyss, sie bei der Gruppe zu entschuldigen: Alice Käser, Reto Müller, Shelly Dunn, Raul Kern und der Theologe Bernhard Ryser. Wegen dieses Vorfalls fühlten sie sich nicht mehr in der Lage an der Italienreise teilzunehmen, obwohl sie – wie alle Teilnehmer – sonst keine Berührungsängste mit dem Verbrechen kannten. Niemand nahm es ihnen übel. Alle hatten an diesem Morgen bereits mit demselben Gedanken gespielt. Nun waren es nur noch sechs Personen, die die Reise zusammen mit Fausto und Giuseppe antreten wollten: Der Verleger John Schneider, die Gourmet-Spezialistin Katja Romero, die deutsche Lektorin Silke Herrmann, die Thrillerautorin Esther Gasser, der Professor und Sizilien-Kenner Rufus Fuhrer und Henri Wyss. Bevor die Gruppe einsteigen konnte, gab dieser bekannt: „Die Polizei rät uns, die Abfahrt um einen Tag zu verschieben. Wir treffen uns also morgen um sieben Uhr wieder hier auf dem Bundesplatz. Ich werde mit der Direktorin des Reisebüros sofort Kontakt aufnehmen und die Buchungen von Schiff und Restaurants um einen Tag verschieben lassen. Morgen Abend sind wir auf dem Schiff nach Palermo, wenn alles nach Plan verläuft.“

Um 18.00 Uhr verließ Beppe das Hotel Arabelle an der Mittelstrasse. Er wollte noch ein paar Einkäufe machen und schwang sich auf sein altes Mondial-Fahrrad. Das hatte er einem Italiener in der Casa d’Italia abgekauft. Der wollte nur 450 Franken dafür und behauptete, dass es qualitativ besonders gut sei, italienische Qualität. Er sei damit einmal bis nach Milano und ohne Panne wieder zurück nach Bern geradelt. „Damals ein teurer Kauf“, meinte er, „das Fahrrad hat mich über 1000 Franken gekostet, aber das war es wert.“

Wie zum Beweis zog er an der rechten Bremse, die nicht reagierte.

„Musst halt mit dem Rücktritt bremsen“, sagte er unbeirrt und schob das Rad zu Beppe hinüber.

Beppe fuhr durch die Mittelstrasse und sprang vor der Kreuzung zur Länggassstrasse kühn ab. Er schleifte den Drahtesel auf den Gehsteig und stellte ihn bei einem Verkehrsschild ab, ohne abzuschließen. „Endlich ein Fahrrad, das nicht geklaut wird“, sagte er strahlend und begab sich zur Weinhandlung Il Brunello, wo er eine Weile das Schaufenster betrachtete.

Barolo las er auf dem Etikett einer Flasche und öffnete dann die Tür der Weinhandlung.

„Was wünschen Sie?“, fragte der Verkäufer.

„Eine Flasche Lacrima Christi“, antworte Beppe. „Der Wein, der einer Legende nach an den Hängen des Vesuvs aus den Tränen Christi gewachsen ist.“

„Sehr schön, der rote Lacrima Christi ist ein qualitativ hochwertiger, milder und harmonischer Wein, aber leider führen wir dieses Produkt nicht. Für denselben Preis kann ich Ihnen aber einen feinen Barolo anbieten.“

„Für meine Vorgesetzte kommt nur eine neapolitanische Marke in Frage.“

„Der Barolo passt aber auch zu Pizza und Spaghetti con pomodori.“

Zögernd sagte Beppe: „Es ist zwar ein Norditaliener, doch ausnahmsweise können Sie mir den Barolo für meine Chefin einpacken.“

Beppe radelte mit der Flasche Barolo in der Linken zur Casa d’Italia. Es war bereits halb sieben, als er dort ankam. Eine Gruppe von sechs Personen versperrte den Eingang. Mit traurigen Mienen standen sie da und klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Erst jetzt erkannte Beppe die Schriftsteller, mit denen er bereits am Morgen zu tun gehabt hatte. Er begrüßte sie höflich und versteckte die Weinflasche unter seinem Jackett. „Reisen Sie trotz dieses traurigen Ereignisses nach Palermo?“

„In dieser Angelegenheit haben wir uns heute Abend in der Casa d’Italia verabredet“, antwortete Henri Wyss ernst. „Wir wollen das Andenken unserer Kollegin Eva Berger ehren, und wir sind überzeugt, dass es in ihrem Sinne ist, wenn wir diese Reise antreten. Die Hälfte unserer Gruppe hat ihre Beteiligung zwar rückgängig gemacht, aber die restlichen Mitglieder werden morgen früh mit dem Reisebus nach Genua fahren.“

„Geht es von dort mit dem Schiff weiter?“

„Ja, so Gott will.“

Beppe nickte, verabschiedete sich von der Gruppe und betrat die Casa d’Italia. Im Parterre waren alle Tische besetzt von Rentnern, die zusammen Briscola spielten, ein italienisches Kartenspiel. Tosender Lärm empfing Beppe.

Francesco rief laut: „Commissario, wie viele Verbrecher haben Sie heute verhaftet?“

Beppes Miene heiterte sich auf und er zog die Flasche Barolo aus seinem Jackett. „Was meinst du damit?“, fragte er Francesco, den pensionierten Carabiniere aus Kalabrien. In diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Schar

Damen strömte ins Lokal.

„Was ist denn jetzt los?“, fragte Beppe erschrocken. Francesco schlug vergnügt mit der flachen Hand aufs

Knie: „Das ist Gleichberechtigung all’italiana. Die Männer spielen unten Briscola und trinken ein Gläschen Wein und die Damen spielen im zweiten Stock Poker bei einem Kännchen Tee.“

„Sind es die Ehefrauen oder die Freundinnen?“, fragte Beppe neugierig.

Francesco krümmte seinen Zeigefinger schräg nach unten, schaute in die Männerrunde und murmelte: „In unserem Alter sind die Karten schon lange gemischt.“

Obwohl Beppe immer noch unklar war, um was für einen Damenverein es sich handelte, wagte er nicht weiter zu fragen. Gedankenverloren nahm er die Flasche Barolo und betrachtete das Etikett.

„Eigentlich bin ich wegen der Pizza Margherita in die Casa gekommen. Sie soll hier so gut wie in Napoli schmecken. Ich habe jetzt mächtig Hunger. Francesco, kommst du mit nach hinten in die Pizzeria?“

„Nur wenn du diese Flasche Barolo spendierst.“

Kapitel 9

Kaum hatte die Polizei die Spuren aufgenommen und war die Leiche von Eva Berger für die Autopsie weggebracht worden, meldete sich schon der Nachlassverwalter bei Sarah Berger. Die Erledigung der Formalitäten verlief wie ein normales Geschäft, das vertraglich abgeschlossen wird. Es erinnerte Sarah an den Abschluss der Lebensversicherung, den ihre Mutter noch vor kurzem bei der Allianz getätigt hatte.

Nachdem der Nachlassverwalter gegangen war, saß Sarah in Gedanken versunken am Küchentisch und betrachtete das Handy ihrer Mutter. Auf einmal schreckte sie auf: Das Handy piepste. Eine SMS war angekommen. Sie drückte auf die Taste und las: „Warum hast du noch nicht geantwortet? – Du musst unbedingt nach Palermo kommen! Con tanto amore, Mauro.“

Sarah las die Nachricht mehrmals und erinnerte sich dann an den sizilianischen Freund ihrer Mutter, den sie aus Erzählungen kannte.

Sie schaute alle Nachrichten an und entdeckte eine MMS von Mauro, die er in der Nacht vor Evas Ermordung abgeschickt hatte. Offenbar hatte sie diese Nachricht nicht mehr beantworten können.

Das Foto auf dem Display zeigte verschiedene archäologische Ausgrabungen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Als ausgebildete Archäologin war es für Sarah nicht schwierig, das festzustellen. Die Statuen und Stelen mit Inschriften am Sockel waren in einer Art Depot fein säuberlich aufgereiht. Den Ort konnte sie allerdings nicht bezeichnen. Aufgeregt schloss Sarah das Handy mit einem Verbindungskabel an ihren Computer an und schaute sich auf dem Monitor das vergrößerte Bild genauer an.

„Das gibt’s doch nicht!“, rief sie überrascht aus. „Diese Statuen habe ich noch nie in einem Buch gesehen.“

Sarah saß lange vor dem Monitor und analysierte das Bild. Trotz ihres historischen Fachwissens konnte sie die Stücke nicht zuordnen.

Sarah fragte sich, wo sie sich wohl befänden, und schüttelte den Kopf.

Auf einmal stand sie entschlossen auf und begab sich in ihre Mansarde. Dort holte sie einen Koffer aus dem Schrank und begann zu packen.

Kapitel 10

Mittwochmorgen, 27. September

Um sieben Uhr startete Fausto den Motor und schaltete das Radio ein. Unbeschwerte Schweizer Volksmusik ertönte. Die sechs Krimiautorinnen saßen im Bus und Giuseppe begrüßte sie mit den Worten: „Meine Damen und Herren, heute genießen sie einen außerordentlichen Komfort, jede und jeder von Ihnen hat fünf Plätze zur Verfügung. Genug Platz für alle Ihre Haustiere, Hunde, Katzen oder Hamster. Buon viaggio.“

Henri Wyss setzte sich auf den Beifahrersitz und ergriff das Mikrofon:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir alle trauern gemeinsam um unsere liebe Schriftstellerkollegin Eva Berger, die gestern von uns gegangen ist. Über die Umstände, die zu ihrem Ableben führten, wissen wir nur, dass sie eines unnatürlichen Todes sterben musste. Das ist unfassbar und erfüllt uns mit Entsetzen. Warum musste Eva ein so tragisches Schicksal erleiden? Die Realität ist bisweilen entsetzlicher als alles, was wir uns vorstellen können, und umgekehrt kann all das, was wir uns in den kühnsten Träumen ausdenken, unverhofft Wirklichkeit werden. Wir alle hoffen, dass die Berner Polizei bald Erfolg hat bei der Aufklärung dieses Verbrechens. Es wäre auch für die Angehörigen von Eva, insbesondere für Sarah, ein Trost.

Fausto und Giuseppe sind gestern Morgen aus Freiburg im Breisgau nach Bern gefahren, um uns hier beim Bundesplatz abzuholen. Leider wurde dann unsere Abfahrt durch dieses traurige Ereignis um einen Tag verzögert.

Wir fahren nun die Strecke Bern-Luzern. Dort machen wir einen kurzen Stopp. Anschließend geht die Reise weiter durch den Gotthardtunnel ins Tessin. Das Mittagessen nehmen wir in der Autobahnraststätte hinter dem Gotthard ein. Seid ihr damit einverstanden? – Dann wünsche ich euch trotz allem eine angenehme Reise.“

Die Gäste nickten. Alle waren froh, dass Henri Wyss sie mit diesen Banalitäten wieder in die Normalität des Alltags brachte.

Anschließend meldete sich Giuseppe per Mikrofon auf Italienisch zu Wort: „Buongiorno signori, ecco, finalmente siamo in viaggio per la bella Sicilia.“

Während der Fahrt wurde wenig gesprochen. Das Radio spielte immer noch Volksmusik.

„Kannst du nicht die kleine Nachtmusik von Mozart auflegen?“, knurrte Henri.

„Oder das Präludium von Bach“, sagte John Schneider,

„immerhin trauern wir. Aber das Furchtbare ist nicht mehr zu ändern“, meinte er resigniert. Er setzte seine dunkle Sonnenbrille auf und lehnte sich in den Sitz zurück. Mit seinem runden Kopf, den braunen gekrausten Haaren, der spitzen Nase, dem schmalen Mund und dem buschigen Schnauzer sah er nicht sehr sportlich aus, obwohl er früher einmal ein ehrgeiziger und erfolgreicher Catcher gewesen war, wenigstens im Kanton Bern. Davon war nicht mehr viel zu erkennen. John wirkte mit seinem Bierbauch eher bieder. Die Weste und die dünnen Beine unterstrichen diesen Eindruck.

John Schneider war von Beruf Verleger. Der letzte Krimi Mord ohne Lizenz von Eva Berger hatte sich über

200.000 Mal verkauft und hielt sich wochenlang auf der Bestsellerliste. Vor Eva Berger konnten in der Schweiz nur Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch solche Erfolge feiern, vielleicht noch Erich von Däniken, der sich in seinem Bestseller Zurück in die Zukunft mit den Göttern Südamerikas verbündete.

Silke Herrmann saß links von John Schneider und kommentierte das Geschehene mit spitzen Bemerkungen. Sie sprach reines Hochdeutsch, obwohl sie die Uni in Bern besucht hatte. Das Berner Kauderwelsch, wie sie es nannte, wollte sie sich nicht aneignen und blieb stur ihrer Muttersprache treu.

Silkes geschliffene Aussprache brachte ihre Kollegen vom Schriftstellerverein bisweilen zur Weißglut, weil diese sich automatisch anzupassen versuchten und dann in ein holpriges und unbeholfenes Deutsch verfielen. Silke störte das nicht weiter. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und redete oft drauflos. Energisch strich sie sich jetzt die langen braunen Haare nach hinten und setzte sich aufrecht hin. Dann nahm sie ein Käsesandwich hervor, breitete die Serviette sorgfältig auf ihrem hellen Kleid aus und biss kräftig in das weiche Brot.

Inzwischen hatte Fausto das Requiem von Mozart aufgelegt. Es wurde immer stiller im Bus, bis nur noch die klassische Musik zu hören war.

Kapitel 11

Am Mittwochnachmittag um vier Uhr klopfte es zaghaft an die Tür im zweiten Stock des Kriminalkommissariats.

„Herein!“, rief Katharina Tanner forsch.

Beppe trat mit zwei Bechern in der Hand ein und streckte der Chefin einen Espresso hin.

„Hier, Katharina, Balsam für die Seele.“

„Das kannst du laut sagen, Beppe. Soeben habe ich erfahren, dass der Verleger John Schneider der ermordeten Schriftstellerin Eva Berger über eine Million Franken schuldet, Tantiemen von verkauften Büchern, die er ihr nie bezahlt hat! Offenbar hat er sie betrogen und in dem Tagebuch, das wir bei ihr gefunden haben, steht, dass sie ihm gerichtliche Schritte angedroht hat. Früher hatten sie sogar eine Affäre miteinander, wenn ich die Eintragungen in Eva Bergers Tagebuch richtig verstanden habe. Auf alle Fälle müssen wir dieser Spur sofort nachgehen. Bei der Anhörung am Mittwochmorgen hat der Verleger nicht erwähnt, dass sie beide einmal liiert waren.“

„Eine Million Schweizer Franken! Damit könnte ich in Napoli den Palazzo kaufen, wo schon die legendäre Königin Margherita übernachtete.“

„Wieso legendär?“

„Wegen der Pizza Margherita. Die kennst du doch auch.“

„Ah, die mit Basilikum, Mozzarella und Tomaten.“

„Ja, die mit den Farben der italienischen Flagge. Der Name dieser Pizza geht auf die italienische Königin Margherita zurück, die 1889 Neapel besuchte. Während ihres Aufenthalts wurde zu Ehren der Königin vom Pizzaiolo Raffaele Esposito eine Pizza in den drei Farben der italienischen Fahne zubereitet – rote Tomaten, weißer Mozzarella, grünes Basilikum. Der Königin hat diese Pizza so gut geschmeckt, dass sie dem Pizzaiolo einen Dankesbrief geschrieben hat. Dieser Brief kann noch heute in der Pizzeria Brandi in Neapel gelesen werden.“

„Ich habe noch eine zweite brisante Nachricht, Beppe.“

„Was, hast du den Fall von Eva Berger schon gelöst?“

„Nein, aber wir haben eine Spur gefunden: Man hat mir heute Morgen mitgeteilt, dass Eva Berger ein Handy besaß. Die Spurensicherung hat aber am Tatort kein Handy gefunden. Es ist einfach verschwunden. Sobald es aber eingeschaltet wird, kann es von der Polizei geortet werden.“

„Hoffentlich führt seine Spur nach Napoli, dann kann ich endlich wieder einmal meine Mamma besuchen.“

„Denk jetzt an den Mord, Beppe, nicht an deine Mamma.“

„Alles klar, aber Mamma ist die einzige Person, die mir in heiklen Situationen wirklich helfen kann. Und so ein billiges Handy würde sie bestimmt sofort finden.“

Das Telefon der Kommissarin klingelte. Beppe und seine Chefin schauten sich überrascht an.

Ein Spezialist der Telefongesellschaft teilte Katharina mit, dass das Handy von Eva Berger am späten Vormittag am Flughafen Falcone-Borsellino in Palermo geortet worden sei. Jemand habe dort von Eva Bergers Handy aus telefoniert. Der Nachrichtendienst werde versuchen, den Namen des Angerufenen herauszufinden und sie auf dem Laufenden halten.

„Also Beppe, jetzt wissen wir, was wir zu tun haben. Pack deine sieben Sachen noch heute zusammen. Morgen um 3.30 Uhr treffen wir uns vor dem Hauptbahnhof Bern. Der Frühbus wird uns zum Flughafen Zürich-Kloten bringen, weil um diese Zeit noch keine Züge fahren.“

„Und wann kommen wir in Palermo an?“

„Um neun Uhr sind wir bereits dort, noch vor dem Schiff mit den Berner Schriftstellern und wir können sie am Nachmittag am Hafen empfangen. Übernachten werden wir in einem Hotel an der Piazza Ignazio Florio.“

„Piazza Florio? – Ignazio Florio, das war doch der berühmte Weinspezialist, genauer Marsala-Großproduzent. Auf der Piazza steht seine bronzene Statue. Seine rechte Hand drückt er auf die Leber, wahrscheinlich, weil sie vom Alkohol geschädigt ist. Die Palmen auf der Piazza Florio sind höher als die sechsstöckigen Jugendstilhäuser, denen sie Schatten spenden.“

„Wenn du nur über den Mord von Eva Berger bald so viel weißt wie über diesen berühmten Alkoholiker.“

„Keine Sorge, ich habe über ein Jahr in Palermo gelebt und arbeitete dort beim Kommissariat der Squadra mobile an der Piazza della Vittoria. Das Kommissariat befindet sich beim Park Villa Bonanno, wo es die höchsten Palmen Siziliens gibt. Dort rast die Squadra volante mit einem fauchenden schwarzen Puma auf den blauen Polizeiautos herum. Neben dem Eingang zum Polizeikommissariat wurde 1992 eine Gedenktafel für Giorgio Boris Giuliano erstellt. Er erhielt vom Staat eine Goldmedaille für seine Tapferkeit, weil er gegen die Mafia antrat. Natürlich hat sie ihn ermordet und er hat für seinen Ruhm teuer bezahlt.“

„Beppe, ich sehe, in Palermo kennst du dich immer noch gut aus. Zusammen werden wir den Mörder von Eva Berger bestimmt finden.“

Kapitel 12

Katja Romero besaß eine feine Nase. Deshalb folgte sie immer den Gerüchen. Sie durchstreifte einen langen Korridor der Fähre „Vincenzo Florio“, ging vorbei an den Kabinen der Gäste und bog am Heck nach rechts. Durch die Türluke sah sie das schäumende, blaue Meer. Ihre Nase führte sie wieder nach rechts, wo ihr ein Portier, der sich Commissario della nave nannte, den Weg ins Restaurant wies. Er stand weiß gekleidet und mit gelben Schulterpatten hinter einer langen ovalen Theke und war damit beschäftigt, sich mit einigen unzufriedenen Gästen zu unterhalten.

„Mein Schlüssel passt nicht zur Kabinentür“, reklamierte eine Dame, „sprechen Sie Französisch, Englisch oder Deutsch?“

„Niente capito“, antwortete der Commissario, „solo palermitano.“

„Wie lange dauert die Fahrt bis Palermo?“, fragte ein deutscher Tourist auf Italienisch und fuchtelte dabei ungeduldig mit seinem Sizilienreiseführer.

„Die Schiffspassage Genua-Palermo dauert 20 Stunden, weil Sie es sind, signore“, antwortete der Commissario.

Katja Romero stand jetzt direkt vor der Theke und betrachtete entzückt die weiße Uniform des Commissario della nave. Die drei Offiziersstreifen auf den Schulterpatten und die goldenen breiten Streifen rund um die Offiziersmütze des Commissarios machten auf Katja ganz besonders Eindruck, und sie musste ihm ebenfalls eine Frage stellen: „Herr Commissario, können Sie mir sagen, welche Spezialitäten heute Abend serviert werden?“

„Sì signora, per lei gibt es heute Abend eine palermitanische Spezialität: Pasta con le sarde. Diese Speise kann ich Ihnen sehr empfehlen.“

„Welchen Wein würden Sie dazu trinken, Herr Commissario?“

„Acqua minerale, signora. Doch wenn Sie es nicht lassen können, empfehle ich Ihnen eine Flasche Regaleali bianco! – Falls Sie mit dem Essen unzufrieden sind, kommen Sie wieder bei mir vorbei. Ich bin für die Reklamationen zuständig.“

„Grazie, Commissario“, hauchte Katja hingerissen.

Katja ging ins Ristorante, vorbei am Selbstbedienungsbuffet, hinüber in die Ecke, wo die gut betuchten Gäste sich bedienen ließen. Ein Kellner im Frack führte sie an einen runden Tisch, stellte eine gelbe Rose vor sie hin und deckte auf. Dabei pfiff er fröhlich die Melodie des Liedes „Volare“ von Domenico Modugno vor sich hin.

„Sind Sie immer so gut gelaunt?“

„Sì signora, aber heute ganz besonders: Heute ist mein letzter Arbeitstag. In Palermo beginnt morgen mein neues Leben.“

„Wieso, haben Sie eine bessere Anstellung gefunden?“

„No signora, auf dem Schiff arbeiten alle nur sechs Monate. Wir erhalten den Lohn aber für ein ganzes Jahr. Mein Bruder hat noch viel mehr Freizeit als ich. Er arbeitet als Wächter bei den Tempeln von Selinunt und darf mehrere Schichten hintereinander arbeiten. Wenn mein Bruder drei Schichten durcharbeitet, also beispielsweise von heute Abend bis morgen Abend, dann erhält er für drei volle Tage Lohn. So gelingt es ihm sogar in vier Monaten sein Jahrespensum zu erledigen.“

„Wirklich? Das klingt verwirrend. Kann man überhaupt 24 Stunden hintereinander arbeiten?“

„Natürlich. Tagsüber ist er für die Besucher da. Am Abend schaut er Televisione, partita di calcio, und in der Nacht schläft er. Da braucht er bestimmt nicht zu wachen. In über 2000 Jahren wurde noch nie ein Tempel gestohlen. Nicht einmal in Sizilien.“

Katja Romeros Magen knurrte. Sie fragte den Kellner, was er ihr als Vorspeise empfehlen würde. Dieser antwortete, die Arancine sei ganz vorzüglich. Davon könne er ihr zwei Sorten anbieten: Eine mit Hackfleisch und Erbsen und eine mit Mozzarella und Schinken. Er würde ihr allerdings diejenige mit Fleisch empfehlen, da die ganz frisch und würzig sei. Insgeheim dachte er aber, dass die nicht mehr ganz frischen Fleischarancini nun endlich verkauft werden sollten und die Touristin auf seine Empfehlung bestimmt hereinfallen würde.

Katja nickte zufrieden. Endlich ein netter Kellner, der sich um sie kümmerte. Sie bestellte als Vorspeise eine Arancine mit Fleisch, als Hauptgang la pasta con le sarde und zur Nachspeise la famosa cassata siciliana. Sie wusste, dass diese Cassata eine Zuckerbombe war, konnte aber nicht widerstehen und bestellte auf Drängen des freundlichen Kellners sogar die große Portion. Dazu trank sie eine halbe Flasche Regaleali bianco, wie der Commissario ihr empfohlen hatte.

Lächelnd nahm der Kellner die Bestellung auf und eilte davon. Das nächste Opfer wartete bereits am Tisch gegenüber.

Katja spürte eine kalte Hand auf ihrer rechten Schulter.

Dann sah sie das grinsende Gesicht von John, der sich ihr von der linken Seite zuwandte. Er roch nach Whisky und Schweiß. Katja drehte sich zur Seite.

„Darf ich dir Gesellschaft leisten, Katja?“

„Möchtest du nicht auch ein Stück von der Cassata siciliana versuchen? – Köstlich, diese Torte mit Ricotta, Zuckerglasur, kandierten Früchten, Bitterschokolade und Orangenlikör.“

„Wie weit bist du mit deinem neuen Kriminalroman?“

„Den letzten habe ich soeben in Bern beendet und den nächsten beginne ich auf dieser Reise.“

John blickte sie an und überlegte angestrengt, ob er ihr ein Angebot machen sollte. Immerhin hatte Katja Romero mit ihrem letzten Krimi bei der Konkurrenz in Wien große Umsätze gemacht und der Verlag konnte an ihr einiges verdienen. Er selbst hatte natürlich mit Eva Berger ein noch besseres Pferd im Stall gehabt, aber nun war sie tot, und Tote schreiben bekanntlich keine Bestseller mehr.

Er brauchte jetzt unbedingt eine neue Erfolgsautorin, auf die er setzen konnte. Am besten eine, die ihn gewähren ließ und Vertrauen zu ihm hatte. Da kam ihm Katja Romero gerade recht. Mit ihr hatte er noch keine krummen Geschäfte gemacht. Also war sie ganz ahnungslos. Er wusste, dass er sich jetzt bei Katja großzügig zeigen musste und rief auf einmal: „Cameriere, il conto per favore!“

Katja schaute John überrascht an. Von dieser Seite kannte sie ihn nicht. Normalerweise nahm er lieber, als dass er etwas gab.

John bezahlte die Rechnung und sagte wie beiläufig:

„Katja, ich habe eine Überraschung für dich.“

Autoren

  • Daniel Himmelberger (Autor:in)

  • Saro Marretta (Autor:in)

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Titel: Die letzte Reise nach Palermo (Krimi)