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Schwarzer Abgrund (Thriller)

von Patricia Walter (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die 17-jährige Lara will zusammen mit ihrem Bruder und drei Freunden die Ferien auf einer einsamen Berghütte verbringen. Doch auf dem Weg dorthin verirren sie sich und müssen die Nacht im Wald ausharren. Am nächsten Morgen wird einer von Laras Freunden ermordet aufgefunden. Geschockt machen sie sich auf den Rückweg und müssen feststellen, dass die Brücke, die ins Tal führt, eingestürzt ist. Abgeschnitten von der Außenwelt wird ihnen schnell klar: Ein Mörder hat es auf sie abgesehen. Oder ist es einer von ihnen?

Nach Kalte Erinnerung und Dunkle Vergangenheit der neue spannende Thriller von Patricia Walter!

 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2017

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-330-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-572-7

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung eines Motivs von
© Nickolay Khoroshkov/adpic.de
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Martin W.

Prolog

Wie friedlich sie schlafen. Als ob sie nichts zu befürchten haben.

Sie haben ja keine Ahnung.

Im Gegensatz zu ihnen bin ich hellwach. Ich beobachte sie. Ruhig und geduldig warte ich auf einen günstigen Moment. Und dann, wenn niemand damit rechnet, werde ich zuschlagen.

Dieser Moment ist nah. Ich kann es spüren.

Sie wähnen sich in trügerischer Sicherheit. Wahrscheinlich haben sie noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen wegen dem, was sie mir angetan haben, oder bereits alles wieder vergessen. Aber ich habe nichts vergessen. Gar nichts. Die Kränkung sitzt tief, und meine Gedanken kreisen ständig darum.

Doch bald werde ich Gelegenheit haben, es ihnen heimzuzahlen.

Ich lächle.

Schlaft weiter und träumt noch schön von eurem Urlaub. Denn wenn ihr morgen aufwacht, werdet ihr feststellen, dass ihr einen Ausflug in die Hölle gemacht habt!

1

17 Stunden früher …

Warum zum Teufel war ich gestern nur so spät ins Bett gegangen?

Völlig übermüdet stand ich in der zugigen Halle des Münchner Hauptbahnhofs und klammerte mich an meinen Coffee-to-go-Becher. Die Uhr zeigte 7.13 Uhr am Morgen, und zum wiederholten Male fragte ich mich, weshalb ich gestern so lange aufgeblieben war, nur um auf Facebook zu chatten.

Trotz der frühen Stunde herrschte in der Halle des Fern- und Regionalverkehrs bereits ein reges Treiben. Wichtig aussehende Business-Typen mit Anzug und Krawatte eilten an weniger wichtig aussehenden Normalos vorbei, die, genauso müde wie ich, über den Bahnsteig schlichen.

Wie konnte man nur in der Früh schon so rumstressen?, wunderte ich mich und schüttelte über die Anzugträger verständnislos den Kopf.

Ich hatte für diese Art von Menschen, die nur ihre Karriere im Sinn hatten, nicht viel übrig. Allein die Vorstellung, den ganzen Tag in einem stickigen Büro verbringen zu müssen, raubte mir die Luft zum Atmen und würde für mich niemals in Betracht kommen. Nachdem ich letztes Jahr in den Sommerferien für zwei Wochen in einem Tierheim gejobbt und dabei einen Tierarzt unterstützt hatte, stand für mich mein Berufswunsch fest. Wenn ich nächstes Jahr mein Abi in der Tasche hatte, wollte ich mich an der Uni für Tiermedizin einschreiben. Doch das lag noch in weiter Ferne, und jetzt war erst einmal Urlaub angesagt.

Ich trank einen Schluck von meinem Latte macchiato, in der verzweifelten Hoffnung, dass das Koffein endlich die ersehnte Wirkung tun würde. Wie bescheuert musste man eigentlich sein, ausgerechnet in den Sommerferien um diese Uhrzeit aufzustehen? Und noch dazu an einem Montag!

Ich sah zu meiner besten Freundin Pia hinüber, die vor einem Kiosk stand und schuld an dem Ganzen war. Sie blätterte gerade durch einen Stapel Magazine und strich sich mit einer anmutigen Bewegung ihre langen blonden Haare aus dem Gesicht. Ich fragte mich, wie sie es sogar zu dieser frühen Morgenstunde schaffte, so gut auszusehen. Während meine schulterlangen braunen Haare in alle Himmelsrichtungen zu stehen schienen und mein Gesicht aufgrund des Schlafmangels müde und ausgelaugt wirken musste, war sie genauso hübsch wie jeden Tag. Pia hatte sich dezent geschminkt, was ihre großen smaragdgrünen Augen noch mehr betonte. Zu ihrer khakifarbenen Hose trug sie ein hautenges, dunkelrotes Top, und ich musste neidvoll zusehen, wie sich Männer öfter nach ihr umdrehten und ihr bewundernde Blicke zuwarfen.

Pia hatte schon immer alle Augen auf sich gezogen, und manchmal kam ich mir neben ihr wie ein hässliches Entlein vor; wenngleich ich definitiv nicht hässlich war. Deine Schönheit kommt von innen, pflegte Pia mir immer zu sagen, wenn ich ihr meinen Neid auf ihr Aussehen gestand. Mochte sein, dass sie damit recht hatte, aber das war trotzdem nicht sonderlich hilfreich, wenn es um die wirklich angesagten Jungs ging.

Ein Junge war auch der Grund dafür, warum ich jetzt in aller Frühe auf dem Bahnsteig stand und auf einen Regionalzug wartete.

Pia bezahlte und kam mit ein paar Hochglanz-Modezeitschriften in der Hand zurück.

„Damit sollte ich erst mal versorgt sein“, meinte sie. „Obwohl ich wahrscheinlich eh nicht allzu viel zum Lesen kommen werde.“ Sie zwinkerte mir zweideutig zu und warf einen Blick auf ihre Uhr. „Robbie sollte mal langsam auftauchen. Wir waren bereits vor zehn Minuten verabredet.“

„Er kommt bestimmt gleich“, meinte ich zuversichtlich, obwohl ich Unpünktlichkeit nicht ausstehen konnte. „Du kennst ihn ja, er trödelt immer.“

„Schon klar, aber unser Zug geht in einer Viertelstunde.“

„Ich wette mit dir, dass er genau fünf Minuten vor Abfahrt auftaucht.“ Grinsend streckte ich ihr die Hand entgegen. „Um einen Latte macchiato mit einem Croissant.“

Pia lachte und schlug ein. „Okay, abgemacht. Ich halte dagegen.“

Während sie die Modemagazine in ihrem Rucksack verstaute, sah ich zu den wartenden Zügen hinüber und dachte an unseren bevorstehenden Urlaub. Einen Urlaub, der so nicht geplant war, denn ursprünglich hatte Pia mit Robert allein wegfahren wollen. Pias Onkel besaß eine Hütte in den Bergen, weit abseits der üblichen Touristengebiete, und sie wollte dort zusammen mit ihrem neuen Freund eine Woche in trauter Zweisamkeit verbringen. Sie war erst seit ein paar Wochen mit Robert zusammen, einem sportlichen Jungen mit etwas längeren schwarzen Haaren, der in die Jahrgangsstufe über uns gegangen war und dieses Jahr sein Abi gemacht hatte. Auch wenn er so seine Macken hatte, war er doch ein netter Kerl, ich kam gut mit ihm klar. Er war jemand, der sein Leben in vollen Zügen genoss und dabei nichts anbrennen ließ. Wahrscheinlich hatten Pias Eltern ihren Urlaubsplänen von der Zweisamkeit genau deshalb einen Strich durch die Rechnung gemacht und sie vor die Wahl gestellt: Entweder sie nahm noch eine Freundin mit, oder sie blieb daheim.

Und so hatte Pia mich dazu überredet, mitzukommen.

Eigentlich musste sie mich gar nicht groß dazu überreden, denn ein Urlaub in der Einsamkeit der Berge war genau das, was ich momentan brauchte. Noch nie in meinem Leben hatte ich so dringend weggewollt; weg aus meinem Alltag und vor allem fort von der Erinnerung an vor drei Wochen, als ich das Gefühl gehabt hatte, die Welt würde über mir einstürzen. Es schmerzte noch immer, wenn ich daran zurückdachte, und ich fragte mich, ob es wohl jemals besser werden würde. Schnell verdrängte ich den Gedanken wieder.

Pia war froh, dass ich sie nicht im Stich ließ. Damit ich mir dabei jedoch nicht wie das dritte Rad am Wagen vorkam, hatte ich darauf bestanden, dass noch ein Vierter mitkam. Meine Eltern hatten schon länger überlegt, zur Abwechslung mal allein in den Urlaub zu fahren, daher tat ich ihnen den Gefallen und fragte meinen kleinen Bruder Florian, ob er Lust hätte, uns zu begleiten. Ich musste ihn nicht zweimal fragen, er war sofort hellauf begeistert.

Florian war zwei Jahre jünger als ich, überragte mich jedoch bereits um einen ganzen Kopf. Mit unseren braunen lockigen Haaren sahen wir uns nicht nur äußerlich recht ähnlich, wir verstanden uns auch so ziemlich gut – von ein paar kleineren Reibereien mal abgesehen.

„Wann fährt unser Zug noch mal ab?“, wollte eine Stimme hinter mir wissen und riss mich aus meiner Grübelei.

Ich drehte mich zu meinem Bruder um, der auf seinem Rucksack am Boden saß und in ein Spiel auf seinem Handy vertieft war.

„Um halb acht.“

Florian hämmerte wie wild auf den Touchscreen seines Smartphones ein.

„Mist“, fluchte er, als eine Melodie signalisierte, dass er das Spiel verloren hatte. Er verzog die Mundwinkel und steckte das Handy in seine Hosentasche. „Halb acht?“, wiederholte er und sah zu der großen Bahnhofsuhr hinüber. „Dann wird’s aber langsam eng.“

„Keine Panik“, beruhigte ich ihn. „Robert kommt schon noch.“ Dabei wurde ich selber langsam nervös.

Er schnitt eine Grimasse, und hinter seiner Brille mit den dicken Gläsern blitzten zwei haselnussbraune, lebenslustige Augen auf. „Ich und Panik? Hallo, ich bin ja wohl die Gechilltheit in Person. Du bist das Nervenbündel.“

„Ach tatsächlich?“ Ich strich ihm über seinen Wuschelkopf, weil ich wusste, dass er das gar nicht mochte, und er versuchte vergeblich, mich mit seinen Händen abzuwehren.

„Warte nur, bis wir auf der Hütte sind“, drohte er mir lachend. „Da bist du mir und meiner Rache hoffnungslos ausgeliefert. Pass auf deine Haare auf.“

„Das werden wir ja sehen, wer ruhig schlafen kann“, konterte ich und grinste. Dabei wurde ich innerlich immer unruhiger. Was, wenn Robert es tatsächlich nicht mehr rechtzeitig schaffen würde? Der nächste Zug fuhr erst wieder in zwei Stunden, doch ich wollte keine Sekunde länger als nötig hierbleiben. Die kommende Woche war für mich nicht nur Urlaub, sondern vielmehr eine Flucht; eine Flucht vor meinem Ex.

 Ich trank meinen Latte macchiato aus und streckte mich, um den letzten Rest meiner Morgenmüdigkeit loszuwerden. Die Halle um uns herum füllte sich mit noch mehr Reisenden. Von Robert noch immer keine Spur. Plötzlich stockte ich, als ich ein bekanntes Gesicht in der Menge erblickte.

Timo?, dachte ich erstaunt.

Timo stand bei einer Gruppe mir unbekannter Jugendlicher, die sich mit ihrem Gepäck unter der Abfahrtsanzeige gesammelt hatte. Er war ein großgewachsener junger Mann, der mich mit seinen schulterlangen blonden Haaren und dem braungebrannten Gesicht an einen dieser Surfertypen aus Kalifornien erinnerte.

Ich stieß Pia an. „Schau mal, wer da drüben ist.“

„Oh nein“, meinte sie nur. „Was will der denn hier?“

In der nächsten Sekunde drehte Timo seinen Kopf und sah in unsere Richtung. Er entdeckte uns und lächelte. Mit den Händen lässig in den Hosentaschen kam er zu uns herüber geschlendert.

„Hi“, sagte er. „Na, was geht?“

„Hi, Timo“, antwortete ich und versuchte, in seiner Nähe nicht wie immer rot zu werden, während Pia ihn lediglich mit einem Kopfnicken grüßte. Ich glaube, sie war nicht gerade erbaut darüber, ausgerechnet hier auf ihren Ex-Freund zu treffen.

Timo deutete auf unsere Rucksäcke. „Wo geht’s denn hin?“

„Wir fahren für ein paar Tage zum Wandern in die Berge.“

„Echt? Wollt ihr zelten?“

„Nein, wir sind zu einer Hütte unterwegs.“

„Cool.“

„Und du?“

„Ich fahr mit meinen Kumpels nach Italien an den Strand.“ Er nickte in die Richtung der Gruppe unter der Abfahrtsanzeige. „Nach dem ganzen Abistress wollen wir mal so richtig die Sau rauslassen.“

„Gratuliere dir übrigens zum bestandenen Abi.“

„Danke.“ Er strahlte uns an. Sein Lächeln war immer noch umwerfend. „Ist schon ein Wahnsinnsgefühl, endlich die Schule hinter sich zu haben.“

„Das glaub ich dir“, seufzte ich. „Ich kann es kaum abwarten, bis es bei mir endlich so weit ist.“

„Ist doch nur noch ein Jahr.“

„Nur?“ Entgeistert starrte ich ihn an.

Er lachte. „Glaub mir, das Jahr ist schneller rum, als du denkst. Am Schluss bist du so mit Lernen beschäftigt, dass du für gar nichts anderes mehr Zeit hast.“

„Na, hoffentlich nicht. Ich komm ja jetzt schon nicht mehr mit dem Stoff nach.“

Pia hielt sich zwar aus dem Gespräch raus, nickte jedoch zustimmend.

„Ihr packt das schon. Und ich freu mich jetzt erst mal auf bella Italia.“ Verträumt rollte er mit den Augen. „Wird bestimmt ein Riesenspaß.“

Ja, dachte ich, Spaß hatte Timo immer. Und offenbar war er auch darüber hinweg, dass Pia mit ihm Schluss gemacht hatte.

Ich bemerkte, dass seine Kumpels sich bereit machten, aufzubrechen. Sie schulterten ihr Gepäck und blickten sich um.

„Oh, sorry“, sagte Timo, „ich muss leider los. Ich wünsch euch auf alle Fälle einen richtig geilen Urlaub. Erholt euch gut, und vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“

„Dir auch eine schöne Zeit in Italien“, erwiderte ich, während Pia nur ein schwaches Lächeln zustande brachte.

Timo eilte zu seiner Gruppe zurück, schnappte sich sein Gepäck und folgte den anderen auf den Bahnsteig.

„Alles okay?“, fragte ich an Pia gewandt.

„Klar“, antwortete sie. „Wieso?“

„Nun ja …“

„Du meinst wegen Timo?“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Über den bin ich längst hinweg. Ich bin mittlerweile mit Robbie zusammen, schon vergessen?“

Ja, dachte ich, Pia war über Timo hinweg. Wenn ich doch nur dasselbe von Mark behaupten könnte.

Pia drehte mir den Rücken zu und kramte in ihrem Rucksack nach ihrem Smartphone. „Wo bleibt Robbie nur? Ich ruf ihn lieber mal an.“

Mein Blick schweifte durch die Halle. Wenn er jetzt nicht langsam kam, würden wir alle unseren Zug verpassen.

Im nächsten Moment entdeckte ich Robert, der die Rolltreppe von der S-Bahn hochfuhr.

Da kommt er ja endlich, dachte ich.

Doch jemand anderer zog meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich musste zweimal hinschauen, um sicherzugehen, dass ich mich nicht irrte. Doch es bestand kein Zweifel.

Robert war nicht allein.

2

Als ich Roberts Begleitung erkannte, runzelte ich irritiert die Stirn.

Das war doch der Dominik, dachte ich. Der Neue aus unserer Kollegstufe, der irgendwo aus Norddeutschland kam und erst Anfang des Jahres nach München gezogen war. Er war bereits neunzehn, und wenn die Gerüchte stimmten, dann war er von der zwölften Jahrgangsstufe in die elfte zurückgegangen und wiederholte diese, zumindest das letzte Halbjahr.

Ob er Robert zufällig über den Weg gelaufen ist?, wunderte ich mich. Oder warum gingen die beiden nebeneinander? Doch dann bemerkte ich seine Wanderausrüstung und sah, wie Robert auf uns zeigte.

Nein, die beiden waren sich nicht zufällig begegnet, sondern Robert hatte ihn mitgebracht. Mich beschlich ein leiser Verdacht.

Pia, die die beiden noch nicht bemerkt hatte, fluchte neben mir. „Es ist fünf vor halb acht. Du verlierst unsere Wette.“ Sie zog die Mundwinkel hoch und öffnete in ihrem Handy das Telefonbuch. „Hoffentlich hat er nicht verschlafen.“

„Hat er nicht.“ Ich deutete in die Richtung des S-Bahn-Aufgangs.

Pia drehte sich um und strahlte bei seinem Anblick. Doch in der nächsten Sekunde erblickte sie seine Begleitung und sah mich erstaunt an.

„Ist das nicht der Dominik?“

„Ja.“

„Und was macht der hier?“

„Das frage ich dich.“

„Sieht so aus, als würde er mitkommen. Aber wir sind doch schon zu viert.“

Ich neigte meinen Kopf leicht. „Sag mal, Pia, hast du möglicherweise vergessen, Robert zu erzählen, dass Florian mit von der Partie ist?“

„Nein, natürlich nicht. Ich hab …“ Sie stutzte, und ich konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf zu rattern begann.

Pia konnte ziemlich schusselig sein. Keine Ahnung, wo sie manchmal mit ihren Gedanken war, aber es wäre nicht das erste Mal, dass man ihr etwas sagte, und keine fünf Minuten später hatte sie es bereits wieder vergessen.

„Äh …“ Verlegen verzog sie das Gesicht. „Ich glaub, das hab ich vergessen.“

„Na toll!“

„Tut mir leid. Ich wollte es Robbie gleich erzählen, nachdem Flo zugesagt hatte, aber dann musste er zum Training und … naja, ich hab’s vergessen.“

Ich schaute grimmig. War ja klar.

Robert war davon ausgegangen, dass wir nur zu dritt waren. Er wollte bestimmt so viel Zeit wie möglich mit Pia allein verbringen, und da war ich nur im Weg. Eigentlich war es eine nette Geste von ihm, noch jemanden mitzubringen, aber wie war er ausgerechnet auf Dominik gekommen?

„Das ist mir jetzt echt voll peinlich.“

„Sag das Dominik, wenn du ihm erklärst, dass er nicht mitkommen kann.“

„Ach komm schon, ist doch halb so wild. Fahren wir halt zu fünft.“

„Das meinst du jetzt nicht Ernst?“ Zumal es auf der Hütte nur vier Schlafplätze gab.

Es war ihr deutlich anzusehen, dass ihr die Situation ziemlich unangenehm war.

„Warum nicht? Dominik ist doch süß“, sagte sie und warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu.

Ich verdrehte die Augen. So war Pia nun mal. Immer wollte sie mich verkuppeln. Grundsätzlich hatte ich nichts dagegen, Dominik mal näher kennenzulernen, doch ich wollte ihn nicht in unserem Urlaub dabei haben. Unser Kontakt in der Schule hatte sich bis jetzt auf ein Minimum beschränkt, denn er verhielt sich bisweilen ziemlich seltsam und undurchsichtig. Ich konnte nicht sagen, was es war, aber er hatte etwas an sich, dass ich nicht genau beschreiben konnte. Einerseits weckte er mein Interesse, doch gleichzeitig fühlte ich mich in seiner Gegenwart immer irgendwie verunsichert.

In der nächsten Sekunde hatten die zwei Jungs uns erreicht. Pia lief auf ihren Freund zu, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn leidenschaftlich, während Dominik danebenstand, ein leises „Hallo“ nuschelte und fast etwas schüchtern zu Boden blickte.

„Hi“, erwiderte ich.

Florian erhob sich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich dachte, wir wären nur zu viert.“

„Dachte ich auch“, gab ich zurück.

Während Pia und Robert innig verschlungen waren und den Rest der Welt um sich herum vollkommen vergessen zu haben schienen, musterte ich heimlich unseren Überraschungsgast.

Seit dem ersten Tag, als Dominik an unserer Schule aufgetaucht war, hatte er sich sehr zurückhaltend, fast schon abweisend verhalten. Er setzte sich meistens in die letzte Reihe, sprach nur, wenn der Lehrer ihn explizit dazu aufforderte, und verzog sich in den Pausen immer ins hinterste Eck des Schulgeländes. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn schon jemals auf einer Party getroffen zu haben, und irgendwer hatte mir mal erzählt, dass er keinen Tropfen Alkohol anrührte. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen derart introvertierten Einzelgänger wie ihn getroffen, der sich offenbar nicht viel aus Gesellschaft machte, sondern lieber für sich allein blieb.

Das Interessante daran war, dass Dominik gar nicht wie der typische Einzelgänger aussah. Ganz im Gegenteil, denn er war sogar ziemlich attraktiv. Seine blonden Haare waren kurz geschnitten, nur ein paar Strähnen fielen ihm neckisch in die Stirn. Er hatte ein einprägsames Gesicht, und die hohen Wangenknochen und das markante Kinn erinnerten mich irgendwie an Johnny Depp. Unter seinem langärmligen Shirt zeichnete sich eine muskulöse Statur ab. Und dann waren da noch diese stahlblauen Augen, die mich normalerweise sofort zum Schmelzen gebracht hätten. Doch sie strahlten nicht, sondern wurden von einem seltsamen Schimmer bedeckt. Fast kam es mir so vor, als wäre die Glut in seinen Pupillen schon vor langer Zeit erloschen.

Seinem Aussehen nach zu urteilen, war Dominik definitiv eine faszinierende Person, doch sein seltsames Verhalten anderen gegenüber gab mir bisweilen ein Rätsel auf.

Dominik stand noch immer regungslos da, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Ein peinliches Schweigen entstand zwischen ihm, Florian und mir. Ich hätte gerne einen lockeren Spruch gesagt, um die Situation zu entkrampfen, doch wie immer in solchen Fällen wollte mir partout nichts Passendes einfallen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten Pia und Robert sich schließlich wieder voneinander. Er legte den Arm um seine Freundin und warf mir ein Lächeln zu, das seine strahlend weißen Zähne entblößte. Seine Sonnenbrille mit den spiegelnden Gläsern hatte er auf die Stirn hochgeschoben.

„Hi, Lara“, begrüßte er mich.

„Hallo, Robert.“

„Und, was geht?“

„Du bist total spät dran“, grummelte ich.

Robert grinste. „Bin nicht gerade ein Morgenmensch. Aber passt doch noch.“ Er deutete auf seine Begleitung. „Dominik kennt ihr ja. Von mir aus können wir dann los.“

Ich wartete, dass Pia Robert erklärte, dass Dominik nicht mitdurfte.

Dominik blickte kurz auf, und unsere Augen trafen sich. Sekundenlang sahen wir uns an, doch sein Blick war leer. Irgendwie beschlich mich in diesem Moment ein beklemmendes Gefühl.

Florian nahm mir die Entscheidung ab, indem er sich an mir vorbei drängte und gut gelaunt die Hand zum Gruß in die Luft hob.

„Hallo“, sagte er an Dominik gewandt. „Ich bin der Florian.“

Für einen kurzen Augenblick glaubte ich, ein schwaches Lächeln in Dominiks Gesicht zu erkennen, doch im nächsten Moment war seine Mimik wieder neutral.

„Wer ist denn das?“, wollte Robert irritiert wissen.

„Das ist Florian“, erklärte Pia.

„Ja, das hat er gerade gesagt.“

„Er ist Laras Bruder.“

„Schön für ihn. Und was will er hier?“

„Er kommt mit.“

„Was? Ich dachte, nur Lara ist mit von der Partie.“

Pia schnitt eine Grimasse. „Schon. Sozusagen.“

„Ja, was denn jetzt?“

„Mir ist da was voll Peinliches passiert.“

Robert sah sie auffordernd an, und auch Dominik schien gespannt.

„Naja“, stotterte sie. „Also, Lara wollte noch jemanden mitbringen, damit sie … also … damit wir halt zu viert sind. Sie hat Florian gefragt, und er war sofort dabei. Blöderweise hab ich vergessen, es dir zu sagen.“

Robert zog seine Augenbrauen hoch. „Nicht dein Ernst?“

„Sorry.“

Robert blickte abwechselnd von Pia zu Florian und Dominik. „Und was machen wir jetzt?“

„Ist doch klar, Dominik kann nicht mit“, sagte ich bestimmt. „Unsere Eltern sind weg, und Florian kann auf keinen Fall allein zu Hause bleiben. Er muss mit.“

„Ich habe Dominik aber zugesagt, dass er mitkommen kann“, entgegnete Robert und funkelte mich wütend an.

Pia schob sich dazwischen und gab ihm einen Kuss. „Egal, dann sind wir eben zu fünft. Wird auch so cool werden.“

„Seh ich genauso“, stimmte Dominik ihr zu.

Pia warf mir einen flehentlichen Blick zu. Bloß keinen Streit.

Ich seufzte. „Na, gut, von mir aus.“ Wenngleich mir bei der Entscheidung nicht wohl war. Ich schulterte meinen vollgepackten Wanderrucksack und sah auf die Uhr. Im nächsten Moment zuckte ich erschrocken zusammen.

„Ach du Scheiße. Unser Zug fährt in weniger als einer Minute ab!“

3

„Was?“ Pia sah sich panisch um. „Scheiße, hoffentlich schaffen wir das noch. Zu welchem Gleis müssen wir überhaupt? Hat das jemand nachgeschaut?“

Robert zuckte nur mit den Achseln.

„Gleis 32“, antwortete ich, denn im Gegensatz zu den anderen hatte ich mich gestern Abend noch im Internet schlaugemacht.

Wir sprinteten los und hetzten quer durch die Halle auf unser Gleis zu. Der Zug konnte jede Sekunde losfahren. Mühsam bahnten wir uns den Weg durch die Menschenmenge. Der Rucksack war schwer, weil wir neben unseren Schlafsäcken und Klamotten auch noch Proviant für die ganze Woche mitschleppen mussten. Bereits nach kurzer Zeit schnaufte ich wie ein Walross. Auf halber Strecke konnte ich gerade noch einem älteren Ehepaar ausweichen, doch ich stolperte und geriet ins Straucheln. Ich ruderte wild mit den Armen, um mein Gleichgewicht nicht zu verlieren, aber es war vergeblich. Ich sah mich bereits mit gebrochener Nase auf dem Bahnsteig liegen. Doch im letzten Moment griff eine Hand nach meinem Arm und verhinderte, dass ich hinfiel.

Nachdem ich wieder einen festen Stand hatte, drehte ich mich nach meinem Helfer um und stellte fest, dass es Dominik war, der Schlimmeres verhindert hatte.

„Danke“, keuchte ich außer Puste.

„Gern geschehen“, murmelte er kaum hörbar und wandte sogleich wieder seinen Blick von mir ab.

„Jetzt beeilt euch schon!“, rief Pia, die hinter Robert und Florian gerade in die Bahn einstieg und sich an der Tür noch einmal umdrehte.

Es waren nur noch etwa zwanzig Meter, als plötzlich die Lautsprecherdurchsage ertönte: „Auf Gleis 32, der Zug Richtung Oberammergau, bitte zurückbleiben.“

Was?

Erschrocken rannte ich wieder los und lief hinter Dominik her, der ein erstaunliches Tempo vorlegte. Dominik erreichte den Zug und blieb in der Tür stehen, damit sie nicht schließen konnte.

„Jetzt mach schon!“ Pia musste ihren Hals verrenken, um an Dominik vorbeisehen zu können.

In letzter Sekunde erreichte ich den Zug und sprang in den Wagen hinein, bevor die Tür sich hinter mir schloss.

Geschafft!

Ruckelnd setzte die Regionalbahn sich in Bewegung, und ich lehnte mich für einen kurzen Moment gegen die Tür, um wieder zu Atem zu kommen. Mein Herz raste wie wild.

„Das war aber verdammt knapp!“, meinte Pia. „Dachte schon, du bleibst zurück.“

„Das hättest du wohl gerne“, entgegnete ich, nachdem sich mein Puls wieder einigermaßen normalisiert hatte. „Okay, lasst uns einen Platz suchen.“

Robert ging voran, und wir mussten in dem engen Gang durch den halben Zug laufen, ehe wir zwei Viererplätze fanden. Lediglich eine ältere Frau saß dort regungslos am Fenster. Sie schien zu schlafen, denn sie hatte ihre Augen geschlossen.

Pia und Robert setzten sich nebeneinander, und Florian stürmte sogleich auf den Fensterplatz. Ich ließ mich neben ihm nieder, und für Dominik blieb nur noch der Sitz in dem Block daneben, schräg gegenüber der älteren Frau. Unsere Rucksäcke quetschten wir zwischen uns auf den Boden.

Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil Dominik abseits von uns sitzen musste. Aber es schien ihm nichts auszumachen, und eigentlich konnte es mir auch egal sein. Zumindest hat der Urlaub aufregend begonnen, dachte ich und freute mich jetzt doch auf die Zeit, die vor uns lag. Auch wenn Dominik nun dabei war.

Der Zug verließ die Halle des Münchner Hauptbahnhofs und nahm Geschwindigkeit auf. Bald darauf ratterte er monoton durch die Stadt in Richtung Süden.

Robert legte seinen Arm um Pias Schultern und streckte die Beine auf den Rucksäcken am Boden aus. Betont lässig lehnte er sich zurück. Er setzte seine Sonnenbrille auf, in deren Gläsern ich mich spiegelte, und sagte: „Ich sag euch, das wird richtig geil.“

Sonnenbrille im Zug?, dachte ich kopfschüttelnd. Weil es hier drin ja so wahnsinnig grell war.

„Wie kommt dein Onkel eigentlich zu dieser Hütte, Pia?“, erkundigte ich mich, um meine Gedanken von Roberts Pseudocoolness abzulenken.

„Weil er Almhirte ist. Oder besser gesagt war.“

„Echt?“ Florian drehte sich neugierig zu ihr um.

Pia nickte. „Ja. Ganz früher arbeitete er in einer Bank, aber nach einer Weile hat ihn das total gelangweilt. Er war schon immer sehr naturverbunden, und irgendwann hat er seine gesamten Ersparnisse zusammengekratzt und einen Bauernhof und diese Hütte gekauft. Seitdem hat er in den Bergen gelebt und trieb jedes Frühjahr die Kühe auf die Alm hoch. Dort verbrachte er dann den ganzen Sommer.“

„Und jetzt?“

„Vor zwei Jahren bekam er leider gesundheitliche Probleme und musste kürzertreten. Er ist zurück in die Stadt gezogen, aber die Hütte hat er behalten. Von Zeit zu Zeit schaut jemand dort vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Und da wir gerade Sommerferien haben, hab ich mir gedacht, das können wir tun.“

„Gut gedacht“, meinte Robert und küsste sie.

Ich warf einen Blick zu Dominik hinüber, der ein belegtes Käsebrot aus seinem Rucksack holte und es schweigsam vertilgte.

„Woher kennt ihr zwei euch eigentlich?“, wollte ich wissen, um endlich mehr über ihn zu erfahren.

Doch nicht er, sondern Robert beantwortete meine Frage.

„Vom Sport. Wir machen zusammen Judo.“

„Kampfsport?“

Robert nickte. „Ich bin gut, aber Dominik ist voll krass. Er hat den Schwarzen Gürtel.“

„Echt jetzt?“, hakte Florian sofort nach.

Alle Augenpaare richteten sich auf Dominik, doch der aß seelenruhig sein Brot weiter. Entweder tat er so, als hätte er das Gespräch gar nicht mitbekommen, oder er war tatsächlich vollkommen abwesend.

Es war genau dieses sonderbare Verhalten, das er auch in der Schule immer zutage legte und das mich an ihm irritierte.

Warum verhält er sich nur so seltsam?, fragte ich mich. Mit seinem Aussehen könnte er doch locker zu den beliebtesten Jungs in der Schule gehören. Tat er nur so, als interessierte er sich nicht für das, was um ihn herum geschah, oder gehörte er zu den Menschen, denen alles vollkommen egal war? Die innerlich so abgestumpft waren, dass ihnen nichts und niemand mehr wichtig war. Aber warum war er dann überhaupt mitgekommen?

Florian sprang von seinem Sitz auf und nahm auf der anderen Seite neben Dominik Platz.

„Erzähl mal“, forderte er ihn voller Begeisterung auf.

„Was möchtest du denn wissen?“, antwortete der mit einer Gegenfrage und versetzte mich damit in Erstaunen. Offenbar war er doch nicht so in seiner eigenen Gedankenwelt versunken, wie ich vermutet hatte.

„Machst du das schon lange?“

„Ziemlich lange. Hab schon als Kind damit angefangen.“

„Und du könntest mich einfach so mit einem Wurf zu Boden bringen und mich fertigmachen?“ Florian blickte ihn gespannt an.

Dominik lächelte. „Ja. Aber das könntest du auch. Ist nur eine Frage der richtigen Technik und des Gleichgewichtbrechens.“

„Wow.“ Florian schien beeindruckt.

Mein Bruder war stark kurzsichtig und musste bereits an der Netzhaut operiert werden. Daher durfte er weder schwere Sachen heben, noch hatte er als Kind mit den anderen Jungs am Spielplatz raufen können. Auch wenn er das nur allzu gerne getan hätte. Wahrscheinlich übten gerade deshalb all die Dinge, die er nicht machen konnte, solch eine Faszination auf ihn aus.

„Zeigst du mir mal was?“

„Klar. Ich kann dir sogar was beibringen.“

Florian war begeistert, doch im Gegensatz zu ihm war mir auf einmal gar nicht mehr wohl in meiner Haut.

Dominik machte Kampfsport und hatte den Schwarzen Gürtel. Er war also nicht nur absolut undurchsichtig, sondern auch noch gefährlich. Wollte ich mit so jemandem wirklich eine ganze Woche in völliger Abgeschiedenheit auf einer Hütte in den Bergen verbringen?

4

Die Zeit verstrich, während der Zug immer tiefer ins Münchner Umland fuhr. Die monotone Fahrt wurde nur durch den Halt an den einzelnen Stationen unterbrochen. Allmählich wurden die Häuser weniger, und Wiesen und Felder dominierten die Landschaft. Auf den saftigen Weiden grasten Kuhherden, und in der Ferne jagte ein Pferd in schnellem Galopp über die Koppel. Es herrschte leichtes Föhnwetter, und die Berge zeichneten sich deutlich sichtbar am Horizont ab.

Mit jedem Kilometer, den wir weiter aufs Land hinausfuhren, wurde meine Vorfreude größer. Ich mochte die Berge und war mit meinen Eltern und Florian in den letzten Jahren regelmäßig zum Wandern gefahren. In Gedanken malte ich mir bereits aus, wie die Hütte von Pias Onkel wohl aussehen mochte. Laut Pias Erzählungen lag sie so abseits der üblichen Wanderwege, dass man dort tatsächlich wochenlang ungestört war. Keine nervende Wanderer oder rücksichtslose Mountainbiker, sondern Natur pur.

Der ideale Ort, um zu entspannen und auf andere Gedanken zu kommen. Weg von meinem Ex-Freund Mark, der vor drei Wochen aus heiterem Himmel mit mir Schluss gemacht hatte. Bei der Erinnerung daran spürte ich, wie sich alles in mir verkrampfte. Es tat noch immer weh, an ihn zu denken, und ich konnte einfach nicht begreifen, wie er mich nur so hatte verletzen können. Dabei war am Anfang alles so schön gewesen.

Ich wusste nicht, was ich in dieser schweren Zeit ohne Pia getan hätte. Sie konnte nur allzu gut nachvollziehen, was ich gerade durchmachte, denn sie hatte sich kurz davor erst von ihrem damaligen Freund getrennt – Timo. Am Anfang war Timo ebenfalls sehr nett gewesen, doch genau wie Mark hatte auch er zwei Gesichter.

Pia und ich hatten vieles gemeinsam, und dieser absolute Fehlgriff bei der Wahl unserer Freunde gehörte leider mit dazu. Hinzu kam, dass ich selber mal an Timo interessiert gewesen war. Ich fragte mich nur, wer von den beiden schlimmer war: Mark oder Timo.

„Hey, alles klar bei dir?“, fragte Pia mit einem besorgten Gesichtsausdruck.

„Ja, logo“, antwortete ich und setzte ein gezwungenes Lächeln auf.

Was sollte auch nicht klar sein? Anstatt mit meiner großen Liebe in den Urlaub zu fahren, war ich nun mit Liebeskummer unterwegs. Und musste Pia beim Turteln mit ihrem Neuen zusehen.

Ach, was soll’s, dachte ich. Vergiss diesen Mistkerl von einem Ex und freu dich auf ein paar schöne Tage in der Natur.

Pia warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu. Ich glaube, sie erahnte meine Gedanken.

„Was hast du denn jetzt nach dem Abi vor?“, fragte ich Robert. „Studieren?“

„Auf alle Fälle. Ich soll ja mal den Laden von meinen Alten übernehmen.“

Roberts Eltern waren Unternehmer und hatten ihre eigene Firma, die recht gut lief. An Geld mangelte es ihnen jedenfalls nicht, ansonsten hätten sie Robert zu seinem 18. Geburtstag kaum einen nagelneuen 5er BMW geschenkt.

„Zunächst werde ich mir jedoch für ein paar Monate eine Auszeit nehmen“, fuhr er fort. „Und danach will ich dann richtig durchstarten.“

Pia sah ihn bewundernd an.

Typisch Pia, dachte ich. Aber sie stand schon immer auf diese Sorte von Jungs, die reiche Eltern im Rücken hatten.

„Und was genau willst du studieren?“

„Business Management. Und ich würde gerne für ein Jahr ins Ausland gehen. Mein Vater meinte, er könnte mir eventuell ein Praktikum bei einem größeren Betrieb in Amerika verschaffen. Das wär natürlich das Nonplusultra.“

Ich nickte beeindruckt. Zielstrebig war er, das musste man ihm lassen. Genau wie er hatte ich auch schon ein Auslandsjahr ins Auge gefasst. Vielleicht konnte mir Robert ein paar Tipps geben, wenn es mal so weit war.

„Lara will Tiermedizin studieren“, meinte Pia an ihren Freund gewandt.

„Hey, praktisch. Wenn Rocky mal krank wird, dann kann ich ja bei dir vorbeikommen.“

„Rocky?“, fragte ich.

„Mein Hund. Ein Labrador-Mischling.“

„Du hast einen Hund?“

Robert nickte. „Ja, schon seit ich klein bin. Er ist nicht mehr der Jüngste, insofern ist es nur von Vorteil, jemanden zu kennen, der Tierarzt werden will.“

„Ich will später mal Maschinenbau studieren“, meinte Florian.

„Das scheint momentan irgendwie der Renner zu sein“, sagte Robert. „Ich hab gehört, dass die Hörsäle draußen in Garching total überfüllt sein sollen.“

„Naja, bei den Wirtschaftsstudiengängen ist es doch nicht viel besser, oder?“

„Deshalb überleg ich auch noch, wo ich studieren werde. Aber wie gesagt, jetzt gönn ich mir erst mal ne Auszeit.“

„Und du, Dominik?“, fragte ich an ihn gewandt. „Was hast du später mal so vor?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich würde gerne was mit Sport machen. Hängt davon ab, ob ich das Abi schaffe oder nicht.“

„Also hör mal. Wenn ich das Abi pack, dann du ja wohl auch.“

Robert blinzelte ihm zu und öffnete seinen Rucksack. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zog er ein Sixpack Dosenbier heraus und hielt es in die Luft. „Lust auf was Erfrischendes?“

Ich blickte ihn entsetzt an. „Du willst doch jetzt nicht ernsthaft um diese Uhrzeit schon ein Bier trinken?“

„Warum nicht?“, entgegnete er, und aus seiner Stimme konnte ich deutlich heraushören, dass er damit tatsächlich kein Problem hatte.

Florian und ich lehnten entschieden ab, und auch Pia, die Alkohol wirklich gerne mochte, schüttelte den Kopf.

„Ich hab außer Kaffee noch nichts gefrühstückt.“

„Was ist mit dir, Dominik?“ Robert hielt ihm eine Dose entgegen.

Dominiks Gesichtsausdruck verfinsterte sich plötzlich bedrohlich, und seine Augen verengten sich zu winzigen Schlitzen. Bei seinem Anblick lief es mir eiskalt über den Rücken.

„Jetzt komm schon, Kumpel. Leiste mir Gesellschaft.“

„Ich trinke nie“, antwortete er, und ich bemerkte, dass seine Stimme leicht zitterte.

Was für ein Problem hatte der denn?

Ich beobachtete ihn mit gemischten Gefühlen, denn seine abwehrende, fast schon aggressive Reaktion machte mir irgendwie Angst. Was hatte Dominik nur zu verbergen? Wer in unserem Alter lehnte schon Alkohol grundsätzlich ab?

Derweil öffnete Robert die Dose, und es zischte kurz. Er prostete uns zu und trank einen Schluck, während wir mit betretenem Schweigen dabei zusahen.

„Wo müssen wir eigentlich aussteigen?“, wollte Florian wissen, und ich glaube, wir waren ihm alle dankbar dafür, dass er das Thema wechselte.

„An der Endstation. Oberammergau“, antwortete Pia. „Dann noch quer durch den Ort, und schon sind wir beim Aufacker.“

„Und wie lange brauchen wir dann noch bis zu der Hütte?“

„Bis zur Rautenalm sind es gute vier Stunden zu Fuß.“

Florian stöhnte.

„Ihr wollt zur Rautenalm?“, sagte plötzlich eine weibliche Stimme, und wir drehten unsere Köpfe in die Richtung der alten, grauhaarigen Frau, die am Fenster saß und bis jetzt den Anschein erweckt hatte, tief und fest zu schlafen.

Hatte sie uns etwa die ganze Zeit belauscht?

„Ja“, antwortete Pia. „Na und?“

Die Alte sah uns mit großen Augen an. In ihrem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Ungläubigkeit und Sorge wider.

„Weil es dort viel zu gefährlich ist. Gerade für junge Leute wie euch.“

Ich hatte keine Ahnung, wovon die alte Frau sprach, doch irgendetwas an ihr ließ mich hellhörig werden. Vielleicht war es ihre besorgte Miene oder der seltsame Unterton in ihrer Stimme. Ich blickte sie fragend an.

„Wisst ihr denn nicht, dass diese Gegend verflucht ist?“

Wie bitte? Verflucht?

„Was meinen Sie damit?“ Für gewöhnlich hielt ich nichts von Schauermärchen.

„Sagt bloß, ihr habt noch nie von dem tragischen Schicksal der Helene gehört?“

Wir wechselten amüsierte Blicke.

„Äh … nee“, entgegnete ich schließlich. „Was soll mit der sein?“

Die Alte rutschte näher an uns heran und beugte sich weit nach vorne.

„Helene lebte vor 150 Jahren am Fuße des Aufackers“, begann sie mit geheimnisvoller Stimme zu erzählen. „Sie war eine Frau mit einer ganz besonderen Gabe: Mit ihren Kräutern und Wundertränken konnte sie Krankheiten heilen. Helene wurde von den meisten Menschen in der Region sehr geschätzt und geachtet, doch einigen war sie ein Dorn im Auge. Sie bezeichneten sie als Hexe.“

Sie legte eine dramatische Pause ein, um ihre Worte besser wirken zu lassen, und blickte uns der Reihe nach an. Ich bemerkte das Lodern in ihren Augen.

Robert schnaubte.

„Eines Tages war Helene in den Bergen unterwegs, um nach Pilzen und Kräutern zu suchen. Und am Rande der Aufacker-Schlucht ist es dann passiert.“ Sie sah Robert eindringlich an.

„Was ist passiert?“, hakte Florian nach, der ihrer Geschichte gebannt lauschte.

Die Antwort war kaum mehr als ein Flüstern: „Jemand hat sie umgebracht.“

„Echt? Und wie?“

Ich musste aufgrund von Florians Frage beinahe laut losprusten. Das war mal wieder typisch mein Bruder. Jemand berichtete ihm von einem schrecklichen Ereignis, und alles, was ihn interessierte, waren die grausamen Details.

Doch die Frau ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Jemand hat sie in die tiefe Schlucht gestoßen, und sie verschwand in den Fluten des reißenden Flusses. Erst Dutzende Kilometer stromabwärts hat das Wasser ihren Leichnam wieder freigegeben. Seit diesem Tage wird der Fluss von den Einwohnern auch der Höllenfluss genannt.“

Während Florian die Augen aufriss, nahm Robert gelangweilt einen Schluck aus seiner Bierdose.

„Aha“, meinte er. „Und warum ist die Gegend jetzt verflucht?“

„Weil Helenes Mörder nie gefasst wurde. Ihre ruhelose Seele kehrte in jener Nacht, in der sie ermordet worden war, zurück und spukt seitdem bei Anbruch der Dämmerung durch die Wälder.“

„Das sind doch bloß Ammenmärchen. Wer soll denn so einen Quatsch glauben?“

„Warte nur, bis du dort bist. Bei Nacht kann man bisweilen Helenes Wehklagen hören, wie ihre Seele in der dunklen Schlucht nach Gerechtigkeit schreit.“

Erneut streifte mich ihr Blick und ließ mich gegen meinen Willen erschaudern.

„Na dann“, meinte Robert lachend und hielt die Bierdose in die Höhe. „Prost auf Helene!“

Während er mehrere Schlucke trank, sprang die Frau von ihrem Sitzplatz auf und hob mahnend ihren Zeigefinger in die Luft. „Lacht ihr nur. Ich habe euch gewarnt!“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ den Zug, der gerade an einem Bahnhof hielt.

Schweigend sahen wir ihr nach, bis die Türen schlossen und der Zug sich ruckelnd wieder in Bewegung setzte.

Pia ergriff als Erste das Wort. „Die war aber unheimlich.“

„Ach was“, meinte Robert. „Die Alte war doch nicht ganz dicht im Oberstübchen.“

„Trotzdem …“

„Die wollte dich nur erschrecken. Von wegen Helene hat im Wald nach Pilzen gesucht. Ich glaube eher, die Alte war voll auf einem Pilztrip.“

Er legte seinen Arm um Pia und gab ihr einen Kuss, um sie aufzuheitern. Ich blickte zu Dominik hinüber, doch der starrte wortlos aus dem Fenster.

„Also ich fand die Geschichte cool.“ Florian holte eine Banane aus seinem Rucksack und begann, sie genüsslich zu verspeisen.

Wahrscheinlich hat Robert sogar recht, dachte ich. Ganz normal war die alte Frau sicher nicht gewesen. Andererseits, steckte nicht in jeder Legende auch ein Fünkchen Wahrheit? Was, wenn in dieser Gegend tatsächlich jemand ermordet worden war?

Ich glaubte zwar nicht an Gespenster, doch der Ausdruck, den ich in den Augen der Frau gesehen hatte, ließ mir keine Ruhe mehr. Selbst als die Bahn eine halbe Stunde später in Oberammergau einfuhr, hallte ihre Warnung noch immer in meinen Ohren wider.

5

Ich verließ den Zug hinter den anderen und trat auf den Bahnsteig hinaus. Die Sonne blendete mich, und ich hielt mir schützend die Hand über die Augen. Die Luft war klar und frisch, ganz anders als der Smog in München, und ich sog sie tief ein. Leichter Odelduft mischte sich bei, das untrügerische Zeichen dafür, dass wir auf dem Land waren.

Ich liebte es!

Mein Blick schweifte durch die Gegend. Die Gebäude in der Umgebung waren allesamt im Landhausstil und riesengroß. Blumenkästen mit farbenfrohen Geranien hingen an den Balkonen, und hier und da zierte ein Hirschgeweih die Hauswand. Direkt hinter der kleinen Ortschaft türmten sich majestätisch die Berge auf. Dichte Wälder bedeckten die Hänge, und nur vereinzelt waren kahle Felsen sichtbar. Hoch oben am wolkenlosen Himmel kreiste ein Raubvogel auf der Suche nach Beute.

Ich konnte es nun kaum mehr abwarten, loszuwandern. Wenn es hier schon so wunderschön war, wie mochte es dann erst auf der Hütte mitten in der einsamen Natur sein?

Im nächsten Moment kam mir die Warnung der alten Frau wieder in den Sinn. Von hier aus sahen die Berge so friedlich aus. Doch waren sie tatsächlich Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens geworden? Eines Mordes, der nie gesühnt worden war?

Das ist über hundert Jahre her, sagte ich zu mir selbst und redete mir ein, dass wir nichts zu befürchten hatten. Trotzdem blieb ein ungutes Bauchgefühl zurück.

„Ich werd mir noch schnell was zum Frühstück besorgen“, sagte Pia und deutete auf den Bahnhofskiosk. „So langsam krieg ich nämlich Hunger. Soll ich dir was mitbringen, Lara?“

„Du schuldest mir einen Latte macchiato und ein Croissant.“

„Wieso?“

„Ich habe unsere Wette gewonnen.“

„Von wegen“, lachte sie. „Du hattest gewettet, er wäre genau fünf Minuten vor Abfahrt da, dabei war es noch später.“

„Redet ihr von mir?“, fragte Robert.

„Nie und nimmer. Bin gleich wieder da.“

„Warte, ich komme mit“, sagte Robert, der sich gerade eine Zigarette anzündete. Bevor er Pia folgte, nahm er einen tiefen Zug.

„Wir gehen zu der Brücke dort drüben“, rief ich ihnen hinterher, denn mir war es am Bahnsteig zu voll.

Zusammen mit Dominik und Florian schlenderte ich auf den Bach zu und lehnte mich gegen das Brückengeländer. Das Wasser unter uns war kristallklar. Ruhig und sanft plätschernd floss der Bach an grünen Wiesen und Feldern vorbei, bevor er in der Ferne hinter einer Biegung außer Sichtweite verschwand.

Wohin er wohl mündet?, fragte ich mich. War das vielleicht sogar ein Seitenarm des Höllenflusses, den die Frau aus dem Zug erwähnt hatte? Der Fluss, in dessen Fluten diese Helene zu Tode gekommen war?

Ich wurde jäh aus meinen Gedanken gerissen, als ein Stein vor mir ins Wasser plumpste. Wasser spritzte nach oben, und ein Fisch schwamm hastig davon.

Es war Florian, und in der Hand hielt er mehrere Steine, die er vom Boden aufgesammelt hatte und nun nacheinander ins Wasser warf.

„Was machst du denn da?“

„Na, Steine werfen.“ Er hielt mir einen entgegen. „Willst du auch mal? Wer weiter wirft?“

Ich verdrehte die Augen. „Lass doch den Blödsinn.“

Natürlich ließ er sich nicht davon abhalten, und ich drehte mich kopfschüttelnd um. Dominik stand etwas abseits und starrte verträumt in die Ferne. Er schien vollkommen gedankenverloren zu sein, machte dabei jedoch einen zufriedenen Eindruck. Ich hätte viel dafür gegeben, seine Gedanken zu erraten.

Warum blieb er eigentlich immer lieber allein? Hatte er irgendetwas zu verbergen, dass er die Gesellschaft anderer mied? An seinem Aussehen konnte es jedenfalls nicht liegen, denn mit seinem Body musste er sich garantiert nicht verstecken.

Ob er vielleicht mal schlechte Erfahrungen gemacht hat?, fragte ich mich. So wie ich mit Mark?

Es dauerte fast fünf Minuten, ehe Pia und Robert endlich zurückkamen. Beide hielten einen Kaffeebecher in der Hand, und Pia ließ sich eine Butterbreze schmecken.

„Hier, für euch“, sagte Robert und hielt uns drei Steckerleis entgegen.

„Oh, danke“, antwortete ich erfreut und pulte das Eis aus der Verpackung. Genau das Richtige für so ein sonniges Wetter.

Nachdem wir unser Eis und Pia ihre Butterbreze fertig gegessen hatten, marschierten wir endlich los.

Das Abenteuer konnte beginnen!

Wir überquerten die Brücke und gingen an einem zweiten, deutlich kleineren Bach entlang. Kurz darauf gelangten wir zu einer Bergbahn und bogen in die entgegengesetzte Richtung ab.

Wir befanden uns nun direkt vor dem Aufacker. Für einen Moment blieben wir stehen und betrachteten ehrfürchtig den hohen Berg.

„Wow“, meinte Florian, und ich nickte. Er sah wirklich beeindruckend aus. Und wesentlich größer, als ich gedacht hatte.

„Wer hat eigentlich die Karte?“, erkundigte sich Pia.

„Die hab ich im Rucksack.“ Ich zog sie aus einem der Seitenfächer hervor und faltete sie auseinander. Pia fuhr mit ihrem Finger einen Weg entlang, der um den halben Berg herumführte.

„Es ist noch ein ganzes Stück, das wir im Tal entlanglaufen müssen“, sagte sie und deutete auf eine bestimmte Stelle auf der Karte. „Und hier geht’s dann zum Aufstieg.“

Ich verglich den Weg, der in dem Plan eingezeichnet war, mit dem realen, der vor uns lag und irgendwo am Horizont hinter den Bäumen verschwand. Es sah nach einer anstrengenden Route aus.

Robert streckte mir die Hand entgegen. „Gib sie mir.“

„Was?“

„Na, die Karte. Die ist bei mir besser aufgehoben.“

„Vergiss es.“

Ich verstaute die Karte wieder. Robert murmelte irgendetwas, das nach Frauen und Orientierung klang, und ich versuchte, mich nicht darüber aufzuregen.

Wir überquerten eine Wiese, auf der eine Kuhherde graste, und ließen die Zivilisation hinter uns. Bereits nach einer Viertelstunde war kein einziges Haus mehr zu sehen, und wir waren mitten in der Natur angekommen. Die Luft war erfüllt von dem Zwitschern der Vögel, und in der Ferne erklang lautes Muhen.

Unterwegs zog Robert eine weitere Bierdose aus seinem Rucksack, und ich verzog angewidert das Gesicht. Pia, die seine Hand hielt, schien es jedoch nicht zu stören.

Florian eilte voraus, und Dominik ging in einigem Abstand hinter uns her.

Als ob er uns beobachten würde. Ich konnte seinen Blick förmlich in meinem Rücken spüren. War er noch sauer, weil ich gesagt hatte, er müsse zu Hause bleiben?

Nach einer Weile tauchte in der Ferne eine kleine Hütte auf. Die Wiese direkt daneben war eingezäunt, und zwei Pferde grasten darauf, ein Schimmel und eine dunkelbraune Stute.

Zuerst glaubte ich, die Hütte wäre verlassen, doch dann entdeckte ich einen etwa 40-jährigen Mann, der vor dem kleinen Haus auf einem Baumstumpf saß, gen Himmel blickte und genüsslich Pfeife rauchte. Er trug eine blaue Jeanslatzhose mit einem roten Holzfällerhemd darunter, und seine Füße steckten in dunklen Gummistiefeln. Ein abgetragener brauner Filzhut hing ihm in die Stirn.

„Papa Schlumpf lässt grüßen“, meinte Robert bei seinem Anblick, und wir mussten alle loslachen. Selbst Dominik konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Ich weiß, es war nicht gerade nett, aber irgendwie erinnerte mich der Bauer in seiner Kleidung tatsächlich daran.

Wir kicherten noch immer, als wir uns ihm näherten.

„Beherrscht euch“, mahnte ich die anderen. „Nicht dass er uns noch sieht.“

Doch in der nächsten Sekunde bemerkte ich, dass der Bauer uns schon längst beobachtete. Aus seinem wettergegerbten, unrasierten Gesicht stachen zwei wachsame Augen hervor, die uns kritisch musterten.

Hoffentlich hat er uns nicht gehört, dachte ich erschrocken.

„Hallo, ihr jungen Leut“, grüßte er uns im tiefsten bayerischen Dialekt, und ich war mir nicht ganz sicher, ob seine Stimme freundlich oder schroff klang. Er erhob sich von dem Baumstumpf und trat auf den Weg hinaus.

Wir erwiderten den Gruß und blieben vor ihm stehen.

„Ihr seid’s gut drauf, hm?“

Nur mit sichtlicher Mühe konnte sich Robert ein Lachen verkneifen. Pia stieß ihm in die Seite.

Ich entschloss mich zu einer unverfänglichen Antwort. „Ist ja auch ein schöner Tag heute.“

„Da habt’s ihr recht. Aber lang soll’s nicht mehr so bleiben. Das Wetter schlägt bald um.“

Der Bauer musste leicht husten, kein Wunder bei dem vielen Pfeifenrauch.

„Wohin wollt’s ihr denn?“

„Zur Rautenalm“, sagte Pia, und der Bauer zog die Augenbrauen hoch.

„Zur Rautenalm? Was wollt’s ihr denn da? Die Alm ist seit zwei Jahren verwaist.“

„Ich weiß. Sie gehört meinem Onkel Karl.“

Der Bauer blickte überrascht auf.

„Du bist dem Karl seine Nichte?“, fragte er an Pia gewandt, und sie nickte.

„Von wo kommt’s ihr denn her?“

„Aus München.“

„Aus München“, wiederholte er und kratzte sich an seinem stoppeligen Kinn. „Ja, da ist der Karl hingezogen, der alte Schlawiner. Aber kommt’s doch erst mal rein.“ Er deutete auf einen Holztisch, der vor der Hütte stand. Zwei querliegende, massive Baumstämme dienten als Bank. „Ich bin der Hannes. Setzt’s euch und erzählt’s mir ein bisschen was vom Karl. Den hab ich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“

Wir sahen uns an. Eigentlich hatte keiner Bock, aber es wäre unhöflich gewesen, einfach weiterzugehen, und ein paar Minuten konnten wir schon entbehren.

Wir stellten unsere Rucksäcke ab und nahmen widerwillig Platz. Der Bauer bot uns was zu trinken an, aber wir lehnten dankend ab.

„Aber Hunger habt’s ihr bestimmt, oder?“ Noch bevor wir etwas erwidern konnten, war er schon im Haus verschwunden.

Robert konnte sich nicht mehr länger beherrschen.

„Der Typ ist ja geil. Der sieht wirklich aus wie Papa Schlumpf. Und wie der redet.“

Er zog die Mundwinkel nach unten und äffte den Bauern mit tiefer Stimme nach, wobei er die Melodie vom Lied der Schlümpfe sang: „Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?“

„Mensch Robert, reiß dich zusammen“, fauchte ich ihn an, denn langsam ging er zu weit. Seine erste Bemerkung war ja noch witzig gewesen, aber sich in Hörweite direkt vor seiner Hütte über jemanden lustig zu machen, war einfach nur dreist.

„Jaja, schon gut.“

Hannes kam mit einer Schüssel Äpfel zurück und stellte sie vor uns auf den Tisch.

„Bedient’s euch, sind alle frisch.“

Bis auf Robert griffen wir alle zu. Ich betrachtete den Apfel in meiner Hand, der sich so ganz anders anfühlte als die, die es bei uns daheim im Supermarkt gab. Die Schale war nicht von einer Wachsschicht umgeben, sondern wirkte natürlich und leicht schrumpelig. Ich biss hinein und stellte fest, dass er auch ganz anders schmeckte, nämlich richtig gut.

„Jetzt sagt’s, wie geht’s dem Karl denn so?“, wollte Hannes wissen und nahm so dicht neben mir Platz, dass ich automatisch ein Stück wegrutschte. Ich kniff die Augen zusammen.

Warum setzte er sich nicht gleich bei mir auf den Schoß?

Ich nahm Schweißgeruch wahr und rümpfte die Nase. Der Bauer roch verschwitzt und irgendwie nach Kuhmist. In diesem Moment bereute ich, dass wir uns dazu überreden lassen hatten, ihm Gesellschaft zu leisten.

Pia berichtete von ihrem Onkel, und Hannes hörte ihr interessiert zu. Doch immer wieder drehte er den Kopf in meine Richtung und fixierte mich mit einem Blick, der mir die Nackenhaare kräuseln ließ.

Wollte der mich etwa anmachen?

Hilfesuchend sah ich zu den anderen, doch sie waren alle mit sich selbst beschäftigt. Während Pia sich mit Hannes unterhielt, kicherte Robert leise vor sich hin, und Florian aß hungrig seinen zweiten Apfel. Dominik sah ihm schweigend dabei zu.

„Und jetzt wollt’s ihr auf die Rautenalm?“, fragte Hannes, nachdem er genug von Pias Onkel Karl erfahren hatte.

„Ja“, antwortete Pia. „Wir wollen dort eine Woche Urlaub machen.“

„Ihr wisst’s aber schon, dass der Weg dort rauf momentan nicht passierbar ist, oder?“

Was? Nicht passierbar? Wovon redete der?

Hannes deutete unsere fragenden Gesichter richtig. „Letzte Woche gab’s einen Erdrutsch“, erklärte er. „Hat einfach zu viel geregnet. Der Weg ist zugeschüttet, da gibt’s kein Durchkommen mehr. Viel zu gefährlich.“

Pia und ich starrten uns gefrustet an. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Sollte unser Urlaub etwa schon vorbei sein, ehe er überhaupt richtig begonnen hatte?

Es war Dominik, der schließlich die richtige Frage stellte: „Gibt es noch einen anderen Weg?“

Hannes nickte. „Ja, aber das ist ein ziemlicher Umweg. Ihr müsst’s halt etwa drei Stunden länger einplanen.“

Erneut drehte er seinen Kopf in meine Richtung und musterte mich von oben bis unten. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper, als könnte ich mich so vor seinen lüsternen Blicken schützen.

„Aber ihr seid’s fit, wenn ihr zügig geht, dann schafft’s ihr das locker vor Sonnenuntergang.“

„Und wo genau müssen wir lang?“, wollte Pia wissen.

„Habt’s ihr eine Karte?“

„Ja, Lara hat sie.“

Hannes lächelte mich an, und ich bemerkte seine vom Tabak gelb verfärbten Zähne.

Ich holte die Karte aus meinem Rucksack und hatte das Gefühl, dass Hannes jede meiner Bewegungen mit den Augen verfolgte. Als ich die Karte auf dem Tisch ausbreitete, rutschte er erneut ganz nah an mich heran.

„Hier sind wir“, sagte er und deutete auf den Plan. Dabei streifte seine Hand wie zufällig die meine. Schnell zog ich sie zurück.

Das war doch grad pure Absicht, dachte ich. War das etwa so ein Perverser, von denen man immer in der Zeitung las? Hatte er uns vielleicht deshalb zu sich reingelockt, um sich an junge Mädchen ranzumachen zu können?

Ich fühlte mich gar nicht wohl und wollte dringend von hier weg.

„Dort ist der Erdrutsch passiert. Der Weg ist komplett versperrt, und zwar das ganze Stück hier.“

„Und wo ist die andere Route?“, fragte ich etwas drängelnd, denn ich wollte keine Zeit mehr verlieren.

„Ihr könnt’s an der Gabelung abbiegen und dort langgehen, in Richtung Aufacker-Schlucht. An dieser Stelle hier gibt es eine Brücke. Das ist neben der verschütteten Strecke der einzige Weg weit und breit, der über die Schlucht führt. Und über die müsst’s ihr drüber, wenn ihr zur Rautenalm wollt.“

Er legte seinen dicken Zeigefinger auf einen Punkt auf der Karte, der eine gute Stunde Fußmarsch von hier entfernt lag.

„Der Weg ist zwar da zu Ende, weil er nur zum Aufacker-Wasserfall führt, aber wenn ihr quer durch den Wald lauft’s, dann stoßt’s ihr irgendwann wieder auf den normalen Wanderweg.“

Ich beugte mich vor und studierte argwöhnisch die Karte.

„Das Gebiet in dieser Gegend ist ziemlich groß. Was ist, wenn wir uns verlaufen?“

„Soll ich euch begleiten?“, fragte er und sah mich erwartungsfroh an. „Ich kenn den Wald wie meine Westentasche.“

Um Gottes willen!, dachte ich erschrocken. Das fehlte mir gerade noch.

„Äh … nee, danke. Das schaffen wir schon. Wie wäre es, wenn Sie uns den Weg einfach einzeichnen? Dann können wir uns daran orientieren.“

Ich holte einen Kugelschreiber aus meinem Rucksack und hielt ihn Hannes entgegen. Er nahm ihn und malte eine krakelige Linie, die in einem leichten Halbkreis vom Wasserfall quer durch den Wald führte, bis sie den normalen Wanderweg kreuzte. Zusätzlich schrieb er uns als Orientierungshilfe für die einzelnen Teilstrecken dazu, wie lange wir jeweils in etwa brauchen würden.

„Danke. Damit kriegen wir das schon hin.“

Eilig verstaute ich die Karte und den Kugelschreiber wieder, wobei ich mir eine geistige Notiz machte, den Stift bei der erstbesten Gelegenheit zu entsorgen.

Ich wollte mich gerade von der Bank erheben, als mir Florian einen Strich durch die Rechnung machte.

„Wie ist denn das Leben in den Bergen so?“, erkundigte er sich.

„Ruhiger als in der Stadt“, antwortete Hannes. „Auf dem Land ist’s einfach schöner, und die Leute sind viel gemütlicher.“

Florian setzte zu seiner nächsten Frage an, doch Robert kam ihm zuvor. Mit einem breiten Grinsen sang er die zweite Zeile des Schlumpfliedes: „Und sehen alle da so aus wie ihr? Ja, die seh’n so aus wie wir.“

Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen, und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Robert hingegen konnte sich nun nicht mehr länger beherrschen und lachte laut los. Pia und Florian mussten ebenfalls grinsen, während Dominik regungslos danebensaß.

„Oh Mann, Alter, du gibst echt nen super Papa Schlumpf ab. Dein Outfit ist klasse!“

Hannes saß kerzengerade da, während ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg. Seine Hände begannen zu zittern, und er ballte sie zu Fäusten.

„Nix für ungut, Mann“, sagte Robert, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. „Ist nur Spaß.“

„Verschwindet.“ Der Bauer presste seine Lippen aufeinander, sodass seine Worte kaum zu hören waren.

„Was?“

„Verschwindet!“ Hannes sprang von seinem Platz auf und schrie so laut, dass ich erschrocken zusammenzuckte. „Ihr undankbares Dreckspack! Was fällt euch ein, euch über mich lustig zu machen? Ihr haltet’s euch wohl für was Besseres, oder? Schaut’s, dass ihr weiterkommt, bevor ich mich vergesse. Aber ein bisschen plötzlich!“

Robert erhob sich nun ebenfalls und baute sich drohend vor dem Bauern auf. „Wie hast du uns gerade genannt?“

Die beiden standen sich gegenüber und belauerten sich wie zwei rivalisierende Tiger. Ihre Muskeln waren zum Zerreißen angespannt, und die aufgeheizte Stimmung, die auf einmal in der Luft hing, schien fast greifbar.

Doch bevor die Situation vollends eskalierte, packte Pia ihren Freund am Arm und zog ihn vom Tisch weg. Wir schnappten unsere Rucksäcke und eilten davon.

Als ich mich unterwegs umdrehte, sah ich, dass der Bauer noch immer tobte. Das letzte, das ich von ihm in der Ferne hörte, war: „Ihr verdammtes Pack! Euch sollte man eure Arroganz rausprügeln!“

6

„Scheiße, war der wütend“, meinte Pia, als wir außer Sichtweite waren. „Der wär ja fast auf uns losgegangen.“

„Was sollte der Scheiß?“, fuhr ich Robert an.

„Was denn?“ Er hob unschuldig die Hände. „War doch nur ein Witz. Woher soll ich denn ahnen, dass der gleich so austickt?“

„Das war ganz schön arschig.“

„Es war nur ein Witz“, wiederholte er und betonte jedes Wort einzeln. „Ein Spaa-haa-ß.“

„War echt nicht ganz fair, uns über sein Aussehen lustig zu machen“, gab Pia zerknirscht zu. „Der war doch ganz nett zu uns.“

„Na ja, nett fand ich ihn nun auch nicht gerade“, lenkte ich ein. „Hast du gemerkt, wie der mich die ganze Zeit angeglotzt hat?“

„Angeglotzt?“ Sie hatte offenbar, ebenso wie die anderen, nichts davon mitbekommen.

„Ja, und er war irgendwie aufdringlich, ist mir total auf die Pelle gerückt. Und dann hat er mich auch noch ganz zufällig an der Hand berührt.“

„Bist du sicher? Ich meine, kann das nicht nur ein Versehen gewesen sein?“

„Nein, das war es ganz sicher nicht.“ Bei dem Gedanken daran gruselte es mich immer noch ein bisschen.

„Ist doch egal“, entgegnete Robert. „Hauptsache er hat uns den neuen Weg gezeigt. Stellt euch nur mal vor, wir wären die ursprüngliche Route gegangen und dann vor dem Geröllhaufen gestanden.“

Ich seufzte und nickte. „Stimmt.“

Wir gelangten zu der Weggabelung. Dort bogen wir nach links ab, genau wie Hannes es uns gesagt hatte, und fanden uns mitten im Wald wieder. Die Bäume ragten schier unendlich in die Höhe, und die ausladenden Äste schirmten die Sonne weitestgehend ab. Nur wenige Strahlen schafften es durch das dichte Blätterwerk, und es wurde merklich kühler. Ich begann leicht zu frösteln. Der ebene Boden wich einem Anstieg, und wir folgten dem Pfad für eine Stunde, bis wir in der Ferne ein Rauschen vernahmen. Der Wasserfall musste ganz in der Nähe sein.

Kurze Zeit später hatten wir die Schlucht erreicht, und das Rauschen schwoll zu einem lauten Tosen an, das unsere Gespräche übertönte.

Wir blieben vor einer schmalen Hängebrücke stehen, die quer über eine breite Schlucht verlief und wenig einladend aussah. Die Holzbretter wirkten alt und wenig vertrauenserweckend, und die Seile, die links und rechts von der Brücke als Geländer gespannt waren, machten auf mich nicht gerade den sichersten Eindruck.

Ich ging an den Rand der Schlucht und sah hinunter. Die Felsen fielen steil in die Tiefe. Der Fluss glich einem reißenden Strom. Wahrscheinlich hatten die starken Regenfälle der letzten Tage ihn so anschwellen lassen.

Das musste der Höllenfluss sein, schoss es mir durch den Kopf. In diesen Fluten war Helene zu Tode gekommen.

Ob es vielleicht sogar genau hier an dieser Stelle passiert war? Ich bekam eine Gänsehaut. Die Vorstellung daran und der Blick nach unten in die Tiefe ließen mich erschaudern. Wer in diese Schlucht stürzte, war mit Sicherheit sofort tot.

Skeptisch betrachtete ich die Brücke.

„Wir sollten besser einzeln rübergehen“, schlug ich vor, denn ich bezweifelte ernsthaft, dass diese Holzkonstruktion uns alle gleichzeitig tragen würde. „Wer zuerst?“

Bis auf Florian sahen auf einmal alle zu Boden.

„Ich“, antwortete mein Bruder und lief los, ehe ich ihn zu fassen kriegen konnte. Er betrat die Brücke, und mir stockte der Atem.

„Sei vorsichtig!“, rief ich ihm hinterher, denn ich hatte Angst um ihn.

„Feigling!“

Neugierig warf er einen Blick in die Tiefe und lehnte sich dabei gegen die Seile. Ich konnte gar nicht hinschauen.

Doch das Tau hielt seinem Gewicht stand, genau wie die Brücke, während er hinüberging. Florian erreichte unbeschadet die andere Seite.

Ich atmete erleichtert aus.

„Alles sicher!“ Der tosende Fluss verschluckte seine Worte fast, und er musste schreien, damit wir ihn überhaupt hören konnten.

„Jetzt du!“ Robert schubste mich nach vorn.

Ich wagte mich auf die Brücke, und obwohl ich weniger wog als mein Bruder, war ich mir sicher, die Bretter würden unter mir nachgeben. Bei jedem Schritt knarzten sie verdächtig, und die Ritzen gaben den Blick auf die schwindelerregende Tiefe frei. Mit zitternden Händen klammerte ich mich an die als Haltetaue quergespannten Seile und tastete mich vorsichtig voran.

Nicht nach unten schauen, ermahnte ich mich selbst, bloß nicht nach unten schauen.

Seit ich klein war, hatte ich Höhenangst. Nicht einmal auf einem Balkon mochte ich stehen, und über diese Brücke zu gehen, kam einer echten Mutprobe gleich. Ich wusste, es wäre besser gewesen, meine Augen starr nach vorne zu richten, doch die Schlucht zog meinen Blick geradezu magisch an. Immer wieder schielte ich nach unten und bereute es sogleich. Angst kroch in mir hoch, und meine Beine wollten mir nicht mehr gehorchen.

In meinem Kopf spielten sich die schrecklichsten Szenarien ab. Dass das Brett unter mir nachgab oder das Seil riss. In Gedanken stürzte ich schreiend in die Tiefe und wurde von den Fluten fortgerissen. Meine Leiche würde, wenn überhaupt, weit abseits der Aufacker-Schlucht gefunden werden. Und der Höllenfluss hätte sein zweites Todesopfer gefunden.

Ganz ruhig, befahl ich mir. Einen Schritt nach dem anderen, dann konnte nichts passieren.

Ich zwang mich, an etwas anderes zu denken, und ging weiter. Meter für Meter kämpfte ich mich über die Hängebrücke, die für mein Gefühl viel zu stark hin und her schaukelte, und hielt dabei das Seil so fest umklammert, dass meine Knöchel weiß hervortraten.

Florian rief mir aufmunternd zu.

Ich war erleichtert, als ich schließlich die andere Seite erreichte und wieder festen Boden unter mir hatte. Meine innere Anspannung fiel mit einem Schlag ab.

Ich drehte mich um und sah, dass Pia ebenfalls Angst zu haben schien, denn genau wie ich schlich sie vorsichtig über die Brücke, während Robert auf der gegenüberliegenden Seite irgendwelche seltsamen Verrenkungen machte. Ich konnte ihn zwar nicht verstehen, war mir aber sicher, dass er sich über seine ängstliche Freundin lustig machte. Wahrscheinlich hatte er bei mir dasselbe getan.

Robert überquerte die Brücke betont lässig, und Dominik folgte ihm. Weder die instabil aussehenden Bretter noch der reißende Fluss machten ihm offenbar etwas aus.

Zumindest tat er so cool.

Nachdem alle unbeschadet die andere Seite der Schlucht erreicht hatten, atmeten wir erst mal durch. Dann folgten wir dem Weg noch ein Stück. Er endete an einer Felswand, in die Stufen hineingeschlagen waren. Auf einem kleinen Metallschild, das dort angebracht war, stand „Aufacker-Wasserfall“ geschrieben.

Wir stellten unsere Rucksäcke auf dem Boden ab und erklommen die Steinstufen zu der mit einem Geländer versehenen Aussichtsplattform. Das Schauspiel, das sich uns dort oben bot, war beeindruckend.

„Wahnsinn“, meinte Robert, und ich nickte.

Direkt vor uns fiel ein gigantischer Wasserfall in die Tiefe. Die Luft war feucht und dampfig, und es war so laut, dass man sein eigenes Wort kaum mehr verstand. Gischt spritzte uns entgegen. Fasziniert beobachteten wir dieses Wunder der Natur.

Nach einer Weile drehte sich Dominik um und ging nach unten. Robert und Pia folgten ihm kurz darauf. Zusammen mit meinem Bruder verweilte ich noch ein paar Minuten, ehe auch Florian die Felswand wieder hinunterkletterte.

Ich warf einen letzten Blick auf den Wasserfall, dann stieg ich vorsichtig, mit dem Gesicht zur Felswand, die Stufen hinunter. Auf halber Höhe rutschte plötzlich mein Fuß auf dem feuchten Stein ab, und ich verlor den Halt. Ich schrie laut auf. Im letzten Moment bekam ich einen Felsvorsprung zu fassen und klammerte mich daran fest. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich atmete ein Mal tief durch, dann tastete ich mit meinem Fuß nach der nächsten Stufe. Nachdem ich wieder einen sicheren Tritt gefunden hatte, hangelte ich mich das letzte Stück nach unten.

„Mann, hast du mir grad einen Schrecken eingejagt“, sagte Florian und griff nach meiner Hand.

„Nichts passiert“, antwortete ich und lächelte. Doch innerlich pochte mein Herz noch immer.

„Wo sind die anderen?“ Außer meinem Bruder war niemand zu sehen, und insgeheim war ich froh, dass keiner meinen Ausrutscher mitbekommen hatte.

„Schon vorgegangen.“

Wir schulterten unsere Rucksäcke und erreichten bald darauf eine kleine Lichtung. Es tat gut, aus dem dunklen Wald in die warme Sonne zu treten, die auf das taubenetzte Gras schien. Das Licht brach sich in den Wassertropfen und verlieh der Wiese einen glitzernden Schleier. Der Wasserfall war nur noch als ein leises Rauschen im Hintergrund zu hören.

Pia, Robert und Dominik hatten es sich auf dem Boden gemütlich gemacht und warteten auf uns.

„Wir machen eine kleine Rast“, meinte Pia, und Florian und ich ließen uns neben ihnen nieder. Ich hatte nichts dagegen, denn mein Magen knurrte lautstark. Ich zog eine Käsesemmel aus meinem Rucksack und biss herzhaft hinein.

Dominik aß ein belegtes Brot. Er saß dabei mit geschlossenen Augen da, streckte das Gesicht der Sonne entgegen und genoss die Wärme auf seiner Haut. Seine blonden Haare wirkten durch die Sonneneinstrahlung noch heller, und seine markanten Wangenknochen kamen dadurch stärker zur Geltung. Mein Blick wanderte an seinem durchtrainierten Oberkörper hinab.

Wie er wohl ohne T-Shirt aussieht?, fragte ich mich.

Im nächsten Moment schlug er seine Augen auf und sah mich direkt an.

Konnte er etwa Gedanken lesen? Hastig drehte ich meinen Kopf in die andere Richtung.

„Der Wasserfall war wirklich beeindruckend“, sagte ich zu Pia, und sie nickte.

„Ja, die Gegend hat einiges zu bieten. Erstaunlich, dass sich so wenige Touristen hierher verirren.“

Ob das an dem Mord an Helene lag? Vielleicht hatte die Frau aus dem Zug recht gehabt, und das Gebiet war tatsächlich verflucht. Und wir waren so unvorsichtig, unser Glück herauszufordern.

Ach Blödsinn, tadelte ich mich selbst. Das Ganze war ein Schauermärchen. Vergiss den Quatsch einfach.

Ich streckte die Füße aus und lehnte mich mit dem Rücken gegen meinen Rucksack.

„Warte nur, bis wir auf der Rautenalm sind“, sagte Pia. „Es ist traumhaft schön.“

„Warst du schon öfters dort?“, wollte Florian wissen.

„Ja, ein paar Mal, vor allem in meiner Kindheit. Ich fand’s immer super. Von da oben hat man eine fantastische Aussicht.“

„Cool.“

Robert erhob sich und streckte seiner Freundin die Hand entgegen.

„Komm mal mit.“

„Wohin?“

„Das ist eine Überraschung.“

Ich konnte mir schon denken, was für eine Überraschung Robert für sie parat hatte. Bestimmt wollte er ungestört mit ihr rummachen.

„Da holt ihr euch bloß Zecken am Hintern“, sagte ich, weil ich es doof fand, dass sie sich absetzen wollten.

Pia lachte bloß, und händchenhaltend verschwanden sie im Dickicht des Waldes.

„Ich schau mich auch mal ein bisschen um.“ Florian sprang auf und lief los.

Und ehe ich mich versah, war ich mit Dominik allein.

Die perfekte Gelegenheit, um mich einmal in Ruhe mit ihm zu unterhalten und ihn näher kennenzulernen.

Ich sah zu ihm hinüber und erstarrte in der nächsten Sekunde.

Dominik saß kerzengerade da und fixierte mich mit einem stechenden Blick. In seiner Hand hielt er ein großes Messer, dessen Klinge in der Sonne gefährlich blitzte.

7

Ich hielt vor Schreck den Atem an.

Was hatte er vor?

Ängstlich sah ich mich um, doch von den anderen war weit und breit niemand zu sehen. Panik stieg in mir auf, als mir bewusst wurde, dass ich Dominik schutzlos ausgeliefert war. Nicht nur, dass ich ihm körperlich klar unterlegen war, jetzt war er auch noch bewaffnet.

Was hatte ich ihm bloß getan? War er noch immer sauer, weil ich gesagt hatte, ich wolle ihn nicht dabei haben?

Die Angst hatte mich so fest im Griff, dass ich zu keiner Regung mehr fähig war. Ich kam noch nicht einmal auf die Idee, um Hilfe zu rufen.

Wie versteinert und mit weit aufgerissenen Augen starrte ich Dominik an und rechnete jede Sekunde damit, dass er auf mich losgehen und mir das Messer in die Brust rammen würde.

Doch Dominik tat nichts dergleichen. Stattdessen griff er nach dem Ast, der neben ihm auf dem Boden lag, und begann wortlos zu schnitzen.

Ich benötigte einige Zeit, bis ich die Situation begriff. Unendliche Erleichterung machte sich in mir breit, und während ich Dominik dabei zusah, wie er seelenruhig schnitzte, musste ich beinahe lachen. Hatte ich gerade eben tatsächlich gedacht, dass er mich aufschlitzen würde?

Ich wunderte mich über meine eigene Schreckhaftigkeit, doch dann kam mir ein anderer Gedanke: Warum hatte er überhaupt ein solch großes Messer dabei?

Ich hatte auch eines mitgenommen, aber ein Taschenmesser. Wofür zum Teufel brauchte er so ein riesen Teil? Wir waren auf einer Wanderung unterwegs und nicht auf der Jagd!

Ich spürte, dass ich immer noch leicht zitterte, und versuchte, mich wieder zu beruhigen. Hoffentlich kamen Pia und Robert bald zurück.

Keine Ahnung, wie lange ich dasaß und Dominik nicht aus den Augen ließ.

Wo blieben die anderen nur? Hatten sich Pia und Robert womöglich ganz aus dem Staub gemacht, um doch noch ihren Urlaub allein zu verbringen?

Dominik saß weiterhin schweigsam da und bearbeitete den Ast. Ich überlegte, ob ich etwas sagen sollte, doch mir fiel, wie immer in solchen Situationen, nichts Passendes ein.

Irgendwann hörte ich ein Geräusch hinter mir und drehte mich um. Es war Florian, und in der Hand hielt er einen leicht gebogenen Stock. Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so froh gewesen, meinen kleinen Bruder zu sehen.

„Hey, Lara“, meinte er, „schau mal, ein Bogen!“

„Bogen? Ich sehe nur einen kahlen Ast.“

„Wart’s ab.“

Er wühlte in seinem Rucksack, bis er etwas gefunden hatte. Ich musste zweimal hinschauen, denn Florian hatte doch glatt eine ganze Rolle Paketschnur eingepackt.

Er nahm Maß, zog sein Taschenmesser aus der Hose und schnitt die richtige Länge zurecht. Erst dann bemerkte er Dominiks Messer, und sein Blick wanderte zwischen dessen und seiner eigenen Klinge hin und her.

„Wow“, sagte er. „Kann ich das mal sehen?“

Langsam hob Dominik den Kopf und musterte Florian eine Weile. Schließlich hielt er ihm die Waffe entgegen.

„Sei aber vorsichtig, ja? Das ist kein Spielzeug. Die Klinge ist rasiermesserscharf.“

Florian nahm das Messer und wog es ehrfürchtig in seinen Händen.

„Krass. Wo hast du das her?“

Dominiks Antwort war kurz und bündig: „Geschenkt bekommen.“

Florian gab es ihm zurück und wandte sich seinem Bogen zu.

„Nicht so. Soll ich dir dabei helfen?“, fragte Dominik, und Florian nahm das Angebot begeistert an.

Ich war ein wenig irritiert und wusste nicht so recht, wie ich Dominiks Hilfsbereitschaft einschätzen sollte. Den ganzen Tag hatte er so abweisend gewirkt, und plötzlich bot er meinem Bruder von sich aus Hilfe beim Bau eines Bogens an?

Irgendwie scheint er zwei Gesichter zu haben, dachte ich, genau wie Mark und Timo. Allmählich begann ich mich zu fragen, ob eigentlich jeder Junge in meinem Umfeld so drauf war. Auf der einen Seite charmant und nett, auf der anderen undurchsichtig und gefährlich.

Ob das an mir liegt?, überlegte ich. War ich etwa unterbewusst anfällig für diese Sorte von Typen?

Ach Mark, seufzte ich und verzog das Gesicht. Ich konnte ihn einfach nicht vergessen, und in meiner Erinnerung kehrte ich zu dem Moment zurück, als ich ihn das erste Mal getroffen hatte.

Es war auf einer Party, und als ich ihn sah, wusste ich sofort, dass er derjenige war, auf den ich so lange sehnsüchtig gewartet hatte. Mark war bereits einundzwanzig, hatte sein Abi schon hinter sich und absolvierte eine Lehre als Fitnesstrainer, obwohl er mit seinem Aussehen ebenso gut als Model hätte arbeiten können. Sein athletischer Körper war wohldefiniert und seine feinen Gesichtszüge alles andere als feminin. Er hatte kurze schwarze Haare und das süßeste Lächeln, das man sich nur vorstellen konnte. Auf der Feier waren alle hübschen Mädchen aus der oberen Klasse gewesen, die sich an ihn ranzumachen versuchten, doch Mark hatte mich angesprochen. Mich!

Ich konnte mich noch genau daran erinnern, als er plötzlich vor mir stand und fragte, ob ich was zu trinken wollte. Er sah mich mit einem Blick an, der mich förmlich dahinschmelzen ließ. Meine Füße kamen mir auf einmal wie Wackelpudding vor, und ich hatte das Gefühl, als würde ich mich in den unergründlichen Tiefen seiner blau-grauen Augen verlieren.

Vor lauter Aufregung brachte ich damals kein einziges Wort heraus und starrte ihn stattdessen nur an. Total peinlich. Doch Mark überspielte das gekonnt.

„Hey, nichts sagen. Lass mich raten, was du gerne trinkst.“

Gespannt sah ich ihn an.

„Ich glaube, du stehst auf Caipis.“

„Woher weißt du das?“, fragte ich überrascht, denn es war tatsächlich mein Lieblingsgetränk.

„Das erkenne ich an deinem hübschen Gesicht.“ Er zwinkerte mir zu. „Warte hier auf mich, ja? Bin gleich wieder zurück.“

Er besorgte uns zwei Caipirinhas, und wir unterhielten uns den ganzen Abend lang, während alle Mädels neidisch zusahen. Am Ende fragte er mich nach meiner Handynummer, und die nächsten Tage telefonierten, simsten und chatteten wir in jeder freien Minute.

Mark war so ganz anders als die anderen Jungs. Er war einfühlsam, liebevoll und drängte mich zu absolut gar nichts. Die meisten Jungs in seinem Alter waren nur auf Sex aus, aber nicht Mark. Er war auf der Suche nach der wahren Liebe. Genau wie ich.

Den ersten Kuss werde ich nie vergessen. Ich zitterte vor Aufregung, und seine Lippen waren so warm und weich. Selbst heute spürte ich noch, wie sie meinen Hals erkundeten, an meinem Ohrläppchen knabberten und er mich mit einer Leidenschaft küsste, die mich alles um mich herum vergessen ließ. Mark war perfekt, einfach alles an ihm war perfekt. Und selbst mein allererstes Mal war perfekt gewesen, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte: romantisch, liebevoll und wie der Himmel auf Erden.

Bis Mark sein wahres Gesicht zeigte.

Warum hatte er mir das nur angetan? Noch dazu nach dieser wunderschönen Nacht.

Der Schmerz in mir war so groß, dass er mich von innen her aufzufressen schien.

Ich rieb mir die pochenden Schläfen und zwang mich, an etwas anderes zu denken.

Florian und Dominik hatten in der Zwischenzeit den Bogen fertig gebaut. Mein Bruder verschwand erneut im Wald und kam kurz darauf mit einigen armlangen Stöcken wieder.

„Taugen die was als Pfeile?“, fragte er und streckte sie Dominik entgegen.

„Könnte gehen“, antwortete dieser, und beide begannen damit, jeweils ein Ende anzuspitzen und in die andere eine Kerbe einzuritzen.

„Jetzt bräuchten wir bloß noch ein paar Federn, um die nötige Stabilität herzustellen“, sagte Dominik.

„Mist. Wo sollen wir die herbekommen?“

„Egal, wird auch so gehen. Los, probier ihn mal aus.“

„Gleich“, entgegnete Florian und ritzte in einen der Stöcke „Flo“ hinein. Prüfend begutachtete er den Pfeil mit seinem Namen, nickte zufrieden und spannte ihn in den Bogen ein. Er zog die Sehne mit Daumen und Zeigefinger weit zurück, zielte schräg in den Himmel und ließ los. Der Pfeil schnellte in hohem Bogen davon und verschwand hinter den Wipfeln der Bäume.

„Wahnsinn! Hast du gesehen, wie weit der geflogen ist?“

Dominik lächelte. „Guter Schuss.“

„Komm, lass uns den Pfeil suchen. Ich will wissen, wo er gelandet ist.“

Sie liefen los, und ich blieb allein mit meinen Gedanken zurück.

Die Zeit verstrich, und Pia und Robert kamen noch vor den beiden anderen zurück. Pia schob unterwegs noch schnell ihr Top wieder in die Hose, und Robert rauchte eine Zigarette.

„Wo sind Dominik und Florian?“, erkundigte sich Pia.

„Suchen nen Pfeil.“

„Hä?“

„Ach, vergiss es. Nicht so wichtig.“

Als sie endlich wieder aus dem Wald auftauchten, machte Florian ein langes Gesicht.

„Haben ihn leider nicht gefunden“, murrte er und befestigte die restlichen Pfeile an der Außenseite seines Rucksacks. Robert sah ihm mit hochgezogenen Augenbrauen dabei zu.

„Kommt ihr auch endlich mal zurück? Können wir dann langsam weitergehen?“, fragte er mit einem genervten Unterton in seiner Stimme.

Was soll diese Reaktion?, dachte ich. Robert konnte sich mal eben mit Pia ins Dickicht verziehen, aber wir hatten hier wohl alle schön brav auf ihn zu warten, oder was?

„Wo müssen wir denn jetzt lang?“ Pia versuchte sich zu orientieren, doch rings herum war nur Wald. „Lara, schau doch mal auf der Karte nach, in welche Richtung es geht. Nicht dass wir uns verlaufen.“

Ich öffnete das Seitenfach meines Rucksacks, wo ich den Plan verstaut hatte, und griff hinein.

Doch die Karte war nicht mehr da.

8

„Verdammt, wo ist die Karte?“ Mit einem leichten Anflug von Panik sah ich die anderen an. „Sie ist weg.“

„Wie, sie ist weg?“, fragte Pia. „Du hast sie doch eingesteckt, oder?“

„Natürlich hab ich das. Aber jetzt ist sie nicht mehr da.“

„Das kann doch gar nicht sein“, sagte Florian. „Wahrscheinlich hast du nur im falschen Fach nachgeschaut.“

„Nein, ganz sicher nicht. Der Kugelschreiber ist nämlich noch da.“

Ich hielt den Stift in die Luft, mit dem Hannes die Route eingezeichnet hatte und den ich sobald wie möglich hatte entsorgen wollen.

„Ich hab ihn in dasselbe Fach getan wie die Karte.“

Ratlos blickten mich die vier an.

„Schau trotzdem in den anderen Fächern nach“, bat Dominik, und ich suchte meinen kompletten Rucksack nach der Karte ab. Doch sie war und blieb verschwunden.

„Hast du sie etwa bei dem Bauern liegengelassen?“, fragte Pia.

„Ich bin doch nicht blöd! Glaubst du, ich steck den Kugelschreiber ein aber nicht die Karte?“

„Und wo soll sie dann bitte sein?“

„Woher soll ich das denn wissen?“

„Jetzt mal nur die Ruhe“, ging Dominik dazwischen. „Sie muss dir unterwegs aus dem Rucksack gefallen sein.“

„Wie soll das gehen, wenn der Reißverschluss zu war?“

„Sie kann sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben.“ Robert kniff die Augen zusammen, und eine Furche bildete sich auf seiner Stirn.

Schweigen machte sich zwischen uns breit, und ich versuchte, mich noch einmal ganz genau an alles zu erinnern, seit wir von Hannes’ Hütte aufgebrochen waren.

Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich die Karte eingesteckt hatte. Unterwegs hatte ich sie kein einziges Mal aus dem Rucksack geholt, und das Fach selbst war fest verschlossen gewesen.

Robert hatte recht, sie konnte sich nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Es gab daher nur eine einzige Möglichkeit: Jemand hatte sie heimlich rausgenommen.

„Wer von euch hat sie?“, wandte ich mich direkt an die anderen, doch die sahen mich lediglich verwundert an.

„Hä?“, meinte Pia. „Wieso soll jemand von uns sie genommen haben?“

„Keine Ahnung. Aber jetzt ist sie nicht mehr da. Also, wer hat sie aus meinem Rucksack geholt?“

Florian zuckte mit den Schultern. „Ich war’s nicht.“

„Was soll der Scheiß?“, fuhr mich Robert an. „Wir waren die ganze Zeit über zusammen. Niemand hat sich an deinem Rucksack zu schaffen gemacht.“

„Ach tatsächlich?“ Ich zog die Brauen hoch. „Und was war am Wasserfall? Unsere Rucksäcke standen unbeaufsichtigt herum, als wir oben auf der Aufsichtsplattform waren. Ich war die Letzte, die von dort wieder runtergekommen ist, also muss einer von euch die Karte an sich genommen haben.“

„So ein Quatsch“, sagte Robert. „Warum sollten wir das tun?“

„Woher zum Henker soll ich denn das wissen? Ich weiß nur, dass der Plan nicht mehr da ist.“

„Ich hab ihn nicht“, meinte Robert, und die anderen verneinten ebenfalls.

Einer von ihnen log, da war ich mir absolut sicher. Nur wer? Und was hatte derjenige davon, wenn er die Karte verschwinden ließ?

Wer kann es nur gewesen sein?, überlegte ich. Wer war als Erster vom Wasserfall weggegangen?

Es war Dominik gewesen. Verstohlen schielte ich zu ihm hinüber, doch sein Gesichtsausdruck war nichtssagend.

Robert und Pia waren ihm kurz darauf gefolgt. Hatte sich vielleicht einer von den beiden an meinem Rucksack zu schaffen gemacht? Aber auch sie machten eine unschuldige Miene.

Und was war mit meinem Bruder? Ich erinnerte mich daran, dass er allein war, als ich die Steinstufen hinabstieg. Theoretisch hätte also auch er die Möglichkeit gehabt, die Karte an sich zu nehmen.

„Sollen wir jetzt vielleicht alle unsere Rucksäcke ausräumen?“, raunzte mich Robert an, der meine Grübelei richtig deutete.

„Ganz genau!“

„Sag mal, hast du sie jetzt noch alle?“

Pia schnitt genervt eine Grimasse, dann öffnete sie wortlos sämtliche Taschen ihres Rucksacks, doch nirgendwo war ein Plan versteckt. Die anderen taten es ihr gleich, doch auch bei ihnen war Fehlanzeige.

Hatte ich tatsächlich erwartet, dass einer von ihnen erst die Karte stahl und danach so dumm war, sie einfach in seine Tasche zu stecken? Natürlich hatte der- oder diejenige sie schnellstmöglich entsorgt.

Aber warum? Diese Frage wollte mir nicht aus dem Kopf gehen.

„Ist euch eigentlich klar, dass wir ohne Karte aufgeschmissen sind?“, meinte ich schließlich nach einer Weile. „Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als ins Tal zurückzugehen und eine neue zu besorgen. Allerdings können wir uns dann auch gleich eine Unterkunft suchen, denn den Aufstieg werden wir vor Einbruch der Dunkelheit dann nicht mehr schaffen.“

„Bitte?“, protestierte Robert umgehend. „Ich latsch doch jetzt nicht mehr den ganzen Weg zurück und brech dann morgen erneut auf. Da geht uns ja ein ganzer Tag verloren.“

„Und was schlägst du stattdessen vor?“

„Mir ist schon klar, dass ihr Frauen Probleme mit dem Kartenlesen habt“, antwortete er. „Aber im Gegensatz zu euch ist bei mir alles ganz genau im Kopf abgespeichert.“

Ich verkniff mir eine sarkastische Bemerkung, wenngleich sie mir förmlich auf der Zunge brannte.

„Hier geht’s lang“, sagte Robert und deutete an mir vorbei. „Nach einer halben Stunde müssen wir uns links halten, und zwar für zwanzig Minuten. Danach nochmal schräg links für eine Stunde, und die restlichen zehn Minuten geht’s dann nach rechts. Und schon haben wir den normalen Weg wieder erreicht.“ Er tippte mit dem Zeigefinger an seine Stirn. „Siehst du, ist alles in meinem Gedächtnis.“

Ich blieb skeptisch.

„Was meint ihr?“, fragte Robert in die Runde.

„Na ja, ich weiß nicht“, antwortete Pia, die schon immer Probleme mit der Orientierung gehabt hatte.

„Also so schwer kann es wirklich nicht sein“, ergriff Florian für Robert Partei. „Sind ja nur zwei Stunden Fußmarsch quer durch den Wald, und sobald wir den normalen Weg erreicht haben, können wir uns gar nicht mehr verlaufen.“

„Na bitte, selbst der Knirps gibt mir recht.“

„Sag mal, geht’s noch?“ Entrüstet stemmte Florian die Fäuste in die Hüfte. „Noch so ein blöder Spruch und ich zeig dir, wer von uns beiden ein Knirps ist!“

„Immer locker bleiben, ja? Mach mal keinen Zwergenaufstand.“

Ich ignorierte die beiden und drehte mich zu Dominik um.

„Was meinst du?“, fragte ich ihn.

Seine Antwort war klar: „Versuchen wir’s.“

Robert wandte sich Pia zu.

„Okay“, meinte sie. „Wenn ihr meint.“

Triumphierend blickte Robert mich an.

„Na schön“, seufzte ich. „Wir sind ja nicht in den Rocky Mountains.“

„Also los, mir nach“, sagte Robert, und wir folgten ihm in den dichten Wald, der mir plötzlich viel düsterer vorkam als vorhin. Ich hatte keine Ahnung, ob es an den Baumwipfeln lag, die so zugewachsen waren, dass die Sonne kaum durchdrang, oder eher an meinem dumpfen Bauchgefühl.

Wenn das nur mal gutgeht, schoss es mir durch den Kopf.

9

Es war ein beschwerlicher Weg durch den Wald, der stetig dichter wurde. Der Aufstieg war steil und mühsam und der Untergrund rutschig. Zielstrebig ging Robert voran, und wir marschierten hinterher.

Die Zeit verstrich.

Nach zwei Stunden hatten wir den Weg, der zur Rautenalm führte, noch immer nicht erreicht, und ich begann mich allmählich zu fragen, ob es wirklich eine so gute Idee war, ausgerechnet Roberts Gedächtnis zu vertrauen. Immerhin hatte er schon zwei Bier intus. Doch ich lief weiter.

Sechzig Minuten später wurden Pia und Florian langsam unruhig, und nach einer weiteren halben Stunde konnte auch Robert nicht länger leugnen, dass wir uns hoffnungslos verlaufen hatten.

Wir hatten keinen blassen Schimmer, wo wir waren. Um uns herum waren nur Kiefern, Fichten und dunkle Tannen, und außer dem Zwitschern der Vögel und einem gelegentlichen Rascheln im Unterholz war nichts zu hören.

„Na toll“, meinte ich. „Und jetzt?“

„Schieb’s nicht auf mich“, antwortete Robert. „Das war jedenfalls genau der Weg, den Papa Schlumpf uns beschrieben hat.“

„Offenbar ja wohl nicht. Sonst stünden wir jetzt nicht irgendwo mitten in der Pampa.“

„Was kann ich denn dafür, dass er uns den falschen Weg genannt hat?“

„Ich glaube eher, dein ach so toller Orientierungssinn hat nicht ganz funktioniert.“

„Dann geh du doch voran, wenn du alles besser weißt.“

Robert zündete sich eine Zigarette an, um sich wieder zu beruhigen.

„Mir reicht’s, ihr Schlauköpfe“, sagte Pia und zog ihr Handy aus der Hosentasche. „Ich ruf jetzt Google Maps auf.“

„Gute Idee.“

Ich beobachtete, wie sie ihr Mobiltelefon anschaltete und wartete. Wortlos starrte sie auf das Display, dann hielt sie das Gerät in die Höhe.

„So ein Mist.“

„Was ist los?“

„Kein Netz“, murmelte sie.

„Was? Das gibt’s doch gar nicht.“

Ich versuchte es mit meinem Handy, doch genau wie bei Pia erschien anstelle des Mobilfunkbetreibers lediglich „Kein Netz“ am linken oberen Rand.

„Shit“, sagte ich.

Während Pia ihr Handy verzweifelt in verschiedene Richtungen hielt, mussten auch Florian und Robert feststellen, dass es hier keinen Empfang gab.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein“, schimpfte Robert. „Wir sind doch hier nicht am Arsch der Welt. Wieso gibt’s hier kein Netz?“

„Brauchst du eigentlich eine Extraeinladung?“, fragte Pia Dominik, der uns teilnahmslos bei unseren vergeblichen Versuchen zusah.

„Wofür?“

„Vielleicht probierst du es auch mal?“ Sie deutete mit einem übertriebenen Grinsen auf ihr Smartphone. „Dein Handy?“

„Hab’s nicht mitgenommen.“

„Was?“

„Ich hab mein Handy nicht mitgenommen“, wiederholte er.

Perplex starrten wir ihn an.

Dominik hatte kein Handy dabei? Wie war der denn drauf? Ich legte meines sogar nachts neben mich auf das Nachtkästchen, damit ich nach dem Aufwachen sofort Facebook checken konnte.

„Wieso hast du es nicht mitgenommen?“

„Was soll ich denn damit in den Bergen?“, entgegnete er.

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus und schüttelte verständnislos den Kopf. Selbst wenn ich zum Mond unterwegs wäre, ich käme garantiert niemals auf die Idee, mein Handy daheim zu lassen.

Pia gab ihre Versuche, ein Netz zu finden, auf und steckte ihr Mobiltelefon zurück in die Hosentasche.

„Und was jetzt?“, fragte sie.

„Zunächst mal ruhig bleiben“, antwortete Dominik.

„Ruhig bleiben?“ Sie blickte ihn bestürzt an. „Ist dir eigentlich klar, dass die Sonne in fünf Stunden untergehen wird? Wenn wir nicht bald diesen verdammten Weg finden, dann schaffen wir das nie und nimmer rechtzeitig bis zur Hütte. Dafür brauchen wir nämlich von da aus auch noch mal gute drei Stunden.“

„Ich weiß“, sagte er. „Aber wir müssen trotzdem einen kühlen Kopf bewahren.“

Ich stellte meinen Rucksack auf dem Boden ab. Es tat gut, das schwere Gewicht von meinem Rücken zu nehmen, und ich streckte mich. Mein T-Shirt war verschwitzt.

„Lasst uns eine kurze Pause einlegen“, schlug ich vor. „Danach starten wir einen erneuten Anlauf. Irgendwo muss der Weg doch sein.“

Erschöpft ließen wir uns nieder. Ich holte meine Wasserflasche aus dem Rucksack und trank durstig, bis sie leer war. Dann kam mir plötzlich ein beängstigender Gedanke.

„Wie viel Wasser habt ihr noch?“, fragte ich.

„Nichts mehr“, antwortete Pia. „Hab grad alles ausgetrunken.“

„Ich hab auch kaum noch was“, sagten Dominik und Florian.

„Wasser ist alle, aber Bier hab ich noch.“ Robert öffnete seinen Rucksack. „Und zwar genau noch zehn Dosen.“

Ich verdrehte die Augen. „Na, dann ist ja alles in bester Ordnung. Wir lassen uns einfach volllaufen, und der Tag ist gerettet.“

„Hast du ein Problem?“

„Ja, hab ich. Nämlich kein Wasser mehr.“

Robert wollte etwas darauf erwidern, doch dann wurde auch ihm der Ernst der Lage bewusst.

„Ich stimme Lara zu“, meinte Pia. „Wir sollten schleunigst zusehen, dass wir irgendwo Wasser finden.“

„Und wo?“

„Keine Ahnung. Aber wir sind hier nicht in der Wüste. Irgendwo wird doch ein Bach oder so sein.“

Ich bemerkte ihre Nervosität und versuchte, sie zu beschwichtigen.

„So schnell verdursten wir schon nicht. Aber lasst uns die Augen offenhalten und bei der erstbesten Gelegenheit unsere Flaschen auffüllen.“

„Und in welche Richtung sollen wir nun gehen?“, wollte Florian wissen.

Ich zuckte ahnungslos mit den Schultern.

„Laut der Karte müssen wir uns nordöstlich halten“, antwortete Robert und sah in den Himmel empor. „Die Sonne steht jetzt im Südwesten. Also geht’s da lang.“ Er deutete nach links.

Ich presste die Lippen zusammen. Robert hatte uns schon einmal in die Irre geführt. Sollten wir ihm tatsächlich erneut folgen? Doch andererseits wusste ich genauso wenig, wo wir waren und wo wir hinmussten. Eigentlich konnte jede Richtung die richtige sein.

Als ob ich es geahnt hätte, dass wir uns verlaufen, dachte ich. Wären wir lieber ins Tal zurück. Doch dafür war es jetzt zu spät.

Wir ruhten uns für zwanzig Minuten aus, dann brachen wir erneut auf. Schweigend liefen wir hintereinander her, während wir immer tiefer in den Wald vordrangen. Es ging nur langsam voran, denn der Anstieg war steil, und unsere Rucksäcke schienen mit jedem Schritt schwerer zu werden. Stellenweise war der Boden so rutschig, dass wir höllisch aufpassen mussten, unser Gleichgewicht nicht zu verlieren. Kaum hatten wir einen Hügel erklommen, tauchte der nächste vor uns auf. Es war ein Auf und Ab, und die Ebenen dazwischen zogen sich zäh wie Kaugummi dahin.

Es dauerte nicht lange, bis wir alle fünf nach Wasser lechzten.

Aber so sehr wir auch suchten, außer einem abgestandenen Tümpel, der von Dutzenden Mücken umschwirrt wurde, fanden wir keine Frischwasserquelle.

Mein Mund fühlte sich ausgetrocknet an, und das Schlucken fiel mir zunehmend schwerer. Ich schwitzte, und mein Körper verlor dadurch noch mehr Flüssigkeit. Gleichzeitig begann mein Magen zu knurren, doch ich wagte nicht, eine Semmel zu essen. Meine Kehle kratzte ohnehin schon genug.

Irgendwann hielt ich es nicht länger aus.

„Hey, Robert“, sagte ich. „Bleib mal stehen.“

„Was denn? Brauchst du etwa schon wieder eine Pause?“

„Nein, aber dringend was zu trinken.“

Robert drehte sich zu mir um und setzte ein übertriebenes Grinsen auf. „Aber selbstverständlich. Was hätte die Dame denn gerne? Eine Flasche Adelholzener mit extra Sprudel oder lieber ein Bad Pyrmonter Quellwasser?“

Ich verdrehte die Augen. „Lass den Scheiß und gib mir lieber ein Bier.“

„Ach, auf einmal?“

„Ich will auch eines“, sagten Pia und Florian gleichzeitig.

„Ich halte das für keine gute Idee.“ Dominik sah uns der Reihe nach an. „Wir müssen einen klaren Kopf bewahren.“

„Ich verdurste gleich!“

„Bewahr du mal ruhig deinen klaren Kopf“, sagte Pia und schob sich an Dominik vorbei. „Ich will was zu trinken.“

Robert stellte seinen Rucksack ab, holte zwei Dosen Bier heraus und reichte sie Pia und mir. Hastig öffnete ich sie und trank. Mein Verstand sagte mir, dass ich nicht alles auf ex trinken sollte, schon gar nicht auf fast nüchternem Magen, doch meine Kehle gierte so sehr nach Flüssigkeit, dass ich die Warnung ignorierte.

Als die Dose leer war, hatte ich immer noch Durst. Ich schüttelte die Dose und versuchte vergeblich, den letzten Tropfen herauszuholen.

Mehr, schrie meine Kehle, doch es war nichts mehr übrig.

Der Alkohol stieg mir zu Kopf, und ein leichter Schwindel erfasste mich.

Robert und Pia hatten genauso schnell getrunken wie ich, und an ihren Gesichtsausdrücken konnte ich erkennen, dass sie ebenfalls noch durstig waren.

„Krieg ich endlich auch was?“, murrte Florian und streckte Robert die Hand entgegen.

„Vergiss es“, entgegnete dieser. „Alkohol ist nichts für kleine Kinder.“

„Ich bin kein Kind mehr! Und jetzt gib mir gefälligst ein Bier.“

Robert warf seine leere Dose achtlos vor Florians Füße. „Kannst ja den letzten Schluck hieraus trinken. Mehr verträgst du eh nicht.“

Florians Augen verengten sich zu winzigen Schlitzen. „Du verdammter …“

Bevor die Situation endgültig eskalierte, ging ich dazwischen. „Gib ihm was“, sagte ich mit solch scharfem Unterton in meiner Stimme, dass Robert schließlich eine weitere Dose aus seinem Rucksack holte.

„Nur noch sechs übrig“, grummelte er.

Ich warf einen Blick zu Dominik, der schweigend und mit zusammengepressten Lippen dastand. Sein Brustkorb hob und senkte sich im schnellen Rhythmus. Der seltsame Ausdruck in seinen Augen jagte mir eine Heidenangst ein.

Was war nur los mit ihm? Er musste doch genauso durstig sein wie wir.

„Krieg ich noch eines?“, fragte Florian, nachdem er das Bier in einem Zug ausgetrunken hatte. „Ich …“

Robert warf ihm einen Blick zu, der ihn augenblicklich verstummen ließ.

Autor

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    Patricia Walter (Autor)

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Titel: Schwarzer Abgrund (Thriller)