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Ljuba und der Reiter der Steppe (Historisch, Liebe, Abenteuer)

von Julia Lalena Stöcken (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

3000 v. Chr. – Die Kupferzeit in Osteuropa: Die Menschen der Ebene leben friedlich in Stammesverbänden zusammen und betreiben Ackerbau und Pferdezucht, doch immer wieder kommt es zwischen den Clans zu blutigen Kämpfen.
Bei einem solchen Überfall auf den Graslandclan geraten die junge Ljuba und ihre Schwester in die Gefangenschaft des Schwarzen Fürsten Karan, der mithilfe seines Hauptmanns Cuska und dessen gefürchteten Kriegern die anderen Stämme in Angst und Schrecken versetzt. Um ihre Schwester zu schützen, geht Ljuba notgedrungen einen Handel mit Karan ein. Demütigung und Schmerz erwarten sie daraufhin beim Schwarzen Clan – bis sie plötzlich Hilfe von dem schweigsamen Hauptmann erhält. Und die Distanz zwischen den beiden reißt bald ein …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2017

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-236-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-526-0

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © DoubleBubble
adpic.de
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für meine Tochter,

die wunderbare Geschichten erzählt.

Prolog

Der kalte Lufthauch, der aus der Höhle wehte, brachte die Flamme der Fackel zum Tanzen. Wilde Schatten zuckten über den rauen, mit gelben Flechten überzogenen Fels.

Erregung rann wie ein einzelner kühler Regentropfen über den schlanken Rücken des Jungen. Augenblicklich stellten sich die feinen Haare in seinem Nacken auf. Die Nacht griff mit schwarzen Klauen nach ihm, aber der Feuerschein bewahrte ihn davor, von ihr gepackt und verschluckt zu werden. Er machte einen Schritt vorwärts und das Laub raschelte unter seinen Füßen, dann stand er wieder still. Es waren nicht die nächtlichen Geräusche des Waldes wie der schauerliche Schrei einer Eule oder das Knacken im Unterholz, die ihn erzittern ließen. Ehrfurcht durchströmte seine Adern. Vor ihm lag Jelens Höhle.

Der Junge war allein. Und er zauderte. Es war das erste Mal, dass er den heiligen Ort des Steppenreitervolks von selbst aufsuchte. Er wusste, dass sein Vater ihn nach seiner Geburt hergebracht hatte, um dem Hirschgott für den gesunden Sohn zu danken und ihm ein Opfer darzubringen. Dieses Ereignis jährte sich in diesem Sommer zum zwölften Mal. Inzwischen war er alt genug, um Jelens Höhle erneut zu betreten. Er hatte alles dafür getan, was notwendig war, damit ihm dieses Privileg zuteilwurde.

Jetzt stand der Junge wie angewurzelt davor und traute sich nicht, hineinzugehen. Er straffte die Schultern, streckte den Arm aus und leuchtete in den Höhleneingang, dann stieg er über eine Felsstufe ins Innere.

Drinnen schlug ihm die Mischung aus feuchtkaltem Muff der unterirdischen Welt und menschlichem Schweiß entgegen, die von dem Höhlenwind hinaufgetragen wurde. Die Männer warteten bereits auf ihn.

Der Junge beschleunigte seine Schritte, die dumpf von den Steinwänden des Tunnels widerhallten und ihn immer tiefer in den Felskamm hineinführten, der inmitten hoher Buchen aus dem Boden ragte. Er lauschte. Teile eines Gesprächs drangen an seine Ohren, aber die weitentfernten Stimmen wurden von den Felsen zerrissen, sodass ihn nur Fetzen erreichten. Der Junge folgte seinem Gehör, achtete für einen kurzen Augenblick nicht auf den Weg und stolperte über einen Stein. Er stürzte und ließ die Fackel fallen, um sich abzustützen, trotzdem schlug er sich das linke Knie auf. Die Fackel rollte über den abschüssigen Boden und blieb an der Felswand liegen. Der Junge biss die Zähne zusammen und rappelte sich wieder auf. Er ging hinüber und wollte sie eben aufheben, als sein Blick auf ein Bild an der Wand fiel.

Hartgeführte, dunkle Striche von der Dicke eines Zeigefingers fügten sich zu einer Gestalt zusammen. Im ersten Moment hielt es der Junge für einen Menschen, dann bemerkte er, dass das Wesen an der Wand zwar aufrecht stand, aber dass aus dem mit wilden Linien gezeichneten Kopfhaar ein schwarzes, weitverzweigtes Geweih und spitze Ohren erwuchsen. Der Rumpf schloss mit einem geschwungenen Tierschwanz ab. Das Gesicht war leer, während der Körper mit rotbrauner Farbe ausgemalt worden war. Es zeigte Jelen, den Hirschgott, das Totem des Steppenreitervolks, seit es aus den Weiten der kargen Tundra im Nordosten gekommen war, um eine gastlichere Heimat in der Ebene zu finden.

Der Junge streckte die Hand aus, um die markante Rückenlinie des Gottes nachzuziehen. Just als seine Fingerkuppen den kalten Fels berührten, zuckte ein Gedanke hell wie ein Blitz durch seinen Schädel. Gestern hatte er im dichten Unterholz des Waldes einen Hirsch gestellt, einen erstaunlich großen Bullen. Gewöhnlich nahmen die scheuen Tiere Reißaus oder verharrten reglos, um mit ihrer Umgebung zu verschmelzen, sobald sie einen Menschen gewahrten. Und der nur mit einem Lendenschurz bekleidete Junge war tatsächlich eine Gefahr, denn er war mit einer Handvoll Pfeilen und einem Bogen aus Eschenholz bewaffnet. Doch der Hirsch zeigte keine Furcht, wandte ihm den Kopf zu und starrte ihn aus dunklen Augen an. Der Junge war wie paralysiert – und senkte den Bogen. Eine Weile hatten sie sich still angesehen, dann hatte sich der große, muskulöse Hirschbulle umgedreht und war mit stolzen Schritten im Dickicht verschwunden.

Jetzt legte der Junge den Kopf schief. „Ob er es war?“

Wieder spülte der Höhlenwind Stimmen aus der Tiefe nach oben und holte ihn aus seiner Versunkenheit. Er bückte sich, sammelte die Fackel auf und eilte weiter durch den Tunnel.

Endlich erreichte er das Ende des Ganges, der in eine breite, flache Höhle mündete. Die Decke war gerade hoch genug, dass die Männer darin nicht den Kopf einziehen mussten. Es waren mehr als zwei Handvoll und sie bildeten einen Halbkreis vor dem Jungen. Alle waren in traditionelle Kleidung gehüllt, die aus einem Lendenschurz, Beinlingen und Stiefeln bestand und mit Perlen, Federn und Zähnen bestickt war. Klimpernde Knochenketten lagen um ihre Hälse. Einige trugen Fackeln, deren kupfernes Licht auf nackte, muskulöse Oberkörper fiel. Sie hatten lange, geflochtene Zöpfe aus hellem Haar und kurzgeschnittene Bärte.

Der Junge blieb im Eingang der Höhle stehen. Wieder breitete sich Gänsehaut auf seinem Körper aus, aber es lag nicht daran, dass auch er nur einen Lendenschurz und weiche Lederschuhe trug. Er fror nicht, im Gegenteil, die Aufregung wälzte das heiße Blut schneller durch seine Adern. Schweiß benetzte seine Handflächen. Im Fackellicht wirkten die grauen Tätowierungen, die Schultern und Brust aller Anwesenden bedeckten, schwarz. Nur einer trug keine Zeichen auf seinen schlanken Gliedern – er selbst.

„Komm her“, sagte der Schamane. Er hatte als einziger einen Umhang angelegt, gefertigt aus rotbraunem Hirschfell, der ihm weit über den hageren Rücken fiel. Die Kapuze, die mit runden Geweihscheiben verziert war, hatte er weit nach hinten über seinen grauen Haaransatz geschoben. Sein Gesicht war mit rotem Ocker bemalt, der im Feuerschein regelrecht glühte. Er lächelte und entblößte schlechte Zähne in einem dunklen Gaumen. „Komm.“

Der Junge trat in den Halbkreis der Jäger. Sein Blick fuhr über die ausdruckslosen Mienen der Männer. Einer, groß und bullig, mit mächtigen Muskeln an den Oberarmen, grinste ihn an. Daneben stand mit angespanntem Ausdruck Labi, sein Vater.

„Hat er alle Prüfungen bestanden?“, fragte er.

„Hat er alle Prüfungen bestanden? Hat er alle Prüfungen bestanden?“, wiederholten die Männer leiser.

Der Junge nickte.

Sein Vater blickte ihn streng an. „Dann soll er antworten.“

„Er hat jede Prüfung, die man ihm auferlegt hat, bestanden.“

Ein heller Funke blitzte in Labis Augen. „Welche waren das?“

„Er hat ein Pferd zugeritten.“

„Was noch?“

„Er hat einen Speer gefertigt.“

„Was noch?“

„Er hat mit diesem Speer gejagt.“

„Was hat er gejagt?“

„Ein Reh.“

„Was war die letzte Prüfung?“

„Er hat einen Mond allein in den Wäldern gelebt.“

Labi verengte seine Augen. „Dann hat er alle Prüfungen bestanden.“

„Er hat alle Prüfungen bestanden“, raunten die Jäger. „Er hat alle Prüfungen bestanden.“

„Schamane!“, rief Labi.

Der Mann mit der Kapuze schlurfte einen Schritt näher.

„Du hast die Geister angerufen?“

„Ja.“

„Was haben sie dir gesagt?“

„Sie haben gesagt, dass der Junge einen Namen haben soll.“

„Welchen Namen?“

„Er ist unter dem Hirschmond geboren“, sagte der Schamane. „Die Geister sagen, er hat eine besondere Verbindung zu Jelen.“ Er sah den Jungen durchdringend an. „Sein Name lautet Cuska – wie die Schlange, die Jelens Gefährtin ist.“

Die Männer brummten zustimmend. Labi trat vor und legte eine Hand auf die Schulter seines Sohnes. Seine Finger fühlten sich kühl auf der fiebrig heißen Haut des Jungen an, und er zuckte leicht unter der Berührung.

„Cuska.“ Labi nickte zufrieden, dann wandte er sich an den Schamanen: „Verleih ihm die Zeichen.“

„Ja“, antwortete der und bedeutete dem Jungen, ihm zu folgen. Er führte ihn zu der rechten Seite der Höhle, wo ein Fellteppich auf dem Boden lag, der Cuska zuvor nicht aufgefallen war. Trommelschläge erklangen und vibrierten in seiner Brust. Er warf einen Blick zurück zu den Jägern. Zwei hatten sich auf den nackten Felsboden gesetzt und schlugen rhythmisch auf kleine ziegenfellbespannte Trommeln, während ein dritter einer kleinen Knochenflöte schrille surrende Töne entlockte. Eine Handvoll Männer begann in der Mitte des Raums zu tanzen.

„Setz dich“, bedeutete ihm der Schamane freundlich.

Der Junge fuhr herum und ließ sich hastig mit überkreuzten Beinen neben dem Zauberer nieder. Die Musik brachte seinen Kopf zum Schwirren.

„Es wird wehtun. Hast du Angst?“ Der Mann nahm eine riesige knöcherne Nadel in die Hand. Sie hatte die Länge eines menschlichen Oberarms.

„Nein.“ Der Junge schüttelte den Kopf. „Ich vertraue dir.“

Der Schamane lächelte. „Sei vorsichtig, wem du dein Vertrauen schenkst. Du siehst nicht, wer sich hinter der Maske versteckt.“ Er zeigte mit der freien Hand auf sein rotbemaltes Gesicht.

„Dann soll ich mich vor dir fürchten?“

Der Zauberer beugte sich zu Cuskas Schulter vor und schob die Spitze der Nadel unter die weiche, empfindliche Haut.

Der Junge spannte seine Muskeln an. „Nein, aber es gibt auch böse Schamanen.“

1. Kapitel

Ein Jahr später

Der dumpfe Schlag, der von einer großen Faust herrührte, die auf den festgestampften Lehmfußboden niederfuhr, ließ das Mädchen zusammenfahren. Bojana sah von ihrer Näharbeit auf und hinüber zu ihrem Onkel, der auf der anderen Seite der großen Hütte in einem Kreis von Männern saß.

Winzige Staubfedern schwebten um seine Hand und glitzerten im Sonnenlicht, das wie eine schmale Säule durch den Rauchabzug fiel. Sein rötlichbrauner Bart leuchtete wie Feuer, die dunklen Augen wirkten ungewöhnlich hart. „Ich werde es nicht mehr dulden, dass sie unsere Herden überfallen und unsere Pferde stehlen!“, knurrte Ando, der Sippenführer des Graslandclans – und Bojanas Onkel. Die ernsten Gesichter der Ratsmitglieder waren ihm zugewandt, aber niemand sagte etwas.

Ando senkte seinen Blick auf die Glutreste in der Kochstelle vor sich, die dabei waren, unter einer dicken grauen Ascheschicht zu ersticken. Die schmutzigen Tontassen, aus denen die Männer zuvor frischgebrühten Tee getrunken hatten, stapelten sich neben ihm.

Draußen erfüllte der Duft von süßem Frühlingsgras die Luft, aber in der Hütte des Sippenführers roch es nach Schweiß. Es war stickig und warm, aber das lag nicht an der Sonne, die die Außenwände der runden Hütte aufheizte. Lehm besaß die Eigenschaft, die Wärme aufzunehmen, aber nicht weiterzugeben. Deswegen war es in den Behausungen des Graslandclans, die sich dicht an dicht in einer Talsenke der Ebene aneinanderschmiegten, im Sommer angenehm kühl und im Winter warm. Der Lehm war kostbar und nur am Rande der Steppentundra, die sich im Osten an die Ebene anschloss, in den ausgetrockneten Flussläufen zu finden. Die Männer hackten den Lehm heraus und beförderten ihn auf Stangenschleifen zurück zum Lager, wo er erst mit Getreidehalmen gemagert werden musste, bevor er zum Verputzen der Wände oder als Bodenbelag weiterverwendet werden konnte.

Die schlechte Luft rührte von den vielen Menschen in Andos Hütte, die über wichtige Dinge zu sprechen hatten.

Bojana verhielt sich ganz still. Sie hatte nie Schwierigkeiten mit ihrem Onkel gehabt, aber wenn seine Laune so war wie jetzt, dann zog man besser nicht seine Aufmerksamkeit auf sich. Bojana stach die Knochennadel in das feine, geschmeidige Ziegenleder, aus dem sie eine kleine Kappe für das Baby machen wollte, und zog die dünne Sehne hindurch. Ihre Augen waren an das fahle Licht der Hütte gewöhnt, genauso wie ihr Verstand daran gewöhnt war, zuzuhören und nachzudenken, während ihre Finger weiterarbeiteten. Keiner der Männer beachtete sie. Es schien, als hätten sie ganz vergessen, dass sie da war. Und solange das der Fall war, durfte sie bleiben.

„Was hast du vor, Ando?“ Die tiefe, schartige Stimme, die an einen Sägestein erinnerte, der sich in splittriges Holz fraß, klang misstrauisch.

Bojana brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, dass der Schamane des Stammes gesprochen hatte.

„Ich will sie angreifen! Niemand darf so mit dem Graslandclan umgehen“, antwortete ihr Onkel hasserfüllt. „Dusan soll sich hüten, uns zu unterschätzen!“

Auf seine Worte folgte angespanntes Schweigen. Bojanas Herz pochte heftig. Sie wusste genug von den Clanangelegenheiten, um die Tragweite seiner Forderung zu verstehen. Die Männer des Stammes sollten kämpfen. Es würde Verletzte geben, Tote. Unter gesenkten Lidern beobachtete sie die Ratsmitglieder, die sich gegenseitig besorgte Blicke zuwarfen.

„Du willst sie angreifen?“, fragte jemand.

Ando nickte. „Nicht das Hauptlager“, erwiderte er. „Das Sommerlager.“

Der Schamane strich sich mit nachdenklicher Miene über den langen, dünnen Bart. Plötzlich klatschten die Tierhäute, die vor dem Eingang der Hütte hingen, aneinander. Bojana drehte sich ruckartig zu dem Geräusch um und entdeckte ein kleines Mädchen mit wilden dunklen Locken in der Tür. Alle Blicke richteten sich auf Andos Tochter, die die Männer ihrerseits mit riesigen Augen anstarrte und ängstlich auf ihrer Unterlippe kaute, ein geschnitztes Holzpferd unter den Arm geklemmt.

Ando räusperte sich. Die Störung war ihm sichtlich peinlich, aber während er jemand anderes deswegen angebrüllt hätte, wandte er bei seiner Tochter lediglich den Blick ab. „Letztes Jahr haben sich die Steppenreiter Dusan unterworfen“, sagte er in die Runde, und die Ratsmitglieder wandten sich wieder ihrem Sippenführer zu.

Bojana legte die kleine Kappe beiseite und streckte die Hände nach ihrer Base aus, die noch immer zitternd im Eingang stand. Sofort rannte Ljuba zu ihr und warf sich an ihre schmale Brust. Sie zog sie auf ihren Schoß und legte die Arme fest um sie. Vor zwei Jahren waren Bojanas leibliche Eltern an einer furchtbaren Krankheit gestorben. Seitdem lebte das Mädchen bei seiner Tante und deren Familie. Besonders die Kinder hatte Bojana ins Herz geschlossen. Andos Sohn war mit zehn Jahren im selben Alter wie sie, Ljuba war sechs Sommer alt und ihre jüngere Schwester vier. Und ihre Tante war wieder schwanger.

„Noch ein Stamm, der sich Dusan beugt“, hörte sie einen Mann sagen.

„Wie viele sind es jetzt?“, fragte ein anderer.

„Mit den Steppenreitern drei“, antwortete Ando düster.

„Hm“, machte der Schamane. „Der Graslandclan zählt viele Mitglieder, der Schwarze Clan ist nicht einmal halb so groß – warum sollten wir uns von Dusan bedroht fühlen?“

Bojana bemerkte die Besorgnis in den Augen ihres Onkels, die den hübschen Hinterkopf seiner Tochter fixierten. Auch wenn er es nie aussprach, ahnte sie, dass Ljuba sein Liebling war. Sie war ein ruhiges, zurückhaltendes, aber auch sehr furchtsames Kind und das absolute Gegenteil von ihrer jüngeren Schwester Dafina. Das Holzpferd, das Ljuba im Arm hielt, hatte Ando für sie geschnitzt. Bojana konnte sich genau daran erinnern, wie er es Ljuba geschenkt hatte. Ihr helles, glückliches Lachen klang noch in ihren Ohren nach. Andos Augen hatten nie so warm und gütig ausgesehen wie in diesem Moment.

„Im Herbst haben sie zwei Mädchen in der Nähe des Dorfes entführt. Von den geraubten Pferden fange ich gar nicht erst an“, berichtete der Sippenführer. „Und im letzten Mond haben sie zwei Äcker im Norden angesteckt. Ein Großteil des jungen Emmers ist verbrannt. Beim Angriff gab es vier Verletzte, einer ist tot. Wie viele Tote kannst du verschmerzen, Schamane?“

„Genauso haben sie es mit dem Steppenreitervolk gemacht“, murmelte eins der Ratsmitglieder, während der Zauberer augenscheinlich über Andos Worte nachdachte.

Er schob das Kinn vor, zog die Mundwinkel weit nach unten und kratzte sich am Hals. „Es wird mehr Tote geben, wenn du sie angreifst“, erwiderte er.

Ando schnaubte, aber bevor er antworten konnte, kam ihm ein anderer zuvor: „Sie werden uns für schwach halten, wenn wir nicht kämpfen. Und eines Tages werden sie unser Dorf überfallen.“

Der Schamane nickte bedächtig. „Das ist wahr“, gab er zu. „Wann willst du den Schwarzen Clan angreifen, Ando?“

„Sobald sie ins Sommerlager umgesiedelt sind.“

„Wann wird das sein?“

„Beim nächsten vollen Mond.“

Es kam Bojana vor, als hielten alle Anwesenden die Luft an, während der Schamane das Für und Wider abwog. Endlich erklärte er: „Ich bin einverstanden. Wer noch?“

Zögernd schlossen sich vier der sieben Ratsmitglieder an. Nur zwei stimmten gegen Andos Vorschlag. Zum ersten Mal seit die Versammlung begonnen hatte, sah Bojana ihren Onkel lächeln. Sein Grinsen glich dem Zähnefletschen eines Wolfs und sie erschauerte.

„Dann ist es beschlossen“, sagte er. „Lasst uns den Ablauf des Angriffs durchgehen.“

Bojana hörte nicht mehr zu. Sie sah auf den dunklen Haarschopf an ihrer Schulter. Sie spürte Ljubas Herzschlag, der im Einklang mit ihrem eigenen schlug. Ihre Base wirkte so hilflos auf sie, als müsste sie vor allem beschützt werden. Bojana legte ihr Kinn auf den Scheitel des kleinen Mädchens und sog den Geruch der Locken ein. Angst schlich sich wie ein lautloses Raubtier in ihr Herz. Hoffentlich ging bei Andos Plan alles gut. Sie hatte ein schlechtes Gefühl, aber ihrem Onkel davon zu erzählen, wäre unsinnig. Sie war nur ein Mädchen, das Furcht verspürte – mehr nicht. Bojana drückte ihre Lippen auf das weiche Haar ihrer Base. Sie würde sie beschützen, was auch passieren mochte.

 

***

 

„Gehst du wirklich mit Vater ins Sommerlager?“, fragte Karan und sah seinen Bruder mit leuchtenden Augen an.

Tarin nickte lächelnd. Er stellte einen Fuß auf den dünnen Holzbalken des Zauns, der die Koppel eingrenzte, hob das Bündel von seiner Schulter und ließ es zu Boden gleiten. Er schnalzte mit der Zunge. Sofort löste sich eine schwarze Stute mit einer weißen Zeichnung auf der Stirn aus der kleinen Herde und trabte auf ihn zu. Der junge Mann streckte die Hand aus und berührte den hellen Streifen, der vom Punkt zwischen den Augen bis hinunter zum Maul verlief. Die Stute wieherte leise. Die Sonne brachte ihr dunkles Fell zum Leuchten und offenbarte das fleckenartige Muster, das bei herkömmlichen Lichtverhältnissen nicht sichtbar war.

In den Bergen, wo der Schwarze Clan sein Lager in einem von hohen Felswänden umschlossenen Tal aufgeschlagen hatte, dauerte der Winter länger als in der Ebene. Doch inzwischen stand die Sonne so hoch, dass ihre Strahlen über die Gipfel reichten und die vereisten Pässe freischmolzen. Es war so warm, dass Tarin auf seine dicke Felljacke verzichtet hatte und nur eine knielange Tunika aus gegerbtem Ziegenleder und passende Beinlinge trug. Seine Winterstiefel hatte er gegen weiche Lederschuhe getauscht.

„Ich möchte auch mitkommen!“, rief sein kleiner Bruder empört.

Tarin grinste. „Du bist zu klein, um Vater eine Hilfe zu sein, Karan“, stichelte er. Er zog ein Zaumzeug, geflochten aus Pferdehaar mit hübsch verzierten Trensenknebeln aus Geweih, aus seinem Reisebündel und duckte sich unter der Querstrebe des Zauns hindurch.

Karan schnaubte.

Während Tarin der schwarzen Stute den Zaum anlegte, sah er mit einem Seitenblick, wie sein Bruder die Fäuste ballte. Er ignorierte Karans Geste und streichelte liebevoll den langen, muskulösen Hals der Stute. Sie gehörte ihm allein. Vater hatte sie ihm geschenkt.

Tarin war einer der Ersten gewesen, der vor einem Jahr zu reiten gelernt hatte. Der Schwarze Clan war nicht beritten gewesen, bis ihm das Steppenreitervolk vier Handvoll rappwindfarbener Pferde für den vereinbarten Frieden überlassen hatte. Die Stuten waren an den Umgang mit Menschen gewöhnt und zum Reiten ausgebildet. Dafür mussten die Männer des Schwarzen Clans erst noch lernen, welchen Preis die Freiheit kostete, auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen. Eine Stute brauchte viel Futter und vier Handvoll Stuten umso mehr. Heu musste in der Ebene geschnitten und für den Winter bevorratet werden. Zudem wollten die Tiere auch dann regelmäßig bewegt werden, wenn ihr Dienst nicht vonnöten war. Im Winter mussten sie sogar trocken gerieben werden, um nicht zu erkranken. Ein Pferd zu besitzen machte viel Arbeit, aber der Schwarze Clan verfügte über genügend Sklaven, die diese Aufgaben übernahmen. Drei Jungen hatte das Steppenreitervolk im letzten Sommer nach den Verhandlungen mit Dusan geschickt, damit sie den Männern alles über die Haltung von Pferden beibrachten. Einer von ihnen, wortkarg und ruhig, sein Name war Cuska, hatte Tarin das Reiten beigebracht. Und er hatte schnell gelernt. Erfüllt von väterlichem Stolz hatte Dusan seinem erstgeborenen Sohn eine der schwarzen Stuten geschenkt.

Tarin führte die Stute am Zaun entlang zu einem Gatter, das nur aus einem schweren Balken bestand, der in einer Halterung lag, sodass man ihn herausheben konnte.

Karan lief außerhalb des Geheges neben ihm her. „Warum kann ich nicht mitkommen?“

„Weil du noch nicht initiiert worden bist“, antwortete Tarin. „Nur die erwachsenen Männer gehen ins Sommerlager.“

„Warum?“, wollte Karan wissen.

Tarin zuckte mit den Achseln. „War schon immer so.“

Karan verzog beleidigt den Mund. „Ich wäre Vater eine große Hilfe!“

Tarin blieb stehen, die Stute tat es ihm gleich, und er sah den Jungen mit den dunklen wuscheligen Haaren nachdenklich an. „Das wärst du, Bruder. Ganz bestimmt.“

Für Tarin war es das erste Mal, dass er ins Sommerlager ging. Es lag außerhalb des Tals und weit hinter den Bergen. Das offene Land der fruchtbaren Ebene war das Zuhause vieler Stämme. Von Zeit zu Zeit wurde Tauschhandel betrieben. Es fanden Treffen statt und manchmal folgte eine Frau einem Mann, um mit ihm bei seinen Leuten zu leben, aber die meiste Zeit blieb jeder Stamm für sich. Der Schwarze Clan hatte sich im Westen am Rande der Ebene in einem Gebirge niedergelassen. Nordöstlich von dort, kurz bevor die Tundra begann, lebte das Steppenreitervolk und im Südosten, wo die Weiden am fruchtbarsten waren, hatte der größte Stamm der Ebene sein Lager: Der Graslandclan. Dahinter erstreckte sich die raue Steppe, wo die großen Rentierherden lebten und Menschen, die eine andere Sprache sprachen als sie. Neben diesen drei Stammesverbänden gab es noch eine Reihe kleinerer, und für alle galt das unausgesprochene Gesetz: untereinander Frieden halten.

Doch das Gesetz war gebrochen worden.

Dusan, der Fürst des Schwarzen Clans hatte Überfälle auf die anderen Stämme befohlen. Tarin war sich nicht sicher, was sein Vater damit bezweckte, aber es hatte ihnen die Pferde eingebracht und neue Sklaven. Und es war nicht an ihm, an seinem Vater zu zweifeln.

Im späten Frühling, sobald die Pässe frei waren, zog ein Großteil der jungen Männer und einige Frauen in das Sommerlager um. Die Berge mochten den Schwarzen Clan vor Feinden schützen, aber sie gaben nicht genug her, um die wachsende Gemeinschaft zu ernähren, und die Abgaben, die die unterworfenen Stämme in Form von Getreide und Vieh leisteten, waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Deswegen mussten sie während der warmen Jahreszeit genügend Vorräte für den Winter anlegen. Jedes Jahr schlugen sie ihr Lager an einem Fluss östlich des Gebirges auf, um zu jagen, zu fischen, Korn zu ernten, das wild auf den Wiesen wuchs, und im nahegelegenen Wald Holz für die Herdfeuer und den Bau der großen Langhäuser zu schlagen.

Im letzten Jahr hatte eine Handvoll Jungen und Mädchen die Pferde auf die höher gelegenen Bergweiden getrieben und den Sommer über gehütet. Doch in diesem Jahr hatte der Fürst des Schwarzen Clans beschlossen, die Pferde mit in die Ebene zu nehmen. Vier Tage zuvor war ein Trupp zu Fuß aufgebrochen, um den langen Pass durch die Berge zu nehmen, der zu den üppigen Weiden führte. Sie sollten die Zelte aufbauen und ein Gehege für die Stuten errichten. Heute würden die Übrigen mit den Tieren nachkommen, und Tarin gehörte zu den besten Reitern. Das war der Grund, warum ihn sein Vater dabeihaben wollte, wenn sie die Pferde zum ersten Mal aus dem Tal führten. Zudem war Tarin bei weitem alt genug, um ihn zu begleiten.

„Ich werde ein großer Jäger, Tarin. Und dann werde ich ins Sommerlager gehen!“, rief Karan und schob seinen Kiefer trotzig vor.

Tarin sah die Entschlossenheit in den braunen Augen seines Bruders lodern. Liebe wallte in ihm auf. Er wollte eben etwas erwidern, da machte Karan kehrt und stampfte den sandigen Weg zurück zu den Häusern oberhalb der Anhöhe, kleine Staubschwaden mit den Füßen aufwirbelnd. Tarin sah ihm nach, ehe er sich wieder in Bewegung setzte. „Das wirst du“, murmelte er, „und dann begleite ich dich.“

Er steuerte mit seiner Stute auf das Gatter zu, nahm kurz eine Hand vom Zaum, um den Balken anzuheben, dann führte er das Pferd hinaus. Die drei Stuten, die noch auf der Koppel standen, sollten den Sommer im Tal verbringen. Dusan wollte sofort benachrichtigt werden, falls etwas im Hauptlager passierte.

Eine Sklavin hastete mit einer meckernden Ziege, die sie an einem Strick hinter sich her zerrte, an Tarin und seiner Stute vorbei, als er den kürzesten Weg zum östlichen Pass einschlug. Schweiß glitzerte auf ihrem schmutzigen Gesicht. Sie schnaufte.

Tarin hörte Kinderlachen, dann ein lautes Heulen. Er entdeckte Jungen, die sich gegenseitig jagten. Einer war hingefallen und hatte sich das Knie aufgeschlagen. Die anderen beachteten ihn nicht und tobten weiter.

Das Leben im Dorf ging seinen gewohnten Gang. Keiner bemerkte ihn. Und es ärgerte Tarin, dass niemand Anteil an seinem Glück nahm. Als er an den beiden strohgedeckten Langhäusern vorbeimarschierte, verfinsterte sich sein Gesicht. Ein spitzer Stein bohrte sich in die Sohle seines rechten Schuhs und er starrte verdrießlich zu Boden.

Plötzlich ertönte eine heisere Stimme: „Bist du so weit?“

Tarin hob den Blick, beschattete seine Augen vor der Sonne und sah die großen schwarzen Silhouetten der beiden Reiter und ihrer Pferde. Er konnte ihre Gesichter nicht erkennen, aber seinen Vater hatte er bereits an der markanten Stimme ausgemacht. Der andere war höchstwahrscheinlich sein Vetter Darko. Tarin nickte eifrig. Beim Näherkommen sah er, dass der linke Reiter grinste. Selbst im Schatten leuchteten die kräftigen, hellen Zähne seines Vaters.

„Dann komm.“ Dusan lenkte sein Pferd herum und ritt los. Der zweite Reiter folgte ihm.

Tarin zog sich eilig an der dunklen Mähne seiner Stute auf deren Rücken, presste dem Pferd mit leichtem Druck die Fersen in die Flanken und schnalzte. Sogleich fiel das Tier in einen schnellen Trab. Tarin holte die anderen ein und lenkte seine Stute neben Dusans. Aus den Augenwinkeln beobachtete er seinen Vater.

Dusan war kein großer Mann, nichtsdestotrotz war er eine imposante Erscheinung. Er war muskulös, mit einem sehnigen Hals und tiefen Furchen in seinem kantigen Gesicht. Sein dunkles, schulterlanges Haar war mit schmutziggrauen Strähnen durchsetzt. Der dichte, kurzgeschnittene Bart war vollständig ergraut. Er wirkte älter, als er tatsächlich war.

Der Reiter auf Dusans anderer Seite beugte sich vor und grinste Tarin an. Darko war eine Handvoll Jahre älter als er und schon mehrere Male im Sommerlager gewesen. Er musste die Vorfreude in Tarins Gesicht gesehen haben, denn er zwinkerte ihm zu, und dem Jungen stieg die Hitze in die Wangen. Schnell richtete er den Blick nach vorne.

Sie ritten aus dem Dorf und über eine Wiese mit leichtem Gefälle, die übersät war mit kleinen gelben Blüten, und hielten auf die dunklen Berge zu. Der östliche Pass fraß sich wie eine klaffende Wunde in den Fels und warf einen breiten Streifen Licht in das Tal. Eine Gruppe von Männern wartete im Schatten der Berge auf sie. Alle waren beritten und einige führten zusätzliche Packpferde mit sich. Nur eine einzelne schmale Gestalt war zu Fuß. Sie stand neben einem großen grauen Pferd, das Gesicht in Tarins Richtung gewandt. Als er sie erkannte, zuckte er heftig zusammen. Ruckartig drehte er sich zu seinem Vater um. „Was tut Mutter hier?“

In Dusans Gesicht regte sich kein einziger Muskel. „Auf Wiedersehen sagen“, erklärte er knapp.

Tarin verglühte geradezu vor Scham. Er stierte auf den Widerrist seiner Stute. Wie mochte es auf die anderen Männer wirken, dass seine Mutter ihn verabschieden wollte? Seine Zähne knackten laut. Die drei Reiter erreichten die anderen und hielten an.

Die Frau mit dem dicken dunklen Zopf kam auf Tarin zu. Sie stellte sich neben seine Stute und streichelte ihre Blesse, ohne ihren Sohn anzusehen.

Tarin rutschte unbehaglich mit dem Hinterteil auf dem Rücken des Pferdes hin und her.

„Ich wünsche dir eine gute Reise, mein Sohn“, sagte Rajka. Sie sah immer noch nicht auf. „Komm gesund zurück.“ Dann wandte sie sich ab und ging ohne ein weiteres Wort davon.

Tarin öffnete erstaunt den Mund. Er hatte erwartet, dass sie ihn in den Arm nehmen, ihn küssen wollte. Sein Magen klumpte sich zusammen. Plötzlich wünschte er sich, sie hätte es getan. Er sah ihr nach, wie sie über die Wiese zurück ins Dorf ging und sich immer weiter entfernte. Würde sie sich wenigstens umdrehen? Er hörte den Befehl zum Aufbruch dicht an seinem Ohr und das Klappern der Hufe auf dem felsigen Untergrund, als sich der Trupp in Bewegung setzte, aber er rührte sich nicht.

„Komm, Tarin!“

Widerwillig riss Tarin seinen Blick von der kleiner werdenden Gestalt seiner Mutter und nickte Dusan zu, dann bedeutete er seiner Stute, loszutraben.

 

***

 

Feiner Niesel nahm Karan die Sicht. An diesem Morgen war der Himmel in dichtes Grau gehüllt, kein Sonnenstrahl vermochte durch die Wolkenmauer zu brechen, Regentropfen dagegen zuhauf. Das struppige dunkle Haar des Jungen sog sich mit Wasser voll und klebte an seinem Kopf.

Gemächlich schlenderte er in der Siedlung umher, während die anderen Leute durch den Regen hasteten, um nicht allzu nass zu werden. Sein Blick war auf einen kleinen Kiesel gerichtet, den er lustlos vor sich her stieß. Der Sandweg war zu festgetreten, um matschig zu werden, aber der Kies knirschte unter seinen durchnässten Lederschuhen. Der nächste Tritt versenkte den Stein in einer Pfütze, die sich in einer Mulde gebildet hatte. Karan blieb stehen, glotzte in das schmutzige Wasser und zog geräuschvoll die Nase hoch.

Elf Sommer zählte er, aber er fühlte sich nicht mehr wie ein Kind. Er verspürte keine Lust, mit den Gleichaltrigen zu spielen. Er wollte reiten lernen, jagen und kämpfen! Der Steppenreiterjunge war nur ein Jahr älter gewesen als Karan, als er in den Kreis der Jäger seines Stammes aufgenommen worden war. Er hatte ihm selbst erzählt, dass er schon im Alter von acht mit seinem Onkel auf die Jagd gegangen war. Karan war neidisch auf den Sklaven, denn er besaß all das Wissen, was er sich aneignen wollte.

Dusan hatte gesagt, dass die Ausbildung seines zweitgeborenen Sohns frühestes im nächsten Sommer beginnen würde. Und erst wenn er so alt war wie Tarin jetzt, durfte er sich als Mann bezeichnen, und das auch nur, wenn der Stammesrat ihn als solchen anerkannte. Karan knirschte mit den Zähnen. Sein Vater beschwerte sich oft über die alten Männer, die ihn nicht handeln ließen, wie er wollte. Karan fragte sich, warum es einen Rat gab, wenn dieser kluge Ideen nicht verstand. Dumme Ratsmitglieder – sie schafften Gesetze, die keinen Sinn machten.

Am liebsten wäre Karan seinem Vater und Tarin ins Sommerlager gefolgt. Im Kopf hatte er es viele Male durchgespielt. Dann hatte er seine Sachen gepackt, war des Nachts aus der Holzhütte, die er seit drei Handvoll Tagen nur mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder Dajan bewohnte, geschlichen, hatte sich ein Pferd geholt und war den östlichen Pass hinuntergeritten. Doch das waren Tagträume, denn Karan konnte nicht reiten. Noch nicht.

Der Junge nieste. Er wischte sich mit dem Handrücken den Rotz von der Nase. Seine Ledertunika war tropfnass, fühlte sich kalt an auf seiner Haut und scheuerte. Er war schon viel zu lange draußen im Regen. Bestimmt hatte seine Mutter inzwischen das Mittagessen bereitet. Er sah auf und wollte eben kehrtmachen, um zum Haus des Stammesfürsten zurückzutraben, als er eine dunkle Gestalt auf dem Hauptweg bemerkte. Karan blinzelte den Regen fort.

Die Gestalt kam geradewegs auf ihn zu. Es war ein Mann, gehüllt in einen Umhang aus schwarzen Rabenfedern, an denen Myriaden von glänzenden Tropfen hingen. Erregung rieselte wohlig wie ein Sommerschauer sein Rückgrat hinab. Mit Verwunderung stellte Karan fest, dass keiner der wenigen Dorfbewohner den Fremden auf sein Erscheinen ansprach. Wie angewurzelt stand der Junge da und ließ den Mann näherkommen. Er blieb nur eine Speerlänge von Karan entfernt stehen. Ein schiefes Lächeln lag auf den schwarzbemalten Lippen inmitten eines hageren Gesichts. Ein Tropfen zitterte an der Spitze der langen Nase. Die Augen waren unter der Kapuze verborgen und Karan reckte unwillkürlich den Hals, um darunter zu spähen. Das Grinsen des Fremden vertiefte sich.

„Wer bist du?“, fragte der Junge misstrauisch.

„Man nennt mich Vater der Krähen. Ich möchte mit Dusan sprechen.“

Die Stimme des Mannes war klangvoll und erstaunlich klar und drang in Karans Brust, wo sein Herzmuskel in kräftigen Stößen das Blut in seine Adern drückte.

„Mein Vater ist nicht da“, antwortete er zögerlich.

„Dusan ist dein Vater? Wo ist er?“

„Im Sommerlager.“

„Ah“, machte der Fremde und lächelte wieder.

„Meine Mutter ist da“, murmelte Karan.

„Bringst du mich zu ihr?“

Der Junge nickte, wirbelte herum und lief durch den Regen. Mit patschenden Schritten erreichte er das Holzhaus mit dem Dach aus nassem, grauem Stroh und steckte seinen Kopf zur Tür herein.

Seine Mutter saß mit Dajan am Feuer und hob den Blick. „Wo warst du?“, fragte sie scharf.

„Wir haben Besuch!“, rief Karan bloß und trat wieder nach draußen, um dem Fremden, der ihm langsam hinterhergetrottet war, die Türvorhänge aufzuhalten.

Der Mann mit dem Rabenfederumhang betrat die Hütte. Über seine niedrige Schulter hinweg sah Karan, wie seine Mutter aufsprang. Ihre Züge verwandelten sich in eine verzerrte Fratze, eine Mischung aus Furcht und Wut spiegelte sich in ihnen. Sein kleiner Bruder versteckte sich hinter Rajkas Rücken. Sie funkelte den Besucher herausfordernd an. „Was willst du hier, Schamane?“, knurrte sie.

Schamane? Wieder erfasste Karan dieses merkwürdige Prickeln. Er runzelte die Stirn.

Rajkas Augen richteten sich auf ihn. „Karan!“, rief sie schrill. „Komm her!“

Nicht sein Gehorsam, sondern die Verwunderung über die Panik in der Stimme seiner Mutter brachte ihn dazu, ihrem Befehl Folge zu leisten. Er schlüpfte an dem Schamanen vorbei, stellte sich neben Rajka und drehte sich zu dem Mann um. Seine Mutter griff nach seinen Schultern und zog ihn an sich, bis sein Rücken an ihrem Körper lehnte.

„Halt dich von meinen Kindern fern!“

Der Schamane lächelte kalt. „Ich bin nicht wegen deiner Kinder hier. Ich möchte mit Dusan sprechen.“

„Er hat dir gesagt, dass du nicht herkommen sollst“, zischte Rajka.

„Ich habe ihm einen Vorschlag zu machen. Er könnte mich wenigstens anhören … nach allem, was ich für ihn getan habe.“

Karans Mutter schnaubte. „Er schuldet dir nichts. Er hat den Preis bezahlt, oder etwa nicht?“

Der Schamane nickte, dann seufzte er betont laut. „So ist es“, gab er zu und wandte sich halb um. „Dann werde ich gehen. Ich hoffe, dass dein Starrsinn Dusan nicht teuer zu stehen kommen wird, Frau.“

Der Schamane kehrte ihnen den Rücken zu, schob die Türvorhänge auf und wollte gerade hinausgehen, als Karan ihn zurückhielt.

„Was willst du von meinem Vater?“ Er spürte, wie sich seine Mutter versteifte. Ihre Hände gruben sich schmerzhaft in seine Schultern.

„Ich wollte ihm nur meine Hilfe anbieten.“

Bevor Karan noch etwas fragen konnte, rief seine Mutter: „Geh, Schamane, geh! Meinen Jungen bekommst du nicht!“

Der Mann lachte und hinter ihm klatschten die nassen Ledervorhänge zu.

Karans Herz pochte laut. Der Junge hielt den Atem an. Er straffte die Schultern und wirbelte zu seiner Mutter herum. „Vater muss das wissen! Schick mich zu ihm.“

2. Kapitel

Warmes, dämmriges Licht schien durch die ledernen Zeltwände. Ein dünner Schweißfilm benetzte die Glieder des Jungen. Die feinen Haare der Felldecke kitzelten seine nackte Haut. Tarin gähnte satt und zufrieden, streckte sich auf seiner Bettstatt und machte Anstalten, die Lider zu senken, um den nahenden Schlaf willkommen zu heißen. Er spürte, wie sich die Frau an seiner Seite bewegte, sich herumdrehte und ihren Kopf auf seine schmale, haarlose Brust bettete. Ohne die Augen zu öffnen, seufzte sie leise, bevor sie wieder still lag.

Tarins Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Die Frau mochte fünf oder sechs Jahre älter sein als er und sie war hübsch. Es störte den Jungen wenig, dass sie seine Sprache nicht verstand, denn für das, was sie miteinander taten, brauchten sie keine Worte. Sie war Tarins erste Frau gewesen, eine Sklavin, die laut Darko aus der Tundra im Osten stammte und weitergetauscht worden war, bis sie im Herbst beim Schwarzen Clan gelandet war.

Sein Vetter und zwei andere Jäger waren früh am Morgen fortgeritten, und obwohl es mittlerweile Abend sein musste, war noch keiner der Männer, mit denen sich der Junge das runde Zelt, das aus langen Holzstangen bestand, die mit einer einfachen Lederplane bespannt waren, zurückgekehrt. Der Platz war begrenzt, aber weil es keine Feuerstelle gab und sie nachts auf die Wärme des anderen angewiesen waren, störte es niemanden, dass Tarin die Frau in sein Schlaffell geholt hatte.

Vor einem halben Mond waren die Reiter im Sommerlager angekommen. Es war Tarin nicht schwer gefallen, sich einzugewöhnen. Tagsüber trieb er mit vier anderen Jungen in seinem Alter die Pferde auf die saftige Weide auf der anderen Seite des Flusses, die durch eine breite Furt zu erreichen war. Er passte auf, dass keines der kostbaren Tiere verloren ging, und solange die Herde zusammenblieb, war es unwahrscheinlich, dass sich Raubtiere näherten. Für alle Fälle waren die Jungen mit schweren Speeren mit langen Knochenspitzen bewaffnet. Abends brachten sie die Pferde zurück zu dem Korral aus jung geschlagenen, armdicken Bäumchen, die man in den Boden getrieben hatte. Während die Männer fischten, jagten, schlachteten und die Sklavinnen das Fleisch dörrten, Beeren sammelten und Schilfgras am Flussufer schnitten, um daraus Körbe zu flechten, lagen Tarin und die anderen die meiste Zeit im Gras und ließen sich die Haut von der Frühsommersonne bräunen.

Noch wenigstens zwei Monde würden vergehen, bis die Frauen und Jungen mit Sicheln aus Eibenholz, in deren Krümmung scharfe Feuersteineinsätze mit Birkenpech geklebt waren, auf den umliegenden Weiden die Halme von wildem Emmer, Einkorn und Gerste abschneiden konnten, um sie in großen Beuteln vor der Brust zu sammeln. Erst im Hauptlager sollte die wertvolle Saat entspelzt und zu Schrot und Mehl weiterverarbeitet werden. Die Halme dienten als Futter für die Tiere und zum Erneuern der Hausdächer. Die Getreideernte war eine anstrengende und wenig ertragreiche Arbeit, und Tarin fragte sich nicht zum ersten Mal, wie sich ein großer Stamm wie der Graslandclan fast ausschließlich vom Ackerbau ernähren konnte.

Der Junge seufzte. Morgen wollte Dusan seinen Sohn mit auf die Hyänenjagd nehmen. Am Vortag hatten zwei Jäger ein Rudel östlich von hier entdeckt. Hyänen ließen sich oft in der Nähe von Jagdlagern nieder, um sich einen Anteil der Beute zu sichern, und der Stammesfürst wollte die Aasfresser loswerden, bevor sie lästig wurden.

Tarin war froh, dass das Liebesspiel ihn schläfrig gemacht hatte, sonst würde er vor Aufregung die ganze Nacht nicht schlafen können. Langsam dämmerte er weg und bemerkte erst, dass er tief und fest geschlafen hatte, als er jäh von einem schrillen Schrei geweckt wurde. Er vibrierte durch die Lederhaut des Zelts und klang in seinem Schädel nach.

Ruckartig setzte sich Tarin auf. Es war stockfinstere Nacht und er konnte kaum die Umrisse seiner eigenen Hand sehen, mit der er die kalte Stelle neben sich auf der Bettstatt absuchte. Die Frau war fort. Er hörte ein Keuchen hinter sich und wirbelte herum.

„Hast du das gehört?“, fragte der Mann auf der anderen Seite des Zelts.

Tarin erkannte die Stimme seines Zeltgefährten und beruhigte sich etwas. Er hörte leises Rascheln, als der andere aus seiner Schlafrolle kroch. Der Junge nickte heftig, dann kam er sich dumm vor, weil ihn sein Mitbewohner gar nicht sehen konnte und antwortete: „Ja.“ Mit Entsetzen bemerkte Tarin, wie dünn seine Stimme klang.

„Wir sehen nach“, bestimmte der Mann. „Nimm deinen Speer mit.“

Hastig schlüpfte Tarin in seine Beinlinge und zog sich das Hemd über den Kopf. Noch bevor er seine Schuhe gefunden und angezogen hatte, war der andere schon aus dem Eingang des Zelts gekrochen. Mit pochendem Herzen nahm der Junge seinen Speer und folgte ihm. Draußen ertönte ein weiterer Schrei, fuhr ihm durch Mark und Bein. Kalter Schweiß brach in seinem Nacken aus.

Die Sonne zeigte sich im Osten als schmaler heller Streifen am weiten Horizont. In unmittelbarer Umgebung färbten sich die Wolken grau, aber der Rest des Himmels war dunkel. Eine Frau stolperte an Tarin vorbei, fiel hin, rappelte sich wieder auf und rannte weiter. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen war, verengte die Augen und sah Gestalten, oder vielmehr erahnte er sie. Wütendes Brüllen war von dort zu hören, das Wiehern von verängstigten Pferden und dann wieder ein erschrockener Schrei. Tarin umfasste den glatten Schaft seines Speers fester, den der Schweiß ganz rutschig machte. Sein Mitbewohner war fort, dafür kamen weitere Frauen aus der Dunkelheit auf ihn zu. Eine war verletzt, humpelte mehr, als dass sie lief.

Tarin öffnete im stummen Entsetzen den Mund. Endlich begriff er, dass das Sommerlager überfallen wurde. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr und wirbelte herum. Eine kleine Gruppe von Jägern, Männer seines Stammes, liefen mit gezückten Waffen auf den noch unsichtbaren Feind zu. Tarin schluckte. Er löste seine schweren Beine vom Boden und folgte ihnen. „Was ist los?“, schrie er.

Einer warf im Lauf den Kopf zurück. „Ich weiß nicht. Wir sind eben erst zurück.“ Es war Darko. „Hau ab, Tarin! Sofort!“, bellte er und richtete seinen Blick nach vorne.

„Ich werde nicht fliehen!“, erwiderte Tarin beleidigt. „Ich kämpfe mit dir.“

„Dann bleib dicht bei mir!“, hörte er Darko rufen, auch wenn seine Stimme fast in dem Gemisch aus panischem Kreischen und schmerzerfülltem Heulen unterging. Irgendwo kläffte ein Hund.

Tarin fuhr zusammen. Der Schwarze Clan hielt keine Hunde. Welcher Stamm züchtete welche? Sein Verstand suchte rasend schnell nach möglichen Antworten. Die Steppenreiter besaßen keine, der Flussfischerstamm schon. Er biss sich auf die Lippe. Wer noch?

Der Himmel wurde von blutig roten Lichtbändern durchzogen und offenbarte allmählich einen Teil des Geschehens. Frauen und unbewaffnete Männer rannten den Kämpfern entgegen, wurden von fremden Reitern vor sich hergetrieben. Die Pferdehufe brachten die Erde zum Beben. Das Dröhnen stieg von Tarins Füßen bis in seine Beine hinauf und erschwerte sein Vorankommen. Ein Reiter preschte mit seinem Pferd auf Darko und die anderen zu.

„Los!“, schrie dieser und fuchtelte wild mit dem freien Arm.

Augenblicklich blieben die Männer stehen, stießen ihre Speere vor und stemmten sich mit einem Fuß in den festen Sand. Tarin tat es ihnen gleich. Der Reiter riss sein Pferd zurück, aber er war schon zu nah. Darkos Speer bohrte sich tief in die ungeschützte Brust der hellen Stute. Sie stieß einen schrecklichen Todesschrei aus, der laut in Tarins Ohren schrillte, und bäumte sich ein letztes Mal auf. Darko zog den Kopf ein, bevor er von einem niederschlagenden Huf getroffen wurde, dann stürzte das Tier mitsamt seinem Besitzer zu Boden. Als der Angreifer von zwei Männern unter dem sterbenden Pferdekörper hervorgezerrt wurde, schlug er wütend um sich. Seine Schreie verstummten, als beide Speere seine Brust durchdrangen.

Tarin starrte, seine Waffe fest umklammernd, in die weit aufgerissenen, schwarzen Augen des Mannes, der sich krümmte und gurgelte und zuckte. Ein eisigkalter Schauer rauschte dem Jungen den Rücken hinunter. Es war das erste Mal, dass er einen Menschen gewaltsam sterben sah. Der Mann war tot und rührte sich nicht mehr.

Durch das laute Rauschen in seinem Kopf hörte Tarin seinen Vetter brüllen: „Weiter. Findet Dusan!“ Der Junge schaute hastig hin und her, um den Schrecken, der ihn gefangen hielt, von sich abzuschütteln.

Als die Männer gerade den nächsten Reiter von seinem Pferd ziehen wollten, kam ein zweiter hinzu. Ehe sie dessen Stute außer Gefecht setzen konnten, war er schon von ihrem Rücken gesprungen und stürzte auf das schwächste Mitglied der Truppe zu: Tarin. Die anderen waren noch mit dem ersten Reiter beschäftigt, der plötzlich Unterstützung durch zwei Speerkämpfer erhielt, als der Angreifer den Jungen zu Boden warf und ihn unter seinem Gewicht begrub.

Tarin keuchte. Beim Sturz war ihm der Speer entglitten. Er stemmte sich mit einer Hand gegen den schweren, muskulösen Mann und versuchte gleichzeitig mit der anderen nach dem Speerschaft zu fassen, der nicht weit entfernt lag. Harte, schwielige Finger spannten sich um seinen Hals, Schweiß tropfte von den Wangen des Fremden auf Tarins Gesicht. Alle Luft wurde aus seinen Lungen gedrückt. Er gab es auf, den Speer mit den Fingern erreichen zu wollen, und hämmerte stattdessen mit seinen Fäusten auf den breiten Rücken des Mannes ein. Verzweiflung stieg in ihm auf und staute sich ebenso wie das Blut in seinem Schädel, das seine Schläfen schmerzhaft pochen ließ. Schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen.

Tarin bekam den Gürtel seines Gegners zu fassen, zerrte halbherzig daran, um ihn von sich herunterzuziehen, als er plötzlich das Heft eines Spandolchs erwischte. Instinktiv riss er die Feuersteinklinge aus der Lederscheide, drehte sie in der Hand herum und stieß sie seitlich in die Taille des Fremden. Das Messer fuhr mühelos durch das Leder und in weiches Fleisch. Erschrocken starrte ihn der Angreifer an und lockerte den Würgegriff um seinen Hals. Tarin sog geräuschvoll Luft in seine Lunge, dann drehte er die scharfe Klinge in den Eingeweiden seines Gegners herum und hörte, wie dem Mann ein ungläubiges Stöhnen über die Lippen glitt. Er zog den Spandolch heraus und stieß ihn in einer schnellen Bewegung in den Hals. Das Gesicht seines Widersachers wirkte nun nicht mehr überrascht – jeglicher Ausdruck war daraus verschwunden.

Tarin riss das Messer aus der Kehle und ein warmer Blutschwall ergoss sich über seine Schulter und seinen Arm. Spritzer landeten auf seiner Unterlippe. Unwillkürlich leckte seine Zunge den Geschmack auf und seine Nase nahm den süßlichen Geruch wahr, der ihm sofort die saure Galle in den Rachen steigen ließ. In demselben Moment sackte der Tote zusammen und begrub den Jungen unter sich. Von Panik und Brechreiz getrieben kämpfte sich Tarin unter dem Leichnam hervor, kam taumelnd auf die Beine und erbrach sich. Seine Finger zitterten so heftig, dass ihm das blutige Messer entglitt, das klappernd auf dem festgestampften Sandweg landete. Eine schwere Hand packte Tarins Schulter und schüttelte ihn.

„Schon gut“, murmelte Darko. „Schon gut.“

Der Junge nickte, wischte sich mit dem Handrücken das Erbrochene weg und schmierte dabei mehr fremdes Blut an seinen Mund. Der Ekel wollte ihn erneut übermannen, aber er straffte die Schultern. Er rieb sich die Hände an den Beinlingen trocken, dann bückte er sich, um seinen Speer und das Messer aufzuheben, und folgte seinem Vetter.

Immer mehr Reiter kamen. Sie umstellten das Lager und trieben die Menschen zusammen. Den Weg zu den Pferden des Schwarzen Clans hatten sie versperrt. Wo war sein Vater? Er musste die Männer um sich versammeln und die Verteidigung anführen. Plötzlich wurden Darkos Schritte schneller, zielsicherer. Über seine Schulter hinweg konnte Tarin Dusan sehen – Angesicht zu Angesicht mit einem der Angreifer, der hoch oben auf dem Rücken eines sandfarbenen Pferdes saß, während die roten Sonnenstrahlen seinen dichten Grasumhang wie einen Mantel aus Flammen zum Leuchten brachten. Tarin stockte der Atem.

 

***

 

Dusans Worte klangen, als spuckte er sie dem anderen Mann ins Gesicht. Seine Hände hielten den Speerschaft so fest, dass die Knöchel seiner breiten, behaarten Hand weiß hervortraten. Die gelblichschwarze Knochenspitze von der Länge einer Frauenhand zielte auf die Kehle des Reiters.

Darko stellte sich an die Seite seines Onkels und richtete seinen Speer ebenfalls auf den Reiter des gedrungenen, sandfarbenen Pferds. Die Morgenröte glänzte kupfern auf den hellbraunen, im Nacken zu einem Zopf zusammengefassten Locken des Fremden. Er war jünger als Dusan, hatte wie er ein breites Gesicht, aber mit feineren Zügen. Der rötliche Bart war kurzgeschnitten. Der Reiter blickte Dusan streng an. Aus den Augenwinkeln bemerkte Darko, wie sein Vetter neben ihm zum Stehen kam.

„Wer ist das?“, fragte Tarin außer Atem. Sein Vater antwortete nicht und Darko wusste es nicht.

Weitere Männer, gehüllt in knielange, aus trockenem Gras geflochtene Umhänge und bewaffnet mit Speeren und kurzen Bögen, sammelten sich um den Reiter mit dem roten Bart. Er schien Tarins Frage vernommen zu haben. „Mein Name ist Ando. Ich bin der Sippenführer des Graslandclans.“ Er ließ seinen Blick über die Männer und Frauen des Schwarzen Clans schweifen, die von den Angreifern und ihren bellenden Hunden immer dichter auf dem Platz um Dusan zusammengedrängt wurden.

„Ah, du bist das“, knurrte Dusan.

„Du verstehst bestimmt, dass ich deine Spielchen in der Vergangenheit als Drohung aufgefasst habe“, sagte Ando hart. Die winzigen Sommersprossen auf seinem Nasenrücken ließen ihn sanft erscheinen, aber Darko wusste, dass ein Mann, der das Sommerlager eines verwandten Stammes angreifen ließ, während alle schliefen, nicht gütig sein konnte.

Dusan zuckte mit den Achseln. Seine Miene wirkte plötzlich unbekümmert.

Augenblicklich versteifte sich der Reiter. „Ihr habt unsere Pferde gestohlen und unsere Äcker verbrannt! Einer meiner Männer ist tot“, zischte Ando. „Was ist mit den Mädchen passiert?“

Dusan lachte leise und hob erneut die Schultern.

Andos Gesicht färbte sich dunkel. Der Anführer des Graslandclans schnaufte vor Zorn. „Wie kannst du über so etwas lachen?“

„Was sind schon ein Menschenleben oder eine Handvoll Stuten?“, erwiderte Dusan betont gleichgültig. Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das war eine Notwendigkeit.“

„Eine Notwendigkeit?“ Andos Stimme überschlug sich. „Wofür?“

Der Stammesfürst des Schwarzen Clans deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. „Jetzt bist du bereit, mit mir zu verhandeln.“

Darko zuckte zusammen. Hatte sein Onkel das etwa geplant? Was war mit den Verletzten, mit den Toten? Was war schon ein Menschenleben? Darko leckte sich über die Lippen und versuchte sich auf den Reiter zu konzentrieren.

„Ich will nicht mit dir verhandeln!“

„Was willst du dann hier?“ Dusan kratzte sich mit der Linken den struppigen, grauen Bart, während er mit der Rechten weiterhin die Waffe auf sein Gegenüber gerichtet hielt.

Ando lehnte sich vor. „Ihr sollt uns in Ruhe lassen. Der Graslandclan will kein Bündnis mit euch. Wir werden nicht eure Sklaven sein, eher werden wir euch alle töten!“ Mit einer energischen Geste rief er: „Siehst du nicht, dass wir es ernst meinen?“

Dusans Mundwinkel fielen herunter. „Ich werde den Graslandclan so lange angreifen, bis du aufgibst.“

Ando lächelte. „Du bist umzingelt. Deine Männer sitzen in der Falle. Was willst du tun?“ Er wurde ernst. „Du bist nicht in der Lage, Forderungen zu stellen.“

„Wenn du uns tötest, wird der Schwarze Clan grausame Vergeltung an deinem Stamm üben. Und wenn wir dir zusichern, dass wir euch in Ruhe lassen, und du uns gehen lässt, dann verspreche ich dir, dass es eine Lüge sein wird. Ich werde zu dir kommen und dich aufschlitzen, Ando“, zischte Darkos Onkel.

„Dir scheint nicht viel an deinem Leben zu liegen“, knurrte der Reiter. „Warum sollte ich dich nicht gleich töten?“

Dusan schnaubte verächtlich. „Viel zu lange habt ihr den Schwarzen Clan belächelt. Ich werde dafür sorgen, dass ihr seinen Namen mit Ehrfurcht aussprecht.“ Sanfter fügte er hinzu: „Ich schlage dir vor, dich mit uns zu verbünden. Dann wird dir nichts geschehen.“

„Wie viele Männer hast du noch, Dusan? Vielleicht zwei Dutzend?“ Ando lächelte freudlos. „Genauer gesagt sind es zweiundzwanzig in eurem Dorf, wenn ich alle hier töten lasse.“

Das Zittern eines Muskels an seiner Wange verriet Dusan. „Woher weißt du das?“

Der andere Mann zuckte ungerührt mit den Achseln, so wie Dusan es zuvor getan hatte.

Der Stammesfürst des Schwarzen Clans fletschte die Zähne. „Ich ergebe mich nicht!“ Er spuckte vor den Hufen von Andos Stute aus.

„Dann sprichst du den Tod über alle deine Leute aus.“ Ando hob den Arm. „Nehmt alle gefangen! Wer sich wehrt, wird getötet!“, rief er und einer seiner Männer ging mit gezückter Waffe auf Tarin los.

Darko schnitt ihm mit einem lauten „Nein!“ den Weg ab. Sofort drängten ihn zwei andere Krieger zur Seite. Das Ende einer Speerstange bohrte sich dumpf in seinen Magen, nahm ihm die Luft, und er krümmte sich stöhnend zusammen. Noch bevor er sich aufrichten konnte, traf ihn ein harter Schlag an der Schläfe und er ging in die Knie. Sein Schädel dröhnte. Schwarze Fetzen glitten durch sein Sichtfeld. Er blinzelte. Jemand trat hinter ihn und im nächsten Moment berührte eine kühle Messerklinge die Haut an seiner Kehle. Intuitiv legte er den Kopf in den Nacken.

Ando musterte ihn nachdenklich. „Ich glaube, ihr versteht den Ernst der Lage immer noch immer nicht. Was muss ich tun, dass ihr mir glaubt?“

Alle Farbe wich aus Darkos Gesicht. Er schluckte hart.

Plötzlich sah Ando zu Tarin. „Packt den Jungen!“

 

***

 

„Das wagst du nicht!“, schrie Dusan, sein Gesicht eine wutverzerrte, rote Fratze, die auch das fahle Licht des Sonnenaufgangs nicht weichzeichnen konnte.

Der Sippenführer des Graslandclans atmete tief ein und seufzte. „Haltet ihn fest.“

Seine Männer griffen nach dem Jungen und drehten ihm die Arme auf den Rücken.

Ando rutschte von seiner sandfarbenen Stute und streckte die Hand nach dem Speer aus, den einer seiner Begleiter auf Dusan gerichtet hatte, um ihn zurückzuhalten. Zögernd übergab der Mann die Waffe seinem Anführer. Mit dem Speer in der Hand schritt Ando auf Dusans Jungen zu. Er wusste, dass dies sein Sohn war, sogar sein erstgeborener. Andos Magen klumpte sich zusammen wie ein kaltes Stück Kupfer.

„Ando, du mieses Stück Pferdescheiße!“, brüllte Dusan und wollte losstürmen, aber er kam nicht weit. Eine lange, grauschimmernde Silexspitze zielte auf den Punkt zwischen seinen Augen. „Feigling!“, bellte er. „Feigling, dass du einen Jungen tötest, obwohl du seinen Vater haben willst!“

Ando blieb stehen und drehte sich zu Dusan um. Er zog seine dichten Augenbrauen hoch. „Du wirst auch sterben, aber der Junge kommt als Erster dran“, antwortete er kalt.

Dusan riss seinen Mund auf, aber scheinbar fehlten ihm die Worte, denn kein Laut kam über seine Lippen. Erst als sich der Sippenführer wieder seinem Jungen zuwandte, schrie er weiter. „Ich bring dich um, Ando!“

Ando seufzte erneut und trat vor Dusans Sohn. Die riesigen schwarzen Augen starrten ihn ängstlich an. Seine Unterlippe zitterte. Feiner Schweiß glänzte auf den aschfahlen Wangen. Wieder spürte Ando das unangenehme Ziehen in seiner Magengegend. Er wollte den Jungen nicht töten, aber Dusan ließ ihm keine Wahl. Selbst jetzt, da sein eigener Sohn vor seinen Augen hingerichtet werden sollte, kam er nicht zur Besinnung. Dusan musste doch einsehen, dass er verloren hatte!

Andos Zähne gruben sich in seine Zunge. Aber wenn er nicht Wort hielt, den Jungen am Leben ließ und sie alle zurück in die Berge schickte, würde er sein Gesicht verlieren. Er musste Dusans Treiben hier und heute ein Ende setzen. Sonst musste er Rache am Graslandclan und an seiner Familie fürchten. Ljuba. Sie war noch so klein. Wenn er sich vorstellte, dass jemand ihr ein Haar krümmte … er brach den Gedanken ab.

„Dusan“, wagte er einen letzten Versuch. „Wenn du nicht aufgibst, wird deine Blutlinie heute enden, und ich brauche keine Blutrache zu fürchten.“

Dusan schnaufte heftig. Es klang, als lachte er!

Ando fuhr herum. Tatsächlich, ein breites Grinsen entblößte gelbe Zähne.

Dusans Augen leuchteten. „Keine Blutrache?“ Er kicherte. „Ich habe noch zwei Söhne.“ Dusan senkte seine Stimme. „Sie werden dir im Schlaf die Kehle aufschlitzen. Und deine beiden Töchter – es waren doch zwei?“ Er verstummte, aber sein boshaftes Lächeln sagte mehr, als jedes Wort es vermocht hätte.

Andos Muskeln spannten sich an, bebten von der Kraft, die plötzlich durch sie floss und danach lechzte, sich in einem Akt schierer Gewalt aufzulösen. Dusans Junge japste und er wandte sich wieder ihm zu. Er sah das Entsetzen, die Ungläubigkeit in seinen Augen, über das, was sein Vater gesagt hatte. Ando verspürte Bedauern, fasste den Speer fester. „Eine Notwendigkeit, Dusan. Was ist schon ein Menschenleben?

Er nickte den beiden Männern knapp zu, die die Schultern des Jungen hart nach unten drückten, bis er vor dem Sippenführer des Graslandclans kniete. „Nimm den Kopf runter.“

Dusans Sohn neigte das Haupt, bis sich seine glatten, dunklen Haare im Nacken teilten und die empfindliche Stelle darunter freilegten. Geräuschlose Tränen tropften in den Sand und hinterließen dunkle Flecken.

Um den Jungen tat es Ando leid. Er hob den Speer, zielte mit der Spitze auf das zerbrechliche Genick, schluckte und stieß zu. In demselben Moment gellte Dusans ohrenbetäubender Schrei durch die Luft. Die Klinge aus totem, geschnitztem Knochen schrammte über lebendigen, hielt der Übermacht des Drucks nicht stand und brach, aber Andos Kraft war zu groß. Er trieb den kaputten Speer tiefer, bis die Wirbel mit einem schauerlichen Knacken auseinanderbrachen. Sehnen wurden durchtrennt, dann bohrte sich der Speer in die Luftröhre und trat knapp unterhalb des Kinns wieder hinaus.

Ando schmeckte Magensaft in seinem Mund und würgte ihn hinunter. Er hatte all seine Wut, all seinen Hass an dem armen Jungen ausgelassen. Immer noch kreischte Dusan, als sollte es der Totengesang seines Sohnes sein.

Der Junge war sofort tot, er hatte nicht einmal mehr Zeit, Blut zu spucken und zu röcheln, verzweifelt nach Atem zu ringen oder sich vor Angst anzupinkeln. Ein guter Tod. Die Männer ließen den Leichnam los und er kippte mit dem Speer im Leib vornüber, landete mit einem dumpfen Geräusch mit dem Gesicht im Sand. Staub wirbelte auf. Eine dunkle Blutlache, erstaunlich klein, breitete sich auf dem Boden um seinen Hals aus und versickerte. Ando drehte sich weg.

Dusan fletschte die Zähne. Zornige Tränen standen in seinen Augen. „Ich verfluche dich, Ando, dich und deine Familie! Die Rache meines Stammes wird furchtbar sein!“

„Tötet ihn“, befahl der Sippenführer müde und ging auf seine Falbstute zu. Er spürte die Erschöpfung und das Entsetzen über seine Tat tief in seinen Knochen und zog sich schwerfällig auf den Rücken des Pferdes. Er lenkte das Tier herum. „Tötet sie alle.“ Und während er langsam davonritt und hinter sich den durchdringenden Todesschrei seines Feindes hörte, dachte er darüber nach, dass dieser zwei weitere Söhne hatte. Aber was waren schon zwei kleine Kinder?

3. Kapitel

Ein dröhnender Schmerz pochte unerbittlich in Darkos Kopf und er wäre am liebsten zurück in die süße Bewusstlosigkeit gesunken, aber sengende Hitze schnitt wie ein Messer in seine Fußsohlen.

Schlagartig riss Darko die Augen auf und fuhr hoch. Heiße Flammen streckten ihre gierigen Zungen nach ihm aus, aber noch hatten sie ihn nicht erreicht. Mit einem Satz sprang er auf die Füße, drehte sich panisch in alle Richtungen. Der Qualm biss in seinen Augen, die Tränen verschleierten seine Sicht, die aufgrund der Rauchfetzen und der zuckenden Flammenblitze ohnehin schlecht war. Aber es war weniger die nebelhafte Konsistenz, die Darko störte, als der unangenehme süßliche Gestank, der den natürlichen Rauchgeruch des Feuers überlagerte und ihn zum Würgen brachte.

Hinter Flammen und Rauch konnte Darko hohe Wände erkennen. Der Nachthimmel über ihm war finster, kein Stern war zu sehen. Er senkte den Blick auf den Boden und erstarrte. Schwarze, geschmolzene Fratzen starrten ihn an. Jäh wich er einen Schritt zurück, stieß mit dem Fuß an und wirbelte erschrocken herum. Er stand mitten in einem Haufen kokelnder Leichen. Überall lagen sie – hingeworfen wie Abfall. Darko schob sich die Hand vor Mund und Nase, um nicht noch mehr von dem widerlichen Geruch seiner toten Familienmitglieder einzuatmen, die bei der Hitze langsam verschmorten. Dies war eine Todesgrube, er befand sich in einem Grab!

Anscheinend hatte Ando befohlen, das riesige Loch im Erdboden auszuheben, um die Toten zu verbrennen, bevor der Leichengeruch die Aasfresser anlockte. Ob sie ihn für tot gehalten hatten? Oder war es ihnen gleich, dass er bei lebendigem Leib verbrannte?

Ein scharfer Schmerz durchzuckte Darkos linke Ferse und er zog hastig das Bein an – sein Lederschuh war angesengt. Die heißen Flammen rückten näher und Darko hustete heiser. Schweiß drang aus jeder seiner Poren. Er stakste vorwärts, bemüht, nicht in die Glut zu treten. Oder auf den Körper eines Toten. Darkos Magen zog sich krampfhaft zusammen. Alle waren tot. Nur er hatte überlebt.

Bevor man ihn niedergeschlagen hatte, hatte er noch gesehen, wie sein Onkel gestorben war. Er schüttelte die Erinnerung ab. Für Trauer hatte er keine Zeit, sonst wäre er bald genauso tot wie die anderen. Darko musste hier raus und so schnell wie möglich ins Dorf zurück, damit Rajka erfuhr, was geschehen war! Er hoffte, dass Ando nicht denselben Plan verfolgte und bereits auf dem Weg dorthin war.

Darko drückte seine Nase in den Lederärmel seines Hemds und rannte mit schnellen, weitausholenden Schritten auf die hohe Erdwand zu. Er ignorierte den stechenden Schmerz an seinen Fußsohlen, wo die Glut durch die dünne Ledersohle drang, und machte einen Satz über einen Stapel dreier Leichen, die ungelenk übereinanderlagen. Etwas zerknackte unter seinem rechten Fuß wie splittriges Holz und er fühlte warmen Schleim. Ein eiskalter Schauer prickelte über Darkos Haut und linderte für einen kurzen Augenblick die Hitze, bevor er den Drang verspürte, sich auf der Stelle zu übergeben.

Der Mann riss sich zusammen, stemmte die Beine in die Masse und warf sich gegen den Wall. Seine Finger erreichten die Kante und bohrten sich in die Erde, aber sie war weich und bröckelig und zerfiel unter seinen Händen. Er rutschte ab. Darko heulte verzweifelt auf. Er wollte hier nicht sterben. Nein – er durfte hier nicht sterben!

Ein zweites Mal drückte er sich vom Boden ab, warf die Arme hoch und klammerte sich an der Kante fest. Er keuchte und röchelte, seine Augen brannten. Endlich fand er Halt, zog sich hoch und schob seinen Ellenbogen über den Rand der Grube. Er sammelte seine letzten Kräfte, presste die Zähne zusammen und kroch hinaus. Einen Moment blieb er ausgestreckt auf dem Bauch mit dem Gesicht zur Seite gewandt im Sand liegen. Er leckte sich über die trocknen Lippen und las dabei feine Körnchen auf, die in seinem Mund knirschten. Erschöpft kam Darko auf die Beine und wandte sich zu der tosenden Feuersbrunst um, die in der Todesgrube loderte. Helle Funken stoben in den nachtschwarzen Himmel hinauf, wo sie mit einem leisen Knistern verglühten.

Das Bild verschwamm vor seinen Augen und der Mann schluckte die Tränen hinunter. Abrupt machte er kehrt und rannte, rannte in die Dunkelheit hinaus, rannte und achtete nicht auf das scharfe Gras, das in seine blutigen Füße schnitt, rannte einfach weiter. Und hoffte, dass der Schwarze Clan noch existierte.

 

***

 

„Rajka! Rajka!“, rief die helle Kinderstimme aufgeregt. „Komm schnell.“

Die Frau ließ das frische Kräuterbündel baumeln, das sie eben am Dach zum Trocknen aufgehängt hatte, und drehte sich zum Eingang des geräumigen Holzhauses um. Ein Junge und ein Mädchen standen in der Tür, ihre schmalen Körper vom gleißenden Sonnenschein übergossen.

„Was ist denn?“

Der Junge, im selben Alter wie ihr Sohn Karan, sprang wild auf und ab und fuchtelte mit den Armen.

„Ein Mann … er ist tot!“

Rajka wurde leichenblass.

Das Mädchen stieß dem Jungen grob den Ellenbogen in die Seite. „Darko ist zurückgekommen. Er ist hingefallen“, stellte es richtig.

Rajka öffnete den Mund. „Hingefallen?“

Das Mädchen nickte. „Und jetzt bewegt er sich nicht mehr.“

„Weil er tot ist“, knurrte der Junge mit einem verdrießlichen Seitenblick auf das Mädchen und rieb sich die schmerzenden Rippen.

Die Frau stürmte auf die beiden Kinder zu, die erschrocken einen Satz zur Seite machten. Rajka schnappte den Jungen am Kragen seiner Tunika und beugte sich dicht zu ihm hinunter. „Wo ist er?“ Ihre Hände zitterten genau wie ihre Stimme.

Der Junge starrte sie mit Augen, schwarz wie Tümpel, an und schluckte. „U–unten am Bach“, stotterte er.

Endlich ließ sie ihn los, sah noch, wie er zurücktaumelte, dann war sie schon an ihm vorbei, raus aus der Hütte, und rannte in Richtung Bach. Staub wirbelte hinter ihr in der Luft auf und brachte die Leute zum Husten, die der heranstürmenden Frau Platz machten.

Das Dorf befand sich auf einer Anhöhe, die nach Osten seicht in eine Wiese überging und vom Süden her über eine Steigung zu erreichen war. Langhäuser und kleinere Unterkünfte derselben Bauart säumten den Weg, dem sie folgte.

„Was ist los, Rajka?“, rief jemand, aber sie beachtete ihn nicht. Um zum Bach unterhalb der Anhöhe zu gelangen, musste sie die ganze Siedlung durchqueren, das Gefälle im Süden nehmen und nach rechts schwenken, aber ein Menschenpulk, der sich auf sie zubewegte, ließ sie schon am Rande des Dorfes innehalten. Rajka beschattete ihre Augen mit der Hand. Zwei Männer stützten einen dritten. Panik drückte ihr Herz zusammen. Warum war ihr Neffe allein und verletzt zurückgekommen? Von dem Sturm, der in ihrem Inneren tobte, war auf ihrem Gesicht nichts zu erkennen.

„Rajka!“

Die Frau schob ihre Gedanken beiseite und eilte der Gruppe entgegen. Wie zu erwarten, war der Verletzte Darko. Die Männer hatten ihn untergehakt und hergeschleift. Ihre Gesichter glühten von der Anstrengung, Schweißbäche zogen schmale saubere Schneisen auf ihrer schmutzigen Haut. Darkos Kopf baumelte auf seiner Brust.

„Die Kinder haben ihn unten am Bach gefunden“, sagte einer. „Er kam den südlichen Pass hinauf, dann ist er zusammengebrochen.“

Rajka nickte unentwegt, während der Mann sprach. „Wie schlimm ist es?“, wollte sie wissen und versuchte sich zu erklären, warum er nicht von Osten gekommen und wo sein Pferd war.

Er lächelte unsicher. „Das kannst du besser entscheiden. Ich weiß nur, dass er am Leben ist.“

Wieder nickte Rajka, aber diesmal presste sie die Lippen fest zusammen. „Bringt ihn in meine Hütte.“

„Ja.“

Die Frau lief zurück zu ihrem Heim. Das Haus war nicht annähernd so groß wie eins der Langhäuser, aber geräumiger als die Hütten der anderen Familien und stand links vom Versammlungsplatz. Das Dach war mit blassgelbem Gras bedeckt und reichte fast bis zum Boden. Die dicken Eichenstämme stützten die Konstruktion, die mit Holz verkleidet war. Holz war Mangelware in den Bergen, aber als sich der erste Fürst des Schwarzen Clans dazu entschlossen hatte, die Siedlung hier zu errichten, war ihm die geschützte Lage wichtiger gewesen als das Ärgernis, dass seine Leute auf unbequemen Wegen Bau- und Feuerholz heranschaffen mussten.

Rajka stürzte in ihre Hütte und zog hastig ein aufgerolltes Schlaffell aus dem Stapel. Aus Versehen riss sie zwei weitere mit, die unordentlich auf dem sauber gefegten Boden liegenblieben. Sie schlug das graue Rentierfell auf und zog es neben der Feuerstelle glatt, dann winkte sie die Männer heran. Sie betteten Darko auf die Decke.

Rajka war froh, dass ihre Söhne Karan und Dajan heute bei ihrem Onkel waren, sodass sie sich ungestört um den Verletzten kümmern konnte. „Danke.“ Sie lächelte matt.

Ohne viele Worte verschwanden die Männer, und sie zog hinter ihnen die Tür aus geflochtenen Zweigen zu, um die Blicke der Schaulustigen abzuschirmen. Dann wandte sich Rajka ihrem Neffen zu. Sie kniete sich neben ihn und betrachtete sein ruhiges, von Schmutz überzogenes Gesicht im Schein der Feuerstelle. Staub und verkrustetes Blut klebten an seiner Wange, in seinen dunklen Haaren und an seinem Hals. Er hatte eine Platzwunde an der Schläfe, aufgesprungene Lippen, Verbrennungen an Armen und Händen, aber am schlimmsten an den nackten Füßen. Rajka zog nachdenklich die Stirn kraus. Feuer und Blut – wieder spürte sie einen Anflug von Panik. Irgendetwas musste passiert sein. Was war mit ihrem Mann, mit ihrem Sohn? Entschlossen schob sie das zerfetzte, fleckige Lederhemd des Mannes hoch, um ihn nach weiteren Verletzungen zu untersuchen. Sie tastete vorsichtig den großen dunkelblauen Bluterguss an seinem Unterbauch ab, als sie ein leises Röcheln vernahm. Ruckartig fuhr ihr Blick zu seinem Gesicht hoch. Er blinzelte und bewegte seine starren Lippen. Rajka lehnte sich vor, bis ihr Ohr dicht an seinem Mund war.

„Wasser“, flüsterte er heiser.

Sie sprang auf, tauchte eine Tontasse in den großen Wasserkessel und hastete wieder an Darkos Seite. Sie half ihm, sich aufzurichten, und gab ihm zu trinken. Gierig leerte er die Tasse und sank zurück auf das Fell.

„Noch mehr?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen, dann schlug er sie erneut auf. „Furchtbar“, krächzte er.

„Was ist passiert?“

„Feuer“, brachte Darko hervor.

Rajka riss die Augen auf. „Es gab ein Feuer?“, fragte sie. „Im Sommerlager?“

Der Mann nickte ernst. Er räusperte sich vernehmlich. „Alle … sind … tot.“

Rajka sah ihren Neffen an. Eine seltsame Stille herrschte in ihrem Schädel. Sie hatte seine Worte gehört, aber sie fühlten sich nicht echt an. Alle sollten tot sein? Plötzlich stieg ein Lachen in ihrer Kehle auf, ein schrilles Kichern, das über ihre Lippen perlte und Darko zusammenzucken ließ. Unsinn! Tarin war nicht tot – ebenso wenig wie ihr Mann. In ihr Lachen mischten sich Tränen und Rajka fragte sich, warum sie weinte, wo es doch nur ein Scherz sein konnte. Darko hob langsam seine Hand und griff nach ihrer, die auf ihrem Bein lag. Sie erschrak bei der Berührung, wollte ihm ihre Finger entziehen, aber mit einem Mal stürzte die Lüge über ihr ein wie ein kaputtes Dach. Die Erkenntnis, dass er die Wahrheit sprach, traf sie wie eine Sturmbö, die sie weggerissen hätte, wenn seine Hand sie nicht gehalten hätte. Was sollte jetzt aus ihr und den Kindern werden? Was sollte aus dem Schwarzen Clan werden? Zum Glück hatte sie Karan verboten, seinem Vater die Nachricht des Schamanen zu überbringen. Sonst wäre er jetzt tot wie die anderen. Rajka schluchzte.

„Sie … haben … alles niedergebrannt“, erklärte Darko.

Sie?

Seine Antwort ging in einem Hustenanfall unter.

Rajka quetschte seine Hand. „Wer, Darko?“

Er atmete geräuschvoll ein. „Andos Männer … der Graslandclan.“

„Ando?“

Darko nickte.

Rajka ließ seine verbrannte Hand fallen, als wohnte noch immer Hitze darin. Sie biss sich auf die Zunge, um den Schmerz in ihrer Brust mit einem Gegenschmerz zu betäuben. Aber er genügte nicht.

Darko richtete sich halb auf und schnaufte angestrengt. „V–vielleicht kommt … er … her“, keuchte er und Rajka riss erschrocken den Mund auf.

 

***

 

„Ich werde den Schwarzen Clan führen!“, erklärte die dunkle, beherrschte Stimme.

Karan saß mit angezogenen Knien auf dem staubigen Sandboden, den Kopf auf die Arme gebettet, die er über seine Beine gelegt hatte, und hörte die klaren Worte seines Onkels, Dusans jüngerem Bruder. Er sah auf und schaute über den Platz des einstigen Sommerlagers, vorbei an niedergebrannten Zelten und betretenen Menschen, zu dem bulligen Mann. Der stierte grimmig in die Runde. Niemand schien ihm widersprechen zu wollen. In Karan vertrieb die heiße Flamme des Zorns die Trauer über den Tod seines Bruders und seines Vaters. Er stand auf, straffte seine Glieder und marschierte zielstrebig auf seinen Onkel zu. Als der ihn bemerkte, huschte Überraschung über seine Züge.

Der Junge blieb eine Manneslänge von ihm entfernt stehen und sog geräuschvoll die warme Luft in seine Lungen. Die Todesgrube lag etwas abseits, aber der Geruch von verkohltem Fleisch hing wie eine dichte Wolke über den kläglichen Resten des Sommerlagers. Karan ignorierte den Gestank und konzentrierte sich ganz auf den Mann vor sich, der herausfordernd den Kopf in den Nacken legte und ihn von oben herab ansah.

„Onkel“, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Sein Gegenüber zog die buschigen Augenbrauen hoch. „Karan, hast du ein Problem damit?“

Der Junge rümpfte die Nase. „Ja, habe ich“, antwortete er. „Ich bin als nächstes an der Reihe. Nicht du!“

Leises Murmeln setzte um Karan herum ein.

Sein Onkel verzog seinen hässlichen Mund zu einem Grinsen. „Stimmt“, gab er zu. „Du bist der Nächste, aber du bist ein Kind. Also werde ich den Schwarzen Clan führen!“ Karan öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber sein Onkel schnitt ihm das Wort ab. „Wir sprechen einander wieder, sobald du ein Mann bist, Neffe!“

Karan war sich bewusst, dass dies kein freundlicher Vorschlag sein sollte, sondern bloß ein Versuch ihn zu demütigen. Und das gelang seinem Onkel mühelos. Der Junge spannte seine Muskeln an und wollte ihm gerade an den Hals springen, als sich plötzlich zwei Hände auf seine Schultern legten und ihn wegzogen.

„Was soll der Unsinn?“, fragte seine Mutter verärgert.

Karan schlug ihre Hände beiseite. „Fass mich nicht an!“, fauchte er, wirbelte herum und stampfte wütend aus dem Kreis der Anwesenden. Tränen der Wut kratzten in seiner Kehle und er würgte sie mühsam hinunter, bevor sie hervorbrechen konnten. Es genügte ihm, dass ihn sein Onkel in aller Öffentlichkeit erniedrigt hatte, er würde es nicht auch noch selbst tun. Er trampelte den Sandweg entlang, der zwischen den schwarzen, verkohlten Zeltgerippen verlief. Karan zog die Nase hoch. Er hatte in der Todesgrube gestanden. Und er hatte seinen Vater gefunden. Seine Leiche war zusammengeschrumpft, der nackte, dunkle Schädel war geborsten. Ihn an seinen Gesichtszügen wiederzuerkennen, wäre schier unmöglich gewesen. Es gelang Karan nur, weil auf seiner Brust ein Stück Kupfer lag. Es war in der Feuersbrunst zu einer flachen, elliptischen Platte geschmolzen. Kein Mann des Schwarzen Clans trug Schmuck aus Kupfer. Es gab ein paar Waffen, Dolche und Beilklingen, aber niemand konnte es sich leisten, das kostbare Metall als Schmuckstück um den Hals zu tragen – niemand bis auf den Stammesfürsten.

Karan lief der Schweiß in die Augen und er wischte ihn harsch mit dem Unterarm weg. Er blieb im Schatten eines Zeltes stehen, dem das Feuer nichts hatte anhaben können, und schnaufte. Die Hitze war unerträglich. Er stützte die Hände auf die Knie und sah zu der Menschenmenge hinüber. Karans Blick blieb an seiner Mutter hängen. Der Hass raubte ihm den Atem, zerdrückte sein Herz. Oh, wie er sie verabscheute! Er hatte ins Sommerlager gehen wollen, um Dusan von dem Schamanen zu erzählen, aber sie hatte es ihm verboten. Der Schamane hatte davon gesprochen, dass es Dusans Untergang sein könnte, wenn er seine Hilfe ausschlug. Der Junge war sich sicher: Wenn Rajka ihn nicht aufgehalten hätte, hätte er seinen Vater und Tarin retten können. Und zu allem Überfluss machte ihm sein Onkel seinen Platz als Stammesfürst streitig. „Diese dreckigen Verräter!“, zischte Karan.

„Verräter?“, erklang eine nüchterne Stimme neben ihm.

Karan richtete sich auf und sah in das ruhige Gesicht des Steppenreiterjungen. Das dunkle blonde Haar, das seiner Meinung nach für einen Mann viel zu lang war, baumelte in einem geflochtenen Zopf vor seiner Brust. Neidisch stellte Karan fest, dass dem anderen Jungen die Hitze weit weniger zu schaffen machte als ihm, zumindest lief ihm der Schweiß nicht in Strömen über Stirn und Wangen. Fast als würde ihn seine kühle Präsenz vor der Hitze schützen. Karan verzog missmutig den Mund. „Was tust du hier?“, wollte er wissen.

„Pferde einfangen“, erwiderte Cuska.

„Sind sie noch in der Nähe?“

Der Steppenreiter zuckte mit den Schultern. „Der Graslandclan hat sie nicht mitgenommen.“

„Warum nicht?“

Cuska antwortete nicht.

Karan seufzte und sah wieder zu seiner Mutter und seinem Onkel, die sich angeregt zu unterhalten schienen.

„Es würde mich nicht wundern, wenn sie sich ihm an den Hals wirft“, sagte er zerknirscht. „Oder geradewegs in sein Schlaffell.“

Der andere Junge schwieg.

Karan ballte die Hand zur Faust. „Bald bin ich ein Mann und dann werde ich meinen Onkel von meiner schändlichen Mutter heruntertreten und Stammesfürst des Schwarzen Clans werden!“

„Wie willst du das machen?“, fragte Cuska.

Karan wandte ihm sein grinsendes Gesicht zu. „Ich werde unbesiegbar sein“, antwortete er. „Du hast gelernt zu kämpfen und zu reiten, oder?“

Cuska nickte.

„Und du musstest eine schwere Prüfung bestehen?“

„Mehrere.“

Karan lächelte zufrieden. „Wenn ich Stammesfürst bin, wirst du mir dann helfen, die Männer auszubilden?“

„Ich soll sie ausbilden?“

„In allem, was für einen Kampf wichtig ist: Reiten, Töten, was dir einfällt.“

Der blonde Junge neigte den Kopf zur Seite. Es dauerte eine Ewigkeit, in der Karan ungeduldig warten musste, bis der andere nickte. „Ich denke, das könnte ich.“

Karan grinste breit. „Schwör es!“

„Was?“

„Ich kann niemandem vertrauen. Schwör, dass du mir hilfst, mich am Graslandclan zu rächen. Gib mir deine Hand.“

Cuska streckte ihm die Linke entgegen.

Karan ergriff sie und drehte die Handfläche nach oben, gleichzeitig zog er den Spandolch aus seinem Gürtel. Er zeigte dem Jungen die Waffe. „Ab jetzt sind wir Brüder“, bestimmte er.

Der Steppenreiter nickte und sein Gesicht ließ keine Furcht erkennen.

Karan senkte das Messer auf seine Haut und ritzte einen tiefen Schnitt hinein. Blut quoll hervor. Hastig fügte er seiner eigenen Hand die gleiche Verletzung zu und packte Cuskas Finger. Ihr Blut vermischte sich und tropfte in den Sand. Karan zog die Nase hoch. „Ich werde Ando das Fürchten lehren! Er wird es bitter bereuen, dass er meine Familie getötet hat, wenn ich ihm seine nehme.“

4. Kapitel

9 Jahre später

„Bist du sicher, dass du das tun willst?“ Cuska erwartete nicht, dass sein Fürst seine Meinung seit ihrem Aufbruch geändert hatte, aber er fragte dennoch. „Wir können umkehren“, fügte er nüchtern hinzu.

Karan hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Cuska lenkte seinen Blick zu der Stelle, die der dunkelhaarige Mann beobachtete. Zwanzig Schritt von ihrem Versteck entfernt standen zwei Wachmänner, aber sie schienen mehr damit beschäftigt zu sein, die Schönheit der Flussfurt im Schein der Sonne zu betrachten, als sie gewissenhaft zu bewachen. Sie lehnten sich locker auf ihre langen Speere und unterhielten sich zwanglos. Ihr fröhliches Gelächter drang über den Fluss zu dem mit Flechten überzogenen Felsgebilde, hinter dem der Stammesfürst des Schwarzen Clans und sein Hauptmann hockten. Dies war der einzige Ort, wo der Fluss, der die Ebene im Südosten teilte, problemlos zu überqueren war. An ihrer Stelle hätte Cuska die Furt besser bewachen lassen. Er hielt seine Nase in den kühlen Wind, gleich einem Tier, das mit seinen Nüstern den Geruch des Feindes einfangen wollte, aber er sog nur den feuchten, erdigen Dunst des Herbstes in sich auf. Für die Jahreszeit war der Tag ungewöhnlich warm und sonnig. Auch jetzt am späten Nachmittag tanzten die Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche des flachen Flussbetts. In der Ebene war das Klima milder als in den Bergen im Westen, in denen sich die Siedlung des Schwarzen Clans befand und wo bald der erste Schnee fallen würde. Die Blätter der Brombeerhecken in Cuskas Rücken, durch die sich die beiden Männer an die Wachen angepirscht hatten, hatten ein dunkles Rotbraun angenommen. Lediglich die niedrigen, buschigen Kiefern, die sich heckenartig durch die Ebene zogen, trugen ihren immergrünen Bewuchs, während die Haselsträucher schon kahl waren.

Ein Kichern hallte zu den beiden Spähern hinüber.

Karans dunkle Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Seine gehobenen Mundwinkel deuteten ein Lächeln an. „Nein“, antwortete er leise, ohne seinen Hauptmann anzusehen. „Der Augenblick könnte nicht besser sein. Und ich will meine Rache!“

„Sie sind unvorsichtig“, stimmte Cuska ihm ebenso leise zu.

„Es ist viele Jahre her, seit ein Mann des Schwarzen Clans dieses Land betreten hat“, erklärte Karan. „Schafsköpfe!“

„Sie haben mehr Krieger als wir“, sagte Cuska ausdruckslos. Das Hauptlager des Feindes anzugreifen, war nicht nur gefährlich – es war schlichtweg dumm. Aber Karan war alles andere als dumm. Und er hatte einen ausgezeichneten Plan, um sich an dem Mann zu rächen, der seinen Vater, seinen Bruder und einen beachtlichen Teil des Schwarzen Clans auf dem Gewissen hatte, das wusste Cuska. Er stellte nur die Tatsachen klar. Was Karan mit diesen Informationen machte, war ihm gleich.

„Keine Krieger“, murmelte Karan. Er drehte sich zu seinem Hauptmann um und grinste wie ein Wolf, der ein einsames Lamm entdeckt hatte. „Nur gewöhnliche Männer. Kein Stamm hat Krieger wie unsere.“

Cuska musste ihm beipflichten. Die Stämme der Ebene wiesen alle eine ähnliche Struktur auf – jeder Mann versorgte sich selbst. Der Schwarze Clan dagegen hatte ein neues Gesellschaftsgefüge geschaffen, bei dem jedem Stammesmitglied eine Aufgabe zugeteilt wurde, die es zu erfüllen hatte. Ein einzelner Mann war nicht länger Jäger, Handwerker und Beschützer seiner Familie und seines Clans zugleich. Sklaven schafften genügend Nahrung herbei, um alle zu ernähren, andere kümmerten sich um die Pferde. Und dann gab es Männer, die sich zum Kämpfer ausbilden ließen. Die Schwarzen Krieger hatten zwei Aufgaben: Das Dorf zu bewachen und Feinde zu töten. Sie taten nichts anderes – bauten kein Getreide an, schlugen kein Holz und fingen keine Fische. Aber diese Gesellschaftsform konnte nur solange gedeihen, wie der Stamm über genügend Sklaven verfügte. Und die hatte Karan. Nach und nach hatten sich die umliegenden Stämme dem Schwarzen Clan unterworfen und bezahlten den Frieden mit Sklaven. Der Graslandclan mochte ihnen zahlenmäßig überlegen sein, aber Karans Krieger verbrachten den ganzen Tag damit, ihre Kampffertigkeiten zu verbessern. Und Cuska war ihr Hauptmann. Der Mann mit dem dunkelblonden Zopf bemerkte, dass sein Fürst vor Erregung zitterte.

„Ando wird es leidtun, dass er das Sommerlager überfallen hat“, zischte Karan. „Heute werden seine Kinder sterben!“ Er gluckste.

Cuskas Ausdruck blieb nichtssagend. Er blinzelte nicht einmal.

Das Lächeln auf Karans Gesicht machte einer strengen Miene Platz. „Nach der Wachablösung greifen wir an“, bestimmte er.

Cuska nickte wortlos und zog das Halstuch aus Leder über seinen Nasenrücken.

Im Schutz der Brombeerhecke traten die Männer den Rückzug an, krochen zwischen den dornenbewehrten Ranken westwärts, wo der Trupp von Schwarzen Kriegern in der offenen Ebene auf die Befehle ihres Hauptmanns wartete. Und diese Befehle lauteten: Die Wachen ausschalten, das Dorf des Graslandclans angreifen – und Andos Familie auslöschen.

 

***

 

Ljuba balancierte den Korb mit hellbraunen Haselnüssen auf ihrer Hüfte und folgte summend dem schmalen Pfad zur Siedlung hinauf. Der kalte Wind fuhr durch ihre dunklen Locken und verursachte ihr eine Gänsehaut. Obwohl sie ihre dicke Felljacke trug, fror sie. Der Abend nahte und die Luft kühlte rasch ab. Letzte Nacht hatte es das erste Mal gefroren. Es blieb nur wenig Zeit, die Vorräte für den Winter aufzustocken, denn bald begrub der Schnee alles unter einer dichten Decke. Dann würden die Leute des Graslandclans die Tage an einem wärmenden Feuer in ihren Lehmhütten verbringen, anstatt draußen in den peitschenden Eiswinden der Ebene herumzulaufen. Niemand verließ mehr sein Heim, wenn es nicht notwendig war.

Ljuba war mit den womöglich letzten gesammelten Haselnüssen für dieses Jahr auf dem Weg nach Hause, um sie dort für die Wintermonde haltbar zu machen. Dafür wurden die Nüsse in eine Grube gefüllt und mit einer Schicht Sand bedeckt, darüber wurde ein Reisigfeuer abgebrannt. Danach ließen sich die gerösteten Nüsse einfach aus den geplatzten Schalen puhlen und waren für lange Zeit vor dem Verderben geschützt.

Auf dem Weg ins Dorf kamen Ljuba zwei kleine Mädchen entgegen. Ein großer grauer Hund lief ihnen bellend nach und sie rannten mit einem lauten Jauchzen davon. Ohne anzuhalten, sah sie ihnen lächelnd nach. Der Graslandclan züchtete seit Ewigkeiten Hunde. Sie waren treue Begleiter auf der Jagd und hielten die Raubtiere vom Dorf und von den Herden fern. Sie waren so zahm, dass die Kinder sie nicht zu fürchten brauchten und mit ihnen spielten. Die Mitglieder des Graslandclans waren zufrieden, auch wenn sie hart arbeiten mussten. Sie lebten vom Ackerbau und von der Viehzucht. Vor langer Zeit hatten sie erkannt, dass das Getreide, das wild in der Ebene wuchs und mühevoll gesammelt werden musste, mehr Ertrag einbrachte, wenn man die umliegenden Gräser entfernte. Sie fingen an, den Boden mit Hacken zu bearbeiten, um ihn aufzulockern und Saat von Emmer und Gerste auszubringen. Mittlerweile benutzten sie einen Hakenpflug dafür, vor den zwei Ochsen gespannt wurden, die die keilförmige Spitze an einem langen gebogenen Stab durch das Erdreich zogen. Nachdem die Halme mitsamt den reifen Ähren knapp über dem Boden abgeschnitten worden waren, wurde der Acker in Brand gesteckt. So wurden dem ausgelaugten Boden wieder Nährstoffe zugeführt und die Felder konnten länger beackert werden als gewöhnlich. Trotzdem musste der Graslandclan spätestens nach zwei Generationen seinen Lagerplatz verlegen. Der Alltag der Menschen war mühsam, aber wenigstens lebten sie in Frieden. Ljuba erinnerte sich nicht daran, aber sie wusste, dass ihr Vater diese Ruhe blutig erkämpft hatte. Es war keine zehn Jahre her, dass der Schwarze Clan immer wieder Angriffe gegen ihren Stamm geführt hatte. Sie hatten Pferde gestohlen, Jagdtrupps überfallen, Leute entführt. Alles damit sich Ando ihrem Anführer unterwarf. Die Antwort ihres Vaters war sein Überfall auf ihr Sommerlager gewesen. Die Überlebenden hatten sich hinter ihren schützenden Mauern aus Fels versteckt und ihre Wunden geleckt. Allmählich hatte sich der Schwarze Clan von dem herben Schlag erholt und mehrere kleine Stämme unter seine Führung gebracht, aber es gab keine Übergriffe mehr auf den Graslandclan.

Ljuba verspürte keine Angst – der Schwarze Clan würde sich hüten, sich noch einmal mit Ando anzulegen. Alles, was sie wusste, hatte ihr ihre Base Bojana erzählt, denn ihr Vater schwieg darüber.

Die Sonne senkte sich im Westen über die Siedlung, einer Ansammlung runder Lehmhütten, die einen geraden Weg säumten, der sich im Norden zu einem großen ovalen Platz verbreiterte. Das Himmelszelt färbte sich von einem blassen Blau zu Rosa, durchzogen von dünnen Wolkenfetzen, die im Licht des Sonnenuntergangs grellrot leuchteten. Die Behausungen mit den grasgedeckten Dächern hoben sich dunkel vor dem flammenden Abendhimmel ab, als Ljuba den Dorfrand erreichte. Ein Schwarm Gänse flog auf dem Weg zu einem sicheren Winterquartier schnatternd über sie hinweg. Das rege Treiben, das tagsüber im Dorf herrschte, war bereits abgeebbt, und bloß einzelne düstere Gestalten bewegten sich noch zu ihren Hütten. Eine Frau formte ihre Hände vor dem Mund zu einem Trichter und rief zwei Namen. Nach einigen ärgerlichen Wiederholungen kamen die beiden Mädchen von eben angelaufen. Von dem Hund fehlte jede Spur. Die Mutter scheuchte die Kinder in die Hütte und folgte ihnen.

Ein Mann mit einer Fackel kam über den großen Platz auf Ljuba zu. Als er sie erkannte, schenkte er ihr ein Lächeln, bei dem seine hellen Zähne in der Dämmerung aufblitzten. „Guten Abend, Ljuba“, grüßte Caj.

Sie hob die freie Hand, aber da war der Freund ihres Bruders schon an ihr vorbeigezogen.

Jeden Abend wurden rund um das Lager Feuer entzündet, um wilde Tiere abzuhalten und etwas Licht in die finstere Nacht zu bringen. Der Sippenführer mochte sich nicht vor dem Schwarzen Clan fürchten, aber er war nicht so einfältig, dass er das Dorf völlig ungeschützt ließ.

Ljuba hörte hinter sich das leise Rascheln von Leder und drehte sich um.

Bojana stand ganz still beim Eingang der Lehmhütte und sah nachdenklich zum Horizont, hinter dem gerade die Sonnenscheibe verschwand. Die Frau wurde von einer Hündin mit struppigem hellgrauem Fell flankiert.

„Bojana!“, rief Ljuba und lief zu ihrer Base.

Als ihr Name ertönte, wandte sich die Frau um.

Ljuba stellte den schweren Korb auf den Boden und atmete geräuschvoll aus. „Warst du beim Schamanen?“ Sie ließ ihre verspannte Schulter kreisen.

„Ja“, antwortete Bojana. „Er brauchte Bienenwachs für einen Zauber.“

Bei dem Wort Zauber hielt Ljuba abrupt in ihrer Bewegung inne. Ein Prickeln fuhr über ihre Haut. Als Frau hatte sie keinen Zugang zu den überirdischen Geschicken des Schamanen, aber ihre Base war keine gewöhnliche Frau, und er ließ sie an so manchem Geheimnis teilhaben. Die hellsichtige Bojana interessierte sich für die Herstellung von Salben, Tinkturen und heilenden Tees, und nicht erst seit dem Tod ihres Mannes verbrachte sie viel Zeit mit dem Schamanen, der sie zusammen mit seinem Schüler in die Geheimnisse der Geisterwelt einweihte. Zumindest in die, die augenscheinlich keinen Schaden in dem Kopf einer Frau anrichten konnte. Als sie Bojanas ernsten Blick auffing, fragte sie: „Ist alles in Ordnung?

Die andere schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr dicker Zopf hin und her schleuderte. Bojana sah wieder zum Horizont und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ljuba hockte sich hin und streckte die Hand nach der Hündin aus. Das Tier wedelte fröhlich mit dem Schwanz und stupste die feuchte Schnauze in ihre Hand.

„Es ist nur –“, Bojana unterbrach sich und die Jüngere sah auf, „ich habe ein ungutes Gefühl.“

Ljuba legte den Kopf schief und betrachtete von unten das ernste Profil ihrer Base, während sie den Kopf des Hundes streichelte.

„Ich habe eine Ahnung … als wenn etwas Schreckliches passieren wird“, flüsterte Bojana düster.

Ljuba erhob sich, was von der Hündin mit einem enttäuschten Jaulen kommentiert wurde, und berührte sanft die Schulter der Frau. „Du siehst Gefahren, wo keine sind.“

Bojana schnaubte und schüttelte ihre Hand ab. „Du vergisst, dass ich das zweite Gesicht habe, Ljuba!“ Sie kehrte ihr den Rücken zu und stampfte davon. Der Hund folgte ihr eilig.

Ljuba ahnte, dass sie sie gekränkt hatte. Und Bojana hatte recht. Schon als sie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie derlei Vorahnungen gehabt, und bislang hatten sich diese immer bewahrheitet. Ihr rieselte ein kalter Schauer das Rückgrat hinunter. „Warte!“ Sie griff nach ihrem Korb und schloss zu Bojana auf. „Wo gehst du hin?“

Bojanas Seitenblick war vernichtend, aber schließlich seufzte sie. „Zu Andos Hütte. Deine Mutter wird Hilfe mit dem Abendessen brauchen.“

„Sie ist nicht meine Mutter“, stellte Ljuba richtig. Denn die war bei der Geburt ihres jüngsten Kindes zusammen mit ihm gestorben und Ando hatte sich eine andere Frau genommen. Bojanas Mann war ebenfalls gestorben und hatte sie kinderlos zurückgelassen. Sie hätte das Recht gehabt, an das Herdfeuer ihres Vormunds zurückzukehren, aber sie wollte in ihrem eigenen Heim wohnen bleiben. Trotzdessen half sie im Haushalt ihres Onkels und nahm dort ihre Mahlzeiten ein.

„Hast du etwas gesehen?“, fragte Ljuba zaghaft.

„Es ist eine Ahnung“, erklärte Bojana patzig. „Nicht mehr.“ Mit einem Mal blieb sie stehen und lächelte Ljuba nervös an. „Es ist vielleicht nichts.“

Ljuba zog ihre Augenbrauen zusammen. „Nein, bestimmt nicht“, antwortete sie, aber ihre Zweifel waren deutlich zu hören. Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, sie vertraute mehr auf Bojanas Ahnungen, als ihr lieb war.

„Gehen wir.“

Immer mehr Feuer flammten rund um das Lager auf und die Frauen setzten ihren Weg im flackernden roten Schein fort. Eine Weile schritten sie schweigend nebeneinanderher, bis Bojana plötzlich wie angewurzelt stehenblieb.

„Was ist?“, fragte Ljuba. Ihre Base deutete auf den Horizont, der von einem glutroten Strich geteilt wurde. Das Mädchen legte die Stirn in Falten. So etwas hatte es noch nie gesehen. Furcht kroch in sein Herz.

„Ein Zeichen“, keuchte Bojana. „Ein blutrotes Mal!“ Sie fasste sich an die Schläfe, taumelte.

Ljuba ließ den Korb fallen, packte sie, keuchte unter dem Gewicht und schwankte kurz, während die Haselnüsse über den Weg kullerten.

Bojanas Lider senkten sich halb, ihre Augen rollten nach oben. Die Wimpern zuckten heftig, dann fiel ihr Kopf zurück in den Nacken.

Ljuba schüttelte sie. „Bojana? Bojana!“

Ruckartig schlug die die Augen auf. „Ich hab etwas gesehen!“, rief sie voller Entsetzen.

„Was?“, fragte Ljuba atemlos.

„Schlangen. Sie waren überall.“

„Schlangen?“

Bojana schüttelte in einer verzweifelten Geste den Kopf. „Sie waren überall. Und du standest mittendrin!“

„Ich?“ Ljuba schluckte. Was hatte das zu bedeuten? Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, erschallte ein lauter Schrei, durchdringend und schrill. Sie schreckte zusammen. „Was war das?“

Die Frauen sahen sich um. Im Grau der herannahenden Nacht war es schwer, noch etwas zu erkennen. Die Hündin legte die Ohren an und zog die Lefzen hoch. Als ein zweiter Schrei auf den ersten folgte, knurrte sie. Ljuba hörte laute Geräusche, Schritte, Weinen, lautes Hundegebell, dann ein schiefes Jaulen. Der Lärm drang aus dem südlichen Teil des Lagers. Die Hündin zitterte.

„Ruhig“, murmelte Bojana.

Ein paar Leute traten aus ihren Hütten und starrten in dieselbe Richtung wie die beiden Frauen. Eine Fackel bewegte sich hüpfend auf sie zu.

Es war Caj. „Ich brauche Männer“, rief er in die Runde. „Mitkommen, sofort!“

Mehrere Männer stürmten zurück in ihre Hütten, um sich ihm, bewaffnet mit Speeren und Messern, anzuschließen. Die Fackel hastete so dicht an Ljuba vorüber, dass sie für die Länge eines Herzschlags die Hitze auf ihren Wangen und ihrer Stirn spürte. Wilde Schatten tanzten über Cajs grimmiges Gesicht, als er mit den anderen auf den Aufruhr zuhielt. Sie blickte dem hüpfenden roten Fleck nach. Trotz der Kälte benetzte feiner Schweiß die Stelle zwischen ihren Schulterblättern. Sie spürte Bojanas Hände, die sie hart an den Oberarmen packten und zu sich herumzerrten.

Ihre Base sah sie streng an. „Lauf zu Andos Hütte. Such Dafina!“

Ljuba bewegte den Mund, aber kein Ton kam heraus.

„Los!“

Sie war weder fähig, zu antworten, noch sich zu bewegen. Ihre Füße schienen am Boden zu haften wie ein Insekt an frischem Harz.

Bojana ließ sie los, holte aus und schlug ihr mit voller Wucht ins Gesicht. „Such Dafina! Such deine Schwester!“, schrie sie.

Ljuba rieb sich geistesabwesend die brennende Wange. Dann riss sie die Augen auf, machte kehrt und rannte los.

„Wartet da“, rief ihr Bojana hinterher. „Ich komme gleich nach.“

 

***

 

„Komm“, sagte Bojana zu der Hündin und folgte der Fackel, die sich ihren Weg durch das Lager bahnte. Sie lief an Leuten vorbei, die wie erstarrt vor ihren Hütten standen. Es wäre klüger, sich zu bewaffnen, zu fliehen oder sich wenigstens zu verstecken, als einfach dazustehen und zu glotzen. Bojana schüttelte den Kopf, biss sich auf die Zunge, um sich daran zu hindern, Zeit zu verschwenden, indem sie sie warnte. Sie musste ihren Onkel finden!

Bojana beeilte sich, die Männer einzuholen. Sie stieß mit dem Fuß gegen einen Stein und strauchelte, konnte sich gerade noch fangen. Wieder hörte sie laute Schreie. Sie klangen jetzt viel dichter. Überall flammten Lichter auf. Plötzlich war es so hell, dass Bojana geblendet wurde. Sie verengte die Augen und erkannte, dass das Dach einer Hütte lichterloh brannte. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie lief geradewegs in den Kampf!

Bojana hatte Ljuba zu Andos Hütte geschickt, weil sie sich am nördlichen Ende der Siedlung befand, wohlwissend, dass ihr Onkel nicht dort war. Er wollte sich heute Abend mit den Ratsmitgliedern treffen, und die große, neu erbaute Ratshütte war im Süden des Dorfes. Sie war ihr Ziel.

Neben der brennenden Hütte, an der die Männer ihres Stammes vorbei und den Weg hinunterliefen, stürmten dunkle Gestalten ins Lager. Bojana stockte der Atem. Ohne es zu bemerken, blieb sie stehen. Die Flanken des Hundes zitterten, aber sie beachtete ihn nicht.

Wie ein Schwarm Krähen fielen die Angreifer im Schein des Feuers über Caj und die Männer her. Wütendes Gebrüll ertönte. Die Fackel fiel zu Boden, aber die hellen Flammen auf dem Dach genügten, um das Gemetzel vollständig auszuleuchten. Selbst auf die Entfernung meinte Bojana, den schmerzverzerrten Ausdruck eines ihr bekannten Mannes zu sehen, der von der Wucht des Speerstoßes mit der Waffe im Leib nach hinten kippte. Eine Hand schnellte vor und riss den Speer aus dem Sterbenden, noch bevor er zu Boden ging. Schwarzes Blut spritzte auf und erschuf im Licht ein groteskes Schattenspiel. Plötzlich stolperte eine Frau aus der vom Feuer zerfressenen Hütte. Die Ärmel ihres Oberteils standen in Flammen und sie versuchte gleichzeitig das Feuer auszuschlagen und sich in Sicherheit zu bringen, bevor das Grasdach herunterstürzte, von dem dicker Rauch zum Nachthimmel aufstieg. Die Balken knackten gefährlich. Mit einem beherzten Sprung rettete sich die Frau, dann brach das Dach ein. Glut und Funken stoben auf und regneten auf den Boden. Sie rappelte sich gerade auf, als sie von einem Mann am Kragen gepackt und auf die Beine gezerrt wurde. Sprachlos sah Bojana zu, wie die arme Frau in die glühenden Überreste der Hütte gestoßen wurde. Der gellende Schrei fuhr ihr durch Mark und Bein. Rauch, der vom Wind hinübergetragen wurde, mischte sich mit dem süßlichen Geruch von verbranntem menschlichem Fleisch, und Bojana drehte sich der Magen um. Im selben Moment preschte die Hündin los. Bojana wollte sie zurückrufen, aber sie befürchtete, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das Tier verschwand laut kläffend im Kampfgetümmel.

„Dummer Hund!“, knirschte sie. Ihren Onkel zu finden, hatte rapide an Bedeutung verloren. Der Kampf war schon in vollem Gange und wenn Ando nichts davon mitbekommen hatte, musste er tot sein. Jetzt war es wichtiger, Ljuba und Dafina in Sicherheit zu bringen.

Bojana wirbelte herum, wischte sich mit dem Handrücken über die tränenden Augen und rannte los. Plötzlich versperrte ihr jemand den Weg. Sie wollte ausweichen, aber der Mann breitete die Arme aus. Augenblicklich machte Bojana einen Satz zurück und musterte den Fremden. Um seine Schultern lag ein schwarzer Fellumhang. Auf dem Kopf trug er eine ebenso schwarze Fellmütze, die tief in die Stirn gezogen war. Mund und Nase wurden von einem Ledertuch bedeckt. Nur seine hellen Augen stachen hervor. Schwarze Krieger! Ando hatte sich geirrt – sie waren doch gekommen. Das Licht der Flammen fing sich in dem Silexdolch in der Hand ihres Gegners. Bojana wich weiter zurück, aber er setzte ihr schnell nach und streckte den Arm aus, um sie zu packen. Bojana lehnte sich zurück, um sich ihm zu entziehen, aber er war unerwartet schnell. Sein harter Griff schloss sich um ihr Handgelenk, und sie riss erschrocken den Mund auf. „Lass mich los!“ Bojana zappelte und versuchte ihren Arm loszubekommen. Sie trat nach seinem Schienbein, aber er machte einen Schritt zur Seite und ihr Tritt ging ins Leere.

Der Schwarze Krieger zog sie dicht an sich heran. Sein Arm mit dem Dolch in den Fingern hing lässig herab. Ganz so, als würde er ihn nicht benötigen, um sie zu überwältigen.

„Was willst du von mir?“, wollte Bojana herausfordernd zischen, aber ihre Stimme überschlug sich und klang alles andere als kühn.

Der Mann schwieg. Er starrte sie mit ausdruckslosen Augen an, in denen sich die Flammen spiegelten.

Bojana stieß mit ihrer freien Hand gegen seine Brust. Er bewegte sich kein Stück. Verzweifelt hämmerte sie auf ihn ein, bekam einen Zipfel seiner Kleidung zu fassen und zerrte daran. Sie riss den Ausschnitt seines Hemds auf und hielt abrupt inne. Dunkle geschwungene Linien zogen sich über seine Haut. Ihre Pupillen weiteten sich. Schlangen! Bojana zog ihre Finger zurück, als hätte sie sich verbrannt. Die Wimpern des Mannes zuckten, er schien verwirrt und ließ ihren Arm los.

Dann donnerte ein heftiger Schlag gegen Bojanas Schläfe. Das verhüllte Gesicht verschwamm vor ihren Augen.

Ando hatte sich geirrt – er hatte vor dem Stammesrat behauptet, zwei Kinder könnten dem Graslandclan nicht gefährlich werden. Doch jetzt waren die Schwarzen Krieger gekommen, um Rache zu nehmen.

Ihr letzter Gedanke galt Ljuba und dem Drang, sie vor dem Schlangenmann zu warnen, dann schlug die Finsternis über ihr zusammen.

 

***

 

Ljuba riss den Türvorhang beiseite und stürzte in die Hütte. Wie zu erwarten, roch es nicht nach Essen. In der Mitte brannte ein Feuer, das das Gesicht ihrer Stiefmutter beleuchtete, die davor saß und überrascht aufsah.

„Wo kommst du jetzt her? Du solltest mir beim Kochen helfen“, klagte die Frau, die nur zwei Jahre älter war als sie selbst. Dann veränderte sich ihr Ausdruck. „Was ist los, Ljuba? Du bist ganz außer Atem.“

Sie war den ganzen Weg gerannt und ihre Lunge brannte. Sie nickte und holte Luft. „Wo ist Dafina? Wo ist Vater?“

Die andere Frau runzelte die Stirn. „Dafina war müde und Ando ist bei der Versammlung.“

Die Versammlung! Das hatte sie ganz vergessen. Ljuba stampfte an der Kochstelle und ihrer Stiefmutter vorbei zu der dunklen Ecke, in der sich ihre Schwester in ihre Schlafrolle gewickelt hatte. „Pack schnell ein paar Sachen, ich wecke Dafina“, rief sie der Frau über die Schulter zu und hockte sich neben die schlummernde Gestalt. „Wach auf, Dafina!“ Sie schüttelte heftig ihre Schulter.

Das Mädchen nuschelte etwas Unverständliches.

„Warum soll ich Sachen packen?“, wollte die Stiefmutter wissen.

Ljuba rüttelte Dafina, bis sie endlich die Lider hob.

Ihre Schwester rieb sich die kleinen müden Augen. „Ljuba“, murmelte sie schlaftrunken. „Was ist los?“

„Ich glaube, das Lager wird überfallen“, antwortete sie laut genug, dass ihre Stiefmutter es hörte.

Ljuba und sie blickten sich an, und für einen Moment waren sie beide still, während der entfernte Lärm gedämpft durch die Lehmwand drang.

„Schwester!“ Dafina schälte sich aus ihrer Schlafrolle und sprang auf. Ihre dünnen Finger krallten sich in Ljubas Fellärmel und zogen sie auf die Beine. „Ich ziehe mich an“, erklärte sie ernst und ließ ihren Arm los, um in einem Korb nach ihren dicken, gefütterten Winterstiefeln zu wühlen. Sie stülpte sich die Schuhe über. „Was soll ich einpacken?“

Ljuba stand unschlüssig neben ihr, öffnete den Mund. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Ljuba?“

„Zieh deine Felljacke an“, antwortete Andos Frau an ihrer statt und hüllte sich in ihren eigenen Mantel. „Nimm von dem harten Brot mit. Und Wasser.“

Dafina nickte und packte weiter.

Ljuba fühlte sich an den Rand des Geschehens gedrängt. Sie war die Ältere. Sie sollte einen kühlen Kopf bewahren, aber es war, wie es immer gewesen war: Ljuba erstarrte in ihrer Furcht, während Dafina voller Mut voranschritt.

„Wir sollen auf Bojana warten“, murmelte Ljuba.

Dafina nahm ihr Bündel und erhob sich. Sie nickte entschlossen. „Gut.“

„Wir können nicht länger bleiben“, schimpfte ihre Stiefmutter. „Wir müssen fliehen!“

Dafina sah die Frau ihres Vaters mit herausfordernd vorgeschobenem Kinn an. „Tu, was du willst. Ljuba und ich werden auf Bojana warten.“

Die andere stemmte die Hände in die Hüften. Ihre Augen funkelten. „Was ist, wenn sie nicht kommt? Vielleicht ist sie längst tot!“

Ljuba schluckte. Sie spürte, wie Dafinas warme Finger ihre Hand umschlossen und sie sanft drückten.

„Bojana wird kommen“, erklärte ihre Schwester schlicht.

Ljubas Herz flatterte. Woher nahm Dafina diese Zuversicht, diese Stärke? Sie beneidete ihre Schwester darum.

Ihre Stiefmutter warf in einer verzweifelten Geste die Hände in die Luft. „Wie ihr wollt. Ich werde gehen.“ Sie schulterte ihr eigenes Bündel. Als die Frau die Türvorhänge beiseiteschob, klang der Lärm lauter, viel dichter und bedrohlicher. Dann fiel der Vorhang zu und schluckte einen Teil der Schreie und des Hundegebells.

„Du zitterst“, stellte Dafina fest.

Ljuba zuckte zusammen. Die Angst saß in jedem Winkel ihres Körpers, kroch in jede Faser und brachte sie zum Schwingen. Am liebsten hätte sie sich in eine Ecke gehockt und geheult, aber die Berührung tröstete sie.

Eine Weile standen die beiden Mädchen da und lauschten den Geräuschen von draußen, die von dem leisen Knistern des Feuers untermalt wurden.

Endlich entzog Ljuba ihrer Schwester die Hand. „Ich packe noch mehr Brot ein“, flüsterte sie und ging mit wackeligen Beinen zu den geflochtenen Körben hinüber, in denen sie Dörrfleisch, hartgebackenes Fladenbrot und Nüsse aufbewahrten, und füllte einen Lederbeutel mit den Vorräten. Dann wandte sie sich zu dem großen Tonkessel daneben und goss Wasser in eine Rentierblase, die als Trinkschlauch diente, und band sie mit einer Sehne zu. Gerade als sie beides an ihren Gürtel hängen wollte, schwoll der Krach von draußen erneut an. Ihr Herz tat einen Satz. Sie drehte sich auf der Ferse um, erwartete Bojana zu sehen oder ihren Vater. Doch sie irrte sich. Mitten in der Bewegung hielt Ljuba inne.

Ein dunkelhaariger Mann stolzierte mit einer Selbstsicherheit in die Behausung, als gehöre sie ihm. Hinter ihm folgte ein zweiter Mann, der die Vorhänge beim Eingang zuzog und sich daneben postierte, während der erste weiter auf die Mädchen zuhielt.

Ljuba gefror das Blut in den Adern.

Ihr Gegenüber grinste. „Andos Töchter, richtig?“

5. Kapitel

„Also? Seid ihr seine Töchter?“, fragte der Fremde in der langen Rentierfelljacke erneut.

Ljubas Kehle schnürte sich zu. Sie konnte nicht atmen, geschweige denn sprechen.

Der Mann blieb zwei Schrittlängen von ihr entfernt stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mit dunklen Augen auf sie herab. Die Flammen der Kochstelle brachten seine kupferfarbene Haut zum Leuchten und die Schatten sammelten sich in den harten Linien seines Gesichts. Er schien der Anführer zu sein, denn der andere hielt sich im Hintergrund und gab keinen Ton von sich.

Ljuba kam eilig auf die Beine und winkte ihre Schwester heran, griff nach ihrer Hand, holte tief Luft und hob das Kinn. Sie versuchte ebenso tapfer auszusehen wie Dafina, als sie den Blick des Mannes erwiderte. Aber als sich seine Lippen teilten, begann ihr Leib zu zittern.

„Antworte, wenn man dich etwas fragt!“, zischte er. Feine Speicheltropfen glitzerten im Feuerschein.

Ljuba schreckte zurück, quetschte Dafinas zarte Finger.

Plötzlich lächelte der Mann und machte einen Satz auf die beiden Mädchen zu, die Augen fest auf Ljuba gerichtet. Er war nicht besonders groß, kaum drei Finger breit größer als sie, aber sie konnte seinen drahtigen Körper unter dem dichten, weißgrauen Rentierfell erahnen – er könnte sie mühelos überwältigen. Sein Mund zeigte immer noch dasselbe Grinsen, als er seine Hand ausstreckte und ihr Kinn packte. Seine Fingerkuppen fühlten sich kalt und feucht an.

Hitze schwelte in Ljubas Kopf und sie erinnerte sich daran, dass sie weiteratmen musste. Sofort stieg ihr der Geruch von Blut in die Nase. Es klebte an seiner Hand. Das Blut des Graslandclans! Ihr drehte sich der Magen um.

Er musste den Ekel auf ihrem Gesicht gesehen haben, denn er legte den Kopf in den Nacken, musterte sie unter halbgeschlossenen Lidern und lächelte zufrieden. „Wer bist du?“, fragte er. „Sag mir deinen Namen.“

Ljuba öffnete den Mund und seine Augen verfolgten die Bewegung interessiert. Ihre Zunge fühlte sich schwer und schleimig an wie eine Nacktschnecke, die sich an einem Stein festgesogen hatte, und statt einer Antwort entschlüpfte ihr ein Schnalzen.

Sein Blick löste sich von ihren Lippen und wanderte höher. „Was? Was hast du gesagt?“

Ljuba wich diesen dunklen, durchdringenden Augen aus, starrte stattdessen auf die Spitzen seiner Fellstiefel. „W–wer seid ihr und was wollt ihr von uns?“, stammelte sie.

Der Mann lachte laut und hart und sie zuckte bei dem Geräusch zusammen. Er lehnte sich zu ihr vor, bis sein Mund dicht an ihrem Ohr ruhte. Die krausen Barthaare verfingen sich in dem Pelz ihrer Jacke und sein warmer Atem kitzelte, als er leise fragte: „Du willst wissen, wer ich bin?“

Ljuba nickte vorsichtig.

„Mein Name ist Karan. Ich bin der Fürst des Schwarzen Clans“, antwortete er. „Und ich bin hier, um deine Schwester und dich zu töten.“

Ein Schock fuhr durch ihre Glieder bis in ihre Fingerspitzen, wo er auf Dafinas zitternde Hand traf. Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte Ljuba, dass ihre Schwester Angst hatte. Sie schluckte.

Als Karan sich aufrichtete und sie von der Seite ansah, streiften seine warmen Lippen über ihre Wange, und Ljuba erstickte fast an ihrer klebrigen Zunge. „Ich will Andos Blutlinie auslöschen“, wisperte er. „Sein Sohn war der Erste. Jetzt seid ihr dran.“ Seine Augen glitzerten, dann schob er plötzlich seine Nase in ihr Haar und atmete tief ein.

„Karan“, ertönte eine gedämpfte Stimme. „Wir müssen los.“

Der Fürst reagierte nicht.

Über seine breite Schulter hinweg starrte Ljuba den zweiten Mann beim Eingang an. Er trug ein ledernes Halstuch, das er sich bis zur Mitte seines Nasenrückens übers Gesicht gezogen hatte. Unter seiner glänzenden schwarzen Fellmütze lugten feine dunkelblonde Strähnen hervor. In der Hand hielt er einen schweren Speer mit knöcherner Spitze, der ihn um eine Ellenlänge überragte, und in seinem Gürtel steckten mehrere Silexmesser, deren Klingen in aus Gras geflochtenen Scheiden steckten. Er zog das Tuch mit zwei Fingern herunter und entblößte blasse Lippen und ein schmales Kinn mit hellen, rotschimmernden Bartstoppeln.

„Tu, wozu du hergekommen bist. Dann müssen wir aufbrechen“, sagte er nüchtern. Seine leblosen Augen richteten sich auf Ljuba, und dem Mädchen stockte der Atem.

Wie konnte jemand so unbeteiligt über den Tod sprechen?

Endlich wandte sich Karan von ihr ab und sah zu seinem Begleiter. „Du hast recht“, antwortete er.

Ljubas Herz setzte aus.

„Aber hier sind überall noch Andos Männer unterwegs und ich habe keine Lust, von ihnen überrascht zu werden.“

Der Mann mit der schwarzen Fellmütze nickte.

Karan warf einen Seitenblick auf Ljuba. „Ich habe meinen Plan geändert.“ Er grinste. „Wir nehmen sie mit“, bestimmte er und trat neben seinen Begleiter. „Fessele sie.“

Ohne Widerspruch löste sich der Mann von der Tür, kam auf Ljuba zu und griff nach ihren Handgelenken. Als Dafina die Hand ihrer Schwester nicht loslassen wollte, lenkte er seinen klaren, kühlen Blick auf das jüngere Mädchen. Unsicherheit huschte über Dafinas Profil. Dann ließ sie Ljubas Hand los und er zog eine Sehne aus seiner Gürteltasche und verschnürte mit geschickten Griffen Ljubas Handgelenke. „Was ist mit dem anderen Mädchen?“, fragte er, gerade als Karan die Türvorhänge beiseiteschob, um hinauszuspähen. Die Flammen draußen zeichneten einen scharfen Umriss um seine Gestalt.

„Das ist Dafina, Ljubas jüngere Schwester“, erklärte er. „Wir nehmen sie beide mit, falls eine nutzlos sein sollte.“

Ein kleiner ungläubiger Laut löste sich aus Ljubas Kehle.

„Beeil dich, Cuska“, verlangte Karan und verließ die Hütte des Sippenführers.

Der blonde Mann fesselte Dafina, dann stieß er Ljuba die Hand in den Rücken. „Los.“

 

***

 

Ein dumpfer Schmerz klopfte gleichmäßig gegen Bojanas Schädeldecke. Sie krümmte sich stöhnend zusammen und öffnete nur widerwillig die Augen. Im ersten Moment sah sie nicht mehr als einen dunklen, verschwommenen Schleier, dann klarte ihre Sicht auf. Sie lag auf kaltem, hartem Boden, zu ihrer Rechten befand sich eine Lehmhütte.

Schwankend kam Bojana auf die Füße. Plötzlich schnitt ein scharfer Schmerz durch ihren Kopf wie ein Messer, das in ihre Schläfe gerammt wurde. Ihr wurde übel. Bojana kniff die Augen zu und hielt ganz still. Das Zischen des Feuers toste in ihren Ohren, unterschwellig waren leise Klagelaute zu hören und irgendwo weinte ein Kind. Sie wagte einen neuen Versuch, hob langsam die Lider und sah sich um.

Unzählige Hütten brannten und die Flammen leckten hinauf bis in den finsteren Nachthimmel. Das Knistern und Knacken der Funken wurde jäh von dem lauten Geschrei einer Frau zerrissen, die, von einem dunkelgekleideten Mann an den Haaren gepackt, den Weg hinauf zum großen Platz gezerrt wurde. Bojana erschrak. Einer der Schwarzen Krieger hatte sie niedergeschlagen. Unwillkürlich berührte sie ihre Schläfe und ertastete eine dicke, harte Schwellung. Sie musste bewusstlos gewesen sein – bloß, wie lang?

Bojana wandte den Blick von der bemitleidenswerten Frau ab, deren Schicksal nicht schwer zu erraten war, und konzentrierte sich darauf, die Ereignisse in eine schlüssige Reihenfolge zu bringen. Die Kämpfe schienen vorbei zu sein. Überall auf dem Boden lagen reglose, seltsam verdrehte Leiber in dunkelroten Lachen, auf denen sich die Flammen spiegelten. Blut war geflossen – so viel Blut, dass die Erde es nicht mehr hatte schlucken können und es tief in den Pfützen stand. Sein markanter, metallischer Geruch waberte, zusammen mit dem süßlichen Gestank von verbranntem menschlichem Fleisch, wie ein Dunstschleier durch das zerstörte Dorf. Bojana entdeckte ein totes Kind. Es lag nur eine Speerlänge entfernt von ihr auf dem Bauch mit dem Gesicht in einem klebrigen Brei aus Blut und Dreck. Gräuliche Bröckchen klebten in seinen dunklen Locken – glitschige Hirnmasse, die aus dem zerschmetterten Hinterkopf gespritzt war. Bojana schlug sich die Hand vor den Mund und drehte sich würgend zur Seite. Mit geschlossenen Augen atmete sie die Übelkeit weg, ehe sie die Schultern straffte. Sie durfte nicht hier stehen bleiben. Die wenigen Leute, die im südlichen Teil des Lagers umherstreiften, waren Schwarze Krieger. Sie trugen alle dieselben dunklen Fellmützen und -umhänge und die Halstücher aus Leder, die sich manche übers halbe Gesicht gezogen hatten, so wie Bojanas Schlangenmann. Es war unmöglich, ihn unter den Schwarzen Kriegern auszumachen, und sie war auch nicht sicher, ob sie das wollte. Sie fröstelte.

Drei von ihnen kamen in Bojanas Richtung und sie spannte unwillkürlich die Muskeln an, aber sie beachteten sie nicht, sondern folgten zielstrebig dem Weg, der nach Norden zum großen Platz führte. Irgendetwas musste dort vor sich gehen. Vielleicht wurden Friedensbedingungen ausgehandelt.

Bojana beschloss, den Männern unauffällig zu folgen. Sie brachte sich in den toten Winkel der kleinen Gruppe und bewegte sich rasch zwischen den Hütten vorwärts, die sich in den verschiedenen Stadien der Einäscherung befanden – von lichterloh brennend bis hin zu bereits zu Stumpen verkohlt. Dann sah sie die Menschenmenge, die sich auf dem Platz versammelt hatte, und schlug sich nach links, während die Männer nach rechts weitermarschierten. Es schien, als hätte sich der Zorn der Schwarzen Krieger im Süden entladen und den Rest unberührt gelassen. Wenigstens fanden sich hier viele Hütten, die vom Feuer unangetastet geblieben waren.

Bojana verlangsamte ihre Schritte. Auf der einen Seite standen dicht zusammengedrängt Mitglieder ihres Stamms, auf der anderen Schwarze Krieger. Getrennt wurden die beiden Gruppen durch zwei Lagerfeuer. Bojana mischte sich unter ihre Leute und schob sich zwischen Frauen und Kindern nach vorne. Das konnten unmöglich alle sein … Sie redete sich ein, dass vielen die Flucht gelungen sein musste.

Leises Wimmern erklang, dann die harsche Stimme einer Frau, die ihr Kind zu beruhigen versuchte. Bojana drängelte weiter, sah sich dabei um, suchte nach Ljuba und Dafina. Sie konnte sie nicht finden. Was entweder bedeutete, dass sie hatten fliehen können oder – Bojanas Kehle schnürte sich zu – dass sie tot waren. Sie verdrängte den Gedanken und kämpfte sich bis in die zweite Reihe.

Der Feind war eine johlende Masse aus dunklen Leibern, aus der lange Speere mit tödlich scharfen Spitzen herausstachen.

Bojana verzog grimmig den Mund. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Was auch immer das sein mochte.

Jemand in der ersten Reihe neigte sich zur Seite und gab den Blick auf eine Gestalt frei, die mit dem Rücken zu ihnen auf dem Boden kniete. Die Schultern bebten, in den lockigen hellbraunen Haaren glänzte dunkles Blut. Bojana sog scharf die Luft ein. Stille Tränen rannen über ihre Wange, aber sie bemerkte es erst, als sie Salz schmeckte. Es war unerträglich, ihren Onkel so zu sehen. Sie wischte sich die Nase.

Plötzlich ging ein Ruck durch die Feinde. Sie verstummten schlagartig und traten auseinander, um eine Gasse zu bilden.

Ein Mann mit einer hellgrauen Jacke aus Rentierfell trat heraus. Ein Schwarzer Krieger folgte ihm und führte dabei zwei Mädchen mit sich.

Bojanas Herz schlug schneller. „Ljuba, Dafina“, hauchte sie in einer Mischung aus Ungläubigkeit und Entsetzen.

Der Krieger und die Mädchen blieben auf der Seite des Schwarzen Clans stehen, während der Mann in Grau auf Ando zuhielt.

Bojana konnte die Panik sehen, die Ljubas Züge in eine hässliche Grimasse verwandelte, als sie den Verletzten erkannte. Ihre Lippen formten ein tonloses Vater.

Der Mann stellte sich zwischen die beiden Feuer, wo ihn alle sehen konnten. „Mein Name ist Karan. Ich bin der Fürst des Schwarzen Clans.“ Starke, weiße Zähne blitzten auf, als er grinste. „Und Dusans Sohn.“

Bojanas Onkel hob mühsam das Haupt.

„Ich bin gekommen, um den Tod meines Vaters und den meines Bruders zu rächen“, rief Karan und deutete mit dem Finger auf Ando. „Du hast sie hingerichtet!“ Er legte den Kopf schief. „Ich habe dir deinen einzigen Sohn genommen“, fuhr er hämisch lächelnd fort.

Andos Antwort ging in einem Röcheln unter.

Karan kam näher, blieb dicht vor ihm stehen, beugte sich nach unten und hielt demonstrativ die Hand an sein Ohr. „Wolltest du etwas sagen?“

Die Schwarzen Krieger lachten über den boshaften Scherz. Einzig der Mann, der Ljuba und Dafina bewachte, verzog keine Miene.

Karan richtete sich wieder auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe deine Mädchen.“ Mit dunklen Augen starrte er auf Ando herab. „Ich wollte deine ganze Familie auslöschen, aber es wird dich freuen, zu hören, dass ich es mir anders überlegt habe.“

Ando brachte ein Gurgeln zustande.

Karan stapfte zu dem Schwarzen Krieger zurück, der die beiden Mädchen bewachte, und packte Ljuba an der Kapuze ihrer Felljacke. Sie kreischte und stemmte sich gegen ihn, aber er war stärker. Er zerrte sie über den Platz zu ihrem Vater, stieß sie grob zu Boden, sodass sie auf den Knien landete, nach vorn fiel und sich mit den Ellenbogen abstützen musste. Ihr Kopf baumelte herab, die langen dunklen Locken wischten über den Boden. Karan vergrub seine Hand in ihrem Haar und riss ihr Gesicht hoch, damit Ando es sehen konnte. „Sie ist so hübsch, nicht wahr?“, fragte er. „Es wäre schade, sie zu töten, ohne sie wenigstens einmal besessen zu haben.“

Bojana schüttelte ungläubig den Kopf.

„Sie wird mir sicher viel Freude bereiten“, säuselte der Fürst des Schwarzen Clans.

Ljuba schluchzte und Tränen tropften von ihrem Kinn. Ihr Vater stöhnte und Bojana zerriss das Herz.

Karan zog seine Gefangene an ihrem Haarschopf wieder auf die Beine und drängte, ohne Ando aus den Augen zu lassen, den Mund an ihre Wange. „Mein Kind aus dem Schoß deiner Tochter.“ Er lachte laut. „Hauptmann!“, rief er und schubste Ljuba in die Richtung des Schwarzen Kriegers.

Das Mädchen stolperte, weinte, unfähig wegzulaufen. Mit weitausholenden Schritten erreichte der schwarze Krieger Ljuba, griff ihre gefesselten Handgelenke und blickte kurz in die Menschenmenge. Diese ungewöhnlich hellen Augen würde Bojana unter tausenden wiedererkennen! Das war der Mann, der sie niedergeschlagen hatte – der Krieger mit den Schlangenlinien auf der Haut! Sie duckte sich und beobachtete verstohlen, wie er sich umdrehte und Ljuba zu ihrer Schwester zurückführte.

„Ich töte dich nicht, Ando. Du sollst in Schande weiterleben, während mich deine süße Tochter bedient!“ Der Fürst des Schwarzen Clans holte mit seinem Bein aus und trat seinem Feind mit voller Wucht ins Gesicht. Das einzige hörbare Geräusch kam nicht über Andos Lippen, sondern rührte von dem Brechen seines Kiefers her. Das laute Knacken ließ Bojanas Blut in den Adern gefrieren. Der kräftige Körper kippte nach hinten, blieb reglos liegen und die vorderste Reihe der Menge drängte erschrocken rückwärts.

„Vater!“ Ljubas Stimme überschlug sich, hallte über den Platz und schmerzte in Bojanas Ohren.

Karan warf einen letzten verächtlichen Blick auf Ando, bevor er kehrtmachte und zu seinen Männern zurückmarschierte. „Wir brechen auf!“

Blut strömte aus Andos Nase über seine Wangen und tröpfelte an seinen Ohren hinunter. Er war bewusstlos, und jetzt sah Bojana auch den Grund für seine Unfähigkeit, zu sprechen. Sein Hals war übersät mit dunkelroten Würgemalen.

„Vater!“ Ljuba schlug wild um sich, aber der Schlangenmann schob sie zwischen die Schwarzen Krieger und dann war sie verschwunden.

Bojana wurde die Brust eng. Sie riss den Mund auf, wollte etwas rufen und sie vor dem Mann warnen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Unvermittelt erinnerte sich Bojana an das Versprechen, das sie ihrer Base vor vielen Jahren gegeben und heute gebrochen hatte. Sie konnte ihr nicht helfen – Ljuba war verloren.

 

***

 

Ljuba rieb ihre schmerzenden Handgelenke. Brennende rote Striemen waren zurückgeblieben, wo man ihr die Fesseln abgenommen hatte, die der Mann namens Cuska so geschickt geschnürt hatte. Sie fühlte den festen Körper ihrer Schwester, der schwer an ihrem lehnte. Dafinas spitzes Kinn bohrte sich langsam aber stetig in ihre Schulter, je tiefer ihr Kopf sank, dann hörte sie ihre ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge. Endlich schlief sie. Ljuba legte ihre Wange an Dafinas Schläfe, schloss die Augen und ignorierte den Schmerz in ihrer Schulter und das Kitzeln feiner brauner Härchen auf ihrer Haut.

Leises Schluchzen wurde von den Felswänden der Höhle zurückgeworfen und hallte vielfach in Ljubas Ohren wider. Dafina und sie waren nicht die einzigen Sklavinnen, die Karans Krieger mitgenommen hatten. Um sie herum saßen dreizehn Frauen ihres Stammes. Einige weinten, andere gaben keinen Ton von sich, saßen erschöpft und in sich gekehrt auf dem nackten Steinfußboden und versuchten, sich an dem winzigen Feuer zu wärmen. Bojana war nicht dabei.

Ljuba hoffte inständig, dass ihr nichts zugestoßen war. Ein kalter Luftzug glitt an den Wänden entlang und ließ Ljubas Glieder steif werden.

Am Abend hatten die Frauen einen Schluck eisiges Wasser und laut Dafina fade schmeckendes Fladenbrot zu essen bekommen. Obwohl ihr Magen vernehmlich knurrte, hatte Ljuba keinen Bissen herunterbekommen. Selbst wenn ihr köstlicher Wildfleischeintopf mit Zwiebeln und Rüben vorgesetzt worden wäre, hätte sie nichts essen können. Sie hatte ihre Brotration an eine junge Mutter weitergegeben, die ihr Baby in einer behelfsmäßigen Trageschlinge vor der Brust trug. Sie brauchte die Nahrung dringender.

Nachdem die Schwarzen Krieger die Sklavinnen die ganze Nacht durch bis zum darauffolgenden Nachmittag nach Nordwesten durch die Ebene getrieben hatten, hatten sie sich am Fuße eines mit Felsklüften übersäten Hügels niedergelassen. Sie hatten die Frauen in die niedrige Höhle gescheucht und ein Lager aus kleinen Reisezelten davor errichtet. Die Höhle hatte einen breiten flachen Eingang und wurde von Schwarzen Kriegern bewacht, deren bloße Anwesenheit Furcht in Ljuba auslöste. Sie stützten sich auf ihre todbringenden Speere, während sie unbefangen miteinander scherzten. Eine Flucht schien vorerst unmöglich. Aber sie war sich nicht einmal sicher, ob sie den Mut aufbringen konnte, zu fliehen. Wo sollte sie hin? Zurück zu dem niedergebrannten Dorf, zu den kläglichen Überresten ihres bisherigen Lebens? Viele waren tot, Hütten waren mit all ihren Besitztümern und Vorräten abgebrannt – und der Winter nahte. Niemand konnte draußen in der Kälte überleben, ohne Behausung, ohne Kleidung, ohne Nahrung.

Ljuba richtete ihren Rücken an der klammen Felswand auf. Scharfe Kanten drückten durch ihre Felljacke und bohrten sich in ihren Körper, aber sie bemerkte es kaum, weil ihre Muskeln von dem harten Marsch zitterten und jeder Knochen in ihrem Leib schmerzte. Sie war so schrecklich müde – doch ihr Geist fand keine Ruhe. Wenn sie an Karans Worte dachte, krochen Angst und Ekel wie zäher dunkler Schleim in ihrer Kehle hinauf.

Dafina bewegte sich an ihrer Seite und sie unterdrückte ein Schluchzen, öffnete die Augen und betrachtete den hellbraunen Haarschopf. Der Fürst hatte kein Wort über ihre Schwester verloren. Dafina sah jung aus für ihr Alter, hatte ihre Blutungen noch nicht bekommen und vielleicht nichts zu befürchten. Unsinn!, rief die wütende Stimme in ihrem Kopf. Sie würde erwachsen werden. Und dann? Ljuba atmete tief ein. Der Geruch von Dafinas Haaren vermischte sich mit der kühlen, feuchten Höhlenluft und dem Rauchgeruch der Feuerstelle, die mit nassem Holz gefüttert wurde. Die beiden Mädchen saßen abseits davon, um den beißenden Qualm nicht in die Augen zu bekommen, aber vergeblich, Ljuba blinzelte die Tränen weg.

Mit einem Mal lachten die Stimmen vor dem Höhleneingang nicht mehr, sondern sprachen ernst und leise.

Sie reckte den Hals.

Ein weiterer Krieger war hinzugekommen und redete mit den unentwegt nickenden Wachen. Eine von ihnen deutete mit dem Kinn in Ljubas Richtung.

Das Mädchen erstarrte, als der Neuankömmling die Krieger stehenließ und die Höhle betrat. Ljuba presste sich so fest an die Felswand, als wolle sie darin verschwinden. Innerhalb eines Atemzugs war er bei ihr, sein Schatten fiel über sie und hüllte sie in kalte Dunkelheit. Das Feuer in seinem Rücken machte aus ihm eine schwarzausgemalte Silhouette, dessen Identität verborgen blieb. Ihr Herz klopfte laut.

„Karan will dich sehen“, sagte er schlicht.

Als sie die nüchterne Stimme hörte, wusste sie sofort, wer der Mann war – Cuska, Karans ständiger Begleiter, der gedrängt hatte, Dafina und sie zu töten. Übelkeit stieg in ihr auf.

„Komm.“

Unfähig zu antworten, schüttelte sie den Kopf.

Die Bewegung weckte Dafina, die verschlafen das Haupt von ihrer Schulter hob und seufzte. Erst da entdeckte sie den Mann, der mit leicht gespreizten Beinen vor ihnen stand, und sie schreckte heftig zusammen.

Entgegen Ljubas Vermutung reagierte ihr Gegenüber nicht ärgerlich. Er stand ganz still da.

„Es ist ein Befehl. Also komm.“ Cuska wandte sich zum Gehen.

„Was für ein Befehl?“, fragte Dafina scharf.

Ljuba stockte der Atem.

Er hielt inne, dann drehte er sich langsam wieder zurück. „Ljuba kommt mit mir.“ Seine Stimme klang ruhig.

„Was willst du von ihr?“, zischte Dafina und lehnte sich angriffslustig vor.

Die Wachen am Eingang packten ihre Speere fester.

„Ich bringe sie zu Karan.“

„Dann komme ich mit!“

„Du bleibst hier“, erklärte Cuska kühl. „Karan will nur sie sehen.“

Ein eisiger Hauch fuhr über Ljubas Haut. Die feinen Härchen in ihrem Nacken richteten sich steil auf. Wie von selbst schob sie Dafina von sich und stand auf.

„Schwester!“

Ljuba lächelte sie matt an. „Ich komme gleich wieder“, versprach sie, obwohl sie nicht wusste, ob das der Wahrheit entsprach. Sie sah unter halb gesenkten Lidern in das Gesicht des Mannes, aber der Schatten ließ nur ein paar Umrisse erkennen. Scheinbar sah er keinen Grund, sie erneut in Fesseln zu legen, denn im nächsten Moment machte er wortlos kehrt und ging zum Höhleneingang zurück. Er schritt an den Wachen vorbei nach draußen und Ljuba drückte sich in seinen Windschatten. Die Männer grinsten sie an. Schnell riss sie ihren Blick von den höhnischen Fratzen los und heftete ihn auf den Rücken vor sich. Im Licht der Fackeln, die den Pfad säumten, sah Karans Begleiter wie ein gewöhnlicher Mann aus. Er trug Beinlinge aus Leder und hohe Rentierfellstiefel, und ein dünner aschblonder Zopf fiel über seinen Rücken. Bloß der schwarze Bärenpelz um seine Schultern und die Mütze auf seinem Haupt zeugten davon, dass er ein Schwarzer Krieger war. Sogar mehr als das: Er war ihr Hauptmann – und ein Mörder.

Eine der Wachen rief ihr etwas nach, und sie beschleunigte ihren Gang, um den Hauptmann einzuholen. Als sie ihn erreichte, verzog er keine Miene und führte sie zielstrebig durch das Lager, über das sich die Abenddämmerung senkte.

Kleine Zelte standen unterhalb der Felsformation, die kaum als Berg bezeichnet werden konnte, aber sie war die größte Erhöhung in der Ebene und kleine krüppelige Haselsträucher schmiegten sich schutzsuchend an sie. Das ganze Lager wurde von Fackeln erhellt und hier und da flackerten kleine Feuer, an denen sich die Männer in Gruppen zusammengefunden hatten, um ihr Abendessen zu verzehren. Als Ljuba zufrieden feststellte, dass auch sie nur trockenes Brot zu essen hatten, warf sie einen verstohlenen Blick auf den Mann an ihrer Seite. Er war größer als Karan, hatte eine schmale, gerade Nase und nahezu farblose Augen. Seine Brauen waren dünne, aschblonde Bögen, und ohne sein Halstuch konnte sie den blassen, stoppeligen Bart sehen, der sein Kinn und seine Wangen bedeckte. Alles an ihm war hell und kalt wie Mondlicht. Ljuba richtete ihr Augenmerk wieder auf den Weg vor sich und glaubte, ihr Ziel ausgemacht zu haben – ein großes Zelt, auf das ihr Bewacher geradewegs zuhielt. Auf Ljuba wirkte es eindrucksvoll inmitten der anderen kleinen Reisezelte, obwohl es auch nur eine notdürftige Unterkunft aus Stangen und Lederplanen war. Vor dem Eingang wartete ein bewaffneter Mann, aber als er Cuska und sie kommen sah, trat er beiseite.

Der Hauptmann hielt den Türvorhang auf und nickte hinein.

Ljuba zögerte. Aus dem Inneren des Zelts schlug ihr warme Luft entgegen, die den Geruch von Essen mit sich brachte, und sie fror so erbärmlich, dass sie unwillkürlich vorwärts trabte. Hinter ihr fiel der Vorhang zu und sie blickte erschrocken über ihre Schulter.

Der Hauptmann war fort.

Langsam drehte sich Ljuba um. In der Mitte war eine Feuerstelle, eingefasst mit Steinen, deren Flammen das Innere des Zelts in rötliches Licht tauchten. Karan saß daneben auf einem Fellteppich. In einer Hand hielt er eine Tontasse, von der er weißen Dampf blies, bevor er an der heißen Flüssigkeit nippte und seine Augen zu Ljuba wanderten, die immer noch still neben dem Eingang stand.

Der Duft von frisch gebrühten Brennnesseln stieg ihr in die Nase und sie leckte sich die Lippen.

Karan sah es und grinste. „Möchtest du Tee?“

Sie schüttelte den Kopf, obwohl sie ihm die Tasse am liebsten aus der Hand gerissen und das wohlschmeckende Getränk mit einem Zug ihre Kehle hinuntergekippt hätte. Sie wollte ihn fragen, warum er sie gerufen hatte, aber sie bekam den Mund nicht auf. Ihre Lippen klebten fest aufeinander.

Karans Lächeln verblasste. „Komm her“, verlangte er, aber sie rührte sich nicht. „Du sollst herkommen!“ Seine Nasenflügel blähten sich. Eine steile Falte grub sich zwischen seine dunklen Augenbrauen.

Bedächtig löste Ljuba ihre Schuhsohle vom Fußboden, machte einen Schritt vorwärts, dann noch einen.

„Braves Mädchen“, sagte er. „Setz dich.“

Sie ließ sich am äußersten Rand des Ochsenfells nieder, das auf dem Boden ausgebreitet war.

Karan schmunzelte, streckte die Hand aus und griff in ihre Haare.

Sie kniff die Augen zu, wartete auf den stechenden Schmerz, weil er daran zerrte, aber stattdessen glitten seine Finger über die Haut ihres Hinterkopfs und sein Daumen über ihr Kinn. Die Berührung war so zärtlich, dass ihr ein wohliger Schauer über den Rücken rieselte und sie jäh die Lider aufschlug. Sein Gesicht war ganz nah. Sie konnte den kreisrunden schwarzen Abgrund in seinen braunen Augen erkennen.

„Du bist wirklich hübsch“, stellte er fest, aber es klang nicht wie ein Kompliment, sondern wie ein Vorwurf.

Hitze überzog ihre Wangen. Sie wollte den Kopf zur Seite neigen, aber seine Hand zwang sie, ihn weiter anzusehen.

„Warum musst du so hübsch sein?“, fragte er verärgert. „Ich wollte dich töten, aber das kann ich nicht, wenn du so hübsch bist. Zeig mir, ob es sich gelohnt hat, dich zu verschonen.“ Er drückte seinen Mund hart auf ihren.

Ljuba keuchte und stieß ihn weg.

Karan rieb sich mit dem Handrücken das Kinn. Seine Augen sprühten Funken. „Du kannst mich nicht besiegen. Niemand kann das.“

Ljubas Herz donnerte wie die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes, als er wieder näher rückte. Er packte ihre Hände und drehte sie ihr brutal auf den Rücken. Schmerz zuckte durch ihre wunden Gelenke und Tränen schossen ihr in die Augen. Als er sich vorlehnte, um sie erneut zu küssen, zuckte sie zurück und er verzog das Gesicht. Im nächsten Moment warf er sie zu Boden und kniete sich über sie. Er ließ ihre Hände los, aber dafür bohrten sich seine Finger jetzt in ihre Oberarme.

„Mach mich nicht wütend“, zischte er. „Dein Leben gehört mir! Was glaubst du, wird mit deiner Schwester passieren, wenn du tot bist?“

Ljuba öffnete den Mund. Augenblicklich erschlafften ihre Muskeln.

Karan lächelte. „So ist es besser.“ Er beugte sich hinunter und streifte mit seinen Lippen über ihren Hals. „Sie würde meinen Männern gefallen“, raunte er dicht an ihrem Ohr. „Aber du würdest ihnen noch besser gefallen. Soll ich dich ihnen geben?“

Salzige Rinnsale liefen über ihr Jochbein und sammelten sich in der Ohrmuschel, zu der Karans Zunge die feuchte Tränenspur nachfuhr. Ljuba erzitterte. Ekel breitete sich in ihrem Magen aus. „Bitte, tu ihr nichts!“, brachte sie mit dünner Stimme hervor.

„Warum sollte ich nicht? Sie ist ebenso Andos Tochter, wie du es bist.“

„Bitte“, flüsterte sie. „Dafina ist noch ein Kind.“

„Ja“, stimmte er zu, „aber du nicht.“

„Dann nimm mich“, bat sie.

Der Mann schob sein Gesicht vor ihres, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Willst du mit mir handeln?“ Seine Augen verengten sich zu glitzernden Schlitzen. „Was bietest du mir an?“

Panik kroch in ihrer Kehle hinauf. Sie wollte keinen Handel mit ihm. Und sie wollte auch nicht, dass er sie berührte! Sie hob eben die Hände, um sie gegen seine Brust zu stemmen, als plötzlich eine laute Stimme seinen Namen rief. Karan fuhr auf und sah zum Eingang und sie tat es ihm gleich. Der Hauptmann stand dort und musterte das Pärchen nüchtern. Ljuba wurde sich schlagartig bewusst, dass es für ihn so aussehen musste, als streckte sie die Arme nach Karan aus, und errötete. Hastig presste sie die Fäuste an ihre Brust.

„Es ist eine Krähe gekommen“, sagte Cuska.

„Ah, der Schamane“, murmelte Karan, hob sein Gewicht von ihr und ließ sich mit überschlagenen Beinen neben ihr nieder. Ljuba kauerte sich schnell auf der Seite zusammen, und der kühle Blick des Hauptmanns verfolgte sie dabei.

„Eni wartet draußen. Er sagt, du wolltest ihn sprechen. Soll ich das Mädchen mitnehmen?“

Jäh wurde Ljuba bewusst, dass er die ganze Zeit vor dem Zelt gewartet und die Versuche seines Stammesfürsten mit angehört haben musste, sie zu – … sie brach den Gedanken ab. Die Scham versengte ihre Wangen.

Karan fuhr sich mit der Hand durch das dunkle Haar, als würde er erst gründlich über Cuskas Worte nachdenken müssen. Mürrisch musterte er seine Gefangene, schließlich seufzte er. „Schick ihn rein. Und bring Andos Tochter zurück zu den anderen.“

„Komm mit“, sagte der Hauptmann zu ihr.

Sofort rappelte sich Ljuba auf und huschte an ihm vorbei ins Freie.

6. Kapitel

Der kalte Wind blies Ljuba die dunklen Locken aus der Stirn und die feinen Härchen auf ihrer Haut stellten sich steil nach oben. Sie fror entsetzlich. Obwohl sie große Angst davor hatte, was als Nächstes geschehen würde, war sie erleichtert, das Lager des Schwarzen Clans erreicht zu haben.

Tagelang waren sie durch die Ebene marschiert. Das Weideland, das im Sommer von saftigem grünem Gras bedeckt und von kleinen Sträuchern und Hecken durchzogen war, hatte sich blassgelb verfärbt. Regentropfen blieben nur so lange an den langen, toten Halmen hängen, bis der eisige Nordwind, der erbarmungslos über das Land hinwegpeitschte, sie mitriss und dem nächsten Reisenden ins Gesicht schleuderte. Die erste Nacht, die die Frauen in der Höhle verbracht hatten, war annehmbar gewesen, im Gegensatz zu den darauffolgenden Nächten, in denen sie in der Steppe unter freiem Himmel hatten schlafen müssen. Ljuba war froh, dass Dafina und sie ihre dicke Fellkleidung trugen, andere Mädchen hatten es nicht so gut. Man hatte sie, so wie sie waren, aus ihren Hütten verschleppt. Sie hatten weder Mütze noch Jacke und manche nur dünne Lederschuhe an, die schnell durchnässt waren. In der dritten Nacht hatte es Frost gegeben und am nächsten Morgen hatte man eine der Frauen tot aufgefunden. Es war schwer zu sagen, ob sie erfroren oder an Erschöpfung gestorben war. Ljuba hatte ihrer Schwester schnell die Augen zuhalten wollen, aber Dafina hatte ihr die Hand weggeschlagen und grimmig den steifen, leblosen Körper betrachtet. Vier Tage waren sie in der weiten, offenen Steppe unterwegs gewesen, bevor das Gelände steiler geworden war. Raue Felsen klafften, von gelben Flechten überzogen, wie morsche Reißzähne aus dem Boden und am Horizont zeigte sich ein breiter, dunkler Umriss. Dort begann das Gebirge. Der Trupp kam nur schleppend voran, weil die Frauen kraftlos und müde waren. Sie benötigten einen ganzen Tag, um den Pass, der in das Tal des Schwarzen Clans führte, zu erreichen, und einen weiteren, um ihn zu bezwingen.

Die Schwarzen Krieger hatten den Hinweg nicht zu Fuß bewältigt. Sie waren geritten, doch auf dem Rückweg zogen die meisten Tiere Stangenschleifen hinter sich her, einfache Schlitten, die aus zwei langen, sich kreuzenden Holzstangen und einer Tragefläche dazwischen bestanden. Die Pferde waren beladen mit all den Dingen, die sich die Krieger gewaltsam vom Graslandclan angeeignet hatten: Vorräte wie Dörrfleisch, Trockenfisch, Körbe voller getrockneter Beeren, Pilze, Kräuter, aber auch Waffen und Werkzeuge. Obwohl die Männer zwölf von den hellen sandfarbenen Stuten des Graslandclans erbeutet hatten, mussten sie wohl oder übel zu Fuß gehen.

Im Gegensatz zu Andos Falben hatten ihre eigenen Pferde schwarzes oder graues Fell, das bei manchen mit hellen Tupfen übersät war, als wären dicke Schneeflocken auf ihre Rücken gefallen. Schweif und Mähne waren weiß oder schwarz gefärbt.

Die Krieger hatten den Tross aus Sklavinnen, Pferden, Ziegen und mehreren Hunden einen breiten Felsweg entlang ins Tal geführt und nun blickte Ljuba hinauf zu dem Dorf auf der Anhöhe, das über einen sandigen Weg zu erreichen war. Linkerhand befand sich ein Rinnsal, das den Namen Bach kaum verdient hatte und dessen Geplätscher mühelos von dem Gegröle der Männer übertönt wurde. Sie spürte, wie sich Dafinas kleine, kalte Hand in ihre schob. Wärme floss aus ihrem Herzen und breitete sich in ihrem Inneren aus. Auch wenn Dafina sich oft erwachsen und mutig gab, so war sie letztlich doch noch ein Kind. Ljuba war froh darüber, dass sie sich dieses eine Mal wie die ältere Schwester fühlte, die sie war.

Große, lange Holzhäuser mit strohgedeckten Dächern, die fast bis zum Boden reichten, standen oben auf dem Hügel. Sie waren rechteckig mit einer Länge von mindestens zwanzig Schritten oder mehr. Dicke, dunkle Holzbohlen stützten die Dächer. Ljubas Augen wurden immer größer. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie viele Menschen in so einem Haus leben mochten. Kleinere Holzhütten umsäumten die imposanten Langhäuser. Rauchschwaden hingen über dem Dorf. Bestimmt brannten drinnen die Kochfeuer und erfüllten die Räume mit wohliger Wärme und Essensduft. Ljuba schluckte die Spucke hinunter, die bei dem Gedanken an eine warme Mahlzeit in ihrem Mund zusammenlief. Gestern Abend hatte sie zuletzt etwas zu essen bekommen. Und sie musste Dafina zustimmen – das harte Brot schmeckte scheußlich.

Schwarze Krieger drängten sich grob an Ljuba vorbei und nahmen den Weg hinauf ins Lager.

„Los weiter!“, rief eine ärgerliche Stimme und Ljuba wurde vorwärts geschubst. Sie lief ein Stück mit, dann hörte sie hinter sich lautes Hufgetrappel und einen empörten Schrei. Sie fuhr herum und riss geistesgegenwärtig Dafina zur Seite.

Ein Pferd kam vom Ende des Zugs angeprescht. Der Reiter lenkte es dicht an der Felswand des Passes entlang, trotzdem waren einige gezwungen, beiseite zu springen, um nicht umgeworfen zu werden. Erst als das Pferd die Mündung des Ganges in das Tal erreichte, wo der Platz nicht so begrenzt war, verebbten die Schreie der Verscheuchten.

Ljuba beobachtete entsetzt, wie der Reiter auf ihrer Höhe seinen großen Winterrappen zügelte und zum Stehen kam. Das Pferd schnaubte laut und sein Atem bildete weiße Wölkchen in der kalten Luft. Es stand so dicht neben ihr, dass sie die graue Fellzeichnung erkennen konnte und die Wärme spürte, die von dem Tier ausging. Am liebsten hätte sie die ausgekühlten Finger nach dem zuckenden Leib ausgestreckt, aber sie widerstand diesem Impuls und löste ihren Blick von den langen Wimpern des Pferdes und seiner Mähne so weiß wie Schnee, um ihn zu seinem Reiter hochwandern zu lassen. Er trug die Tracht der Schwarzen Krieger, die Nase tief im Halstuch vergraben, sodass nur die hellen Augen herausstachen. Ljuba erkannte ihn sofort. Sie setzte sich in Bewegung, folgte dem Strom der Menschen und zerrte Dafina mit sich. Angstschweiß prickelte in ihrem Nacken. Obwohl es ihr unter den Nägeln brannte, wagte sie es nicht, zurückzuschauen. Plötzlich rauschte das Pferd mitsamt seinem Reiter an ihr vorbei und geradewegs auf die Siedlung zu. Ljuba sah verstohlen zu ihrer Schwester. Ihr Gesicht war schmutzig, ihr helles, braunes Haar verfilzt, aber sie war gesund, unverletzt und unberührt. Ljuba presste die Lippen aufeinander. Sie würde dafür sorgen, dass das so blieb. Auch wenn sie sich selbst dafür aufgeben musste. Um Dafina zu beschützen, würde sie Karans Handel zustimmen. Sie stapfte vorwärts.

 

***

 

Cuska zügelte seine rappwindfarbene Stute und kam unmittelbar neben dem Stammesfürsten auf der Anhöhe zum Stehen. Splitt und Staub wirbelten unter den schlitternden Pferdehufen auf.

Karan hob kurz den Blick, sah zu seinem Hauptmann und wandte sich wieder dem Schwarzen Krieger an seiner Seite zu. „Bringt sie in die Sklavenunterkünfte“, befahl er, während Cuska geschmeidig vom Rücken seiner Stute glitt und zu ihm trat.

Der Krieger nickte, machte kehrt und eilte davon.

Cuska blickte ihm nach, bis er sich dem Menschenzug unterhalb des Hügels wieder anschloss. Er zog das Ledertuch von seinem Nasenrücken, als er ein leises Lachen hörte, und warf einen Seitenblick auf Karan. Dessen Mundwinkel zuckten belustigt, während seine leuchtenden Augen über die Menge schweiften. Schwarze Krieger vermengt mit Sklavinnen und Pferden.

„Du bist zufrieden“, stellte Cuska fest.

Karan drehte sich mit überraschtem Ausdruck zu ihm um. Er legte die Stirn in Falten. „Ja. Und nein.“

Der Hauptmann zog seine hellen Brauen hoch und Karan nickte mit dem Kinn zu der Gruppe von Menschen, die gerade den sanften Anstieg ins Dorf nahmen. In der Menge entdeckte Cuska zwei Mädchen, das eine hatte einen hellbraunen Haarschopf, das andere dunkle Locken – Andos Töchter. Cuska schwieg.

„Ich werde sie brechen“, flüsterte Karan. Sein Blick schien sich förmlich an dem älteren Mädchen festzusaugen. „Alles ist nach Plan verlaufen“, sagte der Fürst jäh. „Ich muss dir danken, Bruder. Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.“

Schwarze Krieger führten die schwerbepackten Pferde an ihnen vorüber. Die geraubten Dunkelfalben schnauften laut, sie waren ähnlich erschöpft wie die Frauen ihres Stammes.

Cuska konnte nicht abstreiten, dass sich der Angriff gelohnt hatte. Mit den Vorräten, die sie erbeutet hatten, würden sie mühelos den langen, kalten Winter in den Bergen überstehen, trotz der Mäuler, die zusätzlich zu stopfen waren. „Drei Männer haben wir verloren“, erwiderte er. „Und eins der Mädchen ist tot.“

Karan zuckte mit den Achseln. „Das ist zu verschmerzen“, erklärte er ungerührt.

Die Schwarzen Krieger waren bei Einbruch der Dunkelheit im Süden des Lagers eingefallen und hatten alles niedergemetzelt, was sich ihnen in den Weg gestellt hatte. Rasch hatten sie die Hütten angezündet, um unter den Bewohnern Panik auszulösen. Diejenigen, die es nicht mehr rechtzeitig aus ihren brennenden Behausungen geschafft hatten, verkohlten bei lebendigem Leib. Die anderen wurden von den Speeren der Schwarzen Krieger empfangen. Dass einigen die Flucht gelang, war unvermeidbar, sie zu verfolgen, unnötig. Karan wollte Andos Familie. Seinen Sohn hatten die Krieger schnell ausfindig gemacht und getötet. Danach fanden sie Ando selbst, wickelten ihm einen Strick um den Hals und schleiften ihn zum großen Platz. In der Zwischenzeit suchten Karan und der Hauptmann nach seinen Töchtern. Es war so leicht gewesen – so leicht, die Mädchen zu finden, so leicht, die gesamte Siedlung unter Kontrolle zu bringen, so leicht, Andos Leben zu zerstören. Das hatte der Stammesfürst seinen Schwarzen Kriegern zu verdanken.

Schon seit Anbeginn des Schwarzen Clans hatte es eine Gruppe von fünf Männern gegeben, die besonders treu und erfahren waren, gut geschult im Umgang mit Speer, Dolch, Pfeil und Bogen, und die zusammen mit dem Rat der Ältesten dem Fürsten zur Seite standen. Diese Fünf nannten sich selbst die Schwarzen Krieger. Als Karan alt genug war, um in den Kreis der Männer aufgenommen zu werden, verjagte er seinen Onkel, den Stammesfürsten, und übernahm dessen Platz. Als Erstes löste er den Rat auf, dann stockte er die Gemeinschaft der Schwarzen Krieger mit jungen Männern auf und setzte Cuska als ihren Anführer ein. Die Älteren fühlten sich in ihrem Stolz gekränkt, weil die Jungen sich mit demselben Namen rühmen durften, und beschwerten sich. Karan stellte es ihnen frei, zu gehen.

In der Ebene gab es keinen vergleichbaren Bund von Kriegern. Die Männer waren ausgezeichnet bewaffnet, jedem stand ein eigenes Reittier zu. Und sobald sie die harte Ausbildung hinter sich gebracht hatten, durften sie die schwarze Mütze und den schwarzen Umhang tragen, die aus dem Pelz eines Braunbären gefertigt wurden, der nicht selten eine solche Schattierung aufwies.

„Willst du den Graslandclan unbewacht lassen?“, fragte der Hauptmann.

Karans Augen, die immer noch auf das Mädchen gerichtet waren, verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Glaubst du, sie sind noch eine Bedrohung?“

„Nein.“

Sein Stammesfürst lächelte boshaft. „Der klägliche Rest von ihnen wird den Winter nicht überleben.“

Cuska schwieg.

Endlich wandte sich Karan ihm zu. „Deine Männer haben eine Belohnung verdient, findest du nicht?“

„Sicher“, erwiderte der Hauptmann zögernd.

„Gut, dann lasse ich auch sie in die Sklavenunterkünfte bringen.“

Cuska legte den Kopf schief. „Wen?“

Der andere verschränkte die Arme vor der Brust. „Ljuba.“

„Ich dachte, du wolltest sie für dich haben.“

„Oh, das will ich“, knurrte Karan. „Aber sie hat mich verärgert. Ich werde ihr zeigen, dass ich meine Drohungen wahr mache.“

Der Hauptmann antwortete nicht.

„Stört dich das?“, neckte ihn Karan.

„Nein.“

„Gut.“ Der dunkelhaarige Mann lächelte. „Für dich habe ich auch eine Belohnung.“

Cuska verzog angewidert das Gesicht. „Ich will das Mädchen nicht haben.“

„Nein“, antwortete Karan. „Ich weiß, dass du keine Verwendung für Frauen hast.“

„Für kleine Mädchen“, widersprach ihm sein Hauptmann.

Karan grinste. „Ich habe Eni angewiesen, deinen Wachdienst zu übernehmen.“

Cuskas Ausdruck blieb unverändert. „Was heißt das?“

„Du hast dir etwas freie Zeit verdient“, erklärte Karan und grinste verschmitzt. „Ruh dich aus, entspann dich, finde Verwendung für eine Frau.“

„Wenn du das wünscht“, gab Cuska zurück.

Sein Fürst nickte und ließ seinen Blick über das Tal schweifen. Plötzlich verengte er die Augen. „Ah, das muss Dajan sein.“

Cuska folgte seinem Blick und entdeckte die beiden in graue Pelze gehüllten Reiter auf der anderen Seite des Tals oberhalb des steilen Abhangs, der nach Nordosten zum Roten Pass führte.

„Ich habe ihn zu deinen Leuten geschickt. Mal sehen, ob Labi mit meiner Forderung einverstanden ist“, sagte Karan amüsiert.

„Die Steppenreiter sind nicht mehr meine Leute.“

 

***

 

Ljuba sog den Geruch von warmem Schweiß und Leder in ihre Nase. Angst kroch über ihre Zunge und hinterließ einen bitteren Geschmack, der sich nicht hinunterschlucken ließ.

Der Mann presste sie gegen die Holzwand, sodass ihr Gesicht noch fester gegen seine Schulter gedrückt wurde und sie gar keine Luft mehr bekam.

Augenblicklich schob Ljuba ihre Hände zwischen ihrer beider Körper, stemmte sie gegen seine Brust und stieß ihn weg. Mit erstauntem Ausdruck taumelte er rückwärts.

Der Fremde war groß und schlank und nicht allein. Sein Begleiter hinter ihm war das genaue Gegenteil von ihm, klein und drahtig.

Gewöhnlich hätte Ljuba beim Anblick des ungleichen Paars gekichert, aber ihr war nicht nach Lachen zumute. Dafina war fort, und offenkundig wollten die beiden dort weitermachen, wo Karan aufgehört hatte. Sonst hätten sie sie wohl kaum in den abgetrennten Bereich des Langhauses geschleift. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Gefangenen des Graslandclans in das große Langhaus gebracht worden, und erschrocken hatte Ljuba festgestellt, wie viele Frauen, allesamt Sklavinnen, hier untergebracht waren. Und was die Schwarzen Krieger mit ihnen machten. Bevor die Männer Ljuba in das Gebäude hatten drängen können, hatte sie tatenlos mit ansehen müssen, wie ihre jüngere Schwester zusammen mit zwei anderen Mädchen weggeführt worden war.

Jetzt saß Ljuba in der Falle und konnte sich nicht einmal selbst helfen. Wie sollte sie da Dafina retten? Sie schluckte.

Der Kleine gluckste und verschränkte die Arme vor der Brust, während der andere schnaubend nach ihr griff. Schnell machte sie einen Satz zur Seite und ihr Gegner zog wütend die dunklen Brauen zusammen. An seinem Kiefer zuckte ein Muskel, und sie konnte die Vibrationen ihres Herzschlags in ihrer Kehle fühlen.

Schnell packte der Mann ihren Oberarm, aber Ljuba wehrte sich nach Leibeskräften und er grunzte ärgerlich, bemüht, auch ihren anderen Arm einzufangen, aber vergeblich. „Jetzt hilf mir gefälligst!“, rief er seinem Begleiter zu.

Der Kleine grinste und stieß sich vom Boden ab.

Voller Panik beobachtete Ljuba, wie er auf sie zutrat, und ihr Mund wurde trocken. Sie konnte sich unmöglich gegen zwei von ihnen wehren. Hektisch schaute sie von einem zum anderen und dann zu den Vorhängen, die das kleine Lager vom Rest des großen Langhauses abtrennten. Neben ihr auf dem festgestampften Erdboden befand sich eine Schlafstätte, die aus einem verfilzten Fell und einer zerschlissenen Decke bestand.

Der Kleine grabschte nach ihrem freien Arm, aber sie winkelte ihn hastig an und rammte ihm ihren spitzen Ellenbogen in den Bauch. Reflexartig krümmte er sich zusammen und gab dabei ein Geräusch von sich, das dem überraschten Jaulen eines Hundes ähnelte.

Ljuba drängte sich an ihm vorbei, wollte fliehen, aber der Große umklammerte weiterhin ihren Oberarm. Sie zog so heftig daran, dass seine Finger abrutschten, aber sofort fasste er nach und umklammerte stattdessen ihr Handgelenk. Ljuba ruckte wieder, doch statt freizukommen, zerrte sie den Mann mit sich. Just verhedderte sich ihr Fuß im Schlaffell. Sie strauchelte, fiel der Länge nach hin und ihr lästiges Anhängsel stürzte hinterher. Mit der Nase voran traf sie hart auf den Fußboden. Ljuba hörte ein leises Knacken und bekam eine Gänsehaut, noch bevor der Schmerz durch ihren Schädel zuckte. Sie hob das Gesicht, schmeckte Blut und Staub, und zog die Nase hoch. Empfindlich zuckte sie zusammen, während ihr durcheinandergewirbelter Verstand langsam wieder losholperte. Sie warf einen Blick über die Schulter.

Der große Kerl lag schräg hinter ihr und bewegte sich nicht, ihr Arm war frei! Dafür hatte sich der andere inzwischen von dem Schlag in den Magen erholt und funkelte sie an.

Ljuba rappelte sich eilig auf, denn ein zweites Mal würde ihr das sicher nicht gelingen. Doch gerade als sie losrennen wollte, schloss sich ein harter Griff um ihren Knöchel. Instinktiv trat sie nach hinten aus.

Der Mann brüllte vor Schmerz, als ihr Fuß sein Gesicht traf. Schlagartig gab er ihren Knöchel frei.

Ohne einen Gedanken an ihn zu verschwenden, hechtete Ljuba los. Sie schlug die Vorhänge beiseite, achtete nicht auf die fragenden Blicke der Sklavinnen, sondern lief zu der Holztür linkerhand, stieß sie auf und stolperte hinaus. Kalte Luft schlug ihr entgegen und das helle Licht blendete sie, sodass sie die Leute nicht sah, die stehen blieben und sie anglotzten. Wohin sollte sie sich wenden? Es gab keinen Ort, an dem sie sich verstecken konnte, und niemand würde ihr helfen.

Ljuba drängte die grausame Wahrheit zurück in die dunklen Ecken ihres Verstandes, wandte sich nach links und lief den Hauptweg hinunter, den man sie am Vormittag hinaufgescheucht hatte. Auf beiden Seiten standen Holzhäuser, von deren Dächern feiner Rauch in den wolkenverhangenen Himmel aufstieg. Hinter Ljuba erklangen die wütenden Schreie der Männer und sie drückte sich tief in den Schatten einer Hauswand. Klebriger Schleim sammelte sich in ihrem Mund. Sie zwang sich langsam und leise zu atmen, während sie aus ihrem Versteck heraus beobachtete, wie die Männer auf dem Weg stehen blieben und sich umsahen.

„Wo ist sie?“, fragte der Große und rieb sich das blutverschmierte behaarte Kinn.

Voller Genugtuung bemerkte Ljuba, welchen Schaden ihr Tritt angerichtet hatte.

Der andere zuckte mit den Achseln.

„Und jetzt?“

„Suchen wir sie!“

Ljuba presste ihren Rücken noch fester gegen die Wand und legte das Ohr daran, aber von drinnen war kein Geräusch zu hören. Ohne den sicheren Schatten zu verlassen, trat sie einen Schritt vom Haus weg, schaute nach oben und stellte fest, dass aus dem Rauchabzug kein Qualm aufstieg. Das Haus schien verlassen. Dort konnte sie sich verstecken – wenigstens für den Moment.

Ljuba schob sich an der Wand entlang zum Eingang. Das Augenmerk immer noch auf ihre Verfolger gerichtet fasste sie nach den Türvorhängen und glitt rückwärts ins Innere. Gerade als die Vorhänge vor ihrer Nase zufielen, gellte ein zorniger Aufschrei von draußen auf die Hütte zu. Schweiß floss in Bächen über ihr Gesicht. Sie hatten sie gesehen! Panisch wirbelte Ljuba herum, wollte nach einer Waffe suchen und blickte geradewegs in helle, ausdruckslose Augen. Ihr Herz blieb stehen.

Der Hauptmann saß mit überkreuzten Beinen auf einem Fellteppich neben der kalten Feuerstelle. Langsam zog er seine Brauen nach oben. „Was willst du hier?“

7. Kapitel

Cuska beobachtete, wie die junge Frau die Augen weit aufriss, ihn erschrocken ansah und gleichzeitig alle Farbe aus ihren Wangen wich. Sie öffnete den Mund, und geduldig wartete er auf eine Antwort, aber sie kam nicht. Cuska korrigierte sich in Gedanken: Dies war keine Frau, sondern ein Mädchen. Ihre Nase war blutig. „Also?“

Der erste Schreck verwandelte sich in blanke Panik. Vorsichtig bewegte sich das Mädchen rückwärts auf die Tür zu, doch in demselben Moment wurden die Vorhänge beiseite gerissen und zwei Schwarze Krieger stolperten herein.

Der eine packte die Sklavin von hinten. „Ha! Jetzt haben wir dich!“ Er verdrehte ihr die Arme auf dem Rücken, da erst fing er den Blick des Hauptmanns auf und zuckte sichtlich zusammen. „Hauptmann! Wir wussten nicht, dass du –“

„Was soll das?“, unterbrach ihn Cuska mit leiser, drohender Stimme.

Die Schwarzen Krieger schauten einander an, dann wieder ihn.

„Die Sklavin wollte fliehen“, antwortete der eine.

Der andere nickte eifrig. „Wir mussten sie wieder einfangen!“

„Aha“, machte Cuska und stocherte lustlos mit einem Stock in der kalten Asche der Kochstelle herum, aus der sich feiner grauer Staub in die Luft erhob. Die Männer machten keine Anstalten zu gehen. „Sonst noch was?“ Keine Antwort. Cuska hielt in seiner Bewegung inne und sah auf.

Der Große leckte sich über die Lippen. „Nein, nichts“, murmelte er.

„Was?“

„Nichts! Wir gehen“, sagte der Kleine hastig und wandte sich zusammen mit dem Mädchen zum Ausgang.

Verzweifeltes Wimmern drang an Cuskas Ohren. „Wartet“, befahl der Hauptmann und legte den Stock neben sich auf den Boden. „Was habt ihr mit der Sklavin vor?“

Erneut sahen sich die beiden an, dann drehte sich der, der das Mädchen grob am Arm gepackt hatte, widerwillig um.

„Karan hat sie den Schwarzen Kriegern gegeben, da dachten wir –“

Cuska zog seine hellen Brauen zusammen. „Da dachtet ihr, ihr könnt sie einfach nehmen?“

Ihre Mienen spiegelten Bestürzung wider und sie schüttelten die Köpfe, obwohl es keinen Zweifel gab, dass das ihr Vorhaben gewesen war.

Cuska legte den Kopf schief. Die beiden wollten ihn hintergehen. „Meint ihr nicht, ihr hättet mich fragen müssen?“ Er bekam wieder keine Antwort. „Ich bin der Hauptmann der Schwarzen Krieger und ich entscheide, wer das Mädchen bekommt.“

Die Sklavin starrte ihn mit riesigen, nassen Augen an. Das Blut auf ihrer Lippe trocknete bereits.

Der Kleine räusperte sich. „Können wir sie dann haben?“

„Nein“, sagte Cuska. „Verschwindet.“

Grimmig wandten sich die Krieger der Tür zu und schubsten die Sklavin vorwärts.

„Halt“, rief der Hauptmann. „Ich habe gesagt, ihr sollt verschwinden“, erklärte er mit Nachdruck. „Das wird eine Bestrafung nach sich ziehen.“

Widerwillig ließ der Kleine die Sklavin los, die sofort einen Satz zur Seite machte.

Die Schwarzen Krieger schlüpften zur Tür hinaus. Andos Tochter blieb.

Cuska nahm den Stock auf und stocherte weiter in der Asche herum.

 

***

 

Das laute Pochen ihres Herzens hallte laut in Ljubas Ohren wider. Falls der Mann es hörte, so ließ er sich nichts anmerken. Er saß da wie zuvor, mit überschlagenen Beinen auf dem rotbraunen Fellteppich und beachtete sie nicht. Seinen Blick hatte er auf die Aschewolke über der erkalteten Feuerstelle gesenkt. Sie bezweifelte, dass sie sich über die unerwartete Hilfe des Hauptmanns freuen sollte.

Tu, wozu du hergekommen bist, hatte er Karan beim Überfall auf ihren Stamm nüchtern aufgefordert.

Ein feines Prickeln in ihrem Nacken rieselte ihr Rückgrat hinunter, dehnte sich auf ihre Arme aus und weiter auf ihren ganzen Körper, bis er vollends mit Gänsehaut überzogen war. War es so kalt oder lag es an der Präsenz des Mannes? Die Absichten der Schwarzen Krieger waren eindeutig gewesen – das maskenhafte Profil von Karans Hauptmann hingegen ließ keine Schlüsse zu. Ein schaler Geschmack breitete sich in Ljubas Mund aus und sie trat nervös von einem Bein auf das andere.

Plötzlich unterbrach der Mann seine Tätigkeit, in der Asche zu stochern. „Setz dich hin.“

Ljuba erstarrte beim Klang seiner Stimme und konnte seinem Befehl nicht nachkommen, nicht aus Ungehorsam, sondern weil sie wie gelähmt war. Als er den Kopf zu ihr drehte und die hellen Augen ihre trafen, setzte ihr aufgeregtes Herz aus. Er sagte nichts, wiederholte weder seine Aufforderung, noch fuhr er sie an. Endlich gelang es ihr, den linken Fuß vom Boden zu lösen, und weiter in den Raum hineinzugehen. Obwohl sie sich am äußersten Rand des Teppichs niederließ, war sie dem Hauptmann so unangenehm nah, dass sich ihr Körper sofort wieder verkrampfte. Ljuba atmete tief ein, ehe sie sich verstohlen in seiner Behausung umsah, die sehr aufgeräumt wirkte, aber es gab auch nicht viel, was sich in Unordnung bringen ließe. Der Lehmboden war festgestampft und mit zwei großen Fellteppichen ausgelegt. Geistesabwesend strich Ljuba mit den Fingern die langen, dunkelroten Haare glatt. An der gegenüberliegenden Holzwand standen zwei geflochtene Körbe, in denen er vermutlich seine Kleider aufbewahrte, die nicht wie der schwarze Pelz über dem Trockengestell beim Eingang hingen. Ein einzelnes sorgsam aufgerolltes Schlaffell lag oben auf. Ljuba fragte sich, ob er allein lebte. Auf sie wirkte er alt genug, um Frau und Kind zu haben. Aber auch die restliche Einrichtung deutete darauf hin, dass er sich mit niemandem die geräumige Hütte teilen musste. In einer dunklen Ecke stand ein Holzbottich, der vermutlich Urin enthielt – auch der Graslandclan bewahrte ihn auf, um ihn zum Gerben von Fellen zu verwenden. Neben einem Tonkessel mit Wasser stapelte sich etwas Geschirr und unter dem Trockengestell entdeckte Ljuba nur ein Paar Stiefel. Der lange Speer des Hauptmanns lehnte an der Wand, die schlanke, dunkle Silexspitze im Dämmerlicht kaum zu erkennen, aber Ljuba war sich der todbringenden Eigenschaft der Waffe bewusst und versteifte sich unwillkürlich.

Der Mann hatte inzwischen aufgehört, in der Asche herumzustochern, und ein grauer Film setzte sich auf den runden Steinen ab, die das Kochfeuer einfassten. Sie waren schwarz gerußt und von der Hitze gebrochen. Jäh ließ der Hauptmann den Stock achtlos in die Asche fallen, die in alle Richtungen aufstob, und Ljuba hustete. Er löste den Lederbeutel von seinem Gürtel, zog die Schlinge auf und holte ein geflochtenes Seil heraus. Augenblicklich rückte Ljuba von ihm ab, aus Angst, wieder gefesselt zu werden, aber er tat nichts dergleichen. Er fingerte an dem Seil herum, das sich als zerrissenes Zaumzeug entpuppte. Überrascht beobachtete sie, wie geschickt sich seine schlanken Hände bewegten. Er war ein Mörder und sie hatte erwartet, dass er bloß zu roher Gewalt fähig wäre, doch trotz des spärlichen Lichts gelang es ihm scheinbar mühelos, das kaputte Zaumzeug zu reparieren.

Der Hauptmann legte es beiseite. Und sah sie an.

Hastig wich Ljuba seinem Blick aus, stierte auf ein verfilztes Haarbüschel des Teppichs und zupfte daran herum, während die Hitze in ihre Wangen stieg. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr, aber ehe sie reagieren konnte, hockte er schon neben ihr und streckte seine Hände aus. Sie wollte zurückweichen, doch er war schneller, umfasste ihr Gesicht und zog es dicht zu sich. Er musterte sie. Ein heftiges Zittern ergriff von ihrem Körper Besitz. Seine kühlen Fingerspitzen strichen über ihre Wangen, und sie schrie auf. Klare Augen sahen sie nüchtern an.

„Warum schreist du?“

Ljuba verstummte. Er hatte ihr nicht wehgetan, aber dennoch …

Seine Augen waren von einem hellen Grau, umgeben von einem Kranz langer, silbriger Wimpern, die eine Sanftheit vortäuschten, der sie blind vertraut hätte, wenn sie nicht sein wahres Ich gekannt hätte. Die Brauen bildeten schmale Bögen in einem rauchigen Dunkelblond, die sich am Ende stark verjüngten. Während sie ihn betrachtete, tasteten seine Finger sanft über ihre Wangenknochen, das Jochbein und den lädierten Nasenrücken. Sie zuckte zusammen, aber sie unterdrückte einen erneuten Aufschrei.

Mit einem Mal spannte der Hauptmann seine Finger an, und sie wurde sich schlagartig bewusst, welche Kraft diesen schlanken Händen innewohnte. Er drückte seinen Daumen brutal zwischen Jochbein und Nasenrücken.

Sofort schoss ein heftiger Schmerz durch Ljubas Schädel und ihr gellender Schrei übertönte das leise Knacken. Intuitiv stieß sie den Mann weg, brachte Sicherheit versprechenden Raum zwischen sie beide und fasste sich an die verletzte Nase.

„Ich hab sie geradegemacht“, sagte er knapp.

Ljuba musste zugeben, dass ihr Gesicht weniger schmerzte als zuvor, trotzdem blieben ihre Muskeln zur Flucht bereit angespannt.

Mit blutverschmierten Fingern fischte er ein Tuch aus seinem Lederbeutel, um sie abzuwischen, dann deutete er auf Ljuba. „Du machst alles schmutzig.“

Sie sah an sich herunter, ein Rinnsal frischen, hellroten Blutes lief über ihre Lippen und tropfte auf den Fellteppich.

Der Hauptmann streckte ihr das Tuch entgegen und sie nahm es und hielt es sich unter die Nase. Er sammelte das Zaumzeug auf, kam auf die Beine und schlüpfte in seine Stiefel, dann legte er sich seinen Bärenpelz um die Schultern und setzte die Fellmütze auf.

Wollte er sie fortbringen, ohne etwas mit ihr getan zu haben? Wobei, das stimmte nicht, er hatte etwas getan – er hatte ihre Nase gerichtet. Ljuba wischte sich das Blut ab, bevor sie den Teppich sauberrieb.

Der Mann förderte aus einem der Körbe die Sammlung der scharfen Spandolche zutage, die er bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte, und befestigte sie an seinem Gürtel, dann griff er nach seinem Speer neben der Tür.

Wollte er sie hierlassen?

Ljuba rappelte sich halb auf. „Warte!“ Sie erschrak und bereute es augenblicklich, ihn unbedacht angesprochen zu haben.

Mit hochgezogenen Brauen drehte er sich um.

„Wo gehst du hin?“

Ohne zu antworten, wandte er sich wieder zur Tür, und sie hätte sich am liebsten für ihre eigene Dummheit geschlagen. Das ging sie gar nichts an. „Nein, bitte“, rief Ljuba. „Warte.“

Er blieb erneut stehen.

„Wo ist meine Schwester?“ Inbrunst und Verzweiflung klangen in ihren Worten mit.

Der Hauptmann schwieg, aber es war ihr, als dächte er nach. „Es geht ihr gut.“

Bevor Ljuba noch etwas fragen konnte, fiel der Vorhang hinter ihm zu, und sie sank zurück auf den Teppich. Sie schloss die Augen und atmete erleichtert aus. Dafina ging es gut. Aus irgendeinem Grund glaubte sie ihm – vielleicht war es auch bloß der Wunsch, dass er die Wahrheit sagte. Sie öffnete die Augen, unschlüssig, was sie nun tun sollte. Sollte sie auf die Rückkehr des Hauptmanns warten? War er so sehr davon überzeugt, dass sie nicht zu fliehen versuchte, oder war es ihm einfach egal? Mit einem Mal kam ihr der Gedanke, dass die Krieger zurückkehren würden, und sie schüttelte den Kopf, als könne sie damit ihre Angst vertreiben wie lästige Fliegen. Der Hauptmann hatte die beiden gründlich zurechtgewiesen, gewiss würden sie nicht wiederkommen. Doch Ljuba war sich sicher, dass mit dem Verlassen der Hütte dieser Schutz verwirkt war. Sie erschauerte. Und wohin sollte sie auch fliehen? Ohne Dafina konnte sie nicht fliehen und sie hatte noch nicht herausgefunden, wo man ihre Schwester hingebracht hatte.

Die Gefangene kaute auf ihrer Unterlippe. Doch was sie wusste, war, wo der Hauptmann seine Messer aufbewahrte! Ljuba rappelte sich auf, stürzte auf den Korb zu, hob den Deckel an und stellte enttäuscht fest, dass darin keine Waffen mehr zu finden waren. Um sicher zu gehen, schob sie das Schlaffell beiseite und sah im zweiten Korb nach, aber auch dort waren keine Dolche, Schaber oder irgendetwas Brauchbares, stattdessen eine zusammengefaltete Tunika, ein Hemd aus Hirschleder und ein paar Beinlinge. Ljuba errötete, als ihr bewusst wurde, dass sie die Kleidung des Hauptmanns durchwühlte.

Plötzlich wirbelten die Türvorhänge in den Raum, aber es war nur ein kalter Windstoß, der unter Ljubas Felljacke fuhr und sie frösteln ließ. Sie legte das Hemd zurück, verschloss den Korb und platzierte das Schlaffell auf dem Deckel, dann fiel ihr Blick auf den kleinen Brennholzstapel auf der anderen Seite. Sie seufzte und ging hinüber.

 

***

 

Schweißperlen prickelten auf Cuskas Haut, benetzten seine Brust, die Arme und die Stirn. Lange, dunkle Haarsträhnen kitzelten sein Gesicht. Er fühlte den warmen Atem der Frau an seinem Hals.

Sie wurde langsamer.

Cuska griff nach ihren Hüften und zwang sie, den Rhythmus zu beschleunigen. Er sog die Luft in seine Lungen. In den Haaren der Frau fing sich der Geruch der Hütte, der Rauch der glimmenden Feuerstelle, die staubigen Teppiche, das feuchte Leder des Dachs. Cuska nahm nichts davon wahr, hatte die Augen geschlossen, den Kopf weit zurückgelehnt und wartete. Ihre Bewegungen waren wie seichte Wellen, die an sein Ufer plätscherten. Es fühlte sich gut an. Es entspannte ihn. Es machte seinen Kopf frei. Hoffentlich.

Seine Muskeln spannten sich an und der Hauptmann grub seine Finger tief in das feste Fleisch ihrer Schenkel, die sie an seinen Unterkörper presste. Cuska stöhnte leise und sie hielt still, so wie sie es immer tat, wenn er so weit war. Er atmete aus, dann spürte er, wie sie ihr Gewicht von ihm hob, und öffnete die Augen. Jeva hatte ihm den Rücken zugekehrt und schlüpfte gerade in ihr Kleid, sodass er nur noch sah, wie der Saum über ihre nackten Waden rutschte. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen ließ er seinen Blick zur Decke der Hütte wandern. Obwohl in der Kochstelle Glut war, die die Behausung in dumpfes rötliches Licht tauchte, war es ohne den Körper der Frau kühl. Ein Lufthauch fuhr über seine schweißnasse Haut und er fröstelte, machte aber keine Anstalten aufzustehen und sich anzuziehen.

Mittlerweile vollständig bekleidet drehte sich Jeva zu ihm um und fuhr sich mit den Fingern durch das dunkle Haar.

Cuska war sich bewusst, dass sie darauf wartete, dass er ging, aber er beachtete sie nicht. Hinauswerfen konnte sie ihn nicht – er war der Hauptmann und sie eine Sklavin.

Jeva war eine Handvoll Jahre älter als er, aber sie besaß einen gewissen Reiz. Und sie war eine der wenigen, deren Anwesenheit Cuska ertragen konnte, denn sie teilte das Lager mit ihm, aber ließ ihn anderweitig in Ruhe.

Bevor der Hauptmann heute zu ihr gegangen war, hatte er Karans jüngeren Bruder getroffen. Von ihm wusste er, dass Labi die Forderungen angenommen hatte.

Cuska setzte sich auf. Ihre Blicke trafen sich, aber keiner sagte etwas, und schließlich erhob er sich und zog sich an. Hemd, Beinlinge, den Gürtel mitsamt den Messern, dann stieg er in seine Fellstiefel. Jeva reichte ihm seinen schwarzen Pelz und die Mütze. Als er sie nicht sofort ergriff, schaute sie ihn fragend an. Sein Blick glitt an ihr vorbei zu dem in Leder geschlagenen Päckchen auf dem Boden – Fleisch, das er Jeva mitgebracht hatte.

Ohne ein weiteres Wort griff Cuska nach seinem Speer und ging zur Tür, schob die Vorhänge beiseite und duckte sich nach draußen. Kälte und Dunkelheit schlugen ihm entgegen, hüllten ihn ein wie ein Mantel ohne wärmende Eigenschaft. Es war spät geworden, die ersten Sterne leuchteten am schwarzen Nachthimmel auf und das Lager wurde von flackerndem Fackelschein erhellt. Vereinzelte Schneeflocken tänzelten durch die Luft, sanken herab und setzten sich auf dem Weg zu einem löchrigen Teppich zusammen.

Die Schwarzen Krieger hatten Glück gehabt. Sie waren noch rechtzeitig zurückgekehrt, bevor sie sich mit Tieren und Sklaven über die verschneiten Pässe hätten kämpfen müssen, die das Dorf den Winter über vom Rest der Welt abschneiden würden.

Für gewöhnlich trug Cuska nicht mehr als ein oder zwei Dolche bei sich, wenn er im Dorf unterwegs war, aber er hatte nicht gewollt, dass seine Waffen der Sklavin in die Hände fielen. Ob das Mädchen noch da war? Er stapfte auf das große Langhaus zu und trat die Tür mit einem lauten Knall auf.

Die Männer, die sich in kleinen Gruppen auf Teppichen zusammengescharrt hatten, drehten sich zu ihm um und begrüßten ihn mit einem Kopfnicken.

Cuska nickte ernst zurück und schritt durch das Langhaus, das aus einem einzigen großen Raum bestand, geradewegs auf das große Kochfeuer zu. Wachsame Augenpaare folgten ihm, aber das störte ihn nicht. Er war es gewohnt, dass die anderen ihn mit Argwohn betrachteten.

Fünf Sklavinnen waren damit beschäftigt, Essen für die Schwarzen Krieger auszuteilen, das sie zuvor für sie zubereitet hatten.

Cuska blieb vor einer Frau stehen, die neben der Feuerstelle kniete und in einem großen Tontopf rührte, der mitten in der Glut stand. Erst als er sich räusperte, bemerkte sie ihn. Sie hatte dunkle, graudurchzogene Haare und ein breites, plattes Gesicht mit schmalen Augen.

„Gib mir etwas Fleisch“, verlangte der Hauptmann.

Die Frau nickte. Sie griff hinter sich, nahm eine Holzschüssel von einem Stapel und stocherte mit dem großen Holzlöffel in dem Topf herum.

„Nein!“

Sie hielt inne. „Du willst essen?“, fragte sie mit breitem Akzent. Die Sklavin kam aus dem Osten, wo die Menschen eine andere Sprache sprachen. Wieder rührte sie im Eintopf herum. Grobe Fleischstücke schwammen in dem Sud aus Zwiebeln und Wurzeln. Es duftete verführerisch, aber Cuska wollte etwas anderes.

Er schüttelte den Kopf. „Ich brauche frisches Fleisch.“

Die Frau schob nachdenklich ihre Unterlippe vor und zurück. Eine zweite Sklavin kam herbei, die noch älter aussah als die erste, und als sie den Mund öffnete, entblößte sie zwei einzelne Zähne im Unterkiefer. Die beiden Schneidezähne waren zu kurzen Stümpfen heruntergeschmirgelt. Vermutlich hatte die Frau ihr Leben lang Leder weichgekaut. Bei den Stämmen der Ebene wurde es mit Werkzeug abgeschabt oder einem Paddel geschlagen, wenn es feucht und durch anschließendes Trocknen hart geworden war. Aber jenseits des Flusses, der die Ebene teilte, wurden andere Verfahren angewandt. Sie stieß der jüngeren Frau den Ellenbogen in die Rippen und deutete mit einem zahnlosen Grinsen auf einen der Körbe. Die andere eilte zu dem abgedeckten Korb, öffnete ihn und nahm ein Stück Ziegenhaxe heraus. Sie zeigte sie Cuska und sah ihn hoffnungsvoll an. Der Hauptmann nickte und sie wickelte das Fleisch schnell in ein Stück Leder ein.

Während der kalten Wintermonate lagerte der Schwarze Clan sein Fleisch draußen, damit es gefror und für Monde haltbar war. In den Bergen taute der Schnee nicht vor Ende des Frühjahrs, sodass sich der Schwarze Clan sogar im tiefsten Winter mit frischem Fleisch versorgen konnte, was sie im Herbst geschlachtet hatten, während die Menschen in der Ebene auf Dörrfleisch, Witterung und das Jagdglück der Männer angewiesen waren. Das Fleisch aus dem Korb war von einer frisch getöteten Ziege, denn auch wenn es angefangen hatte, zu schneien, würde der Dauerfrost noch etwas auf sich warten lassen.

Cuska entdeckte in einem anderen Korb kleine, hartgebackene Fladenbrote, wies darauf und hob drei Finger. Die Frau schob das Fleischpäckchen in einen Beutel, legte die Fladenbrote dazu und Cuska nahm das Bündel und verließ ohne ein Abschiedswort das Langhaus der Schwarzen Krieger. Er überquerte den schneebedeckten Weg, wandte sich nach links und hielt auf sein Haus zu. In der Dunkelheit konnte er feinen Rauch sehen, der über dem Dach aufstieg, und er runzelte die Stirn. Er betrat die Hütte, schaute in das vom Feuer erleuchtete Gesicht des Mädchens, das neben der Feuerstelle saß.

Andos Tochter blickte ihn überrascht an, dann stand sie eilig auf.

Cuska schleuderte ihr das Bündel vor die Füße und sie sprang erschrocken zurück. „Fleisch“, erklärte der Hauptmann. „Koch es.“

8. Kapitel

Ljuba pulte die Fleischreste vom Knochen der gerösteten Haxe und sammelte sie in einem bauchigen Tongefäß mit hochstehendem Kragen, der mit kleinen weißen Punkten verziert war. Das Geschirr, das sie in Cuskas Haus gefunden hatte, war in derselben Weise hergestellt wie das des Graslandclans. Die Schüsseln und Krüge wurden aus Ton geformt, teilweise mit Henkeln versehen, und anschließend wurden hübsche Muster in das weiche Material geritzt, bevor die Gegenstände in einer flachen Grube verschwanden, wo sie in einem Glutbett gebrannt wurden. Danach wurden die Gefäße mit einem Glättstein poliert, bis sie glänzten.

Ljuba seufzte. Wieder war sie allein.

Als der Hauptmann am Abend zuvor zurückgekehrt war, hatte er ihr befohlen, Essen für ihn zu kochen. Schweigend hatten sie danach zusammengesessen und von dem gebratenen Fleisch und dem faden Brot gegessen. Ljuba hatten eine Reihe von Zutaten wie Schrot, Nüsse und Kräuter gefehlt, sonst hätte sie selbst Brot gebacken – nach Art ihres Stammes. Sie hatte sich Mühe gegeben, das Beste aus dem zu machen, was sie in den spärlichen Vorräten des Hauptmanns gefunden hatte. Ihrem Vater hätte sie so ein notdürftiges Mahl nicht vorzusetzen brauchen, aber dem Hauptmann schien es zu schmecken, zumindest äußerte er sich nicht abfällig. Nun, er hatte gar keine Reaktion gezeigt.

Als er aufgegessen hatte, holte er seine Schlafrolle und breitete sie auf dem Fellteppich aus. Ljuba hatte das Geschirr gesäubert und nachdenklich auf ihrer Unterlippe gekaut. Plötzlich stand er neben ihr. „Leg dich hin.“

Sie gehorchte sofort und rollte sich auf der Seite auf dem Teppich zusammen, wobei sie sorgfältig darauf achtete, dass sie sich zu der seinem Schlaflager entgegengesetzten Seite drehte. Mit einem Mal wurde sie unter einem großen, schweren Fell begraben. Überrascht fasste sie nach der Decke und zog sie über ihre Schulter.

„Schlaf jetzt.“

Ljuba hörte, wie er zu seiner Bettstatt ging und sich auszog. Hitze stieg in ihre Wangen und das Blut pochte in ihren Ohren. Obwohl sich ihre Sicht auf die Bretterwand vor ihr beschränkte, kniff sie die Augen zusammen. Sie befürchtete, der Mann wollte nackt zu ihr unters Fell kriechen, aber nichts dergleichen geschah. Das Geraschel hinter ihr rührte daher, dass er sich in seine eigene Schlafrolle wickelte, dann war, bis auf das Knacken der Glut, alles still. Trotzdem lag sie noch lange wach, die Muskeln bis aufs Äußerste angespannt. Erst in den frühen Morgenstunden übermannten sie Erschöpfung und Entbehrung und sie fiel in einen leichten Schlaf, der von wilden Träumen und Bilderfetzen begleitet wurde. Als sich der Hauptmann aufsetzte, wurde sie schlagartig wach, aber sie wagte es nicht, die Augen zu öffnen, geschweige denn sich zu ihm umzudrehen.

Er bewegte sich in der Hütte – Geschirr klapperte, Wasser plätscherte. Nach einer Weile ertönte seine nüchterne Stimme aus Richtung der Tür: „Ich weiß, dass du wach bist. Ich werde den ganzen Tag draußen sein.“

Dann war er fort.

Der Hauptmann hatte sie nicht weggeschickt und Ljuba war nicht gegangen. Sie hatte sich damit beschäftigt, aufzuräumen, auch wenn es nicht viel zu tun gab. Das Mädchen hatte die Schlaffelle aufgerollt und verstaut, das Frühstücksgeschirr des Hauptmanns gewaschen und den Fußboden gefegt. Ganz nebenbei hatte Ljuba Ausschau nach einer Waffe gehalten und zwischen den Kochutensilien war sie endlich fündig geworden. Sie versteckte das kleine Fleischmesser aus schwarzem Obsidian im Holzstoß und hoffte, dass der Hauptmann sein Fehlen nicht bemerken würde. All seine Waffen, die langen Dolche aus Flintstein, den schweren Speer, sogar seinen Bogen und seine Pfeiltasche, hatte er am Morgen mitgenommen. Er mochte die Gefangene allein zurückgelassen haben, aber er unterschätzte sie nicht.

Wieder seufzte Ljuba, sah zur Decke und blinzelte. Sonnenlicht fiel durch den Rauchabzug, einem Loch im Dach von der Größe einer gespreizten Hand, und ließ die dünnen Rauchfahnen wie weiße Nebelschleier aufleuchten. Es musste Mittag sein. Die Sonne stand genau über ihr.

Ljuba warf den Knochen in die Glut. War sie hier sicher? Wohl kaum. Zuerst hatte sie angenommen, der Hauptmann habe die Krieger weggejagt, weil er Ljuba für sich selbst wollte, aber er rührte sie nicht an. Sie bohrte die Zähne in ihre Unterlippe. Doch wenn er keine Verwendung für sie hatte, hätte er sie längst weggeschickt. Der Hauptmann hatte sie gerettet, und auch wenn ihr der Gedanke nicht behagte und die Scheu sie beherrschte, musste sie ihm danken. Beim Schwarzen Clan mochte ein roher Umgang herrschen, aber sie war nach anderen Werten erzogen.

Ljuba nahm einen kleinen Schilfgraskorb von dem Stapel mit Kochgeschirr und verstaute das Tongefäß darin, danach legte sie das letzte harte Fladenbrot hinein und füllte einen Schlauch mit Wasser aus dem großen, bauchigen Tontopf neben sich. Als sie fertig gepackt hatte, zog sie sich ihre lange Pelzjacke über und schlüpfte in die dicken Stiefel. Die Fellseite war innen, sodass ihre Füße auch bei Frostwetter wohlig warm blieben, allerdings hatten sie bei dem langen Marsch durch die Ebene und über den unwegsamen Gebirgspfad arg gelitten. Eine Seitennaht war aufgeplatzt und die Sohle des rechten Schuhs war durchgelaufen. Sie würde sie reparieren müssen.

Ljuba zauderte, dann zog sie ihre Kapuze tief ins Gesicht und griff entschlossen nach dem Korb. Sie schlug die Türvorhänge beiseite und trat ins Freie. Gleißende Helligkeit blendete sie, doch als sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, stellte sie fest, dass das Sonnenlicht von einer dichten Schneedecke reflektiert wurde, die sich in der Nacht über das Lager gelegt hatte. Sie war sprachlos, wie plötzlich der Winter über das Gebirge hereingebrochen war. Erst als die feuchte Kälte durch ihren kaputten Schuh drang und ihren nackten Fuß erreichte, wurde sie in die Gegenwart zurückgeholt. Gänsehaut überzog ihren Körper.

Sie blickte sich verstohlen im Lager um. Von hier aus konnte sie vier von den Langhäusern zählen, aber bei ihrer Ankunft hatte sie noch mehr gesehen. Das Größte befand sich links vor ihr, genau neben dem, aus dem sie gestern geflüchtet war. Viele kleinere Hütten scharrten sich um die Langhäuser und überall auf den Dächern glitzerten Myriaden von Schneekristallen. Ljuba hob eine Hand vor die Augen. Geradeaus war eine große Koppel, eingefasst von einem Zaun aus dünnen Stämmen, die im Schnee wie verkohlte Splitter aussahen. In dem Gehege waren Pferde, Stuten. Den Großteil bildeten die dunklen, gescheckten Tiere des Schwarzen Clans, aber darunter war eine kleine Anzahl sandfarbener. Eine Gestalt stapfte nur wenige Schritte entfernt an Ljuba vorbei, die augenblicklich einen Satz zurück machte, sodass sie halb im Eingang stand und die Türvorhänge über ihren Rücken fielen. Ihr Herz pochte laut, aber die Frau mit den schlohweißen Haaren beachtete sie gar nicht. Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen, niemand würde eine Sklavin behelligen, die dem Hauptmann gehörte …

Die Lippen zusammenpressend warf sie die Schultern nach hinten und setzte einen Fuß vorwärts. Es knirschte darunter, dann gab der gefrorene Schnee nach und sie brach etwas ein. Ljuba marschierte los. Zwei Männer, gekleidet in schwarze Felle, kreuzten ihren Weg, aber sie gingen einfach weiter. Ljuba hielt auf die Koppel zu. Einen Augenblick blieb sie stehen und betrachtete die großen, kräftigen Pferde, die ihre Mäuler in den Schnee gruben, um das darunterliegende Gras freizuschaufeln, dann hörte sie Stimmen. Durch den Schnee klang alles gedämpft, auch die Rufe der Männer. Sie konnte nicht verstehen, was sie sagten, und folgte ihnen am Zaun der Koppel entlang. Je näher sie kam, desto lauter und klarer wurden sie, aber plötzlich übertönte sie ein lautes Knallen. Abrupt blieb Ljuba am vorletzten Pfosten stehen. Schräg hinter der Koppel befand sich ein Platz, der mit Holzruten abgesteckt war, und als sie die Schwarzen Krieger dort entdeckte, gefror ihr das Blut in den Adern.

Die Männer standen in Zweiergruppen zusammen. Erneut erklang das weithallende Knallen. Es rührte von den Stöcken, mit denen sie aufeinander einschlugen. Um sich vor der kalten, klirrenden Luft zu schützen, hatten sie sich ihre Tücher vor die Gesichter gebunden, und obwohl sie ihn nicht ausmachen konnte, war sich Ljuba sicher, dass der Hauptmann unter ihnen war. Während sich die Krieger ertüchtigten, schritt einer gemächlich an ihnen vorbei, blieb stehen, beobachtete sie und ging weiter. Das musste er sein! Ljuba drückte den Korb fest an ihre Brust. Sollte sie warten, bis er auf sie aufmerksam wurde? So ein Unsinn! Sie könnte winken. Ljuba biss sich auf die Zunge. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, das Haus zu verlassen? Sie war feige. Warum bloß war sie immer so feige?

 

***

 

Der Mann verschränkte die Arme auf dem Rücken und wartete. Genau wie der Rest der Truppe übten sich auch die beiden Schwarzen Krieger vor ihm im Stockkampf. Cuska legte den Kopf schief, während er den rechten Mann betrachtete. Er hatte dunkle Locken, die sich unter seiner schwarzen Mütze kringelten und ihm ständig in die Stirn fielen. Braune Augen schauten den Hauptmann kurz an, dann stieß der Lockenkopf mit seinem Stock nach dem Gegner und traf ihn an der Seite. Der krümmte sich stöhnend zusammen.

Cuskas helle Wimpern zuckten.

Der Verletzte richtete sich wieder auf und packte seinen Stock fester, wollte gerade zum Gegenangriff übergehen, als Cuska einen Schritt vormachte und ihn mit einer Handbewegung zurückhielt.

„Nein, jetzt ich“, bestimmte er und nahm ihm den Holzstab ab. Als Cuska den Platz des Übungspartners einnahm, bemerkte er das Entsetzen in den braunen Augen des Schwarzen Kriegers, der sich eine Locke aus der Stirn blies. „Fang an.“

Der Mann nickte, zögerte einen Moment, dann stürmte er auf ihn zu. Schneeplacken wurden von seinen Schuhen in die Luft geschleudert und platschten hinter ihm zu Boden.

Cuska blieb ruhig stehen, ließ seinen Gegner die geringe Distanz zurücklegen. Der Krieger war klein, aber kräftig gebaut, mit breiten Schultern und muskulösen Armen. Obwohl er es durch die dichte Winterkleidung nicht sehen konnte, wusste Cuska das, denn er kannte ihn. Er hatte ihn vor zwei Monden in seine Übungstruppe aufgenommen. Und gestern war er mit seinem Freund in seine Hütte eingedrungen, um die Sklavin einzufangen.

Der tiefe Schnee schluckte die Wucht des Angriffs, sodass es aussah, als fiel der Kerl mit gestrecktem Stab auf den Hauptmann zu.

Cuska hob seinen eigenen Stock und lenkte den seines Gegners zur Seite. Der konnte nicht mehr abbremsen, seine Arme wurden nach links gerissen und er taumelte gegen den Hauptmann. Cuska trat ihm gegen die Wade und reflexartig knickte sein Bein unter ihm ein. Der Mann konnte sich gerade noch fangen, bevor er in den Schnee stürzte, und wollte sich eben wieder aufrichten, als Cuska ihm den schweren Stab auf den Kopf schlug. Er schrie laut auf und funkelte Cuska wütend an, doch der nahm es gleichgültig hin. Hatte er gedacht, sein Hauptmann ließe ihn mit seinem Fehler davonkommen? Er konnte von Glück reden, dass seine dicke Fellmütze den Schlag abgeschwächt hatte.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Cuska, dass die Männer um ihn herum nach und nach voneinander abließen, um sich dem Kampf zwischen ihrem Hauptmann und dem Schwarzen Krieger zuzuwenden. Sein Widersacher kam knurrend auf die Beine und er nickte ihm zu. Der andere erwiderte die Geste grimmig und warf sich erneut auf ihn. Mit wilden Stockhieben griff er an, aber Cuska wich ihnen mühelos aus – er war schnell, sein Gegenüber aufgrund seiner Körpermasse nicht. Der Hauptmann stieß ihm den Stock in die Magenkuhle, aber sein Schlag richtete wegen der Felljacke wenig aus. Sofort änderte er seinen Plan, löste eine Hand vom Stab, grabschte in das Gesicht seines Gegners und riss ihm das Halstuch herunter. Der überraschte Ausdruck ließ ihn genauso dumm aussehen, wie Cuska annahm, dass er es war. Erneut trat er ihm die Beine unter dem Körper weg und machte einen Schritt zur Seite, sodass der andere mit der Nase voran im Schnee landete. Weiße Flocken spritzten in alle Richtungen. Hämisches Gelächter erklang in seinem Rücken und der Hauptmann stützte sich entspannt auf den Stock.

Der Kerl stemmte sich mit den Armen vom Boden, erhob sich ächzend auf die Knie und spuckte den Schnee aus, der ihm in den Mund geraten war. Das Sonnenlicht brachte die Kristalle auf seiner Fellmütze und seinem Umhang zum Glitzern.

Cuska blinzelte. Jetzt bekäme er seine Strafe. Er ließ den Stock los, der rückwärts in den Schnee kippte, sprang auf den anderen zu und rammte ihm sein Knie ins Gesicht.

Der dumpfe Knall wurde von einem leisen Knacken begleitet und die Wucht des Tritts schleuderte den Mann nach hinten. Feine Blutstropfen flogen durch die Luft und besprenkelten den zerwühlten Schnee. Seine Züge verzerrten sich zu einer schmerzerfüllten Maske. Blut lief aus seiner zu Brei zerdrückten Nase, und als er ungeschickt mit seinen Fingern nach dem Bruch tastete, verschmierte er es über Mund und Wangen. Der Schwarze Krieger stöhnte gequält und sein Hauptmann trat dicht neben ihn, stellte seinen Stiefel auf dessen Brust und blickte ihn an.

Ich bin der Hauptmann“, sagte er kühl. „Verstanden?“

Die zugekniffenen Augen öffneten sich.

Cuska verlagerte mehr Gewicht auf den rechten Fuß und presste den Atem aus den Lungen des anderen. Der schnappte nach Luft. „Verstanden?“

Sein Gegner nickte heftig und er nahm den Druck von dessen Brustkorb, stapfte an den grinsenden Männern vorbei und verließ den Kreis. Neben einem Schwarzen Krieger mit strahlend blauen Augen blieb er stehen.

Adis zog sein Halstuch herunter. „Was hat er getan?“

Cuska warf einen Blick über die Schulter. Der Schwarze Krieger hatte sich aufgesetzt, zog geräuschvoll die Nase hoch und rotzte verdrießlich neben sich. Zwei Männer wollten ihm aufhelfen, aber er schlug wütend ihre Hände weg. Cuska wandte sich wieder Adis zu. „Er hat mich hintergangen.“

Der Mann mit den blauen Augen öffnete den Mund. „Hintergangen?“

„Ja.“

Adis nickte ernst. „Dann hat er es verdient.“

Adis war sein Stellvertreter. Äußerst loyal, wenn auch Cuskas Meinung nach nicht streng genug mit den Männern.

„Weitermachen“, rief der Hauptmann den Schwarzen Kriegern zu, die murrend an ihre Plätze zurücktrotteten. Der Verletzte humpelte an ihm vorbei und warf ihm einen nervösen Seitenblick zu. Er musste sich beim Sturz am Bein verletzt haben. Cuska beachtete ihn nicht, wischte sich stattdessen mit dem ausgekühlten Handrücken Schweißperlen fein wie Nebeltropfen von seiner Stirn.

„Hauptmann“, sagte Adis.

„Was ist?“

Der Blick des Stellvertreters hatte sich auf etwas hinter ihm gerichtet. Er nickte mit dem Kinn in Richtung Pferdekoppel. „Sie steht schon die ganze Zeit dort. Wer ist das?“

Cuska drehte sich um. Trotz der Kapuze erkannte er die Gestalt am Zaun des Pferdegeheges sofort. Selbst auf die Entfernung hin meinte er zu sehen, wie sie heftig zusammenzuckte. Er zog die Brauen zusammen.

„Oh, wir haben einen Zuschauer!“, dröhnte eine tiefe Stimme. Die Männer unterbrachen erneut ihre Übungen, um die Gestalt anzuglotzen.

„Ein Mädchen?“

„Wer ist sie?“

„Ruhe“, verlangte Cuska. „Ich kümmere mich darum.“

Gemurmel, dann leises Gelächter.

„Kennst du sie?“, fragte Adis mit gesenkter Stimme.

„Ich kümmere mich darum“, wiederholte er schlicht und marschierte los. Er runzelte die Stirn. Was wollte sie hier?

„Steht nicht so dämlich rum!“, bellte Adis die Krieger an. „Macht weiter!“

 

***

 

„Räum das weg!“

Dafina hastete zur Feuerstelle, wo das Frühstücksgeschirr der Männer liegengeblieben war. Sie hockte sich auf den zerzausten Fellteppich und stapelte die Tonschüsseln übereinander. Sie sah missmutig der Frau hinterher, die ihr den Befehl erteilt hatte und nun zum anderen Ende des Langhauses davon stapfte.

„Ziege“, zischte Dafina kaum hörbar und wandte sich wieder den schmutzigen Tonschalen zu.

Die Krieger hatten sie und zwei andere Mädchen in demselben Alter zu dem Langhaus im Norden der Siedlung gebracht, damit sie den Frauen des Haushalts zur Hand gingen. Seit sie gestern von Ljuba getrennt worden war, hatte sie nichts mehr von ihr gehört.

Dafina schob die Unterlippe vor. Sie hatte vier Schüsseln ineinander gestapelt, versuchte drei weitere in ihrer Armbeuge zu balancieren und erhob sich. Vorsichtig drehte sie sich um und ging los. Ihr Blick wanderte unentwegt zwischen dem Weg und dem Geschirr hin und her, das sie in Richtung Kochstelle bugsierte.

Das Gebäude bestand aus einem großen Raum, an dessen einem Ende die Kochstelle war, an der die Frauen zusammensaßen und arbeiteten. Am anderen befand sich ein kleines Feuer, das nur Wärme und Licht verbreiten sollte und an dem die Männer des Haushalts ihr Essen einnahmen. Tagsüber tollten Kinder im hinteren Teil des Hauses herum und abends wurden dort die Schlaflager ausgebreitet. Wieder musste Dafina an ihre Schwester denken. Wie hatte sie die Nacht überstanden?

Ljuba war zusammen mit den anderen Frauen des Graslandclans zu den Sklavenunterkünften gebracht worden. Und Dafina war kein naives Kind mehr, auch wenn ihre Familie ihr das gern einreden wollte. Sie wusste genau, was dort vor sich ging. Dafina fand, dass ihre ältere Schwester sehr hübsch war, aber leider war sie auch sehr ängstlich, und sie fürchtete, dass sie sich nicht allein würde helfen können. Vor allen Dingen nicht gegen die Schwarzen Krieger. Dafina unterdrückte ein Seufzen.

Im nächsten Moment rauschte ein kleiner Junge an ihr vorbei, gefolgt von einem großen, schwanzwedelnden Hund mit zotteligem grauem Fell. Das Tier blieb genau vor Dafina stehen, bellte hart und kurz und wedelte fröhlich mit dem Schwanz. Sie zuckte zusammen und starrte den Hund an.

Der Junge kam zurückgelaufen. „Keine Angst!“

Der Hund bellte wieder und sprang lustig wie ein Frosch auf und ab.

Dafina kniff den Mund zu einem weißen Strich zusammen. Sie war den Umgang mit Hunden gewöhnt und sie kannte diesen wolfsähnlichen Rüden. Offensichtlich erkannte er sie auch. Er hatte dem Schamanen ihres Stammes gehört. Das Tier hechelte und zeigte seine gefährlich scharfen Zähne. Die gelben Augen blitzten.

„Schon gut“, murmelte Dafina, da sprang sie der Hund an und drückte seine großen Pfoten in ihre Oberschenkel. Um nicht zu stürzen, machte sie einen Ausfallschritt nach hinten. Sie schwankte gefährlich. Eine Schüssel glitt aus ihrer Armbeuge. Dafina fasste danach, griff ins Leere und sah hilflos zu, wie die anderen Schüsseln hinterherrutschten. Das Tongeschirr zerschellte lautklirrend auf dem festgestampften Lehmfußboden. Das Geräusch ging Dafina durch Mark und Bein. Der Hund jaulte bei dem lauten Krach, ließ von ihr ab und sprang wieder davon. Nur eine Schale war unbeschadet auf dem Rand eines Teppichs gelandet.

„Oh“, machte der Junge und schaute auf den Scherbenhaufen.

Dafina fiel auf die Knie und klaubte die Einzelteile zusammen. Eine Frau kam herbeigelaufen und kauerte sich neben sie, um ihr zu helfen. Ihre Blicke trafen sich und die Frau lächelte sie bekümmert an.

„Was ist das für ein Lärm?“, donnerte eine laute, aber unverkennbar weibliche Stimme. Schlagartig breitete sich Stille aus. Sogar die Kinder unterbrachen ihr Spiel. „Du da!“, rief die Stimme und Dafina wusste sofort, dass sie gemeint war. „Was ist das?“

Dafina stand auf. Sie sah in das verärgerte Gesicht der Frau, die wohl dem Haushalt vorstand. Sie hatte dunkles Haar, das ähnlich scheckig aussah wie das Fell der Pferde dieses Clans, aber sie hatte noch keine Falten um Mund und Augen, was ihr ein seltsames Aussehen verlieh.

„Scherben“, antwortete Dafina keck und hob das Kinn.

Die Frau fletschte die Zähne, hob die Hand und schlug ihr so heftig ins Gesicht, dass ihr Kopf zur Seite flog. „Das sehe ich selbst!“, zischte sie.

Dafina rieb sich überrascht die brennende Wange.

„He!“, rief jemand. „Was soll das?“

Dafina blickte zum Eingang des Langhauses, wo ein Mann hereingekommen war, der sich eben die Kapuze vom Kopf schob. Er hatte zerzaustes, braunes Haar und wirkte mehr als verärgert. Als er auf die Frau zuhielt, vor ihr stehen blieb und ihre Hand griff, die immer noch in der Luft hing, erbleichte sie. „Base“, sagte er mit erstaunlich sanfter Stimme und lenkte ihre Hand nach unten, bis sie locker neben ihrem Oberschenkel baumelte.

Dafina bekam eine Gänsehaut.

„Das war bestimmt keine Absicht“, erklärte der Mann ernst, und sie entzog ihm matt lächelnd ihre Finger, strich ihren Rock glatt.

„Nein, das passiert schon mal“, antwortete sie leise. „Räum das hier auf, ja?“, bat sie Dafina. Im Weggehen rief sie dem Jungen mit dem großen grauen Hund zu: „Raus mit dir! Spiel draußen, bevor noch mehr zu Bruch geht.“

Dafina sah flüchtig zu dem Mann, ehe sie sich bückte und die Scherben in der heilen Schale zusammensammelte. Das Paar Stiefel neben ihr bewegte sich nicht vom Fleck. Worauf wartete er? Kalter Schweiß brach auf ihrer Haut aus. Wollte er für seine Hilfe etwa einen Dank? Dafina leckte sich nervös über die Lippen. Sie griff nach der Schüssel, um sie wegzutragen, aber die andere Sklavin nahm sie ihr aus den Händen und sprang auf. Entsetzt blickte ihr Dafina nach und richtete sich langsam auf.

Der Mann lächelte sie an. Es war ein warmes, freundliches Lächeln.

Dafina drückte ihre Schultern nach hinten. „Danke“, sagte sie gepresst.

Der Mann nickte ihr zu. Seine dunklen Augen leuchteten. „Du bist Andos Tochter“, stellte er fest. Das Lächeln war fest in seine Züge gemeißelt.

Dafina bemerkte trotz ihrer Anspannung, dass sein seitlicher Schneidezahn schief war. Sie nickte.

„Ljuba oder Dafina?“

Sie hatte einen Kloß im Hals, errötete und räusperte sich. „D–Dafina.“

„Mein Name ist Dajan.“ Er zeigte mit dem Daumen auf sich. „Ich muss mich für das Verhalten meiner Base entschuldigen.“

Er drehte sich um und rief laut: „He, kann ich noch etwas zu essen bekommen? Ich bin spät dran!“

Dafina war wie erstarrt.

„Deine Base?“, wiederholte sie verwirrt.

Dajan drehte sich wieder zu ihr um. „Ja“, bestätigte er. „Sie ist Karans und meine Base. Wir leben in einem Haushalt zusammen. Vielleicht sehen wir uns bald öfter.“ Er zwinkerte ihr zu, aber das nahm Dafina gar nicht wahr.

Sie spürte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht herausgesogen wurde, um in ihrem wildstampfenden Herzen zu pulsieren. Jemand kam mit einer Schüssel angerannt. Der Inhalt dampfte und verströmte den köstlichen Geruch von Wildgulasch. Der Mann nahm die Schüssel entgegen und bedankte sich.

„Wohnt … wohnt Karan auch hier?“, stammelte Dafina.

Er schüttelte den Kopf. „Mein Bruder lebt in seinem eigenen Haus.“ Während er auf sein Gulasch pustete, fing er ihren Blick auf und lächelte. „Und was wollen wir jetzt machen?“

 

***

 

Mit weitausholenden Schritten pflügte der Hauptmann durch den Schnee auf das Mädchen zu, das den Korb fest an seine Brust presste, und blieb vor dem Holzrutenzaun stehen. Wie eine Barriere stand er zwischen ihnen. Die Sklavin hielt die Lippen leicht geöffnet, ihre Wimpern flackerten heftig, und Cuska legte die Stirn in Falten. Ihre Nase war an der Wurzel etwas geschwollen und ihre Haut unterhalb der Augen bis zu den Wangen von einem bläulichen Schatten überzogen, ihre Unterlippe war aufgeplatzt, aber sie sah weniger mitgenommen aus, als er erwartet hatte. Der Kerl, der ihr das angetan hatte, würde morgen vermutlich schlimmer aussehen.

Cuska wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Was willst du?“, fragte er ohne Umschweife. Er beobachtete, wie der Schreck über ihre Züge huschte. „Also?“

Sie hob den Korb ein Stück höher. „I–ich bringe dir etwas z–zu essen.“

„Ich brauche nichts zu essen“, erklärte er knapp und wandte sich zum Gehen.

„A–aber ich habe es für dich hergebracht.“

Er horchte auf. In ihrer Stimme klang Enttäuschung mit. Langsam drehte er sich zurück.

„Und ich w–wollte mich bedanken!“

Seine Brauen schossen in die Höhe.

Sie schaute zu Boden, die Wangen dunkelrot verfärbt, während sie von einem Fuß auf den anderen trat. „Ich danke dir.“

„Wofür?“

Ruckartig hob sie den Kopf. Jetzt bei Tageslicht sahen ihre Augen grün aus. Im linken befand sich unterhalb der Pupille ein brauner Fleck von der Größe eines Emmerkorns, der umgeben war von einem matten Grün, gleich der Farbe des Grases zu der Zeit, wenn die Blätter fielen. Rasch senkte sie ihre Lider und verbarg ihre Augen vor ihm. „Du hast mir geholfen. Mit den Männern, meine ich.“

„Das war nicht meine Absicht“, antwortete Cuska nüchtern.

„Trotzdem möchte ich mich bedanken“, flüsterte sie.

Der Hauptmann neigte den Kopf zur Seite. „Wenn Karan es befiehlt, werde ich dich wegschicken“, bestimmte er. „Solange kannst du bleiben.“

Die Sklavin krächzte etwas, räusperte sich, dann lächelte sie zaghaft.

Als Cuska mit einem Bein über den Weidenrutenzaun stieg, veränderte sich ihr Ausdruck drastisch, das Lächeln war wie weggewischt und sie wich ängstlich zurück. „Du hast gesagt, du bringst mir Essen“, sagte er.

Sie nickte heftig, fasste in den Korb und reichte ihm eine Tonschüssel mit kalten Fleischresten vom Abendessen.

Als er danach griff, streifte er flüchtig ihre dünnen, kalten Finger. Sie sollte Handschuhe anziehen. Er lehnte sich gegen den dicken Holzpfahl des Koppelzauns und steckte sich ein Stück Fleisch in den Mund. Während er schweigend sein Mittagessen aß, spürte er die heimlichen Blicke des Mädchens auf sich.

„Möchtest du Brot?“, hörte er es fragen, dann ertönte eine helle, piepsende Stimme: „Onkel Cuska! Onkel Cuska!“

Er blickte auf. Ein Fellbündel kam auf ihn zugerannt, peitschte den Schnee zur Seite und schlidderte ihm geradewegs vor die Füße. Das kleine, hübsche Gesicht, auf dem ein breites Grinsen lag, wurde von einer Fellkapuze eingerahmt. Der Junge versuchte seinen Kopf zurückzulegen, aber er konnte sich in der steifen, schweren Winterbekleidung kaum bewegen.

„Tarin“, grüßte der Hauptmann und nickte ihm zu.

Sein Grinsen wurde noch breiter. „Onkel Cuska, heb mich rauf!“

Er beugte sich hinunter, packte den Jungen im Nacken an seiner Jacke und hievte ihn auf den Querbalken des Zauns.

Tarin lachte, dann verstummte er jäh. „Hast du eine Frau, Onkel Cuska?“, wollte er mit Erstaunen wissen.

„Nein.“

„Aber sie bringt dir Essen.“

„Ja.“

„Wer ist sie dann?“

Ehe er antworten konnte, stieß sich Tarin vom Balken ab, landete trittsicher im Schneematsch, sodass Cuskas Beinlinge nassgespritzt wurden, und stapfte zu Andos Tochter.

„Wer bist du?“

Das Mädchen hockte sich neben ihn und lächelte. „Mein Name ist Ljuba.“

„Ich habe dich noch nie gesehen.“

„Ich komme von weit her“, entgegnete sie zögerlich.

„Und was machst du hier?“

Sie runzelte die Stirn.

„Sie ist eine Sklavin“, antwortete Cuska für sie. Entsetzt starrte sie ihn an, aber Tarin lachte unbekümmert und zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Das macht nichts. Meine Mutter war auch eine Sklavin“, rief er. Ljubas Mundwinkel zuckten – der Anflug eines Lächelns. „Ich habe Hunger!“, verkündete der Junge und steckte seine Nase bereits in den Korb.

„Das Essen ist für mich“, erklärte Cuska ruhig.

Tarin wirbelte zu ihm herum und stemmte die kleinen Fäuste in die Hüften, aber der Hauptmann reagierte nicht auf den stillen Vorwurf, streckte stattdessen der Sklavin die leere Schüssel entgegen.

Eilig stand sie auf und nahm sie ihm ab. „Möchtest du etwas trinken?“

Er nickte, ließ sich von ihr den Wasserschlauch reichen und trank ein paar Schlucke von dem eisigen Wasser, dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und gab den Trinkschlauch zurück.

„Brot?“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960872368
ISBN (Buch)
9783960875260
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380569
Schlagworte
Jean M. Auel die Kinder der Erde Earth's Children Ayla Ayla und der Clan der Bären Ayla und das Tal der Pferde Ayla und die Mammutjäger

Autor

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    Julia Lalena Stöcken (Autor)

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Titel: Ljuba und der Reiter der Steppe (Historisch, Liebe, Abenteuer)