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Asche des Krieges (Fantasy, Liebe, Abenteuer)

von Saskia Louis (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nym weiß nichts mehr.

Auf der Suche nach Antworten begibt sie sich in die Tiefen der Kreisberge und muss schon bald erkennen, dass in einer Welt aus Lügen nichts ist wie es scheint. Und je mehr sie sich in die Geheimnisse der Götter verstrickt, desto deutlicher wird, dass sie die Macht von verlorenen Erinnerungen unterschätzt hat.

Während Vea eine Rebellion lostritt und in Bistaye erbitterte Machtkämpfe ausbrechen, ist nur eines gewiss: Im Krieg gegen die Götter kann es keine Gewinner geben ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe April 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-244-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-388-4

Covergestaltung: Künstlerin Antonia Sanker
© Antonia Sanker
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Pia,
meine härteste Kritikerin und baldige Weltherrscherin. Danke, dass du meine Ikano der Unterstützung bist und immer eine Umarmung parat hast, wenn ich sie brauche.

Du bist wunderbar!

Prolog

Wir sind alle verblendet. Wir sehen nur das Licht und vergessen dabei die Schatten. Ich bin die Regel, nicht die Ausnahme. Hätte ich nicht gesehen, was ich gesehen habe, hätte ich nicht gehört, was ich gehört habe – dann würde ich immer noch tun, was ich getan habe. Es wird erzählt, ich sei verrückt geworden. Doch das ist nicht wahr. Ich bin lediglich aufgewacht und wurde gezwungen, wieder einzuschlafen. Und alles, was mir blieb, war die Hoffnung. Die Hoffnung, dass meine Töchter es besser machen würden als ich. Aber in einer Welt, die sich der Taubheit verschrieben hat, wie soll da jemand Gehör finden?

Sie hatte Angst. Er konnte es in ihrem Blick sehen, der hektisch durch den Raum flog. An der grünbraunen Iris, die fast von der Pupille verschluckt wurde. An ihren Händen, die den goldenen Helm umklammerten.

Angst war etwas Gutes. Angst war das, was sie alle am Leben hielt. Wenn das Volk aufhörte, Angst zu haben … bekämen sie ein Problem.

Er lächelte. Es war eine Ewigkeit her, dass er selbst Furcht verspürt hatte. Zweihundert, vielleicht zweihundertfünfzig Jahre.

„Karu Kerwin. Es freut mich, dass du meinem Ruf so zeitnah gefolgt bist.“

„Natürlich, Api.“ Sie senkte den Kopf, entblößte ihren Nacken. Er konnte sehen, wie schwer ihr diese Geste fiel, wie sie die Schultern versteifte. Konnte hören, wie ihre Atmung flacher wurde.

„Weißt du, warum ich dich habe rufen lassen?“, fragte er leise. Er wandte den Blick ab und strich mit seinen Fingerspitzen die Buchrücken entlang, so wie er es immer tat, wenn er ungeduldig war. Eine schlechte Angewohnheit, die er seit Jahrhunderten nicht abzulegen vermochte. Seine Hand hielt inne, als er den Glaswürfel erreichte, der als Buchstütze diente. Der Würfel, in dem eine einzelne Münze stand. Er ließ seinen Arm fallen und betrachtete wieder die Soldatin vor ihm.

„Ich habe dir eine Frage gestellt.“

„Nein, Api. Ich … mir ist nicht klar, warum Ihr nach mir habt schicken lassen.“

„Tatsächlich?“ Sie log. Alle Menschen logen. Da waren sie den Göttern gar nicht so unähnlich.

„Ja.“ Karu Kerwin schluckte und nickte hastig.

Er seufzte leise und strich sich die goldene Robe glatt. „Karu, es gebietet sich nicht, einen Gott zu belügen.“

„Ich würde nie –“

„Du hast etwas gesehen, Karu. Etwas gehört. Etwas, das nicht für deine Augen und Ohren bestimmt war. Und du hast keine Ahnung, wie sehr mir das leidtut.“

Die Frau wich vor ihm zurück, eine Hand an dem Knauf ihres Schwertes. „Ich … es tut mir leid, Api. Es war ein Versehen. Ich wollte Euch nicht … ich werde es niemandem erzählen.“

„Ah, Karu. Wie könnte ich mir dessen sicher sein?“

„Ich gebe Euch mein Wort. Ich … schwöre auf das Leben meiner Töchter.“

„Deiner Töchter?“ Er hob seine Augenbrauen. „So leichtfertig riskierst du ihr Leben?“

Sein Gegenüber schüttelte hastig den Kopf. „Ich riskiere es nicht, denn ich halte meine Versprechen.“

Wieder seufzte er schwer. Versprechen waren nichts wert. Versprechen wurden gebrochen. „Ich fürchte, darauf kann ich mich nicht verlassen, Karu. Denn vor einer Woche hättest du sicherlich auch noch behauptet, dass du nie auf die Idee kämest, die Götter zu belauschen.“

Die Frau vor ihm befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge, ließ ihre Hand vom Knauf ihres Schwertes gleiten und atmete zitternd aus. Sie gab auf. Und er war erleichtert darüber.

„Werdet Ihr … werdet Ihr mich töten?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Töten? Nein. Dafür bist du viel zu wertvoll, Karu. Eine so starke Ikano des Feuers findet man nur selten. Nein, nein. Du wirst leben. Aber ich fürchte, ich muss dich etwas vergessen lassen.“

„Vergessen?“

„Ja.“

„Wenn es wegen Tergon ist …“

„Ja, unter anderem auch wegen Tergon“, sagte er leise und trat einen Schritt auf sie zu. „Die Menschen dürfen nicht wissen, was mit ihm passiert ist. Sie könnten den falschen Eindruck gewinnen, solltest du ihnen jemals von den Dingen erzählen, die du belauscht hast, findest du nicht?“

„Natürlich. Natürlich! Wie gesagt, ich werde es nicht verraten. Ich –“

„Ich vertraue keinem Menschen, Karu, tut mir leid“, murmelte er, überwand die restliche Distanz zwischen ihnen und presste seine kalten Finger auf ihre Schläfen. Sofort befand er sich in dem Raum ihres Geistes. Sie wehrte sich nicht einmal. Hatte nicht einmal eine Tür geschaffen, um ihn aufzuhalten. Er blickte in die Fenster ihrer Erinnerungen und wischte fahrig Bild um Bild fort, bis er zu dem Ereignis kam, das er gesucht hatte. Er starrte seine eigene Reflektion an. Die von Valera. Von Thaka. Dann griff er in das Fenster und zerschnitt sie mit seinen Fingern. Verwischte sie, verschleierte sie, zerstörte sie. Er arbeitete schnell, denn mit jedem verstreichenden Moment wurde es heißer. Der Ikano war bewusst geworden, was er tat. Sie begann sich zu wehren. Seine Griffe wurden immer unpräziser, aber darauf konnte er keine Rücksicht nehmen.

Die Hitze wurde unerträglich. Umschloss ihn, drang durch den Stoff seiner Robe. Er musste gehen. Er hatte genug Spuren verwischt. Genug Erinnerungen entfernt. Es würde reichen. Mit Sicherheit.

Kapitel 1

Karus Schritte federten auf dem weichen Teppich wider, der auf den Treppen ausgelegt war. Sie war müde. Sie wollte endlich nach Hause, ihre beiden Töchter in die Arme nehmen, ihrem Mann einen Kuss geben und diesen Tag vergessen. Doch sie musste den Göttern Bericht erstatten, so verlangte es das Protokoll.

Sie erreichte den Treppenabsatz, glitt langsam den Flur entlang – und stockte.

Nym keuchte auf und schnappte nach der kalten Luft, die in Form weißen Nebels vor ihrem Gesicht hing. Ihr Kopf tat weh. Noch nie hatte ihr eine von Apis Erinnerungen geschmerzt, aber diese … diese ließ sie ihre kalten Handflächen an die heißen Wangen pressen.

Es war Api gewesen. Der Gott der Vergeltung hatte dafür gesorgt, dass ihre Mutter verrückt geworden war.

Es war nicht ihre Schuld. Es war nicht Veas Schuld. Sie hatten nichts mit dem Selbstmord ihrer Mutter zu tun. Api hatte ihren Geist verändert – und dabei versagt. Er war nicht präzise genug vorgegangen. Er hatte sie verrückt werden lassen.

Aber warum? Was hatte sie gesehen? Was hatte sie herausgefunden? Was war mit Tergon passiert? Was durften die Menschen nicht erfahren? Was verbargen die verdammten Götter da nur vor ihrem Volk?!

„Salia? Was ist los? Alles okay?“

Ihr Kopf fuhr herum und sie blickte in warme dunkle Augen. Jeki. Er hatte wohl Wache gehalten.

Sie zog ihre Beine an, ließ die Hand zu ihrer Stirn gleiten und atmete zitternd aus.

„Salia?“

„Ich habe nur … nur schlecht geträumt“, murmelte sie, schüttelte den Kopf und ließ den Blick über die Ebene gleiten, auf der sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie hatten ihre Matten kreisförmig um ein bereits erloschenes Feuer gelegt. Jeki saß zu ihrer Rechten, Levi lag zu ihrer Linken. Leena und Filia schliefen ihr gegenüber.

„Schlecht geträumt?“, wiederholte Jeki, der neben ihr hockte, seinen intensiven Blick auf ihr Gesicht gerichtet.

Sie nickte. „Ja, keine große Sache.“

Sie hatte niemandem erzählt, dass sie Zugang zu Apis Erinnerungen hatte – und das würde sie auch nicht nachholen. Ihre Mitstreiter hatten genug Sorgen, als dass sie auch noch befürchten mussten, dass Nym durchdrehte. Die Angst davor setzte ihr allein schon genug zu!

Wusste der Gott von ihrer Verbindung? Konnte er sie ebenso nutzen, vielleicht sogar, ohne dass sie es merkte? Überwachte er jeden ihrer Schritte?

„Hast du etwa auch vergessen, gut zu lügen?“, fragte Jeki interessiert und ließ sich neben ihr auf die Bambusmatte sinken. Auf die Stelle, wo soeben noch ihr Kopf gelegen hatte.

„Was?“ Nym wandte ihm den Kopf zu und erwischte ihn bei einem Lächeln.

„Du lügst“, stellte er fest und legte einen Arm um sie, „und du bist eiskalt!“ Die Worte kamen so schockiert über seine Lippen, dass Nym fürchtete, er könne damit die anderen aufwecken. Doch niemand regte sich.

„Salia! Du frierst. Was zum Teufel hat dich geweckt?“

Augenblicklich erhitzte Nym ihre Haut. „Nur eine Erinnerung, die mit meiner Mutter zu tun hatte“, erklärte sie.

„Okay.“ Jeki drängte sie nicht dazu, mehr zu sagen. Vielleicht, weil er wusste, dass sie sich nicht drängen lassen würde.

Sie saßen eine Weile schweigend da, Nym eng an seine Seite gepresst, in Sicherheit. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und sah durch die kargen Baumkronen des asavezischen Laubwaldes auf die Spitzen der Kreisberge, deren schwarze Umrisse sich vom klaren Sternenhimmel abhoben. Wie große Männer, die bedrohlich auf sie hinabsahen. Darauf warteten, dass sie einen Fehler begingen, damit sie angreifen konnten. Morgen würden sie sich an den Aufstieg machen. Hier, am Fuße der Berge, war es bereits kühl, und Nym wollte gar nicht wissen, wie kalt es auf dem Gebirge selbst sein würde.

Die Kreisberge. Niemand ging in die Kreisberge.

Sie senkte den Blick. Vielleicht war sie dem Wahnsinn ja schon verfallen.

„Hast du Angst?“, fragte Jeki leise, der ihrem Blick gefolgt war.

„Vor den Kreisbergen?“

Er nickte.

„Nein. Nicht vor den Bergen. Ich habe Angst davor, dass wir nichts finden werden. Dass ich keine Antworten auf meine Fragen bekomme.“

„Angst davor, dass das Kreisvolk nicht existiert?“

Sie lächelte grimmig. „Oh, es existiert. Ich weiß, dass es existiert. Die Götter würden sich nicht die Mühe machen, die Existenz des Volkes derart infrage zu stellen, wenn es nicht tatsächlich real wäre. Aber ich fürchte, dass wir sie nicht finden werden, wenn sie nicht gefunden werden wollen.“

„Wir schaffen es schon“, sagte Jeki, und er klang zuversichtlicher, als Nym sich fühlte. „Ich hasse es, das zu sagen, aber zusammen mit dem Ikano der Luft sind wir eine ziemlich starke Streitmacht.“

Ja, vielleicht. Aber ein Kampf war in diesem Fall nicht die Lösung.

„Letztendlich ist es egal, ob wir gut oder schlecht vorbereitet sind“, meinte Nym schulterzuckend. „Die Unwahrscheinlichkeit, das Volk zu finden, ändert nichts an der Tatsache, dass wir es versuchen müssen.“

Sie konnte Jeki nicken spüren, doch er schwieg.

Sie kuschelte sich enger in seine Umarmung, einfach weil sie sie nötig hatte, und ihr Blick flackerte kurz zu Levi, der auf dem Rücken schlief, einen Arm unter den Kopf geklemmt. Er sah friedlich und zufrieden aus. Ein Umstand, der sich ändern würde, sobald er die Augen aufschlug. Nyms Mundwinkel zuckten. Irgendwie, wenn man den bevorstehenden Krieg mal außen vor ließ und ihre derzeitige Situation neutral betrachtete, war die ganze Sache hier ganz schön aberwitzig.

Sie war mit ihrem Verlobten, den sie vergessen hatte, ihrem Liebhaber, der mehrfach versucht hatte, sie umzubringen, ihrer ehemaligen besten Freundin, die sie nun hasste, da Nym ihre zwei Brüder umgebracht hatte, und der größten Zicke, die in den letzten Tagen die Netteste von allen gewesen war, unterwegs in die Kreisberge, die einen laut Legende töteten, sobald man den ersten Fuß auf sie setzte. Manche Dinge konnte man einfach nicht erfinden.

Sie seufzte leise und zog sich den Leinenstoff, der ihr als Decke diente, höher um die Schultern. „Jeki? Hast du dich schon einmal gefragt, wo Tergon steckt?“

„Was?“

„Tergon. Der vierte Gott. Hast du ihn schon einmal gesehen?“

„Nein, natürlich nicht. Niemand hat das. Er mag die Öffentlichkeit nicht.“

Sie nickte. „Ja … oder er ist verschwunden. Vielleicht sogar tot. Möglicherweise ist es das, was die Götter versuchen zu vertuschen. Dass Tergon überhaupt nicht mehr existiert.“

„Wie kommst du jetzt darauf?“

„Keine Ahnung, es ist nur so ein Gefühl. Findest du es nicht merkwürdig? Dass niemand ihn gesehen haben will?“

„Doch schon, aber –“ Jeki hielt inne. „Moment. Das stimmt nicht. Es gibt jemanden, der ihn getroffen hat.“

Nym wandte ihm abrupt den Kopf zu. „Was?“

Er nickte. „Natürlich. Deine Schwester.“

„Vea?“

„Hast du noch eine andere?“

„Aber … wann?“

„Erinnerst du dich nicht? Du hast es mir damals selbst erzählt. Nachdem eure Mutter gestorben ist, wurde Vea in den Palast geladen, wo sie allen Göttern vorgeführt wurde. Allen vieren. Das waren deine Worte. Und ich wüsste nicht, warum Vea dich damals hätte anlügen sollen.“

Nym zog die Augenbrauen zusammen und dachte über Jekis Worte nach. Sie waren wahr. Das wusste sie, auch wenn sie sich selbst nicht mehr an die Situation erinnern konnte. „Du hast recht. Vea hat sie alle vier gesehen.“

Und dennoch: Irgendetwas stimmte nicht mit Tergon. Ihre Mutter hatte etwas herausgefunden, und als Jaan in der Zweiten Mauer den Gott der Vergebung erwähnt hatte, hatte Thaka äußerst erbost reagiert. Das musste doch etwas bedeuten, oder nicht?

Nur was?

Und falls er noch lebte – vielleicht hielten die anderen Götter ihn im Palast gefangen? Gegen seinen Willen? Weil er die Wahrheit hatte erzählen wollen? Die Wahrheit über … was auch immer.

Aber nein. Alle Götter waren gleichstark. Sie beherrschten die vier Elemente. Sie waren unsterblich. Man könnte Tergon sicher nicht einfach überwältigen … obwohl: Wenn drei gegen einen kämpften?

Frustriert ließ Nym ihren Kopf nach vorne auf ihre Knie fallen. Sie wusste es nicht! Da waren zu viele Komponenten, die sie nicht erklären konnte. Zu viele Puzzleteile, die nicht passten. Zu viele verdammte Informationen, die sie nicht hatte!

Sie musste etwas übersehen. Irgendetwas Großes. Es musste doch eine Erklärung für all das geben.

„Du solltest noch etwas schlafen, Salia“, flüsterte Jeki und drückte sanft ihre Schulter. „Wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns und wir brauchen deinen Kopf wach und geordnet.“

Sie hätte beinahe laut zu lachen angefangen. Wann bitte war ihr Kopf das letzte Mal geordnet gewesen? Das war ein Zustand, den sie sich nicht einmal mehr vorstellen konnte.

Dennoch nickte sie. Sie war erschöpft. Die nächtlichen Stunden, die sie in dem Raum ihrer Gedanken verbrachte, waren nicht erholsam. All diese Zeit, in der sie ihre eigenen Erinnerungen studierte, die Gedanken Apis aufgedrängt bekam und den Hebel anstarrte, der auf einmal an der Wand erschienen war, nahmen ihr den ruhigen Schlaf, den sie brauchte.

Sie schloss die Augen, genoss Jekis vertraute Wärme und fragte sich, ob sie vielleicht glücklicher wäre, wenn sie ihre Erinnerung nie verloren hätte und immer noch den Göttern folgen würde. Wahrscheinlich ja. Es war so viel einfacher, die Gegebenheiten blind zu akzeptieren.

„Ich bin froh, dass du nicht mehr bei den Göttern bist, Jeki“, murmelte sie und ließ ihren Kopf auf seine Schulter sinken. „Ich bin froh, dich hier zu haben.“

Jeki antwortete nicht. Sie konnte ihn lediglich nicken spüren. Er war ihretwegen hier. Nicht aus freien Stücken. Und wahrscheinlich vertraute er den Göttern noch immer, egal, wie viel Leid sie ihm zugefügt hatten. Aber Nym hatte die Ahnung, dass sich dies ändern würde – sollten sie das Kreisvolk jemals finden.

 

***

 

Es roch nach Zimt und Staub.

Da waren Stimmen. Männliche Stimmen. Die tiefen Töne kitzelten in ihren Ohren. Sie fühlte sich merkwürdig. Ausgeschlafen, so als wären ihre Augen tagelang geschlossen gewesen, aber gleichzeitig zittrig erhitzt, so als wisse ihr Körper nicht genau, ob ihre Beine sie tragen würden.

„Sie hat sich bewegt!“

„Was?“

„Ihre Augenlider haben gezuckt.“

„Sicher, dass es nicht dein Kopf war, der gezuckt hat?“

„Sieh doch hin, du Frosch! Ihre Finger zittern.“

„Frosch? Weil ich ein Ikano des Wassers bin?“

„Du bist von der schnellen Sorte, oder?“

„Ist Frosch eine Beleidigung? Ich meine, Frösche sind anmutige Tiere mit klasse Sprunggelenken. Ich wünschte, ich könnte so hoch springen wie ein Frosch. Dann würde ich einfach in die erste Mauer hüpfen und die Götter besuchen.“

„Halt die Klappe und hol Wasser!“

„Wer hätte gedacht, dass du tief in dir verborgen die Autorität deines Bruders versteckt hältst?“

Schritte entfernten sich, eine Tür wurde geöffnet und geschlossen und dann spürte Vea, wie die weiche Unterlage, auf der sie lag, nach unten gedrückt wurde und eine warme Hand über ihre Wange strich.

„Vea? Vea, bist du wach? Wenn du wach bist, mach bitte die Augen auf, ja?“

Die Stimme klang so vorsichtig, so bittend, dass sie gar nicht anders konnte, als ihrer Anweisung zu folgen.

Sie blinzelte und brauchte eine Weile, bis sich ihre Augen an das helle Licht gewöhnt hatten und das Gesicht erkannten, das sich über ihres beugte.

„Janon“, flüsterte sie und lächelte.

„Wie kannst du es wagen, zu lächeln?“, wollte ihr Freund ungläubig wissen. Er stieß zischend Luft aus und schob ihr mit zittrigen Fingern die Haare aus dem Gesicht. „Du hast mir eine Todesangst eingejagt. Ich dachte, du wachst nie mehr auf!“

Vea gähnte und wollte sich aufrichten, doch Janon drückte sie mit sanfter Gewalt an den Schultern zurück auf die Matratze.

„Was genau hast du vor?“, fragte er perplex und besorgt zugleich.

Sie verdrehte die Augen. „Aufzustehen, Janon! Es ist hell draußen.“

„Das kannst du vergessen. Du rührst dich nicht von der Stelle.“

Also, jetzt war er einfach nur albern. „Stell dich nicht so an, Janon.“

„Vea. Du bist umgekippt und warst fast zwei Tage lang nicht bei Bewusstsein“, sagte er mit eindringlich leiser Stimme. „Du bist weiß wie eine Wand geworden und hast dich die nächsten achtundvierzig Stunden lang nicht mehr gerührt. Du wirst nicht aufstehen.“

„Ich habe zwei Tage lang durchgeschlafen?“ Stirnrunzelnd neigte sie den Kopf. Das konnte unmöglich wahr sein.

„Kannst du mich nicht hören? Ist was mit deinen Ohren?“ Janons dunkle Augen waren so besorgt, dass Vea unwohl zumute wurde. Er nahm das Leben doch sonst so leicht. Wenn er wirklich Angst um sie gehabt hatte …

„Meinen Ohren geht es gut, Janon. Mir geht es gut.“

„Ach ja? Dann wiederhole ich noch mal: Du hast nicht friedlich geschlummert, Vea. Du bist umgekippt und hast für zwei verdammte Tage dein Bewusstsein verloren!“

Blinzelnd und noch ein wenig benommen wandte sie ihren Kopf und sah sich im Raum um. Sie befand sich in einem von Brags Schlafzimmern. Daran war nichts Ungewöhnliches.

„Aber ich verstehe nicht. Was ist denn passiert, ich … oh!“

Mit einem Mal kam alles wieder zurück. Die Sechste Mauer. Die Ratsmitglieder, die darüber entscheiden mussten, ob sie kämpften oder sich unterordneten. Sie hatten abgestimmt und dann … dann …

Vea fuhr in die Höhe und saß kerzengerade im Bett.

„Du sollst dich nicht bewegen“, sagte Janon angespannt, seine Hände wieder auf halbem Wege zu ihren Schultern, doch sie schlug sie weg.

„Was ist passiert?“, fragte Vea verwirrt. „Hat die Garde uns erwischt? Musstet ihr gegen sie kämpfen? Wo sind die anderen? Geht es ihnen gut? Wo ist Nika?“

„Vea, beruhige dich.“

Wie sollte sie sich beruhigen? Da waren Soldaten an der Tür gewesen. „Wo ist sie? Lebt sie noch? Ist sie –“

„Vea“, unterbrach Janon sie laut, die Hände nun fest um ihr Gesicht geschlossen, damit sie stillhielt. „Es geht ihr gut! Es geht allen gut. Keine Garde, kein Kampf. Es ist nichts passiert – von deiner dramatischen Ohnmachts-Einlage mal abgesehen.“

Sie blinzelte verwirrt, zog ihre Beine an und lehnte sie gegen Janons Seite. „Ich verstehe nicht.“

„Na, da sind wir schon zwei.“

„Aber das Klopfen, Janon! Da war ein Klopfen. Kurz bevor ich ohnmächtig geworden bin. An Hegins Tür.“

„Was?“

„Bei Nerrew Hegin!“ Ihre Stimme wurde lauter, aber was sollte sie auch anderes tun, da er doch offenbar so schlecht hörte! „Bei der Abstimmung. Jemand hat ‚Aufmachen!‘ geschrien. Ich dachte, es wäre die Göttliche Garde, und dann …“ Sie runzelte die Stirn. „Nun, ich erinnere mich nicht daran, was danach passiert ist.“

„Vea.“ Janon strich mit den Daumen über ihre Wangen, doch diese beruhigende Geste machte sie nur noch aggressiver. „Da hat niemand geschrien. Weder aufmachen noch irgendetwas anderes.“

Was redete er da?! Gewaltsam zog sie seine Hände von ihrem Gesicht. Er verhielt sich, als sei sie verrückt geworden!

„Doch, natürlich. Die Ratsmitglieder haben gerade die Hände gehoben und … Bei den Göttern, die Abstimmung! Wie haben sie entschieden? Was wird passieren? Haben sie –“

„Könnten wir uns vielleicht erst einmal auf die Stimmen in deinem Kopf konzentrieren, bevor wir wieder in die Realität zurückkehren?“, fragte Janon vorsichtig.

„Ich hab mir das nicht eingebildet!“, schrie sie. „Es …“

„Du bist wach.“ Die Tür wurde aufgestoßen und Nika stürzte herein. „Wusste ich doch, dass das deine liebliche Stimme ist. Bei den beschissenen vier Göttern, ich dachte, jetzt ist es um dich geschehen.“

Erleichtert sackte Vea in sich zusammen. Sie war genau die Person, die sie jetzt brauchte.

„Nika“, stieß sie aus und umfasste die Hände ihrer Freundin, die sich neben Janon auf die Bettkante gesetzt hatte. „Könntest du Janon bitte erzählen, dass ich nicht bescheuert bin? Du hast das Klopfen doch auch gehört, oder?“

Nika blickte zwischen Janon und Vea hin und her, bevor sie die Augenbrauen hob. „Das Klopfen? Ja, natürlich.“ Sie nickte, und Vea seufzte auf. Endlich! „Ich glaube, das waren die Nachbarn“, fuhr Nika fort. „Sie haben vor ein paar Stunden offenbar versucht, ein Bild aufzuhängen. Das muss ein Monstrum von Gemälde gewesen sein, so viele Nägel, wie die in die Wand gehauen haben …“

„Was?“ Veas aufkeimende Erleichterung verflüchtigte sich schlagartig. Sie schüttelte den Kopf. „Das meinte ich nicht. Ich spreche von dem Klopfen bei der Abstimmung. Bevor ich ohnmächtig geworden bin. Jemand hat gerufen und –“ Angesichts des Unverständnisses auf Nikas Gesicht brach sie ab. „Du hast es auch nicht gehört?“

Entschuldigend zog Nika die Schultern hoch. „Nein, tut mir leid. Du bist umgekippt – aber da war kein Ruf oder Klopfen. Vielleicht hast du es ja geträumt? Genug Zeit dafür hattest du ja.“

Vea öffnete den Mund, betrachtete Janon, dessen Miene nur noch besorgter wirkte, sah Nika an, die erwartungsvoll auf Bestätigung wartete – und schloss ihn wieder.

Sie nickte. „Ja. Das wird es gewesen sein.“

Aber das stimmte nicht. Sie hatte es nicht geträumt. Genauso wenig, wie sie es sich eingebildet hatte. Sie spürte immer noch Janons skeptischen Blick auf ihrem Gesicht – er hatte schon immer gewusst, wann sie Blödsinn von sich gab – und zwang sich zu einem Lächeln. „Entschuldigt, ich bin vom vielen Schlafen wohl etwas durcheinander.“

„Du hast nicht geschlafen“, fuhr Janon sie an. „Du warst ohnmächtig, du –“

„Du wiederholst dich, Janon. Mir geht es gut. Ich fühle mich wunderbar. Wirklich. Hör auf, mich anzusehen, als –“

„Als wärst du umgekippt und zwei Tage lang nicht wieder aufgestanden?!“

Meine Güte, seine hysterische Seite konnte sie wirklich nicht leiden. „Ich war offensichtlich übermüdet“, stellte sie fest. „Zu viel Druck und Stress und … na ja, Krieg ist nun einmal nicht gerade entspannend. Wer hätte das ahnen können?“

„Vea, hör auf, es runterzuspielen. Du hast keine Vorstellung davon, wie viel Angst wir um dich hatten. Du hast nicht gesehen, wie dir das Blut aus dem Gesicht geflossen ist. Irgendetwas stimmt offensichtlich nicht mit dir!“

„Mit mir ist alles okay, Janon. Im Moment würde ich mir eher Sorgen um dich machen. Dein Gesicht sieht aus, als würdest du versuchen, es zum Platzen zu bringen.“

Janon wirkte nicht amüsiert, dabei fand Vea sich gerade ziemlich witzig.

Seufzend legte sie ihre Arme um seinen Hals. „Janon“, murmelte sie und küsste ihn. „Vielleicht war mit meinem Körper irgendetwas nicht in Ordnung und er hat zwei Tage gebraucht, um es zu bekämpfen. Aber mir geht es gut. Wirklich. Er hat die Krankheit, oder was auch immer mich umgehauen hat, offensichtlich besiegt.“

Misstrauisch musterte er sie und ließ eine Hand auf ihre Stirn gleiten, bevor er schließlich aufstand. „Mir gefällt das ganz und gar nicht, Vea.“

„Ich liebe dich, Janon.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Das wiederum gefällt mir sehr.“

„Schön, dann hätten wir ja geklärt, was du gut und was du schlecht findest.“ Sie schwang die Beine aus dem Bett. „Könnte mir dann jetzt bitte endlich jemand sagen, wie die Ratsmitglieder entschieden haben? Und mir etwas zu essen bringen? Ich verhungere gleich.“

Wie auf Kommando öffnete sich die Tür und Ro trat ein. In der rechten Hand hielt er einen mit Wasser gefüllten Becher, in der linken ein Stück Brot. „Ich hoffe, ihr habt euch jetzt beruhigt“, stellte er fest und reichte ihr Getränk und Essen. „Das ganze Geschrei hätte womöglich noch die Garde auf den Plan gerufen, und ich möchte meinen Morgen nicht mit einem Gemetzel beginnen.“

Er sollte sich nicht zu früh freuen. Wenn ihr nicht gleich jemand erzählte, was in der Sechsten Mauer vorgefallen war, würde sie mit dem Brüllen nämlich wieder anfangen.

„Sie haben dafür gestimmt“, sagte Janon und strich sich die Falten aus der Hose. „Für eine Rebellion“, erklärte er weiter, als Vea ihn fragend ansah. „Sie wollen gegen die Götter kämpfen und uns helfen. Deine Ansprache hat sie wohl überzeugt.“

„Aber?“, fragte Vea mit vollem Mund, bevor sie das Brot mit etwas Wasser herunterspülte.

„Aber?“, echote Janon.

Sie schnaubte. „Komm schon. Du kannst mir nicht erzählen, dass sie keine Bedingungen gestellt haben. Die Ratsmitglieder waren ja nicht gerade versessen darauf, sich in die Schlacht zu stürzen.“

Seufzend sah er zu Ro hinüber, der leise lächelnd an der Tür lehnte.

„Es gibt ein Aber“, bestätigte er schließlich. „Sie verlangen, dass wir zuerst ihre Kinder in Sicherheit bringen, bevor sie einen Aufstand lostreten.“

Vea hob die Schultern. „Klingt vernünftig. Na, dann machen wir das doch.“

Ro stieß einen Ton aus, den Vea nicht ganz einem Lachen oder einem Laut des Wahnsinns zuordnen konnte.

„Natürlich!“, sagte er. „Wir schaffen alle Kinder raus und danach schreibe ich Valera einen Liebesbrief, bekomme zwei hübsche Kinder mit ihr und hole mir den Mond vom Himmel.“

Vea legte den Kopf schief. „Ich persönlich finde die Sonne ja viel interessanter, aber wenn du den Mond haben willst … tu dir keinen Zwang an.“

„Findest du Valera etwa attraktiv?“, wollte Nika wissen, die Arme vor der Brust verschränkt. „Sie ist viel zu alt für dich! Älter als zweitausend Jahre, Ro. Das ist … eklig.“

„Meine Güte.“ Ro legte sich eine Faust auf die Stirn und schüttelte den Kopf. „Übersieht denn jeder hier das Offensichtliche? Wir können die Kinder nicht einfach alle rausschaffen! Ihr erinnert euch vielleicht daran, was das letzte Mal passiert ist, als wir Rebellen aus der Sechsten Mauer schleusen wollten? Tod? Verderben? Feuer? Klingelt da was?“

„Du bipft spfo nepfativ, Ro!“, sagte Vea, während sie mit ihren Zähnen ein weiteres Stück Brot abriss.

„Seit wann ist Realismus negativ?“, wollte Ro feindselig wissen, bevor er laut seufzte. „Ich brauche Levi. Niemand ist ein so begabter Schwarzmaler wie er. Er würde euch die Flausen schon aus dem Kopf brüllen.“

Vea schluckte. „Das letzte Mal hattet ihr einfach einen beschissenen Plan“, stellte sie fest.

Irritiert sah Ro sie an. „Wir hatten gar keinen Plan.“

„Ich weiß. Das war ja das Beschissene daran.“

Er verdrehte die Augen. „Levi und ich hatten davor immer großen Erfolg mit unserer Philosophie.“

Schnaubend zeigte Vea ihm den Vogel. „Nichts für ungut, aber das, wonach ihr gehandelt habt, kann man beim besten Willen nicht Philosophie nennen. Normale Menschen benutzen das Wort Wahnsinn. Ihr hattet mehr Glück als Verstand und seid begabte Kämpfer. Das ist der einzige Grund, warum ihr beide noch nicht am Grund des Appos liegt.“

„Ich stimme ihr zu“, sagte Nika.

„Natürlich tust du das“, grummelte Ro und hob beide Hände in die Höhe. „Schön, Vea. Erkläre es mir. Wie willst du alle Kinder aus der Sechsten Mauer bringen, ohne dass sich das Massaker vom letzten Mal wiederholt?“

Vea schluckte das letzte Stück Brot herunter und sah dann aus dem Fenster. In der Ferne erkannte sie die Sechste und Siebte Mauer, die mittlerweile die Farbe des sandigen Bodens angenommen hatten, auf dem die Steine seit Ewigkeiten standen.

Die Sechste Mauer war groß. In ihr lebten mehr Menschen als in allen anderen. Die Siebte hingegen wurde meist vergessen, so klein und dünn besiedelt war sie. Außerdem gab es in der Siebten Mauer kaum Wachen, da dort nur verlorene Existenzen und Menschen lebten, die in Vergessenheit geraten waren. Bettler, Krüppel, Gesindel. Diese musste man kaum kontrollieren. Nein, das Problem waren die Soldaten, die aus der Vierten in die Fünfte Mauer strömen würden – und der Mangel an fähigen Kämpfern.

„Man müsste es gleichzeitig machen“, sagte Vea langsam und fuhr mit ihren Fingern den rauen Stein des Fenstersimses nach.

„Alle Kinder gleichzeitig zur Schlachtbank führen?“, fragte Ro ungläubig.

„Nein. Nein, das meine ich nicht.“ Vea hob den Blick zum Horizont. „Den Aufstand lostreten und die Kinder in Sicherheit bringen. Die offene Rebellion wird für genug Ablenkung sorgen, sodass man die Kinder unbemerkt aus der Sechsten Mauer bringen könnte. Außerdem müsste man die Tore schließen, die von der Sechsten zur Fünften Mauer führen. Aber dafür brauchen wir Hilfe aus Asavez. Wir sollten auf die asavezischen Soldaten warten und einen Weg finden, die Tore zur rechten Zeit zu verriegeln, sodass die Garde der äußeren Mauern nicht mehr verstärkt werden kann. Dann müssen wir die Soldaten, die sich in der Sechsten Mauer befinden, außer Gefecht setzen und die Tore mit genügend Kämpfern gegen die Göttliche Garde abschotten – tadaa: Die Sechste Mauer ist eingenommen, die Kinder in Sicherheit. Außerdem sind wir dann in der perfekten Ausgangssituation für den Krieg, da die Göttlichen Soldaten in den inneren Mauern eingekesselt sind und keine neuen Vorräte heranschaffen können. Wir bräuchten allerdings genug Männer und Waffen, um die Ausgänge effektiv zu verriegeln. Wie viele Soldaten werden von Provodes zur Unterstützung gestellt? Und gibt es jemanden, der die Bauern innerhalb von wenigen Tagen im Kampf ausbilden kann? Zumindest provisorisch?“

Sie wandte sich um und bemerkte, dass alle sie anstarrten.

„Was ist?“, wollte sie verblüfft wissen.

Ro schüttelte den Kopf. „Scheiße, sie ist wirklich eine verdammte Taktikerin.“

„Du machst mir Angst, Vea“, sagte Nika.

„Ich liebe dich“, stellte Janon grinsend fest.

Veas Mundwinkel zuckten. „Ich übersetze das mal mit: Guter Plan, Vea! Du bist toll, wir lieben dich und wollen dir ein Denkmal bauen.“

„Falls der Plan funktioniert, können wir noch einmal über das Denkmal diskutieren“, murmelte Ro.

„Ich will eine goldene Statue mit Diamanten als meine Augen.“

„Und ich möchte ein Glas Met“, seufzte der Ikano. „Lasst uns nach unten gehen. Dann können wir Brag einweihen – und uns überlegen, wie wir fünf Tore versiegelt bekommen, ohne dass ein Ikano der Erde sie sofort einreißt und wir alle sterben.“

„Immer dieser ungebrochene Optimismus“, meinte Vea kopfschüttelnd, verschränkte ihre Hand mit der Janons und zog ihn aus der Tür.

Sie fühlte sich aufgekratzt. Sie hatten ein Ziel. Einen konkreten Plan. Alles würde sich fügen. Die Unterdrückung, die Unruhe, die Angst – all das würde ein Ende finden.

Ihr Körper pumpte Adrenalin durch ihre Adern – zu viel, als dass sie der Tatsache, dass ihre Beine einige Momente brauchten, bis sie sich so geschmeidig wie sonst bewegten, allzu viel Bedeutung beigemessen hätte.

Kapitel 2

Die Tür war nur angelehnt. Sie konnte sich nicht daran erinnern, sie je geöffnet gesehen zu haben. Die Götter hielten ihre Bücher unter Verschluss. Die Leute sagten, dass sie es taten, weil sie die Schriften über das Kreisvolk versteckt halten wollten. Karu wusste es nicht. Sie sollte klopfen. Lauscher wurden bestraft. Sie trat näher, berührte mit ihrer Fußspitze den einsamen Lichtstrahl, der durch den Türspalt fiel.

Die Feder kratzte über das Pergament, während die brennende Kerze Schatten darüber tanzen ließ. Provodes beendete seinen Satz, faltete den Brief zusammen und schmolz Wachs über dem Docht, als ein dunkler Schemen in den Raum glitt.

Provo sah nicht auf, ließ das zähe rote Material auf das Schreiben tropfen und drückte sein Siegel dort hinein, bevor er das Dokument an den Rand des Schreibtisches legte, um das Wachs trocknen zu lassen. Er griff nach dem nächsten Pergament.

„Sie sind seit zwei Tagen auf dem Weg“, sagte er langsam, während er seine Feder in Tinte tauchte. „Ich denke, der Vorsprung ist nun groß genug, meinst du nicht?“

Sein Blick flackerte nach oben zu Jaan, der nickte.

„Gut.“ Provos Hand hielt inne, und vorsichtig ließ er den Federkiel zurück in seine Halterung sinken. Die Briefe konnten einen kurzen Moment warten. Diese Angelegenheit nicht.

Er stand auf. „Jaan, ich weiß, du hast viel Zeit mit ihnen verbracht, aber ich muss wissen, ob ich mich auf dich verlassen kann.“ Er blickte seinen Vertrauten ernst an. „Ich bin es nicht von dir gewohnt, dass du Anweisungen missachtest, aber seit du das Mädchen verschont hast, habe ich mich gefragt, ob dein Herz weich geworden ist.“

„Ich habe mich um das Mädchen gekümmert“, sagte sein Gegenüber ruhig, doch Provo entging der scharfe Zug um Jaans Mund keineswegs. „Ich habe alles in die Wege geleitet. Sie wird tot sein, bevor du den Appo überquerst. Und du solltest wirklich aufhören, dich über mich lustig zu machen.“

Provo musste lächeln. „Ich konnte nicht widerstehen. Du bietest mir so selten eine Angriffsfläche.“

Jetzt zuckten auch Jaans Mundwinkel. „Dafür werde ich mich nicht entschuldigen.“

„Schön, schön.“ Provodes lehnte sich gegen den Schreibtisch. „Es freut mich zu hören, dass ich mir wegen des Mädchens keine Gedanken mehr machen muss. Und gleichwohl ich es natürlich vorziehen würde, wenn Levi, die Ikano des Feuers sowie der Ikano der Erde am Leben blieben, so kann ich nicht riskieren, dass sie allzu weit in die Kreisberge vordringen. Die Götter haben sicherlich Soldaten geschickt, und genau darin sehe ich deine Möglichkeit, sie zur Umkehr zu bewegen. Solltest du allerdings versagen …“ Er seufzte und neigte den Kopf zur Seite. Die Eigenwilligkeit der Ikano des Feuers war wirklich lästig. Sie würde eine so hübsche Waffe abgeben. Was für eine Verschwendung es wäre, ihr das Leben zu nehmen. Und dennoch … „Solltest du versagen, weißt du, was ich von dir verlangen muss. Es wäre ärgerlich, äußerst ärgerlich, aber ich habe einen Krieg zu gewinnen und keine Zeit, mich auch noch mit dem Kreisvolk herumzuschlagen. Gerade, wenn man bedenkt, dass es mir seit unserem kleinen Zwischenfall wirklich nicht freundlich gewogen ist.“ Er lächelte knapp.

„Ich werde sie schon zur Vernunft bringen“, versprach Jaan, und wenn es jemanden gab, der es schaffen konnte, dann war er es.

„Auf diese Worte hatte ich gehofft. Dann wäre alles gesagt, denke ich. Wir werden in einer Woche aufbrechen. Bis dahin solltest du zurück sein.“

„Natürlich. Und Provodes?“

„Ja?“

Jaans Mundwinkel verzogen sich zu einem seltenen ehrlichen Lächeln. „Ich erwarte eine Belohnung für meine Mühen. Egal, wie es ausgehen mag.“

Der Anführer der Asavez musste lachen. „Und die wirst du bekommen, mein Freund.“

 

***

 

Es war viel zu hell.

Eines der Dinge, die Levi noch nie am Tag hatte leiden können, war die Helligkeit. Sie war so unhöflich. Sie schrie einen geradezu an. Als würde sie Levi immer wieder: „Warum liegst du noch im Bett, du Faulpelz? Hast du die Welt immer noch nicht gerettet?“, ins Ohr brüllen. Er hasste Frauen, die ihm vorschreiben wollten, was zu tun war. Und der Tag war definitiv eine Frau. Männlicher Artikel hin oder her.

Er rollte sich auf den Rücken und stöhnte leise auf. Der Boden war steinhart. Nichts von der weichen Erde des Spätsommers war noch übrig geblieben. Mühsam richtete er sich auf und beobachtete die ersten Sonnenstrahlen des Tages dabei, wie sie über die Kreisberge kletterten. Er freute sich kein Bisschen darauf, ihrem Beispiel zu folgen. Missmutig wandte er sich um und erstarrte in der Bewegung. Tujan lag nicht mehr auf seiner Matte. Stattdessen saß er auf Nyms, einen Arm um sie geschlungen, seinen Kopf auf ihren gelegt – beide schliefen.

Na, das war mal ein Anblick, mit dem er nie wieder in den Morgen starten wollte.

Abrupt erhob er sich und trat fest mit seinem Stiefel gegen Tujans Fußsohle. Der Göttliche Pfosten schreckte auf.

„Nett“, knirschte Levi. „Wirklich nett. Du gibst eine klasse Wache ab, Tujan.“

Nym war bei Jekis ruckartiger Bewegung ebenfalls zusammengezuckt und reflexartig auf die Füße gesprungen, ihren geliebten Göttlichen Dolch bereits zwischen den Fingern. „Was ist los?“ Einige Sekunden lang wirkte sie desorientiert, doch als sie Levi erkannte, ließ sie ihre Waffe sinken. „Levi! Du solltest es besser wissen, als zwei Ikanos zu erschrecken.“

„Ach ja? Wenn ich ein Angreifer wäre, wärt ihr bereits tot, weil dein brillanter Verlobter“ – wie er dieses Wort hasste! – „während seiner Wache eingeschlafen ist.“

Und was sollte das überhaupt, dass sie in seinen Armen gelegen hatte? War es Tujan und ihm wieder erlaubt, sie anzufassen? Nym hatte ihnen vor ein paar Tagen deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich von ihr fernhalten sollten, und Levi hatte ihr noch einen Tag geben wollen, bevor er … ja, keine Ahnung. Bevor er sie gegen den nächstbesten Baum presste und ihr etwas Verstand in den Kopf küsste? Er hatte sich keinen genauen Plan zurechtgelegt. Das mit dem Küssen hatte bis jetzt immer ganz gut funktioniert. Warum auf Altbewährtes verzichten und durch Neues ersetzen?

Mit Ausnahme von Tujan vielleicht. Der war etwas Altbewährtes, das mit sofortiger Wirkung ersetzt gehörte.

„Mann, Mann“, sagte Filia, die ebenfalls von Levis Worten geweckt worden war und bereits ihre Matte zusammenrollte. „Eifersucht am Morgen ist anstrengend. Leena, du kannst froh sein, dass Levi dich nicht wollte.“

„Ich werde mit jedem Tag glücklicher“, murmelte die Brünette abwesend. „Obwohl er schon wirklich gut im Bett ist.“

Levi ignorierte die beiden. Er hatte beschlossen, etwas gelassener zu werden und seine Wut öfter mal hinunterzuschlucken, anstatt ihr mit kräftezehrendem Geschrei Ausdruck zu verleihen. Da war es hilfreich, Leena und Filia komplett auszublenden. Mit Tujan fiel ihm das leider nicht ganz so leicht, denn der stand nun grinsend vor ihm und hob die Schultern.

Was sollte das denn nun wieder heißen? Levi wusste ja nicht, wie das in der Dritten Mauer lief, aber ein Schulterzucken galt in Asavez nicht als Ausdruck von Kommunikation.

Er gab ein leises Knurren von sich und beschloss, darüber hinwegzusehen. Stattdessen sah er Nym an.

Sie hob die Augenbrauen. „Du bist wieder kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, oder?“, flüsterte sie, und einer ihrer Mundwinkel zuckte.

„Nein. Überhaupt nicht“, sagte Levi gepresst.

„Überzeugend, Levi. Du hättest noch mit den Knöcheln knacken müssen, dann hätte ich dir geglaubt.“

„Das nächste Mal“, meinte er trocken und bückte sich, um seine Sachen zu packen – und um seinen Blick von ihr loszureißen.

Er hasste und liebte es zugleich, sie anzusehen.

Er liebte es, weil ihr Gesicht alles repräsentierte, was er wollte. Er hasste es, weil er eine solche Angst davor hatte, sie könne sich plötzlich an ihre Liebe zu Tujan erinnern, dass es ihm schwerfiel, zu atmen.

Er fühlte sich gleichzeitig stark und schwach. Frei und abhängig. Glücklich und miserabel. Vorbereitet und vollkommen ahnungslos.

Was war Liebe nur für ein Scheiß? Kein Wunder, dass tausende von Männern verrückt wurden und sich plötzlich Kinder und ein ruhiges Leben wünschten! Sie waren von ihren Empfindungen überfordert und nur bereit, der Frau ihrer Träume alles zu geben, was sie von ihnen verlangte, damit sie wieder normal atmen konnten.

„Wir sollten die Spuren unseres Feuers verwischen“, meinte Nym und riss ihn somit aus seinen Gedanken, von denen er noch nicht wusste, ob sie in die Kategorie Tief- oder Schwachsinn fielen. „Levi, möchtest du?“

„Schön“, sagte er knapp, wartete, bis sich seine Reisebegleiter hinter ihm positioniert hatten, und winkte dann achtlos den Wind zu sich heran, bevor er ihn mit einem Schlenker seines Handgelenks dazu bewegte, die Spuren von verbranntem Holz und Asche in den Wald zu schleudern und über den Boden zu verteilen, bis nichts mehr davon zu erkennen war.

„Hübsch“, sagte Nym und klopfte ihm auf die Schulter.

„Ja. Ich lebe dafür, hübsch zu sein“, bemerkte er trocken.

„Ich wette, da würde dir die Hälfte der Frauen aus Oyitis zustimmen“, murmelte Nym zuckersüß an seinem Ohr. „Zumindest alle, die bezeugen können, wie wunderbar du im Bett bist.“ Sie drehte sich um und lief an ihm vorbei.

Verblüfft starrte er ihr nach. Irrte er sich oder war sie mal wieder wütend auf ihn?

Die wichtigere Frage war jedoch: Warum erleichterte ihn das?

 

***

 

Wie hatte sie das vergessen können?

Nym leitete die kleine Gruppe aus Verrückten – oder auch Selbstlosen und Lebensmüden, sie hatte sich noch nicht für einen Begriff entschieden – aus dem Wald heraus und boxte die ihr entgegenschlagenden Äste etwas energischer als nötig aus dem Weg.

Levi war ein Frauenheld.

Über die letzten Wochen hinweg hatte sie es fast vergessen, aber … er hatte mit Leena geschlafen. Und nicht nur mit ihr: Er hatte mit einer Menge verschiedener Frauen geschlafen. Mit ganz Oyitis, könnte man meinen.

Etwas Rotes, Bitteres klammerte sich um ihr Zwerchfell, und genervt trat sie einen losen Stein aus dem Weg.

Sie war eifersüchtig.

Den Blick stumpf nach vorne gerichtet passierte sie einige knorrige Eichen, eine Reihe an eleganten Birken und vereinzelte Buchen, während sie sich über sich selbst ärgerte. Eigentlich hätten ihr gar keine emotionalen Kapazitäten mehr zur Verfügung stehen sollen, um so etwas Banales wie Eifersucht zu empfinden, aber offenbar hatte ihr Herz eine ungeahnte Kraftreserve.

Levi hatte ihr nie gesagt, was er für sie empfand. Ob er etwas für sie empfand. Sie war sich zwar ziemlich sicher, dass er sie mehr als gern hatte, aber das musste nichts bedeuten. Levi war unberechenbar. In einem Moment küsste er sie, im nächsten brüllte er sie an. Und wenn sie ehrlich war … brauchte sie mehr als das. Mehr als jemanden, der seine Gefühle so krampfhaft unter Verschluss hielt, dass man nur mit einem Brecheisen an sie herankam.

Vielleicht mochte Levi sie wirklich, vielleicht glaubte er auch nur, sie zu mögen, und sobald er sie hatte, sobald die Herausforderung bezwungen worden war, entschied er sich wieder anders. Vielleicht bildete er sich seine Zuneigung auch nur ein, weil er Jeki den Sieg nicht gönnte. Und würde das nicht zu Levi passen? Dass er Besitzansprüche auf sie stellte, nur weil er Jeki verabscheute?

Vielleicht sollte sie einfach den Hebel umlegen. All ihre Erinnerungen zurückkommen lassen und wieder mit Jeki zusammen sein. Denn damals war sie glücklich gewesen.

Zusammen mit Jeki. Unter den Göttern. Mit all den namenlosen Gesichtern in ihrem Kopf, denen sie das Leben genommen hatte.

Ohne ihre Schwester.

Was würde passieren, wenn sie wieder Salia würde?

Aber war das überhaupt noch möglich? Sie würde nicht vergessen, was sie in den letzten Wochen erlebt hatte. Sie würde plötzlich beides haben. Ihr altes und ihr neues Ich … und all das, was sie hatte zurücklassen wollen, würde wiederkehren.

Sie blieb stehen, schloss kurz die Augen und wandte sich dann zu den anderen um. Jeki ging keine fünf Meter hinter ihr, und sobald er sie eingeholt hatte, setzte sie sich wieder in Bewegung.

„Erzähl mir was über die Morde“, verlangte sie.

Sie wollte nicht länger über Levi nachdenken. Es war zu anstrengend und zermürbend. Es gab Wichtigeres.

„Was genau möchtest du wissen?“, fragte Jeki, und Nym zwang sich zurück in die Gegenwart.

„Sie wurden alle mit einem Göttlichen Dolch getötet, richtig?“

„Richtig.“

„Also muss der Mörder ein Göttlicher Soldat sein.“

Jeki schüttelte den Kopf und hob einen Ast an, damit sie darunter hindurchschlüpfen konnte. „Das glaube ich nicht.“

„Warum?“

„Weil es dumm wäre. Es gibt nur eine Handvoll Soldaten, die einen Göttlichen Dolch besitzen, und die Wunden, die ein solcher zufügt, sind eindeutig zu identifizieren. Der Tatverdacht würde zu schnell auf einen dieser Soldaten fallen und es den Ermittlern erleichtern, den Täter zu fassen. Warum sollte ein Mörder also den Dolch nutzen, obwohl es doch noch so viele andere Methoden gibt, einen Menschen zu töten?“

„Vielleicht vermutete der Soldat, dass ihr keine Nachforschungen in euren eigenen Reihen anstellen würdet. Was ihr unvorsichtigerweise ja auch nicht getan habt, oder?“

„Nein, haben wir nicht. Und auch ich halte das für falsch.“

Stirnrunzelnd sah zu ihm auf. „Tust du?“

„Natürlich. Man hätte die Morde näher untersuchen müssen.“

„Warum hast du es dann nicht getan?“

Er zögerte, faltete die Hände und strich abwesend seine Daumen übereinander.

„Warum hast du es dann nicht getan, Jeki?“, wiederholte Nym ihre Frage, diesmal mit Nachdruck.

Er senkte den Blick und sagte schließlich: „Weil Api wollte, dass ich die Untersuchung abbreche.“

Beinahe wäre sie über eine Wurzel gestolpert. „Was?“, fragte sie verwirrt. „Aber Api ist der Gott der Vergeltung! Er liebt es, Menschen für ihre Vergehen zu bestrafen.“

„Ich weiß. Dennoch hat er mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht weiter nach dem Mörder suchen solle. Er war der Ansicht, dass wir ihn ohnehin nicht zu fassen bekämen.“

„Aber … das ergibt absolut keinen Sinn. Außer natürlich einer der Götter selbst ist für die Morde verantwortlich.“

„Das hat Api bestritten. Und ich glaube ihm.“

Sie nickte, denn auch sie selbst hielt es für äußerst unwahrscheinlich, dass sich einer der Götter die Hände schmutzig machte. Sie hatten andere Mittel und Wege, Menschen verschwinden zu lassen. Leise, unbemerkte Wege.

„Ich verstehe es trotzdem nicht“, flüsterte Nym und hielt ihren Blick auf das Kreisgebirge gerichtet, dessen Fuß sie beinahe erreicht hatten.

Die Ereignisse wurden immer abstruser. Keines der Puzzleteile, das Nym vor die Füße geworfen wurde, passte zusammen.

Tergon war seit einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen worden. Api hatte die Erinnerungen ihrer Mutter sabotiert und sie somit in den Wahnsinn getrieben. Jemand wollte Vea töten. Scheinbar unwichtige Menschen waren mit einem Göttlichen Dolch ermordet worden. Jaan kannte die Götter. Valera hatte Jeki und ihr bei der Flucht verholfen. In Bistaye wusste niemand von der Existenz der Wahrheitsleser. Nym hatte eine Verbindung zu Apis Gedanken.

Es gab einfach zu viele Dinge, die sie nicht verstand!

Unruhig presste sie ihre Lippen aufeinander, während das massige Kreisgebirge durch das sich lichtende Baumstammmeer in ihr Sichtfeld rückte. Spitz zulaufende düstere Berge reihten sich aneinander, manche von Schneekuppen bedeckt, andere grün schimmernd. Eine Armee aus monströsem Geröll, das nur darauf wartete, sie zu verschlucken.

„Wer waren die anderen Opfer, Jeki?“, fragte sie, während sie ihren Blick hob und die schiere Größe des vor ihnen liegenden Felsmassivs zu erfassen versuchte.

Doch Jeki kam nicht dazu, zu antworten, denn Leena rief: „Können wir kurz stehen bleiben?“

Überraschenderweise gehorchten ihr alle. Sogar Levi, der, wie Nym nun bemerkte, mit leicht verengten Augen auf ihren Rücken gestarrt zu haben schien, zumindest wandte er den Blick jetzt, als sie sich umdrehte, hastig ab.

„Was gibt’s, Leena?“, fragte Nym und atmete tief ein. Die Luft roch nach feuchten Blättern, Kälte und Moos.

„Nun“, sagte die Brünette nachdenklich. „Ich halte es für klug, zu entscheiden, welchen Teil des Kreisgebirges wir erforschen wollen, bevor wir einfach blind drauflosgehen. Vielleicht ist es euch noch nicht aufgefallen, weil ihr alle ein eingeschränktes Sichtfeld oder auch einen eingeschränkten Verstand habt – wer kann das schon so genau wissen? –, aber das Gebirge ist riesig.“ Sie vollführte eine ausladende Bewegung in Richtung der Berge.

Nym schob ihren Unterkiefer hin und her. Der Vorschlag war gar nicht dumm. Im Gegenteil: Er war ziemlich klug. Sie ärgerte sich, dass sie nicht selbst daran gedacht hatte. Ihr war es lediglich wichtig gewesen, endlich etwas zu tun, um die Götter zu Fall zu bringen. An die Vorgehensweise hatte sie nicht allzu viele Gedanken verschwendet. Ach, du liebe Güte. Sie wurde wie Levi!

„Aber woher sollen wir bitte wissen, wo wir suchen müssen?“, fragte Filia seufzend und ließ ihren Blick über die kilometerlange Bergkette schweifen.

„Vielleicht durchkämmen wir einfach das ganze Gebirge? Systematisch von links nach rechts?“, schlug Leena vor.

Nym wollte ihr den Vogel zeigen, als Levi ihr die Aufgabe abnahm und den Kopf schüttelte. „Das kann Wochen oder Monate dauern. Wir haben keine Monate! Provo will in zehn Tagen angreifen, vielleicht sogar früher, und wer weiß, was die Rebellen gerade treiben? Womöglich kämpfen die Bauern bereits gegen die Göttliche Garde und abertausende Menschen sterben in genau diesem Moment.“

„Du weißt wirklich, wie man die Stimmung hebt, Levi“, bemerkte Filia trocken.

„Es ist nicht meine Aufgabe, die Stimmung zu heben“, stellte er fest. „Das war immer Ros.“

„Ja, und wir alle vermissen ihn schrecklich. Blabla“, sagte Leena augenverdrehend. „Können wir uns bitte wieder auf das Wesentliche konzentrieren? Wo würdest du anfangen, Levi?“ Leena gestikulierte in Richtung der Berge. „Wo sollen wir hin, wenn du es doch offensichtlich am best–“

„Dorthin“, unterbrach Nym sie und streckte den Arm aus.

Alle wandten sich zu ihr um.

„Dorthin“, wiederholte sie und nickte in die angezeigte Richtung, auf das Tal zwischen den zwei größten Bergen der Gebirgskette.

„Und das weißt du, weil dein besorgniserregend merkwürdiges Gehirn es dir zugeflüstert hat?“, wollte Leena skeptisch wissen.

Nym lächelte verkniffen. „Das weiß ich, weil es die logischste Wahl ist. Das Tal wird von den beiden höchsten Bergen geschützt, die sehr eng beieinanderstehen. Vermutlich gibt es nur wenige Wege dort hinein. Der Schutz vor Angreifern ist also gewährt. Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr erkennen, dass ein Fluss in dem einen Berg entspringt, und wenn ich eine geheime Unterkunft für ein ganzes Volk bauen müsste, würde ich es nahe einer Wasserquelle tun. Außerdem liegt dort am Berghang noch fast kein Schnee. Das Tal scheint entweder von einer weiteren, von uns aus nicht sichtbaren Felswand vor der Kälte geschützt zu sein, oder die Gerüchte sind wahr und ein Tropenwald liegt dahinter, dessen Klima auf das Tal überschwappt.. Was weiß ich. Die hohen Berge eignen sich jedenfalls wunderbar dafür, Späher zu positionieren, die bei einem Angriff der Götter frühzeitig Alarm schlagen könnten. Ich zumindest würde diesen Ort wählen, um mich zu verstecken und mein Volk zu verteidigen.“

Stille legte sich über die Gruppe. Eine überraschte, faszinierte Stille, die Nym unwohl zumute werden ließ.

„Also, wenn du gerade beweisen wolltest, dass dein Kopf nicht merkwürdig ist, dann hast du versagt“, sagte Leena schließlich leise und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Salia hat recht“, bemerkte Jeki, der direkt neben Nym stand. „Es ist die logischste Wahl.“

Niemand widersprach und wortlos setzte sich die Gruppe in Bewegung. Nym reckte ihr Kinn und blickte zu der Stelle, die sie soeben noch beschrieben hatte. Sie lag zwei, vielleicht drei Tagesmärsche von ihnen entfernt. Je nachdem, was ihnen auf dem Weg begegnen würde. Die Kreisberge waren Schauplatz unendlich vieler Gruselgeschichten, die über das letzte Jahrtausend hinweg von Generation zu Generation weitergegeben worden waren. Keine einzige schien jedoch spezifisch darauf einzugehen, was genau in dem Gebirge lungerte. Bösartige Kreaturen, die Menschen in Fetzen rissen und bis zur Unkenntlichkeit zerfleischten? Schattendämonen? Alte, vergessen geglaubte Magie?

Es konnte alles und nichts sein.

„Weißt du“, flüsterte plötzlich eine Stimme an ihrem Ohr, und ihre Nackenhaare stellten sich auf, als sie Levi neben sich erkannte. „Wenn ich irgendwann mal ein Volk verstecken muss, dann würde ich das gerne mit dir tun.“

Sie musste lächeln und senkte den Blick. „Ich denke nicht, dass ich die Richtige dafür bin. Ich bin es leid, mich zu verstecken. Ich will endlich anfangen zu leben.“

„Das werden wir“, murmelte er und klang so überzeugt von seinen Worten, dass Nym ihm fast glaubte.

 

***

 

Jeki hatte in seinem Leben noch nicht gefroren.

Geschwitzt hatte er in seiner goldenen Rüstung fast jeden Tag, aber gefroren? In Bistaye herrschte ein trockenes, heißes Klima, das er bereits mehr als einmal verflucht hatte, doch je höher sie stiegen, desto mehr begann er, das Wetter seines Heimatlandes wertzuschätzen. Der beißende Wind fraß sich durch seine Kleiderschichten, fuhr ihm in Ärmel und Hosenbeine und versteifte seine Muskeln. Mehr als einmal hatte er das Gefühl, dass der Wind ihn härter traf als alle anderen, während der Ikano der Luft ein paarmal zu oft mit seinen Fingern zuckte. Aber er würde eher Dreck essen, als diese Vorwürfe laut auszusprechen. Wer wollte schon das Weichei sein, das sich ungerecht behandelt fühlte? Er würde mit der Kälte zurechtkommen. Zur Not konnte er ja immer noch Salia darum bitten, ihn aufzuwärmen. Ja, das würde dem verfluchten Luftikus sicherlich gefallen.

Jeki legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den steinigen Weg vor ihm. Er hatte gehofft, dass es nicht allzu lange dauern würde, einen einfachen Berg zu besteigen. Nicht dass Jeki viel Erfahrung damit hatte – das einzige, was in Bistaye bestiegen werden konnte, war der Götterdom. Dennoch war er sich fast sicher, dass sie das Tal, auf das Nym gezeigt hatte, unter normalen Umständen innerhalb eines Tages erreicht hätten. Das Problem an dem Kreisgebirge war jedoch, dass es aus einer Unmenge an kleinen, nicht zu umgehenden Geröllhügeln bestand. Ihre Gruppe wurde zu einem ständigen, anstrengenden Auf und Ab gezwungen und musste mehr als einmal ein undurchdringliches Waldstück umgehen. Zumeist gab es außerdem nichts, was auch nur ansatzweise als Pfad hätte bezeichnet werden können, und die Felsen, über die sie springen und klettern mussten, wurden oftmals von mannsgroßen Spalten durchzogen, die kaum ohne Hilfe seiner Ikanokraft überwunden werden konnten.

Ja, Jeki verstand, warum die Kreisberge als gefährlich galten. Zwar hatte er noch kein fleischfressendes Monster zu Gesicht bekommen, das ihm das Gehirn aus dem Kopf saugen wollte – so wie es ihm seine Mutter einmal erzählt hatte –, aber schon über ein Dutzend Mal hatte er Wege erschaffen, wo keine waren, oder Erde verhärten müssen, die sonst unter ihren Füßen weggerutscht wäre. Wenn er so bescheiden sein durfte: Alle hier konnten verdammt froh sein, ihn an ihrer Seite zu haben.

Die Freude über seine Anwesenheit äußerte sich jedoch leider darin, dass es an ihm hängen blieb, vorwegzugehen und dafür zu sorgen, dass die anderen – vor allem Filia – nicht ernsthaft stürzten.

Er musste es der Flüchtigen lassen: Sie hatte Biss. Kein einziges Mal hatte sie sich über ihr hohes Tempo beschwert, auch wenn der Schweiß in Strömen ihr Gesicht hinunterfloss und sie so oft hingefallen war, dass ihre Handflächen blutig waren. Sie besaß nicht den Körper einer Kriegerin, aber den dazu passenden Geist. Dennoch war es dumm von ihr gewesen, mitzukommen. Aber wer war Jeki, sie darauf hinzuweisen? Sie hasste ihn ohnehin schon genug. Da brauchte er ihr keinen weiteren Anlass dazu geben, ihn im Schlaf zu ermorden.

Er sah sich um, um sicherzugehen, dass er die anderen nicht verloren hatte, bevor er die Steine vor ihm darum bat, sich tiefer in die Erde zu graben. Ein vertrautes Kitzeln setzte in seinen Fingerspitzen ein und der Boden unter ihm vibrierte freundschaftlich, bevor er sich seinem Willen unterwarf und den Weg ebnete.

Jeki schritt voran. Der von ihm geschaffene Pfad bestand aus fester Erde, und zum ersten Mal seit Stunden musste er sich nicht mehr darauf konzentrieren, wo er hintrat. Stattdessen schweiften seine Gedanken zu dem gestrigen Gespräch mit Salia.

Sie hatte Tergons Existenz angezweifelt.

Es war wahr, der vierte Gott war mysteriöser als die drei anderen zusammen. Er wohnte keinem einzigen der strategischen Treffen bei. Er kümmerte sich nicht um das Tribunal, um den Handel oder um die Organisation der Garde.

Jeki glaubte nicht daran, dass die Götter Tergon verstoßen hatten. Noch weniger glaubte er, dass der Gott der Vergebung gestorben war. Aber dennoch … Was war seine Funktion? Hatte er eine? Oder war er die Menschen einfach so leid geworden, dass er Bistaye verlassen hatte?

Jeki lachte trocken. Die Götter und ihre Geheimnisse. Merkwürdig, dass er sich die vergangenen sechsundzwanzig Jahre nicht allzu sehr an ihnen gestört hatte und sie jetzt plötzlich der Grund dafür waren, warum er seine gesamte vorhergegangene Existenz anzweifelte.

„Was ist so witzig, Tujan?“, wollte eine Stimme hinter ihm wissen.

Er wandte den Kopf und sah in das neugierige Gesicht der Brünetten – Leena –, die zu ihm aufgeschlossen war.

„In meinem Leben ist im Moment überhaupt nichts witzig“, sagte er wahrheitsgemäß und drehte ihr wieder den Rücken zu. Aber so leicht ließ sich die Soldatin nicht abschütteln. Sie beschleunigte ihre Schritte und lief schließlich neben ihm her.

„Und dennoch hast du gelacht“, bemerkte sie.

Ja, die drastische Kehrtwende, die sein Leben in den letzten Wochen genommen hatte, war schließlich urkomisch. Und zu weinen wäre so schrecklich unoriginell. „Manchmal sollte man lachen, auch wenn es nichts zu lachen gibt“, stellte er fest. „Ist gut fürs Seelenheil.“

Leena verdrehte die Augen. „Ganz ehrlich, ich bin überrascht, dass Göttliche Soldaten überhaupt dazu fähig sind, die Mundwinkel zu heben. Die Geschichten, die man so hört …“

„… sind Geschichten“, informierte er sie schnaubend.

„Euch wird also nicht der kleine Finger abgeschnitten, solltet ihr zu laut lachen?“

„Nein.“

„Die Götter werfen euch nicht in Eiswasser, solltet ihr ihnen widersprechen?“

Jeki hatte keine Ahnung. Niemand widersprach den Göttern. „Nein“, antwortete er dennoch.

„Ihr …“ Sie zögerte, bevor sie die Stimme senkte und fragte: „Ihr müsst in eurer Aufnahmeprüfung auch kein Kind töten? Eines der gottlosen Neugeborenen?“

Jeki biss sich auf die Zunge, bevor er ruckartig den Kopf schüttelte. „Nein. Die Götter ziehen es vor, es … selbst zu tun.“ Um sicherzugehen, dass die Kinder wirklich ihren Tod fanden.

Leena lachte bitter. „Echte Helden, eure Götter, was?“

Jeki schwieg und sah zu Boden. Er hatte das Töten der Säuglinge nie für richtig gehalten. Er brauchte keine Asavez, die ihn auf die Grausamkeit dessen aufmerksam machte.

„Sie testen sie, bevor sie die Kinder töten, richtig?“, fragte Leena weiter nach, und Jeki wünschte, sie würde endlich still sein.

„Ja“, sagte er leise und beschleunigte seinen Schritt.

Die Soldatin tat es ihm gleich. „Wie sieht dieser Test aus?“

„Sie … berühren sie.“

„Eine idiotensichere Methode also. Da bin ich aber froh.“

„Hör auf, mich anzusehen, als trüge ich die Schuld daran“, knurrte er. „Mit den Morden an den gottlosen Kindern habe ich nie etwas zu tun gehabt.“

Leena hob eine Augenbraue. „Natürlich.“

Sie glaube ihm nicht, und Jeki konnte nicht genau sagen, warum ihn das störte – doch das tat es.

Er war kein schlechter Mann. Ja, er hatte einer Menge Rebellen das Leben genommen, aber er war dabei nie grausam gewesen. Hätte er sie nicht getötet, hätte es jemand anderes getan. Er war ein guter Mensch, verdammt! Er hatte stets versucht, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden – und mit einem Mal fand er sich in einer Welt wieder, in der alles, was er zu wissen gemeint hatte, auf den Kopf gestellt wurde. Gut war schlecht. Richtig war falsch. Gehorsam war Verrat.

Auf einmal verstand er, wie schwierig es für Salia sein musste, mit ihrer wahren Identität konfrontiert zu werden. Zwei Minuten mit einer Soldatin der Asavezischen Armee und er fing an, jede seiner Entscheidungen zu hinterfragen. Wie schlimm musste es dann erst sein, sein gesamtes altes Leben von Grund auf anzuzweifeln, weil man es aus einer anderen Perspektive kennengelernt hatte?

„Womit hast du dir den Göttlichen Dolch verdient?“, durchbrach die Brünette nach einer Weile die Stille, die Jeki gerne beibehalten hätte. Sie nickte zu seinem Gürtel. „Kriegen den nicht nur die Ober-Soldaten, die den fünfhundertsten Gegner gemeuchelt haben?“

Jeki biss die Zähne aufeinander und sah sich hilfesuchend nach Salia um. Sie würde Leena bestimmt zum Schweigen bringen können. Doch seine Verlobte befand sich am Ende ihrer Truppe zusammen mit dem Ikano der Luft, der ihr gerade die Hand reichte, um ihr über einen größeren Felsen hinwegzuhelfen. Als ob Salia seine verdammte Hilfe nötig hatte!

Ruckartig wandte Jeki sich wieder ab und versuchte die aufwallende Eifersucht niederzuringen. Sie würde ihm nicht helfen.

„Also?“, sagte Leena und erinnerte ihn daran, dass sie immer noch da war.

„Ich habe ihn bekommen, als ich zu Apis Erstem Offizier aufgestiegen bin“, sagte er knapp.

„Und das bist du, weil …“

„Ich der Beste bin.“

Sie schnaubte. „Weißt du, du und Levi, ihr seid euch wirklich nicht unähnlich. Kein Wunder, das Nym sich nicht entscheiden kann.“

Jeki kniff die Augen zusammen und ermahnte sich, dass es unklug wäre, Leena zu schlagen.

„Also, ist der Dolch so gut, wie alle behaupten?“

„Ja.“

„Wie werden sie geschmiedet?“

„Das wirst du Thaka fragen müssen, er ist es, der sie anfertigt.“

„Tatsächlich? Ein Gott, der mit seinen Händen arbeitet?“

„Du bist doch auch ein Mädchen, das nicht feinfühlig genug ist, um zu bemerken, dass jemand nicht mit ihm reden will. Brechen wir heute doch mal mit den Klischees.“

„Oh, ich merke es. Es interessiert mich nur nicht“, stellte sie fröhlich fest. „Also, der Dolch … er widersetzt sich jeder Ikanokraft?“

Er nickte. „Außer der seines Trägers.“

„Interessant. Meinst du, das bezieht sich auch auf die Götter?“

„Was?“

„Ob der Dolch auch gegen die Kräfte der Götter resistent ist. Oder ob Thaka ihn so geschmiedet hat, dass die Götter eine Ausnahme darstellen. Sonst würde er sich ja selbst und seinen eigenen Ikanokräften schaden, nicht wahr?“

Jeki runzelte die Stirn. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. „Ich weiß es nicht“, gab er ehrlich zu.

„Wirklich?“ Leena schien überrascht.

„Ich habe nie gegen einen Gott gekämpft. Weder mit dem Dolch noch auf andere Art und Weise.“

„Sie unterrichten euch also gar nicht?“

„Nein. Dafür haben wir unsere Ausbilder.“

„Oh. Ach so.“ Sie schnaubte. „Dann ist eure Garde ja keinen Deut besser vorbereitet als die unsere! Dabei dachte ich immer, die Götter würden ihre Soldaten in ihren geheimen Kampfeskünsten unterweisen, sodass sie unzerstörbar werden. Ich dachte, sie würden all ihr geheimes Wissen an euch weitergeben. So wie dieser Punkt am Hals, den Nym kennt. Der Punkt, der einem das Bewusstsein raubt.“

„Nein. Der Akkupressurpunkt war eine Ausnahme“, murmelte Jeki und wandte sich wieder zu Salia um. Wenigstens lagen die dreckigen Finger des Ikanos der Luft nicht mehr auf ihrer Hand.

„Sind sich wohl zu schade, die Götter“, bemerkte Leena schulterzuckend.

„Ja, vielleicht“, sagte Jeki langsam und die Falten gruben sich tiefer in seine Stirn.

Mit jedem Wort aus Leenas Mund, kam er sich dümmer vor. Sie stellte so viele Fragen. So viele legitime Fragen, an die er nie einen Gedanken verschwendet hatte.

War er doch so viel blinder gewesen, als er es sich eingestehen wollte?

Kapitel 3

Apis Stimme ertönte. „Es sind keine zehn Jahre mehr, Thaka. Die Zeit läuft dir davon.“
„Zehn Jahre sind mehr als genug“, knurrte der Gott der Gerechtigkeit. „Nur, weil für dich keine Hoffnung mehr besteht, solltest du nicht versuchen, mich nervös zu machen.“
Api lachte. Ein leises, tiefes Lachen, das Karu die Nackenhaare aufstellte. „Ich bin auf deiner Seite, alter Freund. Es wundert mich allerdings, dass Valera so schweigsam ist.“

„Die Waffen sind da!“

„Was? Jetzt schon?“ Vea sah Janon verwirrt an und sprang von ihrem Bett auf. Ihre Beine zitterten vor Aufregung. „Sollten die nicht erst innerhalb der nächsten Woche kommen?“

Das ging ihr alles zu schnell … und gleichzeitig entwickelte es sich doch zu langsam. Je eher der Krieg begann, desto eher war er vorbei. Aber … je eher der Krieg begann, desto eher begann auch der Krieg!

„Ich habe keine Ahnung, warum sie schon hier sind“, meinte Janon schulterzuckend und hielt ihr die Tür auf.

Vea zögerte, bevor sie hindurchtrat.

„Es wird alles gut“, flüsterte Janon ihr ins Ohr und zog seinen Arm eng um ihre Schultern.

„Wie kannst du das sagen?“, fragte sie und blieb abrupt stehen. „Es werden so viele Menschen sterben. Und wir wissen es und können es trotzdem nicht aufhalten.“

„Veränderungen fordern Opfer“, murmelte Janon. „Wir wussten, auf was wir uns einlassen, oder?“

Vea nickte steif und sah auf die dreckigen Holzdielen vor ihr. „Es ist dennoch etwas anderes. Es zu wissen und es selbst zu erleben. So kurz davor zu stehen.“

Sanfte Finger legten sich unter ihr Kinn und hoben es an. „Vea, ich will nicht lügen. Es liegen furchtbare Zeiten vor uns. Menschen werden sterben. Kinder ihre Mütter, Väter, Geschwister verlieren. Aber ich ziehe lieber mit dir in einen Krieg, als ein ruhiges Leben ohne dich zu führen.“

Sie lachte, auch wenn ihre Augen brannten. „Das ist genauso romantisch wie lebensmüde. Und wir müssen dennoch darüber reden, was wir tun werden, sobald der Krieg wirklich ausbricht. Fliehen wir zusammen mit den Kindern, die nach Asavez geschafft werden? Bleiben wir, um zu kämpfen?“

Janon verzog das Gesicht und ließ seine Finger ihre Wange hinauffahren. „Wir sind furchtbare Kämpfer.“

„Das sind wir. Wir hatten nie vor, auf dem Schlachtfeld zu stehen. Wir sind eine Gefahr für uns selbst.“

„Wir sind nicht die Richtigen für einen Krieg.“

„Überhaupt nicht“, stimmte sie zu.

Er sah sie an, legte auch die andere Hand um ihr Gesicht und seufzte laut. „Also bleiben wir?“

Sie lächelte und schloss die Augen. „Wir bleiben“, murmelte sie, bevor sie sich auf die Zehen stellte und ihn küsste.

„Weißt du, ich habe mich schon in viele gefährliche Situationen begeben“, stellte Janon fest, als sie sich wieder zurück auf ihre Fußballen sinken ließ. „Aber seit ich dich kenne, scheine ich von einer Todesfalle in die nächste zu stolpern.“

„Ich wollte dein Leben nur ein wenig aufregender machen“, sagte sie.

„Und du warst erfolgreich.“ Wieder seufzte er, bevor er ihre Hand nahm und sie den Flur entlangzog.

Sie stiegen die Treppen hinunter, und auf der untersten Stufe blieb Vea überrascht stehen. Sie hatte fest damit gerechnet, einen Karren voller Schwerter und Dolche in der Küche vorzufinden. Aber stattdessen stand dort nur ein Mann, der sich mit Brag unterhielt, während Ro und Nika mit Brags Schwester Tala diskutierten und sie offenbar dazu bewegen wollten, nach oben zu gehen. Doch das junge Mädchen sah keinen Anlass dazu, ihnen zu gehorchen, sondern ließ sich mit vorgeschobener Unterlippe auf den dreckigen Boden fallen und legte die Hände auf die Ohren.

So konnte man Probleme natürlich auch lösen.

Vea ließ Janons Hand los und durchquerte den Raum, die Augen auf den Boten der Asavez gerichtet, der in der grauen Kluft eines Diamantarbeiters gekleidet war. Seine Haare waren fast schwarz und er hatte das breite Kreuz eines Soldaten, aber die Augen einer sanftmütigen Kuh.

„Was ist hier los?“, wollte sie wissen. „Wo sind die Waffen?“

Die beiden Männer wandten sich zu ihr um und der asavezische Soldat hob skeptisch eine Augenbraue. „Und du bist?“, wollte er wissen.

„Sie ist diejenige, die von Jaan den Auftrag bekommen hat, sich um die Logistik der Rebellenformation zu kümmern“, erklärte Ro, der hinter ihr stand. Vea entging keineswegs, wie bedeutungsschwer er Jaans Namen aussprach.

„Oh.“ Der Soldat runzelte die Stirn und nickte schließlich, so als verstünde er. „In Ordnung. Ich bin Berun von Kars, Erster Offizier des Bataillons von Savora.“

Savora? Davon hatte Vea noch nie gehört. War das eine Stadt in Asavez?

„Ich bin Vea Kerwin, aber einen schicken Titel habe ich nicht“, stellte sie achselzuckend fest.

Der Mann lächelte knapp. „Das dürfte kein Problem darstellen.“ Er reichte ihr einen Fetzen Pergament. „Dort ist das Inventar der Waffen aufgelistet, die wir derzeit noch in Amrie verstecken. Wir konnten schlecht mit Karren voller Schwerter in die Fünfte Mauer spazieren. Provodes sagte, dass ihr dabei helfen würdet, die Waffen zu verteilen und in die Mauern zu schmuggeln.“

Er sah erwartungsvoll in die Runde.

Vea hätte gerne angefangen zu lachen, aber das hätte das falsche Bild vermitteln können. Sie hatte in den letzten Wochen gelernt, dass die Asavez offensichtlich kein Problem damit hatten, unvorbereitet zu einem Auftrag zu erscheinen und sich dann helfen zu lassen.

„Hat er das?“, meinte Brag hölzern, während Vea dem Soldaten das Pergament entriss und das Waffeninventar studierte.

„Ja“, war Beruns schlichte Antwort.

„Na, da freuen wir uns doch, dass uns noch eine weitere lebensbedrohliche Aufgabe anvertraut wird“, bemerkte Janon trocken.

Vea winkte ab, die Augen weiterhin auf das Pergament gepinnt. Sie machten sich um die falschen Dinge Sorgen. „Die Waffen müssen nach und nach hineingeschmuggelt werden“, murmelte sie abwesend. „Wir brauchen keinen großen Sammelplatz für sie. Sie sollen zu jedem kampfbereiten Mann und jeder kampfbereiten Frau gebracht werden, sodass sie überall in der Sechsten Mauer verteilt sind. Das sollte kein Problem sein. Alle Bauern müssen Teile ihrer Ernte auf den Markt nach Amrie fahren. Jedem einzelnen sollte es also möglich sein, auf dem Rückweg ein paar Schwerter in seinem Karren verschwinden zu lassen. Die Soldaten kontrollieren sie kaum. Sie sind zu faul und die Bauern zu viele. Die Herausforderung wird es sein, die Bauern halbwegs mit der Führung eines Schwerts vertraut zu machen, und die Waffen gerecht und schlau zu verteilen, denn es sind zu wenige.“ Sie hielt Berun das Pergament vors Gesicht. „Könnt ihr in Asavez nicht zählen? Es gibt fast zwei Millionen Bauern. Mehr als die Hälfte davon wird kämpfen wollen. Die Anzahl der Waffen ist lächerlich! Wenn wir gewinnen wollen, kann nicht jeder nur mit einer Mistgabel bewaffnet gegen die Göttlichen Soldaten antreten.“

Berun fühlte sich nicht im Mindesten angegriffen. Er nickte nur und hob entschuldigend die Schultern. „Das ist alles, was wir erübrigen konnten. Wir mussten auch an unsere eigene Streitmacht denken.“

„Das mag ja sein, aber … es sind trotzdem zu wenige.“ Sie reichte das Pergament an Ro weiter, der neugierig zu ihr getreten war. „Wir haben den Bauern versprochen, dass wir sie unterstützen werden. Wir haben ihnen versichert, dass wir die Waffen stellen werden. Es war schwer genug, sie davon zu überzeugen, mitzumachen. Wenn wir jetzt nicht Wort halten …“ Sie stieß zischend Luft aus. „Wir brauchen mehr Waffen.“

„Vea hat recht“, sagte Brag seufzend und lehnte sich mit dem Rücken an die Haustür. „Die Bauern vertrauen auf unsere Hilfe. Wir können ihnen jetzt nicht eröffnen, dass die Waffen kaum für ein Viertel von ihnen reichen werden.“

Berun hob erneut die Achseln. „Wie gesagt: Es tut mir leid.“

„Aber –“

„Wisst ihr, wer eine Menge Waffen besitzt?“, unterbrach Janon sie, der sich auf einen Stuhl am Tisch gesetzt hatte.

„Wer?“, wollte Vea verwirrt wissen.

„Die Göttliche Garde“, bemerkte er und betrachtete seine Fingernägel. „Die Göttliche Garde bewahrt innerhalb jeder Mauer tatsächlich so viele Waffen auf, dass sie es gar nicht merken würde, wenn ein paar davon auf mysteriöse Weise verschwänden.“

Ro, der offenbar eine neue Suizidmission witterte, von denen sie in letzter Zeit zugegebenermaßen genug gehabt hatten, sah ihn entsetzt an. „Bist du des Wahnsinns? Natürlich würde sie es merken!“

Janon schüttelte den Kopf und sein Lächeln wurde immer breiter. „Ich habe Jahre damit zugebracht, die Garde zu studieren. Dank meines Bruders habe ich die interessantesten Einsichten in ihre Politik erhalten. Die Göttlichen Soldaten sind arrogant und faul. Jekis Worte. Sollten sie das Tor zu Dritten Mauer jede Nacht zusperren? Ja. Doch tun sie es? Nein. Denn es wäre zu aufwendig. Sollten sie jeden kontrollieren, der ihre Mauer betritt? Ja. Doch tun sie es? Nein. Denn wer wäre mutig und wahnsinnig genug, sich widerrechtlich Zutritt zu verschaffen? Sollten sie Diebstähle melden? Ja. Doch tun sie es? Nein. Denn es wäre peinlich für sie und würde eine Menge Papierkram bedeuten. Sollten nur ausgewählte Personen Schlüssel zu den Waffenkammern der Garde besitzen? Ja. Aber ist dem auch so? Natürlich nicht! Denn wie anstrengend wäre es, jedes Mal jemand Zuständigen zu finden? Mittlerweile kursieren so viele Schlüssel zu den Waffenkammern, dass man sie an all unseren Händen nicht abzählen könnte. Es wird kein Inventar geführt – denn wer hat die Zeit, Pfeilspitzen zu zählen? –, und Jeki hat sich mehr als einmal darüber beschwert, dass jeder Soldat sich Waffen nimmt, wie es ihm beliebt, Dolche verschludert und sie einfach so ersetzt, sich nicht die Mühe macht, sein Schwert zu schärfen, sondern sich einfach ein neues nimmt. Thaka lässt so viele Waffen schmieden, dass die Kammern nur so überquellen. Es ist sein größtes Hobby. Also: Sollte es ein Problem sein, der Göttlichen Garde Waffen zu stehlen? Ja. Aber ist es das? Nein.“

Selbstzufrieden verschränkte er die Hände im Nacken und sah grinsend zu ihnen auf.

„Aber –“, begann Ro, der noch immer nicht begeistert wirkte, doch Janon unterbrach ihn erneut mit einer fahrigen Handbewegung.

„Wir dürfen eben nicht gierig werden. Wir dürfen nur hier und da etwas nehmen. Von jedem Lager etwas. Genug für uns, aber dennoch so wenig, dass die Garde es nicht bemerkt. Das wird eine Gruppenaufgabe werden. Jeder Rebell, der es sich zutraut, einen Schlüssel zu klauen oder ein Schloss zu knacken, muss mitmachen, sonst werden die Waffen am Ende nicht genügen. Und natürlich sollten sie nicht alle an einem Abend gestohlen werden. Aber ansonsten … sehe ich absolut kein Problem. Außerdem gefällt mir der Gedanke, der Garde weiter auf der Nase herumzutanzen. Schlechte Angewohnheit von mir, fürchte ich.“

Vea musste lachen. Es hatte also auch seine guten Seiten, dass er das letzte Jahrzehnt über immer wieder in die Dritte Mauer spaziert war.

Ro stöhnte hörbar auf. „Und ich dachte, seit Levi weg ist, würden wir damit aufhören, uns die ganze Zeit beinahe umzubringen.“

„Genau, Süßer“, sagte Nika und tätschelte seinen Arm. „Mit dem bevorstehenden Krieg und alledem war das sehr wahrscheinlich.“

„Schön, das ist ein guter Plan“, gab Brag widerstrebend zu, der die Unterhaltung stumm verfolgt hatte. „Fehlt noch immer eine Lösung dafür, wo und wie wir die Sechste Mauer in das Einmaleins des Kampfes unterweisen können. Es wird schwierig, die Bauern auszubilden. Es gibt keinen sicheren Ort und nicht genug Zeit, aber versuchen müssen wir es trotzdem.“

„Auch ohne Ausbildung werden die Bauern eine Hilfe sein – allein aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit“, meinte Ro. „Aber dennoch wäre es klug, ihnen zumindest zu zeigen, wie sie sich mit einem Schwert nicht selbst abschlachten. Das wird dann meine Aufgabe sein, schätze ich?“

„Wofür haben wir dich sonst hierbehalten?“, fragte Nika gespielt irritiert.

„Wegen meines Charmes und Witzes?“

„Nein, du Frosch, dafür gibt es schon mich“, seufzte Janon melodramatisch. „Du musst dir eine andere Rolle suchen.“

„Ihr schweift vom Thema ab“, stellte Vea fest. „Halten wir fest, dass ihr beide halluziniert, und kommen wir zurück zu den wichtigen Dingen: Wie sollen wir die Sechste Mauer im Kampf unterweisen, wenn alle –“

„Was ist eigentlich mit der Siebten Mauer?“, meldete sich eine dünne Stimme von Richtung Boden. Abrupt wandten sich alle Gesichter zu Tala. Alle Anwesenden schienen vergessen zu haben, dass auch sie noch anwesend war. Das junge Mädchen stand auf und sah mit großen Augen zu ihrem Onkel hoch. „Alle reden immer von der Sechsten Mauer, aber was ist mit der Siebten? Sollten die nicht auch ein paar Schwerter bekommen? Ich dachte, ihr wolltet alle gleich behandeln.“ Sie sah vorwurfsvoll zu Brag. „Du sagst immer, dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist und die Bettler nichts dafür können, dass sie betteln müssen. Dass die Götter daran schuld sind, wenn Menschen krank sind oder arm oder allein. Vielleicht wollen die auch kämpfen. Oder beschützt werden. Ich finde das sehr falsch von euch, Menschen auszuschließen, nur weil sie … anders sind.“

Vea tauschte einen Blick mit Janon, der ein Lächeln nicht verbergen konnte.

„Sie hat recht“, meinte er schließlich. „Die Siebte Mauer wird aus jeder Diskussion ausgeschlossen. Sei es bei den Bistaye oder den Asavez. Das ist nicht gerecht. Die Siebte Mauer –“

„Bei den verdammten Göttern, die Siebte Mauer!“ Vea schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Wir können sie in der Siebten Mauer trainieren! Es ist so, wie Janon sagt: Niemand kümmert sich um die Siebte Mauer. Es gibt dort nicht einmal eine Ausgangssperre!“

„Ja, weil es keine Häuser gibt“, bemerkte Brag trocken.

„Eben! Die Garde patrouilliert dort höchstens einmal am Tag und sie interessiert sich nicht dafür, ob sich die Bettler gegenseitig abschlachten – sie begrüßen es sogar, weil sie der Schandfleck unseres Landes sind, der ohnehin ausgelöscht gehört. Es ist eine ganze Mauer, die kaum unter Bewachung steht. Welcher Ort könnte besser sein, um Kämpfer zu trainieren?“

„Aber die Sechste Mauer wird kontrolliert“, sagte Brag kopfschüttelnd. „Jede Nacht wird überprüft, ob die Bauern zurück in ihren Häusern sind, jede Nacht –“

„Dann muss das Training eben tagsüber stattfinden“, stellte Vea fest. „Wie sagt ihr immer?“ Sie fixierte Ro. „Im Schatten suchen sie dich, im Licht schauen sie nicht hin?“

Ro kratzte sich unangenehm berührt am Kopf. „Nun ja, schon, aber es klingt doch etwas … absurd.“

„Na und?“ Die ganzen letzten Wochen waren absurd gewesen! Daran konnten sie sich wirklich nicht orientieren. „Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir rekrutieren Bettler und … nun ja, Gesindel für den Krieg und unterrichten die Bauern.“

„Ich glaube, dass Jaan sie zur Taktikerin erklärt hat, steigt ihr etwas zu Kopf“, murmelte Ro deutlich hörbar aus seinem Mundwinkel zu Nika.

„Ich finde die Idee gut“, meinte diese nur schulterzuckend. „Eine andere Lösung gibt es nicht, oder? Also müssen wir wohl mit ein wenig Absurdität vorliebnehmen.“

„Das scheint doch sowieso die asavezische Spezialität zu sein“, bemerkte Janon achselzuckend.

„Provodes hatte recht“, sagte Berun kopfschüttelnd. „Das wird eine innovative Streitmacht, die ihr da zusammenstellt. War das dann vorerst alles? Meine Männer erwarten mich bis Sonnenuntergang zurück.“

„Nein, Moment, da gibt es noch etwas“, sagte Vea und legte den Kopf schief. „Wo wir gerade bei Absurditäten sind … wir würden gerne dreihunderttausend Kinder aus der Sechsten Mauer nach Asavez schaffen und gleichzeitig die Eingänge der Fünften blockieren, um die Garde einzukesseln. Irgendwelche Vorschläge?“

 

***

 

Nyms Muskeln brannten. Sie hatte es sich einfacher vorgestellt, die Kälte aus ihren Gliedern zu vertreiben, aber ihr Energieverbrauch war schlichtweg zu hoch, als dass sie ihren Körper dauerhaft warmhalten und dennoch zügig den Berg hochklettern konnte. Filia, die vor ihr lief, gab ihr Bestes, sich die Erschöpfung nicht anmerken zu lassen, aber Nym konnte ihre Knie zittern sehen, jedes Mal, wenn sie auf einem der größeren Felsen innehielten, um sich neu zu orientieren. Die Sonne stand nun tief am Himmel und allzu lange würden sie nicht mehr weiterlaufen können. Bei Nacht wäre es purer Wahnsinn, über die scharfen Felsformationen zu steigen. Sie sollten bald anfangen, sich einen sicheren und geschützten Ort zum Schlafen zu suchen.

Nym wollte gerade ebendies vorschlagen, als Jeki, der ihre Truppe anführte, an einem Vorsprung stehen blieb, über den sie nicht hinwegsehen konnte, und sich zu ihnen umwandte.

„Was ist?“, wollte sie wissen, und ihre Hand fuhr automatisch zu ihrem Gürtel, an dem ihr Dolch hing. „Hast du etwas Verdächtiges entdeckt?“

Seit mehr als acht Stunden waren sie unterwegs und bis jetzt hatten sie nichts weiter als ein paar Vögel und Echsen gesehen. Sie waren über keine erloschene Feuerstätte gestolpert. Hatten keine Kratzspuren eines wilden Tieres entdeckt. Nichts dergleichen. Die Berge waren gespenstisch still und jeder Schatten, der von einer der Felsformationen auf Nyms Füße geworfen wurde, ließ sie zusammenschrecken. Die Geschichten konnten doch nicht alles nur Erfindungen sein! Es war unmöglich, dass Millionen von Menschen Angst vor … nichts hatten.

„Nichts Verdächtiges, nein“, meinte Jeki, der sie nun fast entschuldigend ansah. „Aber ich fürchte, Salia, du wirst jetzt lernen müssen, zu schwimmen.“

Sie spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht floss. „Was?“ Hastig eilte sie den Rest des Berges hoch, nur um neben Jeki abrupt innezuhalten.

„Oh“, stieß sie aus und ihr Hals wurde eng.

Vor ihr erstreckte sich ein endlos langer Streifen trüben Wassers. Ein völlig unberührt wirkender See aus milchigem Grau, der zu beiden Seiten kein Ende zu nehmen schien. Diese kalte Farbe hatte sie in der Natur noch nie so gesehen. Sie erinnerte an das Gesicht eines leblosen Mannes. Eines Toten, aus dem auch der letzte Tropfen Blut gesickert war. Das Wasser war still. Auf seiner auffällig glatten Oberfläche spiegelten sich die Schneespitzen der Kreisberge wider. Wenn man den See zusammen mit den spitzen Bergen betrachtete, sah das Gebirge fast aus wie ein Monster, das sein hungriges Maul aufriss und seine messergleichen Zähne fletschte.

Das alles bestärke Nym nicht gerade darin, freiwillig ins Wasser zu springen, um auf die andere Seite zu gelangen.

Sie schluckte, sah nach links, sah nach rechts. Der See schien in die Unendlichkeit zu führen. Als wäre er ein Burggraben, der Eindringlinge am Weiterkommen hindern sollte. Sie konnten ihn nicht umgehen. Sie hatten nicht genug Zeit, um tagelang nach einem Ende suchen, das womöglich gar nicht existierte. Sie mussten hinüber.

Langsam wandte sie den Kopf und sah zu Levi, der misstrauisch die glatte Seeoberfläche anstarrte.

„Kannst du mich nicht“, räuspernd zog sie die Hände in die Ärmel ihres Mantels, „rüberwehen, oder so?“

Levis Mundwinkel zuckten. „Rüberwehen?“

„Na, mit Luft herübertragen“, spezifizierte sie und vollführte mit ihren Händen wellenartige Bewegungen, um ihm auf die Sprünge zu helfen.

Seine zuckenden Mundwinkel verwandelten sich zu einem Lächeln. „Nym. Es freut mich sehr, dass du endlich meine rechtmäßige Heldenhaftigkeit anzuerkennen scheinst. Und du hast recht mit deiner implizierten Aussage: Ja, ich bin der Beste. In allem. Aber ich bin leider kein Vogel. Die Luft ist mein Freund, aber fliegen kann ich trotzdem nicht.“

„Natürlich nicht“, murmelte sie. „Weil dein dickes Ego dich herunterzieht. Was ist mit dir Jeki?“ Hoffnungsvoll wandte sie sich an den anderen Mann. „Kannst du nicht einfach den Boden anheben? Eine Brücke aus Steinen bauen?“

„Kannst du den See austrocknen?“, stellte er die Gegenfrage.

Sie schnaubte. „Natürlich nicht. Ich würde vor Erschöpfung tot umfallen.“

Er nickte. „Da hast du deine Antwort.“

Na, so viel zu den beiden ach so tollen Helden.

„Es ist wirklich nicht sehr weit, Nym“, meinte Leena ungeduldig. „Vielleicht dreihundert Meter. Das schafft man locker.“

Doch als Nym zu Filia hinüberblickte, spiegelte sich auf ihrem Gesicht dieselbe Unsicherheit wider, die sie selbst verspürte.

„Ich kann nicht gut schwimmen. Wir hatten in der Sechsten Mauer nur einen Tümpel, in dem wir noch stehen konnten. Und ich bin müde“, flüsterte sie und zog den Kopf in ihren Mantelkragen zurück. „Können wir den See nicht morgen überqueren? Ich weiß nicht, ob meine Beine dreihundert Meter durchhalten. In der Kälte schon gar nicht.“

„Ich könnte das Wasser aufheizen“, murmelte Nym. „Nicht alles, aber einen Teil. Den, den wir durchqueren.“

„Und wir können nicht hierbleiben“, informierte Leena Filia entschuldigend. „Hier oben sind wir vollkommen ungeschützt. Dort hinten jedoch, an den Felswänden –“

„Das ist alles überhaupt kein Problem“, ging Levi dazwischen. „Nym, ich ziehe dich durchs Wasser. Du brauchst nichts zu machen, außer ruhig zu bleiben. Und der Erdklumpen hier neben mir kann Filia –“

„Warum nimmst du Salia und ich Filia?“

Levi runzelte verwirrt die Stirn. „Haben wir nicht gerade festgestellt, dass ich der Beste bin?“

Jeki schnaubte. „Der Beste in was? Im Schwachsinn erzählen?“

„Unter anderem auch darin, ja.“

„Ich werde mich um Salia kümmern“, sagte Jeki mit Nachdruck.

„Du bist viel zu erschöpft“, meinte Levi gespielt tadelnd. „Du musstest doch schon den ganzen Tag Steine wälzen und uns den Weg freiräumen.“

Ich werde sie über den See bringen“, knurrte Jeki. „Ich bin ihr Verlobter, ich –“

„Jetzt geht das wieder los.“ Levi verdrehte die Augen. „Wenn ich Nym also jetzt auf der Stelle einen Antrag mache, dann darf ich derjenige sein, der ihr hilft? Weil meine Verlobung mit ihr frischer ist? Oder wie läuft das?“

Also, jetzt wurde Nym doch hellhörig. Soweit sie wusste, hielt Levi von einer Hochzeit in etwa so viel wie von einem Tritt in den Magen. Wenn sie es sich recht überlegte, dann zog er Letzteres vielleicht sogar vor.

„Du kannst ihr keinen Antrag machen, weil sie bereits verlobt ist!“

„Ihr habt euch getrennt“, erinnerte Levi ihn.

„Sie hatte ihre Erinnerung verloren!“

„Woraufhin ihr getrennt wart, also, für mich macht das keinen Unterschied, dass –“

„Meine Güte, haltet beide die Klappe“, fuhr Leena sie genervt an, die Hände in die Seiten gestemmt. „Ich werde Nym übers Wasser helfen – und sie vom Fleck weg heiraten, wenn es nur bedeutet, dass ihr endlich mit eurem Macho-Kinderkram aufhört.“

Die Männer warfen sich noch einen letzten bösen Blick zu, dann schwiegen sie.

Nym seufzte. Vielleicht wäre Leena gar keine so schlechte Wahl. Zumindest in den letzten Tagen war sie so etwas Ähnliches wie nett zu ihr gewesen. Und es würde ihr ganzes Dreiecksdilemma lösen. Definitiv eine Überlegung wert.

„Schön“, sagte Levi trocken. „Filia, ich helfe dir, sonst versuchst du auf der Mitte des Sees noch, Tujan zusammen mit dir in den Tod zu reißen.“

Filia widersprach nicht.

Nym sah skeptisch zu Leena. „Wie gut kannst du schwimmen?“

„Besser als Levi fliegen kann“, erklärte sie und nickte zum See. „Sollen wir dann?“

„Ich, also … ähm …“ Sie beugte sich leicht über den Vorsprung und zog eine Grimasse. „Wie wollen wir denn überhaupt ins Wasser kommen?“

Leena schnaubte. „Wir springen. Das sind höchstens sieben Meter.“

„Aber was, wenn der See nicht tief genug ist?“

Wieso hatte denn niemand hier Angst? Das war doch absurd!

„Ist er“, sagte Jeki und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Ich kann den Boden ertasten. Wir können gefahrlos springen.“

Schade.

„Schön“, sagte Nym und reckte das Kinn. Sie war eine verdammte Ikano. Eine Soldatin. Sie hatte keine Angst.

Tief durchatmend schritt sie zum Rande des Felsens und streckte ihre Hände aus. „Die Wärme, die ich an das Wasser abgeben kann, wird aber nicht allzu lange anhalten“, warnte sie. „Ich kann nur die Oberfläche erwärmen, aber die Kälte wird von unten durchdringen.“

„Solange ich nicht verbrenne oder zum Eisklotz werde, ist mir das herzlich egal“, stellte Levi fest und trat zurück, um Nym Platz zu machen.

Der Rest der Gruppe folgte seinem Beispiel, während Nym ihre Hände ausstreckte. Es war nicht schwer, Wasser zu erwärmen. Sie machte es andauernd. Meistens, wenn sie zu faul dafür war, einen Topf aufzusetzen und fünf Minuten darauf zu warten, bis das Wasser kochte. Dennoch bedeutete es ein gewisses Maß an Anstrengung, eine so große Fläche zu erhitzen, während das Wasser gegen sie arbeitete. Ihre Fingerspitzen wurden kalt, so als würde sie ihre Hände in die Feuchtigkeit halten. Von allen Seiten fuhr Kälte in ihre Glieder. Sie schloss die Augen.

Um gegen ihre Angst anzukämpfen. Um sich zu konzentrieren. Sie würde das blöde Wasser nicht gewinnen lassen.

„Okay. Mehr geht nicht“, sagte sie nach ein paar Minuten, als ihre Fingerspitzen wieder warm geworden waren.

Filia sah nicht überzeugt aus. „Bist du sicher, dass wir nicht auf der Stelle erfrieren werden? Oder –“

„Ich vertraue Nym“, unterbrach Levi sie, und im nächsten Moment nahm er Anlauf und sprang mitsamt Rucksack von der Klippe. Für eine kurze Zeit sah es so aus, als würde er durch die Luft laufen. Seine Beine bewegten sich, der Wind schien ihn zu tragen, bis er sich nach vorne beugte und in einem eleganten Kopfsprung die Oberfläche des Sees durchbrach.

Nym hielt den Atem an und ihre Finger zitterten, während sie ihren Blick angespannt auf die Stelle gerichtet hielt, an der Levi soeben untergetaucht war. Sie war so nervös, dass sie noch nicht einmal einen Witz darüber machen konnte, was für ein Angeber er doch war.

Warum tauchte er nicht wieder auf? War es doch kein normaler See? Die Farbe hätte sie stutzig machen sollen! Sie war nicht natürlich. Was, wenn sie durch irgendeine Art von Magie …

„Also, mollig warm ist was anderes, aber es ist in Ordnung“, drang eine Stimme von unten hinauf, und Nym stieß einen zischenden Atemzug aus, als sie in etwa zwanzig Meter Entfernung seinen Kopf im Wasser entdeckte. Sie wollte ihn anschreien, dass er sie nicht so hätte erschrecken dürfen, doch sie konnte nicht. Ihr Hals war zu eng.

„Filia, spring du als nächstes“, wies Levi sie an. „Danach Nym und Leena und Klumpi als letztes. Er kann helfen, falls Leena zu müde wird, um Nym zu schleppen.“

„Du kannst mich mal, Levi“, rief Leena zurück. „Meine Ausdauer ist tausendmal besser als deine.“

„Ich soll springen?“, fragte Filia. Ihre Stimme war zwei Oktaven höher gerutscht.

„Es ist wirklich nicht allzu tief“, munterte Leena sie lächelnd auf.

Das sah Nym anders! Sie hatte kein Problem damit, gegen vier Soldaten gleichzeitig anzutreten, aber in ein ihr unbekanntes Gewässer zu springen, das aussah wie das bleiche Gesicht des Todes? Das war eine ganz andere Kategorie.

„Je länger du haderst, desto kälter wird das Wasser“, flüsterte Nym.

„Danke für die aufmunternden Worte“, schnaubte Filia als Antwort, bevor sie die Augen schloss, loslief und sprang.
Nym hielt es nicht für die beste Idee, nicht dort hinzusehen, wohin man sprang, aber jetzt konnte sie ihr auch nicht mehr helfen. Sekunden später tauchte Filia mit ihren Fußspitzen ins Wasser. Im Gegensatz zu Levi ließ sie sich keine Zeit damit, wieder aufzutauchen. Sie spuckte Wasser und schwamm dann hastig in Richtung Levi, der ihr entgegenkam.

„Wir sind dran“, sagte Leena fröhlich, die sich nicht im Mindesten an der Aufgabe, einen fremden See zu durchschwimmen, zu stören schien.

„Gebt mir euer Gepäck“, warf Jeki ein, als er Nym auch schon ihren Beutel vom Rücken zog. „Ich kann es tragen. Konzentriert ihr euch nur darauf, auf die andere Seite zu kommen.“

Nym warf ihm einen dankbaren Blick zu, als Leena sie an der Hand nahm. „Fertig? Alles klar. Los.“

Sie zerrte an ihrem Arm, trieb sie zum Laufen an, und bevor Nym wusste, wie ihr geschah, verlor sie den Boden unter den Füßen und fiel.

Und fiel.

Und fiel.

Und wurde vom Wasser verschluckt.

Kapitel 4

Valera? Die Göttin der Vernunft befand sich ebenfalls in der Bibliothek? Das ergab drei Götter. Karu sollte gehen. Oder sich bemerkbar machen. Aber sie konnte nicht. Sie war zu neugierig. Sie wollte wissen, worüber die Götter sprachen. Warum lief ihnen die Zeit davon? 
„Ich bin schweigsam, weil ich nichts zu sagen habe“, ertönte da die helle durchdringende Stimme der Göttin der Vernunft. „Ihr redet genug für uns alle. Mir reicht es vollkommen, diese hübsche Münze zu betrachten, die ich bald mein Eigen nennen werde.“

Nym schwebte.

All ihre Probleme verflüchtigten sich in der Dunkelheit, die sich vor ihr auftat. Stille drückte auf ihre Ohren, aus denen ihre Gedanken flohen. Sie war leer. Frei. Vor ihr lag die Unendlichkeit, und es war an ihr, danach zu greifen. Oder sich von ihr abzuwenden.

Das war es, was sie wollte. Freiheit. Eine gähnende Leere, die sie füllen durfte. So, wie es ihr gefiel. So, wie sie es für richtig hielt. Ohne Leid, ohne die Schwere in ihrer Brust, ohne Reue.

Ohne all das, was sie weiter in die Tiefe zog, was auf ihr lastete wie …

„Wer bist du? Sag mir, wer du bist …“

Nyms Kopf brach durch die Wasseroberfläche und sie schnappte nach Luft.

„Du musst mit den Beinen strampeln“, fuhr Leena sie an und zog beide Hände eng um Nyms Oberarme, um sie über der Wasseroberfläche zu halten. „Meine Güte, ich wusste ja, dass du nicht schwimmen kannst, aber ich dachte, du wärst wenigstens schlau genug, zu wissen, dass du deine Beine bewegen musst!“

„Ich …“ Nyms Blick glitt über die Oberfläche, die durch Leenas hastige Bewegungen Wellen schlug.

War die Stimme echt gewesen? Oder hatte sie sie sich nur eingebildet?

„Wasser ist wirklich nicht dein Element, oder?“, stellte Leena fest. Ihre dunklen Haare klebten ihr im Gesicht und ließen ihr einen Bart stehen. „Strampel einfach mit deinen Füßen. Auf und ab. Den Rest mache ich.“

Sie fasste sie unter den Achseln, während Nym tat, wie ihr geheißen, und mit ihren Beinen gegen die Schwerkraft ankämpfte, die sie zusammen mit ihrer vollgesogenen Kleidung in die Tiefe zu ziehen versuchte.

„Alles in Ordnung bei euch da unten?“

„Alles bestens“, rief Leena zu Jeki hinauf, während Nyms Kopf nun beinahe auf ihrer Schulter auflag. Sie fühlte sich wie ein Kleinkind, das über den Rasen getragen werden musste, weil es Angst vor Gras hatte.

„Bist du sicher?“, hakte Jeki nach. Er klang besorgt. Womöglich konnte er Nyms Gesicht sehen.

„Ja!“, brüllte Leena gereizt.

„Leena? Hast du was gesagt?“, ertönte da Levis Stimme. Er war schon hundert Meter vor ihnen. „Ist alles in Ordnung bei dir? Hat Nym eine Panikattacke?“

„Es ist verdammt noch mal alles bestens!“, schrie Leena, und Nym hätte sich jetzt gerne die Ohren zugehalten. Aber sie konnte nicht. Sie musste sich aufs Atmen konzentrieren. Das war eigentlich ein Zwei-Mann-Job, fand sie. Dabei sollte ihr jemand helfen.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Es war nur Wasser. Nichts als Wasser. Sie trank es jeden Tag.

„Meine Fresse“, hörte sie Leenas Stimme leise an ihrem Ohr. „Weißt du, du solltest dich wirklich mal entscheiden. Die beiden bringen sich sonst noch um. Und wenn sie es nicht tun, dann übernehme ich das!“ Leena schnappte hörbar nach Luft, bevor sie fortfuhr. „Ich muss mich womöglich übergeben, wenn sich noch einmal jemand um dich sorgt. Ich weiß wirklich nicht, was sie an dir finden.“

Ja, das wusste Nym auch nicht. Objektiv betrachtet war sie ein Fall für das Irrenhaus, der jetzt offenbar nicht nur Stimmen in ihrem Kopf hörte, sondern auch im Wasser. Wer wollte sich das freiwillig antun?

„Ich werde mich schon noch entscheiden“, stieß sie hervor, mühsam damit beschäftigt, ihr Kinn über Wasser zu halten. Schwimmen war eine so langsame Fortbewegungsweise! Das war lächerlich. Säuglinge robbten schneller.

„Wann denn?“, wollte Leena keuchend wissen. „Wenn einer von beiden im Krieg umkommt und dir die Entscheidung abnimmt?“

Nym biss ihre Zähne aufeinander. „Denk so etwas nicht einmal.“

Leena seufzte, ob vor Anstrengung oder Frustration konnte Nym nicht sagen. „Sieh mal, ich verstehe dich. Es ist eine schwierige Situation. Jeki ist deine Vergangenheit, Levi deine Gegenwart – aber wer ist deine Zukunft? Das ist es, woraus die großen Theaterstücke gemacht sind. Und sie sind wirklich heiß. Aber du hältst sie hin. Alle beide. Und das ist … ein bisschen grausam von dir.“

Nym schwieg.

Sie konnte nichts dagegen sagen, denn Leenas Worte entsprachen der Wahrheit. Aber was sollte sie tun? Was war die richtige Wahl? Und was, wenn sie die falsche traf?

„Ich brauche nur etwas Zeit“, flüsterte sie und ihre Stimme ging beinahe in dem Plätschern des Wassers unter.

„Nimm einfach Jeki. Wirklich. Lass Levi uns anderen Frauen“, schlug Leena außer Atem vor. „Denn Levi …“ Sie seufzte schwer. „Levi …“

Ihre Hände fuhren über seine nackten Schultern und sie ließ ihren Mund folgen. Sie hatten alle recht. All die Frauen, die sie über ihn hatte reden hören, hatten die Wahrheit gesagt. Er wusste, was er tat! Ihre Hände fuhren tiefer und sie konnte hören, wie sein Atem sich an ihrem Ohr beschleunigte …

Bei den Göttern, nein!

Nym schluckte Wasser und fing an zu husten. Das wollte sie nicht sehen. An dieser Erinnerung von Leena wollte sie wirklich nicht teilhaben! Sie wollte etwas anderes beobachten. Etwas Unverfängliches! Vielleicht irgendetwas aus ihrer Kindheit.

„Sie sagen, ich bin gut, Vater“, sagte sie stolz und reckte ihr Kinn. „Sie sagen, ich würde Geschick zeigen.“

„Nur gut, Leena?“ Der Mann sah unbewegt zu ihr hinunter. Seine grauen Augen starr. „Gut ist für diejenigen, die sich mit Mittelmäßigkeit zufriedengeben. Bist du so jemand?“

Ihr Mund wurde trocken und hastig schüttelte sie den Kopf. „Nein. Nein, natürlich nicht, ich –“

„Schön. Also komm zurück und rede mit mir, wenn sie sagen, dass du die Beste bist.“

„Okay, Vater.“

Nym riss die Augen auf, wieder schluckte sie Wasser und musste husten.

„Wasser ist nicht zum Atmen da, Nym“, sagte Leena genervt. „Hat die Göttliche Garde dir denn gar nichts beigebracht?“

„Ich … ich …“ Sie blinzelte das Wasser von ihren Wimpern und versuchte ihre Luftzufuhr zu regulieren. Was war passiert? Hatte sie gerade gelenkt, welche von Leenas Erinnerung sie zu sehen bekam? Es war so leicht gewesen. Und Leena hatte nicht einmal gemerkt, dass Nym Einblick in ihren Geist erhalten hatte. Das war –

„Wer bist du? Bist du Nym? Bist du Salia? Sag mir, wer du bist.“

Ihr Kopf fuhr herum, und hektisch suchte sie mit ihrem Blick den See ab.

„Sag mir, wer du bist. Sag mir, wer du werden willst. Zeig mir deine Wünsche. Zeig mir die Wahrheit. Willst du sie nicht kennen?“

„Hörst du das?“, keuchte sie und ihr Kopf fuhr von einer Seite zur anderen. Ihre Kleidung sog sich mit nasser Kälte voll. Sie zog sie herunter, und hektisch strampelte Nym gegen die Schwerkraft an.

„Was? Was soll ich hören?“, fragte Leena verwirrt.

„Wer bist du? Sag mir, wer du bist.“

„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie und ihr Atem blieb in Form weißen Nebels vor ihrem Gesicht hängen.

„Du lügst. Wie alle anderen auch. Du machst dir etwas vor. Du weißt es. Ganz tief in deiner verschmutzten Seele, da weißt du es.“

„Nein“, widersprach sie hastig. „Nein, ich weiß es nicht.“

„Nym?“, fragte Leena besorgt, bevor sie schwer atmend Luft holte. „Mit wem redest du?“

Doch Nym achtete nicht auf sie. Ihr Blick huschte über das Wasser und dann … dann sah sie ein Gesicht. Ein blasses Gesicht, das sich auf der glatten Oberfläche widerzuspiegeln schien. Ein Gesicht umrahmt von weißen Haaren, die mit dem Grau des Wassers verschmolzen.

„Du weißt es. Du kannst mich nicht belügen. Du kannst dich nicht belügen.“

„Ich weiß es nicht!“, rief sie verzweifelt und fragte sich gleichzeitig, ob sie nicht log. Ob sie nicht schon längst wusste, wie sie sich entscheiden würde. Ihr Herzschlag raste im Einklang mit ihren Gedanken, und Angstschweiß sammelte sich in ihrem Nacken. Ihre Stimme brach auf der Wasseroberfläche und wurde von den Wellen verschluckt – zusammen mit dem fremden Gesicht.

 

***

 

„Geht es noch, Filia, oder soll ich dir helfen?“

„Es … es … es …“

Das wertete Levi mal als Hilferuf.

Er schwamm zu ihr hinüber und griff sie sacht an den Oberarmen. „Es ist leichter, wenn du dich auf den Rücken drehst. Wir haben auch schon mehr als die Hälfte hinter uns.“

Filia gehorchte ihm, was ihm beinahe Sorgen bereitete, aber er beschloss, seinen Mund zu halten. Frauen hatten verrückterweise immer ein Problem damit, wenn er sie darauf hinwies, dass sie sich merkwürdig verhielten.

„Danke, Levi“, murmelte Filia, während sie ihre Muskeln entspannte und nur noch leicht mit ihren Füßen gegen das Wasser trat.

„Kein Problem.“ So hatte er bessere Sicht auf Nym, die etwa hundert Meter hinter ihnen lernte, dass man Wasser nicht einatmete. Er konnte das Wasser an den Stellen aufspritzen sehen, an denen sie hektisch mit ihren Füßen darauf eintrat, und er musste schmunzeln.

Es war süß, sie so unbedarft und untalentiert zu sehen. Sonst hatte sie immer die Kontrolle über alles und war die Souveränität in Person, aber in diesem Moment … sein Schmunzeln wurde zu einem breiten Lächeln. In diesem Moment war sie nichts von alledem.

„Geht das wirklich, Levi? Du sagst mir, wenn es zu schwer wird, oder?“

„Filia, haben wir nicht bereits festgestellt, dass ich der Beste bin?“

„Du bist ein Vollidiot.“

Mhm. Warum waren sich alle Frauen in dem Punkt so einig? Hatten sie eine Versammlung abgehalten?

Seine Füße arbeiteten stetig und trotzdem kam er in dem milchigen Gewässer nur mühsam voran. Wenigstens hatte noch kein glitschiger oder haariger Körper seine Füße gestreift. Wenn es wirklich irgendwelche Monster in diesen Bergen gab, dann wäre dieser See der perfekte Lebensraum für sie. Doch darüber wollte er lieber nicht allzu lange nachdenken.

Es war anstrengend, mit gefülltem Rucksack zu schwimmen, und wenn sie endlich aus dieser verdammten Kälte kamen, würde Nym alles für sie trocknen müssen, aber es hatte keine andere Möglichkeit gegeben. Die Zeit lief ihnen davon. Der Krieg lag so nah, dass Levi ihn praktisch riechen konnte. Aber vielleicht war es auch nur der metallische Gestank des Wassers, der ihm zu Kopf stieg.

Er hielt seinen Blick auf Nym gerichtet, die jetzt panisch ihren Kopf hin und her wandte, so als habe sie etwas im Wasser entdeckt. Doch bevor er sich Sorgen machen konnte, war sie wieder still.

„Du liebst sie, oder?“, fragte Filia leise.

Wenn Levi nicht der Beste gewesen wäre, wäre er in diesem Moment spontan untergegangen. „Wie … wie kommst du darauf?“

„Es sind die Blicke, die du ihr zuwirfst, wenn du dich unbeobachtet fühlst. Diese … Sehnsucht. Wenn es eine Emotion gibt, die man in der Sechsten Mauer zu erkennen lernt, dann ist es Sehnsucht. Du siehst sie an, als wäre sie dein Ticket in die Freiheit.“

Levi schwieg.

„Weißt du, jemanden zu lieben, ist nichts, wofür man sich schämen müsste“, meinte Filia nach einer Weile. „Auch wenn deine Wahl hätte besser ausfallen können.“

Er biss die Zähne aufeinander. „Filia, hör auf damit. Du solltest ihr wirklich verzeihen. Sie ist keine Göttliche Soldatin mehr. Sie ist nicht mehr die Frau von früher. Sie ist jemand anderes.“

„Glaubst du das wirklich, Levi? Dass sie nicht mehr Salia ist? Oder wünschst du es dir nur so sehr, dass du die Augen vor der Wahrheit verschließt, weil Jeki sonst gewinnen würde.“

„Das ist Schwachsinn.“

„Wirklich? Warst du schon einmal verliebt, Levi?“

„Warum ist das wichtig?“

„Warst du es schon einmal?“, beharrte sie.

„Nein“, sagte er schroff.

„Dann weißt du auch nicht, wie blind einen die Gefühle für alles andere machen können.“

Und wieder schwieg er. Denn sie sprach nur aus, was er seit jeher von der Liebe behauptet hatte. Sie machte schwach. Dumm. Irrational.

Aber er konnte nichts dagegen tun! Er konnte Nym nicht aufgeben – was blieb ihm also anderes übrig, als sich an dem Gedanken festzuhalten, dass Salia nicht länger existierte? Dass Nym ihren Platz eingenommen hatte?

Levi schwamm schneller und war froh, als er endlich – ohne den leisesten Zwischenfall – das seichte Ufer erreichte, an dem sie stehen konnten. Er ließ seinen Rucksack und seinen nassen Mantel auf den felsigen Boden fallen. Hatte er geglaubt, der See sei frisch gewesen, so war das nichts im Vergleich zu der Kälte, die sich jetzt in seine Haut fraß. Selbst wenn er den Wind blockierte, fror er bis auf die Knochen. Aber das hinderte ihn nicht daran, zurück in den See zu stapfen, als Leena und Nym endlich das Ufer erreichten. Klumpi schwamm fünfzig Meter hinter ihnen.

„Alles okay?“, fragte er und sah in Nyms bleiches Gesicht, während er ihr auf die Beine half. Ihre schwarzen Haare klebten ihr an Nacken und Schultern und sie hatte die Augen weit aufgerissen.

Sie antwortete nicht, sondern starrte nur weiter auf den grauen See hinaus. Seine Oberfläche war immer noch unbewegt. Jetzt, da Levi darüber nachdachte, war dieser Umstand mehr als merkwürdig. Keine ihrer Bewegungen schien das Wasser aufgeraut zu haben und auch der unerbittliche Wind, der durch die Berge pfiff, hatte keinen Effekt auf die spiegelglatte Oberfläche.

„Geht es dir gut?“, fragte er und tastete nach ihrer Hand.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie, und noch immer fuhr ihr Blick über den See. Als suche sie ihn nach Monstern ab. Ihre kalten Finger umschlossen seine und erst jetzt merkte er, dass sie zitterte.

„Nym, was ist los?“

Sie warf einen letzten Blick auf die starre Wasseroberfläche, dann schüttelte sie den Kopf und drehte sich ruckartig um. „Nichts“, meinte sie. „Soll ich deinen Mantel trocknen?“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern streckte ihre Hand aus, während er dabei zusah, wie Nyms Haare in Rekordzeit trockneten. Ihre Kleidung gleich mit.

„Es ist zu still“, erklang eine Stimme hinter ihm und Levi riss seinen Blick von Nym.

„Was?“

Tujans Blick huschte über die Umgebung. Über die hohen Felswände, die sie am nächsten Tag würden erklimmen müssen, aber für die kommende Nacht als Schutz dienten. Über die vereinzelten verdorrten Büsche und Bäume, über den See. „Es ist zu still“, wiederholte er. „Zu still, wenn man an all die Geschichten denkt, die sich um diese Berge ranken. Es ist zu einsam hier. Zu unangetastet. Einfach … zu still.“

Levi hasste es, aber er war mit Tujan einer Meinung. Die Berge schienen auf etwas zu lauern – und niemand konnte vorhersagen, wann sie zuschlugen.

 

***

 

Wurde sie verrückt?

Nym starrte in die knisternden Flammen und hielt ihr Brot, das sie auf einen Stock gespießt hatte, tiefer hinein.

Wurde sie wahnsinnig? So wie ihre Mutter?

Da war eine Stimme gewesen. Ein Gesicht. Aber niemand anderes hatte sie gehört. Niemand anderes hatte es gesehen.

Wer bist du? Sag mir, wer du bist.

Sie wusste es nicht.

Aber noch während sie das dachte, stahl sich ein anderer Gedanke in ihren Kopf. Ein verräterischer, kleiner, scheinbar harmloser Gedanke, den sie stetig versuchte zu ignorieren. Es war der Hebel. Der unangetastete Hebel in dem Raum ihrer Erinnerung, der so viel mehr verbarg, als seinen goldenen Kern.

Sie schloss die Augen und zog ihren Kopf tiefer in ihren Jackenkragen. Nachdem sie sämtliche Kleidung sowie die Bambusmatten getrocknet hatte, war sie mit den anderen auf die Suche nach Feuerholz gegangen. Die Gruppe wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber ohne ein wärmendes Feuer würden sie – bis auf Nym – über Nacht erfrieren. Und außerdem … war hier niemand. Weder eine Menschen- noch eine Tierseele. Es war ruhig. Nicht einmal der Wind pfiff in ihren Ohren. Er war da, aber er gab keine Geräusche von sich.

Es war unheimlich.

Die Dunkelheit war so schnell gekommen, dass Nym schwindelig geworden war. Sonne und Mond hatten den Platz getauscht und die Sterne leuchteten heller hier oben, als in Bistaye oder Asavez. Und dennoch … dennoch schien nichts von alledem – weder das Feuer noch der Mond noch die Sterne – besonders viel Licht zu spenden. Es war, als würde die Dunkelheit nach jedem Funken schnappen und ihn mit seinem gierigen Maul ersticken.

„Wir stellen Wachen auf, oder?“ Filias nervöse Stimme glich Nyms Emotionen.

„Jap“, antwortete Levi. „Wenn in Bistaye ein verrückter Mörder herumläuft, dann will ich das für die Kreisberge nicht ausschließen.“

„Also bist du es nicht?“

Levi wandte sich zu Jeki um, der gesprochen hatte, und Nym konnte sehen, wie er die Augen verengte. „Ich bin was nicht?“

„Der Mörder.“

Levi schnaubte. „Ob ich der Mann bin, der Nyms Schwester umbringen wollte?“

Jeki zuckte die Schultern, so als verstünde er nicht, warum Levi sich durch seine Aussage angegriffen fühlte. „Was ist mit dem Ikano des Wassers? Oder dem anderen Soldaten, der immer mit euch kommt?“

„Willst du Leena und Filia hier nicht auch noch beschuldigen? Wäre doch diskriminierend, wenn du die Frauen auslässt“, sagte Levi.

„Oh ja, gute Idee“, meinte Jeki lächelnd, bevor er sich an die Mädchen wandte. „War es eine von euch beiden?“

„Von welchem Mörder redet ihr eigentlich?“, wollte Filia verwirrt wissen, die unangenehm berührt auf ihrem Platz herumrutschte.

„In Bistaye treibt ein Serienmörder sein Unwesen“, sagte Jeki gelassen. „Ein Serienmörder, der zur gleichen Zeit wie ihr in immer höhere Mauern vorgedrungen ist. Ihr könnt mir nicht sagen, dass das ein Zufall war.“

Nym zog ihre Brauen tiefer ins Gesicht und riss das heiße Stück Brot vom Stock. Jeder andere hätte sich dabei verbrannt, aber Nyms Finger kitzelten nur aufgrund der Hitze.

„Sagtest du nicht, dass die Opfer alle mit einem Göttlichen Dolch erstochen wurden?“, hakte sie nach. „Niemand von uns besitzt einen solchen.“

Filia gab ein trockenes Lachen von sich, und Nym wurde rot.

„Außer mir“, korrigierte sie sich. „Aber ich habe niemanden getötet.“

Wieder lachte Filia und Nym schluckte.

„Zumindest niemanden von den Männern und Frauen, die ermordet wurden.“

„Männer. Es wurde nur Männer getötet“, meinte Jeki langsam, den Blick auf die tanzenden Flammen gerichtet. „Allesamt mit einem Göttlichen Dolch erstochen.“

„Wenn man genauer darüber nachdenkt, fällt Vea also aus dem Muster, oder?“ Levi betrachtete Nym von der Seite aus. „Sie ist weiblich und sollte auch nicht mit einem Göttlichen Dolch ermordet werden. Jemand hat versucht, sie zu erwürgen.“

„Aber dieser Jemand trug einen Göttlichen Dolch bei sich“, erklärte Nym und biss in ihr Brot. „Ich habe ihn selbst gesehen.“

„Er hatte einen Göttlichen Dolch dabei, aber anstatt ihn zu benutzen, hat er versucht, sie zu erwürgen?“, fragte Leena verwirrt. „Ziemlich dumm, wenn du mich fragst. Jemandem erfolgreich die Luft abzuschnüren, dauert ewig und ist eine eher unsaubere Angelegenheit. Einen Göttlichen Dolch zu benutzen, geht doch sicher weitaus schneller und ist dabei viel idiotensicherer, oder irre ich mich?“

Es stimmte.

Leena hatte vollkommen recht. Wenn man nicht erwischt werden wollte und in ein mit Menschen überfülltes Haus einbrach, war es nicht sehr weise, jemanden erwürgen zu wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dabei überrascht wurde, war zu hoch.

„Wer wurde denn alles getötet?“, wollte Leena wissen. „Gibt es ein Muster?“

Jeki zuckte die Schulter. „Die Wahl der Opfer wirkte eher willkürlich. Lorfin, ein Fischer aus Amrie, der den Göttlichen Palast belieferte. Ein Mann namens Grezan, ein Bauer aus der Sechsten. Zwei Brüder, genannt Pavalas, Tischler aus der Fünften. Sarvin, ein Schmied, ebenfalls aus der Fünften und Lavertas, ein Weinimporteur aus der Vierten. Sie alle hatten nichts Besonderes an sich. Niemand wurde der Rebellion oder eines anderen Vergehens bezichtigt. Sie hatten Familie oder waren alleinstehend. Waren Anhänger der Götter oder verachteten diese. Es scheint keine Gemeinsamkeiten zu geben.“

„Sagtest du … sagtest du Grezan?“, wollte Filia leise wissen, die Hände zum wärmenden Feuer ausgestreckt. „Yantur Grezan? Aus der Sechsten Mauer?“

„Ja, warum?“

„Ich kannte ihn“, stellte sie fest. „Er hat damals nur ein paar Häuser weiter gewohnt. Er … er war nicht sehr beliebt in meiner Region. Hat für die Götter gearbeitet.“

Alle sahen überrascht zu ihr hinüber. „Ein Bauer aus der Sechsten Mauer hat für die Götter gearbeitet?“, fragte Leena ungläubig.

„Ja. Er hat sich um ihren Garten gekümmert. Den des Palastes. Hat immer damit angegeben, dass er schon Dinge gesehen hätte, von denen wir anderen Normalmenschen nur träumen könnten.“ Sie verzog das Gesicht. „Es wundert mich nicht, dass er den Tod gefunden hat.“

„Na, es mag eben niemand Angeber“, murmelte Nym und ihre Mundwinkel zuckten, als sie Levis Blick begegnete.

„Ich erkenne ein Muster“, meinte Leena, die ihr Essen bereits vertilgt hatte. „Alle Namen der Opfer tragen ein A in sich. Götter hassen Menschen, die ein A in ihrem Namen haben. Filia, Tujan – wir haben schlechte Karten. Aber Levi und unsere Nym hier werden wohl am Leben bleiben. Vorausgesetzt natürlich, Salia kommt nicht wieder durch.“

Levi schnaubte. „Danke für deinen Weitblick, Leena.“

Nym ignorierte sie beide. „Aus welchen Gründen tötet man einen Menschen?“, fragte sie leise.

„Geld? Macht?“, schlug Filia vor.

„Eifersucht. Neid“, meinte Leena.

„Informationen“, murmelte Jeki.

„Um ihn zum Schweigen zu bringen“, bemerkte Levi trocken, seinen Blick auf Jeki gerichtet.

„Um sie zum Schweigen zu bringen“, wiederholte Nym nachdenklich. „Um Informationen zu vertuschen …“

„Aber was können diese Menschen schon gewusst haben“, schnaubte Leena verächtlich. „Ein Fischer, ein Bauer und deine Schwester? Es gibt absolut keinen gemeinsamen Nenner, außer dass –“

„Doch. Gibt es.“ Ruckartig richtete Nym sich auf. „Es gibt einen gemeinsamen Nenner. Es ist der Palast!“ Ihr Herz übersprang einen Schlag. „Der Fischer. Er hat den Palast beliefert. Der Bauer. Er hat sich um den Garten des Palastes gekümmert. Vea. Sie hat dem Palast vor Jahren auch schon einmal einen Besuch abgestattet. Es würde mich nicht wundern, wenn die anderen Opfer auch eine Verbindung zum Palast hatten.“

„Also stecken die Götter hinter den Morden?“, fragte Leena neugierig.

Nym öffnete den Mund, schloss ihn jedoch nach ein paar Augenblicken wieder. Nein. Das glaubte sie nicht. Die Götter hätten keine Leichen zurückgelassen. Sie hätten die Menschen einfach verschwinden lassen. Sie wusste, wie sie arbeiteten. Sie selbst hatte auf Thakas Wunsch hin dafür gesorgt, dass Menschen sich in Luft auflösten. Nein, die Morde trugen nicht die Handschrift der Götter … und trotzdem hatten sie sie toleriert. Hatten sogar gefordert, dass jede Untersuchung eingestellt wurde.

Das ergab keinen Sinn.

Wen schützten sie?

„Die Götter haben nichts mit den Morden zu tun“, sagte Jeki, als klar wurde, dass Nym nicht antworten würde.

„Woher willst du das wissen?“, fragte Leena und sah ihn skeptisch an. „Wenn der Palast die gemeinsame Komponente ist, muss es etwas mit ihnen zu tun haben. Mit dem, was die Männer und Vea gesehen oder gehört haben. Irgendetwas. Sie alle müssen ein Geheimnis kennen, das jemand verbergen will. Und wer würde die Geschehnisse im Göttlichen Palast vertuschen wollen, wenn nicht die Götter?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Jeki abgehackt. „Aber Api selbst hat mir versichert –“

„Api selbst“, schnaubte Levi. „Noch ganz das göttliche Schoßhündchen, wie ich sehe. Leena hat recht. Informationen, die den Göttlichen Palast betreffen, können nur etwas mit den Göttern zu tun haben! Niemand anderes lebt dort.“

Jeki presste seine Lippen aufeinander, doch er schwieg.

Nym blickte vom einen zum anderen und zurück in die Flammen. Leenas und Levis Argumentationskette war logisch. Natürlich mussten die Götter damit zu tun haben, aber … eine Spur aus Leichen zu hinterlassen, passte nicht zu ihnen.

„Die Frage ist nicht, warum“, merkte Filia an. „Die Frage ist: Warum jetzt? Nehmen wir an, sie alle haben irgendetwas im Palast gesehen, was nicht für ihre Augen bestimmt war. Nehmen wir an, die Götter haben sie töten lassen.“ Jeki öffnete den Mund, um ihr zu widersprechen, doch sie hielt ihm eine sehr aussagekräftige Hand ins Gesicht. „Halt die Klappe, Schoßhund“, zischte sie. „Wir stellen hier gerade nur Vermutungen an. Also: Wenn wir davon ausgehen, dass es tatsächlich die Götter sind, die die Morde veranlasst haben, so stellt sich noch immer die Frage, warum sie nicht eher gehandelt haben. Wenn sie jemanden beim Lauschen erwischen, lassen sie die Regelbrecher doch nicht erst nach Hause gehen, wo sie ihr Geheimnis fröhlich herumerzählen könnten. Man sollte doch meinen, dass sie sie sofort töten würden. Und nicht, wie zum Beispiel bei Vea, jahrelang warten, bevor sie eingreifen. Warum bringen sie all die Menschen erst jetzt um?“

Darauf hatte niemand eine Antwort.

Nym stützte das Kinn in ihre Hand und dachte an Vea. Sie war vor Ewigkeiten im Palast gewesen. Vor mehr als fünf Jahren. Und wenn sie etwas Verdächtiges gesehen oder beobachtet hätte, dann hätte sie ihr damals davon erzählt. Warum sollten die Götter sechs Jahre lang damit warten, sie zu töten?

Aber einen anderen Zusammenhang schien es nicht zu geben. Versteckten die Götter womöglich etwas im Palast?

Frustriert fuhr sie sich mit beiden Händen übers Gesicht. Sie hasste Geheimnisse. Hasste sie von ganzem Herzen.

„Lasst uns schlafen gehen. Ich übernehme die erste Wache“, bot Levi an. „Morgen dürfte noch ein wenig anstrengender werden als heute. Ein bisschen Ruhe können wir alle gebrauchen.“

„Noch anstrengender?“, rutschte es Filia heraus. „Wie könnte es noch anstrengender werden?“

Levis Zähne blitzten auf, als er die Steilwand hinaufsah, die sich neben ihnen auftat. „Sag du es mir, Filia.“

Kapitel 5

Münze?
Karus Herz klopfte ihr bis zum Hals, doch sie trat einen Schritt vor, bis sie durch den Spalt der Tür spähen konnte. Ihr Blick fiel auf Thaka, der auf und ab ging, die Hände krampfhaft hinter seinem Rücken verschränkt. Api und Valera konnte sie nicht sehen. Sie mussten in den Sesseln außerhalb ihres Sichtfelds Platz genommen haben.

Es war stickig.

Derselbe Raum. Dieselben Lichter über ihrem Kopf. Dieselbe rote Tür. Derselbe Hebel.

Nym wandte den Blick ab und fragte sich, ob sie jetzt jede Nacht von diesem Ort träumen würde. Ob sie jede Nacht hier stehen und sich quälen würde. Oder ob es an ihr lag, das hier zu beenden. Den Traum ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Erneut drehte sie sich um. Der Hebel leuchtete golden unter dem Schein der Lampen, und sie machte einen Schritt auf ihn zu. Fuhr vorsichtig mit ihren Fingerspitzen über das kühle Metall.

War es nicht ihr Kopf? War es nicht ihre Entscheidung, was sie darin vorfinden wollte? Was sie sehen und nicht sehen wollte?

Sie ließ den Hebel los und schritt stattdessen zu den dunklen Fenstern, die in die Unendlichkeit gerichtet waren.

Was wollte sie sehen? Was war wichtig? Was musste sie wissen?

Sie streckte ihre Hand nach dem Rahmen aus, ließ ihre Finger in die Schwärze gleiten und zog an ihr. Sofort wandelte sie sich zu einem Bild.

„Salia, wo glaubst du, ist Mama jetzt?“

„Ich … weiß es nicht.“ 

Veas Kopf lag in ihrem Schoß und sie strich ihr sacht die von Tränen verklebten Haare aus dem Gesicht. 

„Meinst du, es ist ein … ein besserer Ort?“

„Das hoffe ich sehr.“

„Aber du glaubst nicht daran?“

„Nein.“

„Woran glaubst du dann?“

„Ich glaube daran, dass sie uns sehr geliebt hat“, flüsterte sie. „So wie ich dich sehr liebe.“

Vea lächelte. „Dieb bleibt Dieb, Soldat bleibt Soldat –“

„Schwester bleibt Schwester.“

Sie schlug die Augen auf und atmete zitternd aus. Vea mochte ihr verziehen haben. Doch sie würde noch eine Weile brauchen, bis sie sich selbst vergab.

Sie ließ das Bild ihrer Schwester hinter sich, trat zum zweiten Fenster und starrte in die Leere. Diesmal musste sie nicht einmal ihre Hand nach der Dunkelheit ausstrecken, um eine Erinnerung heraufzubeschwören. Sie kam von allein, nur mit Hilfe eines sanften Gedankenstoßes.

Zeig mir, was ich wissen muss. 

Sie erkannte Bücherreihen. Einen geschlossenen Fensterladen. Das Blitzen einer goldenen Robe.

Sie schloss die Augen.

„Ich muss nicht warten, bis uns die Nachricht erreicht, Api!“ Das Gesicht Thakas war vor Wut rot angelaufen. Seine blonden Haare zeichneten sich hell von seinen rot verzerrten Zügen ab, und sein Finger richtete sich auf sie.

„Wir beide wissen, dass sie gehen wird! Wir wissen es. Wir werden nicht auf Bestätigung warten. Wir werden handeln. Wir müssen handeln!“

Sie senkte den Blick und betrachtete ihre aneinandergelegten Fingerspitzen. Thaka hatte recht. Auch sie wurde unruhig. Sie durften kein Risiko eingehen. Wenn die Ikano des Feuers hinter ihr Geheimnis kam … nein. 

Sie erhob sich, versuchte ihre innere Unruhe niederzuringen und einen kühlen Kopf zu bewahren. Das hätte alles nicht passieren dürfen. 

„Falls sie in die Kreisberge gehen sollte –“, begann sie vorsichtig, wurde aber sofort wieder unterbrochen.
„Sie ist höchstwahrscheinlich schon auf dem Weg, Api!“, fuhr Thaka sie zornig an. „Sie wird nach der Wahrheit suchen. So wie ihre Mutter nach der Wahrheit gesucht hat.“

Mühsam beherrschte sie ihr Temperament. Ihr Freund musste sich beruhigen. Sie alle mussten mit Vorsicht vorgehen. Das hier war so viel größer als ihre kindischen Zankereien. Bedeutsamer als der Ablauf der Frist. 

„Thaka“, sagte sie mit fester Stimme. „Selbst wenn sie bereits dort ist: Sie wird die Wahrheit nicht finden. Wir haben eine Abmachung mit ihnen getroffen und sie werden sich daran halten.“

„Wirklich? Obwohl wir selbst so kurz davor sind, sie zu brechen?“

„Das können sie nicht wissen.“

„Aber sie werden es wissen. Denn das ist es, was sie tun, Api. Sie kennen die Wahrheiten dieser Welt. Unserer Welt!“

Sacht schüttelte sie den Kopf. „Sie werden den Frieden nicht riskieren. Sollte Salia sie finden, was ich bezweifle, werden sie ihr nichts verraten.“

„Sie könnte es immer noch selbst herausfinden.“

„Wie sollte sie? Sie ist intelligent, aber keine Wahrheitsleserin.“

„Api“, zischte Thaka. „Es ist ein Risiko, das wir nicht eingehen dürfen! Das ist ein –“

Die Tür ging auf und Thaka hielt augenblicklich inne. Doch es war nur Valera, die die beiden jetzt interessiert musterte. „Was habe ich verpasst?“

„Du!“ Thakas Finger schwang zu seiner Mitgöttin. „Es ist deine Schuld. Du hast sie gehen lassen. Du hast ihr die Freiheit geschenkt!“

„Ladet mir nicht eure Fehler auf, meine Freunde. Es war euer Plan, der misslungen ist. Ihr habt sie alle unterschätzt. Sie hat die Freiheit verdient.“

Thaka schnaubte wutentbrannt. „Oh bitte, Valera! Tu nicht so, als wäre es ein selbstloser Akt gewesen!“

„Selbstlos?“ Sie lachte schrill. „Natürlich war es nicht selbstlos. Es war strategisch gesehen die richtige Wahl – und das ist es, was dich wirklich ärgert, Thaka. Dass die Steine neu gelegt wurden.“ 

„Du hast seinen Rat angenommen.“

Sie zuckte unbeteiligt mit den Schultern. „Es war ein guter Rat. Solltest du mir je einen geben, werde ich auch ihn berücksichtigen. Aber das ist heute Abend nicht das dringliche Thema, oder? Haben wir bereits Nachricht erhalten? Ist sie auf dem Weg in die Kreisberge?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine Nachricht. Aber Thaka hier ist davon überzeugt, dass sie gehen wird oder bereits unterwegs ist.“

Valera seufzte. „Du weißt, wie sehr ich es hasse, dem werten Gott der Gerechtigkeit rechtzugeben, aber … ich glaube, ihr wart nicht die Einzigen, die sie unterschätzt haben. Ich fürchte, ihr beide habt uns da einen großen Feind geschaffen. Vielleicht haltet ihr in Zukunft mehrmals inne, bevor ihr wieder in fremden Köpfen herumpfuscht.“

Sie knirschte mit den Zähnen. Es war so typisch von Valera, die Schuld auf ihr abzuladen. Die Göttin hatte schon immer gewusst, wie sie ihren Kopf am elegantesten aus der Schlinge zog. Aber darum ging es jetzt nicht. Sie mussten handeln.

„Wir werden drei Ikanos senden“, sagte sie mit fester Stimme. „Esya soll die Truppe anführen. Wenn Salia geht, werden der Ikano der Luft und Tujan nicht weit sein. Esya ist mit ihren Kampfstilen vertraut.“

„Sie sollen noch heute aufbrechen“, knurrte Thaka. 

Alle nickten, und Valera tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an ihr Kinn. „Er wird Jaan schicken, um sie zurückzuholen. Das wisst ihr, oder?“

„Natürlich“, murmelte sie. „Aber darauf können wir uns nicht verlassen. Jaan folgt schon längst nicht mehr nur der übergeordneten Agenda.“

„Drei Ikanos, fünf Soldaten“, forderte Thaka. „Wir können Jaan nicht trauen. Wenn Esya ihm über den Weg läuft, soll sie ihn töten.“

Valera schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Damit würdest du unsere Gesetze brechen, Thaka.“

„Ach ja? Dann klagt mich an, sobald das Ganze vorbei ist.“

„Ich stimme ihm zu, Valera“, murmelte sie. „Unsere Gesetze werden nicht mehr von Wert sein, sollte das Kreisvolk Salia in unsere Geheimnisse einweihen.“

„Schön. Aber vermerkt im Protokoll, dass ich meine Bedenken geäußert habe.“

Sie verdrehte die Augen. „Natürlich. Du bist wie immer unschuldig.“

„Eine gewisse Art der Ordnung muss doch eingehalten werden, nicht wahr?“, bemerkte Valera milde lächelnd.

Ja, Ordnung musste gewahrt werden. Jetzt war nicht die Zeit, die Dinge dem Zufall zu überlassen. Es gab zu viel zu verlieren. Die Ikano des Feuers hatte lang genug gelebt. Es war Zeit, sie alle zu beseitigen.

Nym fuhr senkrecht in die Höhe.

Ihre Kleidung klebte an ihrem schweißnassen Körper und ihr Atem ging stoßweise. Die Göttlichen Soldaten. Sie würden kommen. Aber wann? Wie viel Zeit blieb ihnen? Wie lange lag Apis Erinnerung zurück? Hatte das Gespräch heute stattgefunden? Gestern? Vor zwei Tagen?

„Salia, alles in Ordnung?“

Ihr Kopf schnellte herum und ihr Blick traf Jekis. Er musste die zweite Wache übernommen haben.

„Sie kommen“, keuchte sie. „Sie kommen, um uns zu töten. Sie wollen nicht, dass wir das Kreisvolk finden. Sie haben Angst, sie –“

„Was? Wovon redest du? Wer kommt? Wer hat Angst?“

Jeki beugte sich besorgt zu ihr herunter, und ihr eigenes blasses Gesicht spiegelte sich in seinen Augen wider.

„Du hast eine Menge Albträume in letzter Zeit, oder?“, murmelte er. „Hat das einen –“

„Nein!“, unterbrach sie ihn und sprang auf die Füße. „Nein, das ist es nicht. Es war kein Traum!“

Sollte sie die anderen wecken? Was, wenn die Göttliche Garde sie schon fast erreicht hatte? Drei Ikanos und fünf Soldaten. Das waren zu viele. Filia konnte kaum kämpfen und zusammen mit Leena wären sie nur zu viert und –

„Salia, beruhige dich. Du hast nur geträumt!“

„Nein! Ich werde mich nicht beruhigen und es war kein Traum“, sagte sie entschlossen.

Jeki musste es doch verstehen! Die Götter hatten Angst. Panische Angst davor, dass sie das Kreisvolk erreichten. Sie waren auf dem richtigen Weg. Sie hatten eine Chance, sie zu besiegen. Aber nicht, wenn sie von der Göttlichen Garde niedergemetzelt wurden, bevor sie hinter das Geheimnis kamen, das die Götter so verzweifelt versuchten, für sich zu behalten.

„Jeki“, sagte sie mit fester Stimme und versuchte sich zu beruhigen. „Die Götter, sie haben die Garde nach uns geschickt. Sie wollen uns töten, bevor wir das Kreisvolk erreichen. Sie haben Esya mit der Aufgabe betraut, und sie ist auf dem Weg. Die Soldaten könnten jederzeit hier sein.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Jeki verwirrt, während das flackernde Feuer verzerrte Schatten an die Felswand hinter ihm warf.

„Ich habe es gesehen! Ich habe gesehen, wie Api es angeordnet hat.“

Jeki blickte sich verwirrt um, so als glaubte er, der Gott der Vergeltung könne jederzeit hinter einem Busch hervorspringen. „Was? Wo? Wo hast du es gesehen?“

„In meinen Gedanken, in seinen Gedanken, ich –“

„In deinen Gedanken? Du hast also geträumt, dass –“

„Nein! Also … ja, aber nein.“ Sie strich sich ihre verschwitzten Haarsträhnen aus der Stirn und atmete tief durch. Es wurde Zeit für die Wahrheit. Kein Geheimnis war die Gefährdung eines Lebens wert. „Ich kann in Apis Geist blicken, Jeki. Seine Erinnerungen durchforsten. Ich weiß, was er denkt, was er fühlt.“

„Salia.“ Jeki legte ihr beruhigend die Hände auf die Schultern. „Du hast schlecht geträumt. Nichts weiter.“

„Nein!“, fuhr sie ihn an und Levi begann sich auf seiner Bambusmatte zu regen. „Nein“, zischte sie leiser. „Ich habe in Apis Geist geblickt. Ich habe eine Verbindung zu ihm. Er hat einen Fehler gemacht, damals als er meine Erinnerung genommen hat, er –“

„Er ist ein Gott, Salia“, sagte er behutsam. „Er wäre nicht unvorsichtig genug, so einen großen Fehler zu begehen.“

„Jeki“, sagte sie eindringlich und leise Verzweiflung kroch in ihr hoch. „Götter sind nicht perfekt. Sieh mich an. Ich bin der größte Beweis dafür. Wären sie vollkommen, wäre ihr Plan dann so fehlgeschlagen? Wäre ich dann auf die andere Seite übergelaufen? Api beherrscht seine Gabe nicht so fehlerfrei, wie er es andere glauben lässt. Er hat meine Mutter bei dem Versuch in den Wahnsinn getrieben und mir hat er aus Versehen etwas von seiner Fähigkeit übertragen.“

„Du redest wirres Zeug, Salia“, sagte Jeki sanft, und die Sanftheit in seiner Stimme machte sie nur noch wütender.
Ich weiß!“, schrie sie. „Ich weiß, dass es wirr ist, aber das macht es nicht weniger wahr!“

„Was zum Teufel ist hier los?“ Filia war aufgewacht, und wie es aussah, war sie nicht die Einzige. Levi und Leena waren beide aufgesprungen, als erwarteten sie einen Angriff.

Gut so.

„Jeki, du musst mir glauben“, flehte sie. „Sie haben Soldaten geschickt, sie werden –“

„Selbst wenn jemand kommen sollte“, sagte er jetzt lauter, sichtlich um Beherrschung ringend. „Wir haben einen Vorsprung. Wir sind schnell. Sie können uns nicht einholen.“

„Sie haben drei Ikanos und fünf Soldaten der Göttlichen Garde geschickt! Mit Sicherheit einen Ikano der Erde, der ihnen genauso helfen wird wie du uns. Sie werden schneller sein, sie sind uns vielleicht schon längst auf den Fersen.“

„Kann mir bitte jemand sagen, was los ist?“, fuhr Filia dazwischen. „Warum ist Nym eine Furie und warum sieht Jeki sie an, als hätte sie sie nicht mehr alle?“

„Ich bin nicht verrückt! Ich habe es gesehen!“ Nyms Ruf hallte von den Wänden wider und sie musste sich zwanghaft daran erinnern, dass sie leise sein sollte, falls die Garde ihnen bereits auf den Fersen war.

„Nym.“ Dieses Mal war es Levis Stimme. Ruhig und gefasst. „Sag mir, was du beobachtet hast.“

Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, löste sie wieder, krallte ihre Fingernägel in ihre Beine, suchte nach Ruhe.

„Ich habe in Apis Gedanken gesehen, Levi. Ich habe seine Erinnerung gesehen. In dem Raum, von dem ich dir erzählt habe. In einem der Fenster. Ich habe eine Besprechung der Götter mit angehört. Sie haben Soldaten geschickt. Vielleicht schon vor ein paar Tagen. Vielleicht erst vor ein paar Stunden. Es ist nicht wichtig: Sie werden kommen und uns versuchen daran zu hindern, das Kreisvolk zu finden. Die Götter haben Angst davor, dass wir etwas herausfinden könnten. Sie wollen uns aufhalten.“

Levi starrte sie an. Sah ihr in die Augen, sagte nichts. Stille senkte sich über sie, bevor er ganz langsam nickte.

„Okay. Wir sollten früher aufbrechen als geplant und ab jetzt zu zweit Wache halten. Wir können kein Risiko eingehen. Die Götter werden keine Schwächlinge geschickt haben, um uns zu töten, und ich würde es vorziehen, ihnen nicht zu begegnen. Wir sollten –“

„Du glaubst ihr?“, unterbrach ihn Leena ungläubig, während Nyms Herz mit jedem seiner Worte größer wurde.

„Ja, ich glaube ihr“, sagte Levi kühl. „Api hat in ihrem Kopf herumgepfuscht und ganz offensichtlich etwas falsch gemacht.“

Er glaubte ihr.

Ohne nachzufragen.

Ohne sie für verrückt zu erklären. Er nahm sie ernst. Und in diesem Moment war Nym so dankbar dafür, dass nur Jekis Blick, den sie in ihrem Rücken spürte, sie daran hinderte, Levis Kopf mit beiden Händen zu ihrem heranzuziehen und ihn zu küssen.

„Aber das ist vollkommen absurd“, stellte Filia verblüfft fest. „Ein Gott würde doch nie zulassen, dass –“

„Ich glaube, er weiß es nicht“, sagte Nym und wischte die verschwitzten Hände an ihrer Hose ab. „Er weiß nicht, dass er mir Einblick in seinen Geist gibt.“

Sie blickte zu Jeki, der sie immer noch vollkommen überfordert betrachtete. „Du bist dir sicher, dass du nicht geträumt hast?“, fragte er vorsichtig.

Sie lachte trocken. „Ich wünschte, es wäre so. Ich –“ Ein Knacken durchschnitt die Stille und ihr Kopf fuhr herum. Sie hatte ihren Dolch gezückt, bevor jemand anderes das Geräusch überhaupt bemerkt hatte.

Es knackte erneut, gefolgt von einem Rascheln, und diesmal war sie nicht die Einzige, die alarmiert den Blick hinüber zu den trockenen Büschen huschen ließ, die am Rand der Felswand wuchsen und von denen das Geräusch herrührte.

Filia stolperte einen Schritt zurück, brachte sich hinter dem Feuer in Sicherheit, während Nyms Puls kräftig in ihren Ohren widerhallte. Sie machte einen Schritt seitwärts, sodass der Busch nun genau vor ihr lag. Seine Blätter schienen zu zittern und der Schaft ihres Dolches fing wie automatisch an zu glühen. Levi und Jeki hatten sich zu beiden Seiten neben ihr positioniert, die Hände erhoben.

Es war still. Man konnte nichts hören, außer ihre gehetzten Atemzüge … und dann brach etwas aus dem Busch hervor.

Nym zuckte zusammen, hob die Waffe über ihren Kopf – aber es war kein Göttlicher Soldat. Es war ein Tier.

Eine große Katze mit spitzen flammenden Ohren und einer ebenso feurigen Schwanzspitze.

„Bei den verdammten Göttern“, flüsterte Filia und hob eine Hand zum Mund. „Sind die nicht ausgestorben?“

Niemand antwortete ihr. Nym starrte den Feuerluchs an, der sein weiches Gesicht zu ihr wandte und seine Schnauze leckte.

Er war wunderschön.

Sie ließ ihren Dolch sinken und steckte ihn zurück an ihren Gürtel, während die Katze sich auf vorsichtigen Pfoten an sie heranpirschte.

„Nym, wir wissen nicht, ob er gefährlich ist“, warnte Levi sie.

Sie hätte beinahe angefangen zu lachen. Der große Soldat hatte Angst vor einem Kätzchen.

Lächelnd machte sie einen Schritt auf das Tier zu, dessen wachsamer Blick zwischen ihr und dem Feuer hin- und herwanderte. Seine großen gelben Augen gefüllt mit Argwohn.

„Er tut uns nichts“, murmelte sie. „Er hat nur Hunger.“

„Das ist ja beruhigend“, sagte Leena mit hoher Stimme. „Habt bloß keine Angst vor dem Raubtier – es hat nur Hunger.“

Nym achtete nicht auf sie, kniete sich hin und streckte die flache Hand aus. „Hey“, flüsterte sie. „Hat das Feuer dich angezogen?“

Wieder leckte sich der Luchs übers Maul, während die Flammen seiner Ohrspitzen im seichten Wind tanzten.

Nym ließ Hitze in ihre Hand strömen, bevor sie ihre Finger leicht zucken ließ und ein Feuerball darin erschien.

Der Luchs gab ein leises Maunzen von sich, überwand die letzten Meter und begann ihr mit seiner rauen Zunge die Flammen aus der Hand zu lecken.

Nyms Lächeln wurde breiter und eine tiefe Ruhe überkam sie. Trotz der Garde, die ihnen auf den Fersen war. Trotz des steinigen Weges, der noch vor ihnen lag. Trotz des Krieges, der über ihnen schwebte, wie eine tiefhängende schwarze Wolke.

Das Leben konnte grausam sein. Das Leben konnte unfair sein. Das Leben konnte unberechenbar sein. Und dennoch war es wert, gelebt zu werden. Wegen vollkommenen Momenten wie diesem.

„Na super“, konnte sie Levi leise hinter ihrem Rücken murmeln hören. „Jetzt braucht sie keinen mehr von uns, Tujan. Sie hat jetzt ein Haustier.“

 

***

 

„Wie in alten Zeiten, oder?“, flüsterte Nika.

„Du meinst die alten Zeiten, in denen wir in Waffenlager eingebrochen sind, um die Göttlichen Soldaten zu bestehlen?“, fragte Vea interessiert. „An die erinnere ich mich nämlich nicht. Weil es sie nicht gab!“

Ihre Freundin lachte leise. „Wir müssen eben noch ein wenig dreister werden. Sonst würde unser Leben ja auch langweilig.“

Zurzeit empfand Vea ein langweiliges Leben als gar nicht so unattraktiv. Sie drängte sich näher in die Schatten und wich dem Schein der bereits entzündeten Laternen aus. „Du hast recht. Wir sind in letzter Zeit von einem langweiligen Erlebnis ins nächste gestolpert.“

„Seit wann bist du eine solche Pessimistin?“

Vea wusste es auch nicht genau. Vielleicht so seit sechs Jahren? „Lass uns lieber noch mal den Plan durchgehen“, flüsterte sie und streckte einen Arm aus, um Nika am Weitergehen zu hindern. „Ich weiß, Janon meinte, es wäre kinderleicht, die Garde zu bestehlen – aber Janon wäre auch beinahe wegen Hochverrats hingerichtet worden. Seiner Sicht auf die Welt ist nicht immer zu trauen.“

Nika nickte verständnisvoll, auch wenn ihre Mundwinkel zuckten. „Stimmt. Ich meine: Er hat sich ja auch Hals über Kopf in dich verliebt. Der Kerl ist eindeutig plemplem.“

Das war er.

Was für ein Glück.

„Also.“ Vea presste ihren Rücken an die kalte Hauswand hinter sich. Sie waren noch keiner Wache begegnet, aber das musste nichts heißen. Die Garde besaß die nervige Eigenschaft, immer in den ungünstigsten Momenten aufzutauchen. „Ich knacke das Schloss, während du Wache hältst. Ich stehle mich in die Kammer, während du Wache hältst. Ich stecke die Waffen ein und bringe ein neues Schloss an, während du Wache hältst. Habe ich irgendetwas vergessen?“

„Nein, das war eine sehr akkurate Beschreibung. Auch wenn mir die Arbeitsteilung bei dieser Aufzählung etwas ungerecht erscheint.“

Vea hob die Achseln. „Möchtest du lieber einbrechen?“

„Nein, nicht wirklich. Ich habe keine Ahnung, wie man eine verschlossene Tür öffnet.“

„Dann hätten wir das ja geklärt. Wir müssen ja auch gar nicht viel mitnehmen. Es wird ganz schnell gehen.“

„Redest du gerade mir oder dir Mut zu?“, wollte Nika mit gerunzelter Stirn wissen.

„Uns beiden?“, bot Vea an.

„Gekauft. Gehen wir weiter?“

Sie nickte und huschte ihrer besten Freundin voran die dunkle Gasse entlang, darauf bedacht, sich so leise und schnell wie möglich zu bewegen. Die erleuchtete Laterne, die sie unter ihrem Mantel verborgen hielt, schlug ihr gegen die Beine und hinterließ sicherlich einige blaue Flecken. Aber darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen.

Beide, Janon und Ro, hatten es für keine gute Idee gehalten, die Mädchen alleine gehen zu lassen. Fakt war jedoch, dass Janon und Ro nicht gerade unauffällig und die Mädchen ein eingespieltes Team waren. Sie hatten jahrelang Warnrufe und Ausweichtaktiken perfektioniert, um sich aus dem Haus ihrer Eltern zu stehlen und nicht zuletzt, um Flüchtige zu verstecken. Wenn sie unentdeckt die Rebellengruppe der Vierten Mauer hatten anführen können, dann würden sie auch jetzt nicht erwischt werden.

Wirklich überzeugt waren Janon und Ro davon nicht gewesen, aber sie wussten wahrscheinlich, dass sie ihren Freundinnen die Idee nicht ausreden konnten.

„Es ist wie ausgestorben heute Nacht“, flüsterte Nika von hinten. „Das ist unheimlich. Wo sind all die Soldaten hin, die sonst ihre Wachgänge machen?“

„Keine Ahnung. Vielleicht haben sie eine Versammlung in der Dritten?“

„Alles scheint heutzutage möglich“, bestätigte Nika. „Meinst du … meinst du, die Götter wissen, dass Asavez angreifen wird?“

Daran hatte Vea keinen Zweifel. Die Götter mussten seit fast eintausend Jahren damit rechnen. So wie Asavez auf einen Angriff Bistayes vorbereitet war.

Es hieß, die Götter hätten Asavez bisher in Ruhe gelassen, weil das Kreisvolk sie zum Frieden zwang. Dies galt jedoch nicht andersherum. Niemand hatte je behauptet, dass Asavez nicht Bistaye angreifen konnte.

„Die Götter wissen, dass ein Krieg bevorsteht“, flüsterte sie. „Aber sie wissen nicht, wann und wie er passieren wird. Das ist unser Vorteil.“

„Kein besonders großer Vorteil. Wenn die Götter mitkämpfen sollten …“

„Lass uns darüber nachdenken, wenn es soweit ist“, murmelte Vea. Sie musste ihren Pessimismus nicht noch weiter anfachen.

Nika atmete hörbar aus. „Schön. Ein Schritt nach dem anderen.“

Sie bogen um die nächste Ecke, eilten an Thakas Denkmal vorbei und blieben im Schutz eines Baumes stehen, dessen Wurzeln sich einen Weg durch das Pflaster geschlagen hatten.

Vea starrte auf das kleine hölzerne Gebäude, das sich zwischen zwei Wohnhäusern einreihte und beim besten Willen nur als Schuppen bezeichnet werden konnte.

Janon hatte gemeint, dass die Garde das unscheinbare Äußere der Hütte als Schutz nutzte. Wer würde schon in so einen abgewrackten Schuppen einbrechen?

Nun ja, die Antwort versteckte sich gerade unter einem Baum und sah sich nervös nach links und rechts um.

„Siehst du irgendetwas Auffälliges?“, fragte Vea leise.

„Du meinst, bis auf uns? Nein. Ich glaube, die Luft ist rein. Aber der Eingang des Schuppens ist kaum geschützt. Wie lange brauchst du, um das Schloss zu knacken?“

„Ich weiß nicht. Ein paar Minuten? Je nachdem wie stabil es ist.“

„Na, dann bleibt ja nur zu hoffen, dass die Garde geizig ist und sich für unantastbar hält.“

Ja, das wünschte sich Vea auch. Sie zog zwei Klammern aus ihrem Haar und stopfte den Leinensack, in den sie die Waffen packen wollte, tiefer unter ihren Mantel. Er durfte ihr nicht herunterfallen.

Schließlich wechselte sie einen letzten Blick mit Nika, die ihr zunickte, bevor sie tief durchatmete und sich auf die Hütte zubewegte.

Sie rannte nicht. Ihre Bewegungen waren nicht hastig. Sie schlenderte. Die Fünfte Mauer mochte den Göttern nicht gerade wohlgesonnen sein, aber den Belohnungen, die auf die Köpfe von Rebellen und Dieben ausgesetzt waren, war sie es sehr wohl. Wenn sie jemand von einem der Fenster aus beobachtete, dann sollte derjenige besser niemanden sehen, der auffällig geheimnistuerisch auf der Straße herumschlich. Vea erreichte die Tür und positionierte sich absichtlich so davor, dass ein Außenstehender nicht sehen konnte, was sie am Schloss tat. Sie könnte auch mit einem Schlüssel daran herumhantieren, anstatt mit zwei metallenen, unbiegsamen Haarklammern.

Dennoch: Veas Herz hämmerte in ihrer Brust und ein dünner Schweißfilm bildete sich auf ihrer Stirn, während sie mit den Nadeln in dem glücklicherweise schlecht verarbeiteten Schloss herumstocherte. Ihre Muskeln waren merkwürdig steif und es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Die Angst drückte auf ihre Lunge und ließ ihre Hände zittern.

Beruhige dich, flüsterte sie sich selbst zu. Beruhige dich! Du wirst nicht erwischt. Hier ist niemand. 

Immer wieder sprach sie sich selbst Mut zu, bis das Schloss endlich ein leises Klickgeräusch von sich gab und seine Schließe öffnete. Erleichtert ließ Vea es in eine ihrer tiefen Taschen gleiten und atmete einen Schwall Luft aus, bevor sie durch die Tür huschte und sie fest hinter sich schloss. In der Fünften Mauer ließ man Türen nicht offen stehen.

Sie hielt inne und stellte ihre Laterne auf den Boden. Fahles Licht fiel auf den Inhalt der Kammer, und Veas Kinnlade sank langsam nach unten.

Eine Unzahl an Klingen spiegelte die kleine Flamme wider. Die Reflexion warf flackernde Muster an hölzerne Wände und Decke und ließ flüchtige Schatten über Veas Haut tänzeln.

Dolche lagen in aus Stroh geflochtenen Körben, hunderte von Schwertern waren an eisernen Halterungen an den Wänden befestigt worden. Schilde reihten sich aneinander, sehnige Bögen und die dazu passenden Pfeile stapelten sich auf einem Regal. Es gab Armbrüste, Messer, Äxte, Säbel, Waffen, mit denen Vea die Göttliche Garde noch nie hatte kämpfen sehen, und so viele davon, dass es Tage gedauert hätte, sie zu zählen. Kein Wunder, dass keiner der Soldaten sich dazu bereit erklärte, Inventur zu führen.

Kopfschüttelnd betrachtete sie das Arsenal an versprochenem Schmerz und zog den Beutel aus ihrem Mantel. Wenn die Menschen wüssten, welche Reichtümer sich direkt unter ihrer Nase befanden …

Sie lief zuerst zu den Dolchen, die nicht so sperrig sein würden, und begann wahllos, sie in den Sack zu stecken. Sie ging so fahrig vor, dass sie ihre Finger mehrmals an den scharfen Klingen schnitt, doch je schneller sie fertig war, desto eher war sie wieder draußen. Es befanden sich so viele Dolche in den drei Bottichen, dass Vea ordentlich zulangte. Und selbst als zwanzig Waffen entwendet waren, sah man noch keinen Unterschied. Dennoch ging sie zügig zu den Schwertern hinüber. Die Bögen ließ sie aus. Niemand in der Sechsten Mauer würde dazu fähig sein, einen zu bedienen. Sie wären nutzlos. Auch die Armbrüste beachtete sie nicht. Es dauerte viel zu lang, sie zu laden und zu spannen. Der Schütze wäre bereits dreimal tot, bevor er seinen ersten Schuss löste.

Sie nahm einen zweiten Sack aus ihrer Tasche und hob vorsichtig ein paar der langen Klingen an. Die Schwerter wogen viel weniger, als sie erwartet hatte. Die Garde legte offenbar Wert auf leichtes Material, und Vea war froh drum, das erleichterte Nika und ihr den Transport. Sie hob ein Schwert nach dem anderen in den Sack und achtete darauf, die kleineren Exemplare zu nehmen, die zwar einen engeren Kampfradius hatten, aber leichter zu beherrschen sein würden.

Mit dem Handrücken strich sie sich gerade den Schweiß von der Stirn, als ihr Blick auf eines der Regale fiel, auf dem silberglänzende Pfeilspitzen aufbewahrt wurden – unterbrochen von einem goldenen Leuchten.

Ihre Lippen öffneten sich leicht und der Leinensack glitt aus ihren Fingern. Die Schwerter fielen klirrend zu Boden, doch Vea hörte sie kaum.

Dieses Leuchten … sie erkannte es. Sie stieg über die Säcke, über die Laterne, streckte die Finger danach aus. Ihre Fingerknöchel streiften die kühlen Pfeilspitzen, als sie sie beiseiteschob, bis sie zu dem matten Leuchten vordrang. Sie griff danach und zog den Gegenstand zu sich heran, bevor sie ihn in ihrer Handfläche betrachtete.

Es war eine Münze. Ein goldener Nomis, der matt glänzte, im Schein der Laterne jedoch zu leuchten schien. Vea drehte ihn in den Fingern. Er war alt. Seine Ränder waren angelaufen, die Oberfläche aufgeraut. Stirnrunzelnd betrachtete sie die Münze. Sie hatte die Größe eines Fünf-Nomis-Stücks. Aber die Fünf war nicht die Zahl, die darauf gedruckt worden war. Eine eng aneinandergedrängte Eintausend war darauf zu erkennen. Die Nullen schon fast bis zur Gänze abgewetzt.

Vea entfuhr ein Lachen.

Eintausend? Es gab kein Eintausend-Nomis-Stück … und doch meinte sie, genau dieses schon einmal gesehen zu haben. Sie betrachtete auch die Rückseite, auf der die Sieben Mauern eingraviert worden waren. Winzige feine Worte befanden sich in den Zwischenräumen. Aber sie waren zu klein, und es war zu dunkel. Vea konnte nicht erkennen, was sie sagten. Sie hielt sich die Münze näher an ihr Gesicht, verengte die Augen …

„Aufmachen!“

Ihr Kopf fuhr herum.

„Aufmachen!“

Jemand hämmerte mit der Faust an die Tür und ihr Puls schnellte in die Höhe. Kälte durchflutete sie in Wellen, und sie ließ die Münze fallen. Sie musste Nikas Warnruf überhört haben, sie …

„Aufmachen!“

Panisch sah sich Vea im Raum um, suchte nach einem Versteck – und das war der Moment, in dem sie eine weiße Hand hinter einem der geflochtenen Körbe hervorlugen sah.

Das Blut rauschte in ihrem Kopf, das Hämmern an der Tür schlug gegen ihre Schläfen und Übelkeit kämpfte sich den Weg ihren Hals hinauf. Sie stolperte über den Korb mit den Dolchen, fiel auf die Knie, neben die Hand. Neben den leblosen Körper, der zur Hand gehörte. Neben das Blut, das aus dessen Hals pulsierte.

„Nein“, keuchte sie. „Nein …“ Sie starrte in das leblose Gesicht, in die leeren grünbraunen Augen. „Nein.“ Was passierte hier? Das war unmöglich.

Sie streckte die Hände aus, presste sie auf die Schnittwunde am Hals der Verletzten. Klebriges Blut sickerte über ihre Finger, hörte nicht auf zu fließen. Bildete eine Pfütze neben ihren Knien.

„Aufmachen!“, dröhnte wieder die Stimme durch die Tür.

Doch sie konnte ihr nicht Folge leisten. Konnte sich nicht bewegen. Konnte ihre Hände nicht von dem blutigen Hals nehmen. Konnte nicht atmen. Konnte nicht verstehen. Konnte ihrer Mutter kein Leben mehr einhauchen.

Ihr Atem ging schwer, ihre Finger krallten sich in das tote Fleisch, ihr Herz splitterte.

Die Tür brach auf und donnerte gegen die dahinterliegende Wand. Ihr Kopf fuhr herum, das Glänzen der goldenen Rüstung blendete sie durch ihren Tränenschleier hindurch und der Geruch nach Eisen, den das Blut an die Luft abgegeben hatte, vermischte sich mit dem Geruch nach Zimt. Zimt und Staub.

Der Soldat im Türrahmen starrte sie an. Ließ den Blick zu dem reglosen Körper neben Vea gleiten.

„Vea Kerwin?“, fragte er, seine Augen, die unter dem Sehschlitz des goldenen Helmes aufblitzten, unerbittlich. „Du musst mitkommen.“

Sie schüttelte den Kopf, drängte ihre Finger näher aneinander, um die Blutung zu stoppen – doch es hatte bereits aufgehört zu fließen. War kalt geworden. Wie der Körper, zu dem es gehörte.

„Du musst mitkommen“, wiederholte der Soldat. „Die Götter erwarten dich in ihrem Palast. Du kannst ihr nicht helfen. Sie ist tot.“

„Nein“, flüsterte sie hektisch. „Nein, sie ist nicht tot, sie … nein!“

Starke Hände packten sie an den Oberarmen, zerrten sie von dem Körper ihrer Mutter weg. Sie schlug um sich, versuchte sich zu wehren, stemmte ihre Füße in den Boden.

„Nein!“, schrie sie. „Lasst mich! Nein! Salia! Nein, ich … nein! Salia, hilf mir!“

Die Hände zogen sie weiter, sie trat mit dem Fuß aus, ihre Finger klebten zusammen, hinterließen Blutstropfen auf dem Boden. Staub wirbelte auf, der Geruch nach Zimt verflüchtigte sich, die schwarzen Haarspitzen des toten Körpers verschwanden – und mit ihm alles andere.

Vea hockte auf dem Boden. Auf ihrer rechten Seite lag ein Beutel gefüllt mit Dolchen. Auf ihrer linken einer mit Schwertern.

Die flammende Kerze in der Laterne hinter ihr erfüllte die Kammer mit tanzenden Schatten. Es war still.

Zitternd sah sie von links nach rechts. Der Raum war wie ausgestorben. Der Mantel klebte an ihrem schweißnassen Rücken. Es roch nach Metall. Nach Leder.

Sie suchte den Boden ab, doch er war leer. Sie blickte zur Tür, doch die war fest verschlossen. Ihr Blick huschte zu dem Regal mit den Pfeilspitzen, doch kein goldener Schimmer ging von dort aus.

Sie hob die Hände vors Gesicht, versuchte ihren hektischen Atem zu beruhigen. Blut klebte an ihrer Haut. Doch es war ihr eigenes, das aus den flachen Schnitten auf ihren Handflächen drang, die sie sich beim Einsammeln der Dolche zugefügt hatte.

Ihre Knie schlugen gegeneinander, als sie sich auf die Hände stützte und vom Boden abdrückte. Ihre Glieder zitterten so heftig, dass sie Schwierigkeiten damit hatte, einen festen Stand zu finden.

Sie schloss die Augen, holte rasselnd durch die Nase Luft und atmete durch den Mund wieder aus. Sie musste hier raus. Die Garde … sie war nicht hier gewesen. Noch nicht.

Fahrig stopfte Vea sich die kleine Laterne unter ihren Mantel, griff nach den Enden der Säcke, umklammerte den rauen Stoff und zwang ihre Beine dazu, sich zu bewegen. Sie drückte vorsichtig die Holztür auf, ließ die Beutel in den Schatten der Hütte sinken, und brachte das alte Schloss an der Tür an.

Das Metall der Schwerter und Dolche klirrte leise gegeneinander, als sie die Säcke wieder hochhob, und noch bevor sie einen Schritt machen konnte, war Nika an ihrer Seite und nahm ihr einen der Beutel ab, bevor sie sie am Ellenbogen packte und in die nächstbeste Gasse zog, die sie vor neugierigen Blicken verbarg.

„Was hat so lange gedauert?“, zischte ihre Freundin. „Ich war kurz davor, nachzusehen, was du da drinnen treibst. Du kannst froh sein, dass keine Soldaten vorbeigesehen haben.“

Keine Soldaten.

Da waren keine Soldaten gewesen.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960872443
ISBN (Buch)
9783960873884
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417916
Schlagworte
das buch der gefühle tribute von panem acht sinne secret elements Die Bestimmung Ashes Throne of Glass

Autor

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    Saskia Louis (Autor)

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Titel: Asche des Krieges (Fantasy, Liebe, Abenteuer)