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Lügen haben Männerbeine (Humor, Liebe)

von Thomas Kowa (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Uli Abus, Experte für Bürokratieabbau und gescheiterte Beziehungen ist wieder einmal Single. Dummerweise steht er gerade jetzt vor der größten Herausforderung seines Lebens: Sein vierzigster Geburtstag. Als Uli sich auch noch in Amelie, die Sprechstundenhilfe seines Psychologen verguckt, gibt er sich kurzerhand als Dreißigjähriger aus. Schließlich fühlt er sich mangels Hämorrhoiden, Halbglatze und Harley-Davidson immer noch verdammt jung. Doch auf dem Weg in den Urlaub nach Lloret del Mar wird sein Lügengerüst auf die erste Probe gestellt, denn dort trifft er auf Amelie …

Impressum

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Erstausgabe Februar 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-160-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-568-0

Covergestaltung: Christin Peulecke
unter Verwendung von Motiven von
© elnur/shutterstock.com und © creativepack/freepik.com 
Lektorat: Daniela Höhne

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Vorwort

Die Idee zu diesem Buch hatte ich am Vorabend meines vierzigsten Geburtstags. Ich dachte: Was wäre, wenn ich die Zeit einfach zehn Jahre zurückdrehen könnte?

Ein bisschen mit dem Alter zu schummeln ist natürlich keine neue Idee und manche Schauspielerin, mancher Sportler und das ein oder andere Popsternchen haben die Lebensuhr in der Vergangenheit ein wenig zurückgestellt.

Aber benehmen wir uns im Grunde nicht alle, als wären wir ein paar Jahre jünger? Früher waren Vierzigjährige gefühlt steinalt, heute gehen sie auf Technopartys, laufen Marathon und spielen ihre Jugend nach, nur mit mehr Geld.

Daher ist Vierzig das neue Dreißig.

Vierzig ist nun mal ein haarsträubendes Alter, zumindest wenn man noch Haare hat.

Und zwar nicht nur an den Beinen.

Mit dreißig hingegen gilt man immer noch als jung-dynamisch, selbst wenn man ein spießiger Innentaschenbügler ist.

Vorurteile sind eben was Tolles, jedenfalls wenn man zu den Profiteuren eines solchen Urteils gehört.

Inzwischen habe selbst ich mein Alter soweit verkraftet, dass ich darüber lachen und schreiben kann. Meinen inneren Frieden mit der bösen Vier verdanke ich im Wesentlichen der Tatsache, dass diese fiese Fünf immer näher rückt.

Dieser Roman hat übrigens auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel und spielt aus einem ganz speziellen Grund – den der aufmerksame Leser schnell erahnen wird – im Jahr 2016.

Damals dachte ich noch, bis dahin wird das Buch sicher veröffentlicht sein, aber manches Mal rennt die Zeit einfach schneller als man selbst.

Jedenfalls freue ich mich, dass der Roman nun erschienen ist. Das Thema finde ich nämlich nach wie vor sehr aktuell, denn wer wäre nicht gern jung, ohne unerfahren zu sein?

Und so bleibt mir nur noch viel Spaß und wenig Falten zu wünschen mit Lügen haben Männerbeine.

Thomas_Kowa

Ich würde alles auf der Welt tun, um meine Jugend wiederzuerlangen,
außer Sport treiben, früh aufstehen oder ehrbar werden.

Oscar Wilde

01

»Mit zwanzig kann man jede Nacht durchmachen, mit dreißig verzeiht der Körper nichts mehr und ab vierzig geht er von allein kaputt«, sagt Sandy und beugt sich näher zu mir. »Daher will ich niemals vierzig werden.«

Ich lächle unbeholfen und blicke auf den Speeddating-Fragebogen mit den Daten der Teilnehmer. Sandy ist vierundzwanzig und sie wird ihre Meinung wahrscheinlich noch so häufig ändern wie ihre Haarfarbe.

»Und, wie alt bist du?«, fragt sie und legt einen ihrer beiden Heidi-Klum-Gesichtsausdrücke auf. Das soll wohl entschlossen wirken, aber tatsächlich sieht es so aus, als müsse sie mal für kleine Supermodels.

Warum dürfen Frauen jeden Mann nach seinem Alter fragen, aber umgekehrt ist es eine Indiskretion? Wir Männer haben doch auch Gefühle!

Selbst wenn wir sie nie zeigen.

Das ist wahrscheinlich auch besser so, denn Männer jammern viel erbärmlicher als Frauen. Hört man einem erkälteten Mann zu, könnte man glauben, jeder Schnupfen führe unweigerlich zu einer doppelseitigen Lungentransplantation.

»Was ist?«, fragt Sandy und blickt mich zu meiner Überraschung entschlossen an. »Hast du dein Alter vergessen?«

Einerseits bin ich von autoritären Frauen meist dermaßen beeindruckt, dass ich unweigerlich tue, was sie wollen. Ich will ihr schon die Wahrheit sagen, da halte ich inne. Denn andererseits war ich auf dieser Singlebörse im Internet, die ich vor dem Speeddating ausprobiert habe zu hundert Prozent ehrlich gewesen. Trotzdem wurde ich immer nur dann von Frauen kontaktiert, wenn zufällig mein Abonnement auslief. Wahrscheinlich dachte jede potentielle Partnerin, wenn ich angebe, ich sei neununddreißig, hätte noch alle meine roten Haare und eine normale Figur, dass ich in Wirklichkeit dreiundfünfzig, aufgedunsen und glatzköpfig bin. Oder Boris Becker.

Ich schaue Sandy in die Augen. Ihr Blick ist immer noch entschlossen. »Ich werde morgen vierzig«, sage ich schließlich.

Sandy steht augenblicklich auf, beugt sich zu mir, ihre langen, blonden Haare schwingen in meine Richtung. Will sie mir einen Kuss geben? Mitten im Speeddating? Ich meine, ich sehe trotz meiner roten Haare nicht unattraktiv aus, aber das ist mir noch nie passiert, ein Kuss, neunzig Sekunden nachdem ich eine Frau kennengelernt habe. Oder zahlt sich meine Ehrlichkeit endlich aus?

Langsam öffnen sich ihre Lippen.

Weil man das in Hollywoodfilmen so macht, beuge ich mich nun auch vor und öffne meine Lippen.

»Ich geh schon mal eine rauchen«, sagt Sandy und stolziert auf ihren High Heels davon. Ein echter Sex-Torpedo. Schlank, zielsicher, doch drückt man die falschen Knöpfe, verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen.

Und ich bin ein Meister darin, die falschen Knöpfe zu drücken.

Normalerweise würde ich jetzt tagelang meine Fehler analysieren, doch beim Speeddating bleiben mir nur drei Minuten, bis der Dating-Gong ertönt und die nächste Frau an meinen Tisch kommt.

Ich sitze hier, weil auf meiner morgigen Geburtstagsparty ein massiver Frauenmangel herrscht und ich möglichst viele Speeddaterinnen einladen möchte.

Wenn ich nebenbei eine tolle Frau kennenlerne, würde ich mich auch nicht beschweren.

Trotz des Debakels eben stehen die Chancen dafür gar nicht so schlecht, denn unter den Teilnehmerinnen ist eine, die mir extrem gut gefällt: Miss Pagenschnitt.

So habe ich sie jedenfalls genannt, als sie den Raum betrat, denn sie trägt eine weiße Bluse, einen schwarzen Rock, passende Stilettos und – wer hätte das gedacht – einen schwarzen Pagenschnitt. Obwohl ich noch kein Wort mit ihr gewechselt habe, weiß ich jetzt schon, dass sie clever ist, warmherzig und selbstbewusst. Bei manchen Frauen sieht man das einfach.

Das Problem ist nur der Typ, der ihr gegenübersitzt.

Schrotkorn.

Ein Arbeitskollege von mir, jedenfalls wenn man ein von McKinsey eingeschleustes U-Boot so nennen kann, das in jeder Abteilung einen auf Kollegialität gemacht hat, um zu erfahren, wo die Schwachstellen liegen. Anschließend hat er diese an meinen Chef statt an McKinsey verraten und wurde dafür mit einer Abteilungsleiterstelle belohnt, die Schwachstellen hingegen mit ihrer Entlassung.

Kurz und gut, Schrotkorn besteht nur aus Schleimspur, Alphamännchenallüren und seinem Jaguar-Schlüssel.

Letzteren holt er nun schon bei der dritten Frau hintereinander wie zufällig aus seiner Anzughose und spielt damit zwischen seinen Fingern.

Ich konnte das nur deshalb beobachten, weil die Frauen, die mir gegenübersaßen, jedes Mal aufgestanden sind, sobald ich von meinem bevorstehenden Geburtstag erzählte.

Bei Schrotkorn hingegen musste man die Frauen stets von seinem Tisch wegzerren, sobald der Gong zum Partnerwechsel ertönte.

Vielleicht sollte ich auch wie er im Boss-Anzug dasitzen und mit einem Jaguar-Schlüssel wedeln?

Denn das Aussehen kann es nicht sein. Okay, Schrotkorn hat eine Jahreskarte im Sportstudio, die er tatsächlich benutzt, aber ein Schmiss zieht sich über seine rechte Backe und seine blonden Locken haben in mindestens drei Tuben Gel gebadet. Andererseits, ich sitze im Poloshirt da und in meiner Hose zwickt kein Jaguar-Schlüssel, sondern der meines Mountainbikes.

Zwar ist Schrotkorn erst dreißig, aber er ist eine Afteröffnung und ich bin ein Kerl, den alle nett finden.

Vielleicht ist genau das mein Problem.

Gerade als ich mich frage, ob Speeddating das Richtige für mich ist, ertönt der Dating-Gong. Alle Frauen stehen auf, bis auf Miss Pagenschnitt, die sich wie ihre Vorgängerinnen nicht von Schrotkorn lösen kann.

In dem Moment wird mir klar, dass ich sie retten muss. Sonst verplempert sie sinnlos ihre besten Jahre mit jemandem, für den Frauen nichts anderes sind als lebende Spermaauffangbecken.

Da ist sie auf alle Fälle besser dran, wenn sie ihr Leben mit mir verplempert.

Und ich auch.

Leider kann ich den Gedankengang nicht weiter ausführen, denn die nächste Frau stöckelschuht gerade an meinen Tisch.

Auch mit sechzig kann man noch vierzig sein – aber nur noch eine halbe Stunde am Tag.
Anthony Quinn

02

Ich werfe meiner nächsten Kandidatin einen kurzen Blick zu und beschließe spontan, meine Taktik radikal zu ändern. Ich werde es mit ein wenig Aufschneiderei à la Schrotkorn versuchen. Sonst bin ich völlig desillusioniert wenn Miss Pagenschnitt an meinen Tisch kommt.

»Ulrich von Abus«, stelle ich mich vor und gebe meinem neuen Gegenüber die Hand. Sie ist dürr wie Stroh, hat aber ein nettes Lächeln.

»Bist du adelig?«, fragt sie.

Ich nicke beiläufig, obwohl ich das von gerade meinem Namen hinzugedichtet habe. »Ich versuche das eigentlich zu verheimlichen«, sage ich. »Understatement und so.«

»Die kenne ich gar nicht«, sagt sie. »Understatement? Ist das ’ne Band?«

Jetzt wäre der Moment, selbst aufzustehen, aber da auf meiner Geburtstagsparty, wie gesagt, noch Frauenmangel herrscht und wahrscheinlich auch ein paar Männer kommen, deren Lift nicht ins oberste Stockwerk fährt, bleibe ich sitzen. »Wir modernen Millionäre stehen nicht auf Statussymbole«, erkläre ich. »Daher habe ich meinen Lamborghini daheim gelassen und meinen Brioni-Anzug gegen das Poloshirt eingetauscht.«

Sie lächelt, doch ihre Augen blicken mich so leer an, als befände sich hinter ihnen nur Luft. »Ist ja toll, was du für Fremdwörter kennst.« Sie blickt auf meinen Fragebogen. »Und Kinder hättest du auch gern. Toll.«

»Morgen feiere ich übrigens meinen Geburtstag«, sage ich. »Wenn du willst, kannst du auch kommen.«

»Echt? Wie alt wirst du denn?«

Die übliche Frage, denn ich habe in weiser Voraussicht mein Alter freigelassen. Ich zögere einen kurzen Moment, dann beschließe ich, genug aufgeschnitten zu haben und sage: »Vierzig.«

Ihr Mund, der eben noch ein Lächeln geformt hat, bleibt ein paar Sekunden offen stehen. »Mein Vater ist neununddreißig«, sagt sie schließlich und lässt mich sitzen.

Ist es wirklich mein Alter?

Okay, die Frauen hier sehen alle jünger aus als ich, aber das ist nun mal das klassische Beuteschema. Und zwar weltweit. Außerdem ist das hier kein U-40-Dating und selbst wenn, wäre ich noch voll in der Zielgruppe. Jedenfalls noch ganze achtundzwanzig Stunden lang.

Irgendwann schlägt der Dating-Gong und dann erst sehe ich, wer an meinen Tisch kommt.

Miss Pagenschnitt.

Hastig blicke ich auf den Fragebogen mit den Daten und Antworten der Teilnehmer. Miss Pagenschnitt heißt Amelie. Bei der Frage: Was wäre der perfekte romantische Moment für Dich?, steht bei ihr: Ein Verehrer, der mir ein Gedicht schreibt.

Das könnte ein wenig knapp werden, denn sie steht schon vor mir. Aus der Nähe sieht sie noch umwerfender aus, ein Gesicht fein wie Porzellan, tiefschwarze Haare, ihre Kleider stilvoll, mit Liebe zum Detail.

Sie setzt sich und lächelt mich an. »Hallo, ich bin Amelie.«

»Ich bin Uli«, antworte ich. »Und ich werde morgen dreißig.«

Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein.
Joan Collins

03

»Soso, du wirst dreißig.« Amelie lächelt. »Und was willst du mir damit sagen?«

Ich blicke wieder auf die Karte mit ihren Daten. Sie hat ihr Alter auch nicht angegeben. »Das ist mir nur so rausgerutscht, weil du so jung aussiehst.«

Sie schaut mich an, als habe ich ihr gerade erzählt, ich könne Wasser in Wein verwandeln und dann noch darüber laufen. »Wenn ich dir glauben soll, bist du aber jünger als ich.«

»Mit dem Altersunterschied hab ich kein Problem«, antworte ich schnell.

»Ich auch nicht.« Sie zwinkert mir zu. »Und was machst du sonst so, außer dreißig zu werden?«

»Ich arbeite in der Behörde für Bürokratieabbau.« Kaum habe ich das gesagt, fällt mir auf, dass mein Job noch langweiliger klingt, als er tatsächlich ist. Und ich möchte doch für Amelie interessant klingen. »Außerdem bin ich als Findelkind in Papua-Neuguinea groß geworden.«

»Echt?«, fragt sie. »Kennst du deine leiblichen Eltern nicht?«

Ich schüttle den Kopf. »Sie haben sich offensichtlich nicht für mich interessiert, also interessiere ich mich auch nicht für sie.«

»Und wie bist du nach Deutschland gekommen?«

»Ich war in ein Deutschland-Trikot eingewickelt, außerdem habe ich eine Mähne wie Boris Becker.« Ich deute auf meine roten Haare. »Daher hab ich angenommen, dass Deutschland mein Heimatland ist. Nach dem Tod meiner Pflegeeltern bin ich dann nach Mannheim ausgewandert, mit zwölf.«

Sie blickt mich mit warmherzigen Augen an und sagt damit mehr, als Worte es tun könnten. Dann lächelt sie. »Warum ausgerechnet Mannheim?«

»Ich dachte, wenn dort die Duden-Redaktion sitzt, spricht man in Mannheim bestimmt das beste Deutsch.«

Sie lacht laut auf. »Tja, so kann man sich täuschen.«

»Allerdings«, sage ich. »Und was machst du so?«

»Ich arbeite in einer psychologischen Praxis in den Quadraten.«

Mit jeder Sekunde, die wir uns unterhalten, legt mein Puls weiter an Tempo zu. Wahrscheinlich steht er gerade bei 380, weswegen ich nur noch zu Small-Talk auf Amöbenniveau fähig bin. »Und Hobbies?«, frage ich dementsprechend.

»Speeddating, Männer aufreißen und hemmungsloser Sex«, antwortet sie.

Mein Herz rutscht in die Hose, obwohl da schon lange kein Platz mehr ist. Und nicht nur, weil sich mein Gehirn da auch schon tummelt.

»War nur ein Scherz«, sagt sie. »Joggen, Lesen und Malen.«

»Lesen?«, frage ich. »Auch Gedichte?«

Sie lächelt. »Schreibst du welche?«

»Was nicht ist, kann ja noch werden.«

»Ich bin gespannt. Und was hast du für Hobbies.«

»Fußball, Kicken und die Verbindung aus beidem.«

Sie lächelt schon wieder.

Erst dann bemerke ich, was ich gerade gesagt habe. Und muss auch lachen. »In Wirklichkeit lese ich auch gern, reise viel und, tja, das mit dem Fußball stimmt wohl doch. Sind die Nachwirkungen des Trikots, in dem man mich gefunden hat. Deswegen heiße ich auch Uli, denn das Trikot trug die Nummer 8, und das war damals die von Uli Hoeneß.«

»Und Abus?«, fragt sie und zeigt auf meinen Namen, der auf dem Datingzettel steht. Uli Abus.

»Abus heißt Essensbeilage auf Papua.«

»Was?« Amelie schaut mich mit großen Augen an. »Das ist aber ein ungewöhnlicher Name.«

Ich nicke. »Vor allem wenn man bedenkt, dass meine Pflegeeltern Kannibalen waren.«

Nun schaut mich Amelie mit noch größeren Augen an.

»Bekehrte Kannibalen«, sage ich schnell. »Vielleicht lag das aber auch daran, dass sie ziemlich alt waren und keine Zähne mehr hatten.«

Amelie beugt sich näher zu mir. Will sie jetzt auch aufstehen? Dabei habe ich mich doch zehn Jahre jünger gemacht! »Warum sind die anderen Frauen eigentlich bei dir immer vorzeitig abgehauen?«, fragt sie.

Hat sie mich beobachtet? Bin ich ihr vorher schon aufgefallen? Und vor allen Dingen, wie rede ich mich jetzt raus?

»Tja … also das war so«, sage ich, ohne wirklich etwas gesagt zu haben. »Vielleicht lag es daran, dass ich ihnen erzählt habe, ich könne kaum erwarten, bis du bei mir sitzt.«

Sie beugt sich noch weiter vor. Ein dezenter Hauch von Lavendel umschmeichelt meine Nase. »Und das soll ich dir glauben?«

»Ich bin immer ehrlich«, antworte ich. »Außer wenn ich lüge.« Ich räuspere mich. »Wusstest du übrigens, dass Speeddating von einem jüdischen Rabbi erfunden wurde? Stell dir mal vor, das hätte der Papst erfunden. Dann müssten wir wahrscheinlich erst ein Keuschheitsgelübde ablegen.«

»Du gefällst mir«, sagt sie. »Passt in kein Klischee. Wahrscheinlich sind die anderen Frauen deswegen aufgestanden.«

»Ganz bestimmt«, sage ich. »Die waren alle ein wenig eindimensional.«

»Und ich?«, fragt sie. »Was bin ich?«

»Eine gespaltene Persönlichkeit, wäre jetzt wohl die falsche Antwort, oder?«

»Das kann auch spannend sein«, sagt sie. »Vor allen Dingen für einen selbst.«

»Dann könntest du polygam sein«, antworte ich. »Und trotzdem treu.«

Sie lupft eine Augenbraue.

»Also falls das mit deinen Hobbies doch stimmt.«

Wieder zeigt sie mir ihr bezauberndes Lächeln, leider mitten in den Dating-Gong hinein. »Hat mich gefreut, Uli«, sagt sie. »Ich hoffe, wir sehen uns wieder.«

»Ich auch«, antworte ich, dann steht Amelie auf, zwinkert mir noch einmal zu und ich bin glücklich.

Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele
nicht zu beantworten vermag, lautet: Was will eine Frau eigentlich?

Sigmund Freud

04

Ich bleibe noch eine Minute glückstrahlend sitzen, dann erst bemerke ich, dass keine Frau mehr an meinen Tisch kommt. Alle haben ihre Plätze verlassen, das Speeddating ist offensichtlich beendet. Und ich hab Amelie nicht auf meinen Geburtstag eingeladen!

Ich springe auf, will ihr nach und plötzlich steht Schrotkorn vor mir. »Ach, Sie auch hier«, sagt er. »Ich hab Sie noch gar nicht gesehen.« Könnte man diesen Satz im Warenhaus kaufen, würde er im Fach für Lügen liegen.

»Schön, Sie zu sehen«, lüge ich zurück. »Ich muss aber gleich los.«

»Den Ort der Niederlage möglichst schnell verlassen?« Schrotkorn hat dieses penetrante Siegerlächeln aufgelegt, das ich schon von der Arbeit kenne. Seine Zähne blitzen wie frisch gewetzte Messer. »Sind eigentlich alle Frauen bei Ihnen direkt wieder aufgestanden?«

»Ich dachte, Sie haben mich eben erst gesehen?«

»Ich hatte nur Augen für die Frauen«, entgegnet er. »Ich hab mich schon die ganze Zeit gewundert, wer der absolute Loser ist, mit dem sie nicht mal fünf Minuten verbringen wollen. Ich musste die Weiber jedes Mal von meinem Tisch losflexen, damit Platz für die nächste war.«

»Tja, blöd, wenn die Frauen vor lauter Langeweile einschlafen«, antworte ich, weil ich mir mit nichts anderem mehr zu helfen weiß, als mit der Verdrehung der Tatsachen.

»Schlafen wollten sie schon.« Schrotkorn lächelt süffisant, seine Zähne strahlen dabei so intensiv, dass sie fast blenden. »Aber hinterher, mit mir. Wobei einige der Frauen nicht gerade mein Niveau waren«, erklärt er, ohne dass ich ihn danach gefragt hätte. »Ich hab trotzdem bei jeder Ja angekreuzt, nur um zu sehen, ob ich wieder bei hundert Prozent Zustimmung lande.« Er klopft mir jovial auf die Schulter. »Aber Kopf hoch! Vielleicht klappt es bei Ihnen ja mit der Fünf-Prozent-Hürde.«

Fertigmachen kann ich mich auch selbst, daher will ich Schrotkorn einfach stehen lassen, als er genau das mit mir tut.

Wenigstens hat er mich an etwas erinnert. Sofort kreuze ich auf dem Zettel der Dating-Agentur Amelie an, im Gegensatz zu Schrotkorn allerdings an der richtigen Stelle. Mit immer noch klopfendem Herzen gebe ich den Zettel beim Dating-Master ab, stürme aus dem Gebäude, suche Amelie und sehe gerade noch, wie sie in eine Straßenbahn steigt und davonfährt.

Was mache ich jetzt mit meiner Geburtstagsparty? Weil ich bis vor wenigen Tagen meinen Geburtstag erfolgreich verdrängt hatte, habe ich die Entscheidung, ob ich eine Party feiere, die ganze Zeit aufgeschoben. Kein Wunder, denn die böse Vier mit der schrecklichen Null hintendran kommt zu einem total unpassenden Zeitpunkt!

Denn ich bin noch viel zu jung dafür!

Muss ich wirklich warten, bis der Dating-Master uns morgen um 16 Uhr per E-Mail mitteilt, welche Speeddating-Partner gegenseitig Ja angekreuzt haben? Das wird ein wenig knapp werden, Amelie dann noch einzuladen und eine Party zu organisieren.

Um mit dem Dating-Master zu reden, laufe ich zurück zur Veranstaltungshalle, doch dort steht nur der Hausmeister und schließt gerade die Tür. »Wo sind die denn alle hin?«, frage ich.

»Na, Feierabend machen«, antwortet er. »Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.«


Die Jugend wäre eine noch viel schönere Zeit, wenn sie etwas später im Leben käme.
Charlie Chaplin

05

Am nächsten Tag habe ich bis 16 Uhr ungefähr zweiunddreißigtausendachthundertsiebzehn Mal den Empfangsbutton meines E-Mail-Programms gedrückt. Doch außer irgendwelcher Spammails, die mir Millionen anbieten, wenn ich blöd genug bin, an sie zu glauben, habe ich keine Post bekommen.

Ich nehme mein Handy und rufe beim Dating-Master an. Inzwischen habe ich seine Nummer als Kurzwahl gespeichert, denn ich habe gestern Abend, heute Morgen, heute Vormittag, heute Mittag und heute am frühen Nachmittag schon einmal dort angerufen.

Jedes Mal wurde ich auf 16 Uhr vertröstet, übrigens mit steigender Vehemenz, weswegen mein Anruf nun höchst verständlich sein sollte.

Dennoch dauert es geschlagene zwei Minuten, bis endlich jemand abhebt. »Hier ist noch mal Uli Abus«, melde ich mich.

Als Antwort höre ich nur ein entnervtes Schnaufen.

»Es ist sechzehn Uhr und ich habe noch keine E-Mail mit meinen Dating-Partnerinnen erhalten. Aber das ist wirklich wichtig für mich.«

»Wäre ich jetzt nie drauf gekommen«, sagt der Dating-Master. »Die Mails sind alle raus.«

»Aber ich hab nichts bekommen!«

»Da kann es nur zwei Gründe geben«, sagt er. »Entweder, die USA sind wie Atlantis einfach im Meer verschwunden und mit ihnen das Internet, oder es hat einfach niemand bei Ihnen Ja angekreuzt.«

»Das kann aber nicht sein!«, protestiere ich.

»Waren Sie nicht dieser Vierzigjährige, bei dem die Frauen alle vorzeitig aufgestanden sind?«

»Ich bin erst neununddreißig!«, widerspreche ich.

»Eben! Viel zu alt für die Frauen«, sagt er. »Das hat man doch auf den ersten Blick gesehen! Die jüngste Teilnehmerin war achtzehn! Und die einzige Frau in Ihrem Alter haben Sie nun mal nicht angekreuzt.«

»Ich habe mich aber super mit einer unterhalten, die hatte einen schwarzen Pagenschnitt. Es kann sich also nur um einen Fehler handeln.«

»Hören Sie mal zu«, sagt er. »Selbst wenn die Frauen jemanden nett finden, heißt das noch lange nicht, dass sie einen auch wiedersehen wollen. Akzeptieren Sie es einfach.«

Bevor ich noch etwas sagen kann, hat der Dating-Master aufgelegt.

Und mich in die größte Krise meines Lebens gestürzt.

Denn jetzt erst ahne ich, was es heißt, vierzig zu werden.

Nur ein Narr feiert, dass er älter wird.
George Bernard Shaw

06

Auf meinem Hoeneß-Trikot stand mit schwarzem Edding dahingekritzelt: 24. Mai 1976. Mein Geburtsdatum. Exakt siebenundzwanzig Tage später wurde ich abgeschoben, in jener Nacht des legendären Europameisterschaftsfinales, in der Uli Hoeneß beim entscheidenden Elfmeter den Ball in den Abendhimmel von Belgrad geschossen hat.

Dortmund-Fans behaupten, dort funkle er immer noch, als Stern des Südens.

Und ob das nun stimmt oder nicht, eines steht fest: Ich bin neununddreißig.

Noch exakt vierundfünfzig Minuten lang.

Höchste Zeit, etwas Positives an meinem kommenden Alter zu finden. Okay, mit dreißig kann man sich heute noch jung fühlen, mit fünfzig schon mal die Rente vorbereiten, aber mit vierzig?

Man könnte Karriere machen.

Jedenfalls, wenn man rechtzeitig damit begonnen hat, sich im primären Ausscheidungsorgan des Chefs wohnlich einzurichten.

Man könnte eine verbotene Affäre beginnen.

Falls man verheiratet ist. Oder wenigstens kein Single.

Das führt mich unweigerlich zum nächsten Punkt. Man könnte nämlich seine Kinder aufwachsen sehen, falls man schon welche gezeugt hat. Denn ein echter Mann soll ja ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen.

Den Baum hab ich schon als Dreizehnjähriger gepflanzt, damit ich an den Punkt schon mal einen Haken machen konnte. Mein Haus hab ich dank zweier linker Hände zwar nicht gebaut, aber mit neunundzwanzig gekauft. Okay, es ist nur ein älteres Reihenhaus in Mannheim-Waldhof und ich muss es noch abbezahlen, aber auch der Punkt ist im Grunde erledigt.

Bleibt der Sohn.

Nur, wie soll das allein gehen? Auch wenn manche überambitionierte Thriller-Schriftsteller das anders sehen mögen, Klonen von Menschen ist noch nicht erfunden.

Bisher dachte ich immer, die biologische Uhr tickt nur bei Frauen, doch im Grunde tickt sie bei Männern genauso. Außer man ist Millionär, Politiker oder Lichtgestalt des Deutschen Fußballs. Die können mit dem letzten Atemzug noch Vater von Sechslingen werden. Da haben sie zwar nichts mehr von, müssen aber auch keine Alimente zahlen.

Welche Chancen ich hingegen noch bei Frauen vor den Wechseljahren habe, hat man ja beim Speeddating gesehen.

Kurz und schlecht, mit vierzig kann man ernten, was man mit dreißig gesät hat.

Blöd nur, wenn man dazwischen das Gießen vergessen hat. So kam mir mein Leben in den letzten Jahren jedenfalls vor. Es ist eben unglaublich bequem, dem Fernsehen dabei zuzusehen, wie es in affenartiger Geschwindigkeit immer dümmer wird.

Auch wenn das auf einen selbst abfärbt.

Früher war ich viel umtriebiger gewesen. Als ich mit zwölf nach Deutschland kam, konnte ich auf Deutsch nur die Worte Ich, Hunger und Fußballweltmeister, doch mit zwanzig hatte ich das Abitur in der Tasche, dann Studium, Job und Haus. Keine schlechte Leistung für einen Jungen, der von Kannibalen großgezogen wurde.

Zumal ich auf meinem Weg nach oben nicht mal jemanden hatte aufessen müssen.

Der effektivste Weg der Problemlösung auf Papua ist es nämlich, seine Feinde einfach zu verspeisen. Was bei uns im Grunde ja auch nicht anders ist, nur dass die meisten Menschen zur Problembewältigung statt Hirn einfach Schokolade essen. Klar, sind ja auch viel mehr wertvolle Mineralstoffe und Spurenelemente drin.

Und jetzt ist ein Jahrzehnt vorbei und mir bleiben bis zum V-Day nur noch zweiundfünfzig Minuten Jugend!

Jugend? Ja, lacht nur ihr Fünfundzwanzigjährigen und lest das Buch in fünfzehn Jahren. Oder besser in vierzehn Jahren, dreihundertvierundsechzig Tagen und dreiundzwanzig Stunden. An eurem absoluten Tiefpunkt. Keine Hoffnung, ich hole euch da nicht raus. Ich muss mich jetzt erst mal um mich selbst kümmern.

Was wäre, wenn ich schnell zur Datumsgrenze fliegen würde, um meine Jugend ein paar Stunden zu verlängern?

Dummerweise verläuft die Datumsgrenze quer durch den Pazifischen Ozean. Dort wird das Flugzeug also kaum anhalten. Und was passiert, wenn wir darüber hinwegfliegen? Wäre dann auch noch mein Geburtstag futsch? Ich habe keine Ahnung. Jetzt rächt es sich, dass ich seinerzeit im Physikunterricht nur virtuell anwesend war.

Obwohl ich damals noch gar nicht wusste, was virtuell ist.

Ich schaue auf die Uhr. Mit diesen sinnlosen Gedanken habe ich eine weitere Minute meines Lebens verplempert. Darin bin ich Profi. Vielleicht sollte ich als Zeitverplemperer arbeiten. Wenn jemand nicht weiß, was er mit seiner Zeit anfangen soll, und davon gibt es ja einige, komme ich und verplempere sie. Ein tolles Geschäftsmodell.

Okay, bei näherer Betrachtung nicht wirklich umwerfend, aber auch nicht schlechter als das, womit einige am Neuen Markt ihr Vermögen erst gemacht und dann wieder verloren haben.

Während ich so vor mich hin plempere, frage ich mich, ob überhaupt jemand die Einladung zu meinem vierzigsten Geburtstag gesehen hat. Aber warum ist dann niemand hier? Die Einladungen sind doch schon lange raus!

Seit fast zwei Stunden!

Ich hab sogar extra den Nebenraum der SV Waldhof-Vereinskneipe angemietet, direkt gegenüber von meinem Reihenhaus. Zum Glück hängen dort noch die Luftschlangen von Fasching, was mir umfangreiche Dekorationsarbeiten erspart.

Tja, das Leben als Mann kann manchmal einfach sein.

Zehn Kästen Bier, ein paar Pullen Hochprozentiges, Cola, Chips und ein Wasserhahn. Fertig ist die Partyausstattung.

Jetzt müssen nur noch die Gäste kommen.

Inzwischen würde ich mich sogar freuen, wenn mir einer dieser hirnlosen C-Promis Gesellschaft leisten würde, die normalerweise das Vorabendprogramm von SAT.1 bevölkern.

Bleibt nur noch meine letzte verbliebene Freundin: Mariacron.

Ihre inneren Werte sind einfach überzeugend. Mit ihr sieht die Welt gleich ein wenig besser aus.

Zumindest bis zum nächsten Morgen.

Dann steht der ganze Mist doppelt so dick vor der Tür. Aber da kann ich mich ja morgen drum kümmern. Oder übermorgen. Wenn die Kopfschmerzen wieder weg sind.

Ich will mir gerade ein Glas einschenken, als sich die Eingangstür öffnet.

Ein langes Bein in Netzstrümpfen schiebt sich durch den Türspalt. Dann noch ein zweites. Irgendwann hangelt sich mein Blick über Rock und Bluse nach oben.

Meine Augen bleiben an den von einem Spitzen-BH eingerahmten Brüsten hängen, und schaffen es erst mit einiger Verzögerung hoch zum Gesicht.

Als ich es erkenne, bin ich schockiert.


Trau keinem über dreißig.
Unbekannt (und offensichtlich sehr jung)

07

»Beate?«, rufe ich. Irgendwie hatte ich meine Ex-Freundin anders in Erinnerung.

Aber ist das nicht immer so bei Ex-Freundinnen? Werden sie nicht erst dann wieder attraktiv, wenn man sich getrennt hat? Oder sie sind es immer, man selbst entwickelt sich aber nach einer gewissen Beziehungsdauer zu einem dreijährigen Jungen zurück, der jedes Spielzeug total klasse findet, solange es nicht das eigene ist.

Aber es ist ja nicht nur das Aussehen, was zählt. Wir haben uns ja aus anderen Gründen getrennt.

Also sie.

Ich hab mich gar nicht von ihr getrennt. Das war wie im UN-Sicherheitsrat: eine einseitige Resolution von Beate und ich hatte nicht mal ein Vetorecht. Mir ging es wie einem klassischen Beamten: Man muss Gesetze umsetzen, die man weder befürwortet, noch beeinflussen kann und schon gar nicht versteht. Als Begründung für die Trennung meinte Beate, mein Kinderwunsch würde sie unter Druck setzen.

Dabei hatte ich nur zweimal vorsichtig nachgefragt, ob sie sich Nachwuchs vorstellen könne. Okay, vielleicht hätte ich nicht schon Windeln kaufen sollen, aber ich bin halt gerne vorbereitet.

Wie auch immer, am Ende tickte Beates biologische Uhr so laut wie eine Zeitbombe.

Kaum drei Monate nach unserer Trennung war sie schwanger und jetzt hat sie eine zweijährige Tochter, ohne die sie sich ihr Leben nicht mehr vorstellen kann.

Dafür ohne mich.

Beate wirft einen Blick in die Runde, die man am besten mit dem Wörtchen inexistent beschreiben könnte. »Och, ist niemand gekommen?« Beate klingt gewohnt schadenfroh. »Trotz deiner frühzeitigen Einladung?«

Vielleicht hätte ich ein paar Stofftiere aufstellen sollen, damit es nicht so auffällt.

»Wo ist denn Costa?«, fragt Beate.

Ich zucke mit den Schultern. »Ist vielleicht kaputt von der Arbeit, muss ganz schön anstrengend sein, mit seinem Doppeljob als Avon- und Finanzberater.«

»Ich glaube eher, es liegt daran, dass er vierzig ist«, sagt Beate. »Und wo ist Tom?«

»Weiß nicht, den hab ich schon länger nicht gesehen.«

Beate nickt. »Weil er vierzig ist. Und wo ist der Schweiger?«

Ich spare mir die Antwort, denn auch er ist schon vierzig.

Ausgerechnet meine besten Freunde lassen mich am V-Day im Stich!

Ich will mich gerade wieder Mariacron widmen, als ich aus dem Schankraum der Kneipe eine weibliche Stimme höre: Der schönste Mann im Raum wird gebeten, an sein Handy zu gehen.

Diesen Klingelton kenne ich nur zu gut. Niemand sonst ist so dreist, den immer noch zu benutzen. »Costa?«, rufe ich und öffne die Tür zum Schankraum.

Da stehen sie alle und schauen mich mit geweiteten Augen an. Costa Konstantinopolis, Grieche mit türkischen Wurzeln, Tom Neckermann, mein im wahrsten Sinne des Wortes dickster Freund, und natürlich der Schweiger.

Und all die anderen, die ich eingeladen habe!

Sowie ein paar, die ich nicht eingeladen habe. Aber das ist jetzt auch egal. »Ist das eine Überraschungsparty?«, frage ich.

»Ich bin auch heiß auf dich«, sagt Costa, aber nicht zu mir, sondern zu seinem Handy.

Tom springt zu mir und umarmt mich. Das fühlt sich zwar an, als würde man in einem Wackelpudding versinken, aber trotzdem, meine Freunde haben mich nicht vergessen! »Toll, was ich für dich organisiert hab, oder?«, sagt Tom und zeigt in den Schankraum.

Eigentlich dachte ich zwar, ich hätte das organisiert, aber ich nicke trotzdem.

»Wir hatten dieselbe Idee«, sagt Tom. »Zum Glück haben die sich vom Vereinsheim nicht verplappert.«

Irgendeiner schaut auf die Uhr, beginnt laut zu zählen und die anderen zählen mit. Zehn, neun, acht, sieben … na ja, den Rest kennt ihr ja selbst.

Alle jubeln und wir prosten uns zu. Mir stehen die Tränen in den Augen, ja, es tut kaum noch weh. Ich bin vierzig und es schmerzt nicht mehr als eine doppelseitige Beinamputation.

Die kann man ja auch irgendwie verdrängen, wenn man ordentlich betäubt ist.

Und Mariacron ist eine klasse Anästhesistin.

Auch wenn ich Single bin und Miss Pagenschnitt mich nicht wiedersehen wollte, bin ich wenigstens nicht allein.

Der Schweiger schafft es als Nächstes, mir zum Geburtstag zu gratulieren, wenn auch nur per Handschlag und mit einem aufmunternden Nicken. Oder ist es ein mitleidvolles?

Egal, er ist trotzdem fast aus sich herausgekommen. Ich mag den Kerl. Er redet wenigstens keinen Dünnpfiff. Hat er noch nie getan.

Dabei kenne ich ihn schon seit der Schule, genau wie Tom und Costa. Plötzlich muss ich an die unbeschwerten Kindergeburtstage von früher denken. Damals hat man sich noch gefreut, älter zu werden. Heute hingegen tut man alles, um jünger zu sein.

Doch etwas Gutes gibt es an Geburtstagen wenigstens nach wie vor: Die Bescherung!

Als Erstes überreicht mir meine Ex Beate ein Geschenk. Genaugenommen einen Umschlag. So süffisant wie sie grinst, ist es bestimmt ein Gutschein für Wellness; ein typischer, englischsprachiger Euphemismus, für den es eine viel passendere deutsche Umschreibung gibt: gepflegte Langeweile.

Skeptisch öffne ich den Briefumschlag und ziehe eine Karte heraus. Ich klappe sie auf und wie erwartet liegt ein Gutschein darin. Ich lese den Text, lese ihn noch mal und dann platzt es aus mir heraus: »Vier Sitzungen beim Psychologen? Zum Thema: Würdevoll altern

Meine Gäste reißen mir den Gutschein aus der Hand, zeigen ihn herum und mit dem Finger auf mich.

Jetzt weiß ich wieder, warum ich der Trennung von Beate irgendwann etwas Positives abgewonnen habe: Sie ist ein fieses Biest. Wahrscheinlich habe ich es nur solange mit ihr ausgehalten, weil ich autoritären Frauen einfach nicht widersprechen kann. »Danke!«, zische ich. »Toller Witz auf meine Kosten.«

»Du musst dein Alter endlich akzeptieren.«

»Wie denn, wenn es sich ständig ändert? Kaum hab ich mich daran gewöhnt, dreißig zu sein, steht schon die Vierzig vor der Tür.«

»Probier es einfach mal«, sagt sie. »Ist ja ein Geschenk.«

Sie geht zu ihrem neuen Stecher, den ich übrigens nicht eingeladen habe, und ich gehe zu Mariacron. Das heißt, ich versuche es, denn Tom steht mir im Weg.

Seit die böse Vier bei ihm zugeschlagen hat, sehen wir uns immer seltener, aber jedes Mal, wenn wir uns treffen, hat er fünf Kilo zugenommen. Entweder ist er jetzt mit einer Spitzenköchin zusammen oder mit seinem Laptop und der Pizzabude um die Ecke. »Wir haben auch noch ein Geschenk«, sagt er und hält doch nur einen Umschlag in der Hand.

Er bemerkt meinen skeptischen Blick und fängt an zu reden, so wie er es meistens tut, wenn er unsicher ist: »Ja, also wir haben zusammengelegt, um dir eine Reise zu schenken. Mit uns gemeinsam«, erklärt er. »Costa, der Schweiger und ich.«

Ich bin perplex. »Eine Reise?« Das wollte ich schon immer mal wieder machen, mit den Kumpels auf Tour gehen. »Wo geht’s denn hin?«

»Zur ultimativen Party-Location!« Toms Augen glänzen vor Stolz.

Meine Vorfreude steigt. »Malle, Ibiza?«, frage ich gespannt.

Tom hält mir den Umschlag vor die Nase. »Viel besser.«

»Gran Canaria?«

Er schüttelt den Kopf.

»Kuba, Thailand, Vegas?«, wage ich nun etwas mehr. Haben die Jungs sich so ins Zeug gelegt? Erst die Party und jetzt eine Reise?

»Was willst du denn in Vegas?« Tom winkt ab und überreicht mir endlich den Umschlag. »Da verspielst du nur dein ganzes Geld.«

Noch bevor ich den Umschlag öffnen kann, schießt es aus Tom heraus wie ein verbaler Ejaculatio praecox: »Wir fahren in den Westerwald!«


Das Leben ist wie ein geschicktes Zahnausziehen. Man denkt immer, das Eigentliche sollte
erst kommen, bis man plötzlich sieht, dass alles vorbei ist.

Otto von Bismarck

08

Der Westerwald! Das kann doch nicht ihr Ernst sein! Wir sind doch keine Rentner!

Oder ist das nur ein Scherz?

Ich reiße den Umschlag auf und klappe die Karte auf.

Lieber Uli,

wir schenken Dir eine Woche im Westerwald. Mit uns.

Tom, Costa, der Schweiger

Mir entgleist das Gesicht, als sei dort eine defekte Achterbahn eingebaut.

»Gefällt dir unser Geschenk nicht?«, fragt Tom.

»Gibt’s den Westerwald überhaupt noch?«, frage ich zurück. »Ist der nicht beim Sauren Regen draufgegangen? Damals in den Achtzigern?«

Tom schüttelt den Kopf wie ein Inder, der nicht weiß, ob er ja oder nein sagen soll. »Ein paar Bäume stehen schon noch.«

»Aber wurden die nicht verseucht damals? Von Tschernobyl?«

»Das waren nur die Pilze und die Wildschweine«, erklärt Tom. »Außerdem ist das Hotel im Neckermann-Katalog.«

Costa blickt ungläubig zu Tom und unterbricht sogar sein Telefonat. »Sag bloß, du ziehst immer noch die Schnorrer-Nummer durch?«

Es ist eine alte Familientradition bei den Neckermanns, die Namensgleichheit mit dem Touristik-Unternehmen auszunutzen. Doch während Toms Vater nur ab und an mal an einer Bar einen Cocktail schnorrte, ist Tom schon mehrfach in Neckermann-Hotels aufgetaucht, hat sich dort einquartiert und den ganzen Urlaub lang nichts bezahlt, weil jeder glaubte, er sei von der Besitzerfamilie, inkognito unterwegs auf Hotelkontrolle.

Tom winkt Schweiger und Costa zu sich, die drei stecken die Köpfe zusammen. »Ihr könnt auch gern in der Jugendherberge übernachten«, flüstert Tom, so aufgeregt, dass ich es trotzdem verstehe. »Mehr wäre nämlich für die paar Kröten nicht drin!«

Der Schweiger scheint widersprechen zu wollen, öffnet jedenfalls den Mund, blickt mich kurz an und sagt dann doch nichts.

Tom wendet sich wieder mir zu. »Ach ja, und wir fahren schon diesen Montag los«, sagt er. »Du kannst doch so kurzfristig eine Woche frei nehmen, oder?«

Ich nicke, bisher war das nie ein Problem.

»Ist doch egal, an welcher Bar wir unser Bier trinken, oder?«, sagt Tom und legt mir den Arm um die Schulter.

In dem Moment freue ich mich tatsächlich auf den Urlaub. Endlich unternehmen wir mal wieder etwas zusammen.

Von den anderen Gästen bekomme ich noch ein paar weitere Gutscheine geschenkt, wobei mich der Hartz-IV-Bildungsgutschein ein wenig irritiert, den mir der Mann vom Pizzalieferservice schenkt, der anscheinend für Toms Ernährung sorgt.

Wenigstens wird jetzt mal einer von den Dingern eingelöst.

Anscheinend schenkt man heutzutage nur noch Gutscheine. Vielleicht biete ich bei meiner nächsten Party dann kein Bier mehr an, sondern ein paar Getränkecoupons, die man hinterher im Aldi einlösen kann. Das ist bestimmt ein Stimmungsbringer.

Womit ich wieder beim Thema, also bei Mariacron wäre. Ich schwinge mich wieder an die Bar, will mir gerade die Flasche schnappen, als mir eine Frau zuvorkommt. »Ich bin Krebs, ich darf das«, sagt sie und schenkt sich einen Doppelten ein.

Sie ist die einzige Frau auf der Party, die ich nicht kenne. Und sie sieht verdammt gut aus. Seidiges, schwarzes Haar, ein seidiges, schwarzes Kleid und seidige, schwarze Haut. Nehme ich mal an, angefasst habe ich sie natürlich nicht.

Die seidig-schwarze Schönheit lächelt mich an, doch gäbe es für Flirtunfähigkeit einen Doktortitel, besäße ich ihn, und zwar mit summa cum laude.

Die schwarze Schönheit wendet sich schon ab und dann, völlig unerwartet, fällt mir doch noch etwas ein: »Was zeichnet einen Krebs noch so aus?«, frage ich. »Außer, dass er die Lunge befällt?«

Das ist vielleicht nicht der charmanteste Spruch, aber besser als keiner. Schließlich ist der Schweiger nicht grundlos seit seiner Geburt Single.

Die seidig-schwarze Schönheit lupft ihre seidig-schwarze Augenbraue. »Astrologie ist eine ernste Sache! Darüber macht man keine Witze.«

»Ach was, Astrologie ist totaler Blödsinn!« Ich lupfe ebenso eine Augenbraue, schließlich kann ich das auch. »Was hat es denn damit zu tun, wann ich aus dem Geburtskanal geplumpst bin, ob ich schüchtern, extrovertiert oder impotent bin?«

»Wer so daherlabert wie du, der kann nur Zwilling sein!« Trotzig schüttelt sie den Kopf. Wie in einem Fernsehspot für Haarwaschmittel streift ihr seidig-schwarzes Haar mein Gesicht. »Ein gottverdammter Zwilling!«

Verdutzt schaue ich sie an. »Das stimmt«, blubbere ich kleinlaut. »Ich bin Zwilling!«

Dann lässt sie mich einfach stehen. Eine tolle Frau.

Mit meinen Blicken suche ich Tom. Schon nach zwei Sekunden finde ich ihn; dank seiner Körperabmessungen ist er so auffällig wie ein Öltank zwischen Slalomstangen. Er hat die Party organisiert, also muss er die schwarze Schönheit kennen. »Wer ist das denn?«, frage ich.

»Kannste vergessen.« Er zieht eine Schnute, als sei gerade Nutella verboten worden. »Kommt erst zu spät, stellt Zusatzforderungen und man kann nicht auf Rechnung zahlen.«

Ich hör gar nicht hin, so sehr bin ich noch von ihrer Ausstrahlung geblendet. »Sie wusste, dass ich Zwilling bin.« Ich zeige ihr konsterniert hinterher. »Vielleicht ist doch was dran an den Horoskopen. Ich hätte die Dinger einfach nur lesen müssen und mein Leben wäre anders verlaufen.«

»Uli, du hast heute Geburtstag«, entgegnet Tom.

»Ja, und ich treffe eine Frau, die durch mich hindurch sieht. Sie kennt mich wie keine andere!«

»Uli, du hast heute Geburtstag!«, sagt Tom schon wieder.

»Ja, deswegen sind alle hier«, antworte ich.

»Uli.du.hast.heute.Geburtstag!«, wiederholt er. »Also weiß hier jeder, dass du Zwilling bist.«

Ich lasse mir sein Argument durch den Kopf gehen und schweige eine Runde. Ich komme zu zwei Ergebnissen: Erstens, die seidig-schwarze Schönheit ist ein raffiniertes Biest. Und zweitens, Horoskope sagen einem nur das, was man ohnehin schon weiß.


Fünfunddreißig Jahre ist ein reizvolles Alter. Es gibt Damen allerhöchster Geburt, die aus
freier Wahl jahrelang fünfunddreißig bleiben, nachdem sie vierzig geworden sind.

Oscar Wilde

09

Ich suche unter den Gästen die schwarze Schönheit, entdecke stattdessen jedoch eine weitere Person, die ich nicht eingeladen habe.

Freya, meine ehemalige Klassenkameradin. Ich will mich gerade verstecken, als sie mir mit ihren Augenringen zuwinkt und auf mich zustürmt. »Na, jetzt bist du auch vierzig.«

Freya war früher so eine Öko-Terroristin, die einem selbst den Bio-Salat madig redete, weil bei dessen Ernte unzählige Blattläuse ihr freies Selbstbestimmungsrecht verloren hätten. Mir ist die Umwelt auch wichtig, und natürlich ist es nicht allzu gesund, einen Handymast im Wohnzimmer zu betreiben, aber Freyas Angst vor WLAN, energieblockierenden Barcodes und linksdrehenden Joghurts ging selbst mir zu weit.

Schließlich wollte sie nur noch von Lichtenergie leben, flog dafür nach Kalkutta und reiste mit einem Rucksack, zwei Sandalen und drei T-Shirts durch ganz Indien. Und wie konnte es anders sein: Ausgerechnet an ihrem vierzigsten Geburtstag wurde sie erleuchtet!

Sie verkaufte all ihre Birkenstocks, Flatterhosen und U2-CDs und ließ sich in Mumbai Botox spritzen.

Indien ist ein wunderschönes Land, aber die medizinische Versorgung entspricht der Muppet-Klinik. Wobei ich mich persönlich lieber vom Krümelmonster operieren lassen würde, als von einem indischen Chirurgen, der Schmeißfliegen für die wiedergeborenen Geschöpfe Shivas hält.

Kurz und gut, aus der ehemaligen Ökobraut Freya wurde in Überschallgeschwindigkeit eine Dolce & Gabbana-Jüngerin mit inoperablen Botox-Todeszonen.

Daher lächelt sie auch gerade wie ein Stein. »Ich hab ein Geschenk für dich«, flüstert sie.

»Ein Geschenk?«, wiederhole ich. »Das wäre doch nicht nötig gewesen.« Was ich ausnahmsweise ernst meine. Freyas Geschenke haben bei mir bisher immer zu ausgeprägtem Fremdschämen geführt, beispielsweise als sie mir vor zwei Jahren eine Gute-Laune-Marionette aus recycelten Toilettenpapierkernen und Hanfzahnseide geschenkt hat.

Oder ihre Kopien weltberühmter Kunstwerke. Das bisherige Highlight war die Fettecke von Joseph Beuys, die im Original von einem übereifrigen Hausmeister aufgewischt wurde. Leider habe ich keinen Hausmeister, dem ich die Schuld am Verschwinden des Objektes in die Schlappen hätte schieben können, weswegen das Ding immer noch meinen Keller belagert.

Und ihn nicht mehr hergibt.

Vielleicht ist Freyas Erleuchtung doch noch für etwas gut und es gibt dieses Jahr nichts Selbstgebasteltes.

Sie überreicht mir einen Umschlag. Was auch sonst. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und öffne ihn.

Natürlich liegt eine Karte darin. Ich stelle das Lächeln auf Autopilot und klappe die Karte auf. Gutschein für eine erotische Massage, steht darauf.

»Von mir«, flüstert Freya. »Weißt du, ich hab da in Indien einen Kurs belegt. Das ist zwar schon ein paar Monate her, aber Radfahren verlernt man ja auch nicht. Hihi.«

»Wie lang ist der Gutschein denn gültig?«, frage ich mit meiner rechten Hirnhälfte, während ich mir mit der linken überlege, ob ich nicht einfach mal für ein paar Jahre in die Antarktis auswandern soll.

»Natürlich unbegrenzt«, lacht sie. »Aber komm nicht erst mit achtzig damit an. Hihi.«

Ich lächle ertappt. »Tja, sind noch andere Gäste hier, um die ich mich kümmern muss«, würde ich jetzt am liebsten sagen, aber dazu bin ich viel zu nett. »Ja, dann werd ich mich mal bei dir melden«, bröselt es stattdessen aus meinem Sprechapparat.

»Da geb ich dir mal gleich meine neue Handynummer«, sagt sie und holt ihr iPhone heraus. »Ich sims dich mal an.«

Ich blicke sie erstaunt an. Früher waren Handys für Freya Strahlenbomben der imperialistischen Besatzer und seit ihrer Bekehrung habe ich ihr meine Nummer aus Angst vor Telefonstalking nicht gegeben.

Sie stupst mich an. »Dazu musst du mir deine Nummer geben.«

»Nulleinsdreiachsiwnfüfvierzweieindreielf«, brummle ich möglichst unverständlich.

»Bitte?«, fragt sie.

»Ich hab sie vergessen«, sage ich. »Ist ja nicht so gesund, so viel zu telefonieren.«

Freya zieht beide Augenbrauen nach oben, was in ihrem Fall aussieht wie eine halbseitige Gesichtslähmung. »Zum Glück hab ich vorsichtshalber meine Nummer auf den Gutschein geschrieben. Also kannst du mir auch eine SMS schicken.«

Sie zeigt auf mein Handy, das dummerweise aus meiner Hemdtasche lugt.

Ich nehme es heraus, schaue darauf und stecke es wieder weg. »Der Akku ist leer«, notlüge ich, obwohl ich das Ding vor der Party extra aufgeladen habe.

»Na, dann machst du das gleich morgen, gell.« Sie zwinkert mir einen Blick zu, der so viel Botox enthält, dass er ganze Naturvölker ausrotten könnte.

Endlich dreht sich Freya um und trippelt davon. Auf pinkfarbenen High Heels. Ich will mich gerade eine Runde mit Mariacron unterhalten, als es klingelt. Nein, dieses Mal wird nicht der schönste Mann im Raum gebeten, an sein Handy zu gehen. Es macht einfach nur Rrriiinnng! Und zwar in meiner Hemdtasche.

Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien.
Andy Möller

10

Augenblicklich dreht sich Freya um und starrt mir auf das Hemd. Ich grinse schief, nehme das Handy, wische über das Display, wie man das heute so macht und will das Gerät gerade abstellen, als ich sehe, wer mich da anruft.

Nein, das kann nicht sein! Nach all den Jahren vergeblichen Wartens?

Und doch sagt mein Handy-Display, dass mich gerade der Bundestrainer anruft!

Sind die Probleme auf der Position des linken Verteidigers inzwischen so groß, dass Jogi Löw sich bei mir meldet? Okay, ich war ganz gut in der C-Jugend, aber später hab ich nur noch in Freizeitmannschaften gekickt. Doch das Wichtigste aller Argumente: Ich bin vierzig!

Aber hey! Es geht um Fußball und seit wann ist das rational? Also nehme ich trotz Freyas kritischem Blick das Gespräch an. Schließlich ist der Bundestrainer in der Leitung. Und das, obwohl es heutzutage nicht mal mehr eine Leitung gibt. »Uli Abus«, melde ich mich.

»Ja, hallo, hier ist der Jogi Löw.« Ich höre eine männliche Stimme mit leicht badischem Akzent. Keine Frage, es ist der Bundestrainer.

Hastig versuche ich mich in eine ruhige Ecke der Party zu verdrücken.

Vergebens, Freya stellt sich vor mich, als sei ich ein Mittelstürmer und sie – halb Mensch, halb Tier – die Nummer 4. Obwohl sich ihr Gesichtsausdruck keinen Nanometer geändert hat, scheint sie wütend auf mich zu sein.

»Es ist der Bundestrainer«, flüstere ich ihr zu.

Freya zuckt mit den Schultern. Entweder sie weiß nicht, wer oder was das ist, oder ihr ist bekannt, dass sich im Grunde jeder deutsche Fußballfan für den Bundestrainer hält.

»Ja, also, weswegen ich anrufe«, sagt dieser und holt mich wieder in die Handyparallelwelt zurück. »Vielleicht hast du das ja mitbekommen … ist doch okay, wenn ich dich duze, oder?«

»Ja klar«, antworte ich. »Ich bin der Uli.«

»Und ich der Jogi … Ja also, wir haben da ein kleines Problem hinten links. Und da dachte ich mir, du könntest vielleicht aushelfen?«

»Das ehrt mich natürlich.« Ich beschließe, besser nichts von meinem Karriere-Ende zu erzählen, schließlich gab es auch kein Abschiedsspiel vom DFB. »Wann wäre das denn?«

»Am besten jetzt gleich«, antwortet Jogi. »Es brennt gewissermaßen.«

»Wann ist denn das nächste Spiel?«, frage ich, leicht konsterniert. Schließlich ist Sommerpause. Außerdem müsste ich erst mal an meiner Grundschnelligkeit arbeiten. Und an meiner Ballsicherheit. Und beim Kopfball war ich auch eine Null. Und das sind nur die gravierendsten Probleme.

»Wie gesagt, ich brauche dich sofort«, antwortet der Bundestrainer.

»Äh … Wo muss ich denn hin?«

»Ich wiederhole mich ungern, aber wir haben ein Problem hinten links, da könntest du dich drum kümmern.«

»Ist schon klar«, antworte ich. »Ist ja bekannt, dass unsere linken Verteidiger nur auf dem Platz stehen, damit der Rasen gleichmäßig kaputtgetreten wird.«

»Taktik ist meine Sache«, antwortet der Bundestrainer. »Da lass ich mir nicht reinreden. Jetzt komm du mal hinten links und dann sehen wir weiter.«

Das klingt nun gar nicht nach einem badischen Gentleman. Doch ich bin viel zu aufgeregt und so schafft es dieser Hinweis nur bis zu meinem vorderen Stirnlappen. Der eh nur dumm rumhängt.

»Wo muss ich jetzt noch mal hin?«, frage ich und hoffe, mich damit nicht zu blamieren. Andererseits sind Fußballspieler nicht unbedingt als die intellektuellen Aushängeschilder einer Nation bekannt. Solche Fragen dürfte der Bundestrainer also häufiger hören. Vielleicht hat man deswegen die Person des Nationalmannschafts-Managers geschaffen, damit der sich den Schwachsinn den ganzen Tag anhören darf.

»Dreh dich mal um«, seufzt Jogi.

Ich bin ein wenig irritiert, doch ich drehe mich um. Ist der Bundestrainer auch auf der Party? »Und jetzt?«, frage ich.

»Jetzt gehst du hinten links.«

Von meiner Rechts-Links-Schwäche erzähle ich lieber nichts. »Hinten links«, wiederhole ich und laufe dahin, wo der Daumen links ist. Äh, rechts natürlich.

Dort steht allerdings kein Bundestrainer, sondern Costa. Wie immer telefoniert er.

»Und jetzt schaust du dir die Bar an«, sagt der Bundestrainer. »Hinten links.«

Ich schaue mir die Bar an. Alles wie immer. »Ich glaub, ich steh auf dem Schlauch.«

Der Bundestrainer seufzt. »Was ist da hinten links?«

»Ein Bierkasten«, sage ich hilflos.

»Und was ist mit dem?«

»Er ist nicht von Krombacher?«, frage ich. Oder werden die Jungs von Bitburger gesponsert?

»Und was noch?« Der Bundestrainer klingt jetzt ziemlich ungehalten. Wenn ich meine Nominierung nicht riskieren will, sollte ich etwas Schlaues antworten.

»Er ist leer?«, frage ich.

»Genau«, antwortet der Bundestrainer. »Dann lös mal das Problem hinten links und füll den Kasten nach! Aber zackig!«

Ich will gerade antworten, als neben mir Costa auftaucht, sein Handy immer noch in der Hand. Hat er eben synchron mit dem Bundestrainer gesprochen oder täusche ich mich? Und warum lachen alle? Über mich!

Seufzend drücke ich das Gespräch weg. »Warst du das?«, frage ich Costa.

»Gibt da ’ne Jogi-Löw-App«, antwortet er und strahlt wie ein kleines Kind. »Die lässt dein Handy glauben, du telefonierst mit dem Bundestrainer. Toll, oder?«

»Große Klasse«, antworte ich und überlege gerade, ob es eine Daniela-Katzenberger-App gibt, um mich an Costa zu rächen, als schon wieder der schönste Mann im Raum gebeten wird, an sein Handy zu gehen.

»Du, sorry, ist ganz wichtig«, sagt er.

Den Spruch habe ich in den letzten Jahren geschätzte eintausendfünfhundertneununddreißig Mal gehört, nämlich jedes Mal, wenn Costa mitten in einer Unterhaltung an sein Handy geht. Ich weiß nicht, wie viele Freundinnen Costa hat, aber ich weiß, dass er der Grund ist, dass die Handynetze ständig überlastet sind.

Als er zum dritten Mal in einer Minute das Wort Tantrasex in sein Handy schreit, lasse ich ihn stehen, hole einen Bierkasten aus dem Nebenraum und stelle ihn hinten links an die Bar. Sofort stürzen sich mehrere Gäste auf die neuangekommene Hopfenbrause und ich besorge noch einen zweiten Kasten. Kaum hab ich den abgestellt, steht wieder Freya vor mir. »War wohl doch nicht leer, dein Handy!«

»Ja, hat tatsächlich noch ein bisschen Strom gehabt«, lüge ich so schlecht wie George W. Bush vor dem Irak-Krieg.

Natürlich glaubt sie mir nicht. Wie schon damals bei der Beuys-Geschichte, als ich ihr erzählt habe, dass der Beton des Kellers ideal mit der Fettecke korrespondieren würde, weswegen ich ihr grandioses Kunstwerk nicht im Wohnzimmer aufstellen konnte. »Vielleicht meldest du dich ja trotzdem mal«, entgegnet sie und stapft davon.

Wieder eine Freundin weniger. Vielleicht sollte Freya erst mal zu sich selbst finden.

Und ich auch.

Aber das kann ich ja morgen noch klären. Nach weiteren drei Anrufen des Bundestrainers und vier gescheiterten Verkupplungsversuchen zwischen Mariacron und Johnny Walker torkle ich irgendwann über die Straße und falle müde in mein Bett. Irgendwie gelingt es mir, die beginnende Morgendämmerung mit Hilfe der Rollladen auszusperren, mein Handy abzustellen und dann schlafe ich ein.

 

Wenn man zwanzig ist, hat man das Welträtsel gelöst; mit dreißig fängt man an, darüber
nachzudenken und mit vierzig findet man es unlösbar.

August Strindberg

11

Am nächsten Morgen wundere ich mich, wie fit ich bin.

Bis ich auf den Wecker schaue.

Zwei Uhr nachmittags! Zum Glück mache ich heute Homeoffice. Das ist eine tolle Erfindung, von der vor allen Dingen die Arbeitgeber profitieren, weil man beispielsweise nicht blaumacht, wenn man ein wenig unpässlich ist.

Außerdem bin ich ja erreichbar. Handy, Mail, Türklingel, Rauchzeichen.

Letztere werden allerdings eher selten eingesetzt, obwohl ich mein Büro von meiner Wohnung aus sehen kann. Ein klarer Nachteil, denn wer will schon ständig mit der Arbeit konfrontiert werden? Vor allen Dingen unter der Woche!

Auch wenn das jetzt so klingt, ich bin nicht faul. Ich trenne nur konsequent Arbeit und Freizeit. Das schützt vor Herzinfarkt, Burn-out und Pickeln. Okay, bei Pickeln ist das wissenschaftlich nicht erwiesen, aber seit ich so verfahre, habe ich zumindest keine mehr.

Hatte ich vorher zwar auch nicht, aber die katholische Kirche kommt ja auch seit zweitausend Jahren ohne irgendeinen Beweis für sprechende Büsche, sich teilende Meere und erkenntnisbringende Äpfel durch. Und wenn es wirklich stimmt, dass wir Gottes Ebenbild sind, dann soll mir mal jemand die Existenz von Karl Dall erklären.

Verdammt, kaum bin ich ein paar Stunden vierzig, beschäftige ich mich schon mit der Vergangenheit.

Andererseits, ist das nicht ein guter Moment ein Resümee zu ziehen? Halbzeit gewissermaßen. Vielleicht auch das erste Drittel, je nach Lebenserwartung, medizinischem Fortschritt und Bauchumfang. Also gut, werfe ich einen Blick zurück.

Kindheit und Jugend haben wir ja schon abgehandelt, nach dem Abitur kam dann die Zeit der Entscheidungen. Ich hatte inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und so gab es zwei Möglichkeiten: Bundeswehr oder Zivildienst. Wer seinen Lebensinhalt darin sah, zu rauchen, zu saufen und sinnlos rumzuhängen, ging zur Bundeswehr.

Ich ging stattdessen in ein Behindertenwohnheim. In den sechzehn Monaten Zivildienst hab ich mehr über das Leben gelernt, als in all den Jahren in der Schule. Im Nachhinein war es die beste Zeit meines Lebens. Ich verdiente zum ersten Mal ein wenig Geld und machte etwas Sinnvolles. Ich war glücklich damals.

Oder lag das an der Jugend?

Dann kam das Studium und schon mit meinem Studienfach habe ich den Elfmeter voll in den Winkel gehauen. Nur leider ins eigene Tor.

In der Top Ten der unsinnigsten Studienfächer liegen das Studium der Blockflöte und Neulatein ganz weit vorn, nicht zu verachten sind auch Tanzpädagogik und Körperpflege: Letzteres studiert man an der Universität Hamburg. Wahrscheinlich mit Schwerpunkt Nivea.

Hamburg ist anscheinend die Universität mit den sinnlosesten Studienfächern, denn auch mein Fach wurde nur dort angeboten: Sprachen und Kulturen Austronesiens.

Austronesien ist grob gesagt das, was auf dem Globus rechts und oberhalb von Australien im Meer rumschwimmt.

Eigentlich eine sichere Wahl, denn die austronesische Sprachfamilie ist flächenmäßig die größte der Welt! Nur blöd, dass diese Fläche fast nur aus Wasser besteht.

Obwohl auf Neuguinea beispielsweise nur 0,1 Prozent der Weltbevölkerung leben, sind dort 15 Prozent aller bekannten Sprachen zu finden, in Summe über 800.

Doch nützt das nichts, wenn die kaum jemand spricht. Insofern hätte ich im Nachhinein besser Chinesisch studiert, dann würden mir die spannenden Jobs nur so zufliegen.

Während sie nun einen riesigen Bogen um mich machen, obwohl ich mein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen habe. So spreche ich beispielsweise fließend Kosraeanisch, das zu 26 Prozent mit Pohnpeanisch übereinstimmt, was wiederum zu 81 Prozent mit der pingelapischen Sprache identisch ist.

Kurz und gut, ich kann mir auf dem Woleai-Atoll auf Woleaianisch einen Hamburger bestellen. Was dummerweise nicht viel bringt, denn unter den 1.081 Atollbewohnern gibt es keine Hamburgerbrater.

Doch selbst wenn es einen gäbe, wäre es schwer, den Hamburger zu bezahlen. Denn auf der Hauptinsel Yap zahlt man mit Steingeld. Das sind keine putzigen Edelsteine, sondern riesige Mühlsteine, deren Wert sich danach bemisst, wie mühsam und teuer es war, den Stein auf die Insel zu bringen.

Auch das gesellschaftliche Leben auf Yap unterscheidet sich von dem unseren, so gibt es dort keine Frauenhäuser, sondern solche für Männer. Und die Frauen laufen dort oben ohne herum, obwohl sie sich gar nicht sonnen wollen.

Da ich bisher nur Neuguinea kannte, wollte ich mir direkt nach der Diplomfeier das restliche Austronesien anschauen. Ich hatte alles schon geplant, ein wenig Geld beiseitegelegt und freute mich wie Bolle. Endlich konnte ich Theorie und Praxis verbinden, zum kulturellen Austausch beitragen und die Yap-Frauen besuchen!

Doch dann kam ein Brief irgendeines Bürokraten, der mich darüber aufklärte, dass mein Bafög, das ich die ganzen Jahre bezogen hatte, nicht geschenkt war, sondern zurückgezahlt werden musste.

Von mir!

Da hätte ich mich ja gleich an einen Kredithai ausliefern können.

Da ich im Grunde Erwerbslosigkeit für Fortgeschrittene studiert hatte, blieben mir nur drei Optionen, an Geld zu kommen: Ein Banküberfall, eine Ausbildung zum Bankkaufmann oder ehrliche Arbeit. Da ich es moralisch vertretbarer finde, die Bank auszurauben, statt den Kunden, tendierte ich zum Banküberfall. Schließlich kann die Bank das geraubte Geld dann nicht mehr verwenden, um beispielsweise mit den Getreidepreisen zu spekulieren, die Leitzinsen zu manipulieren oder andere Firmen zum Zweck der Schließung aufzukaufen. Aus mir völlig unverständlichen Gründen wird Banküberfall in Deutschland jedoch mit Gefängnisaufenthalt sanktioniert. Also entschied ich mich schweren Herzens für ehrliche Arbeit.

Nun ist Austronesien für uns ein völlig fremder Kontinent mit eigenen Gesetzen, unverständlichen Hierarchien und zahllosen Absurditäten. Also ziemlich genau das Ebenbild einer staatlichen Behörde in Deutschland. Und so bewarb ich mich nach dem Studium beim Amt für Bürokratieabbau und wurde als Sachbearbeiter für interkulturellen Austausch und Kaffeemaschinenwartung eingestellt.

In weiten Teilen Austronesiens gibt es übrigens keine Bürokratie. Zeigt man beispielsweise einem Yapesen einen fachmännisch erstellten Aktenordner wird er diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu verwenden, an die höher lagernden Reisweinvorräte im Männerhaus heranzukommen, ohne sich übermäßig strecken zu müssen.

Die Kapauku auf Papua wiederum sind davon überzeugt, dass es nicht gut ist, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu arbeiten. Über so viel Weisheit verfügt man in Europa leider nicht.

Es ist auch ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Abbau von Bürokratie dazu dient, Bürokratie zu bekämpfen. Der Abbau von Kohle dient schließlich auch nicht dazu, Kohle zu bekämpfen, sondern sie zu fördern. Die Öffentlichkeit weiß nichts von uns, da wir inkognito arbeiten, in Mannheim beispielsweise in der ehemaligen Sporthalle der Stadt im Alsenweg. Nun ist eine Sporthalle nicht gerade das perfekte Büro, aber weil die Schülerinnen und Schüler der Generation Übergewicht beim Kastenspringen jedes Mal ein mittleres Erdbeben verursachten, hatte man die Halle aus bautechnischen Gründen schließen müssen.

Bei uns hingegen sprachen irgendwelchen Statiker von einem Bewegungsprofil knapp oberhalb der Nachweisgrenze und wir durften in die Halle einziehen.

Wir behelligen übrigens ausschließlich Bürokraten mit dem Ergebnis unserer Arbeit, sonst könnte der gemeine Bürger auf die Idee kommen, im Rahmen des Bürokratieabbaus als Erstes unsere Behörde abzubauen. Die im Übrigen kräftig wächst und gedeiht, was man allein schon an unserem knapp achttausendseitigen Quartalsbericht erkennen kann, bei dem ich regelmäßig hunderte Seiten streiche, welche die Kollegen dann wieder reinnehmen.

Nach zehn Jahren bei der Behörde arbeite ich immer noch als Sachbearbeiter, ja ich bin nicht einmal verbeamtet. Ständig hält mir mein Chef vor, dass man nur noch mit besonderen Leistungen Beamter werde. Als ob die jemals jemand in dieser Behörde vollbracht hat!

Tatsächlich haben alle immer nur gewartet, bis ein neuer Behördenchef kam, der sich eine neue Hausmacht aufbauen wollte und jeden verbeamtete, der nicht bei drei auf den Aktenschränken war.

Seit fünf Jahren versuche ich nun den Laden zu verlassen, habe geschätzte dreihundert Bewerbungen geschrieben, doch niemand in der freien Wirtschaft hat Verwendung für einen Austronesien-Experten und, gemäß Vorurteil, faulen Staatsangestellten. Hinzu kommt, dass mein Chef mir ein schlechtes Arbeitszeugnis ausgestellt hat, und wir uns seit drei Jahren darum streiten, das zu verbessern. Ich hab sogar schon die Personalabteilung eingeschaltet, obwohl ich hätte wissen müssen, dass diese nicht für das Personal da ist, sondern für den Arbeitgeber. Inzwischen vermute ich, der Behördenleiter will mich nicht gehen lassen, weil er genau weiß, dass ich der Einzige bin, der in dem Laden was schafft.

Jedenfalls hat er schon drei von mir beantragte Versetzungen in andere Behörden verhindert und gibt mir trotzdem immer die dringendsten und kniffeligsten Aufgaben.

Ich bin also in einer Beamtenzeitschlaufe gefangen und muss da irgendwie raus. Als erste Maßnahme steige ich aus dem Bett und ziehe mich an. Mein Blick fällt auf das einzige Geschenk, das kein Gutschein war. Ein T-Shirt mit der Aufschrift: Ich bin vierzig, bitte helfen Sie mir über die Straße. Toll. Der Witz hat mindestens genauso viele Jahre auf dem Buckel.

Tja, war das schon mein Leben?

Wie steht’s mit der Liebe?

Nächste Frage bitte.

Gerade, als ich das T-Shirt übergestreift habe, klingelt mein Festnetztelefon. Wer kann das sein? Das Büro? Denen hab ich doch nur meine Handynummer gegeben. Oder will mir noch jemand zum Geburtstag gratulieren?

Megan Fox? Keira Knightley? Cheryl Cole?

Oder noch besser, hat Miss Pagenschnitt vom Dating-Master meine Kontaktdaten bekommen und meldet sich?

Denn wie ich gerade feststelle, kann ich sie einfach nicht vergessen.

Das Alter ist ein höflich’ Mann:
Einmal übers andere klopft er an;
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißt’s, er sei ein grober Gesell.

Johann Wolfgang Goethe

12

Hastig nehme ich den Hörer ab und melde mich mit der sonorsten Stimmlage, die meine Stimmbänder hergeben: »Uli Abus hier.«

»Hallo, hier ist Andrea Richter …«

Wer ist das denn? Und wie hat sie mich gefunden? Etwa mit einem Blick ins Telefonbuch? Gibt’s das überhaupt noch?

»… von Demag Infratest. Einen schönen guten Morgen. Wir machen eine Umfrage über die neuen …«

Ich will schon auflegen als sie das Zauberwort sagt: »… Chio Chips.«

Chio Chips! Mein absolutes Lieblingsprodukt! Gewesen, bevor sie diese unsägliche Geschmacksverirrung in alle Chipssorten einfrittiert haben. Jetzt kann ich denen endlich meine Meinung sagen! So schlecht fängt der Tag gar nicht an.

»Chio Chips kenne ich natürlich«, antworte ich. »Ein gutes Produkt, aber man könnte noch einiges besser machen.«

»Sehen Sie und genau deswegen rufen wir an«, antwortet sie. »Als Erstes muss ich wissen, wie alt Sie sind. Sind Sie 15 bis 19, 20 bis 29, 30 bis 39 oder 40 bis scheintot.«

Mit fällt beinah der Hörer aus der Hand.

»Kleiner Scherz«, sagt sie. »Ich meinte natürlich 40 bis 65.«

»Muss ich ehrlich sein?«

»Wir haben natürlich nur Interesse an ehrlichen Kunden«, flötet sie ins Telefon.

»Ich verstehe«, seufze ich. »Gut, ich bin vierzig. Seit heute. Ist das ein Problem?«

»Nein, natürlich nicht«, antwortet sie. »Nur können Sie dann nicht an der Umfrage teilnehmen. Ich wünsche Ihnen also noch einen schönen …«

»Moment!«, unterbreche ich sie. »Ich habe jahrelang Chio Chips in allen Variationen gegessen, ich habe alles probiert, selbst diese unsäglichen Essigchips mit Dönergeschmack. Ich kann Ihre Fragen so gut beantworten wie niemand sonst. Ich hab sogar schon mal ihr Werk in Frankenthal besichtigt. Und ich hab früher beim SV Chio Waldhof Fußball gespielt!«

»Das mag ja sein«, erwidert sie. »Aber Sie gehören nicht mehr zur werberelevanten Zielgruppe von Chio Chips. Schönen Tag noch.«

Dann legt sie einfach auf. Ich fühle mich wie eine Chips-Tüte, die gerade von einem Panzer überrollt wird.

Gehöre ich jetzt etwa schon zum alten Eisen? Dabei hab ich nicht mal eine Midlifecrisis!

Alles wäre ganz einfach, wenn ich wieder dreißig wäre.

Ich könnte noch Karriere machen, heiraten, Kinder bekommen, das Leben läge noch vor mir.

Alles wäre perfekt.

Vierzigjährige sind doch auch nicht anders als Dreißigjährige. Nur älter. Vielleicht sollte ich einfach das tun, was bei Problemen mit großem Abstand am besten hilft.

Verdrängen.

Ist vierzig nicht das neue dreißig?

Früher haben die Vierzigjährigen nur an ihre Altersversorgung gedacht, Schlager gehört und Pullunder getragen. Heute gehen sie auf Megadeath-Konzerte, machen immer noch Praktika und tragen Hoodies. Man könnte natürlich auch Kapuzenjacken dazu sagen, aber das wäre ja nicht halb so cool.

Früher wurden Vierzigjährige schon Großeltern oder kämpften wenigstens mit der Pubertät ihrer Gören, heute sind sie junge Eltern und streiten sich darüber, wer die Windeln wechselt.

Früher aßen Vierzigjährige mit Vorliebe Schweinebraten mit böhmischen Knödeln und Sauerkraut, heute Sushi, Sashimi und Molekularkost.

Früher war eine Geburtstagsfeier von Vierzigjährigen so langweilig, dass man sich auch gleich einsargen lassen konnte. Heute hingegen feiert man die Party zum 18. Geburtstag noch einmal nach, nur dieses Mal nicht mit billigem Fusel sondern mit Lachshäppchen und erlesenen Spirituosen. Das Kopfweh hinterher ist trotzdem dasselbe.

Jedenfalls bei mir.

Auch wenn es gar keine Lachshäppchen gab.

Früher haben Vierzigjährige stramm CDU gewählt, gingen jeden Sonntag in die Kirche und tranken Korn. Manche auch in der Kirche. Heute wählen sie die Grünen, gehen am Sonntag brunchen und trinken Latte Macchiato.

All das haben früher die Zwanzig- und Dreißigjährigen gemacht.

Ergo ist vierzig das neue dreißig.

Also werde ich von heute an jedem erzählen, dass ich dreißig bin.

Keine Grenze verlockt mehr zum Schmuggeln als die Altersgrenze.
Karl Kraus

13

Erst habe ich noch Zweifel, doch dann fällt mir ein, dass ich das Ganze schon einmal getestet habe: Bei Miss Pagenschnitt, und es hat funktioniert!

Die arbeitet in einer psychologischen Praxis, ist also wahrscheinlich Psychologin. Wenn es bei ihr geklappt hat, dann werden es alle anderen auch glauben.

Davon abgesehen mache ich ohnehin genau das, was die Dreißigjährigen tun. Nur seltener. Aber das muss ja keiner wissen. Außerdem entspricht dreißig meinem gefühlten Alter. Und das ist ohnehin wichtiger als das biologische. Schließlich rauche ich nicht, bin nicht übergewichtig und besitze noch kein einziges künstliches oder geliftetes Körperteil.

Was Michael Jackson nicht von sich behaupten konnte. Aber der war ja auch schon fünfzig, als er sich in seine Einzelteile aufgelöst hat.

Ich werde mich zukünftig einfach als Dreißigjähriger ausgeben und alle Probleme sind gelöst. Zehn Jahre weg lügen, das macht doch heutzutage jeder Prominente. Mindestens. Hat Cher nicht dutzendmal ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert?

Zudem kleide ich mich wie ein Dreißigjähriger. Jeans, Sneaker, T-Shirt. Und ich hab noch alle Haare.

Zumindest am Po.

Scherz beiseite, ein paar Geheimratsecken kann auch ich nicht verbergen, aber Tom sah ja schon mit fünfundzwanzig aus wie ein Deoroller. Ich hab nicht mal ein einziges graues Haar!

Kein Wunder, wenn ich eines der Biester entdecke, reiße ich es sofort raus. Diese Faulpelze könnten ja die anderen Haare anstecken. Wenn die erst mitbekommen, dass es auch ohne die blöden Melanine geht, ist auf meinem Kopf bestimmt bald die Hölle los.

Also bin ich jetzt dreißig! Damit ich mich trotz Kater so fühle, nehme ich zwei Alka-Seltzer und schalte den Rechner ein. Klar besitze ich ein MacBook. Ich bin ja jung und trendy.

Ich öffne das E-Mail-Programm und staune nicht schlecht. 157 E-Mails. Das ist neuer Rekord!

Nachdem ich 63 Mails gelöscht habe, die mir Penisvergrößerungen andienen, kommt das gefälschte Viagra an die Reihe. Ich finde nur 21 Nachrichten zu dem Thema. Wirkt es schon, dass ich jetzt jünger bin?

Ich scrolle mich durch die übriggebliebenen Nachrichten und muss neun Geburtstagswünsche später feststellen, dass ich sage und schreibe 52 geschäftliche Mails im Posteingang habe. Das ist auch neuer Rekord.

Allein achtundzwanzig Mails stammen von meinem Chef, dem Behördenleiter Herrn Knecht. In 17 davon fragt er mich, ob ich an meinem Homeoffice-Day auch etwas arbeiten würde, und zwar von Mail zu Mail mit steigender Vehemenz.

Er hätte mich ja auch mal anrufen können! Ich nehme mein Taschentelefon in die Hand und blicke auf das Display. Irgendwie ist es dunkler als sonst.

Aha, offensichtlich habe ich das Ding vor dem Schlafengehen ausgeschaltet. Ich schalte es wieder ein und zähle die entgangenen Anrufe. Sieben. Sechs von meinem Chef und einer vom Bundestrainer.

Pflichtbewusst wie ich bin, rufe ich als Erstes den Bundestrainer an. Es ist natürlich besetzt. Wahrscheinlich wollte er mir ohnehin nur mitteilen, dass er Mariacron jetzt für die Frauenfußballnationalmannschaft nominiert hat.

Als Nächstes wähle ich die Nummer meines Chefs. »Waren Sie im Delirium, oder was?«, schreit er ins Telefon, noch bevor ich ein Wort sagen kann. Scheiß Anruferkennung.

»Ich hatte leider aus Versehen das Handy ausgeschaltet«, sage ich. »Und bei uns geht das Internet nicht. Gibt’s was Wichtiges?«

»Das Internet funktioniert einwandfrei«, antwortet er. »Jedenfalls bei Personen, die zur Computergeneration gehören.«

»Ich bin die Computergeneration«, will ich antworten, doch dann fällt mir ein, dass endloses Spielen von Kaiser auf dem C64 noch nicht dazu berechtigt, sich Computerfachmann zu nennen. »Ich hab schon mit der Datasette gearbeitet, da dachten andere noch, ein Kilobyte sei eine neue Gewichtseinheit«, sage ich stattdessen.

Knecht seufzt, wie es nur Chefs können. »Sie klingen schon wie Herr Wagner mit seinen Lochkarten.« Herr Wagner ist dreiundsechzig und gehört der berüchtigten Walzheimer-Gang an. »Der behauptet auch immer, das Internet geht nicht, wenn er mal wieder über ein Kabel gestolpert ist.«

»Ich hab WLAN«, sage ich. »Außerdem hab ich bei der Störungsstelle angerufen. Anscheinend ein Problem im Verteiler.«

»Das fällt dem Herrn Untergebenen ja sehr früh ein«, antwortet Knecht, klingt dabei aber, als sei er ein König. »Ich nehme an, Sie sind einverstanden, dass wir die heutigen Stunden auf Ihrem Zeitzettel streichen?«

»Ich weiß nicht so recht«, antworte ich, vor allen Dingen, da ich schon reichlich Minusstunden vor mir herschleppe.

»Ich schon«, antwortet mein Chef. »Und damit Sie nicht noch mehr Stunden verlieren, kommen Sie am besten gleich vorbei.«

Das Alter hat keinerlei Bedeutung. Man kann mit zwanzig hinreißend sein,
mit vierzig charmant und den Rest seiner Tage unwiderstehlich.

Coco Chanel

14

Fünf Minuten später stehe ich in unserem Großraumbüro, das bis auf die Schreibtische, Bürostühle und Plastikpflanzen immer noch aussieht wie eine Turnhalle. Die Behördenleitung verkauft das natürlich als Vorteil, denn wer hat schon das Fitnesscenter direkt ins Büro integriert? Wem danach ist, der kann einen Spagat am Pferd machen, am Reck den Feldaufschwung üben oder sich spontan an den Turnringen erhängen.

Dank des Großraumbüros sieht jeder mein tolles T-Shirt, einige lachen, andere haben einen dummen Spruch auf den Lippen, nur Herr Knecht verzieht mal wieder keine Miene. Wie kann man mit neunundvierzig nur so verstockt sein? Okay, er ist unglaubliche neunzehn Jahre älter als ich, aber das ist doch kein Grund!

Klar, er hat ja mal wieder schlechte Laune, der zuverlässigste Indikator dafür ist nämlich die Rotfärbung seines Gesichts. Momentan könnte er auch einen Job als Coca-Cola-Plakat annehmen.

Knecht faltet mich erst mal zusammen, nur weil ich an meinem Geburtstag ein paar Stunden nicht erreichbar war. Führen heißt für Knecht, einer führt, der Rest arbeitet. Widerspruchslos. Für Zwischenmenschliches ist da kein Platz. Als seine Beschuldigungslitanei endlich geendet hat, komme ich auch mal zu Wort. »Ein paar Freunde haben mir zum Geburtstag eine Reise geschenkt«, sage ich. »Also wollte ich nächste Woche Urlaub nehmen.«

»Ein Geschenk? Kein Problem«, antwortet Knecht. »Dann entstehen Ihnen ja keine Kosten, wenn Sie absagen. Wir haben Urlaubssperre.«

»Urlaubssperre?« Das war bisher ein Fremdwort für mich. Der effektivste Abbau von Bürokratie geschieht immer noch, indem man nichts arbeitet.

»Urlaubssperre!«, bestätigt mein Chef. »Und Homeoffice ist auch gestrichen!«

»Hab ich was verpasst?«

»Das Teammeeting, unsere anschließende Taskforce und die Sitzung des Krisenstabs.«

»Taskforce? Krisenstab?«

»Man will die Außenstellen der Behörde abbauen.«

»Was?« Bisher habe ich meinen Arbeitsplatz für unabbaubar gehalten. Auch wenn ich gar kein Beamter bin.

»Das neueste Sparprogramm der Bundesregierung«, erklärt Knecht.

»Welches denn? Das vom Winter, das vom Frühling oder das von letzter Woche?« Ich verliere da leicht den Überblick, auch weil die Regierung trotz der ganzen Sparprogramme ständig mehr Geld ausgibt als zuvor.

»Das von letzter Woche«, antwortet Knecht. »Nur dieses Mal meint die Regierung es ernst. Noch schlimmer, sie sagen das nicht nur, sie meinen das tatsächlich.«

Ich schlucke. Das hat es ja noch nie gegeben! Dann wird es noch schwerer für mich, einen neuen Job zu finden, wenn ich arbeitslos bin. Und das Haus will auch abbezahlt werden. Wie soll das gehen?

»Man glaubt, eine zentrale Behörde für Bürokratieabbau sei besser als sechzehn dezentralisierte«, erklärt Knecht.

»Und wo soll die Zentrale hocken?«

»Natürlich in Berlin.«

»Die Berliner haben doch überhaupt keine Ahnung vom Bürokratieabbau«, entgegne ich. »Die sind Weltmeister im Aktensammeln. Die alten Stasigene kommen da immer noch durch.«

»Außerdem hätten wir zu wenig Außenwirkung«, erklärt Knecht.

»Aber das ist doch so gewollt!«, protestiere ich. »Wenn jeder Vorschlag öffentlich diskutiert wird, traut sich doch niemand mehr, mit den Beamten Klartext zu reden. Außerdem müssen wir die Bürokraten überzeugen, nicht die Bürger. Und das geht nur mit viel, viel Papier und Aktenordnerbergen höher als das Matterhorn.«

»Das sieht man jetzt eben anders.«

»Und was können wir da tun?«, frage ich.

»Genau das haben wir heute im Krisenstab besprochen.« Knecht reibt sich mit großer Geste die Stirn, als sei eine Besprechung schon Arbeit. »Es war eine sehr ergiebige Sitzung. Wir haben schon erste Entscheidungen getroffen.«

Das ging ja schnell. Sonst wird vor der vierzehnten Sitzung nie etwas beschlossen. »Und was haben Sie entschieden?«

»Sie leiten den Krisenstab.«

»Was?«

»Es waren alle einhellig der Meinung, Sie wären für den Job bestens geeignet. Und da man Sie schon als Protokollführer bestimmt hatte, lag es auf der Hand, sie auch als Leiter einzusetzen. So etwas nennt man Synergieeffekt.«

Wieder ein Beweis, dass Homeoffice für den Arbeitgeber eine tolle Lösung ist. Schließlich konnte ich mich von daheim aus nicht gegen die Ernennung wehren. Ein wenig wundert es mich allerdings, dass Knecht diese existenziell wichtige Aufgabe einem einfachen Mitarbeiter überlassen hat, wenn auch seinem besten. »Was ist denn die Aufgabe des Krisenstabs?«, frage ich.

»Sie berichten an die Taskforce. In der sitzen die Abteilungsleiter, die Gruppenchefs und ausgewählte Experten.«

Ach so ist das: Wir machen die Arbeit, bestimmen dürfen wir aber nichts. »Und wer sitzt im Krisenstab?«, frage ich.

»Sie, Herr Wagner, Frau Wolpert und Herr Wuttke.«

Die berüchtigte Walzheimer-Gang! So genannt, weil sie alt und vergesslich sind und ihre Nachnahmen alle mit W beginnen. W ist übrigens der Buchstabe, der einem im Behördenalltag am meisten Unaufmerksamkeit beschert. Studien zeigen, dass der durchschnittliche Sachbearbeiter Akten mit den Buchstaben A bis K noch einigermaßen engagiert angeht, dann bis zum W immer nachlässiger wird, um durch das schnell zu erledigende X und Y angefeuert, beim Z noch mal alles zu geben. »Und was ist jetzt konkret unsere Aufgabe?«, frage ich.

»Sie zeigen drei Alternativen auf, mit denen wir die Schließung aufhalten können.«

»Gleich drei? Eine gute würde doch reichen.«

»Drei«, antwortet Knecht. »Schließlich muss die Taskforce etwas zu entscheiden haben.«

»Und bis wann brauchen Sie die drei Alternativen?« Normalerweise hat man als Kommission so sechs bis zwölf Monate Zeit, um mal ein erstes Ei zu legen.

»Morgen in einer Woche«, antwortet mein Chef.

»Morgen in einer Woche?«, wiederhole ich ungläubig.

Knecht nickt. »Wir sitzen am Montag darauf in der Taskforce zusammen und dafür brauchen wir eine Entscheidungsgrundlage. Wir müssen schon eine Woche später nach Berlin berichten.«

Ich bin geschockt. In dieser Situation hilft nicht einmal mehr die Taktik der professionellen Verzögerung, von Laien nicht ganz unzutreffend Aussitzen genannt. »Und Sie selbst erarbeiten nichts?«

»Wir wollen die Vorschläge unvoreingenommen prüfen«, entgegnet Knecht. »Außerdem haben wir nächste Woche unsere Teamleitertagung in der Sansibar … äh, ich meine auf Sylt. Da ist das ganze Programm schon durchgeplant.«

»Ich verstehe«, sage ich, obwohl ich mal wieder nichts verstehe. Es ist eine existenzbedrohende Situation für unsere Behörde und die Teamchefs haben offensichtlich nichts Besseres zu tun, als auf Westerland in der Sansibar abzuhängen. Aber ich darf nicht mal in den Westerwald.

Altern ist ein hochinteressanter Vorgang: Man denkt und denkt und denkt
– plötzlich kann man sich an nichts mehr erinnern.

Ephraim Kishon

15

Damit ich nicht der Einzige bin, der sich für den Erhalt der Abteilung die Sitzmuskeln aufreißt, lade ich die Walzheimer-Gang per E-Mail zu einem Sofort-Meeting ein. Mal sehen, was die schon erarbeitet haben. Immerhin hatten sie den ganzen Vormittag Zeit dazu.

Damit sie das Meeting nicht versehentlich vergessen, marschiere ich direkt zur Mädchenumkleide, in der sich das Büro der Walzheimer-Gang befindet. Wie auch immer sie sich das gesichert haben. Wahrscheinlich wegen Hypochonder-Haralds Angst vor großen Räumen, der mit ihnen im Büro sitzen würde, wäre er nicht pausenlos krankgeschrieben.

Die Meinungen über die Walzheimer sind geteilt, manche Kollegen erzählen, es wären verkalkte Vollpfosten, andere wiederrum, es wären die professionellsten Arbeitsverweigerer, die sie je gesehen hätten.

Die Tür zum Büro der Walzheimer-Gang ist wie immer geschlossen. Bevor ich anklopfe, überlege ich, wie ich die drei knacken kann. Was weiß ich von ihnen? Wagner, der Mann ohne Haarwurzeln und angeblich ohne Hirn, ist absoluter Porsche-Fanatiker, hat jedoch noch nie einen gefahren.

Wuttke bringt gut zweihundertfünfzig Pfund auf die Waage und ist bekennender Fan des 1. FC Kaiserslautern. Das ist in Mannheim schlimmer als einem Bettler das letzte Essen wegzuklauen und nur mit seiner Pfälzer Herkunft zu entschuldigen.

Von Frau Wolpert weiß ich nichts, außer, dass sie klein und dürr ist, eine graue Pudelfrisur trägt und Katzen mehr mag als Menschen.

Ich klopfe an die Tür, warte gar nicht erst, bis jemand mich hereinbittet und trete ein. »Da sitzt ja der Krisenstab«, begrüße ich die Kollegen.

Sie brummeln mir irgendwas entgegen, das Hallo, Halts Maul oder Hau ab heißen kann. Da das bei deutschen Beamten so üblich ist, grüße ich freundlich zurück. Wuttke liest wie immer die Bildzeitung, Frau Wolpert die Katzenrevue und Wagner will hektisch ein Browserfenster wegdrücken, trifft es aber nicht. Er hat eine Seite zum Konfigurieren eines Porsches offen und wollte sich gerade zwischen roten, blauen und grünen Ledersitzen entscheiden.

Um mir sein nervöses Rumgeklicke nicht anschauen zu müssen, blicke ich auf Wuttkes Schreibtisch. Dort steht ein Blumenkasten mit kurz getrimmtem Rasen. »Was ist das denn?«, frage ich ihn.

»Der Rasen vom letzten Spiel der Saison 95/96«, antwortet er.

»Ist Lautern da Meister geworden?«

Wuttke blickt mich an, als sei ich geistig minderbemittelt. »Nein, abgestiegen, gegen Bayer Leverkusen, Ausgleich in der 82. Minute, der Treffer war natürlich …«

»Irregulär, ich weiß«, behaupte ich, damit Wuttke nicht weiterredet. Der Kerl ist ein Fußball-Fatalist, also ein Typ, dessen Liebe zu seiner Mannschaft mit jeder Niederlage auf irrationale Weise wächst. Also der klassische Fan von Schalke 04, Tennis Borussia Berlin oder der englischen Nationalmannschaft. »Ich habe zu einem Meeting eingeladen«, sage ich. »Für unseren Krisenstab.«

»Was für ein Krisenstab?«, fragt Wagner und trifft endlich das Browserfenster.

»Der zur Schließung der Behörde«, antworte ich. »Das Meeting hat vor zwei Minuten begonnen. Oder seid ihr anderweitig beschäftigt?«

Seufzen in drei Tonlagen ist auch eine Antwort. Jedenfalls wenn Ausreden darauf folgen, wie Sitzungsallergie und Menstruationsbeschwerden. Ich sehe schon die Schlagzeile der Bild-Zeitung vor mir, wenn Wuttke zum Arzt geht: Sitzungszimmerallergie. Die neue Volkskrankheit!

Ich kläre Wagner auf, dass er sich das nächste Mal besser eine Ausrede einfallen lässt, die er nicht einfach Frau Wolpert nachplappert und ködere die drei mit den klassischen drei Ks der Sitzungsmotivation: Kaffee, Kekse und kostenlose Kantinenkost.

Nachdem wir bei der Sekretärin Kaffee und Kekse abgestaubt haben, gehen wir in den Duschtrakt, der zum Besprechungszimmer umgewidmet wurde.

Ich postiere mich zwischen zwei Duschköpfe, die Kollegen setzen sich auf die andere Seite des Besprechungstisches neben die Fußpilzstrahler. »Ihr habt ja heute Morgen schon einmal zusammengesessen«, beginne ich. »Ich habe gehört, das war sehr ergiebig. Was ist euch denn eingefallen?«

Ich schaue Wuttke an, Wuttke Frau Wolpert, Frau Wolpert Herrn Wagner und der erst einen Fußpilzstrahler und dann mich.

»Und?«, frage ich. Dieses Mal schaue ich Frau Wolpert an.

»Steht alles im Protokoll«, antwortet sie.

»Und wo ist das?«

»Ich bin nicht Protokollführer«, antwortet sie.

»Ich auch nicht«, legen die beiden anderen im Chor nach.

Klar, der bin ja ich. »Wie soll ich denn ein Protokoll schreiben, wenn ihr mir nicht sagen könnt, was auf der Sitzung besprochen wurde?«, frage ich.

»Da müssen Sie den Leiter des Krisenstabs fragen«, antwortet Wuttke.

Womit ich wieder bei mir selbst lande. Die drei sind offensichtlich nicht so leicht zu knacken.

»Dann fangen wir mal mit unserer ersten Sitzung an«, schlage ich vor. »Hat irgendjemand eine Idee, wie wir nachweisen können, dass unsere bisherige Arbeit sinnvoll ist?«

Die drei zucken mit ihren Schultern im Takt.

»Ihr findet unsere bisherige Arbeit also sinnlos?«

Die drei zucken wieder mit ihren Schultern.

»Wir müssen uns da schon was einfallen lassen«, sage ich. »Sonst wird die Behörde dicht gemacht.«

»Ich bin zweiundsechzig«, antwortet Wuttke. »Wenn die den Laden dicht machen wollen, müssen sie mich frühpensionieren.«

»Mich auch«, sagt Wagner. »Bin sogar schon dreiundsechzig. Und verbeamtet.« Er legt dieses naive Grinsen auf, das Stan Laurel auch immer aufgesetzt hat, wenn er sich einer Sache ausnahmsweise mal ganz sicher war.

»Und Sie?«, frage ich Frau Wolpert.

»Unkündbare Beamtin«, grinst sie und blättert in der Katzenrevue, die sie auf die Sitzung mitgenommen hat.

»Das ist schön für euch«, sage ich. »Aber ihr müsst doch auch an eure Kollegen denken!«

»Die denken doch auch nicht an uns«, entgegnet Wuttke und hat sogar recht damit.

»Wenn es nach euch geht, machen wir also gar nichts?«, frage ich.

Wagner ist in Gedanken schon wieder bei seinem Porsche-Konfigurator und Frau Wolpert blättert immer noch in der Katzenrevue.

»Na ja, wir müssen schon so tun als ob«, antwortet Wuttke. »Die Zeiten, in denen man mit offener Arbeitsverweigerung durchkam, sind leider vorbei.«

Die anderen beiden stöhnen auf.

»Also, was ist der Plan?«, frage ich.

»Sie sind doch der Leiter des Krisenstabs«, antwortet Wuttke. »Also müssen Sie sich etwas einfallen lassen. Ich müsste übrigens gleich los.«

Natürlich stimmen die anderen beiden sofort mit einem ich auch ein.

Ich will widersprechen, zögere jedoch eine Sekunde, weil ich selbst etwas später zur Arbeit gekommen bin. Die Sekunde reicht der Walzheimer-Gang, um aus dem Sitzungszimmer zu stürmen. »Die nächste Sitzung ist morgen um dreizehn Uhr«, rufe ich ihnen noch hinterher, doch die drei drehen sich nicht mal um.

Ich seufze, nehme eine Tasse und schütte mir einen Kaffee ein. Das heißt ich versuche es, denn die Kanne ist leer. Genau wie die Keksdose.

In dem Moment wird mir klar, dass die drei ihre ganze Kraft einsetzen, Arbeit zu vermeiden, statt zu arbeiten. Und darin haben sie jahrzehntelange Erfahrung. Von denen wird also kein einziger Vorschlag kommen. Das muss doch auch Knecht einsehen!

Wütend stapfe ich in sein Büro. Auch er drückt erst mal ein Browserfenster weg, ist dabei aber wesentlich geschickter als Wagner. »Stören Sie bloß, oder haben Sie Ergebnisse?«, begrüßt er mich.

»Halten Sie es für eine gute Idee, den Krisenstab nur mit Kollegen zu besetzen, die kurz vor der Pensionierung stehen?«

»Stehen Sie kurz vor der Pensionierung?«, fragt Knecht. »So alt sehen Sie doch gar nicht aus?«

»Ich meine mit Ausnahme von mir.«

»Was wollen Sie mir damit sagen?«

Jetzt muss ich aufpassen. Einen Beamten anschwärzen oder als arbeitsfaul hinzustellen führt zur sofortigen Ächtung unter den Kollegen. »Ich würde den Krisenstab gerne mit jüngeren Kräften durchsetzen«, schlage ich vor. »Damit wir eine gute Mischung aus Erfahrung und Kreativität haben.«

»Ich kann keinen Mann entbehren«, antwortet Knecht. »Der Laden muss schließlich während der Teamleitersitzung weiterlaufen.« Er schenkt sich einen Kaffee ein und bedient sich aus seiner persönlichen Keksdose. Natürlich bietet er mir nichts an. »Außerdem wollten Sie doch immer mehr Verantwortung, wollten eine Arbeitsgruppe führen. Nun können Sie beweisen, was Sie draufhaben!«

»Mit dieser Gurkentruppe?«, schlägt mein Kleinhirn als Antwort vor, doch das Großhirn verweigert die Sprachausgabe.

»Wenn Sie das schaffen, reden wir noch mal über Ihr Arbeitszeugnis«, sagt Knecht.

Es muss wirklich schlimm um die Behörde stehen, wenn er mir das anbietet. Umso wichtiger, dass ich ein gutes Zeugnis habe, sonst wird das nach der Schließung erst recht nichts mit den Bewerbungen.

Der Gedanke daran lässt mein Großhirn nicken, den Rest des Körpers aufstehen und sich von meinem Chef verabschieden.

Kaum bin ich wieder in meinem Büro, fällt mir auf, dass Knecht mich mit einer nichtssagenden Phrase abgefunden hat. Am liebsten würde ich mein Großhirn feuern. Dummerweise ist es unkündbar. Quasi verbeamtet.

 

Wer in einem gewissen Alter nicht merkt, dass er hauptsächlich von Idioten umgeben ist,
merkt es aus einem gewissen Grunde nicht.

Albert Einstein über die Relativitätstheorie

16

Die nächsten zwei Stunden zerbreche ich mir den Kopf, wie ich erstens die Walzheimer-Gang zur Mitarbeit motivieren, zweitens mein Arbeitszeugnis retten und drittens mit meinen Freunden in den Westerwald fahren kann, dann gebe ich auf. Kein Wunder, die Austronesier kennen solche Probleme nicht. Und sie verstehen sie auch nicht. Solange dort Essen auf dem Tisch steht, sind sie glücklich. Das kann man von uns leider nicht behaupten.

Wir bekommen ja schon eine Depression, wenn wir im Wartezimmer des Psychologen mal länger als fünf Minuten warten müssen. Moment! Ist das nicht die Lösung? Schließlich habe ich noch diesen blöden Gutschein. Vielleicht kann mir ein Psychologe helfen! Oder eine Psychologin. Eine ganz bestimmte. Miss Pagenschnitt.

Denn ich kann sie immer noch nicht vergessen.

Außerdem erfahre ich dann endlich, warum sie mich nicht angekreuzt hat. Und Amelie ist sicher auch froh, wenn sie sich mit mir nicht über das Thema Würdevoll altern unterhalten muss, sondern handfeste Probleme lösen darf, wie Mitarbeitermotivation.

Wenn ich mich recht erinnere, ist der Gutschein einlösbar bei bundesweit über 1200 Psychologen, Psychotherapeuten und sonstigen Hirnlegospezialisten. Leider liegt er in meiner Wohnung und gerade als ich aufstehe und ihn holen will, klingelt mein Telefon. Es ist Knecht. »Unsere Unterhaltung vorhin hat mir zu denken gegeben«, sagt er. »Mir ist die Gefahr zu groß, dass Sie am Freitag mit leeren Händen und dummen Ausreden dastehen.«

Er scheint mich gut zu kennen, denn das klingt genau nach meinem Plan B.

»Während wir auf Sylt sind, erwarte ich jeden Tag um sechzehn Uhr telefonisch Rapport von Ihnen. Dabei stellen Sie mir Ihre Ideen vor. Und drei wählen wir dann aus. Ist das klar?«

»Ich weiß nicht, ob wir so schnell sind«, antworte ich, jedoch nicht mehr meinem Chef, sondern dem tutenden Telefon.

Ich würde jetzt gerne im Internet nach psychologischen Praxen in den Mannheimer Quadraten suchen, doch leider sieht im Großraumbüro jeder, was ich auf meinem Rechner oder mit dem Smartphone mache.

Ich warte, bis Knecht nach Hause geht und verdrücke mich dann auch. Daheim logge ich mich sofort ins Internet ein und suche nach Psychologischen Praxen in Mannheim. Ich finde achtundsiebzig Stück, und mache mir ernsthaft Gedanken um die geistige Gesundheit der Mannheimer. Jedoch ist keine Praxis dabei, die von einer Person mit dem Vornamen Amelie geleitet wird.

Mannheim ist übrigens die einzige Stadt, die von Ritter Sport gesponsert sein könnte, denn die Innenstadt hat quadratisch angeordnete Straßen. Doch diese tragen keine Straßennamen wie Voll-Nuss oder Knusperkeks, sondern Buchstaben und Zahlen, ganz wie ein Schachbrett.

Es gibt sechs Praxen in den Quadraten und eine davon muss die von Miss Pagenschnitt sein, das hatte sie beim Speed-Dating gesagt. Drei der sechs Praxen nehmen den Gutschein, also werde ich die abklappern, in der Hoffnung, Amelie dort zu finden.

Ein Auto besitze ich übrigens nicht, wozu auch, um quer über die Straße zur Arbeit zu fahren? Ich nehme die Straßenbahn in die Innenstadt und steige in der Nähe der Psychologischen Praxis Bärlauch aus.

Ich klingle am Hauseingang, mir wird sofort geöffnet. Die Praxistür ist angelehnt und ich trete ein. Eine Frau kommt mir entgegen, sie sieht aus wie eine Mischung aus Angela Merkel und Catweazle. Ihre Füße stecken in verschiedenfarbigen Birkenstocks, sie trägt eine rote Pluderhose und einen blau-gelb gestreiften Häkelpullover mit Löchern so groß wie 2-Euro-Münzen. Wahrscheinlich ist sie ein untherapierbarer Messie.

»Hallo, ich bin Frau Dr. Bärlauch«, sagte sie und streckt mir die Hand entgegen.

»Ich bin von der Post«, lüge ich so spontan, wie ich es mir gar nicht zugetraut hätte. »Ich müsste hier einen Brief zustellen an eine Frau mit dem Vornamen Amelie, den Nachnamen kann ich leider nicht entziffern. Arbeitet in ihrem Büro zufällig jemand mit dem Vornamen?«

»Warum tragen sie keine Postuniform?«, fragt sie.

»Das ist das neue Postkonzept«, erkläre ich. »Die Post will individueller werden und daher dürfen wir bei der Arbeit unseren persönlichen Modestil vertreten.«

Ausgerechnet Miss Merkel-Catweazle schaut mich an, als müsse ich dringend mal zu einer Modeberatung oder noch besser, zu einer psychologischen Beratungsstelle, aber wahrscheinlich schauen alle Psychologen so, um ihre Kunden anzufixen. »Und, arbeitet hier jemand mit dem Namen Amelie?«, frage ich erneut.

»Ich führe meine Praxis selbstbestimmt«, antwortet sie nur, woraufhin ich mich bedanke und verabschiede.

Die nächste Praxis befindet sich in der besten Lage der Stadt, in den Mannheimer Planken. Im selben Haus werkeln noch ein Schönheitschirurg, eine Diätklinik und direkt daneben der weltweite Marktführer für Fettpolster aller Art, McDonalds.

Ich gehe direkt zur Praxis und klingle an deren Eingangstür. Sie öffnet sich automatisch. Anscheinend stehen Psychologen auf offene Türen. Inmitten des Raums, hinter einem Schreibtisch, sitzt eine Frau.

Sie trägt einen Pagenschnitt.

Frauen fürchten nicht das Alter. Sie fürchten nur die Meinung der Männer über alte Frauen.
Jeanne Moreau

17

Amelie starrt mich eine Sekunde lang an, lächelt dann unsicher, irgendwie irritiert. »Was machst du denn hier?«

»Ich, ähem, ich habe da einen Gutschein«, stammle ich und kann meinen Blick kaum von ihr abwenden. Sie hat einen Hosenanzug an, eine Bluse und dezentes Rouge aufgelegt. Sie sieht so atemberaubend aus, dass mein Hirn total abgemeldet ist, lediglich ein paar Sehzellen funktionieren noch und mustern das Namensschild auf Amelies Brust. A. Meister steht darauf.

Amelie bittet mich um meine Gesundheitskarte, nimmt sie dann zusammen mit dem Gutschein, betrachtet ihn, betrachtet mich und kommt dann kaum mehr aus dem Lachen raus. »Wer hat dir das denn geschenkt?«

»Meine Ex-Freundin«, antworte ich kleinlaut.

»Na, die hat Humor.«

»Nur hab ich kein Problem mit meinem Alter«, sage ich. »Schließlich bin ich erst dreißig.«

»Ach, deswegen hast du das tolle T-Shirt an?«

Ich schaue an mir herab. Verdammt, ich trage noch immer das Ich bin 40, bitte helfen Sie mir über die Straße-Shirt.

»Das Shirt ist auch ein Geschenk von meiner Ex«, notlüge ich. »Ich war ihr zu alt.«

»Wie alt ist sie denn?«

Damit mein Argument plausibel ist, ziehe ich bei meiner Ex fünfzehn Jahre ab. »Sie ist zweiundzwanzig.«

»Zweiundzwanzig?« Amelie zieht eine Augenbraue hoch. »Jetzt versteh ich das. Du stehst also mehr auf die jungen Dinger.« Sie zeigt auf die geschlossene Tür neben sich. »Ganz zufällig hat Dr. Dr. Beckmann gerade keinen Termin. Viel Glück.«

»Bist du nicht die Psychologin hier?«

»Das ist seine Praxis. Ich bin momentan nur die Vorzimmerdame.«

Amelie wirkt auf einmal kalt, unnahbar, so als habe ich sie verärgert. Dabei hat sie doch meinen Namen nicht angekreuzt! Aber vielleicht denkt sie auch, ich wäre ein Stalker und deswegen hierhergekommen. Ich muss irgendetwas sagen, um die Situation aufzulockern. Nur was?

Als stünde dort die Antwort, schaue ich an die Wand. Hinter Amelies Schreibtisch hängen einige Rorschach-Tintenkleckse, die verdächtig nach nackten Frauen aussehen. Finde ich jedenfalls. Aber das sollte ich wohl besser für mich behalten.

»Worauf wartest du noch?«, fragt Amelie derweil.

Das Schlimme ist, dass sie genau mein Typ ist. Vielleicht fällt mir deswegen nichts Geistreiches ein. »Ich würde mich gerne mit dem Psychologen über ein anderes Thema unterhalten«, sage ich, damit ich überhaupt etwas sage. »Und zwar über Mitarbeitermotivation.«

»Das muss er entscheiden«, antwortet sie, immer noch kühl.

Ich blicke sie an, nehme meinen ganzen Mut zusammen. »Bist du irgendwie sauer auf mich?«

»Warum sollte ich das sein?«, sagt sie. »Ich dachte halt, du wärst anders.«

Ich nicke schuldbewusst, ohne mir einer Schuld bewusst zu sein. So bin ich gegenüber weiblichen Autoritätspersonen. Und Amelie kommt mir gerade sehr wie eine vor. Bevor ich noch etwas Falsches sage, lasse ich es lieber.

Genau in dem Moment, in dem ich Dr. Dr. Beckmanns Tür öffne, frage ich mich, warum Amelie mir eigentlich viel Glück für die Sprechstunde bei ihm gewünscht hat.

Nun, ich werde es wohl gleich erfahren.

 

Psychologen machen nicht ihr Hobby zum Beruf, sondern ihr Problem.
Unbekannt (und kein Psychologe)

18

Schon nach ein paar Schritten glaube ich, aus Versehen in das Büro von Karl Lagerfeld gelaufen zu sein.

»Herzlich Willkommen«, begrüßt mich ein Mann mit Sonnenbrille, elektrobrauner Haut und weißem Haar, das mühsam eine Halbglatze bedeckt und am Ende zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist. Seine Stimme ist so dünn wie sein Haar und so hoch wie seine Stirn. Das muss Dr. Dr. Beckmann sein. »Würdevoll altern sieht irgendwie anders aus«, sage ich. Zum Glück nur in Gedanken. Mein Großhirn ist vielleicht nicht das Schlaueste, aber wenigstens diplomatisch.

»Hallo, ich bin Uli Abus«, sage ich stattdessen. »Ich habe einen Gutschein für vier Sitzungen Würdevoll altern geschenkt bekommen. Und …«

»Den wollen Sie jetzt einlösen«, unterbricht mich Dr. Dr. Beckmann, als wolle er sein Talent als Hellseher unter Beweis stellen. »Dann fangen wir doch gleich an.«

»Allerdings würde ich mich gerne mit Ihnen über ein anderes Thema unterhalten. Geht das?«

»Sie können sich mit mir über alles unterhalten«, sagt Beckmann. »Aber warum drücken Sie sich vor dem Alter?«

»Ich drücke mich nicht davor«, antworte ich und setze mich in den Besucherstuhl. »Ich würde mich nur gerne mit Ihnen über ein anderes Thema unterhalten.«

»Wie ich gerade gesagt habe, können wir das gerne tun«, antwortet Dr. Dr. Beckmann und lächelt. »Nach der Beratungssitzung.«

»Danach?«, frage ich. »Ist das auch vom Gutschein gedeckt?«

»Natürlich nicht«, antwortet Beckmann und fährt sich durch sein dünnes, weißes Resthaar als habe er wallende Locken. »Aber keine Angst, finanziell werden wir uns da schon einig.«

»Zahlt das die Krankenkasse?«, frage ich.

»Falls Sie Potenzprobleme haben oder Altersdepressionen könnten wir darüber reden.«

»Habe ich beides nicht«, antworte ich.

»Ihre Körpersprache sagt etwas anderes.«

»Meine Körpersprache?« Ich schaue an mir herab. Ich sitze ganz normal auf dem Besucherstuhl, die Beine nicht einmal überkreuzt, ich kaue auch nicht an den Fingernägeln oder fasse mir ständig an die Nase. Im Gegensatz zu meinem Gegenüber.

»Haben Sie denn eine Partnerin?«, fragt mich Beckmann.

»Momentan nicht.«

»Woher wollen Sie dann wissen, dass Sie keine Potenzprobleme haben?«

»Ich hatte noch nie welche.«

»Sie machen es sich da sehr einfach.« Dr. Dr. Beckmann schüttelt den Kopf. »Ich glaube, Sie wollen sich mit mir nicht über das Altern unterhalten, weil Sie es verdrängen.«

»Ich will mich mit Ihnen nicht über das Altern unterhalten, weil ich dringendere Probleme habe«, entgegne ich.

»Na, wenigstens geben Sie es jetzt zu«, antwortet Beckmann. »Seit wann klappt es denn nicht mehr?«

»Es klappt vorzüglich!«, widerspreche ich. »Ich möchte mich nur mit Ihnen über Motivationsprobleme unterhalten.«

»Lust haben Sie auch keine mehr?« Beckmann notiert sich das sogleich auf einem Papierbogen, wahrscheinlich meine Akte.

»Ich habe Lust!«, protestiere ich. »Die Behörde, in der ich arbeite, steht kurz davor, geschlossen zu werden, und ich habe einen Krisenstab zu leiten, der das verhindern soll. Leider sind die Mitglieder im Krisenstab so alt, dass sie ohnehin bald pensioniert werden. Ihnen macht die Schließung also nichts aus. Wie kann ich sie motivieren, mir trotzdem zu helfen?«, erzähle ich so schnell ich kann, damit er nicht wieder auf falsche Gedanken kommt.

Dr. Dr. Beckmann schaut mich mit großen Augen an, notiert wieder etwas in meine Akte und faltet dann die Hände. »So, nachdem Sie sich den Frust von der Seele geredet haben, können wir uns jetzt ja den wahren Problemen widmen«, sagt er. »Wann haben Sie Ihre Potenzprobleme bemerkt?«

Das reicht. Ich stehe auf und öffne den Reißverschluss meiner Hose. »Wenn Sie noch einmal das Wort Potenzprobleme in den Mund nehmen, hole ich mir hier im Büro einen runter. Haben Sie mich verstanden?«

Dr. Dr. Beckmann schluckt, reibt sich die Stirn und nickt. »Sie können sich wieder setzen«, sagt er. »Sie haben mich überzeugt. Sie gehören nicht zu den Typen, denen man erst hundert Brücken bauen muss, bis er sich öffnet.«

Ich nicke und mache meinen Reißverschluss wieder zu.

»Ich gebe mich gerne ein wenig einfältig, dann fühlen sich manche Menschen wohler«, erklärt Dr. Dr. Beckmann, setzt sich nun aufrecht hin und hört auf, an den Nägeln zu kauen. »Trotzdem können Sie mir nicht erzählen, dass das Alter Ihnen keine Probleme bereitet.«

»Das habe ich auch nicht behauptet. Aber momentan habe ich eher Probleme im beruflichen Bereich.«

»Geld oder, wenn das nicht hilft, Incentives.«

»Was?«

»Sie haben mich gefragt, wie man unwillige Mitarbeiter motivieren kann.«

»Aha«, sage ich. »Und wie komme ich an die besten Vorschläge der Mitarbeiter?«

»Brainstorming«, antwortet er. »Verbunden mit einem Ortswechsel. Aber wenn es Sie nicht stört, würde ich jetzt gerne wieder mit Ihnen über Ihr Alter sprechen.« Er deutet auf mein T-Shirt. »Sie sind vierzig?«

»Nein, ich bin dreißig«, behaupte ich. Schließlich habe ich mir das vorgenommen. Und Amelie glaubt es auch.

»Dreißig?«, fragt er.

»Dreißig«, bestätige ich.

Autor

  • Thomas Kowa (Autor)

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Titel: Lügen haben Männerbeine (Humor, Liebe)