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Ein Cowboy im Dörfle (Kurzgeschichte, Liebe)

von Maria Appenzeller (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Eigentlich wollte Laura mit Cowboy Jase Jackson Schluss machen — per Skype, denn wer fliegt für einen Kurztrip von Bayern nach Nevada? Das dachte Laura, aber nicht der Cowboy. Spontan steigt er in den Flieger, um Lauras Herz zurückzuerobern. Doch Jase Jackson ist so ganz und gar nicht der Amerikaner, den die Dörfler erwartet haben.

Impressum

booksnacks

Erstausgabe Januar 2020

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-317-4

Covergestaltung: Sarah Schemske
unter Verwendung von Motiven von
fotolia.com: © sunnychicka
shutterstock.com: © Africa Studio
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Bäcker Josi Himmelhuber spreizte mit Daumen und Zeigefinger die Lamellen der Jalousien und spähte hinaus auf den Dorfplatz. „Oh!“, sagte er.

Soeben hatte der klapprige Landrover der Steiners vor der Bäckerei geparkt. Der Bäcker ließ die Jalousien los und eilte aus dem Hinterzimmer in den Verkaufsraum. „Guten Morgen! Was für ein herrlicher Morgen!“, begrüßte er den eintretenden Mann überschwänglich, als hätte er ihn nicht erst gestern gesehen. Rudi Steiner, Bauer am Steinerhof, hievte die rote Kiste auf den Verkaufstresen und seufzte.

Geschäftig räumte Bäcker Himmelhuber die Milchflaschen, Joghurtgläser und gläsernen Behältnisse mit Quark aus der Kiste und schichtete sie in die Kühlvitrine. Himmelhubers kleiner Laden war mehr als die Bäckerei am Ort. Tatsächlich war sie der einzige Tante-Emma-Laden weit und breit und das Nachrichtenzentrum von Sittichau am Bergsee.

Schwungvoll riss Himmelhuber den Bon mit der Lieferbestätigung vom Drucker, reichte ihn über den Tresen und beugte sich vor. Josi Himmelhuber senkte vertraulich die Stimme: „Was ist los, Steiner? Hat man dir den Führerschein genommen“ — er deutete mit einer Kopfbewegung zur Tür hinaus — „oder warum spielt Laura Chauffeur?“

Rudi Steiner wand sich. Er seufzte abermals.

„Ach, komm schon!“ Himmelhuber trat einen Schritt zurück. Er faltete die Hände über der Kugel seines Bauches und bedachte Steiner mit einem vorwurfsvollen Blick. „Du weißt doch, Rudi: Mir bleibt nichts verborgen. Also, warum chauffiert dich Laura?“

Seufzend senkte der Bauer den Kopf und gab klein bei: „Laura braucht heute das Auto. In den Serpentinen fahre ich einfach zu langsam, sagt sie. Darum hat sie angeboten, selbst zu fahren. Laura bringt mich auch wieder heim und dann fährt sie weiter zum Flughafen …“

„Flughafen!“ Das Wort entfuhr Josi Himmelhuber. Er riss den Kopf herum und starrte zu Laura hinaus, die an der Fahrertür des Landys lehnte und mit den Fingern auf den Lack trommelte. „Was zum Teufel will deine Tochter am Flughafen! Fliegt sie wieder nach Amerika? Lässt sie dich und Tim alleine daheim? Das kann Laura doch nicht machen! Jetzt, wo ihr sie so dringend braucht — Tim ist erst zwölf!“

Wieder seufzte Steiner. Lapidar antwortete er: „Der Amerikaner kommt!“

„Oho!“ Josi Himmelhuber rieb sich die Hände. Das war ja mal eine Nachricht. Laura Steiner und ihr Amerikaner! Wunderbar. Er brauchte Details. Der Bäcker öffnete den Mund. Mindestens fünfzehn Fragen lagen ihm auf der Zunge. Aber er kam nicht dazu, nur eine einzige zu stellen.

Die Tür schwang auf. Laura Steiner stand ihm Rahmen — sie stemmte die Hände in die Seiten, ihr hellbrauner Pferdeschwanz wippte und ihre Augen blitzten. Das Mädchen sah aus wie ihre Mutter. „Papa! Wir müssen. Jetzt!“

Rudi Steiner zuckte zusammen. „Ich komme ja schon“, murmelte er. „Nichts für ungut, Himmelhuber, nichts für ungut, aber wir müssen.“ Hektisch stopfte der Bauer den Bon in die Brusttasche seiner Latzhose. Dann wuselte er hinter seiner Tochter zum Auto, schob sich auf den Sitz und zog behutsam die Autotür zu. Lauras Tür hingegen knallte und Josi Himmelhuber beobachtete, wie Laura auf ihren Vater einredete, während sie den Zündschlüssel umdrehte und rückwärts vom Parkplatz schob.

„Zu spät, liebe Laura“, sagte Himmelhuber in den leeren Verkaufsraum hinein und grinste schadenfroh. „Ich weiß, was ich wissen muss, ha!“

Zehn Minuten später kamen die ersten Kunden. Es waren der Rauchfangkehrer und sein Geselle Max, die sich — wie jeden Morgen in noch sauberer Kluft — das Frühstück holten.

„Guten Morgen! Was für ein herrlicher Tag heute“, grüßte Himmelhuber, zog eine Papiertüte hervor und griff nach der Brötchenzange. „Das Übliche?“, sagte er, begleitet von seinem verbindlich fragenden Bäckerblick. Auf das Nicken seiner Kunden wartete er erst gar nicht. Sanft wandte er sich an den Gesellen: „Max, das interessiert dich gewiss. Laura Steiner erhält Besuch.“ Josi Himmelhuber machte eine Kunstpause. „Der Amerikaner.“

Max´ verschlafener Blick verpuffte. Entsetzt starrte er Himmelhuber aus seinen wasserblauen Augen an.

Der änderte seinen Tonfall von sanft zu herablassend. „Das wird wohl nix. Laura und du auf dem Dorffest. Sie wird nur Augen für ihren Amerikaner haben. Schade eigentlich. Der Steiner hätte gewiss lieber dich zum Schwiegersohn. Wobei es natürlich schwierig ist, zu sagen, was der Steiner überhaupt will. Ich habe ja den Eindruck, das weiß er selbst nicht so genau — macht fünf achtzig, zwanzig Cent zurück.“

Die Tür schwang auf. Himmelhuber strahlte. „Ah — Frau Bürgermeister! Alles fertig für die Gemeinderatssitzung? Haben Sie schon das Neueste gehört? — Nein? Sittichau wird international.“

„Schmarrn“, entgegnete die Bürgermeisterin unwirsch.

Himmelhuber lächelte. Er legte beide Hände auf den Tresen und betrachtete seine abgenagten Fingernägel. Manchmal musste man sich Zeit lassen, bevor man die Bombe platzen ließ. Niemand wusste das so gut wie Josi Himmelhuber.

„Na, dann sagen Sie schon“, forderte ihn die Bürgermeisterin ungehalten auf.

Himmelhuber hob den Blick. Die Bürgermeisterin war eine kräftige Frau, die Sittichaus Zepter fest umklammert hielt. Alles zu wissen, gehörte zu ihrem Job. Josi Himmelhuber feierte jedes Mal einen kleinen Triumph, wenn er mehr wusste als sie. Jetzt leckte er sich die Lippen, senkte die Stimme und genoss jedes Wort: „Laura Steiners Amerikaner kommt.“

 

***

 

Jase Jackson saß im Flieger und hatte die Augen geschlossen. Er schlief nicht, er wollte sich beruhigen. Das funktionierte am besten, indem er sich auf seinen Atem konzentrierte. Jase wusste das von unzähligen Starts beim Rodeo. Ein. Aus. Ein. Aus, ein ... Diesmal klappte es nicht. Er war einfach zu nervös.

Jase stieß die Luft aus. Er starrte auf die Sitzlehne vor sich. Dichtes, graues Haar wucherte dahinter empor wie trockenes Gras in den Steppen Nevadas. Wie lange war der alte Knacker in der Reihe vor ihm nicht mehr beim Friseur gewesen? Jase fand Männerhaare, die länger als zehn Millimeter waren, unpraktisch. Seine Locken hielt er kurz geschoren. Sonst schwitze er unter dem Hut zu viel.

Jase Jackson hob seine Hand und massierte seine Nasenwurzel. Drei Stunden noch, dann würde er sie wieder im Arm halten. Oder auch nicht. Jase gestand sich ein, dass er Angst hatte. Was, wenn Laura wenige Schritte vor ihm stehenbleiben würde, anstatt ihn zu umarmen und zu küssen? Würde er sich trauen, sie an sich zu ziehen? Er liebte Laura. Und sie auch ihn?

Darum flog Jase nach Europa. Eine Fernbeziehung war auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Dabei hatte alles so gut angefangen und Laura und Jase waren zuversichtlich gewesen, dass nichts — auch keine neuntausend Kilometer zwischen Reno und München — ihrer Liebe schaden würde. Sie hatten einen Traum gehabt, der ihnen Kraft gegeben hatte. Doch seit der Sache mit Lauras Mutter war alles anders geworden.

Laura würde kein weiteres Jahr auf der Gästeranch der McCutchens verbringen, wie sie es geplant hatten. Sie würde nicht wieder bei Jase in der kleinen Hütte wohnen, in der er lebte, seit er bei den McCutchens angeheuert hatte. Sie war mit der Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen nach Europa zurückgekehrt, als ihr freiwilliges soziales Jahr in Amerika zu Ende gegangen war. Laura hatte arbeiten wollen und Geld für Nevada verdienen — und jetzt das!

Via Skype hatte Jase registrieren müssen, wie ihn Laura aus ihrem Leben auszuschließen begann. Das hatte Folgen gehabt. Ihre Verbundenheit war zerbröckelt, seine Scherze konnten sie nicht mehr aufmuntern, die Liebe seines Lebens war ihm fremd geworden. Jase verstand ihre Situation — Laura steckte in der Zwickmühle. Er wollte sie nicht verlieren. Aber er wusste nicht, ob das nicht bereits passiert war.

Wieder rieb er sich die Nasenwurzel. Was er tat, war richtig. Es war eine gute Entscheidung gewesen, Laura per WhatsApp vor vollendete Tatsachen zu stellen: Wir müssen reden. Freitag, Flughafen München. Bitte hole mich ab, Jase.

 

***

 

Laura trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Ein Auto nach dem anderen staute sich auf der A 92 München-Deggendorf. Sie würde den Flughafen nie rechtzeitig erreichen. Warum musste aber auch alles schiefgehen? Zuerst Himmelhuber und jetzt Stau.

Genervt von Gott und der Welt griff sie nach der Handtasche auf dem Beifahrersitz und kramte nach dem Handy. Mittlerweile war der Verkehr komplett zum Erliegen gekommen. Zeit genug, um Jase eine WhatsApp zu schicken. Er würde die Nachricht zwar erst in einer Viertelstunde empfangen können. Aber besser spät als nie.

Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie würde Jase wiedersehen. So hatte sie das nicht vorgehabt. Alles wäre einfacher, wenn er in Nevada geblieben wäre. Morgen, zu ihren üblichen Skype-Zeiten, hätte sie mit ihm Schluss gemacht. Naja, vielleicht erst übermorgen. Oder nächste Woche. Irgendwann jedenfalls. Wieder zog sich ihr Herz zusammen. Der Gedanke Jase aufzugeben, war unerträglich. Sich vorzustellen, dass er irgendwann, wenn er die Trennung überwunden hatte, ein anderes Mädchen lieben würde — Laura traten die Tränen in die Augen.

Verdammt, sie wollte ihr altes Leben zurück!

Laura wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht und biss die Zähne aufeinander. Es gab keine Zukunft. Sie würde alle Kraft der Welt aufbringen müssen, wenn Jase vor ihr stand. Aber Laura würde es schaffen. Sie hatte sich doch nicht umsonst die Nacht um die Ohren geschlagen und diesen verfluchten Satz immer wieder vor dem Spiegel aufgesagt: Jase, ich kann nicht mehr. Bitte lass mich gehen.

Laura fing an zu weinen. Hinter ihr hupte es. Sie ließ die Kupplung kommen und rollte vorwärts, während sie nach Taschentüchern suchte. Sie schnäuzte sich, betupfte die Augen und schluckte alles hinunter — die Tränen, den Kloß in ihrem Hals, die Angst und die Panik. Sie war ein starkes Mädchen. Sie würde es schaffen. Nüchtern betrachtet war das mit Jase ihre geringste Sorge.

Endlich war sie am Ziel. Laura fand eine Parklücke in der Haltezone am Terminal. Sie verstaute das Handy in der Seitentasche ihrer Jeans, knallte die Autotür zu und flitzte los. Der Flieger aus Atlanta war vor vierzig Minuten gelandet. Bestimmt saß Jase in einem der Cafés. Sie fasste nach dem Handy, um eine weitere Nachricht zu tippen — da sah sie ihn. Lauras Herz machte einen dummen Sprung.

Jase war nicht zu übersehen. Er lehnte an einer Säule in der Nähe des Infogates. Lange Beine, Bluejeans, Cowboyhut. Laura fühlte sich hilflos.

Er hatte ihr angekündigt, mit dem Hut auf sie zu warten. Falls du vergessen haben solltest, wie ich ohne aussehe, hatte er geschrieben. In Europa ist so etwas peinlich, war ihre Antwort gewesen. Klar, dass ihm das egal sein würde.

Jase sah gut aus. Gott, wie hatte sie ihn vermisst!

Als er Laura entdeckte, zog er den Hut und deutete eine Verbeugung an. Laura sah sein wolliges, millimeterkurzes Haar — und ihr Herz machte noch einen Satz.

Ohne es zu wollen, fingen Lauras Beine an zu laufen.

Jase breitete die Arme aus. In wenigen langen Schritten war er bei ihr. Er schlang seine Arme um sie und zog Laura an sich. Sie spürte seinen harten Körper. Er lachte an ihrem Ohr. Sanft schob er sie wieder von sich und küsste sie mit weichen Lippen auf den Mund.

„Lorra“, sagte er mit seinem typisch amerikanischen Akzent.

Lauras Denken setzte aus. Sie griff nach seiner Hand. Blassrosa und kaffeeschwarze Finger mit heller Unterseite verflochten ineinander. Laura küsste seinen Handrücken, atmete den Duft seiner Haut und sagte: „Ich bin so froh, dass du da bist, Jase.“

Das war die Wahrheit für diesen Moment.

 

***

 

Rudi Steiner seufzte. Er kletterte von seinem Steyrer Traktor, Baujahr 1983. Alles wäre einfacher, wenn Christine noch leben würde, dachte er. Steiner befestigte das hydraulische Balkenmähwerk. Der Betrieb lief seit Jahren schlecht, doch seit dem Tod seiner Frau durfte er nicht einmal mehr von einem Trommelmähwerk träumen. Rudi Steiner vermisste seine Christine, im Besonderen ihr energisches Regiment.

Ja, sie würde wissen, was zu tun war, wenn der Amerikaner kam. Er wusste es nicht. Seufzend kletterte Steiner zurück in die Traktorkabine. Er startete. Der Traktormotor schlug schwerfällig an.

Steiner tuckerte los, als ein blauer Golf in die Hofeinfahrt raste. Mit weißer Mütze und schwarzem Overall stieg Rauchfangkehrer Max aus. Der Geselle lief neben dem Traktor her, sprang auf das Trittbrett und brüllte: „Stimmt es, dass Lauras Amerikaner kommt?“

Rudi Steiner stellte den Traktor ab. Plötzlich war es still. Nur die Spatzen tschilpten und eine Kuh muhte. Steiner starrte auf das Lenkrad und dachte: Warum interessiert sich alle Welt für den Amerikaner? Er wollte weder Ja noch Nein sagen. Am liebsten wäre er aufgewacht und hätte sich in der Küche einen Kakao gemacht. Aber das war kein Traum. Seine Frau lebte nicht mehr und Laura hatte nichts Besseres zu tun, als ihren Liebhaber über den Atlantik fliegen zu lassen. Sie war ja ein braves Kind, das musste er zugeben. Laura arbeitete für drei seit ihre Mutter ...

Steiner dachte den Satz nicht zu Ende, denn Max patschte auf die Hupe und brüllte: „Ist Laura nun zum Flughafen gefahren oder nicht? Ein Ja oder ein Nein will ich hören!“

Rudi Steiner hob es fast vom Sitz. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Er wischte sich über die Glatze: „Ja“, gab er kleinlaut zu. „Sie ist zum Flughafen gefahren.“ Max´ Kiefer malmten.

„Glaube mir", klagte Steiner, „du wärst mir lieber. Ich kann ja gar kein Englisch.“

Max antwortete nicht. Er sprang vom Trittbrett, stieg ins Auto und brauste davon.

Steiner atmete erleichtert auf. Er schloss die Augen und lauschte seinem unruhig klopfenden Herzen. Ein Infarkt wäre auch eine Möglichkeit, dachte er.

„Was war das denn für eine Scheiße?“ Die Stimme seines Sohnes Tim riss ihn aus den Gedanken. Der Zwölfjährige stand breitbeinig vor dem Traktor und funkelte seinen Vater so herausfordernd an, dass Steiner schlecht wurde. Was war nur los? Warum waren seine Kinder wütend auf ihn? Er hatte sie nicht im Stich gelassen. Im Gegensatz zu Christine hatte er nicht auf dem Boden gelegen — neben dem umgekippten Kochtopf und dem Schweinebraten.

„Der Max wäre dir lieber?", keifte Tim. „Damit du es weißt, Papa: Laura kann sich ihren Kerl selbst aussuchen und den Max will sie nicht!“

„Das sehe ich. Aber ich verstehe es nicht“, murmelte Steiner. „Max ist doch ein patenter Bursche.“

„Patenter Bursche“, äffte Tim seinen Vater nach. „Max ist ein Vollkoffer. Er geht Laura tierisch auf den Nerv.“

Steiner seufzte wieder. „Aber ein Amerikaner“, jammerte er.

Tim zuckte die Schultern und kicherte. „Kann dir doch egal sein. Hauptsache kein Neger.“

„Um Himmels willen! Alles, nur das nicht“, rief Rudi Steiner schockiert. „Was gibt es da zu lachen, Tim? Das ist nicht lustig. Warum bist du nicht in der Schule?“

„Weil ich daheim geblieben bin“, erwiderte Tim pappig, drehte sich um und schlurfte über den Hof. Er öffnete die Tür zum Wohngebäude und warf sie hinter sich zu.

Rudi Steiner schüttelte den Kopf und fühlte sich überfordert. Wenn doch seine Frau noch leben würde! Sie wüsste, wie mit Tim umgegangen werden musste. Der Junge war schon immer ein Rotzlöffel gewesen, aber das Schulschwänzen war neu. Rudi Steiner hatte keinen Schimmer, was er als Vater dagegen tun sollte.

 

***

 

Laura schalt sich einen Dummkopf. Klüger wäre es gewesen, mit Jase in der Nacht anstatt bei Tageslicht durch Sittichau zu fahren. Jase gehörte nicht zu diesen hellen Afroamerikanern. Seine Haut war dunkler, als die der meisten farbigen Menschen, die Laura bis dato zu Gesicht bekommen hatte. Schokoladebraun würde es nicht treffen. Wie matt schimmernde, braunschwarze Seide spannte sie sich über seine glatte Stirn, seine hohen Wangenknochen und die schlanke, ein bisschen untypische Nase. Laura liebte diese Pigmentierung, sie liebte das Spiel der Muskeln unter dieser Haut — fast so sehr wie sein Lächeln. Aber im Augenblick wünschte sie, Jase wäre bleich wie Milch. In diesem Kaff kannte jeder jeden mit Stammbaum bis in die fünfte Generation. Sogar Städter stellten in Sittichau eine Attraktion dar — wie viel mehr Jase.

Bäcker Josi Himmelhuber hatte ganze Arbeit geleistet. Um einen Blick auf Jase zu erhaschen, liefen die Dörfler auf offener Straße zusammen. Im Rückspiegel sah Laura die Bürgermeisterin quer über die Rabatte stolpern — hinter ihr Himmelhuber. Nur Max war gottlob nirgends zu entdecken.

Was musste Jase denken? Nie im Leben hatte Laura sich so geschämt.

„Schaut aus, als hättet ihr selten Besuch“, stellte Jase trocken fest. Er deutete auf die Berge. „Ziemlich gottverlassen hier.“

„Ein weißer Fleck auf der Landkarte“, bestätigte Laura leise.

Sanft berührte Jase Lauras Knie. „Mach dir nichts draus. Ich will da sein, wo du bist.“

Tränen stiegen ihr in die Augen. Jase war perfekt. Warum musste er ausgerechnet aus Nevada kommen?

„Schau“, sagte sie, um nicht loszuheulen. „Dort ist der Bergsee. Er ist wunderschön, dunkelblaues Wasser, eiskalt. Und dort drüben liegt unser Bauernhof. Zehn Minuten Serpentinen, dann sind wir da.“

Jase folgte Lauras ausgestreckter Hand und guckte zur Windschutzscheibe hinaus.

„Wie in den Sierras“, meinte er. In seiner Stimme schwang Bewunderung mit. „Bestimmt kann man hier wunderbar reiten, nicht wahr?“

Laura lächelte. „Stimmt. Trampelpfade gibt es genug.“

„Zeigst du sie mir?“

„Vielleicht.“

„Okay, du zeigst sie mir. Abgemacht?“

„Ist gut“, murmelte Laura. Wie sollte sie bloß die Nacht überstehen? Sie hatte nie vorgehabt, Jase mit nach Hause zu nehmen. Anstatt ihm den Laufpass zu geben und ihn postwendend nach Amerika zurückzuschicken, war sie in seine Arme gelaufen. Jase hatte keine Ahnung, was wirklich los war. Er glaubte, sie würde glücklich sein.

Das war sie auch. Laura war hibbelig vor irrationalem Glück — und kämpfte doch gegen eine Panikattacke. In ihrem Zimmer hatte sie nicht einmal eine Matratze aufgelegt. Ihr Bett war sowieso zu klein.

Doch das waren nicht alle Probleme. Sie hatte ihren Eltern von Jase erzählt, aber verschwiegen, dass er Afroamerikaner war. Ihre Mutter hatte alles gehasst, was ihr fremd gewesen war. Einen Farbigen als Schwiegersohn hätte sie niemals akzeptiert. Infolgedessen ahnte auch der Vater nichts. Wie würde er reagieren? Würde er überhaupt irgendeine Art von Reaktion zeigen? Rudi Steiner hatte sich sein Leben lang hinter der Meinung seiner Frau verschanzt. Seit ihrem Tod verharrte er in Schockstarre. Wenn Laura nicht eingegriffen hätte, wäre der Hof längst pleite.

Hinter dem Hügel tauchten die ersten Gebäude des Steinerhofes auf. Kuhstall, Wohntrakt, Maschinenschuppen und die Scheune mit den beiden Boxen für die Pferde.

Lauras Herz begann zu hämmern. Morgen würde sie Jase reinen Wein einschenken. Doch heute würde sie kämpfen. Egal was ihr Vater dachte: Er hatte nicht das Recht, ein Wort gegen Jase zu sagen, wenn er es nicht fertig brachte, eine schlichte Einnahmen-Ausgaben-Rechnung aufzustellen. Selbst Tims Erziehung hatte er auf Laura abgewälzt. Laura griff nach Jase´ Hand, ehe sie den Motor abstellte.

 

***

 

Durch das weit geöffnete Tor flutete das goldene Licht der Abendsonne bis zum Futtertisch. Die Kühe reckten die Hälse, ihre langen Zungen griffen nach dem Gras, das Rudi und Tim Steiner vor ihre Mäuler gabelten.

Die Katze tapste über das ausgebreitete Grünfutter. Sie schmiegte sich an Rudi Steiners Bein und schnurrte. Mit einem Seufzen stieg er über sie hinweg.

Dann hörte er den Landrover in den Hof fahren. Steiners Mund trocknete aus. Einmal, zweimal schlugen die Autotüren zu. Laura baute sich breitbeinig im Stalleingang auf. Ihr aufrechter Körper warf einen langen Schatten.

Sie ahnt, dass ich den Amerikaner nicht will, schoss es Rudi Steiner durch den Kopf. Dabei hatte er nie etwas gegen ihn gesagt. Es war ihre Mutter gewesen, die sich wochenlang über den Ausländer ausgelassen hatte. Lauras angriffslustige Haltung ließ Rudi Steiner in sich zusammenfallen.

Ein hochaufgeschossener Mann erschien hinter seiner Tochter, den Rucksack salopp über der Schulter, Jeans, Cowboyhut und — Rudi Steiners Hals schnürte sich zu. Sein Blick floh zu Tim. Der lehnte auf die Gabel gestützt und grinste schadenfroh.

„Das ist Jase“, sagte Laura mit fester Stimme. Jase hob die Hand zum Gruß.

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    Maria Appenzeller (Autor)

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