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Win my Heart – Spiel um die Liebe (Liebe, Chick-Lit)

von Anne Lay (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Er ist einer der reichsten Junggesellen, dem die Frauen scharenweise zu Füßen liegen.
Sie steht vor den Scherben ihres Lebens und setzt alles auf eine Karte.
Bei einem Blackjack-Turnier begegnen sie sich und kommen sich näher. Nach einer magischen Nacht trennen sich ihre Wege. Denn Sonja hat kein Interesse, sich nach der Enttäuschung mit ihrem Ex schon wieder in den Falschen zu verlieben. Doch er kann sie nicht vergessen … aber kann sie ihm auch vertrauen?

Impressum

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Erstausgabe Februar 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-333-4
Taschenbuch-ISBN:978-3-96087-374-7

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© adpic.de

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Eine verrückte Idee

Aufbewahren oder Altpapier? Unschlüssig wog Sonja den schweren Aktenordner mit den gesammelten Bewerbungen in der Hand und seufzte. Wenn sie nur schon eine neue Wohnung hätte. Der nächste Erste rückte bedrohlich näher.

Entschlossen warf sie den Ordner in die Altpapierkiste. Es waren ohnehin nur Absagen. Anhand der Anschreiben auf ihrem Laptop wusste sie, welche Hotels sie bereits angeschrieben hatte, und würde so nicht den Fehler begehen, eine Doppelbewerbung hinauszuschicken.

Gerade gestern hatte sie eine weitere Bewerbung per Mail verschickt. Ob es darauf schon eine Antwort gab?

Sie überließ die Umzugskisten sich selbst und setzte sich mit dem Laptop auf den Boden. Tatsächlich gab es einige neue Nachrichten: Werbung, eine weitere Absage, noch mehr Werbung. Enttäuscht presste sie die Lippen zusammen.

Sonja archivierte die Absage, ehe sie Mail für Mail löschte. Bei einer stockte sie kurz. Ein Online-Casino bot für die Erstanmeldung einen Bonus, um gleich losspielen zu können. Gerade wollte sie den Löschen-Button anklicken, als ihr Blick an einigen Worten hängenblieb: Blackjack-Turnier. Live. In Frankfurt. Sonja klickte auf den Link. Den Finalteilnehmern winkte ein Wochenende im Luxushotel, dem Gewinner schließlich fünfzigtausend Euro. Das klang verlockend. Um teilzunehmen, musste es ihr lediglich gelingen, online den Bonus zu verdoppeln.

Sie las sich die Bedingungen durch und tatsächlich: Es wurde kein eigenes Geld, das sie ohnehin nicht besaß, als Einsatz gefordert, um die Fünfzigtausend zu gewinnen.

Aber.

Sollte sie sich wirklich noch einmal auf Glücksspiel einlassen? Damit hatten schließlich all ihre Probleme angefangen.

♥♥♥

»Salut, Lubaid!« Hassan stellte eine Papiertasche, aus der es süß duftete, auf den Tisch und begrüßte seinen Freund mit einer kurzen Umarmung.

Dieser schnupperte. »Mandeln, Honig, Zimt. – Du hast doch nicht wieder Mhancha mitgebracht? Willst du mich mästen?«

Hassan schmunzelte: »Ich weiß doch, was du gern magst. Außerdem habe ich extra nur einen für jeden gekauft.«

»Einer ist keiner.« Lubaid grinste und orderte bei seiner Assistentin Kaffee, den diese nach kurzer Zeit zusammen mit zwei Tellern und Servietten hereinbrachte. Schon bald mischt sich der Duft frischen Kaffees mit dem Mandelaroma.

Die Männer ließen sich einander gegenüber in den bequemen Sesseln nieder, die in der kleinen Sitzecke von Lubaids Büro standen, ehe Hassan in sein Mhancha biss, wobei er achtgab, dass weder Mandelsplitter noch Teigkrümel auf seinen dunklen Anzug fielen. »Hm«, murmelte er und schloss für einen Augenblick genießerisch die Augen, während er sich die letzten Reste der honiggetränkten Mandelsplitter von den Fingern leckte. Auch Lubaid schwelgte in der kleinen Köstlichkeit und schien sich kaum davon losreißen zu können.

»Ich glaube, in einem solchen Moment könnte ich alles von dir verlangen, oder?« Hassan, der schneller gegessen hatte als Lubaid, hatte den Freund beobachtet.

Lubaid schluckte. »Keine Chance. Ich kann genießen und anschließend knallhart feilschen, wie du weißt.«

Das weiß ich allerdings und ich könnte mir keinen Besseren als Hotelmanager hier in Aachen vorstellen, dachte er, während er sich in dem kleinen Badezimmer, das an Lubaids Büro angrenzte, die klebrigen Finger wusch.

Hinter ihm erklang Lubaids Stimme. »Meine Schwester kommt mich übrigens am Wochenende besuchen, sollen wir gemeinsam etwas unternehmen?«

»Ich werde nicht in Aachen sein, désolé.«

»Ach, nein?«

»Heute Nachmittag habe ich noch einen Termin wegen der Übernahme in Düsseldorf und dann fahre ich nach Frankfurt. Wie lange bleibt Fatima denn?«

»Bis Sonntagmittag, sie muss ja am Montag wieder arbeiten.«

»Dann werden wir uns wohl nicht sehen.« Hassan zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Kannst du den Termin in Frankfurt nicht verschieben? Sie freut sich darauf, dich zu treffen.«

Hassan lachte. »Diesen Termin kann ich beim besten Willen nicht verschieben. Ich habe mir freigenommen und mich bei einem Turnier angemeldet. Ich will einfach mal was anderes sehen, als die Arbeit.«

♥♥♥

»Mach es.«

Zweifelnd sah Sonja ihre beste Freundin an. Die Idee war aberwitzig – ohne Risiko, damit hatte Marie zwar recht –, aber eben aberwitzig.

»Was hast du schon zu verlieren? Wenn du früh aus dem Wettbewerb ausscheidest, ist es ein vertaner Tag. Erreichst du die Finalrunde, hast du ein Wochenende im Luxushotel gewonnen und wenn du gewinnst, ist es vielleicht die Lösung für all deine Probleme.«

Die Lösung. Das wäre wirklich zu schön. Auf einen Schlag alle Schulden loszuwerden, war ein verlockender Gedanke.

Eine leise Stimme im Hinterkopf mahnte zur Besonnenheit. Es werden Blackjack-Spieler mit mehr Erfahrung mitmachen. Um überhaupt Erfolg zu haben, musst du abgebrüht sein, als ginge es um nichts.

Und eben nicht um die Existenz. Aber um die ging es ja ohnehin, ob sie nun dieser verrückten Idee folgte oder nicht.

Sonjas Blick schweifte zwischen den Umzugskartons umher. Der Gedanke hier herauszukommen, und sei es nur für einen Tag, war verlockend.

Sie seufzte. »Gut, dass ich meine Klamotten noch nicht eingepackt habe. Es gilt doch sicher ein Dresscode, wenn die Veranstaltung in diesem Nobelschuppen steigt.«

Marie strahlte. »Wir machen die Online-Anmeldung fertig und dann suchen wir gemeinsam die Sachen aus.« Eifrig griff sie nach dem Laptop und rief die Seite des Veranstalters auf. Als das Anmeldeformular zu sehen war, reichte sie das Gerät an Sonja weiter.

»Meinst du wirklich?« Sonja kaute auf ihrer Unterlippe.

»Jetzt mach keinen Rückzieher!«

Mit einem Schnauben griff Sonja nach dem Computer und begann, die Maske auszufüllen. Erst als sie fertig war und die Eingaben noch einmal auf ihre Richtigkeit prüfte, sah sie, dass sie ihren Mädchennamen angegeben hatte. Müller stand dort, nicht Reinhard, der Name ihres verhassten Ex. Anfangs war sie froh gewesen, den Allerweltsnamen ihrer Mädchentage los zu sein. Wie lange war das her? Egal. Bald würde sie wieder so heißen. Einen letzten Termin vor Gericht würde es noch geben, dann war diese Ehe Geschichte. Trotzdem, heute hieß sie Reinhard und an der Namensangabe sollte es nicht scheitern. Sie korrigierte den Eintrag und kontrollierte akribisch die anderen Felder: 28 Jahre, Köln … Bevor sie es sich noch einmal anders überlegen konnte, klickte sie auf Senden.

Postwendend kam die Bestätigungsmail mit dem Zugangscode zur Online-Vorrunde.

»Fünfzigtausend Euro«, Maries Stimme bekam einen schwärmerischen Klang.

»Die wollen erst einmal gewonnen werden. Nur der Beste erhält Geld. Alle anderen Finalteilnehmer werden mit dem Wochenende abgespeist.«

»Abgespeist. Also ehrlich. Es ist ein angesagtes Hotel mit Sternerestaurant und grandiosem Wellnessbereich, Massagen, Zimmerservice …«, Marie schüttelte den Kopf.

»Langsam«, bremste Sonja die Freundin. »Vor dem Livespiel in Frankfurt muss ich die Vorrunde im Online-Casino überstehen.« Sie loggte sich mit dem Code aus der Mail ein.

»Wie spielt man Blackjack eigentlich?« Marie reckte den Hals, um mit Sonja gemeinsam auf den kleinen Bildschirm des Laptops schauen zu können.

»Weißt du noch, wie wir früher Siebzehnundvier gespielt haben? Blackjack funktioniert genauso. Du bekommst zwei Karten und kannst weitere einfordern, mit dem Ziel, möglichst nah an die Einundzwanzig zu kommen.« Sonja klang leicht abgelenkt, weil sie gleichzeitig versuchte, sich ein Bild zu machen, wie das Spiel online ablief.

»Stimmt, wer mehr als einundzwanzig Punkte hat, verliert. Aber wie gewinnt man dabei Geld?«

Mit einem Seufzen wandte sich Sonja vom Bildschirm ab und ihrer Freundin zu. »Bevor ich Karten bekomme, setze ich einen Geldbetrag und dann spiele ich gegen den Dealer, also den Kartengeber.«

Maries Augen weiteten sich erschrocken. »Dann kannst du dabei Geld verlieren?«

Sonja schmunzelte. »Im echten Casino ja. Hier spiele ich online im Rahmen dieser Werbeaktion mit virtuellem Geld, meinem Bonus für die Neuanmeldung. Wenn ich den Betrag verdopple, darf ich am Livespiel in Frankfurt teilnehmen, ohne Geld einzusetzen.«

»Puh, da bin ich aber erleichtert! Jetzt hatte ich doch einen Moment Angst, es ginge dabei um dein Geld.«

Sonja umarmte die Freundin herzlich. »Keine Bange.« Sie konzentrierte sich jetzt wieder auf den Bildschirm. »Na dann.« Mit ihrem Einsatz startete sie das Spiel, und erhielt Karten. Gleich beim ersten Mal hatte sie Glück und bekam ein Ass und eine Zehn.

»Das ist übrigens ein Blackjack. Der gibt mehr Geld, vorausgesetzt der Dealer hat weniger Punkte«, kommentierte sie.

Schweigend spielte sie die nächsten Runden und langsam aber stetig vergrößerte sich ihr Guthaben.

»Mist!«

»Was ist?« Marie schaute verständnislos auf den Bildschirm.

»Das war ein sogenannter Bust, ich habe mich überkauft und mehr als einundzwanzig Punkte. Der letzte Einsatz ist weg.«

Nun spielte Sonja vorsichtiger weiter, was zwar den Kontostand hielt, aber nicht vermehrte. So kann das nicht weitergehen, dachte sie und verdoppelte den Einsatz, als sie eine Zehn bekam. Sie hielt den Atem an, während sie auf die zweite Karte wartete. Wenn sie nun einen kleinen Zahlenwert erhielt, würde sie wahrscheinlich verlieren, da sie nur noch eine Karte bekommen konnte. Das war der Preis für die Verdopplung, die eben im Gewinnfall auch mehr einbrachte. Die zweite Karte war ein Bube. Jetzt muss nur noch der Dealer unter Zwanzig bleiben, hoffte sie. Tatsächlich hatte der Geber in dieser Runde nur neunzehn Punkte und sie strich den doppelten Gewinn ein. Nach einem tiefen Durchatmen ging es in die nächste Partie.

Wie viel Zeit verstrichen war, wusste Sonja nicht, als ein goldener Schriftzug auf dem Display aufblinkte.

»Du hast es geschafft!«, jubelte Marie. Sie hatte im Gegensatz zu Sonja gelesen, dass dort zur Verdopplung des Startkapitals gratuliert wurde. »Wow, war das spannend!«

Ein Ton meldete eine eingegangene Mail und ein Fenster öffnete sich, um anzuzeigen, dass die Eintrittskarte zum Turnier angekommen war.

Marie fiel ihr um den Hals. »Dann werden wir dich mal herausputzen. Komm!«

Sonja folgte ihrer Freundin langsam in ihr Schlafzimmer. Marie schob bereits die Bügel auf dem Kleiderständer hin und her. Einen Schrank gab es nicht mehr.

»Das brauchst du unbedingt für das Dinner am Samstagabend.« Sie hielt ein rotes Cocktailkleid in der Hand. Ausgerechnet. In dem Kleid hatte Sonja damals geheiratet. Ihr erster Impuls war, das Ding zu nehmen und es in den Müll zu werfen, aber dann hätte sie nichts, um gegebenenfalls am Dinner teilzunehmen. Ein neues Kleid war auf keinen Fall drin.

»Hier sind auch die passenden Schuhe, Handtasche. Was ist mit einer Strumpfhose?«

Die Frage war berechtigt, schließlich trug Sonja fast nie Kleider oder Röcke. Für den besonderen Anlass damals hatten es halterlose Strümpfe sein müssen. Auch die lagen noch in einer unscheinbaren Schachtel; trotz aller Erinnerungen waren sie so teuer gewesen, dass Sonja sie nicht hatte entsorgen mögen.

»Wow. Habe ich dich jemals in diesen Sachen gesehen?«

Ein Kopfschütteln. Sonja war gerade nicht nach Reden, was Marie bemerkte und mit einer kurzen Umarmung quittierte, bevor sie sich wieder der Kleiderstange zuwandte.

Schließlich lagen zwei Hosenanzüge mit passenden Blusen, Ballerinas und eben jenes Cocktailkleid mit den zugehörigen Accessoires auf dem Bett.

»So müsste es gehen.«

»Ein Schlafanzug fehlt noch.«

Marie lachte. »Dann traust du dir also doch zu, ins Finale zu kommen?«

Ein Schulterzucken.

»Na komm, ich lade dich heute zum Essen ein und morgen früh bringe ich dich zum Bahnhof.«

Dann komme ich nicht zum Grübeln und fahre auch sicher dorthin. Sonja verstand die unausgesprochenen Hintergedanken der Freundin und war froh darüber.

Beim Essen in der kleinen Pizzeria an der Ecke kam die angekündigte Mail des Veranstalters. Der Ablauf war angehängt, aber den würde Sonja sich während der Zugfahrt morgen anschauen.

Wie vereinbart, klingelte am nächsten Morgen Marie mit einer Brötchentüte und zwei Kaffeebechern an der Tür, und ließ ihren Blick über Sonja gleiten. Mit einem anerkennenden Nicken bestätigte sie Sonjas eigene Einschätzung.

Der Hosenanzug stand ihr ausgezeichnet. Die langen Beine wurden durch das dunkle Blau betont und wirkten noch schlanker, als sie es ohnehin waren. Die Bluse war eng und umschmeichelte Sonjas Figur, gleiches galt für den kurzen Blazer.

»So kann ich dich auf die Menschheit loslassen«, verkündete Marie, nachdem sie ihre Freundin auf jede Wange geküsst hatte.

»Ich wäre ja gerne Mäuschen«, ergänzte sie, »wenn du in dem Aufzug schon so viel hermachst, würde ich dich gern in dem Kleid sehen. Den Männern an deinem Spieltisch wird es schwerfallen, sich auf ihr Blatt zu konzentrieren.«

»Auch Frauen spielen«, wandte Sonja ein und wies auf sich, »und wenn Profis dabei sind, wird sie nichts aus der Fassung bringen können.«

»Trotzdem kann es nicht schaden, wenn du noch einen Knopf deiner Bluse öffnest.« Unbefangen nestelte sie an dem besagten Knopf und grinste anerkennend. »Schicker BH.«

»Lass das. Erst einmal muss ich den Zug erreichen. Ich möchte auch keine Missverständnisse hervorrufen, weder unterwegs noch beim Empfang.«

»Ich möchte ja auch nicht, dass dich die Sitte wegen unerlaubter Prostitution im Nobelhotel gleich einkassiert.«

Sonja verdrehte die Augen.

»Aber du solltest die Möglichkeit im Hinterkopf haben. Wenn es heiß wird, kannst du beiläufig den Knopf öffnen und deine Gegner mit deinen Mädels da ablenken.« Marie deutete auf den offenen Ausschnitt, den Sonja gerade wieder zuknöpfte.

Schwatzend ging sie hinunter zu Maries Auto, den kleinen Koffer in der Hand, und Sonja war froh über die Ablenkung, die ihre Freundin ihr bot. So brauchte sie nicht über das bevorstehende Wochenende nachzudenken.

Frankfurt

Das Gedankenkarussell startete fast zeitgleich mit dem Zug. Nach dem letzten Blick auf Marie, die euphorisch und mit Daumen nach oben winkte, lehnte sich Sonja in das Polster zurück. Auf dem Smartphone las sie nun in Ruhe die Anhänge der zweiten Bestätigungsmail.

Neben dem zeitlichen Ablauf waren noch einmal die Regeln aufgeführt, nach denen Blackjack gespielt werden würde. Sonja entdeckte nichts Neues.

Etwas entspannter hob sie den Kopf und blickte aus dem Fenster. Es war eine Weile her, seit sie mit ihrem Ex gemeinsam Stammgast im Casino gewesen war. Während er den Roulettetisch oder das Würfeln vorzog, hatte es sie immer wieder zu den Karten gezogen. Und im Gegensatz zu ihrem Ex-Mann hatte sie stets mit einem klaren Limit gespielt. Sobald der Einsatz weg war, hatte sie aufgehört. Einige Male hatte sie auch im Casino ihr Geld vermehrt und sich gefreut, aber alles in allem war es eine Nullnummer gewesen – bei ihr. Sie hatte zwar bemerkt, dass Nick deutlich risikofreudiger, aber nicht, wie weit er tatsächlich gegangen war. Nach außen hatte er sich immer als smarter Geschäftsmann gezeigt, der alles im Griff hatte und doch hatte er sich übernommen, weit mehr verspielt, als er besaß.

Entschlossen verstaute sie das Smartphone in der Handtasche und ließ den Blick über die Mitreisenden im Abteil wandern. Gegenüber saß ein Herr im Anzug, der sie interessiert beobachtete. Als sie nun zurückblickte, nickte er ihr lächelnd zu und schaute dann aus dem Fenster.

Auch Sonja blickte auf die vorbeifliegende Landschaft und ließ ihre Gedanken treiben.

Als sie Nick kennengelernt hatte, hatte er sie sofort beeindruckt. Er war so weltmännisch, so versiert aufgetreten. Das Gegenteil von ihr, die sich immer schnell begeistern ließ, und damals eher flippig gewesen war. Seine Ruhe hatte ihr gutgetan. Sie hatte an die große Liebe geglaubt.

Die große Liebe für drei Jahre.

War sie blöd gewesen! Heirat, den Job gekündigt, um sich ganz um ihren Traummann kümmern zu können, der Wunsch nach einem gemeinsamen Baby, das nicht kommen wollte. Rückblickend war sie erleichtert und froh, nicht auch noch ein Kind versorgen zu müssen. Solange sie in der Eigentumswohnung lebte, reichte der Minijob für die laufenden Kosten, aber jetzt? Die Wohnung war zwangsversteigert und musste geräumt werden. Eine neue Bleibe hatte sie noch nicht finden können, bezahlbarer Wohnraum war knapp in Köln. Einen neuen Job brauchte sie auch, einen, der ihr half, die drückenden Schulden abzubauen.

Mit einem Schnauben schob sie die Sorgen um Wohnung und Geld beiseite und lächelte ihrem Gegenüber entschuldigend zu, der sie wegen des Geräusches irritiert musterte. Etwas verlegen gab sie vor, die Mitreisenden im Gang zu beobachteten, und richtete ihre Gedanken auf das Blackjack-Turnier. Sie war ihrer Freundin dankbar, sie mit dieser verrückten Idee aus Köln herausgeführt zu haben. Für die nächsten Stunden – oder Tage? – war sie nicht die gescheiterte Ehefrau, sondern … ja was eigentlich? Sonja richtete sich auf. Sie würde als selbstbewusste Zockerin auftreten, ihr Pokerface einsetzen, an dem sie lange gearbeitet hatte, weil Nick immer meinte, sie sei so leicht zu durchschauen.

Vom Hauptbahnhof Frankfurt ging es mit der Straßenbahn weiter, drei Stationen später stieg sie an der Haltestelle Festhalle, Messe aus. Auf dem Vorplatz ließ sie das historische Gebäude auf sich wirken und schaute zur Kuppel hoch.

Sie haben ihr Ziel erreicht, hallte es durch ihren Kopf. Mit einem Grinsen durchschritt Sonja den Eingang und gab zunächst ihr Gepäck an der Garderobe ab. Erst danach machte sie sich zur Anmeldung auf. Mit ihrem Teilnehmerausweis verschaffte sie sich einen Überblick, wo ihr erstes Spiel stattfinden würde.

Weil bis zum großen Start noch Zeit war, stieg sie die Treppen zum ersten Rang hinauf, um sich die Festhalle anzuschauen. Die eiserne Dachkonstruktion aus dem letzten Jahrhundert war beeindruckend, und sie ließ den riesigen Raum auf sich wirken. Tageslicht drang durch die Kuppel und leises Gemurmel, sowie das Geraschel unzähliger Füße umfingen sie während ihrer Besichtigung. Sie war überrascht, wie viele Menschen hier waren. Der Blick nach unten offenbarte zahllose Spieltische, die darauf warteten, besetzt zu werden. Da die erste Runde in mehreren Schichten gespielt werden würde, mussten es weit über tausend Spieler sein. Beeindruckt, aber fest entschlossen, sich nicht entmutigen zu lassen, machte sie sich wieder auf den Weg hinunter ins Foyer. Hier nahm die Geräuschkulisse nochmals zu.

Das Erdgeschoss der Festhalle, in dem die Spieltische aufgebaut waren, war noch gesperrt und so warteten die meisten Spieler, weitere kamen oder drängten sich zu den Treppenaufgängen durch, um die erste Runde aus dem Rang zu verfolgen. Sonja bot sich ein buntes Bild. Erwachsene aller Altersklassen und in den unterschiedlichsten Outfits waren zusammengekommen. Direkt neben ihr standen einige jugendlich wirkende Männer beisammen und überspielten ihre Nervosität mit flapsigen Sprüchen. Sie trugen Jogginghosen und weite T-Shirts. Sonja konnte nicht verstehen, was sie sprachen, aber das Gelächter war deutlich zu hören. Es gab vereinzelt Teilnehmer, die gemäß der Kleiderordnung für Casinos gekleidet waren. Strenggenommen war Sonja dies selbst nicht, aber die Vorstellung, vormittags in einem Kleid in dieser Menschenmasse zu stehen, erheiterte sie. Die wenigen Frauen, die sie von ihrem Standort ausmachen konnte, trugen gehobene Freizeitkleidung. Und ihr Hosenanzug hatte in den früher besuchten Casinos in Duisburg oder Aachen kein Aufsehen erregt.

Dann kam Bewegung in die Menge. Die Türen wurden geöffnet und die Spieler strömten in den Saal. Sonja wartete, bis das Gedränge nachließ, bevor sie sich auf den Weg machte. Sie musste fast auf die andere Seite und passierte auf ihrem Weg viele Spieltische, an denen die Teilnehmer von den Croupiers begrüßt wurden.

Schließlich nahm sie selbst Platz und musterte ihre Mitspieler für die erste Runde. Eine bunte Mischung setzte sich nach und nach an ihren Tisch. Vom Milchbart mit Jeans und T-Shirt, über zwei Männer in ihrem Alter, bis hin zu einem gepflegten Herrn im Anzug, der überheblich lächelnd ebenfalls die anderen beobachtete, während er sich durch den ergrauten Dreitagebart strich.

Kurz kreuzten sich ihre Blicke, dann trat der Croupier heran und bereitete sich mit den letzten Handgriffen auf die kommende erste Spielrunde vor. In diesem Moment knackte es in den Hallenlautsprechern.

»Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie im Namen des Fremdenverkehrsverbandes, sowie der Casinogesellschaft und der Sponsoren zum ersten Blackjack-Turnier der Stadt Frankfurt. Mit der Anmeldebestätigung sind Ihnen die Spielregeln und Abläufe zugekommen. Wir starten mit einem zentralen Signal und Sie bekommen zunächst das einheitliche Startkapital ausgehändigt. In vorgegebener Weise werden Sie an drei Tischen zunächst Ihr Kapital einsetzen und so die Vorrunde bestreiten. Am Ende der drei Spielrunden gibt es Erfrischungen im Foyer, während im Hintergrund die Auswertung vonstattengeht, und so werden Sie frisch gestärkt in die Zwischenrunde starten können. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Nachmittag.«

Kaum, dass die Ansprache beendet war, fand Sonja einen sorgfältig geschichteten Stapel Jetons vor sich, wie sie ihn nun auch bei den anderen entdeckte. Der Croupier an ihrem Tisch schob gerade dem Milchbart die Spielmarken zu, der sie gekonnt durch die Finger gleiten ließ.

»Wenn Sie bereit sind, werden wir nun starten.« Die letzten Worte gingen im Heulen einer Sirene unter, die den Beginn des Turniers markierte. Alle schoben ihre Einsätze in die Tischmitte und bekamen ihre Karten. Der Spieler rechts neben Sonja verlangte eine weitere. Sie selbst hatte einen König und eine Acht, und verzichtete daher, denn mit achtzehn Punkten war sie den angestrebten einundzwanzig sehr nahe. Nach und nach wurde weiter ausgeteilt und schließlich deckte der Dealer seine zweite Karte auf. Die Bank hatte einen Blackjack.

Sonjas erster Einsatz war also verloren. Milchbart und der ältere Herr hatten ebenfalls einen Blackjack und hielten ihre Einsätze.

Einige Spiele später hatte Sonja zumindest ihr ursprüngliches Guthaben wieder erreicht und kurze Zeit danach verkündete die Sirene das Ende der ersten Spielrunde. Sonja nahm ihre Jetons und nickte den anderen zum Abschied zu. Zwei Tische weiter würde sie ihre nächste Runde bestreiten.

Nach der anfänglichen Aufregung hatte sich in Sonja ein Gefühl von Routine ausgebreitet. Sicher, der letzte Casinobesuch lag lange zurück, aber sie hatte mit ihrem Ex regelmäßig gespielt. Auch wenn die Atmosphäre in der Stadthalle vollkommen anders war, als in einem Casino, so war es doch das gleiche Spiel. Was sie zunächst sehr abgelenkt hatte, war der hohe Geräuschpegel. Zwar wurde nicht laut gesprochen, kommentiert oder gar applaudiert, aber die große Menschenmenge erzeugte einen ungewohnten Lärm. Ständig war Geraschel oder Husten zu hören und auch die leisen Gespräche zwischen Kartengeber und Spieler summierten sich bei so vielen Tischen. Hinzu kam das Gemurmel von den Zuschauern aus dem Rang von oben. Wie viel angenehmer war da die leise gepflegte Atmosphäre bei zwei bis fünf Blackjack-Tischen in einem Casino.

Die zweite Runde beendete sie dann auch mit einem deutlichen Plus, das sie in der dritten schließlich halten konnte. Am Ende gaben alle Spieler ihre Jetons dem Dealer, der die Gewinne in ihrem Beisein säuberlich notierte.

Im Foyer drängte sich die Mehrzahl der Teilnehmer um die Tische, an denen belegte Brötchen verkauft wurden.

Sonja ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und entschied sich dann für einen Kaffee. Am Stand zu ihrer Rechten war die Schlange überschaubar und so stellte sie sich an. Sie bekam bald den bestellten extragroßen Latte Macchiato überreicht und drehte sich nach einem kurzen Dank schwungvoll um. Unmittelbar hinter ihr stand jemand im dunklen Anzug, gegen den sie nun mit ihrem Arm stieß. Der Kaffee spritzte hoch.

 »Oh, punaise!«, der Fremde schreckte zurück, um dem Kaffeeschwall auszuweichen.

Auch Sonja wich zurück, während sie ihr Gegenüber entsetzt anstarrte. Das Platschen des Kaffees ließ sie den Blick senken. Zwar hatte die heiße Flüssigkeit ihn nicht direkt getroffen, aber seine Schuhe bekamen gerade milchkaffeefarbene Tupfen.

»Oh Gott! Es tut mir leid, ich …« Was stammelte sie denn da? »Moment.« Sie drückte dem verdutzten Mann ihren Kaffeebecher in die Hand und nahm sich vom Tresen eine Handvoll Servietten. Einige legte sie in die Kaffeepfütze, bevor sie vorsichtig, um nicht selbst auszurutschen und in die Lache hineinzufallen, seine Schuhe säuberte. Dann schob sie die vollgesaugten Papiertücher zusammen und wischte noch einmal nach. Im Aufstehen musterte sie sowohl seine als auch ihre Hose und warf die nassen Servietten in den Müll.

»Es tut mir wirklich sehr leid«, wiederholte Sonja, »zumal ich augenscheinlich weniger abbekommen habe als Sie.«

»Da haben Sie wohl recht. Es hätte aber schlimmer kommen können.«

»Darf ich?«, sie deutete auf den Kaffeebecher in seiner Hand.

Sonja bekam ihren deutlich geleerten Becher von ihm zurück und streckte ihm ihre Hand entgegen: »Mein Name ist Sonja Reinhard, soll ich für die Reinigung aufkommen?«

Überrumpelt schüttelte er ihre Hand. »Es ist ja nichts weiter passiert und meine Schuhe sind schon wieder sauber.« Mit einem Auflachen zeigte er darauf. »Sind Sie immer so effizient?«

»Wie bitte?«

»Vom Zusammenstoß bis zur vollständigen Beseitigung des Malheurs waren es«, er schaute demonstrativ auf seine Uhr, »gerade mal zwei Minuten.«

Jetzt musste auch Sonja grinsen. »Vielleicht ist ja etwas dran, was ich mal gelesen habe: Damit ein Kaffee wirkt, sollte man ihn nicht trinken.«

»Sondern?«

»Im Original wurde empfohlen, ihn über seine Computertastatur zu gießen. Ein fremder Anzug samt Schuhen wirkt wohl ähnlich.«

Er schmunzelte. Sonja sah seine dunklen Augen leuchten. Erst jetzt nahm sie sich Zeit, ihn genauer zu betrachten. Dunkelbraun waren die Augen, umgeben von feinen Lachfältchen. Passend zu seinem dunklen Teint trug er sein schwarzes Haar leicht lockig, wenn auch sehr kurz.

»Hassan Djamali, angenehm. Darf ich Ihnen einen neuen Becher kaufen?«

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch immer seine Hand hielt. Etwas verlegen ließ sie ihn los und schüttelte ablehnend den Kopf.

»Nein, danke. Nachdem ich Sie angerempelt habe, sollte ich wohl eher Ihnen einen Kaffee anbieten.« Er winkte jedoch ab.

Sie lächelte ihm noch einmal entschuldigend zu und drehte sich um.

Während er seinen Kaffee bestellte, schlenderte Sonja zum Ausgang der Halle, um frische Luft zu schnappen. An der Tür kam ihr jedoch der Qualm der Raucher entgegen, die eng gedrängt zusammenstanden, um dem Rauchverbot zu entgehen. Also drehte sie ab, trank mit zwei Schlucken ihren Becher leer und beschloss, die Toiletten aufzusuchen.

 In der Rückschau auf den Zusammenstoß schnaubte sie leise. Sie hatte also immer noch eine Schwäche für braune Augen. Sein Blick hatte sie einen kurzen Moment ihre Umgebung vergessen lassen. Selbst jetzt noch musste sie schlucken, als sie sich an sein Gesicht erinnerte. Dieses warme Braun der lachenden Augen, aufmerksam hatten sie geschaut und interessiert. Ach was, schalt sie sich selbst. Er wird wohl vor allem froh sein, dass nichts passiert ist. Schlanke Hände hatten glatt und warm ihre umfasst. Hassan war ein arabischer Name, aber geflucht hatte er auf Französisch.

♥♥♥

Hassan schaute ihr mit seinem Espresso in der Hand nach. Als sie aus seinem Blickfeld verschwand, erinnerte er sich an das Bild, als sie vor ihm hockend seine Schuhe abgewischt hatte. Sie hatte ihn mit dieser spontanen und schnellen Aktion vollkommen überrascht. Das gelang anderen nur selten.

 Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm ihren Kaffeebecher in die Hand gedrückt hatte, grenzte an Frechheit. Dann die Wandlung in ihrem Gesicht. Im Moment des Zusammenstoßes waren ihre Augen riesengroß geworden. Grau waren sie und standen in scharfem Kontrast zu den dunkelblonden Haaren. Die Erleichterung über den glimpflichen Ausgang und sein Eingehen auf ihre schlagfertigen Bemerkungen hatten ihr Gesicht aufleuchten lassen.

Ein hübsches Gesicht, das zu keinem einzigen Augenblick Ablehnung hatte erkennen lassen. Offen und freundlich war sie ihm begegnet. Er mochte Schlagfertigkeit. Ob er dieses Wochenende auch dazu nutzen sollte, eine Frau kennenzulernen? Er hatte bisher keine feste Beziehung gesucht, war zu viel in Europa herumgereist, aber vielleicht wurde es ja Zeit, nach einer passenden Partnerin Ausschau zu halten? Als er sich im Foyer umsah, verwarf er den Gedanken aber wieder. Er sah nur wenige Frauen und bezweifelte, dass die Liebe zum Glücksspiel als Basis für eine Beziehung geeignet war.

Bis zur Bekanntgabe der Spielergebnisse würde es noch eine ganze Weile dauern. Hassan schlenderte zum Treppenaufgang, um das Spielgeschehen von oben zu verfolgen. Beim Erreichen des ersten Rangs blieb er jedoch stehen und schaute nach oben. Die Eisenkonstruktion der ovalen Kuppel erinnerte ihn an den Eiffelturm. Er hatte gelesen, dass die Festhalle über hundert Jahre alt war.

Als er den Kopf senkte, um nach unten zu schauen, stand unversehens die Frau im Hosenanzug vor ihm. Sonja Reinhard, wiederholte er ihren Namen still. Auch sie hatte sich anscheinend entschlossen, dem Spiel im Erdgeschoss zuzuschauen. Die Tatkraft, die sie ihm demonstriert hatte, war ihr auch jetzt anzumerken. Sie hatte Stil und hob sich aus der Menge, die bei diesem Turnier teilnahm, ab. Der dunkle Hosenanzug kontrastierte zu ihrem Haar. Er vermutete, dass es ihre natürliche Haarfarbe war, zumindest kannte er keine Frau, die ihr Haar dunkelblond färbte, hellblond oder rot, das ja, aber gerade diese auf den ersten Blick unscheinbare Farbe gefiel ihm. Unter dem kurzen Blazer sah er lange Beine und einen knackigen Po. Er schielte auf ihre Schuhe: farblich passende Ballerinas. Sie mochte es also bequem und war so vernünftig, sich auf weite Wege hier in Frankfurt einzustellen. Ob sie wohl mit dem Zug angereist war?

Vorsichtig ließ Sonja ihren Kopf kreisen.

»Verspannt?« Hassan war neben sie an die Balustrade getreten.

»Ein wenig.« Sie lächelte ihn erkennend an. »Das frühe Aufstehen, die Zugfahrt hierher, aber es ist auszuhalten.«

»Hatten Sie eine weite Anreise?«

Sonja schaute ihn prüfend an, bevor sie ein Kopfschütteln andeutete. »Nein, von Köln bis hierher war es im ICE nur etwas mehr als eine Stunde.«

Hassan bemerkte Interesse in ihrem Blick, was ihm nicht unangenehm war.

»Darf ich Ihnen eine Frage stellen?« Sie hatte sich zu ihm umgedreht und schaute nun zu ihm auf.

Überrascht deutete er ihr an, dass er keine Einwände hätte.

»Ihr Name klingt arabisch, aber im ersten Moment sprachen Sie Französisch, wie passt das zusammen?«

Sie hatte sich Gedanken über ihn gemacht? Er fühlte sich geschmeichelt.

»Für den Fluch muss ich mich entschuldigen.« Er legte seine Rechte auf sein Herz und deutete eine Verbeugung an. »Meine Familie stammt ursprünglich aus Marokko, aber aufgewachsen bin ich in Paris.«

»Haben sie Deutsch in der Schule gelernt? Ich hätte nicht vermutet, dass Sie kein Muttersprachler sind.«

»Vielen Dank, das würde meine Lehrerin, Madame Martin, sehr glücklich machen. Sie hat mich für dieses wunderbare Land und die Sprache begeistert.«

Sonja stand nun an die Balustrade gelehnt neben ihm. Sie legte den Kopf leicht zur Seite und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. So kam ihr schlanker Hals zur Geltung, wobei ihre Bewegungen natürlich wirkten, frei von jeder Absicht.

»Ich stelle es mir schwer vor, Deutsch zu lernen. Allein die drei Geschlechter mit den Artikeln, die alle dekliniert werden, dazu die unzähligen Verbformen mit ihren Ausnahmen.«

Hassan hing an ihren Lippen. Ihm gefiel ihre Stimme, die ruhig war, eher tief und selbst in dem Moment, als sie im ersten Schreck über den Zusammenstoß nur gestammelt hatte, nicht schrill geworden war.

»Es lag eine gewisse Herausforderung darin. Aber ich habe durch die Beschäftigung mit der deutschen Grammatik auch meine eigene Sprache verstehen gelernt. Das Geheimnis des Unterrichts bei Madame Martin war, dass sie uns sprechen ließ, sie hat uns abverlangt, uns auf Deutsch zu aktuellen Themen zu äußern. So schwer mir dies zu Beginn fiel, so dankbar bin ich ihr für ihre Beharrlichkeit. Außerdem ist es ihr gelungen, meinen Ehrgeiz zu wecken.«

»Sind Sie sehr ehrgeizig?«

»Ja, das bin ich. Aber ich vermute, dass auch Sie hergekommen sind, weil sie gewinnen wollen.« Er lächelte sie an, um seine Worte abzumildern. Ruhig hielt er aus, dass sie ihn nachdenklich musterte.

»Dann hoffe ich, dass wir uns nicht am Spieltisch begegnen.«

»Nicht vor der Finalrunde zumindest«, bekräftigte Hassan.

»Dann haben wir also eine Verabredung?« Sie streckte ihm mit einem frechen Grinsen ihre Hand hin.

Lachend schlug er ein. »Ja, die haben wir.«

»Gut.« Sie löste ihre Hand aus seiner. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.«

Bedauernd trat er zur Seite, um sie vorbeizulassen, und schaute ihr nach, wie sie den Rang verließ. Sie gefiel ihm.

♥♥♥

Als Sonja die Treppe verlassen hatte, reihte sie sich in den Strom derjenigen ein, die im Foyer die ausgehängten Ergebnisse der ersten Spielrunde einsehen wollten.

Da sie wusste, wie viel sie erspielt hatte, schaute sie gar nicht erst auf die vorderen Blätter. Sie kontrollierte, bis zu welchem Betrag Spieler in die zweite Runde gelangt waren – bei ihr war es reichlich knapp. Auf ihrem Weg zurück an die Spieltische überdachte sie ihre Strategie. Wenn sie eine ernsthafte Chance haben wollte, musste sie dringend offensiver spielen.

Von nun an wurden an den Tischen Eleminationsrunden gespielt. Wer den geringsten Gewinn verzeichnete, schied aus. Sonja gelang es, zweimal einen mittleren Platz zu belegen. Dann wurden die Gruppen neu eingeteilt. So kam es, dass sie dem Milchbart aus der ersten Spielrunde wieder begegnete. Dieser wirkte nicht mehr so ruhig wie zu Beginn. Als er mehrmals nacheinander verlor, fluchte er verhalten. Als Schlusslicht der Runde fürchtete er zu Recht, eliminiert zu werden. Nach einer Fünf und einer Sieben verlangte er eine weitere Karte. Als Nächstes erhielt er eine Zwei. Die anderen Spieler hatten höhere Werte und so verlangte er eine weitere Karte. Mit einer Acht bustete er und verließ frustriert den Tisch.

Sonja wurde unter ihrer sorgsam zur Schau getragenen Coolness nervös. Bisher war es ihr gelungen, Vorletzte zu sein. Selten hatte sie weiter vorn gelegen. Wie sie befürchtet hatte, wirkte die Aussicht auf das Preisgeld ablenkend auf sie. Wenn sie es nur schaffen würde … Sie rief sich zur Ordnung, konzentrierte sich auf die nächste Runde. Mit einem mittleren Einsatz freute sie sich über einen Blackjack und strich ihren Gewinn ein, der sie auch dieses Mal rettete.

Statt eines weiteren Kaffees verließ sie in der folgenden Pause die Stadthalle. Schnellen Schrittes lief Sonja die Straße hinab und ließ dabei die Schultern kreisen.

Wenn dieser Tag irgendetwas bringen sollte, musste sie ihre Strategie ändern.

Vergiss einfach, dass es um Geld geht. Wenn du ohne Geld nach Hause gehst, ist es auch gut.

Vergiss, vergiss, vergiss, hämmerte sie sich das Mantra bei jedem Schritt in ihr Hirn. Langsamer ging sie den Weg zurück und atmete tief durch.

♥♥♥

Hassan hatte Sonja aus den Augen verloren. War sie ausgeschieden? Noch einmal ließ er seinen Blick über das Foyer schweifen. Zufällig entdeckte er sie durch die Glasfront neben der Eingangstür. Langsam schlenderte sie auf das Gebäude zu, ein Bild von Gelassenheit und Konzentration. Ohne zu wissen, wie sie bisher abgeschnitten hatte, schätzte er sie als gefährliche Gegnerin ein. Sie schien eine erfahrene Spielerin zu sein. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an die beiden Begegnungen mit ihr dachte. Er beobachtete, wie sie zielstrebig auf einen der Spieltische zuging. Sie war also noch dabei.

Der Kreis der aktiven Teilnehmer hatte sich inzwischen so dezimiert, dass nur noch zehn Tische belegt waren. Die Top 50 hatten beide also fast erreicht.

♥♥♥

Als Sonja Platz genommen hatte, trat der Spieler aus der ersten Runde, der mit dem grauen Dreitagebart neben sie.

»Welche Freude, bei einer solchen Schönheit sitzen zu können.« Seine Stimme hatte ein weiches Timbre und war tief, Bariton, vielleicht sogar Bass.

Sonja musterte ihn. Der Anzug saß auch nach den Spielrunden tadellos, das Hemd blütenrein. Sein Aftershave drang ihr in die Nase, nicht wirklich unangenehm, aber es passte nicht recht zu ihm.

»Bei einem Turnier dieser Art musste man natürlich damit rechnen, dass quasi jeder mitmachen kann. Jetzt kommen wir langsam in die interessanten Gefilde.« Er lehnte sich zurück und schaute demonstrativ auf die verbleibenden zehn Spieltische. Nur diese waren noch beleuchtet und standen im Zentrum, umgeben von Halbdunkel. »Ja, inzwischen hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. Wohl dem, der das nötige Kleingeld hat, auch in dieser Runde dabei zu sein.«

Sonja hörte ihm nur oberflächlich zu. Bei Kleingeld kam sie ins Grübeln. Hatte in den Wettbewerbsregeln gestanden, dass man sich wieder in das Turnier einkaufen konnte? Die Rebuy-Regelung hatte sie überschlagen, weil sie kein Geld hatte, um sich eine zweite Chance zu kaufen.

»Was halten Sie davon, wenn wir den Abend gemeinsam verbringen?« Er beugte sich vertraulich zu ihr herüber.

»Sind Sie so sicher, dass Sie gewinnen werden?«

»Ach, das ist doch der reine Zeitvertreib. Ich habe schon meine Suite im Grandhotel bezogen. Die hatte ich gebucht, bevor ich mich hier eingeschrieben habe.«

Jetzt fiel ihr auch der Siegelring auf, als er seinen Unterarm lässig auf den Tisch legte und sich näher zu ihr beugte.

»Der Platz reicht für zwei.«

So plump war Sonja schon lange nicht mehr angesprochen worden. Meinte er das ernst? Bevor sie sich eine passende Entgegnung überlegt hatte, setzten sich die anderen Spieler an den Tisch und der Croupier kam hinzu. Der Spielbeginn enthob sie einstweilen von der Antwort.

Dieses Mal wurde es schon in der ersten Runde eng. Während zwei Mitspieler einen Blackjack hatten, bustete Sonja und mahnte sich zur Ruhe.

Sie schob ihren nächsten Einsatz in die Mitte und wartete auf die Karten. Zum ersten Mal breitete sich eine tiefe Gelassenheit in ihr aus. Zweimal hatte sie Glück, konnte den Erfolg wiederum halten, und der Dreitagebart schied aus. Aus dieser Stimmung heraus überstand sie auch die folgenden drei Runden.

Einem Aufwachen gleich realisierte Sonja, dass sie es bis in das Finale geschafft hatte. Zum Ende der Veranstaltung in der Stadthalle sollten die Ergebnisse bekanntgegeben werden.

Auch wenn klar war, wer jeweils an den Spieltischen in die Runde der letzten Sechs vorgerückt war, so drängten sich doch viele Menschen vor der Bühne, auf der nun wieder der Sprecher des Veranstalters das Mikrofon ergriff.

»Meine Damen und Herren, nach einem ereignisreichen Tag gilt es nun, die Gutscheine für die Übernachtungen zu überreichen und die besten sechs Spieler des heutigen Events für ihren Erfolg zu belohnen. Wir bedanken uns beim Grandhotel für das Sponsoring und für die Möglichkeit, das Finale morgen dort durchzuführen.« Er nannte die anderen Sponsoren und sprach schließlich den Teilnehmern seinen Dank aus, die an den Tischen fair und konzentriert gespielt hatten. »Kommen wir also nun zur Ehrung der Finalteilnehmer. Als Erstes möchte ich den Sechstplatzierten auf die Bühne bitten, Herrn Heiner Stockhaus.« Ein Mann Mitte fünfzig betrat das Podium, in Jeans und Oberhemd gekleidet. Er bekam eine Schlüsselkarte für das Hotel überreicht und eine schwarze Mappe.

Sonja musterte ihren zukünftigen Gegner, der sich gelassen neben den Moderator stellte. Mittelgroß war er, und sein Hemd spannte leicht um die Taille. Er trug bequeme ausgetretene Schuhe aus hellem Wildleder, die alt, aber gepflegt aussahen. Also jemand, der sich auf Bewährtes verlässt, Neuerungen gegenüber vorsichtig ist, dachte sie.

»Als Nächstes bitte ich Sonja Reinhard zu mir.«

Dann war es also wieder knapp gewesen. Aber sie hatte das Wochenende im Grandhotel im Sack. Beschwingt lief Sonja die Treppe zur Bühne hinauf und bekam ebenfalls Schlüsselkarte und die Mappe ausgehändigt. Sie schüttelte Stockhaus die Hand und stellte sich neben ihn, um die weiteren Gegner in Augenschein zu nehmen, wenn diese auf das Podium kamen.

»Der dritte Spieler in der Runde ist Hassan Djamali.«

Das Ritual wiederholte sich und Sonja fand sich plötzlich dem Mann gegenüber, den sie mit Kaffee übergossen hatte. Er lächelte herzlich, als er sie begrüßte. »Sie sehen, ich halte meine Vereinbarungen ein«, scherzte er, bevor er Stockhaus die Hand reichte.

Sonja nutzte den Moment, ihn im Scheinwerferlicht zu betrachten. Die schwarzen glänzenden Haare waren ihr schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen. Um das markante Kinn zeichnete sich der Schatten eines Bartes ab. Er war fast einen Kopf größer als sie, und seine Figur schlank und athletisch, soweit sie die Statur im Jackett beurteilen konnte.

Ein Junge in Jeans und T-Shirt in Übergröße betrat die Bühne. Sie hörte gerade noch, dass er, just achtzehn geworden, sich wacker geschlagen hätte. Er grinste sie etwas verlegen unter seinem Basecap an, als er ihrem Beispiel folgend, alle begrüßte. Neben ihr erklang ein: »Hallo, Sven!«, und sie beobachtete, wie sich Stockhaus und der Junge gegenseitig beglückwünschten. Man schien sich also zu kennen.

Hinzu kamen noch ein blonder Nerd namens Tobias Krauter und ein Glatzenträger, der als Giacomo Falcone vorgestellt wurde. Nicht nur der Name des Letzteren deutete auf italienische Wurzeln hin. Die Art, wie er sein schwarzes Hemd weit offen trug, bediente jedes Klischee.

Während Sonja noch mit ihren Gedanken beschäftigt war, kam eine Hostess mit Sektgläsern und sie hörte ein leises »Vorsicht«. Unwillkürlich musste sie lächeln und nahm sich ein Glas. Die Runde hob die Gläser, unterdessen der Moderator nun ohne Mikrofon den weiteren Ablauf verkündete.

»Im Anschluss werden Sie von einer Limousine abgeholt und ins Grandhotel gefahren. Wenn Sie unserer freundlichen Helferin ihre Garderobenmarken übergeben, wird sie sich darum kümmern, dass Ihr Gepäck zur Limousine gebracht wird. Zuvor möchten wir jedoch noch einige Fotos für die Presse zu Werbezwecken machen. Sie sind doch einverstanden?«

Auf Öffentlichkeit hätte Sonja verzichten können, nahm dies aber in Kauf. Frankfurt schien ihr weit genug von Köln entfernt zu sein, als dass sie jemand auf dieses Turnier ansprechen würde.

Also posierte die Gruppe, bei der sie als einzige Frau in die Mitte gebeten wurde, mal mit und mal ohne Sektgläser. Schließlich kam eine Hostess und führte sie zum Ausgang.

Sonja bemerkte, dass ihr Weekender gerade im Kofferraum der Limousine verschwand, und kurz darauf stieg sie in den Wagen. Die gesamte Gruppe fand bequem Platz, wobei sie insgeheim etwas belustigt die Begeisterung verfolgte, mit der Sven und Krauter sich im Innenraum umsahen. Es ist nur ein großes Auto, dachte sie bei sich. Sie hatte sich nie für Autos begeistern können. In der Stadt ging es viel schneller mit dem Rad oder Bus und Bahn zu fahren. Natürlich hatte Nick ein Auto gehabt und gehätschelt, bis es dann plötzlich weg war. Entschlossen verdrängte sie die Erinnerungen.

Die hellen Ledersitze waren sehr bequem und so lehnte sie sich zum ersten Mal an diesem Tag entspannt zurück. Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Herren zuwandte, bemerkte sie, dass Hassan Djamali sie beobachtete. Sie erwiderte seinen Blick offen. »Ich hoffe, Sie sind ansonsten unfallfrei durch den Tag gekommen?«

Er lachte. »Ich sitze hier, wie wir es ausgemacht hatten, ja.«

Falcone beugte sich vor. »Sie kennen sich?«

Sonja überließ es Hassan zu antworten. Sie versuchte, sich ein Bild ihrer Gegner zu machen. Würde man sie, die einzige Frau, unterschätzen? Andererseits hatte sie es gerade so in die Finalrunde geschafft. Aber sie war hier und entschlossen hob sie den Kopf.

Die Lichter der Stadt glitten am Fenster vorbei, und eine halbe Stunde später öffnete der Wagenmeister des Hotels die Tür. Sie ließ den Männern den Vortritt und stieg als Letzte aus.

»Willkommen im Grandhotel, meine Dame und meine Herren, ich freue mich, Sie an diesem Wochenende im Namen der Geschäftsleitung einladen zu dürfen. In Ihren Mappen finden Sie Informationen zu unseren Angeboten im Wellnessbereich oder in der Gastronomie.«

Der Empfangschef hatte sich persönlich vor die Tür begeben, um sie zu begrüßen. Pagen übernahmen das Gepäck.

Interessiert beobachtete Sonja die lautlosen und reibungslosen Abläufe und folgte der Gruppe ins Foyer. Die weiteren Erläuterungen verfolgte sie mit halber Aufmerksamkeit, während sie sich umsah. Der dunkle Steinboden glänzte edel und grenzte an eine einladende Zone mit eleganten Loungemöbeln. Hier entdeckte sie einen weich wirkenden Teppichboden zwischen den Sitzgruppen. Verschiedene Zeitungen lagen bereit. Die Rezeption aus Naturholz ließ die Gruppe unbeachtet auf ihrem Weg zu den Aufzügen im hinteren Teil. Auch diese waren großzügig geschnitten, Spiegel glänzten geschmackvoll neben hellem Holz.

Sonja schaute auf ihre Schlüsselkarte und wartete in der sich leerenden Kabine, bis die sechste Etage erreicht war. Weicher Teppichboden empfing sie auf dem Gang und dämpfte ihre Schritte.  

Schließlich in ihrem Zimmer, schlüpfte sie aus den Schuhen und ließ sich auf das Doppelbett fallen. Nach einem kurzen Durchschnaufen nahm sie ihr Handy und schickte Marie ein Bild ihrer Füße, die am Ende der langen dunkelblau gewandeten Beine auf das Fenster wiesen. Einen Kommentar verkniff sie sich. Was auch überflüssig war, wie die Antwort nur Sekunden später zeigte.

»Glückwunsch!«, und eine größere Menge Herzchen standen auf dem Display. Dann klingelte es.

»Hi, Marie!«

»Wow, du hast es tatsächlich geschafft! Morgen holst du den Jackpot!«

»Marie, wir spielen hier Blackjack.«

»Das weiß ich doch, ich meine den Hauptgewinn, die Fünfzigtausend.«

»Ich weiß nicht, ich habe so gerade eben die letzten Sechs erreicht. Das wird nicht leicht.« Sonja seufzte.

»Jedenfalls genießt du heute Abend erst mal das volle Verwöhnprogramm. Die haben ein Spa – das sucht seinesgleichen.«

»Ach, und woher weißt du das?«

»Recherche. Gönn dir was und berichte mir ausführlich, ja? Wenn du das alles nutzen willst, solltest du jetzt gleich starten. Ich empfehle die Sauna, zwei Gänge und ein abschließendes Dampfbad. Für morgen früh solltest du dir eine Massage ordern. Ich halte dich jetzt auch nicht länger auf.«

Kopfschüttelnd ließ Sonja das Handy sinken. Wobei die Idee gar nicht so schlecht war. Spontan raffte sie sich auf, hängte ihre Sachen in den Schrank und nahm sich den flauschigen Bademantel, der bereithing. So eingehüllt warf sie einen kurzen Blick in die Mappe und machte sich in die Sauna auf.

Zwei Saunagänge und eine Dampfsession später räkelte Sonja sich wohlig entspannt auf dem Bett. Ein Abendessen gehörte zum Service, aber sie hatte keine Lust, sich wieder anzuziehen. Stattdessen griff sie zum Telefon. Ihre Frage nach dem Zimmerservice wurde positiv beschieden und so bekam sie nach kurzer Zeit einen Salat mit gegrillten Scampi gebracht. Sie setzte sich so an den Tisch, dass sie beim Essen hinausschauen konnte. Der Weißwein aus der Minibar passte gut dazu und Sonja ging früh schlafen.

♥♥♥

Nachdenklich schaute Hassan auf den freien Platz am Tisch.

»Mir scheint, die Dame hat uns versetzt.« Falcone deutete mit dem Glas in der Hand auf den leeren Stuhl.

»Ja, so sieht es aus.« Hassan spürte dabei seiner Enttäuschung nach. Er hatte gehofft, Sonja heute Abend näher kennenlernen zu können. Andererseits versuchte er nachzuempfinden, wie es für sie als einzige Frau in der Runde sein würde. Sie hatte allerdings nicht so gewirkt, als mache ihr dieser Umstand etwas aus.

Das Essen war gut und er freute sich bei der Qualität der einfachen Speisen am heutigen Abend auf das Dinner, das nach dem Finale angesetzt war. Der Auftakt war vielversprechend, wäre da nicht diese kleine Einschränkung.

Ob es ihr nicht gut ging? Während er auf der Fahrt zum Besten gegeben hatte, wie sie sich kennengelernt hatten, hatte sie nachdenklich auf die Teilnehmer der Finalrunde geschaut. Es war, als sei die Anspannung des Tages von ihr abgefallen. Vielleicht war sie ja einfach nur müde.

Finale

Nach einer traumlosen Nacht fiel es Sonja schwer, sich zu orientieren. Die Sonne ging gerade auf und schickte die ersten Strahlen durch die offenen Vorhänge.

Ein Blick auf das Handy zeigte, dass es noch vor sechs war. Wie üblich war sie früh erwacht, wie es ihr Job im Supermarkt von ihr verlangte. Regale auffüllen, bevor die Kundschaft kam und das für einem Hungerlohn. Aber nicht heute. Sie kuschelte sich wieder unter die Decke, merkte jedoch schnell, dass sie zu unruhig war, um entspannt im Bett liegen zu bleiben.

Frühstück würde es erst ab halb sieben geben, und die Massage war für neun bestellt. Beim weiteren Blick in die Angebote entdeckte sie, dass es einen Fitnessbereich mit 24-Stunden-Service gab, in dem sogar Sportkleidung verliehen wurde. Kurzentschlossen machte sie sich auf den Weg.

Nach einer halben Stunde auf dem Laufband war die innere Unruhe bezwungen. Sonja nahm sich vor, wieder regelmäßiger zu laufen. Sie erinnerte sich genau daran, dass sich dreißig Minuten gemäßigtes Joggen früher entspannter angefühlt hatte. Noch immer außer Atem, stieg sie in ihrem Zimmer unter die Dusche. Das herrliche Gefühl der Regendusche genießend, zog sich das Morgenritual länger hin als gewöhnlich. Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ die warmen Wassertropfen auf ihr Gesicht fallen. Herrlich, fast wie ein zärtlicher Sommerregen. Als Massage, wie ihre Dusche zu Hause, taugte das sanfte Tröpfeln nicht, aber zur Entspannung ihres Nackens hatte sie ja noch einen Massagetermin gebucht.

 Gegen acht betrat Sonja das Restaurant. Das Frühstücksbuffet ließ keine Wünsche offen. Brötchen aller Art, Croissants und andere Brotsorten samt der Beläge ließ sie links liegen und blieb vor dem frischen Obst stehen.

»Da sind Sie ja. Ich habe Sie gestern Abend vermisst.«   

Verwundert drehte sich Sonja um. Vor ihr stand der Dreitagebart vom Vortag, auch heute Morgen korrekt gekleidet.

»Ich wusste nicht, dass wir verabredet gewesen wären, Herr …?«

»Mehnert, aber nennen Sie mich doch Martin. Als der Ältere von uns beiden darf ich Ihnen ja das Du anbieten.«

Warum nicht? Sie zuckte innerlich mit den Schultern, ergriff die hingestreckte Hand und nickte.

»Sonja.«

»Ich weiß, das wurde gestern Abend ja öffentlich verkündet.«

Sie verzog das Gesicht zu einem gequälten Grinsen.

»Darf ich dir das Rührei mit Scampi empfehlen?« Martin schien bereits bei der zweiten Runde zu sein.

»Auf leeren Magen ziehe ich Obst vor, aber danke für den Tipp.« Sonja bediente sich beim Obstsalat und nahm sich vom Naturjoghurt und dem Honig. Als Topping streute sie sich zwei Löffel vom Knuspermüsli über die Schale.

»Ich habe dich gestern unterschätzt. Auch wenn ich dich jetzt betrachte, bist du ein Bild der Gelassenheit.« Martin stand mit einem übervollen Teller Rührei neben ihr.

Sonja lächelte still. Sie wusste schließlich nur zu gut, wie knapp es gewesen war.

Als sie nichts sagte, fuhr er fort: »Hast du gut geschlafen? Das Hotel verfügt über vielfältige Angebote zur Entspannung, wenn du dich optimal auf den Nachmittag vorbereiten willst.«

»Danke«, nur zu schweigen, war ihr zu dumm, »die Sauna habe ich gestern bereits ausprobiert, vorhin war ich im Fitnessstudio und gleich habe ich einen Massagetermin. Die Mappe, die uns ausgehändigt wurde, gab erschöpfend Auskunft.« Sonja nahm sich ein Stück von ihrem Topping und biss kräftig zu.

»Wusste ich doch, dass du zu leben verstehst.« Er lächelte ihr zu. »Kommst du? Ich sitze da hinten am Fenster.«

Sonja schaute sich um, konnte aber noch keinen der anderen Spieler entdecken. Also folgte sie Martin zu seinem Platz. Die weiße Tischdecke reflektierte das einfallende Sonnenlicht, so dass sie blinzeln musste.

»Guten Morgen, was möchten Sie trinken?«

Sonja blickte auf. Neben ihr stand eine Kellnerin mit einer Kaffeekanne.

»Ich nehme einen Kaffee, danke.« Sie wartete, bis die Kellnerin gegangen war. »Bedauern Sie, dass …«

»Du«, unterbrach Martin sie, »wir waren beim Du.«

»Entschuldigung. Bedauerst du, dass du dich vergeblich in das Turnier eingekauft hast?«

»Ach was, wie gesagt, das ist doch reine Spielerei. Natürlich hätte es mich gefreut, aber die Atmosphäre im Casino ist doch etwas ganz anderes, nicht wahr?«

Sonja hielt seinem abschätzenden Blick stand. »Ich muss gestehen, dass mir die Unruhe in der ersten Spielrunde zu schaffen gemacht hat.«

Er nickte, wie um seine Einschätzung von ihr zu bestätigen. »Spielst du regelmäßig?«

»Nein. Früher war ich öfter mal im Casino, in den letzten Jahren jedoch nicht mehr.«

»Hat man dich denn vor ein paar Jahren schon ins Casino gelassen?«

Bei dieser Frage war seine Stimmlage noch einmal in die Tiefe gerutscht. Sie zog es vor, nicht auf das plumpe Kompliment zu antworten.

»Ah, da kommen ja deine Gegner«, plauderte er weiter. »Schon erschreckend, wen man so alles bei solchen Veranstaltungen trifft.«

Jetzt sah auch Sonja zu Sven und Falcone, die sich an einen Tisch näher am Frühstücksbuffet setzten und Kaffee bekamen.

»Was meinst du?«

»Angefangen mit diesem Jungen, der sich nicht zu benehmen weiß und ständig seine Kappe auf dem Kopf behält. Und dann dieser Mafioso dort. Diese Italiener sind doch nur ihrer dunklen Geschäfte wegen hier in Deutschland. Dazu noch der Araber, der mich gestern aus dem Turnier gekickt hat.«

Auch Hassan hatte sich zu den anderen gesellt, die nun alle an einem Tisch saßen, an dem ein Platz frei blieb.

»Hast du allgemein ein Problem mit Ausländern oder nur, wenn sie dich im Spiel schlagen?«

»Sollen die doch bleiben, wo sie hingehören. Dann ginge es uns allen hier besser.«

Dabei machte er nicht den Eindruck, als ginge es ihm schlecht. Nachdenklich musterte Sonja ihn. Sein Aftershave war ihr nicht sympathischer als gestern, dazu die plumpe Anmache und jetzt noch die abfälligen Bemerkungen.

»Weißt du was? Ich werde mir noch etwas zu essen holen und mich dann zu den anderen setzen. Danke für die Gesellschaft, aber ich ziehe die der anderen Spieler vor, egal woher sie kommen, oder noch so jung sind, dass sie gewisse Konventionen nicht erfüllen.«

Mit diesen Worten stand sie auf und verließ den Tisch, ohne ihm die Gelegenheit einer Antwort zu geben. Selbstgefälliger Kerl! Da war ihr die Gesellschaft ihrer Gegner wirklich lieber.

Kurze Zeit später trat sie mit einem Croissant neben deren Tisch. Mit einem fröhlichen: »Guten Morgen, die Herren!«, nahm sie auf dem freien Stuhl Platz.

»Wir haben Sie gestern Abend vermisst.« Kam Falcone jetzt etwa mit der gleichen Anmache wie Martin Mehnert? Ein Blick in sein Gesicht zeigte jedoch einen vollkommen anderen Ausdruck. Der sanfte Spott, mit dem er Hassan einen Seitenblick zuwarf, ließ sie lächeln.

»Ich war in der Sauna und danach, ehrlich gesagt, zu faul, mich wieder anzuziehen.« Ein Paar braune Augen waren starr auf sie gerichtet, und als sie ihrerseits Hassan anschaute, war sein Blick nicht zu ergründen.

»Brillant«, lachte Falcone, »also sind Sie gleich ausgeruht und fit und wir haben das Nachsehen, weil wir der Bar noch einen ausgiebigen Besuch abgestattet haben.«

»So war der Plan«, stimmte Sonja in sein Lachen ein. Dass Krauter etwas verlegen auf seinen Teller schaute, belustigte sie.

»Was ist mit ihm?«, fast unmerklich deutete Hassan mit dem Kopf in Mehnerts Richtung.

Sonja verzog das Gesicht. »Er hat sich nach seinem Ausscheiden gestern vergeblich ins Turnier eingekauft und hatte seine Suite hier schon gebucht«, sie imitierte seinen Ausdruck. »Aber ich ziehe diese Tischgesellschaft vor.« Wieder wurde ihr Blick von Hassans Augen angezogen und blieb dort hängen. Die abfälligen Bemerkungen über Falcone und ihn behielt sie für sich. Mühsam riss sie sich los und sah auf die Uhr. »Huch, ich muss los. Man sieht sich!«

Zurück im Spa wurde sie in einen kleinen Raum geführt und gebeten, abzulegen, ihre Masseurin sei gleich da.

Sonja tat wie geheißen und legte sich auf die Liege. Ihr fiel auf, dass diese wärmer schien als die Umgebung und ein kurzer Blick über die Schulter bestätigte ihr einen Strahler an der Decke. Wohlig rückte sie sich bäuchlings zurecht und genoss die Wärme. Ihr Morgenprogramm aus dem frühen Aufstehen und der ungewohnten sportlichen Betätigung forderte nun Tribut und ihr fielen die Augen zu. Daher hörte sie auch nicht richtig hin, als hinter ihr ein »Oh, Verzeihung« ertönte. Die Stimme kam ihr bekannt vor, jedoch suchte sie nicht nach dem dazu passenden Gesicht, sondern döste entspannt, bis sie von der Masseurin geweckt wurde. Die Massage war dann so entspannend, dass sie wiederum in den Halbschlaf hinüberglitt.

♥♥♥

Hassan war froh, noch einen Massagetermin bekommen zu haben. Sonjas Hinweis auf den Spabereich hatte er zum Anlass genommen, sich das Angebot genauer anzuschauen.

In Gedanken ging er den angewiesenen Gang entlang und schob eine angelehnte Tür auf. Dieser Raum war jedoch bereits besetzt. Auf der Massageliege schlief eine Frau, zumindest schloss er aus der Tatsache, dass sie nicht auf seine gemurmelte Entschuldigung reagiert hatte, dass sie schlief. Sie war lediglich mit einem Handtuch über ihrem Po abgedeckt. Sie war schlank, mit einem kleinen Tattoo auf der linken Schulter – zwei Spielwürfel –, und darüber dunkelblondes halblanges Haar.

Er riss sich los und schloss die Tür leise, nachdem er das Studio verlassen hatte. Eine Tür weiter war ein zweiter gleich eingerichteter Raum. Kaum hatte er ihn betreten, kam auch schon ein Masseur und bat ihn, abzulegen.

♥♥♥

Nach der Massage entspannte Sonja noch auf ihrem Bett im Zimmer und nahm einen leichten Imbiss zu sich. Schließlich war es soweit, das Turnier im Kongresssaal des Hotels fortzusetzen. Einige Zuschauer und auch Reporter mit Kameras begleiteten den Auftakt zur Finalrunde, der vom Manager des Hotels moderiert wurde.

Am Tisch sah sie die anderen Kandidaten wieder. Die fröhliche Stimmung vom Morgen hatte sich jedoch verändert: Aus den gemeinsamen Gewinnern von gestern waren nun wieder Gegner geworden. Einzig Hassan lächelte ihr zu und deutete ein Nicken an. Er saß neben Sven und Stockhaus, neben ihm war der einzige freie Platz.

Konzentriert und sicher absolvierte Sonja die ersten Runden und hatte innerhalb weniger Spiele einen großen Betrag hinzugewonnen. Der Letzte wurde eliminiert und so saßen sie nach einer halben Stunde ohne Falcone am Tisch. Eine weitere halbe Stunde später musste auch Sven die Runde verlassen.

Danach folgte eine Pause. Sonja entzog sich den fragenden Reportern und verschwand in der Damentoilette, ein Platz, den sie für sich allein hatte. Nach einem tiefen Durchatmen ließ sie kaltes Wasser über ihre Handgelenke fließen. Bisher war es gut gelaufen, fast zu problemlos. Jetzt hieß es, nur nicht die Nerven zu verlieren. Vor dem Spiegel ließ sie den Kopf kreisen und kontrollierte dann ihr Aussehen. Das Make-up saß wie frisch gemacht und die Augen blickten klar, ruhig und konzentriert. Sehr gut.

Sie blieb so lange für sich, dass sie sich anschließend gleich wieder zum Tisch begeben musste. Sobald sie Platz genommen hatte, ging es in die Runde der letzten Vier.

Dieses Mal stimmten die Karten nicht. Gleich dreimal nacheinander bustete Sonja. Über ihren nächsten Einsatz nachdenkend, streckte sie sich und öffnete beiläufig den Knopf ihrer Bluse. Die Blicke Krauters neben sich bemerkte sie nicht, so konzentriert war sie auf das Spiel und die Karten, die sie und die anderen erhielten. Noch war ihr Vorsprung groß genug, die anderen waren aber ein gutes Stück nähergekommen, so dass Sonja wieder vorsichtiger agierte. Hassan hatte zwei Blackjacks in Folge, während Krauter neben ihr mehrmals verlor. Nach weiteren zwanzig Minuten schied er aus.

Die Pause vor der letzten Runde wollte Sonja draußen verbringen. So ging sie, ohne nach rechts oder links zu schauen, auf den Balkon des Hotels und merkte kurz darauf, wie jemand zu ihr an die Brüstung trat.

»Das mit Krauter war nicht ganz fair.«

»Wie bitte?« Erst jetzt bemerkte Sonja, dass Hassan neben ihr stand.

»Der arme Kerl wusste überhaupt nicht mehr, wo er hinschauen sollte«, erklärte er.

Kurz runzelte Sonja die Stirn, schaute dann aber an sich hinunter und grinste.

»Sie haben sich nicht ablenken lassen«, provozierte sie und legte den Kopf in den Nacken.

»Wer weiß, wenn ich schlechtere Karten gehabt hätte … ein ausgesprochen hübscher Einblick, den Sie da gewähren.«

Sonja ließ ihm Zeit, sie anzuschauen.

»Man soll mir ja nicht vorwerfen, ich würde schummeln.« Mit diesen Worten schloss sie die Bluse wieder, woraufhin Hassans Blick zu ihrem Gesicht zurückfand. Verdammt hübsche Augen hatte er, aber dagegen war sie ja momentan immun, oder etwa nicht? Einen kurzen Moment lächelten seine Augen, ohne dass sich seine Mundwinkel bewegt hatten.

»Und weiter geht’s«, galant hielt er ihr die Tür auf, als sie gemeinsam zum Spieltisch zurückkehrten. Auch dieses Mal gelang es ihr, die Fragen der Reporter unbeantwortet zu lassen.

Stockhaus, Hassan und sie saßen nun direkt nebeneinander und mit fast identischem Startkapital ging es los. Der Vorsprung der ersten Runden war dahin und Sonja hatte zunächst Mühe, wieder ins Spiel zu finden. Kurz lag sie vorn, als sie einen Blackjack bekam und passend gesetzt hatte. Noch einige Male ging die Führung hin und her, während die Zeit unbarmherzig heruntertickte.

Irgendwann machte Sonja den Fehler, auf die Uhr zu schauen. Höchstens noch zwei Runden würden gespielt werden können und Sonja verglich kurz die Jetonstapel, die ihre Gegner vor sich hatten, mit ihrem eigenen. Momentan schien sie wieder zu führen. Kurz schoss ihr durch den Kopf, wie fantastisch es wäre, den Geldbetrag mit nach Hause zu nehmen, die Schulden los zu sein und genug für einen echten Neuanfang zu haben. Dann rief sie sich zur Ordnung. Ihre Hände wurden feucht, und als sie die Jetons in die Box schob, zitterten sie. Sonja presste die Zähne zusammen und versuchte, ihre flatternden Nerven unter Kontrolle zu bringen.

Noch während sie damit beschäftigt war, bustete sie und unterdrückte gerade noch einen Fluch. Auch Hassan hatte verloren, unterdessen strich Stockhaus einen kleinen Gewinn ein. Sonja hatte keinen Überblick mehr, wer vorn lag. Plötzlich wieder ängstlich, setzte sie einen geringen Betrag, während Stockhaus aufs Ganze ging. Hassan bustete und so ging es nur noch um Sonja und Stockhaus. Sie hatte einen Blackjack und Stockhaus eine Zwanzig. Da vor dem Dealer eine Neunzehn lag, hatte sie zwar den Vorteil, die höhere Quote zu erhalten, aber weniger gesetzt. Das Atmen fiel ihr schwer, als sie nun auf das Auszählen der Jetons wartete. Wie durch Watte nahm sie wahr, dass Stockhaus am Ende zehn Euro mehr hatte, als sie selbst. Zehn Euro.

»Bevor wir den Sieger bekanntgeben, möchte ich noch einmal den Sponsoren dieser Veranstaltung danken.« Der Moderator sprach, aber Sonja hielt nichts mehr auf ihrem Platz. Der Weg zum Balkon war frei und sie schlüpfte hinaus.

Beide Hände fest an der Brüstung schluchzte sie einmal auf. Alle Muskeln angespannt, kämpfte sie die Enttäuschung nieder. Es war ein Spiel. Eine vollkommen aberwitzige Idee. Und doch hätte sie beinahe gewonnen – zehn Euro hatten sie vom Ende ihrer Sorgen getrennt. Sie atmete tief ein und blickte auf die Stadt unter sich. Frankfurt. Glänzende Fassaden. Was tue ich überhaupt hier?, fragte sie sich. Ein zweites Mal füllte sie ihre Lunge und ließ den Atem langsam ausströmen.

»Ich hätte nicht gedacht, dass es so knapp würde.«

Hassan stand neben ihr.

Da sie sich nicht sicher war, ob sie ihre Stimme unter Kontrolle hatte, schwieg sie.

Er musterte sie von der Seite.

»Hey, es war nur ein Spiel … oder nicht?«

Die Anteilnahme in seiner Stimme war zu viel. Die letzten beiden Worte hatten besorgt geklungen. Obwohl sie die Augen sofort schloss, rollte eine dicke Träne über ihre Wange.

»Es hätte«, Sonja schluckte. »Es hätte einige Probleme gelöst. Aber ja – es war nur ein Spiel.« Sie streckte sich und holte tief Luft. »Wir sollten wieder hineingehen.«

Hassan hob erstaunt den Kopf.

Sonja presste die Kiefer aufeinander und wich seinem Blick aus. Wenn sie jetzt in seine Augen sähe, wäre alles aus. Fassung wahren und möglichst schnell auf ihr Zimmer, das war ihr Plan. Irgendwie musste sie die nächsten Minuten überstehen.

Drinnen war der Moderator mit der Aufzählung der Sponsoren beschäftigt und gratulierte gerade dem Sieger.

»Die Verleihung des Schecks wird heute Abend im Rahmen des Fünfgangmenüs geschehen. Wenn ich jetzt noch einmal alle Teilnehmer des Finales zu mir bitten dürfte.«

Halb hatte Sonja gehofft, dass ihr das Schaulaufen erspart bliebe, aber die Sponsoren wollten ein werbewirksames Bild. Sie griff nach Hassans Arm neben sich.

»Ist mein Make-up noch in Ordnung?«

»Wie bitte?« Prüfend blickte er sie an und sie konnte die Verwirrung in seinem Blick sehen. Zumindest war dort kein Mitleid. Jetzt hält er mich für eine oberflächliche Tussie.

»Bevor die Fotos gemacht werden, würde ich eigentlich einen Spiegel aufsuchen, aber meine Auszeit hatte ich schon. Und?«

Als ihr Gegenüber noch immer nichts sagte, fügte sie hinzu: »Bitte!«

Jetzt kam Bewegung in seine Augen. Sein Blick glitt kurz prüfend über ihr Gesicht. »Alles in Ordnung.«

»Danke.«

♥♥♥

Hassan schaute ihr verdutzt nach, als sie auf den Moderator zusteuerte. Draußen schien sie vollkommen verzweifelt und jetzt machte sie sich Sorgen um ihr Make-up? Aber die Träne hatte er sich nicht eingebildet, auch ihre Anspannung nicht, die in ihren Bewegungen lag. Gern hatte er ihr Antlitz näher in Augenschein genommen. Die grauen Augen, die plötzlich eine große Empfindsamkeit offenbart hatten. Er sah ihren fast flehenden Blick noch immer vor sich. Dazu das herzförmige Gesicht, die kleine gerade Nase … Er freute sich darauf, mit ihr gemeinsam den Abend zu verbringen. Als Letzter gesellte er sich zu der Gruppe der Finalisten und sorgte dafür, dass Sonja nicht am äußeren Rand stand. Sachte schob er sie auf den Moderator zu, als der Fotograf andeutete, dass sie näher zusammenrücken sollten. Da sie beide dem Sieger auf der anderen Seite zugewandt waren, befand er sich halb hinter ihr. Aus den Augenwinkeln sah er sie lächeln, bemerkte aber, dass dieses Lächeln nur für die Kameras war. In ihrem Blick lag ein eigentümlicher Ernst, den er spontan ergründen wollte. Er war ihr so nah, dass er ihre Wärme spürte und ihren Duft roch. Auch nach dem anstrengenden Nachmittag nahm er noch den Hauch eines holzigen Parfums wahr und darunter eine Ahnung von … ja, Massageöl. Jetzt erinnerte er sich, dass in dem Raum, den er fälschlicherweise betreten hatte, eine Frau mit einem Handtuch gelegen hatte. Die Haarfarbe stimmte überein, ebenso die Statur, die er nun unter dem Blazer verborgen vor sich hatte. Ein Tattoo? Interessant.

Während auch er für die Kameras lächelte, rief er sich das Bild wieder vor Augen und bemerkte, wie sein Körper auf die Erinnerung reagierte. Ihre Wärme und das Bild ihrer Wirbelsäule, die unter dem locker drapierten Handtuch verschwand, ließen seinen Atem stocken. Als er an ihre schlanken Beine dachte und den Schatten, den das Tuch dazwischen geworfen hatte, wurde ihm heiß. Er würde die Chance, die sich ihm heute Abend bot, nutzen, um sie näher kennenzulernen, nahm er sich vor.

Die Fotos waren gemacht und die Reporter drängten sich um Stockhaus. Sonja ging zielstrebig zurück auf den Balkon und Hassan folgte ihr langsam. Er beobachtete, wie sie sich wie zuvor am Geländer festhielt.

»Für dich war es kein Spiel.« Leise nahm er das Gespräch wieder auf.

Sie schaute nicht auf. »Verhängnisvolle zehn Minuten lang nicht, nein.«

Als er schwieg, fuhr sie fort: »Zehn Minuten vor Schluss habe ich auf die Uhr geschaut und realisiert, wie nah ich daran war, zu gewinnen. Danach …«

»… warst du beim letzten Einsatz zu vorsichtig.«

»Ja, ich hatte Angst. Angst zu verlieren und genau das ist passiert. Ich habe verloren – wegen zehn Euro.« Sie legte den Kopf in den Nacken.

»Du hättest das Geld gebraucht?« Sie wirkte nicht auf ihn, als wisse sie nicht um die Chancen und Risiken eines Glückspiels. Und sie bestätigte seine Einschätzung.

»Ich hätte nie gedacht, so weit zu kommen. Auf den einzigen Geldgewinn zu hoffen, wäre vermessen gewesen. Aber so nah am Ziel zu scheitern, das ist schon bitter.«

»Man könnte uns auch als Gewinner sehen. Das Wochenende hier ist auch einige hundert Euro wert.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf noch weiter Wert lege. Mir ist nicht danach, lächelnd am Tisch zu sitzen und für die Fotografen und Sponsoren zu posieren.«

Sie würde doch nicht vorzeitig abreisen wollen? Der Drang, sie in den Arm zu nehmen, wurde stärker. Jetzt galt es, den richtigen Einsatz zu spielen.

»Ich möchte gern den Abend mit dir verbringen.« Einen Moment ließ er seine Worte wirken. »Wie heißt es doch? Pech im Spiel und Glück in der Liebe?«

Atemlos beobachtete er sie. War er zu weit gegangen? Die Blicke, die sie ihm seit gestern geschenkt hatte, ließen ihn hoffen, dass sie Interesse an ihm hätte. Jetzt aber verzog sie schmerzlich das Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Lass mich nicht allein mit den ganzen Männern.«

»Allein mit den Männern«, echote sie. »Und wer fragt mich, ob ich allein sein möchte mit den ganzen Männern?«

»Wenn du mich lässt, werde ich nicht von deiner Seite weichen. Dann bist du nicht allein.« Hassan setzte seinen treusten Dackelblick auf und legte den Kopf schräg.

Sie schaute zu ihm auf und lachte leise. »Wer kann schon solchen Augen widerstehen?«

♥♥♥

Sonja drehte ihm wieder den Rücken zu. Solange sie in diese braunen Augen blickte, konnte sie nicht klar denken. Mit einem tiefen Atemzug schaute sie über die Stadt.

»Lass uns den Abend genießen.«

Sonja spürte, dass Hassan jetzt unmittelbar hinter ihr stand. Seine Wärme strahlte zu ihr hinüber.

Sie überlegte. Hier hatte sie ein wunderbares, bezahltes Hotelzimmer, würde ein exquisites Abendessen bekommen und zu Hause erwarteten sie unbezahlte Rechnungen und die Umzugskartons. Die wären auch morgen noch da.

Ihr leiser Seufzer überraschte sie selbst, gleichzeitig ließ die Spannung in ihrer Haltung nach. Sie wollte den Abend genießen, einmal alle Sorgen beiseiteschieben und sich auf den Mann hinter sich konzentrieren.

»Du hast dich entschieden?«

Vorsichtig tastend fühlte sie seine Hand an der ihren. Sie griff zu.

»Ja. Wir werden ein gemeinsames Dinner haben und …«

»Und?«

Sie spürte seinen Atem an ihrem Ohr, angenehmer Begleiter der samtenen Schwingung, die ihr direkt in den Bauch fuhr. Sonja schluckte und drehte sich zu ihm um, ohne seine Hand loszulassen. »Wer weiß, wie unser Abend enden wird?«

Prüfend glitt sein Blick über ihr Gesicht. Sie blickte ihm offen und entschieden entgegen.

»Du erlaubst, dass ich mich für das Dinner umziehe?«

»Natürlich.« Trotz dieser Antwort ließ er ihre Hand nicht los und blieb unmittelbar vor ihr stehen.

»Was muss ich tun, damit du mich loslässt?« Wollte sie das überhaupt?

»Unsere letzte Verabredung haben wir durch Handschlag besiegelt. Diese hier hat einen anderen Charakter, findest du nicht?«

Sonja schluckte erneut. Hatte sie wirklich den Mut, sich darauf einzulassen? Er war ihr so nah, dass sein Atem ihr Gesicht streifte. Sein Duft, dieses Aftershave mit der Zimtnote, hüllte sie ein und die Zeit schien still zu stehen. Was wollte sie? Dass er sie losließ. Nein, das wollte sie nicht, aber er musste sie vorbeilassen, damit sie sich auf das Dinner vorbereiten konnte.

Sie schaute auf seinen Mund. Die sanft geschwungenen Lippen waren zu einem Lächeln geformt. Wieder fand ihr Blick seine Augen.

»Ich sehe, wir verstehen uns«, murmelte er. Hassan neigte seinen Kopf und gleichzeitig kam sie ihm entgegen, bis sich ihre Lippen zart berührten. Ein wohliges Glücksgefühl durchrieselte sie. Dieser Kuss war nur eine sanfte, kurze Berührung und doch barg er ein Versprechen.

Zögernd richtete er sich wieder auf, um ihr in die Augen zu schauen. »Bis zum Dinner um acht.«

»Ich werde da sein.«

Hassan ließ sie passieren.

Der finale Abend

Auf dem Weg nach oben war sie allein, darum schnitt sie ihrem Spiegelbild im Aufzug eine Grimasse. Sie würde diesen Abend genießen und jeden Gedanken an die Zukunft weit wegschieben.

Einen Moment schwankte sie in ihrem Entschluss, als sie das Cocktailkleid auf dem Bügel hängen sah. Mit diesem Kleid hatte alles begonnen. Aber dafür konnte das Kleid ja nichts. Also ließ sie es am Schrank hängen und würdigte es keines zweiten Blickes auf dem Weg in die Dusche.

Sonja ließ sich Zeit mit den Vorbereitungen, genoss die luxuriöse Einrichtung und schminkte sich sorgfältig. Schließlich ging sie fast bedauernd wieder in das Schlafzimmer hinüber.

Unbewusst Zeit schindend, holte sie zunächst die Schuhe hervor und dann die Strümpfe. Aber dann stand sie doch in ihrer Unterwäsche vor dem Kleid und zögerte. War es ein übles Omen, wenn sie nun in dieselben Sachen schlüpfte, die sie bei ihrer Trauung getragen hatte? Deutlich spürte sie, dass sie immer noch nicht über ihre Ehe und deren Folgen hinweg war. Irgendetwas musste sie ändern, sonst würde sie noch Stunden hier stehen, merkte sie nach einigen Minuten, und dann hatte sie die Idee. Genau das war die richtige Veränderung, passend für diesen Abend, für diese einmalige Gelegenheit.

Kurze Zeit später warf sie einen letzten Kontrollblick in den Spiegel. Das Gefühl war aufregend und zu wissen, dass nur sie den Unterschied kannte, rief ein zusätzliches Kribbeln hervor. Aber vielleicht würde er es herausfinden.

»Ah, Sonja! Du siehst hervorragend aus.«

Ausgerechnet Martin Mehnert empfing sie im Aufzug auf dem Weg nach unten. Verunsichert schluckte Sonja trocken, sollte sie lieber vorgeben, sie habe etwas vergessen? Nein, sie hatte sich entschieden, den Abend zu genießen, aber nicht mit dem Mann, dessen Aftershave die Aufzugkabine ausfüllte. Bis sein Blick wieder in ihrem Gesicht angekommen war, hatte sie sich gefangen.

»Danke.« Sonja lächelte ihm zu.

»Ich darf wohl nicht hoffen, dass du mit mir speisen möchtest?«

Sie deutete ein Kopfschütteln an. »Ich werde erwartet. Die Übergabe des Schecks erfordert auch eine angemessene Kulisse.«

»Als Kulisse bist du doch viel zu schade.«

»Danke für die Blumen, aber ich freue mich auf das Essen in freundlicher Runde.«

Sie wandte sie sich ab und verließ die Kabine, als sie im Erdgeschoss angekommen waren.

Pünktlich war sie am Tisch und Hassan stand auf, um ihr den Stuhl zurechtzurücken. Seine bewundernden Blicke hatten ihre Vorfreude auf das Folgende noch einmal gesteigert.

Kaum dass sie Platz genommen hatte, wurden die ersten Vorspeisen serviert. Immer wieder spürte sie Hassans Augen auf sich gerichtet, und nicht nur seine.

Anders als vorhin im Aufzug genoss Sonja die Aufmerksamkeit und die Blicke.

Nach dem ersten Gang drehte sich das Gespräch um die Durchschaubarkeit der Gegner. Sven versuchte, Tipps zu bekommen, und zunächst antwortete nur Stockhaus. In fast schulmeisterlichem Ton verglich er die verschiedenen Spieler am Tisch: »Wichtig ist es, sich in eine bestimmte Stimmung zu bringen und dieses innere Bild nach außen zu verkörpern. Nehmen wir zum Beispiel Signor Falcone. Ein Bild eines italienischen Machos – nichts für ungut, Giacomo.«

Der Angesprochene lächelte gnädig. »Da brauche ich mich nicht zu verstellen«, brachte er mit tiefer Stimme ein, die Sonja an eine Kaffeewerbung aus vergangenen Tagen erinnerte.

In das Lachen der Runde dozierte Stockhaus weiter: »Ähnlich, wenn auch vom Typ her eher arabisch, kommt unser Drittplatzierter daher. Allein die dunkleren Gesichtszüge machen es uns Nordeuropäern schwerer, die Miene zu deuten. Hektische Flecken oder Erröten wirst du in diesen Gesichtern nicht finden. Bei ihnen reicht es, die Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu halten. Ganz anders bei uns«, er deutete auf Krauter, Sonja, Sven und sich selbst. »Um cool zu wirken, musst du cool sein, deine Gefühle im Griff haben. Ein sehr gutes Beispiel, entgegen aller Geschlechterklischees ist die einzige Dame, die es in die Finalrunde geschafft hat.«

»Am Schluss warst du aber nicht mehr so cool, schien mir«, warf Sven ein.

Sonja setzte das Glas ab, aus dem sie gerade einen Schluck getrunken hatte. »Ja, am Schluss, habe ich mir selbst im Weg gestanden.«

»Welchem Umstand verdanke ich meinen Sieg?«

Sonja überlegte kurz, entschied sich dann, ehrlich zu sein. »Ich habe realisiert, wie nah ich dran war zu gewinnen. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein Spiel und nichts als das. Aber dieser Geldbetrag, um den es hier ging, hat mich kurz vor Schluss zu vorsichtig gemacht. Daher habe ich in der letzten Runde zu verhalten gesetzt. That’s life.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ansonsten muss ich deinem Mentor recht geben. Die innere Einstellung ist wichtig und falls es dich beruhigt: Ich habe eine Weile üben müssen, um so gelassen am Spieltisch zu wirken. Vermute ich richtig, dass ihr euch kennt?« Sie deutete auf Stockhaus und Sven.

Die beiden schauten sich an und nickten.

»Wir haben häufig gemeinsam gespielt und Heiner hat mir schon viel beigebracht«, kommentierte Sven.

»Damit sollte ich wohl besser aufhören, wo ich sehe, wie weit du es gebracht hast.«

Das Schmunzeln in der Runde wurde vom Hauptgang unterbrochen. Als jeder seinen Teller vor sich stehen hatte, wurden gleichzeitig die Gloschen angehoben. Der Duft exotischer Gewürze breitete sich aus.

Confierte Hasenkeule an Fenchelpüree las Sonja auf der Menükarte und schnupperte über ihrem Teller. »Pfeffer, Anis, Orange«, murmelte sie.

»… Zimt und Kümmel würde ich vermuten.«

Erst jetzt bemerkte Sonja, dass Hassan ebenso wie sie versuchte, die Gewürzmischung zu ergründen. Er probierte und ergänzte: »Ingwer und Knoblauch nicht zu vergessen. Köstlich.«

Bei der Bewertung gab sie ihm recht. Das Fleisch war zart und zerging fast auf der Zunge, um die Fülle der Aromen dort zurückzulassen.

Stille kehrte am Tisch ein, so verschieden die Spieler waren, diesen Genuss wussten offensichtlich alle zu würdigen.

Danach ging das Gespräch über das gemeinsam erlebte Spiel weiter.

Sonja beschränkte sich weitgehend darauf, zuzuhören.

Als das Dessert abgeräumt wurde, ergriff der Veranstalter noch einmal das Wort, würdigte die Leistungen der Finalteilnehmer und überreichte feierlich den Scheck über Fünfzigtausend Euro an den Gewinner.

Einen Moment bedauerte Sonja, dass sie knapp geschlagen worden war. Da ging sie hin, die Lösung ihrer Probleme, aber darüber würde sie erst morgen wieder nachdenken. Entschlossen wandte sie sich Hassan zu, der sie, wie sie bemerkte, bereits eine Weile zu beobachten schien.

»Es hätte dir viel bedeutet?«, fragte er.

»Das Geld hätte ich schon gut brauchen können.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wie geht es nun weiter?«

»Wir könnten an die Bar gehen, die im Keller oder die oben im Dachgarten, ganz, wie du magst.«

»Nachdem wir gestern und vorgestern drinnen gehockt haben, fände ich den Dachgarten verlockend. Der Ausblick auf die Skyline soll sich lohnen, habe ich gelesen.«

Hassan stand auf und bot ihr seinen Arm. Diese altmodische Art, wie er sie an diesem Abend hofierte, tat gut. Sie fühlte sich großartig. Gemeinsam schlenderten sie zum Aufzug und er legte eine Hand in ihren Rücken, als sie die Kabine verließen. Ihre Haut kribbelte unter seiner Berührung und sie war fest entschlossen, den Besuch in der Bar kurz zu halten.

»Was möchtest du?«

Sie überlegte und bestellte dann einen Whisky. Er nickte und orderte die Getränke, mit denen sie sich dann zu einem freien Platz am Geländer der Aussichtsplattform begaben.

»Auf diesen Abend.« Er hob sein Glas. Sonja tat es ihm nach und trank einen Schluck. Weich und rauchig lag der Whisky auf ihrer Zunge.

Sie ließ ihren Blick über die Skyline schweifen.

»Hast du es dir so vorgestellt?«

»Ich bin … ein wenig abgelenkt«, sie drehte sich wieder zu ihm und schaute erst auf seinen Mund, dann in seine Augen. Unwillkürlich leckte er sich über die Lippen und sie lächelte.

»Zu mir oder zu dir?«

Sein Lächeln vertiefte sich und er trank sein Glas aus.

»Wenn wir in mein Zimmer gehen, kannst du jederzeit gehen. Wenn wir zu dir gehen, musst du mich bitten zu gehen. Ich überlasse dir die Entscheidung.«

Auch sie leerte ihr Glas. »Zeigst du mir den Weg?«

Wieder legte er ihr leicht eine Hand in den Rücken. Die Wärme war kaum zu spüren und doch ließ die sachte Berührung ihre Nerven vibrieren.

Mit wachsender Anspannung gingen sie zu Hassans Zimmer. Kaum hatte er die Tür hinter ihnen zugedrückt, lehnte sich Sonja an ihn. So nah hatte sie endlich seinen Duft deutlich in der Nase, eine herbe Note, die auch durch sein angenehmes Aftershave nicht verdeckt wurde. Die unterschiedlichen Duftnoten ergänzten sich harmonisch. Sonja ließ ihre Hände über den glatten Stoff seines Hemdes gleiten und spürte seine Wärme.

»So hungrig?«, Hassans tiefe Stimme klang belustigt.

»Stört dich das?«

Er schien einen Moment zu überlegen. »Nein«, trotzdem fing er ihre Hand ab, die sich am Verschluss seiner Hose zu schaffen machte. »Aber mir ist es klassisch lieber, gerade beim ersten Mal.«

Sonja blickte ihn prüfend an. »Was genau meinst du damit? Du oben?«

Er lachte. »Fangen wir damit an, dass wir das Zimmer auch wirklich betreten und es nicht gleich hinter der Tür treiben.« Seine Augen hielten ihren Blick fest. »Ich möchte dich ausziehen und jeden Zentimeter deines Körpers erkunden. Mit meinen Händen«, er strich ihr über die Wange, »und mit meinem Mund.« Hassan neigte den Kopf und berührte erst mit der Nase, dann mit den Lippen ihre Schläfe. »Und dann liebe ich es tatsächlich, eine schöne und willige Frau unter mir zu spüren und mich um ihre Bedürfnisse zu kümmern.«

Sonja war irritiert, als er einen Schritt zurücktrat.

»Du hast die Wahl.« Er deutete erst auf die Tür, dann auf das Bett, das wenige Meter entfernt war.

Mit einem Lächeln ging Sonja weiter in das Zimmer hinein. Neben dem Fußende des Bettes blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. Wartend schaute sie ihm entgegen. Er wollte den aktiven Part? Den konnte er haben, zumindest vorerst.

Mit gemessenen Schritten kam er näher, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wieder spürte sie seinen Mund, dieses Mal an ihrem Hals. Federleicht war die Berührung. Sonja neigte ihren Kopf und streckte ihm ihren Hals entgegen.

»Darf ich?«

Im ersten Moment war sie verwirrt, bemerkte dann aber, wie er sich am Reißverschluss ihres Kleides zu schaffen machte. Sie nickte und genoss das Gefühl, als kühle Luft an ihren Rücken traf.

»Oh!« Seine Hände lagen unterhalb ihrer Schulterblätter. Dort war nichts mehr, was sie trennte. Atemlos verfolgte sie, wie seine Finger langsam nach unten strichen, über ihr Kreuzbein … und dort kurz verharrten.

»Wenn ich das beim Dinner geahnt hätte.«

»Hättest du vermutlich sehr unbequem gesessen«, neckte sie ihn. Ernster fügte sie hinzu: »Ich wollte keine halben Sachen, nicht heute Abend.«

Spontan drückte Hassan sie an sich und sie spürte seine Reaktion auf die Entdeckung, dass sie keinerlei Unterwäsche trug.

»Dann gefällt dir meine kleine Überraschung?«

Statt einer Antwort nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände und verharrte einen Moment, bevor er sie küsste. Sonja ließ sich in diesem Kuss gefangen nehmen und bemerkte nur am Rande, dass ihr Kleid zu Boden fiel.

Hassan hielt inne und nahm sich Zeit, sie zu betrachten, wie sie nun nur noch mit ihren Strümpfen und den hohen Schuhen vor ihm stand.

»Aufregend, dein Outfit.« Seine dunklen Augen blitzten.

»Hilfst du mir trotzdem, es auszuziehen?« Sonja setzte sich mit geschlossenen Knien aufs Bett und schaute bittend zu ihm auf.

Nach kurzem Zögern hockte er sich vor sie und strich mit der Hand vom Knie abwärts zu ihrer Fessel.

»Bist du sicher? Du siehst wirklich aufregend aus.«

»Ich mag deine Haut lieber direkt spüren.« Dass sie sich gerade wie eine Prostituierte vorgekommen war, verschwieg sie ihm. Aufatmend folgte sie seinen Bewegungen, als er ihr den Schuh auszog. Mit einem prüfenden Gesichtsausdruck tastete er ihren Fuß ab, um dann eine Hand auf die Haut knapp oberhalb des Strumpfes zu legen.

Mit einem gemurmelten: »Du hast recht«, zog er ihr aufreizend langsam den ersten Strumpf herunter. Als dieser auf dem Boden lag, wartete Sonja atemlos, was er nun tun würde. Würde er ihre Schenkel öffnen, um an den anderen zu gelangen? Er hockte unmittelbar vor ihr.

Erleichtert spürte sie, wie er ihr einen Kuss außen auf das nackte Knie gab, während er ihr den anderen Strumpf auszog.

Er wollte es also wirklich langsam angehen lassen. Er streichelte ihre Unterschenkel und küsste wieder ihr Knie. Sie fuhr ihm durch die Haare. Sie waren dicht und weicher, als sie gedacht hatte. Schnuppernd fuhr er mit der Nase über ihr Bein und blickte dann zu ihr auf.

»Hilfst du mir?«

Lächelnd machte sie sich an seiner Fliege zu schaffen und knöpfte anschließend das Hemd auf. Der Kontrast zwischen dem Weiß und seiner glatten braunen Haut faszinierte sie. Trainierte Muskeln zeichneten sich darunter ab und sein Duft stieg ihr nun intensiver in die Nase.

Sonja rutschte näher und drückte ihm kleine Küsse auf die glatte Haut seines Halses, während sie ihm das Hemd über die Schultern schob.

Kurzzeitig gefesselt, streichelte er ihr mit der Wange über das Haar. Als er das Hemd abgestreift hatte, legte er beide Hände an ihre Wangen.

»Ist das nicht unbequem für dich?« Sonja deutete auf ihn.

»Vor schönen Frauen gehe ich gern auf die Knie.«

Sie schmunzelte, noch mehr, als er schmerzlich das Gesicht verzog, beim Versuch, das Gewicht zu verlagern. Aufstehend reichte sie ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. Barfuß reichte sie ihm bis zum Kinn und hatte so die kleine Kuhle zwischen den Schlüsselbeinen genau vor Augen, in die sie einen Kuss hauchte. Hassan zuckte leicht zusammen, hielt der Kitzelei aber stand. Er wehrte sich, indem er sie fest in die Arme schloss.

So geborgen atmete Sonja tief durch. Sie strich mit den Händen über seinen glatten Rücken und freute sich, als sie spürte, wie sich die Rückenmuskeln unter ihren Fingern anspannten.

Hassan trat einen Schritt zurück. Er beobachtete, wie sie ihn streichelte. Sonja genoss das Gefühl seiner glatten Haut unter ihren Händen, kein Härchen war zu spüren und sie fragte sich, ob sein ganzer Körper gewachst sein würde. Ob es ihn störte, dass sie nicht enthaart war? Aber er hatte nicht ablehnend reagiert, als er sie nackt erblickt hatte. Sie ließ ihre Finger unter seinen Hosenbund gleiten.

Autor

  • Anne Lay (Autor)

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Titel: Win my Heart – Spiel um die Liebe (Liebe, Chick-Lit)