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Feuer der Rebellion (Fantasy, Liebe, Abenteuer)

von Saskia Louis (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nym weiß, wer sie ist. Jetzt muss sie sich entscheiden, wer sie sein will.

Unter dem wachsamen Auge der Götter lernt sie Bistaye und die Garde neu kennen und muss schon bald eine Reihe an folgenschweren Entscheidungen treffen.

Während Levi von seiner Vergangenheit eingeholt wird und Vea ihre Zukunft bestimmen muss, kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass das Geheimnis der Götter nur an einem Ort zu finden ist: In den Tiefen der Kreisberge …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-243-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-361-7

Covergestaltung: Künstlerin Antonia Sanker
unter Verwendung von Illustrationen von
© Antonia Sanker
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

 

Für Manon und Tatjana,

weil sie mir immer wieder versichern, wie charmant und witzig ich in meinen Büchern bin. Wenn schon nicht im echten Leben.

Prolog

Das Ziel

Am Anfang steht die Entscheidung, am Ende bleibt das Chaos.
Die Mitte untersteht Regeln, denn weder im Krieg noch in der Liebe ist alles erlaubt.

Eine Gänsehaut zog sich über ihren Nacken, während die kalte Hand des Gottes über ihre Wange strich und sich zwei Finger auf ihre Schläfe legten.

Sie fürchtete sich nicht. Es war eher … Unsicherheit, die sie verspürte. Sie wusste nicht, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. „Wird es wehtun?“, fragte sie, als der Gott ihren Kopf in den Nacken drückte.

„Fürchtest du dich vor Schmerz?“

„Nein“, sagte sie ruhig. Und es war die Wahrheit. Körperlicher Schmerz hatte ihr nie Angst eingejagt. „Ich würde nur gerne auf alles vorbereitet sein.“

Das leise Lachen des Gottes war angenehm. Es hörte sich wie das eines Menschen an, fand sie. „Du wirst es kaum spüren. Schließe die Augen.“

Sie folgte seiner Anweisung, doch das, was er sagte, stimmte nicht.

Sie spürte es – gleichwohl es nicht wehtat. Es war, als würde eine kühle Hand sie berühren, nur dass sie die Berührung nicht auf ihrer Haut spürte, sondern in ihrem Geist.

„Lass mich ein.“

Und das tat sie. Bild um Bild floss in ihren Geist, vermischte sich mit ihren eigenen Erinnerungen, verdrängte sie, umspielte sie, schluckte sie hinunter und spuckte sie wieder aus. Sie konnte alles vor ihrem inneren Auge sehen.

Und dann war da noch etwas anderes.

Eine Präsenz. Nein, ein Licht.

Es war nicht ihr Licht. Es gehörte nicht zu ihr, es durfte eigentlich gar nicht hier sein, aber dennoch …

Sie griff danach, zog es zu sich herüber, umschloss es mit ihrem Geist – und ließ es nicht mehr los.

Kapitel 1

Unanfechtbare Vorschriften
№ 1

Es ist ein Zeitraum von eintausend Jahren vorgegeben.

Sie blickte auf sich hinab. Ihr langes schwarzes Haar lag um ihr Gesicht gefächert auf dem grauen Stein, und sanft strich sie sich eine Strähne aus der Stirn, bevor sie sich hinabbeugte und ihre Stirn küsste.

Ihr Herz tat weh, lag schwer in ihrer Brust, und schien sie auf den Boden der Lichtung hinunterzuziehen. Doch für Zweifel hatte sie jetzt keine Zeit. Sie hatte einen Auftrag. Sie bückte sich, nahm Erde in ihre Hände und strich sie über die rote Stoffhose, die eng an den Beinen ihrer bewegungslosen Gestalt anlag. Es musste aussehen, als habe sie gekämpft.

Als nächstes streckte sie die Hand aus, eine große, schwielige Hand, die nicht ihre war, nicht ihre sein konnte … und dennoch war sie es, die die Bewegung ausführte. Es war absurd. Sie betrachtete ihr bewusstloses Ich! Sah sich auf dem steinernen Altar liegen. Ihre Finger strichen über ihre eigenen, nahmen den Dolch von ihrem Gürtel und ersetzten ihn durch ein hölzernes, billiges Modell.

Sie lachte leise. Es war ein tiefes Lachen und nicht ihr eigenes. Salia wird wütend sein, wenn sie ohne ihren Dolch aufwacht. Sie …

 

Nym riss ihre Hand nach oben und starrte schwer atmend in das Gesicht des ihr gegenübersitzenden Mannes.

Es war seine Erinnerung gewesen. Nicht ihre. Das wusste sie mit der gleichen Gewissheit, mit der ihr jetzt klar war, dass Jeki Tujan ihr Verlobter war. Dass er sie liebte. Dass er ihr nie etwas angetan hätte … dass sie wirklich, wirklich verwirrt war.

Alles war falsch. Alles, was sie in den letzten Wochen über sich zu wissen geglaubt hatte, war falsch.

Diese Erkenntnis schien auf ihren Schultern zu lasten, schwer gegen ihre Schläfen zu pochen und ihr Herz gegen ihren Kehlkopf zu drücken.

Wie konnte es sein, dass sie das Gefühl hatte, sich selbst nicht zu kennen?

„Salia, alles in Ordnung?“

Jeki runzelte die Stirn und besorgt wanderte sein Blick über ihre Züge, bevor er zu seinem Unterarm zurückglitt, an dem sie ihn berührt hatte.

Nym stieß einen dumpfen Ton aus, den sie selbst nicht ganz einem Lachen oder einem leicht hysterischen Schluchzen zuordnen konnte.

Ob alles in Ordnung war?

Nein, bei den verdammten Göttern! Nichts war in Ordnung.

„Du wolltest mich nie töten“, stellte sie blinzelnd fest und zog ihre Hände so weit wie möglich zurück in ihren Schoß. „Du bist mein Verlobter. Du liebst mich. Ich … habe die Göttliche Garde nie verraten. Ich wurde nicht verstoßen.“

Ihr Kopf begann sich zu drehen. Und mit jedem Satz, den sie wiederholt laut aussprach, formten ihre Worte eine neue Realität. Da waren Emotionen, die sie überfluteten, Erinnerungen, die sie nicht zuordnen konnte, von denen sie nicht wusste, ob es ihre eigenen waren, Gerüche, Berührungen, Stimmen … ihr wurde schwindelig.

„Salia …“

Er sollte aufhören, sie so zu nennen! Sie war nicht Salia, wusste nicht, wie sie Salia sein konnte … sie war Nym! Sie hatte doch gerade erst angefangen, sich mit dem Gedanken zu arrangieren, dass sie Nym war. Sie wollte diese neugewonnen Sicherheit nicht wieder verlieren!

Unruhig drängte sie sich mit dem Rücken gegen den Bettkopf. Sie starrte auf ihre Hände, die sich zu Fäusten ballten, sich wieder flach auf ihre Knie legten, sich zu Fäusten ballten …

Sie hasste die Götter … oder?

Sie hasste die Göttliche Garde … oder?

Levis Gesicht blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Liri und Vea. Filia, die vor der Garde hatte fliehen müssen. Ro. Und dann … dann war da Jeki.

Jeki, der sie anstarrte, als sei er jahrelang durch die Wüste gelaufen und sie ein Glas Wasser. Jeki Tujan, der geduldig darauf wartete, dass sie wieder sprach. Dessen Liebe, die sie in seinen eigenen Erinnerungen gesehen und gespürt hatte, auf ihrer Haut brannte. Die so greifbar war, dass ihre Brust schmerzte.

Aber es war seine Liebe, die sie spürte. Nicht ihre eigene. Sie wusste, dass er ihr Verlobter war, konnte sich daran erinnern, aber dann … dann hörte die Erinnerung auch schon auf. Oder war sie es selbst, die ihre Erinnerung an dem Punkt abbrechen ließ?

Denn wenn alles zurückkam … was würde dann mit ihr passieren?

„Ich verstehe das nicht“, murmelte sie und schloss die Augen. „Ich …“

Doch sie belog sich selbst. Sie verstand. Sie brauchte weder Jekis Erinnerungen noch ihre eigenen, um zu verstehen.

„Du bist kurz davor, durchzudrehen, oder?“

Nym lachte heiser und blickte auf. „Ich habe mich noch nicht ganz entschieden.“

Jeki hob einen Mundwinkel, und dieses halbe Lächeln war ihr so vertraut, dass es sich anfühlte, als würde eine kalte Faust in ihre Magengegend gestoßen. Sie wandte den Blick hab und ließ ihn durch den Raum schweifen, aus dem Fenster, wo sie den nur noch schwach von der untergehenden Sonne beleuchteten Götterdom erkennen konnte. Wieder blitzten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Wieder folgte eine Emotion der nächsten – und ließ sie verwirrt zurück. Sie verlor den Überblick, wusste nicht mehr, welches Gefühl, welche Erinnerung zu wem gehörte und welchem Bild sie trauen konnte.

Es war, als würde ihr Geist nach allem greifen, was sie sah, und es mit Assoziationen in ihrem Kopf verknüpfen. Da waren Worte, Unterhaltungsfetzen, Gelächter, Hände, Gesichter.

Sie presste die Fäuste auf ihre Augenlider und wiegte sich vor und zurück. Die Bilder verschwammen und ein pochender Schmerz dehnte sich über ihre Kopfhaut aus.

Was passierte mit ihr?

Wieso fühlte es sich so an, als wäre sie nicht mehr in ihrem eigenen Kopf?

„Salia? Was ist los?“ Eine Hand berührte sie sanft an der Schulter und sie zuckte zusammen.

 

Sie lachte. „Hattest du wirklich Angst, dass ich Nein sage, Jeki?“

„Na ja, nein, aber –“

Sie verdrehte die Augen, während das Lächeln beinahe ihr Gesicht sprengte. „Natürlich heirate ich dich, du Blödi! Solange deine Mutter nicht im selben Haus wohnt … dafür sind die Wände leider nicht dick genug.“

 

Das Bild verschwand, wurde von einem neuen überdeckt.

 

Sie drehte eine Münze in ihren Händen und lächelte. Alles entwickelte sich nach ihren Wünschen. Sie konnte es kaum erwarten, den Gesichtsausdruck der anderen zu sehen … 

„Du siehst sehr selbstzufrieden aus, mein Lieber.“

Sie blickte auf. Valeras Augen blitzten spöttisch, doch das kümmerte sie nicht. „Oh, das bin ich. Das bin ich.“ Ihre Finger glitten über die rauen Einbände der Bücher, die in einem Regal zu ihrer Rechten standen. „Sie ist der Schlüssel.“

„Du urteilst zu schnell.“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Ich tue nichts dergleichen.“

 

Sie riss ihre Augen auf und ihr Kopf prallte hart gegen das Holzgestell hinter ihr.

„Salia, was ist los?“ Jekis Stimme war unruhig und sein Blick mehr als nur besorgt.

„Ich …“

Doch sie wusste es nicht. Sie presste beide Hände über ihre Ohren und versuchte ihre Atmung zu regulieren. Es war ihr Kopf. Sie hatte die Macht über ihn. Niemand anderes!

Sie ließ ihre Hände sinken, schloss sie zu Fäusten und zwang sich zur Ruhe. Die Bilder ebbten ab und nichts als ein fahler bitterer Geschmack in ihrem Mund blieb zurück, doch ihr Herz pochte weiterhin hastig in ihrer Brust.

„Erzähl mir etwas“, murmelte sie und schloss die Augen. „Etwas über mich. Etwas, das … zu mir gehört.“

Sie brauchte etwas, an dem sie sich festhalten konnte. Von dem sie sicher sein konnte, dass es die Wahrheit war. Dass es ihre Wahrheit war. Jeki würde sie nicht anlügen.

Eine Weile herrschte Stille und sie glaubte schon, dass Jeki nicht antworten würde, als er murmelte: „Du kannst nicht schwimmen. Du hasst es, dass du nicht schwimmen kannst, aber hast zu große Angst, es zu lernen. Natürlich würdest du nie zugeben, dass du Angst hast, weswegen du mir verboten hast, es irgendwem zu sagen.“

Sie nickte und ihr Puls verlangsamte sich. Ja, das wusste sie. Daran erinnerte sie sich.

„Du bist die beste Kämpferin der Göttlichen Garde – und das ist dir vollauf bewusst. Dennoch tust du bescheiden und erklärst jedem, dass es eine Menge anderer begabter Soldaten gäbe.“

Ihre Mundwinkel zuckten und eine beruhigende Wärme legte sich über ihre Haut. „Ich bin insgesamt der beste Kämpfer“, murmelte sie. „Mit Ausnahme von dir vielleicht.“

Sie hörte Jeki leise lachen und der raue Ton kroch unter ihre Haut, flüsterte ihr liebliche Dinge zu.

„Du bist selbstsicher in allem, was nicht deine Familie betrifft. Du bist stolz, loyal, du magst kein Gemüse, das unter der Erde wächst – du behauptest, du würdest den Dreck schmecken. Du bist die mutigste Frau, die ich kenne … und alles, was du tust, tust du mit deiner gesamten Energie. Ach ja, und du erzählst gerne Lügen über die Göttliche Garde, um zu sehen, welche Gerüchte sich durchsetzen.“

Aus dem letzten Satz hörte sie sein Lächeln heraus und auch ihre Mundwinkel zogen sich erneut nach oben.

Ja, auch das wusste sie.

Die Bilder in ihrem Kopf waren nun vollkommen zum Erliegen gekommen und der Schmerz nur noch ein leises Stechen in ihrem Hinterkopf.

Sie öffnete die Augen und blickte in Jekis. „Danke“, flüsterte sie. „Ich –“

„Jeki! Mach die Tür auf!“

Nym zuckte zusammen.

„Jeki! Ich weiß, dass du mich hören kannst.“

Ein konsequentes Hämmern auf Holz und eine Stimme drangen durch das offene Fenster zu ihnen herauf.

„Jeki!“

Fluchend schüttelte Jeki den Kopf. „Ignorier ihn.“

„Jeki, es ist wichtig!“, brüllte die Stimme erneut.

Arcal. Das ist Arcals Stimme. Arcal ist Jekis bester Freund, schoss es Nym durch den Kopf.

„Es geht um Janon!“

Jekis Gesicht verhärtete sich und er stand vom Bett auf, um zum Fenster hinüberzuschlendern.

„Arcal“, sagte er ruhig, den Kopf durch den Rahmen gesteckt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten sich auf seiner goldenen Rüstung wider und warfen gelbe Muster an die weiße Zimmerdecke. „Wenn du nicht einen grausamen Tod sterben willst, dann –“

„Janon wurde festgenommen, Jeki.“ Arcals Stimme war nun leiser, doch Nym hatte keine Probleme damit, ihn zu verstehen.

„Janon wird fast jede Woche festgenommen, Arcal. Ich bin beschäftigt und ich –“

Doch erneut unterbrach Arcal ihn. „Jeki. Diesmal ist es anders. Er steckt in echten Schwierigkeiten.“

Nym sah, wie sich Jekis Rücken versteifte, dann fluchte er, bevor er ruckartig seinen Kopf zurück ins Zimmer zog.

Sein Blick traf ihren und er sah auf einmal so erschöpft aus, dass Nym den Drang verspürte, seine gerunzelte Stirn mit ihrer Hand glatt zu streichen. Zuneigung durchflutete sie … und sie hatte keine Ahnung, was sie mit diesen Gefühlen anfangen sollte.

„Ist in Ordnung“, murmelte sie. „Dein Bruder hat Vorrang.“

Überrascht flogen Jekis Augenbrauen in die Höhe. „Du weißt, dass er mein Bruder ist?“

Sie nickte und nachdenklich drehte sie ihren Kopf, um noch einmal einen Blick auf den gelben Teller zu werfen, der über dem Bett hing. „Ja. Ich weiß, dass er dein Bruder ist. Also … geh. Ich werde, denke ich, nicht weglaufen.“

Sie hatte die letzten Wochen über Informationen gewollt und die würde sie nur hier bekommen. Sie würde nicht gehen, ehe sie wusste, wer sie war – ehe sie sich entschieden hatte, wer sie sein wollte.

Jeki sah sie lange an, als versuchte er, ihre Gedanken zu lesen. Doch er schien keinen Erfolg damit zu haben.

„Ich möchte nicht gehen“, stellte er schließlich leise fest. „Ich … habe dich doch gerade erst wiederbekommen.“

„Ich bleibe hier, Jeki.“ Fürs Erste.

Er nickte ein letztes Mal und verschwand im nächsten Moment aus der Tür.

Nyms Herz zog sich zusammen und sie lauschte der Tür, die mit einem dumpfen Schlag zurück in den Rahmen fiel.

Er liebte sie.

Wie hatte sie das vergessen können? Wie hatte sie den besten Teil ihres alten Lebens vergessen können? Wie hatte sie vergessen können, dass sie geliebt worden war?

Sie stand vom Bett auf und schlenderte zum Fenster. Sie sah zwei Männer in goldener Rüstung in Richtung des Turmes gehen und als sie ihren Kopf nach unten neigte, konnte sie zwei Wachen erkennen, die mit den Händen auf ihren Schwertknäufen vor der Eingangstür standen.

Die Garde vertraute ihr also nicht.

Gut. Denn das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Sie tastete mit ihren Händen ihre Seiten und ihren Gürtel ab. Ihr war wieder einmal der Dolch abgenommen worden. Dennoch war sie nicht beunruhigt. Die Wachen könnte sie mit zwei Handgriffen töten.

Wieder schweiften ihre Gedanken zu all dem, was Jeki ihr erzählt hatte, und zu dem, was sie sich selbst zusammengereimt hatte.

„Es … ist kompliziert. Ich sollte dir das nicht erklären. Api wird das tun wollen.“

Sie lief zurück zum Bett und ließ sich erneut auf die weiche Matratze nieder. Sie war unglaublich müde und wenn sie ehrlich war, dann hatte sie Angst.

Sie konnte nicht ganz benennen, wovor sie Angst hatte. Vielleicht vor dem, was sie zu wissen glaubte, und vor der Person, zu der es sie machte.

Sie schluckte und konzentrierte sich eine Weile nur auf ihren ruhigen Atem. Nym war keine dieser Frauen, die andauernd Trost brauchten. Sie benötigte die Arme eines Mannes nicht, um sich sicher und verstanden zu fühlen. Aber jetzt gerade? In dem Moment, als sie ihre Arme um die Beine legte, die Wange auf ihre Knie presste und versuchte, ihren Kopf zu leeren … da hätte sie nichts gegen eine Umarmung gehabt.

Eine Umarmung von Levi.

Sie lachte bitter auf und rieb sich mit der flachen Hand übers Gesicht.

Sie steckte in großen, großen Schwierigkeiten.

 

***

 

„Von was für Schwierigkeiten sprichst du?“

„Das fragst du Janon am besten selbst.“

Staub wirbelte unter ihren Stiefeln auf und ungeduldig knackte Jeki mit seinem Kiefer.

„Arcal“, knurrte er. „Erzähl mir, was los ist. Wenn du keinen verdammt guten Grund dafür hast, mich von Salia wegzuholen, will ich das wissen – jetzt.“

Arcal wich seinem Blick aus. „Es ist ein guter Grund.“

Arcal!“ Jekis Geduldsfaden bekam einen weiteren Riss und Salias Dolch, der an seinem Gürtel hing, schien mit jedem seiner Schritte schwerer zu werden. Es war ihm falsch vorgekommen, ihn ihr wegzunehmen, aber was für eine Wahl hatte er gehabt? Er hatte keine Ahnung, was in ihrem Kopf vorging. Nach allem, was er über seine Verlobte wusste, könnte sie ihn nach Strich und Faden belogen haben. Salia war eine ausgezeichnete Schauspielerin. Er selbst hatte immer geglaubt, er sei der Einzige, der ihre Lügen von der Wahrheit unterscheiden konnte. Aber angesichts der Umstände war er sich dessen nicht mehr so sicher.

Ihre Miene war kontrolliert gewesen. Bis auf die kurzen Momente, in denen sie geistig nicht anwesend gewesen zu sein schien.

Kopfschüttelnd beschleunigte er seinen Schritt. Bei den Göttern, sein Herz war stehengeblieben, als sie sich offensichtlich vor Schmerzen an den Kopf gegriffen hatte, und er hatte sich stark am Riemen reißen müssen, sie nicht direkt in seine Arme zu schließen. Aber sie war noch nicht so weit.

Nur, warum hatte sie Schmerzen gehabt? War es eine Nachwirkung der Akupressurtaktik, die er verwendet hatte, um ihr das Bewusstsein zu nehmen?

„Mir wurde gesagt, ich solle Schweigen bewahren“, murmelte Arcal, die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen. „Ich glaube, eigentlich hätte ich dich nicht einmal benachrichtigen dürfen, aber … es erscheint mir richtig. Außerdem habe ich keinen direkten Befehl bekommen.“

Na klasse.

Seine Verlobte hatte gerade mit einem Fragezeichen am Ende des Satzes festgestellt, dass er sie liebte, sein Bruder saß im Gefängnis und Arcal wollte ihm nicht erzählen, was los war. Wahrscheinlich war Janon wieder einmal dabei erwischt worden, wie er illegal den göttlichen Turm erklomm. Dieser Tag wurde immer besser.

„Willst du mir erzählen, was es mit Salia auf sich hat?“, fragte sein Freund beiläufig, als besagter Turm vor ihnen aufragte.

„Nein.“

Jeki bog nach rechts in Richtung des viereckigen Gebäudes, in dem er vor ein paar Tagen schon Nikana Halks vernommen hatte.

„Du wirkst angespannt, Jeki.“

Für diesen Kommentar allein hätte Jeki Arcal bereits gerne in den Boden gestampft.

Angespannt war die Untertreibung des Jahrtausends. Er war verwirrt, müde, rastlos und auf eine sehr männliche Art und Weise verletzt. Er konnte den Ausdruck auf Salias Gesicht nicht vergessen, als sie erkannte, dass er tatsächlich ihr Verlobter war. Sie hatte so verdammt verletzlich gewirkt. So verletzlich und … entsetzt.

Es gab da einige Emotionen, die ein Mann nicht bei seiner Verlobten sehen wollte, und Jeki war sich ziemlich sicher, dass Entsetzen sehr weit oben auf der Liste stand.

„Arcal, ich sage das jetzt nur einmal: Wenn du mir nichts zu dem Grund sagen kannst, warum Janon in einer Zelle ist, rate ich dir, deinen Mund zu halten.“

Jeki konnte das würfelförmige Gebäude, in dem unter anderem die Gewahrsamszellen untergebracht waren, jetzt sehen. Zwei Wachen standen davor.

Er runzelte die Stirn. Sonst hatte die Göttliche Garde immer auf Wachen verzichtet. Allein aus dem Grund, dass niemand lebensmüde genug war, aus dem Göttlichen Gefängnis auszubrechen.

Die Furchen in Jekis Stirn vertieften sich noch, als die Tür sich öffnete und er Thaka, den Gott der Gerechtigkeit, aus dem grauen Gebäude kommen sah.

Jeki wurde nervös. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Thaka war Leiter des Göttlichen Tribunals. Er kümmerte sich um schwere rechtliche Vergehen. Was zum Teufel war hier los?

Er wandte sich ruckartig zu seinem Freund um. „Arcal. Was ist passiert?“

Doch Arcal kam nicht dazu, ihm zu antworten. Thaka hatte sie entdeckt und schlenderte auf sie zu, eine Augenbraue leicht angehoben. Ansonsten war sein Gesicht so glatt und ausdruckslos, wie Jeki es bereits von dem Gott der Gerechtigkeit kannte.

„Es überrascht mich, dich hier zu sehen, Jeki“, sagte er, nicht ohne eine gewisse Schärfe in seiner Stimme. „Api berichtete mir, du hättest alle Hände voll zu tun.“

Thakas kurzgeschorenen hellblonden Haare leuchteten rot in der untergehenden Sonne auf, und Jeki entging die Härte in dem Blick des Gottes keineswegs. Salia war seit jeher Thakas rechte Hand gewesen und natürlich sorgte er sich um sie. Doch da war noch etwas anderes, viel Verbisseneres in dem Ausdruck des Gottes, das Jeki entgegensprang. Er hatte das vage Gefühl, dass Thakas Sorge sich keineswegs um Salias Wohlergehen drehte.

Sich wieder daran erinnernd, dass er dem Gott noch keinen Respekt gezollt hatte, neigte er kurz den Kopf, bevor er den Blick erwiderte. „Das habe ich. Und ich weiß, wo meine Prioritäten liegen. Dennoch wurde ich davon unterrichtet, dass mein Bruder wohl … Probleme hat.“

„Wurdest du das?“ Thakas bernsteinfarbene Augen fanden für einen Augenblick die Arcals, dann jedoch wandte er sich wieder an Jeki. „Es stimmt. Auch wenn Problem vielleicht nicht das richtige Wort ist.“

Hätte Jeki es nicht besser gewusst, hätte er gesagt, dass es Angst war, die sich langsam um sein Herz schloss. „Es würde mir sehr helfen, wenn mir jemand erklären würde, was ihm vorgeworfen wird. Es erscheint mir doch etwas unangemessen, aufgrund eines kleinen Vergehens direkt den Großmeister des Göttlichen Tribunals zu benachrichtigen“, stieß er gepresst hervor.

„Ein kleines Vergehen?“ Die Worte des Gottes waren so kalt und hart, dass Jeki sich zusammenreißen musste, um keinen Schritt nach hinten zu machen. „Janon hat einer Rebellin zur Flucht verholfen, Jeki.“

„Er hat was?“ Das Blut wich aus Jekis Gesicht und eine unsichtbare Hand schien sich eng um seinen Hals zu legen. Das war unmöglich. Janon nahm Regeln nicht allzu ernst, das wusste er, aber er würde doch nie …

„Er hat sich gegen sein Land gestellt. Er wird des Hochverrats angeklagt.“ Thakas Blick blieb kühl und nichtssagend, doch hinter seinem Ausdruck meinte Jeki verhohlene Neugier zu entdecken. Als interessiere es den Gott der Gerechtigkeit sehr, wie Jeki auf diese Nachricht reagierte.

Er schluckte und schüttelte den Kopf. Wenn Janon des Hochverrats angeklagt und für schuldig befunden würde, dann … 

„Das muss ein Missverständnis sein. Janon würde sich nicht gegen sein Land stellen. Er ist –“

„Bei deinem Bruder haben sich in den letzten Monaten eine Menge Missverständnisse angehäuft, Jeki“, unterbrach Thaka ihn scharf. „Glaube nicht, dass das dem göttlichen Auge entgangen ist. Wir haben ihn gewähren lassen – deinetwegen. Dieses Mal jedoch können wir nicht über sein Verhalten hinwegsehen. Ich denke, das verstehst du. Und jetzt entschuldigt mich, es gibt dringendere Angelegenheiten als diese kleine Lappalie, um die ich mich zu kümmern habe.“

Ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte er sich um und verschwand in die Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht.

Der Griff um Jekis Hals schien sich noch zu verstärken, und als er sah, dass Arcal seinem Blick auswich, wusste er, dass der Gott die Wahrheit gesagt hatte.

„Scheiße. Scheiße!

Das konnte nicht passieren. Das durfte nicht passieren. Er hatte genug Sorgen. Er hatte genug Probleme. Er brauchte nicht noch mehr Dinge, die sein Leben verkomplizierten!

Er überwand die letzten Meter zu dem Gebäude und als die Wachen Anstalten machten, ihm den Weg zu versperren, stieß er sie einfach beiseite.

„Wo ist er?“, knurrte er Arcal zu, der ihm stumm gefolgt war. Die schwere Holztür fiel hinter Jeki zu und der Gang vor ihnen wurde nur von spärlich gesetzten Laternen erhellt.

„Jeki, beruhige dich. Nur weil er angeklagt wird, heißt das nicht, dass sie ihn auch verurteilen werden.“

Wo ist er, Arcal?

Arcal seufzte, blieb stehen und nickte nach vorne. „Hinterste Tür. Aber –“

Jeki wartete nicht darauf, dass sein Freund zu Ende sprach. Er legte die letzten Meter mit langen Schritten zurück, warf den zwei Wachen, die neben der Zellentür postiert waren, einen wütenden Blick zu und wurde im nächsten Moment eingelassen.

Kälte schlug ihm aus dem fensterlosen Raum entgegen und eine einsame an der Wand hängende Fackel spendete ihm Licht.

Janon, der auf einem einzelnen Stuhl an der gegenüberliegenden Wand saß, blickte auf, als Jeki die Tür hinter sich zuschlug. Ein mattes Lächeln kämpfte sich auf seine Züge.

„Ah, Bruderherz. Ich habe schon auf dich gewartet. Hast dir aber Zeit gelassen, was?“

Du hast einer Rebellin bei der Flucht verholfen?“, schrie Jeki ihn an. Seine Stimme hallte von den Wänden wider, die Erde unter seinen Füßen bebte und er hatte seine Hände so fest zu Fäusten geballt, dass es wehtat. Es gab Zeiten, in denen Soldaten ihre Emotionen unter Verschluss halten sollten. Dies war keine davon.

„Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?!?!“

Janon seufzte, schloss die Augen und lehnte seinen Kopf gegen die hinter ihm liegende Wand. „Von dir angeschrien zu werden, ist wie nach Hause zu kommen, wusstest du das? Da fühle ich mich ja fast wohl hier. Obwohl so ein bisschen Sonnenlicht nicht schlecht wäre.“

Janon!“, zischte Jeki, die Geduld verlierend. Er packte ihn an den Schultern und zerrte ihn unsanft auf die Füße, während er sich dazu zwang, seine Emotionen nicht auf den Boden zu übertragen. „Was hast du getan?“

Die Tür hinter ihnen ging auf und eine der Wachen warf einen Blick in die Zelle. „Tujan, ist alles in Ordnung, wir …“

Die Wache verstummte, als sie Jekis Blick bemerkte, und ließ prompt die Tür wieder ins Schloss fallen.

Janon hatte die Augen geöffnet und sah nun amüsiert über Jekis Schulter. „Weißt du, ihr seid nicht sehr konsequent“, stellte er fest. „Ich werde von vier Leuten bewacht, aber nicht angekettet? Welche Art von Gefängnis ist das hier? Immerhin komme ich mir sehr wichtig vor. So viele Menschen, die mich bewachen. Als wäre ich dazu in der Lage, auch nur einen von ihnen niederzuringen. Sie kennen mich wohl nicht besonders gut.“

„Das ist kein Spaß, Janon!“ Jekis Hände krallten sich in die Schultern seines Bruders und er schüttelte ihn, als könne er ihm auf diese Weise etwas Verstand einbläuen. „Du wirst hier nicht für ein paar Tage eingesperrt und dann wieder laufen gelassen, Janon! Du wirst des Hochverrats angeklagt! Weißt du, womit Hochverrat sanktioniert wird? Mit dem Tod! Was hast du dir dabei gedacht? Warum denkst du nie nach? Was zum Teufel ist nur in dich gefahren?“

Janon verengte seine Augen und jegliches Lächeln war aus seinen Zügen verschwunden. „Und was willst du jetzt machen, Jeki? Mich umbringen, bevor es die Götter tun?“

Jeki ließ ihn abrupt los und Janon taumelte etwas unbeholfen gegen die Wand hinter ihm. Er fuhr sich mit der Hand in die Haare und schüttelte immer wieder den Kopf. Stille legte sich über den Raum, während Jeki ungehalten auf und ab ging. Staub wirbelte unter seinen Schritten auf, den er mit einer fahrigen Bewegung seiner Finger zurück auf den Boden zwang.

Das war zu viel. Es war … scheiße!

Das konnte nicht sein. Wie hatte sein Leben in den letzten Wochen eine solche Kehrtwende machen können?

„Es war Vea, Jeki“, hörte er seinen Bruder murmeln. Seine Stimme klang merkwürdig hohl im leeren Raum. „Sie hätten sie festgenommen. Und ihr wäre kein Tribunal gewährt worden. Sie hätten sie sofort gehängt. Ich liebe sie. Natürlich habe ich ihr geholfen. Was hättest du getan?“

Jeki blieb stehen und starrte in das Gesicht seines kleinen Bruders. Das Gesicht des einzigen Menschen, der immer auf ihn gezählt hatte. Auf den er immer hatte zählen können.

„Es ist nicht wichtig, ob ich nachvollziehen kann, was du getan hast“, sagte er gepresst. „Ich … ich kann dir nicht helfen, Janon!“ Er hasste es, die eigene Verzweiflung aus seiner Stimme herauszuhören. „Ich kann dir hier einfach nicht helfen. Hochverrat ist keine Angelegenheit, bei der ich ein gutes Wort für dich einlegen könnte, ich –“

Janon stand auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah ruhig aus. Weder ängstlich noch angespannt. Er war immer noch der gelassene Kerl, den nichts herunterziehen konnte.

„Es ist nicht mehr deine Aufgabe, mich zu beschützen, Jeki“, sagte er ernst. „Es war meine Entscheidung. Ich kannte die Konsequenzen. Du trägst keine Schuld. Du trägst nicht die Verantwortung für mich.“

Jeki lachte trocken auf. „Es wird immer meine Aufgabe sein, dich zu beschützen, Janon! Egal, wie oft ich Mama gesagt habe, dass es nicht so wäre. Ich bin dein beschissener großer Bruder und du machst mir mein Leben verdammt noch mal nicht leicht!“

Da war wieder dieses matte Lächeln, das es trotz der verfahrenen Situation schaffte, Janons Augenwinkel zu erreichen. „Du lebst für Herausforderungen, Jeki. Wer wäre ich, sie dir nicht zu bieten?“

Jeki schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf, bevor er seinen Bruder in eine feste Umarmung schloss. „Mir fällt schon etwas ein. Ich … du wirst schon nicht zum Tode verurteilt.“

„Das ist die Einstellung, für die ich dich liebe.“

Jeki schnaubte. Er wünschte nur, er könnte seinen eigenen Worten Glauben schenken.

Als Jeki wieder hinaus an die Abendluft trat, hatte sich eine solche Schwere auf seine Schultern gelegt, dass er sich fragte, wie er den Weg zu seinem Haus zurückschaffen sollte. Doch seine Beine bewegten sich, ohne dass er ihnen den Befehl dazu geben musste. Sein Körper hatte schon immer besser funktioniert als sein Kopf.

Er lief nach Hause, schickte die beiden Wachen, auf die Api bestanden hatte, weg und öffnete seine Tür.

Der Mond stand bereits hoch am Himmel, als er die Treppen in den ersten Stock hinaufstieg und vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer öffnete. Er fand Salia schlafend auf seinem Bett wieder.

Er konnte eines seiner Küchenmesser in ihrer Hand erkennen und musste lächeln. Es wunderte ihn beinahe, dass er sie nicht aufgeschreckt hatte. Salia hatte schon immer die Fähigkeit gehabt, nur halb zu schlafen, um jede sich nähernde Bedrohung augenblicklich zu erkennen. Auch wenn es davon in der Dritten Mauer keine gab.

Er ließ sich vorsichtig neben sie sinken und betrachtete ihr Gesicht. Sie sah vollkommen entspannt, jung und verletzlich aus. Das war die Seite an Salia, die sie an sich selbst nie hatte zulassen wollen. Die weiche, unsichere Seite, die ein großer Teil von ihr war, die sie aber zu verstecken wusste. Sein Herz zog sich süßlich zusammen – und beantwortete ihm Janons Frage.

Ja, er hätte es genauso getan.

Er hätte die Frau, die er liebte, gerettet. Auch wenn es seinen eigenen Tod bedeutet hätte.

Der Kloß in seinem Hals wurde noch etwas größer, und sanft ließ er seine Finger über ihre Wange streichen.

Er hatte sie zurück.

Sie war hier, bei ihm. Das war es, auf das er sich jetzt konzentrieren sollte. Um den Rest – er atmete tief durch und verbarg sein Gesicht in den Händen –, um den Rest würde er sich am nächsten Tag kümmern müssen.

Kapitel 2

Unanfechtbare Vorschriften
№ 2

Das Ende führt zum Anfang.

„Es wird gleich dunkel.“

„Das wissen wir, Levi, wir haben Augen im Kopf.“

„Ich meine ja nur. Wir sollten langsam einen Platz finden, an dem wir sicher die Nacht verbringen können.“

„Auch das wissen wir! Gehirne haben wir auch im Kopf!“

„Ja, nur scheint ihr sie nicht benutzen zu wollen.“

„Levi.“ Ro wandte sich zu ihm um, legte freundschaftlich einen Arm um seine Schultern und sagte feierlich: „Hör auf, ein Arschloch zu sein, sonst muss ich dich leider niederstrecken.“

Levi presste die Lippen aufeinander. „Versuch es.“

Jetzt blieben auch Vea und Nika stehen.

„Jungs, wir haben es verstanden!“, sagte Nika genervt. „Ihr beide seid unglaublich männlich. Und Levi: Hör auf, ein Arschloch zu sein, sonst werde ich zulassen, dass Ro dich niederstreckt. Wir müssen in Ruhe nachdenken, also sei still!“

Levi öffnete den Mund, doch Nika hatte ihm bereits den Rücken zugewandt und angefangen, leise mit Vea zu sprechen. Die hohen Wände zu ihren Seiten tauchten sie in tiefe Schatten und die letzten Strahlen der Sonne erreichten sie nur mit Mühe.
Levi seufzte schwer und schloss die Augen. Gut, er wusste, dass er sich wie ein Arschloch benahm. Aber zum jetzigen Zeitpunkt fiel es ihm schwer, etwas anderes zu sein. So wie es ihm schwerfiel, seine Gedanken zu ordnen und sein blödes, verräterisches Herz unter Kontrolle zu bringen, dem abwechselnd heiß und kalt wurde.

Wie hatte die ganze Mission nur in wenigen Stunden den Bach runtergehen können?

Und wie hatte Nym vergessen können, dass sie einen Verlobten hatte?!?!

Bei den verdammten Göttern, wie er dieses Wort hasste. Noch mehr als die Tatsache, dass sich geballte Eifersucht unter seine Haut fraß, sobald er den Namen Jeki Tujan hörte.

Er, Levi Voros, war eifersüchtig. Auf einen Göttlichen Soldaten!

Er hatte immer geglaubt, dieses Gefühl sei unter seiner Würde. Aber andererseits hatte er auch gedacht, es sei unter seiner Würde, einer Frau hinterherzurennen – und war das nicht wortwörtlich das, was er in diesem Moment tat? Abgesehen davon, dass sie gerade standen und nicht rannten.

Der einzige Trost war, dass Nyms Verbindung zu Tujan sie womöglich für einige Zeit vor den Göttern schützen würde. Zeit, die sie brauchten, um sie zu retten. Außerdem rief sich Levi immer wieder ins Gedächtnis, dass sie sich zumindest bis vor ein paar Stunden nicht an Tujan erinnert hatte.

Was sich bei ihrem verdrehten Kopf innerhalb von Sekunden ändern könnte.

Scheiße.

Es gab zu viele Dinge, die Levi nicht wusste. Es war sowieso schon lebensmüde genug, in die Dritte Mauer eindringen und sie dort herausholen zu wollen. Auch ohne das Risiko, dass Nym sich plötzlich wieder daran erinnerte, dass ihre Loyalität eigentlich den Göttern galt. Wenn sie plötzlich zu dem Entschluss kam, sie lieber umzubringen, anstatt mit ihnen nach Asavez zu fliehen, wäre das eher suboptimal. Hatte er schon bemerkt, dass diese Situation scheiße war?

„Du musst keine Angst haben“, flüsterte Liri, zog an seinem Arm und schmiegte ihr Gesicht kurz an seine Seite. „Wir werden sie schon retten. Du bist der Beste. Das sagst du selbst immer!“

Ja, und er meinte es auch so. Aber nur, weil er der Beste war, hieß das nicht, dass er gegen eine ganze Armee oder gar die Götter kämpfen konnte, ohne das ein oder andere geliebte Körperteil zu verlieren. Er lehnte sich an die kühle Wand hinter ihm und sah den letzten Strahlen der Sonne dabei zu, wie sie sich bemühten, die hohe steinerne Wand zu überwinden – die fünfte der Sieben Bistayischen Mauern. Das Licht kam jedoch nie bei ihnen in der Gasse an.

Zu seiner Rechten tuschelten Vea und Nika immer noch miteinander, während Ro ihn von seiner linken Seite aus intensiv anstarrte. Der Bastard hatte auch noch den Schneid, breit zu grinsen.

„Was?“, blaffte Levi.

Ro hob eine Schulter. „Nichts. Irgendwie erfüllt es mich nur mit Genugtuung, nicht mehr der einzige verliebte Vollidiot zu sein.“

Levis Miene verdüsterte sich. „Halt die Klappe, Ro. Du bist immer noch der größere Idiot von uns beiden, keine Sorge.“

Ros Grinsen wurde nur noch größer.

Levi juckte es in den Fingern, es zu beseitigen, doch so ein großes Arschloch war er dann doch nicht. Leider. Außerdem konnte er es sich nicht leisten, seinen einzigen wahren Freund zu verprügeln. Mit gebrochenen Knochen wäre Ro nicht mehr dazu in der Lage, ihn bei Nyms Befreiung zu unterstützen – und dann konnte Levi es auch ganz sein lassen. Er wollte Nika und Vea wirklich nicht zu nahe treten, aber die beiden hatten herzlich wenig Erfahrung im Kämpfen. Auch wenn Ro meinte, dass Nika eine begabte Messerwerferin sei. Allerdings war Ro ja auch ein verliebter Vollidiot, also wer konnte sagen, wie wahr seine Worte waren?

Die besagten Mädchen seufzten schwer und drehten sich dann zu ihnen um.

„Ich weiß, wir meinten, dass wir heute noch in die Vierte Mauer gehen, aber wir halten das für keine gute Idee“, sagte Vea langsam.

„Warum nicht?“, wollte Levi wissen.

„Weil wir dort keine Freunde mehr haben. Alle Rebellen der Vierten Mauer sind vor ein paar Stunden mit dem Schiff nach Asavez übergesetzt. Hier jedoch …“ Vea hob die Arme. „Hat Nika noch einige Kontakte.“

Ro wandte sich zu seiner Freundin um, doch Levis Blick blieb auf Vea liegen. Mit jeder verstreichenden Minute entdeckte er mehr Ähnlichkeiten zu ihrer Schwester. Auch wenn Vea etwas hellere Haare und grün-braune anstatt dunkelblaue Augen hatte … ihre ganze Energie und Körperhaltung erinnerten ihn an Nym.

„Was sind das für Kontakte? Sind sie vertrauenswürdig?“, wollte Ro wissen, und Levi war erleichtert, dass es zumindest noch einen Mann gab, der sich auf das Wesentliche konzentrierte.

Er wusste schon, warum er sich nie hatte verlieben wollen. Es waren keine zwei Stunden vergangen, seitdem er es sich selbst eingestanden hatte, und schon hatte er das Gefühl, nicht mehr klar denken zu können.

„Natürlich sind sie vertrauenswürdig“, beschwichtigte ihn Nika. „Er ist ein sehr enger und alter Freund von mir. Außerdem ist er Teil der hiesigen Rebellengruppe.“

„Hier gibt es auch Rebellen?“, fragte Liri mit großen Augen.

„Was soll das heißen: ein enger und alter Freund?“, fragte Ro mit zusammengekniffenen Augen.

Nika strich Liri lächelnd über den Kopf. „Es gibt überall Rebellen“, erklärte sie, bevor sie zu Ro gewandt hinzusetzte: „Überlass Levi das mit dem Idiot-Sein. Zwei davon können wir nicht gebrauchen.“

Ros Mund stand leicht offen. „Du hast mir die Frage nicht beantwortet.“

„Ich weiß. Gehen wir?“ Nika wartete nicht auf eine Antwort, sondern hakte sich bei Vea unter, die nur mühsam ein Lächeln verbergen konnte, und gemeinsam traten sie aus der engen Gasse hinaus.

Ro starrte seiner Freundin hinterher, und erst als Liri seine und Levis Hand nahm und an ihnen zog, setzte er sich in Bewegung.

„Was meint sie mit enger Freund?“, fragte er Levi.

Levi hob eine Schulter. „Na ja, es könnte heißen, dass es ihr Ex-Freund ist. Vielleicht aber auch nur eine alte Affäre. Nichts, worüber du dir Gedanken machen musst …“

Ro schnaubte, sah aber dennoch etwas verunsichert aus. „Der einzige Grund, warum ich deinen Kopf nicht in die Mauer neben dir ramme, ist der, dass du gerade emotional verwundbar bist.“

„Ich bin einen emotionalen Scheißdreck!“, zischte Levi wütend. „Ich –“

„Hör auf zu fluchen, Levi“, sagte Liri und sah mit roten Wangen zu ihm hinauf. „Ich finde es süß, dass du verliebt bist.“

Levi stöhnte laut.

Toll. Jetzt war er nicht nur emotional verwundbar, sondern auch noch süß. Warum winkte er seiner Männlichkeit nicht gleich auf Wiedersehen?

Wo waren diese göttlichen Soldaten, wenn man sie mal brauchte? Er hatte Lust, sich zu prügeln.

Leider würde er an diesem Tag wohl nicht auf seine Kosten kommen, denn die Hauptstraße, auf die sie nun bogen, war menschenleer.

Vea und Nika liefen mit gesenkten Köpfen vor ihnen her und sie folgten ihrem Beispiel. Einzig Liri, die zwischen Ro und ihm verborgen die Straße entlangging, hatte Probleme damit, den Blick unten zu halten. Sie war viel zu interessiert an ihrer Umgebung. Wahrscheinlich suchte sie nach Schmetterlingen.

„Sieh auf den Boden, Liri“, murmelte Levi und drückte kurz ihre Hand.

Verwundert sah sie zu ihm auf. „Aber warum denn? Hier ist doch niemand!“

Womit sie recht hatte. Der Großteil der Bewohner befand sich wahrscheinlich noch betrunken auf Amries Marktplatz. Der Tag der Götter war der einzige Tag, an dem die bei Sonnenuntergang einsetzende Ausgangssperre gelockert wurde. Sie konnten nur hoffen, dass Nikas Kontakt überhaupt zuhause war.

Sie folgten den Mädchen in eine weitere schmale Gasse, die an verschiedenen Gärten vorbeiführte. Die Häuser und Grünflächen hier waren kleiner und dezenter als die in der Vierten Mauer. Während die Händler und Importeure auf farbenfrohe Wände und facettenreiche Formen setzten, gaben sich die in der Fünften lebenden Dienstleister und Verkäufer mit schlichten weißen und grauen Gebäuden zufrieden, die allesamt würfelförmig waren. Die Schindeln, die die Dächer bedeckten, waren zumeist schwarz und die wenigen Gärten wurden hier definitiv nicht so oft gewässert wie in den höheren Mauern.

Levi erinnerte sich nur äußerst vage daran, wie imposant und riesig das Haus gewesen war, in dem er seine Kindheit verbracht hatte. Die Adeligen hatten keine Ahnung, wie verschwenderisch sie lebten, und es interessierte sie auch nicht. Warum sollte es?

Eine hohe Mauer trennte sie von dem deprimierenden Kleinvolk, das sich jeden Tag zu Tode rackern musste, um seinen Familien Essen auf den Tisch zu bringen.

Levis Gedanken flogen kurz zu dem Brief, den ihm sein Vater hatte zukommen lassen. Er verdrängte den Gedanken daran schleunigst wieder. Er war ohnehin schon wütend, da brauchte er nicht noch einen Ansporn dazu, eine sinnlose Schlägerei zu beginnen.

Ihre Schritte hallten verräterisch laut von den eng beieinanderliegenden Wänden wider, während die Sonne endgültig hinter der Mauer verschwand. Levi war erleichtert, als Nika ein letztes Mal abbog und dann direkt vor dem ersten Haus stehen blieb. Die Tür war so schmal und niedrig, dass Levi sie zuerst übersehen hatte.

Nika zögerte nicht lang, sondern klopfte gleich an, während Ro sich neben sie schob und beiläufig einen Arm um ihre Schultern drapierte.

Levi schnaubte, gerade laut genug, sodass sein Freund ihn hören konnte, doch Ro beachtete ihn nicht. Sein Blick war auf die Tür geheftet, hinter der man leise Schritte vernehmen konnte.

Einen Moment später wurde sie einen Spalt weit geöffnet. Levi erkannte ein dunkelbraunes Augenpaar und eine kleine Gestalt, die zu einem jungen Mädchen zu gehören schien, bevor sich eine große Hand auf die schmalen Schultern legte und das Mädchen beiseite zog.

„Was habe ich dir zum Türenöffnen gesagt, Tala?“, murmelte eine tiefe Stimme, bevor der Eingang zur Gänze geöffnet wurde.

Es tat Levi leid für Ro, aber der Kerl, der zum Vorschein kam, war äußerst attraktiv. So gut sein männliches Auge das beurteilen konnte.

Er grinste. Okay, es tat ihm überhaupt nicht leid. Es war amüsant, Ro dabei zu beobachten, wie er seinen Arm immer enger um Nika zog, bis diese ihn genervt abschüttelte.

Der junge Mann, der sich durch die enge Tür nach draußen quetschte, blickte sie alle aus grauen Augen verwundert an, bevor er die älteren Mädchen erkannte.

„Nika? Vea?“, fragte er verblüfft. „Was tut ihr hier? Solltet ihr heute nicht den Appo überqueren?“

„Ja, sollten wir“, meinte Nika mit einem Schulterzucken. „Es gab eine kleine Planänderung. Ich sag es nur ungerne, Bragan, aber wir könnten Hilfe gebrauchen. Und einen Platz zum Schlafen.“

Ohne zu zögern nickte der Mann und wollte schon zur Seite treten, um sie einzulassen, als Vea ihn am Arm berührte. „Bevor du uns in dein Haus lässt, erscheint es mir angebracht, dir zu sagen, dass wir als Rebellen enttarnt wurden und uns möglicherweise die gesamte Göttliche Garde sucht. Und sollte sie herausfinden, dass wir immer noch hier sind, wird sie uns zweifelsohne umbringen wollen.“

Der dunkelhaarige Mann, der nicht viel älter als Levi sein konnte, lächelte Vea an und schüttelte den Kopf. „Vea, es ist lieb, dass du dir Sorgen machst, aber wenn ich festgenommen werden sollte, dann aus einer Menge anderer Gründe. Allen voran dem, dass ich Geld unterschlage und illegal Waffen schmiede, mit denen ich vorhabe, die Göttliche Garde zu meucheln. Mach dir also keine Gedanken.“

Nika lachte und drückte den Kerl – Bragan? – an sich, bevor sie Vea in das Haus schubste und ihr folgte.

Levi schob Liri an ihren Schultern hinter ihnen her, während Ro hinter ihm leise fragte: „Sah das für dich wie eine ungewöhnlich innige Umarmung aus? Er hat sie schon unangemessen fest an sich gedrückt, oder?“

Du meine Güte. Hörte Levi sich genauso erbärmlich an, wenn er über Nym redete? Er konnte nur hoffen, dass dem nicht so war. Und dass Bragan diese Frage gehört hatte.

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss und Levi sah sich um. Sie standen in einem steinernen Raum – steinerner Boden, steinerne Wände, steinerne Decke – der lediglich von zwei Kerzen erleuchtet wurde, die auf einem quadratischen Tisch standen. Rechts führte eine schmale Treppe in den ersten Stock und links war eine kleine Kochnische in die Wand eingelassen. Mit den sieben Leuten, die sich zurzeit hier befanden, wirkte das Zimmer doch etwas überfüllt.

Das kleine Mädchen, das Levi bereits durch den Türspalt gesehen hatte und nun auf einem Stuhl ihnen gegenüber saß, starrte sie alle mit großen Augen an. Es hatte zwei hellbraune Zöpfe und musste ein paar Jahre jünger sein als Liri. Levi schätzte sie auf acht oder neun.

„Dann ist es also wahr?“, fragte es aufgeregt, die Hände in seinem Schoß knetend. „Ihr seid geblieben, um die Götter zu stürzen? Ich hab immer gesagt, wenn Soldaten aus Asavez kommen, dann werden sie bleiben, bis die Götter weg sind, aber Brag und die anderen wollten mir nie glauben!“

„Tala, ich glaube nicht, dass fünf Soldaten reichen, um die Götter zu stürzen“, murmelte Brag und deutete auf die Stühle vor ihm, um ihnen zu bedeuten, sich zu setzen.

Es waren nicht genug Plätze für alle da, deshalb blieben Levi, Ro und Brag stehen. Levi fühlte sich im Stehen ohnehin sicherer. Nika mochte behauptet haben, dass sie Brag vertraute, aber Levi blieb skeptisch. Er war nicht zum zweiten Offizier aufgestiegen, indem er blind sein Vertrauen verschenkt hatte.

„Levi und Ro allein gelten als zehn Soldaten, weil sie die besten sind“, bemerkte Liri weise. Sie saß auf dem Platz direkt neben Tala.

Brag hob eine Augenbraue in Ros und Levis Richtung. „Ihr seid aus Asavez?“

Sie nickten.

„Und ihr seid das Sahnehäubchen des asavezischen Soldatenkuchens?“

Levi bemühte sich, den aus Brags Stimme tropfenden Zweifel nicht allzu persönlich zu nehmen und nickte erneut.

„Wenn ihr die Besten seid“, bemerkte ihr Gastgeber trocken, „warum sind Vea und Nika dann immer noch hier, obwohl sie mittlerweile in Asavez sein sollten?“

Vea nahm Levi die Antwort ab. „Weil meine Schwester und mein Freund gefangen genommen wurden und wir sie erst retten müssen, bevor wir nach Asavez zurückkehren können.“

Stirnrunzelnd lehnte Brag sich mit dem Rücken gegen eine der steinernen Wände. „Deine Schwester? Ist sie nicht Teil der Göttlichen Garde?“

Vea lief rosa an. „Na ja, schon. Aber jetzt … irgendwie nicht mehr. Vielleicht.“

Brag verstand offensichtlich kein Wort, und Levi konnte es ihm nicht verübeln. Er selbst hatte Probleme damit, zu erklären, wie er in diese Situation gekommen war.

Fragend blickte der Dunkelhaarige zu Nika, die etwas hilflos eine Schulter hob. „Es ist … kompliziert?“, bot sie an.

„Also, ihr werdet die Götter nicht stürzen?“, wollte Tala jetzt wieder wissen, ihre Mundwinkel traurig nach unten gerichtet.

Liri lächelte breit und tätschelte dem Mädchen die Hände. „Nicht heute, aber bestimmt sehr, sehr bald!“

Du liebe Güte. Stöhnend fuhr sich Levi mit der flachen Hand über das Gesicht. „Liri, bitte.“

Verwirrt sah sie zu ihm auf. „Was denn? Du redest doch andauernd davon, die Götter zu stürzen.“

„Ich rede nicht andauernd davon.“

Sie schob die Unterlippe vor. „Einmal die Woche mindestens.“

Schön! Wenn das ihre Definition von andauernd war, dann hatte sie recht. Aber nur, weil er sein Leben lang von Rachegelüsten geleitet worden war, hieß das nicht, dass er tatsächlich dazu in der Lage wäre, die Götter zu stürzen.

Schließlich waren es die verdammten Götter!

Levi seufzte tief und richtete seine Aufmerksamkeit auf Bragan. „Wir haben heute eine Menge Flüchtige und Rebellen nach Asavez gebracht. Allerdings wurde jemand von unserer Gruppe getrennt und wir sind hiergeblieben, um sie zu retten“, erklärte er. Denn alles, was die anderen bis jetzt von sich gegeben hatten, war wirres Zeug gewesen.

Brag schien mit der Erklärung jedoch nicht zufrieden. „Wie genau soll diese Rettung aussehen?“

Gute Frage. „Wir werden in die Dritte Mauer einbrechen, sie rausholen und dann zurück nach Asavez reisen“, sagte er schlicht.

Eine Weile musterte Bragan ihn, dann stellte er kopfschüttelnd fest: „Und ich dachte, ich wäre wahnsinnig, weil ich versuche, die Rebellen der Fünften Mauer zum Kampf auszubilden.“

Levis Mundwinkel zuckten. „Genie und Wahnsinn liegen oft nah beieinander. Ich würde uns also gute Chancen einräumen.“

Er sagte das mit einer Selbstsicherheit, die er selbst nicht verspürte. Manchmal war Wahnsinn nämlich einfach nur Wahnsinn.

„Nur aus Interesse“, sagte Brag langsam, die Augen zu Schlitzen verengt. „Wie genau wollt ihr in die Dritte Mauer gelangen?“

Ro machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wir werden uns einen kleinen Plan zurechtlegen und dann improvisieren.“

Brag schnaubte. „Was für eine Art von Soldaten seid ihr eigentlich?“

Levi sah, wie Vea ihm einen vielsagenden Blick zuwarf.

Ja, sie erinnerte ihn sehr an Nym.

„Wir sind die Art Soldaten, die niemanden zurücklässt“, sagte er ruhig.

Stille fiel über die kleine Runde, während Liris und Talas Blicke immer wieder zwischen ihm und Brag hin und her flogen.

Schließlich nickte ihr Gastgeber. „In Ordnung, ich helfe euch, dort einzubrechen.“

Verblüfft hob Levi eine Augenbraue. „Wir haben nicht um diese Art von Hilfe gebeten. Uns reicht ein Platz, an dem wir uns für ein paar Tage verstecken können, um einen Plan zurechtzulegen.“

Brag zuckte die Achseln, die Arme vorm Körper verschränkt. „Ich biete euch trotzdem meine Hilfe an. Die Götter haben mir meine Eltern und meine Schwester, Talas Mutter, genommen. Da werde ich mir eine Möglichkeit, sie zu verärgern, doch nicht entgehen lassen. Und ihr werdet jemanden brauchen, der euch den Rücken freihält.“

Daran bestand kein Zweifel, deswegen nickte Levi nur knapp. Er wusste immer noch nicht, ob er Brag trauen konnte, aber wenn er ehrlich war, dann befand er sich nicht in der Position, wählerisch zu sein. „In Ordnung. Danke. Das wissen wir sehr zu schätzen.“

„Wir können euch bestimmt auch retten!“, sagte Liri lächelnd, ihre blonden Haare wirkten in dem Schein der flackernden Kerze fast gelb.

„Wir müssen nicht gerettet werden“, unterrichtete sie Tala. „Wir sind Kämpfer, oder Brag?“

Der junge Mann schmunzelte und drückte seiner Nichte einen Kuss auf den Scheitel. „So ist es.“

„Was meint sie damit?“, fragte Vea verwirrt. „Wenn wir anbieten würden, euch mit nach Asavez zu nehmen, würdet ihr trotzdem hierbleiben?“

„Moment mal, wir?“, fragte Ro verwirrt. „Wir bieten überhaupt nichts an!“ Niemand beachtete ihn.

„Nein, wir würden nicht mitkommen“, erklärte Brag und strich behutsam über Talas Kopf.

„Aber warum?“ Nika schien ebenso verwirrt. „Ich dachte, auch euer Traum wäre es, nicht mehr unter den Göttern leben und arbeiten zu müssen.“

Langsam nickte Brag. „Du hast recht. Wir träumen davon, nicht mehr unter den Göttern zu stehen. Aber wir möchten es in unserem Land tun. Wir werden nicht weglaufen. Viele von uns halten die Flucht für ein Zeichen des Aufgebens. Das ist unser Land! Wir wurden hier geboren, wir sind hier aufgewachsen – wir werden nicht gehen.“

Nika verschränkte die Arme vor dem Körper und sah mit zusammengepressten Lippen zu ihm hinauf. „Willst du damit andeuten, dass es feige von uns ist, fliehen zu wollen?“

„Nein, das möchte ich nicht. Alles, was ich sagen will, ist, dass wir den Bewohnern der äußeren Mauern die letzte Hoffnung nehmen würden, sollten alle Rebellen anfangen, aus dem Land zu fliehen. Uns würde es gut gehen, wenn wir aus Bistaye verschwinden. Aber was ist mit denjenigen, die nicht gehen können? Die nicht dazu in der Lage sind, sich zu wehren?“

„Ihr wollt die Mauern von innen heraus stürzen?“, fragte Ro leise.

Brag nickte. „Das wollen wir.“

Und schon wirkte ihr Vorhaben, in die Dritte Mauer einzubrechen und Nym dort herauszuholen, nicht mehr ganz so wahnsinnig.

Ro schien dasselbe zu denken, denn er fing leise an zu lachen. „Ich respektiere Männer, die nach den Sternen greifen, aber … wie zur Hölle wollt ihr das ohne Hilfe anstellen?“

Brag schien verwirrt. Er kratzte sich am Kopf und blickte Ro verständnislos an. „Aber wir bekommen Hilfe. Gerade ihr solltet das wissen. Ihr wart es doch, die in den letzten Wochen mit uns Kontakt aufgenommen haben!“

Das Lächeln fiel von Ros Gesicht. „Wir haben was?“

Alle starrten Brag an, der verwundert die Stirn runzelte. „Wir haben Nachricht von Provodes selbst erhalten, dass er uns Hilfestellung leisten und die Asavezische Armee schicken wird, sobald wir die Rebellen soweit sortiert und vorbereitet haben, dass sich ein Angriff lohnt.“

„Provo war hier?“ Ungläubig starrte Levi ihn an. Er hätte jetzt gerne einen Stuhl gehabt, um sich zu setzen. Dieser Tag wurde immer verrückter – und Brag schien immer verwirrter.

„Nein, natürlich war er nicht selbst hier. Ich habe mit einem gewissen Jaan gesprochen. Ich dachte, er gehöre zu euch?“

Jaan.

Levi fluchte leise und legte sich eine Hand über die Augen. Er hätte gerne gelacht, aber er war zu wütend, um einen derart freundlichen Ton von sich zu geben. Provo hatte es nicht für nötig gehalten, ihn darüber zu unterrichten, dass er hinter seinem Rücken Kontakt zu den einzelnen Rebellengruppen der Sieben Mauern aufgenommen hatte?

Er begegnete Ros Blick. Sein Freund sah genauso ungläubig aus, wie Levi sich fühlte.

Ihm war klar gewesen, dass Jaan noch einen anderen Auftrag bekommen hatte. Er hätte es dennoch nett gefunden, wenn Provo mehr Vertrauen gezeigt hätte! Zum Beispiel damit, ihm zu erklären, was Jaan in all den Nächten, in denen er alleine umhergestrichen war, eigentlich tat.

„Ja, er gehört zu uns“, presste Levi zwischen den Zähnen hervor.

„Der war echt gruselig“, flüsterte Tala, und Levi konnte ihr da nur zustimmen.

Er respektierte Jaan, und niemand wäre so dumm, sich mit ihm anzulegen, dennoch jagte er Levi manchmal Angst ein. Er war einfach so verdammt undurchschaubar!

„Heißt das … ihr wusstet nicht, dass euer Anführer plant, die Göttliche Garde aus dem Weg zu räumen?“, wollte Brag verwirrt wissen.

„Nein“, sagte Levi seufzend. „Das muss er vergessen haben, zu erwähnen.“

„Moment.“ Nika schob ihren Stuhl vom Tisch weg und starrte zu Brag hinauf. „Warum nur die Garde töten? Warum nicht die Götter stürzen?“

Brag zuckte die Achseln. „Jaan sagte, das sei nicht nötig. Dass die Götter ohne die Garde keine direkte Macht mehr hätten. Und da es nicht möglich ist, die Götter selbst zu töten, wäre das der einzige Weg, Bistaye zu befreien.“

Levis Gedanken überschlugen sich. Natürlich war ihm bewusst gewesen, dass es Provos ultimatives Ziel war, Bistaye und Asavez zu vereinen und die Götter zu stürzen. Aber er hatte nie geahnt, dass Provos diesbezügliche Pläne bereits so weit fortgeschritten waren. Wie hätte er auch? Der Anführer hatte nie etwas in diese Richtung erwähnt.

„Was hat Jaan noch gesagt?“, frage Levi und atmete tief durch.

„Nicht viel. Nur, dass er sich wieder mit uns in Verbindung setzen würde. Er war … ein wenig geheimnisvoll.“

Ro und Levi schnaubten gleichzeitig. Geheimnisvoll war eine Untertreibung.

„Aber warum dann die Rebellen aus der Vierten Mauer retten?“, wollte Vea wissen. „Wenn Provo ohnehin plant, die Mauern von innen heraus zu stürzen, warum uns retten?“

„Weil es Sinn macht, so viele Unschuldige wie möglich in Sicherheit zu bringen, bevor Krieg ausbricht“, beantwortete Ro leise ihre Frage. „Vor allem Menschen aus den inneren Mauern, in denen die meisten Bewohner auf der Seite der Götter sind.“

Levi nickte bestätigend und rieb sich mit der flachen Hand über die Stirn. Sein Kopf stand kurz davor, zu explodieren. „Wir müssen so schnell wie möglich nach Asavez, Ro“, murmelte er. Er wollte mit Provo reden. Er musste wissen, warum er nicht eingeweiht worden war. Wissen, was zur Hölle eigentlich los war!

„Aber was ist mit Nym?!“, fragte Liri panisch, die Augen riesig.

„Wir werden zuerst Nym holen und dann nach Asavez gehen“, erklärte er ihr.

Wenn ein Krieg bevorstand, dann würde er Liri auf keinen Fall länger als nötig hierbehalten.

„Womit wir wieder zur Ursprungsfrage kämen“, sagte Ro langsam. „Wie retten wir Nym?“

Levi hatte keinen blassen Schimmer.

„Wir sollten erst einmal eine Nacht darüber schlafen“, schlug Nika vor, stand auf und nahm Ros Hand. „Wir haben einen langen Weg hinter uns. Es wird uns guttun, ein wenig Ruhe zu finden.“

Davon war Levi überzeugt. Er bezweifelte jedoch, dass er in naher Zukunft dazu in der Lage sein würde, das Wort Ruhe auch nur zu denken.

Brag nickte. „Wir haben zwei freie Zimmer oben. Ihr könnt euch darauf aufteilen. Nika, du kannst natürlich auch bei mir schlafen, wenn es dir zu eng wird. Wie in alten Zeiten.“

Ros Kiefer knackte laut. „Sie wird ganz sicher nicht –“

Nika grinste und strich ihm beruhigend über den Arm. „Ich werde schon einen Platz finden“, versicherte sie Brag. „Danke, dass wir hierbleiben können.“

„Natürlich“, sagte Brag freundlich. „Folgt mir.“ Er nahm Tala an der Hand und ging die Stufen hinauf. Levi bemerkte amüsiert, dass Ros Gesicht die Farbe eines intensiven Sonnenuntergangs angenommen hatte, und ließ ihm zusammen mit Nika und Liri den Vortritt.

Als auch Levi die erste Stufe erklimmen wollte, spürte er plötzlich eine Hand, die ihn am Arm zurückhielt. Er hielt inne und wandte sich überrascht um.

Vea sah zu ihm auf. „Kann ich dir noch eine kurze Frage stellen?“

Seufzend legte er sich eine Hand in den Nacken. „Ja, ich bin in deine Schwester verliebt, und nein, es ist nicht süß“, sagte er genervt.

Und ja, er war erbärmlich.

Vea hob eine Augenbraue und machte einen Schritt zurück. „Ähm, okay. Mein Beileid. Aber das wollte ich gar nicht wissen.“

„Oh.“ Jetzt kam er sich noch erbärmlicher vor. „Was wolltest du dann fragen?“

„Nun, mir ist aufgefallen, dass du mir noch gar nicht gesagt hast, um was es in dem Brief ging, den ich dir gegeben habe.“

Levi verengte die Augen. Sie hatte ihn schon einmal danach gefragt. „Ja und ich habe auch nicht vor, es dir zu erzählen.“

„Mhm. Ich finde, ich habe das Recht, es zu erfahren. Ohne mich hättest du ihn schließlich nie bekommen.“

Da war Levi anderer Meinung. „Es handelt sich um ein Missverständnis“, erklärte er. „Der Brief ist nicht weiter wichtig.“

Und er wünschte, sein Vater hätte ihn nie geschickt.

Vea betrachtete ihn eindringlich, nickte jedoch schließlich.

„In Ordnung. Manche Menschen können wohl nicht anders, als ab und an zu lügen.“

„Du meinst, Menschen wie du? Menschen, die ihre Schwester in dem Glauben lassen, dass sie von allen gehasst wird?“, fragte Levi trocken. „Menschen, die einen gewissen Verlobten verschweigen, der nun noch einen Grund mehr hat, mich zu hassen?“

Nicht dass er damit ein Problem hatte. Von Tujan gehasst zu werden, war etwas, mit dem er sehr gut zurechtkam. Es war nur fair, da er ihm dieselben Gefühle entgegenbrachte.

Er würde Tujan nur allzu gerne in die Finger bekommen. Die Frage war nur: Würde Nym ein Problem damit haben, wenn er ihren Verlobten umbrachte?

Er selbst sah da nichts Schlechtes dran, aber Frauen hatten ja die verdrehtesten Gedankengänge. Sie könnte das falsch auffassen.

Vea senkte den Blick und ihre Wangen liefen tiefrot an. „Das tut mir wirklich leid. Ich weiß, ich hätte nicht lügen sollen, nur …“ Sie seufzte. „Nein, dabei belasse ich es. Ich hätte wirklich nicht lügen sollen.“

Levi nickte und seufzte schwer. Eigentlich sollte er ihr dankbar für die Lügen sein. Wer wusste schon, ob Nym noch mit ihm geschlafen hätte, hätte sie von ihrem Verlobten gewusst.

„In Ordnung. Du hattest deine Gründe. Entschuldigung angenommen.“

Vea schien über seine Worte aufrichtig erleichtert. „Danke.“ Sie wollte an ihm vorbei die Treppen hinaufsteigen, doch diesmal war er es, der sie zurückhielt.

„Vea, deine Schwester und Tujan … sie hatten nicht zufällig eine Menge Beziehungsprobleme?“

Vea wandte sich um, und er konnte sehen, wie sie versuchte, ein Schmunzeln zu unterdrücken – und dabei vollkommen versagte. „Du fragst die Falsche, Levi. Ich habe sie bis vor ein paar Tagen nur alle elf Monate gesehen, schon vergessen?“

Er fuhr sich durch die Haare. Richtig.

„Aber, wenn es dir hilft: Ich finde, sie hat dich des Öfteren verliebt angesehen und … na ja, die Tatsache, dass sie Jeki vergessen hat, würde ich schon als Beziehungsproblem bezeichnen, oder?“

Levi schnaubte. Ja, das würde er auch. Blieb nur zu hoffen, dass sie ihn nicht plötzlich auch vergaß … oder sich an ihre Liebe zu Jeki erinnerte.

Kapitel 3

Unanfechtbare Vorschriften
№ 3

Wo kein Kläger, da kein Richter.

„Du hattest recht.“

„Du klingst nicht überrascht.“

„Du hast mir nie Anlass gegeben, deine Vermutungen anzuzweifeln“, sagte Jaan milde lächelnd.

„Api hat also seinen Handabdruck in ihrem Geist hinterlassen?“ Provo ließ seine Fingerspitzen über die glatte Oberfläche des Schreibtisches gleiten und blickte in die blassblauen Augen seines engsten Vertrauten. Viele meinten, Jaans Blick sei verschlossen und kühl. Das hatte Provo jedoch nie so empfunden.

„Ja. Doch wenn ich mich nicht irre, ist er nicht präzise genug vorgegangen.“

Provo nickte. „Und auch du hast mir nie Anlass dazu gegeben, deine Vermutungen anzuzweifeln. Es wundert mich nicht, dass Api Probleme mit seinem Feingefühl hatte. Das spielt uns natürlich in die Karten. Wo ist sie jetzt?“

„Ich vermute bei der Göttlichen Garde.“

„Natürlich.“ Nachdenklich lehnte Provo sich gegen die Tischplatte. „Sie werden versuchen, sie umzustimmen. Wie schätzt du ihre Erfolgschancen ein?“

„Das ist schwer zu sagen. Zweifelsohne ist sie jedoch nicht mehr dieselbe.“

„Das reicht mir. Wir werden abwarten. Wir könnten sie für unsere Zwecke sehr gut gebrauchen.“ Er lachte leise und schüttelte den Kopf. Er konnte nicht glauben, wie unvorsichtig sie gewesen waren. „Api hat uns eine Spionin geschickt, die Dinge über uns herausfinden sollte. Stattdessen aber haben wir jetzt jemanden, der die Göttliche Garde besser kennt als Api selbst. Das ist mehr als ich mir wünschen konnte. Er hat uns die perfekte Waffe geliefert. Du wirst dafür sorgen, dass sie unversehrt fliehen kann, wenn sie es wünscht, und sie beseitigen, sollte das nicht der Fall sein?“

Er musste nicht einmal aufsehen, um zu wissen, dass Jaan nickte. Die Dinge entwickelten sich großartig. Besser als er sie selbst hätte planen können.

„Du hast Kontakt zu den Rebellengruppen aufgenommen?“, fragte er weiter.

„Das habe ich. Sie werden allerdings noch ein paar Wochen brauchen, um sich ausreichend zu organisieren. Außerdem werden sie Waffen benötigen.“

Das hatte er bereits in die Wege geleitet.

„Du hast weder Levi noch jemand anderem – vor allem nicht der kleinen Spionin – etwas darüber erzählt?“

„Deine Frage kränkt mich, Provo.“

Er schmunzelte. „Entschuldige. Wie sieht es mit meinem anderen Auftrag aus?“

Jaan schwieg, was Provo dazu verleitete, den Blick zu heben. Sein Vertrauter hatte die Hände vor dem Körper verschränkt und eine seiner Augenbrauen gehoben.

Jaan war für alle schwer zu lesen – nicht aber für ihn.

„Du hast ihn nicht beendet“, stellte er verwundert fest.

„Nein, ich konnte die Liste nicht gänzlich abhaken.“

„Wie viele Namen fehlen?“

„Einer.“

Provo legte den Kopf schief und besah sich die tiefen Falten, die Jaans Stirn zierten. „Warum?“

„Ich … habe versagt.“

Provo lachte leise und strich über Jaans Fingerknöchel, sodass sich seine Hände aus ihrer Verknotung lösten. „Wie kann es sein, dass du versagst? Du versagst nie, mein Freund. Das ist eine der Eigenschaften, die ich an dir am meisten zu schätzen weiß. Mir drängt sich also der Gedanke auf, dass du das letzte Opfer nicht töten wolltest.“

Der Blick seines Gegenübers verhärtete sich. „Sie wird sterben“, sagte Jaan kontrolliert. „Wenn es an der Zeit ist.“

Provo hob eine Augenbraue. „Um welchen Namen handelt es sich?“

Er nannte ihn ihm.

Seine zweite Augenbraue folgte der ersten. „Gerade sie hast du am Leben gelassen?“

„Ich wurde unterbrochen.“

Provo lachte leise. „Erzähl mir nichts, Jaan. Niemand hätte dich davon abhalten können, deinen Auftrag zu beenden, außer du hattest Zweifel an dem, was du tust.“

Jaan wandte ihm den Rücken zu und ließ die Hand durch seine dunkelbraunen Locken fahren, so als wolle er versuchen, sie zu ordnen.
Provo hatte die Geste bisher nur zweimal an seinem Freund beobachten können. Beide Male in den Kreisbergen.

„Sie weiß nichts, Provo“, murmelte er.

„Jaan, erweicht etwa dein Herz?“, wollte er belustigt wissen. Es amüsierte ihn, dass Jaan es ausnahmsweise nicht gelang, seine Emotionen zu verbergen. Aber das änderte nichts daran, dass die Liste zu Ende geführt werden musste, bevor er die letzten Schritte einleitete.

„Sie wird dir nicht zum Verhängnis werden“, sagte Jaan und blickte ihn wieder an.

„Ja, noch nicht“, bemerkte Provo leise. „Aber sie wurde ins Vertrauen gezogen, auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht bewusst ist.“

Jaan nickte, denn er wusste um die Gefahr, die von ihr ausging. „Gestatte mir wenigstens, ihr so lange das Leben zu lassen, wie es möglich ist.“

„Natürlich.“ Wenn es Jaan so wichtig war, würde er ihm nicht widersprechen. „Denn ich vertraue dir.“

Jaans Mundwinkel hoben sich und er ließ seine Hand sinken, sofort wirkte er wieder wie sein gelassenes Ich.

„Das will ich doch hoffen“, meinte er lächelnd. „Wenn ich dein Vertrauen nicht hätte, würde ich wohl nicht mehr allzu lange leben.“

„Ah, ich wünschte, ich könnte dir da widersprechen, aber du erkennst ja ohnehin, wenn ich lüge.“

„Und auch damit hast du recht.“

Provo stieß sich von der Tischplatte ab. „Du wirst dich also um die kleine Spionin kümmern?“

„Ich werde noch heute wieder zurückreisen, wenn du es wünschst.“

Langsam schüttelte Provo den Kopf, seine Fingerspitzen nach Jaans Arm ausgestreckt. „Nein, das wünsche ich keineswegs. Ich denke morgen früh reicht vollkommen.“

Jaan lächelte milde und wie immer fanden seine Finger die zwei Narben, die Provos Augenbraue durchzogen. Provo schloss bei der vertrauten Geste für einige Momente die Augen, bis Jaan seine Hand wieder sinken ließ.

„Ja“, murmelte er. „Das denke ich auch.“

 

***

 

Es wird uns guttun, ein wenig Ruhe zu finden.

Ruhe finden.

Einen Scheiß fand er!

Es war egal, wo und wie lange Levi suchte: Er fand Ungeduld, Angst und Wut – aber keine Ruhe.

Sein Geist lief auf Hochtouren. Stellte Theorien über Nyms Vergangenheit auf, suchte nach Lösungen, fragte sich, wo sich Nym gerade befand … und ob sie mit dem Arschloch Tujan in einem Bett schlief.

Er legte sich seinen Handrücken auf die Stirn und starrte an die Decke über ihn. Die Fensterläden waren geschlossen und in der Schwärze, die ihn umfing, konnte er die Hand nicht vor Augen sehen. Geschweige denn die Wand. Klasse. Noch nicht einmal Ziegel konnte er zählen, um sich zu beruhigen.

Vea schlief auf der anderen Seite des Raumes, Levi konnte ihren gleichmäßigen Atem hören. Sie hatte Nika und Ro ihr eigenes Zimmer mit der damit einhergehenden Privatsphäre gönnen wollen. Liri lag direkt neben ihm, ihre Knie in seine Seite gepresst. Ihr Atmen war nicht gleichmäßig.

„Kannst du auch nicht schlafen“, flüsterte sie und schob ihre kleine Hand in seine. Dabei war sie gar nicht mehr so klein. Liri war zwölf und keine sechs mehr … und manchmal wünschte er sich, dass die Zeit nicht so schnell vergehen würde. Vor allem weil Liri vor sechs Jahren noch so viel weniger unangenehme Fragen gestellt hatte.

„Nein“, beantwortete er ihre rhetorische Frage.

„Bist du zu verliebt, um zu schlafen?“, fragte sie kichernd.

„Schlaf jetzt, Liri“, wies er sie an und konnte nur mit Mühe ein genervtes Stöhnen unterdrücken.

„Hast du Nym gesagt, dass du in sie verliebt bist? Wenn sie das weiß, dann könnte sie das ihrem Verlobten sagen und … dann wüsste er, dass er keine Chance mehr hat.“

Das brachte Levi doch tatsächlich zum Lachen. Wenn die Dinge nur so einfach wären.

„Hast du es ihr jetzt gesagt oder nicht?“, beharrte Liri.

Nein, hatte er nicht. Aber bis vor ein paar Stunden hatte er ja auch noch geglaubt, dass er eine Menge Zeit haben würde, erst einmal mit seinen eigenen Gefühlen klarzukommen, bevor er sie Nym verklickerte.

Levi fühlte sich mit den Gefühlen, die er für Nym empfand, absolut nicht wohl. Gefühle machten verletzlich. Gefühle machten unvorsichtig. Zusammengefasst: Gefühle machten dumm.

Und Dummheit war etwas, das er als Soldat absolut nicht gebrauchen konnte.

„Du hast es ihr nicht gesagt“, schlussfolgerte Liri, nachdem er mehrere Minuten später immer noch nicht geantwortet hatte. „Du hättest es ihr sagen sollen. Naha meint immer, dass Frauen hören wollen, was der Mann für sie empfindet.“

Ja, aber Naha sagte auch, dass ein Mann wissen solle, wie er seine eigene Wäsche wusch, bevor er mit einer Frau schlief. Und schon damals hatte er nicht auf sie gehört. Wie man Wäsche machte, wusste er noch immer nicht. Wie man mit einer Frau schlief hingegen … 

„Hast du auch Angst, Levi?“, flüsterte Liri und legte den Kopf auf seine Schulter.

Er schloss die Augen. Ja. Er hatte verdammt noch mal Angst. „Nym ist stark, Liri. Sie weiß sich schon zu helfen.“

„Ja, aber die Götter sind auch stark, oder? Weiß sie sich auch gegen die Götter zu helfen?“

Er wusste es nicht.

„Sie werden sie nicht töten“, sagte er laut. Vielleicht, weil es ihm so leichter fiel, seinen eigenen Worten zu glauben.

Er konnte spüren, wie Liri nickte. „Kannst du mir eine Geschichte erzählen“, flüsterte sie. „Eine Gute-Nacht-Geschichte?“

Ein kleines Lächeln zog an seinen Mundwinkeln. Liri hatte ihn schon seit mehreren Jahren nicht mehr um eine Geschichte zum Einschlafen gebeten. Sie hatte ihm laut und deutlich zu verstehen gegeben, dass sie viel zu alt sei, um sich von ihm Märchen anzuhören.

„Muss ich eine erzählen?“, murmelte er, die Augen immer noch geschlossen.

„Na ja, du kannst auch das Lied si–“

„Schön, welche Geschichte willst du hören?“

„Die, in der du mit mir aus Bistaye fliehst.“

Er seufzte. Die Geschichte kannte sie in- und auswendig. „Sicher, dass sie dich nicht langweilt? Ich könnte dir auch etwas anderes erzählen.“

„Ich will genau diese Geschichte.“

Natürlich tat sie das. „Schön“, murmelte er. „Aber dafür musst du die Augen schließen.“

„Sind zu.“

Er atmete noch ein letztes Mal durch, dann begann er zu erzählen: „Es war einmal ein äußerst putziges, liebenswertes, wenn auch leicht nerviges Baby …“

Liri kicherte. „Als du die Geschichte das letzte Mal erzählt hast, war ich nur putzig und nicht nervig.“

„Ja, aber das letzte Mal hat das ja auch noch gestimmt. Kann ich weitererzählen?“

„Okay.“

Und so erzählte er weiter. Von dem bösen Gott, der ihr das Leben hatte nehmen wollen, und dem tapferen, ritterlichen jungen Mann, der seine Schwester wie einen Laib Brot unter den Arm gepackt hatte und einfach so aus der Zweiten Mauer spaziert war. Levi hatte allen in Oyitis erzählt, er käme aus der Sechsten, aber Liri kannte natürlich die Wahrheit. Sie war eine Wahrheitsleserin – er hatte nie die Wahl gehabt, sie anzulügen.

„… und in Asavez, direkt am anderen Ende der Jeferabrücke, wartete der Hofnarr von Oyitis, um uns in Empfang zu nehmen. Er war froh, dass er endlich einen jungen Mann in seinem Alter gefunden hatte, an dem er sich ein Beispiel nehmen konnte.“

Er ließ den Teil, in dem er zwei Tage im Wald herumgeirrt war und gemeinsam mit Liri fast verdurstet wäre, bevor Ro sie gefunden hatte, absichtlich aus. Seine Schwester sollte schlafen, keine Albträume bekommen.

„Ro ist kein Hofnarr“, meinte sie kichernd.

„Du hast recht. Den Hof kann man wohl streichen.“

Liri prustete, bevor sie ernst sagte: „Danke, dass du mich gerettet hast.“ Sie klopfte ihm sanft auf die Schulter, als wolle sie ihn dafür loben. „Das war sehr mutig.“

Levi lachte leise. Er war nicht mutig gewesen. Nur verzweifelt. „Jederzeit.“

„Ich finde es schade, dass Mama gestorben ist. Ich glaub, ich hätte sie gerne kennengelernt“, flüsterte sie und ihre Worte waren wie ein Seil, das sich automatisch um Levis Herz schnürte.

„Ja, ich finde es auch schade. Sie hätte dich auch sehr gerne kennengelernt.“

Wieder konnte er Liri nicken spüren. „Levi … der Tag, an dem du mich gerettet hast, war das auch der Tag, an dem Papa gestorben ist?“

Das Seil zog sich enger um seine Brust und Levi schwieg.

Was sollte er dazu sagen? Vor kurzem hätte er die Frage bejahen können und es wäre keine Lüge gewesen. Bis vor ein paar Tagen war er davon ausgegangen, dass Thaka seinen Vater getötet haben musste.

„Schlaf, Liri“, murmelte er, doch er musste seine Schwester nicht sehen, um zu wissen, dass sie seine Anweisung ignorierte.

„Warum beantwortest du die Frage nicht?“

Ja, die Zeiten, in denen sie sechs und ihre Fragen simpler gewesen waren, waren definitiv einfacher gewesen. Er hatte die Befürchtung, dass er sie heute Abend nicht einmal mit einem lebendigen Schmetterling hätte ablenken können.

„Ich bin müde, Liri.“

„Ist Papa nicht an dem Tag gestorben?“

„Er …“ Doch was sollte er ihr erzählen? Verdammt, manchmal nervte es echt, dass er nicht lügen konnte. „Nein. Er ist nicht an dem besagten Tag gestorben.“

„Oh. Dann davor?“

Levi schloss die Augen und atmete tief durch. „Nein. Davor auch nicht. Liri …“ Er hatte es ihr nie erzählen wollen. Er hatte sie vor dem Wissen schützen wollen, dass ihr Vater ihre Hinrichtung mit einem Schulterzucken hingenommen hatte, aber jetzt? „Liri, er ist nicht tot“, murmelte er leise. „Er lebt noch. In der Zweiten Mauer.“

Er konnte die Rädchen in ihrem Kopf praktisch rattern hören. „Das verstehe ich nicht. Warum ist er dann nicht mitgekommen?“

„Weil … wir zu zweit aufgefallen wären.“

„Du lügst, Levi.“

Ja und sie sollte seine Lüge einfach mal hinnehmen!

„Ich bleib solange wach, bis du mir die Wahrheit sagst.“ Liris Stimme war lauter geworden und er konnte hören, wie Vea etwas im Schlaf murmelte.

Scheiße.

Es ist deine Entscheidung – und du wirst die richtige treffen.

Das waren Nyms Worte gewesen. Doch im Moment sah es so aus, als würde es sich um keine Entscheidung mehr handeln.

„Er wollte nicht mitkommen, Liri“, erklärte er sanft.

„Hast du ihn gefragt?“

„Nein.“

„Woher weißt du dann, dass er nicht mitkommen wollte?“

„Ich wusste es einfach.“

„Aber –“

„Du weißt, dass es die Wahrheit ist, Liri.“

Sie verstummte.

Levi legte den Arm um ihre Schultern und küsste sie sanft auf den Scheitel. Mehr konnte er ihr nicht geben. Und mehr würde sie nicht von ihm hören.

 

***

 

Nym schlug die Augen auf und brauchte eine Weile, um sich ihrer Umgebung bewusst zu werden.

Sie lag auf einem weichen Bett, und als sie sich aufrichtete, bemerkte sie eine Gestalt, die zu ihrer Rechten in einem Sessel saß.

Innerhalb von Sekunden hatte sie das Buttermesser gezückt, das sie gestern vor dem Schlafengehen aus der Küche geholt hatte. Doch dann erkannte sie Jeki, der sie aufmerksam betrachtete, und ließ es wieder sinken. Alle Geschehnisse des gestrigen Tages kamen schlagartig zu ihr zurück.

Er war keine Bedrohung.

Sie war Salia. Jeki war ihr Verlobter. Und er liebte sie.

Ihr Herz zog sich in ihrer Brust zusammen und mit zittrigen Händen strich sie ihre Haare glatt. Das Messer glitt aus ihren Fingern und fiel auf die Matratze. Blut pochte laut in ihren Ohren und sie brauchte einige Momente, um ihre Gedanken zu ordnen.

Nein. Eine Nacht darüber zu schlafen, hatte es nicht besser gemacht. Die Verwirrung hatte sich nicht gelegt. Stattdessen ergänzte nun eine große Portion Unsicherheit ihre Gefühlspalette.

Sie fühlte sich, als wäre ihr Geist gespalten und die zwei entstandenen Seiten kämpften miteinander. Die Seite, die wusste, was von ihr erwartet wurde, und die Seite, die sich einen feuchten Dreck um Erwartungen scherte.

Da waren Erinnerungen aus ihrem alten Leben. Da waren Erinnerungen aus ihrem neuen Leben. Und dann waren da Erinnerungen, die zu keinem von beiden zu gehören schienen.

Sie fühlte zu viel. Die Verschiedenheit ihrer Emotionen verwirrte sie und machte es ihr unmöglich, sie zuzuordnen.

Es war nicht, als würde ihr Kopf Salia und Nym voneinander trennen. Es war vielmehr so, dass sie nicht wusste, welcher Teil von ihr zu welcher Persönlichkeit gehörte. Aber nein, das stimmte auch nicht. Sie war eine einzelne Person. Eine Person mit zwei komplett unterschiedlichen Leben.

Das eine, das ihr vertraut schien, sie aber dennoch nicht zu fassen bekam. Das sie mit ihren Fingerspitzen berührte, bevor es ihr auf ein Neues entglitt – und das andere, das neue Leben, das ihr Bewusstsein überflutete, ihr gleichzeitig falsch und richtig vorkam.

Bei den Göttern, jede Erklärung, die sie versuchte, in ihrem Kopf zurechtzulegen, ergab noch weniger Sinn als die vorige!

Sie war Nym. Sie war Salia. Sie war Jekis Verlobte. Sie war mit Levis Gesicht vor Augen eingeschlafen. Sie war mit Jekis Gesicht vor Augen aufgewacht.

Sie wusste, wie die Götter aussahen, was ihre Ziele waren – sie fragte sich, ob es Levi und Liri noch zum Boot geschafft hatten. Wie es Vea und ihrem Vater ging.

Sie sah die Zärtlichkeit in Jekis Augen und wollte die Hand ausstrecken, um die Sorge von seinem Gesicht zu wischen – sie erinnerte sich an Levi, der sie sanft auf die Schläfe küsste, bevor sie in seinen Armen einschlief.

Sie holte tief Luft, schob die Stoffdecke von sich, die ihr irgendwer über den Körper gelegt haben musste, und ließ ihre Füße über den Bettrand baumeln.

Sie konnte sich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren. Sie musste einen Schritt nach dem anderen machen.

Jeki hatte seinen Blick die ganze Zeit nicht von ihrem Gesicht abgewandt. Seine Augen waren unleserlich und sie hätte einiges dafür gegeben, zu wissen, was er gerade dachte.

„Guten Morgen“, sagte sie leise und spürte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen.

„Guten Morgen“, erwiderte Jeki lächelnd, doch sein Lächeln schien erschöpft. Dunkle Ringe zierten seine Augen und Nym fragte sich, ob er in der Nacht überhaupt geschlafen hatte. „Du hast im Schlaf nicht zufällig deine Erinnerung wiederbekommen?“, fragte er beiläufig.

„Nein.“

Er seufzte und stützte sich mit den Unterarmen auf seine Knie. „Ein Mann kann ja hoffen. Wenigstens bist du nicht wieder auf mich losgegangen. Das macht das Ganze schon einmal etwas leichter.“

Ihre Mundwinkel zuckten und sie legte das Buttermesser, das ihr in die Hüfte stach, auf den Nachttisch.

Ihr Blick wanderte über Jekis Erscheinung. Er hatte seine Rüstung gegen eine Stoffhose und ein verwaschenes dunkelblaues Oberteil mit einer Knopfleiste über seiner Brust getauscht.

Sie hätte die Augen schließen und jedes Detail seines Gesichtes aufsagen können. Und dennoch erinnerte sie sich nicht daran, wie sie sich kennengelernt hatten. Sie ließ ihren Blick weiterwandern und kam auf seinem Gürtel zum Ruhen.

„Du hast mir meinen Dolch wieder weggenommen“, bemerkte sie.

Er nickte. „Du hast zweimal versucht, mich umzubringen. Ich hielt ein wenig Vorsicht für angebracht. Ich habe dich mit ausgebildet. Ich weiß, zu was du fähig bist. Außerdem wurde mir mein Göttlicher Dolch entwendet. Davon weißt du nicht zufällig etwas?“

Ein Bild blitzte durch ihren Kopf. Der Angreifer, der versucht hatte, Vea umzubringen. Er hatte einen Dolch mit göttlichem Emblem getragen. Und einen Helm der Göttlichen Garde.

„Ich weiß nichts über deinen Dolch“, antwortete sie ehrlich. „Aber … ein Göttlicher Soldat mit einem Göttlichen Dolch hat versucht, Vea umzubringen.“

Jeki hob verblüfft die Augenbrauen. „Du hast davon gehört, dass sie gestern beinahe festgenommen wurde?“

Nyms Herz sprang ihr in den Hals und ruckartig fuhr ihr Kopf nach oben. „Was? Sie wurde festgenommen?“

Jekis Stirn runzelte sich. „Nein, nur beinahe. Wovon hast du gesprochen, wenn nicht von dem gestrigen Vorfall?“

„Vor ein paar Tagen hat jemand nachts versucht, sie zu töten. Der Angreifer trug einen Göttlichen Dolch bei sich“, wiederholte sie.

Verwirrt lehnte sich Jeki in seinem Sessel zurück. „Der siebte Mord …“, murmelte er nachdenklich.

Nym verstand nicht, was er damit meinte, doch das war jetzt auch nicht wichtig.

Sie räusperte sich und versuchte ihre innere Panik in Schach zu halten. „Vea wurde beinahe festgenommen? Geht es ihr gut? Konnte sie fliehen?“

Sie wusste, dass es vielleicht nicht richtig war, vor dem Zuständigen für die Ergreifung der Rebellen laut zu hoffen, dass eine Rebellin hatte fliehen können. Aber wenn Vea etwas passiert war …

„Ja, sie konnte fliehen“, unterbrach Jeki ihre Gedanken. „Mein Bruder hat sie vor der Garde verteidigt und sitzt dafür jetzt in einer Zelle.“

Nym blinzelte ihn verständnislos an. „Warum sollte Janon Vea helfen? Sie kennen sich doch gar nicht.“

Jeki seufzte und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. „Daran erinnert sie sich natürlich“, murmelte er erschöpft, bevor er wieder aufblickte. „Sie haben sich in der Zwischenzeit kennengelernt … und offenbar nicht nur das. Janon sagt, er liebt sie.“ Er hob eine Schulter an. „Ich weiß nicht, wie Vea fühlt, es spielt auch keine Rolle. Jedenfalls hat er ihr zur Flucht verholfen.“

Janon und Vea?

Noch ein Punkt, den sie zu den ihr nicht verständlichen Dingen hinzufügen konnte, die gerade in ihrem Leben vorgingen.

Vea und Janon. Davon hatte ihre kleine Schwester ihr gar nichts erzählt. Andererseits: Warum sollte sie?

Nym war sich sicher, dass Vea ihr alle möglichen Informationen vorenthalten hatte. Wenn sie daran dachte, wie spektakulär sie von ihrer kleinen Schwester belogen worden war, wäre es verwunderlich, wenn Vea ihr überhaupt etwas Wahres über sich verraten hatte.

„Janon sitzt im Gefängnis und muss vor das Tribunal treten, weil er Vea bei der Flucht verholfen hat“, murmelte Nym langsam, so als verstünde sie diese Tatsache erst, indem sie sie laut aussprach.

Sie konnte sehen, wie Jekis Kiefer sich bei ihren Worten verhärtete, bevor er steif nickte.

„Das wird als Hochverrat geahndet“, flüsterte sie.

Sie konnte Jeki schlucken sehen, bevor er erneut nickte.

Wieder bekam sie den Drang, ihm eine Hand auf die Wange zu legen, und ihm zu sagen, dass alles wieder gut werden würde … doch sie hielt ihre Hände im Schoß verschränkt. Es wäre nichts als eine leere Floskel.

„Das tut mir leid, Jeki“, flüsterte sie. „Das ist … scheiße.“

Sie kannte kein Wort, das die Situation besser beschrieb. Das alles hier war verkorkst.

Einer von Jekis Mundwinkeln hob sich. „Ja, du sagst es. Aber darum werde ich mich später kümmern.“

Er stand auf, durchquerte den Raum und öffnete den Schrank zu ihrer Linken.

Unmengen an Kleidern kamen zum Vorschein.

„Such dir was aus. Es gehört sowieso alles dir. Ich warte unten auf dich. Ich kann mir vorstellen, dass die Götter bereits ungeduldig werden.“

Nym starrte auf den gefüllten Kleiderschrank. „Wir haben … zusammengewohnt?“

Jeki lachte trocken, eine Hand auf der Türklinke. „Nein, du hast noch dein eigenes Haus. Nicht, dass du mehr als einen Tag die Woche dort verbracht hättest.“

Und mit diesen Worten verließ er den Raum.

Nym machte sich nicht die Mühe, die Kleidungsstücke einzeln durchzusehen. Dafür waren es einfach zu viele. Schon nach wenigen Sekunden wurde ihr klar, dass Kleider offenbar nicht zu den Dingen gehörten, die bei ihr Erinnerungen hervorriefen. Was irgendwie beruhigend war. Wenn sie jetzt noch herausgefunden hätte, dass sie als Salia von Mode besessen gewesen war, dann hätte sie wirklich nicht mehr gewusst, wer zum Teufel diese Person eigentlich war! Also sie. Wer zum Teufel sie eigentlich war.

Sie schlüpfte in ein schwarzes Leinenhemd und eine rote Stoffhose. Die Hose erinnerte sie an die, die sie an dem Tag getragen hatte, an dem sie Liri und Levi kennengelernt hatte. Das beruhigte sie.

Mit einem letzten Blick auf den gelben Teller über dem Bett, der ihre Kehle aus irgendeinem Grund enger werden ließ, betrat sie den Flur und lief die Treppen hinab.

Jeki wartete bereits am unteren Absatz auf sie und sein Blick machte sie nervöser als die Aussicht darauf, dass sie gleich den Göttern vorgeführt werden würde.

Sie hatte keine Angst. Sie kannte die Götter. Sie würden sie nicht töten.

Noch nicht.

Die Götter hatten keine Ahnung von ihrem derzeitigen geistigen Zustand und das würde Nym für ihre Zwecke nutzen. Sie brauchte ein wenig Zeit. Vielleicht, um ihre Erinnerung zurückzubekommen. Vielleicht aber auch nur, um sich ein Bild von der Garde zu machen. Ein neues Bild.

Ihr fehlten noch einige Komponenten, um herauszufinden, wer sie sein wollte. Sie glaubte genau zu wissen, warum sie sich unversehrt in der Dritten Mauer befand, obwohl sie die letzten Wochen über gegen die Götter gearbeitet hatte. Auch wenn ein kleiner Teil ihres Kopfes immer noch hoffte, dass sie sich irrte.

Jeki ließ ihr den Vortritt, und die Sonne war so hell, dass Nym ihre Augen eine Zeit lang zusammenkneifen musste, bevor sie ihre Umgebung richtig wahrnehmen konnte. Die Soldaten von gestern waren verschwunden, und sie wandte ihren Blick einmal von rechts nach links.

Wie es hier aussah, hatte sie nie vergessen. Es waren die Menschen, die ihr Probleme bereiteten.

Obwohl bei der Frau, die jetzt auf sie zukam, sofort einige Erinnerungen in ihr aufstiegen. Vor allem die, in der sie ihren Kopf mit den Füßen gegen eine Mauer gedonnert hatte.

„Esya“, begrüßte Jeki sie und nickte ihr zu. Als Nym den Namen aus seinem Mund hörte, folgten neue Bilder den alten.

Esya, die zweite Ikano des Feuers.

Nym mochte sie nicht und sie brauchte nur einen Blick mit der rothaarigen Frau zu wechseln, um sich daran zu erinnern, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte.

„Jeki, Salia. Es ist eine solche Freude, dich wiederzusehen.“

So sah sie auch aus.

„Wie geht es deinem Kopf, Esya?“, fragte Nym lächelnd.

Esyas Augen fingen Feuer, doch sie sagte nichts dazu. Ihr Blick fixierte stattdessen Jeki. „Api und Thaka warten auf euch. Es ist untypisch von dir, die Geduld der Götter auf die Probe zu stellen.“

„Wenn du uns nicht aufgehalten hättest, wären wir jetzt bereits dort“, sagte Jeki gelassen. „Du entschuldigst uns also?“

Ohne ihr noch einen Blick zu schenken, legte er sacht eine Hand auf Nyms Rücken – so als wüsste er, dass sie bei jeder anderen Berührung zusammengezuckt wäre – und leitete sie so in Richtung Apis Residenz.

Nym kannte den Weg. Kannte die Sandsteine unter ihren Füßen. Aber sie kannte keines der Gesichter derjenigen, die sie grüßten. Derjenigen, die anscheinend noch nicht wussten, dass sie kein Teil der Garde mehr war.

Aber nein, so herum war es falsch. Sie war es ja, die vergessen hatte, dass sie noch immer Mitglied der Garde war. Oder?

Sie senkte den Blick, als ihr erneut ein entgegenkommender Soldat zunickte. Sie hatte das vage Gefühl, ihn zu kennen, konnte ihm aber weder Namen noch Position zuordnen.

Das war zermürbend. Und gleichzeitig beruhigend.

„Warum hasst Esya mich?“, fragte sie, als der Sockel des Götterdoms hinter einem der Häuser verschwand, die sie hinter sich ließen.

„Weil du besser bist als sie.“

„Oh. Dann müssen mich eine Menge Leute hassen.“

Er lachte leise. „Nein. Es liegt daran, dass sie auch eine Ikano des Feuers ist. Alle anderen haben längst akzeptiert, dass du die kompetenteste Soldatin bist, die die Garde zu bieten hat. Ihr jedoch fällt es noch immer schwer, sich unterzuordnen. Aber das liegt nicht an dir. Die Probleme hat sie bei jedem. Du brauchst dich also nicht schlecht zu fühlen.“

Schnaubend sah Nym zu ihm auf. „Ich fühle mich nicht schlecht deswegen. Das ist ihr Problem.“

Jeki grinste und ließ langsam die Hand von ihrem Rücken gleiten. „Ich weiß. Das ist einer der Gründe, warum ich dich liebe.“

Hitze stieg in ihre Wangen und hastig wandte sie den Blick ab. Sie räusperte sich und versteckte ihre Hände in den Hosentaschen. Sie war sich sicher, dass es eine Menge Dinge gab, an die sie sich nicht erinnern wollte. Aber sie glaubte, dass Jeki kein Teil davon war.

„Haben wir eigentlich Kosenamen?“, fragte sie nach einer Weile.

„Natürlich. Ich nenne dich Flämmchen.“

Nym musste lachen, obwohl in dem Moment das türkise Haus des Gottes der Vergeltung in Sichtweite kam. „Nein, tust du nicht.“

„Doch.“

Sie schnaubte. „Du hast mich noch nie Flämmchen genannt.“

Er schmunzelte. „Du erinnerst dich an nichts, schon vergessen? Woher willst du das also wissen?“

„Weil du noch lebst!“

Sein leises Lachen ließ ihre Nackenhaare zu Berge stehen. „Ich bin nicht so leicht zu töten. Das zumindest sollte dir bewusst sein.“

„Schön. Wenn du mich Flämmchen nennst, nenne ich dich Matschi. Oder Erdchen. Das ist süß.“

„Salia, du darfst mich nennen wie du willst. Ich habe dich ohnehin noch nie von irgendetwas abhalten können.“

Sie waren an Apis Residenz angelangt und Nym sah zu ihm auf. „Ist das so?“, fragte sie.

Er nickte und seine Finger strichen über ihr Handgelenk. „Ja. Wenn es anders wäre, wärst du nie gegangen. Denn ich hätte dich nicht gelassen.“

Und da war wieder dieses Gefühl. Als würde sie jeden Zentimeter seines Ichs kennen.

Sie schluckte und wandte den Blick ab. „Lass uns hineingehen.“

Sie konnte Jekis Blick auf sich spüren, tat jedoch so, als bemerke sie es nicht, und klopfte an.

Augenblicklich öffnete sich die Tür und ein schlicht gekleidetes Dienstmädchen kam zum Vorschein. Es neigte den Kopf, bevor es sie eintreten ließ. „Sie sind oben. In –“

„– der Bibliothek“, ergänzte Nym. „Die Bibliothek hat 1993 Bücher, das älteste davon zählt mehr als 4000 Jahre.“ Außerdem war es die einzige Bibliothek, in der man noch Informationen über das Kreisvolk fand. Das Tagebuch des Schöpfers des Kreisvolks befand sich darin.

Das Mädchen sah sie einen Moment lang irritiert an, bevor sie ihnen mit dem Arm den Weg die Treppe hinauf wies. Sie war nicht die Einzige, der Nyms Verhalten offenbar etwas seltsam vorkam.

„Woher wusstest du das?“, fragte Jeki, während sie die Stufen erklommen.

Verwundert blickte sie zu ihm hoch. „Ich weiß einfach Dinge. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Fakten. War das früher nicht so?“

Jeki runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „Doch. Du hattest schon immer ein unglaublich gutes Gedächtnis, aber … nein, nicht auf diese Weise.“

„Oh.“

Aber woher wusste sie dann all diese Dinge? Wie breit der Appo war? Wie viele Einwohner und Treppenstufen Oyitis hatte?

Sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie hatten den oberen Treppenabsatz erreicht und die Tür zur Bibliothek war nur angelehnt.

„Soll ich vorgehen?“, fragte Jeki hinter ihr, doch sie schüttelte nur den Kopf und stieß die Tür auf.

Sie konnte sich nicht an ihr altes Leben erinnern, doch sie wusste eine Menge über die Götter. Wenn sie ihnen Anlass zu dem Glauben gab, dass sie ihnen feindlich gesinnt war, wäre sie schneller tot, als dass sie Luft holen könnte. Nein, erst galt es, ihr Leben zu sichern, dann konnte sie entscheiden, wem ihre Loyalität galt.

Der Raum, in den sie trat, wurde nur von zwei Kerzenleuchtern erhellt, die auf zwei kleinen Tischen und einer Kommode standen. Die Fensterläden waren geschlossen und an den Wänden reihten sich die mit Büchern gefüllten Regale. An keinem einzigen der Einbände haftete Staub.

An der langen Seite des Raumes standen vier Lehnstühle, doch nur zwei davon waren besetzt.

„Salia, Jeki. Wie schön, dass ihr es geschafft habt.“

Die zwei Gestalten erhoben sich aus ihren Stühlen. Beide Männer waren hellblond. Beide trugen einen schwarzen Gürtel um ihre Mitte – die Gürtel, die sie als Götter kennzeichneten.

Nyms Blick wanderte über die Gesichter der Götter. Zuerst fand sie die bernsteinfarbenen Augen von Thaka, dem Gott der Gerechtigkeit, bevor ihr Blick zu den violetten Iriden Apis schwenkte.

 

„Du hast Zweifel“, stellte sie belustigt fest.

„Natürlich habe ich Zweifel. Ich muss dir vertrauen.“

„Ich bin nicht Valera, mein Freund. Und der Plan ist gut.“

„Sie ist meine beste Kriegerin.“

„Und deswegen ist sie es, die gehen wird.“

Sie folgte Thakas Blick. Es wunderte sie nicht, dass er auf die Münze gerichtet war, die in einem Glaskasten auf dem Regalbrett stand.

Er nickte. „In Ordnung. Leite es in die Wege.“

 

Nym blinzelte und schon hatte das Bild sich verflüchtigt. Wie von selbst suchten ihre Augen die Regalbretter nach dem Glaswürfel ab, in dem sie soeben noch die Münze gesehen hatte. Doch sie konnte nichts dergleichen entdecken.

Sie zwang sich zur Ruhe. Zwang ihr Gesicht dazu, ausdruckslos zu bleiben. Sie durfte sich nicht anmerken lassen, dass sie soeben wieder eine Erinnerung gehabt hatte, die nicht ihr gehörte. Eine Erinnerung, von der sie meinte, genau zu wissen, aus welchem Kopf sie stammte.

Sie atmete tief ein und aus, bevor ihr Blick von Api wieder zu Thaka schweifte und auf ihm liegen blieb.

Neue Bilder mischten sich zu den fremden.

Thaka, der ihr vertrauteste Gott. Ihr Mentor. Derjenige, der ihr den Akkupressurpunkt gezeigt hatte.

Thaka.

Der Gott, der Liris Tod angeordnet hatte.

„Erklärt es mir“, forderte sie.

Kapitel 4

Unanfechtbare Vorschriften
№ 4

Kollateralschäden müssen nicht gerechtfertigt werden, außer es wird ausdrücklich danach verlangt.

„An was erinnerst du dich, Salia?“ Apis Blick war so gierig, dass Nym einen kleinen Schritt nach hinten machte.

Nein, sie hatte keine Angst vor den Göttern. Aber es wäre dumm, keinen Respekt vor ihnen zu haben.

Sie spürte eine warme Hand in ihrem Rücken. Nur eine Berührung, dennoch reichte sie aus, um sie zu beruhigen. Sie war nicht allein.

Nym legte als Zeichen der Demut kurz ihr Kinn auf die Brust, dann jedoch schüttelte sie den Kopf. „Ich muss Euch enttäuschen. Ich werde das Lückenfüllerspiel nicht spielen. Ich will die ganze Geschichte hören. Nicht die Fragmente, die Ihr mir zu geben wünscht.“

Ein leises Lächeln umspielte Apis Züge und er wechselte einen Blick mit Thaka, der eine Augenbraue gehoben hatte und sie musterte. In seinem Blick stand keine Gier. Es war Misstrauen.

„Nun, Salia, wo beginnen, wo beginnen … vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass wir nichts ohne dein Einverständnis getan haben.“

Das half ihr nicht im Geringsten.

„Thaka und ich hatten schon länger die Idee, einen Spion nach Asavez zu schicken, nur gab es immer ein kleines Problem …“

„Die Wahrheitsleser“, stellte Nym ruhig fest.

„Richtig“, Api lächelte. „Die Wahrheitsleser. Wir mussten also einen Spion schicken, der sich selbst nicht als einen sah, und ehrlich gesagt … warst du schlichtweg perfekt, Salia.“

Api sah sie an, als erwarte er einen weiteren Kommentar von ihr, doch sie schwieg. Sie konnte seine Präsenz spüren. Es war fast, als würde sein Geist die Finger nach ihr ausstrecken. Sie wusste, dass er es gewesen war. Dass er ihren Geist manipuliert hatte. Und nun bekam sie doch Angst. Was, wenn er alles, was ihr gerade im Kopf herumgeisterte, sehen konnte?

„Nun“, fuhr er fort. „Dein Gedächtnis war schon immer außergewöhnlich gut, dir fällt es leicht, Zahlen und Fakten zu behalten – du schienst die perfekte Wahl.“

„Deswegen habt Ihr mir meine Erinnerung genommen“, stellte sie fest und konnte nicht verhindern, dass ihr Kiefer sich verhärtete.

Api nickte kaum merklich. „Richtig – mit deiner Einwilligung habe ich dir die Erinnerung genommen und eine Verbindung zwischen uns hergestellt. Ich habe die Möglichkeit, auf alle deine Erinnerungen zuzugreifen.“

Panik stieg ihn ihr auf und sofort versuchte sie ihren Geist zu leeren, die Gesichter zu vergessen, die ihr über die letzten Wochen so ans Herz gewachsen waren.

„Jedoch kann ich nur Einsicht nehmen, wenn du selbst sie mir gewährst.“

Die Panik legte sich und Nym vermied es, Thaka anzusehen. Sie konnte seinen Blick spüren, als würde er sich heiß unter ihre Haut brennen.

Api schien sich Nyms Unwohlsein nicht bewusst, denn er sprach einfach weiter: „Also, sobald das geschieht, werde ich alles, was du in den letzten Wochen gesehen hast, noch einmal miterleben können. Nichts von dem Gesehenen wird verloren gehen. Wie ich sagte: perfekt.“

Nym war nicht unvorsichtig genug, um ihm zu widersprechen, auch wenn sie eine Menge Dinge an dem Plan nicht gerade als perfekt bezeichnen würde.

Sobald das geschieht … 

Sobald sie ihm Zugriff auf ihren Geist gab? Aber sie wollte ihm keinen Zugriff geben! Der kurze Moment, in dem sie ihm die Tür geöffnet hatte, war schon zu viel gewesen. Sie wollte nichts aus ihren Erinnerungen mit ihm teilen.

Und das hatte nichts damit zu tun, dass sie den Göttern nicht traute und sich nicht mehr daran erinnerte, warum sie ihnen gedient hatte. Es war ihr Kopf! Es war ihr Geist und es waren ihre Gedanken. Niemand hatte ein Anrecht darauf.

Sie zwang sich dazu, ihre erneut aufkeimende Angst niederzuringen und ihr Gesicht weiterhin ausdruckslos zu halten.

„Wenn ich Eure Spionin war“, murmelte sie leise, während ihr Blick über die Bücherregale glitt, „wieso habt Ihr versucht mich umzubringen? Ihr habt die Ikanojäger geschickt. Nur Ihr wusstet, wo ich sein würde.“

Das brachte Api doch tatsächlich zum Lachen. „Dich umbringen, Salia? Wenn wir dich hätten umbringen wollen, dann hätten wir sicherlich keine unerfahrenen Adelskinder nach dir geschickt. Denkst du, wir haben auch nur für eine Sekunde gedacht, dass sie es mit euch aufnehmen könnten? Mit einem Ikano des Windes, des Wassers und des Feuers? Nein. Sie waren eine Theatereinlage! Du musstest die Asavez retten, damit sie dir vertrauen – und es hat funktioniert, oder nicht? Genauso verhielt es sich in Lyrisa, ihr –“

„Api. Ich denke, du brauchst nicht weiterzusprechen. Sie ist sich dessen bereits vollkommen bewusst. Oder Salia?“ Thakas tiefe Stimme war berechnend ruhig und er trat neben den Gott der Vergeltung. „Du hast dir deine Fragen schon längst selbst beantwortet. Ich denke, was du gerade versuchst, ist, Zeit zu schinden.“

Nym zwang sich dazu, den Gott anzusehen. Thaka hatte nie Wärme ausgestrahlt, das wusste sie, aber sie meinte sich daran erinnern zu können, ihn noch nie so angespannt gesehen zu haben. Als würde etwas sehr Wichtiges von ihrer Antwort abhängen.

„Ich musste es noch einmal aus Eurem Mund hören“, sagte sie wieder an Api gewandt.

Apis violette Augen leuchteten auf. „Du erinnerst dich also?“

„Nein. Aber ich kann eins und eins zusammenzählen.“

Es war die einzige Möglichkeit. Wäre sie keine Spionin gewesen, wäre sie jetzt bereits tot. Doch wenn sie nicht wieder zu dieser Spionin wurde, dann würde sie auch sterben. Zumindest wenn sie hierblieb. Aber wenn sie floh, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit Jeki an ihrer Stelle sein Leben lassen müssen. Und was war mit Janon? Und was war … mit dem Buch des Kreisvolkes?

„Was erwartet Ihr nun von mir?“, fragte sie, den Kopf leicht schräg gelegt. „Ich soll Euch meinen Geist öffnen? Ich soll Euch alle Dinge zeigen, die ich über Asavez herausgefunden habe?“

Da war wieder diese Gier in Apis Blick. Die Gier, die Nym schlucken lassen wollte. „Nun, das wäre ein Anfang.“

„Aber du möchtest ihm deinen Geist nicht öffnen, ist es nicht so?“ Thakas leise Stimme kroch unter den Stoff ihres Leinenhemdes und stellte ihre Nackenhaare auf.

Thaka.

Sie wusste, dass sie ihm vertraut hatte. Sie wusste, dass sie ihn bewundert hatte. Sie wusste, dass er ein armes, unschuldiges Baby zum Tode verurteilt hatte.

Sie konnte ihren Geist nicht leeren. Alles, was sie sah, war ein Mann, der Liri hatte töten wollen.

„Ich weiß es nicht“, log sie und wieder konnte sie Jekis warme Hand in ihrem Rücken spüren.

„Du weißt es nicht?“, wiederholte Api hölzern.

„Es ist ganz einfach, Salia“, murmelte Thaka. „Du musst dich daran erinnern, auf welcher Seite du stehst. Mehr nicht.“

Nym presste die Lippen aufeinander. „Bei Euch hört es sich so an, als handele es sich dabei um eine Entscheidung, die ich treffen müsse.“

„Oh. Das ist es. Definitiv … das ist es. Sagtest du mir gestern Abend nicht ebendies, Api?“

Der Gott der Vergeltung nickte. Nym wusste, dass er ungehalten war, konnte es spüren. „Das sagte ich. Du musst dich nur erinnern, Salia.“ Seine Finger flochten sich ineinander. „Ich habe deine Erinnerungen nicht ausgelöscht. Ich habe sie versteckt. Weggesperrt. Wenn du wirklich wolltest, könntest du sie finden. Dann wüsstest du, wer du in Wirklichkeit bist.“

Nym hätte bei seinen Worten beinahe aufgelacht.
Die Wirklichkeit. Was für eine Illusion. Es gab keine tatsächliche Wirklichkeit!

War das, was sie empfand, etwa keine Wirklichkeit? War die Person, die sie die letzten Wochen über gewesen war, etwa nicht real? Wie konnte der Gott behaupten, dass die Überzeugungen ihres alten Ichs wirklicher waren als ihre jetzigen? Für die Götter mochte Nym nicht real sein. Doch für sie war sie es! Sie war genauso real, wie Salia es war.

„Wir sind nicht deine Feinde, Salia“, sagte Thaka eindringlich, als könne er ihre Unsicherheit spüren. „Wir sind nicht deine Feinde.“

Ja, das wusste sie. Aber sie erinnerte sich auch nicht daran, dass sie ihre Freunde waren.

„Gebt mir Zeit“, bat sie, denn das war es, was sie brauchte. „Zeit, um mich einzuleben, mich mit Dingen vertraut zu machen“, sich darüber klar zu werden, auf welcher Seite sie eigentlich stand, „Zeit … mich zu erinnern.“

Der Gott der Vergeltung verengte die Augen, doch bevor er sprechen konnte, erhob Jeki das Wort. „Api, ich bitte Euch. Sie hat in den letzten Wochen eine Menge durchgemacht. Sie hat ihr Leben für Euch riskiert. Gebt ihr zumindest ein paar Tage.“

Nym hatte das plötzliche Verlangen, sich umzudrehen und ihn zu küssen. Und sie wusste nicht, ob dieser Wille von einer tiefverankerten Erinnerung herrührte oder ob er in ihr aufkam, weil sie so erleichtert darüber war, nicht alleine zu sein.

Api taxierte Jeki mit kühlem Blick, doch schließlich nickte er. „Gut. Wir geben dir drei Tage. Bis übermorgen Abend – wenn du uns im Gegenzug nur eine Information gibst.“

Damit hatte Nym bereits gerechnet. „Welche?“

„Was weißt du über Provos Pläne, in Bistaye einzufallen?“ Es war Thaka, der sprach, und nun schien Apis Gier in seinen Blick überzulaufen.

Nym runzelte die Stirn und schüttelte leicht den Kopf. „Es gibt keine solchen Pläne“, sagte sie. „Zumindest keine, von denen mir erzählt wurde.“

Das ist nicht wahr. Es muss solche Pläne geben! Provo will Bistaye einnehmen und er wird es bald versuchen, was weißt du darüber?“

Thaka machte einen abrupten Schritt auf sie zu, die Augen plötzlich verdunkelt, und diesmal konnte Nym nicht dagegen ankämpfen, vor ihm zurückzuweichen.

Ihr Rücken presste sich gegen eine warme, harte Oberfläche … Jeki.

Er legte behutsam die Hände auf ihre Schultern. „Wenn sie sagt, dass sie nichts von den Plänen weiß, dann weiß sie nichts über sie“, sagte er gefasst, doch Nym wusste es besser.

Jeki konnte den Göttern gegenüber nicht die Stimme erheben, aber sie konnte das leichte Zittern spüren, das durch seinen Körper ging.

„Sie könnte lügen!“, zischte Thaka. „Sie könnte –“

„Thaka, mein Freund.“ Api legte ihm eine Hand auf den erhobenen Arm. „Wenn sie etwas weiß, werde ich es in ein paar Tagen herausfinden.“ Sein kühler Blick streifte Salias Gesicht. „Nicht wahr? Mehr als ein paar Tage wirst du nicht brauchen.“

Es war keine Frage. Es war ein Ultimatum.

Nym nickte. „Ja. Mehr werde ich nicht brauchen.“

„Schön.“ Api lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Dann darfst du jetzt gehen. Vielleicht siehst du dich ein wenig um. Tust die Dinge, die du sonst immer getan hast. Ich bin sicher, Jeki wird dir dabei helfen können – nachdem er noch ein Wort mit mir gewechselt hat“, fügte er hinzu, als Jeki Anstalten machte, zusammen mit ihr den Raum zu verlassen.

Nym warf ihm einen unsicheren Blick zu, doch er nickte nur. Und sein Lächeln erreichte seine Augen.

„Warte einfach draußen auf mich.“

„In Ordnung“, murmelte sie.

„Denk dran, Salia“, sagte Api leise, als ihre Hand den Türgriff berührte. „Es ist deine Entscheidung. Du trägst die Erinnerung in dir. Du musst sie nur zulassen.“

„In Ordnung“, wiederholte sie leise.

Und erst als sie die Tür hinter sich schloss, fiel die Hitze, die Thakas Blick auf ihr hinterlassen hatte, von ihr ab.

 

***

 

„Habe ich das richtig verstanden?“, Levi legte den Kopf schief. „Du willst in die Dritte Mauer fliegen?“

„Nicht fliegen – hineinkatapultiert werden!“

„Nika, Schatz“, Ro legte ihr einen Arm um die Schultern. „Denkst du nicht, das würde Aufmerksamkeit erregen?“

„Nun ja … man muss sich eben schwarz anziehen, damit einen bei Nacht niemand sieht.“

Levi schnaubte. „Man müsste sich stumm anziehen, damit einen niemand auf dem Boden aufklatschen hört. Außerdem müsste dann irgendein armer Soldat dein Blut wegwischen!“

„Es war nur ein Vorschlag, meine Güte! Du hast auch noch nichts Produktives zur Unterhaltung beigetragen.“

Könnte er aber. Er hätte vorgeschlagen, dass er mit einem einzigen Windstoß die Mauer zum Einsturz brachte, er Jeki Tujan tötete und Nym hinausschleifte.

Nur sprach er das nicht laut aus, denn dann würde er zweifelsohne wieder als verliebter Vollidiot beschimpft werden.

„Wir sollten einfach bei Nacht einbrechen“, meinte er schulterzuckend.

Nika schnaubte. „Du meinst, wir sollen die Dritte Mauer, die mit Soldaten der Göttlichen Garde gefüllt ist, einfach stürmen? In einem Kampf von fünf gegen Zehntausend, wie schätzt du da unsere Chancen ein?“

Frustriert lehnte Levi sich in seinem Stuhl zurück. „Keine Ahnung. Wie hoch schätzt du Nyms Chancen ein, dass sie noch die Alte ist und als Rebellin länger als drei Tage überlebt?“

„Levi“, murmelte Ro, der zu seiner Rechten saß, den Arm immer noch um Nika gelegt. „Du weißt genauso gut wie ich, dass wir nicht leichtsinnig handeln können und einfach …“

„Ihr geht die Sache falsch an.“

Ro hielt inne und alle Köpfe wandten sich Vea zu, während Brag, der an der Kochnische gestanden hatte, etwas Brot auf den Tisch stellte.

„Inwiefern?“, wollte Levi ungeduldig wissen.

„Weil ihr davon ausgeht, dass wir in die Mauer hinein müssen. Dabei muss Salia doch nur hinaus, oder? Es würde viel mehr Sinn machen, wenn wir einfach Kontakt zu ihr aufnehmen und sie nach ihren Plänen fragen würden.“ Sie sah in die Runde. „Damit würden wir auch sichergehen, dass sie uns nicht alle den Göttern zum Fraß vorwirft, falls sie doch wieder zu der Garde übergelaufen ist“, setzte sie fröhlich hinzu.

Levi sah sie düster an. „Das hört sich –“

„Nach einer unglaublich guten Idee an“, schnitt ihm Ro das Wort ab. „Warum bin ich da nicht draufgekommen? Wir müssen nicht rein. Wir müssen ihr nur heraushelfen. Das ist genial, Vea!“

Levi mochte es nicht, wenn alle ihm widersprachen und jemand anderem zustimmten. Das durfte nur Nym.

„Sieht noch irgendwer den riesigen Haken an dieser genialen Idee?“, fragte er beiläufig. „Wie sollen wir mit ihr Kontakt aufnehmen, ohne in die Dritte Mauer einzubrechen?“

„Schon einmal was von Briefen gehört?“, wollte Vea wissen und klimperte mit den Wimpern.

„Ihr müsst immer noch jemanden finden, der den Brief zu ihr bringt“, stellte Brag fest und zog einen kleinen Schemel an den Tisch, auf den er sich setzte.

„Ich mag dich, Brag“, meinte Levi. „Hatte ich dir das schon gesagt?“

Ro schnaubte. „Halt die Klappe, Levi, und sei mal lieber ein wenig konstruktiv.“

„Nun, es tut mir leid, Ro, aber ich sehe einfach keine verdammte Lösung! Nym steckt in der Dritten Mauer fest, in der sie wahrscheinlich mit jeder verstreichenden Sekunde einer größeren Gehirnwäsche unterzogen wird, und wir stehen noch genau an demselben Punkt wie vor drei beschissenen Stunden!“

Vea räusperte sich. „Ich hätte vielleicht eine Idee.“

Na klasse. Sie schien heute ja vor Ideen zu sprühen!

„Was für eine Idee?“, fragte Ro, Levis wütenden Blick ignorierend.

Vea lief rot an und ihr Blick flackerte einen Sekundenbruchteil zu Levi. „Na ja, ich könnte sie euch verraten, aber ich garantiere euch, dass Levi dann wieder einen seiner charmanten Ausraster zum Besten geben wird.“

Levi gefiel überhaupt nicht, in welche Richtung sich dieses Gespräch gerade bewegte.

„Hau raus, Vea“, sagte Ro grinsend. „Ich liebe es, wenn Levi anfängt zu schreien. Dann kommt immer seine zutiefst vernachlässigte sensible Seite zum Vorschein.“

Nika gab ein Husten von sich – das sich verdammt nach einem getarnten Lacher anhörte – und Veas Kopf färbte sich noch ein wenig dunkler.

„Nun ja … wir könnten einfach Levis Vater um Hilfe bitten.“

Vea hatte sich geirrt. Levi schrie nicht. Ihm fehlten schlichtweg die Worte.

Ungläubig und mit offenem Mund sah er sie an. Wie konnte sie …? Woher wusste sie …?

Du hast mich und Liri belauscht?!“ Okay, jetzt schrie er doch. Und möglicherweise kitzelte es ihn in seinen Fingerspitzen, Vea mit Hilfe einer Windböe einfach umzuhauen.

„Na ja, ihr habt nicht besonders leise gesprochen, und … jemandem aus der Zweiten Mauer könnte es gelingen, Salia einen Brief zu bringen.“

„Dein Vater? Ich dachte, der wäre tot“, stellte Ro verwirrt fest. „Und warum Zweite Mauer?“

„Er ist tot!“, knirschte Levi und vergrub seine Hände in den Taschen. Zu ihrer aller Schutz. „Für mich zumindest. Und du hast nicht das Recht, dich in mein Privatleben einzumischen!“

Vea hatte den Anstand, zumindest ein wenig schuldbewusst auszusehen. „Es tut mir leid, aber ich muss dir widersprechen. Ich nehme mir das Recht, weil ein Adeliger unsere beste Chance ist, Salia eine Nachricht zu überbringen. Und dein Vater hat Kontakt zu dir aufgenommen, sicherlich könntest du …“

„Was soll das heißen, du bist aus der Zweiten Mauer?“, unterbrach Ro sie erneut und starrte Levi verwirrt an. „Du hast immer erzählt du kämest aus der Sechsten! Und –“, er schüttelte seufzend den Kopf. „Ach was, ich sollte nicht überrascht sein. Du konntest schon immer zu vornehm essen. Natürlich kommst du nicht aus einer Arbeiterfamilie! Weißt du noch, wie oft meine Mutter mir gesagt hat, ich solle mir an dir ein Beispiel nehmen?“

Levi stöhnte auf. „Mein Vater ist keine Option. Der Bastard ist niemand, den wir um Hilfe bitten wollen. Er hätte zugelassen, dass Liri getötet wird. Er hätte einfach dabei zugesehen!“

„Er hätte zugelassen, dass ich getötet werde?“

Sein Kopf fuhr herum und zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten fehlten ihm die Worte.

Liri, noch immer in einem ihr viel zu großen Nachthemd, stand auf der untersten Stufe der Treppe und starrte ihn mit großen Augen an.

Scheiße.

Ro warf ihm einen besorgten Blick zu, verstand offenbar, dass Levis Gehirn einen Aussetzer hatte, stand auf, und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Liri, Süße, geh nach oben. Wir müssen hier –“

Doch sie hörte ihm nicht zu, sondern riss sich los und bekam diesen leidenden Gesichtsausdruck. Denselben Ausdruck, den sie zur Schau getragen hatte, als Levi ihr das letzte Mal gesagt hatte, dass er sie für mehrere Wochen würde allein lassen müssen.

„Liri“, murmelte Levi und auf einmal brannten seine Augen. Liris Schutz hatte immer an erster Stelle seiner Prioritätenliste gestanden – und er hasste es, dass er ihr nicht jeden Schmerz ersparen konnte.

Er nahm sanft ihre Hand und zog sie in seinen Arm. „Zarki Sorvo ist ein Dummkopf. Er hat sich den Göttern blind unterworfen. Er hat dich nicht kennengelernt, sonst hätte er dich mit seinem Leben verteidigt. Das weiß ich.“

„Sorvo?“, murmelte Ro leise. „Wirklich? Hast einfach ein paar Buchstaben umgestellt?“

Levi ignorierte ihn und war überrascht, dass Liri nicht weinte. Vielmehr sah sie einfach nur neugierig aus. „Unser Papa hat dir eine Nachricht geschickt?“

Levi schluckte. „Nun ja …“

„Hat er darin nach mir gefragt? Vielleicht möchte er das mit dem Kennenlernen ja jetzt nachholen.“

Ihre Stimme klang hoffnungsvoll und Levi hasste jede einzelne Silbe, die aus ihrem Mund kam.

„Er hat einen Brief geschrieben, aber dort stand nichts drin. Er hat sich nur mit dem Familienwappen zu erkennen gegeben. Ich denke, er wollte einfach, dass wir uns bei ihm melden.“

„Heilige Scheiße, ihr hattet ein Wappen?“, fuhr Ro ihn an. „Kein Wunder, dass du so arrogant bist, ich dachte immer –“

Nika warf ihm einen wütenden Blick zu und sofort verstummte er.

„Siehst du! Er wollte mich kennenlernen!“, schloss Liri und entzog ihm langsam ihre Hand.

„Liri, unser Vater ist kein guter Mann, er –“

„Aber vielleicht hat er sich verändert!“, sagte sie aufgeregt. „Vielleicht möchte er jetzt alles wiedergutmachen.“

Natürlich dachte sie das. Sie glaubte an das Gute im Menschen. Niemand konnte sie belügen. Niemand hatte ihr je etwas getan.

Sie wusste nicht, was er wusste. Sie war damals noch so jung gewesen. Sie hatte nicht das ausdruckslose Gesicht ihres Vaters gesehen, als Thaka ihm erklärt hatte, sie müsse getötet werden. Sie hatte ihn nicht unbeteiligt Nicken sehen. Sie hatte nicht gesehen, wie er Liri dem Gott praktisch in die Arme gedrückt hatte.

Nein. Dieser Mann verdiente es nicht einmal, auch nur ein Wort an Liri zu richten.

„Nym war auch böse und hat sich geändert“, stellte Liri fest und sah ihn ernst an.

„Ja, aber Nym hat ordentlich eins über die Rübe bekommen“, bemerkte er trocken.

„Na ja, dann nehmen wir Ro mit! Der kann Papa dann auch eins über die Rübe geben.“

„Würde ich tun, Mann“, bestätigte Ro.

Levi stöhnte und ließ die Hand über seine Augen sinken. „Ich diskutiere das nicht mit euch. Ich werde ihn nicht kontaktieren. Uns muss eine andere Lösung einfallen, wir … wir …“

„Es gibt keine andere Lösung, Levi“, sagte Vea leise. „Niemandem aus einer niedriger gestellten Mauer wäre es erlaubt, einfach so einen Brief an Salia weiterzuleiten. Ich glaube, sie wird genauestens beobachtet. Aber ein Adeliger …“

„Zarki Sorvo ist also dein Vater?“, unterbrach Brag sie. Er hatte ein Messer an den Laib Brot angesetzt, hielt jetzt aber inne.

Levi seufzte und blendete Liri, die ihm regelmäßig am Ärmel zupfte und ihn mit großen bittenden Augen ansah, kurz aus. „Ja. Ist er. Wieso? Kennst du ihn?“

„Jeder kennt ihn. Zumindest vom Namen her. Er ist Ratsvorsitzender der Zweiten Mauer.“

Und wieder war Levi sprachlos. Wie hatte es der Mann, der seinen Sohn und seine Tochter vor den Göttern hatte fliehen lassen, zu einer solch hohen Position geschafft?

„Das ist doch gut, oder?“, fragte Vea. „Je mehr Ansehen er in der Zweiten Mauer genießt, desto –“

„Das ist nicht gut!“, knurrte Levi. „Ihr geht alle davon aus, dass mein Vater ein feiner Kerl ist und uns allen helfen will! Hat schon einmal jemand daran gedacht, dass es eine Falle sein könnte? Dass er den Brief geschickt hat, um uns der Garde vor die Füße zu werfen?“

„Das glaube ich nicht.“

Meine Güte, mit jeder Sekunde erinnerte ihn Vea mehr an Nym. Genauso zur Weißglut bringen konnte sie ihn zumindest.

„Mir ist egal, was du glaubst! Du hast keine Ahnung von meinem Vater, du …“

„Nein, ich kenne ihn nicht, aber er hat Nika den Brief geschickt. Er wusste ganz offensichtlich, dass sie eine Rebellin ist. Er muss irgendwelche Beweise gehabt haben, sonst hätte er nie riskiert, dich durch sie zu kontaktieren. Dennoch sitzt Nika jetzt hier, oder? Sie ist nicht festgenommen worden, obwohl er in seiner Position offensichtlich Mittel und Wege hat, sie festnehmen zu lassen.“

„Vielleicht lässt er sie nur so lange frei herumlaufen, bis er uns in den Fingern hat!“, schrie Levi und Ro musste ihn gewaltsam zurück auf den Stuhl drücken, von dem er soeben aufgesprungen war.

„Oh“, sagte Vea, den Kopf schief gelegt. „Das könnte natürlich auch sein.“

Brag räusperte sich. „Also, ich möchte mich nicht einmischen –“

„Dann lass es!“

„– aber ich kenne tatsächlich jemanden, der eine Nachricht in die Zweite Mauer schmuggeln könnte.“

Levi schnaubte. „Du kennst jemanden, der etwas in die Zweite, aber nicht in die Dritte schmuggeln kann? Man muss durch die Dritte Mauer, um in die Zweite zu kommen!“

„Nun, es geht ja auch nicht darum, den Brief dort hineinzuschmuggeln. Es geht darum, dass die richtige Person ihn bekommt. Und auch wenn mein Freund in die Dritte Mauer kann, so kann er nicht einfach herumfragen, wer von den Leuten Nym ist, oder einfach irgendwem die Nachricht geben. Doch er weiß, wo er den Ratsvorsitzenden finden kann – deinen Vater. Er hätte genügend Autorität, um zu verlangen, Nym zu sprechen. Er könnte vorgeben, dass sich viele Adelige aufgrund der Flucht der Rebellen um ihre Sicherheit sorgen – denn überbesorgte Adelige gibt es wahrlich genug.“

Verdammt. Schon wieder dachte jemand anderes logischer als er!

„Das alles ändert nichts daran, dass wir meinem Vater nicht vertrauen können.“

„Wir können niemandem vertrauen“, sagte Brag schlicht. „Manchmal muss man Risiken eingehen. Kontakt zu ihm aufzunehmen und zu sehen, wie er reagiert, kann niemandem schaden. Er wird nicht erfahren, wo wir uns befinden. Er wird dem Boten direkt eine Nachricht mitgeben müssen.“

Er schnaubte. „Es kann niemandem schaden? Du vergisst ganz offensichtlich deinen Freund, den Boten. Und bis jetzt haben wir einen Vorteil. Niemand weiß, dass wir noch hier sind. Nur Nym selbst könnte erahnen, dass ich und Liri es nicht mehr rechtzeitig zum Schiff geschafft haben. Wenn mein Vater der Verräter ist, für den ich ihn halte, würden wir diesen Vorteil verlieren.“

Brag schien ungerührt. „Ich wiederhole mich: Manchmal müssen Risiken eingegangen werden.“

„Ja, Levi, manchmal müssen Risiken eingegangen werden“, stimmte Liri zu.

Liri, die in ihrem ganzen Leben noch kein einziges Risiko eingegangen war. Keines hatte eingehen müssen, weil Levi sie stets davor beschützt hatte.

Levi knirschte mit den Zähnen. Nein, er wollte seinen Vater nicht kontaktieren … aber zurzeit sah es so aus, als sei das ihre einzige Chance.

„Schön“, knurrte er. „Gib mir ein Pergament.“

Zwei Zeilen würde er ihm schreiben. Nicht mehr.

„Du schreibst am besten auch die Nachricht, die du an Nym weiterleiten willst, damit der Bote nicht unnötig hin und her laufen muss“, bemerkte Brag. „Wir haben keine Zeit zu verlieren, oder sehe ich das falsch?“

Nein. Sah er nicht.

„Und sag ihr, dass sie Janon retten muss!“, warf Vea ein.

„Schön.“

Nur, wie schrieb man eine Nachricht, die niemand anderes außer Nym verstand?

 

***

 

„Er tut mir leid.“

„Wer? Levi?“

Vea nickte und sah eben jenem dabei zu, wie er Brag zwei Pergamente in die Hand drückte – hatte er überhaupt etwas darauf geschrieben? Er hatte seine Hand kaum bewegt – und dann innerhalb von Sekunden die Treppen hinauf verschwand, Liri auf seinen Fersen.

„Ja, Levi. Er ist in meine Schwester verliebt. Meine Schwester hat die Fähigkeit, Menschen um sie herum unglücklich zu machen. Sie mag ein besserer Mensch geworden sein, aber diese Macht hat sie immer noch.“

Nika lächelte matt. „Er wird sie ja bald wiederhaben.“

Ja, wenn sie sich nicht daran erinnerte, wer Jeki war.

Vea seufzte und nahm etwas von dem Brot entgegen, das Brag ihr reichte.

„Soll ich dir auch etwas abschneiden, Nika?“, fragte er.

„Nika ist sehr wohl dazu in der Lage, sich selbst das Brot zu schneiden“, knirschte Ro und sah Brag wütend an.

„Bin ich“, stimmte Nika lächelnd zu. „Aber wenn ich nicht muss, warum sollte ich es dann tun? Du darfst mir also gerne eine Scheibe Brot geben, Brag!“

Vea steckte sich hastig ein Stück ihres Brotes in den Mund, damit sie nicht anfangen konnte zu lachen. Aber es war schön zu sehen, dass manche Dinge, egal wie verrückt die Welt war, gleichblieben. Wie zum Beispiel das Prinzip der Eifersucht.

In den letzten Wochen hatte es einfach zu viele Veränderungen gegeben. Natürlich hatte Vea sich Veränderungen gewünscht, aber doch nur die, auf die sie hingearbeitet hatte! Keine, die sie hinterrücks anfielen und alles auf den Kopf stellten.

Erst war da Janon gewesen, dann Salia, dann das mit ihrem Vater … und dann hatte jemand versucht sie umzubringen!

Wie war sie zu einer Person geworden, die wichtig genug war, umgebracht zu werden? Wenn auch nicht erfolgreich.

Müde wischte sie sich den verbliebenen Schlaf aus den Augen und starrte wieder zur Treppe, auf der Levi verschwunden war. Sie wusste nicht, was sie hoffen sollte. Dass Salia sich nie wieder an ihr altes Leben erinnerte oder dass sie es tat.

Sie fragte sich, ob die alte Salia ihr geholfen hätte, Janon aus dem Gefängnis zu befreien. Bei der neuen hatte sie keine Zweifel, aber wenn diese sich erinnerte und sich erneut dem Willen der Götter unterwarf …?

Alles Dinge, über die sie nicht nachdenken wollte. Vor allem nicht darüber, dass Janon gerade in einer dunklen Zelle steckte – ihretwegen.

Meine Güte. Sie war nicht nur eine Frau, die es offenbar wert war, umgebracht zu werden, sie war auch eine Frau, für die es wert war, im Gefängnis zu sitzen!

Der letzte Gedanke gefiel ihr möglicherweise doch ein bisschen. Zumindest die heroische Seite. Den Folgen dieser romantischen Geste konnte sie nicht viel abgewinnen.

Sie rieb sich ein letztes Mal die Augen und wandte sich dann an ihren Gastgeber. „Brag, du meintest gestern, dass dieser Provo die Asavezische Armee schicken würde, sobald sich die Rebellen formiert haben. Was darf man darunter verstehen?“

Brag reichte Nika das Brot und zog einen Stuhl zu sich heran. „Die Rebellen müssen lernen, zu kämpfen, außerdem haben wir unsere Rekrutierung noch nicht abgeschlossen.“

Jetzt ebenfalls interessiert lehnte Nika sich vor. „Wen rekrutiert ihr?“

„Jeden, den wir kriegen können. Ganz ehrlich: Wir sind nicht in der Position, wählerisch zu sein.“

„Ihr solltet in den äußeren Mauern anfangen“, stellte Vea fest.

Brag nickte. „Ja, die Idee hatten wir auch. Es ist nur schwierig, an die äußeren Mauern heranzukommen. Dort wird regelmäßig patrouilliert und die meisten Bewohner arbeiten pausenlos und haben nicht die Zeit oder die Energie, um sich auch noch gegen die Götter aufzulehnen.“

Nachdenklich knibbelte Vea an der Kruste ihres angefangenen Brotes. „Man müsste die äußeren Mauern zuerst einnehmen“, murmelte sie. „Die Göttliche Garde in die inneren Mauern zurückdrängen. Sie von der Versorgung abschneiden. Den Bauern Waffen und die Zeit geben, sich zu formieren. Dann hätte man eine unglaublich große Streitmacht – und ich bin fest davon überzeugt, dass diejenigen, die am meisten unter den Göttern leiden, bereit wären, zu kämpfen.“

Brag hob einen Mundwinkel. „Möchtest du bei uns einsteigen, Vea?“

Einsteigen? Sie war doch schon längst drin.

Brag schien zu wissen, was sie dachte, denn sein Lächeln wurde breiter. „Vielleicht solltest du hierbleiben. Ich habe das Gefühl, wir könnten dich gut gebrauchen“, sagte er, bevor er aufstand. „Aber jetzt werde ich erst einmal dafür sorgen, dass der Brief seinen Empfänger findet und wir noch möglichst bis heute Abend eine Antwort erhalten. Habt ihr zufällig Geld, damit ich dem Boten etwas zur Bestechung geben kann?“

Vea war für einen Moment sprachlos. Sie hatte sich seit einer gefühlten Ewigkeit keine Gedanken mehr um so etwas Profanes wie Geld gemacht.

Nikas Gesichtsausdruck sagte ihr, dass es ihr genauso ging. „Ich habe keine Nomis mitgenommen“, meinte sie etwas verdattert. „Du, Vea?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Und du hast kein Geld?“

Brag hob eine Augenbraue. „Ich bin Schmied und Rebell. Schmiede werden schlecht und Rebellen überhaupt nicht bezahlt. Also nein, meine Liebe, ich habe kein Geld.“

„Ich habe Geld“, seufzte Ro und zog einen kleinen Beutel aus seiner Tasche. Er drehte ihn um und kleine goldene Münzen fielen aus ihm heraus, rollten zur Seite, über die Tischplatte und auf den Boden. Stöhnend sah Ro den runden Geldstücken nach. „Das habe ich nicht richtig durchdacht, was?“, murmelte er, während er sich bückte, um die Münzen aufzuklauben, und sie schließlich Brag reichte.

Der nickte nur, gab Vea und Nika beiden einen Kuss auf den Kopf und verschwand mit dem Pergament in der Hand aus der Tür.

Ros Gesicht wurde noch unzufriedener, und langsam verschränkte er die Arme vor dem Körper. „Okay. Welche Art alter und enger Freund ist der Kerl jetzt?“

Nika tätschelte ihm die Hand. „Ro, ich liebe dich. Ist das nicht alles, was du wissen musst?“

Ro sah nicht aus, als würde er Nika da zustimmen. Er murmelte irgendetwas Unverständliches, das Vea mit „verrückte Weiber“ übersetzt hätte, und schob dann seinen Stuhl zurück. „Ich sehe mal lieber nach Levi, bevor der das Haus umweht oder was auch immer“, murmelte er und im nächsten Moment verschwand er die Treppe nach oben und ließ sie alleine zurück.

Nika wartete zwei Sekunden, bevor sie breit anfing zu grinsen. „Macht es mich zu einem schlechten Menschen, weil ich es genieße, einen eifersüchtigen Freund zu haben?“

Vea schüttelte den Kopf. „Nein, es macht dich zu einem ehrlichen Menschen, das zuzugeben!“

„Danke. Das finde ich auch.“

„Apropos Ehrlichkeit: Hast du vor, Ro zu sagen, dass Brag wohl mehr an Levi als an dir interessiert wäre?“

Nikas Lächeln wurde noch eine Spur breiter. „Nee … so ist es lustiger.“

„Ja, hast recht“, bestätigte Vea grinsend und streckte ihre Füße aus. Ihre nackten Zehen stießen gegen etwas Kühles und überrascht blickte sie unter den Tisch.

Ro musste eine der Münzen übersehen haben. Sie beugte sich herunter und fischte den goldenen Gegenstand unter der Platte hervor.

Der Nomis war um einiges kleiner als ihre Handfläche. Auf der Vorderseite war eine große Fünf eingraviert worden, während auf der Rückseite die Anordnung der sieben Mauern abgebildet war, kleine Worte standen in den Zwischenräumen der einzelnen Abschnitte. Doch die Münze war zu alt, als dass sie die Worte hätte erkennen können.

Mhm. Witzig. Auf den neueren Nomis waren keine Worte mehr eingraviert worden.

Vea betrachtete die goldene Scheibe und drehte sie in ihren Fingern. Das musste eine sehr, sehr alte Münze sein.

Und sie meinte, sich vage daran erinnern zu können, dass sie so etwas Ähnliches schon einmal gesehen hatte.

Kapitel 5

Unanfechtbare Vorschriften
№ 5

Anlässlich jedes Regelverstoßes darf ein Opfer gefordert werden.

Jeki war in seinem Leben schon oft bedroht worden.

Scherzhaft von seinem Bruder und von Salia, nicht zu vergessen von seiner Mutter. Nicht ganz so scherzhaft von der halben Bewohnerschaft der Sechsten Mauer. Überhaupt nicht scherzhaft von dem verdammten Ikano der Luft, der sich mit Salia angefreundet hatte.

Doch niemand schaffte es, eine Drohung so subtil auszusprechen wie Api.

Der Gott der Vergeltung hatte ihn milde angelächelt und die Hände vor dem Körper gefaltet. „Sie muss die Erinnerung selbst finden, Jeki“, hatte er gelassen bemerkt. „Etwas blockiert sie. Sie verweigert sie. Damit habe ich nichts zu tun. Sie muss sich selbst darauf einlassen, erst dann ist sie uns von Nutzen. Und du weißt, was mit Soldaten passiert, die uns nichts nützen, sondern eine Gefahr darstellen, nicht wahr? Der Erinnerungsverlust hat sie stärker verändert, als ich dachte. Das ist … tragisch. Zweifellos ist mein Plan nicht nach meinen Vorstellungen verlaufen. Aber ich bin mir sicher, dass du ihn noch in die richtige Richtung wirst lenken können. Oder irre ich mich da?“

Apis Gesicht war freundlich gewesen, so wie Jeki es kannte. Doch er machte sich nichts vor. Api hatte soeben nicht nur Salia, sondern auch ihm mit dem Tod gedroht.

Jeki hatte es nicht für nötig gehalten, dem Gott darauf zu antworten, er hatte lediglich den Kopf geneigt und war aus der Bibliothek getreten.

Vielleicht hätten ihn die Worte des Gottes stärker beunruhigen sollen, doch er hatte mit ihnen gerechnet. Und wenn er ehrlich war, dann gab es einfach zu viel anderes, um das er sich Gedanken machen musste, als dass er der Warnung des Gottes allzu viel Beachtung geschenkt hätte. Sorgen um sein Leben würde er sich machen, falls Salia in zwei Tagen ihre Erinnerung immer noch nicht zurückbekommen hatte.

Er runzelte die Stirn, als er daran dachte, dass Salia ihm erzählt hatte, jemand hätte versucht, Vea umzubringen. Das wäre der siebte Mord gewesen. Sieben hatte Api vorausgesagt, sechs davon waren eingetroffen. Sechs Morde, die Jeki auf Anweisung des Gottes hin nicht näher hatte betrachten sollen.

Was war denn nur los? Warum sollten all diese nichtssagenden Leute umgebracht werden?

Dennoch: Es gab dringendere Sachen, um die er sich Gedanken machen musste.

Ganz oben, an erster Stelle auf seiner Liste, standen die Dinge, die er tun konnte, um Salias Erinnerungen etwas anzukurbeln. Ihm fielen da sofort einige ein. Jedoch nur sehr wenige, bei deren Umsetzung er nicht damit rechnen musste, von Salia einige, ihm persönlich wichtige Dinge verbrannt zu bekommen. Auf jeden Fall würde er heute Abend mit ihr zu dem monatlichen Essen bei Api gehen. Das würde ihrem Gedächtnis hoffentlich etwas auf die Sprünge helfen.

An zweiter Stelle stand Janon. Und an dritter … ach, wem machte er etwas vor. Seine Sorgen-Kapazität war bereits mit erstens und zweitens vollkommen bedient.

Als er aus der Tür trat, stand Salia mit dem Rücken zu ihm und starrte zu dem Götterdom hinauf. Das Licht der Sonne schimmerte auf ihren schwarzen Haaren und erinnerte ihn an den Tag, als er sie das erste Mal gesehen hatte.

Er schmunzelte. Er hatte noch nie einen schöneren Kopf in Flammen aufgehen sehen.

„Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass ich deine Haare so mag?“

Salia zuckte leicht zusammen und wandte sich überrascht um. „Was? Was ist mit meinen Haaren?“

„Sie sind kurz.“

„Oh“, sie lachte. „Ja, das war der Versuch, mich unkenntlich zu machen.“

Wow. Die Asavezische Armee war ja wirklich ein erbärmlicher Haufen. Man hätte ihr eine Glatze schneiden können und sie wäre aufgrund ihrer Augen immer noch unverwechselbar gewesen. „Nun, mir gefällt es“, meinte er lächelnd.

Etwas verlegen senkte Salia den Blick.

Diese Geste sah er an ihr auch zum ersten Mal. Er war immer davon ausgegangen, dass in Salias Gefühlsbandbreite Verlegenheit keinen Platz hatte.

Aber in den vergangen zwölf Stunden waren ihm eine Menge Dinge aufgefallen, die er so von ihr nicht kannte – und wenn er ehrlich war, machte ihm das mehr Angst als Apis Drohung.

Er kannte Salia in- und auswendig und jeder Charakterzug, den er neu bei ihr zu entdecken vermeinte, war auf ihren Erinnerungsverlust zurückzuführen. Ein Umstand, der ihn schmerzlich daran erinnerte, dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht seine Salia war.

„Also, was machen wir jetzt?“

Erschrocken blickte er auf. Spielte sie auf ihre Beziehung an? Hatte sie seine Gedanken gelesen?

„Heute Morgen, meine ich“, fügte sie hastig hinzu, als er fragend eine Augenbraue hob. „Was habe ich sonst so den ganzen Tag über getan?“

„Gearbeitet.“

„Und … für was war ich zuständig?“

„Für die Ergreifung der Rebellen.“

„Oh.“ Ihre Mundwinkel zuckten. „Da hat Vea wohl ausnahmsweise die Wahrheit gesagt. Wie ironisch.“

Ja, er stand kurz vor einem Lachanfall. „Na ja, wir könnten trainieren. Wir haben sehr viel miteinander trainiert.“

Sie nickte. „Okay. Wo trainieren wir?“

„Bei dir im Haus. Du hast ein ganzes Zimmer nur für Trainingszwecke.“

Das war der einzige Raum, den sie in ihrem Haus noch regelmäßig benutzt hatte. Für alles andere war sie immer bei ihm gewesen.

Salia nickte, und er bemerkte, wie sie den Blicken derjenigen auswich, die ihnen entgegenkamen. Es waren neugierige Blicke, durchleuchtende Blicke – es musste sich langsam herumgesprochen haben, dass Jeki gestern nach ihr hatte suchen lassen.

„Gehen wir“, murmelte sie und lief los. Es überraschte ihn, dass sie noch genau zu wissen schien, wo sich ihr Haus befand, aber ihn hatte fragen müssen, ob er sie liebte. Was setzte ihr Kopf da nur für Prioritäten?!

Sie ging voraus, und Jeki nutzte die Möglichkeit, um ihren Nacken, ihr Profil und ihre Schultern zu betrachten. Sie sah aus wie seine Salia. Sie bewegte sich wie seine Salia. Aber sie war nicht dieselbe Person. Noch nicht. Api hatte recht, auch wenn das für ihn nichts änderte.

Es war nur, sie war nicht die Einzige, die eine Menge Fragen hatte.

Er hatte das Gefühl, seine Zunge müsse ihm aus dem Mund springen, wenn er sie nicht wenigstens nach einigen der Dinge fragte, die ihm im Kopf herumgeisterten.

Allen voran die Frage danach, inwiefern sie sich mit dem beschissenen Ikano der Luft hatte anfreunden können.

Wobei, wenn er es sich recht überlegte, dann wollte er das vielleicht gar nicht wissen.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Er blinzelte und stellte überrascht fest, dass sie vor Salias Haus standen und sie sich zu ihm umgedreht hatte.

Langsam nickte er. „Alles in Ordnung.“

„Bist du sicher? Du siehst nicht danach aus.“

Er fühlte sich auch nicht danach. „Wie geht es deinem Kopf, Salia?“

 

***

 

Nym sah in Jekis dunkle Augen und konnte ihre eigene Unsicherheit in ihnen widerspiegeln sehen.

Wie ging es ihrem Kopf? Abgesehen davon, dass den ganzen Tag schon Erinnerungsfetzen darin herumgeschwirrt waren – kaum einer davon ihr eigener –, gut.

„Lass uns kämpfen“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich möchte eine Zeit lang einfach nicht nachdenken müssen.“

„Wer will das nicht?“, stellte er tonlos fest, glitt an ihr vorbei, zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete die Tür.

Nym wusste, noch bevor das Holz nach innen aufschwang, was sie erwartete.

Weiße Möbel, klare, karge Flächen, keine Dekorationen. Denn ganz ehrlich, wer hatte die Zeit, sich um eine schöne Einrichtung zu kümmern?

Sie war Soldatin. Sie brauchte keine Teppiche, keine Bilder, keine hübschen Figuren.

Nur … es wirkte so kalt. Damit sollte sie zufrieden gewesen sein? Auf einmal wunderte es sie nicht mehr, dass sie offenbar so viel Zeit bei Jeki verbracht hatte. Sein Haus sah mehr aus wie ein … Zuhause.

Sie trat in den Flur und ließ ihren Blick schweifen. „Es ist sehr sauber hier“, flüsterte sie und strich mit ihren Fingerspitzen über die staubfreie Kommode, die im Eingangsbereich stand.

„Ich habe jemanden hergeschickt“, murmelte er. „Damit alles sein würde wie vorher, wenn du zurückkämest.“

„Oh.“ Sie spürte seinen Blick auf ihr und fragte sich zum ersten Mal, wie er sich wohl fühlen musste. Wie schlimm es für ihn sein musste, dass sie sich nicht an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnerte.

„Danke sehr“, sagte sie leise. Denn mehr konnte sie ihm im Moment nicht geben.

„Ach, das war kein Aufwand. Aber denk an dieses Gefühl der Dankbarkeit, sobald du gleich wieder das Verlangen verspürst, in Flammen aufzugehen und mich umzubringen.“

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    Saskia Louis (Autor)

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Titel: Feuer der Rebellion (Fantasy, Liebe, Abenteuer)