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Ausdruck der Angst (Kurzgeschichte, Krimi)

von Alva Furisto (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über die Kurzgeschichte

Seit er denken kann, ist Dirk unfähig Angst zu empfinden. Kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag schickt seine Mutter ihn in eine Nervenheilanstalt. Durch die Therapiesitzungen findet er einen Beruf, der zu ihm passt: Auftragskiller. Nachdem er Angora kennengelernt hat und Dirk als geheilt entlassen wird, scheint seine Welt perfekt. Doch dann tritt die Angst in Erscheinung …

Impressum

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Erstausgabe Februar 2018

Copyright © 2018, booksnacks,
ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-96087-312-9

Titel- und Covergestaltung: Francesca Hintz
unter Verwendung eines Motivs von
© Joe Prachatree/shutterstock.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Ausdruck der Angst



Alva Furisto

Ich

Angst? Angst! Ich kann Sie nicht fühlen, die Angst. So ist das, seit ich denken kann.

Schon in meiner Kindheit führte meine Unvollkommenheit zu Irritationen. Ich ließ mich nicht einschüchtern. Dunkelheit ängstigte mich nicht — sie war wie ein Freund, mein Gefährte. Ich ging keiner Schlägerei, keinem Ärger aus dem Weg, keine Mutprobe war mir zu gefährlich.

Vielleicht denken Sie, diese Furchtlosigkeit hätte mich zu einem Anführer gemacht, aber dem war nicht so. Vielmehr begannen die anderen Kinder mich zu meiden. Ich war ihnen unheimlich. Schließlich führte meine sonderbare Einsamkeit dazu, dass Mutter mich zu einem Kinder- und Jugendlichen-Psychologen schickte. Zuletzt im Alter von 17 Jahren.

Dr. Klaust ist ein netter, älterer Herr; korpulent, mit kurzen grauen Haaren. Alles in allem hat er ein gepflegtes äußeres Erscheinungsbild, wenn er in seinem teuren Anzug auf seinem noch teureren Ledersessel sitzt und sich mit mir unterhält. Die exklusive Ausstattung seiner Praxis, samt seinem davor parkenden Sportwagen, lassen ihn für mich zu einem Vorbild werden. Er scheint sich von nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. So wie er, so will ich werden.

»Angst ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl von Gefühlsregungen. Es geht dabei um die Verunsicherung des Gefühlslebens«, erklärt mir Dr. Klaust in unserer letzten Sitzung. Er sieht mich über seine extravagante Brille hinweg prüfend an. Ich zucke mit den Schultern.

»Ich fürchte mich vor gar nichts«, sage ich.

»Was ist mit Angst vor Veränderung?  Angst vor Endgültigkeit, Angst vor Nähe, Angst vor Selbstwerdung?«

Ich zucke erneut mit den Schultern. »Was soll damit sein?«

»Machst du dir keine Gedanken über die Zukunft; darüber, was du werden willst? Es muss doch etwas geben, um das deine Gedanken kreisen?«

Ich schüttle den Kopf. »Alles liegt ganz klar vor mir. Warum sollte ich mich ängstigen? Natürlich denke ich darüber nach, aber das ist doch keine Angst.«

Dr. Klaust stößt angespannt den Atem aus. »Macht es dir denn nicht einmal Angst, dass du sie nicht fühlen kannst, die Angst?«

»Entschuldigen Sie, Dr. Klaust, diese Frage finde ich unlogisch.«

»Was willst du machen, wenn du erwachsen bist? Was denkst du, was du gut kannst?«

»Ich möchte sein, wie Sie.«

»Du kannst mit deiner Störung kein Psychiater werden!«, entfährt es ihm.

»Störung? Seit wann nennen Sie es eine Störung?« Ich bin enttäuscht von ihm.

»Verspürst du nun Angst? Was willst du jetzt werden? Das muss dich doch wenigstens nervös machen?« Erwartungsvoll sieht er mich an.

»Wissen Sie, wenn Sie sagen, es geht nicht mit dem Psychiater, dann werde ich Auftragskiller.«

Ich ärgere mich über ihn, weil er soeben meine Zukunftspläne zerstört hat. Dafür soll er schwitzen. Nach meinen Worten nestelt er sich nervös an seinem Hemdkragen herum und weicht meinem Blick aus.

Jedenfalls sehe ich ihn nach dieser Sitzung nicht mehr. Aber zwei Wochen später komme ich in eine 'Jugendherberge', wie meine Mutter den Betrieb nennt. Hey, ich bin fast achtzehn und nicht geistig behindert. Ich weiß Bescheid: Das ist eine Nervenheilanstalt.

Ich lasse dort im Laufe der Zeit einiges über mich ergehen. Sie verdrahten meinen Kopf mit Kabeln, entnehmen Hirnwasser und führen Messungen durch. Sie machen eine überaus unangenehme Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit und führen endlose Gespräche mit mir.

Ich bin ziemlich genervt, denn ich habe ja nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Wenn mich jemand nach meinen Zukunftswünschen fragt, dann sage ich immer: Auftragskiller. Ich ergötze mich daran zu beobachten, dass sie das allesamt nervös macht. Irgendwie hängt das mit meiner Ausstrahlung zusammen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich mit meiner Mutter einen Termin. Ich liebe meine Mutter. Sie ist eine warmherzige und hübsche Frau, aber ihr Antlitz ist immer sorgenvoll.

Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war. Ich kann mich nicht daran erinnern. Und dann hat sie ein so sonderbares Kind wie mich großzuziehen. Ihr zuliebe reiße ich mich oft zusammen und versuche 'normal' zu sein.

Mama und ich sitzen bei Herrn Dr. Berger im Behandlungszimmer. Der Typ ist mir unsympathisch, aber was macht das schon? Es gibt nur wenige Menschen, die ich mag.

Dr. Berger hat die Untersuchungen geleitet und eröffnet meiner Mutter nun das Ergebnis: »Neurophysiologen, unter anderem auch ich, nehmen an, dass bidirektionale Übergänge zwischen Zuständen hoher und niedriger Angst kontextabhängig durch sehr schnelle Veränderungen im Gleichgewicht der Tätigkeiten von zwei verschiedenen Gemeinschaften basaler Amygdala-Neuronen ausgelöst werden. Dabei kommt es bei einer akuten Angstreaktion zur vermehrten Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Das Ausmaß der Reaktion ist dabei von Mensch zu Mensch verschieden. Frühe Erfahrungen scheinen hierbei eine Rolle zu spielen.«

Mama versteht kein Wort, da bin ich mir sicher. »Mein Mann ist gestorben, als Dirk ein kleiner Junge war. Sein Vater hatte einen langen Leidensweg. Sicher hat Dirk viel zu viel davon mitbekommen.« Sie schluchzt. »Es ist meine Schuld.«

Meine arme Mama denkt immer, sie sei schuld. Sie tut mir unendlich leid.

»Hören Sie, Frau Hammen, das wäre möglich, auch wenn sich aus unseren Gesprächen mit Dirk nicht drauf schließen lässt. Das Gebiet ist noch nicht sehr weit erforscht, aber es gibt da ein Medikament in der Testphase. Wenn Sie einverstanden sind, würden wir eine Behandlung damit versuchen. Vielleicht hilft es ihm.«

Ich finde das ziemlich unverschämt, dass er da sitzt und mit meiner Mutter spricht, wie mit einem Schulkind. Noch dazu als wäre ich gar nicht anwesend.

Mittlerweile bin ich achtzehn Jahre. Es war eine grandiose Geburtstagsfeier, die ich in Gesellschaft einer Flasche Bier und einer Kippe im angrenzenden Park gefeiert habe. Mama hatte keine Zeit herzukommen. Sie ist immer hart am Arbeiten, um meine Therapien zu bezahlen. Ich mache ihr keinen Vorwurf deswegen.

»Wir wagen es!«, entscheidet Mama spontan.

Ich schüttle entschieden den Kopf. »Nein. Ich möchte das nicht.«

»Aber Junge, vielleicht ist das deine Chance, um gesund zu werden!«, krächzt Mama.

»Ich fühle mich doch gar nicht krank! Wieso sollte ich Tabletten schlucken?"

Mama beginnt zu weinen über ihren furchtlosen und einsamen Sohn. Sicher wünscht sie sich eine normale Familie, eine Schwiegertochter, ein Enkelkind.

»Das Verabreichen wird in der Testphase voll überwacht und ist völlig unbedenklich. Sonst würde ich es Ihnen nicht anbieten«, versichert Dr. Berger, wieder an meine Mutter gerichtet.

Ich sehe ihre Tränen, ihre Verzweiflung.

»Ich mache mit.« Was soll schon Schlimmes dabei herauskommen?

Acht Wochen lang schlucke ich jeden Morgen und jeden Abend eine rosa Pille und gehe in die Gesprächstherapie. Nichts verändert sich.

Dann kommt Mama wieder und wir sitzen abermals bei Dr. Berger.

»Wir können keine Veränderungen feststellen«, sagt er zu meiner Mutter.

Erneut beginnt sie zu weinen. Mir krampft sich der Magen und ich fühle mich elend.

»Ich habe gebetet und gehofft. So sehr. Kann ich ihn denn mit nach Hause nehmen?«, wimmert sie.

»Nichts spricht dagegen, Frau Hammen. Wir werden das Medikament langsam absetzen. Dann kann er nach Hause.«

Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. Ich will meine Mutter nicht enttäuschen. Nicht dieses Mal!

»Nein, bitte nicht!«, flehe ich regelrecht und hample mit den Händen herum.

Dr. Berger blickt erstaunt zu mir herüber. »Was ist mit dir, Junge?«

»Nicht das Medikament absetzen!«, winsele ich.

»Warum? Du warst doch anfangs dagegen?«

»Setzen Sie es nicht ab!« Ich reiße meine Augen auf.

Dr. Berger sieht mich interessiert an, also bringe ich es zu Ende.

»Nicht absetzen, davor habe ich Angst!«

»Meine Gebete wurden erhört!«, seufzt Mama.

Dr. Berger freut sich. »Das ist der Durchbruch!«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873129
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388845
Schlagworte
Kurzgeschichte Anthologie Kriminalroman Angst Psychiatrie Mystery Schuld

Autor

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    Alva Furisto (Autor)

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