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Entführt von einem Highlander (Historischer Roman, Liebe)

von Lois Greiman (Autor) Renate Engel (Übersetzung)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Der tapfere Krieger Leith Forbes hat einen unerfüllbaren Auftrag: Er soll die verschollene Tochter seines im Sterben liegenden Erzfeindes finden und zurück nach Schottland bringen. Nur so kann Frieden zwischen den verfeindeten Clans entstehen. Leith entführt kurzerhand die schöne Rose, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Die mutige junge Frau lässt sich von dem selbstbewussten Highlander nicht beeindrucken, der sie aus dem verhassten englischen Kloster geholt hat, um sie in seine schottische Heimat zu bringen. Dass der grimmige Leith sich auf den ersten Blick in sie verliebt hat, ahnt sie nicht …

Impressum

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Überarbeitete digitale Erstausgabe März 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 1994 by Lois Greiman
Veröffentlicht nach Vereinbarung mit Lois Greiman
Titel des englischen Originals: Highland Jewel
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

ISBN: 978-3-96087-302-0

Aus dem Englischen übersetzt von Renate Engel
Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Mary Chronis/Periodimages.com, © Kanuman/shutterstock.com
Korrektorat: Lennart Janson

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Kapitel 1

Das Jahr des Herrn 1491 – St. Marys Abbey, England

Die Grabmarkierung war aus Bruchstein. Der Stein stand leicht schief, war am oberen Ende abgerundet und mit graugrünen Flechten überwachsen, die einen Schatten auf der Oberfläche hinterließen, wie der ungepflegte Bart im zerfurchten Gesicht eines Kriegers. 

Der Grabstein daneben unterschied sich kaum vom ersten. Obwohl Leith Forbes die Inschrift nicht lesen musste, tat er es trotzdem und fühlte den dumpfen Schmerz bei dem Wissen, dass das Kind gestorben war.

Er berührte kurz die eingeritzten Wörter, sein Kiefer spannte sich an, er stieß die Luft aus und ließ sich auf die Fersen sinken. Er hatte einen langen und verworrenen Weg hinter sich gebracht, um zu diesem Ort zu kommen, hatte seine Angehörigen verlassen und sein Zuhause, für eine Suche, die ihm nur den Anblick dieses verwitterten Grabsteins und die mitfühlenden Worte einer heiligen Frau gebracht hatten.

Leiths Hände umklammerten den kleinen Tartan, den die Äbtissin ihm gegeben hatte.

Für Sie“, hatte sie einfach gesagt. „Vielleicht kann er den Kummer Ihres alten Lords etwas lindern.

Aber das konnte er natürlich nicht. Nur das Mädchen hätte seine Qualen erleichtern können – nur das Mädchen, lebendig und unversehrt.

Leith grub seine Finger in die weiche Säuglingsdecke. Sie hatte ein rotblaues Schottenmuster und war kaum größer als Beinns Sattel. In der Decke lag die Brosche mit dem Amethysten, der zwischen dem unverkennbaren, doppelt verschlungenen Wappenband des MacAulay Clans eingelassen war.

Es war die Brosche, die der alte MacAulay seiner liebreizenden, englischen Braut gegeben hatten. Die Brosche, die sie mit sich genommen hatte, als sie mit ihrem Säugling aus Schottland geflohen war. 

Ein einzelnes Schimpfwort rutschte über Leiths Lippen. Er stand abrupt auf. Vielleicht war es ungehörig, auf dieser geheiligten Erde zu fluchen. Aber bei Gott, er hatte viel durchgemacht – nur um feststellen zu müssen, dass beide, Mutter und Kind, siebzehn Jahre zuvor gestorben waren, vor dem ersten Geburtstag des Mädchens. 

„Verdammt! Zur Hölle!“ Er ballte wieder die Fäuste. „Verflucht sei Elizabeth MacAulay,“ fluchte er leise, dann rieb er sich mit einer Hand über die Augen, die vor Ernüchterung schmerzhaft brannten.

Steif drehte er sich um und ging einige Schritte.

Blaublühende Glockenblumen wuchsen in verstreuten Grüppchen, er schritt zum nächstgelegenen, pflückte ein paar, hielt sie in den verhornten Händen, und starrte auf ihre unangebrachte Fröhlichkeit.

Verflucht sei Ian MacAulay, der gerissene, alte Bastard, der ihn auf diese Reise geschickt hatte und ihm sowohl die eigene Tochter zur Frau versprochen hatte als auch Frieden zwischen den Clans. Verdammtes heißes, schottisches Blut, das in den Adern seiner Leute floss.

Und verdammt sei er selbst, dass er sie alle im Stich gelassen hatte!

Er ging langsam zurück zum Grab des Kindes und kniete nieder. Behutsam legte er die Blumen auf den moosigen Stein.

„Ich kann dir nicht die Schuld für deinen Tod geben, Kleine“, murmelte er zerknirscht. „Aber ich wünschte, du hättest überlebt.“ Für einen Moment sanken seine Schultern unter dem schweren Gewicht der Verantwortung herab. „Unter uns“, fügte er hinzu und berührte den Grabstein ehrfürchtig, „wir hätten deinen Vater gut ärgern können.“

Er verweilte noch ein wenig, stand dann aber auf. Wem half es, wenn er um ein Kind trauerte, das vor langer Zeit gestorben war. Ein Kind, das er nie kennengelernt hatte. Und trotzdem schmerzte der Gedanke in seiner Seele, dass ein gebürtiger Schotte so fern von der Heimat gestorben war. Niemand sollte solch ein Schicksal erleiden.

Aber er sollte auch nicht länger hier verweilen. England hieß seine schottischen Nachbarn wahrlich nicht mit offenen Armen willkommen. Auch trotz der Bemühungen von König James IV um Frieden zwischen den zwei Ländern, war es nicht sicher. James war ein neuer König, ein besserer König, der darum bemüht war, das Leben seiner Landsleute zu verbessern – sogar das der Highlander. Er sprach Gälisch, eine Tatsache, die ihn von den vorherigen Monarchen unterschied, eine Tatsache, die Leith hoffen ließ, dass die Zeit gekommen war, den Frieden durchzusetzen, sich mit dem König zusammenzuschließen und selbst eine Veränderung im Highland-Clan herbeizuführen.

Als er den Blick vom Grab abwandte, bemerkte Leith den rosa gefleckten Himmel am westlichen Horizont. Es würde nur noch wenig Tageslicht für die Reise übrigbleiben. Sie sollten sofort losziehen, und trotzdem verspürte er das undefinierbare Verlangen, noch eine Weile zu bleiben, vielleicht um doch das Dahinscheiden des Kindes zu betrauern, das viel Blutvergießen hätte abwenden können.

Als er den sattgrünen Abhang hinabstieg, erlaubte Leith sich, seine Gedanken schweifen zu lassen und entspannte seine müden Muskeln. Es war warm und leise unter dem Schutz der Bäume und er atmete tief ein, wobei ihm zum ersten Mal der frische, grüne Frühling auffiel.

Vögel ließen ihre bekannten Rufe erklingen – das flötengleiche Pfeifen einer Goldamsel, der durchdringende Ruf eines Kleibers, der aus den dichten oberen Zweigen kam. Der Hang wurde steiler und schließlich tauchte ein Lochan auf. Das Wasser des kleinen Sees war dunkel und wellenlos im schwindenden Licht.

Hier ruhte er sich aus, ließ sich müde auf den verwitternden Blättern nieder und starrte auf den Lochan unter ihm. Es war ein schöner Platz, und er konnte sich gut vorstellen, noch in den Highlands zu sein, wo er den lieblichen Gesang seiner Schwester hörte. Vor ihrem Tod, vor der Fehde zwischen dem Clan der Forbes und dem der MacAulays.

Es hatte eine Zeit gegeben, als die beiden Stämme im Geiste vereint gewesen waren, als ein Forbes nicht um sein Leben hatte bangen müssen, wenn er den Boden der MacAulays betrat, aber dieser Frieden existierte nicht mehr. Er war mit Eleanors Tod zerbrochen.

Gütiger Gott! Leith ballte die Fäuste und schloss die Augen während er sich erinnerte. Er hatte so viele Hoffnungen in diese Suche gesteckt – hatte sich danach gesehnt, die Dinge richtigzustellen, den Schmerz auszulöschen. Aber nun gab es keine Hoffnung mehr.

Vor langer Zeit hatte er die Mutter des verlorenen Kindes getroffen. Sie war Engländerin, und die Art der Schotten und der MacAulays war ihr fremd. Schon als Junge hatte ihre Schönheit und ihr majestätisches Auftreten Leith sprachlos gemacht. Aber da war auch eine Traurigkeit in ihr gewesen, eine Melancholie, die er gespürt hatte und an die er sich immer noch erinnerte. 

Sie hatte Schottland gehasst, hatte die Einsamkeit gehasst, hatte ihre Ehe gehasst, die sie dorthin gebracht hatte. Und sie war geflohen und hatte hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. 

Hätte die Tochter ähnlich gefühlt? Hätte sie den Tod Schottland vorgezogen? Oder wäre sie die Verbindung gewesen, die es brauchte, um seine Leute vom Hass zu heilen?

Es war dunkel, als Leith erwachte, und die Luft war still, wie die gedämpfte Erinnerung an einen Traum. Er wurde sich bewusst, wo er war, und öffnete die Augen. Der Lochan unter ihm schwappte leise an das sandige Ufer, unaufhörlich und glitzernd im silbernen Mondlicht.

Es wirkte wie ein magischer Ort, irgendwie beruhigend, aber er hatte schon zu viel Zeit hier verbracht.

Eine Bewegung zog Leiths Aufmerksamkeit auf sich und er blickte sich um.

Es war eine Frau. Oder? Sie war in reines Weiß gekleidet und neben ihr war der geschmeidige, dunkle Schatten einer …

Er schüttelte ungläubig den Kopf, versuchte seinen Verstand zu schärfen, aber die Szene änderte sich nicht. Immer noch blieb die Frau auf dem Sand, und an ihrer Seite war eine Wildkatze.

Gütiger Gott, das konnte nicht sein. Wildkatzen waren keine Haustiere, sondern unabhängige, wilde Biester, bekannt für ihre Stärke. Tatsächlich waren sie das Symbol der Forbes.

Ein Geräusch drang von unten zu ihm herauf, grollte in der geschmeidigen Wildkatze, als die Frau ihre Hand auf deren Kopf legte. Schnurren! Gott bewahre, sie schnurrte und strich nah um die in einen Rock gehüllten Beine ihrer Herrin.

Leith spürte die Magie wie das Knistern eines nahen Blitzes.

Noch nie hatte er eine Bean-sith gesehen, aber das hier musste sicher eine sein. In seiner Jugend hatte er viele Geschichten über das Feenvolk gehört. Lange war es her, dass er gehofft hatte, eine in Fleisch und Blut zu sehen.

Sie sprach.

Er konnte nicht hören, was sie sagte, weil sie sich an die Katze wandte. Ihre Stimme war weich und melodisch, wie der süße Ruf einer Taube durch den Morgennebel. Leith richtete sich ein wenig auf, ließ die Magie seine Sinne versengen und bemühte sich, besser durch das Laub vor ihm sehen zu können.

Der Mond war über die obersten Äste gestiegen und warf sein schmückendes Licht auf die überirdischen Gestalten am See. Er sah, wie die Fee ihr Gewand hob. Ihre Füße und Beine waren blass und nackt, wohlgeformt und betörend. Sie berührte das Wasser mit den Zehen.

Kalt! Es muss so kalt sein wie der Winter auf einem windgepeitschten Berg, mutmaßte Leith. Trotzdem schrak die Gestalt nicht zurück, sondern watete eine Weile durch das Wasser und hob dabei ihr Gewand hoch, was ihre Knie und ein kleines Stück ihrer liebreizenden Schenkel entblößte. Neben ihr schritt die Katze durch das glasige Wasser.

Eine Fee und ihr Schutzgeist. Unheimlich und beängstigend. Trotzdem hatte Leith keine Angst, da die Magie auch ihn zu umgeben schien. Er ballte die Fäuste und verspürte ein instinktives Verlangen aus alten Zeiten. Sie kam wirklich aus dem Feenreich, denn sie zog seine Sinne an sich, schien ihm den Willen zu entziehen.

Sein Verlangen bäumte sich auf. Zu lange hatte er an nichts anderes gedacht, als seine Leute, zu lange hatte er das vernachlässigt, was ihn zum Mann machte.

Seine Augen auf die Fee fixiert, saß er still und gerade da. Weniger als zehn Schritte trennten sie, aber zwischen ihnen wuchsen Blätter und Farnkraut und sie bemerkte ihn nicht. Sie sprach mit ihrem Schutzgeist und hob die Hand. Die Katze neigte den Kopf, horchte, sprang dann durch das Wasser und verschwand in der Dunkelheit.

Die Fee trat aus dem silbrigen See heraus und sah sich um. Mit einer fließenden Bewegung zog sie die Haube vom Kopf. Kupferrot glühendes Haares ergoss sich in wilder Fülle über ihren Rücken und fing die Mondstrahlen ein wie Licht, das sich in Rubinen bricht.

Leith stockte der Atem, in seinem Hals saß ein fester Knoten. Sie war ein himmlischer Anblick, ein Bild reiner Schönheit, und er erwartete halb, dass sich ein kraftvolles, elfenbeinfarbenes Einhorn zu ihr gesellte.

Die Kordel um ihre Taille fiel herab. Ihre Hände hoben sich. 

Gütiger Gott! Leiths Herz schien in seiner Brust zu verstummen. Nackt stand sie auf dem seidigen Sand – wie eine Göttin, die sich nur ihm zeigte.

Ein hartes Verlangen packte ihn mit plötzlicher Dringlichkeit. Eine primitive Sehnsucht wand sich wie ein gutplatzierter Dolch in seinem Magen.

Sie war so schlank wie ein Schilfrohr, so biegsam wie ein Sprössling, umspielt von hüftlangem Haar im Glanz der Mondstrahlen. Schatten und Licht bedeckten ihre zierliche Form, versteckten und betonten sie. Ihr Rücken war wie ein glattes Tal, das sich bis zur Kurve ihrer Zwillingshügel erstreckte, und als sie sich umdrehte, sah er die Gipfel ihrer straffen Brüste.

Sie war ein übernatürliches Wesen, aber sagten die Legenden nicht, dass die Highlander am Anbeginn der Zeit aus der Paarung mit solchen Kreaturen entstanden waren? Es ist eine alte Tradition, sagte sein gelähmter Verstand.

Sie streckte sich, hob die schlanken Arme zum Mond und genoss sein magisches Licht. Lud sie ihn ein, zu ihr zu kommen?

Ja. Natürlich. In seinen sechsundzwanzig Jahren war ihm nie der Blick auf eine Fee vergönnt gewesen. Aber jetzt, in seiner dunkelsten Stunde, zeigte sie sich ihm. Es war Schicksal. Tief in seinem Inneren fühlte er, wie sie ihn rief. Und sie darum flehte, dass er sie nahm. Wie in Trance erhob er sich. Sie hielt seine Zukunft in ihren magischen Händen, und er war hierhergeführt worden, um sich mit diesem mystischen Wesen zu vereinen – sie das Leid seines Clans heilen zu lassen, die Wunden, die er nicht schließen konnte.

Aye! Sie war die Antwort.

Er trat vor, angezogen von unsichtbaren Banden.

Ein Ast kratze über Leiths Wams und die Fee wandte ihm das Gesicht zu. Es leuchtete blass, wie das Mondlicht in der Dunkelheit; ihr erschrockener Aufschrei war spitz.

Hab keine Angst, wollte Leith ihr sagen, er würde ihr kein Leid zufügen. Das Schicksal trieb ihn an, zog ihn weiter, aber ein Fauchen hinter ihm verlangte nach seiner Aufmerksamkeit.

Er versuchte das Geräusch aus seinem Kopf zu verbannen, sich nur auf die Fee zu konzentrieren, aber das Fauchen erklang erneut, näher diesmal und tödlicher.

In einer fließenden Bewegung drehte er sich um, griff zum Knochengriff des Degens an seiner Seite.

Ein dunkler Schatten kauerte nicht unweit. Er fauchte erneut, seine Reißzähne blitzten durch die Dunkelheit. Leith festigte seinen Stand, zog seine Waffe, all seine Sinne konzentrierten sich auf den Kampf, den er für die Feengöttin führen würde.

Aber von unter ihm drang das raschelnde Geräusch laufende Füße vom Sand des Sees herauf. Sie trappelten schnell davon. Der dunkle Schatten der Katze erhob sich, zuckte, und war verschwunden, wie das unwirkliche, heimliche Flüstern eines Albtraums.

Leith atmete tief ein und zwang seine Muskeln, sich zu entspannen. Langsam drehte er sich um. Die Fee war nicht mehr da.

Am blassen, halbmondförmigen Ufer blieben nur Fußabdrücke im Sand zurück. Am Wasser fiel Leith ein metallisches Glitzern ins Auge. Er schlenderte hinüber und hockte sich hin. Es war eine grobe Kette. Sein Blick verfinsterte sich, als er sie langsam durch seine Finger gleiten ließ, bis er das kleine, hölzerne, mit Draht umwundene Kreuz spürte.

„Gott bewahre!“ Er flüsterte die Wörter und sein Blick hing an dem bescheidenen Symbol des Christentums. Es war unverkennbar das Kreuz, das er an den Damen der St. Marys Abbey gesehen hatte, das Kreuz, das jede von ihnen um den Hals trug.

Leiths Blick hob sich und folgte den glänzenden Fußabdrücken.

Also war die bezaubernde Frau doch keine Fee gewesen.

Sie war eine Nonne!

Kapitel 2

Bei Gott! Zur Hölle! Verdammt! Rose Gunther sank still auf ihre Knie. Nachdem sie eine halbe Nacht in panischem Zustand verbracht hatte, war der Tag nicht besser gewesen. Aus purer Erschöpfung hatte sie sich zum Morgengebet verspätet. Blankes Entsetzen zehrte an ihren Nerven.

Neben ihr beteten elf fromme Frauen in stiller Hingabe. Rose betete in elender Verzweiflung!

Wie hatte sie das Kreuz der St. Marys Abbey verlieren können? Und warum in Gottes Namen hatte sie es nicht sofort bemerkt? Sie hätte sowieso nicht zum See zurückkehren können. Was, wenn ihre Instinkte sie nicht getäuscht hatten? Was, wenn wirklich ein Fremder im dunklen Wald gelauert – sie in ihrer schamvollen Blöße gesehen hatte?

Und was bedeutete ihr Traum? Was war mit der dunklen, männlichen Gestalt, die sie im Schlaf verfolgte? Er hatte so echt gewirkt. So nah. So beunruhigend und doch anziehend, wie eine verbotene Frucht.

Sie zitterte und wunderte sich über das unheimliche Gefühl, das ihren Frieden gestört hatte. Waren diese beängstigenden Momente am Ufer nur ein Produkt ihrer zu lebhaften Fantasie? Nein – Samthaut hatte gefaucht, wie er es nur tat, wenn sich ein Fremder näherte. Die Wildkatze hatte am See gewartet, fast als hätte sie gewusst, dass Rose kommen würde. Aber natürlich hatte sie das nicht wissen können. Sie hatte es ja selbst nicht gewusst. Wahrscheinlich verbrachte Samthaut viele seiner Nächte am See und es war reiner Zufall, der sie zusammengeführt hatte. Was auch immer der Grund war, es war so schön gewesen, den Kater wiederzusehen und ein großes Glück für sie, dass er sie vor der Gegenwart des Fremden gewarnt hatte. 

Aber was nun? Selbst wenn die Äbtissin durch irgendein Wunder den Verlust nicht bemerkte, würde irgendjemand das Kreuz finden. Was würde passieren, wenn die Gänsemagd am Ufer entlangschlenderte, wie sie es oft tat, und ein fetter Gänserich respektlos an dem Holzkreuz mit Messingdraht herumpicken würde? Was dann?

Es war ein einfaches Ausschlussverfahren. Welche Dame von St. Mary vermisste ihr Kreuz? Und warum hatte man es gefunden, als man ein Bad in dem kalten Wasser des nahegelegenen Sees nehmen wollte?

Ja, warum nur?

Sie hätte innerhalb der sicheren Steinmauern bleiben sollen, hätte die Zeit mit Fasten und Gebeten verbringen sollen. Rose öffnete die Augen ein wenig und sah sich Mary Katherine genau an, die die seltsame Angewohnheit hatte, sich beim Beten vor und zurück zu wiegen. Ihr Rosenkranz hing an ihrer Hüfte und an ihrer kräftigen Brust ruhte das Kreuz des Ordens.

Rose biss sich auf die Lippen, erinnerte sich an Onkel Peters verblüffende Fingerfertigkeit. Er hätte die Kette von Mary Katherines Hals stibitzen können, ohne …

Gott steh mir bei! Rose bekreuzigte sich verzweifelt. Sie war das Luder des Teufels. Das war sie. Hier saß sie und überlegte das Kreuz einer Schwester zu stibitzen! Es war skandalös. Dennoch … Sie schielte wieder hinüber, beobachtete, wie das kleine Kreuz verführerisch mit jeder von Mary Katherines Bewegungen mitschwang.

Aber sicherlich würde man den Diebstahl eines Kreuzes missbilligen, sowohl im Himmel, als auch hier in dem bescheidenen Kloster. Die Äbtissin musste Rose immerhin noch für ihren Aufenthalt auf dem Dach vergeben. Es war nur ein harmloser, kleiner Ausflug gewesen, wirklich. Aber vielleicht hätte sie nicht versuchen sollen, die Wand des Klosters zu erklimmen, auch wenn das Eichhörnchen diesen Weg genommen hatte. Das Tier hatte eine ganz eigenartige Farbe gehabt – fast weiß, mit nur einem roten Flecken mitten auf der Brust. Es hatte ihre Neugierde geweckt, und sie hatte geglaubt, dass es niemandem schaden würde, der einzigartigen Kreatur nachzugehen. 

Sie war nur eine Armeslänge von dem blassen Eichhörnchen entfernt gewesen, als sie den Halt an einem brüchigen Stein verloren hatte und gefallen war – Klatsch, mitten in den schattigen Küchengarten. Schwester Ruth hatte mit dem spitzesten Schrei aufgeschrien, den man sich nur vorstellen konnte. Schwester Frances war sofort in Ohnmacht gefallen.

Es war in der Tat das Aufregendste, das sie in den letzten Jahren erlebt hatten. Sie hätten ihr für diese Abwechslung danken sollen. Stattdessen wurde sie ohne Abendessen in ihre Kammer geschickt. 

Roses Magen knurrte bei dem Gedanken. Sie biss sich wieder auf die Lippe. Falls ihr Kreuz am See gefunden wurde, konnte sie sich glücklich schätzen, wenn sie bis zur Wiederkunft des Herrn auch nur einen Krümel zu essen bekam.

Sie musste das Kreuz finden und für ihr beschämendes Verhalten Buße tun. Schließlich hatte sie ihrer Mutter auf dem Sterbebett versprochen, dass sie eine Nonne werden würde. Und verdammt nochmal – wenn Gott ihr verzieh – würde sie das auch werden.

Sie würde ein Vorbild des Anstands sein, sie würde sich zurückhalten und hoffen, dass der Herr ihr barmherzig gesinnt war, einer erbärmlichen Sünderin wie ihr. Aber warum hatte die Äbtissin sie nicht bestraft für ihre Unpünktlichkeit beim Gebet? Und wie hatte ihr entgehen können, dass sie das Kreuz nicht trug?

Im Dorf waren Besucher eingetroffen, das wusste Rose – zwei große Männer mit vornehmen, starken Rössern. Sie hatten mit der Äbtissin gesprochen. Vielleicht beschäftigten die Fremden immer noch die Gedanken der Äbtissin, sodass sie sich nicht auch noch um Roses wenig vorbildhaftes Verhalten kümmern konnte. Vielleicht war es göttliche Vorsehung.

Das musste es sein. Der barmherzige Herr hatte ihre aufrichtigen Versuche der frommen Ehrerbietung bemerkt und wollte ihr die Gelegenheit geben das Kreuz wiederzufinden, ohne dass die Äbtissin von ihrem Fehlverhalten erfuhr.

Rose sprach ein aufrichtiges Gebet der Dankbarkeit. 

Es wäre ein Leichtes, aus dem Fenster zu klettern, nachdem man sie in die Einsamkeit ihrer Kammer geschickt hätte. Es würde sie nur einen kurzen Augenblick kosten, die Wand hinunterzuklettern und nicht viel länger, die äußere Einfriedung zu überspringen. Sie würde dieses Mal nicht am See verweilen, wie sie es so gerne tat, sondern sofort zurückkehren.

Ihr Blick verdunkelte sich wieder, und sie kaute auf ihrer Unterlippe. Eigentlich hatte sie dem Herrn versprochen, sich nie wieder aus dem Kloster zu schleichen. Aber war es nicht auch so, dass der Allmächtige um ihre Schwächen wusste? Deshalb musste er wissen, dass sie solch ein Gelöbnis nicht einhalten konnte – schließlich wusste er alles. 

Rose nickte kurz, zufrieden mit ihren Schlussfolgerungen. Der Herr wusste um ihre Schwächen und deshalb betrachtete er ihre kläglichen Versuche, fromm zu sein, viel wohlwollender als die vermeintlich größere Frömmigkeit ihrer Schwestern.

Genauso musste ihr auch die Äbtissin vergeben.

Die Glocke schlug. Rose bekreuzigte sich und richtete sich schnell auf, hungrig vom fieberhaften Überlegen – und prallte in ihrer Unaufmerksamkeit mit Lady Sophie, der Äbtissin, zusammen. 

„Oh! Mutter!“, keuchte Rose und griff nach der Äbtissin, damit die gebrechliche Gestalt nicht umfiel. „Ich habe Sie nicht gesehen … Ich bitte um …“ Sie schluckte und wunderte sich über die unerwartete Anwesenheit der Frau. „… Entschuldigung.“ Ihre Fingerknöchel waren weiß, wo sie die Robe der älteren Frau festhielten, auf eine wenig ehrerbietige Art und Weise, wie Rose feststellte. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung“, wiederholte sie und überlegte bedrückt, ob sie den Verlust gestehen und ein Alibi für das seltsame Verschwinden des Kreuzes ersinnen sollte. Oder ob sie so tun sollte, als wäre nichts, und Gott anflehen würde, dass die Äbtissin nichts merkte. 

„Ich möchte mit dir im Empfangssaal sprechen“, sagte Lady Sophie ruhig.

„Sprechen …“ Rose wusste, dass ihre Stimme brach, als sie das Wort aussprach, was noch durch das tiefe Grummeln in ihrem Magen verstärkt wurde. Sie musste fürchten nun eine weitere Mahlzeit zu verpassen. „Sprechen …“

Die Äbtissin nickte und drehte sich um.

„Ja.“ Rose schluckte erneut, versuchte, die angemessene stoische Haltung einzunehmen. „Ja, Frau Äbtissin.“

Der Empfangssaal war ein ansehnlicher Raum. Er wurde von schweren, eisernen Gittern unterteilt, die von der Decke bis zum Boden reichten und die Schwestern von jeglichen Besuchern abgrenzte, die sie empfingen. Hier hatte Rose mit Onkel Peter gesprochen, bevor er beschuldigt worden war, die Kuh des Nachbarn gestohlen zu haben, und es für besser befunden hatte, sich aus der näheren Umgebung fernzuhalten. 

Sie wünschte sich, dass sie ihn jetzt hier sehen würde, sein rundes, fröhliches Gesicht, das sie durch die Gitterstäbe ansah. Aber die andere Seite des Raums war bis auf eine flackernde Kerze in Dunkelheit gehüllt.

Die Äbtissin saß im einzigen Stuhl. Der Kaplan war auch da, lächelte nicht und schwieg, als Rose den Raum betrat. Für einen Moment verließ sie der Mut und sie war versucht zu fliehen, aber sie schluckte trocken, betete und zog die quietschende Tür hinter sich ins Schloss.

Warum war der Kaplan hier? Es war nicht so, dass er ihr Angst machte. Tatsächlich hatte er die Schwestern immer wieder um Geduld und Verständnis für sie gebeten, trotz der zahlreichen Missgeschicke während ihrer Jahre hier in der Abbey. Schließlich, so argumentierte er, war Rose noch jung und voller Leben. Natürlich würde sie da manchmal den Erwartungen nicht entsprechen.

Hatte sie dieses Mal so weit gefehlt, dass man sie hinauswerfen würde? 

Panik erfasste sie. Egal, wie es auf die Schwestern wirkte, sie war wirklich darum bemüht, deren Verhalten nachzueifern, sich ihr Wohlwollen zu verdienen, aber außerhalb der Mauern gab es so viel Leben. Es gab so viel zu sehen und zu tun, dass sie sich manchmal so fühlte, als würde sie platzen, wenn sie nicht für eine kurze Zeit entfliehen konnte. 

Im Allgemeinen war sie hier aber zufrieden, sagte Rose sich schnell. Es stimmte, dass die Stunden des Gebets lang und mühsam waren, aber sie hatte in den letzten fünf Jahren eine Menge über die Heilkunst gelernt. Vieles davon hätte sie nicht gelernt, wenn sie auf dem kleinen Stück Land bei ihren Eltern hätte bleiben können. Aber der Herr hatte ihre Eltern früh zu sich geholt, hatte es dem Fieber erlaubt, ihnen das Leben auszubrennen und Rose unbeschadet zurückzulassen.

„Sie wünschen … mich zu sprechen?“, fragte Rose. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und spürte den kühlen Angstschweiß auf ihren Handflächen.

 „Ja, mein Kind.“ Es war der Kaplan, der sprach, seine sanfte und ruhige Stimme klang besorgt und ein wenig traurig.

Rose machte sich innerlich bereit und presste ihre Hände noch fester zusammen. Sie wussten es! Oder? Es war sicher besser das kleinere Übel zuerst zu beichten.

„Es tut mir leid, dass ich zu spät zum Morgengebet gekommen bin. Bitte verzeihen Sie mir“, begann sie hastig, aber die Äbtissin hob eine gebrechliche Hand und unterbrach sie. 

„Darum geht es uns gerade nicht“, sagte sie und stand langsam auf. Ihr Gesichtsausdruck war ernst.

Lieber Gott! Sie wussten es. Natürlich wussten sie es. „Oh!“ Rose trat einen Schritt zurück und knallte mich einem dumpfen Knall gegen die Wand. Ihr Gesicht wurde blass. „Das! Also …“, murmelte sie nervös. „Das kann ich erklären. Es ist eigentlich sehr einfach. Es war so heiß, wissen Sie, und …“ Rose holte ihre Hände nach vorne, um sie in ihrem einfachen Gewand zu vergraben. „Ich weiß, dass es falsch war. Und ich verspreche auch, es nicht mehr zu tun, wenn Sie mir nur diesen einen Ausrutscher verzeihen. Ich wollte nicht …“

Sie verstummte, als sie Erstaunen und die Unsicherheit in den Gesichtern ihrer Obrigkeiten sah. 

„Ich wollte nicht – ähm, Schande auf …“ Sie kaute auf ihrer Unterlippe, ihre Augen weiteten sich und ihr Blick jagte von einem gealterten Gesicht zum anderen. Na, verdammt. Erleichtert erkannte sie, dass die beiden nicht die geringste Ahnung hatten, wovon sie sprach.

„Vielleicht solltest du das mit dem Herrn selbst besprechen, mein Kind“, sagte die Äbtissin. Ihre blassen Augen schienen Rose leicht für den Verstoß zu schelten, den sie dieses Mal begangen hatte, was auch immer es war. „Jetzt müssen wir eine andere Angelegenheit mit dir besprechen.“

„Ei… eine andere?“, stotterte Rose. Ihre Gefühle wirbelten wild um her, mit jedem Wort, das sie sprach. Hatte sie etwas noch Schlimmeres getan, als das Kreuz zu verlieren? Es war möglich, überlegte sie, denn es schien, dass sie immer neue, kreative Wege zu sündigen fand, Wege, von denen sie nicht einmal geglaubt hatte, dass sie sündhaft waren. So zum Beispiel das eine Mal, als sie ihren Rosenkranz benutzt hatte, um das Scheunentor zuzubinden. Aber das Seil war nicht da gewesen und …

„Vielleicht weißt du, dass Besucher hier in der Abbey waren?“, begann Lady Sophie.

„Nun …“, wand Rose sich, nicht sicher, ob sie ihr Wissen eingestehen sollte. Schließlich war es eine Sünde, sich zu sehr in die Belange anderer einzumischen. War es doch, oder?

„Nun, es ist tatsächlich so, dass wir Besuch hatten“, fuhr die Äbtissin fort. „Zwei Männer aus Schottland.“

„Schottland?“ Roses Augen wurden noch größer, und sie ließ ihre Hände sinken. „Barbaren?“

„Vielleicht sind wir alle Barbaren in den Augen des Herrn“, sagte der Kaplan schnell.

„Sie sind gekommen, weil sie ihre Verwandten suchen“, erklärte die Äbtissin mit ihrer gewohnt leisen Stimme. 

„Hier? In England? Aber warum …“

„Es scheint, dass sie einen langen, harten Weg hinter sich gebracht haben, um eine englische Lady und ihr Kind mit schottischer Abstammung zu finden.“

Rose runzelte die Stirn, ihr Verstand arbeitete schnell. „Ich weiß nichts von …“

„Die Lady kam vor langer Zeit hierher, Rose. Und starb kurz darauf an dem gleichen Fieber, das auch deine Eltern getötet hat.“

„Oh.“ Dieses schreckliche Fieber war so gierig und kannte kein Erbarmen. Schon spürte Rose, wie sich ihre Augen bei dieser unvergesslichen Erinnerung mit Tränen füllten. „Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Und das Kind?“

Für einen angespannten Moment herrschte Stille. „Auch tot, bedauerlicherweise“, sagte die Äbtissin und wrang selbst die Hände, als wäre Roses Sorge eine ansteckende Angelegenheit. „Beide sind auf unserem Friedhof begraben.“

Rose räusperte sich, unterdrückte den Schmerz der Erinnerung und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Sie hatte die Inschriften aller Grabsteine des kleinen Friedhofs gelesen und fühlte sich oft dort hingezogen, als riefe sie ein schwer zu fassender Friede zu den stillen Steinen.

„Es scheint so, als wären die Schotten auf Geheiß eines sterbenden Lords gekommen“, fuhr die Äbtissin fort. „Es waren seine Ehefrau und sein Kind, die vor so vielen Jahren herkamen. Ohne zu wissen, dass die zwei gestorben sind, sind die schottischen Männer hierhergereist, um sie zu suchen. Aber …“ Lady Sophie zuckte mit den Schultern und sah alt und ermattet aus. „Ich habe ihnen von dem Grabmal erzählt und …“

„Wie hießen sie?“, unterbrach Rose sie abwesend. Ein unheimliches Gefühl hatte sich in ihre Brust geschlichen und die Haare auf ihren Armen stellten sich auf.

Die Äbtissin beobachtete sie schweigend, genauso wie der Kaplan.

„Sie waren aus der Familie der MacAulays, wurde mir gesagt“, sagte die Äbtissin schließlich. „Die Mutter hieß Elizabeth. Das Kind – Fiona.“

„Fiona“, flüsterte Rose. Sie fühlte sich erstaunlich atemlos und vermutete, dass es an ihrer sonderbaren Art lag, die ihr Vater manchmal erwähnt hatte, woraufhin ihre Mutter ihn immer zum Schweigen ermahnt hatte. Die seltsame Art, die ihr auf den Armen die Haare zu Berge stehen ließ und schattenhafte, unerklärliche Bilder in ihrem Kopf erzeugte. Die seltsame Art, von der Rose versprochen hatte, sie niemals einer Menschenseele gegenüber zu erwähnen.

Die Äbtissin räusperte sich und kam näher. „Vom Tod der beiden zu hören, verstörte die Schotten sehr. Ich glaube, das Herz des alten Lords hing daran, das Kind wiederzusehen.“

„Nach all den Jahren?“, fragte Rose schwach und versuchte nicht an das sonderbare Gefühl zu denken, dass sie verfolgte. 

„Manchmal sieht ein Mann erst, was im Leben wirklich wichtig ist, wenn er den größten Teil davon schon hinter sich hat“, sann der Kaplan weise.

Die Äbtissin nickte. „Der alte Mann ist schwer krank.“

„Und hat große Schmerzen“, fügte der Kaplan hinzu.

„Die Schotten fürchten, dass er sterben, oder unter Schmerzen fortleben wird, wenn sich niemand seiner annimmt.“

Rose verstand langsam, aber sie sagte nichts und wartete.

„Sie haben darum gebeten, dass wir jemanden schicken, der sich auf die Kunst des Heilens versteht“, gestand der Kaplan schließlich.

Für einen Moment herrschte Stille.

„Ich?“ Dieses einzelne, erschreckte Wort überraschte selbst Rose.

„Es wäre eine lange Reise“, sagte die Äbtissin sanft. „Voller Gefahren.“

„Aber ich …“ Rose hob flehentlich die Hände. „Ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich mein restliches Leben hier verbringen werde. Ich habe mich der Arbeit des Herrn verschrieben.“

„Auch dies hier ist die Arbeit des Herrn“, ermahnte sie die Äbtissin. „Sich um die zu kümmern, die leiden.“

„Es gibt andere Heilerinnen“, sagte Rose, plötzlich von Gesichtsausdruck und Absicht der beiden verängstigt. Sie wollten sie fortschicken. Wegen ihres schlechten Verhaltens? „Erfahrenere Heilerinnen als ich“, platze es ihr heraus. „Sicher …“

Der Kaplan schüttelte langsam den Kopf. „Es gibt keine, die so begabt ist, wie du, mein Kind.“ Er zog lange und erschöpft die Luft ein. „Nicht einmal Lady Mary war so begabt wie du, möge ihre Seele in Frieden ruhen. Und du bist stark – diese Kraft braucht es für eine solche Reise.“

Rose schwieg für einen Moment, erinnerte sich, wie heiß die Hand ihrer Mutter gewesen war, als sie mit der Kraft der Verzweiflung nach ihr gegriffen hatte, sie um das Versprechen angefleht hatte. „Ist es wegen meiner Sündhaftigkeit …“, setzte Rose an. „Ich werde es wiedergutmachen. Ich werde mich bessern.“ Sie kam einen Schritt näher. Sie hatte es ihrer Mutter und dem Herrn versprochen, dass sie ihr Leben in dieser Abbey verbringen würde. „Ich kann wie die anderen sein. Wirklich …“

Die Äbtissin hob eine blau geaderte Hand. „Es ist nicht aufgrund von Unzulänglichkeiten deinerseits, Kind. Obwohl …“ Sie lächelte sanft, ihre blassen, geduldigen Augen waren unnachgiebig. „Manchmal zweifle ich daran, dass der Herr wünscht, dass du … wie die anderen bist. Nichtsdestotrotz obliegt es nicht mir, zu entscheiden, ob du gehst. Die Entscheidung liegt bei dir.“

„Dann muss ich bleiben.“ Rose trat näher und griff nach der Hand der Äbtissin. „Ich habe ein Gelöbnis abgelegt.“

„Ich glaube, der Herr würde es verstehen, wenn du dich gezwungen siehst, zu gehen“, sagte die Äbtissin.

Aber das Gelöbnis hatte sie auch ihrer Mutter gegeben. „Versprich mir, dass du den Frieden und die Sicherheit des Klosters suchst“, hatte sie gefleht. „Versprich mir, dass du nie von den Dingen erzählst, die du in deinem Kopf siehst.“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern gewesen. „Beschäftige dich nicht mit ihnen. Denk nicht an sie. Die Leute würden es nicht verstehen, würden es nicht akzeptieren. Geh zur Abbey, Rose“, hatte sie gefleht. „Tu die Arbeit des Herrn. Du wirst dort sicher sein.

Manchmal, in der Stille des Gebets oder in der Dunkelheit der Nacht, dachte Rose darüber nach. Sicher wovor? Waren die Bilder böse, die manchmal in ihrem Kopf erschienen?

„Ich muss bleiben, Äbtissin“, sagte sie und fühlte sich beiden Seiten gegenüber schuldig. Sorge machte ihre Stimme schwer. „Ich muss halten …“

„Und meinen Auld Laird sterben lassen?“ Rose erschrak, ließ die Hand von Lady Sophie fallen, um herauszufinden, woher die Stimme hinter dem eisernen Gitter kam.

„Das ist einer der Schotten. Er ist gekommen, um noch einmal seine Bitte vorzutragen“, erklärte die Äbtissin. Aber Rose hörte ihre Worte nicht, da ihre ganze Aufmerksamkeit der großen, dunklen Gestalt des Barbaren hinter den schmiedeeisernen Stäben galt.

Um Himmels willen! Es war das dunkle Bild ihrer Träume! Ihr stockte der Atem, während ihr Herz so kalt wie ein Stein geworden zu sein schien. „Wer sind Sie?“, flüsterte sie und wusste dabei, dass ihre Worte unhöflich und ohne Anteilnahme waren.

Es war ganz still.

„Man nennt mich Leith. Vom Clan der Forbes.“

Seine Stimme war so dicht wie der Morgennebel – und genauso kalt. Rose fühlte, wie sie ein Schauer erfasste, dessen Intensität sie ängstigte. „Ich kann nicht mit Ihnen gehen.“ Sie flüsterte die Worte, als ob sie laut auszusprechen einen bösen Dämon wecken könnte.

„Nicht können?“ Der Schotte griff nach dem Gitter, seine breiten Fingernägel schimmerten blass im Licht der einsamen Kerze. „Oder nicht wollen?“

„Bitte.“ Sie wich schnell zurück, wusste nicht warum, aber sie spürte seine verängstigende Kraft, das verschreckende Wissen, dass er ihr in ihren Träumen erschienen war. Er war ein großer Mann, vielleicht der größte, dem sie je begegnet war. Oder erlaubte sie es den Schatten und ihrer eignen, allzu lebhaften Fantasie, sie zu ängstigen?

Rose hob leicht das Kinn, verschränkte die Hände vor der Brust und versuchte auf die innere Kraft zurückzugreifen, die sie angeblich besitzen sollte. „Zwingen Sie mich nicht, meinen Schwur zu Gott zu brechen“, bat sie ihn schwach. Aber innerlich suchte sie nach den wahren Gründen, aus denen sie ablehnte. Angst?

„Dein Gelübde hält dich nicht dazu an, einem Mann in Not zu helfen?“

Der Tonfall des Schotten war etwas spöttisch, dachte sie und sie hob ihr Kinn noch höher. „Meine Gelübde halten mich dazu an, meinem Gewissen zu folgen und nicht der ungeschliffenen Beharrlichkeit eines Mannes ohne Verständnis für meinen Glauben.“

Er schwieg, aber seine Augen verfolgten sie kalt. „Und ich dachte, wir teilen den christlichen Glauben. Aber nein. Mein Gott verlangt Mut des Geistes.“

Er hatte sie einen Feigling genannt, dachte sie in stillem Entsetzen. Der Mann wagte es, die heiligen Wände der Abbey zu betreten und ihr zu unterstellen, dass sie sich nicht an ihren Glauben hielt! Er hatte die Manieren eines brünstigen Ebers! Eigentlich hatte sie schon brünstige Eber getroffen, die netter waren. Sie weigerte sich entschlossen die Tatsache einzugestehen, dass ihre eigenen Manieren und Gedanken gerade auch kein Vorbild von Reinheit waren.

„Obwohl Sie mich für geistlos halten“, sagte sie schwer atmend und hob verächtlich die linke Augenbraue, „werde ich nicht mit Ihnen gehen.“ Sie drehte sich steif um, fühlte seinen heißen Blick in ihrem Rücken und versuchte das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken.

„Nicht einmal, wenn ich das zurückgebe, was dir gehört?“, fragte er so heiser und leise, dass nur Rose ihn hören konnte.

Sie blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Herz hämmerte so stark, dass es drohte auszusetzen. „Was mir gehört?“, hauchte sie und zwang sich, ihn wieder anzusehen. 

„Aye.“ Er nickte.

Sie beobachtete ihn in atemloser Panik, sah, wie sich einer seiner Mundwinkel zu einem teuflischen Lächeln hob.

„Das habe ich am kleinen Lochan unten gefunden“, raunte er.

Kapitel 3

Ihr Kreuz! Rose griff nach der Stelle, wo es normalerweise an ihrer Brust hing. Sie spürte, wie ihre Lungen sich füllten, als sie nach Luft schnappte. Gott bewahre! Der Barbar hatte es gefunden!

Hinter ihr schwiegen die Äbtissin und der Kaplan. Wussten sie davon?

„Wenn du die Güte hättest, mitzukommen …“ Der Schotte ließ eine Hand in die Tasche seines dunklen Wamses gleiten. Seine Stimme war immer noch leise. „Gäbe es keinen Grund, die letzte Nacht – anzusprechen.“

Nun schnappte sie hörbar nach Luft. Ihre Hand griff an ihren Hals, der von ihrer rauen Nonnentracht bedeckt war, als wolle sie ihren Körper vor seinen Augen verstecken. Hatte er ihre Blöße gesehen oder nur das Kreuz gefunden?

Mit gezielter Anstrengung sammelte Rose die zerbrochenen Reste ihrer Würde zusammen. Aber ihre Hände zitterten an ihrem Hals und sie fragte sich, ob er es sah. Wenn die Äbtissin von ihrem schandhaften Verhalten der vergangenen Nacht erfuhr, würde sie Rose sicher aus der Abbey verbannen – oder Schlimmeres. Sie schluckte einmal, dachte schnell und angestrengt nach. Aber es schien nur wenige Möglichkeiten zu geben. Sie war sich sicher, dass sie durch den Stoff der Tasche des Barbaren die verräterischen Umrisse des treulosen Kreuzes sehen konnte. „Ihr …“, sie räusperte sich, versuchte besorgt und mitfühlend zu klingen, aber ihre Stimme war heiser, sodass sie sich erneut räuspern musste. 

„Ihr Lord ist also sehr … krank?“, hauchte sie.

„Sehr krank.“ Sein Lächeln war jetzt verschwunden und durch einen Gesichtsausdruck abgelöst worden, den sie in der Dunkelheit nicht ausmachen konnte.

„Und er hat eine … christliche Seele?“, fragte sie schwach.

Er zögerte nur einen Moment. „Aye. Hat er.“

„Dann …“ Ihre Finger griffen an ihre leere Brust und sie hob ihr Kinn ein wenig. „Ist es meine Pflicht zu gehen.“ Sie hatte die Worte steif ausgesprochen, ohne einen Funken Mitgefühl und Leith hob schweigend die Augenbrauen.

„Du hast ein goldenes Herz, Mädchen“, raunte er, aber sein Tonfall war nicht aufrichtiger, als der Ihre. 

„Sie werden eine Begleiterin finden, die mit ihr reist“, befahl die Äbtissin leise. „Jemand aus dem Dorf vielleicht.“

Der Schotte nickte, sein Blick richtete sich auf Lady Sophie.

„Und Sie werden schwören, sie zu beschützen“, fügte die Äbtissin hinzu. 

„Aye, Herrin“, schwor er feierlich. „Mit meinem Leben.“

Rose fiel mit einiger Verärgerung auf, dass sein Tonfall gegenüber der Äbtissin ganz anders war, als ihr gegenüber. Der Sarkasmus war verschwunden, die Lippen verzogen sich nicht auf eine Art, für die man ihn am liebsten geohrfeigt hätte. Nur nüchterner, zurückhaltender Respekt war zu sehen, als er mit der Lady sprach.

„Und Ihr bringt sie wieder hierher – wenn sie es wünscht – wenn Ihr ihr Können nicht mehr benötigt.“

„Aye“, versprach Leith und blickte mit seinen dunklen Augen plötzlich wieder in die von Rose. „Ich werde sie zurückbringen, wenn ich sie nicht mehr brauche.“

***

Rose wäre am liebsten in ihrer Kammer auf und ab gegangen, aber dafür war hier kein Platz. Stattdessen saugte sie an ihrer Lippe und wrang die Hände. 

Der Mann war Satan persönlich. Da war sie sich sicher. Wer sonst würde im Wald herumschleichen, mitten in der Nacht? fragte sie sich und dachte dabei nicht daran, dass sie das Gleiche getan hatte. Wer sonst hätte das Kreuz dazu benutzt, eine arme Novizin des Herrn zu erpressen und seine eigenen Ziele durchzusetzen?

Und was genau waren diese Ziele? Woher sollte sie denn wissen, dass es diesen Lord, der im Sterben lag, wirklich gab?

Die Zeit des Gebets kam und sie betete – mit Rachegedanken. 

In zwei Tagen würden sie aufbrechen. Genug Zeit, hatte er gesagt, damit sie ihre Habseligkeiten zusammensuchen und sich verabschieden konnte.

***

Leith hatte letzte Nacht nicht geschlafen. Visionen einer Feenprinzessin hatten ihn wachgehalten. Eine Feenprinzessin mit rotbraunem Haar und den Augen eines Rehkitzes. Eine Fee, die nicht wirklich eine Fee war, sondern die Antwort auf seine Gebete. Eine Frau aus Fleisch und Blut, die leicht für die Tochter des alten Lairds der MacAulays gehalten werden könnte. Sie war bezaubernd, genauso wie Lady Elizabeth es gewesen war. Und mit der amethystbesetzten Brosche und dem kleinen Plaid, den die Äbtissin ihm gegeben hatte, konnte der alte Laird nicht mehr daran zweifeln, dass sie seine Tochter war. Aye, Ian MacAulay würde sie als Seinesgleichen akzeptieren, weil er es für wahr halten wollte. Und so krank wie er war, war es auch seine letzte Gelegenheit, sie zu finden.

„Sie ist eine feine, hübsche Stute, Bruder“, sagte Colin, der lässig an einem Pfosten in der Nähe einer kleinen Herde von Pferden lehnte und Leiths Gedanken unterbrach. 

Leith grunzte irritiert und wollte weitergrübeln, aber Colin konnte er nicht ignorieren.

Er schob den Grashalm zwischen seinen Zähnen von einer Seite auf die andere und schaute zu dem nahegelegenen Schuppen. Colin zog eine Augenbraue hoch und fügte hinzu: „Sie ist sogar die Hübscheste von allen.“

Noch ein Grunzen.

„Sie wird die lange Reise nach Hause gut verkraften.“

Schweigen. 

Colin verengte die Augen zu Schlitzen. „Aber warum, frage ich mich, warum die beste Stute von Auld Harold, wenn die anderen auch gut sind?“

Leith richtete sich auf, ging zum linken Hinterbein der Stute und kniete sich wieder hin. Seine Hand folgte dem schlanken Röhrbein. „Sie wird sich gut mit Beinn Fionn kreuzen lassen.“

„Aye. Das wird sie.“ Colin knabberte eine Weile an seinem Halm, sah dem anderen bei seiner vorsichtigen Begutachtung zu, bevor er wieder die Stille unterbrach. „Aber dein Hengst hat einen ganzen Haufen schöner Mädchen, die auf seine Rückkehr warten. Während du …“ Er hielt inne und überlegte, grinste schief, solange sein Bruder es nicht sehen konnte. „Erzähl mir von dieser kleinen Nonne, die mit uns reisen wird.“

„Du wirst sie früh genug kennenlernen“, antwortete Leith flach.

„Ist sie jung?“

„Nicht so jung wie du“, sagte Leith, stand auf und streichelte die glänzende Kruppe der Stute. 

„Hübsch?“

Leith antwortet nicht. Er ging um die Stute herum, um sich die Zähne anzuschauen.

„Ist sie nicht hübsch?“, wiederholte Colin und setzte ein ernstes Gesicht auf, als er den gereizten Blick seines Bruders sah.

„Sie wird dir nicht deinen empfindlichen Pelz versengen, wenn sie in deine Richtung schaut, falls das deine Sorge ist, Junge“, knurrte Leith. 

„Ah.“ Colin nickte weise, was den Grashalm zwischen seinen Zähnen dazu brachte, mit der Bewegung mit zu wippen. „Die knappe Antwort meines Herrn ist wie der höchste Lobgesang eines anderen. Also ist sie ein hübsches Mädchen.“ Er trat ein paar forsche Schritte vor. „Dunkles Haar? Schlank? Und die Augen?“

„Kannst du nicht was zu tun finden?“, grollte Leith. „Gibt es nichts, womit du deine Zeit verbringen könntest.“

„Nay, Bruder“, sagte Colin und zuckte mit den Achseln. „Nichts. Die Suche ist zu Ende. Vergebens – das Kind lange von dieser Welt verschwunden.“

Leith drehte sich um, duckte sich unter dem grazilen Kiefer der Stute durch, auf die andere Seite.

„Und trotzdem scheint dich das nicht sonderlich zu sorgen“, fuhr Colin nachdenklich fort. „Und das nach all dem Ärger, den es gemacht hat, herzukommen. Wenn ich nicht so ein gutgläubiger Mensch wäre und dich nicht so gut kennen würde, müsste ich denken, du verschweigst mir was. Warum, frage ich mich, sollten wir diese kleine Nonne mit in unsere Heimat nehmen? Um MacAulay zu heilen?“ Er grunzte laut. „Ich glaube kaum. Besser wäre es einen Dolch durch sein schwarzes Herz zu stoßen und all dem ein Ende zu setzen. Also warum …“

„Geh und finde eine Begleiterin für das Mädchen“, befahl Leith plötzlich, stand abrupt auf und blickte verärgert über den glänzenden Rücken des Rappens. 

„Eine Begleiterin?“, fragte Colin ungläubig. „Vielleicht kann ich auch eine Federmatratze für sie finden. Wir könnten alles in einer feinen Kutsche hinter uns herziehen, damit sie sich keine blauen Flecke am Hintern holt, auf dem harten Boden in der Nacht.“

„Ich habe der alten Äbtissin versprochen, dass sie eine Begleiterin haben wird“, sagte Leith. „Du wirst eine angemessene Frau finden.“

„Angemessen?“, fragte Colin spitz. „Angemessen wofür?“

„Angemessen den Anstand zu wahren!“, herrschte Leith ihn plötzlich an. Seine Geduld war am Ende. „Mit Beinen, die stark genug sind, dass sie sich auf der langen Reise nach Hause im Sattel halten kann. Sicherlich kannst du die Stärke von Frauenbeinen mittlerweile gut einschätzen, Bruder.“

„Aye.“ Colin lachte. „Das kann ich, mein Herr. Aber die kleine Nonne, die du ausgesucht hast, interessiert mich viel mehr. 

“Gott bewahre!“, fluchte Leith wütend. „Sie ist eine Frau Gottes. Das vergisst du besser nicht.“

„Ich?“ Schnell hob Colin die Hand zur Brust. Sein Gesichtsausdruck war schockiert. „Ich werde es nicht vergessen, Bruder. Ich kann mir jedes Mädchen aussuchen“, beteuerte er und blickte für einen Moment missmutig drein. „Das heißt, wenn Roderic nicht in der Nähe ist“, verbesserte er sich. „Aber man kann nicht erwarten, mit seinem Ebenbild zu konkurrieren.“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist schwer zu glauben, dass wir drei wirklich Brüder sind. Der hübsche Roderic und ich werden ständig von weiblicher Aufmerksamkeit bedrängt, während du …“ Er zeigte auf Leith. „Du dich zurückziehst wie ein Mönch.“

„Ich danke dem Herrn, dass ich deinen teuflischen Bruder zuhause gelassen habe“, beteuerte Leith. „Jetzt hau ab, bevor ich dir die Einsicht in den flohzerbissenen Kopf prügele“, fügte er hinzu und griff über die Stute nach dem Wams des jüngeren Bruders.

Lachend hob Colin die Hände, als wolle er die Gewalt abwehren. „Es ist nicht meine Schuld, dass dich die Mädchen nicht anziehend finden, Bruder. Vielleicht wenn du aufhörst immer so finster dreinzublicken, dann wären sie beim Anblick deines vernarbten Gesichts nicht so verängstigt …“

Das Geräusch einer zufallenden Tür unterbrach seine Worte und zog die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf sich. Leith ließ die Hand sinken und Colin hob die Augenbrauen beim Anblick der dunklen Schönheit, die aus dem nahegelegenen Haus schritt. „Ah, da“, murmelte er anerkennend. „Eine Frau. Eine Engländerin, die sich sicher nach einem richtigen Mann sehnt. Hör auf, so missmutig dreinzublicken, Bruder, und schau sie dir genau an.“

„Hör auf zu jammern und zeig etwas mehr Respekt“, erwiderte Leith und stand auf.

„Für die Dame?“, scherzte Colin.

„Mir gegenüber, du Depp“, knurrte Leith bevor er um die Stute herumging, um den Neuankömmling zu begrüßen.

Sie war eine schöne Frau, trotz ihres Alters.

„Ich bin gekommen, um Ihnen etwas zu trinken zu bringen“, sagte sie und hob ein Tablett mit Zinnbechern über den grobgehauenen Zaun. „Es ist warm so früh im Jahr.“ Ihr Blick ruhte kurz auf Leiths ernstem Gesicht, bevor er wieder zu den Bechern herabsank.

„Aye“, sagte Leith kurz und Colin grinste. Wieder einmal fehlte seinem Bruder jede Fähigkeit zu scherzen.

„Sogar heiß“, steuerte Colin bei. „Und es ist sehr nett von Ihnen, an uns zu denken, verehrtes Fräulein …“

„Witwe“, sagte die Frau leise und erwiderte schließlich Colins Blick. „Die Witwe Devona Millet.“ Ihre Augen waren bernsteinfarben, fiel Colin auf, ihre Gesichtszüge zierlich und ihr Mund lud zum Küssen ein. „Ich hörte, dass Sie Schotten sind.“

Leith wandte sich wieder der Stute zu und forderte damit die Frau zum Gehen auf.

„Wir sind tatsächlich Schotten“, sagte Colin, seine Augenbrauen hoben sich, und er bemerkte, den tiefen Ausschnitt der Witwe, für den sein Bruder sich überhaupt nicht interessierte. „Und reisen bald in das Land unserer Clansmänner zurück.“ Leith war schon zu lange der Laird der Forbes, dachte Colin, wenn er so eine schöne Darbietung eines Busens nicht mehr wertschätzte. Aber vielleicht war die Witwe gerade richtig dafür, die Eintönigkeit der Heimreise aufzulockern und Leith gleichzeitig von seinen ständigen Sorgen abzulenken.

Genau. Colins Lächeln wurde breiter, als er sich zwang, den Blick von der Brust der Witwe heben. „Aber wir haben ein großes Bedürfnis …“ Er ließ die Aussage im Raum stehen, dachte für einen Moment an seine eigenen Bedürfnisse, bevor er sich an die seines Bruders erinnerte. „Wir brauchen eine Begleiterin für eine Dame, die mit uns reist.“

„Eine Dame?“, fragte die Witwe.

„Eine Nonne“, erklärte Colin und überlegte kurz, ob er Enttäuschung in der Stimme der Frau hörte.

„Von der Abbey drüben?“

„Aye“, fügte Colin hinzu. Sich an Leith wendend, fragte er: „Wie findest du sie, Bruder? Sie scheint kräftige Beine zu haben – denkst du nicht auch, me Laird?“

„Ich denke, du redest zu viel“, sagte Leith, als er aufstand, um seinen Bruder böse anzustarren.

Colin lachte nur. „Dürften wir Sie bitten, uns zur Verfügung stehen, um mit uns zu reisen, als die Begleiterin dieser Dame?“, fragte er.

„Den ganzen Weg bis nach Schottland?“

„Sogar ein ganzes Stück weiter. Bis Glen Creag in den Highlands. Aber wir würden Sie gut für Ihre Mühen bezahlen, und sie würden gut …“ Sein Blick sank wieder zu ihren Brüsten, nur für einen kurzen Augenblick, und der Atem stockte in seiner Kehle. „… gut … bewacht“, sagte er spitzbübisch.

Ihre Wangen röteten sich liebreizend, und sie schlug die Augen nieder. „Ich werde im Haus der Familie meines Mannes nicht gebraucht“, sagte sie leise.

„Dann kommen Sie mit?“, fragte Colin, überrascht von seinem Glück und sich des erregenden Effekts bewusst, den sie auf ihn hatte.

„Warum nehmen Sie die Nonne mit in Ihr Land?“, fragte sie. „Und was würde von mir am Ende der Reise erwartet?“

Es war das, was er während der Reise erwartete, was Colin am meisten interessierte. Wenn Leith die Möglichkeiten nicht interessant fand, dann er umso mehr.

„Sie ist noch keine Nonne“, verbesserte Leith gleichmütig. „Sondern eine Novizin, und sie soll eine geschulte Heilerin sein. Wir werden sie zu MacAulay bringen, der schwer krank ist. Sie würden sie nur begleiten und nach unserer Ankunft wieder hierhin zurückkehren.“

„Oh.“ Für einen Moment wechselte Devonas Blick zwischen Leith und Colin hin und her. „Und Sie würden mir eine sichere Reise garantieren?“

„Nichts kann garantiert werden“, sagte Leith trocken. „Aber wir werden alles tun, was in unserer Macht steht.“ Seine Hand berührte den Dolch an seiner Seite. „Und das ist eine Menge.“

Sie schwieg, sah ihn genau an, als versuche sie, ihn einzuschätzen. „Ich werde mitkommen“, sagte sie plötzlich.

Colin grinste.

Leith nickte, gab der Stute einen letzten Klaps, bevor er wegging, sich zwischen den Latten des Zauns hindurchbückte und die Zügel seines weißen Pferdes vom Pfosten löste. „Kauf die schwarze Stute“, sagte er zu seinem Bruder. „Triff eine Vereinbarung mit der Witwe.“

„Vereinbarung?“, fragte Colin und kam auf Beinn zu. „Heißt das, du bist interessiert?“

Leith war blitzschnell im Sattel, beugte sich aber nun tief herunter, direkt zu Colins Gesicht. „Ich bin keine alte Milchfrau, die der Hilfe ihres einfallslosen Bruders bedarf, um verkuppelt zu werden. Die Witwe kommt als Begleiterin mit und mehr nicht.“

„Und wenn sie mehr wünscht?“, fragte Colin gelassen.

„Dann hast du meinen Segen“, sagte Leith und drehte seinen Hengst um.

„Gut …“ Colin wandte sich mit einem Grinsen wieder der Witwe zu. „Es scheint, dass wir einiges zu tun haben.“

Devona ließ das Tablett ein Stück tiefer sinken, als Colin sich durch die Zaunlatten bückte und sich gerade vor ihr aufrichtete. 

„Ich entschuldige mich für meinen Bruder“, sagte er ruhig. „Er ist der Laird des Forbes-Clans und nimmt sich nicht die Zeit für Nettigkeiten.“

„Sicher hat er vieles, was seine Gedanken beschäftigt.“

„Aye.“ Colin lächelte. Sie war wirklich eine hübsche Frau. Eine Frau, die nicht vergeben war, eine Frau, die sein Bruder offensichtlich nicht begehrte. Es wäre eine Schande, so eine Gelegenheit nicht zu nutzen, besonders, da sie eine Witwe war, eine Frau, in der der Funke der sexuellen Begierde schon einmal entzündet worden war und nun leer und unerfüllt blieb. „Wir schätzen Ihr Angebot sehr, mit uns zu reisen“, sagte er. „Das ist wirklich großzügig.“

Devona errötete und senkte den Blick. „Vielleicht nicht so großzügig, wie Sie denken. Ich fürchte, dass ich meine eigenen Gründe habe, von hier verschwinden zu wollen.“

„Tatsächlich?“

„Meine Anwesenheit hier hat keinen Sinn“, erklärte sie und ließ dabei den Blick auf den Bechern ruhen. „Seit dem Tod meines Mannes, fühle ich mich …“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Nicht gewollt?“ Die Worte schlüpften ungebeten von Colins Lippen.

„Ja.“ Sie nickte langsam. „Nicht gewollt.“

Reiner Instinkt ließ Colin die ohnehin schon kurze Distanz zwischen ihnen noch verringern. „Ich will dich.“ Die Aussage war eine heisere Liebkosung. 

Devonas Mund öffnete sich leicht.

Plötzlich griff er nach dem hölzernen Tablett, das sie noch voneinander trennte.

„Aber ich … ich kenne Sie nicht.“

„Lernen Sie mich kennen“, hauchte er. „Dort im Schuppen.“

Die Augen der Witwe weiteten sich. „Dem Schuppen?“, keuchte sie.

„Aye, Mädchen. Ich verzehre mich nach dir. Lass mich dich mit in den Schuppen nehmen. Dort entzünde …“

Ihre Hand traf sein Gesicht mit solch einer Kraft, dass die Tassen auf dem Tablett in seiner Hand schepperten. „Wie können Sie es wagen?“, fauchte sie.

Colin blieb der Mund offen stehen. Anscheinend hatte er die falsche Methode angewandt. „Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich wollte nur mit Ihnen …“

„Wie können Sie es wagen?“, wiederholte sie und klang noch erboster. 

Colins Gesichtsausdruck erschlaffte, und der Anflug des ungestillten Verlangens erlosch. „Es gibt einige, die mein Angebot nicht als Beleidigung empfinden.“

„Und es gibt einige, die mit Schweinen schlafen“, zischte sie. „Aber ich bin nicht so eine.“

„Schweine“, rief Colin, aber sie ging schon steifen Schrittes auf das Haus zu und ließ ihn mit dem Tablett in elender Verwirrung zurück.

„Sie werden auf sie achtgeben?“, fragte der Kaplan ernst. 

„Werde ich“, sagte Leith und sah hinab in die besorgten Augen seines Gegenübers.

Das Morgengrauen war gekommen und wieder verschwunden. Es war schon längst Zeit zu gehen. Neben ihm stand Colin und schwieg, hielt sein eigenes Reittier, den neu erworbenen Rappen und das Pferd, das mit ihrem Gepäck beladen war. Hinter ihm saß die Witwe Millet schweigend auf einer mausbraunen Stute mit schweren Knochen und schmalen Augen. Leith sah den Kaplan an und fragte sich wieder einmal, warum Colin sich für das Reittier der Witwe entschieden hatte. Es war ein starkes Ross aber schlicht und eigenwillig.

„Und Sie werden Geduld mit ihr haben?“, fragte der Kaplan.

„Geduld?“ Leith war kurz irritiert von der Frage. Abgesehen von der Tatsache, dass das Mädchen noch nicht hier erschienen war, warum sollte er geduldig mit ihr sein?“

„Rose …“, setzte der Kaplan langsam an und schüttelte den Kopf. „Rose Gunther ist ein … besonderes Kind.“

Leith blickte Richtung Norden. Er wollte los. „Besonders?“

„Begabt.“

Leith verengte die Augen und blickte nach unten. „Begabt in welcher Hinsicht?“

„Sie wurde von Gott mit gewissen Gaben beschenkt.“

„Können Sie etwas deutlicher werden, Pater?“, fragte Leith ungeduldig. 

Aber der Kaplan zuckte nur mit den Schultern. „Sie werden ihren Wert früh genug kennenlernen, glaube ich.“

Leith verzog das Gesicht. Auf seine Nachfrage hatten ihm die Leute von Millshire von den Fähigkeiten der Heilerin erzählt und ihm damit den perfekten Vorwand gegeben, sie mit nach Schottland zu nehmen. Aber er glaubte nicht, dass der Kaplan jetzt von ihrer Begabung als Heilerin sprach. 

Das Tor der Abbey öffnete sich. Leith hob den Blick. 

So, wie sie dastand, sah sie klein und jung aus, versunken in ihrem blassen, voluminösen Gewand und verborgen unter der Haube. Und trotzdem hatte sie etwas an sich, das seinen Blick auf sie zog – oder war es die Erinnerung an sie am kleinen See, die ihn faszinierte?

„Gebt auf sie acht“, sagte der Kaplan leise mit traurigem Gesichtsausdruck. „Es wird keine leichte Aufgabe.“

Leith sah dem Kaplan stumm nach, als der sich umdrehte und ging. Er schritt an dem Mädchen vorbei, das im Torbogen stand, und richtete noch einige Worte an sie, bevor er im Kloster verschwand. 

Endlich kam sie näher, ihre Schritte waren langsam und unsicher, ihre Hände steckten fromm in ihren Ärmeln, ihre Augen waren rot. Von Tränen? Für einen Moment fragte Leith sich, ob er sich geirrt hatte. Dieses kleine, unschuldige Wesen konnte sicher nicht die mutige, bezaubernde Feenprinzessin sein, die er am See gesehen hatte. 

Seine Finger glitten unbewusst zu der Tasche in seinem Wams. Er fühlte die ungleichmäßige Form des entwendeten Kreuzes durch den Stoff, als sie vor ihm zum Stehen kam.

Stille stand unangenehm zwischen ihnen. Leith griff fester nach Beinns Zügeln. Sie war eigentlich noch ein Kind, sagte er sich mit einem gewissen Unbehagen. Und er war ein betrügerischer Bastard.

Töte mich, Forbes, und bring es zu Ende.“ Das waren die gequälten Worte, die immer noch in seinem Kopf widerhallten, obwohl er versucht hatte, sie zu unterdrücken. 

Betrügerischer Bastard hin oder her, er würde tun, was getan werden musste. Er würde Rose Gunther dazu benutzen, die Wunden zu heilen, die er nicht alleine schließen konnte.

„Komm, Mädchen“, sagte er und schob die düsteren Gedanken beiseite. „Die schwarze Stute nenne ich Maise. Große Schönheit“, übersetzte er. „Sie gehört dir. Ein Geschenk für deine Mühen.“

Rose blickte zur Stute und schien die weit auseinanderstehenden Augen und die vollkommenen Beine zu bemerken. Aber sofort ließ sie ihren Blick wieder auf den Boden vor ihren Füßen fallen. „Ich kann sie nicht annehmen.“

Leith verzog das Gesicht. Er hatte alles sorgfältig geplant und konnte es sich nicht leisten, Zeit zu verschwenden. Er war kein geduldiger Mensch aber entschlossen, und er würde charmant sein, denn er wollte sie für seine Art des Denkens gewinnen. 

„Du kannst die lange Reise bis in mein Heimatland nicht zu Fuß bewältigen“, sagte er und versuchte sanft zu klingen. „Nimm die Stute. Ich gebe sie dir gerne.“

„Ich kann nicht.“

Leith fluchte schweigend, ballte die Fäuste und spürte, wie sein Kiefer sich spannte. Er mochte keine Verzögerungen. Er mochte kein Gezänk, und er mochte Frauen nicht, die seinen Anweisungen nicht folgten. 

Sei charmant, sagte er sich verärgert. Er musste charmant sein. 

„Ich habe das Pferd selbst ausgesucht. Es wird dir einen weichen Ritt garantieren. Willst du nicht …“

„Nein!“

Die Kraft ihrer Stimme überraschte ihn. Aber es waren ihre Augen, die ihn am Boden festnagelten. Heiliger Himmel! Bei ihrem vorherigen Treffen hatte er die Farbe nicht ausmachen können, aber jetzt sah er, dass sie einen violetten Schimmer hatten – so hell und scharf wie wertvolle Juwelen. Also war es nicht nur ihr volles, kastanienbraunes Haar und ihre schöne Gestalt, die an die verstorbene Frau des alten Lairds erinnerten. Es waren auch ihre Augen, die einen verhexten.

Aber Leith Forbes ließ sich nicht verhexen. Nein. Er würde einen kühlen Kopf bewahren. Und er würde sie zur Frau nehmen.

Kapitel 4

 Du kannst nicht die ganze Nacht lang beten“, sagte Leith und hockte sich neben die kleine, kniende Gestalt, die in ihr wollenes Gewand gehüllt war.

Den ganzen Tag waren sie geritten und hatten nur für ein Mittagsmahl angehalten, bevor sie weitergeeilt waren.

Rose Gunther hatte kein Wort gesprochen und nichts gegessen und jetzt kniete sie in der Dunkelheit und sah kein bisschen nach der bezaubernden Bean-sith aus, die er an dem magischen See gesehen hatte. Eher wie eine zerzauste Märtyrerin mit blassem Gesicht und schwindender Entschlossenheit. Wohin war die bezaubernde, kleine Feenprinzessin verschwunden? Die überirdische, mondbeschienene Göttin, die seine Fantasien beflügelt und seine Hoffnung entzündet hatte? Wo war das Mädchen, das ihn an Wunder hatte glauben lassen, die ihn hatte glauben lassen, dass sie ein wertvolles Geschenk war, das ihm die Hand Gottes geschickt hatte, vom Schicksal dafür vorgesehen, dem Clan der Forbes Frieden zu bringen?

Er war sich sicher gewesen, dass so ein Wesen in der strengen Abgeschiedenheit des Klosters nicht glücklich sein konnte – hatte sich selbst eingeredet, dass er nur Gutes tun würde, wenn er sie mit nach Schottland nahm. Aber vielleicht hatte er sie falsch eingeschätzt. Vielleicht war es nur eine Vision gewesen, dort am kleinen See, und in Wirklichkeit gehörte diese Frau doch hinter die klösterlichen Mauern der verstaubten Abbey.

Aber Blut befleckte Leiths Hände. Das Blut seiner eigenen Leute und das der MacAulays. Blut, das hinfort gewaschen werden würde, sobald Laird Ian akzeptierte, dass diese kleine Nonne seine leibliche Tochter war.

Es stimmte, dass Ian MacAulay ein wilder Bastard war. Aber er war auch alt und der Fehden müde, müde genug, um Leith Forbes sein einziges Kind als Ehefrau anzubieten, wenn er es schaffte, sie zurück nach Schottland zu bringen.

Leiths Kiefer spannte sich. Er hatte sie gefunden – unter einem alten Haufen Erde in einem englischen Friedhof. Aber seine Träume waren dort nicht gestorben. Nein, sie hatten mit der blassen, anziehenden Gestalt einer entkleideten Novizin neues Leben gefunden.

Wirklich eine seltsame Art des Herrn seine Gebete zu erhören. Aber Leith war niemand, der ein Geschenk des Herrn ausschlug. Rose Gunther war dieses Geschenk. Da war er sich sicher, genauso, wie er sich sicher war, dass Ian MacAulay sie anerkennen würde. Genauso, wie er wusste, dass sie das Band war, das die durch Eleanors Tod auseinandergerissenen Stämme wieder zusammenbringen würde.

„Komm“, sagte er und ließ seine Stimme absichtlich hart klingen. „Iss, bevor das Essen kalt wird.“

Sie hob nicht den Blick. Ihre Hände blieben gefaltet. „Ich faste“, sagte sie kurz angebunden.

Verdammt! Zur Hölle! Fasten! Hier draußen in der Wildnis, wo die schwächliche Ausdauer des Mädchens alleine schon gebraucht wurde, um am Leben zu bleiben. Leiths Blick verfinsterte sich. Für ein heiliges Geschenk Gottes war sie ziemlich stur. Er hatte keine Zeit für ihr antiquiertes Märtyrertum. Aber genauso wenig würde es ihm helfen, ein unwilliges Mädchen nach Glen Creag zu bringen. 

Vielleicht hatte Colin recht. Vielleicht verängstigte er die Mädchen wirklich mit seinem mürrischen Aussehen. Leith Forbes hatte allerdings wenig Zeit für Umwerbungen und Schmeicheleien. Er war ein Mann, der die schwere Verantwortung für seinen Clan auf den Schultern trug. Und gerade jetzt hing diese Verantwortung wie ein Stein an seinem Nacken, da er die Hoffnung auf große Veränderungen für seinen Clan sah. Veränderungen, die alte Wunden schließen würden und neue Verbindungen schaffen konnten – wenn er bloß diese vor ihm kniende Frau überzeugen konnte. 

Leith versuchte seine Atmung zu beruhigen, erinnerte sich an das Versprechen, das er dem Kaplan gegeben hatte und setzte sich neben sie. „Warum fastest du, kleine Nonne?“, fragte er leise.

„Buße für meine Sünden“, sagte sie gestelzt, ihr Kopf noch immer gebeugt.

„Und welche Sünden wären das, kleine Rose?“, fragte Leith, seine Stimme hielt er so sanft, wie er nur konnte. „Du bist sicherlich noch viel zu jung und schwach, um Schwerwiegendes begangen zu haben.“

Stille stand zwischen ihnen an diesem geschützten Ort im Wald. Leith meinte in der Dunkelheit zu sehen, wie sich der Kiefer des Mädchens anspannte. Als sie schließlich das Gesicht hob, funkelten ihre Augen in einem ziemlich unchristlichen Glanz. Zu seiner Verwunderung stellte Leith fest, dass er sie sich nicht so groß und tiefgründig vorgestellt hatte. Sie waren weit und unbegreiflich wie das tiefe, schwarze Wasser von Loch Ness.

„Heißt das, Sie maßen sich an, das Ausmaß meiner Sünden zu kennen, Schotte?“, fragte sie schließlich, und ihre Lippen schürzten sich.

„Nay“, antwortete Leith, die Stimme sanft und schwer. „Ich glaube nur, dass ein kleines Mädchen wie du nicht viele begangen haben kann.“

Sie schwieg wieder, ihre blassen Hände waren ehrfürchtig gefaltet, aber als sie erneut sprach, war ihre Stimme scharf und ihre Augen funkelten. „Sie glauben, dass Ihre Sünden wichtiger sind als meine?“

Leith schüttelte den Kopf und war darauf bedacht das Grinsen zu unterdrücken, das in ihm hochstieg und drohte sich an seinen Mundwinkeln zu zeigen. Ohne Zweifel war sie die interessanteste und eigensinnigste Nonne, die ihm je begegnet war. „Sollen wir zum Feuer gehen, Mädchen, und Sünden vergleichen?“, fragte er mit flacher Stimme.

Ihr Mund war ein fest zusammengepresster Wall aus Missbilligung über ihrem spitzen, kleinen Kinn. „Ich kann nichts Scherzhaftes an Sünden finden.“

„Ich selbst finde die meisten Sünden sehr verstörend.“ Er neigte sich zu ihr herüber und stützte eine Hand auf sein Knie. „Aber deine, Mädchen, wirken sehr … unterhaltsam.“

Ihre Augen wurden, wenn das überhaupt möglich war, noch größer. „Wie können Sie es wagen, so leichtfertig über meine Sünden zu reden?“

„Wagst du es, mir deine zu beichten?“, forderte er sie heraus. 

Er war ihr nahe, viel zu nahe, dachte Rose. Und er war groß, seine Gesichtszüge kantig und einnehmend. Sein Haar war dunkel, wie ein glänzendes Sable-Island-Pony und im Nacken zusammengebunden, der breit, muskulös und sehnig war. Seine Augen waren braun, hatten die Farbe eines Tees, der lange gezogen hatte. Seine Nase war nicht gerade oder perfekt geformt, sondern bog sich in der Mitte leicht nach außen. Seine Wangenknochen saßen hoch, er hatte volle Lippen. Und an der Hüfte trug er jetzt ein Schwert, ein langes Korbschwert, das fast ein Teil von ihm zu sein schien.

Er war kein hübscher Mann. Warum also schwitzten ihre Hände, wenn er in der Nähe war? Warum schlug ihr Herz wie wild, wie der dahinjagende Hufschlag eines Rehs im Morgengrauen? Sie würde eine Nonne werden. Eine Nonne! Rein. Nicht so wie er – ein Mann, der sich der Habseligkeiten einer armen Novizin bediente, um seine eigenen Ziele zu erreichen. 

Trotz der Umstände, würde sie wieder in die Abbey zurückkehren, mit dem kleinen Kreuz an seinem angestammten Platz – um ihren Hals. Sie hatte einen Schwur geleistet und den würde sie halten, da konnte Satan sie locken, wie er wollte.

Oh, ja. Ihn hatte der Teufel geschickt. Daran zweifelte sie nicht, denn kein Mann zuvor hatte solche Wünsche in ihr geweckt, wie er es tat. Den ganzen Tag lang hatte sie es sich untersagt den Blick zu ihm wandern zu lassen, denn sein Anblick war zu verstörend. Und trotzdem hatte sie ihn mehrfach während der Reise bewundert – wie er gerade und hoch auf seinem weißen Ross saß und für die ganze Welt aussah wie eine romantische, in Stein gehauene Statue.

Jetzt, in der Dunkelheit, musste sie zugeben, dass er nicht wie Stein aussah, sondern warm und wie aus Fleisch und Blut. Sie beobachtete ihn schweigend, fühlte sich atemlos. Sie war schon immer ein starkes Mädchen gewesen, wenn auch klein, sie hatte ihrem Vater oft tatkräftiger bei der Arbeit geholfen, als so mancher junge Mann. Aber dieser Schotte … Ihr Blick sanken zu seiner Hand. Sie war sonnengebräunt und kräftig, und das Handgelenk, das auf seinem Knie ruhte, war breit und flach. Ihr Blick schlüpfte weiter nach unten, über die kräftigen, langen Muskeln seines Unterschenkels, die sich perfekt durch die dunkle Kniehose abzeichneten.

„Gefällt dir, was du siehst, kleine Nonne?“, fragte er sanft.

Rose schnappte nach Luft, aufgrund seiner Worte und weil ihr plötzlich klar wurde, dass sie ihn fast unverschämt angestarrt hatte, mit sündhaftem Interesse.

„Warum denkst du, dass du dafür bestimmt bist, dein Leben im Kloster zu vergeuden?“

„Sie wagen es, das heilige Leben eine Vergeudung zu nennen?“

„Nicht für alle.“ Er zuckte müde mit den Achseln. „Aber eine Frau wie du braucht mehr.“

„Woher wissen Sie, was ich brauche?“, fragte sie mit zitternder Stimme. Ihr Atem ging nun in heftigen Stößen und ihre Wangen waren heiß und gerötet.

„Ich weiß nur, was ich am See gesehen habe“, gab er schließlich zu. Rose fühlte, wie das Blut in einem kalten Schwall aus ihrem Gesicht wich. Zur Hölle! Er war also da gewesen. „Was haben Sie gesehen?“, flüsterte sie schwach, fast nicht in der Lage, die Frage zu stellen. Aber unwissend konnte sie auch nicht bleiben.

„Ich habe etwas gefunden, das du verloren hast“, wich er aus. „Und ich habe mich gefragt, wie das Eigentum der kleinen Nonne sich dorthin verirrt hat, an diesen stillen Ort außerhalb der Klostermauern.“

Rose blinzelte und ein kleiner Hoffnungsschimmer schlich sich bei ihr ein. Es schien, als hätte er doch nicht gesehen, wie sie sich so schamlos ausgezogen hatte. Sonst hätte er doch sicher damit angegeben. Er war sicher nicht höflich genug, so ein Wissen für sich zu behalten. Aber hatte er das Kreuz?

„Und was haben Sie gefunden?“, fragte sie mit unsicherer Stimme. Sie kniete weiterhin und sah ihn an.

Er beobachtete sie ohne ein Wort zu sagen, sein Ausdruck zeigte Neugierde. „Du weißt es nicht?“, sagte er lässig.

Er spielte mit ihr! „Nein“, platzte sie wütend heraus, zwang ihre Hände nicht zu zittern und versuchte ihre Stimme in etwa so klingen zu lassen, wie die der Äbtissin. Er war nur eine Versuchung, von Satan geschickt, um sie zu testen, sagte sie sich. „Ich weiß es nicht“, murmelte sie und senkte die Augen.

„Warum, frage ich mich, bist du dann gekommen?“, wollte Leith wissen.

„Weil ich das Bedürfnis hatte …“, antwortete Rose steif und schürzte wieder die Lippen.

„Und was ist dein Bedürfnis, Kleine?“, fragte er heiser.

„Nicht meins!“, erwiderte sie irritiert. Wusste dieser Mann nichts über frommes Märtyrertum, fragte sie sich. Dann entspannte sich ihr wütender Gesichtsausdruck, und sie presste ihre Hände fester zusammen. „Ich habe nur das Bedürfnis meinem Herrn zu dienen.“

„Bist du dir da sicher?“, fragte Leith leichthin und legte den Kopf schief, sodass das Mondlicht über seine dunklen Gesichtszüge streifte.

Für einen Moment war Rose gebannt von seinem Aussehen – seiner Arroganz, seiner schieren Größe, der Kraft seiner Gegenwart. Wenn der Herr eine Versuchung schickte, dann tat er dies nicht mit Zurückhaltung. „Natürlich bin ich sicher“, sagte sie schließlich selbstgerecht und wandte die Augen mit einiger Anstrengung von ihm ab. 

Er nickte, beugte sich vor und griff mit der Hand in die Tasche. „Dann …“, sagte er und zuckte mit den Achseln, „brauchst du das ja nicht mehr …“ Seine Hand erschien und zwischen den Fingerspitzen baumelte das schlichte, hölzerne Kreuz.

Es baumelte an der groben Kette – von seinen Fingern gefangen gehalten – und ihr Blick folgte der schwingenden Bewegung, hypnotisiert von der geisterhaften Gegenwart des Kreuzes.

Sie wollte nicht danach greifen. Sie wollte wenigstens das bisschen an Würde behalten, aber genau in dem Moment grinste er – dieses teuflische Grinsen des Sieges, das sie über den Punkt der Vorsicht hinaustrieb.

Ihr Sprung war schlecht geplant, und trotzdem hätte sie es fast gehabt – ihre Fingerspitzen streiften das raue Holz.

Aber er schwang das Kreuz in einem einfachen Bogen zu seiner Brust, und Rose fiel vornüber, durch die plötzliche Bewegung aus dem Gleichgewicht gebracht, und landete wie ein bettelnder Hund auf allen Vieren.

Leith starrte sie erstaunt an, und sein boshaftes Grinsen wurde noch breiter. „Was sind deine Sünden, kleine Nonne, dass du so ein starkes Bedürfnis hast, sie zu verbergen?“

Rose starrte zu ihm hinauf. Er war nur wenige Zentimeter von ihr entfernt. Ihre Augen waren so groß, wie der Mond, ihre Fassung war verloren. Ihr Mund öffnete sich. Ihre Lippen bewegten sich. Gott bewahre! Da war etwas an diesem Mann. Etwas Ungreifbares und Dunkles, etwas so Tiefes und Verführerisches, dass sie an ihrem Willen zweifelte, widerstehen zu können. Aber nein! Sie würde der Versuchung nicht erliegen.

Rose krabbelte rückwärts, ihr Gewand knüllte sich unter ihr zusammen und fiel wieder glatt zu Boden, als sie hastig aufstand. „Mir war heiß“, sagte sie schnell und wrang die Hände, als er vor ihr aufstand. „Ich bin nur zum See gegangen, um den kühlen Wind auf meinem Gesicht zu spüren. Ist das so eine fürchterliche Sünde?“

Leith beobachtete sie genau. Ihr Gesicht war ein makelloses Oval, ihre Nase klein und gerade.

„Ich habe nicht gesagt, dass es eine ist“, antwortete er und machte einen geschmeidigen Schritt nach vorne. Aber ich frage mich – ist das deine einzige Sünde, kleine Nonne? Abgesehen, natürlich, von deinem furchtbaren Temperament.“

„Ich bin nicht temperamentvoll!“, verkündete sie, ihre linke Augenbraue hob sich und hinterließ dabei kaum eine Falte um ihre amethystfarbenen Augen.

„Aye, Mädchen“, hauchte er, ihr jetzt ganz nah. „Bist du.“

„Zur Hölle!“, hauchte sie und verzog das Gesicht bei dem schrecklichen Ausdruck und wrang die Hände in Anbetracht der kläglichen Demütigung. „Ihresgleichen würde sogar einen Heiligen zum Fluchen bringen.“

Er lachte leise, das Geräusch kam tief aus seiner breiten Brust. „Aye, vielleicht ist das so, Mädchen“, gab er gleichgültig zu. „Aber du bist sicher keine Heilige.“

Ihr Rücken wurde stocksteif. Wie konnte dieser Heide sie für ihre Versuche kritisieren, fromm zu sein? Erst hatte er sie mit Erpressungen dazu gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen, und jetzt beleidigte er sie für ihre Ergebenheit zu Gott? „Ich denke, mein heimliches Verschwinden aus der Abbey kommt bei Weitem nicht an die Sünden heran, die Sie jeden Tag begehen“, sagte sie ausdruckslos.

„Wahrscheinlich, kleine Nonne“, sagte er und kam noch näher. „Aber ich frage mich gerade, ob das dein schlimmster Verstoß war. Vielleicht war da noch einer. Vielleicht …“ Sie stand nun mit dem Rücken an der glatten Rinde einer Eberesche, und er hob die Hand, um ihre Wange mit der breiten Rückseite seiner Finger zu berühren. „Vielleicht hast du dich da mit deinem Liebhaber getroffen.“

Sie schlug seine Hand beiseite. „Das habe ich nicht getan!“

„Nay?“ Zweifelnd legte er den Kopf schief, als wolle er in ihren Kopf schauen – um ihre Gedanken zu lesen.

„Nein! Meine einzige Sünde war mein Bedürfnis, der Enge des Klosters für eine kurze Weile zu entkommen.“

Er ließ die Hand sinken, sein Ausdruck war nachdenklich, mit gehobenen Brauen. „Dann glaubst du nicht, dass dein Handeln sündhaft war?“, fragte er neugierig.

Roses Körper fühlte sich an, als wäre er aus kältestem Granit. Sie starrte ihn an. „Welches Handeln?“

 Er lächelte nicht, bewegte sich nicht, nur seine riesigen Schultern hoben sich leicht. „Sich im Mondlicht auszuziehen, Mädchen. Ist das in deinen Augen keine Sünde?“

Sie zog die Luft scharf zwischen ihren leicht geöffneten Lippen ein und drückte sich fest gegen den geneigten Baumstamm hinter ihr. „Sie haben es gesehen!“, flüsterte sie.

„Aye, Mädchen.“

Ihre Hand hob sich zitternd zu ihrem Hals. „Ich dachte …“, hauchte sie, ihre Stimme wurde noch leiser. „Ich dachte, ich hätte mich nur vor dem Herrn versündigt.“

„Ich zweifle nicht daran, dass er es auch gesehen hat“, murmelte Leith heiser. „Aber ich glaube, mir hat es mehr gefallen, als ihm.“

Sie schlug ihn mit all ihrer innewohnenden Kraft. Traf seine Wange hart mit ihrer geballten Faust.

Der Aufprall ließ Leith einen Schritt zurücktaumeln, obwohl er sicherlich um die hundert Pfund mehr wog als sie. Er stand stumm und erstaunt da, lauschte noch dem Hall des Klatschens, wie es durch seine Sinne grollte.

„Leith!“ Colin stand im Bruchteil einer Sekunde mit gezogenem Breitschwert neben ihm. Sein Gesicht war eine ernste Maske, sein Körper gespannt und leicht gebeugt. Er stand breitbeinig da. „Alles in Ordnung? Ich habe ein Geräusch gehört.“

Rose konnte nicht umhin, das Zucken des gespannten Muskels in Leiths schlankem Gesicht zu sehen und die Wut, die in seinen tiefen, dunklen Augen funkelte. Für einen Moment überlegte sie, ob es weise wäre, um Verzeihung zu bitten – wenn nicht Gott, dann zumindest ihn. 

Sie standen schweigend da, beobachteten einander angespannt und vorsichtig, bis Leith endlich die Faust öffnete.

„Alles in Ordnung, Colin“, sagte er schließlich steif.

Stille erfüllte den Wald. Colin ließ das Breitschwert sinken und kam schnell herüber, um sich neben die beiden zu stellen. Rose wusste, dass er da war, aber sie traute sich nicht, den Blick von Leith abzuwenden.

„Tatsächlich“, sagte Colin schließlich, steckte das Schwert wieder in die Scheide und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Du hattest recht, Bruder. Ihr Anblick versengt mir nicht das Gesicht.“ Sein Blick ruhte für einen angespannten Moment auf Rose. „Weshalb ich mich frage“, sagte er und sah Leith amüsiert an, „woher das rote Mal in deinem Gesicht kommt.“

Der wütende Muskel an Leiths Kiefer bebte wieder. „Wir haben über Sünden gesprochen“, sagte er in einem tödlich flachen Ton. 

„Ah“, rief Colin aus und lächelte breit. „Und welche Sünden genau?“ Er ließ den Blick von Leith zu den funkelnden Augen des Mädchens gleiten. „Mord?“

„Unzucht“, stellte Leith trocken klar.

„Eine meiner liebsten Sünden!“, rief Colin glücklich. „Und welche Entscheidung habt ihr getroffen? Ist das Mädchen dafür oder dagegen?“

Leith wandte den Blick nicht von dem wütenden Mädchen. „Ihr Mund sagt, sie ist dagegen“, sagte er spöttisch. „Aber ihre Augen sprechen dafür.“

„Sie sind ganz sicher die Ausgeburt des Teufels“, verkündete Rose aufgebracht.

Colin lachte. „Nay, Mädchen. Der alte Hornbock will ihn nicht haben. Also hat der Forbes-Clan ihn an seinen Busen genommen.“

Roses Blick ruhte weiterhin auf Leith, ihre Schultern waren steif und ihre Lippen zusammengepresst. „Sie haben ja keine Ahnung, was für Sünden Sie Ihrer Seele aufladen, wenn Sie solch scheußliche Wörter an eine Frau des heiligen Ordens richten.“

„Und du gestehst dir deine eigenen Bedürfnisse nicht ein“, erwiderte Leith düster.

„Ich habe kein anderes Bedürfnis, als dem Herrn zu dienen“, hauchte Rose.

Stille trat ein, und Leith hob skeptisch die Brauen. „Wir werden sehen“, sagte er ernst.

„Mein Lord?“ Devona Millet kam durch das Unterholz zu ihnen herübergeeilt. „Ist alles in Ordnung?“ Sie schaute von Leith zu Rose und zurück. „Ich habe mich um Euer Wohl gesorgt.“

Colin sah zu, wie die Frau auf sie zueilte. Mit einer Hand hob sie den vollen, hellen Rock an. „Das Abendessen wartet“, erinnerte sie alle, als keine Antwort kam. „Mein Lord?“, wiederholte sie und war besorgt und außer Atem. „Seid Ihr nicht hungrig?“

Leith Forbes entzog sich vorsichtig den glänzenden Tiefen des Blicks seiner jungen Novizin. „Aye“, murmelte er schließlich und sah die dunkle Frau neben sich abwesend an. „Ich leugne meine eigenen Bedürfnisse nicht“, sagte er und erwiderte noch einmal Roses heißen Blick. „Aye. Ich bin wirklich hungrig.“

Kapitel 5

Sie könnten doch noch ein Stückchen näher an Forbes heranrücken, Witwe Millet“, sagte Colin.

Leith schmunzelte über Colins Art und über Devonas Witz. Er wusste nicht, was zwischen den beiden vorgefallen war, aber er ahnte es.

Sein jüngerer Bruder war nicht für seine Geduld bekannt. Mit dem guten Aussehen und dem Charme ihrer Mutter kannte und mochte er keine Ablehnung. Und die Witwe Devona schien auch keine Geduld für seine Umwerbung zu haben. 

Leith schmunzelte wieder und beugte sich vor, um der vollbusigen Witwe etwas ins Ohr zu flüstern. 

Ihr Lachen war heiser und sinnlich, aber ihr Blick huschte kurz zu Colin.

Also hatte er richtig vermutete, dachte Leith. Devona flirtete mit ihm, damit Colin sich schlecht fühlte, vielleicht, um zu beweisen, dass sie sogar den ernsten Laird des Clans verführen konnte, während sie die Annäherungen des jüngeren Bruders ausschlug. 

Normalerweise hätte Leith sich nicht auf das Spiel eingelassen. Aber im Moment … für einen kurzen Augenblick blickte er zur anderen Seite des Feuers. Die kleine Nonne kniete immer noch betend da. Ihre blassen, schmalen Hände waren in stiller Ehrerbietung gefaltet, ihr Kopf gebeugt. Aber was war mit ihren Gedanken? Er konnte wetten, dass sie nicht so rein waren, wie sie es wollte. Nein. Bei Weitem nicht so rein, denn er hatte das amethystfarbene Licht in ihren Augen bemerkt, als sie ihn angesehen hatte.

Es stimmte, dass sie eine Novizin des heiligen Ordens war. Aber sie war zuallererst eine Frau. Eine Frau des Feuers.

Was, wenn er dieses Feuer schüren würde? Was, wenn er ihre Sinnlichkeit entzünden würde, ihre Vorstellungskraft nähren, ihre Augen öffnen würde, für die Möglichkeiten eines erfüllteren Lebens? Würde sie dann nicht zugeben, dass sie nicht dazu berufen war, eine Nonne zu sein?

Wieder erinnerte er sich daran, wie sie ihn in der Dunkelheit angesehen hatte, wenige Augenblicke zuvor, wie ihre Augen auf seinen Beinen geruht hatten. Wie viel mehr würde sie erst sehen, wenn er die Kleidung seiner Vorfahren trug. Aber bis dahin würde es nicht schaden, mit der hübschen Devona zu flirten, denn die war gewillt mitzuspielen, und Rose Gunther würde am Rand des Feuers ihr Lachen hören. Soviel war sicher.

Die Witwe kicherte wieder.

Rose verschränkte die Hände noch fester, bis ihre Knöchel weiß wurden, dann fluchte sie leise. Gleich darauf schalt sie sich dafür, dass sie fluchte und fügte noch ein Dutzend Ave-Marias zu ihrer Buße hinzu.

Ihre Knie schmerzten, ihr Kopf pochte, ihr Magen knurrte. Aber sie würde nicht aufhören zu beten. Sie würde diesem gottlosen Barbaren zeigen, wie standhaft sie war. Dieser brünstige Eber! Er dachte also, dass er sie mit seiner offensichtlichen Männlichkeit in Versuchung führen könnte. Ha! Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass er wie ein herkulisches Streitross gebaut war. Ihr war nicht aufgefallen, dass seine Hände breit und verhornt waren und den riesigen, weißen Hengst intuitiv führten.

Er glaubte also, dass ihre Lippen eins sagten und ihre Augen etwas Anderes! Noch mal ha! Sich von ihm fernzuhalten war nicht schwer. Nicht im Geringsten! Noch nie hatte ein Mann sie in Versuchung geführt, und er würde das jetzt nicht ändern. Es störte sie kein bisschen, dass er mit der vollbusigen Witwe mit dem heißblütigen Blick am Feuer saß. Kein bisschen.

Leiths dunkles, kehliges Lachen erklang wieder und Rose konnte gerade noch die fürchterlichen Worte unterdrücken, die von ihren Lippen sprudeln wollten. 

Es war nur der Gedanke an die bevorstehende Sünde, der sie störte, sagte sie sich, denn es war offensichtlich, welchen Weg die beiden am Feuer eingeschlagen hatten. Es war ja nicht so, als würde es sie stören, wenn das schottische Schwein bei einem Dutzend Frauen gleichzeitig liegen würde. Warum sollte es? Aber es war ihre christliche Pflicht, sich um die unsterbliche Seele des Bastards zu sorgen.

War „Bastard“ ein Schimpfwort? Rose verzog das Gesicht. Es gab so viele Schimpfwörter. Und ihr Vater hatte viele gekannt. Trotzdem war es ihr gelungen, ihre eigene farbenfrohe Sprache zu unterdrücken – bis sie diesen Schotten getroffen hatte.

Sie war verachtenswert tief gesunken. Verdammt, sie hatte den Mann geschlagen! Nicht, dass er es nicht verdient hatte, aber ihr Leben lang hatte sie nie ein Lebewesen geschlagen. Sie war nicht auf seine teuflische Natur vorbereitet gewesen. Er hatte ihr Temperament geschürt, und die Versuchung, ihn zu schlagen, war zu groß gewesen. Sie hatte nicht widerstehen können. Trotzdem waren die Umstände nun anders. Sie wusste, dass er die Ausgeburt des Teufels war, und von nun an würde sie es ihm nicht mehr erlauben, sie zu reizen. Sie würde sich auf die Zunge beißen, fasten, und beten und über kurz oder lang würde sie sicher zur Abbey zurückkehren.

Ja, es war ihre Strafe – Gottes Art, ihr Disziplin beizubringen, und sie würde ihn nicht enttäuschen. Sie würde standhaft leben und ihren neuen Geboten folgen.

Standhalten! Fasten! Und beten!

Die Witwe kicherte wieder. Rose biss die Zähne zusammen. Standhalten, fasten und beten, schwor sie der Dunkelheit.

***

Sie mussten sich der Grenze Schottlands nähern, folgerte Rose. Die Landschaft war wunderschön, die Hügel erstreckten sich vor ihnen in verschiedenen Schattierungen aus saftigem Grün. Über ihren Köpfen war der Himmel so blau wie das Ei eines Rotkehlchens, mit ein paar verstreuten Wolken, die seine Weite betonten.

Im Westen bemerkte Rose ein schnelles, gelbbraunes Aufblitzen. Samthaut. Der Kater folgte ihnen immer noch. Sehnsüchtig erinnerte sie sich an die Zeit mit der Wildkatze, an die herzerwärmenden Tage der Vergangenheit, wie sie mit dem wilden Katzenjungen an ihrer Seite die Hügel durchstreift hatte. Die süße Stimme ihrer Mutter, wenn sie sang. Lange, wilde Ritte neben ihrem Vater auf einem leichtfüßigen, temperamentvollen Tier.

Unter ihr trottete die mausgraue Stute mit einem Schritt, der einem den Rücken brechen konnte. Vor ihr ritt die Witwe Millet den feurigen Rappen neben Forbes schneeweißem Hengst. 

Die Frau hielt sich im Sattel wie ein Sack voll schimmligen Korns, dachte Rose missgünstig. Aber obwohl die Witwe nicht gut reiten konnte, schaffte sie es doch, nahe bei Forbes zu bleiben. 

Roses Zähne schmerzten, so sehr biss sie sie beim Zusehen zusammen.

Standhalten, fasten, und beten. Sie schloss die Augen. Aber wenn sie nichts sah, verschlimmerte sich ihr Schwindelgefühl noch. Wie lange würde sie es ohne Essen aushalten?

***

In der Nähe ihres Lagerplatzes fand sich ein schnellfließender Bach. Er sprudelte über die glatten Steine des Flussbetts und murmelte leise vor sich hin.

Leith hatte diesen Ort aus vielen Gründen ausgesucht. Es gab hier Wasser zum Trinken und Kochen. Im Wald gab es reichlich Wild und hier konnte die kleine Nonne ihm beim Baden zusehen.

Er lächelte fast, als er die kleine, verhüllte Gestalt erblickte. Sie betete wieder, oder zumindest kniete sie. Und, Gott segne ihre temperamentvolle Seele, sie war dem Wasser zugewandt. 

„Es ist ein schöner Ort, nicht wahr, kleine Nonne?“, fragte er jetzt und stand eine Weile neben ihr, um den Blick über den Bach gen Norden schweifen zu lassen.

Sie antwortete nicht, was ihn nicht überraschte.

„Ein schöner Abend für ein Bad.“

Absolute Stille hüllte die Frau neben ihm ein, aber als er den Kopf zu ihr drehte, waren ihre Augen groß und ihre Lippen leicht geöffnet. 

„Stimmst du mir zu, Kleine?“

Sie sprach nicht, presste nur die Hände fest zusammen, bis ihre Knöchel weiß schimmerten und ihre Finger rosig wurden.

Er lachte tief in seiner Kehle, ihr panischer Ausdruck amüsierte ihn. „Du brauchst gar nicht so bestürzt dreinzuschauen, Kleine, denn sicherlich musst selbst du dich ab und zu waschen. Habe ich Recht?“

Immer noch keine Antwort.

„Ah, aber natürlich. Vor ein paar Nächten wolltest du im kleinen Lochan im Mondschein baden. Ich entschuldige mich dafür, dass ich dich damals in deiner Einsamkeit gestört habe.“ Er lächelte, betrachtete ihre blassen Gesichtszüge und ihre runden Augen. „Vielleicht würdest du auch hier gerne mal das Wasser testen?“

Ihre Lippen bewegten sich, aber sie sagte kein Wort, und er lachte wieder. „Nay? Wie du willst, kleine Rose. Aber ich werde den Bach nutzen.“ Mit diesen Worten griff er nach den Knöpfen seines Wamses. Er öffnete es, sodass es den Blick auf das bauschende, weiße Hemd darunter freigab. Kurz darauf hatte er die Bänder gelöst, die seine Pluderhose zusammenhielten. Dann zog er die Jacke von den Armen und blickte zu dem knienden Mädchen herüber.

Ihre Augen waren, wenn so etwas überhaupt möglich war, noch größer, und er drehte sich wieder um, um sein Lächeln zu verbergen. Seine Finger lösten die Knöpfe seines Rüschenhemds. Schnell war es geöffnet, sodass er die leichte Brise auf seiner Brust spüren konnte. Sie liebkoste seine Haut wie sanfte Fingerspitzen, und seine Arme schlüpften aus dem Gewand.

Es war wirklich ein schönes Fleckchen. Ein Taubenruf erklang im Wald. Die warme Luft küsste seine nackte Brust, und die kleine Nonne sah zu. 

Er konnte ihren Blick in seinem Rücken spüren, als er die Ärmel abstreifte und sein Hemd auf das Wams zu seinen Füßen warf.

Vielleicht, überlegte Leith, hatte sie recht und er war wirklich die Ausgeburt des Teufels. Er hockte sich hin und dehnte sich, um die Verspannungen aus seinem Rücken zu vertreiben. Aber sie war sicher auch keine Heilige, denn es gab nichts, was sie hier hielt und zwang, ihm zuzusehen.

Mit den Händen schöpfte er Wasser und grinste. Er war nicht hinreißend wie seine Brüder, nicht hübsch, das wusste er. Aber er war ein Mann, breiter gebaut als die meisten und größer als alle anderen seines Clans. Von vielen Kämpfen vernarbt und muskelbepackt. Er spritzte sich Wasser über die Brust und die Arme. Aber kleinreden wollte er seine Reize auch nicht. Er hatte die Frauen schon immer fasziniert, nur hatte er nie die Zeit gehabt, ihr Interesse zu erwidern, denn er war ein Laird, dessen Zeit für andere Dinge gebraucht wurde.

Jetzt aber lagen die Dinge anders. Jetzt musste er das Interesse einer Frau wecken, nicht für sein eigenes Vergnügen, sondern für das Wohl seines Stammes. Es war eine ehrenvolle Aufgabe, dachte er, und erinnerte sich an die Fee im Mondlicht am Lochan. Es musste getan werden.

Immer noch am Boden hockend, drehte Leith sich um. Die Muskeln seiner Brust und seines Bauches traten deutlich über der Verschnürung seiner Pluderhose hervor, die locker über seiner festen Taille saß und alles darunter auf eine intime Art und Weise festhielt. 

„Du hast keine Lust zu baden, kleine Nonne?“, murmelte er. Nur wenige Schritte trennten sie. Wasser perlte von seiner Brust und seinem Bauch, rann tiefer, um von seinem engen englischen Gewand aufgesaugt zu werden. „Das Wasser reicht für zwei.“

„Standhalten. Fasten.“ Ihre Stimme war gestelzt, ihre Worte ergaben keinen Sinn. „Und beten“, endete sie, wobei ihre Lippen sich nicht ganz schlossen. 

Leith schaute sie an. „Soll das heißen, dass du mein Bad nicht mit mir teilen möchtest?“

„Gott bewahre.“

„Das wird er sicherlich, Mädchen“, sagte er und lachte. Dann stand er auf, wobei jeder seiner Muskeln sich spannte und dehnte. „Denn er hat mich geschickt, die Sache für ihn zu übernehmen.“ Er bückte sich, hob seine Kleidung auf und schlenderte zurück zum Lager.

***

„Morgen werden wir die Grenze erreichen.“ Leith stand einige Schritte von der Nonne entfernt. Eine ganze Nacht und ein Tag waren vergangen, seit sie sich am Bach getroffen hatten. Genug Zeit für das Mädchen, über ihr Schicksal nachzudenken. Sicherlich hatte sie mittlerweile erkannt, was für einen Fehler sie begangen hatte. Nun würde sie zugeben, dass sie nicht zur Nonne bestimmt war. Aber sie hatte immer noch nichts gegessen oder gesprochen. Ihr Gesicht war verschlossen, ihre Augen so hell wie die seltensten aller Juwelen und in ihrem hageren Gesicht größer denn je.

Heiliger Himmel, sie war so stur wie ein Schotte – und hübscher als jede Schottin. Der Gedanke ließ Wut in ihm aufsteigen. „Du musst essen“, sagte er missbilligend. 

Sie stand so gerade wie eine junge Eiche, ihr Kinn leicht gehoben, in ihrem Gesicht stand der Ausdruck ruhiger Bestimmtheit. „Ich werde nichts essen.“

Er spürte, wie sich ein Muskel in seinem Kiefer anspannte. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, sich vor ihr zu waschen, denn es hatte zwar seine sinnlichen Vorstellungen beflügelt, schien aber nicht ihr Interesse geweckt zu haben. „Du wirst essen“, erwiderte er. „Morgen werden wir noch schneller reiten. Das Grenzgebiet ist gefährlich und du wirst Kraft brauchen.“

„Der Herr ist meine Kraft“, antwortete Rose.

„Deine verdammte Sturheit ist deine Kraft“, knurrte Leith zurück. „Und du wirst essen.“

„Werde ich nicht!“ Ihre Hände steckten in ihren Ärmeln, und als sie zu ihm hinaufblickte, sah er das violette Feuer in ihren Augen.

Sie zu erwürgen stand nicht mehr außer Frage, überlegte Leith. Sie lockte ihn absichtlich. Aber eine Frau des heiligen Ordens zu ermorden … Das würde man im Himmel sicher missbilligen. Obwohl Gott würde zugeben müssen, dass sie Leith provoziert hatte. Er zwang sich, seine Fäuste zu öffnen. „Wie du willst“, sagte er, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit des Waldes. 

„Leith.“ Colin stand nicht unweit des Waldrandes und rief nach ihm. „Geht es der Nonne gut?“

Leith blieb wie angewurzelt stehen. „Sie will nichts essen“, sagte er durch zusammengebissene Zähne. „Sie ist sehr schwierig.“

Colin zuckte mit den Achseln. „Sie ist eine Frau“, sagte er und blickte zum Lager hinüber und dachte dabei an seine eigenen Probleme mit dem weiblichen Geschlecht.

„Aye“, grollte Leith zurück. „Das ist sie.“

Seine Antwort war definitiv gefühlsgeladen, fiel Colin auf, und er wandte sich wieder an seinen Bruder, sein Interesse war geweckt. „Sie ist ein hübsches, kleines Ding, oder?“

Der Laird der Forbes antwortete nicht, was Colins Interesse noch mehr anstachelte.

„Augen wie Highland-Juwelen“, stocherte der jüngere Bruder.

Colin meinte zu sehen, wie sich Leiths Hände in der Dunkelheit zu Fäusten ballten. „Sie ist eine Frau, die dem Herrn versprochen ist“, sagte Leith gleichgültig.

„Aye“, stimmte Colin leise zu. „Aber sie kann zuhauen wie der Teufel selbst, habe ich recht?“ 

„Ich möchte nicht mehr über sie reden.“

„Warum schleppst du sie dann mit?“

„Das geht dich nichts an“, stellte Leith klar. „Halt lieber Wache. Keine Anzeichen, dass es Ärger geben könnte?“

Nichts Offensichtlicheres, als Leiths seltsame Stimmung und sein auffälliges Verhalten, dachte Colin. Warum wollte er die kleine Nonne mit zurück nach Schottland nehmen? „Kein Ärger“, sagte er schließlich und runzelte die Stirn. „Da ist eine Wildkatze. Sie folgt uns tagsüber und legt sich nachts in der Nähe zur Ruhe.“

Leith schwieg für einen Moment. Dann sagte er: „Ich habe die Wildkatze bemerkt.“

„Soll ich sie töten? Es wäre ein schönes Fell für …“

„Nein!“, befahl Leith schnell, sog die Luft scharf ein und schüttelte den Kopf. „Sie tut uns nichts. Dann tun wir das auch nicht.“

Colin schwieg, beobachtete das Gesicht seines Bruders in der Dunkelheit. Er hatte schon öfter neben Leith gekämpft, hatte mit ihm die begraben, die er liebte, und würde vielleicht sogar mit ihm sterben. Niemand kannte seinen Laird besser als er. „Du weißt was über die Wildkatze?“, fragte er leise.

Die Blicke der Brüder kreuzten sich, Leiths war dunkel und ernst, Colins leuchtend und neugierig.

„Das geht dich nichts an“, sagte Leith noch einmal, aber der jüngere Bruder blickte missmutig drein.

„Wir nehmen eine junge Novizin aus dem heiligen Kloster mit und du sagst, es geht mich nichts an?“, fragte er und wurde zum ersten Mal wütend.

„Stellst du mein Recht auf sie infrage?“, fragte Leith mit tiefer Stimme.

„Recht auf sie?“, erwiderte Colin, seine Augen zu Schlitzen verengt. „Ich wusste nicht, dass wir von einem Hammelbein reden.“

Leith trat einen Schritt näher und baute sich hoch über ihm auf. „Sie unterliegt meiner Verantwortung, Bruder“, warnte er. „Misch dich nicht ein.“

Die Szene am Feuer glich der Szene der vergangenen Nacht. Die Witwe Millet klebte an Leiths Seite, während die kleine Nonne kniend am Rand des Feuers saß. 

Diesmal beobachtete Colin das Ganze mit geschärftem Blick. Was waren Leiths Absichten? „Misch dich nicht ein“, hatte er gesagt. Aber wobei sollte er sich nicht einmischen?

Leith lachte über etwas, das die Witwe sagte, aber sein Blick, dachte Colin, war zu der kleinen Nonne hinübergeglitten. 

Was wollte er von dem Mädchen? Warum hatte er sie mitgenommen?

„Noch etwas Brot, mein Lord?“ Devona lehnte sich zu Leith hinüber und hielt ihm das Essen mit den Fingern hin. 

„Nay. Ich habe genug gegessen.“

„Mehr Wild, vielleicht?“, fragte sie sanft und hob ihre braunen Augen zu Leiths. 

„Nay.“ Er erwiderte ihren aufreizenden Blick nicht, und Colin lachte laut.

„Gibt es da noch etwas, das Sie den Forbes zu bieten hätten?“, fragte er zynisch von der anderen Seite des Feuers. „Etwas Persönlicheres vielleicht?“

Für einen Augenblick starrte Devona ihn erzürnt an. „Ich werde der Novizin etwas zu Essen bringen“, sagte sie steif und stand auf, um sich dem Feuer zu nähern. Colin packte sie am Arm. 

„Er ist der Laird der Forbes“, sagte er. „Und nicht für deinesgleichen bestimmt.“

„Das mag sein. Aber du kannst ein Mädchen nicht daran hindern, zu träumen“, murmelte sie und befreite sich aus seinem Griff. Sie nahm einen vollen Teller und ging zu Rose.

„Zum Teufel mit ihr und ihrer Sturheit“, fluchte Colin. 

„Aye“, sagte Leith zustimmend, aber sein Blick ruhte immer noch auf der knienden Gestalt.

Kapitel 6

Vor ihrem inneren Auge konnte Rose immer noch Leiths nackten Oberkörper sehen. Er war schroff und breit, und das Wasser perlte ungehörig anziehend davon ab. Lieber Gott, sie war eine Närrin mit weichen Knien. Wenn sie bei klarem Verstand gewesen wäre, wäre sie im Wald verschwunden, um dort ungestört weiter zu beten. Oder sie hätte laut gebetet, um seine offensichtlich respektlose, sterbliche Seele. Oder … Es gab wahrscheinlich hundert frommere Dinge, die sie hätte tun können. Aber ihn mit offenem Mund anzustarren, wie ein gestrandeter Fisch, gehörte nicht dazu. 

Gott hatte versprochen, seine Kinder nicht über deren Vermögen hinaus in Versuchung zu führen. Aber Leith Forbes Gegenwart in ihrem Leben ließ sie an diesem Versprechen zweifeln. Nicht, dass seine Männlichkeit sie in Versuchung führte. Keineswegs. Es war die Wut, die sie sündigen ließ und das unmoralische Verhalten dieses Mannes, das sie erzürnte. Seine …

Zum Teufel, die vollbusige Witwe presste sich mit ihrem Pferd schon wieder eng an Leith. Man könnte meinen, der Kerl wäre ein gesegneter Heiliger des Herrn – zur Erde gekommen, um sie alle mit seiner strahlenden Gegenwart zu beschenken. Dabei war er in Wahrheit nicht mehr als ein …

Sie würde nicht fluchen. Er würde sie nicht dazu verleiten, auch nicht, wenn er auf diese raue Art lachte und das Geräusch durch seine breite Brust grollte, bis tief in ihren Magen. Ihren leeren Magen. 

Allmächtiger Gott, sie hasste ihn. Verabscheute ihn! Er störte ihre Gebete. Wie konnte sie sich darauf konzentrieren fromm zu sein, wenn sie sich Wege ausmalte, ihn umzubringen? Ein verführerisches Bild, wie sie ihm einen Strick um den Hals zog, schlich sich in ihren Kopf. Natürlich hätte sie das kleine Kreuz einfach stehlen und wie vom Teufel getrieben nach Hause reiten können. Aber das wäre nicht so befriedigend.

Außerdem würden die beiden Schotten sie ohne Mühe einholen, denn schließlich ritt sie auf dieser breitköpfigen Ziege, während die geehrte Lady Devona auf der schönen, schwarzen Stute mit dem tänzelnden Schritt ritt. 

Roses Stimmung verdunkelte sich, und sie übersah dabei absichtlich, dass sie selbst die temperamentvolle Stute abgelehnt hatte. Trotzdem hätte Forbes sich mehr Mühe geben können, sie zu überzeugen. Aber warum sollte er? Er war mehr als zufrieden damit, mit der Witwe vorzureiten.

Sie vermutete, dass die Männer dachten, die Witwe sei nett, weil sie Rose letzte Nacht etwas zu Essen angeboten hatte. Aber Rose wusste es besser. Es hatte ihr fast schon gefallen, das Essen abzulehnen und das, obwohl der Hunger sie quälte, denn sie wusste, dass das vollbusige, kleine Luder nur Leiths Aufmerksamkeit erregen wollte.

Ihr Plan ging definitiv auf! Aber das störte Rose nicht, natürlich nicht. Wenn es nach ihr ging, konnte er ruhig im Ausschnitt der Witwe versinken und nie wiederkehren – verschluckt wie ein kleines Papierboot von einer aufragenden Welle – versinken, sinken … Allmächtiger Gott, sie verlor wirklich den Verstand und brauchte etwas, um sich festzuhalten. Ihre Gebote.

Standhalten. Fasten. Und beten.

***

Die schöne Witwe – Gott segne sie – war immer an seiner Seite, dachte Leith dankbar. Und obwohl er hätte denken können, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte, wusste er es besser, denn ihr Blick streifte oft zu Colin hinüber. Wollte sie seinen Bruder eifersüchtig machen? So wie er es mit Rose versuchte?

Ohne sich umzusehen, fragte sich Leith, ob die kleine Nonne sie noch beobachtete, so wie sie es vorhin getan hatte – mit ihren funkelnden, violetten Augen, die so hart wie Edelsteine waren. Das erste Erwachen ihres sinnlichen Verlangens? Das vermutete er. Ein Funke von Eifersucht? Das hoffte er. Oder waren ihre Gefühle noch primitiver? Wut vielleicht? Manchmal hatte er bemerkt, wie sie auf seine Brusttasche blickte, wo er das hölzerne Kreuz aufbewahrte. Würde sie den Versuch wagen, es an sich zu bringen? Und wenn ja, würde diese kleine, fromme, heilige Frau bei ihrem Beutezug auch versuchen ihm einen Dolch zwischen die Rippen zu stoßen?

Der Gedanke schien albern, undenkbar, bis man in ihre endlos tiefen Augen blickte. Dort gab es unfassbare Gedanken – unlesbare Gefühle. Trotzdem, jede Gefühlsregung war besser als ihre betende Gleichgültigkeit, denn er hatte eine wichtige Mission und wenig Zeit.

Schottland lag vor ihnen, was seine Seele etwas beruhigte. „Die Grenze zu meinem Heimatland“, sagte er leise und versuchte nicht mehr an das Mädchen zu denken, das ihn so quälte.

„Auf dass unsere Herzenswünsche hier in Erfüllung gehen“, sagte Devona leise. 

Leith spürte, wie zwei Paar Augen sie beobachteten, als er sich der Frau neben ihm zuwandte. „Was sind Ihre Herzenswünsche, Devona Millet?“

Ihre Augen waren dunkel und ehrlich, ihr Ausdruck ernst. „Ich wünsche mir einen Mann, der mich liebt“, sagte sie aufrichtig. „Einen Mann, für den ich sorgen kann.“

Leith sah die Trauer in ihrem Gesicht, und da er dem nichts hinzufügen konnte, sagte er: „Ich bin nicht dieser Mann.“

„Nein.“ Sie schüttelte zustimmend den Kopf. „Seid ihr nicht.“

Leith nickte und wusste jetzt, dass er ihre Worte und Taten verstand. „Eifersucht kann man sich zunutze machen.“

„Vielleicht“, stimmte sie sanft zu. „Erzählt mir von Eurem Bruder.“

Er erwiderte ihren Blick. „Er ist ein guter Mann. Und wird einen guten Ehemann abgeben.“

„Das habe ich von Anfang an gewusst“, gab sie zu. „Ich habe es tief in meinem Herzen gespürt, trotz seiner unverfrorenen Art, zu glauben, dass er mich einfach so haben könnte. Und Ihr?“ Sie sah ihn an. „Was wollt Ihr von Rose Gunther?“

Für einen Augenblick war Leith erstaunt über ihr Feingefühl und überlegte, nicht zu antworten. Aber Devona hatte viel riskiert, um mit ihnen zu reisen. „Es dient einem guten Zweck, Witwe Millet“, sagte er ruhig. „Ich werde ihr nichts zu Leide tun.“

Sie betrachtete ihn ernst und nickte schließlich. „Dann sind wir uns einig.“

„Aye.“ Er nickte auch. „Sind wir“, sagte er und beugte sich von seinem großen Ross zu ihr herüber und küsste sie voll auf den Mund.

Colin sah dem Paar beim Küssen zu und spürte, wie sich in ihm Eifersucht mit Wut mischte. Er hatte geglaubt, dass Leith sich nicht für die Witwe interessierte. Und die Witwe? Es war ihr wohl egal, denn sonst hätte sie gesehen, dass sie den falschen Bru…

Eine Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf sich, und er drehte sich im Sattel um – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Roses blasser Körper zur Erde fiel. Seine Augenbrauen hoben sich erstaunt. Das war eine interessante Entwicklung, dachte er. Er ließ das Seil des Packpferdes los und stieg von seinem Pferd. Vorsichtig nahm er den schlaffen Körper des Mädchens in seine Arme. 

Ihre liebreizenden Augen waren geschlossen, ihre Haut blass, aber sie atmete noch. Er befühlte ihre Stirn. Kein Fieber, aber sie war sehr zerbrechlich, wie ein feines Stück Kunsthandwerk. Aber unglaublich stur, sich so auszuhungern. Und wofür? Für ihren religiösen Glauben? Plötzlich bezweifelte er das. Fastete sie nur, um Leith zu quälen? Colin berührte ihre Wange und mochte sie mit jedem Gedanken mehr. Das Mädchen hatte genug Mumm, um Leith sein Lebtag keine Ruhe mehr finden zu lassen. Er lächelte. Aber jetzt stöhnte das Mädchen. Er setzte eine ernste Miene auf und rief: „Bruder! Wir haben hier ein kleines Problem. Wenn du deine Augäpfel von dem Busen der schönen Witwe lösen könntest, um hier nach dem Rechten zu sehen.“

Leith löste sich mit einem Ruck aus dem Kuss und sein Blick raste zu dem Bündel in den Armen seines Bruders. Heiliger Himmel, fluchte er stumm und war im selben Moment bei den beiden.

„Was ist passiert?“, fragte er, seine Augen musterten das blasse Gesicht des Mädchens.

„Ich glaube, sie ist in Ohnmacht gefallen“, erklärte Colin.

„Ich weiß, dass sie in Ohnmacht gefallen ist, verdammt noch mal!“, knurrte Leith zurück.

„Warum fragst du dann?“, wollte Colin wissen und zog Rose noch etwas näher an seine Brust.

Leiths düsterer Blick weckte die Aufmerksamkeit seines Bruders. „Hast du sie nicht fallen sehen?“

„Aye, habe ich“, versicherte Colin unbekümmert.

„Und du hast sie nicht aufgefangen?“

Colins Braue hob sich, als er den Ausdruck seines Lairds sah. Sein Gesicht war fast so blass wie das des Mädchens, bemerkte er mit Interesse. „Du hast recht“, sagte er und nickte ernst. „Es ist allein meine Schuld. Deshalb werde ich mich auch um sie kümmern.“ Er zog Rose näher an sich und wollte fortgehen, aber Leiths Hand hielt ihn zurück. 

„Du glaubst doch nicht, dass ich dir eine Frau Gottes anvertraue? Gib sie mir!“

„Glaubst du, ich traue dir?“, erwiderte Colin. Die intensiven Gefühle seines Bruders machten ihn neugierig. „Sie bleibt bei mir.“

„Das wird sie nicht!“ Leiths Stimme war bedrohlich streng und duldete keinen Widerspruch. „Ich nehme sie.“ Stille senkte sich zwischen die zwei und betonte jedes ungesagte Wort. „Jetzt!“

Colin zuckte schließlich mit den Achseln, unterdrückte ein Grinsen und bot dem anderen seine Last an. „Wie du wünschst.“

Leith nahm Roses schlaffen Körper in seine Arme und hielt seinen Gesichtsausdruck betont gleichgültig. Trotzdem konnte Colin die Sorge darin erkennen, die sich tief in seine rauen Gesichtszüge gegraben hatte.

„Wir bleiben hier für die Nacht“, befahl Leith in angespanntem Ton. „Schlag das Lager im Wald auf und sieh nach der Witwe.“

„Zu Befehl, me Laird“, antwortete Colin pflichtbewusst und fing die Pferde ein, schritt fröhlich auf die Bäume zu und zwinkerte Devona im Vorbeigehen zu. 

Ihr Rücken versteifte sich, und sie sah auf ihn herab. „Und warum grinst du wie ein Trottel?“

„Das hat keinen speziellen Grund, meine Liebe“, sagte er, lachte laut und warf dabei die goldenen Locken in den Nacken. Ihr Temperament war eine herrliche Sache. „Keinen Grund.“

***

Leith hielt Rose sanft in den Armen und betrachtete still ihr liebreizendes Gesicht. Er hatte ihr das Wolltuch ausgezogen, das sie um den Kopf trug, und ihr üppig wallendes Haar enthüllt, das die Farbe von Winterbeeren hatte.

„Wach auf, Mädchen“, befahl er sanft.

Rose hörte den schweren Ton seiner Stimme, als käme sie von weit weg.

„Öffne die Augen, Mädchen“, flüsterte er, nun so nah, dass ihr Ohr von seiner Stimme vibrierte. „Oder ich werde dich wachküssen.“

Ihre Augen flogen auf.

Der Schurke lächelte.

„Ah“, hauchte Leith sanft, gefangengenommen von dem tiefen Violett ihrer Augen. „Jetzt weiß ich also, wie ich dich dazu bringe, zu tun, was ich sage.“ Sein Lächeln wurde breiter, als er ihr über die Wange strich. „Indem ich dir mit Küssen drohe.“

Sie blinzelte zwei Mal. Er war ihr so nah, dass ihr schwindelig wurde. Oder war es die seltsame Schwäche, die wie eine nasse Decke auf ihren Gliedern lag? „Was ist passiert?“, flüsterte sie erschöpft.

„Du bist so ein zerbrechliches, kleines Ding.“ Er liebkoste ihre Wange mit seinen Fingerspitzen. „Du bist ohnmächtig geworden“, murmelte er. „Und das nach nur drei Fastentagen und vielen Meilen auf dem ruckelnden Rücken deines Gauls.“

Seine warmen Augen funkelten belustigt. Sie konnte es sehen und fühlte sich unwiderstehlich angezogen. „Ich …“ Sie blinzelte wieder und bemerkte jetzt erst, dass er sie in den Armen hielt. „Ich bin gefallen?“

„Wie ein Stein, Mädchen.“

„Oh.“ Noch nie im Leben war sie ohnmächtig geworden. Was hatte jetzt dazu geführt? Oh, richtig. 

Es waren nicht die harten Tage, die sie reitend verbracht hatte, auch nicht der nagende Hunger, erinnerte sie sich jetzt, es war der Kuss. Er hatte die dunkelhaarige Witwe geküsst – verflucht sei seine treulose Haut.

„Lass mich aufstehen“, befahl sie jetzt und versuchte hochzukommen, aber er hielt sie mühelos fest.

„Du wirst bleiben, wo du bist“, sagte er leichthin.

„Werde ich nicht.“ Wut überschwemmte ihre Sinne. Eben noch hatte er die Witwe geküsst. Jetzt hielt er sie in den Armen, als wäre das sein gutes Recht. „Ich werde aufstehen!“

„Wirst du nicht.“ Ihre Blicke trafen sich und brannten. „Du bist so schwach wie ein Neugeborenes. Du wirst erst essen, bevor du aufstehst.“

„Nein!“, weigerte sie sich, durch seine gebieterische Art angestachelt. 

„Dann …“ Er beugte sich näher zu ihr, die Spitzen seiner schwarzen Haare fielen auf ihr Gewand. „… werde ich dich küssen.“

Ihr Atem pfiff in ihrer Kehle, als sie sich in seine Arme presste, die hart und weit waren, stark, sehnig, und muskulös. „Sie würden es nicht wagen!“, sagte sie, aber ihr Widerspruch war nicht mehr als ein Flüstern. 

„Aye, Mädchen.“ Sein Versprechen war eine gehauchte Andeutung. „Ich würde.“

„Der Herr würde Sie niederstrecken.“

Leith starrte sie verwundert an, und dann hoben seine Mundwinkel sich leicht. Kleine Fältchen erschienen an seinen so sinnlichen Lippen und an den Außenseiten seiner tiefgefärbten Augen. „Du musst sehr viel auf dich halten, Mädchen, wenn du denkst, dass der Herr einen kleinen Kuss als Beleidigung empfinden würde. Wenn doch in Wahrheit …“ Er beugte sich noch weiter vor, bis seine Lippen nur noch Zentimeter von ihren entfernt waren. „… Ich habe mit ihm gesprochen, bezüglich dieser Sache. Er sagt, er hat keine Einwände.“

Rose hatte die Sprache verloren. Ihr Herz donnerte wie eine Herde von tausend rasenden Pferden, ihr Blick hing an seinen Lippen, die so sinnlich geschwungen waren und so gefährlich nah.

„Er sagt“, flüsterte Leith volltönig, „dass, obwohl du es unheimlich gut meinst, du einfach nicht dafür gemacht bist, eine Nonne zu sein. Du wurdest gemacht, um eine Frau zu sein – und um geküsst zu werden, gut und oft.“

„Gotteslästerung.“ Es sollte anklagend klingen, aber der seltsam atemlose Unterton erinnerte eher an eine Bitte. „Sie würden es nicht wagen.“ Sie wollte den Blick von ihm abwenden – nach Hilfe suchen, aber ihre Augen waren von seinen dunklen, verlockenden Gesichtszügen gefangen. Trotzdem, sie musste versuchen sich zu wehren. 

„Ihr … Ihr Bruder würde Sie aufhalten“, murmelte sie schwach. 

Leith hob die Augenbrauen. Es war seltsam, wie sie seine Beziehung zu Colin einschätzte, dachte er. Oder vielleicht auch nicht. Colin hatte in der Tat ernstlich besorgt um ihr Wohlergehen gewirkt. Und etwas misstrauisch was Leiths Absichten anging. „Ich bin sein Laird“, erklärte er schlichtweg, wobei das Lächeln nur halb von seinem Gesicht schwand. „Er würde Beinns Sattel essen, wenn ich es ihm befehle.“

Ihr Mund öffnete sich, sie wollte ihn mit einer spitzen Bemerkung beleidigen, aber nichts kam über ihre Lippen. 

„Und außerdem, Mädchen“, murmelte er, „ist Colin nicht hier. Er hält Wache auf dem Droma hinter uns.“

Droma?“, fragte sie schwach und versuchte die Tatsachen in ihrem Kopf zurechtzurücken.

Seine Finger glitten nach unten, liebkosten ihre Wange und rutschten tiefer, über die kleine Hervorhebung ihres Kinns bis zum feinen Puls an ihrem Hals. „Bergrücken.“ Leith nickte und schien nicht weniger abgelenkt als sie. „Er ist auf dem Bergrücken mit der Witwe.“

Rose schluckte schwer. „Oh“, flüsterte sie töricht. Dann erkannte sie erst, dass seine Finger nackte Haut berührten. „Wo …“ Sie fasste an ihren Kopf und drückte ihre Finger neben seine. „Wo ist mein Wimpel?“

Wimpel?“ Er hob die Brauen, wunderte sich über das Wort und lächelte schließlich. „Du meinst dieses fürchterliche Stück Stoff, das deinen hübschen Hals versteckt?“ Seine Finger glitten sanft weiter nach unten, und sie erzitterte. „Wir Schotten benutzen das Wort auch“, sagte er und blickte seiner Hand nach. „Aber es bedeutet etwas Anderes.“

Rose war wie hypnotisiert von seiner Berührung, atemlos sah sie ihn an – er war so nah. So schmerzlich nah. Stille vibrierte zwischen ihnen, bis sie es nicht mehr aushielt. „Ach?“, sagte sie und vergaß alles bisher Gesagte, ihre Gelübde, und jede einzelne wichtige Sache in ihrem Leben, die sie je gelernt hatte. 

„Aye.“ Leith hob den Blick von ihrem schlanken Hals zu ihren violetten Augen. Sie war so leicht und zerbrechlich wie Distelwolle in seinen Armen – so weich und bestimmt wie ein Wildkatzenjunges. „Es bedeutet … eine listige Wendung.“ Seine Finger hatten ihre Reise beendet und lagen nun auf ihrer Kleidung, knapp über ihrem Schlüsselbein, warm und kribbelnd. „Deine Ohnmacht …“ Seine Hand bewegte sich langsam nach außen und berührte ihr Haar, das, wie sie jetzt bemerkte, unbedeckt war und in schamhafter Fülle ausgebreitet auf seinen Knien lag. „Könnte man da nicht von einem ‚Wimpel’ sprechen?“

Sie hatte den Kopf gedreht, um seiner Hand zuzusehen, wie sie ihr Haar liebkoste. Es war eine seltsam sinnliche Bewegung, die zur Folge hatte, dass ihr Atem in kurzen, heftigen Stößen ging. 

„Findest du nicht auch, Mädchen?“

„Was?“, fragte sie kaum hörbar.

„Findest du nicht, dass dein Ohnmachtsanfall als listige Wendung gesehen werden könnte, wenn man bedenkt, dass ich gerade dabei war, die Witwe zu küssen?“

Rose schluckte hart und hob die Augen zu seinen. „Haben Sie das?“, fragte sie atemlos. „Ich … Ich habe es gar nicht bemerkt.“

Leith lachte leise. „Aye, Mädchen“, widersprach er ihr sanft. „Das hast du sehr wohl.“

„Habe ich nicht.“ Log sie – aber schlecht.

„Du bist die widersprüchlichste Frau, die ich kenne, kleine Nonne.“

„Und Sie sind der …“ Anziehendste, dachte sie verzweifelt. „… unverschämteste Mann, den ich kenne.“

Er lachte wieder. „Du enttäuschst mich zutiefst, Mädchen.“ Er seufzte. „Ich habe mit angehaltenem Atem auf ein Kompliment gewartet.“

Seine Finger glitten in ihre Haare, massierten sie sanft, und ihre Augen schlossen sich wie von selbst. „Von mir bekommen Sie keins“, versprach sie.

Bei Gott, er konnte ihr nicht widerstehen. „Das glaube ich dir, Kleine“, sagte er und küsste sie.

Seine Lippen waren wie Feuer auf ihren. Wie das Lecken einer Flamme, so schnell vorüber, dass man nicht wusste, ob sie heiß oder kalt war. Sie öffnete nicht die Augen, spürte nur die Liebkosung seines Mundes, wie sie durch ihren Körper kribbelte, fühlte die sanfte Berührung seiner Zunge auf ihren Lippen, fühlte, wie ihr Körper vor Schreck und Erregung zusammenzuckte. Ihre eigenen Lippen öffneten sich, ohne dass sie es wollte, und seine Zunge schlüpfte hinein – liebkoste, entfachte, bis sie erstaunt feststellte, dass sich ihre Arme um ihn geschlichen hatten, sodass sie ihn nun an sich drückte.

Lieber Gott, was tat sie hier nur? Sie musste sich an ihre Gelübde erinnern! 

Abrupt öffnete sie die Augen. Ihre Arme lösten sich schlagartig. Eine Hand drückte gegen seine Brust. „Bitte.“ Das Wort war atemlos und schwankte.

„Was immer du willst, meine Kleine“, antwortete er, wobei seine Stimme auch zittrig klang.

„Lass mich los.“

„Alles, nur nicht das.“

„Ich bin zur Nonne bestimmt“, hauchte sie.

„Das bist du nicht, Mädchen. Du bist dazu bestimmt, geliebt zu werden.“ Er starrte sie bewundernd an, denn eigentlich hatte er sagen wollen, dass sie dazu bestimmt war, eine Frau zu sein, aber andere Worte waren ihm entschlüpft. „Geliebt von mir“, murmelte er und verbesserte nicht, was er gesagt hatte. 

„Nein.“ Sie schüttelte unbestimmt den Kopf. „Ich habe versprochen, nicht den menschlichen Schwächen nachzugeben, zu fasten und …“

„Das Fasten ist gebrochen, Kleine“, sagte er heiser.

Verwirrung stand in ihren Augen, sodass er den Mund wieder zu ihrem senkte und ihre Lippen mit einer kurzen, sengenden Flamme berührte. „Gründlich gebrochen, Mädchen“, hauchte er. „Und es wird noch mehr geschehen. Viel mehr.“

„Nein!“ Ihre Augen waren so erschreckt wie die eines Rehs. „Bitte.“

„Was bitte?“, flüsterte er.

„Bitte“, wiederholte sie, konnte aber keine Worte finden, um die Bitte zu vollenden.

„Werde ich, Kleine“, versprach er heiser und hörte auf ihre innere Stimme, ignorierte ihre Worte. „Aber erst musst du etwas essen.“

Hatte sie ihn gerade um seine Gunst gebeten?

Glaubte er, dass sie dies getan hatte? Verlor sie den Verstand? Oder nur ihren Kampf um Reinheit?

Standhalten, Fasten, Beten. „Nein!“, krächzte sie plötzlich und versuchte aufzustehen. „Nein! Lass mich los!“ Ihre Beine traten wild umher, und sie ruderte mit den Armen, aber das brachte sie nicht weiter.

„Ich sagte“, grollte Leith und seine Lippen waren nah an ihrem Ohr, „dass das Fasten vorbei ist.“

„Nein!“ Sie kämpfte weiter, obwohl sie dadurch eher noch tiefer in seine Arme sank. „Ich muss für meine Sünden Buße tun.“ Und was für Sünden! Fluchen! Schlagen! Und jetzt das! Küssen! Lieber Gott, ihre Sünden türmten sich um sie herum auf wie Gerstenähren. 

„Was für Sünden, kleine Nonne?“, fragte er und schien verblüfft von dem Aufruhr, den sie machte – wie ein gestrandeter Dorsch in seinem Schoß.

„Sünden, Sünden!“, plapperte sie und ruderte weiter wild umher. „Zur Hölle, ich habe zahllose Sünden begangen!“

Er lachte über ihren armseligen Versuch zu entkommen und ihre genauso erfolglosen Versuche fromm zu sein.

„Verdammt! Ich habe es schon wieder getan“, jammerte sie in fieberhafter Frustration. „Lass mich los, bevor wir beide vom rechtschaffenen Blitz getroffen werden. Das ist alles deine Schuld!“

„Meine Schuld?“ Mit einer großen Hand fing er ihren Arm ein und drückte seinen Körper fest gegen ihren anderen Arm, sodass dieser fest zwischen ihnen klemmte. Langsam hörte sie auf, sich zu wehren, bis nur noch ihre Augen ihn böse anstarrten.

„Natürlich deine Schuld!“, keifte sie. „Ständig führst du mich in Versuchung … Ich meine …“, prustete sie heraus und spürte, wie ihr Gesicht errötete. „Ständig provozieren Sie mich! Sie provozieren mich ständig.“

„Was zu tun?“, fragte er unschuldig.

Sein Grinsen war widerlich, und sie fragte sich, warum sie es ihm nicht aus dem Gesicht schlagen sollte. Aber sie tat es nicht, und das war sicher auch besser so, denn der Herr wurde ihrer Versuche ihn zu schlagen sicher überdrüssig – obwohl Leith es wirklich verdient hätte. „Wütend zu werden!“, sagte sie schließlich.

„Ah.“ Seine Brauen hoben sich. „Ich dachte, ich hätte dich dazu provoziert das zu tun …“ Sein Mund sank wieder zu ihrem, aber sie drückte sich in seine Arme wie ein eingekesselter Hase.

„Bitte lass das!“, flüsterte sie.

„Nay?“ Seine Lippen waren nur eine Haaresbreite entfernt.

„Nein“, flüsterte sie. „Bitte nicht.“

„Dann wirst du etwas essen?“, fragte er sanft.

Sie schwieg einen Moment lang. Dann sagte sie: „Gib mir schon den verdammten Sattel.“

Leith sah sie fragend an, aber dann erinnerte er sich, wie er mit dem Gehorsam seines Bruders angegeben hatte, und lachte. Dabei warf er den Kopf leicht zurück. „Kein Sattel für dich, kleines, cleveres Mädchen“, gurrte er schließlich. „Sondern Hirsch.“ Er beugte sich über sie, um ein Stück Fleisch vom Teller neben ihr zu holen. „Von meiner eigenen Hand.“

„Nein.“ Sie betrachtete das Fleisch und wich zurück. „Bitte. Ich esse kein Fleisch.“

„Dieses wirst du essen“, befahl er schroff.

Sie schüttelte nur den Kopf, ohne weiteres Aufheben. Lehnte einfach nur ab. „Werde ich nicht. Ich esse nicht das Fleisch von Tieren.“

„Warum nicht, zur Hölle?“, fragte er, weil er ihre seltsame Art befremdlich fand. Aber sie zuckte nur mit den Schultern. Sie kam sich albern vor, weil seine dunklen Augen sie streng anblickten.

„Daniel und Meschach wurden in der Löwengrube nicht gefressen.“

Leith starrte sie an. Wollte sie damit sagen, dass er der Löwe war? Oder befürchtete sie, dass er sie auffraß – oder beides?

„Und außerdem“, sagte sie sanft, zu verängstigt, um ihn anzusehen. „Ich kenne Tiere, die ich lieber mag als …“ Sie hob den Blick. „Manchen Menschen.“

Er lachte leise. „Du bist das seltsamste Mädchen überhaupt“, sagte er und erinnerte sich an den gelbbraunen Schatten der Wildkatze, die ihn noch kurz zuvor beobachtet hatte. „Aber du musst essen.“

„Werde ich auch!“ Sie spukte die Worte fast aus, so eilig hatte sie es, sie herauszubekommen. Nicht, dass er sie noch einmal küsste. „Fisch. Ich esse Fisch. Oder Brot. Brot wird mir guttun.“

Leith schüttelte den Kopf, konnte dem Flehen ihrer juwelenfarbenen Augen nicht widerstehen. „Wie du willst, Mädchen“, stimmte er schließlich zu und beugte sich wieder vor, drückte dabei ihren Busen und ihren Bauch gegen seine breite Brust. Hitze wallte in Roses sowieso schon überhitztem Körper auf. 

Dann richtete er sich wieder auf – Käse und Brot in seiner Hand und sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. 

„Hungrig?“, fragte er heiser.

Rose nickte starr. Sie war zu schwach, um zu hoffen, dass ihr Geständnis ihn abschreckte. Auch merkte sie, dass sie sich nicht sicher war, wonach es ihr verlangte – nach Essen oder ihm.

Der Gedanke ließ Panik in ihr aufsteigen. „Wenn ich esse“, flüsterte sie schwach, „lassen Sie mich in Ruhe?“

Sein Ausdruck war endlich ernst, seine Nasenflügel bebten leicht. „Ich fürchte, dass dir die Kraft fehlt, das zu tun, wonach ich mich sehne“, gestand er heiser.

Beide schwiegen, angespannt und atemlos, aber schließlich ließ er sie los und sog die Luft tief in seine Lungen, sodass sie seine Brust an ihrem Arm spüren konnte. „Iss, meine kleine Nonne“, flüsterte er und sie gehorchte.

Das Brot war trocken, hart – und himmlisch, der Käse würzig und jeder Bissen wurde ihr von seinen Fingern gereicht. Es fühlte sich seltsam sinnlich an und vertraut, wie ihre Lippen seine Finger berührten, als sie den letzten Bissen Käse nahm.

Er zog seine Hand zurück, leckte seine Fingerspitzen ab, und sie sah ihm dabei zu, die Augen weit in ihrem blassen Gesicht. 

Stille senkte sich wieder über die beiden, und sie lag in seinen Armen. Sie fühlte sich albern und hätte sich ohrfeigen können, zerbrach sich den Kopf, was sie wohl sagen könnte. 

Ihr fiel keine schlaue Bemerkung ein, und er schien keinen Bedarf zum Reden zu haben. Schließlich hob er sie hoch und trug sie zu einigen Decken hinüber.

„Schlaf jetzt“, hauchte er, legte sie sanft auf die Schlafmatte und deckte sie mit einem wollenen Tartan zu. „Unter dem Muster des Clans der Forbes.“

Sie berührte den braungrünen Stoff. Er war weich und warm und erinnerte sie seltsamerweise an etwas. Etwas, das so weit entfernt lag, dass es nur am Rande ihres Bewusstseins schwebte und dieses unheimliche Gefühl in ihr hervorrief, das ihre Mutter immer so geängstigt hatte. Sie verzog das Gesicht und versuchte sich zu erinnern, aber sie war müde. So unheimlich matt und so … Ihre Augen schlossen sich und Leith blieb bei ihr, streichelte sanft ihre Wange.

„Schlaf, kleine Nonne“, flüsterte er. „Bald sind wir zu Hause.“

Vom Hügel aus sah Colin grinsend zu. Also hatte er doch recht gehabt. Leith war nicht einfach nur an dem Mädchen interessiert. Sein Interesse ging sogar so weit, dass er Geduld und Sanftmut zeigte, zwei Eigenschaften, die man normalerweise nicht mit dem großen Laird in Verbindung brachte. Colin drehte sich um und eilte zurück in die Dunkelheit.

Nicht fern von seinem Wachposten schlief die Witwe. Er trat näher und sah auf sie herab. Sie war nicht sein Geschmack, natürlich. Zu spitzzüngig und abweisend. Er mochte Frauen, die für ihn schwärmten. Trotzdem war sie ein hübsches Ding. Er trat noch näher und hockte sich hin. Ihre Lippen waren leicht geöffnet und ihre Lider schwer mit vollen Wimpern. Sie war wirklich gutaussehend. Er streckte die Hand aus und liebkoste ganz zärtlich ihre Wange. Sie stöhnte und drehte das Gesicht, sodass seine Finger sich nun an ihre Wange pressten.

„Devona.“ Leise sagte er ihren Namen und spürte, wie ihre Anziehungskraft eine harte Reaktion seiner vernachlässigten Männlichkeit hervorrief. „Schöne Devona.“

Sie drehte sich leicht, sodass die Decke tiefer rutschte und eine halbnackte Schulter enthüllte.

„Vielleicht bist du nicht so abweisend, wie du scheinst“, flüsterte er.

Ihr linkes Bein beugte und streckte sich, zog die Decke noch tiefer und legte mehr ihrer Reize frei.

„Vielleicht“, hauchte Colin, „träumst du von mir, so wie ich von dir träume.“

Sie stöhnte wieder und es schien Colin, als würde sie in diesem Moment ihre wahren Bedürfnisse offenbaren. Sie war nicht abweisend und kühl, sondern einsam und verletzlich, konnte sich nur mit strenger Disziplin von ihm fernhalten. Armes Mädchen, dachte er und merkte, dass er den Kuss nicht weiter hinausschieben konnte. Freudig beugte er sich vor.

„Leith“, flüsterte sie im Schlaf.

Colin fuhr zurück. Leith! Augenblicklich war er wieder auf den Beinen und starrte auf die Frau herab, die erste, die sich weigerte, seinem Charme zu erliegen. Leith! 

„Träum weiter, Witwe“, sagte er und ging zurück auf seinen Posten.

Und in der Dunkelheit, lächelte Devona.

Kapitel 7

Wach auf, Mädchen.“

Rose hörte Leiths Stimme durch den Nebel ihres Schlafs, aber ihre Träume waren zu lieblich und warm, um sofort zu erwachen. Er war wieder da. Der große, dunkelhaarige Mann mit den fesselnden Augen. Er war in ihren Träumen, küsste sie, sein Oberkörper nackt und …

„Vielleicht sollte ich dich wieder küssen“, schlug Leith vor.

Schnell öffnete Rose die Augen.

Bei Gott! Er war da – aus Fleisch und …

„Wo … Wo sind deine Kleider?“, japste sie und betrachtete sein verändertes Aussehen mit offenem Mund.

Leith stemmte die Fäuste in die mit Plaid bedeckten Hüften und lachte laut. „Ich bin ein Schotte, kleine Rose“, erinnerte er sie. „Keiner deiner verhätschelten, englischen Lords.“

„Aber …“ Sie hatte gewusst, dass er ein Barbar war, aber noch nie hatte sie seine wilde Seite so offen präsentiert gesehen. Mit solchem Mut, dass es einem den Atem raubte.

Sein Haar war dunkel, lang und offen, bis auf die schmalen Zöpfe – einer neben jedem Ohr. Sein Hemd war aus brauner Wolle, weich wie Leder und offen, um seine breite, dunkle Brust zu zeigen. Eine Bahn aus Plaid kreuzte seine linke Schulter, war mit einer Zinnbrosche befestigt und weiter über seine Brust und seinen Bauch gewickelt, um an der Hüfte auf den gleichen Tartan zu treffen, der von einem breiten Ledergürtel gehalten wurde. In der Mitte, knapp unter dem Gürtel, hing eine Ledertasche, gerade mal so breit wie ihre beiden Fäuste nebeneinander. Sie war mit einer Klappe aus weichem Fell versehen, die von einem schmalen Riemen gehalten wurde. Sein Schwert war an seiner rechten Hüfte festgeschnallt und um seine Oberschenkel hing die karierte Wolle seines Plaids. 

Aber darunter … Gott bewahre! Seine Schenkel und Knie waren nackt – breit und muskeldurchzogen über den großen Stiefeln aus Pferdeleder, die seine Füße bis zu den Unterschenkeln bedeckten.

„Sie … wollen doch nicht sagen, dass Sie dieses kleine Kleid tragen?“, murmelte sie bewundernd.

„Kleid!“, setzte Leith an und sah finster drein. Aber Colins Lachen unterbrach ihn.

„Leith trägt ein kleines Kleidchen.“ Er lachte und kam näher, um sich neben seinen Bruder zu stellen, die Arme auf ähnliche Weise in die Hüften gestemmt. „Ein wahrer Schotte trägt Plaids.“

Roses Augen wurden noch größer, denn Colin trug das gleiche ungehörige Gewand. „Aber Ihre …“ Ihre Stimme gehorchte ihr für einen Moment nicht mehr. „Ihre Knie sind … nackt!“, quiekte sie.

Leith schaute noch missgelaunter drein. „Muss ich dich daran erinnern, kleine Nonne, was ich von dir gesehen …“

Ihre Augen waren große Edelsteine aus purem Entsetzen, die ihn anstarrten und still anflehten, zu schweigen.

Leith dunkle Brauen sanken noch tiefer, aber dann wurde sein Gesichtsausdruck sanft. „Dass ich gesehen habe, dass du viel zu lang geschlafen hast“, beendete er den Satz grob. „Steh auf, Mädchen“, sagte er. „Heute siehst du Schottland.“

Die Landschaft hatte sich kaum verändert seit sie die Grenze überquert hatten, dachte Rose. Aber alles andere hatte sich verändert. Sie reisten nicht mehr in einem angenehmen Tempo. Und sie ritt nicht mehr am Ende.

Leith ließ sie nicht mehr von seiner Seite weichen, hielt stets die Gegend im Auge und sie fragte sich, ob er damit rechnete, dass sie wieder aus dem Sattel rutschte wie eine überreife Pflaume.

Der Tag wurde grau und Wind zog auf, aber sie eilten weiter und hielten die Pferde zum strammen Trab an.

Rose hüpfte hin und her neben Leiths noblem Hengst. Ein Trab, das wusste sie, erhöhte ihre Geschwindigkeit beträchtlich und schonte doch die Kraft der Pferde. Aber trotzdem … Ihr Kopf peitschte hoch und runter, und ihr Hintern brannte wie Feuer, weshalb sie bereute, die leichtgliedrige, schwarze Stute ausgeschlagen zu haben. 

Es schien, dass ihr Stolz ihrem Po nun eine kräftige Tracht Prügel einbrachte. Rose verzog bei dem Gedanken das Gesicht, da die schwarze Stute wie eine Feder im Wind dahinglitt, während ihre Mausgraue dahinpolterte wie ein kantiger Felsbrocken über einen Abhang. 

Sie verzog wieder das Gesicht. Natürlich war das allein Forbes Schuld. Wenn sie nicht verbotenerweise zum See gegangen wäre, hätte sie nicht ihr Kreuz verloren. Und wenn sie nicht das Kreuz verloren hätte, hätte er sie nicht zum Mitkommen erpressen können. Und wenn sie nicht mitgekommen wäre, hätte sie ihn nicht geschlagen oder verflucht oder geküsst. Und wenn sie diese schrecklichen Dinge nicht getan hätte, müsste sie Gott nun nicht um Vergebung bitten, indem sie sich weigerte Maise zu reiten. 

Kurz gesagt: Leith Forbes schuldete ihrem Po eine ernstgemeinte Entschuldigung, sagte sich Rose und war eine Weile damit beschäftig, die Bilder zu betrachten, die in ihren Gedanken aufstiegen.

„Was denkst du jetzt, meine stolze Witwe?“, fragte Colin und lehnte sich grinsend zu Devona hinüber. Dass sie neben Leith geritten war, hatte ihm die letzten paar Tage stark zugesetzt, obwohl er nicht wusste, warum. Sie war immerhin nur eine Frau, wenn auch eine hübsche. Und trotzdem nahm sie seine Träume ein und quälte seine Gedanken, denn er konnte sich nur zu gut vorstellen, sie in den Armen zu halten. „Es scheint, als hätte jemand anders deinen Platz neben dem Laird eingenommen“, zog er sie auf, aber Devona reckte nur das Kinn. 

„Schmerzt meine Abfuhr dich noch immer so sehr, dass du mich mit deiner spitzen Zunge stechen musst?“, fragte sie geschmeidig. „Oder sind es die Abfuhren aller Frauen in deiner Vergangenheit, die dich beschäftigen?“

„Alle Frauen!“, schnaubte Colin. „Du bist tatsächlich die erste …“

„Und die weiseste, scheint mir“, unterbrach ihn Devona. Sie presste die Fersen in Maises glänzende Flanken und trieb damit die Stute zum Galopp an bevor er antworten konnte.

Colin sah zu, wie sie floh. Wut und Eifersucht schnürten ihm die Kehle zu. Es würde dem stolzen Frauenzimmer recht geschehen, wenn sie bis ans Ende ihrer Tage alleine bliebe, überlegt er, aber in dem Moment prallte die schwarze Stute von hinten gegen Roses Pferd.

Die graue Stute wieherte und trat mit dem Hinterbein aus. Maise bäumte sich auf, ruderte wild mit den Vorderbeinen und brachte Devona aus dem Gleichgewicht.

Colin war es, als geschähe all dies in Zeitlupe – wie ein halberinnerter Traum, den man sich noch einmal kurz vor dem Morgengrauen ins Gedächtnis rief. Erst trommelte die schwarze Stute mit ihren blanken Hufen in der Luft, dann fiel sie seitlich um, während Devona blass an ihrer Mähne hing wie eine Stoffpuppe im Wind. 

„Bei allen Heiligen.“ Colin schnappte nach Luft, denn Devonas Bein war unter dem Gewicht des schwarzen Pferdes gefangen.

Die Stute trat aus, versuchte aufzustehen, aber das Gewicht ihrer Reiterin und die unbeholfene Position, in der das Tier lag, hielten es am Boden.

„Nein, Maise!“, rief Rose, rutschte von ihrem Pferd herunter und rannte durch den stacheligen Ginster auf das Paar am Boden zu.

Colin war auch abgestiegen, die Angst schnürte seine Kehle zu. Er rannte zu Devona, aber Rose hockte schon neben der panischen schwarzen Stute, eine Hand sanft auf dem zierlichen Gesicht des Tiers. „Nein, Liebes. Nein“, hauchte sie. Allmählich beruhigte sich das Pferd und hörte auf zu treten. „Ruhig, meine Schöne. Halt still.“

Leith war plötzlich da, befreite Devonas linken Fuß aus dem Steigbügel und Colin hob die bewusstlose Gestalt in seine Arme. 

„Mädchen“, befahl Leith leise. „Lass sie aufstehen – vorsichtig.“

Rose tat genau das und summte leise dabei. Langsam brachte sie die Stute dazu aufzustehen und achtete darauf, dass die Hufe weit weg von Devonas leblosen Körper waren. 

„Siehst du. So“, beruhigte Rose das Tier, ihre Hand immer noch auf dem samtenen, schwarzen Maul. „Es ist nicht deine Schuld.“

Die wilden Augen beruhigten sich. Der Kopf senkte sich.

„Das ist also deine Begabung?“, murmelte Leith ganz aus der Nähe. „Du sprichst mit den Tieren.“

„Das kann ich gar nicht. Nun ja – zumindest antworten sie nicht oft.“

Leith grunzte und schüttelte den Kopf. „Soll ich dafür dankbar sein?“

„Es ist mir egal …“

„Bitte“, unterbrach Colin sie. Vorsichtig drückte er Devona an seine Brust. Er schien ihren Schmerz im eigenen Körper zu spüren. „Wir müssen uns um die Witwe kümmern.“

Rose untersuchte sie schnell. „Ihr Bein ist nicht gebrochen, glaube ich.“

Sie hatten Devona mit mehreren Decken zugedeckt. Ihr Gesicht war blass, ihre Stirn vom Schmerz gezeichnet, aber sie wachte schließlich mit einem leisen Stöhnen auf. 

„Dieser Ort ist nicht sicher.“ Leith sah gen Norden und runzelte die Stirn. „Wir müssen weiterreiten.“

„Das kann sie nicht“, erklärte Rose nüchtern. „Sie hat eine Beule am Kopf. Wenn sie heute nicht liegenbleibt, kann es sein, dass sie stirbt.“

„Und wenn wir hier von Räubern gefunden werden, kann uns noch Schlimmeres widerfahren“, entgegnete Leith angespannt. „Dieses Grenzgebiet wäre nicht mal für einen Trupp gut bewaffneter Krieger sicher. Was glaubst du, wie es dann um eine kleine Nonne und eine verwundete Witwe steht!“ Er blickte schnell auf Devonas blasses Antlitz. Aber als er wieder zu Rose sah, hatte diese die Fäuste in die Seiten gestemmt und sah ihn wütend an. 

„Ich bin nicht schwächlich“, sagte sie kalt.

„Und ich bin kein Schotte“, gab Leith mit seiner tiefen Stimme zurück. Auch er hatte nun die Fäuste in die Hüften gestemmt.

„Dann leg den blöden Rock ab und zieh was Anständiges an“, befahl Rose und sah abwertend auf seine nackten Knie.

„Hör zu, Engländerin“, knurrte Leith und kam näher. „Ich trage mein Plaid mit Stolz und keine Frau wird …“

„Könnt ihr zwei euch nicht später umbringen?“, fragte Colin leise und gereizt. „Die Witwe hat Schmerzen.“

Rose bekreuzigte sich, sagte schnell ein Gebet auf, um für ihre Nachlässigkeit um Verzeihung zu bitten, und eilte zum Packpferd hinüber, das die Fläschchen mit Medizin trug.

In Windeseile hatte sie ihre Heilmittel zusammengesammelt und schüttete Wasser aus der Reiseflasche in zwei Becher. Nachdem sie ein wenig graues Pulver in einen der Becher getan hatte, probierte sie und verzog nachdenklich das Gesicht. Sie fügte noch etwas Pulver hinzu und rührte das Ganze um, bevor sie den anderen Becher holte und beide zu der verletzten Witwe trug.

„Hier.“ Sie hockte sich neben Devonas gebrechliche Gestalt. „Trink. Es wird den Schmerz lindern und dir helfen, zu schlafen. Aber du musst alles auf einmal trinken.“

Devona tat wie ihr geheißen und trank die Flüssigkeit in einem schnellen Zug, bevor sie angewidert das Gesicht verzerrte und sich schüttelte, angesichts des schrecklich bitteren Getränks. „Wasser“, krächzte sie und fand den zweiten Becher, den Rose ihr in die Hand drückte.

Sie trank in großen Schlucken und atmete schwer, schüttelte sich wieder. „Was ist das für eine schreckliche Brühe?“

„Es ist …“, setzt Rose an, schüttelte dann aber den Kopf. Sie wusste es besser. „Du willst es nicht wissen“, versicherte sie freundlich, „aber Onkel Peter nannte es … Stalltau.“

Von ihrem Platz aus sahen die Männer, dass Devona lächelte und der Schmerz aus ihrem Gesicht wich.

„Mit deiner kleinen Nonne“, sagte Colin in leiser Bewunderung, „wirst du noch manche Überraschung erleben.“

Leith war in Gedanken versunken. Wer war diese Dame, die sich selbst in die schlichten Gewänder der Christen hüllte und derbe Worte benutzte, um eines anderen Qualen zu erleichtern? Ihr tiefrotes Haar war unter dieser schrecklichen Haube verborgen, ihr Körper durch schwere Schichten aus Wolle geschützt, und trotzdem war es ihm, als könne er ihre volle Schönheit sehen, wie sie sich ihm an dem verzauberten Lochan gezeigt hatte.

Ihre Hände sahen blass und filigran aus, als sie über Devonas Stirn glitten, um die Temperatur zu fühlen. Sie sah so zerbrechlich aus im sanften Licht der Dämmerung. Aber unter ihrem lieblichen Fleisch hatte Leith einen Kern aus gehärtetem Eisen gefunden. Er konnte nicht vergessen, wie ihre Augen gefunkelt hatten, als sie ihm widersprochen hatte – wie sie ihre kleine Nase gehoben hatte, um seinen düsteren Blick zu erwidern. Kein Mädchen hatte es bis jetzt gewagt, ihm die Stirn zu bieten – nicht seit seinem vierzehnten Sommer, als er auf dem heiligen Stein gestanden hatte und der Laird der Forbes geworden war.

Wer war diese Frau, die es wagte seinen Zorn heraufzubeschwören? Die mit Tieren sprach und mit mystischen Tränken heilte? Sein Blick bohrte sich in sie und auf der anderen Seite des Feuers versteifte sie sich und drehte sich zu ihm, als ob seine Gedanken zu ihr gesprochen hätten. 

Ihre Blicke trafen sich und blieben aneinanderhaften. Sie teilten den angespannten Ausdruck der Sorge. Manchmal lag ein seltsames Gefühl zwischen ihnen – etwas Unheimliches, das sie beide spürten, das ihre Gedanken und ihre Blicke zueinander zog, während im Lager Stille herrschte. 

„Du hast Angst“, sagte Colin.

„Was?“, fragte Leith aus seinen Träumereien gerissen. Seine Brauen senkten sich über dunkle, tiefliegende Augen.

„Ich sagte …“ Colin lächelte entwaffnend „… du bist gut darin … Laird zu sein.“

Leith betrachtete seinen Bruder schweigend. Der Bursche genoss Leiths Schwierigkeiten mit diesem feurigen Mädchen zu sehr. „Ich bin Laird“, stimmte er düster zu. „Wie du dich vielleicht erinnerst.“

Colin lachte. „Habe ich das nicht gesagt? Du bist Laird und musst entscheiden, ob wir weiterreiten oder bleiben.“ Sein Gesichtsausdruck war ernst, als er zu Devona hinüberblickte. „Was mich angeht, werde ich mich um die Witwe kümmern, egal was die Umstände sind.“

Leith betrachtete Colin, sah die Sorge in den Augen seines Bruders und dachte, dass Devona auf einen guten Mann gesetzt hatte. „Sie wird die Reise nach Glen Creag nicht schaffen“, sagte er düster.

„Da hast du recht.“

„Die Reise, die vor uns liegt, ist schwieriger, als die hinter uns“, fügte Leith hinzu. „Und ich habe keine Zeit für Verzögerungen. Ich muss MacAulay mit der kleinen Nonne an meiner Seite erreichen, bevor er den letzten Atemzug tut.“

„Also soll sie sich für Fiona ausgeben. Die Tochter des alten Bastards“, stellte Colin ruhig fest.

Leith hob den Blick zu Rose, die neben Devona hockte.

„Sie hat das Feuer eines Highlanders.“

„Aber wird sie dein Spiel mitspielen?“

„Sie ist nicht zur Nonne bestimmt. Das weiß ich. Und ich werde sie gut behandeln“, schwor Leith.

Colin schüttelte den Kopf. „Ich wünsche dir Glück, denn ich glaube, du hast in ihr ein würdiges Gegenüber gefunden.“

„Und du?“, fragte Leith und sah wieder zu seinem Bruder.

Colin zuckte mit den Achseln. „Ich werde die Witwe sicher zurück zu ihren Landsleuten bringen. Denn du wirst Glen Creag gewiss erreichen, bevor sie weiterreisen kann.“

Sie schwiegen einen Moment, weil sie wussten, wie bedeutend seine Worte waren.

„Es wird gefährlich sein“, sagte Leith, und obwohl er damit Colins Rückkehr nach England meinte, wussten beide, dass seine eigene Reise nach Norden noch schlimmer werden könnte.

„Ich bin ein Highlander“, sagte Colin trocken.

Wieder herrschte Schweigen, das nur vom unheimlichen Pfeifen des Windes durch die frischen Blätter an den Bäumen über ihnen gebrochen wurde.

„Aye“, sagte Leith schließlich und nickte. Er schlug seinem Bruder auf den Arm und fühlte dessen robuste Stärke. „Aye“, sagte er noch einmal, seine Stimme so ernst wie sein Ausdruck. „Du bist wirklich ein Highlander. Die Räuber seien gewarnt.“

Kapitel 8

Sie schlugen das Lager auf, weniger als eine halbe Meile von der Stelle entfernt, an der Devona gefallen war. Hier war ein schöner, kleiner Hügel, auf dem knorrige Kiefern im dichten Durcheinander wuchsen und den Rauch ihres Feuers verdeckten.

Rose drehte sich unruhig unter dem warmen, weichen Plaid hin und her. Sie spürte die seltsame Unruhe, die sie manchmal plagte. Devona schlief tief und fest und obwohl Colin nach Feinden Ausschau hielt, konnte Rose nicht schlafen. Ganz in der Nähe lag Leith und hatte ihr den Rücken zugedreht. Sie fragte sich, ob er auch wach blieb und die Dunkelheit beobachtete.

Die Zeit schlich dahin und kein Unheil kam. Eine Eule sang ihr schönes Nachtlied, und Rose entspannte sich ein wenig. Sie lauschte den Geräuschen der Dunkelheit – eine Zeit, die sie lange geschätzt hatte, in der die Welt voller Geheimnisse war und sie von Dingen hatte träumen können, die einmal hätten sein können.

Im Halbschlaf hörte sie das Geräusch – ein kratzendes Geräusch, ein Schritt. Oder war es überhaupt ein Geräusch?

Unheil! Das Gefühl breitete sich um sie aus wie geronnene Milch, füllte all ihre Sinne und plötzlich war sie auf den Beinen. 

„Leith!“ Sie war wie erstarrt, aber Forbes stand schon breitbeinig da, mit dem Schwert in der Hand, als die zwei Angreifer durch die Dunkelheit auf sie zuflogen.

„Gott im Himmel!“, flüsterte sie und wich zurück. Furcht ergriff sie. Colin war nicht weit entfernt, drehte ihr den Rücken zu, sein Schwert pralle auf das eines anderen.

Hinter ihr schrie Devona. Colins Kriegsschrei heulte auf und sein Rivale fiel. Rose sah ihn davonlaufen. Er spurtete am lodernden Feuer vorbei, an die Seite der Witwe.

Aber jetzt blieb keine Zeit nachzudenken. Drei Männer hatten Rose eingekreist, ihre Gesichter waren hart und sie grinsten anzüglich, während sie an ihrer Kleidung zogen. Sie kreischte in wirrer Angst, aber das Geräusch verlor sich in ihrem wilden Kampf. Stoff riss. Sie schrie wieder, vergaß zu beten – vergaß alles, bis auf die allumfassende Furcht. 

Ein Mann schrie schmerzhaft auf.

„Keine Zeit!“, zischte ein Angreifer, und sie roch seinen stinkenden Atem in ihrem Gesicht. „Nimm sie mit.“

Rose kreischte wieder, aber das Geräusch verstummte, als ihr ein Arm die Kehle zuschnürte. „Nein!“ Ihr Schrei war eher ein Schluchzen. Der Arm zog an ihr, und sie wurde herumgedreht und in die Dunkelheit gezerrt.

Herr im Himmel! Da waren noch mehr Männer! Panik hielt sie in einem eisernen Griff, machte ihre Knie steif und sie fiel. Schattenformen umkreisten sie, eine davon hielt sie fest.

Er roch nach saurem Schweiß und schrecklichen, nicht auszumachenden Dingen.

„Hübsches Weib“, gurrte der eine, der sie gepackt hatte.

Lieber Gott, hilf mir! Zu diesem stillen Gebet war sie noch fähig und versuchte krampfhaft, sich zu befreien. Ihre Haube blieb in seiner Hand zurück, und sie versuchte in die Freiheit zu entfliehen. Aber es gab kein Entkommen. Andere Hände griffen nach ihr, grapschten.

„Lass sie!“, donnerte eine Stimme. „Wir haben jetzt keine Zeit. Hast du ihre Pferde?“

„Alle bis auf das weiße Ungetüm“, knurrte ein anderer und hielt seinen verwundeten Arm fest. “Ich werde dem Teufel die Kehle durchschneiden.“

Ein Schmerzensschrei erklang vom Lager. Roses Atem war panisch und kam in heftigen Stößen, ihr Körper war steif vor Angst.

„Sie kämpfen, als wären sie besessen“, knurrte ein Mann. „Binde das Weibsstück auf ein Pferd. Wir reiten weiter. Bring jeden um, der uns folgt.“

Sie wurde gefesselt und wirsch auf Maises Sattel geworfen. Der Atem wurde aus ihren Lungen gepresst. Sie versuchte sich gegen den Hals der Stute zu lehnen, versuchte, ihr Gleichgewicht zu finden, in einer Welt, die verrückt geworden war. Dann ritten sie plötzlich los, sie galoppierte hinter einem anderen Pferd.

Rose presste ihre Knie gegen die Flanken der schwarzen Stute und betete inbrünstig. Sollte sie jetzt fallen, gab es keine Hoffnung mehr, da auf allen Seiten Bäume und Steine waren. So viel konnte sie trotz des schnellen Ritts erkennen. 

Hinter ihr folgten zwei Männer. Drei Männer gegen die Forbes Brüder – falls sie den Angriff der anderen überlebten.

Beinn stolperte nur einmal, als er den felsigen Hang hinunterstieg. Leith spürte, wie der riesige Körper des Pferdes zusammenzuckte und wieder Halt fand. Das Tier war verwundet – von einem Schwert der Räuber, war aber trotzdem nicht langsamer. Leith knirschte mit den Zähnen, legte eine Hand an den Hals des Hengstes und betete, dass das Schlachtross stark und schnell blieb. Er würde beides brauchen, wie nie zuvor.

Dunkelheit raste an ihnen vorbei. Über den Rücken hatte Leith einen Bogen geschlungen, in der Hand hatte er sein treues Breitschwert – Cothrom, der Überbringer von Gerechtigkeit. Sein Dolch, noch nass vom Blut seines letzten Opfers, schaute über dem Leder seines Gürtels hervor. Aber es waren nicht seine Waffen oder das Blut, das an der Klinge klebte, das seine Feinde erzittern lassen würde.

Es war sein Ausdruck.

In der Dunkelheit zeigte Leiths Gesicht nicht das geringste Gefühl. Seine Augen waren glanzlos, seine Hand ruhig. Obwohl Blut aus der Wunde auf seiner Brust floss, brannte sein Herz mit mörderischem Zorn, und all seine Sinne schrien nach Gerechtigkeit. 

Knapp vor ihm wurde die Erde eben und der Baumbewuchs spärlicher. 

Beinn grunzte, warnte Leith damit vor Feinden, und plötzlich waren sie da – zwei Männer mit gezückten Schwertern. 

Cothrom beschrieb einen eleganten Bogen, fast wie von selbst. Es hinterließ eine Spur wie ein weißer Blitz, als es durch die Luft pfiff und seine Suche in der Kehle eines Räubers beendete. Der Mann gurgelte schmerzerfüllt, seine krallenartigen Finger wurden steif. Aber bevor er das Schwert fallen ließ, hatte Leith sich schon umgedreht und wieder ausgeholt. 

Zorn traf auf Angst. Stahl traf auf Stahl und schlug Funken in der Dunkelheit. Ein Schwung, eine Parade, ein Stoß und Leith zog die Klinge zurück und sah Blut darauf, er sah den Mann fallen, tot, bevor er den Boden berührte. 

Beinn wirbelte herum und sprang zurück auf den Pfad. Leith beugte sich über die peitschende Mähne, Feuer pulsierte durch seine Adern. 

Der Pfad wand sich und fiel ab. Mit donnernden Hufen ritten sie durch die Nacht. Noch eine Biegung und da – vor ihm – flohen zwei Pferde Seite an Seite. Leith packte das tödliche Schwert noch fester. 

Ein Teufel hielt die kleine Nonne fest. Er würde langsam sterben!

Beinns mächtige Hufe überwanden die Strecke zwischen ihnen und den Räubern schnell, trotz der Dunkelheit. 

Ein Hügelgrab aus Stein tauchte auf und verbarg die fliehenden Gestalten. 

Roses Leben war jetzt mehr in Gefahr denn je, das wusste Leith, denn der Gaul lag in den letzten Zügen.

Beinn schleppte sich um eine Kurve. Seine Hufe schleuderten Grasklumpen und Matsch hoch. 

Vor ihnen hatten die Schurken angehalten. „Stop!“, schrie einer. In einer Hand hielt er die Zügel beider Pferde, während der andere ein Schwert hielt. Es funkelte matt im Mondlicht, die scharfe Schneide war gegen Roses Körper gepresst. „Mir ist es egal, ob sie stirbt“, schrie er.

Leith brachte seinen Hengst zitternd zum Stehen. Das Tier atmete schwer durch die geweiteten Nüstern. Es klang wie der Atem eines feurigen Drachens. 

„Lass das Mädchen gehen.“ Leith erhob kaum die Stimme und war in der Dunkelheit trotzdem gut zu hören. „Lass sie frei und vielleicht lebst du noch, um das Morgengrauen zu sehen“, sagte er und führte sein Pferd näher heran.

„Keinen Schritt weiter, Kriegsherr!“, schrie der Geächtete mit heiserer Stimme. 

Beinn Fionn hielt auf Befehl seines Herrn sofort inne. Der Gesetzlose lachte. Es klang flach und frostig. „Das ist weise, Highlander“, gurrte er. „Jetzt lass das Schwert fallen.“

Leith wartete, seine Gedanken rasten, sein Körper wurde schwächer, denn Blut sickerte in sein dunkles Hemd. 

„Jetzt!“, schrie der Schurke und Leith hob den Arm und hörte das dumpfe Klirren nur schwach, als sein Schwert auf die Steine unter ihm fiel. 

„So ist es recht“, lachte der Dieb und zog die schwarze Stute näher heran. „Wenn du tust, was ich sage, lasse ich dich vielleicht dabei zusehen, wie ich deine Freundin hier nehme.“ Er griff nach Rose und ließ dabei die eigenen Zügel fallen. 

Leith hörte sie vor Angst wimmern, spürte ihre Panik und plötzlich, als wäre es ihr befohlen worden, hob sich ihre schwarze Stute auf die Hinterbeine. Ihre ausschlagenden Hufe rissen die Zügel aus dem Griff des Schurken. 

Aus dem Gleichgewicht gebracht, kämpfte der Dieb damit, aufrecht zu sitzen, wieder nach den Zügeln zu greifen, aber in dem Moment hatte Leith schon den Bogen gehoben.

Er griff nach einem Pfeil und legte den Schaft auf die Sehne des Bogens. Das Pferd tänzelte. Dunkelheit vernebelte Leiths Sicht. Seine Arme zitterten vor Schmerz, behinderten seine Treffsicherheit. Aber er konnte keine Zeit verschwenden. Er schickte das Geschoss mit einem zittrigen Gebet los. 

Ein schmerzerfülltes Kreischen heulte durch die Nacht, und der Gesetzlose fiel, der Pfeil steckte knapp neben seinem Herzen.

Leith glitt von Beinns Rücken. Hob sein Breitschwert auf und war blitzschnell an Roses Seite.

Irgendwie hatte sie sich im Sattel gehalten. Er sah zu ihrem blassen Gesicht herauf und bemerkte den klaffenden Riss auf der Vorderseite ihres Gewands.

„Haben sie dir wehgetan?“, fragte er in hartem Ton.

„Nein.“ Ihre Stimme zitterte und Leith reichte ihr die Hand. Wie ein verängstigtes Kind sank sie gegen seinen Körper.

Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle. 

„Du bist sicher“, hauchte er und hielt sie fest, spürte ihr schreckliches Zucken. „Du bist in Sicherheit, Mädchen. Gerächt.“

Ein Dutzend Schritte entfernt wand sich der Schurke vor Schmerzen, ein gefiederter Holzschaft steckte in seiner Brust.

Rose erzitterte wieder. Ihre Augen waren groß, als sie die gefesselten Hände zum Mund hob.

Sie zitterten wie Espenlaub im Wind, und Leith nahm ihre Hände in seine, hielt sie sanft, um die Fesseln mit seinem blutbefleckten Dolch zu zerschneiden.

Ihre Hände fielen zur Seite, aber sie blieb reglos stehen, starrte schweigend zu Boden. 

„Alles ist wieder gut, Mädchen. Komm, setz dich auf den Stein da drüben und beruhige dich“, sagte Leith, aber ein Rascheln hinter ihm zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie hob die Augen und starrte über seine Schulter auf den im Sterben liegenden Schurken. 

„W-w-wir“, stotterte sie und erzitterte wieder. Ihre Stimme war leise und unstet. „Wir können ihn nicht so … liegen lassen.“

In ihren Augen sah Leith ein Gefühl, das er nicht deuten konnte, aber er meinte zu verstehen. Wut. Angst. Der verzehrende Schock dem Tod ins Gesicht sehen zu müssen. 

Es war eine beängstigende Erfahrung – sogar für einen erfahrenen Krieger voller Narben, der stets zu kämpfen bereit war. Wie viel mehr musste es die kleine Nonne ängstigen?

„Er wird sterben, Mädchen“, versicherte Leith ihr in ruhigem Ton. „Er wird dich nicht noch einmal belästigen.“

„Aber …“ Sie schüttelte den Kopf und schluckte. „Aber wir können doch nicht … ihn so …“

Langsam zog er sein Breitschwert aus der Scheide und drehte es in seiner Hand um. Er hielt ihr den Korbgriff hin. „Die Klinge Cothrom“, sagte er feierlich. „Es wurde von Wikingern geschmiedet und mir vom Vater meines Vaters vererbt. Der Name bedeutet Gerechtigkeit – aber es obliegt dir, sie zu vollstrecken.“ Er nickte ihr zu. „Nimm es und lass Gerechtigkeit walten. Es ist dein Recht.“

Rose starrte auf das Schwert. Es war lang und grausam und blutig. „Mein …“ Ihre Hand zitterte an ihrer Kehle. „Nein, ich kann nicht. Ich will keine Rache.“ Ihr Blick hob sich zu Leiths Augen in erneuter überwältigender Panik. „Ich meinte nur, dass wir ihn nicht leiden lassen sollten.“

Leiths Brauen senkten sich, als er über ihre Worte nachdachte. Wer war dieses Mädchen, das so schnell den bitteren Geschmack des drohenden Todes vergessen konnte? „Er hätte dich geschändet, kleine Nonne“, sagte Leith und legte den Kopf schief. „Er hätte dir deine Würde genommen und dir die Kehle durchgeschnitten, und trotzdem wünscht du sein Leiden zu beenden?“

Es gab nichts, was sie hätte sagen können. Nichts sich zu erklären. „Bitte“, flüsterte sie und zuckte zitternd mit den Schultern, aber genau in dem Moment erhob sich der Gesetzlose schwankend. In seiner blutigen Hand blitzte ein Messer auf.

Ein Schrei erstarb in Roses Kehle, und als Echo erklang der wilde Aufschrei einer Wildkatze.

Aus der Dunkelheit kam ein braungelber Körper voll katzenhafter Zerstörungskraft. Leith wirbelte herum, aber die Wildkatze hatte schon zum Sprung angesetzt – und der Gesetzlose war tot.

Vollkommene Stille erfüllte das kleine Tal. In der Dunkelheit drehte sich der Kater um, mit den Vorderpfoten stand er auf der Brust seines Opfers und frisches Blut klebte an seinem Maul. Seine goldenen Augen fanden Roses und blickten sie unheimlich an. 

„Samthaut.“ Sie flüsterte das Wort, aber die Ohren der Wildkatze zuckten vor und zurück. Dann blickte das Tier zu Leith, misstrauisch und vorsichtig.

Forbes stand breitbeinig da, sein Schwert gezogen und bereit. Kein Wort. Keine Bewegung, nur beobachtendes Schweigen, bis der Kater sich umdrehte und im Wald verschwand, von wo er gekommen war.

Schwäche überschwemmte Leith wie die Flut bei Dämmerung, umspülte ihn in warmen Wellen, die drohten, ihn hinunterzuziehen. „Ihr … kennt euch?“, fragte er sanft, kämpfte um mehr Kraft und seine Augen ließen den Punkt nicht los, an dem die Wildkatze verschwunden war. 

„Was?“, fragte Rose und schüttelte schwach den Kopf. Sie verstand nicht. 

„Der Kater.“ Leith drehte sich um, seine Augen fanden die des Mädchens in der Dunkelheit. „Er tut, was du befielst?“

„Samthaut?“, fragte sie benommen. Sie versuchte über seine Worte zu lachen, brachte aber nur ein Geräusch zu Stande, das wie Schluckauf klang. „Nein.“ Sie schüttelte wieder den Kopf und fühlte sich schwach. „Sei nicht albern.“

„Albern.“ Leith nickte, holte tief Luft und entspannte sich langsam. „Dann hat wohl jede Engländerin eine Wildkatze, die sie beschützt?“

Sie schaffte es tatsächlich zu lachen, obwohl das Geräusch kratzig war. „Sprich doch nicht so dummes Zeug“, schalt sie ihn. „Samthaut ist nur eine Wildkatze, die ich als Junges umsorgt habe.“

„Und der Kater folgt dir nicht, um dich zu beschützen?“, fragte Leith und überlegte ob seine Schwäche daherkam, dass er diesen unheimlichen Kater gesehen hatte, oder von seinen Wunden. 

„Natürlich nicht“, sagte Rose abwertend. „Du siehst auch überall Geheimnisse, wo es Schatten gibt.“

„Und eine Fee, wo eine kleine Nonne steht“, sagte Leith. „Aye“, stimmte er schließlich zu und wischte das Breitschwert an einem Zipfel seines Hemds ab, der noch nicht blutbefleckt war. Dann setzte er sich vorsichtig auf einen großen Felsen in der Nähe. „Nur Schatten.“

„Natürlich. Und … Oh!“ Rose schnappte nach Luft, saugte die kalte Nachtluft tief in ihre Kehle. „Du hast mir nichts von der Wunde erzählt.“

„Nay“, murmelte Leith schwach. „Das habe ich nicht, Mädchen.“

Seine Augen schlossen sich, und er wartete auf ihre sanfte Berührung, ihre mitfühlende Fürsorge. Die Zeit verstrich. Aber kein lobendes Wort wurde gesprochen, keine heilende Berührung folgte, und so öffnete er schließlich wieder die Augen.

„Rose?“ Sie war nirgendwo zu sehen, und er schaute sich schnell um, suchte nach ihr, plötzlich von Angst ergriffen. „Rose!“

„Schon gut, mein mutiger Krieger“, säuselte sie, aber ihre Worte galten nicht ihm. Nein. Ihre Sorge war Beinn Fionn gewidmet.

Sie stand einige Schritte entfernt vor dem perlmuttweißen Hengst, einen Arm nach ihm ausgestreckt, und sprach sanft mit ihm. „Sie haben dich verwundet“, sagte sie und ging näher heran. Das Tier warf den Kopf hin und her, sodass seine Mähne um ihn wallte und wieder über seine schwarzen Augen fiel. „Du bist wie der Wind gelaufen, um uns zu retten, nicht wahr?“, fragte sie und sprach weiter, bis ihre Stimme sich schließlich verlor und gesäuselte Komplimente durch die Nachtluft schwebten.

Leith sah, wie Beinns Ohren zitterten. „Geh weg, du törichtes Weibsbild“, befahl er wütend. „Bevor er dir die Hand abbeißt.“

„Er wurde verletzt“, erwiderte sie und bewegte sich nicht von der Stelle. „Ich werde ihn mir anschauen.“

„Das wirst du nicht“, sagte Leith entschieden. „Er ist ein Kriegspferd. Seine Stärke kommt aus seinem Herz.“ Er verzog das Gesicht, da seine eigenen Wunden schmerzten. „Er muss nicht von einer Frau verhätschelt werden.“

„So ist es gut.“

Er hörte ihr Säuseln wieder und biss die Zähne zusammen. „Pass auf!“, blaffte er, sah aber, dass Beinn den Kopf hatte sinken lassen und dieser nun auf den einfachen Gewändern der Frau lag.

„Es ist nicht so schlimm“, flüsterte sie. „Nur ein Kratzer für einen so mutigen Krieger wie dich. Morgen wirst du dich kaum noch an den Schmerz erinnern. Du wirst noch genauso gut laufen können, und die Stuten werden schwach werden, wenn sie deine Stärke sehen. Du …“

„Bei Gott!“, schimpfte Leith. Seine Stimme war leise und verärgert. Zur Hölle nochmal. Er war auch schwer verletzt worden, hatte sie gerettet und trotzdem, da stand sie – und sang einem Pferd Loblieder. „Komm her, Rose.“

„Ich spreche mit Beinn“, sagte sie.

„Komm her, Frau!“, befahl er griesgrämig, aber sie blieb, wo sie war. 

„Du wärst wahrscheinlich längst tot, wenn du ihn nicht gehabt hättest“, sagte sie und klang selbst verärgert über Leiths Mangel an Anerkennung. „Er war es, der dich in Sicherheit gebracht hat.“

„Sicherheit. Das ist mir verdammt nochmal egal“, knurrte Leith gereizt. „Es würde mich nicht überraschen, wenn ich hier gleich verblute.“

„Aber er beschwert sich nicht“, fügte sie hinzu. „Du solltest dir überlegen, ob du diese Loyalität überhaupt verdient hast, Schotte.“

„Frau“, warnte er sie und spürte, dass seine Geduld am Ende war. „Ich sage dir …“

„Du sagst mir, dass du die Aufopferung anderer nicht wertschätzt“, stellte sie fest und streichelte den glatten, starken Hals des Pferdes. „Ich nehme an, du würdest die Ehre deines Siegs ganz alleine einstreichen und dem Tier nicht das geringste Lob zukommen lassen?“

Keine Antwort kam.

„Ist es nicht so?“, fragte sie wütend.

Immer noch keine Antwort.

„Forbes?“ Endlich drehte sie sich um. Er war nirgendwo zu sehen. Sie verzerrte das Gesicht. Der Mann würde alles tun für etwas Aufmerksamkeit und sie musste zugeben, dass er auch ein wenig zur Rettung beigetragen hatte. Sie fand ihn mit dem Rücken gegen einen Felsen gelehnt, sein Kopf war zur Seite gekippt. 

„Leith?“ Sie blinzelte, überrascht über seine reglose Haltung. War er vor lauter Aufregung in Ohnmacht gefallen – der Schock oder die Wunde? Sie hatte so etwas früher schon gesehen. „Leith?“ Sie streckte langsam die Hand aus und berührte seine breite Brust. 

Sie war klebrig vor Blut.

„Verdammt“, hauchte sie überrascht.

Beim Klang ihrer Stimme öffnete er die Augen und hob den Kopf vom Stein. „Du fluchst wie ein Krieger“, beschuldigte er sie schwach.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du verletzt bist?“

„Nun ja, Mädchen …“ Er hob die Hand, mit der Handfläche nach oben, merkte aber, dass er mehr Aufmerksamkeit von ihr bekam, wenn er so tat, als wäre er halbtot und ließ die Hand wieder zur Seite fallen. „Du warst damit beschäftigt, mein Pferd zu verwöhnen.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn verärgert an. „Ich sollte mein Kreuz nehmen und dich hier sitzenlassen, damit du über deine Sünden nachdenken kannst.“

„Ich würde als Geist zurückkehren und dich heimsuchen, kleine Nonne.“ Er grinste und fand ihren Zorn auf eine seltsame Art tröstend. „Ich fürchte, wir sind dazu bestimmt, zusammen zu sein.“

„Dafür bestimmt …“ Rose ließ die Hand sinken und beugte sich näher zu ihm. „Du sprichst, als wärst du wahnsinnig. Ich bin dafür bestimmt, dem Herrn zu dienen. Ihm mein Leben zu opfern …“

„Welch größeres Opfer könntest du erbringen, als meine Frau zu werden“, fragte er mit einem ungezügelten Grinsen.

„Deine Frau?“

Als er seinen Fehler bemerkte, hob er mühsam den Blick zu ihren Augen. Sie waren weit und wütend.

„Hör zu, Kleine“, flüsterte er. „Vielleicht kannst du mich später umbringen, wenn wir beim Lager sind. Ich habe Angst um meinen Bruder und die Witwe – und ich spüre meinen linken Arm nicht mehr.“

„Oh.“ Sie bekreuzigte sich schnell. Auf ihrem Gesicht stand der ihm mittlerweile bekannte schuldbewusste Ausdruck. „Ich bitte um Verzeihung.“ Sie berührte vorsichtig seine Brust und bemerkte das Blut, das schon auf seinem Hemd geronnen war. „Du bist schwer verletzt.“

„Es ist schön, dass du das bemerkst, kleine Nonne.“ Er seufzte, dann fügte er hinzu: „Endlich.“

„Tut es sehr weh?“, flüsterte sie.

„Ja, Mädchen.“ Er hob seinen rechten Arm und berührte sanft ihre Wange. „Tut es.“

Sie erzitterte unter seiner Berührung. „Ich …“ Sie war wie gelähmt von seiner Willenskraft. Dass er so leicht daherreden konnte, während er so schwer verletzt war. „Ich werde ein Feuer machen und einige Kräuter holen.“

„Nay.“ Er hielt sie sanft, aber bestimmt, zurück. „Wir können es nicht riskieren, hier ein Feuer zu machen. Wir werden zum Lager auf dem Hügel zurückkehren.“

„Du kannst nicht reiten“, brachte sie sanft hervor. Ihre Hand lag immer noch auf seiner Brust. 

„Dann wirst du mit mir reiten, kleine Nonne“, sagte er. „Und mich im Sattel halten.“

Kapitel 9

Die Situation ergab wirklich keinen Sinn, dachte Rose etwas amüsiert. Denn obwohl sie mit Leith auf dem Hengst ritt, saß sie nicht hinter ihm, sondern vor ihm, was ihr wenig Möglichkeiten ließ, ihn im Sattel zu halten, so wie er es vorgeschlagen hatte. 

Die schwarze Stute folgte ihnen, anscheinend ganz vernarrt in Beinn. Sie ritten schweigend, fanden im Mondlicht leicht den Weg den Hügel hinauf.

Leith hatte den rechten Arm um Roses Taille geschlungen und hielt sie fest an sich gedrückt, während sie die Zügel hielt. Sein Atem strich warm über ihre Wange und seine Schenkel lagen hart, wie die Äste einer Eiche, an ihren.

Die Art, wie sie saßen, ließ ihren Atem schneller gehen und ihr wurde warm – was wenig mit dem Plaid zu tun hatte, das er um ihre Schultern gelegt hatte. 

Sie griff fest nach seinem Tartan und verbarg die zerrissene Vorderseite ihres Gewands, versuchte an etwas Anderes zu denken als seinen großen, starken Körper hinter ihr.

„Ich …“, setzte sie schwach an, fuhr mit dem Finger über eine Falte im Stoff und räusperte sich. „Ich denke, der Herr wird mir vergeben, dass ich dir jetzt so nah bin … in Anbetracht der Umstände.“

Er sagte nichts. Sein Oberkörper schmerzte, aber in Wirklichkeit war es ihre Nähe, die ihn beschäftigte. Sie war warm und weich, und als er ihr sein Plaid um die Schultern gelegt hatte, hatte er den Ansatz ihrer Brüste gesehen. Die Erinnerung trieb die Hitze in seine Lenden und ließ ihn ihre zierliche Taille enger umschlingen. 

Ihr Haar, befreit durch die groben Hände der Diebe, war wie Feuer, nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt, jede Strähne leuchtete rot im Mondlicht.

„Immer … Immerhin“, fuhr sie fort. Seine Nähe und sein Schweigen machten sie nervös. „Er würde wohl kaum wollen, dass ich dich von deinem Ross fallen lasse.“

Leith sah nach unten. Sie hatte sich leicht zu ihm gedreht, sodass er ihr Gesicht und die Umrisse ihrer Wange sehen konnte, die süße Wölbung ihrer leicht geöffneten Lippen. 

Es wäre ein Leichtes, sie zu küssen, dachte er. Aber er hatte sie schon einmal vom Pferd fallen sehen und wollte nicht, dass sie noch einmal in Ohnmacht fiel. Aber die Möglichkeit, dass er Schwindelgefühle in ihr auslöste, hob seine Stimmung. „Du denkst also, dass der Herr selbst mit Barbaren wie mir Mitleid hat?“, fragte er und erinnerte sich an ihre abwertenden Worte im Empfangssaal des Klosters. 

Rose schluckte und sog die Unterlippe ein. Dann drehte sie sich nervös um. „Ich denke, dass ich Ihnen … dir eine … ähm … Entschuldigung schuldig bin“, sagte sie unbeholfen.

Ein Falke, aufgeschreckt von seinem Ruheplatz auf einem kahlen Ast, nahm Reißaus. Seine wunderschönen Flügel waren lautlos in der ruhigen Nachtluft. 

„Und … vielleicht sollte ich mich auch dafür bedanken, dass …“, Rose hielt inne, biss auf ihre Lippe und erinnerte sich an den Kuss der letzten Nacht. Halt den Mund, faste und bete, rief sie sich wirsch ins Gedächtnis. Aber er war so verdammt nah, dass reden der einzig sichere Ausweg zu sein schien. Seine Gegenwart ließ sie nach etwas hungern. Und verflucht nochmal, ihr fiel gerade kein einziges Gebet ein. „Denn …“, setzte sie wieder an, aber genau in dem Moment griff er fester nach ihrer Taille und sie konnte seine Männlichkeit spüren, hart und lang an ihrem Rücken. 

Heiß stieg das Blut in ihr Gesicht. Verdammt nochmal, diese Idee standzuhalten, zu fasten und zu beten war sowieso nichts wert! Sie hätte ihn kratzen und treten sollen, um dann wegzurennen. Das Problem war nur – dass sie das nicht wollte. 

„Willst du mir etwa danken?“, fragte Leith ruhig. „Dafür, dass ich dein Leben gerettet habe?“ Seine Lippen waren nah an ihrem Ohr. „Und ich will gar nicht erst von deiner Ehre sprechen.“

Rose schluckte schwer. „Ja“, piepste sie und nickte schwach. „Dafür.“

„Du willst mir danken?“, fragte er noch einmal, als ob es ihm schwerfiele, das zu glauben.

Rose biss sich fest auf die Lippen und war so nervös, dass sie am liebsten sofort in Ohnmacht gefallen wäre. Aber wenn sie ohnmächtig würde, müsste sie den Blick von seinen Lippen abwenden und das war ihr nicht möglich, stellte sie fest. Es waren volle Lippen, verführerisch, etwas gehoben von seinem Lächeln – und wartend.

„Ich … ich …“, stotterte sie. „Ich habe dir … gerade gedankt.“

„Nein, Kleine“, hauchte er und vergaß seine Wunde, als er sich näher an sie schmiegte. „Hast du noch nicht.“

Er würde sie küssen. Das wusste sie und ihr ganzer Körper, ihr Sein, wartete darauf, in erwartungsvoller Spannung. 

Seine Lippen kamen näher. Sie schloss die Augen. Ihr Körper zitterte.

Nichts passierte. 

„Mädchen“, flüsterte er.

„Mmm?“ Sie sollte ihm nicht erlauben, sie zu küssen, natürlich nicht, aber er war so viel größer als sie. Der Herr konnte nicht von ihr erwarten, dass sie so einen Hünen von Mann an irgendetwas hinderte. 

„Wir sind da“, murmelte er.

Ihre Augen flogen auf. Da, nicht einmal fünfzehn Schritte entfernt, stand Colin.

„Gütiger Gott!“, hauchte sie und konnte nicht umhin zu bemerken, dass der junge Mann sichtlich amüsiert war. 

„So …“, sagte Colin und gab sich nicht mal die Mühe, sein Grinsen zu verbergen. „Ihr seid also in Sicherheit.“

„Aye, Junge“, antwortete Leith und zu Roses Empörung, grinste er ebenfalls. 

Na, zur Hölle!

„Ich nehme an, die Diebe sind keines zu schnellen Todes gestorben“, fügte Colin etwas ernster hinzu.

„Wären sie nicht“, sagte Leith, „wenn die kleine Nonne nicht so eine blutrünstige Natur hätte. Es schien, als könnte sie nicht warten, und so kam der Tod des Letzten etwas verfrüht.“

Roses Unterkiefer klappte herunter, und sie stammelte ein paar unzusammenhängende Worte, die leicht die Ohren eines Heiligen in Flammen hätten aufgehen lassen können, wenn einer hier gewesen wäre. 

„Wirklich?“ Colin hob die Augenbrauen, stemmte die Arme in die Hüften und legte den Kopf schief. 

„Aye.“ Leith nickte. „Unter ihren schlichten Gewändern, verbirgt sie eine sehr leidenschaftliche Natur.“

„Und du bist entschlossen, diese Leidenschaft zu entzünden?“, spöttelte Colin. 

„Aye“, stimmte Leith zu. „Das bin ich …“

Roses Ellbogen traf ihn unter der letzten Rippe. Es war weder ein zärtlicher Liebesstoß, noch eine neckende Warnung, sondern ein bewusster Versuch ihn zu verletzen.

Leith sog erschrocken die Luft ein und versuchte, sie fester zu packen, aber ihr Temperament hatte sich nun voll entfaltet und sie kletterte vom Rücken des Hengstes, wobei ihre Arme und Beine in alle Richtungen ausholten. 

Ihre unförmigen Gewänder blieben aber unter seinem kräftigen Oberschenkel hängen, sodass sie mitten in der Luft hängen blieb wie eine schlecht gebaute Puppe.

Heiße Scham färbe ihre Wangen, und sie wand sich noch stärker. Ihre Beine waren bis zu den Schenkeln entblößt, wo ihre Kleider sich über ihren Po spannten und sie in der Luft hielten. 

Auf dem Rücken des Hengstes lachte Leith über ihre missliche Lage. „Brauchst du Hilfe, Kleine?“, fragte er, amüsiert darüber, dass er sie ohne die Hand zu heben gefangen halten konnte. 

„Lass mich los, du kaltherziger Heide“, verlangte sie und verfluchte seine teuflische Seele mit brennender Wut.

„Du willst gehen?“, fragte Leith unschuldig, lehnte sich leicht vor. „Du musst nur nett fragen.“

„Ich hoffe, du stirbst mit deinen Eingeweiden von hier bis ins Heilige Land verteilt“, fauchte sie, schlug sich das kastanienrote Haar aus dem Gesicht und traf den armen Beinn mit ihren Knien.

Leiths Lächeln wurde noch breiter. „Nicht das, was ich eigentlich hören wollte, kleine Nonne“, sagte er schließlich. „Aber so ein kreativer Fluch verdient eine Belohnung. Du darfst gehen“, sagte er und hob seinen kräftigen Oberschenkel, was ihre Gewänder befreite.

Sie rutschte und hielt sich krampfhaft an seinem Arm fest, um nicht zu fallen.

Er zuckte beim Schmerz in seiner Brust zusammen, hielt sie aber trotzdem am Arm fest, um sie vor Beinns schweren Hufen zu bewahren.

Ihre Augen trafen sich für einen Moment. Hitze funkte zwischen ihnen auf und entzündete einen zundertrockenen Platz in ihren Herzen, dass ihnen der Atem in der Kehle stockte.

„Kleine“, murmelte Leith und spürte das heiße Ziehen in seinen Sinnen. „Viele Frauen würden sich von meinem Interesse geehrt fühlen.“

Rose schnappte nach Luft, schockiert über seine arrogante Unverfrorenheit und stellte fest, dass sein übernatürlicher Zauber gebrochen war. Mit wiederhergestelltem Zorn, sammelte sie all ihre Kraft, stemmte ihr Knie in Beinns feste Flanke, zog an ihrem Gewand – und riss Leith dabei mit sich.

Sie schlug nur kurz vor Leith auf dem Boden auf, aber während sie sofort wieder auf den Beinen war, blieb er bäuchlings liegen und hielt sich mit verkrampfter Hand seine Wunde.

Erschrocken lief Rose ein paar Schritte davon wie ein furchtsamer Hase, stellte sich in sicherer Entfernung hin und beobachtete ihn.

Sein Gesicht war aschfahl, seine Augen geschlossen, seine Zähne bissen aufeinander.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873020
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v388849
Schlagworte
entführt highlander historischer roman liebe

Autoren

  • Lois Greiman (Autor)

  • Renate Engel (Übersetzung)

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Titel: Entführt von einem Highlander (Historischer Roman, Liebe)