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Ein Schotte für die Zukunft

von Katherine Collins (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Vanessas Ziel ist einfach: Sie will ihrem Leben ein Ende setzen. Leider kommt ihr der äußerst charismatische und nicht weniger attraktive Ian McDermitt in die Quere. Als Erbe eines Titels und nicht nur mit Geld, sondern auch mit ungeheurer Lebensfreude ausgestattet, reißt er Vanessa nahezu mit. Er bietet ihr einen Deal an: Eine Woche Urlaub von sich selbst auf dem Gut seines Bruders in den schottischen Highlands, in der er ihr jeden Wunsch erfüllt. Im Gegenzug soll sie seine geldgierige Verlobte ohne Stil und Verstand spielen, um seiner Mutter einen Denkzettel zu verpassen. Dass sie sich mit ihrer Zustimmung in die Höhle des Löwen begibt und nahezu von ihm zerfleischt wird, war nicht eingeplant. Auch nicht, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben …

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Impressum

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Erstausgabe Februar 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-331-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-385-3

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung von Motiven von
© pixabay.com
Lektorat: Daniela Pusch

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Kapitel 1
Eine Reise in die Highlands

Meine Finger zitterten, als ich den Stift zurück auf den schmalen Tisch unter dem kleinen Fenster legte. Ich hatte soeben einen Brief an meine Mutter begonnen, in dem ich ihr von meinen Abenteuern der Hinreise berichten wollte. Aber es war schwieriger als erwartet, den richtigen Ton zu treffen. Ich wollte heiter klingen. Glücklich. Es sollte wirken, als machte es mir nichts aus, dass ich mich versehentlich nach Schottland verfrachtet hatte, anstelle Nordamerikas. Perth. Verflixt, warum gab es davon unendlich viele? Mich hatte irritiert, dass mein Zielflughafen Dundee hieß, was für mich eher nach Australien klang, gegoogelt und festgestellt, dass es ein Perth in England gab, eines in Australien und gleich zehn in Amerika. Tja, gelandet war ich nicht ganz so weit von zu Hause entfernt wie gewünscht, und leider unendlich weit weg vom Grand Canyon. Aber es hätte schlimmer kommen können, immerhin gab es hier Berge und man konnte sich in den Highlands ebenso gut verlaufen, wie in der Sierra Nevada oder wo auch immer genau der Grand Canyon lag. Zugegeben, geographisch war ich eine Niete. Eigentlich war ich generell eine, das wurde mir beim Überfliegen meiner Zeilen erneut bewusst.

Liebe Mama, es geht mir toll. Ich hatte eine tolle Reise, das Zimmer ist toll und die Leute hier auch …

Das glaubte ich mir nicht einmal selbst. Seufzend zerknüllte ich das Blatt und warf es in den Papierkorb. Nachdenklich starrte ich aus dem schmalen Fenster meines kleinen Zimmers. Es war urig, keine Frage, und womöglich hätte ich es sogar romantisch gefunden, wenn die Umstände anders lägen. Jemand anderes hätte vielleicht das unerwartete Abenteuer genossen, aber für mich verlief es typisch. Sogar zu dumm, um den richtigen Ort zu erwischen. Wer bitte schön plante einen Urlaub in den USA und landete in Schottland? Niemand mit ein wenig Verstand und das wiederum …

Meine Stirn spannte und der Schmerz nahm an Intensität zu, je länger ich auf das Blatt vor mir starrte. Einige fröhliche Sätze werde ich doch wohl hinbekommen! Ich spürte bereits jede Faser meines Körpers, so angespannt war ich, aber alles was sich regte, war mein Unmut. Komm schon, so schwer ist das nicht! Ich nahm den Stift und setzte ihn auf das Papier, um darüber zu kratzen.

Hallo Mama,

Guter Anfang für eine Zehnjährige! Sollte ich lieber Mutter schreiben? Oder Clara? Oder Mami? Nein, jetzt wurde es albern.

Du wirst nicht glauben, was mir Lustiges passiert ist.

War das zu offensichtlich?

Ich habe aus Versehen einen Flug nach Dundee in Schottland gebucht und nicht nach Amerika. Du kannst dir sicher vorstellen, wie überrascht ich war, als ich keine zwei Stunden nach dem Abflug bereits landete und aussteigen sollte.

Das klang zumindest ganz nach mir. Unzufrieden kaute ich auf dem hinteren Ende meines Kugelschreibers herum. Es war sogar für meine Mutter offenkundig, dass ich wiedermal absolut unaufmerksam gewesen war, unbedacht und abgelenkt. Vermutlich könnte es sie warnen, aber es war ja auch ein Beweis. Weil mir solche Dinge eben passierten, würde sie es verstehen. Ja, ich sollte es genauso lassen.

Immerhin stand mein Mietwagen bereit und ich fand meine Unterkunft ohne weitere Probleme. Es ist ein süßes Cottage einige Kilometer oberhalb von Dundee und es wird Dich beruhigen, zu hören, dass ich keinen Unfall provozierte, indem ich die falsche Straßenseite befuhr. Ich komme mit dem Linksverkehr hervorragend zurecht.

Sehr geschönt, aber zumindest nicht dreist gelogen.

Ich freue mich auf meine Spaziergänge durch die blühende Landschaft, denn ich habe beschlossen, das Auto stehenzulassen, wo es nur geht. Die Luft hier oben ist so klar, dass mich jeder Atemzug anregt …

Übertrieben? Wieder kaute ich auf dem Plastik meines Stifts herum und betrachtete meine geschriebenen Worte. War das glaubhaft? Immerhin hatte ich die letzten sechs Monate in Therapie verbracht, drei davon in einer geschlossenen Abteilung.

Schön, das Credo meiner Ärzte lautete: Bewegung und Aktivität, aber beides hatte meine Laune nie gehoben und war mir eher wie eine zusätzliche Last erschienen. Hatte ich das meiner Mutter gegenüber je erwähnt?

… vor die Tür zu gehen. Und ich habe Hunger wie ein Bär!!!

Gar nicht, aber Appetit sollte ein Zeichen dafür sein, dass man aus seinem Tief herauskam.

Deswegen werde ich auch hier eine Pause machen und erst einmal Frühstücken gehen. Vermutlich mache ich danach direkt einen Abstecher durch das Dorf und je nachdem, wie ich mich dann fühle, gehe ich spazieren. Ich muss sagen, ich kann es kaum erwarten, mich umzusehen.

Erneut ging ich durch den Text. Es klang heiter, fand ich, und ganz danach, als erfreute ich mich an meinem Urlaub. Also war es genauso, wie ich es meine Mutter Glauben machen wollte.

Mein erstes Frühstück in der Fremde, wie aufregend. Was wird es wohl geben? Ein englisches Frühstück? Ein kontinentales? Ich bin schon ganz hibbelig vor Aufregung!

Ich werde meine Kamera mitnehmen und dir die Bilder später per E-Mail zuschicken, damit du nicht auf meine Rückkehr warten musst, um eine Vorstellung davon zu haben, wie es hier aussieht. Da fällt mir ein, ich sollte dringend eine Jacke kaufen, denn Schottland ist bedeutend kälter, als Nevada.

Eine Jacke war dringend nötig. Das Dorf lag nur ein paar Kilometer entfernt und da ich mich ohnehin sehen lassen wollte, war es sinnvoll, eine Einkauftour zu unternehmen. Ich malte gedankenverloren einen Smiley auf das Papier. Zwar sollte ich kein Geld mehr ausgeben, das meine Familie dringender brauchte, aber ich hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen, die alle anfallenden Kosten decken sollte. Seufzend legte ich den Stift zur Seite und schob den Stuhl zurück. Das Blatt lag mittig auf der Schreibtischoberfläche, ein Briefumschlag lag frankiert bereit und die Adresse meiner Mutter war ebenfalls notiert. Es wirkte, als wollte ich den Brief auf jeden Fall absenden. Ich musterte den Schreibplatz. Es sollte alles so wirken, als ginge ich nur kurz raus, um zu Frühstücken. Als käme ich definitiv wieder, um den Brief zu beenden, ihn abzuschicken und wundervolle Tage hier zu verbringen. Aber tatsächlich sahen meine Pläne anders aus. Mein Herz flatterte vor Aufregung und ich wandte mich ab, um den Rest des kleinen Zimmers in Augenschein zu nehmen. Das Bett war nicht gemacht und war so schmal, dass ich in der Nacht befürchtet hatte, jeden Moment hinauszupurzeln. Die Wolldecke hatte ich gebraucht, um mich warm zu halten, denn ich hatte den Fehler begangen, über Nacht das Fenster zu öffnen. Es war eisig kalt gewesen, obwohl es Sommer war. Mein Schlafanzug – für die sengende Hitze Nevadas ausgewählt – war kurzärmelig und aus Seide. Er lag auf dem Boden am Fußende in kleinen Pfützen. Mein Koffer war ausgepackt und auf dem Schrank verstaut, schließlich hatte ich mich fünf Tage hier eingemietet.

Neben der Tür stand eine wacklige Kommode, auf der mein Schminktäschchen lag, inklusive Zahnbürste, Duschzeug und Haarbürste. Meine Handtasche hing am Haken an der Tür, in ihr meine Kamera und mein Handy und damit alles, was man für einen Spaziergang brauchte. Das Zimmer durchquerend nahm ich sie ab und wandte mich erneut dem Raum zu. Mein Blick glitt kritisch über das Mobiliar. Über dem Fußende des Bettes hing ein Badetuch zum Trocknen, ansonsten lag nur noch mein E-Book Reader auf dem Tischchen neben dem Bett.

Es sah so aus, als wäre ich nur kurz raus. Tief einatmend zog ich die Tür auf und hinter mir wieder zu. Es war nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Hände zitterten noch immer und machten es schwierig, den Schlüssel zu drehen. Unten vernahm ich regen Betrieb und auch auf dem Flur war ich nicht allein. Ich zwang ein Lächeln auf meine starren Lippen und nickte dem Pärchen zu, das an mir vorbeikam. Ich folgte ihnen mit Abstand. Die Rezeption befand sich direkt am Fuß der Treppe und daneben führte ein schmaler Gang zum Frühstücksraum. Die Wände waren mit gestreiften Tapeten beklebt, die verblichen und speckig wirkten. Nicht hübsch, aber für den Preis, den ich hier pro Übernachtung zahlte, zu verwinden. Der Raum, in dem das Essen serviert wurde, war proppenvoll und laut. Stimmen schwirrten hin und her, Geschirr klirrte und über allem lag ein geschäftiges Summen. Es gab ein Buffet an der rechten Seite, das nicht sonderlich abwechslungsreich aussah. Weißbrot, Marmelade und Ei. Aber im Preis inbegriffen, da wollte ich nicht murren. Ich nahm mir ein Tablett, häufte mir Brot und Aufstrich auf den Teller und spendierte mir eine große Tasse Kaffee, bevor ich mich nach einem Sitzplatz umsah. Aussichtslos, wenn man gerne für sich war. Da ich aber einen fröhlichen und aufgeschlossenen Eindruck hinterlassen wollte, zwang ich meine Lippen erneut in ein Lächeln und suchte mir absichtlich einen Tisch aus, an dem viel Betrieb herrschte.

„Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“

Eilig wurden Jacken zur Seite geschoben, um mir Platz zu machen und ich bedankte mich überschwänglich. Obwohl ich mich innerlich wand, fragte ich nach der Herkunft der Gruppe und tat angetan von ihren Ausflugszielen. Eigentlich wollte ich wieder in mein Zimmer, so schnell wie möglich die Tür hinter mir zuschlagen und mich in mein Bett verkriechen. Allerdings lief dies konträr zu meinen Plänen, die ich nun schon zu lange und ausführlich ausgearbeitet hatte, um sie nicht in die Tat umzusetzen. Schließlich wusste ich, dass, sollte ich meinem Bedürfnis nachgeben, ich vermutlich tagelang nicht wieder aus dem Bett kam, geschweige denn, mich zu mehr aufraffen könnte, als den Fuß auszustrecken. Wenn ich es heute nicht tat, gefährdete ich den Erfolg meines Vorhabens und landetet vermutlich sehr bald wieder in einem Krankenhaus. Gezwungen, jeden Tag aufs Neue anzugehen und weiterzukämpfen, wo ich doch längst keine Energie mehr hatte. Oder auch nur den Wunsch zu kämpfen.

Ich ertappte mich dabei, wie ich meinen Teller anstarrte. Meine Mundwinkel waren herabgesackt, als hingen Gewichte an ihnen und meine ganze Haltung wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Ich nannte es die „Häufchen Elend-Stellung“. Schnell streckte ich das Rückgrat durch und setzte wieder ein Lächeln auf. Ich musste glücklich und zufrieden wirken, das war wichtig. Denn ich hatte beschlossen, dass mein Abgang meiner Familie einen kleinen Trost bringen sollte. Aber die Versicherung zahlte nur bei einem Unfall. Es durfte also nichts darauf hindeuten, dass Absicht dahinterlag. Damit hatte ich mich nun fünf Monate lang beschäftigt und es hatte mir genügend Schub gegeben, meinen Alltag zu bewältigen. Ich war vorsichtig gewesen, hatte mir alle Statuten der Versicherung wieder und wieder durchgelesen, um ja keinen Fehler zu begehen. Fünfundzwanzigtausend Euro. Sicher wüsste meine Schwester, was sie damit anfinge und meine Mutter? Mein Kaffee schwappte gegen meine Lippen, weil meine Hände immer noch bebten. Ich war aufgewühlt, was ich selbst nicht ganz verstand. Ich hatte es mir doch ganz anders ausgemalt. Die ersten Gäste verabschiedeten sich und ich wünschte ihnen winkend einen schönen Tag.

„Und wohin werden Sie gehen?“, fragte mich mein Sitznachbar, ein untersetzter Mitdreißiger, der am Vortag zur selben Zeit angereist war wie ich.

„Erst einmal ins nächste Dorf. Ich habe meine Jacke zu Hause liegengelassen in der ganzen Aufregung und es ist hier bedeutend kühler, als erwartet.“ Meine Wangen schmerzten und ich versteckte die Region schnell hinter meiner Tasse, um die Gesichtsmuskeln zu entspannen.

„Oh, ja, das Wetter hier oben ist immer für eine Überraschung gut! Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen? Bis Little Dunkeld vielleicht? Es liegt auf meinem Weg, ich werde heute den Cairngorms National Park unsicher machen.“ Er grinste breit, wodurch seine Wangen in Schwingung gerieten.

„Wie freundlich“, murmelte ich, obwohl ich ihn eher als aufdringlich empfand. Aber natürlich war mir bewusst, dass es an mir lag. Ich war das Problem, nicht mein Umfeld, das hatte ich in der Therapie gelernt. Meine Empfindungen trafen nicht zu, waren falsch gepolt und trafen nur – und das war entscheidend – auf mich zu. Jeder andere – normale – Mensch, sah es anders und dies machte mein Leben so ungemütlich. Niemand verstand meinen Wunsch, allein zu sein, obwohl ich mich nach Gesellschaft sehnte. Niemand verstand, dass ich wirklich nicht konnte, selbst wenn ich wollte. Und das nicht, weil ich mich nicht bewegen konnte, nein mein Körper war, was Mobilität betraf, völlig in Ordnung, es war mein Geist, der nicht mitspielte.

„Es wäre mir ein Vergnügen!“, strahlte mein Sitznachbar und streckte die fleischige Hand aus, um meine zu tätscheln. „Vielleicht hätten Sie auch Lust, mich in den Nationalpark zu begleiten? Einkaufen kann man immer noch und ihr Frauen habt stets genug eingepackt!“ Er lachte schallend und klopfte dabei wieder meinen Handrücken. „Nicht wahr?“

Das war wohl relativ. Selbstverständlich hatte ich genug eingepackt. Wenn ich eine Woche verreiste, packte ich auch für eine Woche. Plus Ausgehen, plus Regen, plus durchgeschwitzt und natürlich auch etwas extra, für den Fall, dass man sich einsaute. Shit happens, darauf sollte man vorbereitet sein. Vielleicht zukünftig auch auf falsche Reiseziele? Ach nein … Mein Blick senkte sich auf meine zittrigen Finger und auch mein aufgeklebtes Lächeln rutschte. Zukünftig konnte ich streichen.

„Leider“, krächzte ich und musste mich räuspern, um fortfahren zu können. „Leider bin ich für einen Spaziergang im hiesigen Wetter nicht gut ausgerüstet und benötige tatsächlich zunächst den Einkaufsbummel. Ich nehme Ihr Angebot, mich zum nächsten Ort mitzunehmen, gerne an.“

„Wundervoll! Es gibt einen Outdoorausstatter direkt am Ortseingang. Da werden Sie mühelos eine warme Treckingjacke auftreiben können. Ich begleite Sie.“ Er streckte die Hand aus, die fast in meinem Gesicht landete. „Ich bin Gregor Krummbiegel.“

Na herrlich. „Vanessa Hagedorn.“ Notgedrungen schüttelte ich seine Hand.

„Aus der Heimat!“ Er wechselte wie selbstverständlich ins Du. „Ich liebe die Highlands, aber die Leute hier …“ Er schnalzte. „Da freue ich mich besonders, deine Bekanntschaft zu machen. Du bist auch alleine hier, zum Wandern? Dann wirst du den Park lieben, das versichere ich dir!“

Oh nein. Nie war mir klarer, dass ich einfach keine Menschen mochte, wie wenn mir ein solches, energisches Exemplar gegenübersaß. Jemand, der generell mitriss, übertönte meinen Protest für gewöhnlich und drängte mich zu Dingen, die ich nicht tun wollte. Daraus resultierte immer Frust und der Wunsch, dass alles endlich sein Ende fand. Eine Spirale, die sich leider nur zu schnell drehte und mich mit sich in den Abgrund riss. Gedrückt seufzte ich auf. Ich ertrug es einfach nicht mehr.

„Also, ich schlage vor, wir treffen uns in zehn Minuten unten? Ich muss noch in meine Wanderstiefel.“ Er hob den linken Fuß, um mir seine Schlappen zu präsentieren und die weißen Socken, die in ihnen an seinem Bein hafteten und zwar typisch deutsch: hochgezogen bis zur Mittelwade. Fast hätte ich das Angebot ausgeschlagen und wäre schreiend davongelaufen, aber die Erinnerung, dass ich gesellig und gutgelaunt erscheinen musste, holte mich noch rechtzeitig ein.

„Wie wundervoll, danke.“ Ich behielt das Lächeln bei, als er ging, schließlich war ich noch immer nicht allein, auch wenn die anderen Gäste mir höchstens einen Blick zuwarfen und mir kein Gespräch aufzwingen wollten. Seufzend starrte ich betont fröhlich – meine Gesichtsmuskulatur war schmerzhaft verzogen und offenkundig sträflich unterentwickelt – in meinen Kaffee. Vermutlich mein letzter. Trotz des trüben Gedankens wurde mir wesentlich leichter ums Herz. Ich war im letzten Jahr wieder bei meiner Mutter eingezogen, wodurch niemand die Last haben wird, meine Wohnung ausräumen zu müssen. In meinem Zimmer war alles thematisch geordnet. Altkleider, Altpapier, Sperrmüll. Bett, Schrank und Schreibtisch konnten wiederverwendet werden, so Mutter das Zimmer als Gästezimmer behielt wie zuvor.

„Vanessa!“

Ich sah auf und entdeckte Gregor, der mir aufgeregt zuwinkte. Es war dann wohl soweit. Der letzte Schluck war kalt und schmeckte abscheulich, nun, es fiele mir zumindest nicht schwer, nie wieder Kaffee zu trinken. Mein Tablett stellte ich brav in die dafür vorgesehene Halterung ab und trottete dann zu meinem unerwünschten Reisepartner.

„Nanu, willst du dich nicht umziehen?“ Seine Augen glitten an mir herab. Da ich nur eine kurze Hose trug und dazu eine leichte Bluse, konnte ich seine Verwunderung verstehen. Immerhin waren die Wanderschuhe brauchbar.

„Ich sagte doch, ich muss dringend shoppen.“

Erneut sah er an mir herab, grummelte etwas, und deutete dann zum Ausgang. „Na dann. Little Dunkeld wartet.“

Das bezweifelte ich zwar sehr, aber es lohnte sich nicht, darüber einen Ton zu verlieren. „Es ist sehr freundlich, dass du mich mitnimmst.“ Was konnte ich noch sagen? „Ich wäre auch gelaufen, aber vermutlich hätte ich ziemlich gefroren.“

„Es wird wärmer werden, schließlich ist noch Sommer!“ Er hielt mir die Tür auf.

„Danke.“ Ich musste auf ihn warten, weil ich nicht wusste, wo er geparkt hatte.

„Hier vorne.“ George deutete auf einen kleinen Fiat und ging um den Wagen herum, um die Fahrertür zu öffnen. Meine Tür hakte. Es war offensichtlich, dass es sich um einen Privatwagen handelte, war das Lenkrad doch auf der richtigen, sprich linken Seite angebracht. Zudem war der Wagen, freundlich ausgedrückt, zugerümpelt. Gregor beugte sich ächzend auf den Beifahrersitz und gab meiner Tür einen festen Schubs. „Klemmt hin und wieder!“

Der Innenraum roch penetrant und ich bereute erneut, zugestimmt zu haben, trotzdem rutschte ich in den Sitz.

„So, Little Dunkeld, wir kommen!“ Er fuhr an, bevor ich angeschnallt war, was meinen Herzschlag beschleunigte. Angst. Wie dämlich. Schön, wenn er einen nicht tödlichen Unfall provozierte, hatte ich ein Problem, aber das war nicht die Ursache meiner Angst. Was war denn nur los? Ich versank in sinnendem Schweigen. Diese ganze Reise diente lediglich diesem einen Zweck: meinem unauffälligen Selbstmord. Angst zu sterben wäre da nicht sonderlich hilfreich.

„Ich komme jedes Jahr her“, informierte Gregor mich und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich hob schnell die Mundwinkel.

„Oh, tatsächlich?“

„Die Gegend ist so heimelnd, so beeindruckend …“

„Ah.“ Mein Nicken begleitete mein Brummen.

„Ich war bereits auf den inneren und äußeren Hebriden, in Edinburgh, Glasgow und Inverness …“ Er warf mir einen Blick zu. „Island und Irland.“

„Ah.“ Wieder nickte ich. „Wie interessant!“

„Aber nirgends ist es so beeindruckend wie hier.“

In Dundee? Was ich bisher gesehen hatte, traf auf diese Beschreibung nicht zu. Eher eintönig, ländlich, unspektakulär. Irritiert richtete ich meinen Blick nach vorn und versuchte die Gegend mit einem anderen, vielleicht bunteren, Blickwinkel zu betrachten. Die Straße schlängelte sich vor uns ins Endlose. Wiesen säumten sie an beiden Seiten, es war eine enge Landstraße ohne Seitenbefestigung und führte bergauf. An manchen Stellen wuchsen Steinmauern aus dem Boden und grenzten das Land ab. Tiere grasten selbstvergessen wohin man auch sah. Vornehmlich braune, langhaarige Rinder mit langen seitlich wachsenden Hörnern, aber auch Schafe mit schwarzem Kopf und weißem Körper.

„Es wirkt … idyllisch.“ Wobei idyllisch ein Synonym für langweilig war.

„Wenn man durch den Park wandert, ist es, als sei man völlig allein auf der Welt!“

Na, mit dem Gefühl kannte ich mich nur zu gut aus! Einsamkeit, Abgeschottetheit, absolute Isolation. „Klingt … angenehm.“ Zumal ich schnell panisch wurde, wenn ich in Gesellschaft war und nicht weg konnte. Familientreffen waren das absolute Horrorszenario. Lauter Menschen, mit denen ich nichts gemeinsam hatte, und deren Gesellschaft ich nicht entrinnen konnte. Wenn ich mich zurückzog, erntete ich lediglich Unverständnis. Niemand verstand, dass ich es einfach nicht ertrug. Es war zu laut, zu wuselig, zu viele Dinge, die auf einmal auf mich einprasselten.

„Es ist herrlich!“, versicherte Gregor und ging in eine scharfe Kurve. „Und man entdeckt immer etwas Neues!“

Wie Todesangst?

„Schau, dort im Tal ist Little Dunkeld.“

Es kostete mich einiges an Überwindung, seinem Fingerzeig zu folgen und die Augen von der Straße zu nehmen. Das Dorf duckte sich in das Tal, wurde gesäumt von blühenden Feldern und durchzogen von schmalen Wegen. Malerisch, vermutlich, nur stand mir nicht der Sinn nach hübschen Anblicken. „Sieht nicht nach einer Shoppingmetropole aus.“

Keine fünf Minuten später hielten wir auf dem unbefestigten Parkplatz hinter dem von ihm angepriesenen Outdoorgeschäft. Gregor schnallte sich ab.

„Gregor, ich möchte dich nicht weiter aufhalten.“

„Ach.“ Er winkte ab. „Die paar Minuten habe ich übrig.“

Minuten, tja, da behielte ich wohl recht, so schwarzseherisch meine Vorstellung auch gewesen war. „Gregor, es war sehr nett von dir, mich herzubringen, aber ich werde länger brauchen, um etwas auszusuchen. Ich mag nicht gehetzt werden und aufhalten möchte ich dich auch nicht.“

„Ich hatte gehofft, dass wir gemeinsam durch den Park spazieren.“

„Nicht heute“, beschied ich mit schlechtem Gewissen und wich seinen Augen aus. Die Erleichterung, dass er einknickte, konnte ich aber nicht verhehlen. „Ein andermal.“

„Schön, dann sehen wir uns!“ Ich sah ihm noch nach, wie er mit seinem kleinen Fiat davonstob, bevor ich den Träger meiner Handtasche über meinen Kopf hob und meine Bluse glattstrich. Allein, endlich. Mein Herz begann zu flattern und ich drehte mich um. Oh je. Die Sache mit dem Mut war die, dass er sehr schnell abhandenkam und sich leider nicht sammeln ließ, noch herbeibeschwören. Zittrig schob ich eine Strähne meines hellbraunen Haares aus der Stirn und steckte sie hinter mein Ohr. Mir war nicht nach Shopping, ganz sicher nicht. Ich wollte eigentlich nur zurück in das Cottage und in mein Zimmer, um mich dort in meinem Bett zu verkriechen. Aber soweit war ich heute schon gewesen. Es bedeutete das Ende meiner Pläne und damit auch, weiter kämpfen zu müssen. Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute … Und diese Aussicht war viel schrecklicher, als jene, nun dieses Geschäft betreten zu müssen. Für einen so kleinen Ort war es ein überraschend großer Laden mit erschreckender Auswahl an Jacken. Zum Glück war ich getrieben, wegzukommen, weshalb ich mir keine großen Gedanken um Material und Funktionalität machte. Wozu auch, schließlich musste sie mich nicht lang warmhalten. Eine Karte des Nationalparks und etwas zu trinken gesellte sich zu meinem Einkauf und schon stand ich wieder auf dem unbefestigten Hof. Tiefdurchatmend sah ich mich um. Was nun? Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand und suchte meinen Standort nach einigen ratlosen Momenten auf der riesigen Karte, ohne ihn zu finden. Es war nicht einfach, irgendetwas zu erkennen, der leichte Wind schlug unablässig gegen das lose Papier und behinderte meinen Versuch, mich zurechtzufinden. Entnervt schlug ich die Arme nieder und bemerkte einen klapprigen Bus, der langsam über den Asphalt vor mir zuckelte. Er hielt ein paar Meter weiter an einer Laterne, die ich nicht als Haltestelle identifiziert hatte. Ohne darüber nachzudenken, lief ich los und erreichte den Bus, als die Vordertür gerade quietschend zuging. Ich schlug gegen die Seitenwand.

„Hey!“

Er fuhr an. Wieder schlug ich gegen die Wand.

„Hey, ich will mitfahren!“ Wo auch immer es hinging.

Überraschenderweise hielt das Gefährt und die Schwingtüren öffneten sich. Schluckend stieg ich ein. „Hallo.“

„Halò.“

„Eine Fahrt?“ Die Karte musste ich ungefaltet in meine Handtasche stopfen, um meine Hände freizuhaben und mein Geld abzuzählen. In meiner Reisetasche befanden sich einige Dollar, die mir hier nicht weiterhalfen, aber zum Glück hatte ich einen Teil meiner Barschaft am Flughafen wechseln können, obwohl ich den Kurs als horrend empfunden hatte. „Was macht das?“ Hitze wallte in mir auf und ich musste mich räuspern. „Wie viel kostet die Fahrt?“

Er nannte mir eine Summe und ich hielt ihm zehn Pfund hin.

„Nur passend.“

Innerlich fluchend fischte ich nach Münzen und warf sie in den Schlitz. Ich erhielt nicht einmal einen Fahrschein. Als er anfuhr, verlor ich das Gleichgewicht und stieß gegen einen Passagier. Eine Entschuldigung murmelnd, torkelte ich weiter und fiel auf einen Sitz. Die Fahrt wurde nicht angenehmer, im Gegenteil, ich wurde ordentlich durchgeschüttelt.

Mit jedem Meter kam ich meinem Ziel näher, ganz gleich, wo es nun lag, denn ob ich in den Loch sprang, oder von einem Berg stürzte, war letztlich gleich.

Kapitel 2
Am Rande des Abgrunds

Als ich aufschreckte, stand die Sonne schon tief, was mich verwunderte. War ich nun hin und her gegondelt? Der Fahrer hätte mich wecken müssen! Mein noch verschlafener Blick offenbarte ein gewohntes Bild: Heide. Trotzdem war es merkwürdig, hinauszusehen und das Panorama zu mustern. Ich war gestern zirka eine Stunde vom Flughafen Dundee aus bis zu meiner Unterkunft gefahren und hatte mich derweil an die Gegend gewöhnt, dachte ich, aber nun sah alles so anders aus. So wild und ungezähmt. Bergig. Wo war ich hier nur gelandet?

Der Bus bog um eine Ecke schwarzen Gerölls und die Sonne, die zuvor von der Bergwand blockiert worden war, fiel mir in die Augen. Schnell wandte ich mich ab und blinzelte, weil ich nur noch gleißendes Orange und Gelb sehen konnte. Zumindest fuhren wir sehr gleichmäßig und die Straße war besser, als die, die ich bisher mitbekommen hatte. Mein Blick fiel aus dem Fenster gegenüber, nachdem ich die abgewetzten Sitze wahrgenommen hatte, und der Ausblick ließ mich erneut blinzeln. Wasser. In einiger Entfernung spiegelte sich die Sonne auf graublauem Wasser!

Loch Ness? Nein, es gab kein gegenüberliegendes Ufer, soweit ich sehen konnte. Ach verflixt! Woher sollte ich wissen, wo ich war, wenn ich nicht einmal in der Lage war, einen Flug zu buchen, so dass ich ankam, wo ich hinwollte!

Über mich selbst verärgert griff ich nach der Rückenlehne, um mich aufzustützen. Ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Halt war, aber ich wollte raus. Allerdings gab es noch ein Problem: Wie drückte man seinen Haltewunsch aus, wenn es nirgends einen Schalter gab?

Der Bus raste um die nächste Kurve und nahm das blendende Licht aus dem Fahrgastraum. Hilfreich war das nicht, denn noch immer konnte ich keine Knöpfe ausmachen, die man drücken konnte, und auch keinen weiteren Fahrgast. Notgedrungen hangelte ich mich an den Sitzlehnen nach vorn zu dem Fahrer.

„Verzeihung, ich würde gerne aussteigen, wann ist das möglich?“

Zunächst wirkte der untersetzte Mann, als ignoriere er mich, dann ging aber ein Ruck durch ihn, er riss das Lenkrad rum und schleuderte mich dabei nach vorn. Ohne die Plastikwand zwischen uns, wäre ich ihm auf den Schoß gefallen. So landete ich schmerzhaft an dieser Barriere und rutschte an ihr Richtung Windschutzscheibe. Hinter mir zischte es, dann gab es ein Knirschen und ein Hauch kühle Luft strich über meine Waden.

„Nicht im Ernst!“

Ich wischte mir den Sabber von der Wange, den ich auch großzügig an der Plexiglaswand verteilt hatte, und drehte mich um.

„Also?“, schnarrte der Fahrer und gab mir damit einen Schubs. Schnell stieg ich aus und drehte mich wieder dem Bus zu, der bereits die Türen schloss und anfuhr, bevor ich auch nur ein weiteres Wort hervorbringen konnte. Freundlich.

Ich sah der Wolke hinterher, in der meine Mitfahrgelegenheit verschwand. Gestrandet. Aber das machte auch nichts. Gut, ich wurde langsam hungrig, müsste auch mal Wasserlassen und müde war ich sowieso.

Tja, da war ich also. Irgendwo, was absolut in Ordnung war, schließlich war der Ort unwichtig. Schnuppe. Egal. Erneut ließ ich den Blick wandern. Der Asphalt glänzte im strahlenden Sonnenlicht, die blühende Heide hatte eine eigene Magie, die mich allerdings nicht lang gefangen nahm. Ich war zu müde, um irgendetwas zu bewundern, zu ausgelaugt.  Ich machte mich auf den Weg. Mein Ziel stand mir deutlich vor Augen. Es gab eine Steilküste, vermutlich war sie nicht gesichert und man konnte – wenn man unvorsichtig war – abrutschen. Perfekt. Der Gedanke gab mir Aufwind und meine Schritte wurden leichter. Ich hüpfte fast durch das kniehohe Gras, ließ die Hände über deren Spitzen gleiten, dass es kitzelte und hatte auch – was besonders hervorzuheben war – ein Summen auf den Lippen. Bald hatte alles sein Ende. Bald, hatte ich Ruhe, müsste mich nicht mehr von einem Tag in den nächsten schleppen, ohne die Aussicht auf Besserung. Meine elende Existenz fand ein Ende. Herrlich!

Der Wind spielte mit meinem Haar, als ich endlich die Klippe erreichte und schlug es mir ins Gesicht. Mein Rücken schmerzte, war meine Umhängetasche doch denkbar ungeeignet für längere Spaziergänge und schnitt mit seinem zu schmalen Gurt in meine Schulter. Ich ließ sie zu Boden gleiten, balancierte sie einen Moment auf meinen Zehen, bevor ich den Gurt um meine Finger wickelte und den Blick geradeaus richtete. Der Horizont verschwamm mit dem rauen Meer. Salz lag auf meiner Zunge und zog auch in mein Haar ein, das sich langsam zu kringeln begann.

Möwen kreisten über dem Wasser und schrien. Hinter mir blökte es, was mich nicht aufschreckte, schließlich hatte ich während der Fahrt dutzende Herden Rinder wie Schafe durch das Land ziehen sehen, und was sollte schon passieren? Dass ein Schafsbock mich schubste? Meine Lippen bogen sich zu einem wahrhaft belustigten Grinsen. Upps, vom Schaf ins Jenseits bugsiert. Die Sonne brannte auf meinen Wangen, auch wenn sie sonst nicht gerade wärmte, und zusammen mit dem böigen Wind, der ständig an mir riss, war es eine merkwürdige Kombination. Ich streckte den Hals, um noch einige Sonnenstrahlen einzufangen. Es hieß, dass Bewegung und Licht halfen. Meine persönliche Erfahrung war da gegenteilig. Wenn ich mich dazu zwang, vor die Tür zu gehen oder ins Fitnesscenter, um Sport zu betreiben, dann fühlte ich mich danach eher wie durch die Mangel gedreht, ganz gleich wie gut oder schlecht das Wetter war. Auch Gesellschaft, Gespräche oder sonstige Geselligkeit taten mir nun mal nicht gut. Ich fühlte mich danach stets – und zwar ausnahmslos – wie gerädert.

Ich atmete tief ein, genoss das würzige Aroma, lauschte der Brandung unter mir und lockerte meine Finger um den Gurt meiner Tasche. War vielleicht ganz gut, wenn man sie hier oben fand, dann wusste man, dass etwas passiert war, auch wenn meine Leiche nicht so bald an Land gespült werden sollte. Mein Fuß schob sich langsam vor, ich spürte, wie das Erdreich unter ihm nachgab und abbröckelte. Ein Ende. Den Kopf in den Nacken legend, beugte ich mich vor. Es tat so gut, es war so befreiend, dass ich hätte lachen mögen. Endlich, nach über drei Jahren spürte ich wieder so etwas wie Glück. Noch einen kleinen Schritt und ich verlöre das Gleichgewicht.

Ich rutschte, ein überraschter Schrei verließ meine Lippen und ich riss die Augen auf, denn obwohl es bergab gehen sollte, ging es eher hoch. Etwas hatte sich um meine Mitte geschlungen und mich hochgerissen, weg vom Abgrund, fort vom endgültigen Aus und an einen stahlharten Körper.

„Daingead!“, hisste es an meinem Ohr, allerdings konnte ich nicht behaupten, tatsächlich zuzuhören. Er hätte genauso gut Rübenkraut sagen können. Die Sicht änderte sich, als der Fremde uns drehte und ich verlor das Meer aus den Augen, um wieder in die Heide zu starren. Zwei Schritte weiter setzte der Mann mich ab und drehte mich unter einem felsenfesten Griff zu sich herum. „Sind Sie von Sinnen?“

Dicke, dunkle Augenbrauen zogen sich über funkelnden, blauen Augen zusammen und ein Mund mit verflixt sinnlichen Lippen – ich konnte es selbst kaum glauben, dass mir dieses Wort in den Sinn kam – presste sich bei meinem Anblick zusammen.

„Sie sollten sich nicht so nah an die Klippen stellen, das ist gefährlich.“ Sein Blick glitt an mir herab. „Sie haben Glück, dass nur Ihre Tasche runtergefallen ist.“

„Was!“ Endlich holte mein Kopf auf und verarbeitete all die schrecklichen Details, die mir bisher entgangen waren. Der Dummkopf hatte mich gerettet! „Nein!“ Ich stolperte vorwärts, kam aber nicht bis zum Rand der Klippe. Er hielt mich mühelos mit einem Arm zurück, hob mich von den Füßen und stellte mich wie eine Puppe wieder vor sich ab.

„Die ist weg.“ Wieder verengten sich seine Augen, als er mich erneut musterte. Sicher war ich sterbensblass und mein Zittern musste auch zu sehen sein. Ich war außer mir. Mein Herz schlug wie wild in meiner Brust, Hitze brach aus und tränkte mein Shirt unter der warmen Jacke und meine Knie … Die gaben auf. Ich fiel doch noch, allerdings nur auf meine Knie.

„Na, na!“ Er folgte und zog mich an sich. Dieses Mal landete ich frontal an seiner Brust und sog seinen Duft ein, als ich nach Atem schnappte. Die Wirkung, die es auf mich hatte, war irritierend. Sollte ich nicht verärgert sein, über seine Einmischung? Darüber, dass er mich hin und her schob, wie es ihm gefiel, und meinen sorgsamen Plan, mir gekonnt das Leben zu nehmen, ruinierte. Stattdessen erwischte ich mich dabei, wie ich mich in seine Umarmung schmiegte und sich mir der Hals zuzog, vor Leid. Es gab Momente, in denen es mir so schlecht ging, dass ich mich zusammenrollte, und schlicht heulte wie ein Schlosshund, aber das war doch jetzt der absolut falsche Zeitpunkt!

„Es ist ja nichts passiert.“ Er rieb meine Schulter. „Sie müssen sich aber mehr vorsehen. Die Abhänge sind hier nicht gesichert. Vielleicht etwas, was in Angriff genommen werden sollte?“

Mir fehlte schlicht die Stimme.

„Sie sehen aus, als bräuchten Sie eine gute Tasse Tee, hm, so ein Glück, dass ich Ihnen da aushelfen kann.“

Irgendwie war ich belustigt. „Ich glaube nicht …“, krächzte ich und musste abbrechen, weil es in meinem Hals fürchterlich kratzte.

„Kommen Sie, ich campe dort hinten.“ Er streckte den Finger aus und deutete zur Seite. Ich folgte dem Hinweis nur, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass jemand in der Heide campen könnte. Tatsächlich duckte sich ein graues Igluzelt mit grünen Wimpeln an eine halbhohe Schieferwand nur wenige Meter entfernt. Kein Wunder, dass ich ihn zuvor nicht wahrgenommen hatte.

„Ich will Sie nicht belästigen“, murmelte ich, wobei ich die Gegend genauer absuchte. War er allein? Tramper? Wanderer? Warum zeltete man mitten im … Naturpark. Mir ging ein Licht auf. Ich musste mich in dem von Gregor genannten Naturpark befinden.

„Aber nein, Sie haben einen ziemlichen Schrecken durchgestanden und ich bestehe darauf, dass sie erst einmal zur Ruhe kommen.“ Noch immer hing ich an seiner Brust, in seiner Umarmung und seine Hand kreiste auch noch in meinem Rücken. Es war verdammt beruhigend. Zu beruhigend. Mich räuspernd schob ich mich von ihm fort.

„Das ist sehr freundlich, aber …“

„Touristin, nicht wahr?“ Er zog mich auf die Füße und legte dann den Arm wieder um mich, um die Richtung vorzugeben. Ich hatte keine Wahl, ich musste ihm folgen, beziehungsweise, mich mitziehen lassen. „Wo kommen Sie her? Nein, lassen Sie mich raten.“ Wir überquerten die Straße und umrundeten einen Felsvorsprung. „Der Akzent kommt mir bekannt vor. Sind Sie Deutsche?“

Beeindruckt sah ich zu ihm auf. Fein, sicher sprach ich mit deutlichem Akzent und mein Wortschatz war auch eher unterdurchschnittlich, aber nach wenigen Worten herauszuhören, aus welchem Teil Europas man stammte, fand ich schon bemerkenswert. Seine blauen Augen funkelten belustigt, was es mir zusätzlich erschwerte, passende Worte zu finden. „Ja.“

„Hallo, isch bin Ian. Wie gehen es dir?“ Er zwinkerte und wechselte wieder ins Englische. „Ich muss gestehen, viel mehr habe ich noch immer nicht gelernt.“ Wir erreichten sein Lager und er drückte mich auf einen Findling nieder. „Es dauert einen kleinen Moment, fürchte ich, die Thermoskanne ist bereits leer.“ Er hob eine grün eingefasste Kanne und kippte sie hin und her. Er verschwand im Zelt.

Das Lager war klein. Neben dem Zelt gab es noch ein kleines Lagerfeuer und eine Decke mit Karomuster. Ein Buch lag wenige Zentimeter von meinem Fuß entfernt und ich angelte nach ihm. Enchanted Dùn – A dangerous Game. Auf dem Cover prangte eine dunkle Trutzburg auf nächtlichem Grund, was verstörend wirkte. Den Deckel aufklappend, kämpfte ich mich durch die Übersetzung. Verzaubertes irgendwas?

Eine Widmung stand handschriftlich auf der ersten Seite. Es war eine saubere, geschwungene Handschrift und drückte einen herzlichen und sehr persönlichen Dank aus. Ein Liebesroman? Ich wusste nicht genau, was ich davon halten sollte und drehte den Roman um, um den Klapptext zu lesen. Ein Spiel um Liebe und Macht entspinnt sich. Aha. Klang immer noch nach einem Liebesroman, so lustig das auch war. Niemals hätte ich gedacht, dass ein Mann – auch noch so ein attraktiver – Interesse an Schnulzen haben könnte.

„Ah, wirft ein falsches Licht auf mich.“

Beinahe wäre mir das Buch aus den Fingern gerutscht, als ich aufschreckte. „Verzeihung, ich wollte nicht neugierig sein.“

„Ich bin eigentlich keine Leseratte, aber die muss ich irgendwie lesen. Sie spielen hier ganz in der Nähe und … nun, ich kenne die Autorin.“

Deswegen die persönliche Widmung.

„Ich verspreche, Sie nicht für einen Vielleser zu halten.“ Das Buch streckte ich ihm entgegen. „Ist es ein Liebesroman? Irgendwie wirkt er sehr düster, aber dem Titel nach …“

Er lachte auf. „Also bitte! Sehe ich aus, als lese ich kitschige Liebesromane?“ Er zwinkerte mir zu, wodurch er bei seinem Versuch, das Feuer zu entfachen, innehalten musste. Die Glut ließ sich rasch zu einem kleinen Feuer aufstocken. „Es ist ein waschechter Thriller und geht so richtig unter die Haut. Ich kann ihn Ihnen nur empfehlen.“

„Catriona McDermitt, noch nie von ihr gehört.“ Ich legte das Buch neben mir ab, weil er es mir nicht abnahm und spielte dann mit meinen Fingern. Irgendwie war ich schrecklich nervös und war mir nicht ganz im Klaren darüber, warum.

„Oh, sie ist ein Shootingstar, aber international läuft es wohl erst noch an. So genau bin ich da nicht informiert. Versuchen Sie es.“ Er stellte einen Topf mit Wasser auf eine wacklig aussehende Konstruktion von Ästen und balancierte ihn aus.

„Danke, aber mir ist momentan nicht danach zu schmökern.“ Mein Blick schweifte ab und wanderte über die Heide in seinem Rücken. Genaugenommen wusste ich momentan gar nicht, wonach mir der Sinn stand. Ich sollte nun im eisigen Meer treiben, oder zumindest am Fuße des Abhangs auf glitschigem Gestein liegen, wie auch immer, zumindest sollte ich nicht mehr Atmen und mir Gedanken darüber machen müssen, was ich als Nächstes tun wollte.

Sein Lachen rollte einer Berührung gleich über meine Haut und sorgte dafür, dass sich meine Härchen aufrichteten und mich ein kleiner Schauer überfuhr. „Schmökern. So manches Mal frage ich mich, ob ihr auch vernünftige Worte habt!

„Entschuldigung.“ Ohne Konzentration mischte ich gerne Mal die Sprachen, dessen war ich mir natürlich bewusst, auch wenn ich mich generell bemühte, acht zu geben. Nun, ich war zerstreut. Immer, und gerade jetzt noch mehr als üblich. Was sollte ich denn jetzt tun?

„Ich habe Sie aus dem Bus steigen sehen.“ Er ließ sich auf der Decke nieder und kreuzte die Beine. „Und habe mich gleich gewundert.“

„So?“ Hatte er mich etwa die ganze Zeit über beobachtet? Eine schreckliche Vorstellung! Wie offensichtlich war meine Aktion?

„Es gibt keinen Grund, gerade hier auszusteigen.“ Sein Blick heftete sich auf mich und er verengte die Augen, um mich zu mustern. „Sie haben sich nicht verfahren, oder?“

Mein Kopf war völlig leer, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, nur, dass ich besser schnell etwas hervorbrachte. „Äh.“

„Und Ihr Ziel kann es auch nicht gewesen sein, schließlich befinden wir uns hier mitten in der Einöde. Meilenweit nichts weiter als wildes Gras und Felsen.“

„Schlecht.“ Das Wort polterte nur so aus mir hervor und ich griff es schnell auf, um eine passende Geschichte darum zu weben. „Mir wurde schlecht und ich hielt es im Bus nicht mehr aus, deswegen bat ich, mich rauszulassen.“ Obwohl ich das Gefühl hatte, zu explodieren, wenn ich mich nicht bewegte, hielt ich ganz still. Glaubte er mir? War es von Bedeutung? Nun, wenn ich meinen Plan ausführen wollte, wäre es besser, wenn niemand beweisen könnte, es sei kein Unfall gewesen. Aber ließe sich dieser eine Mensch in der Einöde auftreiben, um der Versicherung eine eidesstattliche Aussage zu geben, damit sie die Prämie an meine Mutter nicht auszahlen müssen?

Ja, es klang etwas paranoid, aber solche Dinge geisterten mir im Kopf herum. Horrorszenarien, die immer gleich das Ende der Welt ausmalten.

„Und geht es Ihnen nun wieder besser?“

Eine tolle Frage, denn gut ging es mir schon seit Jahren nicht mehr, allerdings war es wohl nicht in meinem Sinne, dies zuzugeben. „Äh, ja. Die frische Luft …“

Seine dunklen Brauen wanderten langsam nach oben.

„Tut gut.“ Es war zu viel, ich konnte nicht mehr stillsitzen und rutschte auf dem Findling herum.

„Ja, sicher.“ Trotz seines lockeren Tons wirkte er skeptisch. „Das ist der Schafsdung.“

Ich stockte sogleich, meine Lippen formten die Worte in stummer Wiederholung und bezeugten meine Verblüffung. Mit Sicherheit war das Aroma kein Grund, sich wohler zu fühlen, schon gar nicht, wenn es über die salzige Meeresbrise und über frisches Heidekraut hinausging.

Das Wasser brodelte und spritze aus dem Topf. Es lenkte nicht nur mich ab.

Er schwenkte den Topf, in den er den Tee gegeben hatte, wobei er mir einen nachdenklichen Blick zuwarf. „Vielleicht wäre es Zeit für eine Vorstellung?“ Das aromatisierte Wasser goss er in die Kanne und fing die Teeblätter mit einem Filter ab. Den Becher entgegennehmend bemerkte ich, wie meine Finger bebten.

„Mein Name ist Ian und Ihrer?“

Zugegeben, ich wusste nicht weiter und starrte ihn an. Tausend Gedanken schossen in meinem Kopf hin und her. Handlungswege, Konsequenzen, Möglichkeiten, all so etwas und irgendwie machte es mich verrückt, denn nichts war miteinander vereinbar.

„Was beunruhigt Sie?“

Ich kaufte mir eine Sekunde, indem ich mit der Zunge über die spröden Lippen fuhr.

„Sie möchten mir Ihren Namen nicht nennen?“ Er klang belustigt, was sein Grinsen noch unterstrich. „Warum nicht?“

„Äh.“ Schnell vertiefte ich mich in den Tee und ließ mein Gesicht bedampfen. Was sollte ich sagen? Welche Begründung wäre halbwegs vernünftig? Glaubhaft?

„Wir haben hier die Angewohnheit, hübsche Frauen mit Kosenamen zu belegen, wenn Sie mir Ihren Namen nicht nennen möchten, werde ich darauf zurückgreifen.“ Er hob seinen eigenen Becher an die Lippen und blies hinein, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Deutschland, aus welcher Ecke? Meine Schwägerin kommt aus Hamburg.“

Das war doch nun das zweite Mal, dass er Bezug auf die Frau seines Bruders nahm.

„Sie stammen von hier?“ Ich fragte nicht aus Neugierde, sondern, um ihn abzulenken, trotzdem begannen sich meine wilden Gedanken zu ordnen. Die ganze „Was wäre wenn“- Geschichte, all die schrecklichen Möglichkeiten, wie der Tag wohl enden mochte – und da bezog ich mich hauptsächlich auf den Umstand, dass ich noch immer Luft in meine Lungen sog und sich dies wohl nicht allzu bald ändern sollte – trat irgendwie in den Hintergrund, wenn ich mich auf etwas anderes konzentrierte.

Er lachte auf, als durchschaue er mich und schüttelte den Kopf. „Ja und nein. Eigentlich komme ich von Skye, aber betrachtet man das große Ganze, dann bin ich Schotte mit Leib und Seele und das hier ist meine Heimat.“

Ich hatte nicht mit einer so ausführlichen Erklärung gerechnet und war einen Moment lang sprachlos. „Ah.“

„Also? Hamburg, das liegt im Norden, eine Hansestadt. Liny besteht darauf, es sei eine Stadt mit Flair.“ Er lachte und nippte dann an seinem Tee. „Der Fischgeruch war nicht ganz meins, aber er erinnerte mich auch an zu Hause.“ Ian hob die Tasse. „Verzeihung, dearie, Milch, Zucker? Ich bin mir allerdings nicht sicher …“ Er wandte sich ab, um wieder im Zelt zu verschwinden. „Tja, sieht nicht gut aus.“

„Danke, aber ich trinke den Tee auch ohne Zusatz.“ Milch gehörte einfach nicht in Tee!

Ian kam wieder hervor und hob eine Schachtel. „Wie wäre es mit Keksen?“

Mein Magen knurrte.

„Ah, die Lady ist hungrig.“ Er reichte mir die Packung. „Ich kann Ihnen auch Dörrfleisch anbieten. Ich fürchte, Lachlan ist kulinarisch völlig auf dem Holzweg.“ Ian lachte erneut auf, was mich einen Moment davon ablenkte, meine Muttersprache zu erkennen. „Ich liebe eure komischen Ausdrücke!“

Das Komische war wohl, sie in einen englischen Satz einzubauen, denn mir kam auf die Schnelle kein merkwürdiger, deutscher Ausdruck in den Sinn.

„Auch aus dem Norden? Oder auch München? Liny beschwört uns seit Jahren, wir müssten mal hinfahren.“ Ian schlug die Beine unter. „Gibt es einen Grund, warum Sie so verschwiegen sind?“

Tja, gute Frage. Vielleicht musste ich mir endlich einen Aktionsplan überlegen. Wie sollte ich mit der Situation umgehen? Dummerweise war ich einmal mehr wie gelähmt durch zu viele Gedanken, die in unterschiedliche Richtungen drifteten und nicht vereinbar waren. Es war frustrierend festzustecken, keinen Entschluss fassen zu können und nicht einmal in der Lage zu sein, die Gedanken zu sortieren. Es war eine endlose Schleife in einem viel zu schnellen Karussell. Vielleicht nicht die passende Metapher? Vermutlich war ein riesen Kreisverkehr passender? Fünfspurig und dermaßen überfüllt, dass man die Bahn nicht wechseln konnte. Seine dicken, schwarzen Brauen hoben sich langsam, während er auf meine Antwort wartete, was mich erst recht außerstande brachte, auch nur ein Ton hervorzubringen.

„Oder warum Sie gefährlich nahe an einem Abhang standen, haarfein davor, abzurutschen?“

Ich verschluckte mich fast an meinem hastig eingezogenen Atem. „Bitte?“ Ein Wispern, nicht mehr, aber immerhin hatte ich einen Ton hervorgebracht, nicht wahr? Zwar war meine Therapeutin fest davon überzeugt – oder versuchte zumindest mich zu überzeugen – dass jeder kleine Schritt ein Grund zum Feiern war. Ich fand es albern, ich hatte nicht widersprochen, weil ich kooperativ, offen und zukunftsorientiert erscheinen wollte, aber der Gedanke brachte mich immer noch auf. Ich sollte mir kleine Ziele setzen, um ein Erfolgsgefühl zu haben, etwas erreicht zu haben. Wenn es mir schlechtging, konnte ein Ziel bereits sein, aufzustehen, oder einen Anruf zu tätigen, den man gerne vor sich herschieben würde. Sprich: Ich sollte mich für etwas feiern, was jeder Mensch mit einem Fingerschnippen tausendfach am Tag erledigte! Zugegeben, ich kam mir dabei vor wie ein Idiot. Ein nutzloser, kaputter Idiot und das war ein Gefühl, das ich absolut nicht mochte. Ich war es früher gewohnt gewesen, schnell zu sein, hervorragende Leistungen zu erbringen und es jedem recht zu machen, und nun konnte ich an manchen Tagen nicht aufhören zu grübeln!

Ich war handlungsunfähig. So einfach war es, und dies galt nicht nur für diesen Moment, nein, es erstreckte sich nun auf mein ganzes verfluchtes Leben.

„Es war nicht zu übersehen, dearie, und da stellt sich mir die Frage: Warum?“ Sein Blick wanderte über mich und seine Brauen zogen über der Nasenwurzel zusammen. Er wirkte, trotz seines leichten Lächelns, düster, was sich aber auch durch seinen Dreitagebart erklären ließ, der ebenso rabenschwarz war, wie seine Brauen und sein Schopf.

Ich hatte völlig den Faden verloren. Wovon sprach er?

„Sie möchten nicht darüber sprechen, fein, wie überbrücken wir die Zeit?“ Sein Blick lag immer noch mit voller Intensität auf mir. Was sah er wohl? Ich wusste, dass man mir meine Stimmung nicht notwendigerweise ansah. Viele meiner Mitmenschen waren überrascht gewesen, als ich mich offenbarte, als ich ihnen Einblicke in mein Seelenleben gewährte. Tja, und die meisten, meine Mutter fiel unter diese Gruppe, verstanden es auch nicht, wenn ich es ihnen haarklein beschrieb.

„Dearie? Sie wirken durch den Wind.“

Dieses Mal bemerkte ich, dass er eine deutsche Redewendung verwendete, auch wenn sie durch seinen Akzent fast unkenntlich gemacht wurde. Er konnte deutlich mehr sagen, als Hallo, ich bin Ian und offenbar war er etwas zu vernarrt in deutsche Redewendungen. Sein Grinsen verwischte, je länger ich ihn anstarrte, und schließlich brach er den Blickkontakt und räusperte sich. Dieses Mal war er es, der den Vorwand, von seinem Tee zu nippen, nutzte, um den Moment zu überspielen, allerdings wirkte es nur für einen kurzen Zeitraum.

„Lachlan ist das Sprachtalent in unserer Familie, ich habe offensichtlich Defizite. Deswegen lacht Sina mich vermutlich immer aus.“ Er seufzte gedehnt und fand seine Heiterkeit wieder, denn sein Grinsen war mit voller Intensität zurück. „Haben Sie Geschwister?“

Schon wieder Fragen. Seufzend stellte ich meine Gedanken ab. Das funktionierte nicht, aber es machte mich ruhiger. „Ja.“

„Bruder? Schwester?“, hakte er weiter nach. „Ich habe beides. Zwei Schwestern und einen Bruder.“

„Schwester.“

„Jünger? Älter?“

Er war verflucht neugierig, oder? „Jünger.“

„Hast du einen Job?“

Mein Blick schoss zu ihm und zeigte ihm meinen Ärger deutlich. Das war doch eine unterirdische Frage. Für was hielt er mich? Eine asoziale Arbeitslose? Fein, gerade jetzt war ich tatsächlich nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt, aber auch nur, weil man mich nach einem Jahr Krankheit und einer kurzen Wiedereingliederungsphase gefeuert hatte. Das war nicht meine Schuld und eigentlich bekam ich ja auch Krankengeld und keine Sozialhilfe und trotzdem stach es mich, dass er so von mir dachte. Oder ich von mir selbst? Kam ich noch immer nicht damit klar, dass ich nicht so funktionierte, wie ich es gerne wollte?

„Ich bin Assistentin des Managements bei einer Hotelkette.“ Zumindest war dies meine letzte offizielle Stelle gewesen. Ich musste einen Schluck trinken, weil mein Hals zu kratzen begann.

„Tatsächlich?“ Er lachte. „Klingt anstrengend.“

Oh, er hatte keine Ahnung. Mein Schnauben kam tief aus meinem Inneren. „Hin und wieder“, gab ich zu und hob die Achseln. „Ist wohl jeder Job.“ Sollte ich fragen? Gehörte sich so, oder? Andererseits war dies hier kein Date, nicht einmal eine echte gesellschaftliche Verpflichtung, auch wenn ich schon arg unhöflich war. Als wäre es von Bedeutung, als ginge es tatsächlich … Ich zwang meine Gedanken zu einem Stopp. Aufhören! Dieses Hin und Her machte mich schier wahnsinnig und es musste – verflucht noch eins – endlich aufhören!

„Sina ist Hochzeitsplanerin und das erschien mir bereits wie der reine Horrorjob. Aber die Organisation eines Hotels?“ Seine Brauen wackelten wie ein Schiff auf hoher See. „Ist bestimmt jede Minute eine richtige Herausforderung.“

„Ja und nein.“ Oh, Mist! „Generell ist es ein Job wie jeder andere. Planung, Kontrolle und Problembewältigung. Es macht manchmal richtig Spaß und an anderen Tagen ist es voll ätzend.“ Meist weil zu viel auf einmal passierte und man einfach keine Zeit hatte, auch nur eine Angelegenheit zur Zufriedenheit zu beenden. Man wurde stets herausgerissen, um sich der nächsten Katastrophe zu widmen.

„Aber Arbeit ist wichtig, nicht wahr?“ Er klang deutlich belustigt, was ich in dem Zusammenhang nicht verstand. Natürlich konnte es Sarkasmus sein, aber es passte nicht, der Tonfall, seine Mimik. Vielleicht machte er sich auch über mich lustig.

„Ist wohl so“, murmelte ich und drehte die Worte in meinem Kopf hin und her. Arbeit war wichtig, denn ohne Arbeit verdiente man kein Geld und ohne Geld – tja, eine Fortführung erübrigte sich.

„Sina ist ganz verrückt nach ihrer Arbeit und Liny rotiert mittlerweile, weil sie kaum etwas zu tun hat.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich finde Arbeit ablenkend.“

„Wovon?“

„Vom Leben.“ Sein Lachen war schallend und trug seine Belustigung.

Okay, ich war depressiv, aber er war definitiv verrückt. „Arbeit ist ein Grundpfeiler des Lebens.“

„Beschäftigung, nicht Arbeit.“ Verrückt war wohl noch untertrieben.

„Geld“, verdeutlichte ich also. „In dieser Welt geht es nur ums Geld.“

„Hm.“ Wie ich stellte auch Ian seine Tasse ab und faltete die Hände im Schoß. „So ist es wohl. Ich nehme mal an, dass du finanzielle Probleme hast und deswegen …“ Seine Hand machte einen Schwinger in Richtung der Klippen, ohne dass er hinsah.

„Nein!“ Mir war klar, dass ich mich allein schon durch die hastige Antwort verriet, da war auch mein Quietschen gleich, oder mein Aufschrecken.

„Wie schlimm ist es?“

„Bitte?“

„Deine Schulden. Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie hoch meine Schulden sein müssten, damit ich …“ Sein Kopfschütteln brach seine Worte ab. „Andererseits habe ich die Hoffnung auf eine rosige Zukunft …“ Er lachte auf. „So in zwanzig oder dreißig Jahren, je nachdem.“

Klang auch nicht berauschend, allerdings lag er mit seiner Vermutung, ich wäre in ernsten finanziellen Problemen, völlig falsch. Na ja. Ziemlich falsch, schließlich wollte ich Geld für meine Familie herausschlagen, und das war mir tatsächlich immens wichtig. „Das ist nicht so.“

Sein Blick sagte alles.

„Ich habe keine Schulden.“

„Jeder macht mal Schulden.“ Seine schweren Schultern hoben sich, was irgendwie drollig wirkte. Ein kleiner Junge, gefangen im Körper eines Bären. „Das ist kein Grund, sich zu schämen.“

„Also schön. Es war sehr freundlich von Ihnen, mich zu retten und mir Tee anzubieten, aber ich muss nun weiter.“ Schnell stand ich auf und wischte meine Handflächen an meinem Schoß ab. „Danke.“

„Wie geht es weiter?“ Auch er kam auf die Füße. „Wie gesagt, hier ist weit und breit nichts.“

Auch wenn ich es nicht bezweifelte, sah ich mich um. Er lag natürlich richtig, weit und breit nur Gras, Meer und Felsen. Wo in aller Welt war ich hier gelandet?

„Eine Bushaltestelle wird es doch geben.“ Schließlich hatte mich der Fahrer rausgelassen.

Sein Kopfschütteln war elektrisierend. Ein Stoß ging durch mich und gleichzeitig fühlte ich mich wie festgefroren. Mein Körper zumindest, denn in meinem Kopf überschlugen sich einmal mehr Möglichkeiten, Gedankenstränge und Horrorszenarien.

„Aber der Bus kommt hier durch, vielleicht hält er, wenn ich winke?“ Davon ging ich nicht aus, zugegeben, denn in Deutschland fuhr ein Bus selbst an den Haltestellen an mir vorbei, da konnte ich hinterherwinken, wie ich wollte.

„Es gibt nur diese eine Verbindung, und die geht einmal am Tag von Edinburgh nach Inverness und wieder zurück. Allerdings …“ Die Pause ließ mich erschauern. „Auf einer anderen Route.“ Seine Miene verzog sich für einen Augenblick. Albern, zumindest kam mir dieses Wort zuerst in den Sinn. Es blieb natürlich nicht allein, ein Gedanke blieb bei mir nie lang allein, was wohl einen großen Teil meines Problems ausmachte. Aber er wirkte so albern, so unbeholfen mit dieser Geste, eben wie ein kleiner, viel zu groß geratener Junge. Abgelenkt brauchte ich ewig, um die Information aus den Worten herauszuholen und doppelt so lange, um mein Entsetzen zu formulieren. „Oh Gott!“

Er wechselte sein Standbein und legte dabei den Kopf zur Seite. „Vielleicht sollte ich noch einmal erwähnen, dass wir hier völlig abgeschieden sind. Selbst nach Farquhar bräuchten wir zu Fuß gut eine Stunde und das wäre der nahegelegenste Anlaufpunkt.“

„Oh.“ Lustigerweise vibrierte der Ton einsam in meinem Hirn und dies für ungewöhnlich lange.

„Ihre Tasche schwimmt im Atlantik und Sie werden Schwierigkeiten haben, schnell an Ersatzpapiere zu kommen, geschweige denn an Geld.“ Er hob die Hände. „Besonders an einem Samstagnachmittag.“

Stöhnend sank ich zurück auf den Felsen, auf dem ich zuvor gesessen hatte. Er lag völlig richtig. Mein Ausweis lag mitsamt meinen Schlüsseln, meinem Portemonnaie und meinem Handy unerreichbar am Fuß der Klippen. Ich hatte ein ernsthaftes Problem.

„Tee?“

Damit riss er mich aus meiner Starre. Ich sah auf, überrascht, denn er war keine Hilfe. Ian kniete bereits wieder am Feuer und arrangierte die Vorrichtung, um den Topf wieder darauf abzustellen.

„Die gute Nachricht ist, dass ich morgen wieder abgelöst werde.“

Schön für ihn.

„Ich könnte Sie hinbringen, wo immer Sie hin möchten.“

Nett.

„Sie haben doch eine Unterkunft?“

Mein Starren wurde mir zwar peinlich, aber ich konnte leider auch nicht aus meiner Haut. Das war entsetzlich. Stopp. So lange ich ihn ansah, schwirrten meine Gedanken nur wild umher, also senkte ich meinen Blick auf das niedergetrampelte Heidegras. Ein zweiter Anlauf war nötig, fein, aber das war kein Problem. Ich musste nur zurück in meine Unterkunft, vielleicht einen weiteren Tag verstreichen lassen, dann mit Gregor wieder in den Naturschutzpark kommen und verschütt gehen. Meine Lider fielen zu, bleischwer, wie sie waren. Oh, ich war dieses planen und austüfteln so leid.

„Ja.“

„Aha.“

„Eine Pension etwa eine Stunde von Dundee entfernt.“ Um zu verschleiern, dass ich meine Augen nicht wieder aufbekam, rieb ich über sie. Ich war einfach fertig, dabei war ich doch bereits bei der Fahrt im Bus eingenickt und sollte ausgeruht sein.

„Dundee? Das ist eine Ecke, aber ich fahre Sie gerne morgen wohin Sie wollen.“

Ich musste mich räuspern. „Danke.“ Aber? Irgendwie war mir nicht wohl, es so stehenzulassen. Ich wollte keine Gesellschaft. Ich wollte nicht in der Heide campen. Ich wollte nicht hier sein. Nicht mehr.

„Leider kann ich Ihnen zum Abendbrot nur Kekse und Dörrfleisch anbieten, aber wenn Sie erlauben, lade ich sie morgen zu einem ausgedehnten Frühstück ein.“

Ja, er war schon unheimlich in seiner Freundlichkeit. Sollte ich besorgt sein?

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber …“

„Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie mir hier die Zeit vertrieben. Ich muss gestehen, mir fehlt die Muse, um einfach vor mich her zu starren und die Tiere zu beobachten.“

Also bleiben? Ich war noch immer nicht entschlossen, für gewöhnlich blieb ich solange hin und her gerissen, bis äußere Umstände die Dinge entschieden. Um mich abzulenken, auch von meinen müden Augen, sah ich mich um. Mit Tieren waren sicherlich die verstreut grasenden Schafe gemeint.

„Die Dame dort drüben ist trächtig und es scheint, als bräuchte sie menschlichen Beistand. Mein Bruder ist etwas zu vernarrt in seine Tiere und verhätschelt sie.“ Er deutete auf ein liegendes Tier in Gesellschaft eines beeindruckenden Hornträgers, der mich wiederkäuend beobachtete.

„Tja. Ich kann es nicht fassen, dass ich mich freiwillig meldete, um diese Schicht zu übernehmen.“ Er grinste und hob die Schultern. „Allerdings ist mir die Gesellschaft dieser Wollknäuel lieber, als so manche menschliche Gestalt.“

Kryptisch, aber nachvollziehbar. Ich ließ meinen Blick wandern. „Aha.“

„Sprich: meine Mutter.“

Das fing dann doch meine Aufmerksamkeit ein, was er zwinkernd zur Kenntnis nahm.

„Unser Verhältnis ist eher angespannt.“

„Oh, das tut mir leid.“ So unangenehm es mir war, dass er mir so persönliche Dinge erzählte, war ich auch irgendwie gebannt. Natürlich war mir bewusst, dass jeder Mensch auf Erden seine Problemchen hatte, und das meine nicht einmal ernsthaft schwerwiegend waren, auch wenn es sich in der Regel ganz anders anfühlte.

„Muss es nicht, ich habe mich daran gewöhnt. Fünfunddreißig Jahre Abhärtung sei Dank.“ Seine Tonlage konnte täuschen, denn so locker wie er klang, nahm er diesen Umstand nicht. Da war etwas in seinen Augen, in seiner Körperhaltung, was Anspannung verriet.

„Familie“, murmelte ich, um die Situation aufzulockern. „Man kann sie sich nicht aussuchen.“

„Nein, leider nicht.“

Kapitel 3
Eine Nacht in den Highlands

Ich zog die Knie enger an mich. Je später es wurde, umso kühler wurde die Luft. Ian kroch im Zelt herum, um unser Dinner zu richten. Dörrfleisch und Kekse, welch verführerische Aussicht. Die Sonne sank am felsigen Horizont hinab und tauchte die Heide in seinen goldenen Schein, nicht mehr lange und ich säße in völliger Dunkelheit vor dem kleinen Feuer, das Rauschen des Meeres in unmittelbarer Nähe, das hin und wieder vom Blöken der Schafe unterbrochen wurde. Wenn es nicht so frisch wäre … Nein, es wäre auch dann weder romantisch, noch sonst etwas.

„Ich habe leider nicht übertrieben, dearie, es gibt tatsächlich nur Dörrfleisch.“

Ich schreckte auf. Irgendwie war ich völlig in meine wirren Gedanken abgedriftet, vor mich her starrend und vergessend, dass ich nicht allein war.

„Ich habe eine Hose und noch einen Plaid, falls Ihnen kalt wird.“

Ich sah nur auf, um mich für seine Umsicht zu bedanken, dadurch landete die Flasche, die er mir entgegenstreckte, beinahe in meinem Gesicht.

„Und die hier. Scheinbar nutzt mein Bruder die Abgeschiedenheit hier, um sich zu betrinken.“

„Viel anderes ist hier auch nicht zu tun.“ Mein Augenrollen verkniff ich mir, schließlich sprachen meine Worte bereits Bände. „Gibt es keinen Stall?“ Zugegeben, ich hatte null Ahnung, wie Schafe gehalten wurden, hatte irgendwie Heidi im Sinn. Verflixt, das waren doch Ziegen gewesen, oder? Der Punkt blieb, dass ich mir unendliches Land vorstellte, auf denen die Tiere friedlich grasten und des Nachts wurden sie zusammengetrieben … Wohl nicht, denn er sah mich an, als könne er sich sein Lachen nur mit Mühe verkneifen.

„Stadtkind.“

„Ja.“ Was absolut keine Schande war.

„Nun, ich habe mir sagen lassen, dass es stressfreier für die Schafsdame ist, im Freien zu gebären.“ Er feixte. „Ich hoffe, ich war nicht zu offen in meinen Worten und habe dich schockiert.“

„Nein.“ So leicht war ich nicht zu schockieren. „Also leistest du hier Geburtshilfe.“ Mein Grinsen ließ sich nicht unterdrücken, denn die Vorstellung war ebenso lustig, wie die, dass dieser Mann Liebesromane las.

„Darauf trinken wir.“ Er goss Whiskey in unsere Tassen und reichte mir eine. „Slàinte mhath.“

Er nahm einen tiefen Schluck und verzog das Gesicht. „Wird dich warmhalten.“

„Vermutlich sollte ich nicht trinken.“ Schließlich kannte ich ihn nicht und stand hier auf wackligem Grund. Was, wenn er ein Psychopath war? Ich wollte sterben, ja, aber doch bitte nicht zuvor leiden. Oder vergewaltigt werden. Kleinlich? Immerhin müsste ich es dann nicht selbst tun. Was sagte die Versicherung zu Mord? Gab es da Ausschlussklauseln? Verflixt, warum musste immer alles so kompliziert sein?

„Stimmt, du könntest ausversehen betrunken über die Klippen stürzen.“

Mein Zucken war nicht zu übersehen, sein scharfer Blick lag einmal mehr auf mir.

„Gott bewahre, hm?“

Ich war leider zu schockiert, als dass ich was über die Lippen bekäme.

„Hotelmanagement, nicht wahr? Wie darf ich mir deine Arbeit vorstellen?“

Das war durchschaubar und ich wusste nicht, ob ich darauf eingehen sollte, andererseits war alles besser, als bei dem vorherigen Thema zu bleiben. „Ähm, also …“

„Ein schwieriges Thema?“

Komm mir nicht verständnisvoll. „Ein langweiliges.“

„Über die interessanten Dinge möchtest du ja nicht sprechen.“

„Was wäre interessant?“ Es wäre wohl besser, das Thema ruhen zu lassen.

„Es ist eine lange Nacht. Vermutlich können wir uns ranpirschen.“

Er wich aus, also doch ein Psycho mit Hintergedanken?

„An Themen wie Arbeit, Familie, Freunde …“

„Hört sich an wie die Inquisition.“ Meinen Blick senkte ich in die schillernde Flüssigkeit in meiner Tasse. Noch konnte ich sie sehen, auch wenn es zunehmend dunkler wurde.

„Vielleicht sollte ich anfangen?“ Er leerte seinen Becher, stellte ihn beiseite und legte dann die Hände ineinander, um sie zu kneten. „Auch wenn ich sicherlich nicht freiwillig über irgendeine Klippe ginge.“ Er lachte auf. „Die Genugtuung gönne ich ihr nicht.“

Meine Neugierde regte sich, ganz gegen meinen Willen.

„Meiner Mutter. Dörrfleisch?“

Im ersten Moment hielt ich es für eine Beleidigung, dann registrierte ich, dass er mir das getrocknete Fleisch unter die Nase hielt. „Oh.“ Ich hatte so etwas nie zuvor gegessen und war mir bei dem Anblick auch nicht sicher, ob ich es probieren wollte. „Nein, danke?“

„Bist du sicher? Bis zum Frühstück vergeht noch eine Weile.“ Er öffnete die Packung und fischte nach einem Korb, der unter dem Vordach des Zeltes stand. „Teller und Besteck. Könntest du mir ein Messer herausholen?“

Der Korb erwies sich als außerordentlich gut gefüllt, was mich einen Moment ablenkte.

„Dearie?“

Ich schreckte auf. „Teller?“

„Ja, bitte.“

Meine Finger zitterten.

„Dörrfleisch auf Keks, abgerundet mit einem guten Glas Whiskey.“ Er reichte mir eine Portion.

„Danke.“ Es sah aus der Nähe noch schlimmer aus, als erwartet.

„Wo waren wir gleich stehengeblieben? Bei meiner Mutter, nicht wahr?“ Er schob sich einen belegten Keks in den Mund. „Sie gibt gerne den Ton an.“

Um irgendetwas zu tun, nickte ich bedächtig.

„Und wehe jemand tanzt aus der Reihe.“

Vielleicht sollte ich doch essen, allein, um beschäftigt zu wirken, denn er machte mich verdammt nervös. Warum erzählte er mir von seiner Familie?

„Sie kann unangenehm werden.“ Er lachte auf. „Nein, das ist nicht der richtige Terminus. Sie ist generell unangenehm und wird schon mal bitterböse.“

„So?“ Was verstand er wohl als bitterböse.

„Meine Schwester Ealasaid hat ähnliche Tendenzen, was ziemlich erschreckend ist. Ihr Sohn …“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. „Haben Sie Neffen oder Nichten?“

„Nein.“ Schnell klappte ich den Mund zu. War das seine Taktik? Wollte er mich so zum Reden bringen? Warum? Was sollte das?

„Und eigene?“

Ich stopfte mir einen weiteren Keks in den Mund und kaute sorgsam. „Nein.“

„Ich habe nun zwei Neffen und eine Nichte. Keine eigenen Kinder – soweit ich weiß.“

„Ah.“ Netter Nachsatz – soweit er wusste. War es bezeichnend für ihn? Dass er solch entscheidende Dinge nicht wusste. Oder es nicht für wichtig erachtete?

„Der Sohn meiner Schwester ist ein verzogener, kleiner Bengel, vielleicht hat er Ealasaid als Mutter verdient.“ Er schenkte sich Whiskey nach. „Vielleicht ist er aber auch schlicht das Produkt seiner Erziehung? Wie stehst du dazu?“

Mir fehlten die Worte.

„Denkst du, dass die Erziehung Einfluss auf Menschen nimmt, oder sind sie bereits mit all ihren Fehlern geboren?“

Herrlich, er wollte philosophieren? Seit Jahren war ich nicht mehr in der Lage, ein schlichtes Gespräch durchzustehen, ohne den Faden zu verlieren, oder mich im Kreis zu drehen. „Da habe ich keine Meinung.“

„Hm, ich werde es wohl herausfinden, indem ich ihn mit den Zwillingen vergleiche. Liny ist ganz anders als Ealasaid, weniger rigide, herzlicher. Wenn das häusliche Umfeld eine Rolle spielt, werden die beiden sicher kleine Engelchen.“

Musste ich mich dazu äußern? Er wirkte nachdenklich, wie er mich betrachtete und gleichzeitig durch mich hindurchsah.

„Lindsay sieht bereits so aus.“ Sein Blick senkte sich auf seine Tasse und er grinste zart. „Sie hat so ein rosiges, kleines Gesichtchen, Pausbacken und einen kleinen Rosenknospen ähnlichen Mund. Sie ist süß, auch wenn sie ununterbrochen sabbert.“

Irgendwie traf das auch auf ihn zu, auch wenn er nicht sabberte oder Pausbacken hatte. Witzig. Geistesabwesend nahm ich einen Schluck und begann augenblicklich zu keuchen. Die scharfe Note des Whiskeys brannte sich seinen Weg meine Kehle hinab und war auch noch zu spüren, als er längst in meinem Magen verschwunden war. Ich hustete.

„Hartes Zeug, hm?“

„Ja“, keuchte ich bemüht, mich einzukriegen. Ich bekam schon bei weniger Hochprozentigem Schnappatmung.

„Vielleicht ist Liny doch nicht so wundervoll, wie es den Anschein hat, wenn Lachlan sich hier betrinken muss?“ Er nahm wieder einen Schluck. „Vielleicht liegt es auch an der Ehe?“ Seine Augen lagen noch immer auf mir, kritisch nun. „Bist du verheiratet?“

„Nein.“ Zumindest nicht mehr.

„Ich war es. Kurz. Nur ganz kurz.“ Endlich sah er fort und auch sein belustigter Unterton war weg. „War eine schmerzhafte Erfahrung.“

Meine Zustimmung hielt ich nur zurück, weil ich mir auf die Lippe biss.

„Ich liebte sie.“

Ich musste mich räuspern. Herrje, das wurde mir nun wirklich zu viel. Wir kannten uns gar nicht. Warum erzählte er mir so intime Dinge?

„Ich bin auch geschieden.“

„Hast du ihn geliebt?“

Unsere Blicke verhakten sich ineinander und einen Moment kamen sogar meine wilden Gedanken zum Stehen. Für einen Augenblick, dann erfasste ich die Frage und die riss mich wieder in den üblichen Strudel, den reißenden Fluss. Hatte ich Jörg geliebt? Vermutlich. Bestimmt. Natürlich. Wie verrückt, dass ich mich fragte, ob ich je etwas empfunden hatte und wann ich die Fähigkeit verloren hatte.

„Ja.“ War das meine Stimme? Sie klang kein bisschen vertraut, eher wie die eines Aliens. Verzerrt, schwankend, unsicher. Nicht so wie sonst.

„Es schmerzt.“

Nein, nur wenn man es zuließ. Trotzdem stiegen mir Tränen in die Augen, so dass sie brannten. Die Tasse wurde zu schwer und ich senkte sie schnell auf meinen Schoß. Urplötzlich spürte ich die Gänsehaut, die sich über meinen ganzen Körper ausgebreitet hatte.

„Tee? Wickeln Sie sich in den Plaid, wenn Sie die Hose nicht tragen wollen.“

Die Wolle kratze über meine sensible Haut, als ich sie enger um mich zog. „Danke.“

„Meine Ex-Frau war genau der Typ, den meine Mutter verabscheut. Geldgierig, verschlagen und exzentrisch.“ Er lachte auf, es klang wie ein Bellen. „Immerhin lag sie richtig. Sie hatte sie durchschaut.“

Wollte er damit andeuten, seine Ex-Frau sei tatsächlich geldgierig und so weiter gewesen?

„Oder es waren Vorurteile.“ Wieder dieses fast schon schaurige Lachen. „Es waren Vorurteile. Sie hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Lachlans Hochzeit mit Liny zu sabotieren.“

Was hatte dies nun mit Vorurteilen zu tun? War Liny etwa ebenfalls geldgierig und exzentrisch? Moment, war sie nicht eine Deutsche? Dann war Ians Mutter wohl ausländerfeindlich.

„Sie ließ nichts aus.“

Die Mutter oder Ex-Frau?

„Hat böse Omen kreiert und unseren Cousin angestiftet …“ Er brach mit einem unterdrückten Schnaufen ab. „Sie kann auch anders. Gewöhnlich verbietet sie uns alles, was ihr nicht passt. Ich war mal ein begeisterter Polospieler, ritt leidenschaftlich gern, und war auch recht erfolgreich bei Military, aber ich ritt ihr zu zügellos. Es sei zu gefährlich. Ich könnte Schaden nehmen.“ Seine Stimme bebte vor unterdrücktem Ärger. „Unnötig zu erwähnen, dass ich seit meiner Jugend auf keinem Pferd mehr gesessen habe.“

„Das ist doch verständlich“, murmelte ich gedrängt. Warum musste ich auch noch Stellung beziehen? „Meine Mutter … sie macht sich ständig Sorgen. Sie macht mich eigentlich völlig verrückt mit ihrer Sorge, ihren ständigen Nachfragen, ihrer Einmischung in einfach alles.“ Es war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich es so sah. Überrascht über mich selbst hielt ich inne und starrte in das flackernde Feuer.

„Es ist nervig.“

Oh ja, es war nervig.

„Vermutlich ist es so, wenn man Kinder hat. Dann kann man gar nicht anders?“

Dadurch fühlte ich mich nicht besser. Das Verständnis blieb oberflächlich, drang nicht durch, nicht in mein Inneres. Mir fehlte die Einsicht, ich war keine Mutter und konnte nicht nachfühlen.

Schön, dass ich so müßig darüber nachdenken konnte, hatte meine Unfähigkeit schwanger zu werden, mir doch richtig zugesetzt. Dann hatte Jörg sich von mir getrennt, ich hatte meinen Halt verloren, meine Gesundheit und dann auch noch meinen Job. Irgendwann war ich fast froh gewesen, kein Kind zu haben, und es mir leisten zu können, nicht mehr zu funktionieren.

„Man wird sonderlich, fürwahr.“ Es gluckerte. „Lachlan vernachlässigt sogar seine geliebten Tiere.“

„Vermutlich ist es so“, murmelte ich abgelenkt und griff nach meiner Tasse. „Vielleicht versuche ich es doch noch mal mit dem Schnaps.“

„Slàinte mhath.“

„Prost.“ Wir stießen an und nahmen beide einen Schluck von unserem Alkohol. Wieder brannte die Flüssigkeit sich durch meinen Körper, aber es war nicht so schrecklich, wie beim ersten Mal.

„Ihre Mutter macht sich Sorgen? Hat sie Grund dazu? Ist Ihr Lebensstil so ausufernd?“ Seine Stimmung hob sich hörbar.

„Nein, eigentlich nicht.“ Abgesehen davon, dass ich nicht gerade vor Lebensfreude sprühte.

„Kein Partygirl?“

Ich lachte auf. „Ich weiß nicht einmal, wie man das schreibt!“

„Oh, da kann ich aushelfen, ich kenne eine Spitzenautorin, die wird buchstabieren können.“ Er konnte wieder lachen und mir war es recht. Als Miesepeter war er unheimlich. Natürlich, schließlich war er ein Berg von einem Mann. Riesig, muskelbepackt, dazu das schwarze Haar und der Anflug eines Bartes, der wie ein Schatten über seinem Gesicht lag. Wenn er die buschigen Brauen zusammenzog, war er schon fast unheimlich.

„Ah, mein Retter.“ Schon fast ein Schnauben, aber ich wollte schließlich ablenken. Von dem plötzlichen Humor, der in der Luft hing, von der scheinbaren Leichtigkeit.

„Gern geschehen.“ Er prostete mir zu. „Also, wie hast du deine Mutter zur Verzweiflung getrieben? Was hast du angestellt?“

„Was hast du angestellt?“

„Ich bin geritten wie der Teufel.“ Er wiegte den Kopf. „Gut, das war nicht alles.“

Ich spürte es, meine Lippen kräuselten sich, bogen sich fast in ein Lächeln. Welch ungewohntes Gefühl.

„Vielleicht habe ich es hin und wieder übertrieben“, räumte er ein, ein reuiges Grinsen zierte seinen Mund. „Aber, wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre, hätte ich mein Dasein im goldenen Käfig gefristet, brav in der Ecke kauernd und lernend. Wie Lachlan.“ Er verdrehte die Augen. „Kein Wunder, dass er Mutters Liebling ist.“

„Ich dachte, er hätte die falsche Frau geheiratet“, hakte ich nach. Es war kein Interesse, sagte ich mir dabei, es war lediglich Zeitvertreib. Er betonte es ja ständig, die Nacht war lang, warum sollte ich sie also schweigend verbringen und mich von meinen Gedanken quälen lassen?

„Oh ja, seine einzige Verfehlung, während meine alle Register sprengen.“ Wieder prostete er mir zu und leerte dann seinen Becher. „Auf meinen folgsamen, perfekten Bruder.“

„Perfekt ist wohl Ansichtssache.“ Ich sagte es nur, um ihn aufzuheitern. „Wer ist schon perfekt?“

„Ansichtssache.“ Er zwinkerte. „Und höchst personengebunden.“

Wie wahr.

„Wie sähest du dich perfekt?“

Oh, das war einfach. „Funktionierend.“

„Was bedeutet?“ Er griff wieder nach der Flasche und füllte meinen Becher auf.

„Meinen Job hervorragend erledigend, als Tochter und Schwester einwandfrei, die begehrte Partnerin und Freundin, der man sich jederzeit anvertrauen kann, den Haushalt mit einem Wisch schmeißend, während ich nebenbei noch die ein oder andere Auszeichnung für meine Dekotorten einheimse und meine Bestleistung beim Marathon unterbiete.“ Okay, so aufgezählt klang es irgendwie idiotisch.

„Ah ja, der Job, das altbekannte Lied.“

„Beruflicher Erfolg ist wichtig.“ Auch wenn man die Bedeutung erst erkannte, wenn der ausblieb. Wenn man bei Beförderungen übergangen wurde, das Arbeitsumfeld zunehmend bedrückender wurde oder beschränkt durch neue Regularien. Wann hatte ich den Anschluss verloren, wann den Überblick? Wie hatte ich so ins Schwimmen geraten können, dass mich der nächste Wellengang mitriss?

„Höre ich immer wieder. Allerdings ist das wohl Einstellungssache.“

„Findest du Erfüllung im Job etwa nicht wichtig?“ Es gab Menschen, die es anders sahen, das wusste ich. Meine Mutter fand Erfüllung in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau und bedachte man, wie viele Erwerbslose es gab …

„Nein.“

„Oh.“ Sollte ich fragen, was er tat? Andererseits, wenn er Zeit fand, für seinen Bruder Schafe zu hüten, wie wahrscheinlich war es da, dass er in Lohn und Brot stand?

„Allerdings räume ich ein, dass ich es auch noch nicht versucht habe. Mein Cousin Islay ist Feuer und Flamme für sein neues Betätigungsfeld. Hm. Oder für seine Freundin.“

Mutter, Cousin, Bruder. Offenbar wollte er mir seine ganze Familiengeschichte erzählen.

„Allerdings grüble ich bereits seit einiger Zeit darüber nach, was ich tun könnte.“

„Reiten.“ Keine Ahnung, wo das herkam und vermutlich war es auch eine dumme, undurchdachte Idee. Die ihm jedoch gefiel. Er lachte und streckte die Hand aus, um mein Knie anzustupsen.

„Eine Aufwieglerin, wie passend.“

„Gar nicht!“, verteidigte ich mich. Eigentlich bevorzugte ich Harmonie und hasste Streitereien.

Er dachte noch über meine Worte nach. „Es würde meine Mutter auf Hundertachtzig bringen, ganz sicher.“ Er grinste begeistert. „Polo! Ich bin sicher total aus der Übung!“

„Vielleicht sollte man es langsam angehen? Zuerst wieder in den Sattel kommen und üben, bevor man es mit den gefährlichen Sportarten versucht?“ Sonst brachte er sich noch um.

„Ich war mal richtig gut.“

Seine Freude war schon putzig. „Dann wird es dir sicher nicht schwerfallen.“

„Danke, für deine aufbauenden Worte, dearie. Nun fühle ich mich dir verpflichtet. Was kann ich für dich tun?“ Er rutschte näher. „Raus damit, warum gefährdest du so leichtsinnig dein Leben, indem du unnötig nahe an Klippen spazierst?“

Oh nein! „Äh.“ Tausend Möglichkeiten schossen durch meinen Kopf. Wieder einmal.

„Komm schon, vielleicht ist eine Einschätzung von außen hilfreich.“ Er streckte die Arme aus. „Bei mir hat es funktioniert.“

Ich verbiss mir ein weiteres Äh.

„Nimm noch einen Schluck, entspann dich.“

„Es …“ Zu oft hatte ich darüber geredet, ohne dass es irgendetwas geändert hätte. Ich wollte einfach nicht mehr, ich war es leid. Müde.. So war es halt. Objektiv mochte es nur ein Splitter sein, der sich in die Haut bohrte, aber ich empfand es als dicken Pfahl, der direkt durch mein Herz gerammt worden war. Depression in seiner feinsten Ausprägung, leider half es nicht, zu wissen, was vor sich ging. „Ist kompliziert.“

„Mit Sicherheit.“

„Ich bin krank.“ Das verstand jeder, auch wenn das generelle Verständnis für geistiges Ungemach leider ungleich geringer war, als bei körperlichen Gebrechen.

„Sterbenskrank?“

Das war wohl Ansichtssache. „In gewisser Weise.“

„Ohne deine Nachhilfe?“

Der Kloß in meinem Hals nahm gigantische Ausmaße an. „Das Leben ist tödlich, Ian, das ist doch allgemein bekannt.“ Offenbar hatte ich bisher unentdeckte Fertigkeiten, denn ich brachte diesen Mann ununterbrochen zum Lachen.

„Richtig! Dearie, du bist mir eine!“

„Vanessa.“ Jetzt hatte ich auch noch gequatscht, ohne darüber nachzudenken. Ich biss mir auf die Lippe und ließ im Stillen eine Salve Verschmähungen auf mich selbst ab.

„Vanessa, ein schöner Name.“

Ich zuckte linkisch die Achseln. Ich fand meinen Namen eher gewöhnlich. Langweilig, jedenfalls keinen, den ich für meinen Nachwuchs ausgewählt hätte. Ich war da amerikanisch eingestellt. Summer, Halo, Apple, das waren Namen, die ich schön fand, und nicht Vanessa, Mareike oder Christa.

„Aus?“

„Recklinghausen.“

„Ah. Schön, Sie kennenzulernen, Vanessa aus Recklinghausen.“ Ian streckte mir die Hand entgegen, um meine zu schütteln. „Also, was ist es? MS? Soll scheußlich sein. Oder vielleicht Krebs? Mit den nötigen Mitteln ist da einiges zu machen. Natürlich nur, solange sich die Verbreitung der Metastasen in Grenzen hält und man auch der Behandlung zustimmt.“ Ian legte die Arme um die Beine. „Meine Tante starb vor einer Ewigkeit an Krebs, deswegen habe ich mich darüber informiert.“

„Oh, mein Beileid.“ Egal wie lang es her war, ein toter Familienangehöriger ging einem immer nahe. Bei uns waren es bereits fünf Abwesende am Festmahltisch. Meine Großeltern mütterlicherseits, mein Vater, mein kleiner Bruder und die Schwester meines Vaters, wodurch unsere Familie dermaßen dezimiert war, dass wir locker um einen Tisch passten.

„Danke, aber du lenkst ab. Was hast du, dass du einen schnellen Tod dem langsamen vorziehst?“

Ich wollte es nicht sagen. Es war peinlich. Ich kannte die Reaktion, die auf die Eröffnung folgte. Es war immer dieselbe. Unglaube, Ärger, Genervtheit. Krebs, Aids und Multiple Sklerose waren tragisch, Depressionen nur lächerlich. Nervös zuckte meine Zunge über meine spröden Lippen und ich konnte auch meinen Po nicht stillhalten und rutschte auf meinem Sitzplatz herum. „Ich bin nicht so krank.“

„Was bedeutet?“

„Es ist nur in meinem Kopf.“ Hitze schoss mir in die Wangen. Musste ich noch deutlicher werden?

„Depressionen? Die Scheidung war erst kürzlich, hm?“ Er klang sanft und mitfühlend, was mich irritierte.

„Drei Jahre.“ Also alles andere als kürzlich und es war auch nicht die Trennung, die mir die Beine weggezogen hatte, sondern das komplette Paket, das das Schicksal für mich bereitgestellt hatte.

„Bei mir auch. Trotzdem kommt es mir manchmal vor, als …“

„Ja. Whiskey?“

Ich brauchte dringend Nachschub. An Jörg zu denken, machte mich nur noch schwermütiger, denn mit ihm verband ich so viel Hoffnung und Zuversicht, dass mich die Erinnerung an meine frühere Naivität – ich war tatsächlich davon überzeugt gewesen, das alles gutwerden würde – fast umwarf. Als wir heirateten, hegte ich die wilde Fantasie, bald ein Haus voller Kinder zu haben und für immer glücklich und zufrieden zu sein. Nun, es hatte sich anders entwickelt. Nicht ganz so Zuckerwatte gefüllt, wie ich es mir ausgemalt hatte, schließlich hatte ich zehn Jahre Martyrium hinter mich gebracht, bevor die Scheidung allem ein jähes Ende setzte.

„Man kommt darüber hinweg. Es hilft an die schlechten Seiten des Partners zu denken. Cheyenne …“ Er schüttelte den Kopf. „Hatte davon im Überfluss.“

„Jörg nicht.“ Natürlich hatte es nicht nur rosige Zeiten gegeben und einige seiner Eigenschaften waren auch nicht angenehm gewesen. Er hatte sich angewöhnt, nach der Arbeit die Füße hochzulegen und mit einem Bier abzuschalten. Dadurch hatte er zusehend an Form verloren, womit ich durchaus hatte leben können, dass er zu Rauchen begann und immer mehr Zeit mit jungen Kollegen in Gaststätten verbrachte, war schwerer zu akzeptieren gewesen. Seine nächtlichen Ausflüge waren zunehmend exzessiver geworden, wodurch wir häufiger in Streitereien gerieten.

„Tatsächlich? Ein Tugendbold.“ Es klang höhnisch und irgendwie auch nicht, als wäre er davon angetan.

„Kommt wohl drauf an, wie man Tugendbold definiert, aber im Großen und Ganzen konnte ich nicht klagen.“ Ich hatte ein tolles Leben gehabt. Eine guten Job, einen Partner, der in Ordnung gewesen war und ein Heer an Freunden, die immer versucht hatten, mich durch die zeitweiligen Tiefen meines Lebens zu dirigieren. Eigentlich unfassbar, wo mich mein Weg hingeführt hatte. In die Isolation, an den Abgrund.

„Was ist passiert?“ Sein sinnender Blick lag noch immer auf mir, wie ich mich schnell versicherte. Den Kontakt halten konnte ich nicht. Seine Augen hatten etwas bezwingendes, besonders da das flackernde Lagerfeuer sich in ihnen spiegelte. Sie waren blau, was mich irgendwie fesselte. Ich mochte den Kontrast, das Ungewöhnliche, und bei so dunklem Haar, waren so funkelnd blaue Augen besonders.

„Nichts.“ Es war zu schnell, das wusste ich gleich.

„Eine andere?“ Irgendwie klang es wie eine Feststellung. „Ist er gegangen?“

„Nein.“ Warum brachte ich mich immer in so unschöne Situationen? „Wir haben uns entschieden, zukünftig getrennte Wege zu gehen.“

„So. Klingt sehr abgeklärt. Es ist bewundernswert, irgendwie, aber ich kann mir das schwerlich vorstellen. Es geht immer von einer Person aus und die andere ist gezwungen zuzustimmen.“ Ian erhob sich ächzend und streckte sich. „Wir sollten Holz nachlegen.“ Er kam ums Feuer herum, häufte Brennholz auf und verschwand dann in der Dunkelheit. Schafe blökten. Lagerfeueridylle pur.

Kapitel 4
Ein kleines Geschäft gefällig?

Es war noch immer dunkel, aber die Nacht schon fast vorbei, zumindest wenn man Ian glaubte. Zwei Stunden, dann sollte seine Ablösung da sein und er wollte mich zu meiner Unterkunft bringen. Da ich kein Geld hatte, war es meine einzige Möglichkeit zurückzukommen, und damit fingen meine Probleme erst an. Mein Zimmerschlüssel war ebenso verloren, wie mein Ausweis und mein Handy. Abgesehen davon, dass ich meinen Plan noch nicht ad acta gelegt hatte, trotz Ians enthusiastischer Versuche, mir das Leben schmackhaft zu machen.

„Entschuldige, Vanessa, aber ich verstehe es immer noch nicht.“

„Das bin ich gewohnt.“ Ich nahm die Tasse mit dem Kaffee entgegen, den er mir aufgedrängt hatte, nachdem ich zugab, müde zu sein.

„Es ist doch nur ein Gefühl. Kann man sich nicht ablenken? Es muss doch etwas geben, was man dagegen tun kann.“

„Sicher, die Frage ist doch, wie hilfreich es letztlich ist. Ich bekomme Medikamente, habe Gesprächstherapiesitzungen und allerlei gute Tipps, die ich befolgen soll.“ Ich hob die Schultern, bemüht, meinen Verdruss zumindest abzumildern.

„Was genau macht dich unglücklich?“

Er verstand es nicht. Seufzend steckte ich eine Strähne hinter mein Ohr und blies in meinen Kaffee. „Alles und nichts. Es ist nicht so einfach zu erklären.“

„Mich hat Cheyennes Verlust traurig gemacht, aber mit jeder neuen Information, was genau passiert war, wurde ich nur wütender.“

„Die gesunde Variante“, räumte ich ein. „Aber mir fehlt die Energie um irgendetwas zu fühlen. Es ist wie ein Schlund, der alles absaugt und übrig bleibt nur eine riesige Leere.“ Es klang nicht verständlich, nicht einmal für mich. Wieder seufzte ich, nur noch betrübter, weil mir nun auch noch die Worte fehlten, um mich auszudrücken. Mein Leben war einfach Mist.

„Dann sollten wir daran arbeiten.“

„Bitte?“

„Gefühle entfachen. Wie lang ist dein Aufenthalt in Alba?“

Mir klappte der Mund auf.

„Ich wette, meine Mutter bringt dich innerhalb weniger Stunden zur Weißglut.“ Er fand es deutlich lustiger, als ich.

„Das glaube ich nicht.“

„Dann gehst du davon aus, dass ich übertrieben habe.“

Mein Kaffee gab mir einen nötigen Augenblick, um mich zu sammeln. „Nein, selbstverständlich nicht.“

Er hob seine Brauen. „Wir sollten es ausprobieren, meinst du nicht? Dich als meine Braut ausgeben und meine Mutter mit einer für sie völlig unpassenden Verlobten so weit reizen, dass sie explodiert.“ Er rieb die Hände aneinander und grinste mich begeistert an. „Das wird ein Spaß.“

„Bitte?“ Er konnte es unmöglich ernst meinen.

„Umso länger ich darüber nachdenke, umso mehr gefällt mir die Idee.“

Was mich nur noch nervöser machte. Meine Hand bebte und es fehlte nicht viel und mein Kaffee wäre übergeschwappt. Ich legte die zweite Hand zur Stabilisierung an die Tasse.

„Ich habe dir doch erzählt, wie voreingenommen meine Mutter ist, wie herrisch und wie sie uns stets herumkommandiert.“

Und damit war sie eine Person, die ich nicht in meinem Leben brauchte. Sogar ganz besonders nicht.

„Sie braucht einen Dämpfer. Lachlan kann ich nicht dazu bringen, sich zu positionieren, und von Catriona kann ich es nicht verlangen. Sie ist … sie macht Fortschritte, aber man sieht ihr auch an, was es sie kostet. Sie ist häufig fahrig und angespannt. Abwesend und stellt sich nur, wenn es keinen Ausweg gibt. Ich möchte sie eigentlich nicht in meine Fehde mit hineinziehen.“ Er rutschte näher. „Vielleicht klingt es herzlos, aber ich sehe es als Vorteil an, dass sie dir gar nicht weiter zusetzen könnte.“

Wow. Aber natürlich war es schwer, mir mein Leben noch weiter zu vermiesen.

„Ich weiß, dass ich dich nicht fragen sollte.“ Er hob die Hände. „Ich sollte dich da raus lassen.“

Nannte man dies nun Honig um den Mund schmieren? Zugegeben, ich war so was von raus aus dieser zwischenmenschlichen Geschichte. Es gab Tage, da konnte ich nicht einmal einschätzen, was mein Gegenüber dachte, geschweige denn fühlte.

„Aber für mich ist es wie eine Vorsehung, dass wir uns hier trafen.“ Seine Finger strichen über meine Fingerknöchel. „Endlich habe ich ein Werkzeug, ich muss es nur richtig einsetzen.“ Ian rutschte noch ein Stück näher und umschloss meine um die Tasse liegenden Hände mit seinen. „Hör dir meinen Plan an, bitte.“

„Ich bin etwas überfordert“, murmelte ich angestrengt. Es war noch untertrieben, eigentlich konnte ich ihm nicht einmal richtig folgen. Die Müdigkeit mochte daran schuld sein, oder auch meine geistige Verfassung, das ließ sich nicht immer deutlich trennen.

„Wir spielen alles vorher durch, damit du weißt, worauf du dich einlässt. Womit du es zu tun haben wirst.“ Seine Worte kamen nun schneller und auch ihm fiel es schwerer, ruhig sitzen zu bleiben. „Wie wäre es, wenn wir es mit etwas Wellness für dich verbinden? Wenn wir irgendetwas tun, was dir guttut? Was könnte das sein?“

Herrlich, die Frage hatte ich noch nie beantworten können, weder im Krankenhaus, dem tagesstrukturierten Angebot oder bei meiner Therapeutin. Also zuckte ich die Achseln.

„Was machst du gern?“

Ich hasste diese Fragen. „Nichts.“

„Ach, komm schon.“

Zur Abwechslung war mein Hirn mal leer. Was sollte ich sagen? „Früher habe ich gerne gelesen.“

„Ich kann für unendlichen Lesestoff sorgen.“

Was ich nun wirklich nicht gebrauchen konnte.

„Ein paar Tage, wir treiben es auf die Spitze. Ich will, dass sie einfach ihr Gesicht verliert.“

„Warum?“ Ich brauchte einen Moment, um das Wort formulieren zu können.

„Rache vermutlich.“ Er zuckte die Achseln. Es machte ihm nichts aus, wie er mit diesem Geständnis vor mir wirken könnte, was auch irgendwie imponierend war. „Ich möchte ihre Klauen aus meinem Nacken lösen, Vanessa. Ich will endlich frei sein. Frei, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, meine eigenen Fehler zu machen und mein Leben so zu leben, wie ich es möchte.“ Er kniete nun vor mir und war mir damit verdammt nah. Er war warm eingepackt in seinem Parker, ganz sicher wärmer als ich mit den beiden Plaids, und doch rötete seine Nase sich leicht durch die Kühle der Morgenstunde.

„Ich kann mir schwer vorstellen, dass sie dich immer noch einengen kann. Du bist ein erwachsener Mann, wenn dir nicht gefällt, wie sie mit dir umgeht, meide sie.“ Zumindest wäre das mein Weg.

„Leichter gesagt, als getan“, murrte er. Seine Hände verließen meine und schoben sich höher, über meine Arme. „Ich bin finanziell von meinen Eltern abhängig und mein Vater hört leider auf sie.“

„Dann mach dich unabhängig.“ Das sollte doch nicht schwer sein. „Oder spricht etwas dagegen?“

„Leider ja. Ich muss eingestehen, dass ich mein Studium eher mit gutem Zureden abgeschlossen habe. Ich habe nie gearbeitet, noch wüsste ich, wie ich es anstellen sollte.“

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Jetzt verfiel ich schon in Phrasen? „Es muss doch Alternativen geben.“ Schon besser. Konnte ich eine anbieten? „Du kommst doch mit den Schafen zurecht, wäre das etwas für dich?“ Damit überraschte ich ihn. Einen Moment sah er mich bloß an, dann brach er in Gelächter aus.

„Ich soll Schafhirte spielen?“

Ich hob die Schultern. „Sein, nicht spielen. Du musst dir darüber Gedanken machen, womit du dich beschäftigen willst. Gut wäre es, wenn es genug einbringt, aber das sollte nicht im Vordergrund stehen.“

„Ach nein? Und ich dachte, darum ginge es bei dieser Sache.“ Wieder lachte er.

„Ja, schon.“ Sortiere dich! „Letztlich … ach warum hörst du überhaupt auf mich? Ich bin nicht klar im Kopf!“ Ich bekam mein eigenes Leben nicht geregelt, da konnte ich mir eine Lebensberatung für andere sparen.

„Lachlan hat es versucht. Er wollte sich hier ein eigenes Standbein einrichten, um dem Unbill unserer Mutter nicht mehr ausgeliefert zu sein. Nun hat er ein Anwesen, um das er sich kümmern muss, und Unmengen an Geld verschlingt, neben einer Gattin mit Ambitionen und zwei Babys, für die es Vorsorge zu treffen gilt.“ Er ließ mich los und stand auf. „Er hat es versucht und ist gescheitert.“

Die ersten Sonnenstrahlen fanden ihren Weg, trafen auf Tautropfen und brachen sich in tausend Farben. Das Feuer war niedergebrannt, schwelte gerade noch vor sich her. Neben dem Rauschen des Meeres und der Weide um uns herum war nichts weiter zu hören, als unserer beiden Stimmen. Als gäbe es nur uns auf der Welt.

Ein merkwürdiger Gedanke.

„Ich habe keinen Ort, an den ich mich zurückziehen könnte, wie Lachlan hier. Ich besitze ein Loft in der Stadt, aber es zu unterhalten, kostet mich ein Vermögen. Außerdem hat man dort nicht viel mehr zu tun, als dem Amüsement zu frönen, auch eine kostspielige Angelegenheit, und offen gestanden eine, die zunehmend den Reiz verliert.“ Er seufzte, was mich zu ihm aufsehen ließ. Er sah in die Ferne, Richtung Meer, aber seine Gedanken waren noch viel weiter entfernt.

Meine waren genau hier. Ich konnte ihn mir sehr gut in Clubs vorstellen, wie er die Ladys bezirzte. Mit seinem Grinsen, diesen Augen …

„Immerhin ist es ein Vermögenswert, nicht wahr? Wenn du weißt, wie es weitergehen soll, hast du da schon einmal die finanzielle Basis.“ Das konnte nicht jeder von sich behaupten.

„Das mag ich an euch deutschen Frauen, ihr denkt so stringent.“

„Keine deutsche Tugend“, murmelte ich errötend. „Und auf mich trifft es schon gar nicht zu. Ich bin froh, wenn zwei Gedanken, die nacheinander kommen, auch irgendetwas miteinander zu tun haben.“ Was selten genug der Fall war.

„Und bescheiden ist sie auch noch.“ Er streckte mir die Hand hin. Komm, lass uns nach der werdenden Mutter sehen.“

Bevor ich noch darüber nachdenken konnte, stand ich neben ihm und ließ zu, dass er den Arm um mich legte und mir so den Weg vorgab.

„Ich glaube, ich stelle dich als Beraterin an, was meinst du? Was bekommt man als Managementassistentin?“ Er schob mich weiter. „Ich muss mein Leben ändern und habe keine Ahnung, wo es hingehen soll.“

„Da bin ich nicht die Richtige, Ian. Ich bekomme mein eigenes Leben kaum auf die Kette …“, wollte ich mich rausreden, schließlich war ich mehr als nur ungeeignet, ich war uneinstellbar. Herrje, ich wollte so schnell wie möglich über die Klippe gehen und mir nie wieder Gedanken über Jobs, Geld und nervige Familienangehörige machen müssen.

Ian krümmte sich vor Lachen und zwang mich, an seiner Seite ebenfalls in die Beuge.

„Wie war das?“, keuchte er. „Kette?“

„Auf die Kette“, wiederholte ich irritiert. Was war daran komisch?

„Zu gut! Was bedeutet es?“ Ian drehte mich zu sich. „Eure Aphorismen sind zumSchießen.“

„Auf die Reihe bekommen, ordnen.“ Ich sah wirklich nicht, was daran komisch sein sollte.

„Interessant. Du kannst mir eine riesige Hilfe sein.“ Er grinste mich an. „Bitte.“

Oh, toll.

Es hupte in meinem Rücken und ließ mich aufschrecken.

„Die Ablösung“, frohlockte Ian und winkte. „Aber den Blick gönnen wir uns noch, komm.“ Wieder zog er mich weiter. Er war definitiv ein Mann, der gerne bestimmte, wo es langging, umso unverständlicher war es, dass er Rat bei mir suchte. Konnte er diesen überhaupt annehmen?

Die Schafdame lag in einem Bett aus grünem Gras, kaute genüsslich und sah zufrieden zu mir auf.

„Die Lady sieht entspannter aus, als Liny zu ihrer Zeit“, stellte er belustigt fest.

Hinter mir blökte ein weiteres Schaf und stupste mich an.

„Ah, Sheamus, du schon wieder. Vanessa, darf ich dir den Herrn des Harems vorstellen? Sheamus. Alter Bock, hier steht mein Weg in eine bessere Zukunft.“ Das machte ihn deutlich zufrieden und bereitete mir dadurch Unbehagen. Er glaubte das doch nicht?

„Vanessa, möchtest du nicht Hallo sagen?“

„Zu einem Schaf?“

„Ah, ist die Lady erhaben über Vierbeiner?“, mokierte Ian sich leise, wobei er mir zuzwinkerte. „Das solltest du dir aber nicht anmerken lassen, wenn ich dich meinem Bruder vorstelle. Er ist leicht vernarrt in diese wolligen Biester.“

Der Bock leckte an meiner Hand. Ich schrie auf, machte einen Hopser und landete an Ians Brust.

„Er sieht gefährlicher aus, als er ist, ist es nicht so, oller Bock?“ Ian griff in das dicke Vlies des Tieres und zottelte es. „Er ist so sanft wie ein Lämmchen.“ Er ging in die Hocke und tätschelte auch das andere Schaf. „Wie lange willst du uns noch auf die Folter spannen, dearie?“

Er bekam eine gedehnte Antwort.

„Ian, alles klar?“

Ich sah mich um. An dem Lagerplatz stand ein Mann in dunklem Parker und stemmte die Hände in die Körpermitte.

„Doug, du bist spät dran, Mann!“ Ian legte die Hand in meinen Rücken und schob mich weiter, zurück zum Feuer. „Ich hoffe, du hast dir Verpflegung mitgebracht, Lachlan spart an uns. Dröges Dörrfleisch mit lausigen Crackern.“

„Delikatessen!“

„Wenn du meinst, ich werde auf bessere Verpflegung pochen. Also, Missy geruht sich noch nicht, etwas von ihrem Ballast abzustoßen, bekommt es nicht auf die Kette.“ Ian zog mich näher an sich. „Jetzt benötigen wir zunächst ein ausgiebiges Frühstück, nicht wahr, a ghràidh?“

Die dunklen Augen des Neuankömmlings legten sich auf mich, die buschigen Brauen hoben sich in dem wettergegerbten Gesicht.

„Vanessa.“ Ian klang stolz und grinste auch breit, als dieser Doug einen Pfiff ausstieß. „Ich gehe nun, pass mir auf Lachlans Goldstücke auf.“

„Aye, viel Vergnügen. Miss.“ Doug fasste sich an die Stirn und senkte den Kopf.

„Frühstück, nichts weiter.“ War es eine Versicherung für mich oder wies er Doug in die Schranken?

„Und Schlaf. Herrje, ich bin vielleicht müde.“

„Ich auch.“ Mein Gähnen bewies dies eindrücklich.

„Dann mal los, einverstanden?“

Der Wagen war ein klappriger Geländewagen in grünen Tarnfarben. Die Ledersitze waren rissig und eisig kalt.

„Das nächste Dorf ist nicht zu empfehlen, schließlich gibt es noch einiges, was wir zu besprechen haben und man kennt mich hier.“ Ian startete den Wagen. „Aber ich kenne ein verschwiegenes kleines Örtchen die Küste runter. Ideal für uns.“

„Meinetwegen.“ Mir war alles gleich – generell – aber auch momentan, ich war einfach nur noch müde. Ob es genügend Kaffee auf diesem Planeten gab, um daran etwas zu ändern?

„Warst du schon mal in den Highlands?“

Meine Antwort bestand in einem Kopfschütteln. Meine Lider wurden schwer und ich ließ sie zufallen.

„Dann solltest du die Augen offenhalten, dearie.“

„Keine Chance“, murmelte ich belustigt. Es fühlte sich an, als hingen Bleigewichte zwischen meinen Wimpern.

„Was hältst du von Sightseeing? Es gibt unendlich viel zu sehen.“

„Ich bin nicht der Typ für soetwas.“

„Wie wäre es mit Shopping? London ist berechtigterweise eine Metropole, sie vibriert vor Lebendigkeit. Oder vielleicht ist Edinburgh besser geeignet?“ Er warf mir einen abschätzenden Blick zu. „Geschäfte gibt es genügend, es ist näher und weniger überlaufen.“

Eine schauderhafte Vorstellung, gleich wie rum. Shopping war das eine, was absolut nicht ging. Ich hasste es. Die vielen Leute, das dadurch entstehende Gedränge, das Herumgeschleppe, ganz abgesehen davon, dass ich mir in letzter Zeit ohnehin nichts leisten konnte.

„Wir müssen dich auf jeden Fall ausstatten, damit es glaubhaft ist.“ Er lachte auf, kurz und dröge. „Mutter würde es mir nicht abkaufen, dass ich plötzlich Interesse an … natürlichen Frauen habe.“

Ich überging die implizierte Beleidigung, schließlich war es nicht wichtig, ob er mich attraktiv fand oder nicht. „Ich brauche nichts.“

„Dearie, das sehe ich anders.“ Wir fuhren in stetiger Schlangenlinie an der Küste entlang.

„Dir gefällt mein Kleidungsstil nicht?“ Tja, genau genommen hatte ich keinen Stil, denn gewöhnlich griff ich blindlinks in den Schrank und trug auch schon mal völlig unzusammenpassende Dinge. Karos mit Streifen und gepunktet obendrein.

„Ich habe noch nicht viel gesehen, aber ich stelle in Zweifel, ob es besser wird.“

„Oh, danke.“ Ich nuschelte es eher. Zum Glück verstand er es und ließ mich dösen, bis wir das abgelegene Lokal erreichten.

Dort schob Ian mir den Stuhl zurecht.

„Danke.“ Ich lächelte zu ihm auf, obwohl ich Schwierigkeiten hatte, die Augen offenzuhalten. „Ich habe gar keinen Hunger mehr.“

„Kann ich mir denken. Aber jetzt sind wir schon mal hier und sollten uns zumindest eine Kleinigkeit gönnen.“ Ian schob mir die Karte zu. „Kontinentales Frühstück?“

„Gehört ein Bett und eine Mütze voll Schlaf dazu?“ Ich meinte es ernst, leider brachte ich ihn wieder zum Lachen.

„Ich wusste nicht, dass ihr das unter einem Frühstück versteht.“

Dazu sparte ich mir jeden Kommentar, aber innerlich mokierte ich mich darüber, dass offenbar nicht nur seine Mutter Vorurteile hatte.

Ian bestellte für mich gleich mit, da ich von der Frage bereits überfordert war, was ich wünschte. Die junge, weibliche Bedienung störte es nicht, warf sie mir ohnehin nur flüchtige Blicke zu, und konzentrierte sich ansonsten ganz darauf, Ian schöne Augen zu machen. Er genoss es sichtlich und es war ebenso offensichtlich, wie schwer es ihm fiel, sich zurückzuhalten und nicht auf den Flirt einzugehen.

„Wenn Sie noch einen Wunsch haben …“, gurrte sie mit eindeutigem Augenaufschlag und einem Lächeln, das versprach, jedem seiner Wünsche gerne nachkommen zu wollen. Ich war mehr verärgert, als verwundert. Ihre Finger streiften scheinbar zufällig Ians Schulter und er drehte sich, um ihr nachzusehen. Er bemerkte meine Irritation, als er sich mir wieder zudrehte.

„Entschuldige, Catriona weist mich stets darauf hin, wie unhöflich es ist, sich von Kellnerinnen ablenken zu lassen.“ Ian seufzte gedehnt und fuhr sich durchs Haar. „Ich bemühe mich, aber alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen.“

„Möchte ich dann wissen, wie diese Gewohnheiten aussehen?“ Sicher nicht, und es war auch absolut gleich, ich fragte nicht aus Interesse, obwohl ich mich dabei ertappte, wie ich die Ohren spitzte.

„Solltest du. Schließlich muss es aussehen, als kennen wir uns schon eine Weile. Außerdem brauchen wir eine passende Geschichte zu unserem Kennenlernen. Dass ich dich den Klauen des Todes entrissen habe, wäre für Mutter nur gefundenes Fressen.“ Das Thema schon wieder. „Passender wäre es, wenn ich dich davor bewahrt hätte, überfahren zu werden. In London, vor meiner Abreise nach Farquhar.“ Seine Begeisterung war nicht nur sichtbar, er strahlte sie geradezu aus. „Du hast vor lauter Tüten nichts gesehen.“ Sein Grinsen wurde noch breiter. „Ich habe sogar deine schicken Schuhe von Valentino gerettet, wofür du mir einfach dankbar sein musstest. Ein Abendessen, und uns konnte nichts mehr trennen.“

Klang unglaubwürdig.

„Ich besitze unter Garantie keine Schuhe von diesem Valentino.“ Dabei sollte ich darauf hinweisen, wie idiotisch sein Plan war, den ich nur rudimentär erfassen konnte. Welche Aufgabe hatte er mir nun zugeteilt? Was tat ich als sein Werkzeug? Herrje, dachte ich tatsächlich daran, mich an seinem Spiel zu beteiligen?

„Deswegen müssen wir dringend einkaufen.“

Das Frühstück bestand aus einer riesigen Portion Spiegelei, Würstchen und Bohnen, also nicht kontinentales, sondern englisches Frühstück.

„Ich brauche dich erlesen chic.“ Seine Augen wanderten langsam über mich. „Nicht leger, zumindest nicht, wenn du meiner Mutter unter die Augen kommst.“ Er griff über den Tisch hinweg nach meiner Hand. „Obwohl sie sicher erst recht aufgebracht wäre, erschienest du so zu Tisch.“

„Und das wäre das Ziel, nicht wahr?“ Ich entzog ihm die Finger. „Für maximale Aufregung zu sorgen.“

„Richtig, aber wichtig ist es, glaubhaft zu sein und normalerweise sind meine Partnerinnen äußerst attraktiv.“ Er betonte es so deutlich, dass ich nicht drumherum kam, mich zu fragen, ob er mir etwas damit sagen wollte. Ich hielt mich nicht für sexy, bestimmt nicht, hatte ich noch nie und in den letzten Jahren hatte ich mich eher wie Aschenputtels hässliche Stiefschwester gefühlt.

„Wir sollten glaubhaft sein, weshalb ich auch meine Geschwister nicht einweihen werde.“ Er feixte, wieder nach meinen Finger fischend. „Das macht es authentischer, weil wir sicher auch Irritation bei den anderen hervorrufen werden, schließlich wird alles aus heiteren Himmel über sie hereinbrechen.“

„Ich kann nicht behaupten, dass mir dein Plan gefällt, oder dass ich davon überzeugt bin, dir helfen zu sollen.“ Gar nicht, und die Liste an Gegenargumenten war endlos.

„Sieh es als gute Tat, die dir vergolten wird.“ Ian zwinkerte mir grinsend zu. „Du kannst von mir haben, was immer du dir wünschst“, lockte er. Er griff wieder nach meinen Fingern. „Hast du keine Liste mit Dingen, die du noch tun möchtest?“

Er hatte ein Talent, mich sprachlos zu machen. Das Peinliche daran war, dass ich ihn einfach anstarrte, wodurch ich meine Sprache nicht zurückfand. Eher im Gegenteil, meine Gedanken wanderten unweigerlich ab in bewundernden Feststellungen. Das faszinierende Blau seiner Augen, der Schwung seiner Lippen, der Schalk in seinem Blick. Nicht hilfreich!

„Was möchtest du?“

Nicht schon wieder diese Frage! Ich senkte den Blick auf meinen vollen Teller.

„Außer schlafen.“

Meine Lippen kräuselten sich von ganz allein. „Dabei ist dies das Einzige, was ich wirklich will.“

„Mach es mir nicht ganz so leicht, dearie. Also schön, schlafen wir, dann fahren wir die Nacht durch, leeren Londons Nobelboutiquen und sind morgen Abend pünktlich zum Dinner auf Farquhar.“ Seine Begeisterung war ansteckend, aber selbstverständlich durfte ich mich davon nicht beeindrucken lassen. Ich war nicht hergereist, um dominante Mütter in die Schranken zu weisen. Herrje, ich wollte Selbstmord begehen!

„Äh.“

„Wir sind im Geschäft!“ Er klopfte auf den Tisch. „Also, da du nicht einen Bissen zu dir genommen hast, schließen wir unser Frühstück ab und finden ein gemütliches Plätzchen. Ich schau mal, ob man uns hier eine Unterkunft empfehlen kann.“ Er erhob sich. „Wenn du etwas brauchst, sag es. Kaffee, Tee, Müsli, alles. Okay?“

„Ein Bett, sonst nichts.“ Und nicht einmal dafür konnte ich bezahlen. Ich legte die Hände vor die Augen und stützte meinen Kopf ab. Ausweglos. Ich lebte von meinem kargen Krankengeld, hatte mir diesen Urlaub erbettelt, es war unmöglich, das Geld meiner Mutter zurückzuzahlen, wenn überhaupt. Es ging mir nicht gut, ich hatte keine Hoffnung auf Besserung, und war bereit, meinen Suizid durchzuziehen. Aber es musste ein Unfall sein. Meine Mutter sollte nicht auf all den Unkosten sitzenbleiben, das hatte sie nicht verdient. Ich wollte einen sauberen Schnitt.

„Stell dir vor, wir können hier Zimmer bekommen.“

Ich war sogar zu müde, um zusammenzuzucken, selbst mein Murmeln war undeutlich.

„Na, komm. Ich steck dich in ein Bett und lass dich schlafen, so lange du willst.“ Ian half mir auf die Füße, die eigentümlich schwer waren und sich kaum anheben ließen. „Dearie, müde ist gar kein Ausdruck, hm?“ Er nahm mich auf den Arm. Eigentlich wollte ich protestieren, aber es war viel zu angenehm, mich einfach an ihn zu lehnen und es zuzulassen. Einfach die Führung abgeben, wie verdammt angenehm.

Kapitel 5
Die Hölle lässt grüßen

„Keine Sorge, Vanessa, es wird wundervoll“, versicherte Ian nun zum tausendsten Mal, ohne dass es irgendetwas bewirkte. Ich glaubte ihm nicht. Mann, was tat ich denn hier?

„Ein paar Tage.“

„Ich halte es für eine dumme Idee.“ Meine Finger verknoteten sich ineinander und verkrampften. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich verhalten soll.“

„Sei du selbst.“

Ich warf ihm einen verzweifelten Blick zu.

„Nur etwas frecher.“

Ich stöhnte langgezogen.

„Was hast du zu verlieren?“

Sehr komisch. „Was habe ich zu gewinnen?“

„Ah, jetzt sprichst du genauso, wie ich dich haben will.“ Wir bogen ab und stoppten vor einem riesigen Tor. „Gierig. Vergiss nicht, so häufig wie möglich deinen Verlobungsring zu zeigen.“

Ein riesiges Monstrum vollgepackt mit Steinen prangte an meiner Hand. Ein großer Saphir, der von zwölf Brillanten umkränzt wurde. Ein sehr bezeichnendes Teil, wenn man mich fragte.

„Ich habe es verstanden. Ich mag es nur nicht!“ Und das war noch untertrieben. „Es bringt doch gar nichts.“

„Möchtest du diese Diskussion noch einmal führen?“

Wir hatten schon einige Runden hinter uns, zugegeben, aber mir wollte einfach nicht in den Kopf, wie er sich den Ausgang dieser Geschichte vorstellte.

„Schau mal, alles worum es mir geht, ist Aufruhr.“ Ian ließ die Seitenscheibe des Wagens herunter und drückte auf einen roten Knopf in einem Kasten an der Mauer. „Culnacnoc.“

Ein Codewort?

Die Scheibe fuhr wieder hoch, während das Tor langsam aufschwang. „Du darfst dir die Worte meiner Mutter nicht zu Herzen nehmen, versprochen? Rede mit mir, äußere deine Wünsche.“

Ich drehte meinen Kopf und starrte aus dem Fenster, wo die Landschaft an mir vorbeizog. Hügel, Gras, in einiger Entfernung eine Mauer aus großen, nicht zusammenpassenden Steinen.

„Mein Leben ist furchtbar.“

„Nein. Du empfindest es so, das akzeptiere ich, aber, es ist nur eine Empfindung und du hast selbst gesagt, dass die derzeit nicht zuverlässig sind.“

Wir wurden langsamer, drehten ab und hielten dann vor einem riesigen Gemäuer.

„Sieh es als einen Kurzurlaub von deinem Leben. Vielleicht bekommst du eine andere Perspektive.“ Der Motor ging aus. Es gab wohl keinen Weg, der mich hier herausführte.

„Das wird nicht funktionieren“, murmelte ich nur für mich. Es konnte gar nicht funktionieren. Ich war nicht gut im Theaterspielen. Gar nicht.

Warme Finger fuhren über meine Wange. „Mach dir keine Gedanken darum. Es ist ein Versuch, ich erwarte nichts und werde dir nicht böse sein, wenn etwas nicht nach Plan verläuft. Schau mal, ich könnte niemanden sonst fragen, weil jede andere Frau, besonders jede Schottin, befürchten müsste, sich ernsthafte Probleme einzuhandeln.“

Herrlich, aber natürlich war da was dran. Egal womit seine Mutter drohte, da ich nicht weiterleben wollte, konnte sie mir nicht in die Suppe spucken. Trotzdem hörte es sich widersinnig an. Wer war seine Mutter? Die Patin, Kopf der schottischen Mafia? Gab es sowas?

„Wie das?“

„Sie hat ihre Verbindungen, aber soweit ich es weiß, steht sie nicht mit dem Teufel im Bunde. Du solltest demnach völlig sicher sein, solltest du dich doch noch für den drastischen Ausweg entscheiden.“ Er nahm meine Hand, drückte sie und strich dann mit dem Daumen über meine Knöchel. „Und wenn nicht … finden wir eine Lösung. Obwohl ich nicht davon ausgehe, dass ihre Fänge bis nach Deutschland reichen.“

Als hätte ich keine anderen Sorgen.

„Bitte, Vanessa.“

„Schon gut! Ich glaube nur nicht, dass es funktionieren wird.“ Um es abzukürzen und mir nicht weiter seine gegenteilige Ansicht anhören zu müssen, stieß ich die Wagentür auf.

Aus dem Wagen rutschend bemerkte ich, dass wir vor einem riesigen Anwesen standen. Eine breite Treppe führte zu einem Plateau, einem Balkon gleich mit halbhohen, säulenartigen Mauern, die links und rechts einen Halbkreis zogen. In der Mitte führten Stufen zu einem riesigen Portal hinauf.

„Schön, nicht wahr?“

„Wo zum Teufel sind wir?“ Nicht beim Haus seines Bruders.

„Willkommen auf Farquhar.“ Ian blieb neben mir stehen und legte seine Hand in meinen Rücken.

„Was ist Farquhar?“ Ich drehte mich zu ihm. „Warum stehen wir vor einem Schloss?“

„Das ist Farquhar. Es gehört nun meinem Bruder, fast bedaure ich es.“ Er seufzte, überwand den Moment der Melancholie aber blitzschnell und grinste mich wieder übermütig an. „Allerdings kann es auch ein ganz schöner Klotz am Bein sein. Ein sehr kostspieliger Klotz.“

Mir fiel es schwer, den Mund geschlossen zu halten und noch schwerer, den Schock zu verbergen. Seinem Bruder gehörte ein Schloss? Wo genau war ich hier reingeraten?

„Mit seiner knappen Apanage ist es eine Herausforderung, dieses alte Gemäuer instand zu halten, aber er regelt alles scheinbar mühelos.“ Er zog mich an sich. „Verrate es ihm nicht, aber ich bewundere ihn. Also, dann wollen wir mal.“ Er schob mich sanft vorwärts. „Auf in die Höhle des Löwen.“

Mit jeder Stufe wurde es schwieriger den Fuß erneut zu heben. „Was hast du verschwiegen, Ian?“

„Nichts. Lächle, a ghràidh, und sei ganz die fröhliche zukünftige Braut.“

Noch bevor wir das Plateau vor der Tür erreichten, schwang ein Teil des Tores auf und eine kleine, pummlige Frau mit leicht ergrautem Schopf und funkelnden Augen begrüßte uns.

„Mylaird! Wir waren schon in Sorge!“

Ihr Blick glitt über mich und blieb an meiner Hand, bevor er in mein Gesicht zuckte und dann rüber zu Ian.

„Mrs McCollum, werden Sie uns hereinlassen?“ Er wartete aber nicht darauf, dass ihm Platz gemacht wurde, sondern trat vor. Da ich in seinem Arm untergehakt war, fand ich mich Angesicht zu Angesicht der älteren Dame gegenüber. „Vanessa, a ghràidh, das ist Lachlans Haushälterin Mrs McCollum. Meine Verlobte. Gönnen Sie mir den Spaß der Eröffnung, seien Sie so gut.“

„Wie meinen?“ Sie riss die Augen auf, wich aber endlich zurück.

„Meine Braut. Wir brauchen kein zusätzliches Schlafzimmer und lassen Sie bitte das Gepäck hochbringen.“

„Aye, Mylaird. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee auf Ihr Zimmer bringen – zwei selbstverständlich.“ So klein und rund, wie sie war, so wieselflink erwies sie sich, denn sie war schneller um uns herum, als ich gucken konnte und eilte vor uns her.

Ian schob mich feixend weiter. „Sehr freundlich, nicht wahr, a ghràidh? Nach der Fahrt täte dir ein heißer Aufguss sicher gut, wie wäre es, wenn du ihn im Bad genießt? Können wir vielleicht einen Snack bekommen?“ Wir folgten ihr durch die riesige Halle, die alles in allem sehr dunkel war, trotz des gewaltigen Leuchters, der in der Mitte von der Decke hing. Ich musste zweimal hinsehen, um die Täuschung zu erkennen. Es waren gar keine Kerzen, die dutzendfach aus dem Halter herausragten, es war ein Faksimile. Ein riesiges metallisches Konstrukt, und wog sicher mindestens eine Tonne. Wir gingen direkt darunter entlang und mit jedem Schritt baute sich in mir eine Art Widerstand auf. Wenn die Halterung versagte, und der Leuchter herunterfiel, bliebe nicht viel übrig von denen, die dummerweise darunter standen. Wie gut war das Teil in der Decke verankert? Wie lange hing es da schon und wurde alles regelmäßig überprüft, um dumme Unfälle zu vermeiden?

„A ghràidh, du bekommst doch keine kalten Füße, oder?“, raunte Ian mir zu. Sein Atem wusch über meinen Hals. Ein merkwürdiges Gefühl. Irgendwie vertraut und doch ganz anders.

„Ich fürchte schon“, wisperte ich, schaffte es aber endlich, den Blick von dem lichtspendenden Monstrum zu nehmen. Sein Lachen war ebenso leise, fast intim, weil er mir immer noch zugewandt war.

„Du kannst das, ich habe vollstes Vertrauen in dich.“

Ein Lippenbekenntnis.

„Mach dir keine Gedanken.“

Die erste Stufe brachte mich fast zu Fall. Ich schwankte. Ian fing mich ab.

„Vorsicht, ich brauche keine invalide Braut, sondern eine höchst agile.“

Wie zweideutig.

Autor

  • Katherine Collins (Autor)

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Titel: Ein Schotte für die Zukunft