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Halt die Wolken fest (Liebesroman, Drama)

von Dorothea Stiller (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Du bist spitze!

Ja, wirklich: DU. Es ist toll, Leser wie dich zu haben, die neue Formate wie unsere Love Shots ausprobieren.

Wir – das sind heute Katherine Collins, Anne Gard, Dorothea Stiller, Bettina Kiraly, Jessie Weber, Daniela Blum, Evelyn Boyd, Anna Donig, Susanne Halbeisen, Nadin Hardwiger, Mariella Heyd, Lara Kalenborn, Natascha Kribbeler, Saskia Louis, Lisa McAbbey, Dolores Mey, Annell Ritter, Linne van Sythen und Jennifer Wellen – haben uns viele Gedanken um unsere Leser gemacht.

Wir wollten etwas schaffen, das dir mehr Zeit zum Lesen gibt oder die Zeit, die du hast, noch mehr versüßt.

Versüßt mit schöner Literatur und Geschichten, die fürs Herz geschrieben sind. Wir schreiben „Bücher mit Herz“ und bei unserer Romance Alliance spielt die Liebe eine zentrale Rolle.

Mit unseren Love Shots wird dein „Unterwegssein“ (ob zur Arbeit, in die Uni oder mit der Bahn oder dem Bus) pure Unterhaltung. Wir schicken dein Herz mit unseren Geschichten auf Reisen – in andere Welten oder andere Zeiten. Mit einem Love Shot als Begleitung soll jeder deiner Wege, jede Fahrt zum Abenteuer werden. Lass dich von uns verführen.

Viel Spaß wünschen dir

Katherine, Anne, Dorothea, Bettina, Jessie, Daniela, Evelyn, Anna, Susanne, Nadin, Mariella, Lara, Natascha, Saskia, Lisa, Dolores, Annell, Linne und Jennifer

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Über dieses E-Book

Die junge Harper kämpft als Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmannes um Anerkennung in einer Männerdomäne. Nicht zuletzt ringt sie auch um die Anerkennung ihres Vaters. Als Bewährungsprobe überträgt er ihr ein wichtiges Geschäft in New York. Doch dann scheint alles schiefzugehen. In einer verzweifelten Lage hilft ihr der obdachlose Künstler Mason aus der Patsche. Als Gegenleistung verlangt er nur eines: Harpers Respekt und dass sie Zeit mit ihm verbringt. Doch Harper denkt gar nicht daran. Sie speist Mason mit einer falschen Telefonnummer ab und fliegt zurück nach Los Angeles. Bis Mason eines Tages vor ihrer Tür steht …

Impressum

Erstausgabe April 2018

Copyright © 2018, Love Birds, ein Imprint der
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-364-8

Covergestaltung: © Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© Tyler Olson/shutterstock.com, © Sopotnicki/shutterstock.com,
und © Syda Productions/shutterstock.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Verhandlungssache

Harper fand ihren Vater auf der Terrasse beim Pool, wo er den Börsenbericht in der Zeitung studierte.

„Ta-daa!“ Harper knallte die Mappe vor ihn auf den Tisch. Die Eiswürfel in seinem Glas klirrten.

Anderson Kelly knickte am Rand der Zeitung herunter und lugte darüber.

„Ist das das Bonham-Geschäft?“

„Du hast es erfasst.“ Harper drückte ihrem Vater zwei Küsse auf die Wangen und setzte sich zu ihm.

„Die Unterschrift hat mich Nerven gekostet. Bonham ist ein echter Stinkstiefel. Ich kam mir vor wie ein Little League Trainer in Gehaltsverhandlungen mit einem Major League Baseball-Profi. Der Typ hat mich überhaupt nicht ernst genommen.“

„Tja, da hat er sich aber verschätzt. Du kennst das Business besser als der alte Wichtigtuer.“

„Ich habe von den Besten gelernt.“ Harper zwinkerte ihrem Vater zu.

„Danke, Krümel. Das sind jedenfalls großartige Nachrichten. Gratuliere.“ Harper zog einen Schmollmund. Sie hasste diesen Spitznamen. Ihr Vater lachte.

„Harper, ich bin stolz auf dich. Du bist wirklich reif für den Chefsessel.“

Mr Kelly legte die Zeitung beiseite, griff nach der Mappe und blätterte in den Vertragsunterlagen. Nach einer Weile runzelte er die Stirn.

„Sechs Wochen, Harper?“ Er sah auf und fixierte seine Tochter. „Du weißt, dass wir für einen Auftrag in dem Umfang definitiv länger brauchen.“

„Was sollte ich machen? Er war nicht davon abzubringen.

Tja, Missy. Da werden wir aber noch an der Terminschraube drehen müssen. Die Konkurrenz garantiert mir Lieferung binnen sechs Wochen. Die Missy hätte nicht übel Lust gehabt, ihm sein blödes Grinsen aus dem Gesicht zu treten. Aber das Geschäft ist zu verlockend, um es an die Konkurrenz zu verlieren.“

Der Ärger auf Bonham und seine herablassende Art brodelte wieder an die Oberfläche und mischte sich mit Enttäuschung über die Reaktion ihres Vaters.

„Ich weiß, die Konkurrenz kriegt das nur hin, weil die bei der Fertigung schludern und bei der Montage sparen. Aber bitteschön, wenn der Typ Pfusch will, soll er eben Pfusch kriegen“, fauchte Harper.

„Harper!“, donnerte Mr Kelly. Er knallte die Mappe zurück auf den Tisch und stieß dabei beinahe den Eistee um. „So fangen wir gar nicht erst an. Wir liefern gleichbleibende Qualität. Bei uns muss niemand Angst haben, dass ihm die Leinwand bei einem kräftigen Wind auf die Bühne kracht.“

Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und rieb sich den Nacken.

„Wenn wir den Auftrag in sechs Wochen durchprügeln wollen, müsste ich Corey und Jean den Urlaub streichen.“

„Wir können später liefern. Der Vertrag lässt mir genug Spielraum.“ Harper verschränkte die Arme vor der Brust. „Rechtlich kann Bonham mir gar nichts.“

Es war ihrem Vater anzusehen, dass er alles andere als glücklich war. Seine Halsmuskeln traten deutlich hervor und seine Kiefer mahlten.

„Gut, dann liefern wir eben in sechs Wochen. Das ist machbar. Wenn Bonham Schnelligkeit wichtiger ist als ordentliche Arbeit …“

„Wenn Bonham schnell und billig will, soll er sich sein Geld in die Haare schmieren und zur Konkurrenz gehen!“, brummte ihr Vater. „Der Name Kelly steht für Qualität. Man kann nur zwei aus drei haben. Das ist Projektmanagement für Anfänger, das muss ich dir doch wohl nicht noch erklären. Qualität geht entweder teuer und schnell oder günstig – dann dauert es halt länger.“

„Ich weiß.“ Harper reckte trotzig das Kinn nach vorne. „Wer so unmögliche Forderungen stellt, will doch quasi beschissen werden.“

„Harper!“ Die Adern an Mr Kellys Schläfen pochten gefährlich. „An unserem guten Ruf habe ich über dreißig Jahre hart gearbeitet. Du wirst ihn nicht aufs Spiel setzen, nur um auf Biegen und Brechen einen Deal abzuschließen! Völlig gleich, wie viel Spielraum dir der Vertrag gibt. Du hast Bonham dein Wort gegeben. Dein Wort und ein Handschlag müssen mehr wert sein als jeder Vertrag.“

„Dad, Bonham ist glitschig wie ein Aal. Wenn es umgekehrt wäre, würde ich nicht die Bohne auf sein Wort geben.“

„Ein finanzieller Bankrott wäre mir allemal lieber als ein moralischer Ausverkauf, Harper. Das mag gegen den Zeitgeist sein, aber das ist mir egal. Es gibt noch genug Leute, die Verlässlichkeit und Qualität zu schätzen wissen.“

Mr Kelly zog die Augenbrauen zusammen und sah seine Tochter scharf an. „Vielleicht irre ich mich und du bist doch noch nicht reif, das Ruder zu übernehmen.“

„Dad! Mom reißt mir den Kopf ab, wenn du weitermachst.“ Harper wusste, wie erleichtert ihre Mutter gewesen war, als ihr Vater nach dem Herzinfarkt die Geschäftsleitung vorübergehend an seinen Stellvertreter Eli Bergstein abgegeben hatte.

„Eli macht seine Sache gut und er hat mein Vertrauen. Er kann den Laden auch noch ein paar Jahre weiter schmeißen, bis du wirklich bereit bist.“ Anderson Kelly zuckte mit den Schultern.

„Aber ich bin bereit!“ Harper sprang auf. „Vielleicht bin ich nicht perfekt, so wie du es gerne hättest, aber ich bin definitiv bereit.“

„Hör zu, Harper. Natürlich hoffe ich, dass der Betrieb in Familienhand bleibt. Zeig mir einfach, dass du verinnerlicht hast, wofür wir stehen. Ansonsten habe ich auch kein Problem damit, Eli die Geschäftsleitung dauerhaft zu übertragen.“ Harpers Vater schob die Mappe mit den Vertragsunterlagen über den Tisch. „Die Bonham-Sache bügelst du selbst aus. Außerdem wirst du Corey und Jean anrufen und ihnen die frohe Botschaft überbringen. Du wirst dich entschuldigen und ihnen versichern, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Die beiden haben sicher schon Pläne gemacht. Schließlich haben sie Familie.“ „Aber Dad, ich …“

„Nein, Harper. Das ist nicht verhandelbar. Du hast Bonham sechs Wochen zugesagt, wir liefern in sechs Wochen. Das geht nur mit mehr Personal. Und du hältst dein Gesicht bitteschön selbst in den Sturm.“

Eine Zornesfalte bildete sich zwischen Harpers Augenbrauen. Gerade noch war sie so stolz auf ihren Deal gewesen und jetzt ließ ihr Vater sie auflaufen wie eine Anfängerin.

„Kann ich es dir jemals rechtmachen? Überschreib Eli doch gleich die Firma!“

Anderson Kellys Gesichtszüge wurden weicher.

„Hör zu, Krümel. Ich bin stolz auf dich. Du schaffst das schon. Aber du bist erst Mitte zwanzig und vielleicht fehlen dir Geduld und Lebenserfahrung. Und ehrlich gesagt, manchmal frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn du dich ein bisschen ausgetobt hättest. Du warst so verflucht zielstrebig. Vielleicht kommst du mal an den Punkt, an dem du es bereust.“

Harper blies sich wütend eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Soll ich zur Spring Break nach Cancun fliegen, mich ins Koma saufen und ein paar originelle Geschlechtskrankheiten mitbringen? Wäre dir das lieber?“

„Harper, du bist ehrgeizig und möchtest dich beweisen. Das verstehe ich. Doch ich mache mir Sorgen, dass du manchmal etwas zu … na ja, verbissen bist.“ Mr Kelly presste die Lippen aufeinander. „Pass auf. Ich gebe dir den SONBIZZ-Deal.“

Harper riss die Augen auf. „Das New York-Geschäft? Das ist ein ziemlich dicker Fisch.“

„Ich weiß.“ Mr Kelly beugte sich vor und legte seine Hand auf Harpers. „Und wenn jemand ihn an den Haken bekommt, dann du. Aber denk dran: Qualität und Verlässlichkeit sind unser Aushängeschild. Mache niemals Zusagen, die du nicht halten kannst. Das könnte der Beginn einer dauerhaft lukrativen Geschäftsbeziehung werden. Vermassel es nicht.“

Harper schlang von hinten die Arme um seine Schultern und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Garantiert nicht, Dad!“

If I can make it there …

„Verdammt, verdammt, verdammt! Macht schon, macht schon, macht schon!“ Harper wippte auf den Fußballen und beobachtete die Koffer, die auf das Gepäckkarussell purzelten. Doch ihren roten Trolley konnte sie nirgends entdecken. Sie schaute sich um. Einer nach dem anderen ihrer Mitreisenden klaubte sein Gepäck vom Band und strebte Richtung Ankunftshalle. „Bitte nicht!“, flehte Harper.

Der Flieger hatte bereits zwei Stunden Verspätung gehabt und ihre großzügige Zeitplanung war dahin. Mit einem zunehmend unguten Gefühl beobachtete Harper, wie sich das Gepäckkarussell leerte und schließlich der nächste Flug auf der Tafel angezeigt wurde.

„Verdammt! Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Mit ihrem Bordcase hetzte sie zum Lost & Found-Schalter und kramte im Laufen den Gepäckabschnitt aus der Handtasche.

„Könnten Sie mir bitte helfen? Mein Gepäck war nicht auf dem Band.“

„Lassen Sie mich mal sehen.“ Die Dame am Schalter nahm den Schein entgegen. „American Airlines, Flug 271 von Los Angeles?“

Harper nickte. Die Dame tippte etwas in den Computer und griff zum Telefonhörer.

„Hören Sie, es tut mir aufrichtig leid“, wandte sie sich anschließend an Harper. „Der Koffer muss im falschen Flieger gelandet sein. Die Gepäckabfertigung befindet sich im Streik. Dadurch kommt es leider hin und wieder zu Unregelmäßigkeiten.“

Sie tippte weiter auf ihrer Tastatur.

„Und was mache ich jetzt? Mein Kostüm und meine Schuhe sind im Koffer und ich habe einen wichtigen Termin.“

Harper blickte an sich hinunter. Zur Not würde der schwarze Hosenanzug gehen, doch für den Flug hatte sie bequeme Segeltuchschuhe angezogen. Das sähe unmöglich aus.

„Einen Augenblick, bitte. Wenn ich Ihre Daten eingegeben habe, bekommen Sie eine Tracking-Nummer. Mit dieser Nummer und Ihrem Namen können Sie sich bei der Hotline identifizieren. Wir versuchen, Ihr Gepäckstück so schnell wie möglich für Sie wiederzufinden und mit dem nächstmöglichen Flug nach New York zu schicken. Denken Sie bitte daran, die Belege aufzubewahren, wenn Sie Ersatz kaufen. Bis zu einem gewissen Höchstbetrag erstattet die Fluglinie die Kosten.“

„Sie sind gut! Für Shopping habe ich doch überhaupt keine Zeit.“, fluchte Harper.

„Es tut mir wirklich leid, dass Sie Unannehmlichkeiten dadurch haben, Madam. Doch das ist im Augenblick leider das Einzige, was ich für Sie tun kann.“

„Schon gut. Sie können ja nichts dafür.“ Harper seufzte, griff nach dem Computerausdruck und steckte ihn in die Handtasche.

Ihr fiel der Schuhladen im Meatpacking District ein, von dem ihre Freundin Brooke geschwärmt hatte. Harper zückte ihr Handy und wurde schnell fündig.

Na dann: spontane Planänderung. Taxi zum Hotel, einchecken, kurz frisch machen, mit dem Taxi zum Schuhladen und von dort direkt zu SONBIZZ.

Nun standen sie bestimmt schon fünf Minuten und es bewegte sich nichts. Das Hupkonzert draußen wurde immer lauter. Harper blickte nach vorne.

„Was zum Teufel ist denn da los?“

Der Fahrer trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. „Irgend so ein Depp parkt da vorne mit seinem verfluchten Lieferwagen in zweiter Reihe.“

Harper sah besorgt auf die Uhr.

„Wie weit ist es denn noch?“

„Die Adresse ist gleich hier um die Ecke, die übernächste Querstraße. Soll ich Sie hier rauslassen?“

Harper bezahlte und rutschte von der Rückbank. Na bravo! Heute ging aber auch einfach alles daneben. Sie lief eilig an der Schlange hupender Autos vorbei. Hatte er nun die nächste oder die übernächste Querstraße gesagt? Harper drehte sich um und legte den Kopf in den Nacken, um das Straßenschild lesen zu können, als sie plötzlich gegen einen Widerstand stieß.

„Hey! Vorsicht, Lady!“

„Oh, Verzeihung.“ Harper drehte sich um und blickte in das Gesicht eines jungen Mannes mit kinnlangen, braunen Haaren, die ihm strähnig in die Stirn hingen. Wangen und Kinn versteckten sich unter einem Fünftagebart. Er zog einen Rollkoffer hinter sich her und unter seinem Arm klemmte ein Bündel Holzlatten.

„Macht fast gar nichts. Wollte gerade abhauen, sieht nach Regen aus.“ Sein Blick wanderte nach oben. „Hören Sie, Lady, hätten Sie vielleicht mal einen oder zwei Dollar für mich? Ich könnte echt was zu essen vertragen.“

„Dann suchen Sie sich einen Job wie jeder normale Mensch“, zischte Harper. „Ich hab’s eilig.“

Während sie weiterhetzte, klatschten bereits die ersten Tropfen auf ihren Kopf.

„Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ Sie begann zu rennen. Zum Glück war die nächste Querstraße tatsächlich die Washington Street. Nach wenigen Metern erkannte Harper das Schild des Schuhladens. Keuchend stolperte sie hinein.

Na prima! Jetzt war sie auch noch nass, ihre Haare strähnig und bestimmt verlief das Make-up.

„Könnte ich vielleicht einmal die Toilette benutzen?“, wandte sie sich an die Verkäuferin, die ihr den Weg zur Kundentoilette wies.

Harper föhnte Haare und Kleidung notdürftig mit dem Händetrockner und frischte das Make-up auf. Okay, das musste reichen. Jetzt aber erst einmal passende Schuhe finden.

Kurze Zeit später stand Harper an der Straße und hielt nach einem Taxi Ausschau. Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen. Als sie ein freies Taxi entdeckte, reckte sie den Arm in die Höhe, doch es brauste vorüber.

„Mist!“ Harper wandte sich um, während ihre Augen die Straße absuchten. Ein plötzlicher, heftiger Ruck an ihrer Schulter brachte sie aus dem Gleichgewicht. Der Riemen ihrer Handtasche rutschte von ihrer Schulter, dann stürzte sie nach vorn und konnte sich gerade noch mit den Händen abfangen. Im Fallen konnte sie kurz das mit einem Schal verdeckte Gesicht des Mannes auf dem Motorroller sehen. Hektisch rollte sie sich von der Fahrbahn auf den Bürgersteig, um nicht unter die Räder zu geraten und sah den Taschenräuber noch eben mit seinem bunt bemalten Roller davonbrausen.

„So ein verdammter Mist!“ Harper biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen.

„Brauchen Sie Hilfe?“ Instinktiv griff sie nach der Hand, die ihr entgegengestreckt wurde und ließ sich auf die Füße helfen.

Überrascht blickte sie zum zweiten Mal an diesem Tag in das Gesicht des jungen Mannes mit dem Fünftagebart.

„Das freut Sie jetzt sicher“, brummte Harper, untersuchte ihre aufgeschürften Handflächen und klopfte den Dreck von ihrem Hosenanzug.

„Was soll mich freuen? Dass Sie gestürzt sind?“

„Ich bin nicht gestürzt, ein Typ auf einem Motorroller hat mir die Tasche weggerissen und ich bin zu Boden gegangen. Es freut Sie bestimmt, wenn mein Karma mich umgehend niederstreckt.“

Der Mann kniff die Augen zusammen und fixierte Harper. „Warum glauben Sie, mich so genau zu kennen?“

„Das tue ich doch überhaupt nicht“, widersprach Harper und klaubte die Einkaufstasche mit den neuen Schuhen vom Boden. „Ich will Sie auch überhaupt nicht kennen, vielen Dank.“

„Trotzdem glauben Sie zu wissen, dass ich nicht nur faul bin und keine Arbeit habe, sondern auch noch gehässig.“

Der Mann starrte sie immer noch an, als teste er, wie lange sie seinem Blick standhielte. In seinem von struppigem dunkelbraunem Haar umrahmten Gesicht stachen die erstaunlich hellen blauen Augen besonders hervor. Harper kämpfte gegen den Impuls, wegzusehen. Doch von diesem Herumlungerer würde sie sich nicht kleinkriegen lassen.

„Um zu wissen, dass Sie keine Arbeit haben, brauche ich Sie nur anzusehen – und zu riechen.“ Sie rümpfte die Nase.

Der Mann hob den Arm, schnupperte und verzog das Gesicht.

„Okay, Punkt für Sie. Ich habe zurzeit keine feste Bleibe, komme mal hier mal da unter und habe zwei oder drei Tage nicht geduscht. Aber Sie können überhaupt nicht beurteilen …“

„Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit Ihrer schweren Kindheit!“, stöhnte Harper.

„Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, vielen Dank. Sehen Sie? Sie wissen gar nichts über mich.“ Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust.

„Hören Sie, bestimmt haben Sie eine herzerweichende Geschichte und es wäre sicher interessant, sie zu hören, aber ich habe im Moment weiß Gott andere Probleme. Wenn ich nicht in einer halben Stunde bei meinem Termin bin und eine perfekte Präsentation abliefere, geht mir mit großer Wahrscheinlichkeit das größte Geschäft meiner Karriere durch die Lappen. Aber ich könnte nicht einmal das Taxi bezahlen und damit fangen meine Probleme erst an.“

„Sie könnten doch hinfahren und die das Taxi bezahlen lassen.“ Der Dunkelhaarige zuckte mit den Schultern.

„Was macht das denn für einen Eindruck? Und selbst wenn … meine Präsentation ist auf dem Stick und der ist in der Handtasche.“

„Das ist blöd.“ Der junge Mann verzog den Mund und nickte.

„Blöd? Das ist eine Katastrophe. Vielleicht können Sie das nicht begreifen, weil Sie noch nie einen wichtigen Job …“

„Hey, Lady! Vorsichtig! Sie tun es schon wieder. Wenn Sie möchten, dass ich Ihnen helfe …“

„Wer sagt, dass ich das möchte?“, wehrte Harper ab. „Sie können mir nicht helfen. Oder können Sie vielleicht meine Handtasche herzaubern?“

„Möglich …“

Harper legte die Stirn in Falten „Möglich? Hängen Sie da etwa mit drin?“

„Nein. Aber Sie sagen, ein Typ mit einem Motorroller hat Ihnen die Tasche weggerissen?“

„Ja“, bestätigte Harper.

„Ist Ihnen an ihm irgendetwas aufgefallen?“, wollte der Mann wissen.

„Der Roller sah aus wie handbemalt. Ziemlich bunt, irgendwie wie diese Seemanns-Tattoos.“

Die Augenbrauen des Mannes hoben sich.

„Hatte der Typ hinten so ein Rockabilly Pin-Up auf der Jacke?“

„Hm“, überlegte Harper. „Da war irgendwas drauf. Ein großer Kreis mit einem Bild drin. Ich habe es nicht so genau gesehen. Doch jetzt wo Sie es sagen ... es könnte eine Frau drauf gewesen sein. Kennen Sie den Typ etwa?“

„Kennen wäre übertrieben. Aber wenn ich Glück habe, kann ich Ihnen die Tasche wiederbringen.“

Harper blieb skeptisch.

„Wie wollen Sie denn das anstellen? Der Typ ist bestimmt schon meilenweit weg.“

Ihr Gegenüber legte den Kopf schräg.

„Ich habe so meine Mittel und Wege.“

„Na, worauf warten Sie denn dann noch?“, drängte Harper. „Ohne den Stick bin ich aufgeschmissen.“

„Na ja, ganz umsonst mache ich das nicht“, entgegnete der Mann und zwinkerte ihr zu.

„Aha! War ja klar, dass es Ihnen nur ums Geld geht“, zischte Harper. „Wenn ich meine Tasche wiederbekomme, gebe ich Ihnen einen angemessenen Finderlohn.“

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

„Sie tun es schon wieder.“

„Was tue ich schon wieder?“

Harper verlor langsam die Geduld.

„Sie stellen schon wieder Mutmaßungen über mich an.“ Herausfordernd schaute ihr Gegenüber sie an.

„Na, Sie haben doch gerade selbst gesagt …“

Der Mann hob die Hand.

„Ich habe nicht von Geld gesprochen. Wer in dem Laden einkauft, hat genug davon.“ Er deutete auf die Papiertasche aus dem Schuhgeschäft. „Nein, es soll Sie wirklich etwas kosten. Ich möchte Ihren Respekt.“

„Bitte – den können Sie haben: Ich respektiere Sie.“ Harper verdrehte die Augen.

„Nein, nein, nein. So einfach ist das nicht“, protestierte der Mann. „Ich möchte, dass Sie einen Tag mit mir verbringen und zwar auf Augenhöhe. Sie werden sich Mühe geben, mich wirklich kennenzulernen. Deal?“

Er streckte ihr seine Hand hin, die – wie Harper nun bemerkte – reichlich schmutzig aussah.

„Schön. Deal. Aber wenn ich nicht in einer halben Stunde bei meinem Meeting bin, brauche ich die Tasche auch nicht mehr“, sagte Harper. Sie machte keine Anstalten, seine Hand zu ergreifen.

„Geben Sie mir fünfzehn Minuten.“ Er hielt die Hand weiter ausgestreckt, bis Harper sie schließlich widerwillig schüttelte.

„Ich bin übrigens Mason. Mason Fisher.“

„Harper Kelly“, entgegnete Harper knapp. „Fünfzehn Minuten.“

„Fünfzehn Minuten“, wiederholte der Mann, drehte sich um und joggte davon.

Harper schaute ihm nach und wischte die Handfläche an ihrem Hosenanzug ab. Sie wünschte sich sehnlichst die Desinfektionstücher aus ihrer Handtasche herbei. Sie beschloss, die Zeit zu nutzen, um noch einmal die Örtlichkeiten in dem Schuhgeschäft aufzusuchen und ihren Hosenanzug notdürftig zu reinigen. Sie rechnete nicht damit, dass dieser Mason tatsächlich wieder auftauchen würde und fragte sich, wo er den Koffer und seinen übrigen Klüngel gelassen hatte, wenn er doch – wie er behauptet hatte – keine feste Bleibe hatte. Harper schüttelte den Kopf. Nicht ihr Problem.

Als sie zehn Minuten später wieder auf die Straße trat, war von Mason nichts zu sehen. Harper schaute auf die Uhr. Wenn er nicht innerhalb der nächsten drei Minuten auftauchte, würde sie ein Taxi rufen und zu SONBIZZ fahren. Sie würde in der Firma anrufen und Jessica bitten müssen, ihr die Präsentation zu mailen – wenn die nicht gerade in der Mittagspause war. Los Angeles war schließlich drei Stunden zurück und das Meeting begann um 15 Uhr. Harper biss sich nervös auf ihre Lippen. Verflucht, das war alles nicht gut. Sie würde einen extrem unprofessionellen Eindruck machen.

Gerade wollte sie ein Taxi heranwinken, als Mason um die Ecke bog. Er schwenkte ihre Handtasche und kam im Dauerlauf auf sie zu.

Harpers Miene hellte sich auf, als Mason ihr die Tasche in die Hand drückte.

„Das Bargeld hat er natürlich behalten, aber der Rest ist noch drin“, kommentierte Mason stolz. „Sehen Sie sicherheitshalber mal nach. Gut möglich, dass er mich beschissen hat.“

Eilig kontrollierte Harper den Inhalt ihrer Tasche. Sämtliche Kreditkarten, ihr Handy und ihre Ausweise sowie der USB-Stick waren vorhanden.

„Alles noch da“, freute sie sich. „Woher wussten Sie …“

„Hab’ den Typ neulich in der Suppenküche kennengelernt. Er hat damit rumgeprotzt, dass er Touristen abzieht und mir verraten, wo man hier ein trockenes Plätzchen finden kann. Da hat er sich versteckt, um die Tasche zu untersuchen.“

Harper lächelte. „Danke.“

Sie schickte sich an, ein Taxi heranzuwinken.

„Hey! Sie haben doch wohl unseren Deal nicht vergessen?“

„Oh! Nein, sicher nicht. Einen Augenblick.“

Harper zog Zettel und Stift aus der Handtasche und notierte etwas darauf. „Das ist mein Hotel und meine Zimmernummer. Rufen Sie mich an und wir machen einen Termin aus.“

Mason pfiff durch die Zähne. „Wow! Sie wohnen im Four Seasons? Lady, Sie laden mich definitiv zum Essen ein!“ Er grinste.

„Das werde ich.“ Harper war es gelungen, ein Taxi heranzuwinken. Eilig stieg sie ein und schlug die Tür hinter sich zu.

„Den Teufel werde ich tun“, murmelte sie.

Eingeholt

„Das sind fantastische Neuigkeiten, Krümel!“ Anderson Kelly sah hochzufrieden aus. Er küsste seine Tochter auf die Stirn. „Ich wusste, dass du es schaffst. Eli sagt, die Leute von SONBIZZ waren schwer angetan von dir.“

„Danke, Dad.“ Harper war sichtlich stolz auf ihr erfolgreich abgeschlossenes Geschäft. „Dabei ist zunächst alles schiefgelaufen. Der Flieger war zu spät, mein Koffer war auf dem Weg nach Dallas, ich bin in den Regen geraten und dann wäre mir noch beinahe meine Tasche mit dem USB-Stick für die Präsentation geklaut worden.“

„Du bist bestohlen worden? Das hast du ja gar nicht erzählt. Warst du bei der Polizei?“, fragte Mr Kelly besorgt.

„Nein, nein, Dad. Keine Sorge. Es ist nichts passiert. Ein Typ auf einem Motorroller hat mir an der Straße versucht, die Tasche wegzureißen. Zum Glück konnte ich sie festhalten.“

Mr Kelly schüttelte den Kopf.

„In unseren Großstädten wird es immer schlimmer. Gut, dass dir nichts passiert ist, Krümel. Solche Leute schrecken heute vor nichts zurück für ein paar Dollar.“

Harper lachte und warf ihre blonden Haare in den Nacken.

„Mach dir nicht immer solche Sorgen, Dad. Ich bin groß und kann auf mich aufpassen.“

Anderson Kelly lächelte. „Da hast du recht. Ich bin beindruckt, wie du die SONBIZZ-Sache über die Bühne gebracht hast. Das beweist mir, dass du doch langsam bereit bist, in meine Fußstapfen zu treten. Ich kümmere mich in den nächsten Tagen um den Papierkram.“

Beflügelt trat Harper aus der Haustür und hielt für einen Moment das Gesicht in die Sonne. Was für ein herrlicher Tag und was für ein gutes Gefühl. Sie konnte wirklich stolz auf sich sein. Endlich zahlte es sich für sie aus, dass sie auf der Uni meistens der Stimme der Vernunft gefolgt war und ihre Zeit lieber in der Bibliothek verbracht hatte als durch die Partys der Verbindungshäuser zu tingeln. So hatte sie sich den unausweichlichen Kater und unnötige One-Night-Stands erspart. Für die schämte man sich doch ohnehin am nächsten Morgen. Stattdessen hatte sie lieber kontinuierlich an ihrem Erfolg gearbeitet. Nun würde sie die Früchte der harten Arbeit ernten.

Den hohen Ansprüchen ihres Vaters gerecht zu werden, war weiß Gott nicht leicht. Es war also nur angebracht, wenn sie sich selbst dazu gratulierte. Sie würde sich mit einer ausgiebigen Shopping-Tour belohnen.

Harper drückte dem jungen Mann vom Parkservice ihren Autoschlüssel in die Hand und kämpfte sich, beladen mit zahlreichen Tüten und Taschen, durch die Eingangstür ihres Apartmentgebäudes.

„Brauchen Sie Hilfe, Miss Kelly?“ Dominick Ortiz, der Concierge des Gebäudes, war zur Tür geeilt und hielt sie auf.

„Es geht schon, Dominick. Vielen Dank.“ Harper schenkte ihm ein Lächeln und steuerte auf den Lift am Ende der Lobby zu.

„Oh, bevor ich es vergesse, Miss Kelly …“

Harper drehte sich noch einmal zu Dominick um.

„Heute Vormittag war so ein merkwürdiger Kerl hier und hat nach Ihnen gefragt. Er sah reichlich abgerissen aus, wenn ich das so sagen darf.“

Harper ließ die Tüten sinken und starrte Dominick an.

„Hat er … hat er gesagt, was er hier wollte?“

„Nein. Er hat mir seinen Namen genannt. Irgendwas mit M. Martin, Marlon … nein, Mason. Behauptete, Sie wüssten dann schon, worum es geht.“

Harpers Herz klopfte und sie spürte die Hitze in ihr Gesicht steigen.

„Mason? Nein, sagt mir nichts“, log sie. „Hoffentlich kein Stalker.“

„Wenn er wiederkommt, werde ich ihn vor die Tür setzen“, versprach Dominick.

„Danke, Dominick. Gut, dass Sie mich informiert haben. Falls er Ärger macht, rufen Sie die Security.“ Harper raffte ihre Einkaufstaschen zusammen und beeilte sich, zum Lift zu kommen.

„Selbstverständlich, Miss Kelly. Machen Sie sich keine Sorgen. Mit dem werde ich schon fertig.“ Dominick Ortiz zwinkerte ihr zu und hob die Hand zu einer Art Militärgruß an die Schläfe.

Harper war froh, als die Aufzugtüren hinter ihr zuglitten. Sie tippte den Code für ihr Penthouse-Apartment ein, ließ sich erschöpft gegen die Rückwand sinken und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

Wie hatte dieser Typ sie gefunden? Sollte sie vielleicht besser zur Polizei gehen? Womöglich war er gefährlich.

Normal war es jedenfalls nicht, einer völlig Fremden einmal quer durch die Staaten nachzureisen.

Harper glaubte jedoch nicht, dass die Polizei die Sache ernst nehmen würde. Sie würde es also einfach der Security überlassen, ihr diesen Mason vom Hals zu halten. Dann würde er vielleicht von selbst aufgeben.

Dein Wort gilt!

Harper drückte den Knopf der Gegensprechanlage.

„Ja bitte?“

„Guten Morgen, Miss Kelly. Ihr Vater ist hier“, meldete sich Dominicks Stimme aus dem Lautsprecher. „Es ist noch ein Besucher dabei. Soll ich sie hochschicken?“

Harper blickte an sich hinab. Sie war noch in T-Shirt, Yoga-Pants und Flip-Flops. Wahrscheinlich Eli oder Morris, der Anwalt der Familie, der gerade die Übergabe der Firmengeschäfte vorbereitete. Wenn es jemand Wichtiges gewesen wäre, hätte ihr Vater sie auf jeden Fall vorgewarnt.

„In Ordnung, Dominick, schicken Sie die beiden rauf.“

Harper schlenderte in die Küche, schenkte sich noch einen Becher Kaffee ein. An die Kücheninsel gelehnt, wartete sie auf den Lift. Als die Türen sich öffneten, hätte Harper beinahe ihre Kaffeetasse fallenlassen.

Hinter ihrem Vater folgte Mason, der zugegeben heute einen wesentlich gepflegteren Eindruck machte, glattrasiert, die Haare gewaschen und gekämmt. Lediglich seine Jacke sah nach wie vor ziemlich abgewetzt und schmutzig aus.

„Dad! Was hat das zu bedeuten? Was macht DER hier?“, schleuderte Harper ihrem Vater entgegen.

„Das solltest du mir erklären“, entgegnete Mr Kelly streng. „Ich wollte dir gerade einige Papiere zur Unterschrift vorbeibringen und kam zufällig dazu, wie der Sicherheitsdienst dabei war, diesen jungen Mann aus der Lobby zu entfernen. Ich habe gefragt, was los ist. Und was glaubst du, was ich da erfahren habe?“

Harper beschloss, auf unwissend zu machen. Schließlich wusste sie nicht, was Mason ihrem Vater über ihre Begegnung in New York verraten hatte. Sie zuckte gespielt lässig mit den Schultern, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Was für eine bizarre Situation. Krampfhaft überlegte sie, wie sie aus dieser Nummer wieder herauskommen sollte.

„Keine Ahnung, was dieser Typ dir erzählt hat. Er war gestern schon mal hier. Dominick hat ihn rausgeschmissen.“

„Harper!“, entgegnete ihr Vater mit ruhiger Stimme in diesem drohenden Ton, den sie noch gut genug von früher kannte, wenn er genau wusste, dass sie etwas ausgefressen hatte. „Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen. Du hast …“ Er wandte sich Mason zu. „Mason, richtig?“

Der nickte und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln, während er Harper fixierte. Er schien seinen Triumph auszukosten.

„Du hast dich verraten, als du ihn erkannt hast. Was er mir erzählt hat, deckt sich weitgehend mit dem, was du mir aus New York erzählt hast, bis auf eine winzige Kleinigkeit: Du hast deine Tasche nicht festgehalten. Sie wurde gestohlen und er hat sie zurückgeholt.“

„Schön.“ Harper knallte die Tasse auf die Kücheninsel, so dass der Kaffee überschwappte. „Er hat mir geholfen, die Tasche wiederzubekommen. Ich habe ihm einen angemessenen Finderlohn angeboten und den hat er abgelehnt.“

„Dieser ER steht direkt vor Ihnen, Sie können also auch gern direkt mit ihm sprechen.“ Mason trat einen Schritt vor und schaute sie mit einem süffisanten Lächeln an.

„Hören Sie“, schleuderte Harper ihm entgegen. „Sie haben meine verzweifelte Lage ausgenutzt, um ein Versprechen zu erpressen, von dem Sie genau wie ich wussten, dass ich es sicher nicht halten werde.“

„Wusste ich das?“

„Du streitest also nicht ab, dass du ihm dein Wort gegeben hast, dass du mit ihm ausgehen wirst?“, schaltete sich Mr Kelly ein.

Trotzig stemmte Harper die Hände in die Hüften.

„Das kann nicht dein Ernst sein, Dad. Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich mich mit einem völlig Fremden treffe. Und in einem Monat findet ihr dann meine Überreste in einem Säurefass in irgendeinem Keller!“

„Wenn das deine Befürchtung ist, warum hast du ihm dann dein Wort gegeben, Harper? Du kannst nicht durch die Welt laufen und Leuten das Blaue vom Himmel versprechen, um zu bekommen, was du willst. Ich erlaube nicht, dass meine Tochter …“

„Du erlaubst nicht, Dad? Ich bin, verflucht nochmal, erwachsen und kann tun und lassen, was ich möchte.“

Harper konnte das Blut in ihren Ohren rauschen hören. Sie war schon lange nicht mehr so heftig mit ihrem Vater aneinandergerasselt.

„Wie du meinst.“ Mr Kelly senkte die Stimme und sah sie eindringlich an. Harper wusste, dass es gefährlich war, wenn ihr Vater ganz leise wurde. „Natürlich bist du erwachsen. Doch das bedeutet auch, dass du die Konsequenzen deines Handelns tragen musst.“

Harper blieb für einen Augenblick der Mund offen stehen.

„Das kannst du nicht wirklich ernst meinen!“

„Doch, Harper, das ist mein voller Ernst. Wenn du nicht langsam lernst, dass eine Kelly keine leeren Versprechungen macht, ist Eli Bergstein definitiv die bessere Wahl.“

„Wow! Halt, Moment!“ Mason war zwischen sie getreten und hatte beschwichtigend die Hände erhoben. „Ich weiß zwar nicht, was hier gerade abgeht, aber ich wollte wirklich keinen Ärger machen.“

„Ach, wollten Sie nicht?“, zischte Harper. „Deswegen kreuzen Sie hier auch aus heiterem Himmel auf und ziehen auch noch meinen Vater auf Ihre Seite?“

„Das war reiner Zufall, glauben Sie mir“, beschwichtigte Mason. „Ich wusste nicht einmal, wer der Herr war, als er in der Lobby dazwischengegangen ist. Ich verstehe vollkommen, dass Sie nicht mit einem Wildfremden allein sein wollen. Ein Vorschlag zur Güte: Etwa hundert Meter die Straße runter habe ich ein nettes, belebtes Café gesehen. Wir gehen einen Kaffee trinken und unterhalten uns ein Stündchen. Dann können Sie immer noch entscheiden, ob Sie mich für einen durchgeknallten Serienkiller halten.“

„Das klingt vernünftig, Harper“, fand Mr Kelly. „Denk daran, was wir besprochen haben.“

Harper warf ihm einen giftigen Blick zu. Würde ihr Vater Ernst machen und die Firma dauerhaft Eli übertragen, bloß weil sie sich weigerte, mit diesem Herumtreiber einen Kaffee zu trinken? Das Schlimme war, dass es ihm durchaus zuzutrauen war.

Harper biss auf ihrem Daumennagel herum.

„Na schön. Einen Kaffee!“

Ein total mieses Tinder-Date

Widerwillig folgte Harper Mason die Straße hinunter. Sie hatte sich schnell eine Jeans und ein bequemes Kapuzenshirt übergeworfen, um bloß nicht die falschen Signale zu senden. Sogar auf Make-up hatte sie verzichtet, obwohl sie ungeschminkt sonst nicht einmal den Müll raustragen würde. Sie war wild entschlossen, dieses blöde Kaffee-Date schnell hinter sich zu bringen.

„Suchen Sie uns einen Tisch, ich bestelle inzwischen. Sie sind natürlich eingeladen.“

Harper öffnete den Mund, beschloss aber den Kommentar hinunterzuschlucken. Mason atmete hörbar ein und verdrehte die Augen.

„Kommen Sie schon, es liegt Ihnen auf der Zunge, spucken Sie es aus. Sie wollten fragen, woher ich das Geld habe.“

Harper fühlte sich ertappt.

„Schön, ich gebe es zu. Es ist mir durch den Kopf gegangen.“

„Sagen Sie mir, was Sie bestellen möchten und suchen Sie uns einen Tisch, dann erzähle ich es Ihnen.“

„Einen großen Cinnamon-Latte.“

„Noch etwas dazu?“

„Nein, danke.“ Diese Veranstaltung musste nicht länger dauern als unbedingt nötig.

Während Mason die Getränke bestellte, suchte Harper einen Tisch ganz hinten in der Ecke. Sie wollte nicht riskieren, gesehen zu werden.

„Bitte sehr, die Dame.“ Mason stellte den Kaffee vor Harper ab und rutschte auf die Bank ihr gegenüber.

Er hob den Arm und schnupperte.

„Sehen Sie, dazugelernt. Ich habe heute Morgen extra geduscht.“

„Wunderbar.“ Harpers sarkastischer Ton schien Mason nicht zu beeindrucken. Er plauderte fröhlich weiter.

„Ich bin Ihnen noch die Erklärung schuldig. Sie wollten wissen, woher ich das Geld habe.“

Harper quittierte seine Worte mit einem knappen Nicken.

„Ich habe einen Kumpel von früher aus der High School. Der Typ hatte es sich in den Kopf gesetzt, Musiker zu werden. Ist direkt nach der Schule abgehauen nach Kalifornien. Wie auch immer, er hat ’ne bescheidene Bude in Venice Beach, spielt hier und da mal ein paar Gigs, schlägt sich eben so durch.“

Harper musste sich konzentrieren, Mason zu folgen. Er sprach wie eine Nähmaschine mit Turboantrieb. Definitiv zu schnell für einen Samstagvormittag vor der zweiten Tasse Kaffee.

„Lange Rede kurzer Sinn: Der Typ hat mich schon oft eingeladen, ihn in Venice zu besuchen und als Sie mich versetzt haben, habe ich beschlossen, sein Angebot anzunehmen.“

„Woher wussten Sie überhaupt, wo ich wohne?“, wollte Harper wissen.

Mason grinste. Etwas Verschmitztes lag in seinem Blick.

„Ich hab’ mir gedacht, dass Sie mir garantiert eine falsche Nummer geben werden. Also habe ich mir schon zeitig genug erlaubt, mir eine Ihrer Visitenkarten zu nehmen.“

Harper verzog das Gesicht.

„Hätte ich mir ja denken können.“

„Kommen Sie. Wie du mir, so ich dir. Sie haben mir das falsche Hotel genannt, ich habe mir eine Visitenkarte gemopst. Sie hätten mich eiskalt beschissen. Ich finde, wir sind quitt.“ Er zwinkerte ihr zu und Harper konnte nicht anders als zu grinsen.

„Okay. Punkt für Sie. Also … Sie sind bei Ihrem Kumpel in Venice Beach untergekommen …“

„Richtig. Bin getrampt und hatte Glück. Bin schon seit letzter Woche hier. Ich male Karikaturen und Porträts von Touristen. Venice Beach ist ein verdammt lukratives Pflaster dafür. Am letzten Wochenende hab’ ich so viel Kohle gemacht wie in New York in einer ganzen Woche nicht.“

„Aha! Das erklärt dann wohl die Einladung“, sagte Harper knapp und nippte an ihrem Kaffee. „Da sitzen wir jetzt. Und wie geht es nun weiter?“

„Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären auf einem Tinder-Date.“

„Ich bin nicht auf Tinder. Und wenn ich es wäre, hätte ich Sie nach links gewischt.“

„Geben Sie uns ’ne Chance, okay? Tun Sie meinetwegen so, als wären Sie auf einem total miesen Tinder-Date.“

„Okay.“ Harper seufzte. „Du bist also Künstler. Also mehr so der Bohème-Typ: Ich brauche keinen spießigen Job und diesen materiellen Scheiß, ich fühle das Leben.“

Mason zog die Brauen zusammen. „Warum tust du das, Harper?“

„Warum tue ich was?“

„Warum versuchst du die ganze Zeit, mir ein Label aufzudrücken? Hilft dir das irgendwie weiter?“

Harper atmete tief durch. Wenn ihr Vater nicht das Gefühl bekam, dass sie sich wirklich Mühe gegeben hatte, war sie geliefert. Er würde nicht zögern, sie auf die Wartebank zu verbannen und Eli die Geschäfte zu überlassen, nur um ihr eine seiner Lebenslektionen zu erteilen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Sache durchzuziehen.

„In gewisser Weise hilft es mir schon weiter“, beantwortete sie Masons Frage. „Oft muss ich Menschen sehr schnell einschätzen. Im Geschäftsleben muss man wissen, womit man bei seinem Gegenüber rechnen muss. Außerdem brauchst du dich überhaupt nicht aufs hohe Ross zu setzen. Du hast dir doch auch längst ein Bild von mir gemacht.“

Mason musste lachen. Er hatte ein wirklich ansteckendes Lachen, gestand sich Harper ein.

„Erwischt! Ja, ich hab mir auch so meine Gedanken gemacht.“

Harper hob herausfordernd die Brauen.

„Und, zu welchen Erkenntnissen bist du gekommen?“ „Ich denke, du hattest es bisher nicht besonders schwer im Leben – zumindest, was das Materielle angeht. Aber dein Vater, der ist eine harte Nuss. Du machst den Eindruck, als stündest du sehr unter Druck. Du willst Erfolg um jeden Preis und du tust dein Bestes. Trotzdem hast du das Gefühl, es könnte nicht reichen.“

Harper war für einen Augenblick sprachlos. Sie hatte mit einem Haufen Klischees und Vorurteile über höhere Töchter gerechnet und ihr hatte schon eine Retourkutsche auf der Zunge gelegen. Stattdessen lag diese Einschätzung verdammt nah an der Wahrheit.

„Mein Vater hat hohe Ansprüche an sich und an andere.“ Harper nahm noch einen Schluck Kaffee.

„Was macht ihr eigentlich für Geschäfte?“, wollte Mason wissen.

„LED-Video-Walls und Großleinwände für Veranstaltungen. Konzerte, Sport-Arenen und so weiter.“

„Wow! Kriegst du dann immer Backstage-Pässe und so?“

Harper lachte. „Eher selten, hin und wieder Sport-Tickets für die VIP-Loge.“

„Jedenfalls findet dein Vater, dass man Versprechen halten muss – das finde ich einen sehr sympathischen Zug.“

Mason grinste.

„Ja, er hat moralische Prinzipien – ich schätze, das ist heutzutage wirklich ein dicker Pluspunkt.“

Autor

  • Dorothea Stiller (Autor)

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Titel: Halt die Wolken fest (Liebesroman, Drama)