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Lizzy sucht die Liebe (Liebesroman, Chick-Lit)

von Anne Gard (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Urlaub auf dem Ballermann? Das kann ja heiter werden, denkt sich Lizzy, schließlich ist sie schon lange kein Teenager mehr. Aber ihre Freundinnen, die „Therapie-Schwestern“, haben bereits für sie mitgebucht. Party bis zum Morgengrauen haben sie ihr verordnet, damit sie dank eines heißen Flirts schnellstmöglich über ihre Scheidung hinwegkommt. Und dann begegnet Lizzy tatsächlich ihrem Traummann. Die beiden verbringen romantische Stunden auf der Insel, doch das Schicksal trennt beide wieder. Werden sie je wieder zueinanderfinden?

 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe März 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-351-8
Hörbuch-ISBN: 978-8-72608-106-0

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © maxsol7, © pepbernat, © fotofermer, © anterovium
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Da sitze ich also. Lizzy Rosenmüller. In einem hermetisch abgeriegelten Sicherheitsraum des Münchner Flughafens, eingezwängt in ein viel zu enges T-Shirt mit der Aufschrift „Malle-Diven on tour“ und bereit, auf Ballermanns Partymeile zwar nicht die Sau, aber vielleicht ein kleines Schweinchen rauszulassen. Die anderen Malle-Diven durften dagegen schon das Flugzeug besteigen, wo sie nun entspannt ihren Prosecco schlürfen und mich wahrscheinlich schon längst vergessen haben.

Zwei schwerbewaffnete Männer taxieren mich mit strengem Blick, als wäre ich gerade aus der Justizvollzugsanstalt in der Stadelheimer Straße ausgebrochen, keine halbe Stunde von hier entfernt, und nicht auf dem Weg in das Urlaubs- und Flirtparadies Mallorca. Ein Beamter steht links, einer rechts neben mir, während ein Dritter angestrengt meinen Koffer durchwühlt, der allein schon wegen seines ramponierten Äußeren Argwohn erweckt. Der Koffer, nicht der Beamte.

Ein skurriler Anblick bietet sich mir, als ein Polizist, eingepackt in eine dick gepolsterte Sicherheitsweste, meine Großpackung Tampons durchwühlt und immer wieder mit spitzen Fingern prüft, ob es sich auch wirklich um solche und nicht doch um Granaten handelt. ‚Super plus’ für die extra starken Tage – der Verdacht liegt nahe! Und dass sie mich bewachen müssen, ist auch verständlich. Welche Frau würde da nicht durchdrehen, wenn jemand derart ungeniert ihren Intimbereich untersucht? Na ja, noch nicht ganz Intimbereich, aber fast.

Der Aufkleber auf meinem Koffer in kyrillischer Schrift entspannt die Situation auch nicht sonderlich. Keine Ahnung, was draufsteht. Ich spreche kein Russisch. Ich war auch noch nie in Russland. Mein Exmann schon.

Wie gern würde ich jetzt erzählen, ich war einst die reiche Ehefrau eines russischen Ölmagnaten und nun aufgrund eines nicht vorhandenen Ehevertrages die noch reichere Exfrau jenes russischen Ölmagnaten, aber das wäre gelogen. Nein, mein Exmann war rein beruflich in Russland unterwegs. Als Handelsvertreter für Schuhe. Allerdings, und diese Tatsache würde ich liebend gern für mich behalten, nix Jimmy Choo oder Valentino – nein, stattdessen war er Vertreter für Gesundheitsschuhe.

Der alte Koffer ist einer der wenigen mickrigen Hinterlassenschaften meines Exmannes. Und genau deswegen – um vor seinen wenigen mickrigen Hinterlassenschaften zu fliehen (wobei ich meine beiden Kinder natürlich nicht dazuzähle, aber manchmal braucht auch eine Mutter eine Auszeit) – befinde ich mich heute in diesem kleinen Überwachungsraum des großen Münchner Flughafens, den ich sicher auch bald wieder verlassen werde. In Handschellen Richtung Stadelheim, anstatt frei und unbeschwert nach Malle.

Wir Mädels waren viel zu früh am Franz-Josef-Strauß-Flughafen eingetroffen. Die Mädels, das sind meine drei besten und allerliebsten Freundinnen: die „Therapie-Schwestern“, wie ich sie gern nenne, da sie mich mit Rat und Tat und mit viel Verständnis und Herz durch das Auf und Ab meiner Trennung und der anschließenden Scheidung begleitet haben.

„Bald gehts wieder aufwärts, Lizzy“, lautet ihr Leitspruch, wenn ich mich gerade mal wieder am Rande eines Nervenzusammenbruchs befinde. Und um besagtem Aufwärtstrend einen kleinen Schubs zu geben, beschlossen sie, gemeinsam auf Mallorca die Sau rauszulassen – Party bis zum Morgengrauen. Ich solle trinken, tanzen und flirten und mich so von meinem Exmann ablenken, der nicht trinken, tanzen und flirten muss, da Yvonne für genügend Ablenkung sorgt. Schließlich ist Yvonne fünfzehn Jahre jünger als ich und fünfzehn Kilo leichter, obendrein sexy und blond anstatt langweilig und ansatzgrau und – Jackpot! – kinderlos und somit allzeit bereit für hemmungslosen Sex. Allerdings besitzt Yvonne keinen Doktortitel. Okay, den habe ich auch nicht, aber Yvonne ist davon noch weiter entfernt als ich und das wollte ich an dieser Stelle kundtun, ohne zu sagen, sie sei dumm wie Brot, denn das könnte man womöglich nur meiner verletzten Eitelkeit zuschreiben.

Als wir heute früh am Flughafen ankamen, hatten wir bis zur Boarding Time noch über eine Stunde Zeit. Helene ist eine super Organisatorin und plant stets genügend Puffer für jede Panne ein, die ihr auch nur im Entferntesten in den Sinn kommt. Was sich im Nachhinein in diesem speziellen Fall als weitsichtig erwies. Auch wenn Helene sicherlich mit allen möglichen Pannen gerechnet hat, nur nicht mit dieser.

Wir machen es uns also in der Flughafen-Lounge gemütlich und bestellen eine Flasche Sekt. Alkohol ist heute auch meine einzige Rettung! Ich bin über vierzig Jahre alt, trage ein pinkes T-Shirt auf dem Weg zu Mallorcas Saufmeile und strahle die pure Verzweiflung einer Frischgeschiedenen aus, anstatt die verführerische Erotik einer erfahrenen Frau!

Wir trinken, wir lachen und wir lernen zwei Männer kennen, die auch gut drauf sind. Sie sind in unserem Alter. Einer von ihnen hat einen leichten Bauchansatz, der andere eine beginnende Glatze. Sie tragen ebenfalls bedruckte T-Shirts. „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“ meets die „Malle-Diven on tour“. Wenn das nicht Schicksal ist!

Helene gibt mir einen kleinen Schubs, ich solle schon mal mit dem Flirten anfangen, auch wenn wir noch meilenweit von Mallorca entfernt sind. Ich reagiere nicht. Es folgt ein zweiter Schubs als verschärfte Aufforderung. Ich zögere, denn nach fünfzehn Jahren Ehe beschränkt sich meine Konversation mit einem Mann auf Sätze wie „Die dreckigen Socken bitte nicht unter das Bett schieben“ oder „Klopapier ist alle, kannst du welches besorgen?“. Mit anderen Worten: Ich bin ganz schön aus der Übung und die Erwartungshaltung meiner Freundin hat somit nur zur Folge, dass ich schrecklich nervös werde und keinen halbwegs intelligenten Satz von mir geben kann. Stattdessen nuschele ich irgendetwas vor mich hin, das nicht mal ich verstehe, geschweige denn, der mit dem Bauchansatz. Der Ärmste ist absolut überfordert. Helene versucht, der Sache etwas mehr Schwung zu verleihen: „Das ist Lizzy.“ Aufmunternd lächelt sie ihm zu und preist mich mit einer ausladenden Handbewegung an wie eine HSE24-Home-shopping-Queen das Model des Vorjahres, das auf dem regulären Markt keinerlei Chancen hätte.

Regungslos warte ich darauf, an den Mann gebracht zu werden, sprich an den Bierbäuchigen. Aber der zeigt keinerlei Interesse und schon verabschieden sich die beiden Männer wieder, um ihre eigenen Wege zu gehen. Bis wir ihnen eine Dreiviertelstunde später an der Passagierkontrolle erneut begegnen. Die Jungs sind nicht mehr ganz nüchtern. Macht nichts, wir ja auch nicht. Es wird gegiggelt und rumgealbert, die mahnenden Blicke des Sicherheitspersonals prallen ungerührt von uns ab.

Dann bin ich an der Reihe. Fröhlich und nichtsahnend marschiere ich durch den Metalldetektor. Der piepst urplötzlich. Und genau in dem Augenblick meldet sich der Bierbäuchige mit dem wahnsinnig originellen Gag, das sei doch nur ein kleines Bömbchen, und die nette Dame mit dem Schlagstock solle mich doch bitte ganz schnell durchwinken.

Tja – was soll ich sagen: Seiner Bitte ist sie nicht gefolgt, stattdessen befinde ich mich jetzt ohne meine Freundinnen in diesem hermetisch abgeriegelten Raum mit Einwegspiegel und Überwachungskamera. Dass alles „sauber“ sei, wie der kofferdurchwühlende Beamte mitteilt, und die Beamtin, die den Bodycheck an mir durchführt, ebenfalls befindet, ich sei „sauber“ (wofür ich mich auch höflich bedanke), ist zumindest eine gute Nachricht. Allerdings muss nun die Airline entscheiden, ob sie das Risiko eingehen will, eine pinke, leicht angetrunkene, an manchen Tagen aufgrund ihres Singledaseins ganz schön verzweifelte Ü40-Terroristin an Bord zu lassen.

Zehn Minuten später geleitet mich die Security zum Flieger, dessen Passagiere mich nicht ganz so herzlich empfangen wie meine Freundinnen. Schließlich hat der Flieger dank mir eine halbe Stunde Verspätung.

Kaum sind wir gestartet, wird uns ein Snack gereicht: eine klitzekleine Tüte Chips und ein dampfender, wabbelig weicher Plastikbecher, dessen Inhalt nur dank der braunen Farbe eine Ähnlichkeit mit Kaffee aufweist, ganz sicher aber nicht wegen des Geschmacks oder des Geruchs.

Unsere ausgelassene Stimmung ist erst mal im Eimer. Wir giggeln nicht mehr wie Teenies, sondern unterhalten uns wie erwachsene Frauen, vollkommen ruhig und gesittet, über aktuelle Aldi-Sonderangebote, anstrengende Kollegen, Wimpernverdichtung, Kochrezepte, Kinder und Ehemänner (wahlweise Ex-Ehemänner). Wirklich unterhaltsame Themen werden tunlichst gemieden. Zu viel Spaß ist nicht immer gut, das haben wir gerade auf unangenehme Art erfahren müssen.

Dann endlich – Mallorca!

Als wir bei der Gepäckausgabe zufällig Bierbauch und Glatzkopf über den Weg laufen, vermeiden wir jeglichen Blickkontakt, um schnellstmöglich davonhuschen zu können. Manche Männer und manche Scherze zünden eben nicht.

Zum Glück verläuft alles reibungslos und ein weiteres Drama wie am Münchner Flughafen bleibt uns erspart. Sogar mein russischer Koffer darf einreisen.

Erleichtert verlassen wir den Flughafen und nehmen uns ein Taxi.

Ich genieße die Fahrt und öffne das Fenster. Die im Nachmittagslicht sanft leuchtende Landschaft, der Duft des Meeres und die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut entschädigen mich für all die Unannehmlichkeiten der letzten Stunden, ja, sogar für die Sorgen und Nöte der letzten Monate.

Ich sehne mich danach, in das türkisblaue Meer einzutauchen, mich von den Sorgen der Vergangenheit reinzuwaschen und von den Wellen sanft zu neuen Ufern treiben zu lassen. Ich fühle mich der Welt entrückt und lasse meinen romantischen Träumen freien Lauf.

Ich bin verliebt! In Mallorca!

In diesem verzauberten Moment, fern aller Sorgen, kann ich mir tatsächlich vorstellen, den Rest meines Lebens auf dieser Insel zu verbringen.

Die Augen geschlossen, gebe ich mich einem gülden leuchtenden Tagtraum hin …

Ich bewirtschafte eine Finca. Ich hege und pflege einen Olivenhain und am Ende des Sommers ernte ich die Früchte meines Schaffens. Viele Oliven!

Halt!

Es sind ja gar keine Oliven! Ich habe stattdessen Wein angebaut. Wein schmeckt viel besser und wirkt viel besser als es Oliven je könnten und ist obendrein das bevorzugte Mittel der Wahl gegen Kummer und Einsamkeit. Allerdings habe ich es auch noch nie mit Oliven probiert. Käme wohl auf einen Versuch an.

Natürlich habe ich auch einen Vorarbeiter, der mich tatkräftig unterstützt. Ich habs ja nicht so mit der Landwirtschaft. Sexy ist er, der Vorarbeiter. Pedro heißt er. Mit feurigem Blick steht er vor mir. Sein schweißbedeckter Oberkörper glitzert im Sonnenlicht. Er kommt auf mich zu. Lüstern leckt er seine vollen Lippen. Ich bin bereit. Sowas von bereit! Für diesen Mann und für seinen Kuss.

Da kommt mir Yvonne zuvor. Kurzerhand schiebt sie sich ins Bild und presst ihre jungen, wollüstigen Lippen auf seine.

HÄ?!! Wie bitte?!! Yvonne?

Ja, Yvonne! Yvonne, die Geliebte meines Exmannes. Hab’ ich erwähnt, dass Yvonne jung und blond und allzeit bereit ist? Und jetzt hat sich die blöde Kuh auch noch meinen Pedro geschnappt!

Ohne Pedro wird mich eine defekte Wasserleitung, ein undichtes Dach oder die gemeingefährliche Rebenpockenmilbe bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben! Ich mags nun mal gern ordentlich, ohne dass ich mich dafür handwerklich betätigen muss. Also wird das nichts werden mit der Finca. Aber träumen wird man ja noch dürfen. Warum ich allerdings von Yvonne träume, sollte ich mal in aller Ruhe ergründen.

Jetzt ist allerdings nicht die Zeit für irgendwelche Grübeleien, jetzt ist Zeit für Urlaub. Also stoppe ich das Gedankenkarussell, bevor es richtig Fahrt aufnehmen kann.

Obwohl ich in den letzten Tagen so gar nicht auf Urlaub eingestimmt war, bin ich es jetzt voll und ganz. Die Lebensfreude hat mich wieder. Je länger wir durch die Landschaft kurven, desto weiter weg rückt die Erinnerung an die Scheidung.

Wie sehr ich mich auf unseren ersten Urlaubstag freue! Einchecken, Zimmer beziehen, Badezeug aus dem Koffer kramen und ab an den Pool. Faulenzen bis zum Gehtnichtmehr. Am Abend lecker essen im Hotel (vier Sterne und Blick aufs Meer), anschließend Abtanzen auf Ballermanns Partymeile, bevorzugtes Ziel – der Bierkönig.

Bierkönig.

Okay …

Den Bierkönig kenne ich aus solch journalistisch fundierten Reportagen, wie sie gern auf RTL gezeigt werden. Im Bierkönig treten Größen wie Melanie Müller oder Peter Wackel auf. „Johanna, du geile Sau“, brüllt Peter Wackel in die Menge und junge Frauen belohnen ihn für dieses musikalische Meisterwerk mit dem Anblick ihrer entblößten Brüste. Dabei ist Peter Wackel keineswegs ein Schnittchen, wie man es dank solch weiblicher Reaktionen erwarten würde. Nein, Peter Wackel trägt Karohemd und Seitenscheitel und sieht aus wie ein braver Versicherungsvertreter.

Meine Vorfreude auf den Bierkönig hält sich also in Grenzen, aber die Mädels meinen, auf der Ballermannmeile finde ich alles, was meinem nach Spaß und Flirt lechzenden Herz guttun würde. Dabei lechzt mein Herz in Wirklichkeit gar nicht nach Spaß und Flirts, sondern nach der wahren Liebe. Das behalte ich allerdings für mich. Will ja keine Spaßbremse sein.

Das Taxi hält an und vier pinke Ladies krabbeln mit roten Wangen und verschwitzten Gesichtern aus dem Auto heraus. Das Taxi hat keine Klimaanlange und die Mittagssonne hat die Karosserie bis zum Glühen erhitzt.

An der Rezeption empfängt man uns mit einem freundlichen „Hola“. Die Eingangshalle erstrahlt in kühlem Marmor und saugt die Hitze auf.

Ich atme tief ein. Lasse meinen Blick schweifen. Durch das Foyer, aus dem Fenster hinaus.

Ich sehe das Meer. Spüre die Freiheit.

Ich bin angekommen …

Helene kümmert sich um den Check-in. Helene kümmert sich immer um alles. So ist das schon seit der ersten Klasse, als der Reißverschluss meiner Winterjacke klemmte und Helene mich vor dem Nervenzusammenbruch bewahrte. Draußen Schneesturm, drinnen viel zu warme Heizungsluft und ich armer, hilfloser Wurm konnte mich dank zweier linker Hände partout nicht aus meiner dick gefütterten Zwangsjacke befreien. Ich jammerte und weinte und fing an zu hyperventilieren, da griff Helene beherzt zu und zog den Reißverschluss Millimeter für Millimeter nach unten, bis ich mich aus meinem Anorak herausschälen konnte. Und so ist das auch heute noch. Klemmt etwas, ist Helene zur Stelle. Wäre sie ein Mann, ich würde sie sofort heiraten.

Helene bespricht das Upgrade (Upgrade? Wie geil ist das denn?), während Rosi laut raschelnd einen kleinen Spiegel aus ihrer Michael Kors-Tasche hervorkramt – einer echten Michael Kors-Tasche, kein Fake. Mit weniger würde Rosi sich nicht zufriedengeben. Erst recht nicht, nachdem ihr Mann fremdgegangen ist. Rosi überprüft den Sitz ihrer Frisur und ihrer Brüste, während Caros Nase schon wieder in einem dicken Wälzer steckt. Keine Schnulze, sondern Tolstois Krieg und Frieden. Caro ist ein leidenschaftlicher Bücherwurm und eine leidenschaftliche Bibliothekarin. Allerdings nicht in einem ehrwürdigen Bau voll mit Klassikern, sondern an der Bibliothek der Universität der Bundeswehr. Somit bietet ihr der Alltag viel zu wenig Tolstoi, stattdessen viel zu viel strategische Kriegsführung und viel zu viele Offiziere und Studenten, die an einer Bibliothekarin noch weniger Interesse zeigen als an Tolstoi. Deswegen ist Caro Single. Rosi dagegen ist verheiratet und hat zwei Kinder samt Kindermädchen und Putzfrau. Beide, Kindermädchen und Putzfrau, befinden sich jenseits der Wechseljahre. Das reife Hauspersonal und die teure Tasche bekam sie, nachdem ihr Ehemann mit dem spanischen Au-pair, das weit, sogar sehr weit von den Wechseljahren entfernt war, heiße Stunden in der Ankleide verlebte.

Wie wir erfahren, gab es in unserem Zimmer einen Wasserschaden. Das Hotel ist voll belegt und es gibt keine andere Möglichkeit als ein Upgrade. Vom Standard-Doppelzimmer zur Suite. Ich liebe Upgrades! Meine Ehe hat nicht funktioniert und es gibt keine andere Möglichkeit als ein Upgrade … Richard Gere hat dem Buddhismus abgeschworen und vergnügt sich just am Ballermann. Ein Verlust für den Dalai Lama, ein absolutes Upgrade für mich! Ja, Helene hat recht, man muss nur positiv denken. Genau so wird es kommen. Heute werde ich nichtsahnend Richard Gere über den Weg laufen. So ist das nämlich mit Upgrades. Meist kommen sie unverhofft.

Also husch, husch hoch in den siebten Stock, schnell die Badesachen aus dem Koffer gekramt, kurz die Aussicht genossen, dann husch, husch wieder runter zum Pool.

Wir sind total hibbelig und ausgelassen. Wir lachen und giggeln wie Schulmädchen, die sich vor dem Kirchgang drücken und voller Vorfreude auf die kommenden Abenteuer sind.

Wir schnappen uns vier Liegestühle und stellen sie unter einer Schatten spendenden Palme zusammen. Ein schnuckeliger Kellner, jung und frisch wie der mallorquinische Morgentau, eilt herbei, zückt Kugelschreiber und Block und schenkt uns ein umwerfendes Lächeln. Wir beschließen, dass es höchste Zeit für die Happy Hour sei, auch wenn die Uhr erst kurz vor drei anzeigt. Mit dem Trinken kann man auf dem Ballermann nie früh genug anfangen, klären mich die Mädels auf.

Ich entledige mich meines Strandkleides. Modell Omi macht Urlaub an der Ostsee aus der Vorkriegskollektion. Die Mädels sind knackig braun, ich dagegen bin blass, als wäre das Leben schon mehr als 48 Stunden aus meinem Körper entwichen. Käsig weiß und schwabbelig wie ein Laib Leberkäsbrät. Egal. Kann ich jetzt auch nicht mehr ändern. Sonne tanken und im Fitnesscenter zu trainieren, standen die letzten Monate nicht unbedingt zuoberst auf meiner Prioritätenliste.

Der Morgentau-Kellner schafft eine große Karaffe Sangria herbei. Ich bin ganz schön ausgedörrt von der langen Taxifahrt.

Wir trinken, lachen und reden, unsere Stimmen werden immer lauter und unsere Albernheiten steigern sich bis zur Peinlichkeit. Was uns nur am Rande bewusst ist.

Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass Rosi „Scheiß auf den Prinzen, ich nehm’ den ollen Gaul“ grölte, woraufhin wir uns vor Lachen kugelten. Aber ab da  – Filmriss.

Der Alkohol, die Sonne, die Aufregungen – von allem gab es heute ein bisschen zu viel. Schon fallen wir in einen kollektiven Dornröschenschlaf. Zack und weg. Hoffentlich haben sich schon ein paar Prinzen auf den Weg gemacht. Wir bedürfen dringend der Rettung!

Aber nein, kein Prinz eilt herbei. Kein einziger!

Auch keiner, der annähernd als solcher durchgehen könnte. Absolut tote Hose.

Ich werde als Erste wach.

Rosis linke Brust ist aus ihrem Bikini gerutscht, Caro sabbert und Helene entfleucht ein Pups. Die Sonne ist weg, das Poolgelände leer. Mein Schädel brummt. So habe ich mir meinen ersten Urlaubstag, der zeitgleich der Auftakt zu einem neuen, aufregenden, unabhängigen und freien Leben sein sollte, nicht vorgestellt. Als Alkoholikerin und gescheiterte Terroristin blicke ich nicht unbedingt der vielversprechenden Zukunft entgegen, die ich mir in den letzten Monaten erträumt und erhofft habe.

Langsam erwachen auch die anderen Mädels von den Toten. Malle-Zombies anstatt Malle-Diven. Wir sollten dringend den Aufdruck der pinken T-Shirts ändern.

Verdattert, zerknautscht und derangiert blicken wir in die Runde. Ich fühle mich, als hätte ich eine dreitägige Flugreise hinter mir und keinen entspannten Kurzflug.

Aber kaum empfängt uns der Luxus unserer Suite, fühle ich mich gar nicht mehr zombiemäßig. Nein, ich fühle mich wie eine waschechte Prinzessin. Nachdem ich eine halbe Stunde auf der Dachterrasse verbracht, die Aussicht auf die Bucht und einen halben Liter Wasser genossen habe, erwache ich zu neuem Leben.

Um 19 Uhr treffen wir uns am Buffet. Ich trage ein schwarzes Kleid, das ich mir von Helene geliehen habe. Und High Heels, ebenfalls von Helene. Darin fühle ich mich sexy und fremd zugleich. Wann habe ich das letzte Mal etwas richtig Hübsches getragen? Keinen Schlabberlook vor dem Fernseher oder das klassische Büro-Outfit? Und wann hatte ich zuletzt genügend Zeit, Make-up aufzulegen und die Haare nicht nur schnell mit dem Fön durchzupusten, sondern mit Bürste und Lockenstab zu stylen?

Das Essen wird serviert. Ich genieße jeden einzelnen Gang in vollen Zügen – Suppe, Salat, Fisch, Fleisch, Süßspeisen. Und zu guter Letzt gönne ich mir noch einen Obstsalat. Muss schließlich mein schlechtes Gewissen beruhigen. Dann stapele ich die Teller aufeinander und erhebe mich vom Stuhl. Zeit für den Abwasch! Die Mädels lachen sich scheckig und erst in diesem Moment wird mir so richtig bewusst, dass ich Ferien habe.

Mein erster Urlaub ohne Kinder. Natürlich hätte ich sie gern bei mir. Andererseits … wie schön diese Ruhe ist! Kein Gezanke, kein Genörgel. Ich muss niemanden erinnern, sich einzucremen. Ich bin weder für das Freizeit-Programm zuständig, noch die Schuldige, wenn der Ausflug nicht so spaßig wird wie erhofft. Ich muss auch nicht in ständiger Habacht-Stellung sein, damit der Kleine nicht im Pool ertrinkt oder die Große von einem Lustmolch verschleppt wird.

Schreckensszenarien einer Mutter, was will man dagegen tun? Nun gut – man muss nicht jeder Angst Raum geben, nicht jeden Gedanken zu Ende denken, aber wenn ihnen etwas zustoßen würde, wenn ich sie verlöre, würde ich dahinwelken wie ein Blümlein ohne Wasser. Ich brauche meine Kinder wie die Luft zum Atmen. Auch wenn ich mir im Alltag oft genug Momente des Alleinseins herbeisehne. Manchmal viel zu oft, so dass ich mich für meinen Egoismus schäme. Typisch Frau  ein Mann steht ganz selbstverständlich zu seinem Egoismus, wir schämen uns dafür.

Nach dem Essen setzen wir uns in eine Strandbar. Ich lausche dem sanften Rauschen der Wellen und genieße einen Cappuccino mit herrlich cremigem Schaum.

Wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen bin, fühle ich mich immer entspannt. Diese Stunden sind besser als jede Therapie. Deswegen nennen wir uns auch die Therapie-Schwestern. Manch schwere Stunde hätte ich ohne meine Mädels nicht überstanden. Hat eine von uns ein Problem, wird eine Krisensitzung einberufen und nach Lösungen gesucht. Es wird analysiert, diskutiert, gelästert, gelacht und geweint. Wer braucht da noch einen echten Therapeuten, wenn man so tolle Freundinnen hat?

Am liebsten würde ich den ganzen Abend in dieser chilligen Bar sitzen, die vielen üppigen Gänge des Abendessens in aller Ruhe verdauen, mir nach dem Cappuccino einen Aperol-Spritz gönnen und mich dann satt und zufrieden ins Bett fallenlassen. Bin doch irgendwie schon eine steinalte Omi. Zumindest an manchen Tagen. Aber steinalt ist nicht angesagt, jetzt, wo wir in den Bierkönig gehen wollen. Schwerfällig erhebe ich mich aus dem tiefen Sessel, um im Hotelzimmer das kleine Schwarze gegen Jeans und Flipflops zu tauschen.

Die Straßen rund um den Ballermann sind stark belebt. Jung und alt, nüchtern und betrunken, Männlein und Weiblein.

Junggesellenabschiede, Geburtstagsfeten, feiernde Abiturienten. Italiener, Franzosen, Skandinavier und Briten …

Und immer wieder werden die Ballermann-Hits zum Besten gegeben. Der Kerl vor mir, nicht mehr ganz nüchtern, schaut mich sekundenlang wie hypnotisiert an, um mir dann ohne Vorwarnung ein Ständchen zu halten.

Sie hatte nur noch Schuhe an

Nur noch die Schuhe an

Nur noch die Schuhe an

Nur noch die Schuhe an

heyyeeeeahyeahyeah

und danach warn wir zusamm.

(Mickie Krause – Nur noch Schuhe an)

Der Typ freut sich auf Tanzen und auf Party. Ich bin allerdings noch viel zu weit entfernt von jeglicher Feierlaune. Genau genommen möchte ich mich nur so schnell es geht verkrümeln. Aber Drücken gilt nicht.

Wir nähern uns dem Bierkönig. Helene packt mich an der Hand und zieht mich ohne Vorwarnung in die Menschenmasse hinein. Mir bleibt die Luft weg und ich habe das Gefühl, zerquetscht zu werden. So habe ich mich bei der Geburt gefühlt. Diese hier verläuft allerdings rückwärts: also zurück in den Geburtskanal.

Die Musik ist unheimlich laut, jeder singt und tanzt, sogar auf den Tischen. Der Lärm und die vielen Menschen um mich herum erschrecken mich und ich denke mit Wehmut zurück an mein schönes ruhiges Hotelzimmer mit dem Flachbildschirm und der Minibar. Ja, flach und mini würde mir jetzt absolut reichen, ich bin ja genügsam.

Wir schieben uns durch die Menschenmassen hindurch. Links von uns eine langgezogene Bar, rechts Tische und Stühle. Keine Spur von dem berühmten Bierkönig, den ich aus den RTL-Reportagen kenne. Aber dann, nach drei weiteren Presswehen, lande ich doch noch im Festzelt, Blick auf eine Großleinwand, über die ein Fußballspiel flimmert. Endlich! Da ist er – der Bierkönig aus dem Fernsehen!

Plötzlich packt mich ein Kerl und tanzt mit mir. Ich versuche, seinen Rhythmus zu halten. Leider hat er keinen. Mit glasigen Augen blickt er durch mich hindurch, als wäre er schon seit Tagen im Bierkönig verschollen. Ich will kein Spielverderber sein und tue so, als fände ich das Rumgezappele ganz lustig. Im Bierzelt gehört es zum guten Ton, als Spaßnudel aufzutreten. Also nudele ich ein bisschen rum. Ziemlich überzeugend, wie ich finde.

Erschöpft von dem ganzen Rumgenudele, bleibt der Verschollene leicht schwankend stehen, lässt seine Arme kraftlos herabfallen, schaut mich an und fragt, ob wir beide runter zum Strand gehen wollen. Ich schweige höflich lächelnd, um mich dann schnellstmöglich zu verdrücken.

Helene, wo bist du? Zu Hülfe!

Endlich! Hab’ sie gefunden. Sie hat bereits ein leckeres Eimerchen für uns bestellt. Einen Liter Longdrink, aus dem bunte Strohhalme herausragen. Ein kultiviertes Gläschen Wein wäre mir jetzt lieber, aber nun gut. Ich nuckele vor mich hin und langsam aber sicher entspanne ich mich. Mann, das Zeug haut ja ganz schön rein! Als wir die Hälfte des Eimerchens geschafft haben, bereue ich, das Angebot des Verschollenen nicht angenommen zu haben. Ich muss gestehen, Enthaltsamkeit ist wirklich nur was für Nonnen, definitiv nichts für mich!

Ich will gerade etwas Tiefschürfendes über Nonnen von mir geben – genau das richtige Thema für den Bierkönig – da merke ich, wie der Alkohol langsam aber sicher meine Gehirnzellen lähmt. Ich kann kaum noch denken. Gott sei Dank! Mit Freude gebe ich mich der angenehmen Leere in meinem Kopf hin. Was für eine Wohltat! Kein Grübeln mehr. All meine Probleme scheinen mit Leichtigkeit gelöst. Wen interessierts, wie ich die Reparatur für mein Auto zusammenkratzen soll, kanns ja verkaufen! Wollte eh mehr Sport treiben! Und was meinen Garten betrifft und meine Sorge, einen abgesägten Arm zu riskieren, wenn ich die Heckensäge selbst in die Hand nehme – na wenn schon! Dann mache ich eben nur noch halbe Sachen! Soll ich Mäxchen ins Taekwondo schicken oder doch lieber zu Modern Dance? Leider hat Mäxchen null Gespür für Rhythmus und ich bezweifele, dass er Nadines Herz, die ebenfalls an diesem Tanzkurs teilnimmt, tatsächlich mit drei linken Füßen gewänne. Aber dank des Longdrink-Eimerchens ist mir gerade klar geworden, dass nichts von Bedeutung ist. Nichts, außer einer einzigen Frage: Welche Farbe hat mein Strohhalm? Blau, grün, pink oder weiß? Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern.

Aber jetzt habe ich keine Zeit, mir über Strohhalmfarben Gedanken zu machen. Ich muss dringend das stille Örtchen aufsuchen. Plötzlich stehe ich in einer langen Schlange vor der Toilette. Hoppla, wie bin ich denn hierhergekommen? Na ja egal, Hauptsache, ich finde auch wieder zurück an unseren Tisch. Ich denke an den Verschollenen im feuchten Sand. Der Gedanke an den feuchten Sand ekelt mich seltsamerweise mehr als der Gedanke an den Verschollenen. Ich sag’ nur eins – Nonne.

Das stille Örtchen ist gar nicht so still. Die Toilettenfrau schmettert mit kraftvoller Stimme die aktuellen Chart-Lieder rauf und runter. Eine korpulente Lady, die ihre ganz eigene Bühne gefunden hat. Sie ist sehr kommunikationsfreudig und die feuchtfröhlichen Besucherinnen geben ihr gern ein großzügiges Trinkgeld. Was für ’ne tolle Stimmung auf ’nem Klo! Sowas habe ich wirklich noch nie erlebt.

Ich hab’ das Toilettchen zwar noch nicht benutzt, möchte der Dame aber schon jetzt meinen Tribut zollen. Ich will meinen Geldbeutel hervorholen, aber meine Hände bewegen sich viel zu langsam, genauso wie meine Augen. Prompt verteilt sich das ganze Kleingeld auf dem Boden. Ich bücke mich, verliere kurzzeitig das Gleichgewicht (warum ist der der Prinz nie zur Stelle, wenn man ihn braucht – auf einem Klo im Bierkönig?) und lande mit einem harten Plumps auf meinem Hintern.

Aua!

Gleich wird hämisches Gelächter ertönen und ich erlange Berühmtheit als Ballermann-Lachnummer Alte Schachtel landet auf fettem Hintern. Hoffentlich filmt das hier keiner, um dann auf YouTube eine Million Klicks abzustauben. Aber scheinbar gehört das Rumtorkeln und Hinfallen auf dem Ballermann zum guten Ton, denn es ist kein hämisches Gelächter zu hören, nicht mal hinter vorgehaltener Hand.

Mühsam rappele ich mich wieder hoch und verschwinde schnell hinter einer der vielen Klotüren. Mir ist übel, aber irgendwie schaffe ich es, die Damentoilette ohne weitere Blessuren zu verlassen. Es gleicht einem Wunder, dass ich obendrein auch noch den Weg zurück zu unserem Tisch finde.

Helene sieht auch nicht mehr taufrisch aus und wir beschließen, den Abend zu beenden. Wir torkeln durch die Straßen und lachen wie Teenies, die in der Gruppenstunde im Pfarrheim heimlich zu oft am Bier genippt haben und von der Wirkung ihres ersten alkoholischen Getränks freudig überrascht wurden.

Zurück im Zimmer vernasche ich die kleine Praline, die auf meinem Kopfkissen liegt. Den ganzen Heimweg habe ich mich auf dieses Betthupferl gefreut. Es sollte mir wohl zu denken geben, wie trist mein Leben ist, wenn mir zum Thema menschliche Gelüste nur Schokolade in den Sinn kommt, aber denken will ich heute nicht mehr.

Von draußen dringt das Gegröle partyfreudiger Menschen herein. Ich schließe die Balkontür und lasse mich von der dumpfen Geräuschkulisse in den Schlaf begleiten.

Am nächsten Morgen erwache ich mit einem mächtigen Brummschädel.

Ich kann mich kaum aufraffen aufzustehen, geschweige denn mich zu schminken, zu stylen, anzuziehen und mich dann auch noch ein Stockwerk tiefer ins Restaurant zu bewegen. Also lasse ich das mit dem Schminken und Stylen, setze eine Sonnenbrille auf, fahre mir mit den Fingern durchs Haar, das, konserviert durch viel Haarspray, tatsächlich noch so etwas wie einer Frisur ähnelt und schlurfe ins Restaurant, wo ich versuche, dank Kaffee und nochmals Kaffee einen klaren Kopf zu bekommen.

Die anderen Mädels sehen auch nicht gerade wie taufrische Prinzessinnen aus und gemeinsam betrauern wir den Verlust unserer blühenden Jugend. Heute Nacht ist sie irgendwie abhanden gekommen, mitten im Bierkönig. So schnell kanns gehen!

Wir sitzen auf der Terrasse. Das reichhaltige Frühstück ist eine Wohltat. Ich habe das Gefühl, vollkommen ausgehungert zu sein.

Ich schwelge beim Anblick des offenen Meeres. Kann gar nicht genug davon bekommen. Viel zu lange kämpfe ich schon gegen die Sehnsucht nach dem Meer an, nach dem Klang der Wellen und der Wohltat der Sonne. Ich beschließe, trotz des Hämmerns in meinem Kopf eine Runde im Meer zu schwimmen.

Ich schwebe im Rhythmus des Ozeans, meinen Blick auf den unendlichen Horizont gerichtet. Ich genieße das Rauschen des Wassers und lasse mich treiben.

Das Schwimmen erfrischt mich, verscheucht die Schwere und Müdigkeit aus meinen Gliedern und lässt mich dem Wasser munter wie Venus entsteigen. Na ja, munter schon – Venus dagegen nicht so ganz. Im Wasser fühlte ich mich gerade noch elegant wie ein Delfin, auf dem Land dagegen schwerfällig wie ein dickes Walross.

Am Pool ergattern wir wieder das schattige Plätzchen unter der großen Palme. Fast hätten uns die Embryos den Platz streitig gemacht. Die Embryos sind vier Mädels, halb so alt wie wir und halb so dünn. Bestimmt gab es bei der Buchung eine Verwechslung. Sie sehen aus, als hätten sie einen längeren Aufenthalt in einer Fachklinik zur Behandlung von Essstörungen nötiger als Komasaufen am Ballermann. So dürr wie sie sind, überleben sie ja nicht mal das erste Eimerchen. Selbst die knappen Bikinis wirken an ihren Figürchen wie riesige Tipis. Rosi, die seit der Au-pair-Sache eine regelrechte Aversion gegen Frauen unter zwanzig entwickelt hat, wirft den Embryos einen bösen Blick zu. Da wir Therapie-Schwestern immer zusammenhalten, wird auch gemeinsam gegiftet. Die armen Mädels wissen gar nicht, warum wir alten Weiber so zickig sind.

Den Rest des Tages tu ich das, worauf ich mich schon seit Monaten freue. Lesen und Schlafen.

Ich freue mich darauf, endlich mal wieder ich zu sein, mich mal wieder um meine eigenen Bedürfnisse zu kümmern, nicht nur um die der Kinder. Und diese Stille! Kein Gemeckere, kein Gezanke, kein Geschimpfe, keine Herausforderung. Nur Ruhe und Frieden. Beinahe zu viel Ruhe und Frieden, denn plötzlich fühle ich mich einsam. Dabei sind es ja nur fünf Tage, die ich ohne meine Kinder verbringen werde. Und trotzdem vermisse ich sie.

Mutter sein ist ja sowas von verwirrend!

Der Tag vergeht wie im Flug. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so faul gewesen zu sein. Ich bin nie ohne Mann und Kinder weggefahren. Oft habe ich mich nach einer kleinen Auszeit gesehnt, aber ich habe nie ernsthaft in Erwägung gezogen, ohne Familie zu verreisen – erst jetzt als Single-Mom. Aber als solche braucht man ja auch Erholung. Es ist anstrengend, den Alltag allein bewältigen zu müssen.

Ich breite mein Handtuch aus, krame meine Wasserflasche aus der Badetasche und fläze mich hingebungsvoll auf den Liegestuhl. Die nächsten Stunden verharre ich am Pool – bewegungsunfähig wie ein gestrandeter Wal. Fünf Kilo wollte ich vor dem Urlaub noch abnehmen. Hatte mich sogar todesmutig zum Zumba-Kurs im Turnverein angemeldet. Leider blieb es bei der Anmeldung. Welcher Wal tanzt schon freiwillig Zumba? Die reinste Tierqäulerei! Obwohl ich nicht wirklich dick bin. Nur unförmig. Wie ein Dreieck. Oben zu wenig, unten zu viel. Sprich: zu wenig Busen, zu viel Po. Caro sagt, es gäbe zwei Arten von Männern: den Busen-Mann und den Po-Mann. Ich brauche einen Po-Mann, denn pomäßig habe ich definitiv viel zu bieten.

Früher war ein dicker Hintern ein No-Go, heute sind füllige Pobacken geil. Auf YouTube findet man genügend Hinterteile, die aufreizend geschüttelt in die Kamera gehalten werden.

Mein Hintern ist zwar schön groß, allerdings habe ich bei meinem letzten Einkaufsbummel, im unbarmherzigen Neonlicht der Umkleide, festgestellt, dass mein Hinterteil mehr Ähnlichkeit mit Omas schwabbelnder Schweinesülze aufweist als mit J-Los knackigem Popöchen, also habe ich mir noch am gleichen Tag eine Shaping-Jeans gegönnt. Und in die quetsche ich mich jetzt schweratmend hinein. Sie drängt alles an seinen Platz zurück und lässt meinen Po um zwei Kleidergrößen kleiner erscheinen – nur für den Fall, dass ich einem Mann über den Weg laufe, der noch nicht von dem Po-Hype gehört hat. Noch eine weite Bluse darüber und hohe Pumps und los gehts auf die Party-Meile. Dabei braucht der Restalkoholspiegel in meinem Körper keine Auffrischung – nie mehr wieder – und ich bin todmüde. Ein ganzes Jahr Stress in zwei Urlaubstagen auszumerzen, funktioniert leider nicht. Aber wer weiß, wann wir Therapie-Schwestern wieder gemeinsam verreisen, also beschließe ich, den Abend mit meinen Freundinnen zu genießen, anstatt mich mit einem schnulzigen Liebesroman und einer Tüte Chips im Bett zu verkriechen.

Und so machen wir uns abermals auf den Weg zum Bierkönig. Wieder packt mich Helene an der Hand und zieht mich hinein in das pulsierende, tobende Leben. Diesmal bin ich nicht ganz so atemlos und starr vor Angst.

Nein, stattdessen bin ich geradezu todesmutig und fühle mich beim Zerquetschtwerden und Ersticken relativ entspannt. Obwohl weder das eine noch das andere eine meiner bevorzugten Varianten wären, das irdische Leben zu verlassen. Dauert beides viel zu lange. Lieber von einer Brücke springen. Zack und Matsch.

Wir finden ein gutes Plätzchen am Ende des Ganges. Hier ist es sogar breit genug, um ein paar ungehinderte Schritte tanzen zu können. Wobei man im Bierkönig überall tanzt. In den Gängen, auf den Tischen, auf der Theke, auf dem Klo. Dem Tanzen sind keine Grenzen gesetzt.

Die üblichen Ballermanhits werden gegrölt und ich gröle mit, obwohl ich noch stocknüchtern bin. Aber die Stimmung packt mich trotzdem. Scheinbar habe ich mich im Vergleich zu gestern schon akklimatisiert.

Ein Mann kommt vor mir zum Stehen, breitet seine Arme aus, quetscht mich an seine Brust und schiebt mich tanzend den Gang rauf und runter. Er redet auf mich ein. Ich verstehe kaum ein Wort von dem, was er mir ins Ohr schreit. Das liegt nicht nur an der lauten Musik, nein, der Mann ist auch noch Sachse. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, was er mir mitteilen will. Aber das ist im Moment nicht wichtig. Das einzige, was jetzt zählt, ist der Spaßfaktor und Spaß habe ich. Ich fühle mich jung, frei und unbeschwert.

Wir kollidieren mit anderen herumwirbelnden Paaren. Der Griff meines sächsischen Tanzpartners wird fester und ich komme aus dem Takt. Plötzlich lässt er von mir ab und widmet sich ohne ein weiteres Wort, das ich eh nicht verstanden hätte, einer anderen Tanzpartnerin. Die hat keine Probleme mit seinem Dialekt. Ruckzuck sind sie in ein Gespräch vertieft. Vielleicht ist sie ja eine Landsmännin.

Ich will gerade zu Helene zurück, da liege ich schon in den Armen des nächsten Tänzers  eines temperamentvollen Spaniers. Den verstehe ich genauso wenig wie den Sachsen. Nach drei Tänzen verabschiedet er sich, zumindest hört es sich so an, und ich freue mich, endlich wieder zu Atem kommen zu können.

Mit wackeligen Beinen stelle ich mich neben Helene und trinke aus unserem Eimerchen. Ich fühle mich wie eine Kuh an der gemeinsamen Tränke. Ich trinke in großen Schlucken und der Alkohol steigt mir viel zu schnell zu Kopf. Aber dies wird sicher mein einziger Urlaub am Ballerman sein, also „Scheißdrauf, Malle ist nur einmal im Jahr … ähh – nur einmal im Leben!“

„Na, wie war er denn, der Spanier?“

„Viel zu trocken.“

Helene wirft mir einen irritierten Blick zu, aber ich kann ihr beim besten Willen nicht erklären, was genau ich damit meine. Im Wein liegt bekanntlich die Wahrheit. Keine Ahnung, welche das in diesem Fall sein sollte. Wahrscheinlich gar keine. Gestern habe ich einen Rotwein getrunken, der tatsächlich viel zu trocken war. Es handelte sich um einen spanischen Wein.

„Lizzy, du bist schon eine Nudel!“, gluckst Helene und ich stimme in ihr Lachen mit ein. Von Herzen zu lachen und unbeschwert rumzualbern tut gut und in diesem Augenblick fühle ich mich … ja …. ich fühle mich tatsächlich unbeschwert! Ein Gefühl, das ich schon seit Monaten vermisst habe. Dieser flüchtige Moment des Glücks, den man nicht fassen, nicht festhalten kann und der einem einen kurzen, aber berauschenden Höhenflug beschert. Sei es wegen der warmen Frühlingssonne, die einem beim morgendlichen Verlassen des Hauses begrüßt, wegen des attraktiven Mannes, der einem an der Fleischtheke ein Lächeln schenkt oder, wie gerade eben, wegen der Herzlichkeit, die Freundinnen verbindet.

„Dann eben kein Spanier. Es gibt schließlich genügend andere Männer hier. Wer gefällt dir denn?“

„Gar keiner“, gebe ich voller Inbrunst von mir.

Und in dem Moment erblicke ich ihn. Der ist es, der oder keiner, das wird mir schlagartig bewusst. Seit wann glaube ich eigentlich an Liebe auf den ersten Blick? Seit gerade eben! Es hat mich erwischt! Mit einem lauten Peng! Ganz so, wie man es aus den kitschigen Hollywoodfilmen kennt.

Mein Traumprinz steht am Durchgang zum großen Zelt. Es ist kein Geringerer als Wilhelm Tell. Wilhelm Tell aus der berühmten Sage. Schweizer Freiheitsheld, groß, kräftig, Dreitagebart. Nun gut, von einem Dreitagebart steht in der Sage nichts, aber er ist ja auch mein ganz persönlicher Wilhelm Tell und der trägt nun mal einen Dreitagebart.

Als ich klein war, bin ich mit meinen Eltern oft im Wald spazieren gegangen. Dort gab es eine Schlucht und die Stimme meiner Mutter tönt mir nach all den Jahren immer noch in den Ohren. „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“, gab sie stets voller Theatralik mit männlich tief verstellter Stimme von sich, wenn wir die Schlucht passierten und jedes Mal hatte ich diesen starken Freiheitskämpfer vor Augen, wie er sich an dem Tyrannen rächt, der ihn den Apfel vom Kopf seines Sohnes herunterschießen ließ.

Meine Mutter war eine wunderbare Geschichtenerzählerin und ich vermisse sie jeden Tag.

Da steht er also, mein ganz persönlicher Wilhelm Tell, nicht im Hohlweg zwischen Küssnacht und Immensee, sondern im Durchgang von Kneipe zum Festzelt. Märchen lassen sich nicht immer eins zu eins in die Wirklichkeit übertragen. Manchmal muss man Abstriche machen und die Kulissen tauschen. Und letztendlich ist es doch egal, ob Schweiz oder Ballermann. Hauptsache Held!

„Helene, der gefällt mir!“ Noch nie war ich so elektrisiert vom Anblick eines fremden Mannes wie jetzt. Ich weiß gar nicht so recht, was mit mir los ist. Aber eins weiß ich mit Sicherheit: Diesen Mann muss ich kennenlernen!

Wilhelm hat eine stattliche Größe, breite Schultern und eine Glatze. Er trägt Leder. Natürlich trägt er Leder! Was anderes kommt für einen Freiheitshelden auch gar nicht in Frage! Allerdings kein Wams, stattdessen eine bayerische Lederhose mit engem weißen T-Shirt und Turnschuhen von Nike. Ein lässiger Style.

Wilhelm ist groß. Nein, nicht groß – riesig! Ich schätze ihn auf 1,90 oder 1,95.

„Also, von meinem Apfel darf Willy gern mal abbeißen“, erkläre ich Helene.

Erneut richtet Helene einen irritierten Blick auf mich. „Willy? Wer ist Willy?“

„Na der da!“, erkläre ich ihr mit rollenden Augen und nicke in Richtung Schweiz.

„Was soll ich jetzt tun?“ Fragend schaue ich Helene an. „Ich will ihn unbedingt kennenlernen!“

Sie weiß doch sonst immer Rat, aber jetzt zuckt sie nur ungerührt mit den Schultern. Wilhelm ist der einzige Mann auf dem ganzen Ballermann, der für mich in Frage kommt, und vielleicht wird es sogar Monate oder Jahre dauern, bis ich wieder einem männlichen Wesen begegne, das ich so anziehend finde, und meine beste Freundin interessiert es nicht die Bohne.

„Helenääää“, jammere ich wie ein unleidliches Kind, „zu Hülfe!“

Helene stöhnt genervt. „Na, dann geh halt rüber und frag ihn, ob er mit dir tanzen will.“

„Nein, das trau’ ich mich nicht.“

„Jetzt sei doch nicht so ein Schisser, hier kennt dich doch keiner! Was hast du schon zu verlieren?“

Ich zögere. Und wie so oft im Leben, zögert man eine Sekunde zu lange und schon ist der Moment von dannen gezogen und mit ihm die Chance auf Liebe, auf Glück und Zufriedenheit, auf das Reihenhäuschen mit weißen Rüschenvorhängen an den Fenstern und auf das Hündchen im Garten.

Wilhelm kommt nicht durch die hohle Gasse geritten, er verschwindet durch sie, zurück ins Bierzelt. Er taucht in der Menge unter und ich verliere ihn aus den Augen.

Die pure Verzweiflung packt mich. Ich darf ihn nicht so einfach aus meinem Leben verschwinden lassen! Kurzentschlossen quetsche ich mich durch die Menschenmassen hindurch, hinein in das Bierzelt. Noch mehr Menschenmassen, jedoch weit und breit kein attraktiver Schweizer! Aber was habe ich denn erwartet? Dass er sich magisch von meiner Gegenwart angezogen fühlt und plötzlich vor mir steht, instinktiv wissend, dass wir beide füreinander bestimmt sind? Na ja – irgendwie schon.

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    Anne Gard (Autor)

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