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Mord nach Rezept: Darina Lisles vierter Fall (Krimi, Cosy Crime)

von Janet Laurence (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

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Digitale Neuausgabe Januar 2018

© 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

Copyright © der deutschen Übersetzung 1997 by Econ Taschenbuch Verlag, Düsseldorf/Wien
Econ ist ein Imprint der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Titel: Arsen und Sahnehäubchen

© 1992 by Janet Laurence
First published by MacMillan London Ltd.
Titel des englischen Originals: Recipe for death

Aus dem Englischen übersetzt von Karin Haag
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© D. Pimborough/shutterstock.com, © amen Percy/shutterstock.com, © Hubskaya Volha/shutterstock.com
Korrektorat: Lennart Janson

ISBN: 978-3-96087-286-3

Über dieses E-Book

Bei einem erlesenen Kochwettbewerb sitzt Darina Lisle, Köchin und Hobbydetektivin aus Leidenschaft, unter den Juroren. Die Einladung der Siegerin, ein Wochenende auf deren Landsitz zu verbringen, kommt ihr gelegen, und sie nimmt ohne Bedenken an. Dort erwartet sie aber nicht das versprochene warme Büffet, sondern ein eiskalter Mord. Schnell vergeht ihr der Appetit an den kulinarischen Leckereien, die dem Opfer zum Verhängnis wurden. Doch Darina wäre nicht Darina, wenn sie nicht sofort die ersten Ermittlungen aufnehmen würde …

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Vorwort

Beim erneuten Lesen von »Mord nach Rezept« musste ich daran denken, wie sehr das Schreiben und Recherchieren über das Kochen nicht nur mein Leben bestimmt hat, sondern auch das meines Mannes. Das merkt man diesem Buch deutlich an. Kein Wunder, dass die Beziehung von Darina und William, den Protagonisten der Reihe, auf Schwierigkeiten stieß. Wenn ich zurückdenke, bin ich erstaunt, wie tolerant mein wundervoller Ehemann war, als ich die Welt des Kochens in meiner Heimat Somerset unter die Lupe nahm. In den Neunzigern entdeckten Restaurantchefs, Käsehersteller, Biobauern und andere Nahrungsmittelproduzenten erst, welche Möglichkeiten rund um Speisen und ihre Zutaten sich im wunderschönen, fruchtbaren Somerset auftaten.

Das Buch beginnt mit einem Kochwettbewerb, und ich bin erstaunt, wie viele Ähnlichkeiten es zu der TV-Show »The Great British Bake Off« gibt, obwohl diese Sendung damals höchstens als vage Idee im Kopf von ein paar TV-Produzenten existierte. Vielleicht hat ihnen ja Anna Bests Kochwettbewerb eine Anregung oder zwei gegeben? Ich liebe die Familie Fry, ihre unbeholfene Beziehung zueinander und ihre Anstrengungen, es in der kulinarischen Welt zu etwas zu bringen. Außerdem ist interessant, dass Darina dieses Mal alleine einen Tod untersucht, da der Polizist William auf der anderen Seite des Atlantik ist und ihre Beziehung in die Brüche geht.

Mein Ehemann und ich sind zusammen geblieben, und vielleicht erklärt dieses Buch, wie.

Janet Laurence

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich einer Reihe von Personen, die mir mit wertvollen Informationen geholfen haben, meinen Dank ausdrücken. Charlotte und Bill Reynolds haben viel von ihrer kostbaren Zeit damit verbracht, mir ihre Biofarm ausführlich zu zeigen und zu erklären. Die einzige Ähnlichkeit zwischen Swaddles Green Farm bei Chard in Somerset und der fiktiven Fry Farm in dieser Geschichte liegt in der Köstlichkeit ihrer Fleisch- und Wurstspezialitäten und in einigen Details der Einrichtung und Arbeitsabläufe. Die Reynolds selbst jedoch erscheinen hier in keinerlei Gestalt. Mein Dank gilt ebenfalls verschiedenen Mitgliedern der Polizei von Avon und Somerset, insbesondere Detective Sergeant Jim Mallen, der mir bei der Darstellung der polizeilichen Ermittlungsarbeiten behilflich war. Herzlichen Dank auch an Anna Best, die mir mit den Jahren aufschlussreiche Einblicke in die Durchführung von Kochwettbewerben gewährt hat. Der am Anfang dieses Buches jedoch, bei dem Darina Lisle als Mitglied der Jury auftritt, hat nur eine äußerst flüchtige Ähnlichkeit mit der Veranstaltung der »Sainsbury’s Future Cooks Competition«. Die jungen Köche, die daran teilnehmen, tun dies – obwohl die Speisen vergleichbar wären – mit einem Elan, der unnachahmlich bleibt. Michael Vearncombe hat mir mit seinem fundierten Wissen über die Landwirtschaft geholfen. Schließlich gilt mein tiefempfundener Dank wie immer auch meinem Mann Keith für die Gelassenheit, mit der er die dauernde Störung seines häuslichen Friedens durch Computer oder Schreibmaschine hingenommen hat, und für seine unablässige Unterstützung. Falls sich, trotz aller Bemühungen, auf den folgenden Seiten etwaige Irrtümer finden lassen, sind die oben erwähnten Personen in keiner Weise dafür verantwortlich. Neben einigen tatsächlich existierenden Orten sind alle Schauplätze fiktiv und alle Personen und deren Handlungen frei erfunden. Ihre Namen und Charakterisierungen haben keinerlei Ähnlichkeit mit denen wirklicher Personen, seien sie lebend oder verstorben.

Kapitel 1

Die Spannung Stieg höher als ein kunstvoll zubereitetes Soufflé.

Messer blitzten, Fleisch wurde zerlegt, Zutaten gehackt, Mischungen angerührt und Speisen zusammengestellt, und das alles mit einer Erfindungsgabe, die an Verzweiflung grenzte. Das Finale des Kochwettbewerbs war in vollem Gang.

Darina Lisle beobachtete eine der Teilnehmerinnen, die Petersilie hackte und dabei das schwere Messer mit raschem und sicherem Geschick führte, sodass die grünen, gekräuselten Blättchen in kürzester Zeit zerkleinert waren. Eine Knoblauchzehe wurde geschält, ebenfalls kleingehackt, und dann wurden die beiden Zutaten wie durch Zauberei mit einigen kreisenden Bewegungen der breiten Messerschneide vermischt. Sie war eine zierliche, junge Frau mit einem Schopf glatter, blonder Haare, die im Nacken kurzgeschnitten waren. Eine große, weiße Schürze bedeckte fast ihren ganzen Körper, die Bänder hatte sie sich um die schlanke Taille gewickelt und über ihrem flachen Bauch zu einer ordentlichen Schleife gebunden.

Der Wettbewerb wurde von einer namhaften Import- und Handelsfirma für Spezialspeiseöle gesponsert, die damit das Ansehen ihrer Produkte in der englischen Gastronomie fördern wollte. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, ein dreigängiges Menü zu kochen und dabei nicht weniger als vier verschiedene Sorten Speiseöl zu verwenden. Die Vorentscheidungen hatten aus der Zubereitung zweier Gerichte bestanden. Jetzt, in dem exquisiten, mit himmelblauem und cremefarbenem Porzellan dekorierten Lancaster Room des Savoy Hotels, arbeiteten die acht Kandidaten der Endrunde angestrengt an der Fertigstellung eines neuen Menüs, und ihre Kreativität wurde durch den Zeitdruck auf eine harte Probe gestellt.

Darina empfand tiefes Mitleid mit einem jungen Mann, der mit einer selbstgefertigten Pasta zu kämpfen hatte. Jedes Mal, wenn er den Teig durch die Edelstahlwalzen des Geräts passierte, klebte er zusammen oder zerfranste auf unerklärliche Art und Weise in kurze, dünne Schnüre. »Lassen Sie den Teig noch einmal ungefähr zwanzig Minuten stehen«, flüsterte sie ihm zu, aber er schien taub für ihren Rat zu sein. Krabbenravioli mit einer Soße aus Haselnussöl, die Pasta mit Olivenöl angerührt, besagte seine Menükarte, die auf einem elegant gedeckten Tisch stand. Sie ging und las die Liste seiner anderen Gänge: eine Fischmousseline mit Pistazienöl an Kartoffelrösti mit Olivenöl, als Beilage gemischter Salat mit einem Dressing aus Walnussöl, gefolgt von einem Dessert aus Profiterolen, die mit Erdnussöl statt Butter zubereitet waren. Sie sah auf ihre Armbanduhr, stellte fest, dass die Zeit für den Wettbewerb zur Hälfte abgelaufen war, ohne dass der Kandidat mit der Zubereitung des Backwerks oder der Fisch-Schaumbrote begonnen hätte, seufzte innerlich und machte eine Anmerkung unter der Rubrik »Arbeitsmethode«.

Sie ging an der Reihe der provisorischen Kochnischen entlang, die sich in dem reichverzierten Ballsaal wie kleine Turnierzelte ausnahmen und gelangte zu einem langen Tisch in der Mitte des Saales, an dem die anderen Mitglieder der Jury saßen, Mineralwasser tranken und ihre Bewertungen notierten.

»Da kann es ja wohl kaum einen Zweifel geben, wer die Gewinnerin sein wird«, sagte der Fernsehmoderator einer morgendlichen Talkshow. Mit einer Mischung aus einschüchterndem Charme und der Fähigkeit, noch die verschlafensten Prominenten angeregt plaudern zu lassen, animierte er derzeit Millionen von Zuschauern dazu, den Tag etwas weniger mürrisch als sonst zu beginnen. Ohne Anspruch zu erheben, Experte auf dem Gebiet der Kochkunst zu sein, bestand seine Rolle bei diesem Wettbewerb darin, den Geschmack der breiten Öffentlichkeit zu repräsentieren. Er führte seinen Bleistift mit schwungvoller Geste über den Bewertungsbogen, der in die Rubriken »Menüauswahl«, »Wahl der Zutaten«, »Arbeitsmethode«, »Präsentation« und »Geschmack der Speisen« unterteilt war.

Darina folgte seinem Blick zu der Stelle, wo eine der Teilnehmerinnen Hühnerleber und Schinkenspeck für ihren Salade tiède mit Haselnussöl vorbereitete.

»Sie scheint ihre Sache sehr gut zu machen«, stimmte ein weiteres Mitglied der Jury zu, ein Meisterkoch, der ebenso für seine persönliche Erscheinung wie für sein Essen berühmt war, »aber dieser Salat ist einfach banal.«

»Ich habe während der Vorausscheidungen die Erfahrung gemacht, dass man nur allzu oft meint, der Sieger stehe bereits fest, bis man dann tatsächlich die Gerichte probiert«, sagte der elegante junge Geschäftsführer der Speiseölfirma, die den Wettbewerb ausrichtete. »Und plötzlich muss man die eigenen Bewertungen völlig revidieren.«

»Zumindest hat sie ihre Tagliatelle richtig vorbereitet«, bemerkte der Fernsehmoderator, der sich in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und seinen Blick zuerst auf dem kleinen Haufen gekräuselter Pastastreifen auf einer Seite der Arbeitsfläche und dann auf dem üppigen Busen ruhen ließ, der sich unter dem tiefausgeschnittenen Strickkleid wölbte. Dunkle Locken umrahmten ein rundes Gesicht, das recht alltäglich wirkte, aber mit großen, braunen Augen und weichen, vollen Lippen gesegnet war. Er fing ihren Blick auf, zwinkerte ihr ermutigend zu und ließ seinen Blick dann zum Ende der Reihe wandern, wo der junge Mann inzwischen den Kampf mit seiner Pasta aufgegeben hatte und dabei war, Wasser und Öl für die gebackenen Profiterolen mit Schokoladensoße zu erhitzen. In seinen Augen lag Panik, und die Haare standen ihm buchstäblich zu Berge.

Die Teilnehmer der Endrunde waren eine gemischte Gruppe. Eine Frau mittleren Alters sah aus, als verbringe sie den größten Teil ihres Lebens damit, an einem Holzkohleherd zu stehen, frisch geerntetes Gartengemüse zuzubereiten und dazu eine Soße anzurühren, für die sie eine erstaunliche Menge ausgefallener Zutaten verwendete.

Ein älterer Geistlicher, vollkommen blind für das hektische Treiben um ihn herum, schälte langsam und vorsichtig die verbrannte Haut von seinen gebackenen Paprika. Ein junges Mädchen mit wildentschlossenem Auftreten träufelte Olivenöl über ihr Ratatouille. Und eine ältere Dame, die wie eine Bilderbuch-Großmutter aussah, rührte ein Dressing an, das Sesamöl und Sesamsamen enthielt.

Darina warf noch einen Blick auf die verschiedenen Menükarten, weil sie wissen wollte, wie die Teilnehmer das Problem gelöst hatten, auch für das Dessert ein Spezialöl verwenden zu müssen. Der Geistliche hatte es umgangen, indem er als Nachspeise einen Salat mit in Olivenöl mariniertem Ziegenkäse servierte, der mit Walnussöl angemacht war. Die meisten hatten sich zu einem Mousse entschlossen, das in einer mit Mandelöl bestrichenen Form serviert wurde. Nur eine ruhige Mittdreißigerin mit einem unscheinbaren Gesicht, einer wenig schmeichelhaften, viel zu schweren Schildpattbrille und streng nach hinten gekämmten Haaren hatte sich für ein Walnuss-Honig-Baklava entschieden. Es stand nun neben ihrem Ofen, und die mit Walnuss- und Erdnussöl statt mit Butter beträufelte, goldbraun glänzende Oberfläche ließ Darina das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dann seufzte sie leise, als sie daran dachte, wie viele Kalorien sie mit dem Probieren dieser Nachspeise wohl zu sich nehmen würde. Sogar wenn sie nur einen kleinen Bissen von jeder der acht Vorspeisen, acht Hauptspeisen und acht Desserts kostete, ergab es eine erschreckende Gesamtsumme. Wenn man beruflich mit Essen zu tun hatte, bedeutete dies einen ständigen Kampf zwischen Versuchung und Übergewicht.

Die Bitte, bei diesem Wettbewerb als Schiedsrichterin zu fungieren, hatte Darina überrascht. Sie hatte nicht gewusst, dass sie in der Welt der Gastronomie bereits einen Namen hatte. Nach dem Erfolg ihres ersten Buches hatte ihr die Tageszeitung, in der bereits eine Reihe ihrer Artikel veröffentlicht worden waren, eine regelmäßige Kolumne angeboten. Dann war sie in den Verband der Gourmetkritiker aufgenommen worden, und nun landete in ihrem Briefkasten eine stetig anschwellende Flut von Einladungen zu Veranstaltungen aller Art, vom Wurstfrühstück auf der Themse bis zu einem Wochenendseminar über Lachsfischen in Schottland. Ganz zu schweigen von den zahllosen Einladungen in Restaurants, die anscheinend nicht imstande waren, ohne ihre Schirmherrschaft zu existieren.

Und all das hatte sich zufällig ergeben. Man hatte sie gefragt, ob sie einen Kochbuchklassiker überarbeiten und aktualisieren wolle, den ihr Cousin vor etwa fünfundzwanzig Jahren verfasst hatte. Schon immer hatte sich das Buchrecht gut verkauft, doch nun versprachen sich seine Verleger durch das neuerwachte Interesse, das der Mord an dem Autor ausgelöst hatte, noch höhere Verkaufszahlen. Nachdem sie das Rätsel um seinen Tod gelöst hatte, schien Darina die Überarbeitung des Buches eine interessante Herausforderung zu sein, zumal ihr die Zeit günstig schien. Sie hatte einen erfolgreichen Catering-Service aufgegeben, um sich den Traum vom eigenen Hotel zu erfüllen. Doch ein weiterer Mordfall hatte ihre Pläne durchkreuzt, und schließlich war sie sich nicht mehr sicher, in welche Bahnen sie ihre Karriere nun lenken sollte. Das Buch hatte ihr in dieser Hinsicht einen nützlichen Anstoß gegeben, und sie hatte mit dem Schreiben ein neues und fesselndes Interesse entdeckt. Die Zeit zwischen dem Abschluss ihrer Arbeit und der Veröffentlichung hatte sie damit verbracht, Artikel zu schreiben, von denen eine überraschend große Anzahl angenommen wurde, und das war der erfolgreiche Start zu einer neuen Karriere gewesen.

Sie vervollständigte ihre Beurteilungen in einer weiteren Rubrik auf dem Bewertungsbogen. Jetzt gab es nichts weiter zu tun, als zu warten, bis die Kandidaten ihre Speisen servierten, und die hektischen Vorbereitungen für das Finale und das Publikum zu beobachten.

Hinter einer seidenen Kordel, die als Absperrung diente, standen einige Stative mit Fernsehkameras und Fotoapparaten, sowie eine Reihe von Journalisten und Gästen.

Die PR-Abteilung des Sponsors hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet, denn die Vertreter der Medien waren in beachtlicher Zahl erschienen, und Darina entdeckte unter ihnen einige prominente Gesichter. Aber sie war mehr an den Gästen der Wettbewerbsteilnehmer interessiert. Gespannt wartende Verwandte und Freunde saßen an den runden Tischen, die zum Mittagessen gedeckt waren, tranken den ausgezeichneten Wein des Hauses oder gingen mit kleinen Kameras in den Händen herum, beugten sich über die Absperrung und versuchten, ihren Kandidaten abzulichten.

Ihr Blick blieb auf dem Gesicht eines Mannes haften, das durch eine eigentümliche Kombination aus Intelligenz und Humor bestach. Anfang dreißig, schätzte sie. Kohlrabenschwarze Augen glitzerten im Licht der Scheinwerfer, und das dunkle, drahtige Haar auf dem runden, kräftigen Schädel war kurzgeschnitten. Er machte eine Aufnahme von der jungen Frau in der großen, weißen Schürze. Als sie ihm einen raschen Blick zuwarf, grinste er und signalisierte ihr mit aufwärtsgerecktem Daumen, dass alles prima lief.

Der Starkoch war neben Darina getreten, winkte und rief: »Simon, schön, Sie zu sehen. Ich komme später zu Ihnen.«

Der junge Mann winkte ihm zu und kehrte dann zu seinem Platz an einem der Tische für die Gäste zurück. Zwei Frauen saßen auf der anderen Seite des Tisches, und es war offensichtlich, dass sie mehr von ihm trennte als nur die Stühle, die zwischen ihnen standen. Froh, dass sie nun wenigstens die Familie einer der Teilnehmerinnen identifizieren konnte, nahm Darina ihre Mitglieder etwas näher in Augenschein.

Die ältere der beiden Frauen trug eine schlammfarbene Bluse, die gut zu ihrem wettergegerbten Gesicht passte. Sie sah aus, als seien ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Ihr besorgtes Gesicht wurde von feinem, weißem Haar umrahmt. Während Darina sie betrachtete, beugte sich die jüngere Frau zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Im Nebeneinander der beiden Gesichter zeigte sich eine auffallende Ähnlichkeit, die sich allerdings nicht in den Gesichtszügen der jungen Köchin wiederfand. Keine der beiden Frauen beachtete den jungen Mann an ihrem Tisch.

In diesem Moment ertönte die Durchsage, dass die Kandidaten noch zehn Minuten Zeit hätten, um ihre Gerichte fertigzustellen.

Der junge Mann mit den abstehenden Haaren unterbrach seine Versuche, die Ravioli zu füllen, nahm ein kümmerlich aussehendes Backwerk aus dem Ofen, knallte wütend das Blech auf die Arbeitsfläche, riss sich die Schürze herunter und marschierte auf die großen Flügeltüren zu, sich seinen Weg durch die Kameramänner und Journalisten bahnend und einen der Organisatoren des Wettbewerbs zur Seite stoßend. Im Hintergrund des Ballsaals löste sich ein anderer Mann aus der Gruppe der Gäste und eilte dem erfolglosen Koch hinterher.

Die übrigen Teilnehmer richteten mit unglaublicher Geschwindigkeit ihre Speisen an und gaben ihnen in verzweifelter Eile den letzten Schliff – die meisten Gesichter waren bleich vor Aufregung und Erschöpfung.

Darina verfolgte das alles mit Grausen und Mitleid. So sehr sie selbst daran gewöhnt war, unter Zeitdruck zu kochen, kam ihr doch der zusätzliche Erfolgszwang des Wettbewerbs unerträglich vor. Warum taten sie sich das an? Was war es, das all die Spannung und das Risiko öffentlicher Blamage wettmachte? Aber sie kannte die Antwort. Der Sieg bedeutete in den meisten Fällen den Anfang einer steilen Karriere. Es würde Angebote geben, Kochbücher oder Artikel zu schreiben und durch die Medien bekanntzuwerden. Für einen kreativen Koch, der darum kämpfte, sich einen Platz in der heiß umkämpften Welt der Gastronomie zu verschaffen, bot der Sieg in einem so renommierten Wettbewerb wie diesem eine unbezahlbare Chance. Aber wieviel Energie und Entschlusskraft waren nötig, um endlich das Siegerpodest zu erklimmen!

Eine Glocke zeigte an, dass die Zeit für das Anrichten der Menüs abgelaufen war. Darina und die anderen Mitglieder der Jury bewaffneten sich mit ihrem Sortiment an Bestecken und näherten sich mit Spannung den Kochnischen.

Nachdem sie von allen Gerichten ausgiebig gekostet hatten, zogen sie sich schließlich in einen Nebenraum zurück. Dort sammelte einer der Organisatoren ihre Bewertungsbögen ein, und dann wurde eine Flasche Champagner entkorkt.

»Es ist wirklich erstaunlich«, sagte der Fernsehmoderator nahm einen tiefen Schluck und hielt das Glas zum Nachschenken in die Höhe, »aber das Probieren hat meine Rangordnung tatsächlich völlig durcheinandergebracht.«

»Ich wusste gleich, wer gewinnen würde«, meinte der Starkoch, der seinen Champagner mit Kennermiene genoss. »Außergewöhnliche Zusammenstellung, hervorragender Geschmack, im Stil einfach, und doch eigenwillig und in der Technik perfekt.«

»Genau, keine Nouvelle Cuisine, wie sie uns allen schon zum Halse heraushängt, und dabei sah alles genauso köstlich aus, wie es auch schmeckte. Was meinen Sie?« Der junge Geschäftsführer der Speiseölfirma wandte sich an Darina.

Sie stimmte zu und sagte, dass sie besonders die erfindungsreiche Verwendung von Speiseölen an Stelle von Milchprodukten beeindruckt habe. Sie fragte den Geschäftsführer, ob er mit dem Ergebnis zufrieden sei.

»Absolut. Der Wettbewerb hat uns all das gebracht, worauf wir gehofft hatten. Dem Himmel sei Dank! Schließlich haben wir eine hübsche Summe investiert – das Doppelte unseres üblichen Werbebudgets! Aber was die Publicity angeht, hat sich der Wettbewerb bereits bezahlt gemacht, und das war bestimmt noch nicht alles. Ich bin sicher, dass wir damit eine Lanze für den Speiseöl-Konsum gebrochen haben. Und ich bin sehr zufrieden mit den Rezepten, die wir prämiert haben. Sie sind genau richtig für unsere neue Broschüre, interessant und originell, ohne abschreckend kompliziert zu sein.« Der erste Preis beinhaltete auch die Veröffentlichung des Menüs unter dem Namen des Siegers in einer Werbebroschüre für die Produkte der Firma.

»Ich würde an Ihrer Stelle vor der Veröffentlichung überprüfen, ob es sich tatsächlich um eigene Kreationen handelt«, warnte der Starkoch. »Ich bin sicher, dass ich diese Heringsfilets in Haselnusssoße von irgendwoher kenne.«

»Aber doch nicht genau die gleichen, hoffe ich? Das wäre äußerst unangenehm, wenn es Probleme mit dem Urheberrecht gäbe.«

Der Koch verzog skeptisch den Mund. »Es ist beinahe unmöglich, nachzuweisen, dass es sich um ein Plagiat handelt, sofern die Zutaten nicht absolut identisch und das Rezept nicht völlig gleichlautend sind. Trotzdem passiert es ständig. Einige Köche verbringen Tage mit der Ausarbeitung ihrer Ideen für ein erfolgreiches Gericht, und dann wird es von irgendjemandem kopiert und ohne ein Wort der Anerkennung unter neuem Namen veröffentlicht.«

Der Firmenvertreter versprach hastig, dass man das überprüfen werde und begann dann, liebevoll die verschiedenen Speiseöle zu beschreiben, die für die prämierten Gerichte verwendet worden waren.

»Haselnuss für den Fisch, natürlich Sesam für das marinierte Fleisch, und war dieses Öl aus Zitrone und frischem Ingwer nicht phantastisch? Aber was wurde für diese kleinen Scheiben aus gebackenem Pastinak mit Pistazien verwendet?«

»Eine Mischung aus Kürbiskern und Erdnuss«, sagte Darina nach einem Blick in ihre Notizen. »Ungewöhnlich, aber sehr wirkungsvoll. Und besonders köstlich fand ich die Nachspeise.« Die Pfirsichhälften waren in Mandelöl und braunem Zucker karamellisiert und mit einem Pfirsichsorbet serviert worden, dessen kühle Frische das vollmundige Aroma der Früchte wunderbar kontrastiert hatte.

Es entstand eine kurze Stille, während die Jurymitglieder sich genießerisch an die bestplatzierten Speisen erinnerten.

Der Mann vom Organisationskomitee strahlte. »Also eine ganz eindeutige Entscheidung. Ich mag es nämlich nicht, wenn nur ein Viertelpunkt zwischen dem ersten und dem zweiten Platz liegt, aber damit haben wir hier ja kein Problem. Schade, dass Nummer Acht schon vorher aufgegeben hat.«

»Der hat sich doch hoffnungslos überschätzt«, meinte der Koch. »Dabei hat er vorher sicher noch nicht einmal das Timing geübt, und sein Menü war entsetzlich unausgewogen.«

Wenig später kehrten sie in den Ballsaal zurück, wo Profis und Amateure noch immer damit beschäftigt waren, die Gerichte abzulichten, die, obwohl durch das Probieren bereits ein wenig geplündert, immer noch ungemein appetitlich aussahen.

Darina blieb neben den anderen Jurymitgliedern stehen. Über einen Meter achtzig groß auf ihren hohen Absätzen, überragte sie alle, bis auf den Speiseölhändler. Endlich hatte sie sich mit ihrer Größe abgefunden und aufgehört, sie mit möglichst unauffälliger Kleidung kaschieren zu wollen. An diesem Tag trug sie ein hellgrünes Leinenkostüm mit einem weißen, ärmellosen Oberteil, und ihr langes, blondes Haar wurde von zwei grünen Spangen aus dem Gesicht gehalten.

Der Geschäftsführer übernahm das Mikrofon, dankte allen Teilnehmern und Organisatoren und verlas die Preise: eine Kiste mit verschiedenen Spezialspeiseölen seiner Firma für alle Teilnehmer, dritter Preis ein Abendessen für Zwei in einem der besten Restaurants der Stadt, zweiter Preis ein zweitägiger Kochkursus in einem Drei-Sterne-Restaurant, und der erste Preis war ein einwöchiger Kursus sowie eine Reise für zwei Personen zu einem der bekanntesten Ölhersteller in der Toskana, und schließlich die Präsentation der Rezepte in der nächsten Werbebroschüre.

Die hoffnungsvollen Kandidaten standen neben ihren Kochnischen, ein starres Lächeln auf den Gesichtern, die Hände spielten verräterisch mit einem Messer oder einem Löffel oder waren tief in den Taschen vergraben. Die Frau mit der Schildpattbrille zwinkerte nervös mit den Augen. Das Mädchen mit den dunklen Locken und der sensationellen Oberweite strich sich mit der Zunge rasch über die vollen Lippen, und die junge, blonde Frau in der großen, weißen Schürze hatte den Blick unverwandt auf den Fußboden geheftet und schien in einen Zustand verfallen zu sein, der an Lähmung grenzte. Nur der junge Mann, der fluchtartig die Arena verlassen hatte und nun wieder aufgetaucht war, wirkte ganz entspannt. Er lehnte lässig an seinem Herd, hatte ein Whiskyglas in der Hand und blickte gleichgültig in die Runde.

Der dritte Platz ging an die Bilderbuch-Großmutter. Ihr Gesicht zeigte völlige Überraschung und unbändige Freude, und sie erhielt herzlichen Applaus, als sie ihren Preis entgegennahm. Den zweiten Preis erhielt die junge Frau mit der Brille, die ähnlich überrascht reagierte.

Es blieben noch fünf Köche übrig. Das Mädchen, das vorher so entschlossen gewirkt hatte, schien nun in einem Zustand zwischen Besorgnis und Verzückung zu sein, ebenso wie das Mädchen mit den dunklen Locken. Die Dame mittleren Alters wirkte resigniert, der ältere Geistliche schien im Stillen zu beten, und das Gesicht der jungen Frau war nun ebenso weiß wie ihre Schürze.

Der Vertreter der Sponsorenfirma zögerte einen Moment, um die Spannung noch aufzubauen, bis Darina es selbst kaum noch aushielt.

»Und die Siegerin, die einige der phantasievollsten und köstlichsten Gerichte gekocht hat, die die Mitglieder der Jury je gekostet haben, ist ...« Noch eine Pause, dann endlich: »Verity Fry.«

Einen Moment lang passierte gar nichts, dann schüttelte die junge Frau in der weißen Schürze verwirrt den Blondschopf, ihr Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln und sie verschränkte die Hände über dem Kopf wie ein triumphierender Boxer. Als sie vortrat, drängten die Kameramänner mit Ellbogenstößen auf sie zu.

Darina warf einen Blick auf die Verlierer, die unbeachtet in ihren Kochnischen zurückblieben. Das entschlossene Mädchen stand regungslos da, als könne sie nicht glauben, dass sie mit leeren Händen ausgegangen war, abgesehen von der Kiste Spezialspeiseöl. Dann verschwand sie aus Darinas Blickfeld, als sich ihre Familie tröstend um sie scharte. Der Geistliche seufzte tief und wurde von seiner Frau in eine innige Umarmung gehüllt. Die Frau mittleren Alters zuckte mit den Schultern, zog ein paar Kisten unter ihrer Arbeitsfläche hervor und begann, ihre Küchengeräte einzupacken. Das Mädchen mit den dunklen Locken kämpfte mit den Tränen und räumte ihre Sachen mit zitternden Händen zusammen. Die Anwesenheit des bekannten Fernsehmoderators, der zu ihr getreten war, um sie zu trösten, ignorierte sie vollkommen.

Der Starkoch schüttelte die Hand des dunkelhaarigen, jungen Mannes, der die Siegerin fotografiert hatte.

»Simon, mein Junge, wie schön, Sie wiederzusehen. Wie läuft’s denn so im finsteren Somerset? Lamington, nicht wahr? Ich habe begeisterte Kommentare über Ihr Restaurant gehört.«

»Es ist ein mühsamer Kampf, Meister, aber es könnte sein, dass ich ihn gewinne. Zumindest scheinen die Gourmetkritiker auf meiner Seite zu sein. Sagen Sie, war das eine schwere Entscheidung heute?«

»Überhaupt nicht, die Siegerin stand eindeutig fest. Sind Sie mit ihr befreundet?«

Der junge Mann lächelte einnehmend. »Sie hat mal für mich gearbeitet. Nicht als Köchin, sondern als Empfangsdame, aber sie hat auch hinter den Kulissen mitgeholfen. Großartiges Mädchen.« Er warf einen Blick zu Verity Fry, die inzwischen von Journalisten und Kameraleuten umringt war, die sie aufforderten, zu posieren, sich neben ihre Gerichte zu setzen, einen Bissen zu essen, ein Interview zu geben und noch ein weiteres Mal ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie schaffte das alles mit spielender Leichtigkeit und schien sogar einen Riesenspaß daran zu haben.

Der Koch wandte sich an Darina. »Darf ich Ihnen Simon Chapman vorstellen? Er hat seine Ausbildung bei mir gemacht und gehört heute zu den vielversprechendsten jungen Köchen. Simon, das ist Darina Lisle. Sie ist Mitglied der Jury und eines unserer aufstrebenden, neuen Kritikertalente.«

Darina schüttelte Simon Chapmans ausgestreckte Hand. »Ich bin oft in Somerset, und ich habe auch schon in Ihrem Restaurant gegessen. Es war phantastisch.« Sofort wollte er von ihr wissen, wann sie dort gewesen sei und was sie gegessen habe, und dann fachsimpelten die drei eine Weile.

»Habe ich recht gehört«, fragte der Meisterkoch, »dass Sie ein Buch schreiben, Simon?«

»Tja, ich fürchte, ich trage damit meine Schulden ab. Ich habe mich von einem Verleger breitschlagen lassen, nachdem ich Ende letzten Jahres den Preis für das beste Restaurant des Jahres bekommen habe. Und außerdem war ich noch verrückt genug, mir einen Vorschuss geben zu lassen, also nehme ich an, dass ich nun auch die Ware liefern muss. Ich stelle fest, dass es um ein Vielfaches schwieriger ist, Rezepte niederzuschreiben, als sie zu kreieren.«

»Was Sie brauchen, ist die Hilfe eines Experten, das habe ich beim Schreiben meines ersten Buches festgestellt. Ich hatte auch diese Probleme mit der korrekten Auflistung der Zutaten und dem Erklären der Arbeitsmethode, ganz zu schweigen von den Texten über die Rezepte selbst. Warum fragen Sie nicht Darina hier um Rat?« Der Koch ließ diese Bemerkung im Raum stehen, als er sich umdrehte und verschwand, um mit einem anderen Kollegen zu plaudern.

Simon Chapman musterte Darina nachdenklich. »Das klingt wie eine gute Empfehlung. Wie wär’s? Ich biete Ihnen freie Mahlzeiten an. Aber ich will Sie keinesfalls überrumpeln.« Sein Lächeln war schelmisch.

»Ein Essen bei Ihnen ist ein Angebot, dem man kaum widerstehen kann. Aber ich schreibe im Moment selbst an einem Buch, und ich weiß nicht, wieviel Zeit ich die nächsten Monate in Somerset verbringen werde.«

»Dann lade ich Sie aber auf jeden Fall zu einem Essen auf Kosten des Hauses ein«, drängte er. »Und vielleicht geben Sie mir dabei die Chance, Sie umzustimmen.«

Darina lachte und versprach, zu kommen, wenn sie das nächste Mal in Somerset war, und das meinte sie ganz aufrichtig.

»Simon, Liebling! Wir haben gewonnen!« Verity schlang ihre Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf zu sich herunter und gab ihm einen schmatzenden Kuss. »Oh, es ist so wunderbar, ich kann’s gar nicht glauben, und ohne dich hätte ich das nie geschafft.« Sie löste sich aus seiner Umarmung und wandte sich an Darina. »Vielen, vielen Dank, ich bin immer noch so aufgeregt und weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

Ihr schmales Gesicht strahlte vor Freude. Sie hatte ihre weiße Schürze abgelegt, und darunter kam ein geschmeidiger Körper in einem bunten T-Shirt und Caprihosen zum Vorschein. Dass ihre Nase im Vergleich zum Gesicht ein wenig zu groß war, sah man erst auf den zweiten Blick. Vielleicht war es ihre Lebhaftigkeit, das Leuchten ihrer blauen Augen, oder ihre Haare, so voll und hell, die ihr, ungemein raffiniert geschnitten, schräg in die breite Stirn fielen; jedenfalls machte sie den Eindruck einer Schönheit, den sogar die Nase, wenn man sie überhaupt bemerkte, nicht auslöschen konnte.

»Darina verbringt viel Zeit in Somerset, sie wird mir bei meinem Buch helfen.« Simon lächelte das Mädchen an.

»Das wollen Sie tun? Großartig! Kommen Sie, ich stelle Sie meiner Mutter und meiner Schwester vor.«

Verity Fry nahm Darina bei der Hand und zog sie durch das Gedränge von Leuten, die ihr gratulieren wollten, zu ihrer Kochnische, wo die beiden Frauen, die Darina bereits vorher aufgefallen waren, die Küchenutensilien zusammenpackten.

»Mutter, Pru, ich möchte euch Darina Lisle vorstellen. Ihr habt doch sicher schon ihre Kochkolumne im Recorder gelesen, sie ist fabelhaft.«

Die ältere Frau legte ein Sortiment Kochlöffel auf den Boden eines viereckigen Weidenkorbs und wischte sich automatisch die Hand am Rock ab, bevor sie sie Darina hinhielt und sich als Constance Fry vorstellte. Vor der Bekanntgabe der Siegerin hatte ihr markantes Gesicht vor mühsam unterdrückter Spannung so streng wie das einer römischen Statue ausgesehen, aber jetzt glühte es vor Stolz. Sie streckte die Hand aus und strich ihrer Tochter über den Blondschopf. »Ich gratuliere dir, mein Mädchen, du warst großartig.« Ihre Stimme hatte einen warmen, gutturalen Somerset-Klang.

»Und das ist meine Schwester Pru.« Verity wies auf die junge Frau, die schweigend einige Schalen in den Korb packte.

Prus Gesichtszüge waren so markant wie die ihrer Mutter. Mit ihrer olivbraunen Haut und den kurzen, dunklen Haaren wirkte sie ein wenig südländisch. Als sie Darina knapp und ohne Herzlichkeit begrüßte, hörte man auch ihren Vokalen an, dass sie aus Somerset kam, während der Akzent ihrer Schwester eher nach London als nach einer ländlichen Herkunft klang.

Veritys Aufmerksamkeit wurde nun von einem Journalisten in Anspruch genommen, und Darina fand sich allein mit den beiden Frauen. Sie plauderte munter über Veritys Menü, die Rezepte und die hervorragende Qualität der Zutaten. Als sie das Fleisch erwähnte, schaltete sich Pru in das Gespräch ein.

»Verity hat darauf bestanden, dass das Tier exakt einen Monat vor dem Wettbewerb geschlachtet wurde, sodass das Fleisch für heute genau richtig abgehangen war.«

»Sind Sie Viehzüchter?«

»Ja, Lamm, Schweinefleisch und auch Geflügel. Alles aus natürlicher Aufzucht. Frys Farm, etwas außerhalb von Lamington.«

»Warum habe ich denn noch nie etwas von Ihnen gehört? Lamington ist nicht weit von dem Ort entfernt, wo ich gewohnt habe. Ich hätte wissen müssen, dass es in der Nähe Fleisch vom Biobauern gibt.«

»Wir können uns keine Werbung leisten, und außerdem läuft das Geschäft auch so sehr gut. Sie sollten uns mal besuchen kommen.« Pru sah Darina zum ersten Mal direkt an. »Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen gerne die Farm. Sie müssen ja nicht gleich einen Werbeartikel über uns schreiben, aber ein wenig Publicity können wir natürlich immer gebrauchen.«

»Wir werden eine Party geben, um Veritys Erfolg zu feiern«, sagte Constance Fry. »Sie müssen auch kommen. Ich schicke Ihnen eine Einladung.«

Gerührt über so viel Herzlichkeit, reichte ihr Darina eine ihrer Visitenkarten, nachdem sie neben ihrer Somerset-Adresse die in Chelsea notiert hatte. »Schicken Sie sie mir nach London«, bat sie. »Ich bin im Moment meistens hier, aber wenn es sich einrichten lässt, komme ich sehr gerne.«

»Wie schön!« Verity hatte sich wieder zu ihnen gesellt. »Ist das alles nicht schrecklich aufregend? Warum ist Oliver denn noch nicht hier? Er hat versprochen, rechtzeitig zur Preisvergabe da zu sein.« Die vollen Lippen verzogen sich zu einem kleinen Schmollmund, und dann hellte sich ihr Gesicht plötzlich mit der Energie eines ganzen Kraftwerks auf, als ein hochgewachsener Mann auf die Gruppe zukam. »Liebling, ich habe gewonnen, gewonnen, gewonnen!«

Darina sah zu, wie der Mann sie in die Arme nahm, zärtlich küsste und dann vor ihr stehenblieb und mit dem gleichen, ruhigen Stolz wie vorher ihre Mutter ihr gerötetes Gesicht betrachtete.

»Endlich lernen wir mal den großen Oliver Knatchbull kennen. Sie nennt ihn ihren Verlobten«, meinte Pru, während sie die Kräuter und Gewürze von der Arbeitsfläche nahm und in dem prall gefüllten Korb verstaute, durch dessen knarrendes Weidengeflecht sie dann einen Lederriemen zog und über dem Deckel festzurrte. »Sie behauptet, sie wären verlobt, aber ich habe noch nichts von irgendwelchen Heiratsplänen gehört. Anscheinend gibt er sich schon damit zufrieden, dass sie in seinem Penthouse wohnt.«

»Ich bin sicher, dass sie es bald offiziell machen«, warf ihre Mutter ein. »Besonders jetzt, nach diesem Wettbewerb.«

»Naja, ich frage mich nur, wie es unserem Finanzgenie gefallen wird, eine so ehrgeizige Frau zu haben.« In Prus Stimme lag Zynismus und sogar eine Spur von Bitterkeit.

Er war um etliche Jahre älter als Verity und musste mindestens vierzig sein, schätzte Darina, während die Siegerin wie Anfang zwanzig wirkte. Er war die Verkörperung des erfolgreichen Geschäftsmannes, und seine leicht fleischige Kinnpartie sprach vom regelmäßigen Genuss guten Essens, obwohl er das Gewicht seines wohlgeformten Körpers bestens unter Kontrolle zu haben schien. Alles an ihm war von vornehmer Zurückhaltung: seine Kleidung, seine Manschettenknöpfe, sein Haarschnitt und sein Auftreten. Aber sein Lächeln war alles andere als zurückhaltend, als ihm seine Verlobte in allen Einzelheiten von dem Wettbewerb und ihrem Sieg berichtete.

»Und ich glaube, sie bringen über mich heute Abend sogar einen Bericht im Fernsehen!«

»Den ganzen Abend, oder haben wir noch Zeit für unsere Siegesfeier? Ich habe einen Tisch bei Tante Claire reserviert.«

»O Liebling, wie wunderbar. Aber du konntest doch gar nicht wissen, dass ich gewinne. Ich meine, ich war sicher, dass ich es nicht schaffe, alle anderen wirkten viel selbstsicherer und kompetenter.«

Er zerzauste ihr liebevoll das Haar. »Naja, wenn du nicht gewonnen hättest, wäre es ein Trostessen geworden. Aber ich war sicher, dass du es schaffst. Und jetzt müssen wir den nächsten Schritt für deine Karriere planen.«

Im Gegensatz zu dem, was Pru mit ihrer spitzen Bemerkung angedeutet hatte, schien er den Erfolg seiner Verlobten durchaus zu begrüßen, und Darina verspürte einen scharfen Stich vor Neid. Dann aber fragte sie sich, ob ihm wirklich klar war, was der Sieg in diesem Wettbewerb für seine Verlobte bedeuten konnte.

Simon Chapman hatte sich leicht abseits von der Gruppe gehalten. Als er nun auf Darina zukam, hatte er wieder sein breites Grinsen auf den Lippen. »Ich mache mich auf den Heimweg in die Provinz«, sagte er. »Zurück zu den Töpfen, ich habe mir nur einige Stunden freigenommen, um Verity moralische Unterstützung zu geben. Kann ich Sie zufällig nach Somerset mitnehmen?«

Darina lehnte dankend ab und erklärte, dass Somerset nicht auf ihrem derzeitigen Programm stünde. Sie betonte, dass Sie nur versprochen haben, zum Mittagessen zu bleiben. »Aber ich nehme Sie beim Wort und komme demnächst auf Ihre Einladung zum Essen zurück«, fügte sie hinzu, als sie den enttäuschten Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte.

Er zeigte ein rasches Lächeln und verließ den Ballsaal, nachdem er sich an der Tür noch einmal umgedreht hatte, um einen letzten Blick auf Verity zu werfen, die bei ihrer Familie und ihrem Verlobten stand. Oliver Knatchbulls Arm hielt sie dicht an sich gepresst, und er wirkte sehr viel jünger, während er über eine Bemerkung von ihr lachte. Das unbekümmerte Lächeln war plötzlich aus Simons Gesicht verschwunden, und es verdüsterte sich wie eine Landschaft, in der das helle Sonnenlicht von dunklen, bedrohlichen Wolken verdrängt wird. Im nächsten Moment war er gegangen. 

Kapitel 2

Die Einladung zu Verity Frys Feier kam ein paar Tage später, als Darina den Wettbewerb und seine Siegerin schon fast wieder vergessen hatte. Und sie hatte auch nicht mehr an den Besuch in Chapmans Restaurant gedacht.

Sie verbrachte die meiste Zeit damit, einen neuen Innenanstrich für ihr Londoner Haus in Chelsea zu organisieren, dessen Wände von den kurzfristigen Bewohnern arg mitgenommen waren. Die Kinder der amerikanischen Familie besaßen anscheinend die Gabe, die Zerstörungskraft einer kleinen Armee mit den genialen Ausdrucksformen eines Picasso zu kombinieren. Und neben all ihren Einkäufen in Tapeten- und Textilgeschäften und Terminen mit dem Innenarchitekten musste sie noch Artikel für die Kochkolumne schreiben, ihre Korrespondenz erledigen und zahlreiche Telefongespräche führen.

Sie stand im Flur, während die Anstreicher Leitern und Abdeckplanen hereinschleppten, sah ihre Post durch und betrachtete die weiße Einladungskarte. Die Party sollte in zehn Tagen stattfinden, an einem Sonntagmittag. Mit der Karte war ein Prospekt für Frys Fleisch aus biologisch-organischer Viehzucht gekommen, der auf der Vorderseite die Zeichnung eines für Somerset typischen Bauernhauses trug, mit Rindern und Schafen, die unter Obstbäumen grasten. Darina überflog die schwärmerische Beschreibung und blickte sich um.

Das helle Licht des strahlenden Sommertages war den Anstreichern durch die offene Haustür gefolgt und lag nun als goldenes Rechteck auf dem schmutzigen Parkettboden. Staub tanzte in den Sonnenstrahlen, und von der King’s Road drang das gedämpfte Dröhnen des Verkehrs herein. Eine schier endlose Zahl von Farbeimern wurde hereingetragen und in der Halle aufgereiht Die Zimmer dahinter waren für die Renovierung bereits leergeräumt worden.

Darina traf eine rasche Entscheidung, ging in ihr Arbeitszimmer und begann, Papier, einige Nachschlagewerke und den ersten Entwurf für ihr neues Buch einzupacken. Ein paar Stunden später waren diese Utensilien, ein Computer, einige Kleidungsstücke und sie selbst im Auto verstaut, und sie lieferte ihr Haus auf Gedeih und Verderb den Anstreichern aus. Schließlich konnte es von diesen kaum mehr Schaden erleiden als von den Mietern. Sie verdrängte den Gedanken daran, dass sie – im Gegensatz zu den Mietern – die Anstreicher dafür bezahlte.

Sie hatte Stonehenge passiert, die Stelle, an der sie immer spürte, dass nun Südwestengland begann. Was sie jetzt nicht mehr verdrängen konnte, war das Bewusstsein, dass sie ihren Zielort nicht mehr ihr Zuhause nennen konnte, obwohl er es fast achtzehn Monate lang für sie gewesen war. Vor kurzem hatte sie diesen Ort, dieses Haus und diesen Liebhaber verlassen – mit der Absicht, nie wieder zurückzukehren.

Aber William Pigram hatte kurz darauf vor ihrer Tür in Chelsea gestanden und ihr den Schlüssel zugeworfen.

»Halt ihn warm für mich«, hatte er gesagt. »Es würde mir gefallen, dich im Haus zu wissen.« Und daraufhin hatte er sich, ohne die Antwort abzuwarten, auf den Weg zum Flughafen gemacht.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr weiterfahren zu können. Sie bog von der Landstraße ab und fuhr bis zum nächsten Dorf, wo sie vor einem Pub haltmachte. Sie bestellte eine Weißweinschorle und ging damit nach draußen in den kleinen Biergarten.

Die Szene hatte begonnen, nachdem William ihr erzählt hatte, dass er nach New York müsse. Der Kreditkartenfall, an dem er arbeitete, hatte sich als Teil einer weit größeren, amerikanischen Operation entpuppt. Die New Yorker Polizei hatte ihn gebeten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um einen Betrügerring zu zerschlagen. Die Bande war für den Verlust einer solchen Geldmenge verantwortlich, dass das Kreditkartenunternehmen die Kosten für Williams Aufenthalt übernahm. Die Polizei von Avon und Somerset, wo er als Detective Sergeant tätig war, konnte es sich zwar nicht leisten, ihn auf eigene Kosten zu schicken, aber sie stellten ihn für die Ermittlungsarbeiten frei, die von ein paar Wochen bis zu mehreren Monaten dauern konnten. »Komm mit mir«, hatte er gedrängt, »du kannst dein Buch doch überall schreiben. Warum hörst du nicht endlich mit diesen Spielereien auf und heiratest mich?«

»Spielereien?« Sie hatte ihn fassungslos angestarrt. Er stand in der Küche des kleinen Landhauses, spielte mit einem Stück Faden, mit dem sie ein ausgebeintes Hühnchen zusammengenäht hatte, und seine Größe wirkte plötzlich erdrückend in dem kleinen Raum. In seinen Augen lag eine Anziehungskraft, die sich nicht in seiner Stimme ausdrückte. Darina ignorierte sie.

»Spielereien?«, wiederholte sie, und dann noch einmal: »Spielereien?« Und diese unglückliche Formulierung hatte einen Krach ausgelöst, der sich bereits seit einer Weile zusammengebraut hatte.

Er schien weder fähig zu sein, das Ausmaß ihrer Frustration zu begreifen, noch die Ernsthaftigkeit ihrer Ziele anzuerkennen.

Sie hatte darauf bestanden, dass ein Leben als Ehefrau, und damit auch als seine Ehefrau, nicht Teil ihrer Pläne war. Er hatte gemeint, dass das keinen Unterschied machen müsse, und dass sie ihre Karriere doch auch nach ihrer Heirat fortsetzen könne.

»Du meinst, neben meiner Aufgabe, für dich zu sorgen, könnte ich nebenbei leicht ein paar kleine Artikelchen schreiben und mir ein paar nette Rezepte ausdenken. Aber du meinst doch sicher nicht, ich könnte auch Bücher schreiben, die all meine Energie kosten, oder mal eben nach London zu einem Treffen verschwinden, oder im Land herumreisen, um Kochvorführungen zu geben. Du bist ein Erfolgsmensch, in deiner Welt brauchen die Männer immer saubere Hemden im Schrank und ein tadellos aufgeräumtes Haus, und keine Frau, die selbst ein bisschen erfolgreich sein will, wenn man sie lässt.«

Er hatte protestiert, dass er ihr das durchaus zugestehe, aber sie wusste, dass er keine Vorstellung von der Art Gleichberechtigung hatte, die sie in einer Ehe forderte.

»Ich will nicht egoistisch sein«, hatte sie schließlich gesagt, »aber du scheinst nicht zu begreifen, wie wichtig es für mich ist, ich selbst zu bleiben. Ich brauche Raum, um meine eigenen Interessen zu entwickeln, und ich kann dir nicht bloß einfach überallhin folgen.«

Er hatte daraufhin gefragt, ob sie nicht lernen könne, ein bisschen kompromissfähiger zu sein.

»Und was ist mit dir«, war sie aufgebraust. »Wie wär’s, wenn du ein bisschen Kompromissbereitschaft zeigen würdest?«

Aber das tue er doch, hatte er matt erwidert und sich in der unaufgeräumten Küche umgeschaut.

Die unausgesprochene Kritik an ihrer Haushaltsführung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Tatsächlich mochte sie Unordnung ebenso wenig wie er. Solange sie ihren Catering-Service betrieben hatte, war es ihr zumindest gelungen, die Küche in ihrer Wohnung einwandfrei sauber zu halten, aber die derzeitige Häufung verschiedener Termine und Aufträge hatte die verheerende Wirkung, solche Kleinigkeiten wie Putzen und Abstauben an das hinterste Ende ihrer Prioritätenliste zu verweisen. Darina war klar, dass das alles über kurz oder lang in einer Katastrophe enden musste. Ebenso, wie sie wusste, dass man beim Kochen bestimmte Zutaten nie miteinander kombinieren durfte, wusste sie, dass die Art von Ehe, die sich William vorstellte, für sie niemals funktionieren würde.

Dann hatte er – mit Bitterkeit in der Stimme – gesagt, dass sie ihn wohl doch nicht liebte.

»Liebe! Für dich läuft es immer nur darauf hinaus, stimmt’s? Aber was ist mit gegenseitigem Respekt, Verständnis und der Bereitschaft, die Position des anderen zu akzeptieren?«

»Aber das ist doch genau das, was du mir verweigerst!« Er hatte sich von ihr abgewandt und aus dem Fenster in den Garten geblickt. Er sieht aus, war es ihr durch den Kopf gegangen, wie ein kleiner Junge, der versucht, die ungeheuerliche Nachricht zu begreifen, dass sein geliebter Hund gestorben ist. Beinahe wäre sie schwach geworden.

»Kannst du nicht ein wenig über meine Position nachdenken, während du weg bist?«, hatte sie nach ein paar Minuten gefragt. »Und wenn du dann wiederkommst ...«

»Nein!«, hatte er heftig erwidert. Als er sich wieder zu ihr umwandte, hatte sein Gesicht plötzlich sehr harte Züge angenommen. »Lass es uns hier und jetzt beenden. Es gibt keine Zukunft mehr für uns, das hast du mir jedenfalls klargemacht. Ich ziehe es vor, ohne irgendwelche Fesseln fortzugehen, und ich denke, das wird auch für dich das Beste sein.«

Typisch, hatte sie später gedacht, wie er es schaffte, eine dermaßen egoistische Aussage mit einem Hauch von Rücksichtnahme auf sie zu dekorieren – so wie man einem trockenen Martini ein wenig Zitronenschale zugibt, die den Drink aromatischer macht, ohne jedoch seine Substanz zu verändern.

Sie war noch am gleichen Tag ausgezogen, dankbar, dass die Mieter ihr Haus in Chelsea gerade geräumt hatten.

Und dann war sein kurzer Abstecher auf dem Weg zum Flughafen und das Angebot gekommen, den Schlüssel zu behalten. Sie wusste, dass er sie damit – fast, wenn auch nicht ganz – gebeten hatte, auf ihn zu warten. Und fast hätte sie gesagt, sie würde da sein, wenn er zurückkommt. Aber nicht ganz. Das war vor einigen Wochen gewesen, und seither hatte sie nichts mehr von ihm gehört.

Jetzt hatte sie die Wahl, in seinem Haus zu wohnen, oder bei ihrer Mutter, die nicht weit von dort entfernt lebte. Aber nachdem sie bereits einmal Ann Lisles endlose Klagen und Vorwürfe wegen der gescheiterten Beziehung zu William über sich hatte ergehen lassen müssen, fiel ihr die Entscheidung nicht schwer.

Darina trank ihre Weinschorle aus, kehrte zum Wagen zurück und setzte die Fahrt fort.

Williams Brief kam ein paar Tage später aus London, nachgeschickt von einer Freundin, die sich bereit erklärt hatte, sich um ihre Post zu kümmern und zu sehen, wie die Anstreicher vorankamen.

Darina lehnte den ungeöffneten Briefumschlag gegen eine Vase mit Flieder, die auf dem mit Papieren bedeckten Küchentisch stand. Während sie ihr Mittagessen aus Schweinekoteletts mit Senfsoße zu sich nahm, ein Proberezept für ihr neues Buch über das Kochen für Zwei, betrachtete sie ihn nachdenklich. Ihre Geschmacksnerven waren auf Autopilot geschaltet, während ihre Gedanken mit dem dünnen Briefumschlag vor ihr beschäftigt waren. Sie hatte dem spontanen Impuls widerstanden, den Brief sofort zu öffnen. Hier war eine eher vorsichtige Herangehensweise angebracht. Warum schrieb er ihr? War es, um ihr zu sagen, dass er sie immer noch liebte, sie vermisste, eine Antwort von ihr wollte?

Und wenn ja, was sollte sie tun?

Er hatte ihr gefehlt. O Gott, wie sehr er ihr gefehlt hatte. Als sie das aufgeräumte Haus betreten und bemerkt hatte, was für eine Putzorgie er veranstaltet haben musste – sie hatte ganz vergessen, dass der Küchenboden diese Farbe hatte –, hatte sie sich gewünscht, er wäre da, sogar um ihn schimpfen zu hören, er habe keine sauberen Socken mehr.

In der Nacht hatte sie allein in dem großen Doppelbett gelegen, das sie miteinander geteilt hatten, und Schmerz, körperlichen Schmerz empfunden vor Sehnsucht nach seiner Berührung. Am Morgen hatte sie sein unmelodisches Summen vermisst, während er sich rasierte und sie sich noch fünf Minuten im Bett gönnte. Am Abend ertappte sie sich dabei, dass sie auf seine Heimkehr wartete, auf den Kuss, den er ihr immer gab, bevor er beiden einen Drink einschenkte und ein paar Anekdoten von seiner Arbeit erzählte, um sich langsam zu entspannen. Sie vermisste seinen Sinn für Humor, seine intelligenten Bemerkungen über das, was in der Welt um sie herum vor sich ging, und sie vermisste ihn.

Auf der anderen Seite – tja, es gab schließlich immer eine andere Seite – hatte sie in Ruhe an ihrem Buch und dem nächsten monatlichen Artikel arbeiten können, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was sie William am Abend kochen sollte. Sie konnte einfach essen, wann und was sie wollte. Es gab keine Hemden zu bügeln, und sie konnte den Staub souverän ignorieren. Aber wenn sie ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass nichts von all dem die Leere im Haus und in ihrem Leben aufwiegen konnte.

Jetzt griff sie nach dem Brief, schlitzte ihn auf und zog vorsichtig eine gefaltete Seite heraus.

Einige Minuten später faltete sie das Blatt wieder zusammen, steckte es mit der gleichen Sorgfalt in den Umschlag zurück und stand auf, um sich eine Tasse Kaffee zu kochen.

Es war wohl, dachte sie bei sich, die Tat eines Gentlemans, sie wissen zu lassen, dass er jemand anderen gefunden hatte. Oder glaubte, gefunden zu haben.

Wir fühlen uns sehr wohl miteinander, hatte er geschrieben. Sie hat einen lebhaften Verstand und zeigt mir ein New York, das anders ist als das, was ich durch das Polizeirevier entdeckt habe. Und sie hat mich ihrer Familie in Pennsylvania vorgestellt. Komischerweise hat ihr Vater geschäftlich mit meinem Onkel zu tun gehabt, und ich komme mir bei ihnen vor wie unter Freunden der Familie. Was einem gut tut, wenn man so weit weg von zu Hause ist. Elaine ist Rechtsanwältin, arbeitet sogar manchmal an Kriminalfällen, und so haben wir vieles gemeinsam. Und ich glaube, sie würde dir gefallen. Sie hat mich gefragt, ob ich in England jemanden hätte und wollte meine Bemerkung, dass ich ›ohne Bindung‹ sei, nicht akzeptieren. Wie spitzfindig manche Amerikaner sein können! Also habe ich ihr von dir erzählt, und sie hat vorgeschlagen, dass ich dir schreibe und dich wissen lasse, dass wir uns nähergekommen sind.

»Vielen Dank auch, Elaine«, rief Darina grimmig. »Und wie kommst du, mein lieber William, auf den Gedanken, dass sie mir gefallen würde? Weil du immer gesagt hast, wie sehr du meinen lebhaften Verstand bewunderst? Und auch vielen Dank für deine Hoffnung; dass ich ebenfalls mein Glück finde. Obwohl du das offensichtlich für unwahrscheinlich hältst, so wie ich nun einmal bin, unfähig, meine eigenen Bedürfnisse denen eines anderen Menschen unterzuordnen.«

Sie sprang auf und ging mit ihrer Kaffeetasse in den Garten. Vor der Küchentür lag eine kleine Terrasse, auf der ein Holztisch, eine Bank und einige Stühle standen. Geschützt vor dem beständigen Wind, war dies, solange die Sonne schien, vom Frühjahr bis in den späten Herbst ein warmer Platz.

Darina setzte sich. Und neben ihr saß das Gespenst vergangener Zeiten. Zeiten, in denen sie und William dort allein oder mit Freunden gesessen und gegessen, gelacht, über Gott und die Welt diskutiert und ihre Sorgen vertrieben hatten.

Wie konnte er all das so schnell vergessen? Wie konnte er sich in den kurzen Wochen, die er fort war, in jemand anderen verlieben?

Kurze Wochen? Waren sie ihr nicht vorgekommen wie die längsten ihres Lebens, während sie versucht hatte, die Leere zu füllen, die durch seine Abwesenheit entstanden war?

Also hatte er vielleicht das Gleiche empfunden. Vielleicht hatte er sich deshalb so beeilt, seinem Leben wieder eine neue Bedeutung zu geben.

Langsam zog Darina Williams Brief aus der Küchenschürze und las ihn noch einmal. Und plötzlich sah sie wieder vor sich, wie Oliver Knatchbull seinen Arm um Verity Fry gelegt hatte.

Dann zerknüllte Darina mit einer raschen Bewegung das dünne Luftpostpapier, stopfte es in ihre leere Kaffeetasse und ging zurück in die Küche.

Sie nahm das Telefonbuch und fand die Nummer, die sie suchte.

Simon Chapman selbst meldete sich.

»Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen«, sagte er. »Ich wollte gerade Detektiv spielen und sie aufspüren. Wenn Sie nichts anderes vorhaben, kommen Sie doch heute Abend vorbei. Es sieht nicht so aus, als hätten wir schrecklich viel zu tun, und dann können wir uns nach dem Essen ausgiebig unterhalten.« 

Darina setzte mit einem zufriedenen Seufzer das Rotweinglas ab. Chapmans Angebot war von außerordentlicher Qualität. Und wenn der Koch ihr noch sein Geheimnis preisgeben würde, wie er dem Ochsenschwanzragout ein so intensives Aroma gab, wäre ihr die Arbeit an seinem Buch als Preis dafür nicht zu hoch. Sie nahm die Dessertkarte zur Hand und hatte gerade beschlossen, keinen Aspekt dieses kulinarischen Erlebnisses auszulassen, als sie ihr aus der Hand genommen wurde.

»Ich erlaube Ihnen heute Abend nur eine einzige Wahl, nämlich meine Apfel-Armagnac-Torte.« Mit diesen Worten stellte Simon Chapman einen Teller mit einem Kuchenstück vor sie auf den Tisch, zog den zweiten Stuhl hervor und fragte: »Darf ich Ihnen dabei Gesellschaft leisten?«

Darina begrüßte ihn erfreut. Der Küchenchef trug noch seine weiße Jacke, auf deren Brusttasche in hübsch gestickten Buchstaben sein Namenszug prangte, und er verströmte eine Energie, die sich keineswegs in der Arbeit verbraucht zu haben schien. Als Darina ihm zu seinem Menü gratulierte und fragte, ob er nicht erschöpft sei, lachte er.

»Sie haben doch gesehen, wie viele Gäste wir hatten, sieben, einschließlich Ihnen, was man wohl kaum anstrengend nennen kann. Freitag und Samstag sind unsere besten Abende. Ach, würden Sie mich bitte einen Moment entschuldigen? Die Bradleys wollen gehen.«

Er eilte zu einem Paar, das sich gerade vom Tisch erhoben hatte. Während er ihnen herzlich die Hand schüttelte, lachten sie über irgendeine geistreiche Bemerkung von ihm.

In dem Restaurant standen zehn Tische unterschiedlicher Größe. Darina schätzte, dass maximal vierzig Gäste Platz an ihnen hatten. Die mittelalterlichen Deckenbalken und eine Kaminecke, die nun von einem Arrangement aus getrockneten Pflanzen eingenommen wurde, gaben dem Raum einen altmodischen Charme, der von der strengen Schlichtheit der weißen Tischtücher und den gerahmten Illustrationen aus alten Kochbüchern reizvoll ergänzt wurde. Auf jedem Tisch stand eine kleine Vase mit frischen Frühlingsblumen.

»Seit wann gibt es dieses Restaurant?«, fragte sie, als Simon zurückkehrte.

»Seit ungefähr dreieinhalb Jahren.« »So lange! Und ich habe erst Anfang des Jahres zum ersten Mal von Ihnen gehört. Da sind wir auf Empfehlung einer Freundin hier gewesen.« O verflixt, dieses verräterische »wir«.

Simon erklärte: »Ich wollte keine große Werbekampagne – zum einen hatte ich nicht das Geld dafür – und dann dachte ich auch, es sei besser, wenn ich mich sozusagen erst mal einspiele und mir allmählich einen Namen mache. Mein Partner war damit einverstanden.«

»Wer ist denn Ihr Partner?«

»Ein hiesiger Geschäftsmann, na ja, eigentlich kommt er aus Bristol. Er war Stammgast in einem Hotel, in dem ich als Küchenchef gearbeitet habe. Irgendwann hat er mir versprochen, mich zu unterstürzten, falls ich mich einmal selbständig machen wollte. Und da habe ich ihn eines Tages beim Wort genommen.«

»Ist er aktiver oder stiller Teilhaber?«

»Anfangs war er äußerst aktiv. Zu aktiv sogar, ständig wollte er mir ins Essen reinreden und das Dekor aufmotzen. Schließlich musste ich ihm klarmachen, dass die Finanzen seine Sache sind und die Führung des Restaurants meine. Fast wären wir an diesem Punkt auseinandergegangen, aber schließlich hat er nachgegeben. Jetzt kommt er nur noch ab und zu vorbei. Eigentlich ...« Er zögerte, und Darina wartete, aber Simon sagte nichts mehr.

Schließlich half sie ihm nach: »Und ist er zufrieden mit der finanziellen Seite?«

Der Koch verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. »Wir machen an den Wochenenden ein phantastisches Geschäft und müssen während der Woche hart kämpfen. Die Auszeichnung als Restaurant des Jahres hat uns sehr geholfen; wir haben einige neue Gäste gewonnen. Aber die Leute aus der Gegend dazu zu bringen, dass sie mehr oder weniger regelmäßig ein solches Restaurant besuchen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.« Simon drehte sein Glas mit gekühltem Barsacwein, den er Darina und sich eingeschenkt hatte, in der Hand und warf ihr ein schiefes Lächeln zu. »Das Essen ist zu ausgefallen, die Preise sind zu hoch.«

Sie wand ein: »Aber Sie bieten doch ein hervorragendes Essen an, das vielleicht ausgefallen, aber wirklich phantastisch gewürzt ist, und nicht solche überkandidelten Kompositionen, die dreimal besser aussehen, als sie schmecken. Und was Ihre Preise betrifft, so finde ich sie unglaublich günstig.«

»Kann ich Sie als meine PR-Frau engagieren? Aber im Ernst, Sie haben keine Ahnung, wie konservativ die Leute hier sind. Und im Vergleich zum allgemeinen Niveau in Somerset sind sie ja noch geradezu weltoffen. Wenn wir nicht auch die üblichen Steaks und Koteletts auf der Karte hätten, würden wir hier kaum einen Einheimischen sehen, und wenn die Touristen nicht wären, könnte ich gleich zusperren. Nehmen Sie sich selbst, zum Beispiel. Sie waren Anfang des Jahres bei uns, das war vor fünf Monaten! Und wie oft haben Sie seither hier gegessen?«

Darina hatte ein schlechtes Gewissen. »Ich wollte ja, aber dann wurde mein Freund mit einer sehr zeitaufwendigen Untersuchung beauftragt. Er war nämlich Polizist.«

»Er war? Sprechen Sie in der Vergangenheit, weil er die Polizei verlassen hat, oder weil Sie ihn verlassen haben?«

Darina zögerte. »Er ist zurzeit in den Vereinigten Staaten, aber unsere Beziehung ist ohnehin zu Ende.«

Simon Chapman grinste sie wieder an. »Er muss der größte Idiot aller Zeiten sein, dass er Sie nicht mit Handschellen an ein stabiles Möbelstück gefesselt hat, bevor er wegging. Ich glaube, ich werde seine Dummheit ausnutzen.« Er lachte und fuhr dann fort: »Also, glauben Sie, Sie haben Zeit, um mir ein bisschen mit diesem blöden Buch zu helfen?«

»Brauchen Sie wirklich meine Hilfe zum Schreiben?«

»Braucht man Eier für eine Mayonnaise?« Er griff in eine Tasche seiner weißen Jacke und zog einen Stapel Notizblätter hervor. »Wenn Sie sich Ihr Essen wirklich verdienen wollen, dann sehen Sie sich das hier doch einmal an.«

Darina musste die Augen zusammenkneifen, um in dem gedämpften Licht eine Handschrift entziffern zu können, die wie die Laufspur einer betrunkenen Spinne aussah, die in etwas Unappetitliches getreten war.

Schließlich fragte sie entmutigt: »Haben Sie eigentlich jemals ein Kochbuch gelesen?«

Simon Chapman wirkte nicht im Geringsten gekränkt: »Natürlich! Obwohl ich zugeben muss, dass es nicht viele waren. Meistens die anderer Köche, aber auch eines von Elizabeth David, als ich meine Ausbildung begann, ein paar von Jane Grigson, als ich anfing, mich für die traditionell englische Küche zu interessieren, und Natalie Duke hat mir die Küche aus dem Mittelmeerraum nähergebracht. Besonders ihre griechischen Rezepte haben mich zu einer Reise inspiriert, um das Essen aus erster Hand zu erleben.«

Darina stimmte zu, dass Miss Duke tatsächlich eine brillante Autorin war und fragte ihn dann, ob er bei seiner Lektüre denn nicht solche Kleinigkeiten bemerkt hätte, wie das Auflisten der Zutaten in der Reihenfolge ihrer Verwendung und eine ausführliche Beschreibung der Arbeitsmethode, statt seiner Aneinanderreihung von Begriffen, die nur ein ausgebildeter Koch verstehen konnte.

Simon begann, unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, fing den Blick der Serviererin auf, die die leeren Tische neu deckte, und bat sie, ihnen Kaffee zu bringen.

»So schlimm, ja?«, fragte er schließlich kleinlaut.

Darina hatte das Gefühl, dass sie nicht gerade sehr taktvoll gewesen war. »Schauen Sie, die Rezepte selbst klingen wunderbar, ich kann gar nicht erwarten, sie auszuprobieren. Wenn ich allerdings eine Frau wäre, die kochen gelernt hat, indem sie ihrer Mutter dabei zusah, oder mit Hilfe einiger Kochbücher, dann hätte ich einfach keine Ahnung, wo ich beginnen soll. Aber keine Panik, das lässt sich leicht korrigieren.«

Simon stöhnte auf. »Das ist es ja, was ich so langweilig finde. Es kostet schrecklich viel Zeit, alles richtig zu Papier zu bringen. Und dabei kommt es doch schließlich nur auf das Resultat an.«

»Ja, aber wenn Ihre Leser nicht wissen, wie sie dieses Resultat erzielen sollen, dann war all Ihre Mühe umsonst, und Sie könnten es ebenso gut gleich bleibenlassen und sich ganz auf Ihr Restaurant konzentrieren. Was allerdings schade wäre, denn diese Ideen«, sie klopfte mit dem Finger auf das Papier vor sich, »könnten der Anfang zu einem sehr erfolgreichen Kochbuch sein.«

Simon Chapman sah skeptisch drein. »Glauben Sie wirklich? Ich dachte, die meisten Leute wollen Kochbücher, die für Amateure geschrieben wurden, und in denen die Gerichte nicht so kompliziert, und die Zutaten nicht so schwierig aufzutreiben sind.«

»Nicht unbedingt. Viele schätzen auch die Herausforderung. Sie wollen ihren kulinarischen Horizont erweitern, etwas von einem erstklassigen, gutausgebildeten und kreativen Talent lernen und suchen Kochbücher, die anders sind. Exklusivität ist das, was sie in solchen Büchern finden. Jedenfalls sehe ich in diesen Rezepten nicht viele Zutaten, die schwer zu bekommen wären.« Darina nahm die Seiten wieder auf.

Simon nahm sie ihr aus der Hand und legte sie auf dem Tisch aus. »Ja schon, man kann alle Zutaten problemlos bekommen, aber dann darf man keine allzu hohen Ansprüche an ihre Qualität stellen. Und die Gerichte werden dann auch nicht im Entferntesten so schmecken wie die, die meine Gäste hier bekommen. Nehmen Sie zum Beispiel das Ochsenschwanzragout, das Sie eben gegessen haben.« Darina beugte sich gespannt vor. »Das Fleisch stammt aus einer organisch-biologischen Landwirtschaft, und die lange Garzeit macht es, abgesehen von dem hervorragenden Geschmack selbst, nur noch besser. Außerdem wurde ein ganzer Ochsenschwanz sowohl für die Brühe, als auch für das Gericht verwendet, und ohne das ist es nicht einmal die Hälfte wert. Versuchen Sie, das mit dem Zeug hinzukriegen, das neunzig Prozent der Leute im Supermarkt kaufen, und es wäre absolut kein Vergleich zu dem, was Sie heute Abend gegessen haben.«

»Bekommen Sie ihr Fleisch von den Frys?«

»Genau! Was Constance und Pru da aufgebaut haben, ist fabelhaft. Aber Sie müssen doch selbst schon Fleisch bei ihnen gekauft haben, sie haben einen ausgezeichneten Ruf.«

Darina schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich fürchte, das ist eine weitere Lokalnachricht, die mich erst verspätet erreicht hat. Ich habe neulich im Savoy zum ersten Mal von ihnen gehört.«

Simon strahlte. »Was für ein phantastischer Tag das war! Überglücklich, alle, wie sie da waren, sogar Constance hatte ein Lächeln auf den Lippen.«

»Sagten Sie nicht, Verity hätte mal bei Ihnen gearbeitet?«

»Ja, sie hat als Empfangsdame gearbeitet. Sie war wunderbar, alle mochten sie, und wir hatten nie so viele Gäste während der Woche, wie zu der Zeit, als Verity da war.«

In diesem Augenblick kam die Serviererin mit dem Kaffee. Sie drückte den Tauchkolben der Cafetiere herunter, goss zwei Tassen voll und stellte sie mit einem kleinen Teller Petits Fours auf den Tisch. Als sie sich zum Gehen wandte, sagte Simon, sie brauche nicht zu warten – er würde den Tisch selbst abräumen.

»Wo hat Verity das Kochen gelernt?«

»Auf irgendeiner Schule in London, und dann war sie hier auch ständig in der Küche und wollte wissen, wie ich das oder jenes gemacht habe. Sie hat behauptet, das würde ihr helfen, den Gästen die Gerichte zu erklären, aber das war natürlich nur ein Vorwand.« Simon grinste. »Sie hat häufig Vorschläge für neue Gerichte gemacht, und manchmal habe ich sogar etwas davon übernommen. Dann hat sie darauf bestanden, dass ich sie abschmecken lasse, und ich sagte, sie wolle wohl bloß eine kostenlose Mahlzeit.«

Der Koch hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, seine Hand spielte lässig mit dem Weinglas, das er während ihrer Unterhaltung bereits zweimal nachgefüllt hatte. Darina konnte sich vorstellen, dass das hübsche, lebhafte Mädchen und der dynamische, attraktive Mann gut zusammengearbeitet hatten. Wie eng war ihre Beziehung wohl gewesen, und warum war Verity fortgegangen?

»Und wann hat sie dann selbst mit dem Kochen begonnen?«

Simon beugte sich über sein Glas, als studiere er das Licht, das sich in dem goldfarbenen Inhalt brach. »Vor etwas mehr als zwei Jahren. Sie ging nach London und begann mit einem Catering-Service für Firmenkonferenzen. Auf einer dieser Veranstaltungen hat sie auch Oliver kennengelernt.«

»Er scheint lebhaften Anteil an ihrer Karriere zu nehmen.«

»Ja, er hat ihr geraten, an dem Kochwettbewerb teilzunehmen. Hinter ihrer liebreizenden Fassade ist sie nämlich ganz schön ehrgeizig.«

Hatte sich da eine Spur von Bitterkeit in seine Bemerkung geschlichen?

»Und das stört ihn nicht?«

»Im Gegenteil, er bestärkt sie. Wahrscheinlich hat er auch keine andere Wahl, denn anders könnte er sie gar nicht halten.«

Scharfsichtiger Simon, und kluger Oliver.

»Aber Sie haben ihr doch geholfen, die Rezepte zu entwickeln?«

»Die meisten Ideen waren ihre eigenen, aber es stimmt, wir haben sie zusammen ausgearbeitet.«

»Kein Wunder, dass Sie sich so über ihren Sieg gefreut haben.«

Simon lächelte Darina wieder gewinnend an. »Haben Sie sich nicht auch darüber gefreut?«

Darina gab zu, dass auch sie Verity Fry für die sympathischste aller Teilnehmerinnen gehalten und dass sie sich über ihren deutlichen Sieg sehr gefreut habe.

»Meinen Sie, sie würde gern ein eigenes Restaurant eröffnen?«

Simon schüttelte den Kopf. »Himmel, nein. Sie hat hier genug gesehen, um von jeder Ambition in dieser Richtung geheilt zu sein.«

»Was meinen Sie damit?«

»Für die lange Arbeitszeit und all die Schufterei bringt es viel zu wenig ein.«

»Das glauben Sie doch nicht wirklich?«

Simon seufzt und in diesem Moment war alle Unbeschwertheit verschwunden, die ihn so attraktiv machte. Wie im Savoy, als er das Familienbild mit Oliver Knatchbull betrachtet hatte. In seine schwarzen Augen trat ein beunruhigender Ausdruck. »Es gibt Zeiten, da kommt es mir so vor, als wäre ein Restaurant die verrückteste Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, die jemals erfunden wurde. Aber im Grunde haben Sie recht. Es gibt nichts, was ich lieber machen würde.« Seine Stimmung blieb jedoch gedrückt.

Nach einer Pause sagte Darina: »Da gibt es doch irgendein Problem, nicht wahr? Wollen Sie es mir erzählen?«

Er warf ihr einen undurchdringlichen Blick zu. »Ich habe geschworen, es keiner Menschenseele zu sagen, aber Sie verstehen es, einen zum Reden zu bringen.« Er stieß ein kurzes Lachen aus. »Also, es ist so, dass ich vielleicht bald kein Restaurant mehr haben werde.«

»Geht das Geschäft so schlecht?«

»Ja, aber nicht das Restaurant, sondern das Geschäft meines Partners. Seine Firma handelt mit irgendwelchen Import- und Exportgütern, um die Einzelheiten habe ich mich nie gekümmert, aber die Rezession hat ihn ziemlich getroffen. Er meint, die Bankzinsen würden ihn allmählich in den Ruin treiben, und deshalb braucht er jetzt das Geld, das er in das Restaurant gesteckt hat. Ich kann es mir nicht leisten, ihn auszuzahlen, die Bank gibt mir keinen Kredit mehr und wenn ich das Geld nicht anderswo auftreiben kann, werde ich das Restaurant verkaufen müssen.«

Wieder entstand eine Pause.

»Nun ja«, versuchte Darina zu trösten, »ich bin sicher, es gibt eine ganze Reihe erstklassiger Restaurants, die Sie mit Kusshand als Küchenchef einstellen würden.«

Dann zuckte sie erschrocken zusammen, als Simons Faust auf den Tisch krachte. »Ich will aber nicht in irgendeinem erstklassigen Restaurant arbeiten, sondern nur in meinem eigenen. Meine ganze Seele gehört diesem Unternehmen. Ich habe alles dafür geopfert – alles«, wiederholte er heftig. »Und ich würde weiß Gott noch einmal alles dafür tun, um es behalten zu können.« Er warf sich in seinem Stuhl zurück und wirkte nun düster und niedergeschlagen. Sein lebhafter Charme war so vollständig verschwunden, als habe er nie existiert.

»Dann werden Sie eben die notwendigen Finanzmittel auftreiben müssen«, bemerkte Darina ruhig. »Es muss doch irgendwo jemanden geben, der Ihnen helfen kann. Dieses Restaurant ist viel zu gut, um es einfach so aufzugeben.«

Simon trank seinen Wein in einem großen Schluck aus. Als er das leere Glas wieder auf den Tisch stellte, lächelte er Darina mit einer Liebenswürdigkeit an, die sich ganz von seiner sonstigen, eher spöttischen Art unterschied.

»Wissen Sie, dass ich Ihnen das beinahe glaube? So, und würden Sie jetzt einen Brandy mit mir trinken?« Darina schüttelte den Kopf, und er füllte ihre Kaffeetasse nach.

»Bitte sagen Sie, dass Sie mir mit diesem Buch helfen. Ich kann den Vorschuss nicht mehr zurückzahlen, und außerdem würde das Restaurant von der Veröffentlichung profitieren.«

Sie sprachen noch eine Weile über das Essen im Allgemeinen und seine Rezepte im Besonderen, und es war bereits nach Mitternacht, als sich Darina widerstrebend losriss. Sie versprach Simon zum Abschied, bald wiederzukommen und mit ihm seine Rezepte durchzugehen.

Obwohl sie nur wenig Alkohol getrunken hatte, fühlte sich Darina, als habe sie eine ganze Flasche Champagner geleert. Das Leben kam ihr auf einmal sehr viel verheißungsvoller vor als noch am Nachmittag, und sie beschloss, William gleich morgen zu schreiben, um ihm zu sagen, dass sie sich freue, wie gut sich die Dinge für ihn entwickelten, und vielleicht würde sie sogar Simon Chapman erwähnen und ihn wissen lassen, dass auch sie kein Kind von Traurigkeit war. 

Kapitel 3

»Natasha Quantrell, was fällt dir ein, dich hierher zurückzuschleichen, ohne mir etwas davon zu sagen!«

Die schmächtige Frau, die gerade dabei war, einen Strauß Petersilie zu pflücken, richtete sich auf und drehte sich um.

»Constance!« Sie stand auf dem mit Steinplatten belegten Pfad, die Arme voller Kräuter, das Gesicht von einem Strohhut beschattet, und sah ihrer Besucherin unsicher entgegen.

Constance Fry hielt kurz die Luft an, als sie näherkam, zögerte eine Sekunde und umfing die andere dann in einer heftigen Umarmung.

»Natasha, o Natasha.«

Eine Weile blieben die beiden Frauen engumschlungen stehen, dann löste sich Constance und sah ihre Freundin fragend an. »Warum hast du mir nicht erzählt, dass du zurückkommst?«

Die andere wandte sich unter der Intensität ihres Blicks ab und rieb sich rasch mit der Hand über die Augen. »Es tut mir leid. Aber komm doch herein, ich mache uns einen Kaffee.« Dann fügte sie hinzu: »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen.«

Schweigend gingen sie hintereinander den Pfad durch den Gemüsegarten entlang zur Hinterseite eines niedrigen, elisabethanischen Hauses aus goldgelbem Stein, das umgeben war von einem wogenden Meer aus blühenden Büschen, Pflanzen und Rosenhecken.

In der Küche ging Natasha Quantrell zum Spülbecken, wusch die Petersilie und gab sie in einen mit Wasser gefüllten Keramikkrug. Dann nahm sie ihren Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch ihr kurzgeschnittenes, dunkles Haar, das mit grauen Strähnen durchzogen war. Sie stellte den Wasserkessel auf den großen Holzherd und füllte Kaffeebohnen in eine kleine Kaffeemühle.

Constance saß an einem großen Tisch aus Kiefernholz, der in der Mitte der Küche stand, und sah zu, wie die andere langsam den Griff der Kaffeemühle drehte, bis sich die kleine Schublade mit gemahlenem Pulver gefüllt hatte. Sie sah auf die langen Ärmel des Kleides, das ihre Freundin trug, und versuchte, nicht auf die mit schrecklichen Narben bedeckten Hände zu starren, die so bedächtig mit der Tätigkeit des Kaffeekochens beschäftigt waren.

Natasha wärmte eine Kanne aus Steingut, bevor sie den gemahlenen Kaffee hineingab. Sie holte ein Tablett, stellte das Geschirr darauf und warf Constance einen raschen Blick zu – den sie jedoch sofort wieder abwandte, als sie ihn erwidert sah. »Sollen wir in die Bibliothek gehen, oder möchtest du lieber hierbleiben?«

»Lass uns hierbleiben, ich habe diese Küche immer schon so gern gemocht.«

Die Sonne schien durch die bleiverglasten Fenster über dem Spülbecken und wurde von dem glänzenden Kupfer der Backformen reflektiert, die auf einer grüngestrichenen Anrichte standen. Der mit Steinfliesen belegte Fußboden, dessen unebene Oberfläche vom Sonnenlicht gefleckt wurde, schimmerte in einem weichen Grauton. Auf dem alten, hölzernen Abtropfbrett neben der Spüle standen die Reste eines einfachen Mittagessens: ein Teller mit Apfelschalen und Käserinde und ein Becher. Es roch nach einer Mischung aus feuchtem Holz und einer scharfen Reinigungslauge, unterlegt mit dem würzigen Duft der Geranien auf dem Fensterbrett.

Natasha nahm den Kessel vom Herd und füllte das kochende Wasser in die Kaffeekanne, die sie zusammen mit einem kleinen Sieb auf den Tisch stellte. Dann setzte sie sich Constance gegenüber auf einen Stuhl, das Gesicht zum Fenster gewandt.

Das Sonnenlicht war gnadenlos. Es zeigte in aller Deutlichkeit das runzlige Geflecht von Narben, das die Haut überzog, die violetten Schatten unter den schönen, haselnussbraunen Augen, die tief in ihren von Schmerz geprägten Höhlen lagen, und die scharfen Falten, die sich von der markanten Nase bis zu dem geraden Mund zogen. Constance dachte daran, wie attraktiv dieses Gesicht einmal gewesen war. Sowohl Natasha Quantrell als auch ihre Cousine, Natalie Duke, waren sehr eindrucksvolle Mädchen gewesen. Natalies Persönlichkeit war die energischere von beiden, aber Natashas eher ruhiger Charme war ebenso anziehend. Jetzt sprach ihr Gesicht stärker als alle Worte von einem Alptraum.

Constance streckte die Hand aus und legte sie sanft auf die vernarbten Finger. »Es hat mir so leidgetan, so furchtbar leid. Ich habe geschrieben, ich weiß nicht, ob du meinen Brief bekommen hast, aber ich wusste eigentlich nicht, was ich sagen sollte.«

Natasha senkte den Kopf, aber sie entzog sich nicht der Hand. »Ja, danke, ich habe ihn bekommen, aber ich habe niemandem geschrieben. Ich konnte einfach nicht.« Sie nahm die Kaffeekanne, ging zum Spülbecken und goss noch etwas Wasser über den Kaffee. Dann kehrte sie zum Tisch zurück und füllte ihre Tassen mit der dampfenden Flüssigkeit. Das starke Aroma rührte an Constances Geschmacksnerven und ließ ihre Erinnerung viele Jahre zurückwandern, zu einer griechischen Insel und einer Sonne, die eine offene Terrasse in die reinste Bratpfanne verwandelt hatte.

»Woher wusstest du, dass ich wieder da bin?«

»Von Terry. Er sagte, der Postbote hätte Briefe, die an dich adressiert waren, hierhergebracht, und Mrs. Boult hat ihm erzählt, dass sie das Haus vorbereitet hat. Aber er hatte dich noch nicht gesehen.« Auf Constances Lippen zeigte sich ein Lächeln, das ihre strengen Gesichtszüge aufhellte und weicher wirken ließ. »Hier geschieht nichts, ohne dass Terry und Sally davon erfahren.«

»Was ist aus den Baxters geworden?«

»Mrs. Baxter ist vor einigen Jahren gestorben, und ich glaube, danach hat George die Freude verloren. Er hat das Geschäft verkauft und ist zu seiner Tochter in den Norden gezogen. Terry und Sally haben alles renoviert, neue Kühlschränke installiert, das Warenangebot erweitert und aus dem Laden und der Poststelle einen gutgehenden Supermarkt gemacht. Hat dein Großvater dir nichts davon erzählt?«

Natasha schloss die Augen mit einem langsamen Blinzeln, mit dem sie vielleicht die Tränen zurückhielt. »Wahrscheinlich hat er das. Aber für uns in Frankreich schien Lamington so weit weg zu sein. Du hast mir doch einen Brief geschrieben, als er starb, nicht wahr? Habe ich den eigentlich beantwortet?«

»Ja, du hast über die alten Zeiten gesprochen und mir gesagt, wie sehr er mich gemocht hat.« Constance fühlte sich unbehaglich, so viel hatte sich seit früher verändert.

»Ich finde es schwierig, mich an Dinge zu erinnern, die geschehen sind, bevor ...« Natasha ließ den Satz unvollendet, nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse dann sorgfältig wieder auf die Untertasse.

»Kannst du mir sagen, was passiert ist? Du musst nicht, wenn du nicht willst, aber man kann diesen Geschichten in der Zeitung doch nie glauben.«

Die andere seufzte. »Ja, vielleicht hilft es mir. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, weder in Frankreich noch hier. Die Leute waren sehr freundlich zu mir, abgesehen von den offiziellen Stellen hat mich niemand mit Fragen belästigt, aber ich glaube, jetzt würde es mir guttun, jemandem ganz genau zu erzählen, was passiert ist.«

Sie machte eine kurze Pause und fragte dann: »Was hast du denn in der Zeitung gelesen?«

Constance senkte den Blick. Trotz Natashas Bereitschaft, über das Geschehene zu reden, hatte sie das Gefühl, dass sie in ihre Privatsphäre eingedrungen war und wusste nun nicht, wie sie sich wieder zurückziehen sollte. »Nur, dass Natalie bei einem Feuer ums Leben gekommen ist.«

Natasha begann langsam zu sprechen, ihre Stimme war leise. »Ich war gerade vom Einkaufen zurückgekehrt und in die Küche gegangen, um das Mittagessen vorzubereiten, als ich einen entsetzlichen Knall hörte. Eine Explosion. Aber es war nicht wie eine Bombe, sondern eher eine Art dumpfes Vibrieren, das im ganzen Haus zu spüren war.«

»Ich rannte nach draußen. Natalies Studio brannte. Sie hat dort all ihre Kochbücher geschrieben, außer dem ersten. Die Flammen im Inneren schlugen so hoch, dass ich sie durch das Fenster sehen konnte, und Natalie schrie. Ich höre diese Schreie in meinen Träumen, Nacht für Nacht.« Die vernarbten Finger kratzten an einem Knoten im Kiefernholz der Tischplatte.

»Ich rannte hinüber. Der Türgriff war glühend heiß, viel zu heiß, um ihn zu halten.« Natashas Mund zuckte, es fiel ihr schwer, die Worte zu formen. »Ich wickelte das untere Ende meines Pullovers darum und es gelang mir, die Tür zu öffnen. Ich sah sie sofort auf dem Boden liegen, ihre Kleider, ihre Haare, alles brannte, es brannte lichterloh. Ihr Gesicht war in den Armen vergraben, als hätte sie versucht, es vor dem Feuer zu schützen. Ich habe versucht, zu ihr zu gelangen, aber ich konnte nicht. Die Flammen schlugen höher und höher, und bald hatten sie das ganze Studio ergriffen. Die Papiere brannten, die Bücher brannten, die Vorhänge, die Möbel, und die Hitze war unerträglich. Es war einfach unerträglich ...« Sie verstummte.

Constance hatte Natashas Hand ergriffen und hielt sie mit ruhiger Kraft fest. »Du hast getan, was du konntest, du hättest nicht mehr tun können.«

In Natashas Gesicht trat ein Ausdruck tiefster Traurigkeit, als sie sich mit dem Ballen der anderen Hand über die tränenden Augen wischte. »Nein, ich weiß. Wenigstens deswegen muss ich mich nicht schuldig fühlen.«

»Es gibt überhaupt nichts, weswegen du dich schuldig fühlen müsstest. Du hast Natalie beinahe fünfundzwanzig Jahre deines Lebens gewidmet, und ich kann mir vorstellen, wie schwierig das manchmal gewesen sein muss. Ich erinnere mich daran, wie ich dir in Griechenland sagte, dass du nicht alles für sie opfern darfst, auch wenn du sie noch so gern hast. Wir wissen doch beide, wie entsetzlich egozentrisch sie sein konnte. Ich nehme nicht an, dass sie sehr viel Rücksicht auf dich genommen hat, und wie du das die ganze Zeit ausgehalten hast, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Aber dass sie so gehen musste, ist einfach furchtbar. Weiß man denn genau, wie es passiert ist?«

Natasha wirkte verwirrt, als habe sie Schwierigkeiten zu begreifen, wovon Constance sprach. Sie blickte aus dem Fenster, auf die sanften Rosa- und Blautöne der Blüten, die sich von dem verschwommenen Grün abhoben und blinzelte rasch. Nach einigen Minuten hatte sie sich wieder unter Kontrolle. »Man nimmt an, dass sie auf einen Stuhl gestiegen ist, vielleicht um eines der oberen Bücherregale zu erreichen, und dabei das Gleichgewicht verloren hat. Jedenfalls lag ein umgefallener Stuhl auf dem Boden, und sie hatte ein Bein gebrochen. Als sie stürzte, muss ihr Rock Feuer am Gasofen gefangen und das Ding umgerissen haben. Es war eines dieser freistehenden Butangeräte. Es sah aus, als hätte sie noch versucht, sich zur Tür zu schleppen, aber das Feuer hat sich zu schnell ausgebreitet. Außerdem stand ein Fenster offen, und das muss die Flammen noch mehr angefacht haben. Und dann war natürlich sehr viel Papier im Studio, so unendlich viel Papier.«

»Du hättest ebenfalls umkommen können. Du musst schrecklich gelitten haben. Wir hörten, dass du lange im Krankenhaus warst.«

Natasha blickte auf ihre Hände und berührte dann eine der Narben in ihrem Gesicht. »Naja, die Verbrennungen an sich waren nicht so schlimm, aber es dauerte sehr lange, bis sie verheilt waren. Die Ärzte meinten, das sei auf den Schock zurückzuführen. Wenigstens hat man mir im Krankenhaus die Presse vom Leib gehalten.«

Constance sagte mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen: »Die Presse hat sich dafür interessiert?«

»Selbstverständlich. Natalie Duke war tot. Eine der bekanntesten Kochbuchautorinnen Englands, die kaum jemals ein Interview gegeben hat. Da wollten sie natürlich unbedingt mit ihrer Cousine reden, alle Einzelheiten hören, das ausgebrannte Studio besichtigen und die Dorfbewohner über ›les deux Anglaises‹ ausfragen. Aber da haben sie auf Granit gebissen. Niemand ist verschlossener als ein französischer Bauer, wenn er nicht reden will, und im Krankenhaus haben sie mich abgeschirmt. Ich habe wochenlang niemanden gesehen. Es gab auch niemanden, den ich sehen wollte. Und als ich endlich entlassen wurde, hatte ich kein Zuhause mehr. Die Tatsache, dass das Haus selbst intakt geblieben war, dass es nicht den kleinsten Kratzer davongetragen hatte, war fast schlimmer, als die verkohlten Überreste des Studios. Alles andere hatte sich so radikal verändert, da kam es mir ganz absurd vor, dass das Haus so aussah wie immer.«

Constance empfand ein solches Mitleid, dass sie es kaum ertragen konnte. »Wie lange habt ihr dort zusammengelebt?«

»Über zwanzig Jahre. Nachdem Natalie beschloss, dass sie genug von Griechenland hatte und dass sie nun die französische Küche studieren wolle, dachten wir zuerst an den Süden des Landes, wegen der Sonne, aber die Gegend war ziemlich zersiedelt, und es war schon abzusehen, wie es in ein paar Jahren dort aussehen würde. Ganz abgesehen von den Preisen, die höher waren, als wir es uns leisten konnten. Also begannen wir herumzureisen, die regionale Küche zu kosten, mit den Leuten zu reden, und ab und zu, wenn uns etwas ins Auge fiel, ein Haus zu besichtigen, bis wir eines Tages in der südlichen Bretagne dieses kleine Landgut entdeckten. Der Preis war unglaublich günstig, das Klima angenehm, die Landschaft, die uns an Somerset erinnerte, wunderschön, also haben wir es gekauft. Und es zu unserem Zuhause gemacht.« Sie blickte sich in der Küche um. »Es war ganz anders als dieses hier, aber wir haben es geliebt.« Wieder entstand eine Pause.

»Als dein Großvater starb, dachten wir, ihr würdet wieder zurückkommen«, sagte Constance.

»Das wollten wir auch. Wir hatten alles geplant, und dann kam das Feuer. Danach schien das hier alles zu sein, was mir geblieben ist.«

»Natalie muss sich doch jetzt im Grabe umdrehen, sie hing immer so an diesem Haus.« Constance bemühte sich, die Stimmung etwas aufzuhellen, aber sie verdarb diesen Versuch, indem sie in unbeabsichtigt scharfem Ton fragte: »Wen hast du seit deiner Rückkehr gesehen?«

Auf Natashas Lippen erschien ein kleines Lächeln. »Du hättest die erste sein sollen. Wer denn sonst?«

Irgendetwas in Constance entspannte sich. Erst in diesem Moment kam ihr zu Bewusstsein, wie sehr es sie verletzte, dass Natasha ihr kein Wort gesagt hatte.

»Ich habe den Rechtsanwälten geschrieben, dass ich vorgestern ankommen würde, und sie gebeten, Mrs. Boult Bescheid zu sagen, dass sie im Haus alles in Ordnung bringen solle. Ich wollte eigentlich gleich zu dir kommen, aber dann habe ich gemerkt, dass ich noch etwas Zeit brauche, um, na ja, um mich einzuleben.«

Constance sagte unvermittelt: »Verity kommt dieses Wochenende her. Wir geben eine Feier für sie, weil sie einen Kochwettbewerb gewonnen hat.«

Natasha sah sie verständnislos an.

Es dauerte eine Weile, bis sie die Information verarbeitet hatte. Dann lächelte sie.

»Wie schön. Es geht ihr also gut?«

Constance erzählte ihr von Veritys Teilnahme am Wettbewerb und von ihren sonstigen Aktivitäten. Dabei merkte sie, dass sie zu viel redete, war aber unfähig, ihre Begeisterung zu bremsen, während sie beschrieb, wie hart Verity an ihren Speisen gearbeitet hatte, wie großartig sie kochte, welche Fülle von Ideen sie hatte und wie erfolgreich sie wurde.

Natasha hörte aufmerksam zu.

Schließlich gelang es Constance, ein Ende zu finden, und sie wartete auf eine Antwort. Als sie ausblieb, sah sie Natasha direkt an. »Als ich von Natalies Tod hörte, habe ich mich gefragt, ob ...« Sie ließ den Satz unvollendet, blickte aber weiterhin fest in die haselnussbraunen Augen.

Natasha senkte ihren Blick unbehaglich auf die Tasse. »Wir hatten die Abmachung, dass wir uns gegenseitig alles vermachen, und dass diejenige, die übrigbliebe, sich um Verity kümmern sollte. Vielleicht, wenn wir gewusst hätten, wieviel Großvater hinterlassen würde ... aber ich dachte immer, sein ganzes Vermögen sei aufgebraucht. Er war so alt, als er starb, und er hat immer geklagt, dass er im Armenhaus enden würde.« Sie sah auf und erwiderte Constances Blick. »Sind die Verhältnisse schwierig? Es muss ein ziemlicher Kampf für dich sein, seit Thomas tot ist.«

»Natasha, du weißt doch, wie schwer es schon war, als Thomas noch lebte. Keiner weiß besser als du, wie problematisch es ist, wenn man mit einem unmöglichen Menschen zusammenlebt, den man liebt. Kannst du dir dann nicht vorstellen, wie viel schlimmer es noch ist, wenn man nichts mehr für diesen Menschen empfindet? Es gab wirklich Zeiten, da habe ich an Mord gedacht. Und das ist nicht bloß so dahingesagt. Einmal habe ich mir schon überlegt, wie viel Unkrautvernichtungsmittel ich wohl in seinen Tee geben müsste. Aber das Zeug verfärbt sich so komisch, und ich war sicher, dass er es bemerken würde.« Constance lachte gezwungen. »Schau mich nicht so entsetzt an, es muss doch Momente gegeben haben, wo es dir mit Natalie genauso ging.«

»Connie, ich habe sie geliebt. Ja schon, sie war schwierig, aber es lastete auch immer ein ungeheurer Druck auf ihr. Die Verleger wollten ständig neue Bücher, die Journalisten haben laufend versucht, ein Interview von ihr zu bekommen, und ich war nicht besonders gut darin, sie abzuwimmeln. Dann musste sie sie anrufen und den Termin wieder absagen. Ich meine, es war bestimmt auch ärgerlich für sie, mit jemandem zusammenzuleben, der so ineffizient ist wie ich. Sicher, wir haben uns ab und zu gestritten, aber glaub mir, die meiste Zeit sind wir sehr gut miteinander ausgekommen.«

Constance dachte, wie typisch es für Natasha war, so zu tun, als sei alles in bester Ordnung gewesen. Und doch, als sie über ihr Leben mit Thomas gesprochen hätte, war in ihren Augen eine Härte aufgeblitzt, die sie an der alten Natasha nicht gekannt hatte.

»Ich verstehe doch, wie sehr du Natalie vermisst«, lenkte sie ein, »aber du hast jetzt auch die Chance, dein eigenes Leben zu leben. O ja, ich weiß, das braucht Zeit. Trotz der Erleichterung, die mich überkam, als Thomas starb, hat es Jahre gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, eine Witwe zu sein. Aber dann ist mir klargeworden, dass das Leben für mich nicht zu Ende war, dass es immer noch neue Dinge gab, die ich tun konnte. Ich habe angefangen, die organische Landwirtschaft aufzubauen, und ich kann dir gar nicht sagen, wie befriedigend das ist. Das Bewusstsein, eigene Leistungen vollbracht zu haben, war irgendwie befreiend.«

Sie ergriff wieder die Hand der Freundin.

»Natasha, mach es dir nicht so schwer, indem du dich wegen Natalies Tod schuldig fühlst. Ich glaube, ich an deiner Stelle hätte mir sogar das Recht herausgenommen, mich nicht allzu sehr anzustrengen, sie zu retten.« Sie spürte sofort, dass sie zu weit gegangen war, denn Natasha sah sie an, als habe sie sie beschuldigt, eine Pistole an Natalies Schläfe gesetzt und abgedrückt zu haben.

»Ich habe es nicht so gemeint, das weißt du doch. Komm uns bald besuchen. Pru ist mir eine solche Hilfe auf dem Hof, dass ich gar nicht weiß, wie ich es ohne sie hätte schaffen sollen.« Sie erhob sich. »Die Party findet am Sonntagmittag statt, es gibt ein Büffet, und es werden wahrscheinlich viele Leute kommen, die du von früher kennst. Wir haben in letzter Zeit ja nicht mehr oft die Gelegenheit, Verity zu sehen, sie verbringt die meiste Zeit in London. Sie hat einen Freund dort, er ist einige Jahre älter als sie, aber sie passen sehr gut zusammen. Er wird am Sonntag auch hier sein.« Sie blickte auf das von Narben entstellte Gesicht ihrer Freundin und erkannte, wie unwahrscheinlich es war, dass Natasha die Einladung annehmen würde.

Die andere schüttelte den Kopf. »Das ist sehr lieb von dir, aber ich glaube nicht, dass ich kommen werde. Vielleicht ein andermal.«

Constance blieb unschlüssig stehen, eigentlich sollte sie gehen, denn Natasha wirkte erschöpft. Aber irgendwie hing eine unerledigte Sache in der Luft, etwas, das noch gesagt werden sollte, nur wusste sie nicht, was. Wie anders war es doch früher, als sie und Natasha die besten Freundinnen waren. Allerdings war ihre Freundschaft immer auf eine harte Probe gestellt worden, wenn Natalie während der Schul- und Semesterferien die Szene betrat. Natalie hatte die älteren Rechte auf Natasha und schien sie zu beherrschen wie eine Sklavin, und Natasha hatte auch nie dagegen protestiert, wenn Natalie all ihre Pläne umgeworfen hatte.

Dann war Natalie zu einer Zeitung in London gegangen, Natasha begann ihrer Arbeit in Bristol, und Constance lernte Thomas kennen. Sie hatten sich auseinandergelebt. Aber später, viel später, kam ihre gemeinsame Zeit in Griechenland: Und danach hatten sie und Natasha niemals mehr ganz den Kontakt verloren, hatten sich Weihnachtskarten und Briefe geschickt, denen Constance manchmal einige Schnappschüsse beigelegt hatte: Verity als Baby, Pru, die ihre Schwester auf einem Pony führt, Thomas und Verity auf dem Traktor, so viele kurze Augenblicke, konserviert im Bernstein der vergangenen Jahre. In all der Zeit hatte Constance nie das Gefühl verloren, dass sie und Natasha sich immer noch so nahestanden wie in ihrer Jugend.

Wie dumm von mir nicht zu begreifen, dass all diese Jahre sehr wohl einen Unterschied gemacht haben, dachte sie, als sie nun in der Küche stand und die Hand ausstreckte, um sich zu verabschieden.

Natasha blickte auf die ausgestreckte Hand und dann in Constances Gesicht. »Oh, meine Liebste«, rief sie warmherzig und nahm die andere in die Arme. »Es tut mir leid, ich brauche noch etwas Zeit, du musst mir Zeit geben.«

Während Constance die Umarmung erwiderte, wurde ihr klar, dass nicht die Zeit sie voneinander entfremdet hatte – es war Natalies entsetzlicher Tod, mit dem Natasha nicht fertig wurde. Sie war nie so stark gewesen wie ihre Cousine.

Sie tätschelte ihrer Freundin verlegen die Schulter. Nach einer Weile löste sich Natasha aus der Umarmung und versuchte zu lächeln. »Du weißt gar nicht, was es mir bedeutet, dich wiederzusehen«, sagte sie leise. »Bitte komm bald wieder.«

»Das werde ich«, versprach Constance. »Aber du musst uns auch besuchen kommen. Wenn nicht am Sonntag, dann bald.«

»Bald«, versprach Natasha. Sie ging voran zu der schweren, mit Beschlägen verzierten Eingangstür und öffnete sie. »Wie bist du hergekommen, zu Fuß, oder mit dem Auto?«

»Weder noch«, lachte Constance. »Ich habe mein Fahrrad am Gartentor geparkt. Schau!« Die beiden Frauen gingen den Pfad entlang und Constance legte eine Hand auf das altertümliche Fahrzeug, das sie gegen die steinerne Umfassungsmauer gelehnt hatte.

»Du liebe Zeit, das ist doch wohl nicht mehr dasselbe wie früher?«

»Doch, genau das ist es! Ich kann es mir nicht leisten, eine Menge Geld für etwas Neues auszugeben, wenn das Alte immer noch so gut funktioniert. Und außerdem stellen sie so etwas heute gar nicht mehr her.« Constance stieg auf und radelte los.

Als sie ein Stück die Straße hinuntergefahren war, blickte sie sich noch einmal um, aber Natasha war bereits verschwunden. Sie hielt an, blieb mit dem Fahrrad zwischen den Beinen stehen und sah zurück zum Haus, dessen Vorderseite im Schatten lag, die Tür hinter ihrer Freundin geschlossen.

Irgendetwas an Natasha war anders. Und aus dem Geld, das sie für Verity erhofft hatte, würde wohl auch nichts werden. Sie nahm an, dass Natalie das Gefühl gehabt hatte, ihrer Cousine etwas schuldig zu sein für all die Jahre der Ergebenheit und Treue. Und vielleicht fand Natasha, dass sie ein Recht darauf habe. Sie hatte jedenfalls nichts davon gesagt, dass Verity möglicherweise mehr Anspruch darauf gehabt hätte. Aber Natasha hatte doch das Vermögen ihres Großvaters geerbt. Was hatte sie noch gesagt: Wenn sie gewusst hätten, wieviel ihr Großvater ihr hinterlassen würde? Und was dann? Hätte Natalie dann ihr Testament geändert? Die Nachricht von Natashas Erbschaft mussten die beiden schon vor Natalies Tod erhalten haben, aber wahrscheinlich hatte Natalie keine Veranlassung gesehen, einen Notar aufzusuchen und gedacht, dass dafür noch genug Zeit sei.

Ob Natasha sich dazu überreden ließ, Verity unter die Arme zu greifen? Einen vermögenden Freund zu haben, war ja schön und gut, aber Constance wusste, dass sie sich wohler fühlen würde, wenn ihre Tochter eine eigene finanzielle Sicherheit hätte, und von dem Geld, das sie mit der Farm erwirtschaftete, konnte sie nichts entbehren. Sie hatte Verity schon mehr gegeben, als sie sollte, damit sie sich ein neues Auto kaufen konnte – wenn Pru herausfinden würde wieviel, würde es sicher Schwierigkeiten geben – und in der letzten Zeit hatte sie den Eindruck gewonnen, dass ihre Tochter in Finanznöten war. Man sprach zwar von großartigen Veränderungen, die der Sieg bei einem so renommierten Kochwettbewerb nach sich ziehen würde, aber Constance bezweifelte, dass sich Veritys finanzielle Situation damit augenblicklich verbessern würde. Vorsichtig bestieg sie wieder ihr Fahrrad und fuhr langsam nach Hause, in Gedanken versunken, wie sie Verity und Natasha miteinander bekannt machen könnte. 

Pru kraulte ihr Lieblingsschwein am Hinterkopf. Amelia reagierte darauf, indem sie ihre kastanienbraunen Ohren noch weiter nach vorne schob, ihre kleinen Äuglein zusammenkniff, und, regungslos vor Verzückung, eine Reihe leiser Grunzlaute ausstieß. »So, ich fürchte, das war’s, altes Mädchen.« Vorsichtig trat Pru einen Schritt zurück, um nicht auf eines der kleinen Ferkel zu treten, die sich um die Zitzen ihrer Mutter drängelten, prüfte, ob genügend Wasser in ihrem Trog war und verließ die Umzäunung.

Als sie durch den Obstgarten zum Hof zurückging, trübte sich ihre Stimmung. Und sobald sie die Küche betrat, war ihr klar, dass sie zu weiteren Vorbereitungen für die Party an diesem Tag herhalten musste. Seit ein paar Wochen schien es auf der ganzen Farm nichts Wichtigeres mehr zu geben.

Zuerst war eine Gästeliste aufgestellt worden, einhergehend mit endlos langen Überlegungen, wer eingeladen werden sollte, und wer nicht. »Ich weiß gar nicht, weshalb du dir solche Gedanken machst«, hatte Pru zu ihrer Mutter gesagt. »Verity ist seit über einem Jahr kaum noch hier gewesen, also wird niemand damit rechnen, überhaupt eingeladen zu werden.«

»Keiner hier hat sie vergessen«, hatte Constance protestiert.

Die Liste war immer länger geworden. Aus dem Kühlraum wurden die Fleischstücke geholt, die Constance seit einigen Wochen dort zur Seite gelegt hatte, wenn ein Tier geschlachtet worden war. Dabei hatte sie es Pru überlassen, mit den Bestellungen zu jonglieren, was keine leichte Aufgabe war, da die Nachfrage nach den besten Fleischstücken immer ihre Vorräte überstieg. »Was machst du denn damit, wenn Verity den Wettbewerb nicht gewinnt?«, hatte Pru sie gefragt.

»Dann feiern wir eben etwas anderes. Ich habe das Gefühl, dass das mit diesem Oliver Knatchbull etwas Ernstes ist.«

Pru hatte ihre Mutter angestarrt und gefragt: »Wie kommst du denn darauf, dass es bei ihm anders ist als mit all den anderen?«

Constance hatte die Gästeliste sinken lassen und die Frage ernsthaft erwogen.

»Es hat damit zu tun, wie sie über ihn redet, oder vielmehr nicht redet«, hatte sie schließlich erklärt. »Sie macht keine Witze und lacht nicht über ihn, wie über die meisten ihrer anderen Freunde.«

»Das ist doch das reinste Wunschdenken«, hatte Pru scharf entgegnet. »Du willst sie einfach mit einem erfolgreichen Geschäftsmann verheiratet sehen, der eine Menge Geld und ein schönes Haus hat.«

»Und warum auch nicht?«, hatte Constance freundlich erwidert.

Pru war aus dem Zimmer gegangen und hatte die Tür hinter sich zugeworfen. Jetzt musste sie zugeben, dass sie sich während der Vorbereitungen für die Party ausgesprochen schlecht benommen hatte. Sie hatte, was die Arbeit auf dem Hof betraf, keinerlei Zugeständnisse gemacht und ihrer Mutter nur widerwillig bei der Zubereitung wahrer Unmengen von Speisen geholfen. Aber wenigstens hatte sie ohne Aufforderung ihre Spezialitäten, das gewürzte Rindfleisch und ein großes gepökeltes Schwein, beigesteuert.

Jetzt wünschte sie sich nur, dass der Tag schnell vorüberging, sodass der Alltag wieder einkehren könne. 

Nicht, dass sie Verity ihre Party nicht gegönnt hätte – solange es bei einer Party blieb und ihre Mutter nicht darauf bestand, ihr finanziell noch mehr unter die Arme zu greifen. Das Geld für das Auto war schon mehr als genug gewesen. Natürlich hatte die Kleine ihre Sache ausgezeichnet gemacht, und es war nur fair, dass man ein bisschen Wirbel um sie machte. Nur leider war das Leben zu ihr selbst bisher nicht gerade besonders fair gewesen.

In diesem Augenblick kam ein kleiner Junge über den Hof gerannt, umklammerte ihre Knie, vergrub sein Gesicht in ihren Jeans und brach in Tränen aus. Tief aufseufzend bückte sich Pru und hob ihn hoch. Der Junge hielt nun statt ihrer Beine ihren Hals umklammert und durchnässte den weichen Stoff ihres Baumwollhemdes mit seinen Tränen.

»Ist ja gut, mein Liebling, ist ja gut«, murmelte sie, presste ihr Gesicht gegen sein seltsam feuchtes T-Shirt und spürte die Wärme seines kleinen Körpers durch den nassen Stoff. »Erzähl deiner Mum, was passiert ist.«

»Er hat seinen kleinen Hund in den Trockner gesteckt und ist dafür von Gran versohlt worden.«

Ein älterer Junge war dem schluchzenden Kleinen gefolgt und stand mit unbehaglichem Gesichtsausdruck vor Pru.

»Um Gottes willen, Alastair, stimmt das?« Der Jüngere vergrub sein Gesicht nur noch tiefer in Prus Nacken. Sie blickte auf seinen älteren Bruder. »Hat er den Trockner eingeschaltet, Mark?«

Mark schüttelte wortlos den Kopf.

Pru setzte ihren Jüngsten unsanft auf den Boden und ging vor ihm in die Hocke. Dann packte sie ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »Alastair, wie konntest du nur?«

Der Schreck trocknete seine Tränen. Er starrte sie mit weitgeöffneten Augen an, sein schmales Gesicht war ganz rot und erhitzt. Einen Moment lang sah es so aus, als würde er wieder heulen, aber dann entspannte er sich plötzlich und grinste entwaffnend. »Hund war so nass.«

Wie so oft bei Alastair, schmolz Pru auch diesmal dahin. Trotzdem zwang sie sich zu einem strengen Ton, als sie ihn fragte: »Und wie ist er so nass geworden?«

»Mark un’ ich hab’n ihn unter den Schlauch gehalten.«

Pru wandte sich an ihren älteren Sohn. »Ist das wahr?«

Mark trat gegen einen großen Stein, der auf dem Boden lag, und wich ihrem Blick aus. Er war sieben, mehr als vier Jahre älter als sein Bruder. Er vergrub die Hände in den Taschen seiner durchweichten Shorts. Auch das Leder seiner Sandalen war dunkel von Feuchtigkeit. »Den Hunden war so heiß, sie haben nur rumgelegen und gehechelt, sie wollten überhaupt nicht mit uns spazieren gehen«, sagte er, und es klang zugleich trotzig und betrübt.

»Gehechelt«, wiederholte sein Bruder mit Unschuldsmiene.

»Es is’ so heiß.«

»Na gut, ich hab’ jetzt viel zu viel zu tun, um mich um euch zu kümmern. Ihr wisst doch, dass heute Tante Veritys Party ist. Und jetzt seht euch an, wie nass ihr seid. Wahrscheinlich nasser als die Hunde. Man sollte euch in den Trockner stecken.« Sie hielt den Jungen eine kurze Standpauke und befahl ihnen dann, ins Haus zu gehen, um sich etwas Trockenes anzuziehen. »Und für den Rest des Tages will ich keinen Ärger mehr mit euch!«, rief sie ihnen hinterher.

Danach stellte Pru fest, dass sie sich nicht mehr ganz so niedergeschlagen fühlte, aber sie bezweifelte, dass die beiden nun wirklich Ruhe gaben. Alastair heckte ständig irgendwelche Streiche aus, und Mark war immer dabei. Trotz des Altersunterschiedes war der jüngere von beiden der Anführer. Pru stieß ein kurzes Lachen aus und dachte, dass ihre Gefühle für Alastair mit denen Constances für Verity vergleichbar waren. Sie sollte sich mit Mark mehr Mühe geben, als ihre Mutter mit ihr. Wieso hatten einige Kinder eigentlich eine so verzaubernde Ausstrahlung, und andere nicht? Sie stellte sich die bange Frage, ob Alastair wohl auch einmal so egozentrisch werden würde wie Verity.

Kurz nachdem die Party begonnen hatte, als die Sonne am heißesten brannte und sich die Gäste matt im Schatten der Obstbäume bewegten, zogen die beiden Jungen ihre Kleider aus und rannten splitternackt durch die Menge. Hinterher musste Pru zugeben, dass dieser Vorfall die Party erst richtig in Schwung gebracht hatte, aber in diesem Moment war sie einfach vollkommen entsetzt. Nur mit Mühe ihre Wut kontrollierend, packte sie zwei dünne Arme. Sowohl Alastairs als auch Marks klägliches Wimmern ignorierend, zerrte sie sie zurück ins Haus und in ihr Zimmer, warf sie auf ihre Betten und sagte mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete, dass sie dort zu bleiben hätten, bis man ihnen erlaubte, wieder herunterzukommen.

Dann verschloss sie die Ohren vor ihrem Weinen und ging zurück in den Garten, wo ein fröhliches Stimmengewirr anzeigte, dass die Party ein voller Erfolg war.

Verity war der Charme selbst und arbeitete so hart wie ihre Mutter und Schwester daran, dass sich jeder bestens unterhielt, stellte Oliver Leuten vor, die sie seit ihrer Kindheit kannte, machte Pru und Constance Komplimente über ihre Kochkünste und bat, allerdings vergeblich, dass man ihren kleinen Neffen erlaubte, wieder herunterzukommen. Dann bestand sie darauf, ihnen zwei Teller mit ihrem Lieblingsessen auf ihr Zimmer zu bringen. Pru erinnerte sich an eine viel jüngere Verity, die ihr auf der Farm überallhin gefolgt war und bei der Arbeit mit den Tieren geholfen hatte, die riesige Futtersäcke herbeigeschleppt und versucht hatte, Heuballen zu tragen, die zweimal so groß waren wie sie und die mit einem unglaublichen Eifer bei der Sache gewesen war. Bei diesem Bild spürte sie eine Welle von Zärtlichkeit für ihre jüngere Schwester in sich aufsteigen.

»Ich hoffe, dass Sie mir bei einer anderen Gelegenheit einmal Ihre Farm zeigen. Sie scheinen hier ja ein äußerst beeindruckendes Unternehmen aufgebaut zu haben.« Oliver Knatchbull war an Prus Seite getreten.

Sie musterte ihn unsicher. Elegante Herren mittleren Alters hatten in ihrem Leben bisher keine besonders große Rolle gespielt. Sie wusste, dass er wohlhabend und erfolgreich war, Verity hatte ihnen von seiner Penthouse-Wohnung und dem Rolls-Royce erzählt. An diesem Tag jedoch war er in einem kleinen, aber schnittigen Volvo erschienen, der sich unter den Fords, Fiats und Rovers der anderen Gäste wesentlich unauffälliger ausnahm, als es seine Luxuskarosse getan hätte. Damit hatte er ein Feingefühl bewiesen, das für ihn sprach.

Wie ernst war es Verity mit ihm? Sie hatte davon gesprochen, dass sie verlobt seien, aber es gab keine offizielle Verlautbarung und keinen Ring. Er war sicher über vierzig, vielleicht sogar noch älter. Groß, geschmeidig für sein Alter, aber am Hinterkopf wurde sein blondes, zurückgebürstetes Haar bereits ziemlich licht, wobei er allerdings nicht den geringsten Versuch machte, diesen Mangel zu kaschieren. Seine regelmäßigen Gesichtszüge waren durchaus anziehend, und in seinen blauen Augen lag eine verblüffende Tiefe. Jetzt blickte er sie warmherzig an, wirkte ehrlich interessiert an ihren Tätigkeiten auf der Farm und stellte ihr sachkundige Fragen über die Viehhaltung und ihr Marketingkonzept.

Pru fand sich bald in ein lebhaftes Gespräch verwickelt. Sie hatte nicht oft die Gelegenheit, sich mit jemandem von seiner Intelligenz über das zu unterhalten, was ihr das Wichtigste war. Nun ja, korrigierte sie sich, was ihr beinahe das Wichtigste war.

Und als er sich schließlich von ihr abwandte, um zu einer anderen Gruppe von Gästen zu gehen, geschah es mit so viel Takt, dass er sie in dem Eindruck zurückließ, er bedauere es aufrichtig, nicht länger mit ihr plaudern zu können.

»Na, das ist aber mal ein charmanter Mann. Ihre Schwester kann sich wirklich glücklich schätzen.«

Darina Lisle hatte sich neben Pru gestellt, in der einen

Hand einen Löffel und in der anderen ein Glas Schaumcreme. Pru betrachtete neidvoll das fließende Kleid aus zitronengelbem Musselin, den Strohhut, der elegant auf dem blonden Haar saß, das im Nacken zu einem lockeren Knoten geschlungen war, und blickte finster drein. Sie selbst trug zur Feier des Tages ein Leinenkleid, das sie seit drei Jahren besaß. Es hatte ihr schon nicht gefallen, als sie sich im Spiegel betrachtete, und jetzt fühlte sie sich darin noch schäbiger.

»Verity hat immer Glück gehabt.«

Sie erntete für diese Bemerkung einen durchdringenden Blick. »Tja, manchmal ist das Leben einfach unfair. Nehmen Sie zum Beispiel meine Größe. Was würde ich nicht darum geben, so zierlich und hübsch zu sein wie Sie und Ihre Schwester.«

Pru dachte, dass sie mit einer Größe von einem Meter fünfundsechzig und Schultern so breit wie ein Kleiderschrank kaum als zierlich bezeichnet werden konnte, aber neben dieser ungewöhnlich großen Frau kam sie sich wirklich klein vor. Sie murmelte, dass sich Darina doch nicht zu verstecken brauche, worauf diese lachte. »Sie haben keine Ahnung, was ich durchmache. Beim Tanzen scheinen alle großen Männer auf die kleinsten Frauen zu fliegen, und mir bleiben nur die mit dem Napoleonkomplex übrig, die mich behandeln, als sei ich der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Das ist übrigens der beste Syllabub, den ich je gekostet habe, ist das aus ihrer eigenen Sahne gemacht?«

Zum zweiten Mal an diesem Tage fand Pru sich einem interessierten und fachkundigen Gesprächspartner gegenüber. Plötzlich wurde ihr klar, wie isoliert sie hier auf der Farm war, allein mit Constance. Natürlich waren da die Kunden, und ab und zu nahm sie an einer Landwirtschaftsausstellung teil, wo sie alle möglichen Leute traf. Aber sie hatte keine Freunde, jedenfalls keine, mit denen sie wirklich reden konnte. Es war nicht nur der Hof, der sie so beanspruchte, da waren ja auch noch ihre beiden Söhne.

»Kommen Sie doch einfach noch einmal vorbei, damit ich Ihnen in Ruhe alles zeigen kann. Ich habe das übrigens nicht ernst gemeint, was ich im Savoy gesagt habe, wegen des Werbeartikels, den sie über uns schreiben sollen.«

Darina war hocherfreut über die Einladung. »Das würde ich schrecklich gerne, wenn Sie nicht zu beschäftigt sind. Würde es Ihnen nächste Woche passen?«

»Ja, sicher. Rufen Sie mich doch morgen an, und dann können wir einen Termin vereinbaren.«

Ein wenig später sah Pru, wie sich Darina Lisle und Oliver Knatchbull im Schatten eines der alten Apfelbäume unterhielten. Wieviel besser die beiden doch zusammen passten als Verity und Oliver, sowohl vom Alter als auch in der Größe. Sie schaute sich suchend nach ihrer Schwester um – und erstarrte.

Die wichtigste Person dieser Party stand in einer Ecke des Hofs und unterhielt sich mit Simon Chapman. Beide lachten gerade fröhlich und sahen aus, als hätten sie die Welt um sie herum vollkommen vergessen. Wie konnte er es wagen, hierherzukommen! Er hatte doch versprochen, es nicht zu tun.

Simon war am Freitag gekommen, um seine Fleischbestellung abzuholen, und hatte ein riesiges Exemplar seiner berühmten Apfel-Armagnac-Torte, einen großen Behälter mit Zitroneneiscreme und eine frischhalteversiegelte Schachtel mit Katzenzungen-Biskuits auf den Armen balanciert. »Ich dachte, das würde euch vielleicht helfen«, hatte er nervös gesagt, als er ihr die Köstlichkeiten überreichte. Pru hatte ein rasches Dankeschön gemurmelt, die Eiscreme in der Tiefkühltruhe verstaut und gehofft, dass Constance nicht gerade jetzt hereinplatzen und den Moment zerstören würde. Natürlich hatte er es für Verity getan, aber, abgesehen von seinen Fleischeinkäufen, war es so selten, dass sie ihn überhaupt zu Gesicht bekam. Sie hatte den Wunsch verspürt, ihn noch zurückzuhalten, und auch er schien sich in ihrer Gegenwart zur Abwechslung einmal wohlzufühlen. Nachdem sie sich eine Weile den Kopf über ein geeignetes Gesprächsthema zerbrochen hatte, erzählte sie ihm einige Anekdoten über Alastair und wie es mit Mark in der Schule ging. Er wirkte sehr interessiert an den Aktivitäten der Jungen, hatte selbst aber kaum etwas dazu gesagt. Sie hatten im Vorratsraum neben der langen Tiefkühltruhe gestanden. In seinen dunklen Augen hatte keine Spur seines üblichen, spöttischen Lächelns gelegen, bis ihr Redefluss versiegt war, und sie ihn nur noch schweigend ansah.

Dann platzte er plötzlich damit heraus, dass er sein Restaurant schließen müsse, wenn es ihm nicht gelänge, einen anderen Geldgeber zu finden, und ob sie es vielleicht in Betracht ziehen könne, etwas Geld in sein Geschäft zu investieren.

Sie hatte ihn fassungslos angestarrt.

»Du weißt doch, dass es ein Erfolg ist. Es wäre also überhaupt kein Risiko, und als Sicherheit würde ich dir den Pachtvertrag überschreiben. Wenn ich nämlich die Unterstützung von einem Unternehmen wie eurem hätte, würde mir die Bank sicher entgegenkommen.«

»Aber ich habe doch gar kein Geld«, hatte sie schließlich leise gesagt.

»Du bist die Miteigentümerin dieses Hofes. Also könntest du doch leicht eine Hypothek darauf bekommen.«

Sie war hin- und hergerissen zwischen der bitteren Enttäuschung über die Einsicht, dass dies der Grund für sein ungewöhnliches Interesse an ihrer Gesellschaft war, und einer tiefen Sehnsucht danach, ihm helfen zu können. Aber dann war ihr die Notwendigkeit erspart geblieben, diesen Konflikt zu lösen, indem Constance plötzlich ins Zimmer trat. Sie musste vor der Tür zur Küche gestanden und gelauscht haben, denn sie machte Simon sofort klar, dass er mit seiner Suche nach finanzieller Unterstützung bei Frys Farm an der falschen Adresse war.

»Ich habe nicht meine besten Jahre damit verbracht, dieses Unternehmen ohne jede Hilfe einer Bank oder sonst wem aufzubauen, damit du es in kürzester Zeit ruinieren kannst. Du weißt doch, was ich von dir halte!«

»Nur zu gut«, hatte er gemurmelt.

»Dass du die Frechheit hast, es überhaupt vorzuschlagen, finde ich unglaublich.« Der Ausdruck kalter Abneigung in Constances Augen wich blankem Hass. Sie musterte ihn noch einmal verächtlich, bevor sie wieder türeschlagend in der Küche verschwand.

Pru hatte den enttäuschten Mann an ihrer Seite angesehen. Er stand zusammengesunken neben die Tiefkühltruhe gelehnt und erwiderte ihren Blick mit traurigen Augen.

»Tut mir leid«, hatte sie gesagt. »Aber du siehst ja, wie es ist. Da kann ich nichts machen.«

»Würdest du denn, wenn du es könntest?«

Sie hatte ihm direkt in die fast schwarzen Augen gesehen. »Ja«, hatte sie ohne Umschweife geantwortet. »Ja, das würde ich.«

Dann waren sie eine ganze Weile schweigend voreinander stehengeblieben. »Verity hat mir eine Einladung zu ihrer Party geschickt«, hatte er schließlich gesagt, und es hatte wie eine Frage geklungen.

»Aber du kommst doch nicht etwa?«, hatte Pru in spontanem Entsetzen ausgerufen.

Er hatte ihr ein mattes Lächeln zugeworfen, das ganz anders war als sein übliches breites Grinsen.

»Ich schätze, das wäre keine besonders gute Idee.«

»Nein, du darfst einfach nicht kommen. Du hast ja gesehen, wie Mutter ist!«

Er hatte genickt, sich vorgebeugt, und ihr einen raschen, heftigen Kuss gegeben.

»Grüß die Jungs von mir«, hatte er gesagt und war verschwunden.

Sie hatte ihm wie betäubt nachgeblickt. Dann hatte sie sich aufgerafft, die Torte genommen und war damit in die Küche gegangen. Constance war nicht mehr dort. Pru hatte die Torte in die Speisekammer gestellt und damit begonnen, das Futter für die Tiere vorzubereiten, jeden Gedanken an die Begegnung mit Simon von sich wegschiebend.

Und jetzt, nach all dem, war er wieder da, frech wie Oskar, und sah Verity mit seinem liebenswürdigsten Lächeln an, als sei sie der preisgekrönte Nachtisch eines berühmten Haute-Cuisine-Starkochs.

Dann entstand ein kleiner Aufruhr, als plötzlich Constance neben den beiden auftauchte und Simon mit wütenden Worten attackierte. Pru hörte: »Du hast schon genug Probleme gemacht. Ich will dich hier nie wiedersehen, nie wieder, hast du mich verstanden? Kauf dein Fleisch gefälligst woanders.«

Simon lächelte nicht mehr. Er war auf einmal maßlos wütend. »Du lästige alte Hexe«, schrie er mit einer Gehässigkeit, die Pru nie zuvor an ihm erlebt hatte. »Du bist doch diejenige, die ständig Probleme macht. Wenn du nicht wärst ...«, er brach abrupt ab, als Pru hinzukam und neben ihre Mutter trat.

»Ja?«, fragte sie, und ihre Stimme klang herausfordernd. »Was wäre denn dann?«

Simon holte tief Luft. »Wenn du das nicht selbst weißt ...«, begann er, sprach aber nicht weiter.

Verity weinte fast. »Hört auf damit«, jammerte sie. »O bitte, warum könnt ihr denn nicht alle Freunde sein!«

Simon wandte sich zu ihr um. »Werd’ erwachsen, Mädchen. Du solltest doch am besten wissen, warum das das letzte ist, was wir sein können. Abgesehen von uns beiden, vielleicht.«

»Warum bist du heute hierhergekommen?« Pru war jetzt ebenso den Tränen nahe wie Verity.

Simon ließ die Schultern hängen. »Weil ich Verity fragen wollte, ob sie sich vorstellen kann, dass mir Oliver Knatchbull eine Finanzspritze für das Restaurant gibt. Sie meinte, heute wäre die einzige Gelegenheit, wo sie mit mir darüber reden kann. Und außerdem«, er straffte seine Schultern und blickte Constance und Pru trotzig an, »wollte sie, dass ich zu der Party komme. Schließlich ist das ihr Tag heute, und warum sollte sie da nicht machen, was sie will und glücklich sein?«

»Aber wären Sie jetzt, wo Sie sehen, dass es sie unglücklich macht, vielleicht so freundlich zu gehen?«

Unbemerkt war Oliver zu der kleinen Gruppe getreten und hatte beschützend seinen Arm um Verity gelegt. Pru dachte, wie ruhig er wirkte und beneidete ihn darum, dass er seinen Wunsch so gelassen und sachlich aussprechen konnte – beinahe so, als habe er einen Angestellten gebeten, eine bearbeitete Akte von seinem Schreibtisch zu entfernen.

Simon war jedoch nicht annähernd so gelassen. »Na gut, ich verschwinde«, rief er. »Aber glaubt nicht, dass ihr mich nicht wiederseht. Ich komme wieder, darauf könnt ihr euch verlassen.«

»Nicht, solange ich hier bin, um es zu verhindern«, zischte Constance hinter ihm her. Sie hatte Prus Arm gepackt, und ihre Finger gruben sich unbarmherzig in das Fleisch, ein physischer Ausdruck ihrer abgrundtiefen Wut. Pru aber spürte nicht den Schmerz, sondern nur Scham darüber, dass ihr die heißen Tränen über das Gesicht liefen.

»Na gut«, sagte Oliver aufmunternd und drückte Verity kurz an sich, als Simon wutschnaubend davonmarschiert war. »Constance, ich versichere Ihnen, dass ich diesen jungen Mann ganz bestimmt nicht unterstützen werde.« Er blickte auf das Mädchen hinunter, das er im Arm hielt. »Wir sollten etwas tun, um deine Mutter und Schwester wieder ein, bisschen aufzuheitern und sie diesen kleinen Zwischenfall vergessen zu lassen.« Das Paar tauschte einen Blick vollkommenen Einverständnisses.

Noch bevor Verity sprach, wusste Pru, was sie sagen würde. Sie sah den riesigen Saphirring, und ein brennendes Gefühl von Neid stieg in ihr auf. Es war, wie sie in einem verborgenen Winkel ihres Verstandes mit Erleichterung registrierte, keine Eifersucht. Sie wollte Oliver nicht für sich selbst, wollte auch nicht Veritys Leben für sich selbst. Aber sie sehnte sich so sehr nach dem Trost einer Liebe wie der, die die beiden so offensichtlich füreinander empfanden!

Mit einer gewissen schmerzlichen Belustigung sah sie, wie Constance ihre jüngere Tochter umarmte. »Verlobt! O mein Schatz, ich freue mich so. Und was für ein Ring! Ihr werdet bestimmt glücklich miteinander, ihr beide, wahnsinnig glücklich. Kommt, wir müssen es allen erzählen.«

Aber Verity blieb stehen und wandte sich an ihre Schwester. »Ich hoffe, du freust dich auch für mich, Pru?«

Sie sah ein wenig unsicher aus, so als brauche sie unbedingt ihren speziellen Segen, und Pru brachte es nicht über sich, etwas anderes zu erwidern als: »Natürlich. Ich wünsche dir alles Glück der Welt.« Und dennoch wusste sie, wie hohl ihre Worte klangen. »Willkommen in der Familie, Oliver.« Sie streckte eine Hand aus, fand sich aber plötzlich von ihm umarmt und herzlich auf beide Wangen geküsst.

»Ich bin wirklich ein Glückspilz, dass ich nicht nur Verity, sondern auch eine so liebe Schwester und Mutter gefunden habe.«

Es war eine abgedroschene Redewendung, aber seine spürbare Aufrichtigkeit ließ sie überzeugend klingen. Pru blickte dem Paar nach, das Constance durch den Obstgarten zu dem inzwischen fast gänzlich geplünderten Büffet folgte. Als ihre Mutter auf einen Stuhl stieg und um die Aufmerksamkeit der anderen Gäste bat, dachte Pru, dass Verity diesmal vielleicht, nur vielleicht, das Richtige getan hatte.

Auch die letzten Gäste machten endlich Anstalten zu gehen, und Pru begann, das gröbste Durcheinander aufzuräumen und das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine zu stellen. Während sie heißes Wasser in das Spülbecken laufen ließ, um die großen Servierplatten einzuweichen, wurde sie hinterrücks von ihrer Schwester umarmt.

»Ach, liebste Pru, ich bin so glücklich. Es ist nicht nur, dass ich Oliver liebe, sondern er ist auch genau das, was ich brauche. Er nimmt mich wie ich bin, und er versteht, dass ich meine Karriere nicht aufgeben kann.« Pru zog ihre nassen Hände aus dem Spülwasser und nahm sich ein Handtuch. »Ich habe es ernst gemeint, als ich sagte, dass ich dir alles Glückwünsche, aber ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird. Du wirst für deine Ehe genauso hart arbeiten müssen wie für das Kochen.«

Verity sah ihre Schwester einen Moment lang nachdenklich an, dann umarmte sie sie wieder und sagte: »Es tut mir ehrlich leid, und ich weiß, ich hätte Simon nicht überreden sollen, auf die Party zu kommen. Aber ich dachte, es wäre in Ordnung. Schließlich kauft er hier immer sein Fleisch, und im Savoy hatte ich den Eindruck, dass ihr ganz normal miteinander reden könnt. Es war wirklich nicht allein mein Fehler! Bitte sag, dass du mir verzeihst, ja? Ich bin nicht wirklich glücklich, bevor du es tust.«

Pru stand ganz still. So viele Gefühle wallten in ihr auf. Sie wollte die Arme um ihre Schwester schlingen und noch einmal die kindlich-unschuldige Liebe spüren, die sie füreinander empfunden hatten, als Verity noch ein kleines Mädchen war. Und sie wollte ihr sagen, nein, wollte ihr erklären, was es bedeutete, jemanden wirklich tief und innig zu lieben, warum man dabei oft einen solchen Widerstreit der Gefühle erlebte und dass man sich manchmal furchtbar verletzen konnte, auch wenn man sich liebte. Und sie wollte sie fragen, ob sie wirklich eine Vorstellung davon hatte, was es bedeutete, Kinder auf die Welt zu bringen. Und ob sie denn schon einmal daran gedacht habe, was Oliver von ihrer Ehe erwartete. Ja, eigentlich wollte sie Verity sagen, dass es Zeit war, nicht immer nur an Verity zu denken, sondern auch mal an die anderen. An Constance, zum Beispiel. Ob sie bemerkt hatte, wie dünn ihre Mutter geworden und wie vergesslich sie nun manchmal war? Und wie schwierig es für sie wurde, Tätigkeiten zu verrichten, die sie früher wie nebenbei erledigt hatte?

Pru hielt in ihren Gedanken inne. Verity sah sie immer noch abwartend an, in ihrem Gesicht drückte sich eine Mischung aus Hoffnung und Besorgnis aus.

Schließlich sagte sie: »Vergeben ist sehr viel verlangt. Ich habe gesagt, dass ich mich für dich freue, und das meine ich auch.« Die Worte klangen selbst in ihren eigenen Ohren bitter, und bevor sie sich wieder dem Spülbecken zuwandte, sah sie, wie ihre Schwester enttäuscht den Kopf hängen ließ. Dann kamen Constance und Oliver herein und rissen Verity in einen Strudel von Plänen für die Hochzeit.

Anscheinend wollten sie recht bald heiraten. Wenn diese Party schon ein solches Chaos verursacht hatte, dachte Pru bestürzt, was würde dann erst die Hochzeit anrichten? 

Kapitel 4

Darina betrachtete die Lämmer. »Ich hätte nichts dagegen, als eines der Tiere auf Ihrer Farm wiedergeboren zu werden«, sagte sie. »Da gibt es doch sicher weit schlimmere Schicksale.«

»Lebensqualität, das ist es, worum es uns geht.« Pru schob sanft eine neugierige Schnauze zur Seite. »Glückliche Tiere sind gesunde Tiere. Man merkt dem Fleisch ihr Leben hier an.« Sie machte eine ausladende Handbewegung, die die sanft geschwungenen Hügel im Hintergrund der Farm, die ordentlichen Hecken und das dichte, mit grasenden Tieren gesprenkelte Grün der Weide umschloss. »Und alles, was wir verfüttern, ist biologisch rein. Kein Korn, das auf chemisch behandeltem Boden wächst, sodass es selbst voller Chemikalien ist. Keine wachstumsfördernden Zusätze und kein Futter mit Fischmehl, das aus Tieren gemacht wurde, die man aus schwermetallverseuchten Flüssen gezogen hat. Die Leute wissen gar nicht, was für einen tödlichen Cocktail, man mit einem Hühnergericht zu sich nehmen kann, oder Kleinkindern füttert. Und wir geben unseren Tieren auch keine pharmazeutischen Präparate, um Krankheiten zu verhüten, gegen die die Natur ein perfektes Immunsystem geschaffen hat.«

Die junge Frau fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Locken, während sie die Philosophie ihrer Landwirtschaft erläuterte, und Darina fand, dass sie mit ihrem zerzausten Haar und dem vor Begeisterung geröteten Gesicht sehr attraktiv war.

»Woher beziehen Sie Ihre organischen Futtermittel?«, wollte sie wissen.

Pru drehte sich um und ging voran zum Haus zurück. »Wir haben versucht, es teilweise selbst anzubauen, aber der Boden gibt das einfach nicht her. Es ist schwere Tonerde, die sich bestens als Weideland eignet, und wir haben beschlossen, uns darauf zu konzentrieren. Jetzt haben wir allerdings acht Hektar voll Unkraut, das eigentlich Gerste hätte werden sollen, und es wird eine Heidenarbeit werden, das wieder zu Gras zu machen. Also kaufen wir bei einer organischen Kornmühle in Lincolnshire, einem Mitglied unseres Verbandes der Biobauern. Sie garantieren uns zwar, die erforderliche Menge zu liefern, aber wir müssen unseren Verbrauch ein Jahr im Voraus kalkulieren. Ich denke, das ist der Grund für die Angst der meisten Supermärkte vor dem Verkauf von Biohühnern: Die Futterbeschaffung ist einfach zu kompliziert.«

»Würden Sie Ihr Geflügel denn gern über einen Supermarkt vertreiben?«

Pru lachte. »Wir können gar nicht die Anzahl produzieren, die sie verlangen. Und außerdem verkaufen wir auch so alles, was wir züchten. Ich muss noch die Bestellungen für den Versand heute Nachmittag vorbereiten. Möchten Sie gern mitkommen und sich die Küche und den Laden ansehen?«

»Natürlich!« Darina folgte ihr. »Sind Sie denn sicher, dass ich Ihnen nicht im Weg bin?« Sie war sich nur zu bewusst, dass es sich bei dem Hof um ein hart arbeitendes Unternehmen handelte, und dass ihr Besuch die Routine stören musste. Aber Pru schien es zu genießen, sie herumzuführen. Und während ihres Aufenthaltes hatte Darina ein ebenso lebhaftes Interesse für die junge Frau wie für ihre Farm entwickelt.

Ihre Art zu reden und ihr Leben anzugehen, strahlte eine Spontanität und Direktheit aus, die sehr anziehend war. Allerdings konnte sie auch äußerst schwierig sein, wie Darina kurz nach ihrer Ankunft auf dem Hof festgestellt hatte.

Constance Fry hatte sie herzlich begrüßt. »Kommen Sie doch wieder her, wenn Pru Ihnen alles gezeigt hat. Ich gehe gerade die Bestellungen durch und muss noch mit einige Lieferanten telefonieren, aber bis dahin bin ich sicher fertig und wir können bei einer Tasse Kaffee gemütlich plaudern. Verity kommt auch irgendwann heute Vormittag. Sie würde sich schrecklich freuen, Sie wiederzusehen. Vielleicht können Sie ja zum Mittagessen bleiben?«

Pru hatte ihre Mutter finster angeblickt. »Was soll das heißen, Verity kommt her? Wieso ist sie denn nicht bei der Arbeit?«

Constance schien die Veränderung an ihrer Tochter nicht zu bemerken. »Ja, es ist alles so aufregend! Sie hat ihren Job aufgegeben. Anscheinend hat sie etliche Angebote erhalten, nachdem sie den Wettbewerb gewonnen hat, und Oliver meinte, sie solle sich darauf konzentrieren, ihre Karriere aufzubauen und die Hochzeit zu organisieren. Ach übrigens, Pru, falls Verity nicht bis zwölf Uhr hier ist, kann ich Alastair nicht aus dem Kindergarten abholen, das müsstest du dann machen.«

»Ja aber, um Himmels willen, Mutter, was spielt es denn für eine Rolle, wenn du bei Veritys Ankunft nicht da bist?« war Pru aufgebraust und dann in mürrischem Schweigen aus dem Zimmer marschiert, offensichtlich von ihrer Besucherin erwartend, dass sie ihr folgte.

Darina beschloss, es sei das Beste, wenn sie vor zwölf verschwand. Dann fragte sie sich kurz, was wohl aus dem Vater der Kinder geworden war, denn Pru war offensichtlich unter dem Nachnamen Fry bekannt. Hatte sie ihn geheiratet? Alleinerziehende zu sein war ja heute keine Seltenheit mehr, aber zwei Kinder wohl doch eher ungewöhnlich.

Nun bemerkte sie, dass der Rundgang länger gedauert hatte, als sie dachte. Es ging auf zwölf Uhr zu, und sie hatte noch nicht die Gelegenheit gehabt, sich mit Mrs. Fry zu unterhalten und herauszufinden, wie die Sache mit der biologisch-organischen Viehzucht überhaupt angefangen hatte.

»O verdammt«, rief Pru in diesem Augenblick, »Alastair muss bald vom Kindergarten abgeholt werden. Aber es ist noch genug Zeit, Ihnen den Laden zu zeigen, bevor ich nachsehen muss, ob meine kleine Schwester gekommen ist, oder ob ich das Balg selbst holen muss.« Sie schien bei dieser Aussicht nicht mehr ganz so verstimmt zu sein. »Ich bringe die Jungen am Morgen hin, Mutter holt Alastair vor dem Mittagessen ab, denn er ist immer nur ein paar Stunden dort, und am Nachmittag wechsle ich mich mit einer Freundin ab.«

»Sie und Ihre Schwester sind sehr verschieden«, meinte Darina, während sie ihren Weg zum Haus fortsetzten.

»Ach, dann wissen Sie es nicht?«

»Was weiß ich nicht?«

»Dass Verity adoptiert wurde.«

War das der Grund für Prus Groll? Zumindest erklärte es den Kontrast zwischen Veritys quecksilbriger Lebhaftigkeit, der stoischen Ruhe ihrer Mutter gegenüber den Widrigkeiten des Lebens und der grüblerischen Intensität ihrer Schwester.

»War das schwierig für Sie?«, fragte Darina vorsichtig.

»Schwierig, wieso?«

»Naja, ich meine, Sie müssen doch erst sieben oder acht Jahre gewesen sein, als Verity kam. Das ist kein leichtes Alter, um das Nest mit einem Kuckuck zu teilen.«

Pru blieb unvermittelt bei einer Eiche stehen, unter deren weitausladenden Zweigen eine Familie von Perlhühnern ihr Gehege hatte, und betrachtete die kleinen, rundlichen Vögel.

»Ich war bereits zehn. Ja, es war schwierig, aber nicht so, wie Sie meinen. Ich habe nämlich herausgefunden, dass Verity, obwohl sie adoptiert war, tatsächlich die Tochter meiner Mutter und damit meine Halbschwester war.«

Pru machte eine Pause, und beide Frauen beobachteten die Perlhühner, die mit nervösen, trippelnden Schritten umherhüpften, bevor sie plötzlich alle zusammen losrannten, wie eine aufgescheuchte Gruppe von ältlichen Damen in Humpelröcken. Dann fuhr sie fort: »Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen, aber da gab es vor vielen Jahren einen Mann, mit dem Mutter ein Verhältnis hatte. Er war der Schulleiter hier im Ort. Sie hat mit ihm zusammengearbeitet, um Gelder für ein neues Schulgebäude zu organisieren. Ich weiß nicht genau, was passiert ist, ich war damals noch zu jung. Aber ich habe gemerkt, dass Daddy verzweifelt und unglücklich war. Die beiden haben sich furchtbar gestritten, wenn sie dachten, dass ich schon schlafe. Aber ich bin immer aufgestanden und habe mich auf die Treppe vor dem Wohnzimmer gesetzt und gelauscht. Ein paarmal habe ich gehört, wie sie schrie, sie würde ihn verlassen, sie könne es nicht mehr aushalten, und dass er ihr Leben zerstört habe. Dann brach er in Tränen aus und flehte sie an, bei ihm zu bleiben, woraufhin sie nur noch wütender wurde und ihm sagte, dass er ihr nicht das geringste bedeutet, und dass sie nur noch wegwolle. Und dann meinte er, wenn sie das tun würde, bräuchte sie sich nicht einzubilden, dass er mich mit ihr gehen lassen würde. Er würde mich bei sich behalten, egal was passiert.« Pru warf mit einem schmerzlichen Ausdruck den Kopf zurück. »Ich wollte nicht, dass sie geht, aber es wäre noch viel schlimmer für mich gewesen, wenn ich Dad verloren hätte. Er brauchte mich auf eine Art, wie sie es niemals tat. Er und ich, wir haben uns wirklich geliebt, verstehen Sie? Sie hat ihn im Grunde nie geliebt, und mich auch nicht.«

»Was ist dann passiert?«

»Der Mann ist gestorben, bei einem Unfall, und Mutter, na ja, ich glaube, sie hatte eine Art Nervenzusammenbruch. Sie ist nach Griechenland zu ihrer besten Freundin Natasha Quantrell gereist, die dort mit ihrer Cousine, Natalie Duke, lebte. Sie ist drei Monate dortgeblieben, und als sie wieder zurückkam, war sie ein anderer Mensch. Sie war so glücklich, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Eines Tages sagte sie mir, ich würde bald eine kleine Schwester bekommen. Und dann war Verity da.«

»Sie war da?«

»Ja, ich weiß auch nicht wie, es kam mir so vor, als wäre sie von einem Moment auf den anderen einfach dagewesen.«

»Und Sie glauben, dass Ihre Mutter sie in Griechenland zur Welt gebracht hat?«

»Ist das nicht die einzig sinnvolle Erklärung? Natürlich wusste ich das damals noch nicht – wie gesagt, ich war zu jung, um das alles zu begreifen. Nein, ich habe mir das erst allmählich zusammengereimt, als ich älter wurde, und dann ergab es einen Sinn.«

»Was war mit Ihrem Vater? Wie hat er reagiert?«

»Dad? Er schien einfach nur glücklich zu sein, dass Mutter wieder da war.«

»Er hegte keinen Groll gegen Verity?«

»O nein, er liebte sie, wir alle taten das. Sie war so ein wunderbares Baby, sie hat nie geschrien, sondern war immer nur fröhlich und heiter.« Prus Stimme wurde weich. »Wenn ich heute, wütend auf sie werde, weil sie sich mal wieder besonders egozentrisch aufführt, denke ich daran, wie sie damals war, und dann muss ich ihr einfach alles verzeihen. Sie meint es ja auch gar nicht böse, es ist nur so, dass sie nicht nachdenkt. Sie scheint nicht einmal zu bemerken, dass Mutter immer älter wird und ihr die Arbeit nicht mehr so leicht von der Hand geht wie früher. Ich glaube nicht, dass sie noch lange imstande sein wird, sich um das Vieh zu kümmern. Das heißt, wir müssen demnächst versuchen, eine Hilfskraft zu finden. Eine Zeit lang habe ich gedacht, dass Verity vielleicht bei uns einsteigen würde, aber das kommt ja wohl nicht mehr in Frage, jetzt, wo sie den Wettbewerb gewonnen und sich mit Oliver verlobt hat. Ich schätze, wir werden sie in Zukunft so gut wie überhaupt nicht mehr hier zu sehen bekommen.«

Darina versuchte, sich vorzustellen, wie es wäre, eine entzückende kleine Schwester zu haben, die der absolute Liebling der Mutter ist, einer Mutter, von der man glaubt, dass sie einen selbst nie wirklich geliebt hat.

»Glauben Sie, dass Verity ihrem Vater ähnlich ist?«, fragte Darina.

»Muss sie wohl. Jedenfalls sieht sie nicht im Geringsten so aus wie Mutter oder ich. Ich kann mich kaum an ihn erinnern, aber ich glaube, er lachte sehr gern und war ziemlich gutaussehend, ein bisschen wie ein Filmstar. Die anderen Mädchen haben mir immer erzählt, dass ihre Mütter ihn ganz wunderbar fanden.«

»Und wie war Ihr Vater?«

Pru, die immer noch auf dem Pfad zum Farmhaus voranging, antwortete: »Dad war ruhig, so wie ich. Auch ziemlich verschlossen, aber das hieß nicht, dass er keine Gefühle hatte. Vielleicht empfinden Menschen wie er und ich sogar noch stärker als andere, gerade weil es für uns so schwierig ist, Gefühle zu äußern.«

Sie überquerten den Hof, der auf drei Seiten von Gebäuden eingefasst war. Es waren hauptsächlich offene Scheunen oder etwas wacklig aussehende Schuppen. Die Gebäude, die an das Farmhaus grenzten, sahen stabiler aus, und über einer der Holztüren prangte das Schild GESCHÄFT. Daneben befand sich ein Fenster mit einem Kasten bunter Blumen und dann noch eine Tür. Dazwischen standen ein paar schmiedeeiserne Tische, Stühle und rot-weiß gestreifte Sonnenschirme. Pru öffnete die zweite Tür und ließ Darina eintreten.

»Das Vieh ist eigentlich Mutters Sache, während das hier mein Reich ist«, erklärte sie.

Darina befand sich in einem Raum, der von einer Kühltheke unterteilt wurde. Der hintere Bereich war offenbar für die Kunden vorgesehen und enthielt mehrere Tiefkühltruhen und ein Regal mit Bioweinen und abgepacktem Gemüse. Diesseits der Theke gab es eine sehr modern aussehende Digitalwaage und Registrierkasse sowie eine kleine Kochinsel aus Edelstahl mit Ofen und Elektroherd, auf dem gerade eine riesige Pfanne stand, in der leicht dünstendes Hackfleisch einen wunderbar würzigen Duft verströmte.

»Das werden die Frikadellen«, sagte Pru knapp. »Und darin machen wir den Schinken.« Sie wies auf einen Siedekessel neben dem Ofen und ging durch eine Türöffnung in einen kleinen Korridor. »Wollen Sie noch rasch einen Blick in den Kühlraum werfen?«

Pru öffnete eine schwere Metalltür, und ein Schwall kalter Luft strömte heraus. Der Raum dahinter war so groß wie das Ladenlokal. An einer Seite hingen Rinderviertel, Lammhälften und ein Schwein. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich Regale, die mit geräucherten Schinken, einzelnen Fleischstücken, vakuumverpacktem Speck und einem Blech mit bereits zubereiteten Pasteten gefüllt waren.

»Das ist alles für den Versand bestimmt«, erklärte Pru.

»Machen Sie das per Post?«

»Aber nein!«, antwortete Pru geringschätzig. »Die sind einfach nicht ausgerüstet für so eine Art von Unternehmen. Wir verwenden einen privaten Postservice, der die Pakete hier abholt und sie garantiert innerhalb von vierundzwanzig Stunden an jeden beliebigen Ort in Großbritannien zustellt.«

»Wie wird die erforderliche Temperatur gewährleistet?« Darina folgte der anderen dankbar aus der Kälte des Kühlraumes in die Wärme des Ladenlokals.

»Die Schachteln sind mit Styropor isoliert, und sobald sie den Hof verlassen haben, sind sie ständig in Bewegung. Es funktioniert bestens.«

Darina betrachtete die Ausstattung, den massiven Fleischerblock, den automatischen Fleischwolf, das Schneidegerät, die Maschine für die Vakuumverpackung und dachte an die weiteren Apparaturen im Geschäft. »Es ist ein sehr kapitalintensives Unternehmen, nicht wahr?«

Pru zog eine Grimasse. »Das kann man wohl sagen. Allein die Verpackungsmaschine hat zweitausend Pfund gekostet. Aber sie ist jeden einzelnen Penny wert. Wir haben uns das alles allmählich zugelegt. Sie hätten sehen sollen, wie wir angefangen haben, es war ein Heimgewerbe im wahrsten Sinne des Wortes. Aber heutzutage geht das einfach nicht mehr. Allein die zahlreichen EU-Bestimmungen machen die Sache schon kompliziert genug, und eine Zeit lang wussten wir nicht, ob wir es schaffen würden, sie zu erfüllen.«

»Aber das haben Sie dann?«

»Ja, wir haben den Leiter der hiesigen Gesundheitsbehörde gebeten, sich unseren Betrieb anzusehen und uns ganz genau zu sagen, was wir tun müssen.« Pru grinste plötzlich ganz fröhlich. »Er war vollkommen überrascht. Ich glaube, er ist noch nie von jemandem um Rat gebeten worden, denn normalerweise muss er immer nur Beschwerden nachgehen.«

»Und?«

»Und er meinte, dass wir an unserem Betrieb nur sehr wenig ändern müssten, um den derzeit gültigen Standards zu entsprechen. Allerdings haben wir ständig mit neuen Direktiven zu rechnen. Kommen Sie, wir wollen nachsehen, ob Verity schon da ist.«

Auf dem betonierten Vorplatz der großen Scheune stand ein kleiner Metro. »Das ist Veritys Wagen«, sagte Pru. »Und Mutters Auto ist nicht da, also muss sie losgefahren sein, um Alastair abzuholen. Na so was, hat sich unser Ruhm jetzt schon so weit herumgesprochen?« Neben dem schnittigen Metro stand ein zerbeulter Renault mit französischem Kennzeichen. »Wenn das ein Kunde ist, möchte ich wissen, wo er geblieben ist, es sei denn, Verity hat ihn mit ins Haus genommen.« Pru ging zum Farmhaus. Darina meinte, sie müsse jetzt gehen, aber Pru wollte nichts davon hören. »Mutter wäre wirklich enttäuscht, wenn sie zurückkommt und Sie nicht mehr da sind. Sie hatte sich so darauf gefreut, ein wenig mit Ihnen zu plaudern.«

In der großen Küche im Haus war niemand zu sehen. Pru ging den Korridor entlang und betrat einen freundlichen Raum mit einem Wintergarten am anderen Ende. Und dort, in der angenehm schattigen Kühle, saßen Verity und der Besuch aus Frankreich.

Als Pru und Darina eintraten, sprang Verity auf, und ihr Gast blickte sich um. Darina bemühte sich sehr, sich den Schock angesichts der schrecklichen Narben im Gesicht der Frau nicht anmerken zu lassen.

»Pru, das ist Natasha Quantrell«, rief Verity, und ihre Stimme war fast schrill vor Aufregung. »Sie ist Natalie Dukes Cousine! Die beiden haben zusammen in Frankreich gelebt, und jetzt will sie mir alles über Natalie erzählen, wie sie ihre Bücher geschrieben hat, und über ihre Kochkunst, alles!«

Die Hände auf den Stuhllehnen zitterten und zogen so die Aufmerksamkeit auf ein wulstiges Geflecht von Narben, die noch schlimmer waren als die im Gesicht. Sie schien sich völlig in sich selbst zurückgezogen zu haben, und Darina dachte, welche Qual es für sie sein musste, so vielen Menschen gegenübertreten zu müssen. Sie wollte sagen, dass sie nun gehen müsse, ließ es aber bleiben, aus Angst, dass Natasha Quantrell den Eindruck haben könnte, ihr Anblick habe sie in die Flucht geschlagen. Und außerdem war Darina, ebenso wie Verity, fasziniert von der Verbindung zu Natalie Duke.

Sie ging zu ihr. »Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich fürchte, ich bin ebenfalls eine dieser lästigen Bewunderinnen der Werke Ihrer Cousine.«

»Darina ist auch Kochbuchautorin!« Verity machte ein paar tanzende Schritte um sie herum, voller Lebensfreude und Begeisterung, und im schmerzlichen Kontrast zu der entstellten Besucherin. »Sie war in der Jury des Kochwettbewerbes, von dem ich Ihnen erzählt habe.«

Natasha Quantrells Gesichtsmuskeln zuckten, wobei nicht zu erkennen war, ob es unwillkürlich geschah, oder ob es ein Versuch war zu lächeln, dann ruckte sie mit dem Kopf, und ihre Hände bewegten sich rastlos hin und her.

»Und das ist meine Schwester Pru.«

»Prunella, nicht wahr?«, sagte Natasha Quantrell mit plötzlichem Interesse, und ihr Körper schien sich für einen Augenblick zu entspannen.

»Seit Dad gestorben ist, hat mich niemand mehr so genannt.«

»Ich habe dich oft gesehen, als du noch klein warst. Bevor ...« Ihre Stimme brach, sie holte kurz Luft und setzte dann wieder an: »Bevor Natalie und ich aus England fortgingen. Erinnerst du dich?«

Pru nickte. »Ja, und ich erinnere mich auch, wie gut Sie und Mutter befreundet waren.«

»Und immer noch sind!«, ertönte Constances Stimme von der Tür. »Was für eine schöne Überraschung, Natasha. Es tut mir leid, dass ich nicht hier war, als du gekommen bist, aber ich musste noch meinen Enkel vom Kindergarten abholen.«

Ein kleiner Junge kam ins Zimmer gestürmt, blieb bei Natashas Anblick plötzlich stehen und betrachtete sie neugierig. Pru reagierte schnell, aber nicht schnell genug.

»Warum hat die Frau so ein komisches Gesicht?«, fragte ihr Sohn in einem durchdringenden Flüsterton, aber da hatte ihn Pru bereits bei der Schulter gepackt.

»Zuallererst wirst du dir die Hände waschen, mein Freund, und zwar jetzt gleich!« Sie führte ihn aus dem Zimmer, und einige Sekunden später hörten sie aus dem Flur Alastairs laute Wiederholung seiner Frage, gefolgt von einem Protestgeheul.

Man konnte nicht sagen, ob Natasha Quantrell die kleine Szene wahrgenommen hatte, denn auf ihrem maskenhaften Gesicht zeigte sich keinerlei Regung.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte sie nur.

»Aber ich wollte dich gerade fragen, ob du nicht zum Mittagessen bleiben willst«, protestierte Constance.

»Ja«, rief Verity, »ich würde mich so gern noch weiter mit Ihnen unterhalten.«

Natasha ergriff die Hand des Mädchens. »Komm mich besuchen, und dann erzähle ich dir alles über Natalie und ihre Bücher. Komm schon bald, morgen, ja?«

Verity lächelte sie glücklich an. »Das tue ich, versprochen.« Sie beugte sich vor und küsste sie zart auf eine der vernarbten Wangen. Natasha hob die Hand, als wolle sie das Gesicht des Mädchens berühren, doch dann, mit einer dieser ruckartigen Bewegungen, die charakteristisch für sie zu sein schienen, zog sie sie wieder zurück.

Constance trat zu ihnen. »Ich bringe dich noch zum Wagen, wenn du schon unbedingt gehen willst. Hattest du einen besonderen Grund für deinen Besuch, oder wolltest du uns nur mal sehen?« Ihre übliche, etwas ruppige Art war weicher geworden, und sie schob eine Hand unter den Arm ihrer Freundin.

»Warum ich gekommen bin?«, fragte diese unbestimmt. »Ich weiß nicht mehr. Da war etwas, aber ich kann mich nicht erinnern. Ach ja, Constance, ich habe etwas mit dir zu besprechen, aber nicht jetzt. Jetzt muss ich zuerst etwas anderes erledigen, ich muss etwas nachsehen ...«

Die drei jungen Frauen blickten Constance Fry nach, die ihre Freundin durch die Tür steuerte.

»Wie furchtbar!«, seufzte Verity leise, als die beiden Frauen verschwunden waren.

»Was ist mit ihr passiert?«, fragte Darina.

»Mutter hat es uns neulich erzählt. Sie erinnern sich doch, dass Natalie Duke bei einem Feuer in ihrem Haus in der Bretagne umgekommen ist? Und Natasha hat diese Verbrennungen erlitten, als sie versuchte, sie zu retten. Stellen Sie sich vor, wie mutig sie gewesen sein muss!« Verity ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Es muss schrecklich für sie sein, jetzt, wo sie so aussieht und ganz allein ist, ohne ihre Cousine. Die beiden haben nämlich seit vielen Jahren zusammengelebt. Ach, wie wunderbar, dass ich mit ihr über Natalie Duke reden kann! Glauben Sie, dadurch könnte sich etwas von ihrem Genie auf mich übertragen?«

»Sie wollen wirklich ein Kochbuch schreiben, nicht wahr?« Darina war von der Intensität des jungen Mädchens sowohl amüsiert als auch beeindruckt.

»Ich will alles machen, schreiben, Kochvorführungen, Fernsehauftritte, alles.«

»Und das können Sie mit einer Ehe in Einklang bringen?«

»O ja, natürlich«, antwortete Verity unbekümmert. »Das ist es doch, was die meisten jungen Frauen heute tun. Und auch die Männer erwarten nicht mehr, dass man die ganze Zeit in ihrer Nähe ist. Ich habe Natasha schon von Oliver erzählt, und davon, wie sehr er mich in meiner Karriere unterstützt. Sehen Sie, ich werde größtenteils zu Hause arbeiten, und wenn ich dann all die Rezepte ausprobiere, haben wir wenigstens immer genug zu essen.«

Darina verkniff sich die Bemerkung, dass bei dieser Tätigkeit nicht immer die Art von Mahlzeit entstand, die Ehemänner für gewöhnlich erwarteten. Sechs Fruchtgelees und eine traditionell englische Biskuitcreme, Ausgangspunkt für einen Artikel über Obstpuddings, war nicht gerade das, was ein hungriger Mann zum Abendessen brauchte, noch war es das geeignete Menü für eine kleine Dinnerparty.

»Außerdem«, fuhr Verity fort, »isst er gerne auswärts, was ein weiterer Vorteil ist, weil ich so neue Ideen bekomme, und mich nicht um den Abwasch zu kümmern brauche! Dann ist er recht häufig im Ausland und meint, ich würde mich nur langweilen, wenn ich immer nur allein zu Hause herumsitze. Sie sehen, er ist selbst daran interessiert, dass ich meine eigene Karriere mache.«

»Können Sie ihn auf seinen Reisen denn nicht begleiten?« Darina dachte, das klang zwar alles so, als sei Oliver klug genug, seiner Frau die Möglichkeit zur eigenen Entfaltung zu geben, aber vielleicht war ihm doch nicht ganz klar, wie sehr Verity von ihrem beruflichen Erfolg vereinnahmt werden konnte.

»Er sagt, er müsste dort so viel arbeiten, dass er überhaupt keine Zeit für uns hätte, und meistens ist er nur ein paar Tage hier, und dann wieder einige Tage woanders.«

Constance kam zurück ins Zimmer. Sie war bestürzt. »Ich wollte Natasha nach Hause fahren, sie sah so furchtbar aus. Viel schlimmer als neulich. Aber sie wollte nichts davon wissen und sagte, es ginge ihr gut. Ich glaube allerdings, sie ist noch lange nicht so wiederhergestellt, wie sie meint.«

In diesem Augenblick kam auch Pru ins Zimmer gestürzt. »Die Schweine sind ausgebrochen, ich habe sie vom Badezimmerfenster aus gesehen!«

»O nein!«, stöhnte Verity. »Nicht schon wieder!«

»Los, schnell«, rief Constance. »Hinterher!« 

Kapitel 5

»Ich wusste gar nicht, dass Schweine so verschlagen sein können«, beendete Darina die Geschichte ihrer jagdlichen Meisterleistung, während sich Simon vor Lachen schüttelte. »Sie sind sehr intelligent, ungemein neugierig und haben absolut keinen Herdentrieb.« Seine Worte klangen anerkennend, als hätte er vollstes Verständnis für die eigensinnige Unabhängigkeit der Schweine, und seine dunklen Augen glitzerten.

Es hatte etwas ganz besonders Befriedigendes, jemanden wirklich zum Lachen zu bringen, und Darina spürte, wie dieses Gefühl eine Stelle in ihr wärmte, die seit Williams Fortgang kalt geworden war. »Das können Sie laut sagen! Wir mussten jedes Schwein einzeln einfangen. Pru sagte später, die Hitze habe den Boden so sehr ausgetrocknet, dass die Füße der Schweine trocken geworden seien. Deshalb ist der elektrische Zaun nicht geerdet, wenn sie ihn berühren, und zack, sind sie weg.«

Sie saßen in einem hübschen, aber mit Papieren vollkommen übersäten Büroraum über dem Restaurant. Die Blätter hatten sich stoßweise vom Schreibtisch in der einen Ecke über das Sofa und die Stühle ausgebreitet und endeten vorläufig in einem unordentlichen Stapel auf dem niedrigen Couchtisch. Nicht einmal die Wände hatte man ausgespart, dicht an dicht waren sie von gerahmten Speisekarten und Urkunden bedeckt, die von Simon Chapmans Können zeugten.

Auf dem runden Tisch vor einem der Dachfenster lag die Rohfassung für sein Kochbuch. Sie hatten geplant, dass Darina sie durchsah, während er seine Vorbereitungen für das Abendessen traf. Und dann hätten sie ein paar Stunden Zeit, um darüber zu diskutieren, bevor er mit dem Kochen anfangen musste.

Darina war Simon an diesem Morgen zufällig auf Frys Farm begegnet, als sie ihre Fleischbestellung abholte. Nach ihrem ersten Besuch dort hatte sie sich einige Stücke mitgenommen und war von der geschmacklichen Qualität und von der Zartheit des Fleisches so begeistert, dass sie ihr Fleisch nirgendwo anders mehr kaufen wollte. Das Geschäft war geschlossen, aber Pru hatte gesagt, sie könne jederzeit anrufen und nach Vereinbarung etwas mitnehmen. Darina hatte sie auf dem Hof getroffen.

»Ich habe gerade eine riesige Eilsendung für einen Catering-Service fertiggemacht. Das meiste von dem, was Sie bestellt haben, habe ich gleich mit vorbereitet, aber Sie sagten, dass Sie noch einige Knoblauchwürste wollen, und die werde ich vor heute Nachmittag nicht machen können. Tut’s auch eine Packung aus der Tiefkühltruhe? Ich habe sie erst letzte Woche eingefroren.«

Darina war einverstanden, und Pru holte die Würste. Dann lud sie sie auf eine Tasse Eiskaffee ein.

Darina nahm gerne an. Es war unangenehm heiß, und mit jedem Atemzug setzte sich der Staub in den Lungen fest. Dennoch erschien es ihr lästig, sich über die andauernde Hitze zu beklagen.

In der Küche trafen sie auf Verity, die an dem großen Tisch saß und sich Notizen machte. Sie begrüßte Darina mit einem aufgeregten Kreischen, das so ähnlich klang wie die Schweine, die sie eingefangen hatten, und sie sah ebenso triumphierend aus wie nach ihrem Sieg im Savoy. »Gestern war ein phantastischer Tag für mich«, rief sie.

»Sie wird Ihnen die Ohren vollquatschen, wenn Sie nicht aufpassen«, warnte Pru schroff. »Sie hat fast die ganze letzte Woche damit verbracht, mit Natasha Quantrell über das Kochen zu diskutieren.«

»Oh, es war wunderbar! Sie hat mir davon erzählt, wie Natalie Duke gearbeitet hat, wie die beiden herumgereist sind und die regionale Küche erkundet haben. Sie sind auf die Märkte gegangen und haben die Bauersfrauen gefragt, wie sie ihre Produkte verarbeiten, und dann sind sie oft zu ihnen nach Hause eingeladen worden, um zu sehen, wie sie kochen. Natalie hat alles aufgeschrieben, während Natasha Fotos gemacht hat.«

»Hat sie ihre Cousine denn immer begleitet?« Darina nahm das Glas Eiskaffee, das mit einer großen Portion Sahne gekrönt war, und trank schlückchenweise.

»Fast immer, hat sie gesagt. Manchmal wollte Natalie lieber allein sein, und manchmal wurde es Natasha einfach zu viel, aber meistens hat es ihr großen Spaß gemacht. Sie sagte, Natalie habe eine natürliche Begabung dafür gehabt, sich mit all diesen Frauen sofort gut zu verstehen, und selbst in Griechenland, ohne die Sprache fließend zu sprechen, habe sie immer genau gewusst, welche Fragen sie stellen musste. Natasha hat erzählt, dass sie und Natalie ständig über das Essen geredet haben, und das hat Natalie geholfen, ihre Gedanken und Informationen zu konkretisieren. Die Leute waren sehr gastfreundlich, und oft haben sie ihnen angeboten, bei ihnen zu übernachten. Dadurch haben sie kaum Geld ausgegeben. Manchmal sind sie auch in schäbigen, kleinen Pensionen und Hotels geblieben. Natasha hat gesagt, für eine Frau allein wäre es ziemlich grässlich gewesen, aber zu zweit war es nicht so schlimm.«

»›Natasha hat gesagt‹ ist hier inzwischen zur gefürchteten Redensart geworden«, kommentierte Pru trocken.

Darina hatte vollstes Verständnis für Veritys Begeisterung. Die Faszination die von Natalie Duke ausging, war auf ihr Talent zurückzuführen, die Küche eines Landes in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen, und die jeweiligen Besonderheiten der Zubereitung, die die Einwohner über Jahrhunderte hinweg entwickelt hatten, lebendig werden zu lassen. Ihre Cousine davon erzählen zu hören, musste beinahe so inspirierend sein, als hätte man mit ihr selbst geredet.

»Ich hoffe, du ermüdest sie nicht zu sehr, du weißt doch, was Mutter gesagt hat.«

»Natürlich nicht, Pru. Sie sagt, sie genieße es, mit mir zu reden, sie finde es entspannend. Und es geht ihr auch viel besser als neulich, als sie zum ersten Mal hier war.« Verity machte eine Pause und runzelte die Stirn, was ihre knochige Nase plötzlich sehr stark zur Geltung brachte und den klassischen Schwung von Wangenknochen und Kieferpartie störte. »Außer gestern. Wir hatten einen phantastischen Kuchen zum Tee, Darina. Er bestand hauptsächlich aus Honig, aber da war noch ein anderer Geschmack, den ich nicht identifizieren konnte. Ich wollte sie gerade danach fragen, als das Telefon läutete, und als sie wieder zurückkam, hatte ich es vergessen, weil ich inzwischen ein Buch von Natalie Duke auf der Anrichte entdeckt hatte, das ich noch gar nicht kannte, und worauf ich sie dann gleich angesprochen habe. Wussten Sie, dass Natalie einige kleine Bücher für eine Gewürzimportfirma geschrieben hat? Mit kurzen Beschreibungen der unterschiedlichsten Gewürze und mit wunderbaren Rezepten. Ich will versuchen, mir eine Sammlung davon zuzulegen. Natasha sagt, es wäre vielleicht möglich, noch einige Exemplare in Spezialbuchhandlungen aufzutreiben, die antiquarische Bücher verkaufen, sie sind nämlich schon lange vergriffen. Sie sagte, sie würde versuchen, mir einige Kataloge zu besorgen, Natalie hat auch alte Kochbücher gesammelt. Sie sind alle verbrannt. Ist das nicht entsetzlich? Aber Natasha glaubt, dass noch einige Exemplare im Haus waren, und wenn sie das nächste Mal nach Frankreich fährt, will sie nachsehen, ob sie sie finden kann.«

»Ich wundere mich nicht, dass sie so erschöpft ist, wenn du sie derartig löcherst«, warf ihre Schwester ein.

»Ich löchere sie ja gar nicht«, widersprach Verity entrüstet. »Außerdem habe ich dir doch gesagt, dass sie die Unterhaltungen mit mir genießt, weil es ihr guttut, mit jemandem über Natalie und ihre Arbeit zu reden, der ehrlich daran interessiert ist. Und sie sagt auch, ich verstünde offensichtlich viel vom Kochen. Aber nach dem Tee hat sie wirklich ziemlich müde ausgesehen. Ihr Gesicht war wie ausgetrocknet, und die Narben sind noch auffallender geworden. Ich bin sicher, sie vermisst Natalie.« Verity begann, mit verträumtem Blick an ihrem Bleistift zu kauen, offenbar sann sie über etwas nach, was Natasha ihr über ihr neues Idol erzählt hatte.

Darina dachte an die Kochbuchautorin und ihre aufopferungsvolle Cousine. Es schien, als hätten die beiden eine geradezu ideale Beziehung gehabt. Jedenfalls glücklicher als die meisten Ehen! Und doch fragte sie sich, wie sehr Natasha in ihrer Erinnerung die Wahrheit verklärte, denn es konnte doch nicht immer nur einfach gewesen sein, so viele Jahre zusammenzuleben? Natalie hatte ihre Arbeit, aber Natasha schien nichts anderes als ihre Cousine gehabt zu haben. Und wenn sie ihr tatsächlich ihr ganzes Leben gewidmet hatte, dann war es kein Wunder, dass sie ihren Tod nicht verwinden konnte.

Verity hörte auf, am Bleistift zu nagen. »Übrigens, Pru, das hab’ ich ganz vergessen, weißt du, dass Simon hier ist?«

»Simon? Ich dachte, er wollte sein Fleisch nicht mehr bei uns kaufen.«

»Ach, das hat er doch nicht so gemeint. Außerdem weißt du doch selbst, dass er hier in der Gegend nirgendwo eine solche Qualität bekommt. Jedenfalls habe ich ihn in der letzten Woche schon beliefert, um ihn wieder zu versöhnen. Aber er ist gar nicht wegen des Fleisches gekommen, sondern weil er mit Mutter reden wollte.«

»Verdammt nochmal, ich hab’ ihm doch gesagt, das hätte keinen Zweck! Was, zum Teufel, verspricht er sich davon?«

Verity sah ungewöhnlich ernst drein. »Ich glaube, er verzweifelt langsam, er meint, dass seinem Partner das Wasser jetzt bis zum Hals stünde. Und mir ist es auch nicht gelungen, Oliver dafür zu gewinnen, ihm Geld für sein Restaurant zu geben, was auch nicht verwunderlich ist, schließlich weiß er ja gar nichts über Simon.« Verity klang sehr überlegt, während Pru in mürrischem Schweigen versank.

Dann ertönte von draußen Constance Frys Stimme, abwehrend und verächtlich.

»Ich habe dir schon einmal gesagt, Simon, dass du kein Recht hast, mich darum zu bitten, und ich werde es auf keinen Fall tun. Und jetzt wäre ich dir dankbar, wenn du das Thema ein für alle Mal fallen lassen würdest. Du weißt, was ich von dir und deinem Verhalten meiner Familie gegenüber halte, und ich kann mich nur wundern, dass du es noch wagst, hierherzukommen. Du findest wohl selbst hinaus!«

Dann hörten sie, wie eine Tür zugeknallt wurde, und einige Sekunden später betrat Simon Chapman die Küche. Zwei kleine weiße Flecken um seine Nasenflügel zeugten von einer mühsam unterdrückten Wut. Als er bemerkte, dass er nicht allein war, hielt er abrupt inne, hatte sich aber sofort wieder unter Kontrolle und warf ihnen ein breites Grinsen zu. »Sieh an, meine drei Lieblingsfrauen! Pru, ich gebe zu, du hattest recht, also spar dir den Kommentar. Und Darina, wie schön, Sie zu sehen, ich wollte Sie schon anrufen und fragen, ob Sie sich nicht mal das entsetzliche Durcheinander ansehen könnten, aus dem mal ein Buch werden soll.«

Also hatte sie sich für den Nachmittag mit ihm verabredet, dankbar für den Vorwand, um die Arbeit an ihrem eigenen Buch um einige weitere Stunden aufschieben zu können.

Während Simon in der Küche mit den Vorbereitungen für das Abendmenü beschäftigt war, widmete sie sich den mehr schlecht als recht formulierten Rezepten. Irgendwann war sie hinuntergegangen, um ihn wegen einiger besonders unleserlicher Seiten zu fragen, hatte die Küche aber leer gefunden, bis auf ein zur Hälfte zerkleinertes Bündel Petersilie auf dem Schneidebrett und einem Blech mit dampfenden Haselnussbaisers. Sie hatte fünf oder zehn Minuten gewartet und war dann wieder ins Arbeitszimmer gegangen, um noch einige Rezepte durchzusehen. Als sie wenig später wieder mit einer unleserlichen Seite hinunterging, kam er gerade mit mehreren Eierkartons auf dem Arm in die Küche.

»Ich hatte keine mehr«, sagte er einfach.

»Warum haben Sie mich denn nicht geschickt? Ich hätte sie doch rasch für sie kaufen können«, sagte Darina.

»Und Sie bei der Arbeit unterbrechen? Nein, Ihre Zeit ist mir viel zu kostbar!« Er lächelte liebenswürdig, entzifferte sein rätselhaftes Gekritzel für sie und schickte sie wieder nach oben.

Schließlich war sie mit der Durchsicht fertig und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, beeindruckt von dem Einfallsreichtum, der in den Rezepten steckte, eingeschüchtert von seinem meisterhaften Können, das sich in ihnen zeigte, und entsetzt über die schlampige Art und Weise, mit der er sie zu Papier gebracht hatte. Aber sie konnte verstehen, warum er solche Schwierigkeiten hatte.

Sie hatte selbst die leidvolle Erfahrung gemacht, dass das Verfassen eines Kochbuches keineswegs so kinderleicht war, wie die Leute zu glauben schienen. »Ach«, bekam sie oft zu hören, »das ist doch nicht schwierig. Man muss nur genug Rezepte finden und sie zusammenstellen. Ich glaube, ich könnte auch ein gutes Kochbuch schreiben mit Rezepten, die die Leute wirklich kochen wollen. Wenn ich nur die Zeit hätte!«

Nach einigen Monaten hatte Darina aufgehört, den Leuten zu erzählen, woran sie arbeitete, und ihnen nur grimmig gewünscht, einmal in der Lage zu sein, ein solches Kochbuch, wie sie es sich vorstellten, auch verkaufen zu müssen. Dann müssten sie zuallererst feststellen, dass die Verleger keine »allgemeinen« Kochbücher wollten, sondern nur solche von Meisterköchen und Berühmtheiten. Vegetarische Feinschmeckerküche aus Tibet für die Mikrowelle, geschrieben von einem bekannten Fernsehtalkmaster – das würde sicher sofort einen Verleger finden!

Und hatte man seine Idee für das Kochbuch, von dem man überzeugt war, dass es das Publikum unbedingt brauchte, einmal verkauft, begann erst die eigentliche Arbeit. Das Ausfeilen der Rezepte, das Probieren, das sorgfältige Verzeichnen der Zutaten und Angaben, das Kopfzerbrechen über einen interessanten und anregenden Text, den man sich zu jedem einzelnen Gericht einfallen lassen musste, und über den sinnvollen Zusammenhang. Sie war überzeugt, dass man kaum mehr schöpferische Energie brauchte, um einen Roman zu schreiben.

»Ich finde Ihre Ideen phantastisch«, sagte sie zu Simon, der sich mit einer Kanne Tee und zwei Tassen zu ihr gesetzt hatte.

»Ich weiß – die gute Nachricht zuerst ...«, meinte er, während er den Tee in die Tassen goss und einen mutlosen Blick auf die Stapel loser Blätter warf.

»Die Gerichte klingen köstlich, und ich wette, Sie haben diese Rezepte oft genug verwendet, um genau zu wissen, wie sie umgesetzt werden müssen?«

Er nickte, nahm einen Schluck Tee, und seine dunklen Augen beobachteten sie aufmerksam, während sie sprach.

»Ich erfinde die Hälfte meiner Rezepte, während ich an dem Buch schreibe. Es geht um Rezepte für zwei Personen, und ich versuche, auf teure und schwer erhältliche Zutaten zu verzichten und die Gerichte so zu gestalten, dass sie keine lange Vorbereitungszeit brauchen, schnell gekocht sind und dabei kaum Reste übrigbleiben oder die mit einem anderen Gericht kombiniert werden können.«

Er sah sie interessiert an. »Eine Menge dieser Rezepte käme dafür in Frage«, sagte er und klopfte auf die vor ihm liegenden Seiten.

Darina lachte. »Das glauben Sie nur, weil Sie auf Bestellung kochen und die Gerichte schnell servieren können. Aber Sie vergessen dabei die vielen Stunden der Vorbereitung, die Sorgfalt, mit der man die richtigen Lebensmittellieferanten auswählen muss, und die Fülle von Zutaten und Vorräten, die Sie in einem Restaurant zur Hand haben. Aber keine Hausfrau will fünf verschiedene Gemüse und drei Sorten Fisch für ein Essen für zwei Personen einkaufen müssen.« Sie wies auf sein Rezept für einen Pot-au-feu aus Meeresfrüchten.

Der Koch seufzte. »Ich wusste von Anfang an, dass dieses Buch eine Schnapsidee ist. Ich weiß gar nicht, wie der Verleger ausgerechnet auf mich gekommen ist, und wieso ich so dumm war, den Vorschuss anzunehmen.«

»Lassen Sie sich nicht entmutigen. Ihre Ideen sind wirklich brauchbar, es ist nur so, dass sie nicht für das Kochbuch geeignet sind, das ich gerade schreibe. Worauf ich hinauswollte, ist, dass ich viel Zeit damit verbringe, die Rezepte ständig zu überarbeiten, bis sie wirklich perfekt sind, und sie dabei immer wieder zu testen. Das haben Sie ja schon getan. Nun müssen Sie sie nur noch in leicht verständlicher Form niederschreiben und die beiden Maß- und Gewichtssysteme ausrechnen.«

»Sie meinen, ich muss die Angaben sowohl im britischen, als auch im metrischen System machen?«

»Ich fürchte, ja. Ich warte immer noch darauf, dass das britische ganz verschwindet, und in einigen Schulen wird es auch gar nicht mehr verwendet, aber vorläufig gibt es immer noch genug Hausfrauen, die an ihren altmodischen Waagen hängen, und die Verleger trauen sich nicht, diese Käuferschicht zu ignorieren. Hat man Ihnen gesagt, dass Sie auch den amerikanischen Markt berücksichtigen sollen?«

»Ich glaube nicht.«

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960872863
ISBN (Buch)
9783960875659
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v384342
Schlagworte
Agatha Raisin Cosy Krimi Frauenkrimi Miss Marple humorvoller Krimi Chick-lit Saskia Louis Der Irische Löwe: Anna Kronbergs vierter Fall Teufelsgrinsen: Ein Fall für Anna Kronberg Tiefer Fall: Anna Kronbergs zweiter Fall Brittany Cavallaro Holmes und ich – Unter Verrätern Holmes und ich – Die Morde von Sherringford Marie Pellissier Der tödliche Tanz des Monsieur Bernard Die tödliche Tugend der Madame Blandel Agatha Christie Carola Dunn Miss Daisy ermittelt Miss Daisy und der Mord im Museum Miss Daisy und der Tote auf dem Eis Miss Daisy und die tote Sopranistin Miss Daisy und der Mord im Flying Scotsman Miss Daisy und der tote Professor Miss Daisy und der Tod im Wintergarten Miss Daisy und der Tote auf dem Luxusliner Miss Daisy und der Tote auf dem Wasser Joanne Fluke M. C. Beaton Hamish Macbeth fischt im Trüben Schottland-Krimi Hamish Macbeth geht auf die Pirsch Hamish Macbeth und das Skelett im Moor Agatha Raisin und die tote Hex Agatha Raisin Mysteries Katrin Schön Ausgeschifft: Lissie Sommer ermittelt wieder Ein-Lissie-Sommer-Krimi Ausgeplappert: Lissie Sommers erste Leiche Abgeschlagen: Ein neuer Fall für Lissie Sommer Vera Nentwich Tote machen Träume wahr Ein Fall für Biene Hagen Tote Models nerven nur Liebe vertagen Mörder jagen Billie Kibitz Meg Cabot Heather Wells Stephanie Plum Janet Evanovich Mordsmäßig unverblümt Mordsmäßig verstrickt Mordsmäßig kaltgemacht Teufelstropfen Pfalz Krimi Cosy Crime

Autor

  • Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord nach Rezept: Darina Lisles vierter Fall (Krimi, Cosy Crime)