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Mord Well Done: Darina Lisles dritter Fall (Krimi, Cosy Crime)

von Janet Laurence (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Digitale Neuausgabe Dezember 2017

© 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

Copyright © der deutschen Übersetzung 1996 by Econ Taschenbuch Verlag, Düsseldorf/Wien
Econ ist ein Imprint der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Titel: Gift für liebe Gäste

© 1991 by Janet Laurence
First published by MacMillan London Ltd.
Titel des englischen Originals: Hotel Morgue

Aus dem Englischen übersetzt von Karin Haag
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© AlexLMX/shutterstock.com, © Couperfield/shutterstock.com, © Ralu Cohn/shutterstock.com
Korrektorat: Lennart Janson

ISBN: 978-3-96087-285-6

Über dieses E-Book

Darina Lisle wird Mitbesitzerin eines Hotels auf dem Lande. Doch bevor aus der Mischung von angestaubtem Prunk und Hässlichkeit ihr Traum von einem Hotel wahr wird, ist sie mit Planen und Umgestalten beschäftigt. Viel zu beschäftigt für den Geschmack ihres Freundes Inspektor William Pigram, der in der Nähe des Hotels in einem Mordfall ermittelt. Das ändert sich erst, als ein zweiter Toter sämtliche Bewohner und Gäste des Hotels zu Verdächtigen macht. Darinas kriminalistischer Spürsinn ist erwacht: Gemeinsam mit William stellt sie dem Doppelmörder nach.

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Vorwort

Nachdem ich in Mord extra scharf herausgefunden habe, wie man kulinarische Köstlichkeiten und einen historischen Hintergrund am besten mit einem Mord verbindet, und in Mord gut abgeschmeckt die Welt einer kleinen Cateringfirma erkundet habe, überlegte ich, welchen Bereich der kulinarischen Welt ich als nächstes behandeln könnte.

Mein Bruder Michael war einige Jahre lang Geschäftsführer der Ritz und Stafford Hotels in London. Viele Jahre zuvor hatte ich als Sekretärin im Claridge’s gearbeitet und viele Freunde aus der Hotelbranche gefunden. Also schien diese wie geschaffen als nächster Schauplatz für den dritten meiner kulinarischen Krimis.

Während ich mir mögliche Plots überlegte und Recherchen zu verschiedenen Hotels betrieb, wurde mir klar, dass Darina kein luxuriöses, fantastisch geführtes Hotel brauchte, sondern eines, das weitaus mehr Schäbigkeit verströmte. Nach und nach nahm das heruntergekommene Hotel Morgan in meinem Kopf Gestalt an, und welche Rolle Darina darin spielen würde. Mordmotive kamen zusammen, ebenso eine Riege herrlich unterhaltsamer Charaktere und einige Opfer. Dazu ließ ich noch Weihnachtsfeierlichkeiten und meinen skandinavischen Hintergrund (meine Mutter war Schwedin) in das Buch einfließen. Ich konnte es kaum erwarten, mit dem Schreiben loszulegen, und es war ein ausgesprochenes Vergnügen, Mord Well Done zu verfassen.

Mord Well Done wurde von der Buchhandlung Waterstone’s als einer der besten Newcomer in der britischen Krimiszene ausgezeichnet. Waterstone’s richtete auch eine wundervolle Feier zur Veröffentlichung aus. Ich war zu dem Zeitpunkt in Frankreich, kehrte aber eigens dafür zurück. Bei der Veranstaltung traf ich auf Michael Dibden, der ebenfalls als Newcomer ausgezeichnet wurde, und mit dem ich ein sehr unterhaltsames Gespräch führte. Mord Well Done ist und bleibt eines meiner Lieblingsbücher und ich bin sehr froh, dass es zusammen mit den anderen kulinarischen Darina Lisle-Krimis wieder erhältlich ist.

Janet Laurence

Prolog

Ihr Blick wanderte unruhig durch den Speisesaal, über runde Esstische unter langen, zartrosafarbenen Tischdecken und bequeme Stühle mit einer Polsterung aus karierter Shantungseide, farblich genau abgestimmt auf die gerafften Vorhänge mit Fransenbesatz, Quasten und einem kontrastierenden Futterstoff. Dieses mit sicherem Geschmack gewählte Dekor stand in keinem Verhältnis zum Rest des Hotels oder zu den Speisen, die ihnen serviert wurden und die zu den schlechtesten gehörten, die man Darina je vorgesetzt hatte.

Sie hatten das Tagesmenü gewählt, nachdem der erste Eindruck so vielversprechend gewesen war. Für die Feinschmecker-Szene musste es ein Ereignis sein, wenn ein kleines Hotel im Herzen des ländlichen Somerset sich die Mühe machte, sein Restaurant so stilvoll einzurichten und so einfallsreiche Speisen anzubieten.

Leider hatte der Einfallsreichtum das Können jedoch weit hinter sich gelassen. Das wurde bereits bei der Vorspeise offenkundig: Avocado und Mango auf Estragoncreme – zwei dicke Fruchtscheiben mit einem Klecks Frischkäse und ein paar getrockneten Kräutern.

Darina hatte bald ihren Versuch aufgegeben, diese Kreation zu verspeisen, und resigniert die Gabel sinken lassen. »Es gehört ein anständiges Dressing dazu«, klagte sie. »So, wie es ist, ist es ziemlich ... ziemlich ...« Sie zögerte und warf dem Mann, der sie zu diesem Essen eingeladen hatte, einen schrägen Blick zu.

»Widerlich?« schlug dieser mit undurchdringlicher Miene vor.

»Vielen Dank, Liebling, das ist genau das Wort, das ich gesucht habe.«

»Wenn ein miserables Essen bewirkt, dass du mich Liebling nennst, sollte ich dich öfter hierher einladen.«

»Wenn ich dich richtig verstanden habe, möchtest du doch, dass ich mich an diesem Hotel beteilige – in dem Fall wäre ich immer hier.«

Kapitel 1

Der Fisch war unschuldig. Sein festes weißes Fleisch lag frisch und appetitlich auf dem Teller. Schuld war die Sauce. »Glattbutt in Champagner, mit Zitrone und Thymian – klang irgendwie interessant und kreativ«, meinte Darina kläglich. Sie probierte einen weiteren Bissen, als könne sie nicht glauben, dass der erste so grässlich geschmeckt hatte.

Ihr Begleiter stocherte mit der Gabel in der fragwürdigen Komposition herum. »So zu tun, als hätte das hier irgendwas mit Sekt gemeinsam, ist eine Beleidigung für jede halbwegs anständige Flasche Schampus. Und warum ist die Sauce so merkwürdig zähflüssig?«

»Wahrscheinlich wurde sie mit Stärkemehl eingedickt, und davon reichlich. Genauso großzügig ist man mit dem Thymian gewesen – hier, das ist ja praktisch ein ganzer Zweig!« Darina hielt mit der Gabel einen Stängel in die Höhe, der mit winzig kleinen grünen Blättchen bedeckt war, ließ ihn wieder auf den Teller sinken und nahm eine geringelte Zitronenschale auf. »Sieh dir das mal an! Mehr Mark als Schale, dick genug, um Marmelade daraus zu machen – und außerdem noch unblanchiert, deshalb schmeckt sie so bitter. Der Champagner, falls es überhaupt welcher ist, hat gar keine Chance dagegen. Schade, denn der Fisch selbst ist hervorragend; es ist wirklich eine Schande!«

»Das hieße ja, ich bekäme jeden Tag das reinste Menü aus Koseworten!« Er grinste sie fröhlich an.

»Nicht ganz, denn wenn ich hier wäre, würdest du nicht so ein miserables Essen serviert bekommen.«

»Sind Sie fertig?«, fragte die Bedienung mit einem Blick auf ihre nicht einmal halbleeren Teller: »Ich hab’ dem Koch gesagt, es würde nicht funktionieren. Ich meine, Avocado und Garnelen sind eine Sache, aber so ein ausgefallenes Zeug wie das da will doch hier keiner.« Sie hatte die Vorspeise abgeräumt, das Hauptgericht gebracht und war dann, lässig an eine der schönen Anrichten gelehnt, stehengeblieben, wo sie begann, sich die Fingernägel zu säubern.

Es waren noch drei weitere Tische besetzt. Zwei Geschäftsleute hatten das Tagesmenü mit Steak gewählt, das als Alternative zum Fisch angeboten wurde, wobei sie mehr mit Reden als mit Essen beschäftigt waren. Einer der Männer war groß und stämmig und hatte ein Geschwür hinter dem Ohr; sein Begleiter war kleiner, sah aus wie ein Wiesel und hatte die Angewohnheit, nervös mit den Augen zu zwinkern und wild mit der Gabel herumzufuchteln, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

An den beiden anderen Tischen saß jeweils ein einzelner Gast. Der eine, ein dünner Mann, aß sein Menü mit großer Hingabe, während seine Blicke den Raum durchmaßen und die Einrichtung sowie die anderen Gäste mit Forscherblick studierten. Der andere war klein und untersetzt, hatte eine auffällig zarte Haut und ein freundliches Gesicht. Um seinen ansonsten fast kahlen und glänzenden Schädel kringelten sich ein paar Büschel mausgrauer Haare. Darina registrierte mit Interesse, dass ihm eine Suppe und ein Hackfleischauflauf serviert worden waren, was beides nicht auf ihrer Speisekarte stand; und entweder waren diese Gerichte so viel besser als das, was sie bekommen hatten, oder seine Toleranz so viel größer – jedenfalls aß er mit offensichtlichem Genuss und nahm zum Schluss sogar noch ein Stück Brot, um damit den letzten Rest der Sauce vom Teller zu tunken.

»Hat es Ihnen nicht geschmeckt?«, fragte die Bedienung, während sie Darinas kaum angerührtes Fischgericht abräumte.

»Nein, tut mir leid, das kann ich wirklich nicht behaupten«, gab sie zu.

»Der Herr dort drüben hat auch nicht aufgegessen«, meinte die junge Frau und zeigte auf den dünnen Mann. »Der Koch wird furchtbar enttäuscht sein.« Das schien sie jedoch nicht allzu sehr zu bekümmern, denn ihr volles Gesicht unter dem gelbblonden Haarschopf strahlte fröhlich.

»Pudding oder Käseplatte? Es gibt auch noch Eiscreme oder die Spezialität des Hauses, Feigentorte mit Johannisbeer-Coo... Coo... ooh ... Ich wusste, dass ich mir nie merken würde, wie das Zeug heißt.«

»Coulis?«, half Darina.

»Genau! Das ist es, Feigentorte mit Johannisbeer-Coulis.« Sie warf ihnen ein besonders strahlendes Lächeln zu und blieb wartend an ihrem Tisch stehen, die schmutzigen Teller auf einem Arm balancierend.

»William?« Darina sah ihren Begleiter fragend an.

»Ich werde auf Nummer Sicher gehen und die Käseplatte nehmen.«

»Feigling! Ich probier’ die Torte.«

»Ja, trau’ dich nur!«

Aus den Augenwinkeln sah Darina, wie der ältere, dickliche Mann der Serviererin hinterherschaute, die mit wiegenden Hüften durch den Raum ging, wobei sich der kurze, schwarze Rock bedenklich über ihrem ausladenden Hinterteil spannte. Als sie hinter der Tür zur Küche verschwunden war, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Teller zu, auf dem etwas lag, das aussah wie Apfelstreusel.

Die Käseplatte war mehr als annehmbar. Sie bestand aus einem ausgezeichneten Cheddar, einem Coleford und einem mild-würzigen Schimmelkäse aus Schafsmilch.

Mit der Feigentorte sah es allerdings etwas anders aus.

»Also wirklich, William«, meinte Darina nach dem ersten

Bissen. »Du kannst doch nicht allen Ernstes glauben, ich sei daran interessiert, mich an einem Unternehmen zu beteiligen, das so etwas hier als »Spezialität des Hauses« anbietet.« Angewidert schob sie den Teller von sich, auf dem ein flaches, mit geschnittenen Feigen belegtes Teigstück lag, über das eine lilafarbene, klebrig-süße Masse gegossen war.

»Das sieht nicht nur aus wie Pappe, es hat auch die Konsistenz und den Geschmack von Pappe, und das Johannisbeeraroma schlägt die Feigen restlos tot.«

Ihr Begleiter war ein hochgewachsener junger Mann Anfang dreißig mit dunklen Locken, silbrig-grauen Augen, die manchmal eher grün oder blau schimmerten, und einem gewinnenden Lächeln.

»Du kannst ein Hotel nicht ausschließlich nach seinem Essen beurteilen.«

»Für mich gehört das zu den wichtigsten Kriterien überhaupt. Essen ist etwas ganz Elementares, eine Lebensnotwendigkeit sozusagen. Wenn es ungenießbar ist, werden sich die Leute auch nicht weiter für das schöne Dekor interessieren, und wenn es wirklich gut ist, nehmen sie dafür unbequeme Stühle und eine weniger stilvolle Einrichtung in Kauf. Wieso haben wir hier eigentlich einen so wunderbar ausgestatteten Speisesaal, wenn die Bedienung keine Ahnung von Gastronomie hat? Wir haben ein Mineralwasser mit Kohlensäure bestellt, und sie hat eins ohne gebracht, außerdem das falsche Besteck, und die Gäste dort drüben hat sie völlig ignoriert. Und warum sieht das Hotel – diesen Raum einmal ausgenommen – aus, als befänden wir uns immer noch in den Fünfzigern?«

»Jetzt hör aber auf, zu der Zeit hattest du ja noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt!«

»Trotzdem weiß ich, wie es damals ausgesehen hat. Gib zu, dass ich recht habe!«

»Tony Mason hat das Haus vor ungefähr einem Jahr gekauft. Da war es noch ein Seniorenheim voller alter Leute – findest du nicht auch, dass der französische Begriff troisième âge viel netter klingt? –, die dann nach Südwestengland gezogen sind. Er hat geglaubt, dass man es in ein luxuriöses Landhotel umwandeln könne – und mit dem Speisesaal und der Küche hat er eben angefangen.«

Darina sah sich noch einmal in dem geschmackvollen Raum um. »Die Einrichtung wird seinem Anspruch ja durchaus gerecht, nur – was, bitte schön, ist mit dem Essen passiert? «

»Ulla sagt ...«, begann William.

»Wer ist Ulla?«

»La patronne. Während einer Unterhaltung mit ihr kam mir die Idee mit deiner Beteiligung.«

»Erklär mir doch bitte mal genau, weshalb ich daran interessiert sein könnte, mein Geld in dieses Unternehmen zu stecken.« Darinas Ton war nicht gerade ermutigend.

William warf ihr ein flüchtiges Lächeln zu. »Hast du nicht, seit wir uns kennen, ständig davon geredet, dass es dein großer Traum sei, ein Hotel auf dem Land zu besitzen? Und versuchst du nicht gerade, dein wertvolles Haus in Chelsea zu verkaufen, um das Kapital dafür zu bekommen? Und hast du nicht neulich erst gesagt, dass dir der Verkauf wahrscheinlich doch nicht genug Geld einbringen wird, um ein Hotel zu kaufen, das deinen Vorstellungen entspricht? Als ich hörte, dass man im Hotel Morgan nach einem Partner Ausschau hält, der bereit ist, etwas Kapital in das Geschäft zu investieren, habe ich jedenfalls sofort an dich gedacht.« Nach diesen Worten sah er aus wie ein kleiner Hund, der seinem Besitzer stolz einen Hausschuh vor die Füße legt, ungeachtet dessen, dass er ihn vorher schon ausgiebig zernagt hat.

»Du meinst also«, Darina betrachtete ihn nachdenklich, »dass du meinen beruflichen Ehrgeiz ernst nimmst?«

»Zweifelst du etwa daran?«

»Wenn du mich in diesem Ton fragst, ja.«

»Wieso, was stimmt nicht mit meinem Ton?«

»Er klingt so nach ›wenn ich ihr ihren Willen lasse, begreift sie vielleicht, was für eine idiotische Idee das Ganze ist‹.«

Ihre grauen Augen blickten direkt in die seinen, und sein Grinsen verschwand. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest umschlossen, obwohl sie gar keine Anstalten machte, sie ihm zu entziehen. »Hör zu, Liebes, ich nehme dich wirklich ernst. Schließlich habe ich dich oft genug in Aktion erlebt, um zu wissen, dass du enorm talentiert und äußerst zielstrebig bist. Du hast aus deinem Catering-Service einen Riesenerfolg gemacht, und ich bin sicher, du bist eine der Besten in deinem Fach. Aber du kannst kaum Begeisterung von mir erwarten, wenn du ein Projekt starten würdest, das dich total in Anspruch nimmt – noch dazu an einem Ort, an dem ich dich möglicherweise nicht regelmäßig sehen könnte. Also schien mir die Sache mit dem Hotel Morgan ein guter Kompromiss zu sein.«

»Ein Kompromiss?«

»Es ist ein schönes Hotel, du hättest eine Partnerin, mit der du die Verantwortung teilen könntest, und es ist in meiner Nähe, sodass wir uns nach Dienstschluss immer treffen könnten.«

»Das heißt wohl, ich müsste alles stehen und liegen lassen, wenn du gerade Zeit hast?«

Er stöhnte und ließ ihre Hand los. »Das ist doch Unsinn. Du weißt genau, dass ich es so nicht gemeint habe.«

»Es hat aber ganz so geklungen. Und jetzt hör du mir mal zu. Ich verstehe und akzeptiere, dass du als Polizeibeamter keinen geregelten Acht-Stunden-Tag hast, und dass dein Privatleben da oft in den Hintergrund treten muss. Warum kannst du dann nicht auch akzeptieren, dass ein Beruf im Hotel- oder Gastronomiegewerbe nach ganz ähnlichen Prinzipien funktioniert?«

Seine Finger schlossen sich wieder um ihre Hand. »Darina, Liebling, heirate mich und gib die Idee mit dem Hotel auf. «

Ihre Augen weiteten sich, und einen Moment lang saß sie nur ganz still da.

»Das kommt ein bisschen plötzlich.«

»Jetzt sag nur noch, damit hättest du nicht gerechnet. Du weißt doch, was ich für dich empfinde, und während der letzten Wochen habe ich den Eindruck bekommen, dass du das gleiche fühlst. Wäre eine Heirat da nicht die logische Konsequenz?«

»Und das würde bedeuten, dass ich meinen Beruf aufgebe, um mich den Rest meiner Tage als Hausfrau zu betätigen?«

»Du bräuchtest ja nicht ganz mit der Arbeit aufzuhören – du könntest doch zum Beispiel nebenbei Partys und Festessen organisieren.«

»Nebenbei Partys und Festessen!«

»Naja, ich meine, wäre es denn nicht wichtiger, meine Frau zu sein? Und außerdem hätten wir ja noch Kinder.«

»Kinder«, wiederholte sie tonlos.

»Willst du denn keine Kinder?«

Darina dachte eine Weile über diese Frage nach. Was für eine Mutter würde sie wohl abgeben? Sie sah die kleinen, süßen Babys vor sich, die Williams Augen hatten, dann die schrecklich ungezogenen Kinder, die kein Gemüse essen wollten, schließlich die schwierigen Teenager, die gegen ihre Eltern rebellierten. Danach blickte sie sich noch einmal in dem eleganten Raum um.

»Ich nehme an, ein Hotel zu führen, darin die richtige Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Gäste wohlfühlen, für ihr Essen zu sorgen und sich um all ihre Bedürfnisse zu kümmern ist so was Ähnliches, wie Hausfrau und Mutter zu sein.«

»Und ich wette, die Gäste sind mindestens ebenso schwierig wie ein Kleinkind und genauso undankbar. Aber glaubst du denn im Ernst, dass ein Hotel eine wirkliche Familie ersetzen kann?«

Sie fühlte sich unbehaglich angesichts der Intensität seiner Blicke, die in seinen Worten nicht mitschwang.

»William, ich bin noch nicht so weit, mich auf diese Art zu binden. Ich kann mir nicht vorstellen, jemand anderen als dich zu lieben, aber wenn ich nicht versuche, das Ziel zu erreichen, das ich mir gesteckt habe, auch wenn es etwas ist, das dir unbedeutend erscheinen mag, würde ich es immer bereuen.«

»Du würdest es bereuen, mich geheiratet zu haben?«

»Das habe ich eigentlich nicht gemeint, aber du hast recht, das könnte passieren. Ich habe es schon bei Freunden erlebt.«

Sie beugte sich vor und sprach eindringlich weiter: »Versteh’ doch, ich muss jetzt meine Chance ergreifen. Uns beiden bleibt noch jede Menge Zeit füreinander. Ich bin erst achtundzwanzig, da brauchen wir uns mit dem Nachwuchs doch nicht so zu beeilen. Aber wenn ich jetzt nicht versuche, meinen Traum vom eigenen Hotel zu verwirklichen, ist es zu spät. Der Konkurrenzdruck wird immer größer, das notwendige Startkapital auch. Schau dir doch an, was die neuen Hotels jetzt schon alles bieten müssen: Fitnessräume, Swimmingpools, eine spektakuläre Umgebung. Vielleicht ist es sogar schon zu spät für Leute wie mich, aber ich muss es einfach versuchen, begreifst du das denn nicht?«

Er sagte nichts.

»Kann zwischen uns nicht alles so bleiben, wie es war?«, fragte sie bittend.

»Du meinst, du willst weiterhin eine Affäre mit mir haben, aber du willst mich nicht heiraten?«

»Ist das heutzutage nicht so üblich?« Sie versuchte, einen leichteren Ton anzuschlagen.

»Dann bin ich wohl nicht so aktuell, wie ich dachte, sondern gehöre mit meinen Vorstellungen eher zu den Ewiggestrigen.« Er schob seinen Teller von sich, rief nach der Bedienung und bestellte Kaffee.

»Wie geht es denn Inspektor Grant?« Darina wollte das Thema wechseln, aber es schien, dass ihre Wahl keine besonders gute war, denn Williams Gesicht verdüsterte sich noch mehr.

»Er ist ganz begeistert von dem neuen Kollegen in unserem Team.«

»Und der taugt nichts?«

»Er ist eine Frau.«

»Du verdammter Chauvinist!« Darina war ehrlich empört.

»Aber nein, das verstehst du völlig falsch. Ich habe nichts gegen Frauen, wirklich nicht. Es ist nur so, dass wir bis jetzt ein großartiges Team waren; wenn nun eine Frau dazukommt, heißt das, dass sich die Arbeitsatmosphäre total verändern wird.«

Darina sagte nichts, sie sah ihren Begleiter nur an. Sie wusste, dass er im Grunde seines Herzens ziemlich konservativ war, aber sie hatte nicht realisiert, dass es solche Formen annehmen könnte.

»Und wie ist sie, eure neue Kollegin?«

»Ich habe sie erst heute Morgen kennengelernt. Eher ruhig, wirkt kompetent, keine strahlende Schönheit, aber sie sieht nett aus.«

»Kopf hoch! Wenn Grant diese Frau mit so viel Begeisterung aufgenommen hat, wird sie bestimmt ein würdiges Mitglied eures Teams. Außerdem wette ich um meine letzte Flasche Haselnussöl, dass auch dein hervorragender Inspektor mal ein aktives Mitglied im Club der Frauenfeinde war.«

William grinste breit und war plötzlich wieder ganz der Mann, den sie liebte. »Wie scharfsinnig du bist. Aber jetzt lass uns nicht weiter darüber reden. Was ich dir nämlich noch über dieses Hotel erzählen wollte, ist ...« In diesem Moment trat die Bedienung an ihren Tisch, um ihm zu sagen, dass er am Telefon verlangt werde.

Während Darina ihren Kaffee trank und auf ihn wartete, sann sie darüber nach, wie wohl die Ablehnung seines Heiratsantrags ihre Beziehung verändern würde. Warum konnte er die Dinge nicht so lassen, wie sie waren?

Es war erst ein paar Wochen her, dass sie endlich begriffen hatte, wie tief ihre Gefühle füreinander waren. Dann hatte William sie kurzerhand zu einem Urlaub im Lake District entführt, wo sie den Luxus und das wunderbare Essen des Miller Howe Hotels genossen hatten. Keine Flitterwochen hätten schöner sein können. Die herrliche Landschaft, in der es im November fast keine Touristen gab, hatte ihrer romantischen Stimmung genau entsprochen. Zusammen waren sie über die Hügel gewandert, die seit den Zeiten der Römer unverändert geblieben waren, hatten Dörfer besucht, deren Häuser aus dunklen, vom Regen ausgewaschenen Steinen erbaut waren, hatten die Gedichte der Lakeland-Poeten gelesen, über alle möglichen Themen diskutiert, zu viel gegessen und zu viel Wein getrunken, was ihnen aber keineswegs schlecht bekommen war. Und Darina hatte eine Sinnlichkeit entdeckt, die über die Tafelfreuden hinausging ...

Am zweiten Abend ihres Aufenthalts hatten sie sich vor dem Abendessen auf ein Glas Wein in die Hotelhalle gesetzt. Am Morgen waren sie zu einer Wanderung aufgebrochen, hatten in einem Pub zu Mittag gegessen und waren am Nachmittag auf ihr Zimmer mit Blick auf den Lake Windermere zurückgekehrt, der zu Tagesbeginn noch blauschimmernd unter einem wolkenlosen Himmel gelegen hatte, sich aber mittlerweile hinter einem Schleier aus Nebel und Regen verbarg. Während sie nun an ihrem australischen Chardonnay nippte, der, wohltemperiert, sein unvergleichliches Aroma entfaltete, gab sich Darina einem ganz ungewohnt intensiven Bewusstsein ihres Körpers hin – betäubt und aufs äußerste belebt zugleich, wie ein Bündel nackter Drähte in einer Samtumhüllung. Sie spürte jeden Atemzug des Mannes neben ihr. Seine linke Hand lag auf der Sessellehne; sie betrachtete die langen, knochigen Finger mit den flachen Nägeln, deren weiße Ränder sorgfältig geschnitten waren. Mit überaus großer Deutlichkeit erinnerte sie sich daran, wie diese Finger ihren nackten Körper berührt hatten, als sie der Umrisslinie ihrer Brüste und Hüften folgten; an den verschleierten Blick seiner nunmehr tiefdunklen Augen, und ebenso deutlich spürte sie jetzt an dem veränderten Rhythmus seiner Atemzüge, dass er in diesem Moment den gleichen Gedanken hatte.

Sie nahm diese Erkenntnis mit jeder Nervenfaser ihres Körpers auf, erhob ihr Glas, sah ihn mit einer Selbstsicherheit, die sie vorher nicht gekannt hatte, direkt an und brachte einen stillen Toast aus auf alles, was sie heute genossen hatten und in den folgenden Tagen noch genießen würden. Er erwiderte den Toast, sie lachten, redeten dann von etwas Belanglosem, ihr Wissen um zukünftige Freuden für sich behaltend, nicht wie ein Geizhals, der ängstlich seine Schätze hütet, sondern mehr wie ein Musikliebhaber, der seine liebste Schallplatte eine Weile ruhen lässt und stattdessen ein anderes Stück desselben Komponisten auflegt. Es war die Wahrheit, als sie sagte, sie könne sich nicht vorstellen, jemand anderen als William zu lieben. Er war ihr Freund und Gefährte ebenso wie ihr Geliebter; ein Mann, von dem sie sich gut vorstellen konnte, mit ihm alt zu werden. Doch derlei Pläne schienen ihr augenblicklich ein wenig verfrüht. So viel war geschehen, seit sie sich zum ersten Mal begegnet waren, und ihr Leben hatte sich so sehr verändert. Damals hatte sie noch ihren eigenen Catering-Service gehabt, war ständig damit beschäftigt gewesen, neue Kunden zu werben und immer in Sorge, ob das Geld reichen würde. Jetzt war sie finanziell unabhängig und hatte damit die Gelegenheit, sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen. Und da war noch etwas. Seit sie Detective Sergeant William Pigram kannte, hatte sie bereits zwei Mordfälle gelöst. Obwohl er schließlich beide Male sehr großmütig gewesen war, wusste Darina, dass es ihm eigentlich lieber gewesen wäre, wenn sie sich nicht in etwas eingemischt hätte, was er, zweifellos zurecht, als seine Angelegenheit betrachtete.

Dabei hatte sie im Grunde gar keine andere Wahl gehabt. Jedenfalls nicht beim ersten Mal, als es darum ging, dass sie einfach ihre Unschuld beweisen musste. Beim zweiten Mal vielleicht schon eher, aber für sie war es eine Frage der Loyalität gewesen, und dann hatte sie festgestellt, dass es ihr Spaß machte, analytisch und mit der notwendigen Distanz zu denken, bis sie alle Hinweise so zusammengefügt hatte, dass sie die richtige Lösung ergaben. Darina schüttelte den Gedanken ab. Schließlich war es wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass sie noch einmal in einen Mordfall verwickelt werden würde. Aber was wäre, wenn es William passieren würde? Würde sie es schaffen, ihre natürliche Neugier zu bezähmen und solche Fragen zu vermeiden, die ihm vorkommen könnten, als wolle sie sich einmischen oder gar – Gott behüte! – die Sache selbst in die Hand nehmen? William sah in ihr offensichtlich die Ehefrau und Mutter, nicht die Amateurdetektivin oder Hotelbesitzerin, wenn er jetzt auch das Gegenteil beteuerte. Und sie war noch nicht so weit, sich niederzulassen, ein Nest zu bauen und Kinder großzuziehen. Darina fühlte ihren Ehrgeiz wachsen wie Hefe in einem gut durchgekneteten Teig. Sie war wie eine Athletin, die lange und hart für ein bestimmtes Rennen trainiert hatte und jetzt, jeder einzelne Muskel vor Erwartung bebend, auf den Startschuss horchte. Sie hatte so viele Ideen und wusste genau, was sie erreichen wollte. Sie musste nur noch das richtige Objekt finden. War das Hotel Morgan das Richtige für sie? Und was genau waren Williams Motive, sie hierher zu bringen? Darina blickte sich ein letztes Mal im Speisesaal um. Wenn es auf diesem Niveau mit den Renovierungsarbeiten weitergehen sollte, konnte sie verstehen, warum sich die Besitzer nach einem neuen Geldgeber umsahen. Sie war beinahe entschlossen. Wenn nur das Essen nicht so gewollt originell und dabei so miserabel gewesen wäre. »Ich muss gehen.«

Ihr Freund war an den Tisch zurückgekehrt, warf einen flüchtigen Blick auf die Rechnung, die in seiner Abwesenheit gebracht worden war, und entnahm seiner Brieftasche ein paar Geldscheine. »Man hat eine Leiche gefunden – es sieht aus wie Mord.«

Kapitel 2

William nahm hastig Abschied. »Unterhalte dich doch mal mit Ulla, und dann bitte Alexander, dich nach Hause zu fahren«, rief er, während er in seinen Mantel schlüpfte und zu seinem Auto lief. »Ach ja, und entschuldige mich bitte bei ihr.«

Darina winkte ihm nach, als er mit quietschenden Reifen davonbrauste und fragte sich, wann sie ihn wohl wiedersehen würde. Wenn er mit der Untersuchung eines Mordfalles beschäftigt war, könnte es einige Zeit dauern. Sie drehte sich um und betrachtete die Fassade des Hotels. Es war im viktorianischen Stil erbaut. Die hohen Erkerfenster, die zu beiden Seiten des reichverzierten Portals hervorsprangen, schienen ursprünglich zu einem älteren Gebäude gehört zu haben. Hinter der spitzgiebligen Front bot sich dem Betrachter ein Durcheinander von niedrigeren Dächern, auf denen sich zahlreiche Tudor-Kamine erhoben. Der graue Stein, der das Licht der Wintersonne schluckte, ohne es zu reflektieren, war nackt, kein Efeubewuchs milderte seine Strenge. Darina nahm die Einzelheiten des Gebäudes genauer in Augenschein. Das Dach schien in Ordnung zu sein, aber ein paar der Dachrinnen waren arg verrostet, und auch die Fugenmasse zwischen den Ziegeln musste ausgebessert werden. Und – war es Einbildung, oder neigte sich das Portal wirklich leicht nach einer Seite? Die Kiesauffahrt vor dem Haus war gepflegt, aber der Rasen mit seinen kümmerlichen Sträuchern ließ sehr zu wünschen übrig.

Darina entdeckte ein paar tote Zweige, die von den Bäumen hingen, wahrscheinlich die Opfer der letzten Serie von Stürmen. Das Ganze sah aus wie die Kulisse zu einer Verfilmung von Dornröschen, aber ohne den märchenhaften Charme. Sie fröstelte, als sich ein kalter Wind erhob, und ging rasch wieder hinein. Die Eingangshalle des Hotels war ebenfalls völlig ungeeignet, den Gästen ein fröhliches Willkommen zu bereiten. Der dunkle, holzgetäfelte Raum war nur schwach beleuchtet, und das Mobiliar war ohne jeden Sinn für Stil zusammengestellt worden. Auf einem schweren Eichentisch mit gedrechselten Beinen war ein Sortiment von Prospekten für Touristen ausgelegt, und mehrere unförmige Plüschsessel mit hölzernen Armlehnen standen wenig einladend auf dem gefliesten Fußboden. In einem riesigen steinernen Kamin glomm schwach ein einsamer Holzscheit, der kaum dazu beitrug, die Raumtemperatur anzuheben, die man nur als lausig kalt bezeichnen konnte. Die Rezeption aus fleckigem Sperrholz hatte man in einer Ecke versteckt – Personal suchte man hier vergeblich. Das einzig Ansehnliche an diesem Raum war ein fantastisches Arrangement aus getrockneten Blumen in einer antiken, chinesischen Schale, die von einem runden, zentral platzierten Tisch aus ihre Schönheit verströmte. Die blauen und cremefarbenen Blüten, um deren lange Stiele sich wilder Wein rankte, waren mit viel Kunstfertigkeit und Geschmack angeordnet. Bewundernd betrachtete Darina eine Weile die Komposition. Sie fragte sich gerade, wo sie wohl die Besitzer dieses ungastlichen Etablissements finden könne, als sie Stimmen hörte – besser gesagt eine Stimme, weiblich und sehr ärgerlich.

»Und glaub’ nicht, du könntest mich nochmal so versetzen! Nicht einmal entschuldigt hast du dich! Ich hab’ gestern den ganzen Tag auf deinen Anruf gewartet; und heute Morgen ebenfalls.« Aus einer Tür an der Rückseite des Raumes trat eine junge Frau, die gerade in eine braune Wildlederjacke schlüpfte und ihre Bemerkungen über die Schulter zurückwarf, während sie energisch durch die Empfangshalle schritt. Das Auffälligste an ihr war eine wunderbar üppige, kupferrot schimmernde Lockenpracht, die ein recht hübsches Gesicht mit dunkelbernsteinfarbenen, leicht schrägstehenden Augen und einem Schmollmund umrahmte. Ihr kleiner, zierlicher Körper bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze, aber sie strahlte eine solche Unzufriedenheit aus, dass sie weit weniger attraktiv wirkte, als sie es eigentlich hätte sein können.

In der Tür drehte sie sich noch einmal um, warf Darina einen gleichgültigen Blick zu und lächelte zu dem Mann auf, der ihr gefolgt war. In diesem Augenblick entfaltete sich plötzlich ihre zuvor nur angedeutete Anziehungskraft. »Wie wär’s mit heute Abend?« fragte sie mit süßer, unwiderstehlicher Stimme.

Der Mann schien unbeeindruckt. »Ich ruf dich später an, Olivia. Ich kann dir keine Zusage machen, weil wir wahrscheinlich viel zu tun haben werden.«

Der kleine Schmollmund verlor rasch wieder seinen Reiz. »Erzähl mir bloß nicht, dass ihr Gäste habt. Wenn du glaubst, dass ich wieder bloß rumsitze und auf dich warte, hast du dich getäuscht!« Mit diesen Worten verschwand sie und knallte die Tür hinter sich zu.

Ohne die junge Frau auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, kam der Mann auf Darina zu. »Kann ich Ihnen helfen?« Darina blickte in Augen von der Schönheit eines in Eis gespiegelten, strahlendblauen Himmels und verstand augenblicklich den Groll des Mädchens. Der Mann war etwa in ihrem Alter, langgliedrig und schlaksig, salopp gekleidet in Jeans und Sweatshirt.

Sein flachsblondes Haar fiel ihm in die breite Stirn, und seine bemerkenswerten Augen lagen unter Brauen, die so hell waren, dass man sie kaum sah. Seine Wimpern waren von der gleichen Farblosigkeit. War dies der Grund, dass er wie jemand wirkte, der in den Anblick ferner Horizonte versunken war? Oder war es nur so, dass er an seiner näheren Umgebung einfach nicht interessiert war? »Ich suche den bzw. die Inhaber dieses Hotels: Tony und Ulla Mason.«

Er runzelte die Stirn. »Mein Vater ist tot. Wo Ulla ist, weiß ich nicht; und ich bin Alexander Mason. Ich schätze, Sie können mich als den Miteigentümer betrachten. Worum geht’s denn?« Wie unaufmerksam von William, einfach zu verschwinden, bevor er sie über diese Tatsache unterrichtet oder ihr erzählt hatte, was genau er mit Ulla Mason besprochen hatte – falls er überhaupt irgendetwas mit ihr besprochen hatte. Während Darina noch überlegte, wie sie beginnen sollte, trat eine zierliche blonde Frau, nicht viel älter als sie selbst, durch die Eingangstür. »Was hast du denn mit Olivia Brownsword gemacht, Alexander? Sie ist wie eine Furie an mir vorbeigerannt, ohne mich zu grüßen.«

»Sie wird schon drüber wegkommen. Anscheinend glaubt sie, sie hätte Anspruch auf meine Zeit. Hier ist übrigens jemand, der dich sprechen möchte.« Mit diesen Worten wies er mit einer lässigen Handbewegung in Darinas Richtung und verschwand in den hinteren Regionen des Hotels.

»Vergiss nicht, dass du heute Abend Dienst hast«, rief die junge Frau ihm nach und seufzte tief. »Es ist mir ein Rätsel, warum dieses Mädchen so hartnäckig ist, er behandelt sie wie ein Stück Dreck. Also, was kann ich für Sie tun?« Ihre Stimme hatte einen leicht fremdartigen Tonfall, eine Art Singsang, der Darina, ebenso wie die ungewöhnliche Helligkeit ihrer Haare und ihrer Haut, an Skandinavien denken ließ.

»Ich bin Darina Lisle. William Pigram hat mich zum Mittagessen hierhergebracht«, begann sie.

»Oh ja natürlich, William. Es tut mir schrecklich leid, dass ich nicht hier war. Ich musste einkaufen, und das hat viel länger gedauert, als ich dachte. Für einen Montagmorgen war bei Yeovil ein unglaublicher Betrieb. War das Essen gut?« Die Frage klang wirklich interessiert.

Darina zögerte. »Wir haben diese Woche mit unserem neuen Menü begonnen. Der Küchenchef hat die Rezepte speziell für uns kreiert. Wir hoffen auf ein lebhaftes Weihnachtsgeschäft. Die Leute müssen den Truthahn doch langsam satthaben. Ah, Mr. Nicholls, wie schön, Sie zu sehen. Und wie nett von Ihnen, dass Sie uns so bald besucht haben. Haben Ihnen die Speisen zugesagt?«

Der Gast, der seine Mahlzeit mit solcher Konzentration verzehrt hatte, hielt auf seinem Weg zum Ausgang inne, als Ulla Mason auf ihn zuging, um ihn zu begrüßen. Er ergriff ihre Hand und sah sie an wie der Weihnachtsmann, dem gerade einfällt, dass er seinen Sack mit Geschenken vergessen hat. »Meine liebe Mrs. Mason, es tut mir leid, aber ich kann nichts für Sie tun. Ich kann unmöglich einen Artikel über Sie im Western Chronicle schreiben, denn das würde bedeuten, dass Sie überhaupt keine Gäste mehr hätten.« Er tätschelte tröstend ihre Hand. »Stellen Sie einen anderen Küchenchef ein, und lassen Sie mich wissen, wenn es soweit ist. Dann werde ich’s nochmal versuchen.« Er nahm seinen Mantel von einem altmodischen Kleiderständer und verließ das Hotel.

Ulla Mason starrte ihm fassungslos nach. Dann drehte sie sich zu Darina um. »Was meint er denn damit? Das Essen kann doch wohl nicht so schlecht gewesen sein!?«

»Ich fürchte, doch.« In diesem Augenblick kamen die beiden Geschäftsleute unter lautem Gelächter aus Richtung des Speisesaals. Die Inhaberin lächelte ihnen nervös zu. »Du liebe Zeit, Ulla«, rief der größere von beiden mit dem Geschwür hinterm Ohr, »was haben Sie denn mit dem Essen angestellt? Und was spricht gegen Truthahn? Dieses vornehme Zeug hätten wir eher im Manor Park Hotel erwartet, mit dem Unterschied, dass man es dort auch hätte genießen können – warum bekommt man denn hier keine ordentlichen Pommes frites mehr und einen anständigen Pudding? Jetzt gibt’s noch nicht mal Hammelpastete, und wir haben schon Mitte Dezember!«

»Es tut mir wirklich leid, aber wir haben einen neuen Küchenchef und probieren mal ein anderes Menü. Kommen Sie doch nächste Woche wieder vorbei – ich werde sehen, was sich machen lässt. Das Mittagessen heute geht natürlich auf Kosten des Hauses.«

»Aber nein, das Steak war ganz in Ordnung.« Der große Mann schlug sich seinen ausladenden Bauch. »Geben Sie uns einen Drink aus, wenn wir das nächste Mal kommen, und damit ist die Sache erledigt. So, und jetzt komm, Derek, wir müssen wieder an die Arbeit.«

Ulla Mason blickte ihnen nach, und Darina hatte das Gefühl, sie würde gleich in Tränen ausbrechen. »Das waren zwei der einflussreichsten Männer aus dem Gemeinderat. Derek ist Vorsitzender der Baubehörde, und der Himmel weiß, ob die beiden jemals wiederkommen. Tony wusste immer, wie er mit ihnen umgehen musste. Sie haben ihm förmlich aus der Hand gefressen. Naja, es sieht ja ohnehin nicht so aus, als müssten wir in der nächsten Zukunft eine Baugenehmigung beantragen.« Sie strich sich über die Stirn. »Aber ich verstehe es trotzdem nicht. Sie müssen mir sagen, was passiert ist. William hat mir erzählt, dass Sie sich in der Gastronomie bestens auskennen.«

Ulla hakte sich bei Darina ein und führte sie durch die hintere Tür in ein kleines Büro am Ende eines dunklen Korridors. Durch das Fenster, das so schmutzig war, dass kaum das Tageslicht hindurchdrang, erkannte man einen schmuddeligen Hinterhof. Eine Lampe mit grünem Schirm bemühte sich, ein wenig Licht zu verbreiten; dennoch wirkte der mit Möbeln und Büromaterial vollgestopfte Raum nur wenig heller als die Eingangshalle. In der einen Ecke standen ein Computer und ein Kopiergerät und in der anderen ein mit Akten und Broschüren bedeckter, großer Schreibtisch. Dahinter saß Alexander und studierte einen Atlas. Ulla funkelte ihn wütend an. »Hast du in der Bar alles vorbereitet für heute Abend?«

Er sah nicht einmal auf. »Dafür ist noch reichlich Zeit. Wir werden kaum ins Schwitzen geraten von dem Ansturm der Gäste. Die einzige Reservierung für heute Abend ist ein Tisch für vier Personen.« Ulla wies auf einen kleinen Sessel. »Bitte setzen Sie sich.« Dann rieb sie sich die Hände. »Ist es nicht schrecklich kalt hier drin? Vielleicht sollten wir die Heizung anmachen.« Sie beugte sich vor und schaltete einen kleinen elektrischen Heizstrahler ein. »Alexander, das ist Darina Lisle. Sie ist möglicherweise daran interessiert, unsere Geschäftspartnerin zu werden.« Die durchdringenden Augen wandten den Blick vom Atlas und fixierten ihr Gegenüber. »Verkauf den alten Kasten, Ulla, und werd’ diesen verdammten Alptraum endlich los. Du kämpfst hier eine verlorene Schlacht.« Der junge Mann stand auf und klemmte sich den Adas unter den Arm. »Man hat dir ein gutes Angebot gemacht, und ich kann dir nur raten, es anzunehmen.« Er schlenderte zur Tür.

»Du weißt, dass ich das nicht tun werde, Alexander, obwohl ich manchmal in Versuchung komme; schließlich würde das bedeuten, dass ich dich nie wiedersehen müsste.« Er drehte sich noch einmal um. »Mäßige dich, sonst könnte es passieren, dass ich auf der Stelle verschwinde, was würdest du dann machen, liebes Mütterchen?« Mit den letzten Worten schloss er langsam die Tür hinter sich.

Ulla machte ein Geräusch, das sich anhörte wie eine Mischung aus Knurren und Schreien und schlug sich mit der Faust an den Kopf. »Dieser verdammte Alexander! Manchmal könnte ich ihn erwürgen. Wie kommt es eigentlich, dass bestimmte Leute so genau wissen, wie sie einen zur Weißglut bringen können?« Sie erwartete offensichtlich keine Antwort auf diese Frage. Während sie sich in dem Stuhl niederließ, den Alexander geräumt hatte, betrachtete Darina sie interessiert. Ulla war höchstens dreißig Jahre alt. Ein paar Fältchen hatten begonnen, sich in die zarte Haut zu prägen, aber ihre Figur, deren volle Brüste und schmale Hüften unter einem Strickkleid mit passender Jacke bestens zur Geltung kamen, war jugendlich und sexy. Diese Mischung aus provokativer Sinnlichkeit und androgyner Unschuld musste umwerfend attraktiv auf Männer wirken, besonders in Verbindung mit diesem Gesicht, das so lieblich war wie das einer Märchenprinzessin, und diesem wunderbar flachsblonden Haar, das von natürlichen honig- und goldfarbenen Strähnchen durchzogen war.

»Ich nehme an, Alexander ist Ihr Stiefsohn?« Ulla nickte. »Er ist eigentlich kein Hotelier. Nachdem Tony starb, ist er hergekommen, um auszuhelfen. Aber lassen Sie uns nicht weiter über Alexander reden, das macht mich immer so wütend. Sagen Sie mir lieber, was mit dem Mittagessen war. Ich dachte, die neuen Gerichte würden ein großer Erfolg werden.«

»Haben Sie den Küchenchef schon lange?«

»Nein, Ken Farthing hat erst vor ein paar Wochen bei uns angefangen. Ich war sehr zufrieden mit ihm, denn er schien wirklich gut zu sein. Das Angebot an Speisen, das wir vorher hatten, war sehr einfach und unkompliziert: Steak, Kotelett, Huhn – alles mit Pommes frites und anschließend ein paar traditionelle Desserts. Das hat er alles prima gemacht, aber ich hatte ihn eingestellt, damit er das Essen verändert und dem Niveau unseres Speisesaals anpasst. Als er sagte, er hätte neue Rezepte für ein paar stilvolle und erstklassige Menüs, habe ich ihm geantwortet, er solle gleich damit anfangen.«

»Sie haben die Gerichte nicht einmal vorher probiert?« Ulla sah geknickt aus. »Ich habe es nicht für nötig gehalten, weil ich dachte, er verstünde etwas von seinem Beruf. Es klang alles so köstlich. Was also ist schiefgelaufen?«

»Ich fürchte, er hat es geschafft, jedes Gericht zu ruinieren.« Darina beschrieb kurz ihr katastrophales Mittagessen. Ulla sah daraufhin noch niedergeschlagener aus. »Was soll ich denn jetzt machen? Wir können doch nicht wieder das gleiche wie vorher servieren, das passt einfach nicht mehr zum Stil des Restaurants.«

»Ich denke, Sie sollten lieber mal mit Ihrem Küchenchef reden.« Ulla erhob sich. »Würden Sie mit mir kommen? Sie sind doch eine Expertin auf dem Gebiet, und ich habe Angst, dass er mich nur wieder unsicher macht.« Widerwillig folgte Darina der Hotelbesitzerin durch den schlecht beleuchteten Flur, dessen Winkel und Ecken mit Toilettenpapierrollen und Cornflakes-Schachteln vollgestopft waren. Sie fragte sich, was genau wohl Ullas Qualifikationen für die Leitung eines Hotels waren; der Rat ihres Stiefsohns Alexander kam ihr immer vernünftiger vor. Außerdem war ihr nicht ganz klar, warum sie eigentlich eingewilligt hatte, als Rückendeckung in einer Auseinandersetzung zu dienen, die zweifellos ziemlich unangenehm werden würde. Der Grund war wohl, dass Ulla eine gewisse Hilflosigkeit ausstrahlte, die direkt an ihren Beschützerinstinkt appellierte.

Das war vielleicht ein entscheidender Vorteil im Geschäftsleben. Darina seufzte. Ihr war seit langem klar, dass sie in niemandem einen Beschützerinstinkt weckte. Was sie ausstrahlte, war vielmehr Effizienz und Selbständigkeit. Sogar William, der ihre Größe von annähernd einem Meter achtzig noch um etliche Zentimeter übertraf, behandelte sie kaum wie ein »kleines Fräulein«. Aber das war schließlich auch das letzte, was sie wollte, oder?

Die Küche unterschied sich ebenso radikal vom Rest des Hotels wie das Restaurant. Sie sah aus wie ein Kraftwerk aus Edelstahl, nagelneuen Öfen und schimmernden Fliesen.

Der Fußboden wurde gerade von einem jungen Mädchen in schmuddelig-weißem Arbeitskittel gewischt. Eine große, massige Gestalt in ebenso schmuddeliger Arbeitskleidung, aber mit einer eindrucksvollen Kochmütze schrieb etwas mit einem stumpfen Bleistift auf die Rückseite eines alten Briefumschlags.

»Farthing!« Ulla bemühte sich tapfer, ihrer Stimme Autorität zu verleihen.

»Ja?« Ken Farthing hob den Kopf und präsentierte ein Gesicht, das aussah, als habe es einmal unsanfte Bekanntschaft mit dem Huf eines Pferdes gemacht. Die flache Nase und das stumpfe Kinn, die pockennarbige Haut und die kleinen Augen fügten sich zu einer Erscheinung zusammen, der man nicht unbedingt nach Einbruch der Dunkelheit begegnen wollte – ebenso wenig wie in dieser mit scharfen Messern und Hackbeilen gespickten Küche. Darina sah sich mit ungewohnter Nervosität in dem Raum um; dabei war es, wie sie feststellte, nicht so sehr der Anblick, den Ken bot, als vielmehr die Art und Weise, wie er es geschafft hatte, in dieses einzige Wort eine unbestimmte Drohung zu legen, während sich seine Schweinsäuglein zuerst auf Ulla Mason und dann auf sie selbst richteten.

Ulla blickte kurz auf das Mädchen, das immer noch den Fußboden säuberte, dann sah sie wieder den Koch an. »Ich hätte Sie gern kurz in meinem Büro gesprochen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie voran in das Zimmer, aus dem sie und Darina eben gekommen waren.

Psychologisch sehr geschickt, dachte Darina, ihn von seinem Terrain zu locken – weg von diesen furchterregenden Messern. Sie hatte schon etliche Geschichten gehört von Köchen, die in ihren Küchen Amok gelaufen waren, aber bis zu diesem Augenblick hatte sie ihren Wahrheitsgehalt eher bezweifelt.

Ulla setzte sich hinter den Schreibtisch; Darina trat ein wenig zur Seite, als die riesige Gestalt des Kochs eintrat.

»Farthing, ich möchte mit Ihnen über das Mittagessen reden.«

Erstaunlicherweise verzog sich das grobe Gesicht des Riesen zu einem breiten, strahlenden Lächeln. »Haben Sie es probiert? Es war fantastisch, nicht wahr?«

»Nun ja, eigentlich nicht. Es haben sich etliche Gäste darüber beschwert.«

Das Lächeln verblasste ein wenig, doch dann fasste er sich rasch wieder. »Pah, die meisten von denen verstehen doch nichts vom Essen. Sie wissen meine Kochkünste einfach nicht zu schätzen.«

Ulla sah hilfesuchend in Darinas Richtung. »Aber Miss Lisle hier versteht eine ganze Menge davon, und ich fürchte, ihr hat es auch nicht geschmeckt.«

Der baumlange Kerl wirbelte herum, um seine neue Gegnerin ins Auge zu fassen. »Hat Ihnen meine Art zu kochen nicht zugesagt?«

Diplomatie und Ehrlichkeit fochten einen Kampf in ihr aus. Aber bei Darina war dieser Kampf schnell entschieden. »Das Essen war grauenhaft.«

Die breiten, muskulösen Schultern strafften sich. »Grauenhaft!«, wiederholte der Mann in einer Lautstärke, dass man es wahrscheinlich noch ein paar Kilometer weit hören konnte.

Darina nahm all ihren Mut zusammen, denn offensichtlich half in dieser Situation nur schonungslose Offenheit. »Getrockneten Estragon auf den Frischkäse zu geben, ist schon an sich eine Todsünde; dann war der Frischkäse selbst unpassend für dieses Gericht; Avocado und Mango hätten ein richtiges Dressing gebraucht; die Fischsoße war bitter und hatte die Konsistenz von Tapetenkleister – und was Sie mit der Torte für den Nachtisch angestellt haben, ist mir völlig schleierhaft. Der Fisch selbst jedoch war sehr gut gekocht«, fügte sie hastig hinzu.

Die winzigen Augen starrten sie ungläubig an; dann schien es, als würde sein Körper noch mehr anschwellen. Er hob seine riesige Faust. Darina zuckte zusammen, aber sie wich nicht von der Stelle, bereit, den erwarteten Schlag zu parieren. Stattdessen hieb er jedoch auf den Schreibtisch ein.

»Sie haben doch keine Ahnung vom Kochen«, brüllte er. »Niemand hat eine Ahnung davon. Ich kreiere Gerichte, neue Gerichte. Ich mache nicht das, was alle machen, mein Essen ist originell. Bloß weil ich keinen bekannten Namen hab’, glaubt ihr alle, es tauge nichts. Sie verdienen es gar nicht, einen Koch wie mich zu haben«, schrie er Ulla an, die die Armlehnen ihres Stuhls umklammert hielt, aber nichts sagte.

Der Koch sah sie immer noch drohend an. Eine schreckliche Stille folgte. Wer zuerst redet, hat verloren, dachte Darina und beobachtete, wie der Zorn allmählich aus der hünenhaften Gestalt des Mannes entwich. Seine Stirn legte sich in Falten, während Ulla seinen Blick ruhig und sicher erwiderte.

»Wenn Ihnen nicht gefällt, was ich heute gekocht habe, kann ich doch vielleicht morgen was anderes probieren? Ich wüsste ein Rezept für Moorhuhn mit Granatapfel, das müsste der totale Knüller werden.« Aber sein Selbstbewusstsein war erschüttert, und er wirkte nun ziemlich unsicher.

Ulla sah rasch zu Darina, die ganz leicht den Kopf schüttelte. Unter strengster Aufsicht war dieser Möchtegernstarkoch wahrscheinlich sogar imstande, ein erstklassiges Gericht zu zaubern, aber wenn er sich selbst überlassen blieb, konnte es nur in einer Katastrophe enden.

»Es tut mir leid«, sagte die Besitzerin des Hotel Morgan, »aber was ich brauche, ist ein kompetenter und kreativer Koch – und seit heute weiß ich, dass Sie für diesen Job nicht geeignet sind.« Sie griff hinter sich und zog ein Kassenbuch aus dem Regal. »Ich gebe Ihnen den Lohn für zwei Wochen, und Sie gehen jetzt gleich.« Sie öffnete das Buch mit einem entschlossenen Schwung.

Der Koch schob seine Mütze nach hinten und kratzte sich am Kopf. Ken Farthing schien vollends verwirrt. »Sie meinen, ich kann nicht bleiben?«

Ulla sah von ihrer Buchhaltung auf. Das Kräfteverhältnis zwischen den beiden hatte sich merklich verlagert. »Es ist das Beste, wenn Sie sofort gehen. Sie müssen sich einen neuen Job suchen. Packen Sie Ihre Sachen, ich bringe Ihnen gleich Ihr Geld.«

Der Koch warf ihr noch einen schrägen Blick zu, aber Darina spürte, dass er sich in das Unvermeidliche gefügt hatte; kurz darauf verließ er wortlos das Büro. Sie war ein wenig überrascht, dass er so leicht aufgegeben hatte. Zuerst hatte es den Anschein gehabt, als würde er in seiner Wut die beiden Frauen niederschlagen und zu Hackfleisch für einen seiner originellen Aufläufe verarbeiten, doch im nächsten Augenblick war er wie ein Kind, das einen Erwachsenen anfleht, ihm noch eine Chance zu geben.

Ulla öffnete einen kleinen Safe, nahm eine Stahlkassette heraus, steckte das Geld für den Koch in einen Umschlag, versiegelte ihn, stellte die Kassette wieder zurück und verschloss den Safe. Dann wandte sie sich an Darina. »Kommen Sie mit in die Küche?«

Darina nickte und folgte ihr durch den langen Flur.

In der Küche fanden sie den Koch, der inzwischen seine Arbeitskleidung abgelegt hatte, in Jeans und einem dicken Pullover vor. Er wirkte nun plötzlich kleiner und nicht mehr im geringsten bedrohlich. Ohne die Kochmütze sah man sein dünnes, fettiges Haar. Er nahm den Umschlag von Ulla entgegen, drehte ihn mehrmals in seinen großen Händen, hob dann den Kopf und sah Darina direkt an. »Es hat also wirklich nichts getaugt, mein Essen, mh?«

Sie ließ sich nicht erweichen. »Nein. Bleiben Sie bei den einfachen Gerichten, die scheinen Sie gut zu können.«

»Das sagen alle.«

Ulla streckte die Hand aus. »Auf Wiedersehen, Farthing, und viel Glück.«

Er wischte sich die Hand an seinen Jeans ab, bevor er die ihre ergriff. Ulla blinzelte, während er ihren Arm auf und nieder pumpte und massierte sich die Finger, sobald er sie losgelassen hatte. Dann blieb sie stehen und sah zu, wie er den Umschlag ungeöffnet in seine Hosentasche steckte, eine Reisetasche nahm und durch die Hintertür verschwand.

»Das wäre erledigt«, sagte sie. »Ich bin froh, dass er keine Schwierigkeiten gemacht hat. Einen Moment lang habe ich geglaubt, er würde sich auf uns stürzen. Und was mache ich nun? Kein Küchenchef, und es ist bald Weihnachten. Wer soll jetzt das Essen kochen?«

Kapitel 3

Es war kalt geworden am Nachmittag, als William zum Rastplatz fuhr. Das Licht der tiefstehenden Sonne war noch kraftvoll, aber die langen Schatten kündeten bereits von der hereinbrechenden Abenddämmerung.

Auf dem Gipfelpunkt einer ziemlich steilen Anhöhe lag ein von Buschwerk umstandener, halbkreisförmiger Parkplatz an der verkehrsreichen A37, die von Jeovil nach Bristol führt. Hinter den dichten Hecken erstreckten sich ausgedehnte Felder. Eine Reihe von Polizeifahrzeugen säumte die Fahrbahn, der Parkplatz selbst war mit einem weißen Plastikband abgesperrt, dessen blaue Signalstreifen dem Ganzen einen Anstrich heiterer Meerespromenadenatmosphäre gaben. William stellte seinen Wagen hinter dem letzten Fahrzeug in der Reihe ab. Während er ausstieg, näherte sich ein Polizist.

»Entschuldigen Sie, Sir, aber Sie können hier nicht parken ... Oh, Sergeant Pigram, ich habe Sie gar nicht erkannt, Sie haben wohl die Automarke gewechselt.« Er trat zu dem Wagen und bewunderte die klassische Silhouette des 1950er Bentley.

»Was ist mit dem Chevy?«

»Die Kurbelwelle war hin. Und heutzutage kriegen Sie ja auch keine Ersatzteile mehr dafür.«

»Schade, das Auto war ein richtiger Meilenfresser.«

»Ja, aber der hier ist auch nicht gerade lahm, und er ist unglaublich bequem und angenehm zu fahren. Sie müssen mal eine Probefahrt machen. So, und was haben wir hier?«

Bevor Sie sich umdrehten und zusammen zum Parkplatz gingen, gab William dem Bentley einen liebevollen Klaps auf die Motorhaube.

»Eine junge Frau hat die Leiche gefunden, Sir, vor ein paar Stunden. Sie war mit ihrem Hund in den Feldern dort spazieren.« Er wies auf das sanft geschwungene, grüne Land, das man hinter einem Durchgang in der Hecke sehen konnte. »Der Hund hat irgendwas im Graben aufgestöbert und sich darüber hergemacht, und da ist sie hingegangen, um zu sehen, was es ist. Sie hat einen ziemlichen Schock bekommen. Dann ist sie zu diesem Haus am Fuß des Hügels gelaufen«, dabei wies er mit dem Finger die Straße hinunter, »und hat uns von dort aus angerufen. Ich hab’s mir kurz angesehen und dann sofort Ihre Abteilung verständigt.«

»Wo ist die Frau jetzt?«

»Detective Constable James hat ihre Aussage zu Protokoll genommen und sie dann weiterfahren lassen. Sie war auf der Durchreise nach Devon.«

»War Inspektor Grant nicht hier?«

»Nein, Sir. Er ist erst später gekommen.«

»Ach ja, ich erinnere mich, er hatte heute Morgen irgendeinen Termin. Ich wünschte nur, man hätte die Zeugin hierbehalten, bis er oder ich gekommen wäre.«

»Die junge Frau hatte es ziemlich eilig, Sir.«

»Ich nehme an, Constable James hat sich ihre Adresse geben lassen? ... Gut.«

Inzwischen hatten sie den Parkplatz erreicht. »Der örtliche Arzt war hier und hat den Tod des Opfers festgestellt«, meldete der Constable, während er die Uhrzeit von Williams Ankunft in sein Protokoll schrieb. »Sie warten jetzt noch auf den Pathologen.«

Durch die blattlose Hecke konnte William sehen, wie einer seiner Beamten zusammen mit Detective Constable James eingehend den Graben untersuchte. Er folgte einer mit Plastikstreifen markierten Route, die neben einem schmalen Pfad durch das dichte Gras führte, und warf einen ersten Blick auf die Leiche.

Sie lag zwischen abgebrochenen Zweigen, Wurzeln und Blättern neben der Hecke. Die unteren, biegsamen Ästchen des Buschwerks hatten bereits wieder ihre ursprüngliche Form gefunden und bedeckten die ausgestreckten Gliedmaßen der toten Frau. Automatisch registrierte William ein paar zarte Knospen an den dünnen Zweigen. Die Natur erneuerte sich ständig, indem sie aus ihrem sterbenden Teil, der in Wurzelnähe verrottete, neue Lebenskraft sog.

»Sieht aus, als hätte Johnny Mörder sie hierher geschleppt.« Das war Grant. Williams Vorgesetzter sah wie immer äußerst elegant aus in seinem makellosen Trenchcoat, und als er sich vorbeugte, um die Leiche näher in Augenschein zu nehmen, blitzten unter seinen Hosenbeinen ein Paar teure Argyle-Socken auf.

»Johnny Mörder, Sir? Sie nehmen also an, dass es ein Mann war?« Die helle Stimme kam von Detective Constable James. William seufzte innerlich. Sie hatte wirklich verdammtes Glück: Gleich am ersten Arbeitstag ein Mord, und sie auch noch als erste am Tatort! Hätte er Darina nicht zum Essen ausgeführt, wäre er im Büro gewesen, als der Anruf kam; dann hätte er die Frau befragen können, als die Entdeckung der Leiche noch ganz frisch in ihrem Gedächtnis war. In der Zeit jedoch, die er brauchen würde, hier wegzukommen und nach Devon zu fahren, um mit ihr zu reden, hatte sie die Geschichte vermutlich bereits in der halben Grafschaft herumerzählt, wobei sich die Einzelheiten mit jeder Wiederholung leicht verändern würden.

Constable Pat James hatte sich umgedreht und William erkannt. Sie grüßte ihn mit einem kleinen Lächeln und wirkte angesichts des Mordopfers völlig ruhig und gefasst. Er erinnerte sich noch gut, wie beim Anblick seiner ersten Leiche sein Magen revoltiert hatte, und nahm ihr diese Selbstbeherrschung beinahe übel. Doch dann fiel ihm ein, dass er ja gar nicht wissen konnte, ob dies tatsächlich ihr erstes Mordopfer war.

Grant hatte ihm Pat James an diesem Morgen vorgestellt. Sie war in sein winziges Büro getreten, in einen braunen Rock, Bluse und Weste gekleidet und hatte auf die gleiche ruhige Art gelächelt wie jetzt. Bevor er noch Zeit hatte, sich hinter seinem Schreibtisch zu erheben, war sie mit ausgestreckter Hand auf ihn zugekommen und hatte gesagt: »Ich freue mich, mit Ihnen zusammenarbeiten zu dürfen. Sie haben ein erstklassiges Team hier, und ich hoffe, dass ich mich gut einfügen werde.« Ihre Stimme, bis auf einen leichten Somerset-Touch akzentfrei, hatte sehr selbstsicher geklungen. William schüttelte ohne große Begeisterung ihre Hand, während Grant mit aufrichtiger Herzlichkeit bemerkte: »Davon bin ich fest überzeugt. Ich habe noch einen Termin heute Morgen, deshalb überlasse ich es Bill, jetzt mit Ihnen die Liste der aktuellen Fälle durchzugehen. Er ist zu Mittag verabredet, aber ich hoffe, bis dahin wieder zurück zu sein, sodass wir zusammen ins Pub gehen und eine Kleinigkeit essen können.«

Sie hatten den Morgen damit verbracht, die anstehenden Fälle durchzuarbeiten, wobei Pat James ab und zu eine sachdienliche Bemerkung machte, die ihre schnelle Auffassungsgabe bewies und zeigte, dass der Aufmerksamkeit ihrer braunen Augen kaum ein Detail entging. Allerdings gelang es ihr trotz dieser Eigenschaften nicht, sich bei William beliebter zu machen.

»Sergeant Pigram, Sir«, rief sie jetzt.

»Wird auch langsam Zeit!« Grant drehte sich um und winkte ihn zu sich heran. »Was halten Sie von der Sache?«

Statt einer Antwort trat William an den Rand des Grabens, ging in die Hocke und wappnete sich für die Untersuchung, die er nun vornehmen musste. Obwohl er inzwischen mit dem Tod gewissermaßen auf vertrautem Fuße stand, spürte er noch immer, wenn er dem letzten aller Widersacher von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, tief in seinem Innern dieses schmerzliche Zusammenziehen.

Sie mochte hübsch gewesen sein, bevor ihr tödliches Schicksal sie an diesem Ort ereilte. In ihrem üppigen, blonden Haar hatten sich Blätter und kleine Zweige verfangen, und die langen, wohlgeformten Beine, die nur ansatzweise von einem gewagten Minirock bedeckt waren, endeten in Stiefeletten, die gut zu Rotkäppchen gepasst hätten. Auch ihr Anorak war rot, rot mit weißen Streifen; und ihr geschwollenes Gesicht war von roten Streifen gezeichnet, als ob das Blut unter ihrer Haut herabgeronnen wäre, wie Regen an einer Fensterscheibe. Ihre Lippen und das Ohr – der Kopf war so verdreht, dass man nur die rechte Seite sah – waren blauviolett, und in den weit aufgerissenen Augen waren die winzigen Spuren einer Blutung zu erkennen.

William schluckte mühsam. Er spürte das Bedürfnis, etwas zu sagen. »Sie trägt Strümpfe, keine Strumpfhosen.«

»Meinen Sie, das ist von Bedeutung?«, fragte der Inspektor trocken.

Das Sprechen hatte seinen Magen beruhigt, und William bekam wieder einen klaren Kopf. »Ich stelle lediglich eine Tatsache fest, Sir.«

»Richtig, wir werden diesen Hinweis berücksichtigen«, bemerkte Grant mit ironischem Grinsen. »Fällt Ihnen sonst noch was auf, Bill?«

»Sie ist anscheinend erwürgt worden, es gibt deutliche Anzeichen einer Zyanose, und am Hals befinden sich starke Quetschungen – und Kratzspuren. Die könnte sich das Opfer allerdings auch selbst beigebracht haben, als sie versuchte, die Hände des Mörders wegzureißen. Keine offenkundigen Anzeichen einer Vergewaltigung, die Kleidung ist nicht zerrissen, und ich sehe keine Verletzungen an den Oberschenkeln.« Er machte eine Pause. Irgendetwas fehlte, aber er kam nicht drauf, was es war.

In diesem Moment unterbrach eine ruhige Stimme das Schweigen. »Ich sehe keine Handtasche.«

»Richtig, gut beobachtet«, rief Grant. »Natürlich könnte es sein, dass die Leiche drauf liegt.«

Genau das war’s! Kaum eine Frau ging doch ohne Handtasche aus dem Haus. Es stimmte zwar, dass der Mörder sie vor dem Opfer in den Graben geworfen haben könnte, aber William wünschte trotzdem, er hätte diese Beobachtung vor Pat James gemacht.

Die drei schauten sich um, als erwarteten sie, die fehlende Handtasche an einem der Zweige baumeln zu sehen. Grant rief einen uniformierten Polizisten herbei und bat ihn, seinen Kollegen, die das Gelände absuchten, zu sagen, dass sie auch nach einer Handtasche Ausschau halten sollten. Dann meinte er: »Ich frage mich, wie lange die Tote hier wohl schon liegt. Der Parkplatz wird häufig von Lastwagenfahrern und Touristen aufgesucht. Wenn die Leiche nicht von dem Hund entdeckt worden wäre, dann sicher bald von einem Fahrer, der mal hätte austreten müssen. Man hat gar nicht ernsthaft versucht, die Leiche zu verbergen. Schauen Sie sich diese vielen Blätter auf dem Boden an – es wäre doch ganz leicht gewesen, das Mädchen darunter zu verstecken.«

»Die Tat wurde vermutlich in der Nacht verübt, und der Mörder konnte gerade noch den Graben erkennen«, antwortete William.

»Gäbe es vielleicht die Möglichkeit, dass er mit dem Mädchen auf eine schnelle Nummer hierhergekommen ist und die Sache dann außer Kontrolle geriet?«, schlug Grant vor.

»Bei der Kälte, die wir zurzeit haben? Ich halte es für wahrscheinlicher, dass der Mord in einem Auto oder Lastwagen verübt wurde. Vielleicht war das Mädchen eine Anhalterin, und sie ist von dem Fahrer vergewaltigt worden – ich meine, nur weil es keine offensichtlichen Anzeichen dafür gibt, heißt das nicht, dass keine Vergewaltigung stattgefunden hat.«

»Aha«, meinte Grant und fuhr fort: »Wir haben hier also einen Mord durch Erdrosseln. Aufgrund der Tatsache, dass das Opfer Strümpfe trägt, nimmt Sergeant Pigram an, dass sie zunächst vergewaltigt und dann umgebracht wurde, und zwar wahrscheinlich in einem Fahrzeug, das auf dem Rastplatz hinter der Hecke geparkt war. Der Mörder hat die Leiche dann durch diesen Durchgang in der Hecke geschleppt, hat sie in den Graben geworfen, ist zu seinem Wagen zurückgelaufen und davongefahren. Ist das Ihre Theorie?«

Williams Gesicht überzog sich mit einer leichten Röte. »Ich wollte damit nicht sagen, dass ich dieses Szenario für die einzige Möglichkeit halte.« Er war froh, dass Darina nicht da war, denn er wusste ziemlich genau, was sie von Männern hielt, die das Tragen von Strümpfen für eine Einladung zur Vergewaltigung halten. Er warf Constable James einen Blick zu, halb damit rechnend, dass sie eine Bemerkung machen würde, aber sie schien zu sehr mit ihren Eintragungen beschäftigt zu sein, um für das Recht der Frauen einzutreten, anzuziehen, was sie wollten, ohne dafür gleich in irgendwelche Klischeevorstellungen gepresst zu werden.

Für einen kurzen Moment verließen Williams Gedanken das ermordete Mädchen und wanderten zu seinem Essen mit Darina zurück. Er hatte die Sache völlig falsch angepackt. Eigentlich wollte er ihr ja gar keinen Heiratsantrag machen, jedenfalls noch nicht, denn er wusste, dass es dafür noch zu früh war. Aber dann hatte er einfach Angst bekommen, dass sie ihr Leben in Zukunft so einrichtete, dass es darin keinen Platz mehr für ihn gab. Also war er vorgestürmt und hatte sie dadurch ziemlich enttäuscht. Das wusste er, wenn er auch immer noch nicht ganz verstand, warum. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Arbeit zu.

»Was glauben Sie, wie schwer die Frau ist, Constable James?«, fragte Grant gerade.

»Sechzig Kilo vielleicht?«

»Was meinen Sie, Bill?«

»Sie ist gut gebaut, aber nicht im geringsten übergewichtig. Ich würde sagen, etwas weniger.«

»Jedenfalls ist das kein Gewicht, um es in der Dunkelheit herumzuschleppen. Glauben Sie, der Mörder kannte sich in der Gegend aus?«

Pat James sah zu William, der bei diesem Zeichen von Hochachtung eine merkwürdige Befriedigung verspürte.

»Nicht unbedingt, Sir. Der Rastplatz ist gut ausgeschildert, den Durchgang in der Hecke kann man bei Dunkelheit höchstwahrscheinlich im Scheinwerferlicht eines Autos erkennen, hinter einer Hecke befindet sich auch meistens ein Graben; wenn nicht, hätte das Buschwerk allein die Leiche eine Weile verborgen. Es könnte also durchaus jemand gewesen sein, der nur auf der Durchreise war.«

»Würde man da nicht eher die Autobahn benutzen?«

»Vielleicht ist er von Bath oder Bristol gekommen oder aus Gloucestershire und hat den direkten Weg gewählt, in der Absicht, bei Taunton die M5 zu benutzen.«

»Und Sie glauben, das Opfer war eine Anhalterin?«

»Wäre möglich, Sir. Diese Mädchen scheinen einfach nicht zu begreifen, wie gefährlich das ist.«

»Es könnte aber ebenso gut ein Mann aus der Gegend gewesen sein, der abends mit seiner Freundin unterwegs war. Er hält aus irgendeinem Grund an diesem Rastplatz, die beiden geraten aneinander, und der Streit eskaliert dann soweit, dass er sie umbringt.«

»Wir werden sicher mehr wissen, wenn wir herausfinden, wer sie war. Ich hoffe, ihre Handtasche wird noch gefunden oder sie wird bald von irgendjemandem als vermisst gemeldet, denn wir müssen dem Mörder so schnell wie möglich auf die Spur kommen.«

»Sie sagen es, Sergeant«, meinte Grant trocken. »Aha, da kommen die Jungs von der Spurensicherung.«

Die drei traten zur Seite, während die Beamten mit ihrer Untersuchung der Leiche und der Fundstelle begannen, wobei sie alles mit einer Videokamera aufzeichneten.

Bald waren Parkplatz und Umgebung voller Polizisten. Als es dunkel wurde, wurde die Stelle, wo die Tote lag, mit Scheinwerfern ausgeleuchtet und ein Kunststoffzelt zum Schutz gegen den einsetzenden Regen aufgestellt – der Schutz galt dabei eher der Leiche und ihrem Geheimnis, als den gewissenhaften Beamten von der Spurensicherung.

Dann erschien der Gerichtsmediziner vom Polizeipräsidium und führte die zweite ärztliche Untersuchung’ des Leichnams durch.

Schließlich wurde die tote Frau aus dem Graben gehoben, in einen grauen Plastiksack mit Reißverschluss gelegt und für die Autopsie in die Leichenhalle gebracht.

»Hat die Untersuchung schon was Greifbares erbracht?« fragte Grant den Pathologen, der sich die Hände vor den Mund hielt und hineinblies, um sie zu wärmen.

»Wie Sie zweifellos selbst gesehen haben, ist sie erwürgt worden. Der Mörder hat beide Hände benutzt, und das mit beträchtlicher Kraft. Ich würde sagen, es ist unwahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich, dass es eine Frau war. Bei dieser Kälte ist es schwer zu sagen, wie lange sie tot ist, aber ich schätze, mindestens vierundzwanzig Stunden, und wahrscheinlich nicht mehr als sechsunddreißig. Anscheinend hatte sie kurz vor ihrem Tod noch Geschlechtsverkehr.«

Seine drei Zuhörer holten alle gleichzeitig Luft.

»Erzwungen?«, fragte Grant.

»Sie meinen, ob es eine Vergewaltigung war? Kaum. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie sich widersetzt hat. Zu diesem Zeitpunkt kann ich noch nicht sicher sagen, ob eine Penetration stattgefunden hat, aber ich habe Samenspuren auf den Oberschenkeln gefunden, und das Opfer trägt keinen Schlüpfer.«

»Aha«, meinte Grant, »das scheint mir allerdings von Bedeutung zu sein.« Er wandte sich an die Beamten von der Spurensicherung um, die immer noch den Graben untersuchten, und rief: »Haben Sie irgendwelche Spuren von einer Handtasche oder einem Damenslip gefunden?«

»Nein, Sir. Hier gibt es nur alte Papiertüten und die üblichen Abfallreste.«

»Also haben wir jetzt zwei Dinge, nach denen wir suchen müssen: die Handtasche und einen Schlüpfer. Das heißt, wenn sie überhaupt einen getragen hat.«

»Bei dieser Kälte, Sir, wo sie nur den kurzen Rock und Strümpfe anhatte? Sie hätte ja gefroren ohne das Ding.« Pat James sagte es ohne jede Ironie.

Kapitel 4

Ulla Mason führte Darina auf einen Besichtigungsrundgang durch das Hotel. »Eins der Dinge, die Tony besonders gefallen haben, war der Grundriss vom Erdgeschoß mit der schönen großen Eingangshalle, die auf der einen Seite in den Speisesaal, auf der anderen in diesen Salon und die Bibliothek führt.« Sie ging voran in ein geräumiges Zimmer, das auf der gegenüberliegenden Seite des Speisesaals an die Rezeption grenzte. Die letzten Strahlen der Wintersonne beschienen die gleichen abgewetzten Lehnstühle, mit denen auch die Hotelhalle ausgestattet war. Dazwischen standen kleine Tische aus billigem Furnierholz, auf denen Gläser und heiße Teekannen unschöne Ringe hinterlassen hatten. Ein Feuer glomm in einem marmorverkleideten Kamin, und ein paar riesige altmodische Heizöfen blubberten und gurgelten lautstark, ohne dass die Raumtemperatur auch nur einigermaßen akzeptabel gewesen wäre. Von zwei herrlichen Blumenarrangements abgesehen, die zu beiden Seiten des Kamins auf Podesten standen, war der einzig dekorative Einrichtungsgegenstand eine Serie von kleinformatigen Blumenstilleben, die sich vergeblich bemühten, die Eintönigkeit der mit einer verblassten Textiltapete beklebten Wände etwas aufzulockern.

Darina betrachtete die altertümlichen Polsterbänke, die in den Fensternischen standen, und fand, dass ihre zerschlissenen Bezüge aus goldenem Damaststoff einen merkwürdigen Kontrast bildeten zu dem blau-orangefarbenen Blümchenmuster der Vorhänge, die schlaff und unförmig an den Fenstern hingen. »Tony hatte so viele Pläne für diesen Raum. Ich weiß, er sieht jetzt natürlich ganz scheußlich aus, aber Tony sagte immer, dass man sehr viel daraus machen könne. Das sollte unser nächstes Projekt werden, nach dem Speisesaal. Diese Vorhänge stammen übrigens noch von dem Vorbesitzer – na ja, wenigstens sind sie einigermaßen neu.«

»Was war dieses Haus eigentlich, bevor Sie und Ihr Mann es gekauft haben?«

»Ein Seniorenwohnsitz. Voller alter Leute, genauer gesagt: eben nicht so voll, das war ja ein Teil des Problems. Die Morgans haben es vor ein paar Jahren gekauft, als es noch ein schlechtgehendes Gasthaus war, weil sie glaubten, sie würden ein Bombengeschäft damit machen, einen Wohnsitz für Pensionäre einzurichten. Ich glaube, die Sache kam gerade richtig ins Rollen, als Mrs. Morgan mit dem örtlichen Tierarzt durchbrannte. Morgan konnte es weder allein weiterführen noch hatte er genug Geld, um eine qualifizierte Kraft einzustellen, deshalb hat er das Haus zum Verkauf angeboten.«

»Was haben Sie mit den Bewohnern gemacht?« Darina folgte Mrs. Mason aus dem Salon über einen breiten Flur in die Bibliothek, deren Bezeichnung durch die paar Bücherregale in den Fensternischen kaum gerechtfertigt wurde. Auch hier gab es einen schönen Marmorkamin, in dem ein kleines Feuer brannte, um die Heizöfen bei dem Versuch zu unterstützen, etwas Wärme in den übergroßen Raum zu bringen. Ein riesiges Erkerfenster bildete den Hintergrund für ein weiteres Blumenarrangement, dessen Wirkung allerdings von den gleichen Vorhängen mit Blümchenstoff, die die Fenster im Salon verunzierten, weitgehend beeinträchtigt wurde. Die restliche Einrichtung bestand aus einer Doppelreihe hölzerner Lehnstühle, die um einen Fernsehapparat aufgestellt waren.

Ulla Mason trat zum Kamin, nahm ein frisch aufgelegtes Holzscheit heraus und schürte kräftig die verbliebene Glut. »Mr. Prendergast, ich habe Ihnen doch schon mal gesagt, Sie sollen mit dem Brennholz nicht so verschwenderisch sein«, rief sie ärgerlich aus, während sie mit einer Bürste die Asche von der gefliesten Kamineinfassung fegte.

An einem Schreibtisch auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, neben einem der Heizöfen, saß der kleine, untersetzte Mann, den Darina beim Mittagessen bemerkt hatte. Vor sich auf dem Tisch hatte er ordentliche Papierstöße und eine kleine Reiseschreibmaschine. Auf dem Boden stand eine geöffnete Aktentasche. Mr. Prendergast erhob sich und schritt auf den Kamin zu. »Lassen Sie mich das machen, Mrs. Mason.« Im Handumdrehen hatte er ihr die Bürste abgenommen und die Arbeit beendet. »Es tut mir leid, aber es schien heute ein besonders kalter Tag zu werden.«

»Was Sie da machen, sieht nach Arbeit aus«, bemerkte Darina, da Ulla keine Anstalten machte, die Freundlichkeit des Mannes zu erwidern.

»Ich bemühe mich nur, so etwas wie Ordnung in ein paar alte Unterlagen zu bringen. Man sagte mir, ich solle doch mal ein Buch schreiben, eine Art Bericht über meine Zeit im Außenministerium, wissen Sie.«

»Unterliegen Sie da nicht der Geheimhaltungspflicht?«

»Ich versichere Ihnen, mein Buch würde niemanden kompromittieren – was man von anderen nicht behaupten kann. Heutzutage achtet ja kaum noch jemand solch altmodische Werte wie Loyalität und Diskretion. Ich habe so viele faszinierende Politikerpersönlichkeiten gekannt, habe die Ereignisse der Weltpolitik sozusagen vom Rande aus beobachtet. Und jetzt glaubt ein Verleger anscheinend, dass auch andere an meinen bescheidenen Erfahrungen Interesse haben könnten.«

»Wie interessant«, sagte Darina. »Wie hat Ihnen eigentlich das Mittagessen geschmeckt?«

Er sah sie etwas genauer an. »Natürlich, Sie waren doch auch im Speisesaal, mit diesem großen, jungen Mann. Ich dachte noch bei mir, was für ein attraktives Paar! Oh, Entschuldigung, ich hoffe, ich habe da keine voreiligen Schlüsse gezogen?« Darina murmelte etwas von guten Freunden, aber er fuhr bereits fort: »Und ich hoffe, Ihr Essen war so köstlich wie meines. Ihr neuer Koch«, er wandte sich an Ulla Mason, »hat sich heute selbst übertroffen. Die Fleischpastete hat mich an die von der Haushälterin meiner lieben Mutter erinnert, die sie uns jeden Montag zubereitet hat. Und gestern, dieser vorzügliche Braten – wirklich, ich freue mich neuerdings immer mehr auf meine Mahlzeiten.«

»Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich den Koch heute entlassen habe. «In der Art, wie Ulla ihm die Neuigkeit beibrachte, lag ein unverkennbares Behagen.

Mr. Prendergast blieb abwartend stehen, doch als er keine weiteren Erklärungen bekam, neigte er leicht seinen kahl werdenden Kopf und ging zurück zu seinem Platz, wo er eine altmodische Schreibtischlampe einschaltete. Die Glühbirne flackerte nur kurz auf und erlosch dann wieder, worauf Mr. Prendergast einen Laut des Ärgers ausstieß.

»Ich hole Alexander, damit er eine neue Glühbirne einsetzt«, rief Ulla und verschwand schnell aus dem Raum, gefolgt von Darina. In der Eingangshalle rief sie nach Alexander, der sich aber nicht blicken ließ. Nachdem sie, ungeduldig von einem Fuß auf den anderen tretend, ein paar Minuten gewartet hatte, öffnete sie eine Tür in der Holztäfelung unter einem der Fenster, fand eine Schachtel mit Glühbirnen, nahm eine heraus und ging mit Darina zurück in die Bibliothek, wo sie die Schreibtischlampe wieder intakt fanden.

»Ich habe mir erlaubt, die Glühbirne aus der Stehlampe auszuborgen«, murmelte Mr. Prendergast entschuldigend. »Ich dachte, es würde sicher eine Weile dauern, bis Alexander Zeit fände, sich dieser unbedeutenden Aufgabe zu widmen.«

Schweigend schraubte Ulla die Birne in die Lampe, schaltete sie ein und richtete den Lampenschirm aus Pergament auf den Fernsehapparat am anderen Ende des Raumes.

Nachdem sie die Bibliothek wieder verlassen hatten, wandte sich Ulla nach links und führte Darina eine Treppe, deren schön geschwungene Konstruktion leider von einem Aufzugschacht verschandelt wurde, in den ersten Stock hinauf.

»Morgan hat den Lift einbauen lassen. Er meinte, das sei notwendig für seine Mieter. Tony wollte ihn eigentlich wieder entfernen lassen, aber dann stellte sich heraus, dass man ihn gut für den Transport des Gepäcks gebrauchen kann.«

»Wenn es einer dieser offenen, schmiedeeisernen Aufzüge wäre, würde es sogar noch sehr gut aussehen«, meinte Darina, während sie hinter Ulla die Stufen hinaufging.

»Kann gut sein – aber ich will erst gar nicht wissen, wieviel so etwas kostet.« Ulla blieb bei einem großen Fenster stehen. »Das ist ein sehr schönes Buntglas, die Morgensonne bringt es am besten zur Geltung.«

Darina hatte eigentlich ein paar erklärende Worte zu der kaum verhohlenen Feindseligkeit gegenüber dem Gast in der Bibliothek erwartet. Da sie ausblieben, musste sie nachfragen. »Wer ist eigentlich dieser Mr. Prendergast?«

»George Prendergast ist der letzte der Senioren, die hier gewohnt haben. Mit den meisten hatten wir keine Schwierigkeiten. Sobald wir die Miete erhöht hatten, sind sie woanders hingezogen. Aber George Prendergast hat nur gelächelt; in dieser provozierenden Art, die er an sich hat, und den höheren Preis gezahlt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum er unbedingt hierbleiben will; außerdem ist er nur noch lästig. Seine Pension deckt kaum die Ausgaben und Mühen, die wir damit haben, ihn durchzufüttern, und ständig hockt er in der Bibliothek oder im Salon und bringt alles durcheinander mit seinen Papieren. Diesen Sommer war hier ziemlich viel Betrieb, und Tony konnte ihn überreden, in eines der Zimmer im Nebengebäude, in dem einmal die Stallungen waren, überzusiedeln. Wir dachten, der Winter würde ihn dann schon dazu bringen, endgültig auszuziehen. Die einzige Heizquelle dort ist nämlich ein Nachtspeicherofen, und der reicht eigentlich kaum aus. Aber nein, entweder er räuchert sich auf unsere Kosten mit einem elektrischen Heizstrahler ein, oder er verbringt den ganzen Tag hier.«

Wenn Mr. Prendergast die Temperatur im Hotel angenehmer fand als in seinem Zimmer, dann musste das tatsächlich der reinste Kühlschrank sein.

Ulla öffnete die erste Tür am Ende der Treppe. »Das sollte unser bestes Zimmer werden. Aber, wie Sie sehen, muss noch viel daran gemacht werden.«

Es war geräumig und hatte ein schönes Erkerfenster, das über dem Eingangsportal lag. In einer Ecke war ein Badezimmer abgeteilt worden, was den Raum unproportioniert L-förmig wirken ließ. An den Fenstern hingen die obligaten orange-blauen Vorhänge mit Blumenmuster, und die schweren Möbel waren nur altmodisch, ohne antik zu wirken. Das Badezimmer war, wie in einem Krankenhaus, vollständig mit weißen Kacheln gefliest und sah aus, als sei es vor einigen Jahren möglichst schnell und billig eingebaut worden. Die anderen Zimmer im ersten Stock waren ganz ähnlich, aber durch die Fenster hatte man einen wunderbaren Ausblick auf das lieblich grüne Somerset mit seiner idyllischen Landschaft aus Feldern, Hecken und Bäumen. Man sah einen von Weiden gesäumten Bachlauf, und am Horizont erhoben sich sanfte Hügel. Das kleine Dorf in der Nähe hatte sich so in seine natürliche Umgebung eingefügt, dass man es kaum bemerkte, und es war schwer zu glauben, dass nicht weit vom Hotel eine verkehrsreiche Landstraße verlief.

Die Zimmer im zweiten Stock hatten schräge Wände, und vor ihren Dachfenstern lag dieselbe hinreißende Aussicht. Sie waren alle weiß gestrichen, was viel hübscher wirkte als die verblassten Streifentapeten der darunterliegenden Räume. Statt der Vorhänge mit Blumenmuster hingen an den Fenstern Stoffbahnen aus Leinen in fröhlichen Farben, die mit bunten Bändern gerafft waren. Die kleinen, aber mit allem Komfort ausgestatteten Badezimmer waren so geschickt eingebaut, dass den Räumen dadurch nichts von ihrer angenehmen Helligkeit verlorenging.

»Diese Zimmer waren in einem schrecklichen Zustand, als wir das Haus kauften. Wir haben sie gleich herrichten lassen, nachdem das Dach repariert war, weil wir mehr Platz brauchten. Man kann kein Hotel von der Art, wie wir es im Sinn hatten, mit nur zehn Zimmern führen. Jetzt haben wir siebzehn und außerdem noch ein paar im Nebengebäude, wenn es wirklich mal hoch hergeht. Im Moment sieht es allerdings nicht so aus, als würden wir die vor dem nächsten Sommer noch brauchen, und wenn es mit dem Geschäft so weitergeht, weiß ich nicht, ob wir dann überhaupt noch hier sind.«

»Bieten Sie auch Räume für Empfänge oder Konferenzen und dergleichen an?« Darina überdachte im Stillen die verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten für das Hotel Morgan.

»Tony hatte viele Pläne in dieser Richtung. Es gibt hier im Haus noch einen großen Saal aus der elisabethanischen Zeit. Man glaubt, dass er ursprünglich zu einer kleinen Abtei gehörte und dieses Haus später hinzugebaut wurde, nach dieser Zeit, in der die Klöster aufgelöst wurden – gibt es dafür nicht einen bestimmten Begriff?«

»Meinen Sie die Säkularisation?«

»Ja, genau. Ich finde eure englische Geschichte manchmal etwas verwirrend. Jedenfalls ist dieses Haus zu verschiedenen Zeiten immer wieder erweitert worden. Die derzeitige Fassade ist hauptsächlich viktorianisch, aber der hintere Teil des Hauses, wo die Zimmer, wie Sie sicher bemerkt haben, so viel kleiner sind, ist wesentlich älter. Der alte Saal würde sich also wunderbar für eine Hochzeitsfeier oder ein großes Bankett eignen. Ich schätze, er fasst ungefähr zwei- bis dreihundert Personen. Man könnte also eine Menge daraus machen, aber es würde schrecklich viel kosten, den Raum herzurichten. Er hat keine Heizung, und das Dach ist undicht.«

Sie waren eine enge, gewundene Treppe hinuntergegangen, die vom zweiten Stock in die Räume hinter der Rezeption führte. Während Ulla ein paar Türen öffnete, sprach sie über den Plan ihres Mannes, die dahinterliegenden Vorratskammern zu einer Waschküche, einem Bügelzimmer und einem Lagerraum umzuwandeln. Dann sah sie auf ihre Uhr.

»Es ist Zeit für eine Tasse Tee, und außerdem sollte ich mich besser mal mit Tracey über das Abendessen unterhalten.«

Sie betraten die funkelnde Küche. Nachdem Darina nun auch den Rest des Hotels gesehen hatte, verstand sie besser, welch große Veränderung hier durch den Umbau entstanden war. Die Einrichtung des Raumes war bestens durchdacht, Wände und Fußboden waren aus hygienischen Gründen gefliest und alle Geräte auf dem neuesten Stand. Ulla zeigte Darina den Kühlraum, die Vorratskammer und den großen Einbaukühlschrank. Darina fiel auf, dass die Grundvorräte zur Neige gingen, obwohl die Menge an frischen Lebensmitteln, angesichts des offensichtlichen Mangels an Restaurantgästen, beträchtlich schien.

»Wo ist diese Frau?« Ulla ging in einen kleinen, angrenzenden Raum, der für die Zubereitung von Desserts und Torten eingerichtet war, dann in einen zweiten, in dem ein einfacher Tisch und ein paar Stühle standen sowie ein großes, mit einem Gitter verschlossenes Regal voller Weinflaschen. Tracey war nirgendwo zu finden.

Zurück in der Küche, fiel ihr Blick auf eine Tafel an der Wand, auf der notiert war »Abendessen, Montag, 4 Gedecke‹. Darunter hatte jemand gekritzelt: »Traceys freier Abend‹.

»Ach, du meine Güte«, rief Ulla, »das hatte ich vollkommen vergessen! Warum hat sie mir denn nicht Bescheid gesagt? Sie war doch hier, als ich den Koch gefeuert habe! Diese Leute vom Personal denken einfach nicht mit.« Dann kicherte sie. »Tony hatte einen Freund, der immer sagte, ein Hotel zu führen sei eine fantastische Sache – wenn nur das Personal und die Gäste nicht wären.« Sie wurde wieder ernst. »Ein Ehepaar namens Chamberlain hat für sich und zwei Freunde einen Tisch reserviert, um zu sehen, ob sie vielleicht die Weihnachtsfeiertage hier verbringen wollen. Es ist also äußerst wichtig, dass alles gut läuft. Wenn nämlich diese Leute zu uns kommen, könnten wir Weihnachten noch einen ganz guten Umsatz machen. Es sind immer die letzten Reservierungen, die das meiste Geld bringen.«

»Wie sieht es denn mit den Vorausbuchungen aus?«

»Lassen Sie uns eine Tasse Tee trinken, dann erzähle ich Ihnen alles über das Geschäft.«

Ulla füllte eine Teekanne, stellte sie zusammen mit zwei Tassen aus der Villeroy & Boch-Serie, die im Restaurant benutzt wurde, auf ein Tablett und ging mit Darina zurück ins Büro.

Alexander saß wieder hinter dem Schreibtisch, immer noch in Sweatshirt und Jeans, und studierte diesmal einen Reisekatalog.

Ulla stellte mit lautem Knall das Tablett ab, sodass sich etwas Tee über ein paar Briefe auf dem Schreibtisch ergoss. Wütend riss der junge Mann die Papiere an sich und benutzte seinen Ärmel, um sie abzuwischen.

»Pass doch auf! Jetzt müssen diese Bestätigungen nochmal getippt werden. Das kannst du dann aber gefälligst selber machen.«

Ullas Stimmung schlug sofort um, und sie rief begeistert: »Bestätigungen? Du meinst, wir haben noch mehr Reservierungen bekommen? Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?«

»Freu’ dich nicht zu früh.« Er hielt die Briefe außerhalb ihrer Reichweite. »Die sind nur für ein paar Nächte im Januar.«

Ihr Gesicht verdüsterte sich. »Im Januar? Aber da haben wir doch geschlossen.«

»Können wir uns das denn leisten? Ich dachte eigentlich, dass in der Zeit weiter am Haus gearbeitet werden sollte, aber daraus wird ja nun wohl nichts. Und da müsstest du doch über jeden einzelnen Gast froh sein. Es sei denn«, seine Stimme bekam einen anderen Klang, »du hast dich schließlich doch dazu entschlossen, das Hotel zu verkaufen. Hast du?«

»Das habe ich nicht, wie du sehr wohl weißt. Alexander, warum kümmerst du dich nicht um die Bar? Außerdem wird es Zeit, dass du nach dem Kaminfeuer in der Eingangshalle siehst. Du weißt doch, dass die Chamberlains bald kommen. Wenn wir keinen guten Eindruck machen, werden sie bestimmt nicht das Weihnachtsfest hier verbringen.«

»Wo sollen sie denn sonst hingehen? Es gibt ja wohl kaum ein anderes Hotel, das drei Wochen vor den Feiertagen noch Zimmer frei hat.« Dann erhob er sich jedoch langsam zu voller Größe aus dem Stuhl und schlenderte zur Tür. »Mach dir keine Sorgen, sie werden schon buchen.« Seine Stimme klang plötzlich unerwartet sanft.

Ulla starrte ihm wütend nach und rief: »Oh Gott, ich könnte diesen Menschen erwürgen.« Dann setzte sie sich hinter den Schreibtisch, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

»Manchmal bin ich alles so leid, dass ich denke, es wäre vielleicht doch das Beste, das Hotel zu verkaufen.«

Darina sagte nichts.

Einen Moment später wurde Ulla schlagartig wieder aktiv, goss den Tee ein und meinte: »Aber ich werde es nicht tun! Dieses Hotel war Tonys Traum, und ich kann es nicht einfach so aufgeben. Und überhaupt, was sollte ich dann machen, wo sollte ich hingehen? Wenn von der Verkaufssumme erst einmal alle Schulden und Kredite abbezahlt sind, würde nicht mehr viel Geld übrigbleiben – egal, was Alexander denkt.«

Während sie ihren Tee tranken, erfuhr Darina die Geschichte von Ulla Mason und dem Hotel Morgan.

Sie hatte Tony Mason, den Vater von Alexander, kennengelernt, als sie einen Blumenladen in einem der großen Londoner Hotels betrieb, in dem er Geschäftsführer war. Seine Frau war kurze Zeit vorher an Krebs gestorben. »Mein Verlobter hatte die gleiche Krankheit, und das hat uns verbunden. Ich komme aus Norwegen und bin ursprünglich als Au-pair-Mädchen nach England gekommen. Dann habe ich mich entschlossen, zu bleiben und eine Ausbildung als Floristin zu machen. Meine Eltern dachten immer, ich würde zurückkommen und ein Geschäft in Oslo eröffnen. Aber ich wollte nicht wieder zurück. Die Winter dort sind so dunkel und so lang. Norwegen ist ein sehr schönes Land, aber die Menschen sind nicht so freundlich und unbeschwert wie hier. Ich bin gerne fröhlich und genieße das Leben. Michael, mein Verlobter, war immer so lustig. Für ihn war alles ein Spaß, sogar sein Tod.« Ulla starrte eine Weile versonnen vor sich hin, dann fuhr sie fort: »Tony war da ganz ähnlich: Aber als wir uns kennenlernten, war er sehr bedrückt, weil seine Frau Trudy gestorben war. Wir verstanden die Trauer des anderen, und irgendwie wussten wir gleich, dass wir eines Tages wieder miteinander lachen würden.«

Als Ulla Darina anlächelte, kräuselte sich ihre Nase und die blauen Augen strahlten plötzlich vor Vergnügen. »Oh, er war so wunderbar. Ich wünschte, Sie hätten ihn kennengelernt. Er war immer fröhlich, immer bemüht, den anderen das Leben leichter zu machen. Deshalb war er auch so gut als Hotelier. Die Leute sind einfach gern gekommen, weil sie sich in seiner Nähe wohlgefühlt haben.«

Tony hatte nach ihrer Heirat noch ein paar Jahre das Londoner Hotel, wo sie sich kennengelernt hatten, weitergeführt, während Ulla sich mit einem kleinen Service-Unternehmen selbständig gemacht hatte, das Blumenarrangements an Hotels und Büros in London lieferte. »Dann sagte Tony eines Tages, dass es, wenn wir nicht jetzt versuchen würden, unser eigenes Hotel zu eröffnen, zu spät dafür sei und wir endgültig die Chance verpasst hätten. Also haben wir unsere Wohnung in Kensington und mein Geschäft verkauft und dieses Haus erworben. Aber ich glaube, es war bereits zu spät.« Bei diesen Worten war jede Fröhlichkeit aus ihrem Gesicht gewichen.

Während Ulla davon erzählte, wie hart es gewesen war, dieses alte Haus in ein Hotel umzuwandeln, begriff Darina, dass die Ursachen für Tonys tödlichen Herzanfall wohl Stress und Überarbeitung gewesen sein mussten.

»Warum haben Sie sich nicht ein Haus gesucht, dessen Umbau weniger aufwendig gewesen wäre?«

»Das konnten wir uns nicht leisten«, antwortete Ulla einfach. »Wir mussten für dieses hier ja schon eine enorme Hypothek und einen Überziehungskredit aufnehmen. Im Januar wollten wir die Außenwände neu verfugen lassen, eine richtige Zentralheizung einbauen und die Zimmer im ersten Stock einrichten. Tony hatte alles geplant und durchkalkuliert, aber nun will mir die Bank kein Geld mehr leihen. Sie sagen, jetzt, wo Tony nicht mehr ist, würde das Hotel an Wert verlieren, und es wäre keine gute Investition mehr. Mir ist ja selbst klar: Dass die Buchungen so dramatisch zurückgegangen sind, liegt nicht nur an der Jahreszeit – ich habe einfach keinen Sinn für gutes Marketing. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Wenn Alexander nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich gleich aufgeben müssen.«

Alexander, der anscheinend nichts lieber wollte, als dass Ulla das Hotel verkaufte? Warum arbeitete er überhaupt hier?

»Als Tony starb, kam Alexander gerade von einer Amerikareise zurück und sagte, er würde mir helfen, bis alles geregelt sei. Ich habe am Anfang nicht realisiert, dass er damit meinte, bis ich das Hotel verkauft hätte. Aber ich werde nicht verkaufen, das schwöre ich!« Zur Bekräftigung schlug Ulla mit der geballten Faust auf die Armlehne ihres Stuhls.

»Also suchen Sie jetzt einen Partner?« Darina sprach langsam, aber die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich.

»Ja, das scheint mir die Lösung aller Probleme zu sein. Jemand, der etwas Kapital mitbringen würde, der mir helfen könnte, das Hotel zu führen, mit guten Ideen und möglichst mit Erfahrung auf diesem Gebiet.« Ullas eifrige Stimme war bei den letzten Worten etwas leiser geworden.

»Ich habe überhaupt keine Erfahrungen im Hotelfach.«

»Aber Sie kennen sich in der Gastronomie aus. William sagte, sie wären eine hervorragende Köchin und hätten erfolgreich ihren eigenen Catering-Service betrieben.«

»Ja, und ich habe in einem Restaurant gearbeitet. Diese Seite vom Geschäft kenne ich also wirklich ganz gut. Aber ich fürchte, Management und Organisation eines Hotels sind Dinge, die ich erst noch lernen muss.«

»Könnten wir es nicht zusammen lernen? Wenn wir nur etwas mehr Geld hätten, ließe sich aus diesem Hotel bestimmt etwas Fantastisches machen. Warten Sie, ich zeige Ihnen Tonys Pläne.«

»Sie haben recht, das Hotel hat wirklich ein großes Potential«, meinte Darina eine halbe Stunde später. »Und es erfüllt viele der Kriterien, nach denen ich gesucht habe: eine schöne Lage, gute Verkehrsanbindungen und viele Ausbaumöglichkeiten. Ich hatte ursprünglich an ein etwas kleineres Haus gedacht – aber das war unter der Voraussetzung, dass ich es allein führen würde.«

»Ich bin sicher, wir könnten gut zusammenarbeiten.« Ulla saß auf der Kante des Schreibtisches, der inzwischen mit Zeichnungen und Plänen für die Renovierung der Zimmer, des großen Saals und den Umbau der ehemaligen Stallungen bedeckt war.

Darina stimmte ihren Worten in Gedanken zu. In den Stunden, die sie seit dem Mittagessen miteinander verbracht hatten, war ihr die lebhafte Skandinavierin immer sympathischer geworden. Ulla, mit ihrem Temperament, das häufig zwischen Begeisterung und Hoffnungslosigkeit schwankte, war zwar ganz anders als sie selbst, aber sie engagierte sich sehr für das Hotel, hatte viele gute Ideen, einen Sinn für Stil, und sie brauchte jemanden, der ihr half, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Darina glaubte, dass sie sich in den wichtigsten Punkten einig sein würden.

»Also gut«, sagte sie schließlich. »Ich kann mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht festlegen. Noch habe ich mein Haus in Chelsea nicht verkauft, und bis dahin kann ich mich finanziell nicht beteiligen. Ich biete Ihnen deshalb an, für ein paar Monate hierherzukommen, um im Hotel zu arbeiten – dann können wir weitersehen.«

»Aber ja, das wäre wunderbar!« Ulla beugte sich vor, ihre Augen glänzten.

»Warten Sie. Ich habe noch zwei Bedingungen. Die erste ist, dass ich nicht kochen werde. Ich will versuchen, davon wegzukommen, ständig Essen zu produzieren, ich möchte meinen Erfahrungshorizont erweitern, und ich finde sicher nicht heraus, ob ich imstande bin, ein Hotel zu führen, wenn ich immer nur in der Küche stehe. Wenn Sie wollen, kann ich heute noch das Abendessen zubereiten, aber morgen wird ein neuer Koch eingestellt. Die zweite Bedingung ist, dass ich für meine Arbeit hier bezahlt werde. Es muss nicht viel sein, sagen wir, das Gehalt einer Rezeptionistin vielleicht. Das Hotel braucht jedenfalls mehr Personal, und wenn das Geschäft keine weitere Kraft trägt, hat es auch keinen Zweck, es fortzuführen.«

»Ich hatte seit Monaten kein Gehalt«, bemerkte Ulla und fuhr mit einem Blick auf Darinas schickes Kostüm fort: »Ich weiß gar nicht, wann ich mir das letzte Mal etwas Neues zum Anziehen gekauft habe.«

Darina warf einen schuldbewussten Blick auf das weiche und teure Material ihrer Kleidung. Sie war selbst ein wenig schockiert gewesen, wie sehr sie es genossen hatte, einen Teil des Geldes, das sie geerbt hatte, für Kleider auszugeben, die sie sich vorher niemals hätte leisten können. Jetzt kam sie sich vor wie ein Huhn in Pfauenfedern.

»Ich bin es gewohnt, mit wenig Geld auszukommen«, versicherte sie rasch. »Und wenn ich als Partnerin einsteige, erwarte ich keinen schnellen Profit. Wenn ich aber den Eindruck habe, das Hotel bringt mit der Zeit nicht genug ein, möchte ich mein Geld nicht darin investieren.«

Ulla gab zu, dass das eine faire Einstellung sei. »Möchten Sie hier wohnen?«, fragte sie. »Sie könnten eins der Zimmer im Nebengebäude haben.«

Darina dachte eine Weile nach. »Ich wohne zurzeit bei meiner Mutter; sie lebt zwar nicht weit von hier, aber ich glaube, es wäre tatsächlich besser, wenn ich hierherkäme.« Dann fiel ihr plötzlich etwas ein. »Da wir gerade von meiner Mutter sprechen – sie erwartet mich zum Abendessen. Und nicht nur das, ich habe auch noch versprochen, es zuzubereiten! Ich sollte sie rasch anrufen.«

Ulla zog das Telefon unter den Papieren hervor. »Tun Sie’s gleich – und sagen Sie ihr, sie könne Sie für die nächsten zwei Monate vergessen.«

Kapitel 5

Du arbeitest in einem Hotel? Jetzt? Vor Weihnachten? Und wenn ich recht gehört habe, auch während der Feiertage? Ich kann nicht glauben, dass du so bist.« Darina zuckte zusammen. »Du weißt doch, dass wir so schöne Pläne hatten. Nie denkst du einmal an mich, immer nur an deine Karriere. Was soll ich denn hier machen, so ganz allein?«

Ann Lisles Darbietung als einsame Witwe, die allein und trostlos die Weihnachtstage verbringen musste, war wenig überzeugend, stand ihr doch ein großer Freundeskreis zur Verfügung für Dinnerpartys, Bridge-Abende, Ausflüge und ähnliche Vergnügungen; auf dem Kaminsims in ihrem Wohnzimmer stapelten sich die Einladungen. Nein, das einzige, was Mrs. Lisle wirklich vermissen würde, war das Talent ihrer Tochter, all die köstlichen Leckerbissen aufzutischen, mit denen sie ihre zahlreichen Bekannten beeindrucken konnte.

Die zierliche Dame zupfte ärgerlich an ihrem Spitzenjäckchen und strich die Bettdecke glatt, um dem Blick ihrer Tochter auszuweichen. Stattdessen sah sie sich in ihrem Schlafzimmer um, das mit den geliebten, reichverzierten Antiquitäten und Chintzbezügen eingerichtet war. Auf der Bettdecke lag noch der aufgeschlagene Bestseller, in dem sie gelesen hatte, bevor Darina endlich nach Hause gekommen war und ihr von ihren neuesten Plänen erzählt hatte.

Der ruhelose Blick blieb schließlich auf einem Stillleben über einer kleinen, bauchigen Kommode hängen, und ihr von der reichlich aufgetragenen Nachtcreme glänzendes Gesicht hellte sich plötzlich auf.

»Ich habe eine ganz fantastische Idee!« Darinas Mutter beugte sich vertraulich vor. »Hast du nicht gesagt, das Hotel veranstaltet eine Art Unterhaltungsprogramm über die Feiertage?«

»Wir haben eigentlich nur an eine Weihnachtsfeier gedacht.«

»Na gut, ich bin dabei.« Ann Lisle lehnte sich triumphierend in die Kissen zurück.

Ihre Tochter starrte sie bestürzt an. »Aber Mutter, du würdest es schrecklich finden.«

»Wieso, werden die anderen Gäste es denn auch schrecklich finden?«

»Nein, ich meine, das hoffen wir jedenfalls nicht. Aber es ist irgendwie nicht dein Stil. Ich weiß zwar nicht, welche Gäste kommen, aber ich glaube kaum, dass es die Sorte von Leuten ist, die du gern kennenlernen würdest.«

»Was für ein Unsinn. Du weißt doch, dass ich gern alle möglichen Leute kennenlerne!«

Es stimmte, dass Mrs. Lisle nie um einen Gesprächsstoff verlegen war, ganz gleichgültig, wer ihr Gegenüber war.

Darina dachte an die Chamberlains, die an diesem Abend für einen Probeaufenthalt erschienen waren. Ob dieses nüchterne, etwas wortkarge Mittelklasse-Ehepaar wohl typisch war für die Gäste, die Weihnachten kommen würden?

»Werdet ihr nicht eine Art Unterhaltungsprogramm organisieren?«

»Ja, natürlich. Weihnachtssänger, Tanz und Spiele«, improvisierte Darina wild drauflos. Der Werbeprospekt hatte von ›einem traditionellen Weihnachtsfest in einem traditionellen Hotel mit modernem Komfort‹ gesprochen, aber sie hatte keine Ahnung, was genau das bedeutete. Sie musste morgen unbedingt mit Ulla darüber reden.

»Das klingt herrlich. Und es wird solchen Spaß machen, meine kluge Tochter in Aktion zu erleben.«

»Mutter, das ist kein Fünf-Sterne-Hotel, es hat noch nicht mal drei Sterne. Ich glaube nicht, dass du es sehr angenehm finden würdest.«

»Ich nehme an, die Zimmer haben alle Bad und Toilette und eine Zentralheizung.« Es war noch nicht einmal als Frage gemeint.

Darina ergriff die schwache Chance. »Die Heizung kannst du vergessen – die Zimmertemperatur steigt kaum über den Gefrierpunkt.«

»Das ist ja wohl reichlich übertrieben, Liebes. Aber danke für den Hinweis, ich werde genug warme Kleidung einpacken. Du hast doch noch ein Zimmer für mich, nicht wahr?«

Darina spielte kurz mit dem Gedanken, zu behaupten, das Hotel sei ausgebucht. Aber ein kurzer Anruf am nächsten Morgen würde ihre Lüge bereits auffliegen lassen. Und Darina kannte ihre Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie todsicher anrufen würde. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, gab es nichts, was sie davon abhalten konnte, es auch auszuführen.

Inzwischen war ihrer Mutter eingefallen, wie sie ihr Vorhaben noch etwas verfeinern könnte.

»Ich werde gleich morgen früh Gerry Stocks anrufen und ihn fragen, ob er nicht Lust hat, mich zu begleiten.«

Es war wenig wahrscheinlich, dass er ablehnen würde. General Sir Gerald Stocks, Witwer seit etwa neun Monaten, hatte sich zur Hauptbezugsperson von Ann Lisle ernannt und damit zu dem Mann, an den sie sich in jeder möglichen Krise wenden konnte: Wenn dem Fleischer ein Fehler in seiner Lieferung unterlaufen war; wenn es galt, eine Steckdose zu reparieren; wenn ein vierter Mann zum Bridge benötigt wurde – in all diesen Situationen hatte sich der General als Garant erwiesen, mögliche Katastrophen von ihrem behüteten Leben fernzuhalten. Es war sogar möglich, dass sich seine Anwesenheit als Gewinn für die Weihnachtsfeier erweisen würde; zumindest könnte er als eine Art Puffer zwischen ihrer Mutter und den unangenehmeren Exemplaren der anderen Gäste fungieren. Es war jedenfalls eine Idee, die Darina nur gutheißen konnte, und das sagte sie auch.

»Dann ist ja alles geregelt. Sieh an, auf einmal freue ich mich wieder auf Weihnachten. Ich werde viele neue Leute kennenlernen und das köstliche Essen genießen. Ach, es wird sicher herrlich!« Sie warf ihrer Tochter ein glückliches Lächeln zu.

Darina beugte sich über das Bett und küsste die von Nachtcreme immer noch leicht klebrige Wange. »Ja, Mutter, es wird schön sein, dich dort zu haben.« Sie hatte gelernt, dass diese harmlosen Lügen niemandem schadeten und die Beziehung zu einer Mutter erleichterten, die wenig Verständnis für das Leben ihrer Tochter hatte.

Als Darina zu Bett ging, war sie zu dem Schluss gekommen, dass Mrs. Lisles Anwesenheit bei der Weihnachtsfeier vielleicht gar keine schlechte Sache war. Zumindest würde es ihr ein schlechtes Gewissen ersparen, weil sie ihrer Mutter diesmal keinen Weihnachtstruthahn zubereitete. Dann fragte sie sich, wo sie wohl einen neuen Koch für das Hotel Morgan auftreiben könnte. Sie war entschlossen, diese Arbeit nicht wieder selbst zu übernehmen, obwohl es mit dem Abendessen keine Probleme gegeben hatte.

Der entlassene Küchenchef Ken Farthing hatte eine Menüauswahl von drei verschiedenen Vorspeisen, sechs Hauptgängen und fünf Desserts geplant. Darina hatte die vorbereitete Speisekarte mit Abscheu studiert. Abgesehen von dem grausigen Gedanken, was Kens eigenwillige Kochkünste wohl aus solchen Kompositionen wie Lachsgoujon mit Orangen und Kiwi, Seebarbe mit Vermouthcremesauce, Perlhuhn mit Hühnerleber in Madeira, Tournedos auf Linsen mit Räucherspeck, einem exotischen Früchtesorbet oder einem Parfait aus zwei verschiedenen Schokoladensorten mit Himbeer-Coulis gemacht hätten, versprachen Kosten, Mengen und Verschiedenartigkeit der Zutaten bei einer erwarteten Anzahl von vier Gästen den direkten und schnellsten Weg in den Ruin.

»Ken hat gesagt, wir müssten uns einen Kundenstamm aufbauen und brauchten ein attraktives und vielseitiges Angebot, das sich herumspricht, und außerdem müssten wir immer auf Gäste vorbereitet sein, die ohne Reservierung kommen«, erklärte Ulla, als Darina sie daraufhin ansprach. »Und dann ist da natürlich immer noch George Prendergast, der versorgt werden muss.«

»Ich dachte, er bekommt kein Menü! Was wird ihm denn normalerweise serviert?«

»Alles, was billig ist und schnell geht, einfache Sachen, die man auch im Pub bekommt Aber George hat es anscheinend immer hervorragend geschmeckt, was wir ja gar nicht beabsichtigt hatten, weil wir ihn doch eigentlich am liebsten los wären.«

Sie sah noch einmal die Vorräte durch und fand ein Schweinekotelett, das sicher für den ungeliebten Mr. Prendergast bestimmt war, sowie einen Topf voll überraschend wohlschmeckender Fleischbrühe und ein paar Büschel frischer Brunnenkresse.

Darina kochte für den Dauergast eine Kartoffel-Kresse-Suppe, Kotelett in einer Apfel-Wein-Sauce und Eierkuchen mit Orangen. Die Chamberlains und ihre Freunde hatten die Wahl zwischen der Suppe (die sie mit etwas Rahm anreicherte) oder in Haselnussöl und Koriander gedünstetes Lachsfilet mit einem Friséesalat; für den Hauptgang bot sie Perlhuhn mit Madeira und Pilzen, gegrillte Seebarbe oder Lendenschnitten mit geschmorten Schalotten (sie verwarf die Linsen als unpassend für die Art von Gästen, die sie derzeit erwarteten). Zum Nachtisch gab es entweder Crêpes mit Mangoeiscreme (unter den Küchengeräten befand sich auch eine ausgezeichnete Eismaschine) oder einen Salat aus exotischen Früchten. Prendergast und die Chamberlains bekamen die gleichen Beilagen: Kartoffelrösti und eine Platte mit Frühlingsgemüse. Obwohl sie selbst es lieber mochte, wenn es noch knackig war, wusste sie aus ihrer Catering-Erfahrung, dass die Leute vom Land es weichgekocht bevorzugten.

Während der kurzen Pausen zwischen Zubereitung und Anrichten der Speisen machte Darina eine Liste von den frischen Zutaten und einen Plan zu ihrer Verwendung während der nächsten Tage. Sie verpackte die Hälfte des Fleischvorrats in Frischhaltefolie und verstaute ihn in der Tiefkühltruhe, bis zahlende Gäste für den Verzehr in Aussicht waren.

»Die Chamberlains waren begeistert«, berichtete Ulla später erfreut, als Darina in ihr Büro kam.

»Sie haben gesagt, sie hätten seit Monaten nicht so gut gegessen; und das Zimmer gefällt ihnen auch. Ich glaube, wir können darauf zählen, dass sie Weihnachten wiederkommen. Was für eine Erleichterung!«

Sie legte den Stift nieder, mit dem sie gerade einige Briefe unterschrieben hatte, streckte sich und gähnte. Sie sah müde aus.

»Fahren Sie jetzt nach Hause?«

»Würde ich gern, aber ich habe kein Auto. William hat mich hergefahren, und als er ging, meinte er, Alexander könnte mich sicher nach Hause bringen. Aber vielleicht sollte ich lieber ein Taxi rufen?«

»Aber nein. Alexander wird entzückt sein. Er hat den ganzen Abend versucht, sich aus den Klauen dieser Olivia zu befreien.«

»Ist das nicht das Mädchen, das heute Nachmittag so wütend auf ihn war?«, fragte Darina lächelnd.

Ulla fand das nicht amüsant. »Ich begreife nicht, wie sie ihm so nachlaufen kann. Nach dem Abendessen ist sie hier hereinstolziert, aufgeputzt wie ein Zirkusaffe« – offensichtlich die wörtliche Übersetzung einer skandinavischen Redewendung – »sagte, sie sei gekommen, um ihn aufzumuntern, da er offensichtlich völlig überarbeitet wäre, und hat ihn seither in Beschlag genommen. Die Chamberlains mussten dreimal nach ihrem Brandy rufen – sie sind schon beinahe ärgerlich geworden, kann ich Ihnen sagen. Dabei interessiert er sich eigentlich gar nicht für sie; und ich nehme nicht an, dass sie den Champagner bezahlt, den sie bestellt hat.« Ulla war nun wütend und müde. »Ich gehe und sage ihm, dass er Sie jetzt nach Hause bringen soll.«

Ulla Mason verließ das Büro, und Darina folgte ihr. In der Eingangshalle saßen die Chamberlains und ihre Gäste um ein Kaminfeuer, das nun hell und munter brannte. Darina fragte sich, ob es wohl Mr. Chamberlain gewesen war, der die vielen Holzscheite aufgelegt hatte. Er machte den Eindruck eines Mannes, der es gewohnt ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, wenn sie nicht nach seinem Geschmack waren.

Sie fanden Alexander und Olivia an der Bar gegenüber vom Speisesaal. Die junge Frau saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem der Barhocker. Sie trug ein auffallend schickes, rostbraunes Kleid, dessen kurzer Rock kaum ihre langen, wohlgeformten Oberschenkel bedeckte und dessen Farbe ihre rotschimmernde Lockenpracht noch besser zur Geltung brachte. Aber die Fingernägel der Hand, die ein Champagnerglas hielt, waren völlig abgekaut, und der unzufriedene Zug um ihren Mund zeigte sich wieder, als Ulla ihre Anordnung gab.

»Was soll das heißen, du musst die Köchin nach Hause fahren? Kann die nicht allein heimfinden? Zuerst versetzt du mich, und dann wird es dir schon zu viel, wenn du mal länger als fünf Minuten mit mir redest.«

»Olivia, du bist jetzt seit zwei Stunden hier, und ich habe nichts anderes getan, als mit dir zu reden. Es wird Zeit, dass du nach Hause gehst.«

Darina bemerkte, dass Ulla sich zwischen dem Mädchen und dem Objekt ihrer Begierde postiert hatte und sie nun mit Genugtuung musterte.

Alexander hingegen schien keineswegs aus der Fassung gebracht – weder von der Aufforderung, den Chauffeur zu spielen, noch von Olivias Gereiztheit. Er warf Darina ein charmantes Lächeln zu. »Sind Sie bereit? Gut, dann los. Bin bald zurück, Ulla.«

Er führte sie mit Schwung aus dem Raum durch die Halle zu einem ziemlich ramponierten Volvo Kombiwagen.

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Ulla zu Hilfe kommen wollen?«, fragte er, während er den Motor anließ.

»Das ist noch nicht sicher. Es kommt darauf an, wie die Erfolgsaussichten sind und ob ich mein Haus in Chelsea verkaufen kann. Aber soweit ich verstanden habe, wäre es Ihnen lieber, wenn Ulla das Hotel verkaufen würde, anstatt zu versuchen, es weiterzuführen?«

»Ich? Ich habe in dieser Angelegenheit gar nichts zu sagen. Das ist allein Ullas Sache.«

»Ich dachte, Sie seien Teilhaber.«

»Lediglich insofern, als ich die Hälfte vom Erlös bekomme, falls sie verkauft, und die Hälfte vom Gewinn, falls nicht. Da ein Gewinn aber so weit entfernt scheint wie die Antarktis, wäre es mir natürlich lieber, wenn sie verkaufen würde.«

»Aber was, wenn das Hotel profitabel wäre?«

»Luftschlösser, meine liebe Miss Lisle. Bis auf das, was sie im Hotel Morgan gelernt hat, hat Ulla keinerlei Erfahrungen im Hotelgewerbe. Das Haus ist bis unters Dach mit Schulden belastet, es gibt kein Geld mehr, um die, wie Sie sicher bemerkt haben, notwendigen Reparaturen durchführen zu lassen; man müsste schon ein wahres Marketing-Genie sein, um so viele Gäste anzuziehen, dass es sich lohnen würde.«

»Ich habe gehört, der Sommer sei ganz erfolgreich gewesen.«

»Ein paar Schwalben machen noch keinen Sommer; und da hat mein Vater ja noch gelebt. Er war ein ausgezeichneter Hotelier, wusste ganz genau, was er wollte, und die Bank hatte unbegrenztes Vertrauen zu ihm; ich ebenfalls. Sie müssen wissen, ich bin mehr oder weniger in Hotels aufgewachsen und weiß deshalb einiges darüber, wie so ein Unternehmen geführt werden muss. Ulla hat nicht das geringste Talent dafür. Sie glaubt, wenn man ein paar hübsche Blumenarrangements aufstellt und nett mit den Gästen plaudert, würde alles von selbst laufen.«

»Inwieweit haben Sie ihr denn geholfen? Was haben Sie ihr von Ihrem reichen Erfahrungsschatz zur Verfügung gestellt?«

»Ich sagte, ich wüsste, wie gute Hotels geführt werden – ich habe nicht gesagt, dass ich Hotelier bin. Ich wäre als Manager wahrscheinlich sogar eine noch größere Katastrophe als Ulla. Ich würde die Gäste aus dem Haus und die Angestellten in den Wahnsinn treiben. Das ist noch das Beste, was ich für Sie tun kann.«

»Haben Sie denn mal versucht, Ulla zu beraten?«

»Hören Sie zu«, Alexander bog in eine Parkbucht ein, schaltete den Motor aus und sah Darina direkt an. »Falls Sie die Absicht haben, eine Weile bei uns zu verbringen, sollten Sie besser gleich wissen, wie die Dinge liegen. Ulla ist meine Stiefmutter, und ich kann sie nicht ausstehen. Ich bin nach dem Tod meines Vaters hiergeblieben, um meine Rechte an dem Unternehmen zu wahren und weil ich zurzeit nicht weiß, wo ich sonst bleiben soll. Mein Hauptanliegen ist also, dass das Hotel zum bestmöglichen Preis verkauft wird.«

»Aber würde man nicht einen besseren Preis erzielen können, wenn das Hotel gut geführt wird? Vielleicht haben Sie ja nur Angst, dass Ulla es trotz ihrer düsteren Prognosen schaffen könnte, das Geschäft erfolgreich weiterzuführen.«

»Ulla würde es vielleicht gerade noch hinkriegen, ein Bordell zu führen, aber niemals ein Hotel – nicht mal ein drittklassiges.«

Seine Feindseligkeit ließ Darina verstummen.

Alexander ließ den Motor wieder an. »Missverstehen Sie mich nicht. Ich habe nichts gegen Sie persönlich; ich will Sie nur davon abhalten, Ihr Geld sinnlos zum Fenster hinauszuwerfen.«

»Und Sie können sich nicht vorstellen, dass Ulla und mir gemeinsam gelingt, was sie allein nicht geschafft hat?«

»Um ehrlich zu sein, nein. Sie haben doch nicht mehr Erfahrung als sie. Zugegeben, Sie können hervorragend kochen – das Essen heute Abend war ausgezeichnet – aber ein Hotelier muss schließlich viel mehr können als das.«

»Man könnte aber doch sagen, das ist ein guter Anfang.«

Der Wagen hielt vor Darinas Elternhaus, einem hübschen, georgianischen Gebäude am Rande eines kleinen Dorfes. Das Licht auf der Veranda schien in das Wageninnere und beleuchtete Alexanders Gesicht.

Er sah sie einen Moment lang schweigend an, dann lächelte er ohne jede Feindseligkeit. »Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass das Hotel ohne Sie nicht die geringste Chance hat. Ich kann schon verstehen, dass Sie es geschafft haben, Pigram zu erobern – Sie sind irgendwie etwas Besonderes. Wie kommt es eigentlich, dass ich Ihnen vorher nie begegnet bin? Ich dachte, ich würde alle attraktiven Frauen hier in der Gegend kennen!?«

Ich wette, das tust du auch, dachte Darina. »Ich lebe in London und habe die letzten Jahre nicht viel Zeit hier verbracht.«

»So gesehen würde ich mich fast freuen, wenn Sie sich entschließen würden, zu bleiben.«

Er stieg aus dem Wagen, öffnete die Beifahrertür und begleitete sie zum Haus.

»Vielen Dank, dass Sie mich gefahren haben. Kann ich Ihnen noch einen Drink oder einen Kaffee anbieten?«

»Ein verlockendes Angebot, aber ich sollte besser gleich zurückfahren. Ich bin heute Abend an der Reihe, das Hotel zu schließen.«

Während er die Einfahrt hinunterging, schloss Darina tief in Gedanken versunken die Haustür auf und bemerkte dann mit leichtem Schrecken, wie spät es geworden war. Bis zum Hotel Morgan war es noch eine gute halbe Stunde Fahrzeit, und Alexander würde nicht vor ein Uhr dort eintreffen.

Sie ging die Treppe zum Zimmer ihrer Mutter hinauf, und entschuldigte sich für ihre Abwesenheit an diesem Abend.

Kapitel 6

Es war noch früher Morgen, als sich das Polizeiteam im Obduktionsraum versammelte. Der Duft von Formalin, vermischt mit einem noch unangenehmeren Geruch, verbreitete sich im ganzen Raum. Auf einem Metalltisch lag der Körper des Mädchens mit den langen, blonden Haaren und den schönen Beinen.

Jedes einzelne Kleidungsstück war nach und nach entfernt worden, wobei man den Körper in jedem Stadium fotografiert hatte. Die Partikel unter den Fingernägeln waren beseitigt und für eine spätere Untersuchung aufbewahrt worden. Den Körper selbst hatte man minutiös untersucht und Gewebeproben entnommen. Anschließend hatte man ihn sorgfältig gewaschen, und nun lag er nackt unter dem gnadenlosen Licht.

Sogar in diesem Zustand strahlte der Körper des toten Mädchens noch eine gewisse Sinnlichkeit aus. Das üppige, blonde Haar war aus dem Gesicht gestrichen und unter einer grünen Haube verborgen, aber ihre Brüste über der schmalen Taille und dem sanft gerundeten Bauch waren voll und fest, die Hüften schön geschwungen und der kleine Po äußerst wohlgeformt. Das unansehnlich geschwollene Gesicht über dieser mädchenhaft erblühten Figur war jedoch ein Anblick, den die drei Polizeibeamten, die neben dem Pathologen und dessen Assistenten standen, lieber mieden.

Während sie dem flüssig vorgetragenen Bericht des Pathologen lauschten, der mit sicherer Routine seine Arbeit versah, wurde jedes seiner Worte zu Protokoll genommen.

»Also, meine Herren – und meine Dame. Ich habe vergessen, dass Sie jetzt ein weibliches Mitglied in ihrem Team haben, Dick«, wandte sich der Mediziner an den Inspektor und lenkte seine Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick von der Arbeit ab.

Statt einer Antwort grunzte Grant lediglich, und Pat James zauberte ein schwaches Lächeln auf ihr blasses Gesicht. Sie hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, von einer kleinen Teepause vor dem Treffen im Obduktionsraum abgesehen.

»Wir haben’s fast geschafft, jetzt kommt nur noch die Untersuchung der inneren Organe; das Beste zum Schluss, sozusagen.« Der Humor des Pathologen hatte etwas Makabres.

William stand ganz still. Er war bereits bei einer Reihe von Autopsien dabei gewesen; obwohl er mit diesem Vorgang vertraut war, hatte das nie die starke Beklemmung gemildert, die er jedes Mal verspürte, wenn das Operationsmesser einen Moment lang in der Luft schwebte, während der Chirurg den Weg abschätzte, den es vom Hals bis zum Schambein nehmen würde. Die Tatsache, dass er beim Anblick geöffneter Leichen bisher noch nie in Ohnmacht gefallen war oder sich übergeben hatte, konnte ihm nie die Gewissheit geben, dass es nicht beim nächsten Mal passieren würde. Er beneidete Detective Constable Pat James, deren hübsches Gesicht immer noch ganz entspannt wirkte, um ihre Selbstbeherrschung.

Inspektor Grant trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Überlegen Sie gerade, was Sie zum Frühstück essen wollen, oder wissen Sie nicht mehr, wie’s weitergeht?«

»Wir sind ein bisschen gereizt heute Morgen, nicht wahr? Aber bei dieser Arbeit erreicht man mit Eile gar nichts. Was dabei vielmehr gebraucht wird, ist die Sensibilität eines Künstlers und die Geschicklichkeit eines Chirurgen.«

Innerlich seufzend, sah William zu, wie das Messer einen raschen und gekonnten Schnitt längs durch den Körper machte.

Dann hörte man ein leises Stöhnen, und Pat James glitt sanft zu Boden.

Grant schnalzte ärgerlich mit der Zunge. »Hilf ihr hinaus, Bill.«

William beugte sich über die bewusstlose Frau, legte einen ihrer schlaffen Arme um seinen Hals und zog sie auf die Füße. Im Vergleich zu seinen ein Meter neunzig war sie so klein, dass er gezwungen war, sich unbeholfen niederzubeugen; deshalb schien es ihm das einfachste zu sein, sie auf seine Arme zu nehmen und in den Vorraum zu tragen, wo er sie auf einen Stuhl setzte.

Pat James stöhnte wieder leise und öffnete die Augen. Ihre Lider flatterten, und ihr Blick ging unruhig durch den Raum.

»Es ist alles in Ordnung, Sie sind nicht mehr im Obduktionsraum.« Er holte ein Glas Wasser und gab ihr davon zu trinken. »Fühlen Sie sich wieder besser?«

»Oh Gott, Sie halten mich jetzt sicher für völlig hysterisch, aber ich habe noch nie gesehen, wie eine Leiche geöffnet wurde.«

»Aber nein. Ich wundere mich nur, weil Sie vorher so beherrscht gewirkt haben; und Sie waren auch ganz gelassen, als wir die Tote im Graben untersuchten.«

»Das war etwas anderes. Hier, dieses Messer, wie es einfach in sie reingeschnitten hat ...« Sie schluckte rasch, nahm das Glas in beide Hände und trank noch etwas Wasser.

William blieb eine Weile neben ihr stehen und beobachtete sie. Ihr extrem blasses Gesicht bekam allmählich wieder etwas Farbe. Sie schloss die Augen, legte den Kopf zurück und atmete ein paarmal tief durch. Es fiel ihm auf, wie zierlich und verletzbar sie aussah.

Als sie die Augen wieder geöffnet hatte, sagte sie: »Danke, es geht mir schon viel besser.«

»Wollen Sie zurück ins Büro fahren?«

»Nein, ich glaube, ich möchte es noch einmal versuchen. Es kann ja wohl nicht schlimmer werden.«

»Doch, ich fürchte, das kann es. Wissen Sie, er muss nämlich noch ... na ja, er muss gewisse Proben aus ihren Eingeweiden entnehmen.« William brachte es nicht über sich, noch deutlicher zu werden.

»Ich denke, ich schaffe es schon.«

Er warf ihr einen skeptischen Blick zu, folgte ihr aber zurück in den Obduktionsraum, wo der Assistent inzwischen die Organe aus Brust und Bauchhöhle auf einer Ablage neben dem Waschbecken ausgebreitet hatte.

Der Pathologe hatte seine Untersuchung fortgesetzt. Plötzlich unterbrach er seinen medizinischen Vortrag und murmelte verblüfft: »Nanu, was haben wir denn da?« Zu Grant gewandt, fuhr er fort: »Sie war schwanger. Auf den ersten Blick würde ich sagen: etwa im dritten Monat.«

Pat James presste eine Hand auf ihren Mund und stolperte aus dem Raum.

»Um Himmels willen, Bill!«, rief Grant ärgerlich aus. »Ich sagte doch, Sie sollen sie hier rausbringen. Fahren Sie mit ihr ins Büro zurück, und fangen Sie mit den Vorbereitungen für die Haus-zu-Haus-Befragung an. Der Oberinspektor soll ein Team zusammenstellen, damit wir gleich morgen früh damit beginnen können. Und Sie sollten sich mal bei den Kollegen vom Dezernat für vermisste Personen erkundigen – wir brauchen so bald wie möglich einen Namen für ... für ...« Er wies auf den geöffneten Leichnam.

Schwankend zwischen Erleichterung und Widerstreben, verließ William den Pathologen, bevor er seine Aufgabe beendet hatte. Während er vor der Damentoilette auf Constable James wartete, schossen ihm alle möglichen Folgerungen aus der überraschenden Enthüllung des Mediziners durch den Kopf. Auf einmal schien die Anhalter-Theorie kaum noch plausibel zu sein. Je schneller sie mit der Untersuchung beginnen könnten, desto mehr Einzelheiten würden ans Licht kommen; und es waren die Einzelheiten, die sie brauchten, um diesem Mord auf die Spur zu kommen – einem Mord, der nicht an einer, sondern, wie die Obduktion erwies, an zwei Personen begangen worden war.

Als Pat James aus der Toilette kam, war sie sogar noch blasser als vorher, wirkte jedoch ziemlich gefasst. William bemerkte, dass der oberste Knopf ihrer Bluse offenstand.

»Ich muss mich entschuldigen, Sie hatten recht – ich hätte nicht wieder hineingehen sollen. So wie es aussieht, werde ich wohl nie imstande sein, eine Autopsie bis zum Schluss durchzustehen.«

»Sicher werden Sie das. Ich kenne eine ganze Menge junger Polizisten, die beim ersten Anblick einer geöffneten Leiche ganz genauso reagiert haben wie Sie und die jetzt nicht einmal mehr mit der Wimper zucken.«

»Und wie war das bei Ihnen?«

William sah etwas betreten aus. »Naja, mir ist es nur mit Mühe gelungen, sowohl meine Fassung als auch meinen Mageninhalt zu behalten. Kommen Sie, wir fahren zurück.« Er ging voran und hielt die Tür für sie auf.

Constable James nahm ihren Mantel, straffte die Schultern und verließ, gefolgt von William Pigram, die Leichenhalle.

Kapitel 7

»Darina, Ihre Mutter ist am Telefon.«

Darina seufzte tief. Sie war gerade dabei, mit Ulla das Weihnachtsprogramm durchzuarbeiten; dabei gab es eine Unterbrechung nach der anderen. Ein Stromausfall hatte in der Küche, wo das Mittagessen für George Prendergast und die Hotelangestellten zubereitet wurde, eine Panik ausgelöst, begleitet von den Beschwerden der Hausmädchen, die gerade in den Zimmern staubsaugten, und den unflätigen Flüchen von Alexander, der am Kopiergerät arbeitete. Dann hatte ein Vertreter angerufen, der einen Termin vereinbaren wollte, um Hoteleinrichtungen zu verkaufen, die sich das Hotel Morgan weder leisten konnte noch wollte, und schließlich hatte ein ortsansässiger Drucker versucht, sie telefonisch zu einem Auftrag zu überreden. Anschließend hatte ein Angestellter des Fleischgroßhandels, der sie seit kurzem belieferte, angerufen, um ein paar Sonderangebote durchzugeben und beiläufig erwähnt, dass sie zum Jahresbeginn ihre Preise erhöhen würden.

»Wenn diese Leute auch nur einen Funken Verstand hätten, würden sie nachmittags anrufen. Vormittags sind die Hotelmanager doch viel zu beschäftigt«, meinte Alexander und schlug ärgerlich mit der Faust auf das immer noch nicht betriebsfähige Kopiergerät.

»Beschäftigt mit was?«, fragte Darina, die auf einem großen Bogen Rechenpapier einen Arbeits- und Terminplan festlegte. Sie dachte, dass Vertreter mit einem Funken Verstand sicher den ganzen Arbeitstag nutzten und die Nachmittage für solche Hotels reservierten, von denen sie annehmen konnten, dass sie ihnen gute Aufträge einbrachten.

»Rechnungen schreiben, abreisende Gäste verabschieden, neue Buchungen bestätigen und ähnliches«, antwortete Alexander.

»Und wieviel von all dem haben wir heute Morgen tun müssen?«

»Ich sagte Ihnen doch, das Hotel ist das reinste Desaster. Kein Wunder, dass die Leute in der Gegend es ›Hotel Morgue‹ nennen.«

»Ach ja, tun sie das?« Darina hatte sich von der Arbeit ablenken lassen.

»Anscheinend ist der Name entstanden, als Morgan das Haus gekauft hat. Er pflegte seine Kumpels am Wochenende immer zu Drinks einzuladen, um etwas Leben in die Bude zu bringen.«

»Eine schrecklich rüpelhafte Meute war das. Sie sind auch weiterhin gekommen, nachdem wir das Hotel eröffnet hatten«, fiel Ulla ein. »Nicht gerade die Sorte von Gästen, die wir wollten.«

»Und das haben sie auch sehr schnell kapiert. Ich habe noch vor Augen, wie Dad sie ganz souverän hinausgeekelt hat. Und jetzt verwenden sie den Namen, der ursprünglich als Ulkname wegen des etwas morbiden Dekors entstanden ist, aus Rache.«

»Wenn dein Vater noch lebte, würde ihnen das Lachen schon in den falschen Hals gelangen.«

»Es würde ihnen wohl eher im Halse steckenbleiben, du skandinavisches Dummchen.« Alexander grinste Ulla amüsiert an, alle Kälte und Bitterkeit war plötzlich verschwunden. Ullas Augen blitzten auf, als wolle sie etwas erwidern, aber da läutete erneut das Telefon.

»Hallo, Mutter, was gibt’s?«

»Liebes, ich hatte gerade den brillanten Einfall, meinen alten Freund Adam Tennant anzurufen. Du erinnerst dich doch an ihn, nicht wahr?«

»Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor.«

»Er ist ein paarmal zum Abendessen bei uns gewesen, du bist ihm bestimmt schon begegnet. Jedenfalls hat er sich bereit erklärt, sich einmal mit dir zu unterhalten und dich ein bisschen herumzuführen.«

»Wo denn herumführen, Mutter?«

»Du könntest dich ruhig ein bisschen erfreut zeigen. So etwas würde er schließlich nicht für jeden tun.«

»Wenn ich wüsste, was er für mich tun will, wäre ich vielleicht auch imstande, mit der entsprechenden Begeisterung zu reagieren.«

»Und du solltest dir wirklich deinen Hang zum Sarkasmus abgewöhnen. Es bringt dir nichts ein, und die Männer mögen es ganz und gar nicht.«

Darina seufzte und versuchte es anders. »Doch Mutter, ich weiß das ehrlich zu schätzen, ich möchte nur wissen, wo ich hingehe und wann ich dort erscheinen soll.«

»Ins Manor Park Hotel, natürlich. Und zwar heute um zwölf. Wenn du es richtig anstellst, wird er dich wahrscheinlich zum Essen einladen. Ein Mittagessen im Manor Park ist ein Erlebnis. Ich wünschte nur, ich hätte vorgeschlagen, dass ich auch mitkomme, aber leider ist mir das erst hinterher eingefallen. Dabei hätte ich dir sicher helfen können, ich bin eine sehr aufmerksame Beobachterin.«

Langsam dämmerte es Darina. »Vielen Dank, Mutter, ich finde, das ist eine ausgezeichnete Idee, und ich bin dir wirklich dankbar. Ich werde dir dann alles ganz genau berichten.«

Aber es dauerte noch fünf Minuten, bis es ihr gelungen war, den Wortschwall von Ratschlägen und Ermahnungen zu bremsen und endlich aufzulegen.

»Anscheinend will mir Adam Tennant sein Manor Park Hotel vorführen«, erklärte sie Ulla und Alexander, der am Kopierer beschäftigt war, da es inzwischen wieder Strom gab.

»Nanu«, bemerkte er zu Ulla, »lässt du dich jetzt von unserer Walküre hier ausstechen?«

»Mach’ dich doch nicht lächerlich, Alexander.« Aber war sie bei seinen Worten nicht leicht errötet, gerade so, dass ein zartrosa Hauch ihre Wangen färbte?

»Du wirst doch wohl nicht abstreiten wollen, dass er dir seit Vaters Tod schöne Augen macht. Und wahrscheinlich sogar schon vorher, wie ich vermute.«

»Du hast ja keine Ahnung. Er hat mir einfach sehr geholfen. Und schließlich hat er mir dieses Angebot gemacht, das ich deiner Meinung nach so unbedingt annehmen sollte.«

Wieder läutete das Telefon, und wieder war es für Darina. Diesmal legte sie nach dem Gespräch den Hörer mit einem triumphierenden Schwung auf und verkündete: »Wir haben einen neuen Küchenchef.«

»Das ist ja wunderbar! Wer ist es denn?«, fragte Ulla.

»Eine Freundin von mir, die mit mir auf der Kochschule war. Ich habe doch gestern all diese Anrufe gemacht, und da hat mir jemand erzählt, dass Sally Griffiths gerade aus Frankreich zurückgekommen ist, wo sie eine Zeitlang in einem Drei-Sterne-Restaurant gearbeitet hat. Ich habe eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen, und eben hat sie mich zurückgerufen. Sie sucht verzweifelt einen Job, ich glaube, sie ist in Frankreich kaum bezahlt worden, es war so eine Art Fortbildungsmaßnahme, und sie hat zugesagt, die nächsten zwei Monate hier zu arbeiten. Ich habe ihr gleich gesagt, was für eine wunderbare Gelegenheit das für sie wäre. Sie wird morgen zu uns kommen, um die Einzelheiten zu besprechen. Sie sollten mir noch sagen, was Sie Ken Farthing bezahlt haben – es könnte sein, dass wir bei ihr etwas höher gehen müssen, aber ein zuverlässiger Küchenchef ist absolut notwendig.« Sie sprach energisch und mit Entschiedenheit. Ulla blickte etwas verwirrt drein.

»Können wir sie irgendwo unterbringen?«

»Es gibt noch ein paar freie Zimmer im Nebengebäude, vielleicht sollten Sie mal mitkommen und sie sich ansehen. Wir haben bisher eigentlich immer versucht, Hotelpersonal zu finden, das nicht hier im Haus wohnen muss, sodass es keine speziellen Räume für die Angestellten gibt.«

Das Nebengebäude, die ehemaligen Stallungen, befand sich an der Seite des Hotels hinter dem mittelalterlichen Saal; wie das Hauptgebäude bedurfte auch dieses dringend einer Renovierung. Auf dem Dach fehlten Ziegel, in der Abflussrinne sprießte das Unkraut, und die Fensterrahmen zeigten Spuren von Trockenfäule. Der allgemein trostlose Eindruck wurde noch verstärkt von zwei abgestorbenen Pflanzen, die in großen Kübeln zu beiden Seiten des von einem kleinen Uhrturm überdachten Einganges standen. Die Uhr zeigte halb fünf. Es war elf Uhr vormittags.

Ulla führte Darina hinein und zeigte ihr die Räume. Die Umbauten waren vor einiger Zeit durchgeführt worden, und man hatte offensichtlich alle Kosten und Mühen gescheut: Die Zwischenwände der lieblos eingerichteten Räume waren so dünn, dass Darina aus dem übernächsten Zimmer, welches George Prendergast bewohnte, deutlich Mozarts Klarinettenquintett hören konnte. Die eingebauten Duschkabinen waren zwar einfach, aber ausreichend, und als Darina die Qualität der Betten prüfte, fand sie sie annehmbar.

Ulla zeigte ihr die kleine Wohnung im ersten Stock, die direkt unter dem Uhrturm lag und früher Quartier des Stallburschen gewesen war. »Hier haben Tony und ich unser Zuhause eingerichtet«, bemerkte sie, als sie einen schmalen Flur am oberen Ende einer steilen Treppe betraten. Die Räume waren erst kürzlich frisch gestrichen worden und sparsam, aber stilvoll möbliert. Die Wohnung bestand aus einem kleinen Wohnzimmer, einem ebenso kleinen Schlafzimmer, einem Badezimmer und einer winzigen Küche. »Es war gut, manchmal vom Hotelessen wegzukommen. Tony liebte meine norwegischen Spezialitäten, den mit Dill gebeizten Lachs, der in letzter Zeit so in Mode zu kommen scheint, Far i Kai, Lamm- und Kohl-Eintopf und meine Fischsuppe. Das waren seine Lieblingsspeisen.« Ullas Augen glänzten verdächtig.

Darina schaute sich in der kombüsenartigen Küche um, in der nicht ein einziges Kochgerät zu sehen war. »Kann Alexander eigentlich gut kochen?«

»Alexander? Ich habe ihn noch niemals auch nur in der Nähe einer Bratpfanne gesehen.«

»Schade, dass Sie beide sich nicht besser verstehen.«

Ulla schnäuzte sich diskret in ein Spitzentaschentuch. Dann sagte sie: »Ach, er hat mir doch nie eine Chance gegeben. Seiner Meinung nach habe ich Trudy von ihrem Platz verdrängt, und die Tatsache, dass ich sie nicht einmal kannte, dass sie gestorben war, bevor Tony mich überhaupt kennenlernte, hat daran nichts geändert. Und auch nicht die Tatsache, dass ich seinen Vater glücklich gemacht habe. Alexander hatte beschlossen, mich so zu sehen, und das war’s.«

»Wie alt war er, als Sie seinen Vater geheiratet haben?«

»Das war vor sieben Jahren, also muss er ungefähr zweiundzwanzig gewesen sein. Er hatte gerade die Universität beendet, und Tony hoffte, dass er auch in das Hotelgewerbe einsteigen würde, aber Alexander ist gleich ins Ausland gegangen und hat nichts anderes getan, als dort herumzuhängen.«

»Als er dann zurück nach England kam, gab es die ganze Zeit Streit zwischen den beiden. Tony wollte immer, dass er sesshaft wird und einen richtigen Beruf ergreift. Nun ja, vielleicht war das Hotelgewerbe nicht Alexanders Berufung, aber er schien auch nie zu wissen, was er denn sonst machen sollte. Jedenfalls, immer wenn er wieder mal einen Riesenkrach mit seinem Vater hatte, ist er für mehrere Monate einfach verschwunden, und wir haben dann bloß ab und zu eine Postkarte aus irgendwelchen exotischen Ländern von ihm bekommen.«

»Haben sich die Spannungen zwischen Ihnen beiden mit der Zeit denn nicht gelegt?«

»Sie haben ihn doch erlebt. Alexander ändert nie seine Meinung. Und er denkt nie an andere. Oh ja, manchmal kann er wirklich ungemein charmant sein, und ich kann ganz gut verstehen, was Olivia und all die anderen Mädchen hier in ihm sehen. Aber sie würden sicher anders von ihm denken, wenn sie ihn so kennen würden wie ich, wenn sie sehen könnten, wie kalt seine Augen manchmal sind, und wie gemein er sein kann. Er bricht ihnen das Herz, und sie scheinen nicht begreifen zu wollen, dass er eigentlich gar nicht an ihnen interessiert ist. Er ist bloß ein Schürzenträger ... Nein, das ist wohl nicht das richtige Wort ... Lachen Sie nicht, ich weiß, mein Englisch ist manchmal schrecklich.«

Darina bemühte sich, wieder ein ernstes Gesicht zu machen.

»Schläft er denn auch hier?«

Ulla drehte sich um und begann, die steile Treppe hinabzusteigen. »Sein Zimmer ist das erste auf dieser Seite.« Sie wies auf eine Tür links vom Eingang. »Wir haben diese Zimmer streichen lassen, denn Tony meinte, wir könnten George Prendergast nicht aus dem Hotel vertreiben, ohne ihm hier wenigstens ein bisschen Komfort zu bieten. Wir wollten auch die Zimmer auf der anderen Seite noch herrichten lassen, da wir hofften, wir könnten sie zusätzlich vermieten, aber bevor wir alles organisieren konnten, ist Tony gestorben.«

Es gab in dem Nebengebäude noch sechs freie Zimmer, zwei davon in annehmbarem Zustand.

»Gut«, sagte Darina. »Eins für Sally, eins für mich.«

»Also haben Sie sich entschlossen, hier zu wohnen?«

»Bis zum Haus meiner Mutter ist es eine gute halbe Stunde mit dem Auto, und ich wäre lieber an Ort und Stelle, besonders über Weihnachten und Neujahr. Haben Sie übrigens für Sylvester irgendwelche Pläne? Wir haben bisher nur über die Weihnachtsfeier gesprochen.«

»Wir haben eine Abendgesellschaft mit Tanz angekündigt und eine Musikgruppe aus dem Ort engagiert.«

Darina sah auf die Uhr. »Himmel, ich muss los. Würden Sie wohl so lieb sein, Adam Tennant anzurufen und ihm zu sagen, dass ich auf dem Weg bin, aber ein paar Minuten später komme?«

Kapitel 8

Inspektor Grant, William Pigram und Pat James saßen an einem Tisch, umgeben von Computerausdrucken der bisherigen Befragungen, und besprachen die Fortschritte im Fall des ermordeten Mädchens. Noch hatte die Kriminalpolizei keinerlei Hinweise auf die Identität der Leiche erhalten. Der Rastplatz und seine ländliche Umgebung waren in weitem Umkreis abgesucht worden, aber es konnte keine Handtasche gefunden werden, und keiner der Bewohner der umliegenden Häuser wusste irgendetwas. Niemand hatte eine junge Frau von Anfang zwanzig als vermisst gemeldet, und auch an ihrer Kleidung fanden sich keine Spuren, die ihnen hätten weiterhelfen können. Aber es waren ja erst ein paar Tage seit dem Mord vergangen und etliche Gründe denkbar, warum sie, zumindest eine Zeit lang, nicht vermisst wurde.

»Würden Sie mir bitte nochmals die Punkte aufzählen, die wir haben, um die Tatzeit zu bestimmen?«

Pat James kräuselte ihre kleine Nase, und William ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie sehr hübsch dabei aussah. War es dumm von ihm, dass er seine Meinung über sie so komplett geändert hatte? Oder war es klug, weil er damit, jedenfalls vor sich selbst, zugab, dass er sich geirrt hatte? Abgesehen von ihrer kleinen Schwäche im Obduktionsraum war sie nüchtern, rational, fleißig und von schneller Auffassungsgabe. Sie antwortete Grant: »Der Bauer, der am Sonntag sein Feld neben dem Rastplatz gedüngt hat, sagte, ihm sei an diesem Tag nichts Ungewöhnliches dort aufgefallen.«

»Und wieso arbeitet der am Sonntag?«, fragte Grant verblüfft. »Ich meine, hat er da nicht frei, wie jeder normale Mensch?«

William suchte und fand den entsprechenden Bericht. »Er hat ausgesagt, der Boden wäre am Wochenende leicht gefroren gewesen, und der Wetterbericht hätte prognostiziert, dass es am Montag regnen würde. Das wären ideale Bedingungen, das Feld mit Gülle zu düngen, und er hätte damit fertig werden müssen, Sonntag hin oder her.«

»Das Leben eines Bauern unterscheidet sich also nicht sonderlich von dem eines Polizisten«, meinte Grant und nahm William den Bericht aus der Hand. »Hätte er den Leichnam denn überhaupt bemerkt, wenn er zu diesem Zeitpunkt bereits im Graben gelegen hätte?«

»Das hielt er für unwahrscheinlich. Er hat parallel zum Graben gearbeitet, aber in einigem Abstand.«

»Jedenfalls kann er nicht viel länger als bis halb fünf dort gewesen sein, danach wird es nämlich dunkel ... Aha, ich lese gerade, dass er ausgesagt hat, ungefähr zu dieser Zeit wäre ein Auto mit einer Reifenpanne von der Straße abgefahren.«

Der Bauer war zu dem Parkplatz hinübergegangen, um zu sehen, ob er helfen könne, aber die Schrauben an den Felgen saßen so fest, dass es weder ihm noch dem Fahrer gelungen war, sie zu lösen. Daraufhin hatte er dem Fahrer angeboten, von seiner Wohnung aus eine Reparaturwerkstatt anzurufen; dieser gab ihm sodann seinen Namen und seine Mitgliedsnummer vom Automobilclub.

Auf die telefonische Anfrage beim Automobilclub wurde ihnen bestätigt, dass der Anruf kurz nach fünf Uhr entgegengenommen worden war. Spätere Aussagen von dem Mechaniker und dem Fahrer hatten ergeben, dass der Wagen bis kurz vor acht Uhr auf dem Parkplatz gestanden hatte. Weil am Sonntagabend viel zu tun war, aber weniger Servicepersonal zur Verfügung stand, war es beinahe halb acht geworden, bis der Abschleppwagen vom Automobilclub auf dem Rastplatz eingetroffen war. Der Fahrer des PKW hatte ausgesagt, dass kein anderes Fahrzeug während dieser Zeit dort geparkt habe, und er hätte auch niemanden sonst dort gesehen.

»Vielleicht ist er mal kurz eingenickt?«, überlegte William laut. »Es muss ziemlich ermüdend gewesen sein, bei dieser Kälte so lange zu warten. Immerhin über zwei Stunden!«

»Der Fahrer sagte, er sei auf und ab gelaufen, hätte Radio gehört und sich mithilfe einer Taschenlampe Notizen gemacht für eine Arbeit, die er am nächsten Tag hätte erledigen müssen.« Pat hatte seine Aussage vor sich liegen.

»Wo kam er her?«, fragte Grant.

»Er hatte seine Mutter in Bristol besucht und war auf dem Heimweg nach Jeovil. Er ist Vertreter, unverheiratet.«

»Wäre es denkbar, dass irgendwann das Opfer dort aufgetaucht ist und er sich an sie rangemacht hat?«, fragte Grant und sah seine beiden Mitarbeiter an.

»Ziemlich unwahrscheinlich, dass er intim mit ihr wird oder sie umbringt, wenn ihm klar ist, dass der Wagen vom Automobilclub jede Minute dort eintreffen kann«, erwiderte William.

»Also – die Leiche muss entweder vor neun Uhr am Sonntagmorgen bereits im Graben gelegen haben, oder sie wurde dorthin geschafft, nachdem der Vertreter und der Mann vom Automobilclub den Parkplatz gegen acht Uhr abends verlassen haben«, fasste Grant zusammen, während er etwas auf einen Notizblock schrieb.

»Der Gerichtsmediziner meint, die Leiche müsse, bevor er sie am Montagmorgen untersucht hat, mindestens vierundzwanzig Stunden dort gelegen haben«, bemerkte Pat James.

»Samstagabend ist die traditionelle Zeit für Rendezvous«, sagte William.

»Ein Rendezvous«, wiederholte Grant. »Gehen wir jetzt also davon aus, dass sie von jemandem umgebracht wurde, den sie kannte?«

»Vielleicht ein Liebhaber, der über ihre Schwangerschaft entsetzt war?«, schlug Pat James vor.

»Heutzutage kann das doch wohl kaum noch jemanden so erschüttern«, meinte William skeptisch. »Abtreibungen sind legal, unverheiratete Mütter mehr oder weniger akzeptiert, und oft sind es heute sogar die Väter, die um ein Recht auf das Kind kämpfen.« Wie verzweifelt und zornig es ihn machen würde, wenn jemand versuchen würde, ihn aus dem Leben seines Kindes zu verdrängen! Eine Zeile aus dem anglikanischen Hochzeitsritus ging ihm durch den Kopf: ›vereinigt zur Zeugung von Nachwuchs‹. ›Zeugung‹ – was für ein nüchternes Wort für einen so grandiosen Akt! »Allerdings könnte sich der Mann, falls er verheiratet war, unter Druck gesetzt gefühlt haben. Vielleicht hat sie versucht, damit ihren Geliebten zur Heirat zu bewegen oder ihren widerstrebenden Freund in die Verantwortung zu nehmen.«

»Oder sie wurde von einem Triebtäter umgebracht, der überhaupt nichts von dem Kind wusste. Solange wir keine Ahnung haben, wer sie war, ist jede weitere Spekulation ziemlich sinnlos«, beendete Grant die Unterhaltung. »Bill, versucht doch nochmal beim Vermisstendezernat.«

William wählte die Nummer.

»Komisch, dass Sie ausgerechnet jetzt anrufen. Ich wollte mich nämlich gerade bei Ihnen melden. Wir haben hier eine Anfrage, die sich auf Ihre Tote beziehen könnte.«

William nahm sich ein Stück Papier und schrieb die Einzelheiten mit, die ihm sein Kollege Alan durchgab. Dann legte er den Hörer auf und reichte Grant das Blatt.

»Gut«, sagte der, als er es gelesen hatte. »Sie beide gehen los und befragen diese Shirley. Möglich, dass ihre Freundin Urlaub genommen hat, gesund und munter ist und sich in Blackpool oder Weston, oder wo diese jungen Leute heutzutage rumhängen, ein paar schöne Tage macht – aber vielleicht ist heute ja auch unser Glückstag.«

»Hoffentlich, Sir«, sagte William. »Ich kenne den Ort, und es dauert wahrscheinlich nicht lange.«

»Lassen Sie es so lange dauern, wie es braucht«, war Grants abschließender Kommentar.

Kapitel 9

Darina fuhr mit viel Trara bis vor das Eingangsportal des Manor Park Hotels. Das war die einzig angemessene Art, an diesem vornehmsten Hotel der Gegend vorzufahren. Als sie ihren alten Ford Kombi zwischen einem Rolls Royce und einem Mercedes geparkt hatte, fiel ihr auf, dass überwiegend teure Nobelkarossen und hochtourige Sportwagen auf dem gepflegten Vorplatz standen. Sie klemmte ihre lacklederne Handtasche unter den Arm und ging mit großen Schritten die Treppe zum Hotel hinauf.

Sie betrat eine Welt, die einem anderen Universum als das Hotel Morgan anzugehören schien und ganz aus Helligkeit, Wärme und leuchtenden Farben bestand. Keine störenden Kontraste, keine lauten Geräusche, keine protzigen Auslagen. Der Duft der frischen Blumenarrangements erfüllte die Luft, und im Marmorkamin der Eingangshalle prasselte ein einladendes Feuer. Schöne Menschen in schönen Kleidern saßen auf bequemen Sofas und Sesseln um den Kamin, ihre Drinks standen auf niedrigen Tischen, und man unterhielt sich in gedämpfter Lautstärke. Eine Serviererin in schwarzem Rock und weißer Bluse trug ein kleines Tablett mit Champagnergläsern durch die Halle in einen angrenzenden Salon.

Darina stand in der Tür und sog alles in sich auf. Sie registrierte das Fehlen einer Rezeption, die Tatsache, dass nur ein paar internationale Zeitungen und Zeitschriften ausgelegt waren und dass die Bedienung auf dem Rückweg aufmerksam zu der Sitzecke beim Kamin hinüberblickte, um zu sehen, ob etwas benötigt wurde. Aber die Gäste dort waren wunschlos glücklich. Dann bemerkte sie Darina und fragte: »Kann ich Ihnen helfen?«

Während Darina aus der Tür in die Halle trat, ertönte eine ruhige Stimme aus dem Hintergrund: »Ich mache das schon, Jenny. Die Davises sind gerade in die Bibliothek gegangen und möchten ihre Drinks dort nehmen.« Die junge Frau lächelte und ging durch den weiten Bogen, der den gesamten Raum überspannte, in den hinteren Bereich der Hotelhalle.

Die Frau, zu welcher die Stimme gehörte, blieb ruhig vor Darina stehen. Sie trug die Art von dunklem Kleid, die Darina immer an eine Haushälterin erinnerte, war mittleren Alters, übergewichtig und sah sehr müde aus. Ihre Haut hatte eine ungesunde Farbe, und ihre schmalen Lippen waren so fest aufeinandergepresst, als sei dieser Druck das einzige, was ihre Welt vor dem Auseinanderbrechen bewahrte.

»Adam Tennant erwartet mich. Ich bin Darina Lisle.«

Die Frau neigte ihren Kopf. »Wenn Sie bitte Platz nehmen würden? Ich sage ihm Bescheid, dass Sie hier sind.« Sie führte Darina in den Salon und verließ den Raum gemessenen Schritts.

Statt sich hinzusetzen, ging Darina bis zum Ende des langgestreckten Raums und sah durch das große Fenster, das fast bis zum Fußboden reichte. Eine sorgfältige Gestaltung gab dem Garten sogar zu dieser Jahreszeit ein reizvolles Aussehen. Die abwechslungsreiche Zusammenstellung von immergrünen Pflanzen, winterblühenden Büschen und ein paar antiken Statuen hatte eine wohltuende Wirkung auf den Betrachter; ebenso wie der Salon mit seinen Sitzgruppen aus tief gepolsterten Sesseln und Sofas, den üppigen Vorhängen, den Antiquitäten und den individuell ausgeleuchteten Ölbildern mit Landschaftsmotiven.

»Meine liebe Miss Lisle, wie schön, Sie kennenzulernen.« Darina wusste sofort, dass sie den Mann, der jetzt auf sie zukam, nie zuvor gesehen hatte, denn sie hätte sein attraktives Adlergesicht unter dem vollen, frühzeitig fast weiß gewordenen und sorgfältig frisierten Haar sicher nicht so leicht vergessen. Seine dunkelbraunen Augen strahlten Wohlwollen und Zufriedenheit aus, und sein schlanker Körper war in einen perfekt geschnittenen Anzug gekleidet. Und doch war etwas Morbides an ihm, als ob seine Lebenssäfte langsam austrockneten; und als er ihr jetzt die Hand zur Begrüßung reichte, spürte sie eine gewisse Gezwungenheit hinter seiner Jovialität.

»Mr. Tennant, es ist sehr freundlich von Ihnen, mich zu empfangen.«

»Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite, ich freue mich, Ihnen helfen zu dürfen. So, dann wollen wir uns mal etwas zu trinken kommen lassen, und dann können Sie mir ganz genau erzählen, um was es geht.«

Er schnippte mit Daumen und Zeigefinger, und die lächelnde Bedienung erschien, um ihre Bestellung entgegenzunehmen. Ein paar Minuten später saß Darina in einer stillen Ecke vor einem großen Kristallglas mit Perrier, dem Eiswürfel und eine Zitronenscheibe den perfekten Grad von Kühlung und prickelndem Geschmack gaben.

Ihr Gastgeber hielt ein ebenso großes Glas Whisky mit Soda in der Hand, schlug ein Bein über das andere, rückte die rasiermesserscharfe Bügelfalte seiner Hose zurecht und warf Darina ein charmantes Lächeln zu. »Sie haben also beschlossen, ins Hotelfach zu wechseln?«

»Ich ziehe es in Betracht.« In ein paar Sätzen erzählte sie ihm von ihrem langgehegten Wunsch, ihr eigenes Hotel zu führen, der Möglichkeit, dass das von einem Cousin ererbte Haus in Chelsea ihr das dafür nötige Kapital verschaffen würde, der Erkenntnis, dass für die Art von Hotel, die ihr vorschwebte, eine noch weit größere Summe erforderlich wäre, und der Gelegenheit, die sich ihr im Hotel Morgan bot.

Während sie sprach, sah Adam Tennant ihr unverwandt in die Augen, einer seiner in hochglanzpolierten Schuhen steckenden Füße schwang leicht hin und her. Als sie ihm erklärte, welche Vereinbarung sie mit Ulla Mason getroffen hatte, lächelte er wieder.

»Ach ja, die schöne Ulla. Was für eine Tragödie, dass Tony so früh gestorben ist. Sie braucht irgendeine Unterstützung.« Darina war nicht sicher, ob er ihre Unterstützung meinte.

»Na gut.« Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und setzte sich etwas bequemer zurecht. »Sie wollen also meinen Rat, wie man aus dem Hotel Morgan einen würdigen Konkurrenten für mein Haus machen kann?«

»Nein ... ich meine, es könnte doch niemals dieses Niveau erreichen. Wirklich, ich wäre bestimmt nicht zu Ihnen gekommen, wenn das meine Absicht gewesen wäre.« Darina war verwirrt, sie hatte die Situation nicht in diesem Licht gesehen.

Adam lachte. »Nein, das hätten Sie wohl wirklich nicht getan. Als mich Ihre Mutter anrief, habe ich mich gefragt, was wohl dahinterstecken mag. Eine Betriebsspionin, eine Abenteurerin oder bloß eine dumme Frau?« Bei seinen letzten Worten hatte sich Darina kerzengerade aufgesetzt. Dann stellte sie ihr Glas auf den Tisch und erhob sich.

»Es tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe. Vielen Dank für den Drink und dass Sie mich empfangen haben, aber ich werde Ihre Zeit jetzt nicht länger in Anspruch nehmen.«

»Bitte setzen Sie sich wieder hin. Sie machen mich ganz nervös, wenn Sie so dastehen wie eine Göttin, die gleich Blitze schleudern wird. Ich wollte Sie gewiss nicht kränken.«

Darina musterte ihn. Er wirkte ganz entspannt und schien sich im Stillen über ihre heftige Reaktion zu amüsieren. Langsam ließ sie sich wieder in dem Sessel nieder, während sie ihren ursprünglichen Eindruck von Adam Tennant revidierte.

»Meine Mutter weiß, dass ich keinerlei Erfahrung im Hotelfach habe. Wahrscheinlich glaubt sie, dass ich, wenn ich sehe, wie ein wirklich erstklassiges Hotel geführt wird, kalte Füße bekomme und die Sache bleiben lasse.«

Mit einer hochgezogenen Augenbraue quittierte er ihre schmeichelnde Bemerkung. »Wenn das so ist, werde ich Sie nachher durch das Haus führen und Ihnen alles zeigen. Aber zunächst hoffe ich, dass Sie mit mir zu Mittag essen, dann kann ich Ihnen die Geschichte dieses Hotels erzählen. Sie meinen, das Hotel Morgan könnte nie ein Konkurrent für mich werden, aber lassen Sie mich eines sagen: Als ich das Manor Park kaufte, war es in einem Zustand, gegen den das Hotel Morgue die reinste Luxusherberge ist.«

Darina sah sich verblüfft um.

»Ja, es hat fünfzehn Jahre extrem harter Arbeit, viel Erfahrung, beträchtliches Kapital und, wenn ich das sagen darf, ein gewisses Maß an Genialität erfordert, um das daraus zu machen, was Sie heute sehen.«

»Ich habe gehört, dass Sie Ulla ein Angebot für ihr Hotel gemacht haben?«

Er lächelte breit. »Und das verleitet Sie nun zu der Annahme, dass das Hotel Morgan doch zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für mich werden könnte, nicht wahr? Lassen Sie mich Ihnen erklären, warum das, trotz allem, was ich eben gesagt habe, niemals passieren kann.«

Er unterbrach sich, damit der Kellner, der an den Tisch getreten war, Darina die Speisekarte überreichen konnte.

»Darf ich Ihnen das Rehfilet in Rotwein-Wacholder-Sauce empfehlen? Es ist unsere Spezialität des Hauses.«

Darina warf einen neiderfüllten Blick auf das verlockende Angebot an Speisen und beschloss, das empfohlene Tagesmenü zu wählen, allerdings ohne Vorspeise. Adam bestellte eine halbe Flasche Wein für sich und Mineralwasser für sie. »Aber ich glaube, da wäre Badoit das Richtige, meinen Sie nicht auch? Perrier ist ein wenig zu spritzig, um es zum Essen zu trinken.« Der Kellner verschwand so leise, wie er gekommen war. »Was dem Hotel Morgan fehlt, ist das Wichtigste für ein wirklich erstklassiges Hotel. Wissen Sie, was das ist?«

Darina überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf.

»Eine gute Lage. Man kann sagen, es gibt drei Hauptkriterien für den Erfolg eines Hotels, und das sind: die Lage, die Lage und nochmals die Lage. Nehmen Sie unseres hier zum Beispiel. Wir sind sowohl von Bath als auch von Bristol aus schnell und leicht zu erreichen, beides Städte mit einer äußerst lebendigen Wirtschaftsstruktur und vielen Touristenattraktionen. Wenn man sich nur auf die Touristen verlässt, macht man kein Geschäft in der Nebensaison. Außerdem ist es riskant. Die Bombenattentate von 1987 haben in diesem Jahr unser ganzes Sommergeschäft ruiniert, denn die Amerikaner sind zum größten Teil weggeblieben. Und als dann das Pfund im Vergleich zum Dollar so angezogen hat, sind sie ebenfalls weggeblieben. Wenn man aber viele Geschäftsleute als Stammgäste hat, ist man gut abgesichert. Dazu muss das Hotel allerdings in der Nähe von Handelszentren liegen, und ich fürchte, das Morgan ist zu weit von einer ausreichend großen Stadt entfernt.«

Darina erwiderte: »Ich verstehe, was Sie meinen. Das Hotel Morgan ist mehr für Touristen, es hat zwar gute Verkehrsanbindungen durch Eisenbahn und Landstraße, und es gibt ein paar kleinere Städte in der Nähe, aber es hat natürlich nicht die Vorteile, die Sie mit Ihrer Lage haben.«

»Abgesehen von diesem Faktor, könnte das Morgan jedoch ein äußerst attraktives Hotel werden. Alles, was man dafür tun müsste, wäre, eine ziemlich große Summe Geld auszugeben.«

»Und das würden Sie auch tun, wenn Sie es kaufen würden?«

Adam machte eine elegante Handbewegung. »Ich habe Ulla das Angebot mehr aus Mitleid für ihre Notlage als aus geschäftlichem Interesse gemacht. Falls sie es annimmt, würde ich wahrscheinlich für sechs Monate einen erstklassigen Manager einsetzen, um das Hotel in Schwung zu bringen, und es dann mit Gewinn weiterverkaufen. Denn das Kapital, das nötig wäre, um das Hotel auf einen Standard zu bringen, mit dem ich zufrieden wäre, steht in keinem Verhältnis zu dem Umsatz, den es machen könnte.«

»Wollen Sie damit sagen, dass ich mich am besten nach einem anderen Investitionsobjekt umsehen soll, weil das Hotel Morgan kaum jemals genug Geld einbringen wird?«

»Nicht ganz, aber ich bin davon überzeugt, dass man schon über ein sehr spezielles Fachwissen und enorme Erfahrung verfügen müsste, um daraus einen Erfolg zu machen. Wenn Sie allerdings mit einem mittelmäßigen Hotel zufrieden sind, wären Sie wahrscheinlich imstande, sich gerade so über Wasser zu halten oder zumindest kostendeckend zu wirtschaften.«

»Ich wäre sicher nicht damit zufrieden, ein mittelmäßiges Hotel zu führen«, erklärte Darina bestimmt.

Adam Tennant sah sie an. »Nein, das glaube ich auch nicht.«

Der Kellner erschien mit der Mitteilung, dass ihr Tisch fertig sei. Während sie der schlanken Gestalt ihres Gastgebers durch die Halle folgte, warf Darina noch einen Blick auf das hell leuchtende Kaminfeuer und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Die Gäste, die bei ihrer Ankunft dort gesessen hatten, waren fort, und eine junge Frau kauerte nun ungemütlich auf dem Rand ihres Sessels neben dem Kamin. In den Händen hielt sie einen Notizblock und einen Stift, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck ängstlicher Unruhe. In dem Sessel ihr gegenüber, die Beine locker ausgestreckt und sich interessiert umschauend, saß William.

Seit er ihr gemeinsames Mittagessen so abrupt beendet hatte, hatte sie einen einzigen, kurzen Anruf von ihm erhalten. Sie wusste zwar, dass ein Mordfall jeden, der mit seiner Aufklärung zu tun hat, sehr in Anspruch nimmt, aber sie war doch ein wenig gekränkt, dass William nicht mehr Zeit für sie gefunden hatte.

Als er Darina sah, hellte sich sein Gesicht auf. Er erhob sich rasch und ging auf sie zu. »Was für eine schöne Überraschung! Bist du hier zum Mittagessen?«

»Der Besitzer des Hotels war so freundlich, mich einzuladen.«

Sie stellte Adam Tennant vor, der die Hand des jungen Mannes mit charmanter Herzlichkeit ergriff.

»Werden Sie bedient?«

»Ja, danke. Unangenehmerweise sind wir dienstlich hier.«

»Unangenehmerweise?« Adam Tennant hob fragend eine Augenbraue.

»Ich glaube, keiner hat so gern die Polizei im Haus.«

»Aha, Sie sind also von der Polizei. Darinas Vorstellung war demnach nicht ganz vollständig.« Darina missfiel die Art, wie er sie bei diesen Worten ansah, und fand seinen Vorwurf unfair. Woher sollte sie denn wissen, was William hierherführte? »Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs? Ich wusste nicht, dass wir ein Problem haben.« Die Augenbraue kletterte noch ein wenig höher.

»Eine Ihrer Rezeptionistinnen hat gemeldet, dass möglicherweise eine Hotelangestellte vermisst wird.«

»Tatsächlich? Ich hatte keine Ahnung.« Der Ton seiner Stimme drückte Ärger darüber aus, dass man es offensichtlich versäumt hatte, ihn von diesem Vorfall in Kenntnis zu setzen. »Wer ist denn die Rezeptionistin? Ach Shirley, haben Sie bei der Polizei angerufen?«

Eine junge Frau war durch den Bogen am Ende der Halle getreten. Sie trug einen dunklen Mantel und darunter einen Rock mit weißer Bluse, ganz im Stil einer modebewussten Hausfrau. Ihr Äußeres war angenehm, wenn auch keineswegs auffallend. Als Adam Tennant sie so direkt ansprach, errötete sie leicht, bevor sie antwortete: »Es ist nur, weil Sharon seit Samstagabend nicht zurückgekommen ist.«

»Warum haben Sie mir denn nichts davon gesagt?«

Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. »Ich wusste doch, dass Sie ihr die Woche freigegeben haben, und da wollte ich Sie nicht beunruhigen.«

»Aber wenn Sie die Polizei in mein Hotel rufen, beunruhigen Sie mich noch viel mehr.«

»Warum haben Sie ihr die Woche freigegeben, Sir?«

Williams Auftreten hatte sich verändert, und auch die junge Frau hatte sich bei seinen Worten von ihrem Sitz erhoben und stand nun mit gezücktem Stift und Notizblock knapp hinter ihm.

»Sollten Sie mich nicht warnen, bevor Sie anfangen, jedes Wort von mir aufzuschreiben?« Es war schwierig zu sagen, ob Adam Tennant seine Worte ernst meinte oder nicht.

»Im Moment ist es nur eine einfache Befragung, Sir, denn wir wissen noch nicht, ob Sharon Fry tatsächlich diejenige ist, die wir suchen.«

»Und warum suchen Sie sie?«

»Am Montag wurde ungefähr zehn Meilen von hier in einem Graben bei der A37 eine Leiche gefunden. Sie konnte bisher noch nicht identifiziert werden. Aber aufgrund der Beschreibung von Miss Harris halten wir es für möglich, dass es sich um deren Freundin und Ihre Angestellte, Sharon Fry, handeln könnte. Pat, haben Sie das Foto dabei?«

Seine Begleiterin wühlte in einer geräumigen Umhängetasche, zog eine glänzende Fotografie heraus und gab sie William, der sie so hielt, dass sowohl die Rezeptionistin als auch Adam Tennant sie gut sehen konnten.

»Könnte das Miss Fry sein?«

Adam Tennant betrachtete das Bild, ohne dass sich auch nur ein Muskel in seinem Gesicht regte, aber die junge Angestellte schnappte nach Luft und presste sich eine Hand auf den Mund.

»So sieht Sharon nicht aus! Was ist mit ihr passiert?«

»Bitte, Shirley, beherrschen Sie sich. Vielleicht wäre es möglich, Inspektor Pigram, dass Sie diese Ermittlung oder Befragung, oder wie immer Sie es nennen wollen, an einem etwas privateren Ort fortsetzen.« Das war kein Vorschlag, sondern eine Anordnung.

»Das wäre mir sehr angenehm. Übrigens, ich bin Sergeant Pigram, nicht Inspektor. Ich unterbreche nur ungern Ihr Mittagessen«, sagte er mit einem Seitenblick auf Darina, »aber ich möchte Sie noch einmal direkt fragen, ob Sie auf diesem Foto ebenfalls Miss Fry erkennen.«

Der Hotelier nahm das Bild zögernd in die Hand, warf einen raschen Blick darauf und reichte es William zurück. »Schwer zu sagen. Sie wirkt sehr verändert, etwas Schreckliches scheint mit ihr passiert zu sein, aber ich räume ein, dass eine gewisse Ähnlichkeit besteht.«

»Und warum haben Sie ihr die Woche freigegeben?«

Adam Tennants leichte Unsicherheit verstärkte sich. »Die Personalangelegenheiten sind Sache meiner Frau. Sie sollten sich an sie wenden.«

»Falls es sich tatsächlich um Miss Fry handelt, habe ich nicht nur Ihrer Frau, sondern auch Ihren Angestellten und Ihnen selbst eine Menge Fragen zu stellen.« Williams Stimme klang keineswegs entschuldigend.

»Wenn es sein muss. Shirley, bitte bringen Sie Sergeant Pigram und ...« Er sah zu der jungen Frau hinter William, die sich immer noch Notizen machte. William nahm sie sanft beim Arm und schob sie vorwärts.

»Detective Constable James. Sie arbeitet mit mir an diesem Fall.«

»Gut, bringen Sie Sergeant Pigram und Detective«, er betonte das Wort leicht, »Constable James in mein Büro. Ich brauche es in den nächsten Stunden nicht. Nach dem Mittagessen werde ich Miss Lisle das Hotel zeigen. Kommen Sie, meine Liebe.« Mit, wie Darina fand, unnötiger Zartheit schob er eine Hand unter ihren Arm und führte sie in Richtung Speisesaal. In Anbetracht der Tatsache, dass sie den Hotelbesitzer um etliche Zentimeter überragte, empfand sie sein Gebaren ein wenig lächerlich.

»War nett, dich getroffen zu haben«, bemerkte sie im Vorbeigehen zu William.

»Ich versuche, dich heute Abend anzurufen«, rief er ihr nach.

Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie der hochgewachsene Polizist seine Kollegin auf ebenso ritterliche

Weise aus dem Raum führte wie Adam Tennant sie selbst, und diese Geste zeigte ihr deutlicher als alle Worte, wie sehr er seine Meinung über weibliche Polizisten geändert hatte.

Kapitel 10

Pat James fühlte sich wohler, nachdem sie sich mit Shirley Harris auf den Weg zur Leichenhalle gemacht hatten. Ein kurzer Aufenthalt in einem Londoner Holiday Inn hatte nichts dazu beigetragen, sie auf den Luxus des Manor Park Hotels vorzubereiten.

Die ganze Zeit dort hatte sie das Gefühl gehabt, sich in einem Privathaus zu befinden, und zwar in einem, das wesentlich eindrucksvoller und vornehmer war als alle Häuser, die sie in ihrem Leben bisher betreten hatte. Sie hatte furchtbare Angst gehabt, dass sie irgendetwas schmutzig machen oder einen der schönen, antiken Tische umstoßen könnte.

Es half auch nicht gerade, zu sehen, dass sich Sergeant Pigram offenbar ganz wie zu Hause fühlte, so, als ob ihm eine solche Umgebung bestens vertraut wäre. Vielleicht war sie das ja auch.

Bill Pigram war anders als die meisten Polizisten, mit denen sie bisher gearbeitet hatte. Aber es war schwierig für Pat James zu sagen, worin genau dieser Unterschied bestand. Es hatte wohl damit zu tun, wie er redete, und zwar so wie der Besitzer einer prächtigen Villa, den sie einmal bei den Ermittlungen wegen eines Einbruchs in seinem Haus kennengelernt hatte. Es war eigentlich nicht affektiert oder arrogant, sondern eher eine Mischung aus Höflichkeit und natürlicher Autorität. Der Mann war irgendein hohes Tier im Londoner Außenministerium gewesen, und sie hatte gehört, dass Bill Pigram dort auch einmal tätig war.

Der Unterschied hatte aber auch mit seinem Auftreten zu tun, der Art zum Beispiel, wie seine keineswegs besondere Kleidung an ihm irgendwie doch besonders aussah, wie er ihr die Tür aufhielt, ihr in den Wagen half, und wie taktvoll er reagiert hatte, als sie sich im Obduktionssaal so lächerlich gemacht hatte.

Pat James machte sich keinerlei Illusionen darüber, wie willkommen sie dem Detective Sergeant war. So höflich und zuvorkommend er sich auch verhalten hatte, wusste sie doch im selben Moment, in dem sie mit Inspektor Grant sein Büro betrat, dass er sie nicht in seinem Team haben wollte, weil sie in seinen Augen eine bisher bestens aufeinander eingespielte Truppe störte. Aber sie war bereit, für ihr Recht zu kämpfen, als vollwertiges Mitglied anerkannt zu werden, zu zeigen, dass sie gut ausgebildet, fähig und überdurchschnittlich intelligent war und ebenso hart wie jeder männliche Polizist arbeiten konnte. Sie hatte ihre Probezeit erfolgreich absolviert, ihren dreimonatigen Kurs bei der Kriminalpolizei mit Auszeichnung abgeschlossen und nun ihre erste Stelle als qualifizierte Polizistin angetreten, fest entschlossen, ihre Kompetenz zu beweisen.

Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war sowohl die Wirkung, die der lockere Charme ihres hochgewachsenen, dunkelhaarigen Kollegen auf sie hatte, als auch die Tatsache, dass er plötzlich seine Haltung geändert zu haben schien und sie nun vollkommen akzeptierte. Sie hatte geglaubt, dass sie sich ihre Stellung im Team erst mühsam erarbeiten müsse, stattdessen hatte sie dieses Ziel anscheinend durch einen dummen Schwächeanfall erreicht. Sie war nicht sicher, ob ihr das gefiel, aber sie tröstete sich damit, dass sie bei diesem Fall noch ausreichend Gelegenheit haben würde, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Eigentlich war es für sie ein Glücksfall, dass gerade jetzt diese Leiche aufgetaucht war: Nun konnte sie zeigen, was wirklich in ihr steckte.

Unglücklicherweise mussten sie jedoch im Manor Park Hotel recht lange warten, bis die Rezeptionistin Zeit für sie hatte, was bewirkte, dass ihre Selbstsicherheit aufgrund der einschüchternden Umgebung merklich ins Wanken geriet; die Art, wie Bill Pigram dann diese junge Frau begrüßte, hatte die Situation für sie auch nicht gerade gebessert.

Was für eine gutaussehende Person sie war! Pat war immer sehr zufrieden mit ihrer zierlichen Figur gewesen, da sie frühzeitig bemerkt hatte, dass sie damit in den Männern einen Beschützerinstinkt weckte. Sie mochte das Theater, das sie um sie machten, und genoss ihre Verblüffung, wenn sie erklärte, dass sie Polizistin sei und mit hartgesottenen Verbrechern umgehen konnte. Sie wollte gar nicht größer sein, und es war auch nicht so, dass die Begegnung mit Darina Lisle das geändert hätte, aber sie erkannte plötzlich, dass eine Frau von solcher Größe einfach umwerfend attraktiv sein konnte. Sie hatte ein helles Strickkostüm und eine Seidenbluse getragen, die beinahe den gleichen Farbton hatte wie ihr langes Haar, das mit einem dunkelbraunen Band zu einem Zopf zusammengebunden war. Pat hatte nicht nur ihre Haare bewundert – sie wollte immer schon blond sein –, sondern auch das edle Material ihrer Kleidung, die schwere Kette, die ihr fast bis zum Bauchnabel reichte und aussah, als wäre sie aus echtem Gold, die Lacklederschuhe und die passende Handtasche. Pats Mutter, eine Friseurin, hatte ihr beigebracht, dass man eine wirkliche Dame am besten an der Qualität ihrer Schuhe und Handtasche erkannte. »Die Kleider sind gar nicht so wichtig, manche von den wirklich reichen Kundinnen sehen geradezu verboten aus, aber ihre Taschen und Schuhe sind immer erstklassig«, hatte sie gesagt. Nur kosteten sie eine Menge Geld, viel mehr, als sich Pat leisten konnte. Also versuchte sie, das Beste aus dem Angebot von Marks & Spencer zu machen, wo sie die meisten ihrer Kleider erstand. Dabei strebte sie den ›klassisch-eleganten Look‹ an, aber ein Blick auf Darina hatte ihr gezeigt, dass sie weit davon entfernt war, dieses Ziel erreicht zu haben.

Ein weiterer Blick auf Bill Pigram, als er aufsprang, um die Frau zu begrüßen, zeigte ihr, dass die beiden mehr als nur flüchtige Bekannte waren, ebenso, wie ihr die leuchtenden Augen der großen Blonden bei seinem Anblick bewiesen, dass sein Interesse erwidert wurde.

Als es ihr daraufhin nur mit Mühe gelungen war, ihre Aufmerksamkeit wieder auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs zu richten, fiel ihr auf, wie unbehaglich dem Besitzer des Hotels die Fragen über Sharon Fry zu sein schienen.

Das Gespräch mit Shirley Harris war recht kurz gewesen.

»Wir haben uns ein kleines Reihenhaus im Dorf nahe der Zufahrtsstraße geteilt, das war sehr praktisch«, hatte sie erklärt, nachdem sie sich in dem kleinen, aber perfekt ausgestatteten Büro hinter der Hotelhalle niedergelassen hatten. Sergeant Pigram saß hinter dem großen Schreibtisch, Shirley davor und Pat, die alles mitschrieb, auf einem Stuhl an der Wand.

»Ich habe Sharon kennengelernt, als wir uns am gleichen Tag hier für einen Job bewarben. Sie wollte eigentlich auch als Rezeptionistin arbeiten, aber Mr. Tennant hatte nur eine solche Stelle zu vergeben. Und dann meinte er, er brauchte auch eine Kellnerin, und Sharon hat eingewilligt. Ich glaube, sie hätte alles getan, um hier arbeiten zu können. Naja, Sie sehen ja selbst, was für ein schönes Haus das ist. Und sie behandeln ihre Angestellten wirklich gut, jedenfalls solange man seine Arbeit gut macht. Mrs. Tennant ist ein bisschen zickig, Sharon hatte ständig Schwierigkeiten mit ihr, aber Mr. Tennant ist meistens sehr nett.«

»Was hat Sie eigentlich dazu veranlasst, die Polizei anzurufen und Sharon als vermisst zu melden?«, gelang es Bill Pigram zu fragen, als sie eine kurze Atempause einlegte.

»Sie ist seit Samstag nicht nach Hause gekommen. Ich meine, ich weiß, dass sie auch vorher schon manchmal über Nacht weggeblieben ist, und außerdem hat sie gesagt, sie hätte eine Woche Urlaub und wüsste noch nicht genau, was sie in der Zeit machen würde, aber ich bin sicher, dass sie es mir gesagt hätte, wenn sie vorgehabt hätte, irgendwohin zu fahren, und heutzutage liest man ja immer so schreckliche Sachen in der Zeitung.« Shirleys hübsches Gesicht verzog sich zu einer ängstlichen Grimasse.

»Wo ist sie am Samstag hingegangen?«

»Sie hat nur gesagt, dass sie sich mit jemandem treffen wollte.«

»Wissen Sie auch, mit wem?«

»Das hat sie nicht gesagt. Das tut Sharon übrigens nie, und manchmal glaube ich, dass sie es selbst nicht weiß. Dann trifft sie irgendwo in einer Bar oder in einem Pub einen Typen, und wenn er ihr gefällt, ist die Sache klar.«

»Sie hatte ... hat« – Pat gefiel die Art, wie sich Sergeant Pigram rasch korrigierte und wieder in der Gegenwart sprach, schließlich hatte es keinen Zweck, Shirley Harris zu diesem Zeitpunkt mehr als nötig aus der Fassung zu bringen – »keinen festen Freund?«

Zum ersten Mal schwieg Shirley für eine Weile, um über ihre Antwort nachzudenken. Dann sagte sie zögernd: »Naja, es gab da wohl mehrere Männer, die sie mehr oder weniger regelmäßig getroffen hat. Und einmal sagte sie, dass sie glaube, bei einem von ihnen könnte sie es bald geschafft haben.«

»Was geschafft haben?«

»Ihn dazu zu bringen, sie zu heiraten.«

»Sie wollte heiraten?«

»Wollen das nicht alle Mädchen?«, erwiderte Shirley mit großen Augen.

»Heutzutage doch wohl nicht mehr«, warf Pat ein.

Shirley drehte sich zu ihr um und sah sie erstaunt an.

»Warum denn nicht?«

»Einige Frauen wollen einfach lieber einen Beruf, wollen Karriere machen und nicht ihr ganzes Leben damit verbringen, für Mann und Kinder zu sorgen.« Pat spürte, dass Bill Pigrams Blick mit erwachtem Interesse auf ihr ruhte.

Shirley zuckte mit den Schultern. »Ich hab’s nicht mit der Frauenemanzipation. Möglich, dass ich mit einem Mann zusammenleben würde, bis wir uns eine richtige Hochzeit und ein Haus leisten könnten, aber ich kann mir nicht vorstellen, überhaupt nicht zu heiraten.«

»Und dachte ... denkt Sharon genauso darüber?«

»Oh ja, obwohl ich ihr immer sage, dass ich nicht weiß, wie sie es jemals schaffen will, sich auf einen einzigen Mann festzulegen.«

»Und Sie glauben nicht, dass sie mit einem Mann irgendwohin gefahren ist?«

»Sie hat mir erzählt, sie würde diesen Mann nur auf einen Drink treffen.«

»Welchen Mann?«

»Den, mit dem sie ausgegangen ist.«

»Und Sie wissen nicht, wer das war?«

»Nein, das habe ich Ihnen doch schon gesagt.«

»Aber sie ist doch vorher schon mal ausgegangen und die Nacht nicht zurückgekehrt?«

»Naja, eigentlich nicht die ganze Nacht. Bis auf das eine Mal, als sie für ein paar Tage mit diesem Vertreter nach Morecombe gefahren ist. Er hatte ihr versprochen, sie in ein Luxushotel einzuladen, aber als sie zurückkam, meinte sie, es wäre nicht halb so schön gewesen wie unseres.« Shirley warf einen selbstzufriedenen Blick auf ihre Umgebung. Pat hatte mit Interesse verfolgt, wie sich ihr Verhalten während der Befragung verändert hatte.

Während sie in der Eingangshalle mit der Polizei und Mr. Tennant gesprochen hatte, war ihre Stimme ruhiger, ihre Aussprache gewählter gewesen und hatte damit ihrer dezenten Aufmachung entsprochen. Sie hatte ganz das Auftreten, das man von einer Angestellten eines solchen Hotels wie dem Manor Park erwarten konnte. Während sie dann von ihrer Freundin erzählte und zunehmend besorgter über ihr Verschwinden wurde, war ihre Redeweise immer ungezwungener geworden. Pat konnte sich gut vorstellen, dass sie für die unkonventionelle und attraktive Sharon eine passende, wenn auch etwas schüchternere Freundin gewesen war.

»Aber Sie glauben nicht, dass sie diesmal wieder auf eine Reise eingeladen wurde?«

Shirley kamen die Tränen. Sie zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und wischte sich damit über die Augen. »Ich weiß nicht!«, heulte sie. »Aber ich mache mir solche Sorgen. Sie hatte ja gar nichts dabei, kein Nachthemd, kein Kleid, gar nichts! Als sie am Sonntag nicht nach Hause kam, habe ich mich schon gewundert; und schon am Montag war ich so beunruhigt, dass ich beinahe die Polizei angerufen hätte. Aber dann dachte ich, dass sie vielleicht stocksauer auf mich wäre, wenn ich ihr die Polizei auf den Hals hetze, und sie ist bloß mit irgendeinem Typen zusammen. Gestern hab’ ich dann wirklich angerufen, aber gerade, als sich jemand meldete, ist Mr. Tennant ins Büro gekommen, und ich musste wieder auflegen. Da dachte ich, das wäre vielleicht ein Zeichen, dass sie wieder auftauchen würde, verstehen Sie? Aber das ist sie ja nicht, und heute Morgen war mir plötzlich klar, dass ich es jemandem erzählen muss.«

»Sie haben nicht mit Mr. oder Mrs. Tennant darüber gesprochen?«

»Sharon hat mir doch gesagt, dass sie die Woche frei hat. Es war also nicht so, dass sie bei der Arbeit fehlte. Und woher sollten die beiden denn wissen, wo sie war?«

In der Tat, woher?

Bill Pigram legte das Foto vor Shirley auf den Schreibtisch.

»Bitte sehen Sie sich das Bild noch einmal ganz genau an. Glauben Sie, dies ist Ihre Freundin?«

Details

Seiten
0
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960872856
ISBN (Buch)
9783960875642
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380482
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  • Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord Well Done: Darina Lisles dritter Fall (Krimi, Cosy Crime)