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Liebe wider die Vernunft (Liebesroman, Historisch)

von Katherine Collins (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Natalia, die jüngere Tochter des Duke of Kent, ist wild entschlossen, die große Liebe zu finden – gegen den Willen ihrer Eltern. Der galante Earl of Leichester scheint die perfekte Wahl zu sein – doch auf dem Weg zu ihrer heimlichen Verlobung kommt alles anders als gedacht und sie findet sich in der Kutsche des draufgängerischen Schotten MacAllister wieder …

 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-348-8
Hörbuch-ISBN: 978-8-72608-105-3

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © AlexKopin, © andyb1126, © mountaintrek, © marilyna
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Lady Natalia und die Liebe

London, Cormack House, Sommer 1815

Lady Natalia Mannings grinste zufrieden. Ihre Mutter, die Duchess of Kent, war in ein Gespräch mit ihrer Schwester, der Viscountess of Suffolk, vertieft und damit waren beide abgelenkt. Das traf sich hervorragend, denn Natalia hatte etwas recht Ungeheuerliches vor. Selbst für sie, die Tochter eines hoch angesehenen Dukes, war es ein Wagnis, sich mit einem Verehrer zu treffen. Privat. Aber es war etwas, was Natalias Herz schneller schlagen ließ. Was ihre Fantasie beflügelte und den Abend erst richtig aufregend machte. Sie traf sich heimlich mit einem Gentleman! Mit ihrem Galan! Mit ihrem etwas in Verruf gekommenen Verehrer, zumindest wenn man dem Gerücht Glauben schenkte, er sei ein Mitgiftjäger, wie Tante Marie erst kürzlich Natalias Mutter gegenüber verächtlich festgestellt hatte. Sie verkniff sich gerade noch zu kichern. Ihr Vater befand sich nicht in der Hauptstadt und so musste sie lediglich einem Dutzend Verwandter unbemerkt entrinnen. Aber das traute sie sich zu.

Sie sah sich um. Der Abend strebte seinem Höhepunkt entgegen und alle Anwesenden befanden sich im Ballsaal oder den angrenzenden Räumen. Die Flügeltüren zu der Terrasse und der Gartenanlage standen sperrangelweit offen und ließen hin und wieder einen Hauch kühler Abendluft herein.

Leichester hatte sie erst vor wenigen Augenblicken aus dem Saal gehen sehen. Charles. Sie erschauerte angenehm. Noch hatte sie nicht gewagt, ihn bei seinem Taufnamen zu nennen. Noch nicht. Die Zeit war dazu noch nicht reif, sagte sie sich. Bisher hatten sie sich lediglich ihr Sehnen eingestanden und ein paar zaghafte Küsse getauscht. Er war so ein vollendeter Gentleman!

Natalia seufzte verzückt und gelangte während ihres verträumten Rundumblicks wieder bei ihrer Mutter an. Es war Zeit. Sie wandte sich den Damen zu.

»Mama?« Sie berührte den Arm der Duchess leicht, die sich sofort zu ihr umwandte – eine Frage in den feinen Zügen. Natalia lächelte beruhigend.

»Ich habe gerade einen Blick auf Clarissa erhascht«, behauptete sie. Tatsächlich war sie sich recht sicher, dass sich die angeheiratete Cousine mit ihrem Gatten nicht in der Stadt aufhielt. »Und ich dachte, ich frage sie schnell, ob sie Nachricht von Amelie hat.«

Die Duchess runzelte die Stirn. »Clarissa?«

Sie wandte sich zur Schwester um, der Schwiegermutter besagter Lady. Lady Suffolk schüttelte den Kopf.

»Sie sind in Bath.«

Natalia biss sich auf die Lippe. Wie dumm, dass sie daran nicht gedacht hatte! Natürlich residierten Jonathan und Clarissa Beaufort in Beaufort House und damit wusste Tante Sarah genau Bescheid! Natalia suchte schnell einen anderen guten Grund, warum sie die Aufsicht der Mutter verlassen musste.

»Ich bin mir ziemlich sicher«, murmelte sie dabei und sah wieder in die Menge. Ihre Cousine fiel ihr ins Auge.

»Oh!« Schnell drehte sie sich wieder um und entdeckte Lady Argyll. »Cousine Marie! Sie weiß bestimmt etwas!«

Die Duchess of Kent hob eine schmale Braue. Roch sie den Braten? Nervös verkrampfte Natalia ihre Finger in ihrem Rock.

»Amelies letzter Brief war so nichtssagend!«, hob sie dünn hervor. »Findest du nicht?« Tatsächlich waren die Nachrichten der um ein Jahr älteren Tochter aus dem Hause Kent sehr dürftig ausgefallen. Ein jeder von ihnen lechzte nahezu nach Neuigkeiten.

Die Duchess seufzte. »Wie recht du hast, Natalia.« Dennoch schien sie Natalia nicht gehen lassen zu wollen.

»Es ist mir ernsthaft wichtig, Mama .«

Einen Moment blieb die Miene der Mutter abweisend, dann legte sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen.

»Also schön, mein Kind. Bitte halte dich nicht unnötig auf.«

Sollte heißen: Erlaubt wurde ein direkter Gang zur Cousine, die sie am besten gleich mit zurückbrachte.

Natalia verbiss sich ein Seufzen. Die Sorge der Mutter war nun in der Tat zu groß. Sie war auf einem Ball mit gut hundert Gästen. Überschaubar, zumal ein Großteil davon auch noch mit ihnen verwandt war!

»Natürlich, Mama«, versicherte sie schnell und machte einen Knicks, bevor sie sich gemessen umdrehte und langsam in die Richtung ging, in der sie Lady Argyll gesehen hatte. Um auf der sicheren Seite zu sein, bog sie erst im allerletzten Moment ab und verließ den Ballsaal durch eben die Tür, die auch Leichester genommen hatte. Ihr Herz pochte schnell und schneller in ihrer Brust und ein Grinsen lag fast schon schmerzhaft auf ihren Lippen. Ein närrisches Grinsen, das wusste sie sehr wohl. Aber Natalia wollte närrisch sein. Sie wollte das Himmelhochjauchzend! Ihre Schritte passten sich ihrem Herzschlag an und sie lief durch den schlecht beleuchteten Gang. Wo war er nur?

Natalia bog um eine Ecke und stoppte. Leichester stand am Fenster und sah hinaus. Sein blondes Haar wellte sich entzückend in seiner Stirn und über den Rand seines Justaucorps. Es juckte ihr jedes Mal in den Fingern, sie Hineinzugraben in sein sicherlich samtig weiches Haar. Letztes Mal hatte sie es sich nicht getraut, beim Kuss im Garten ihrer Cousine.

Er hatte sie noch immer nicht bemerkt und Natalia nutzte den Moment zur genügsamen Betrachtung. Er hatte sehr schmale Lippen, die er häufig auch noch verkniff. Es ließ ihn mürrisch wirken, wo er sonst doch so humorvoll war. Nicht nur die Lippen kniff er oft zusammen, auch die Lider, wodurch seine hübschen Augen nicht zur Geltung kamen. Sie waren leider nicht blau, sondern braun, aber das verzieh sie ihm gerne. Seine Nase hatte einen edlen Schnitt, wenn man das etwas knollige Ende übersah und sein Kinn war männlich, kantig. Na ja, nicht von der Seite betrachtet. Natalia runzelte die Stirn. Aus ihrem momentanen Blickwinkel war sein Kinn nicht kantig, sondern ein Doppelkinn! Natalia schalt sich energisch. Sie liebte ihn doch nicht, weil er hübsch war!

Um sich nicht weiterhin mit ihren dummen Gedanken beschäftigen zu müssen, trat sie schnell vor. Die Bewegung sicherte ihr seine Aufmerksamkeit. Er wandte sich um. Im ersten Moment meinte Natalia, einen alles anderen als angemessenen Gesichtsausdruck wahrzunehmen. Dann strahlte er sie an und sie schalt sich erneut.

»Natalia! Meine allerliebste Herzdame!« Er kam auf sie zu und ergriff die eilig gehobene Hand, um feste Küsse auf ihre Finger zu drücken. Dann auf ihren Handrücken. Er sah auf. »Wie verzaubert bin ich ein jedes Mal von Ihrem Anblick!«

Natalia atmete tief aus. Wie dumm sie war!

Sie lächelte zu ihm auf. »Lord Leichester.«

Sie brachte das Charles einfach nicht über die Lippen, aber vermutlich war dies noch immer nicht der richtige Moment.

Er zog sie sanft näher. Natalia ließ die Lider sinken und hob dabei ihr Kinn an. Sein Kuss war zart und sie seufzte verzückt. Es war perfekt! Es war Liebe! Ihr Herz erbebte und sie ließ sich enger in die Umarmung ziehen. Nach einigen weiteren Küssen, wobei seine Zunge sogar über ihre Lippen glitt, seufzte er tief. Natalia schlug die Augen auf und sah in sein betrübtes Gegenpaar.

»Stimmt etwas nicht, Mylord?«, hauchte sie erschrocken. Waren ihre Küsse nicht nach seinem Geschmack? Machte sie gar etwas fürchterlich falsch? War es so schlimm, dass sich seine Gefühle für sie änderten?

Leichester streichelte sacht ihre Wange. »Meine Holdeste!«

Das beruhigte sie zumindest ein wenig. Wenn sie ihm noch hold war, war doch alles gut. Warum dann diese Leichenbittermiene?

Sie runzelte die Stirn. Das passte so gar nicht in ihre Vorstellung. Sie sollten doch glücklich sein, in der Gesellschaft des jeweils anderen.

»Mylord, was trübt deine Ihre Stimmung?« Sie legte sacht die Hand auf seiner Brust ab und hielt dabei die Luft an. Wie vermessen, ihn zu berühren! Wieder durchfloss süße Aufregung ihre Adern und verdrängte die leise Furcht. Es war doch alles so herrlich aufregend!

»Meine süße Natalia, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen gestehen soll!«, offenbarte er und ihr wurde regelrecht kalt ums Herz. Etwas Schauderhaftes würde sie nun vernehmen, ganz sicher! Was mochte es sein? Hatte er einer Anderen die Ehe angetragen? Ihr Herz sackte ab. Wie konnte er ihre Liebe so beflecken? Oder war er gar gebunden? An eine Frau, die er nicht lieben konnte? Ihr Herz zog sich mitleidig zusammen. Wie fürchterlich musste er sich da nach ihr sehnen!

Er zog ihre Hände an seinen Mund und küsste eine nach der anderen inbrünstig.

»Natalia, es bricht mir gar das Herz!«

»Hush, Mylord, was kann Sie dermaßen betrüben?« Sie riss die Augen auf, in Erwartung einer Schauermär. Welch fürchterliches Unglück mochte zwischen ihnen stehen?

»So sagen Sie es mir! Lassen Sie mich nicht fürchten!« Gemeinsam konnten sie dem Schicksal trotzen!

»Es wird mir verwehrt bleiben, der Ihre zu sein!« Der Schmerz seiner Eröffnung stand ihm in die Miene gemeißelt. Natalia keuchte. Wie schrecklich! Tränen der Enttäuschung brannten in ihren Augen und perlten über ihre Wangen. »Oh!«

»Liebste!« Er riss sie zurück an seine Brust und Natalia keuchte einmal mehr. Dieses Mal unter seinem Ansturm. Er küsste sie verlangend und ließ ihr damit kaum Möglichkeiten zu atmen. Seine Zunge drängte sich zwischen ihre Lippen. Natalia erstarrte erschrocken.

»Oh holdeste aller Damen! Welch Unglück mich bedroht!«

Natalia keuchte an seiner Brust. Ihr Herz schlug wild und eine Gänsehaut überzog langsam ihren Körper. Das Atmen fiel ihr noch immer schwer, schien gar noch schwieriger zu werden, obwohl er sie nicht fest umschlossen hielt. Es schauderte sie und dieses Mal war es kein angenehmes Gefühl.

»Warum?«, wisperte Natalia, mit ihren merkwürdigen Empfindungen beschäftigt. War es Furcht?

»Ihr Vater wird mir mein Glück verwehren, Liebste. Er wird mir Ihre Hand verwehren«, offenbarte Leichester mit Grabesstimme. Er schob sie ein Stück von sich und hob ihr Kinn an. »Er wird mir nicht gestatten, meine wahre Liebe zu meinem Weibe zu machen!«

Natalia jauchzte auf. »So ist es Ihr Wunsch?«

Oh wie herrlich! Ihr Liebster trug ihr die Ehe an! Es war soweit! Der schönste Augenblick in ihrem Leben war gerade jetzt! Moment ... Sie runzelte die Stirn. Sollte er nicht vor ihr knien? Sollte er ihr nicht seine immerwährende Liebe gestehen und ihr einen Ring überreichen, der seine Gefühle aufs Vortrefflichste symbolisierte?

»Aber ja! Es kann Ihnen nicht entgangen sein, wie sehr ich Ihre Gesellschaft herbeisehne!« Er hauchte ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen. »Ich wünsche mir nichts sehnlicher, meine Liebste, als Sie zu Lady Leichester zu machen.«

Nicht ganz, wie sie es sich erwünscht hatte, aber gut genug. Sie strahlte zu ihm auf.

»Oh, Charles!« Seine Brauen zogen sich irritiert zusammen und Natalia korrigierte sich schnell. »Leichester! Ich wünsche es mir ebenso!«

Er seufzte betrübt und entließ sie aus der Umarmung. Natalia stockte verwirrt. Sollte er sie nun nicht wieder küssen und ihr versichern, dass ihr beider Wunsch baldigst in Erfüllung ginge? Stattdessen wendete sich Leichester von ihr ab und fuhr sich durch das Haar.

»Oh, meine süße Natalia!«

Sie verstand nicht ganz, was nun vor sich ging. Sollte er ihr nicht versichern, dass er baldmöglichst ihren Vater aufsuchte, den Duke of Kent, ganz gleich, ob sich dieser auf ihrem Landsitz aufhielt oder in Timbuktu? Sollte er nicht ihre Hand ergreifen und zumindest ihre Mutter schon einmal auf seine Seite zu ziehen versuchen? Natürlich unnötigerweise, denn der Duke würde sicherlich ihrer Verehelichung mit einem Earl der britischen Krone zustimmen. Es sprach doch auch nichts dagegen, so Leichester nicht etwas immens Abträgliches verschwieg. Sie knetete die Hände.

»Mylord?«

Er sah über die Schulter zu ihr zurück. »Seine Gnaden wird mich zum Teufel schicken, Natalia.«

Lächerlich.

»Seine Gnaden wird zustimmen«, korrigierte sie selbstsicher.

Ihr Vater wünschte sich nur eines: dass seine Kinder glücklich wurden. Sie wäre überglücklich als Lady Leichester, dessen war sie sich sicher.

Leichester schüttelte betrübt den Kopf. »Natalia, meine Süße, vertrauen Sie meiner Einschätzung. Seine Gnaden wird ablehnen.«

Natalia öffnete den Mund, um zu widersprechen.

»Wir stehen nicht auf freundlichem Fuße, Natalia. Es ist eine alte Geschichte. Ein Missverständnis meinerseits, das gebe ich zu. Ich versuchte, mich zu entschuldigen, aber seine Gnaden wies mir die Tür.« Bedauernd schüttelte er den Kopf. »Ich fürchte, es ist aussichtslos!«

Natalia klappte der Mund auf. Das durfte nicht sein!

Sie schüttelte den Kopf. Es durfte nicht sein! »Leichester, ich bin mir gewiss ...«

Sein glühender Blick ließ sie abbrechen. Es war mit Sicherheit keine Leidenschaft, eher schon Wut. Sie musterte ihn verblüfft. Es gab keinerlei Grund zu Zorn.

»Natalia!«, knirschte er und presste dann die Lippen aufeinander. Seine Miene klärte sich und er bat reuig um Entschuldigung. »Ich bin mir gewiss, meine Liebe, dass es mir verwehrt sein wird. Vertrauen Sie meiner Einschätzung.«

Er trat auf sie zu und nahm ihre Hand auf, um sie zu küssen. Dabei sah er dermaßen traurig auf sie herab, dass sie einfach seufzen musste. Und zustimmen. Obwohl es unsinnig war. Schlicht unsinnig.

»Natürlich vertraue ich Ihrer Einschätzung, mein Liebster!«

Er senkte den Blick. »Natalia ...« Und runzelte die Stirn. »Ist es Ihnen ernst? Wollen Sie die Meine sein?«

Etwas ließ Natalia in ihrer freudigen Zustimmung innehalten und sie krächzte schließlich ein atemloses Ja. Dabei war ihr recht unbehaglich zumute. Leichester drückte wieder Küsse auf ihre Finger.

»Dann seien Sie mein!«

Verunsichert hielt Natalia den Atem an. Wie sollte sie dies verstehen?

»Geben Sie mir Ihr Versprechen. Reichen Sie mir Ihre Hand zum ewigen Bunde!«

Ihre unterschwelligen Befürchtungen zerstoben und sie lachte erleichtert auf. »Ja!«, rief sie, keineswegs um Heimlichkeit bemüht. »Ja, meine Hand soll die Ihre sein! Für ewiglich!«

Er jubilierte ebenfalls, nahm sie in den Arm und schwang sie herum, bis sie sich atemlos an seine Schultern klammerte. Dann setzte er sie ab und machte sie schummrig durch seine leidenschaftlichen Küsse. Nach einer Weile raunte er ihr zu: »Ich will nicht länger auf Sie verzichten müssen als unbedingt nötig.«

Natalia schloss zufrieden die Augen. Auch sie wollte keinen Moment länger auf ihn verzichten müssen. Auf ihr gemeinsames Leben. Auf ihre Zukunft als Lady Leichester. Sie seufzte zufrieden.

»Haben Sie irgendjemandem von mir erzählt?«

Natalia schüttelte den Kopf. Sie hätte, aber alles drehte sich derzeit um Amelie. Ihre große Schwester, die ihren Bräutigam vor dem Altar stehenließ und nun im selbstgewählten Exil lebte: im Kloster! Sie hatte Amelie von ihren Gefühlen zwar berichtet, aber keinen Namen genannt. Amelies Reaktion darauf stand noch aus, aber Natalia kannte die Schwester zu gut. Sie riete zur Vorsicht. Sie riete ihr ab, weil Leichester nicht vermögend genug wäre, nicht gut genug aussähe oder Amelie sonst etwas an ihm auszusetzen hatte. So war sie.

»Hervorragend!«, flüsterte Leichester zufrieden. »Belassen Sie es dabei, meine Liebste.«

Natalia runzelte die Stirn. Sie sollte ihre Gefühle für ihn verheimlichen? Das erschien ihr nicht richtig. Sie wollte ihr Glück mit jedem, den sie liebte, teilen!

»Aber ...« Er unterbrach sie mit einem Kuss und als er die Forderung erneut stellte, stimmte sie mit einem Seufzen zu.

»Wir werden schnell agieren müssen, Liebste. Überraschend, damit uns niemand im Wege steht!« Leichester schob sie von sich. »Halten Sie sich bereit. In ein, zwei Tagen werden wir aufbrechen.«

»Aufbrechen?«, wisperte Natalia verwirrt und riss die Augen auf. Womöglich trieb ihre übersprudelnde Fantasie nun Schindluder mit ihr, aber es gab doch nur eine Erklärung für seine Worte: Das kleine schottische Dorf direkt an der Grenze, in dem man schnell und einfach, auch ohne die Zustimmung der Eltern, heiraten konnte: Gretna Green! Sie sah erschrocken zu ihm auf. Durchbrennen? Das war doch wirklich zu theatralisch. »Mylord«, sprach sie Leichester an und berührte dabei sacht seinen Arm. »Es ist doch nicht nötig, durchzubrennen.«

Er wandte sich um und einen Moment lang schien er ärgerlich, aber sein Ausdruck hellte sich sofort wieder auf. Trotzdem blieb Natalia vorsichtig, als sie fortfuhr. »Seine Gnaden wird mir meinen Wunsch erfüllen, dessen bin ich mir gewiss!«

Es gab schließlich keinen Grund, warum Leichester nicht akzeptiert werden sollte.

»Natalia!«, tadelte Leichester. »Es gibt nur diesen Weg!«

Sie hielt den Atem an. Sein hübsches Gesicht war unvorteilhaft verzogen. Glich nun mehr einer Fratze. Sie blinzelte und senkte das Kinn.

»Meine Liebe.« Seine Stimme war samtweich und troff vor erzwungener Geduld. »Diese Entscheidung müssen Sie treffen. Für mich oder gegen mich.«

Natalia riss die Augen auf. Welch Dilemma!

»Wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe, so folgen Sie mir!«

Sie biss sich auf die Lippe. Sie liebte ihn von Herzen. Sie seufzte. Vielleicht sollte sie es als Abenteuer sehen? Es war doch aufregend! Sie begeisterte sich für den Gedanken. Das Fortschleichen, die Flucht, die heimliche Hochzeit in einer malerischen kleinen Kapelle an der schottischen Grenze. Sie seufzte entzückt. Was für ein Abenteuer!

»Oh Leichester, natürlich folge ich Ihnen!«

Die Anspannung wich aus seinen Zügen und er war wieder ihr strahlender Verehrer. Die Liebe ihres Lebens! Natalia kicherte verzückt. Wie wundervoll das Leben war!

2

Auf der Flucht

Natalia drückte sich in die Ecke der Reisekutsche. Sie waren bereits eine Ewigkeit unterwegs und jede Faser ihres Leibes schmerzte. Der Tag war bereits in seinem Mittagslauf und sie betete, sie mögen eine Pause einlegen. Die erste seit dem Frühmahl. Noch immer trug sie ihr Ballkleid und hatte nur den leichten Mantel, um sich warmzuhalten. Es genügte bei Weitem nicht! Sie schlang die Arme fester um sich und warf Leichester einen Blick zu. Er saß ihr gegenüber, eingehüllt in seinem pelzverbrämten Mantel und schien völlig entspannt zu schlafen.

Natalia schloss die Lider und biss die Zähne aufeinander. Es war nur ein wenig kühl und sie konnte sich bereits in Bälde in einem Gasthof aufwärmen. Die Kutsche ratterte über die schlecht befestigte Straße.

Als sich die Nacht über das Land zu legen begann, konnte sie sich nicht mehr zurücknehmen. Es war schlicht zu viel des Ungemachs.

»Mylord?«

Er schlug die Lider auf.

»Wir haben das Mittagsmahl verpasst.«

»Wir können in der Nacht etwas zu uns nehmen.«

In der Nacht? Natalia riss die Augen auf. »Aber Mylord, die letzte Mahlzeit ...«

Die Kutsche verlor deutlich an Geschwindigkeit und sie die Aufmerksamkeit ihres Begleiters. Der rutschte über die Sitzbank und riss an dem Vorhang aus Kalbsleder, um hinauszuspähen.

»Verflucht noch mal, was geht hier vor?«, spie er dabei. Natalia starrte ihn an. Sein Mund war vor Ärger verzogen und seine Augen glühten wie Schlote. Sie hielt den Atem an. Der Kutscher brüllte dem Hindernis zu, es solle sich vom Acker machen und gab ihr damit einen Anhaltspunkt. Die Straße war blockiert. Durchaus ein Grund zu Ärger. Es beruhigte sie ein wenig und sie entkrampfte ihre Finger. Eine leichte Unruhe blieb.

Die Kutsche stoppte und Leichester stieß den Schlag auf. Natalia rutschte selbst zum Fenster und sah hinaus. Es herrschte ein wildes Durcheinander. Drei Hunde sprangen Leichester an, als er auf den Mann zuging, der am Hinterrad einer klapprigen Kutsche hantierte. Ein kleiner Junge zupfte dem Mann dabei beständig am Hemd und ein greinendes Bündel lag strampelnd auf dem Bock.

Natalia stockte der Atem. Wie unverantwortlich! Sie hüpfte die Stufen herab und raffte ihre Röcke.

»Entferne diese Karre augenblicklich!«, verlangte Leichester harsch und schlug nach der Schnauze eines der Hunde, die an ihm emporsprangen. Natalia gewahrte es nicht, ihr Fokus lag klar auf dem gefährdeten Baby.

Der Angesprochene ignorierte den Lord und wies lediglich den Knaben an, ihm ein Werkzeug zu bringen. Das Baby befreite sich aus seinem Bündel und drehte sich. Natalia fing es ab und drückte es sich an die Brust.

»Da habe ich dich!«, rief sie erleichtert und sah in das rosige Gesicht des Kleinkindes. Noch kein Jahr, schätzte Natalia und grinste lächelte auf es nieder.

»Hey!« Sie wurde herumgerissen. Sie hob das Kinn, um dem Unhold die Leviten zu lesen, hob es noch etwas höher. Noch immer befand sich kein Gesicht in ihrem Blickfeld. Natalia legte den Kopf in den Nacken und sah zu dem Hünen auf. Ihre Augen weiteten sich erschrocken. Er griff grob nach dem glucksenden Baby. »Was erlauben Sie sich?«

Sie schluckte und wurde einer Antwort enthoben. Leichester herrschte den Mann erneut an: »Schaffen Sie die Karre aus dem Weg!«

Natalia war zwischen Bock und Hünen gefangen und erkannte die Gefahr erst, als sie ihn ein tiefes Grollen ausstoßen hörte. Sie keuchte und wollte zurückweichen. Dabei stieß sie sich schmerzhaft die Hüfte am Tritt. Sie verbiss sich zwar den Aufschrei, aber die Tränen ließen sich nicht unterdrücken.

»Du Flegel!«, herrschte Leichester den Hünen, unbeeindruckt von dessen Größe, an. »Eine Lady zu verletzen!«

Natalia wollte es korrigieren, bekam aber kein verständliches Wort über die Lippen.

»Aus dem Weg! Hundsfott!« Leichesters Kutscher und der bullige Knecht kamen heran und warteten auf die Order des Lords. Leichester gab sie mit einem Wink. Obwohl beide Männer sicherlich nicht schwächlich zu nennen waren, behauptete sich der Hüne mühelos. Er stieß den Knecht in den Graben und schüttelte den Kutscher ab. Mit Leichester hatte er jedoch nicht gerechnet, der drosch mit einem Stock auf ihn ein.

Natalia schrie auf. Das Baby! Der Hüne entriss Leichester den Stock mit einer Schmähung und zerdrückte ihn in seiner Pranke. Er griff nach ihm und hob ihn am Schlafittchen an. Leichester keifte ein paar Befehle: Der Kutscher solle die Pistole holen und den Hünen erschießen.

»Aufhören!«, schrie Natalia. So hatte sie sich ihr Abenteuer nicht vorgestellt. »Bitte! Entlassen Sie ihn!« Natalia hing sich an den Arm des Riesen, ohne einen Unterschied zu bewirken. »So lassen Sie ihn hinunter!«

Sie ließ sich hängen, aber auch dies führte nicht zum Absenken des Armes. »Bitte! Sie tun ihm doch weh!«

Leichesters Füße berührten wieder den Boden, auch wenn er nicht frei war.

»Wagen Sie es nicht, mich noch einmal anzugreifen!«, knurrte der Hüne und stieß Leichester von sich. Das Baby in seinem anderen Arm greinte. Der Knabe versteckte sich unter dem Wagen, während die Hunde das Geschehen mit lautem Gebell begleiteten.

Leichester riss sich los und bedachte seinen Kontrahenten mit hasserfüllten Blicken. Natalia stürmte auf ihn zu. »Leichester, sind Sie wohlauf?« Ihre argen Befürchtungen drückten ihr fast den Atem ab. Wenn sie nun nicht weiterreisen konnten?

»Selbstverständlich!«, zischte Leichester und schob sie grob zur Seite, um sich vor dem Hünen aufzubauen. »Das werden Sie noch bereuen!«

Er bedeutete seinen Bediensteten erneut, den Mann zu überwältigen.

»Das Baby!«, wisperte Natalia erschrocken und fing den dunklen Blick des Hünen auf. »Oh bitte!«

Er erwehrte sich auch dem neuerlichen Angriff und warnte grummelnd: »Beim nächsten Mal werde ich nicht mehr sanft sein!«

»Leichester!« Natalia klammerte sich an seinen Arm. »So haltet ein! Er hat doch ein Baby auf dem Arm!«

»Der Strolch verdient es nicht besser!«, zischte Leichester und schob sie zur Seite. Natalia erstarrte sprachlos. Bei ihren Angriffen könnten sie ein wehrloses und völlig unschuldiges Baby verletzen!

»Mylord!« Sie raffte ihre Röcke und umrundete ihn schnell. Da ihn die bisherigen Bezugnahmen auf das Kind nicht von seinem Plan der Vergeltung abgebracht hatten, suchte Natalia nach einem anderen Grund.

»So hört mich an!«

Leichester wollte sie erneut zur Seite schieben.

»Wir sollten keine Zeit verlieren!«, hob sie an. »Nicht wahr?« Sie befreite sich von seiner Berührung und trat zurück. Sie spürte den Hünen in ihrem Rücken. »Wir sollten uns sputen. Der Karren muss von der Straße. Sollten wir unsere Anstrengungen nicht darauf richten?« Sie betete, dass er Vernunft annahm und schloss dankbar die Augen, als Leichester einräumte: »So ist es wohl.«

Dennoch klebten seine Augen an dem Mann hinter ihr mit mörderischer Wut. Natalia wagte es kaum, sich abzuwenden und wieder zu dem Hünen aufzusehen. Dennoch fragte sie:

»Sir? Sie haben ein Problem mit ihrem Karren?«

Die kristallklaren Augen legten sich erschauernd durchdringend auf sie.

»Setzen Sie sich in die Kutsche, Natalia!«, orderte Leichester hart und schob sie zur Seite.

»Ich kann auf das Baby aufpassen, während die Herren das Problem beheben«, bot sie an und hob die Arme. Leichester stieß sie Richtung Kutsche.

»In die Kutsche!«

Natalia drehte sich erschrocken um. »Mylord!«, entrüstete sie sich. So ließe sie nicht mit sich sprechen!

Leichester griff nach ihrem Arm und riss sie mit sich. Er stampfte zur Kutsche und schubste sie hinein. »Keine Mätzchen!«

Natalia fiel die Kinnlade herab. Das war ungeheuerlich! »Mylord!«, hob sie erneut an und stand auf, um aus der Kutsche zu steigen. »Das Baby!«

Herrje, es war doch offenkundig, dass ihre Hilfe vonnöten war!

»Herrgott noch mal!«, bellte Leichester und ließ sie zusammenzucken. »Du bleibst in der Kutsche, verstanden?!«

Natalia sackte zurück auf den Sitz, zu schockiert über den harschen Befehl und das plötzlich ausgesprochene Du. Der Schlag fiel zu und Leichester herrschte den Besitzer des Karrens an, selbigen aus dem Weg zu räumen. So ein Narr, beschied Natalia. Wie sollte der Herr das Gefährt von der Straße bekommen, während er sich gleichzeitig um ein greinendes Baby, eine Meute Hunde und einen verängstigten Buben kümmern musste? Natalia stieß den Schlag auf und stieg behände aus der Kutsche. Sie umrundete Leichester schnell, der noch immer dieselbe Aufforderung wiederholte. Narr! Natalia streckte die Arme aus, als sie vor dem Hünen stehen blieb. »Geben Sie mir das Baby!«

Sein durchdringender Blick legte sich verstimmt auf sie. Er folgte ihrer Bitte mitnichten! Sie atmete tief durch, trat noch einen Schritt auf ihn zu. Herrgott, war er furchterregend!

»Natalia!«, herrschte Leichester sie an und riss sie zurück. »Habe ich dir Ihnen nicht befohlen, im Wagen zu bleiben?«

Sie zuckte zusammen. Sein Griff war hart und schmerzhaft und sie keuchte erschrocken: »Au!«

»Sie werden ...«

»Daingead! Sie tun der Lady weh«, murrte der Hüne hinter ihr plötzlich. Sie spürte seine Hitze in ihrem Rücken und sah über die Schulter zurück.

»Ich kümmere mich um die Kinder.« Natalias Stimme schwankte. Sie straffte die Schultern. Sie war Lady Natalia Mannings, sie ließ sich nicht unterkriegen! Herrje, ihre Schwester ließ ihren Verlobten vor dem Altar stehen, ihre Mutter hatte sich gar scheiden lassen! Da konnte sie doch ihren Standpunkt vor ihrem Liebsten und diesem Herrn behaupten! Sie hob erneut die Arme. Dieses Mal füllten sie sich mit dem greinenden Kleinkind.

»Hush, Kleines«, säuselte Natalia und wiegte das Baby. »Was bist du für ein kleiner Schreihals, hm?« Sie sprach weiter auf es ein und wendete sich dabei ab. Der Bube kauerte immer noch unter dem Karren und lugte überaus ängstlich zwischen den Speichen hindurch. Das Baby stellte das Greinen ein und Natalia konnte sich dem Buben widmen. Sie legte den Kopf schräg. »Guten Abend, der Herr.«

Sie ignorierte Leichester, der hinter ihr wütete. »Du hast dich vor einer Dame zu verbeugen und sie höflich zu begrüßen, weißt du das nicht?«

Die hellen Augen des Buben wurden noch größer.

»Nun?« Natalia bettete das Baby um. »Im Folgenden musst du mir dein Geschwisterchen vorstellen.« Der Junge machte noch immer keine Anstalten, unter dem Karren hervorzukommen.

»Iain!«, grollte der Hüne. Der Bub zuckte zusammen und kroch noch tiefer unter den Karren. »Daingead! Junge, komm hervor!«

»Sir, bitte halten Sie sich zurück.« Sie schob ihn zur Seite und ging vor dem Rad in die Hocke. Ihr Korsett schnürte sich unangenehm in ihren Leib und machte es schwierig, zu atmen. Trotzdem lächelte sie dem Buben zu. »Du bist also Iain? Ich bin Natalia.« Sie hielt ihm die Hand entgegen. »Schau mal, dieser Karren blockiert die Straße und muss fortgeräumt werden. Dafür musst du aber unter dem Karren hervorkommen.« Sie streckte die Hand noch etwas weiter zu ihm. »Komm, du brauchst keine Angst haben.«

»Herrgott noch mal, holt den Burschen hervor!«, orderte Leichester harsch. Natalia biss sich auf die Lippen. Er war keine Hilfe.

»Iain? Bitte komm her.« Sie keuchte es, weil ihr mittlerweile der Atem fehlte. »Bitte.«

»Iain Colin MacAllister! Gehorche!«, dröhnte der Hüne. Der Bub wich erneut zurück und Natalia kam verärgert auf die Füße.

»Mr MacAllister, Sie sind keine Hilfe!« Sie sah flammend zu ihm auf. Blau. Seine Augen waren blau. Sie verlor fast den Faden. »Der Bub ist völlig verängstigt!« Richtig! Sie senkte den Blick. »Ihn anzuschreien wird ihn nicht hervorlocken!«

»Hibbs, holen Sie das Balg raus!«, orderte Leichester. Natalia fuhr herum. Unfassbar!

»Mylord!«

Hibbs, der Kutscher, zerrte bereits am Schlafittchen des Jungen, der sich schreiend am Rad festklammerte.

»Nein!« Natalia versuchte dazwischenzugehen. »Aufhören!«

Hibbs riss unbarmherzig den Jungen hervor und schubste ihn in den Graben. Unfassbar! Natalia folgte ihm und kniete sich, ohne auf ihr Kleid zu achten, zu dem erstarrten Buben.

»Iain, bist du verletzt?«

Die klaren, blauen Augen des Jungen legten sich in deutlicher Verblüffung auf sie.

»Das werden Sie bereuen«, warnte der Hüne. Natalia sah auf und begegnete seinem Blick. Sie konnte ihr Bedauern nicht artikulieren.

»Iain? Ciamar a tha thu?«

Natalia runzelte die Stirn, der Bube ebenso.

»Wurdest du verletzt?«, grummelte der Hüne und zog dabei den Buben hoch.

»Aye«, wisperte er und dieses Mal konnte sie die Sprache eindeutig zuordnen. Es waren Schotten. Waren sie tatsächlich bereits in Schottland?

Leichester zerrte sie auf die Füße und entriss ihr das Baby. Hibbs und der Bursche trieben das zottlige Pferd an und sparten nicht mit Schlägen. Natalia schossen Tränen in die Augen. Was für eine furchtbare Situation. Kinder wurden misshandelt, Tiere, und zu allem Überfluss sie selbst obendrein. Leichester schubste sie Richtung Kutsche.

»Einsteigen!«, zischte er. »Ich warne dich, meine Geduld ist am Ende!«

Das Baby landete an der Brust des Hünen, der geistesgegenwärtig die Arme um es schloss. Leichester griff erneut nach Natalia, während im Hintergrund das Pferd aufwieherte und es schauderhaft krachte.

»Meine Kutsche!«, donnerte der Hüne. »Daingead!« Mit dem Baby im Arm und dem Jungen an der Hand, war er handlungsunfähig. Der Schaden war ohnehin bereits angerichtet. Natalia folgte seinem brennenden Blick auf das gebrochene Rad seines Karrens. Dann drehte er sich und Natalia zuckte zusammen. Sie war nie zuvor einem solch emotionsgeladenen Blick ausgesetzt gewesen. So viel Hass. Widerstandslos ließ sie sich weiterschieben. »Sie haben mein Gefährt zerstört!«

Leichester ignorierte ihn und quetschte Natalia in die Kutsche. Er folgte ihr mit der Order: »Hibbs! Auf jetzt! Ich will die Nacht hier nicht verbringen!«

Natalia sah hinaus in die zunehmende Dunkelheit, als sich die Kutsche mit einem harten Ruck in Bewegung setzte. Der Karren lag halb im Graben, der Bub weinte, das Baby tat es ihm gleich. Der Hüne sah ihnen grimmig nach.

»Mylord, das Rad ...«

»Sei still!«

Natalia klappte den Mund zu, erschrocken über seine harsche Forderung. Es war ungeheuerlich, wie er mit ihr sprach! Noch nie, aber wirklich nie, war man dermaßen rüde mit ihr umgesprungen!

Sie starrte ihn an, in seine dunklen Augen. In seine kalten Augen. Natalia schauderte es. Auf einmal bereute sie es, der Reise zugestimmt zu haben. Zumal es eigentlich keinen Grund gegeben hatte, sich heimlich aus dem Staub zu machen. Ihr Vater hätte ihr ihren Wunsch erfüllt. Plötzlich war sie sich gar nicht mehr so sicher, dass es diesen Grund nicht doch geben konnte. Wenn Leichester nun recht behielt und der Duke einen Grund hatte, Leichesters Werbung zu unterbinden?

Natalia senkte die Augen. Es war bitterlich kalt.

»Wir werden anhalten.« Leichester klopfte an die Kutschwand und gab Hibbs die Order durch. Natalia umarmte sich fest. Es beunruhigte sie, dass er nun doch halten wollte. Gut, es wurde dunkel, aber sie waren schließlich bereits die letzte Nacht hindurch gereist. Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt und bog ab. Dann rollte sie langsam aus und kam vor einem gedrungenen Gasthaus zum Stehen. Natalia warf Leichester einen vorsichtigen Blick zu. Seine Laune hatte sich offenbar gebessert, denn er begann zu pfeifen. Der fröhliche Klang ließ ihre Kehle zuschnüren. Natalia senkte den Blick auf ihre Finger. Ihre Handschuhe waren verdreckt. Sie schluckte und zuckte zusammen, als er sie ansprach: »Nun, meine Teure, eine Rast, ganz wie du Sie es gewünscht hast.haben.«

Er hielt ihr die Hand entgegen. Durch den geöffneten Schlag drang kühle Abendluft.

»Natalia!«

Schnell streckte sie die Hand aus, um seinen Unmut nicht noch weiter anzustacheln. Sein Griff war fest und weckte gelinde Unruhe in ihr. Natalia ließ sich ins Gasthaus führen, versunken in ihre Gedanken. Sie nahm Platz, als sie dazu aufgefordert wurde, und streifte die Handschuhe ab. Der Dreck auf ihnen fing erneut ihre Aufmerksamkeit ein und die Szene tauchte vor ihrem inneren Auge wieder auf – wie der kleine Bub in den Graben gestoßen wurde. Erschauernd schloss sie die Lider. Sie war nie zuvor Zeuge einer solchen Misshandlung geworden, weder von Kindern, noch von Tieren. Und ausgerechnet ihre große Liebe leistete einer solchen Ungeheuerlichkeit Vorschub?

»Legen Sie doch ab, Natalia, wir werden über Nacht bleiben.« Er klang sehr zufrieden und damit versöhnlich. Natalia sah zu ihm auf. Seine wässrig blauen Augen lagen mit einem Ausdruck auf ihr, der sie schlucken ließ. Er streckte die Finger nach ihr aus und streichelte sacht ihre Wange.

»Sie sind so bleich, mein Herzblatt, bekommt Ihnen die Reise nicht?«

Natalia fasste sich ein Herz. Sie musste ihre Zweifel ansprechen und ganz bestimmt konnte Charles sie zerstreuen. Es gab sicherlich eine gute Begründung für sein harsches Benehmen. Seine Furcht, man könne sie einholen, womöglich. Natalia öffnete den Mund.

»Das wäre bedauerlich, müssen wir unsere Reise doch am frühen Morgen fortsetzen.«

Natalia klappte den Mund wieder zu. Er tätschelte ihre Wange.

»Komme, was da wolle.«

»Selbst, wenn ich leidend darniederliege?«, krächzte sie und zerknüllte dabei die Seide ihrer Handschuhe in ihren verkrampften Fingern.

»Selbst dann.« Er grinste und tätschelte ihr den Kopf. »Hoffen wir, dass es nicht dazu kommt.«

Natalia fehlten die Worte. Er wendete sich ab, um sich selbst seines Mantels zu entledigen, und warf ihn über die Lehne eines Stuhles. Dann trat er ans Feuer, um sich die Finger zu wärmen. Seine Gestalt hob sich dunkel vor dem Feuer ab. Teuflisch, durch das Flackern der Glut und den rot-gelben Schein der Flammen. Die Kehle schnürte sich ihr zu. »Welche Meinungsverschiedenheit war es, die dies hier nötig machte?«

Leichester drehte sich zu ihr um. Sie konnte den Ausdruck in seinem Gesicht nicht deuten. »Wie meinen, meine Teure?«

Natalia zitterte unerklärlicherweise, hob aber ihr Kinn. Sie hatte Amelie häufig genug beobachtet, wie sie ihre Mutter, die Duchess imitierte, das konnte sie auch. Also hob sie eine Braue und verlieh ihrer Stimme eine ungewohnte Härte.

»Der Grund für diese unangebrachte Reise, Mylord. Mir scheint, ich bin nicht für Abenteuer gemacht.« Die Erklärung hätte Amelie sich wohl gespart. Natalia seufzte innerlich, sie war nun mal nicht die Schwester. Sie war nun mal nicht stark und eisig.

Er verengte die Augen und seine Lippen verzogen sich. »Der Grund für diese unangebrachte Reise ist die Weigerung Ihres Vaters, Sie mir zum Weibe zu geben!«

Natalia klappte der Mund auf. »Bitte?«

Er hatte um sie angehalten und der Duke hatte ihn abgewiesen?

»Er schätzt mich nicht.«

Natalia senkte den Blick. Soweit waren sie bereits vor einigen Tagen gewesen. »Warum schätzt er Sie nicht?«

Wenn es etwas Ernstes war? Wenn sie den Wünschen ihres Vaters zuwider gehandelt hatte? Sie runzelte die Stirn und presste die Hand auf den Magen. Man hätte doch mit ihr gesprochen.

»Weil er ein alter Narr ist!«, stellte Leichester hart fest. Natalia sah auf, in sein verärgertes Gesicht. In eine verzogene Fratze, die nichts mehr mit dem herzlichen Galan zu tun hatte, für den sie ihn bisher gehalten hatte. Seine Miene klarte auf und er lächelte sie an. Aber die Klarheit erreichte seine Augen nicht.

»Sie werden es bald verstehen, meine Liebe, seien Sie unbesorgt.« Das war leichter gesagt als getan ...

Es klopfte und Leichester bat einzutreten. Ein hölzernes Tablett mit Braten und Brot wurde vor ihnen abgestellt, dazu zwei Kelche mit Bier. Er zog sich den Stuhl neben ihr heran und nahm grunzend darauf Platz.

»Dann wollen wir mal. Ich rate Ihnen, ordentlich zuzulangen. Wir werden das Frühmahl erst in der Kutsche zu uns nehmen.«

Er bediente sich und stopfte sich ein großes Stück Braten in den Mund. Natalia wartete, aber er dachte nicht daran, ihr eine Portion zu reichen. Nicht einmal, ihr ein Stück vom Fleisch abzuschneiden. Wie ungehört rüde! Natalia blieb keine Wahl, da sich ihr Magen mit einem vernehmlichen Knurren meldete. Errötend streckte sie die Hand nach dem Brot aus und brach sich eine Ecke davon ab. Ihr Vater versorgte auf Reisen stets erst seine Gattin mit Nahrung, dann seine Kinder, bevor er selbst zulangte. So war es auch bei Tisch geregelt. Die Dienerschaft kümmerte sich zunächst um die Damen und zu guter Letzt um den Herrn des Hauses. Sie wusste, dass dies nicht gang und gäbe war. Aber die Tischdame ganz zu ignorieren, war ernsthaft unangemessen. Sie warf Leichester einen Blick zu, den er nicht zu bemerken schien. Bratenfett rann über sein Kinn und tropfte auf seinen Justaucorps. Natalia widmete sich ihrem Brot. Sie kannte niemanden, der eine Dame so missachtete. Sie stockte und ließ die Hand mit dem Stück Brot wieder sinken.

»Ich möchte nach Hause.«

Sie flüsterte es bloß, aber es entsprach ihrem innersten Wunsch. Sie wollte einfach nur wieder nach Hause. Leichester ignorierte sie und beendete sein Mahl, indem er es mit einem großen Schluck Bier hinunterspülte. Nicht alles gelangte dabei in seinen Mund. Natalia schloss die Augen.

Nach Hause.

Wo es stets warm war und behaglich. Wo man sich um sie kümmerte. Wo sie sich sicher fühlte.

»Komm!«, riss Leichester sie aus ihren Gedanken. Seine Hand schloss sich schmerzhaft um ihren Oberarm, als er sie auf die Füße zerrte.

»Au!«

»Stell dich nicht so an, Natalia.«

Ihr klappte der Mund auf. Sie stellte sich nicht an, er tat ihr weh! Und was fiel ihm ein, sie wieder fortwährend zu duzen?

»Mylord!«, haspelte sie, als er sie durch den Gastraum schlorrte. Die Tür ging auf und ein eisiger Hauch drang in die kaum geheizte Wirtsstube. Natalia erhaschte einen Blick auf einen Hünen mit einem Bündel auf dem Arm und einem Knaben an der Hand. Dann stolperte sie an der ersten Stufe. Sie fiel und Leichester riss sie sofort wieder auf die Füße. Sie schrie auf.

»Hab dich nicht so!«, ranzte Leichester und zog sie weiter. Natalia spürte, wie ihr heiße Tränen über die Wangen liefen. Ihr Knie schmerzte, ihr Schienbein, die Hand und der Arm, an dem er sie weiterschleifte. Dafür gab es keine Rechtfertigung. Sie waren nicht in Eile, er brauchte sie nicht hinter sich herzuschleifen, sie war schließlich gewillt zu folgen. Was bedeutete dies?

Das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer, bei der unschönen Erkenntnis, die sich nicht von der Hand weisen ließ. Leichester war nicht so, wie sie es bisher angenommen hatte. Er stoppte vor einer Tür und entließ ihren Arm, um sie aufzustoßen. Er deutete hinein. »Nach dir, meine Liebe.«

Sie sah auf, in Unverständnis. Ein Grinsen lag auf seinen schmalen Lippen. Es bereitete ihr Magenschmerzen. Er legte seine Hand in ihren Rücken und schob. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als einzutreten. Hinter ihr fiel die Tür zu und deren Krachen explodierte regelrecht in ihren Ohren. Sie zuckte zusammen und wagte nicht, sich umzuwenden. Das war auch nicht nötig, um ihre Befürchtung zu bewahrheiten. Leichester warf seinen Mantel auf das schmale Bett und knöpfte sich den Justaucorps auf.

»Mylord, Sie gedenken doch nicht, im gleichen Raum zu nächtigen wie ich?«

Wie skandalös!

Er warf ihr einen mokanten Blick zu und ihr rutschte das Herz in die Hose. Sein Justaucorps landete auf seinem Mantel und er öffnete seine Hemdsärmel. Galle verätzte ihre Speiseröhre. Kein Gentleman drängte sich einer Dame auf. Leichester trat auf sie zu und hob ihr Kinn. Als er sich vorbeugte, wich sie zurück.

»Ich wünsche ...«

Er zog sie grob zu sich heran und würgte ihre Worte mit einem Kuss ab. Natalia keuchte und drückte gegen seine Brust.

»Auf diesen Moment haben wir gewartet, mein Herz!« Seine Hände schoben sich unter ihren Mantel und wanderten über ihren Leib. Natalia war stockstarr vor Schreck. Ihr Mantel glitt zu Boden. Nein! Natalia stieß die Hände fest gegen seine Brust.

»Nein!«, keuchte sie und torkelte zurück. Leichesters Miene verdunkelte sich. Er zog die Brauen zusammen und seine Lippen pressten sich zu einem schmalen Strich zusammen. Natalia stockte der Atem. Leichester riss sie am Arm an sich und spie: »Ich bin deine Eskapaden leid, Natalia!« Er schubste sie zum Bett. Natalia fiel auf die klumpige Matratze, erschrocken schockiert über die Gewalt, die sich über ihr entlud. Noch nie war man derart rüde mit ihr umgesprungen und es entsetzte sie in gleichem Maße, wie es sie verängstigte. Was sollte sie tun?

Leichester kniete sich aufs Bett und zerrte sie herum. Sein Kuss war hart. Sie versuchte, das Gesicht abzuwenden, und drückte zittrig gegen seine Brust. »Bitte!«

»Du wirst stillhalten!«, grollte Leichester und riss an ihrer Robe. Seine Hand knetete ihre Brust und Natalia schluchzte auf.

»Nein!«

»Halte still!«, drohte er und rollte sich auf sie. Er drückte ihre Hände aufs Bett. Natalia war einen Moment lang zu entsetzt, um agieren zu können. Er drückte seinen Mund auf ihren Hals und sog. Es war fürchterlich! Natalia zog die Schultern hoch, konnte ihn aber nicht daran hindern. Sie versuchte, ihre Hände zu befreien, hatte aber auch dabei keinen Erfolg. Neuerliche Tränen rannen über ihre Wangen und versickerten in ihrem Haar.

Was konnte sie tun? Was täte Amelie?

Natalia konzentrierte sich auf ihre Frage und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Amelie ließe niemals zu, dass man derart respektlos mit ihr umginge. Sie musste es unterbinden – mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen.

Leichester raffte ihre Röcke, dafür hatte er ihre Handgelenke in eine seiner Hände gefasst. Sein Griff war immer noch felsenfest. Natalia versuchte, die Gelenke auseinanderzubekommen, scheiterte aber einmal mehr. Mit Vernunft war ihm nicht beizukommen, mit Bitten auch nicht. Um Gehör zu erlangen, musste sie zum selben Mittel greifen wie er: Gewalt. Er nestelte an seinen Pantalons. Natalia registrierte es am Rande ihrer Erschütterung, ihr Fokus lag aber auf ihrem Plan. Er konnte sich doch unmöglich einhändig entkleiden.

Leider konnte er es sehr wohl. Furcht schnürte ihr den Hals zu. Wie sollte sie das nur stoppen?

Natalia stolperte die Treppe herunter in den dunkeln Gastraum. Sie keuchte, hielt sich die Seite und lugte zwischen ihrem gelösten Haar hindurch. Sie krümmte sich, wobei sie sich kurz gegen die Wand lehnte. Ihr ganzer Leib schmerzte, Tränen brannten in ihren Augen und ein Schluchzen steckte ihr in der Kehle fest. Im dunklen Gastraum war kaum etwas auszumachen.

»Natalia!«, röhrte Leichester und ließ sie hart zusammenzucken. Ihr Herz zog sich zusammen und ihr Magen drehte sich. Sie hatte ihn schlafend zurückgelassen, nachdem sie stundenlang den Mut dazu gefasst hatte. Sie war ruiniert, all ihre Träume waren dahin und schlimmer noch: Das pure Grauen stand ihr bevor, wenn sie ihm nicht entkam. Natalia fürchtete sich vor einer Zukunft, wie er sie sich wünschte. An seiner Seite, als seine Gemahlin und seiner Willkür ausgesetzt. Nie wieder wollte sie durchstehen, was ihr in dieser Nacht widerfahren war. Nie wieder wollte sie von Leichester oder irgendjemandem sonst berührt werden. Und sie müsste es auch nicht. Kein anderer Mann würde sie nunmehr ehelichen wollen, nachdem sich Leichester genommen hatte, was ihm nicht zustand. Sie musste fort! Sie torkelte weiter, den ungefähren Standort der Tür anpeilend. Sie erreichte sie nicht.

Leichester riss sie grob herum. Natalia schrie auf.

»Du Miststück!«, zischte er und sein Geifer sprenkelte auf ihr Gesicht. Sie schloss die Augen. Sie bekäme eine erneute Chance, versicherte sie sich. Sie entkäme ihm und kostete es ihr Leben!

»Ich werde dir schon Benimm einbläuen!«

Natalia erschauerte. Sie entkäme ihm! Sie öffnete die Augen.

»Und du wirst jeden Schlag bereuen.« Sie wusste nicht, woher sie den Mut nahm, ihm zu drohen, noch wie sie ihre Stimme so ruhig halten konnte. Einen Effekt erzielte es jedoch nicht. Leichester lachte auf und schlug zu. Natalia ging zu Boden. Der Aufschlag Aufprall lähmte sie und ihre Finger bohrten sich in den schlichten Erdboden. Sie stöhnte. Steinchen drückten sich in ihre Wange und ihre Tränen brannten sich in ihre Haut. Leichester riss sie an den Haaren wieder auf die Füße.

»Das glaube ich kaum!«, bellte Leichester und schubste sie zurück zur Treppe. Natalia fiel gegen die Stufen. Sie hatte kaum mehr Kraft, sich der seinen zu erwehren, und sackte zurück auf das abgewetzte Holz. »Hoch mit dir!«

Natalia sah zu ihm zurück. Amelie gäbe nicht auf. Leichester kam näher, streckte die Hand nach ihr aus. Sie schlug sie weg und rutschte die Stufen hinauf.

»Es reicht jetzt!« Er riss sie am Knöchel zurück. Natalia schrie spitz auf. Sie versuchte, ihren Fuß zu befreien.

»Hey!«, grollte es auf einmal hinter ihr von den billigen Schlafplätzen auf den Bänken im Gastraum. »Wir versuchen, hier zu schlafen!«

»Bitte helfen Sie mir!«, fiepte Natalia, Hoffnung fassend.

»Kümmer dich um deinen eigenen Dreck!«, fauchte Leichester den Herrn an.

»Bitte!« Natalia trat mit dem freien Fuß nach ihm. »Helfen Sie mir!«

Der Griff um ihren Knöchel lockerte sich, dann war sie frei.

»Was geht hier vor?«, verlangte der Fremde zu wissen.

»Meine Gattin und ich haben eine Meinungsverschiedenheit!«

»Nein!« Sie fing seinen Blick auf und beschwor ihn, ihr zu glauben. Deutlich mehr Gentleman als der Earl of Leichester, ging er auf ihre Bitte ein.

»Hände weg! Ich bin der Earl of Leichester und sorge für ...«

Natalia rappelte sich auf. »Ich bin nicht ...«

»Ich bringe dich an den Strang, wenn du nicht verschwindest!«, drohte Leichester dem Fremden nun vehement.

Natalia hielt den Atem an. Sie konnte sich nicht darauf verlassen, dass ihr Helfer gewillt war, dieses Risiko einzugehen. Natalia warf sich gegen Leichester und ging mit ihm zu Boden. Sie stolperte weiter.

»Verfluchtes Miststück!«, röhrte Leichester hinter ihr und trieb sie damit nur noch mehr an. Sie stieß die Tür auf und raffte ihre Röcke. Auf dem Hof standen einige Kutschen. Natalia umrundete Leichesters und versteckte sich unter einem Karren. Er stank fürchterlich.

»Natalia!«

Ihr Blut dröhnte in ihren Ohren. Sie spähte vorsichtig zwischen den Speichen des verdreckten Rades hindurch. Der Mond versteckte sich hinter dichten Wolken und so war es fast pechschwarz um sie herum. Mehr als Umrisse sah man nicht. Und selbst die waren kaum Schemen. Sie musste sich unbedingt versteckt halten.

»Hibbs! Durchsuche die Gegend! Bring mir das Weibsstück!«

»J’wol, Mylord!«

Natalia lauschte angestrengt. Der Kutscher rief dem Knecht Anweisungen zu. Die eisige Luft stach in ihre Haut und sie schlang schlotternd die Arme um sich.

Sie kamen näher. Natalia wich zurück. Ihr Kleid verfing sich und riss auf. Sie befreite zittrig den feinen Stoff. Ihr helles Kleid war sicherlich besser auszumachen als die dunklen Sachen der Bediensteten. Wenn sie nur ihren Mantel hätte! Natalia krabbelte unter dem Karren hervor und huschte gebückt weiter. Sie stieß gegen einen weiteren Karren und tastete sich an ihm weiter. Eine Plane bedeckte den Laderaum und Natalia stockte. Eine Plane bedeutete Schutz. Sie tastete schob sich weiter, gelangte ans Ende der Ladefläche und hob die Plane an, um darunterzukrabbeln. Sie rutschte langsam auf dem Bauch weiter. Etwas verstellte ihr den Weg, etwas Hölzernes. Natalias Finger fuhren über die längliche Seite, überwanden eine Leerstelle und fühlten etwas Kratziges, Weiches. Sie rutschte näher und betastete das Objekt – eine Decke! Sie schloss die Augen und schickte ein inbrünstiges Dankgebet gen Himmel. Vorsichtig hüllte sie sich in die Plaid und rollte sich zusammen. Angespannt lauschte sie dennoch nach Hibbs und dem Knecht. Würden sie unter die Plane sehen?

3

Eine Reise ins Ungewisse

Natalia stöhnte leise und krümmte sich. Ihr Körper stand in Flammen und das Holpern des Karrens machte es nur noch schlimmer. Sie blinzelte. Das Sonnenlicht fiel gedämpft durch die Plane und doch konnte sie ihre unmittelbare Umgebung nun gut erkennen. Das hölzerne Ding neben ihr war eine große Truhe mit Eisenbeschlägen. Eine Aussteuertruhe, wie sie selbst eine besaß. Natalia streckte die Hand aus und berührte die glatte Oberfläche – Kirschholz, verbreitet in Adelskreisen. Natalia spitzte die Ohren, um neben dem Rattern der Räder auf dem unebenen Boden noch etwas zu hören. Aber außer dem stetigen Klackern der beschlagenen Pferdehufe war nichts auszumachen. Sie schloss die Augen und rollte sich wieder zusammen. Sie litt schrecklich.

Eine Ewigkeit rollte die Kutsche einfach dahin. Schließlich begann ein Baby zu greinen. Natalia riss die Augen auf und hielt den Atem an. Natürlich konnte sie sich nicht ewig unter der Plane verstecken. Früher oder später erreichte der Karren seinen Bestimmungsort, das war ihr bewusst. Sie hatte nur das Gefühl, momentan nicht mit einer Konfrontation umgehen zu können. Sie glaubte nicht, eine Erklärung oder eine Bitte vorbringen zu können.

Die Kutsche hielt. Das Pferd schnaubte.

»Cuidich mi, Iain.«

Natalia riss die Lider wieder auf. So ein Unglück!

Schwere Schritte umrundeten den Karren, dann lüftete jemand die Plane. Natalia zog ängstlich die Füße an. Es war doch nicht etwa der Schotte, dessen Karren Leichester beschädigt hatte? Von ihm hatte sie sicherlich keine Hilfe zu erwarten.

Das Baby wurde abgelegt. Natalia linste vorsichtig unter ihrer Plaid hervor und erspähte zu ihrem Verdruss tatsächlich den Hünen, der offenbar MacAllister hieß. Das schloss sie daraus, dass er seinen Jungen beim Vorfall auf der Straße so angesprochen hatte.

»Daingead!« Er steckte die Kleidung des Babys wieder fest. Natalia kräuselte die Nase. Sie konnte deutlich riechen, was das Problem war. Der Mann drehte dem strampelnden, nun weinenden Baby den Rücken zu. »O mo chreach!«

Gott anzurufen würde nicht bei diesem Problem nicht helfen. Natalia verdrehte die Augen. Das Baby musste lediglich gesäubert werden, es war bei Weitem kein Grund, so zu fluchen.

»Womit habe ich das verdient?«

Er übertrieb wahrlich. Das Baby drehte sich und Natalia streckte die Hand aus. Allerdings hinderte eine wesentlich größere Hand das kleine Wesen daran, vom Wagen zu purzeln. Langsam zog Natalia die ihre zurück. Es war eine Pranke!

»Seonag, was hast du mir angetan?« fluchte er in Richtung des Babys. »Iain, hilf mir hier!«

Natalia beobachtete, wie der Knabe zögerlich nähertrat.

»Halte deine Schwester fest.« Er drückte dem Knaben das Baby in den Arm, das noch immer laut weinte. Dann setzte er beide zusammen auf den Wagen und legte ein Brett vor das Ende des Karrens, so dass sie nicht hinausfielen.

Natalias Lider wurden schwer und sie musste sie schließen. Das Sirren in ihren Ohren übertönte schnell das Klagen des Kindes, dann wurde es still.

Etwas Kühles wischte über ihre Stirn und Wasser perlte über ihre Schläfe. Stimmen schwangen in der Luft.

»Ist sie in der Lage zu reisen?«, brummte es und es klang wie das Grollen eines alten Hundes.

»Nein Sir, Ihre Gattin muss ruhen, bis sie sich hinreichend erholt hat. Ich lasse Ihnen einen Trank bringen, den Mrs MacAllister jede Stunde mit einem Glas Wasser einnehmen muss. Und die Salbe für die Verletzungen ebenso.« Der Mann, offenbar Arzt, hatte eine nasale, recht piepsige Tonlage, die zwischen Autorität und Katzbuckeln schwankte. Er räusperte sich: »Sir.«

»Wie lange wird meine Gattin nicht reisefähig sein?«

»Das hängt von ihr ab. So Mrs MacAllister sich gut erholt, in einigen Tagen.« Wieder murmelte die Stimme eine Verabschiedung, dann schlug eine Tür zu.

»Daingead!«

Natalia zuckte zusammen. Ein Baby begann zu weinen. Schwere Schritte durchquerten den Raum.

»Mo a chridh, sei ruhig. Nicht weinen. Scht.« MacAllister beschwor das Baby eine Ewigkeit, still zu sein, bevor er auf die Idee kam, ihm etwas zu essen anzubieten.

Natalia blinzelte. Sie befand sich in einem engen Zimmer mit Fenster. Sie hörte das Prasseln eines Kaminfeuers. Ein gutes Zimmer. Ihre Lider klappten zu und sie kämpfte nicht mehr dagegen an. Sie konnte sich dem ohnehin nicht erwehren.

Aber der Schlaf mochte nicht kommen. Sie vernahm auch weiterhin Schritte, hörte das Baby immer wieder weinen und MacAllister fluchen. Nur den Buben bemerkte man nicht. Natalia blinzelte hin und wieder, um sich zu versichern, dass er da war. Er saß am Kamin und starrte hinein. Unaufhörlich, wenn er nicht gerade eine Aufgabe von seinem Vater aufgetragen bekam. Meist den, das Baby zu halten. Selbst in der Nacht.

»Mylady?«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873488
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412085
Schlagworte
Schottland Bad Boy Regency Highlander Eine Hochzeit in den Highlands Diana Gabaldon Highland Brides

Autor

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    Katherine Collins (Autor)

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Titel: Liebe wider die Vernunft (Liebesroman, Historisch)