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Auf Umwegen geküsst (Chick Lit, Liebe)

von Nicole Lange (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Alisa führt ein ganz normales Leben – mit einem ganz normalen Job. Bestattungsfachkraft ist doch ein völlig normaler Job, oder? Und es ist auch nicht ungewöhnlich, dass eine reiche Baronesa das Styling für ihren letzten Auftritt schon vorab besprechen möchte. Na gut, dass sie dafür ihren Neffen Leandro, einen hinreißenden Herzog, schickt, um Alisa auf ihr märchenhaftes Schloss einzuladen, ist vielleicht etwas ungewöhnlich. Dass Leandro Alisas geordnetes Leben komplett aus der Bahn wirft, hätte sie sich trotzdem nie träumen lassen. 

Das Chaos ist perfekt, als auch noch der spanische Prinz und seine Mutter dazwischenfunken und ein Kuss zwischen Alisa und Leandro ungeahnte Folgen hat …

 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe April 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-372-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-406-5

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © Dr.PAS, © JBOY24, © anelina, © CeCe11, ©ylivdesign, © DeryaDraws
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Mit ganz viel Liebe

für

Marion Hubbes

28 Jahre Freundschaft. Wow! Der Wahnsinn.

Monika Martin

Carla & Claudia Gebert

Anna Schreiber

Marion Werner

&

Anna Koch

Die top Testleserinnen.

Prolog

Alisa

Er ist fort.

Einfach weg.

Wie kann das sein?

Auch die Zukunft muss ihn doch vermissen.

Der Tod steht mir gut

Alisa

Wenn man den Körper des verstorbenen besten Freundes vor sich auf dem Tisch liegen hat, kann das: Verbittern, verhärmt machen, innerlich töten.

Julian war alles für mich gewesen. Mein bester Freund. Meine Familie. Soll ich Ihnen sagen, wie er war? Stellen Sie sich den unkompliziertesten und treuesten Menschen vor. Machen Sie das gerade? Dann wissen Sie, wie er war. Ich habe aber nicht nur einen ganz besonderen Menschen verloren. Nein. Ich habe auch den richtigen Zeitpunkt verpasst. Den richtigen Moment, um ihm zu sagen: Dass ich ihn auch geliebt habe. Jetzt kann ich nur noch fassungslos auf ihn herabblicken und denken, dass ich ihn noch immer liebe. Das Leid ist unbeschreiblich. Der Schmerz unsterblich.

 

Acht Monate später

„… der Tod hat dich einfach fest im Griff“, knurrt mein Kollege Lenius und holt mich damit erfolgreich in das Hier und Jetzt zurück. Ich stürze meinen Frühstückskaffee hinunter und sehe Lenius fragend an. „Entschuldige, was meintest du?“

Lenius sieht mich tadelnd an, kippt den letzten Tropfen Red Bull hinunter, denn Energydrinks bedeuten für ihn ein ausreichendes Frühstück, und schimpft: „Ich kann dir sagen, warum sich deine Dates nicht in Beziehungen verwandeln: Weil du die Männer mit deinen Schauergeschichten von Toten, Leichenflecken und in welche Körperöffnungen du Tamponagen stecken musst, von Anfang an in die Flucht schlägst.“

Amen.

Ich schweige.

Am besten hört ihr alle auf, mich zu verkuppeln, dann kann ich auch keinen Mann mehr in die Flucht schlagen.

Mit mürrischem Gesichtsausdruck erhebe ich mich, was mir ebenfalls einen missbilligenden Blick von Lenius einbringt. „Du solltest mehr essen. Dein Blazer-Anzug schlabbert an dir herum, als hättest du überhaupt keine Figur mehr.“

Verstimmt richte ich meine Arbeitskleidung und muss feststellen, dass Hawkeye recht hat. Den Spitznamen habe ich ihm verpasst, weil er mich an Hawkeye von den Avengers erinnert. Süß wie Jeremy Renner ist er ja, aber natürlich verheiratet.

Hey, so dünn war ich noch nie: Der Tod steht mir gut. Er macht schlank.

Stumm will ich den Pausenraum verlassen, da hält Lenius mich milder gestimmt am Arm zurück.

„Alisa. Du hast die Regel gebrochen. Wir übernehmen nie die Versorgung an unseren verstorbenen Verwandten, Bekannten oder Freunden. Du hättest uns sagen müssen, dass Du ihn kanntest. Dann hätte ich den Leichnam von Herrn Kamp … Julian … deinem Kumpel, abgeholt und für die Bestattung vorbereitet.“ Mit kühler Gelassenheit sehe ich Lenius in die Augen, aber mein Inneres schreit: Julian war kein Kumpel, sondern der beste Freund auf Erden.

„Mach kein Drama daraus. Sein Tod ist acht Monate her.“ Will ich ihn und mich selbst überzeugen.

Lenius sieht mich enttäuscht an, weil er weiß, dass ich ihn und mich selbst belüge. „Du solltest dir dringend freinehmen. Du arbeitest ununterbrochen, anstatt die Trauer an dich heranzulassen. Nimm dir Zeit, damit du ins Leben zurückfinden kannst. Deine Existenz kann sich doch nicht nur um den Tod drehen.“ Ich zucke gleichgültig die Achseln. „Ich bin halt eine Vollblut-Bestattungsfachkraft und hier unentbehrlich.“

Damit lasse ich ihn stehen und gehe ins ansehnliche Foyer. Regale mit Urnen in den verschiedensten Farben zieren zur Ansicht den Empfangsbereich. Wir sind ein nobles Bestattungsinstitut mit sündhaft teurer Einrichtung, komfortablen schwarzen Ledersitzgruppen, einem aufwändig gestalteten Trauersaal und geschmackvoll eingerichtetem Verabschiedungsraum, wo die Trauernden am offenen Sarg letzte, intime Selbstgespräche beim Verstorbenen führen können. Ich habe weiß Gott wie viele Gespräche mit Julian im Behandlungsraum geführt, als er vor acht Monaten seinen Verletzungen erlag. Solche Gespräche sind heilsam, auch wenn der geliebte Mensch nichts erwidern kann.

Ich stutze. Der Empfangstresen ist nicht besetzt und ein Neukunde steht geduldig vor den Urnenregalen. Er hat mir den Rücken zugewandt.

Du grüne Neune! Aus welchem Jahrhundert stammt der Kerl denn? Und verflucht nochmal, wo steckt Claudia?

„Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?“, begrüße und mustere ich den edelgekleideten Mann, der aus dem 19. Jahrhundert entsprungen zu sein scheint. Er trägt einen altmodischen Spazierstock mit einem silbernen Knauf, in Form einer Rose. Er hat schulterlanges, schwarzes Haar und beim ersten Tonfall meiner Stimme dreht er sich langsam zu mir um. Seine eindrucksvollen dunkelbraunen Augen treffen mich und ich muss mich zusammenreißen, um nicht hörbar Luft zu holen. Dieser Mann ist Ausländer und seine geheimnisvolle, dunkle sowie anziehende Aura kann sogar solch einen Eisklotz wie mich sekundenlang aus dem Konzept bringen. Seine gebräunte Haut verrät ihn als Italiener, Portugiesen oder was auch immer. Er unterzieht mich einer gründlichen Musterung, was mich irgendwie ärgert, obwohl ich dasselbe bei ihm tue, und macht zwei Schritte auf mich zu. Seine ganze Haltung strahlt Autorität und eine gewisse aristokratische Eleganz aus.

Ok. Wow. Solch einem faszinierenden Mann bin ich noch nie über den Weg gelaufen. Ich bin beeindruckt. Mehr wird er von mir aber nicht kriegen.

„Guten Morgen. Ich erbitte ein Informationsgespräch. Meine Tante liegt im Sterben und die Ärzte geben ihr nur noch einige Tage.“ Die Stimme des Fremden huscht mir unter die Haut. Tatsache. Er ist kein Deutscher, was mir sein faszinierender Akzent nun bestätigt.

„Das tut mir leid. Lassen Sie uns das in Ruhe besprechen.“

Ich weise ihn an, mir zu folgen, und spüre seinen prüfenden Blick auf mir. Meine Kollegin Claudia, die eigentlich am Empfang hätte sein sollen, eilt von den Toilettenräumen auf uns zu und sieht elendig aus. Lenius betritt ebenfalls das Foyer, erkennt die Lage und nimmt sich ihrer an. Sie gehört definitiv nach Hause aufs Sofa.

Ich geleite den Herrn in unseren schönsten Besprechungsraum, der in dezenten Farben gehalten ist. Pflanzen in großen Gefäßen, einem hochwertigen palisanderfarbenen Bürotisch und einer Ohrensessel-Sitzgruppe aus dunklem Leder vervollständigen den Raum. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und biete ihm etwas zu trinken an, was er ablehnt, also setze ich mich ihm gegenüber.

„Mein Name ist Alisa Cossmann. Ich vertrete Herrn Colmer, den Inhaber von Bestattungen Colmer.“

„Ich bin Leandro Luengo Álvarez, Herzog von Aurelio.“

Ooookaayyy, und das Ganze bitte noch einmal zum Mitschreiben.

„Darf ich fragen, woher Sie kommen?“

Ein stolzes Lächeln breitet sich auf seinen schönen Lippen aus: „Ich stamme aus einer sehr alten spanischen Familie. Aus dem Hause Aurelio, König von Asturien, was heute als Fürstentum Asturien im Nordwesten Spaniens liegt.“

Oh, noch nie von gehört. Klingt nett.

„Sie sind also ein richtiger Thronfolger?“

„Nein. Im 10. Jahrhundert wäre ich es gewesen. Heute ist Asturien, wie bereits gesagt, ein Fürstentum und kein Königreich mehr. Nur der Thronfolger von Spanien darf den Titel Fürst von Asturien tragen. Aber genug von mir.“ Leandro Luengo kehrt zügig zum eigentlichen Thema zurück: „Wie ich bereits erwähnte, liegt meine Tante Baronesa Alma Álvarez Zapatero Lorenz im Sterben. Sie hat mich gebeten, Vorkehrungen für ihre Beisetzung zu treffen.“

„Mein tiefes Mitgefühl. Das ehrt uns sehr, dass Sie mit ihrem Anliegen zu uns kommen. Wir kümmern uns um alles, damit die Angehörigen trauern können. Wir bieten Erd- oder Feuerbestattung, Beisetzung auf allen Friedhöfen und Seebestattungen an. Wir kümmern uns selbstverständlich auch um internationale Überführungen, falls Sie das benötigen. Sie werden von uns umfassend während und nach der Bestattung betreut.“

Hört der Álvarez Soundso mir überhaupt zu? Oder gafft er mich nur an?

„Wir regeln für Sie die Beantragung und Abholung von Sterbeurkunden. Kommt für Sie eine Überführung ins Ausland infrage?“

„Nein. Meine Tante möchte hier bei ihrem deutschen Gatten beerdigt werden.“

Ah, interessant. Deshalb trägt sie in ihrem langen Namen den deutschen Nachnamen Lorenz.

„Wissen Sie schon, auf welchem Friedhof Frau Zapatero beerdigt werden soll?“

„Baronesa Alma Álvarez Zapatero Lorenz“, berichtigt mich der Herzog-Schnösel. Ich verdrehe innerlich die Augen.

Ist ja gut. Entschuldigen Sie bitte, Herr Hochwohlgeboren.

Herzog Sowieso schaut ziellos in den Raum, als kreisen seine Gedanken weit fort von hier.

„Um ehrlich zu sein … meine Tante hat den Wunsch geäußert, in ihrem privaten Garten im Schloss Callareich beigesetzt zu werden.“

Ich werfe ihm einen entschuldigenden Blick zu.

„Das geht leider nicht. Tut mir leid. Das ist in Deutschland verboten, da kann ich nichts machen.“

Mit einem süffisanten Blick beugt sich der faszinierende Herzog ein Stück nach vorne. „Sagen Sie niemals nie, Frau Cossmann. Es gibt immer Mittel und Wege. Bieten Sie der Kommune in meinem Namen Schloss Callareich an. Das wäre bestimmt eine Bereicherung der Stadt. Als Museum umfunktioniert wäre das Schloss eine prima Einnahmequelle.“

Überrascht über solch einen Vorschlag, suche ich in seinen Gesichtszügen nach der Aufrichtigkeit seiner Worte. Mit seinem überheblichen Blick könnte er glatt die Rolle als Loki in den Thor-Filmen von Marvel übernehmen. Dessen Schönheit besitzt er ebenfalls.

Ich räuspere mich. „Haben Sie die Befugnis, eine solche Schenkung an die Kommune zu erteilen?“

Herzog Blablabla erhebt sich, verschränkt die Hände auf dem Rücken und geht mit arroganten Gesichtszügen durch das Besprechungszimmer.

„Selbstverständlich bin ich befugt, Frau Cossmann. Ich bin der alleinige Erbe von Schloss Callareich. Meine Tante ist kinderlos.“

Ich lehne mich zurück, schlage meine Beine übereinander und gebe mir Mühe, nicht genervt zu klingen. Bei aufgeplusterten Schnöseln fällt es mir meist schwer, mich zusammenzureißen. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ihn interessant oder nervig finde.

„Ich kann gerne der Stadt ihren Wunsch unterbreiten, aber machen Sie sich nicht allzu viele Hoffnungen.“

Herzog Leandro Luengo und so weiter und so weiter kehrt galant an seinen Platz zurück, setzt sich hin und sieht mich unverwandt an. Vor seinen ausdrucksvollen Lippen verschränkt er seine Hände ineinander und blickt mich an, als könne er bis tief in meine Seele schauen. Ich halte kurz den Atem an, weil ich nicht weiß, was dieser Blick soll, dann schaue ich weg. Aus dem Augenwinkel kann ich ein Grinsen auf seinem Mund ausmachen und mir kommt der Wunsch auf: Er solle endlich verschwinden. Ich mag es ganz und gar nicht, wenn man mich so tiefgründig beobachtet. Außerdem mag ich keine wilden Hengste, die um ihre Wirkung auf Frauen wissen.

„Frau Cossmann, entschuldigen Sie bitte meine direkte Unverschämtheit, aber darf ich fragen, was das für ein seltsames kleines Loch an ihrem Halsanfang ist?“

Wie auf Knopfdruck fühlen meine Finger über mein Weizenkorn-großes Loch in der Haut. Mein Makel. Mein besonderes Kennzeichen, wie Mama immer sagt.

„Das ist eine Fistel. Sie kann sich zu einer Röhrenfistel weiter vergrößern. Es handelt sich um eine epitheliale Auskleidung, kann daher, sobald es gefährlich wird, nicht ohne völlige Ausschneidung heilen, was am Hals nicht gerade spaßig sein wird. Aber bis jetzt hatte ich keine Probleme damit. Es ist einfach ein kleines Loch in der Haut.“

Der Herzog hört mir aufmerksam zu und nickt ernst.

Schweigen.

Nun starren Sie doch nicht so auf mein Loch.

Herzog Leandro bemerkt meinen Unmut und räuspert sich.

„Wer wird meine Tante reinigen, ankleiden und frisieren?“ Selbstsicher schaue ich ihn wieder an. „Das mache ich.“ Überrascht zieht er die Augenbrauen hoch. Damit hat er wohl nicht gerechnet und er sagt: „Keine einfache Aufgabe. Wollen Sie das für den Rest ihres Lebens machen?“

Verständnislos schaue ich ihn an. „Das ist mein Job.“

Abrupt steht er auf und geht zur Tür, um sich mir dann noch einmal zuzuwenden. Seine Stimme erklingt auf einmal ganz sanft, ohne eine Spur von Arroganz: „Die vielen Toten haben Ihnen traurige Augen geschenkt, Alisa.“

Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß. Wüsste nicht, wann ich Ihnen das Du angeboten habe.

„Mir geht es gut“, sage ich tonlos und vergrabe den Schlüssel zu meinen weggesperrten Gefühlen noch tiefer in mir. Dieser Mann kommt mir mit seiner durchdringenden Art mich anzusehen irgendwie zu nah.

„Sie werden von mir hören. Adiós, Frau Cossmann.“

Verblüfft darüber, wie schnell er einfach so verschwindet, schaffe ich es nicht einmal, mich zu erheben, um ihm die Hand zum Abschied zu reichen.

Siegel

Alisa

Am darauffolgenden Arbeitstag habe ich den Vorfall mit dem adeligen Spanier schon vergessen, wäre da nicht die Post gekommen. Ein Briefkuvert aus feinstem Büttenpapier in pastelligem Apricot mit sage und schreibe Siegelwachs in Form einer Rose und einem Schwert, das sich um ein Kreuz schlingt, und einer Krone. Adressiert an: Señora Alisa Cossmann.

Auffälliger ging wohl nicht.

Mit dem aufwändigen Brief, der irgendwie blumig riecht, verschwinde ich in meinem spärlich möblierten, pflanzenlosen, weißgestrichenen Arbeitszimmer. Ein klitzekleines bisschen Ehrfurcht packt mich, während ich vorsichtig das Siegel breche. Ich ziehe das edle Briefpapier, welches umgarnt wird vom Seidenpapier des Kuverts, heraus und falte den Brief auf. Eine schwungvolle Handschrift ziert das duftende Papier.

Sehr geehrte Señora Cossmann,

ich lade Sie herzlich zum Abendessen ein, um die Frisur von Baronesa Alma Àlvarez Zapatero Lorenz zu besprechen. Ein Wagen wird sie um 17 Uhr vom Bestattungsinstitut Colmer abholen.

Meine Hochachtung

Leandro Luengo Àlvarez, Herzog von Aurelio

Pfff, ich bin doch kein Beauty Salon. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte. Tja, Kunde ist König beziehungsweise Herzog oder Baronesa.

Pünktlich um 17 Uhr fährt ein Wagen vor, welcher Lenius zum Stöhnen und Pfeifen bringt. Ich geselle mich zu ihm an die Tür und bin nicht minder überrascht. „Grundgütiger! Was ist das?“

Bei Lenius verträumter Stimme sehe ich vor meinem inneren Auge, wie er den Lack des Wagens abschleckt.

„Das ist ein Bugatti Typ 101 Baujahr 1951. Mann, ich werd verrückt. Der schwarze Lack glänzt, als käme das Auto gerade erst aus der Produktion. Überlass mir diesen Auftrag, ja? Ich will zu gerne mit dem Auto mitfahren.“

Am liebsten hätte ich Lenius mit einer Handtasche, wenn ich denn eine hätte – bin kein Handtaschen-Typ – eins über den Schädel gezogen, um ihn auf den Boden zurück zu bekommen. Der Sabber seiner Begeisterung über dieses Stahlungetüm sammelt sich schon auf dem Granitboden. Ein waschechter Chauffeur, wie man ihn aus Filmen kennt, steigt aus, nickt mir höflich zu und öffnet mir die hintere Wagentür. „Frau Cossmann, darf ich bitten?“

Zum Abschied ramme ich Lenius spielerisch meinen Ellbogen in die Seite und steige in den Wagen. Mein klopfendes Herz und meine innere Aufregung auf das, was mich erwartet, nerven mich und ich ermahne mich zu Ruhe und Gelassenheit. Während der Fahrt schweifen meine Augen über die schöne Landschaft Oberwesels. Schloss Callareich thront auf einer Bergkuppe mit viel Baumbestand und gewährt bestimmt einen fantastischen Blick auf den Rhein. Das Schloss habe ich noch nie von Nahem gesehen, da es im Privatbesitz und von hohen Pflanzen umgeben ist. Als wir uns dem gigantischen Eisentor nähern, krampft mein Magen sich von Adrenalin gepeinigt zusammen. Normalsterbliche wie ich setzen wohl selten einen Fuß auf dieses riesen Grundstück. Hinter unzähligen Eiben, Rhododendron, Blutbuche und Rosskastanie taucht der Anblick des romantisch aussehenden Lustschlosses auf, welches dem Baustil von Schloss Favorit Ludwigsburg ähnelt. Wie nicht anders zu erwarten, ziert die Blume Calla in den schönsten Farben das Anwesen: Weiß und Dunkellila. Eine hinreißende Parkanlage mit Teich und Sandsteinfiguren heißt mich willkommen. Wir fahren um einen beeindruckenden Springbrunnen und halten vor einer gigantischen Steintreppe an. Der Chauffeur steigt aus und öffnet mir die Tür. Als er mir noch die Hand reicht, um mir beim Aussteigen behilflich zu sein, erröte ich peinlich berührt. Wer ist solch ein Tamtam schon gewöhnt? Ich fühle mich wie Cinderella auf ihrem Weg zum königlichen Ball, obwohl meine Leidenschaft für Märchen schon vor Jahren Tschüss gesagt hat. Ich sehe noch mal schnell an mir hinab, ob auch alles sitzt, und bin froh, einen frischen Blazer-Anzug mitsamt Bluse angezogen zu haben. Immerhin trete ich gleich einer Baronesa entgegen. Mein schulterlanges Haar glänzt dunkelbraun und verspielte Löckchen tummeln sich um mein ovales Gesicht. Doch. Ich bin mir sicher, passabel auszusehen, damit ich meinem Chef keine Schande bereite. Ich presse sanft die Lippen aufeinander, um den dezenten Lipgloss zu verteilen, und starre auf die eindrucksvolle, doppelflügelige Eingangstür.

Will mich der Chauffeur-Guru nun hineingeleiten oder soll ich allein gehen?

Da spüre ich einen intensiven Blick auf mir und schaue zur Balustrade hinauf. Herzog Sowieso steht an der Brüstung und sieht amüsiert zu mir hinab.

Musste der mich jetzt beim Lipgloss abchecken beobachten?

Irgendwie ist meine gute Laune schon wieder dahin. Wie schafft der Kerl das nur, dass meine Stimmung wechselt wie Aprilwetter? Gelassen fährt er mit seiner Hand über die Brüstung und steigt langsam die Stufen zu mir hinab. Zügig setze ich meine professionelle Miene auf, reiche ihm höflich die Hand und schenke ihm ein Profilächeln. Zu meiner Überraschung schüttelt er mir nicht die Hand, sondern drückt mir einen galanten Kuss auf den Handrücken und sieht mir dabei verführerisch in die Augen. Ich beiße die Zähne aufeinander. Die Genugtuung, entzückt von ihm zu sein, werde ich ihm nicht geben. Das wäre doch gelacht, wenn ich diesem Lustmolch von einem Spanier nicht widerstehen kann.

„Reizend, dass Sie es einrichten konnten zu kommen, Frau Cossmann.“

Pfff, bei dem Befehlston im Brief?

Er hakt sich meinen Arm unter und führt mich in das prachtvolle Anwesen. Die Empfangshalle ist ein Meisterwerk der Schlösserkunst. Mit gigantischen Treppen links und rechts von mir. Himmlische Deckenmalerei mit Engeln. Statuen und Gemälde von Vorfahren zieren die Halle. Ich bin kein romantisch veranlagter Typ, aber faszinierend ist dieses Schloss allemal, und ich freue mich, es besichtigen zu dürfen. Leandro beobachtet mich, wie ich sein Erbe bestaune. Fröhlich lächelnd zieht er mich zum rosa Salon, wie er mir erzählt. Für meinen Geschmack ein wenig zu rosa. Auf einer antiken Chaiselongue liegt eine alte, edel gekleidete Dame. Ihre Krebserkrankung sehe ich ihr sofort an. Berufserfahrung würde ich sagen. Zwei kostbar aussehende Sessel stehen vor ihr, damit wir uns setzen können. Gemälde aus Baronesa Almas Jugend hängen im Salon. Ohne Neid muss ich sagen, dass sie eine sehr schöne Frau gewesen ist. Ihre aristokratisch-spanischen Züge sind ihr noch immer anzusehen. Auf einem Gemälde fällt ihr wallendes, langes Haar wie schwarzes Gold über ein herrliches Kleid. Auf einem anderen trägt sie eine romantische Hochsteckfrisur und sündhaft teuren Schmuck. Von der Pracht ist nichts übrig, die Haare der Dame auf dem Sofa sind schlohweiß. Ich reiße mich von den Bildern los, lasse mich von Leandro zu meinem Platz geleiten und schenke der alten Dame meine volle Aufmerksamkeit. Sie hebt schwach ihre Hand, welche ich ergreife und sanft zum Gruß drücke. Der Krebs hat sie fürchterlich gezeichnet, es ist nichts mehr von der Schönheit, die sie einst besaß, an ihr zu erkennen.

„Ich freue mich sehr, Sie begrüßen zu können, Frau Cossmann. Vielleicht erscheint es Ihnen seltsam, dass ich Sie herbat, aber ich wollte den Menschen, der mich als letztes und vor allem sehr persönlich berühren wird, kennenlernen.“

Touché. Für mich ist es auch ergreifend, manche Kunden lebend kennengelernt und dann plötzlich leblos auf meinem Arbeitstisch zu haben. Da musste ich lernen, Gefühle abzuschalten.

Ich schenke ihr ein verständnisvolles Lächeln. „Ich danke Ihnen für die freundliche Einladung, Baronesa. Ich fühle mich geehrt, hier sein zu dürfen.“

Baronesa hustet, Leandro richtet ihr das Kissen und gibt ihr Wasser zu trinken.

Hui. Wie fürsorglich der arrogante Schnösel sein kann. Das macht ihn ein wenig sympathisch.

Ich erwische mich dabei, wie ich nun die Beobachterin spiele. In seinen sonst so überheblichen Gesichtszügen ist nichts mehr von seinem Hochmut zu sehen. Sorge, Mitgefühl und … Liebe zeichnet sich in seinem gemeißelten Engelsgesicht ab. Solch eine bedingungslose Zuneigung direkt vor Augen zu haben, habe ich so noch nie beobachtet. Ich muss gestehen, das macht mich traurig. Diese Situation führt mir vor Augen, wie Recht Lenius hat. Ich habe mich nur noch für die Toten interessiert. Liebe hat seit Julians Tod keinen Platz mehr in mir gehabt. Natürlich liebe ich meine Eltern. Da sie auf Sylt leben, sehe ich sie aber nur selten. Daher hatte das Ohnmachtsgefühl leichtes Spiel mit mir, um sich schleichend in mir auszubreiten.

„Also, was halten Sie davon, wenn ich mich wie Elizabeth Taylor stylen lasse?“

Ihren Humor scheint der Krebs noch nicht gefressen zu haben. „Was Ihnen beliebt. Ich mache, was man mir aufträgt.“ Baronesa Alma dreht sich ihrem Neffen zu und grinst: „Hörst du das, mein Junge? Sie macht, was man will.“ Dabei zwinkert sie mir zu und ich rechtfertige mich schnell: „Nur beruflich. Privat sieht das schon ganz anders aus.“ Verschwörerisch beugt sie sich mir zu. „Mein Neffe ist noch Single.“

War klar, dass sie darauf hinaus wollte. Sehe ich so aus, als ob ich dringend was zwischen die Beine bräuchte?

Ich rolle innerlich mit den Augen. Ich hoffe, sie hat mich jetzt nicht wirklich hierher gelotst, um mich zu verkuppeln.

Alma tätschelt ihrem Neffen müde die Hand und meint: „Sei so lieb und führe unseren Gast ein wenig herum. Ich muss ein Schläfchen halten. Vergiss nicht, ihr den Rosengarten zu zeigen.“

Leandro küsst ihr lächelnd die Hand. „Wie Ihr befehlt, mi Princesa.“

Leandro führt mich aus dem Salon in den barock angelegten Park. Bei dieser Schlossbesichtigung mit all seinen Sehenswürdigkeiten muss man eine ordentliche Portion Ah’s und Oh’s dabei haben. Ist die kleine Parkanlage vor dem Schloss schon ein Hingucker, übertrifft der Park hinter diesem Palast meine Vorstellung bei weitem. Und ich muss feststellen, dass meine Tüte, die meine Ah’s und Oh’s beinhaltet, zu klein ist. Die Baronesa muss unglaublich vermögend sein, um solch eine Anlage bewältigen zu können. Leandro hat seinen Stolz wieder ausgepackt und zeigt selbstgefällig die kunstvollen Sitzbänke aus Stein, die Statuen, Skulpturen, verspielten Springbrunnen mit Lichtattraktionen und den Rosengarten mit hübschen Gartenlauben. Ich setze mich in eine der Lauben und kann verstehen, warum die Baronesa hier begraben werden möchte. Die Blumen sind eine Augenweide und eine Pracht, aber für mich sind Blumen nichts. Ich töte sie immer versehentlich, weil ich nicht ans Gießen denke. Ich sehe Leandro einige Minuten an und frage: „Sie und Ihre Tante stehen sich sehr nahe, nicht wahr?“

„Sie ist wie eine Mutter für mich. Ich habe viele Jahre bei ihr gelebt, weil ich mich in meiner Jugend nicht besonders gut mit meinen Eltern verstanden habe.“

„Deshalb sprechen Sie so gut Deutsch.“ Stelle ich mehr für mich fest. Leandro lächelt und nähert sich den edlen Baccara-Rosen und schnuppert daran. Ich kann mir nicht helfen; einerseits finde ich es seltsam, wenn ein attraktiver Mann seine Nase in Rosenblüten steckt, und andererseits finde ich das faszinierend und er bekommt wieder einen Pluspunkt zu seinen zahlreichen Minuspunkten. Auf einmal bricht er eine schöne Rose ab, wendet sich mir zu, schiebt quälend langsam mein Haar über die Schulter und steckt mir die duftende Blume hinters Ohr.

Du meine Güte! Habe ich gerade kurz die Augen geschlossen, als seine Hand mich berührte? Wie peinlich. Ich bin wegen eines traurigen Anlasses hier und nicht zum Verlieben.

Herzog Leandros Handrücken streift meine Wange. Sein Blick?

Geheimnisvoll. Die dunklen Augen bahnen sich ihren Weg über meine Haut bis tief in mein Innerstes. Prallen jedoch an einem unüberwindbaren Torwächter vor meinem Herzen ab. Meine Augen flehen ihn an, nicht tiefer in mich zu dringen. Mein Puls verrät meine Sehnsucht nach Zuneigung.

Sein ernster und aufrichtiger Gesichtsausdruck verwandelt sich in ein süffisantes Lächeln. Ich werde nicht schlau aus diesem faszinierenden Mann, der mir teils unter die Haut und andererseits auf die Nerven geht.

Du willst nicht, dass er dir unter die Haut geht, flüstert mir eine böse innere Stimme zu.

Mit aller Kraft löse ich mich von seinem ausdrucksstarken Blick, doch sein Daumen streift abrupt über meine halb geöffneten Lippen und erneut hält mich sein magischer Blick gefangen.

„Ich sollte langsam heimkehren“, sage ich rasch und unterbreche somit den Zauber. Bevor ich abhauen kann, zieht er meinen Arm unter seinem hindurch und geleitet mich zum Schloss zurück.

„Aber nicht ehe wir gegessen haben. Immerhin seid Ihr zum Essen eingeladen.“

Das Essen überrascht mich völlig und ich falle aus allen Wolken. Auf meinem feinsten Porzellanteller werden Pommes, Currywurst, Hähnchen Nuggets und ein Burger nett arrangiert. Fragend schaue ich zur Baronesa, die sich erschöpft kaum auf ihrem Stuhl halten kann. Dennoch schafft sie es, mich triumphierend anzulächeln.

Was für eine Kämpferin.

Sie beißt in ihren Burger und sagt genüsslich kauend: „Wundern Sie sich nicht, Kind. Das ist meine Henkersmahlzeit. Diesen Aristokraten-Fraß habe ich eh noch nie gemocht. Außerdem habe ich mich stets bemüht, mit Klischees zu brechen. Vielleicht haben die mich deshalb aus den spanischen Adelskreisen rausgeschmissen.“ Sie zwinkert mir zu.

Die alte Dame ist mir sehr sympathisch.

Nie wieder

Alisa

Nach dem Essen besteht die Baronesa darauf, dass ich sie mit Leandro zusammen zu Bett bringe. Verblüfft schüttele ich leicht den Kopf und sage diplomatisch: „Das sind Eure Privaträume, da sollte ich nicht sein, verehrte Baronesa.“ „Papperlapapp. Ich liege bald nackig bei Ihnen auf dem kalten Stahltisch, da werden Sie mehr von mir sehen, als wenn ich gleich mit Schlafanzug im Bett liege.“

Tja, wer kann da schon widersprechen?

Unbeholfen stehe ich im prachtvollen Schlafgemach und sehe zu, wie rührend Leandro seine Tante entkleidet, notdürftig wäscht und das – natürlich mit Rosen bedruckte – Nachthemd überzieht.

Ich habe beinahe täglich ein Dutzend toter Menschen vor mir liegen. Persönlicher geht es ja wohl nicht, aber diese alte Dame zieht mich, obwohl ich für sie eine Fremde bin, so dermaßen vertrauensvoll in ihr Privatleben, dass mir echt die Spucke wegbleibt.

Als sie sich in ihre Kissen gekuschelt hat, streckt sie mir ihre Hand entgegen. „Kommen Sie, mein Kind. Beim Essen haben wir nur über mich geplaudert. Erzählen Sie mal, was machen Sie so in Ihrer Freizeit?“

Ich setze mich unsicher zu ihr ans Bett und stammele vor mich hin: „Tja, ähm … also. Eigentlich nichts.“

„Wie? Nichts? Gehen Sie ins Kino, Theater, schick Essen, haben Sie einen netten Freund?“

Herzog Leandro hat Erbarmen mit mir und tadelt seine Tante: „Das geht uns nichts an.“

Alma ignoriert ihn einfach und plappert weiter: „Wohnen Sie mit Ihren Eltern zusammen?“

„Nein, sie leben auf Sylt und betreiben dort eine Pension.“

„Geschwister?“, hakt die Baronesa nach.

„Einen großen Bruder, Mike. Er lebt mit seiner Frau in North Carolina.“

„Das hört sich wunderbar an. North Carolina ist fantastisch. Ich war zweimal dort. Haben Sie Hobbys?“

„Ich bin früher Bogenschießen gegangen. Aber in letzter Zeit widme ich mich voll und ganz meiner Arbeit.“

Alma sieht nachdenklich aus und nimmt ihren Tee von ihrem Nachtschränkchen und riecht daran. Nach der Geruchsprobe öffnet sie ihr Schränkchen und kippt sich einen ordentlichen Schuss Whisky hinein. Ich versuche ein Grinsen zu unterdrücken, was mir misslingt.

Die Dame gefällt mir, bis auf die Fragen, immer mehr und ich kann verstehen, weshalb Leandro sich bei ihr als Jugendlicher wohlgefühlt hat.

Nach einem großen Schluck Whisky-Tee, sieht sie mich unverwandt an und sagt: „Ich gebe Ihnen jetzt mal einen alten und bekannten Rat: Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Man geht arbeiten, um leben zu können, man lebt nicht um zu arbeiten. Sie sind jung und hübsch. Vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht. Eines Tages liegen Sie so wie ich im Sterbebett und wünschen sich die verpasste Zeit zurück. Glauben Sie mir, ich liege hier und weiß, was ich sage. Verstehen Sie mich?“

Ich kann nur schüchtern nicken. Zufrieden trinkt Alma ihre Tasse aus, stellt sie fort und legt sich auf die Seite.

„So, Gute Nacht, ihr Lieben.“

Ich erhebe mich schnell, sage Gute Nacht und verschwinde eiligst aus dem grandiosen Schlafgemach. An der Tür drehe ich mich noch einmal um, um zu sehen, ob der Herzog mir folgt.

Leandro streichelt seiner Tante über die Stirn, küsst ihr auf die Wange und kommt dann zu mir. Ich starre im Flur auf die Teppiche, Stofftapeten und Gemälde. So alt und krank die alte Dame auch ist, ihr Herz und ihr Verstand sind die eines quirligen, lebhaften, jungen Mädchens. Die wenigen Stunden, die ich mit ihr verbringen durfte, erwecken in mir den Wunsch, sie näher kennenlernen zu dürfen, was nun zu spät ist. Schweigend gesellt Leandro sich zu mir. Meine Augen streifen über die Kerzenhalter, deren Flammen sich höchstwahrscheinlich fantastisch in ihnen widerspiegeln.

„Sie ist eine großartige Frau“, wispere ich.

„Ja, das ist sie“, pflichtet er mir bei und der Schmerz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Er fasst sich zügig und setzt wieder seine überhebliche Maske auf.

„Ich bringe Sie jetzt nach Hause, Frau Cossmann.“

In romantisches Kerzenlicht gehüllt erstrahlt das Schloss in seiner lieblichen Pracht, was selbst mein nüchternes Herz weichkocht. Auf dem Hof vor dem verspielten Springbrunnen in Form von sich aufbäumenden Pferden sehe ich mich noch einmal um. Solch ein großes Gebäude für eine einsame, nette, alte Dame. Ihre Einsamkeit war nicht zu übersehen. Mag sein, dass ich sie heute zum letzten Mal lebend sah. Ein wahrhaftig bedrückendes Gefühl, was mir früher nichts ausgemacht hat. Der kurze, angenehme aber auch traurige Aufenthalt auf Schloss Callareich könnte Spuren in mir hinterlassen, wovor ich mich immer abgeschottet habe. Und dieser Umstand missfällt mir.

Ich entdecke Leandros Blick, der auf mir ruht. Scheinbar fragt er sich gerade, was mir durch das Köpfchen geht. Ein roségold-metallic-farbener Wiesmann MF5 Roadster fährt vor, der Chauffeur lässt den Motor an, steigt aus und geht schweigend ins Schloss. Ein bombastisches Auto, doch mein Blick interessiert sich nicht für die glänzende Blechmaschine und ich gedenke noch nicht einzusteigen. Mich interessiert nur eines, und nun bin ich es, die Leandro intensiv anschaut: „Warum haben Sie mich wirklich hergebracht?“

Von meiner Frage überrumpelt, erlebe ich den Herzog von Aurelio zum ersten Mal unsicher, ertappt und kurz sprachlos. Nachdem er seine Verunsicherung überwunden hat, beginnt er mich zu umrunden.

„Ihr mögt es sehr direkt, mi Corazón.“

„Ich bin nicht Euer Croissant“, sage ich schnippisch, doch Leandro lacht und fährt fort zu erzählen: „Eure traurigen Augen waren der Grund, warum ich Euch einlud. Ich finde es schön zu sehen, wenn Eure Augen beim Anblick der herrlichen Blumen, der Skulpturen und den Gemälden aufleuchten und glänzen, wie der kostbarste Smaragd. Ich war der Meinung, Ihr musstet dringend einmal etwas anderes sehen, als Tamponagen, Ligatur, Livoris und Rigor Mortis.“ Ich schnappe nach Luft und frage gereizt: „Woher wisst Ihr die Fachbegriffe von der Verschließung der Körperöffnungen, Totenflecken und der Totenstarre?“ Leandro kommt mir gefährlich nahe und wispert mir ins Ohr: „Ich habe mich ein wenig in das Thema eingelesen, um herauszufinden, was Sie so den ganzen Tag machen, bis auf Leichen abholen, Trauergespräche führen und Tote zu waschen.“

„Ihr habt meinen Beruf wahrlich gut recherchiert, Herzog.“ Meine Stimme klingt eine Spur zu böse, was ich mir selbst nicht ganz erklären kann. Bevor seine Lippen meine Wange berühren können, rücke ich ein Stück von ihm ab und frage herausfordernd: „Was habt Ihr denn sonst noch so recherchiert?“

Leandro wirft mir ein überlegenes Lächeln zu und fährt fort, mich weiter wie ein General zu umrunden.

„Ihr wohnt in einer achtzig Quadratmeter großen Eigentumswohnung mit Dachterrasse, inklusive einem herrlichen Blick auf die Liebfrauenkirche am Martinsberg nähe Koblenzer Straße. Eine norwegische Waldkatze namens Diamond ist Euer einziges Haustier, welche Ihr über alle Maßen verwöhnt. Sie fahren einen blauen Toyota Auris, bevorzugen aber das Fahrrad. Sie lesen gerne Romane von Sebastian Fitzek, Marcus Johanus, Axel Hollmann und Lisa Jackson. Sie mögen …“

„Woher zum Teufel wissen Sie das alles?“, unterbreche ich ihn barsch.

Leandro zuckt entschuldigend die Achseln.

„Die Damen in ihrem Stadtteil sind überaus gesprächig, wenn ein ansehnlicher Mann das Plaudern beginnt. Und da gibt es noch interessante Facebook-Einträge und LovelyBooks, wo es Romanrezensionen von Ihnen gibt.“

Verärgert drehe ich mich um und gehe Richtung Ausfahrt.

Und wenn mich der Fußmarsch über eine Stunde kostet: In sein protziges Auto setze ich mich nicht mehr.

Ich höre, wie Herzog Leandro mir folgt und amüsiert lacht. Ich würdige ihn keines Blickes und sage stur geradeaus: „Wenn Sie auf einen passenden Moment gewartet haben, um mich für sich zu gewinnen, dann haben Sie den gerade in die Tonne getreten.“

„Mag sein, aber da ich Sie äußerst faszinierend finde, werde ich bestimmt eines Tages eine andere Gelegenheit erhalten.“

Nie im Leben, du arroganter Träumer.

„Wie können Sie es wagen, in meinem Leben herumzuschnüffeln? Das steht Ihnen nicht zu. Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe! Und überhaupt, brauchen Sie an mir rein gar nichts faszinierend zu finden, denn ich finde auch nichts Anziehendes an Ihnen.“

Leandro hält mich am Arm fest und wir bleiben stehen. „Dafür, dass Sie so aufrichtig und direkt sind, lügen Sie jetzt erbärmlich, Alisa.“

Wütend entziehe ich ihm meinen Arm und werfe ihm zornige Blicke zu. „Mein verehrter Herzog von-was-auch-immer, nur weil Sie es gewöhnt sind, das Ihnen alle Frauenherzen zu Füßen liegen, heißt das noch lange nicht, dass ich mich vor Ihnen zu Boden schmeiße. Sie sollten sich mal mit dem Gedanken anfreunden, dass nicht jede Frau auf Sie steht und Ihrem Charme erliegt.“

Schlagartig reißt er mich an sich, küsst mich abrupt, erst fordernd und dann sanfter. Perplex lasse ich es geschehen, um mich Sekunden darauf ruckartig von ihm zu lösen. Ich sehe ihm tief in die Augen und flüstere: „Bitte tun Sie das nie wieder.“

Mit zusammengepressten Zähnen sieht er mich an. Dann nickt er mit verdunkeltem Blick und sagt: „Ok. Ich werde Sie erst wieder küssen, wenn ich im Sterben liege und das mein letzter Wunsch sein wird. Das verspreche ich Ihnen.“

Damit lässt er mich los, verschwindet in die Dunkelheit und ich bleibe mit meinem rasenden Herzen alleine zurück.

Recherche

Alisa

Der Heimweg ist lang. Es ist dunkel und ein wenig frisch. Ich fröstele und reibe mir die Arme. Zu allem Verdruss kommt zu viel Zeit hinzu. Zeit um über diesen vermaledeiten Herzog mit seinen hinreißenden langen, dunklen Haaren und bemerkenswerten Augen nachzudenken. Die Erinnerung an sein laszives Lächeln, welches ihm über seine spanischen Lippen geht, verärgert mich schon wieder. Warum mache ich mir überhaupt Gedanken über ihn? Er will mich doch nur als neues Spielzeug seiner langen Liste der Fraueneroberungen hinzufügen. Er ist Single. Also springt er von Bett zu Bett. Von Party zu Party. Reine Zeitverschwendung, den Hauch eines Gedankens an ihn zuzulassen.

Bitte Julian, hilf mir! Bleib bei mir. Halt mein Herz weiter fest. Lass nicht zu, dass dich jemand verdrängt.

Der Weg zurück in die Stadt wird mit Mondlicht geschmückt. Um mich herum ist alles still. Nur das Rascheln der nachtaktiven Tiere ist mein Wegbegleiter. Ich bin noch nicht weit gegangen, da erscheint ein Licht hinter mir und ich höre das Näherkommen eines Autos. Sieh einer an; Herzog Arrogant hat Baronesas Chauffeur geschickt, damit ich heile nach Hause komme.

Ok, das gibt wieder einen Pluspunkt für ihn.

Ich bleibe auf der von Bäumen umsäumten Straße stehen und warte, bis der Wagen vor mir hält, der Chauffeur aussteigt, mich mit einem höflichen Nicken begrüßt, mir die Wagentür öffnet und mich mit einer stillen Geste bittet, einzusteigen. Froh darüber, dass er da ist, lächele ich ihn an und steige müde ein. Mein Blick fällt sogleich auf den Platz neben mir. Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass der Sitz leer ist.

Jetzt erzähl mir nicht, dass du gehofft hast, der Herzog-Schnösel sei deinetwegen mitgefahren!, schnauzt mich meine innere Stimme an. Und doch, ich muss mir eingestehen, dass ich genau das für einen Augenblick gewünscht habe. Ich seufze, lehne mich zurück und mache mir erst gar nicht die Mühe, dem Fahrer meine Adresse zu nennen, die er sowieso von Herzog Leandro erhalten hat. Leandro. Ich lasse mir seinen Namen auf der Zunge zergehen. Erneut seufze ich, da ich jetzt schon weiß, wie mühsam es werden wird, diesen Kerl aus meinem Hirn zu verbannen. Jeder tolle Eindruck, den er hinterlassen hat, muss zerstört werden. Und damit fange ich am besten sofort an. Sobald dieser Auftrag beendet ist, wird es keinen Kontakt mehr geben.

Zu Hause angekommen, gönne ich mir eine heiße Dusche. Missmutig, dass mir von meinem Feierabend nichts mehr bleibt, schrubbe ich mir die Haut rot, als könnte ich so jede Erinnerung an Leandro fortwaschen. Bevor ich zu Bett gehe, füttere und streichle ich Diamond. Dann begebe ich mich abgespannt in mein schlichtes Schlafzimmer, das nur von Bilderrahmen mit Fotos von Julian geschmückt ist. Meine Augen liebkosen Julians Fotos. Ich küsse mir auf Zeige- und Mittelfinger und streiche damit über sein schönstes Foto. Wehmütig betrachte ich seine Schönheit. Er hätte einen prima Elb in den Der Herr der Ringe Filmen abgegeben oder ein Unterwäsche-Model, stattdessen fristete er sein Dasein in einer Kfz-Werkstatt.

Mitten in der Nacht werfe ich verärgert die Decke von mir. Ich habe kaum ein Auge zugemacht. Immer und immer wieder kreisen die Worte des nervigen Herzogs in meinem Kopf herum: „Eure traurigen Augen waren der Grund, warum ich Euch einlud.“ Und diese nun müden Augen sehen sich verzweifelt nach Schlaf suchend im Zimmer um. Im Vergleich zu dem sagenumwobenen Schloss ist mein Schlafzimmer – eigentlich meine gesamte Wohnung – langweilig und kühl. Irgendwie ist mir das noch nie aufgefallen. Bisher brauchte ich keinen Schnick-Schnack. Ich stehe auf, gehe ins Wohnzimmer und schaue mich um, als sähe ich meine Wohnung zum ersten Mal. Mit geschürzten Lippen kratze ich mir den Hinterkopf.

Ich besitze keinen Schnick-Schnack. Nicht einmal Deko- Figuren und solch einen Firlefanz.

Nanu Nana und all die anderen Dekorations- und Geschenkartikelläden würden an mir Pleite gehen. Warum kümmert es mich jetzt? Wegen der blöden Sprüche von diesem Weiberheld brauche ich doch nicht mein Leben und meinen Geschmack infrage zu stellen. Dieser Mistkerl hat es geschafft, mich in kürzester Zeit aus der Bahn zu werfen. Mein Leben ist toll. Ich bin zufrieden und da lasse ich mir nicht reinreden.

Basta.

Ich schnappe mir mein iPad und kuschele mich wieder in mein Bett. Ein bisschen Rumsurfen wird mich zum Einschlafen bringen. Ich checke Mails und meine Facebook-Seite, scrolle die neuesten Nachrichten über Politik und Wirtschaft durch, was mir auch den neuesten Klatsch der Promis einbringt. Ein Foto von Leandro blitzt mir entgegen. Meine Finger sind schneller als mein Hirn, um es ihnen zu verbieten, und schon ist die Seite geöffnet. Es wird von einem heißbegehrten Adeligen berichtet, der zu seiner todkranken Tante nach Deutschland geeilt ist. Stolz verkündet die Promiseite, dass Leandro viele Jahre in Deutschland gelebt hatte, bis er vor vierzehn Jahren in seine Heimat Asturien zurückkehrte, um sein Erbe anzutreten. Es wird weiter berichtet, wie nahe Leandro dem spanischen König steht. Die Bilder von Asturien sind traumhaft schön und beeindrucken mich. Beim Anblick des Meeres würde man am liebsten das nächste Flugzeug besteigen. Bevor sich das Fernweh in mir breit macht, konzentriere ich mich auf die Berichterstattung. Mit seinen sechsunddreißig Jahren ist der Herzog von Aurelio, zum Verdruss seiner Familie, immer noch unverheiratet und kinderlos. Sein stattliches Vermögen beinhaltet Castillo del Corazón, schon wieder dieses Corazón Wort, Nahe der Küste bei Gijón und Villa de la Vida in Madrid, sowie eine geräumige Finca in Los Montesinos. Sein Schloss haut mich um. Im wahrsten Sinne des Wortes liegt es so nah am Wasser eines Sees, dass man beim Anblick des Bildes das Gefühl bekommt, es würde über die Wasseroberfläche gleiten. Mit seinen vielen Türmchen, Nischen, Erkern und Balkonen könnte es aus einem romantischen, aber dramatischen Märchen entstammen. Solch ein riesen Romantikschloss für einen Mann alleine. Unfassbar.

Uiuiui. Jap, wirklich schön für ihn. Er hat doch alles, was das Herz begehrt, was verschwendet er da seine Zeit mit einer Totengräberin?

Kein Wunder, dass er eine romantische und ritterliche Aura an sich hat. Hola, was haben wir denn hier für ein Bild von einer streng aussehenden Frau neben ihm. Scheint seine Mutter zu sein. Die Frau ist das genaue Ebenbild von Alma. Mit dem Unterschied, dass sie gesund aussieht, und die Herzlichkeit von Alma in ihrem Gesicht fehlt.

So wie die guckt, hatte er in seiner Kindheit nichts zu lachen. Verständlich, dass er als Teenager zu seiner Tante nach Deutschland flüchtete. Und was die alle für Fummel tragen. Gut, dass ich mir so etwas nicht antun muss. Ah, was haben wir denn da? Hübsch ausstaffierte Damen. Auf jedem Bild eine andere an seinem Arm. An Heiratskandidatinnen mangelt es wahrlich nicht.

Besonders glücklich sieht Leandro jedoch nicht aus. Seine Gesichtszüge stimmen mich nachdenklich. Die Frau an seiner Seite strahlt über das ganze Gesicht, in der Erwartung es geschafft zu haben, während er höflich in die Kameras lächelt. Wobei sein aufgesetztes Lächeln nicht seine Augen erreicht. Nach außen hin immer den begehrten, arroganten Gockel spielen und niemand interessiert es, was in seinem Inneren geschieht. Schön die Aristokratenfassade halten, lächeln, winken, Damen zu Veranstaltungen und zu Tisch geleiten.

Bekommst du jetzt etwa Mitleid mit diesem Schnösel?, schimpft meine innere Kritikerin. Hm, um ehrlich zu sein: Ja. Nur weil man reich ist, einen gewissen Status und Titel besitzt, heißt es noch lange nicht, dass man auch glücklich mit seinem Geburtsrecht ist.

Du brauchst keinen versnobten Mann, der keine Ahnung vom wirklichen Leben mit harter Arbeit hat, und der dir Romantik beibringen will, weil er mit seiner Zeit und seinem Geld nichts Besseres zu tun hat. Außerdem wird er dich, sobald Langeweile aufkommt, stehenlassen, um sich dem nächsten Zeitvertreib zu widmen. Beharrt meine Stimme der Vernunft.

Das Telefon klingelt mich aus dem Schlaf. Mit dem Gesicht auf dem iPad stöhne ich müde und genervt vor mich hin. Verspannt erhebe ich mich und mein Blick fällt auf meinen Wecker. Der zeigt mir 5:09 Uhr an. Lange habe ich nicht geschlafen. Ich schnappe mir mein Telefon, schleppe mich ins Bad und nehme das Gespräch entgegen. Schonungslos zeigt mir mein Spiegelbild, wie beschissen ich aussehe, daher fällt meine Begrüßung dem Anrufer gegenüber spärlich aus.

„Was ist?“

„Guten Morgen, liebste Kollegin. Wie war dein Abend im Märchenschloss?“, erklingt Lenius muntere Stimme. Ich bekomme nur ein Mmmpfh zustande und greife zur Zahnbürste.

„Lange Nacht gehabt?“, versucht mein Kollege, weiter Informationen aus mir heraus zu sticheln.

„Was willst du?“, schnauze ich ins Telefon, was den Hörer schick mit Zahnpasta sprenkelt.

„Es geht los. Wir müssen die Baronesa abholen.“

Ich stutze, knalle mir einen Schwall kaltes Wasser ins Gesicht und bin bedeutend wacher.

„Das ging aber schnell. Ist sie schon vom Arzt freigegeben?“, frage ich erstaunt.

„Alles geklärt. Die Verstorbene ist bereit für den Abtransport.“

„Ok, holst du mich ab?“

„Wird gemacht. Bin in fünf Minuten bei dir.“ Ohne ein weiteres Wort beendet Lenius das Gespräch.

Dezent schminke ich mich, binde mir das Haar zusammen und ziehe mir meine Arbeitskleidung an, wie immer bestehend aus schwarzer Stoffhose, weißer Bluse, schwarzem Blazer und dunklen Lederschuhen. Der Leichenwagen fährt vor und Lenius bleibt hinterm Steuer sitzen. Leise schließe ich die Haustür ab und steige ein.

Vor ein paar Stunden habe ich noch mit der netten Dame geredet und schon müssen wir sie abholen. Dazu kommt, dass ich Leandro begegnen muss. Ich bin zu müde und gereizt für weitere Annäherungsversuche des Herzogs, wobei seine Trauer bestimmt keinen anderen Gedanken zulassen wird. Mit Mühe krame ich meine professionelle Miene hervor und bin Lenius dankbar, dass er uns an der nächsten Tankstelle starken Kaffee und Red Bull besorgt.

„Claudia sagte, dein Bruder Mike aus Ocracoke North Carolina hat angerufen und eine Bianka Allenstein aus Sylt hat sich ebenfalls gemeldet und nach dir gefragt. Du bist ja richtig begehrt“, scherzt Lenius, was mir nur ein Schnaufen abringt.

„Leben deine Eltern nicht auf Sylt?“, fragt Lenius, der es nicht lassen kann, mich über meine Vergangenheit auszufragen.

„Ich melde mich später bei Mike. Was wollte Bianka denn?“

„Du möchtest dich mal melden, da du dich ewig nicht hast auf der Insel blicken lassen. Niemand verstünde, warum du dich abschottest. Wissen deine Freunde und Verwandten nichts von deiner Trauer?“

Ich schweige.

Lenius wirft mir fragende Seitenblicke zu.

„Was ist zwischen dir und deinen Eltern vorgefallen, Alisa?“

Verstimmt und müde stöhne ich. „Sorry, Lenius, ich möchte jetzt nicht darüber reden.“

„Du willst nie darüber reden“, grummelt Lenius und konzentriert sich auf die Straße.

Schweigend fahren wir Richtung Schloss und sobald ich es erblicke, poltert das Adrenalin durch mich hindurch und verursacht ein höllisches Durcheinander. Eisern versuche ich, jede Gefühlsregung im Zaum zu halten, und will mich nur meiner Arbeit widmen. Lenius parkt vor dem eindrucksvollen Eingang, der alte Butler eilt herbei und öffnet mir stumm, mit feuchten Augen, die Wagentür. Lenius steigt aus, bevor der Butler bei ihm ist, und öffnet bereits die Heckklappe, um die Bahre herauszuziehen. Gekonnt heben wir das Obergestell der Bahre ab und tragen sie hinter dem Butler her, der uns zum Schlafgemach der Baronesa führt. Mit einem Schlag ist das bunte und blumige Leben, das das Schloss versprühte, verschwunden, und mir wehen die Kälte des Todes und der Schmerz der Trauer entgegen. Almas Schlafgemach wird nur schwach beleuchtet, da die Vorhänge nicht vollends aufgezogen wurden, und wir setzen unsere Last auf dem prunkvollen Teppich ab. Jemand hat ihr bereits die Haare gekämmt und ihre Hände liebevoll übereinandergelegt. Sie sieht wie eine friedlich schlafende Frau aus, trotzdem schnürt mir ihr Anblick das Herz zu.

„Dann wollen wir mal“, sagt Lenius voller Tatendrang und schlägt die Decke fort. Eine ältere Haushälterin steht auf der rechten Seite des Bettes und weint in ihre Schürze. Vorsichtig nehme ich die Beine der adeligen Toten und lege sie, mit Lenius Hilfe, auf die Bahre. Während Lenius sich an die weinende Haushälterin wendet, um sie zu bitten, die Tasche mit der letzten Kleidung nach unten zum Leichenwagen zu bringen, streiche ich Alma sanft das Haar aus dem Gesicht. Aus dem Augenwinkel mache ich eine Bewegung aus und erspähe Leandro, der halbversteckt hinter den schweren Vorhängen am Fenster steht und mich beobachtet. Ich richte mich auf, gehe mit ausgestreckter Hand auf ihn zu und sage: „Mein aufrichtiges Beileid, Herzog von Aurelio.“

Leandro drückt mir die Hand sanft und kurz. Sein von Schmerz erfülltes Gesicht drängt die Tränen zurück, die kurz vorher schon den Kampf gewonnen hatten und noch immer auf seiner Haut glänzen. Kein Wort kommt über seine Lippen. Das Leuchten in seinen Augen ist mit Alma gestorben. Bevor ich noch etwas sagen kann, wendet er sich von mir ab, als ertrüge er meinen Anblick nicht, weil ich sogleich seinen geliebten Menschen für immer von ihm fortbringen werde. Sein Schmerz tut mir weh und aus einem Impuls heraus streichelt meine Hand kurz die seine, umklammert sie Kraft gebend, um sie dann wieder loszulassen. Rasch verlasse ich ihn und gehe zur Trage.

Lenius wirft mir einen Blick nach dem Motto: Was war denn das jetzt? zu.

Ich ignoriere meinen Kollegen, hebe mit ihm die Bahre hoch, verlasse den Raum und werfe Leandro einen letzten Blick zu, der auf seine Hand schaut, die ich berührt habe. Als seine Augen mich treffen, trennt uns die Wand und mir bleibt für den Rest des Tages sein geheimnisvoller Ausdruck im Gedächtnis hängen.

Angeknipst

Alisa

„Na Baronesa, Sie waren mir ja eine ganz Schlimme“, sage ich zu mir selbst, da ich mich alleine mit ihrem Leichnam im Behandlungsraum aufhalte. Meine Hände haben beim Entkleiden ihres Körpers ein interessantes Tattoo an ihrer Leiste freigelegt: Ein Schwert, das von Callablüten umschmeichelt wird. Bestimmt wurde sie von ihrer streng katholischen Verwandtschaft aus ihrer Heimat rausgeschmissen, weil sie vom Denken her offenherzig und tolerant war. Und dann noch die Ehe mit einem bürgerlichen deutschen Mann, das kam in ihrer adeligen Familie sicherlich nicht gut an. Bin gespannt, wie viele aufgemotzte Herzöge, Grafen und ähnliches sich bei ihrer Beerdigung blickenlassen. Aber ein wichtiges Detail lässt mich beim Abwaschen des Leichnams stutzen. Eine Kaiserschnittnarbe. Hieß es nicht, sie sei kinderlos?

Gewaschen, angezogen, frisiert und geschminkt betrachte ich diese außergewöhnliche Dame noch einmal. Lenius betritt den Raum und begutachtet meine getane Arbeit ebenfalls.

„Sieht prima aus. Unser Chef kommt extra aus dem Urlaub zurück. Eine adelige Beerdigung will er sich nicht entgehen lassen.“

Ich richte Almas Bluse noch ein wenig zurecht und frage: „Hast du die Trauerkarten, die Zeitungsanzeigen und die Blumenbestellung schon fertig?“

„Natürlich.“ Er gibt mir einen freundlichen Nasenstüber und geht wieder hinaus. Meine Gedanken driften zu Leandro ab und ich bin froh, dass er jetzt nicht hier ist. Was ich nun tun muss, würde ihm gar nicht gefallen. Ich rolle seine über alles geliebte Tante zur Kühlkammer und schiebe sie hinein. Der Gedanke wäre furchtbar für ihn. Vor Kurzem schlief die Baronesa noch in ihrem warmen, weichen Bett, und nun liegt sie in einer Kühlkammer. Müde reibe ich mir die Stirn. Der Job ist oft hart und ich muss meine Gefühle wegsperren, was mir heute nicht so gut gelingen will. Ich hätte diese Menschen nicht so nah an mich heranlassen dürfen. Ich brauche einen starken Kaffee und gehe in den Pausenraum.

„Ach Gott, wie süß. Hat das deine Frau geschrieben?“ Ich gucke fasziniert auf die in Alufolie verpackten Brote von Lenius. Auf einem Brot steht: Beiß mich auf einem anderen steht: Hab mich zum Fressen gerne. Schmunzelnd setze ich mich zu ihm an den Tisch und schnappe mir die Tasse Kaffee, die er mir reicht.

„Ist das eine neue Taktik, damit du deine Brote auch mal isst?“

Lenius schiebt das Essen von sich und grummelt: „Ich würde lieber mal wieder in meine Frau hineinbeißen.“

„Männer. Sex wird überbewertet“, verteidige ich seine Frau und Lenius sieht mich giftig an und meint: „Das können nur Weiber sagen, die überhaupt keinen Sex haben. Wie lange ist deine letzte Beziehung her?“

Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, daher schweige ich und gaffe meinen sexlosen frustrierten Kollegen an. Nach minutenlangem Schweigen steht Lenius auf, wirft seine Brote einfach unberührt in die Tonne, geht zur Tür und hält mürrisch inne. „Ist der Herzog Fuzzi scharf auf dich? Wäre doch eine prima Chance für dich.“

Schwingt da Eifersucht in seiner Stimme mit?, meldet sich mein inneres Schutzschild zu Wort.

„Was weiß ich, außerdem geht dich das gar nichts an.“ Gereizt gieße ich mir noch einen Kaffee ein und als mein Blick seine Augen trifft, in denen Begierde und unerfüllte Sehnsucht glimmt, hätte ich ihm den heißen Kaffee am liebsten ins Gesicht geschüttet. Unbehaglich tritt er von einem Fuß auf den anderen und sieht abwechselnd zu mir und auf seine Hand, die er an die Türzarge presst, dann bricht er abrupt das peinliche Schweigen: „Ich hege schon länger den Wunsch, mich mal mit dir zu treffen, Alisa.“

Momentchen! Bietet der Scheiß-Kerl mir jetzt ernsthaft eine Affäre an?

Fassungslos starre ich ihn an, erhebe mich letztendlich, schütte den unberührten Kaffee in den Abfluss, knalle die Tasse in das Spülbecken, gehe stinksauer auf ihn zu und sage mit ruhiger aber eisiger Stimme: „Finde ich richtig scheiße, dass du unser gutes, kollegiales Verhältnis kaputtmachst. Geh nach Hause. Zu deiner Frau.“

Blitzartig wird die Tür geöffnet und unser Chef, Jürgen Colmer, steht vor uns. Verwirrt von dem bösen Blick, den ich Lenius schenke, tritt er beiseite um mich vorbeizulassen.

„Hallo Jürgen, wie war der Urlaub?“, sage ich im Gehen und würdige Lenius keines Blickes mehr.

„Ähm, gut, gut. Und hier läuft alles glatt?“

„Klaro, kennst uns doch.“ Damit entschwinde ich in mein Büro. Verletzt und enttäuscht lehne ich mich mit dem Rücken an meine Bürotür. Ein- und ausatmen. Mit Mühe versuche ich, Lenius zu verzeihen, und lasse den Ärger verrauchen. Lenius ist ein prima Kerl, süß noch dazu. In einem anderen Leben hätten wir vielleicht ein Paar sein können. Doch in diesem Leben ist er verheiratet. Und ich liebe ihn nicht. Gut, hin und wieder habe ich heimlich von ihm geschwärmt, aber meine ganze Liebe galt immer Julian.

Frustriert stampfe ich mit dem Fuß auf den Boden auf und schimpfe vor mich hin: „Verdammte Kerle. Werfen mir mein ganzes Innenleben durcheinander. Denken alle nur mit ihrem Schwanz! Nach meinen Gefühlen fragt keiner.“

Zermürbt gehe ich zu meinem Schreibtisch, auf dem meine Post liegt. Ein Brief von der Stadt. Die Bitte, eine Bestattung auf Schloss Callareich vornehmen zu dürfen, wurde natürlich abgelehnt. Ich greife mit pochendem Herzen nach dem Telefon. „Schloss Callareich, Sie sprechen mit Benedikt Henneken.“

„Alisa Cossmann von Bestattungen Colmer.“

„Guten Morgen, Frau Cossmann. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich muss mit Herzog Leandro Luengo Álvarez sprechen.“

Der alte Butler schweigt kurz und holt angestrengt Luft. „Der Herr möchte nicht gestört werden, Frau Cossmann.“ Mitfühlend sage ich: „Das kann ich durchaus verstehen. Leider ist es wichtig. Ich muss mit Ihrem Herrn die Termine für die Beisetzung durchgehen.“

„Einen Moment bitte, ich werde den Herrn in Kenntnis setzen.“

„Dankeschön, Herr Henneken.“

Die Sekunden verstreichen und ich rolle mit meinem Stuhl ans Fenster, um mich von den Sonnenstrahlen im Gesicht küssen zu lassen.

„Herzog Leandro Luengo Álvarez.“

Bams.

Hola, was für ein Adrenalinschlag. Muss er so aus heiterem Himmel am Telefon erscheinen?

Zügig sammele ich mich und sage geschäftlich: „Alisa Cossmann. Herzog Álvarez, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass eine Beisetzung auf Schloss Callareich abgelehnt wurde. Es tut mir leid. Ich kann Ihnen daher morgen um 13 Uhr die Beisetzung neben Baronesas Gatten Herrn Lorenz anbieten.“

Schweigen.

„Herzog? Sind Sie noch da?“

„Ich möchte meine Tante vorher noch sehen.“

„Gerne. Sie können morgen ab 9 Uhr zu uns kommen. Bis 11 Uhr haben Sie die Möglichkeit in unserer kleinen Verabschiedungskapelle bei ihr zu sein. Danach überführen wir den Sarg zur Friedhofskapelle. Wünschen Sie einen Trauerempfang mit Kaffee und Kuchen?“

Barsch schlägt mir seine Stimme durch den Hörer entgegen: „Nein. Es wird niemand kommen.“

Bevor ich etwas sagen kann, hat er aufgelegt.

„Er ist schon da“, flüstert mir Claudia am nächsten Morgen vom Empfangstresen zu, während ich gerade das Bestattungsinstitut betrete. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass unser adeliger Kunde eine halbe Stunde zu früh ist. Zähneknirschend flüstere ich zurück: „Und wo ist er?“

„Kaffeetrinken beim Chef. Lenius hat die Verstorbene bereits in den Sarg gebettet.“

„Prima. Dann arrangiere ich schnell die Blumen, damit der Herzog gleich ungestört am offenen Sarg Abschiednehmen kann.“

Flink verschwinde ich in die Verabschiedungskapelle und lege letzte Hand an. Kleidung, Haare, Make-up, alles sitzt tadellos. Ich zünde zwei große Kerzen rechts und links vom Sarg an, stecke frisch gelieferte Calla-Blumensträuße in die Vasen und richte den Trauerkranz zurecht. Zu allerletzt postiere ich einen Stuhl an dem Sarg, für den Fall, dass der Herzog sich setzen muss. Mir weht ein angenehmes Männerparfum entgegen und ich blicke auf. Leandro steht still in der Tür und sieht mich an. Seine Hände ruhen übereinander gekreuzt an seinem Schoß. Er sieht müde und älter aus. Die Trauer hat ihn fest im Griff und erfahrungsgemäß wird sie ihn so schnell nicht mehr verlassen. Stumm schließt er die Tür und kommt auf mich zu.

„Wie sind Sie meinem Chef entkommen?“ „Durchsetzungsvermögen. Ich habe eindringlich verlangt, alleine in diesen Raum gehen zu wollen.“

Leandro sieht auf Alma und sagt anerkennend: „Ich danke Ihnen für Ihre ausgesprochen gute Arbeit. Sie ist perfekt. Meine Tante wäre sehr zufrieden gewesen.“

Ich stecke mir stumm-nickend das Lob ein und gehe unauffällig hinaus. Dieser Trauerprozess ist ungeheuer wichtig und er wird die Zeit mit Alma brauchen. Vor der Tür werde ich sogleich von Lenius abgefangen. „Tut mir leid wegen gestern. Ich habe irgendwie angenommen, dass du ähnlich empfindest.“

Innerlich seufzend suche ich nach den richtigen Worten. „Lenius, ich mag dich echt gerne. Und du wirst für mich immer mein cooler Hawkeye sein, weil du mir beruflich oft den Arsch gerettet hast. Aber ernsthaft jetzt: Willst du deiner Frau mit einer blöden Affäre so dermaßen wehtun, dass du dir hinterher selbst nicht mehr in die Augen schauen kannst? Ist es das wert? Eine zerstörte Ehe, eine zerbrochene Freundschaft, ein kaputtes kollegiales Verhältnis, das alles für einen blöden Fick?!“

Lenius zuckt bei den Worten ein wenig zusammen. Scheinbar hat er sich über die Folgen keinerlei Gedanken gemacht. Sein Gesicht ist rot geworden und er scharrt mit dem Fuß imaginären Staub über die Fliesen.

„Du beschämst mich. Musst du so krass auf den Punkt kommen?“ Eindringlich fange ich seinen Blick ein und frage: „Liebst du Corinna noch? Oder warum hegst du den Wunsch nach Fremdkuscheln? Ich dachte, es sei alles in Ordnung mit euch.“ Lenius starrt erneut auf seine Füße und flüstert: „Ich habe mich in dich verliebt.“

Bumms.

Das haut rein. Und was nun? Hilflos suchen meine Augen jetzt den Fußboden nach Staub ab. Da der Staub mir keine Antworten liefern kann, schließe ich sekundenlang die Augen. Der Zeitpunkt und der Ort für solch ein Gespräch könnten nicht bescheuerter sein. Hinter der Tür trauert ein attraktiver Mann gerade um seine geliebte Tante, die wie eine Mutter für ihn war. Jeden Augenblick könnten Claudia oder unser Chef vorbeikommen. Wie bekomme ich diese Situation entschärft? Ich fühle Lenius Augen auf mir, wie er meine Reaktion beäugt. Ratlos wage ich es, meinen Kollegen anzusehen.

„Mein Herz hängt noch an Julian“, versuche ich ihm klar zu machen. Verächtlich erwidert Lenius meinen Blick und deutet auf die Tür hinter mir: „Ja sicher. Dein Herz hat aber für den Herzog Fuzzi schon einen großen Platz freigeschaufelt. Das sieht doch ein Blinder.“

Empört schnappe ich nach Luft und sage finster: „Mach dich nicht zum Affen. Ich war lediglich höflich und habe meine Anteilnahme versichert. So ein Adelsprotz gehört nicht in meine Welt.“

Lenius fährt sich resignierend mit der Hand durch sein dichtes, braunes Haar und schaut mich traurig mit seinen dunkelblauen Augen an. „Ich will mich nicht streiten. Es ist offensichtlich, wie es ist. Du magst den Herzog. Das Knistern habe selbst ich gefühlt. Wahrscheinlich bin ich sauer, weil nicht ich es war, der dir das gewisse Leuchten in die schönen Augen zurückgebracht hat. Seit dem Tod deines besten Freundes warst du ein völlig anderer Mensch. Du hast nur noch funktioniert. Kaum gelacht. Hast dich wie eine unnahbare Statue verhalten. Seit der Spanier aufgetaucht ist, bist du wieder herrlich zickig und lebendiger. Er hat ein kleines Licht in dir angeknipst. Ich hoffe nur … er enttäuscht dich nicht.“

„Er kann nichts enttäuschen, weil es weder eine Freundschaft noch eine Beziehung geben wird.“

Damit ist das Thema für mich erledigt und ich gehe wieder an meine Arbeit, schließlich gilt es noch weitere Bestattungen zu planen.

Asche zu Asche

Alisa

Ich kann es nicht fassen, dass niemand aus Spanien angereist ist, um dieser fantastischen Frau die letzte Ehre zu erweisen. Die Anzahl der Trauergäste in der Friedhofskapelle ist überschaubar. Die Schloss-Angestellten, der Gärtner, Leandro, der Bürgermeister, einige Freunde und Bekannte der Baronesa aus dem Dorf, Lenius, Jürgen und ich geben ihr das letzte Geleit. Leandro löst den Geistlichen nach dessen Predigt ab, um eine kleine Rede zu halten. Ich beiße die Zähne zusammen, weil es mir leidtut, wie Leandro um tränenlose Worte kämpft: „Ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind. Jeder, der meine Tante Baronesa Alma Álvarez Zapatero Lorenz kannte, weiß, was für eine außergewöhnliche Frau sie war. Viele von Ihnen fragen sich sicherlich: Wo ist Almas Familie? Warum ist niemand gekommen? Weil ich niemanden eingeladen habe. Alma mochte ihre konservative Familie nicht. Sie hasste das steife Leben. Sie war mit ihren Verwandten nie einer Meinung und sie wollte niemanden bei ihrer Beerdigung dabeihaben. Diesen Wunsch habe ich respektiert. Sie kam nach Deutschland und wollte mit ihrem Mann, der in ihrer Heimat ohnehin ignoriert und nicht anerkannt wurde, eine eigene kleine Familie gründen. Leider blieb der Kinderwunsch unerfüllt, worunter sie sehr litt. Doch nun bin ich glücklich, dass sie mit ihrer großen Liebe wieder vereint sein kann.“

Leandro nickt den Gästen zum Abschluss seiner Rede zu, wendet sich zum Sarg um, verbeugt sich knapp vor der Verstorbenen und streichelt über das edle Holz. Jürgen läuft der Schweiß unter seinem Zylinder hervor und er tritt als Konduktführer an den Sarg. Leandro legt selbst Hand an und bildet, zusammen mit Lenius, dem Gärtner und, zur allgemeinen Verblüffung, auch dem Bürgermeister, die Sargträger. Ein warmer Frühlingsregen empfängt uns auf dem Weg zur Grabstelle, doch alle nehmen ihn stumm hin und keiner hat nur ansatzweise an einen Schirm gedacht bei dem sonnigen Tag. Die Muskeln der Männer spannen sich unter ihren Hemden, doch mit Stolz und Ehre in ihren Herzen tragen sie ihre Last. Ich halte mich im Hintergrund und folge dem Trauermarsch als Letzte. An der Grabstelle angekommen wird ein Gebet gesprochen, was ich allerdings kaum registriere, da meine Augen über Leandros beeindruckende Erscheinung huschen. Seine Kleiderwahl erinnert mich erneut an das vorige Jahrhundert und lässt ihn wie einen mystischen Prinzen aus der Vergangenheit erscheinen.

„Asche zu Asche. Staub zu Staub.“ Bei diesen Worten zuckt Leandro unmerklich zusammen. Mit gesenktem Blick steht er hilflos und einsam da und scheint mit seinen Gedanken weit fort zu sein. Alles schreit in mir, zu ihm zu gehen, um ihm Trost zu spenden, weil ich diese Art der Betäubung nur zu gut kenne. Doch ich bleibe reglos stehen. Muss respektvoll abseits stehen, ob ich will oder nicht. Der Regen hat Leandros schönes, langes Haar durchnässt und ich kann nicht sagen, ob es Tränen sind, die an seiner Wange hinabfließen oder die warmen Regentropfen. Eines ist völlig klar: Dass der Schmerz unaufhaltsam durch ihn durchströmt, den selbst der Regen nicht fortwaschen kann. Seine gespielte Arroganz ist gänzlich verschwunden und zurückgeblieben ist der kleine empfindsame Junge, der nur durch seine Tante erfahren hat, was wahre Liebe ist. Mein innerlicher Kampf zwischen Interesse und Neugierde an Leandro, sowie eiserner Ablehnung, ruht und hat Platz gemacht für stille Beobachtungen. Gedanklich rufe ich mir etliche Klatschblätter-Artikel ins Gedächtnis. Die Damenwelt liegt ihm zu Füßen. Sie sind heiß auf seinen Titel, Ländereien und gierig danach, neben ihm eine tolle Figur zu machen. Wahrscheinlich schmieren ihm alle täglich zwei Gläser Honig ums Maul und würden alles tun, um ihm zu gefallen. Doch wer macht sich die Mühe, hinter seine selbstgefällige Fassade zu schauen? Wer traut sich, den einfühlsamen, verletzlichen kleinen Jungen hervorzulocken? Ich muss mir eingestehen, dass ich ihn gerne besser kennengelernt hätte, doch nun ist es zu spät. Er wird nach Spanien abreisen und dort kann ich ihn nicht besuchen. Andererseits, was mache ich mir überhaupt Gedanken? Herzog Leandro von soundso, ist einfach eine Nummer zu groß für mich. Unsere verschiedenen Herkünfte und seine Macht über mich, mein Gefühlsleben dermaßen auf den Kopf zu stellen, überfordern mich. Mein Innerstes rumpelt durch den rasantesten Schleudergang und ich sollte froh darüber sein, dass wieder Ruhe einkehren wird, sobald er fort ist. Dass ich ihn vermissen könnte, darf ich nicht mal in Erwägung ziehen.

Die Sonne bricht durch die Wolkendecke und taucht die hängengebliebenen Regentropfen in einen fantastischen Glanz. Wir sehen alle wie gebadete Mäuse aus. Die Frisuren sind ruiniert. Leandro hebt seinen traurigen, mit Wut gewürzten Blick und sucht unauffällig die Menge ab, bis er mich findet. Ich halte den Atem an, weil die Sonnenstrahlen ihn so umschmeicheln, als wollten sie einem schwarzen, gefallenen Engel Wärme und Trost schenken. Seine Augen halten mich gefangen, als wüsste er, dass ich ihm tief in die Seele schauen will, um all seine Geheimnisse zu ergründen. Bevor sein Blick mich verbrennen kann, wird Leandro von dem Geistlichen gebeten, ein wenig Erde und Rosenblüten auf den Sarg zu werfen. Tonlos und mechanisch kommt er der Bitte nach, faltet danach die Hände in den Schoß, senkt den Blick und spricht still ein letztes Mal zu Alma. Dann macht er den anderen Trauergästen Platz. Nach und nach schütteln ihm die Anwesenden noch die Hand, um ihr Beileid auszudrücken. Als letztes kommen mein Chef, Lenius und ich an die Reihe. Mein Herz klopft mir bis in die Ohren. War es das? Berühre ich seine Hand nun zum letzten Mal?

Vergiss nicht! Du warst diejenige, die nie wieder von ihm geküsst werden wollte! Meldet sich unpassend mein Gewissen.

„Noch einmal mein aufrichtiges Beileid. Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute“, sage ich so würdevoll, wie es mir mit pochendem Herzen möglich ist. Die Schönheit seiner melancholischen Augen und die Wärme seiner Hand durchströmen mich und scheppern mir geradewegs in den Unterleib. Die Intensität und die magische Explosion unserer kurzen und wahrscheinlich letzten Berührung lässt die Luft um uns erzittern. Stumm schaut er mich an. Der Satz: Ein Blick sagt mehr als tausend Worte, passt hier wie die Faust aufs Auge. Lenius beginnt damit, das Grab zuzuschaufeln, was Leandro schmerzhaft fortschauen lässt und somit unseren elektrisierenden Zauber unterbricht. Lenius unverhohlen eifersüchtige Blicke gehen mir auf die Nerven. Ich wünschte, er hätte mir nie seine Gefühle gestanden. Vorher hatte er sie gut unter Verschluss. Wenn das überhandnimmt, müsste ich Lenius öfter mit seiner Frau drohen und ihn an seine Ehe erinnern. Ich war zwar noch nie verheiratet und weiß daher nicht, wie sich das anfühlt, aber Lenius Verhalten finde ich durch und durch scheiße.

Jürgen führt die Trauergäste zu den Autos, die in Schloss Callareich zu Sangría eingeladen sind. Nicht Kaffee und Kuchen. Nein. Sangría. Baronesa Alma war stets bemüht, mit Traditionen zu brechen, warum also auch nicht auf ihrer Trauerfeier?

Julian

Alisa

Für uns war es das, unsere Aufgabe ist erfüllt. Sobald der neue Herr von Schloss Callareich die Rechnung für die Beisetzung beglichen hat, sind wir aus dem Spiel und haben nichts mehr mit der adeligen Familie zu tun. Adiós, Herzog. Ich werde mich tunlichst bemühen, in ihm das zu sehen, was er die ganze Zeit über war. Ein Kunde. Nicht mehr und nicht weniger. Sobald ich an Julian denke, bekomme ich einen unangenehmen Stich in die Brust.

Verrat.

Ein Teil von mir fühlt sich an, als ob ich ihn verraten habe. Was Quatsch ist, da wir nie ein Paar gewesen sind, aber andererseits fühlt sich meine Liebe zu ihm verraten und betrogen an, weil ein anderer Mann es geschafft hat, sich dazwischen zu drängen.

Warum hast du Julian nie gesagt, dass du ihn liebst? Dann wäre vielleicht alles anders gekommen, mischt sich meine innere Stimme ein. Das kann ich mir und ihr sagen: Weil mir unsere Freundschaft viel zu wertvoll war, um sie mit solch einer Enthüllung zu zerstören. Und es war die richtige Entscheidung. Ich sehe jetzt, was Lenius Geständnis anrichtet. Es ist nichts mehr wie zuvor. Etwas hat sich definitiv verändert. Schleichend geht unsere gute Freundschaft zum Teufel, weil er mich anders ansieht und nichts mehr versteckt. Anstatt Witz und Spaß, glimmt Begierde in seinen Augen auf. Was ich in seinem Blick nicht sehen möchte.

Einen Tag ist die Beerdigung der Baronesa her und ich genieße meinen freien Tag, da ich am Wochenende das Notfallhandy habe. Ja, auch am Wochenende sterben Menschen. Egal ob Tag oder bei Nacht. Wir müssen immer zur Stelle sein. Ob Feiertag oder Ferien. Mein Urlaubskonto quillt über, weil ich kein Bedürfnis nach Urlaub habe. Überarbeitet fühle ich mich jedoch nicht. Für meinen Chef bin ich mit Sicherheit die ehrgeizigste, treueste und strebermäßigste Mitarbeiterin, die er je hatte, und meine Eltern liegen mir in den Ohren, dass ich mir für sie keinen Urlaub nehme, um sie zu besuchen. Sich in Arbeit zu stürzen, ist die beste Methode, um mit dem Tod eines geliebten Menschen fertig zu werden. Und was mache ich an meinem freien Tag? Ich stehe auf dem Friedhof, anstatt den Saisonstart des Freibads zu feiern. In meinen Händen trage ich einen Inbusschlüssel und eine Justierzange. Das sind meine Blumen, die ich Julian mitbringe. Blumengeschenke wären für Julian nichts gewesen, daher lege ich ihm liebevoll Werkzeuge auf sein Grab. Er war Handwerker bis aufs Blut. Nur mit einem dicken Werkzeugkasten konnte man ihn beglücken. Wehmütig lege ich ihm meine Geschenke zu den Engelfiguren, die von seinen Eltern stammen. Julian war ihr einziges Kind und ist mit neunundzwanzig Jahren viel zu früh gestorben. Ich bedauere es sehr, dass seine Eltern kurz nach der Beerdigung fortzogen. Sie ertrugen den Anblick der Orte nicht, mit denen sie ihn in Verbindung brachten. Sie kommen lediglich, um das Grab zu pflegen. Ich vermisse sie sehr, waren sie doch wie eine Ersatzfamilie für mich, da meine Familie weit verstreut ist.

Meine letzten Stunden mit Julian schleichen sich mir ins Gedächtnis. Ja, ich hatte die Regel gebrochen. Nie und nimmer hätte ich Julian für die Beisetzung vorbereiten dürfen. Man weiß, dass man etwas nicht machen darf, es aber tun muss. Ich musste auf meine Art und Weise Lebwohl sagen können. Seinen leblosen Körper zu berühren, war das schlimmste, was mir je widerfahren ist, dennoch hätte ich niemandem erlauben können, Hand an ihn zu legen. Den doppelten Schmerz nahm ich gerne auf mich.

Schmerz.

Damit werde ich täglich konfrontiert. Es ist ein Teil meines Lebens. Jeder lernt anders damit umzugehen, so auch ich. Meine Eltern haben nie verstanden, warum ich nicht bei ihnen auf Sylt in der Pension arbeiten möchte, sondern mich jeden Tag mit solch einem schrecklichen Thema wie dem Tod auseinandersetzen will. Warum davor fortlaufen? Der Tod gehört genauso zum Leben, wie das Leben selbst. Ich akzeptiere und respektiere ihn.

Wahrscheinlich halten Uwe und Kristina Cossmann dich deswegen für einen verschlossenen und verkorksten Menschen. Und fragen sich oft, wie ihr Kind so werden konnte. Meine innere Kritikerin meldet sich immer dann, wenn ich sie nicht brauche. Da hilft nur eines: Ignorieren. Nicht einmal Lenius wusste von meiner tiefgründigen Freundschaft zu Julian, oder weiß, wie ich zu meinen Eltern stehe. Niemand kennt mich wirklich. Wer lässt sich schon gerne hinter die Fassade gucken?

„Hallo, Frau Cossmann“, begrüßt mich der Butler, Herr Henneken, und reißt mich aus meinen Chaos-Gedanken.

Ich erhebe mich vom Grabstein meines besten Freundes und gebe ihm die Hand. „Hallo, Herr Henneken. Was machen Sie auf dem Friedhof? Haben Sie heute frei?“

„Kurzfristig, ja. Ich bekomme meinen ganzen Urlaub am Stück und gehe dann in den Ruhestand. Habe gerade meine Frau besucht, sie liegt bereits seit zehn Jahren hier.“

Mitfühlend drücke ich ihm die Hand, kann mir eine Frage jedoch nicht verkneifen: „Wie lange bleibt der Herzog noch in Deutschland?“

„Der Herr reist morgen früh ab.“

Ich kann mich abschotten, wie viel ich will, ein Teil von mir, der Leandro mag, kämpft sich stets erfolgreich an die Oberfläche und ist bekümmert über die neueste Information. „Der Herr hat viel zu tun, wissen Sie. Er hat große Weinberge, um die er sich kümmern muss. Dazu eine Zitronenplantage in Los Montesinos. In seiner Heimat Asturien produziert er den Apfelwein Sidra und besitzt viele Milchkühe.“

Das erklärt, warum er nicht Schloss Callareich zu seinem Hauptwohnsitz macht, denn das hättest du wohl gerne. Ignorieren. Ignorieren. Was für ein hilfreiches Mantra.

Gewissen

Lenius

Lenius, du musst mir helfen. Ich stecke in der Klemme und habe Zeitdruck“, schrillt mir die Stimme meiner kleinen Schwester durchs iPhone entgegen.

„Ja, ich freue mich auch, mal wieder von dir zu hören, Kleines“, stichele ich und erwarte unseren geschwisterlichen Schlagabtausch, doch Lena springt nicht darauf an und klingt hektischer: „Ich fliege heute für eine paar Tage mit Samira nach Paris und bin immer noch nicht mit der Briefzustellung durch. Leider ist alles total knapp. Ich muss nach der Arbeit sofort nach Hause, Koffer schnappen, Samira abholen und ab zum Flughafen.“

Ich sehe auf die Uhr und sage entschuldigend: „Ich kann euch unmöglich zum Flughafen bringen. Das ist viel zu weit. Ich muss Corinna in einer Stunde von der Arbeit abholen.“ Lenas Stimme verliert nicht an Hektik und ich kann hören, wie sie Briefe in Briefkästen wirft.

„Nein, nein, darum geht es nicht. Ich habe einen Brief, den ich persönlich abgeben muss, aber die Dame ist partout nicht zu Hause. Habe es schon zwei Mal versucht. Und der soll unbedingt am gleichen Tag abgegeben werden.“

„Und jetzt soll ich für dich den Postboten spielen?“, frage ich entrüstet. Lenas Stimme nimmt einen flehenden Ton an: „Los, komm schon. Bitte, bitte. Der Brief ist für eine deiner Kolleginnen, sonst hätte ich dich nie im Leben angerufen. Ich riskiere ohnehin Kopf und Kragen, weil ich die Post niemals aus der Hand geben darf!“

Mein Interesse ist geweckt: Was kann das für ein wichtiger Brief sein und für wen? Claudia, Alisa oder die Auszubildende Mia? Lena redet weiter auf mich ein: „Bestattungen Colmer liegt nun mal rein gar nicht in meinem Bezirk. Kannst du dich bitte mit mir an der Liebfrauenkirche treffen, damit ich dir den vermaledeiten Brief geben kann?“ Ich schnappe mir meine Autoschlüssel und jage aus der Wohnung. „Bin sofort bei dir. Bis gleich.“

An der Liebfrauenkirche angekommen, springt Lena von einem Fuß auf den anderen und wartet auf mich. Der Stressschweiß läuft ihr über das sommersprossige Gesicht den Hals hinunter und wird vom Stoff ihres Poloshirt-Kragens aufgesogen. Ihre Postmütze sitzt schief auf ihren kurzen, rötlichen Haaren. Sie drückt mir den Brief in die Hände und hüpft auf ihr Postfahrrad.

„Danke dir, Bruderherz. Du hast was gut bei mir.“

Sie beugt sich vom Rad zu mir, drückt mir einen Kuss auf die frischrasierte Wange und radelt los.

„Au revoir! Schönen Urlaub und passt gut auf euch auf!“, brülle ich ihr hinterher. Lena winkt ohne sich umzudrehen und fährt ihrem Paris entgegen.

Ich wende den Brief in meiner Hand und presse den Kiefer aufeinander. Sündhaft teurer Briefumschlag in Marmoroptik. Ein männlicher Duft strömt mir von dem Papier entgegen. Die Adresse wurde fein-säuberlich mit Tinte geschrieben. Auf der Rückseite der Absender aus Spanien und roter Siegelwachs. Jetzt stecke ich in der Klemme, da ich ihn am liebsten öffnen und lesen will, was mir nicht zusteht. Sollte ich ihn unterschlagen? Wenn Lena und Alisa das irgendwann herausfinden, wäre ich geliefert. Böse starre ich den altmodischen Brief an. Hätte der Mistkerl ihr nicht einfach über Facebook schreiben können? Dann müsste ich jetzt nicht mit diesem inneren Konflikt kämpfen. Seufzend überlege ich. Vor drei Wochen ist der Herzog abgereist und nun meldet er sich bei Alisa. Ich habe mich also nicht geirrt, dass er scharf auf sie ist. Blöder Wichser. Warum muss es ausgerechnet Alisa sein? Ich stecke den Brief in mein Jackett und gehe zurück zum Auto, weil Corinna in der Kita auf mich wartet. Seit Monaten strapaziert sie mir mit ihrem Kinderwunsch die Nerven. Sie hat doch jeden Tag mit den Bälgern zu tun, wozu noch den Lärm zu Hause haben? Ich konnte mich noch nie mit dem Gedanken, Vater zu werden, anfreunden. Meine Freiheit und meine Freizeit sind mir einfach zu wichtig.

Stein

Lenius

Meine Corinna. Wie konnte es nur dazu kommen? Wie konnte ich meine bedingungslose Liebe zu meiner Frau verlieren? Hat der triste Alltag seine Finger im Spiel? Die Gegensätze, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen? Mehrmals am Tag frage ich mich, was passiert ist. Warum reden wir nicht darüber? Wir fühlen es doch beide, dass etwas nicht stimmt. Die Gewohnheit kettet uns aneinander. Keiner traut sich, die Schwierigkeiten auf den Tisch zu bringen, um sie zu entwirren und nach einer Lösung zu suchen. Angst vor der Konfrontation. Angst davor, dass einer von uns beiden eine Trennung aussprechen könnte. Wir schweigen alles tot. Jeden Tag. Warum nur bin ich so feige? Acht lange Jahre sind wir einen gemeinsamen Weg gegangen. Früher konnte ich ihr stets von meinen Gefühlen erzählen. Wahrscheinlich ist es einfacher zu sagen: „Ich liebe dich“ als „Ich liebe dich nicht mehr so, wie du es verdienst“. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich bei Bestattungen Colmer, und vom ersten Tag an war ich von Alisa fasziniert. Ihre rätselhafte Art macht sie interessant. Ihre gewollte Einsamkeit macht sie einnehmend. Unser Beruf bringt eine gewisse Härte mit sich. Er verbindet uns. Ich kann mit Alisa viel darüber reden. Corinna meidet das Thema Tod, wo sie nur kann. Die Belastung des beruflichen Tages kann ich kaum mit ihr besprechen. Corinna interessiert sich für das Leben. Denn in ihrem Beruf hat sie täglich das blanke, blühende und jubelnde Leben, während mir die Trauer, die Hilflosigkeit und die Endgültigkeit begegnet. Alisa versteht das. Corinna tätschelt mir nur die Schulter und versucht abzulenken, damit sie über das Thema nicht sprechen muss. Oft stelle ich mir vor, wie die Lebendigen tot aussehen. Selbst bei meiner Frau ist mir das schon passiert.

Corinna erwartet mich bereits und steigt in den Wagen ein. Sie beugt sich zu mir hinüber und küsst zur Begrüßung meine Wange. Ich lächele sie halbherzig an. Mein Herz fühlt sich schwer an. Der spanische Brief wiegt wie ein Stein in meinem Jackett. Ich fühle mich schrecklich ertappt, als ob ich etwas Verbotenes tue. Als ob der Brief meine geheime Liebeserklärung an Alisa ist, dabei habe ich noch gar nichts getan und habe mit dem Brief rein gar nichts vor. Dennoch fühle ich mich furchtbar. Ich will meine Frau nicht betrügen. Ich will niemandem wehtun. Trotzdem betrüge ich meine Frau fast stündlich in meinen Gedanken. Ich träume von Alisa und möchte sie am liebsten an jedem denkbaren Ort vögeln. Ich will mit meiner Zunge über Alisas Haut wandern. Mein Mund möchte das Salz auf ihrer zarten Haut schmecken. In ihren einzigartigen grünen Augen soll mich die blanke Lust anfunkeln. Ihre Brüste sollen sich mir lustvoll entgegenrecken. Sie soll mich bereitwillig empfangen und mir ins Ohr flüstern, wie sehr sie sich nach meinem Schwanz verzehrt. Ich will meinen Namen aus ihrem Mund schreien hören. Alisa soll mir gehören. Und, verdammt noch mal, ich will ihr den scheiß Brief nicht geben. Corinna öffnet ihre Schmetterlingshaarspange und wirft ihr langes, welliges, blondes Haar zurück. Ihre dunkelblauen Augen stellen mir die gleichen, unausgesprochenen Fragen. Sie ist so wunderschön, klug und kinderlieb. Aber sie ist genauso feige wie ich.

Vermissen

Alisa

Sobald meine Augen ein Schild erhaschen, was zu Schloss Callareich führt, oder ich nur in die Nähe des Gebäudes komme, sendet mein Körper Sehnsucht aus. Ich brauche es nicht mehr zu leugnen. Ich sollte mich nicht selbst belügen. Meine Augen vermissen die anmutige Gestalt des Herzogs von Aurelio. Sein Lächeln verfolgt mich in meinen Träumen. Die biestigen Diskussionen zwischen uns fehlen mir. Ich würde ihn gerne wiedersehen. Vier ganze Wochen ist er fort. Er wird nicht zurückkehren. Hier gibt es nichts mehr für ihn. Insgeheim hatte ich gehofft, von ihm einen Anruf, einen Brief oder eine Facebook-Nachricht zu erhalten. Aber es ist nichts passiert. Kein einziges Zeichen von ihm. Naja, lieber so, als eine Liaison, die in Tränen und im Chaos endet.

Drei Mal die Woche besuche ich Almas Grab. Obwohl sie ihren perfekten Gärtner hat, lege ich Blumen nieder und zupfe hier und dort Unkraut fort. Und jedes Mal, wenn ich an ihrem Grab stehe, frage ich mich: Komme ich wegen Alma oder in der Hoffnung, dass Leandro plötzlich hinter mir steht? Ich hätte nie für möglich gehalten, dass mir der verflixte Spanier so im Kopf herumspuken kann. Des Öfteren erwische ich mich dabei, dass ich mich frage, was er wohl gerade macht? Wo er jetzt ist? Mit wem verbringt er den Tag? Werde ich ihn nie wiedersehen? Seine Bilder zu googeln reicht mir nicht. Ich will mehr. Er hat ein Törchen in mir geöffnet, was sich nun nicht schließen will. Um meinen Frust zu bekämpfen, versuche ich es damit, sauer auf ihn zu sein. Erst lockt er mich aus meiner Erstarrung, krempelt mir mein Gefühlsleben um, und dann verschwindet er einfach. Lässt mich im Regen stehen. Haben seine Blicke, die von Zuneigung sprachen, mich nur getäuscht? Leandro. Warum meldest du dich nicht?

„Was ist das?“ Ich sehe Herrn Colmer fragend an, während er mir einen Briefumschlag aus feinstem Büttenpapier in die Hand drückt. Mein Herz fängt voller Erwartung sekundenlang an zu hüpfen.

„Eine Einladung zu meinem 60. Geburtstag. Meine Frau muss mit ihren feinen Einladungskarten immer übertreiben.“

Mein Hoffnungsschimmer verpufft und entschwindet so rasch, wie er erschienen war. Mit Mühe und Not zaubere ich mir gelogene Freude über die Einladung aufs Gesicht.

„Oh, fein.“

Ich öffne den Brief und überfliege ihn. Seine Frau hat die Einladung elegant gestaltet, aber meine Bewunderung schafft es nicht, über die Enttäuschung zu springen.

Was hast du denn erwartet? Einen Liebesbrief direkt aus Spanien?, lacht mich meine böse, innere Stimme aus. Ich beiße die Zähne aufeinander. Ignorieren. Ignorieren. Mein Chef fängt meinen Blick ein und legt mir väterlich seine Hand auf die hängende Schulter.

„Alles in Ordnung? Du siehst aus, als hättest du etwas anderes erwartet.“

„Alles ok. Bitte entschuldige. Ich war mit den Gedanken woanders.“ Er nickt verständnisvoll und verlässt mein Büro. Ich setze mich an meinen Tisch, starre auf seine schicke Einladungskarte und male mit dem Zeigefinger die elegante Schrift seiner Frau nach. Lenius platzt herein und wedelt mit seiner Einladung.

„Kannst du nicht anklopfen?“, blaffe ich ihn an. Lenius setzt sich an meine Tischkante und sieht mir zu, wie ich über die Karte streiche.

„Wirst du kommen?“

Du wünschst dir wohl eher, dass ich auf eine andere Art und Weise komme.

Ich sehe nicht auf. Mein Körper ist gerade damit überfordert, meine Gefühle wegzusperren. Der Ton, wie Lenius sich die Karte in seine Handfläche klopft, nervt mich. Ich fühle, wie seine Augen über mich wandern. Ich weiß, dass er mich am liebsten aus dem Stuhl ziehen würde, um mich wund zu küssen. Er versucht nicht einmal, seine Gedanken hinter einer Maske zu verstecken. Wenn er könnte, würde er mich hier auf meinem Tisch durchvögeln. Echt schade, Lenius. Mit deinem Verhalten weckst du eher Abscheu in mir, anstatt mein Herz für dich zu erwärmen.

„Wir sollen mit Ehepartner kommen. Wen bringst du mit?“ Giftig sehe ich Lenius an und sage: „Ich kann selbst lesen.“ Lenius erhebt sich und beginnt damit, durch mein Büro zu wandern. Ohne mich anzublicken fragt er: „Hast du von dem Herzog gehört?“

„Das geht dich nichts an.“

Lenius kommt an meinen Tisch zurück und presst die Hände auf die Tischplatte. „Komm schon, Alisa! Vergiss ihn. Ich würde für dich meine Frau verlassen.“

Erschrocken über seine eigenen Worte, richtet er sich zu seiner vollen Größe auf. Ich werfe ihm einen ungläubigen Blick zu. „Das meinst du doch nicht ernst?!“ Lenius sieht auf seine Schuhspitzen und fängt nervös an, sein Jackett gerade zu richten, als würde ihn etwas piksen.

„Ich meine, was ich sage. Du gehst mir nicht aus dem Kopf.“ Müde reibe ich mir über die Augen.

„Für mich hat sich nichts geändert. Meine Gefühle gehen über Freundschaft nicht hinaus, Lenius.“

Stumm geht Lenius zur Tür. Er dreht sich noch einmal zu mir um, greift sich in die Innentasche seines Jacketts und sagt leise: „Ich habe da was …“

Mia tänzelt in mein Büro und trällert fröhlich los. „Alisa, holst du mich für die Feier ab? Das ist megacool. Party in der Stadtvilla vom Chef mit Pool und Bar.“

„Klar, kann ich machen.“

Fragend sehe ich Lenius an, der seinen Satz nicht beendet. Letztendlich geht er hinaus und schließt die Tür.

Eine Woche später treffe ich mit Mia bei der Party ein. Die alte, aber gut gepflegte Stadtvilla wurde hinreißend geschmückt. Wo es möglich war, wurden Schleifchen, Banner und die Zahl Sechzig ans Haus genagelt. Beatles Musik dringt zu uns. Auf einem Balkon schräg über dem Eingang tummeln sich einige Raucher, lachen und kippen ordentlich Sekt in sich hinein. Ich taste über mein himmelblaues Neckholder Chiffon-Kleid, und wenn ich mir die Damen auf dem Balkon ansehe, bin ich zufrieden mit meiner Kleiderwahl. Meine schwarzen Ballerinas in Strick-Optik sind nicht ganz passend zum Kleid, aber nie im Leben kriegt mich jemand in Pumps oder High Heels. Das ist nichts für mich. Es ist schon ein Wunder, dass ich überhaupt zwei Kleider besitze. Mein grüner Lidschatten beißt sich glaube ich ein wenig mit dem blauen Kleid.

Scheiß drauf, meldet sich meine innere Kritikerin ausnahmsweise mal positiv. Mia, in einem schwarzen Gothic-Kleid, zerrt mich ungeduldig durch die Haustür, die für jedermann offen scheint. Im altmodischen Flur á la siebziger Jahre steht unser Chef gerührt und begrüßt seine Gäste. Mia umarmt ihn stürmisch, drückt ihm ein in Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen in die Hände und entschwindet sofort Richtung Bar. Ich lächele Jürgen Colmer herzlich an und meine Umarmung ist entschieden ruhiger. Ich reiche ihm mein in blaues Geschenkpapier verpacktes, Geschenk und erhalte sogleich ein Glas Sekt Kir Royal.

„Hübsch siehst du aus, Alisa.“ Jürgen sieht mich wie ein stolzer Vater an und blinzelt gerührt ein Tränchen fort, weil wir uns alle für ihn in Schale geworfen haben.

„Alles Liebe und Gute für den besten Chef.“

Wieder ein Tränchen. Na, ich glaube, dass er schon gut was intus hat. Andere Neuankömmlinge lösen mich ab und ich gehe durch das Wohnzimmer, das einen grottenfurchtbaren grünen Teppich beherbergt, eine schneeweiße Sofagarnitur, altmodische Eichenmöbel, einen gigantischen Plasma-Fernseher und furchtbar schwere Gardinen. Das einzig Interessante an diesem Raum ist eindeutig die schicke Bar, die gut besucht ist. Jürgens neunundzwanzigjähriger Sohn Kai ist sichtlich bemüht, den Cocktail-Bestellungen Herr zu werden. Fix schlüpfe ich durch die Terrassentür ins Freie. Der aufwändig gestaltete Garten mit Teich, Kieswegen, Laube, Pool und Blumenbeeten kommt wegen der Party-Pavillons nicht vollständig zur Geltung. An den Stehtischen mit Windlichtern stehen massenweise Gäste. Gedanklich kratze ich mir den Hinterkopf. Sind wir denn so unpünktlich, dass hier so viel los ist? Mein Blick fällt auf den Pavillon, welcher ein üppiges Buffet beinhaltet. Ich rümpfe die Nase, da sich die Gäste auf das Essen stürzen, als würden sie nichts mehr abbekommen.

Ja, schaufelt alles in euch hinein, bis der Magen platzt und ich habe euch dann auf meinem Stahltisch.

Der Anblick von Leichen widert mich nicht so an, wie diese gierige Meute. Generell ist solch eine Menschenansammlung nicht mein liebster Zeitvertreib. Eher eine Qual. Ein Kellner bietet mir einen neuen Sekt an, den ich dankbar entgegennehme. Suchend schaue ich mich nach einem ruhigeren Plätzchen um. Ich gehe um einen Pavillon herum und lasse vor Schreck meinen Sekt überschwappen.

Ein Mann im Smoking mit langen, schwarzen Haaren steht, mit einer Hand in der Hosentasche, lässig am Teich und kostet von seinem Rotwein. Mein Herz stolpert genauso wie meine Füße. Wie hat Colmer es geschafft, den Herzog von Aurelio aus Spanien für seine Geburtstagsfeier zu gewinnen? Meine Lippen werden trocken, das Rauschen meines Blutes und der wilde Trommelwirbel meines Herzens sind ohrenbetäubend.

Du lieber Himmel, was sage ich bloß? Wie soll ich ihn ansprechen?

Dass mir das mal schwerfallen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich trinke in einem Zug mein Glas leer und stelle es auf einen Tisch ab.

Tja, ähm. Hallo Herzog, so sieht man sich wieder.

Klingt ja bescheuert, lacht mich mein Inneres aus. Ich straffe die Schultern, streiche mein Kleid glatt, schiebe mir eine vorwitzige Strähne aus meiner Hochsteckfrisur hinter das Ohr und gehe zielstrebig auf Leandro zu. Bevor ich neben ihm stehe und etwas sagen kann, dreht sich der Mann meiner Verzückung um.

Mein Herz fällt tief.

Meine Augen blinzeln, weil sie den Irrtum nicht begreifen. Mit einem Mal legt sich ein schwerer Arm um meine Schulter und ich erkenne Colmer, der mir fröhlich sagt: „Alisa, darf ich dir meinen Neffen Florian vorstellen? Er führt ein Elektronikfachgeschäft in Köln.“ Ich lächele gequält und meine Enttäuschung und Wunschvorstellung schlagen mir auf den Magen. Der gutaussehende Florian schüttelt mir freundlich die Hand. Mit Mühe und Not klammere ich mich an meine Manieren und Höflichkeit.

„Sehr erfreut. Entschuldigt mich bitte.“

Ich kann die verblüfften Blicke der beiden auf meinem Rücken spüren, während ich mit wütenden Tränen kämpfend davoneile.

Himmel! Dich hat es schwer erwischt, wenn du in jedem Langhaar-Typen deinen Herzog vermutest.

Ja, es hat mich erwischt. Wie das passieren konnte, weiß ich nicht. Nie und nimmer hatte ich das geplant. Ich bin stinksauer auf meine Gefühle. Immerhin haben sie mich nicht einmal gefragt, ob ich verliebt sein möchte. Ich dachte, diese Gefühle wären mit Julian gestorben. Seit Leandro fort ist, muss ich zu oft an ihn denken, was mir täglich missfällt. Ich will mich nicht bei den hirnlosen Weibern einreihen, die anfangen zu sabbern, wenn sie von Leandro ein Foto sehen. Ich will mit seiner Welt nichts zu tun haben. Mein Herz hat definitiv Mist gebaut. Ich laufe ins Bad und klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht. Wenn ich diesen Abend überstehen will, brauche ich einen klaren Kopf. Oder was viel besser wäre, ich betrinke mich ordentlich und fahre mit dem Taxi nach Hause. Also auf geht’s an die Bar.

Mehrere Cocktails und Tequilas später sind meine Hemmungen gefallen. Selbst zu einem holprigen Tanz mit meinem Chef kann ich nicht mehr Nein sagen. Lenius löst ihn ab und schwingt mich über die Tanzfläche eines Pavillons. Ich rieche, dass Lenius dem Alkohol auch nicht abgeneigt war. Seine Augen glänzen mich an, seine Hand wandert von meinem Rücken auf meinen Po. Mein Sprachzentrum hat mit dem Alkohol zu kämpfen und meine Zurechtweisung fällt dünn aus. Lenius schwingt mich enthusiastisch über die Bretter, als hätte er sein Leben lang auf solch einen Moment gewartet. Seine Lippen streifen über mein Ohr und er presst meinen Körper an sich. Erschrocken fühle ich seine Erektion. Ich will mich losreißen, da umklammert er mich und drückt mir einen fordernden Kuss auf die Lippen. Eine schallende Ohrfeige für mich und Lenius beendet den Kuss. Ich war noch nie so glücklich darüber, was aufs Maul zu kriegen, aber jetzt bin ich der Angreiferin Corinna dankbar.

„Respektloser geht’s wohl nicht?! Wie lange läuft das Ganze mit euch denn schon?“

Aufrichtig blicke ich Corinna in die Augen und sage: „Gar nicht. Ich will nichts von deinem Mann. Aber er sollte seine Gefühle und seine Finger dringend in den Griff bekommen.“

Ich lasse das streitende Ehepaar stehen und torkele nach Hause. Mein Bedarf an Party, Alkohol, Sex und Rock & Roll ist gedeckt.

Aus zwei werden drei

Lenius

Meine Hände zittern. Die Furcht, von Claudia erwischt zu werden, wie ich die Post auf ihrem Empfangstresen durchwühle, schleicht mir über den Nacken und verpasst mir eine Gänsehaut. Ich habe es mir täglich zur Aufgabe gemacht, die Briefe zu durchsuchen. Das Glück ist dabei mein ständiger Begleiter, da Claudia die Angewohnheit hat, die Post auf ihren Tisch zu klatschen und, sich erst einen Kaffee zu kochen, bis sie willens ist, die Post an uns zu verteilen. Schnell überfliege ich die Briefe, die an Alisa adressiert sind. Erleichtert stelle ich fest, dass kein handgeschriebener Brief für Alisa dabei ist. Mit einem kleinen Triumphgefühl gehe ich in mein Büro und setze mich an meinen Schreibtisch. Mein Blick fällt auf ein silber-gerahmtes Foto von Corinna. Schweren Herzens geht ein Seufzer über meine Lippen. Meine Frau ist ausgezogen. Seit dem Kuss, den ich Alisa auf Jürgens Geburtstag gab, gleicht meine Ehe einem Scherbenhaufen. Alisa spricht keine zehn Sätze mehr mit mir. Dafür werden die Briefe in meiner Schublade zahlreicher. Als der erste Brief des Herzogs unbeantwortet blieb, schickte er einen weiteren ins Bestattungsinstitut. Nur mit Mühe und Not konnte ich ihn an mich bringen, bevor Claudia die Post in die Büros verteilte. Mittlerweile sind es drei Briefe. Beschissen ist der mildeste Ausdruck, wie ich mich fühle. Zu wissen, dass meine Beweggründe falsch sind, es jedoch nicht ändern zu können, belastet mich. Es ist wie ein Zwang. Meine Fingerspitzen gleiten über den Briefstapel, der versteckt in meiner abschließbaren Schublade schlummert. Ein Glück, dass mich meine Schwester nicht gefragt hat, ob ich den Brief ordnungsgemäß überbracht habe. Sie hatte so viel Paris im Kopf, da war ihr die Situation schon in Vergessenheit geraten. Böse funkele ich die feinen Umschläge an. Ich kann Alisa die Briefe nicht geben. Jeden Tag ist mir flau im Magen, wenn die Post kommt. Was wird geschehen, wenn der Herzog nicht aufhört, Briefe zu schicken und Alisa einen erwischt? Was wird sein, wenn der Herzog hier anruft oder gar auftaucht? Ich will sie nicht eines Tages in seinen Armen liegen sehen. Meine Finger fühlen über das Siegel des letzten Briefes. Die Versuchung, die Zeilen des miesen Bastards zu lesen, ist groß. Verzweifelt fahre ich mir mit der Hand durch mein Haar. Wie kann ich sie bloß für mich gewinnen? Ich habe es satt, mir mehrmals täglich einen runterzuholen und dabei von ihr zu träumen.

Es klopft an meiner Bürotür. Hastig schließe ich meine Schublade ab. Der Schweiß glänzt auf meiner Stirn und wahrscheinlich nicht nur das. Die Schuld steht mir ins Gesicht geschrieben. Ich fühle mich ertappt, wenn ich nur in die Nähe des Empfangstresens komme und wie ein wildes Tier suchend über den Tisch schaue. Ich fühle mich unwohl, wenn ich den Briefkasten sehe. Mir wird flau, wenn ich einen Briefträger erblicke. Jürgen tritt mit besorgter Miene ein und kommt auf mich zu. Er lehnt sich an meinen Schreibtisch, blickt mich an, verschränkt die Arme vor der Brust und kommt gleich zur Sache: „Was ist los mit dir und Alisa? Ihr habt euch sonst gut verstanden. Die eisige Kälte, die sie dir zuwirft, ist neu. Was ist aus meinem guten Team geworden?“

Ich erhebe mich von meinem Stuhl und tigere durch den Raum. „Ich habe mich in sie verliebt. Das macht gerade meine Ehe kaputt und meine Freundschaft zu Alisa.“

„Dass sie deine Liebe nicht erwidert, ist nicht zu übersehen. Das tut mir leid für dich, Lenius. Du musst das in den Griff kriegen. Liebe hat bei der Arbeit keinen Platz. Du musst dein Privatleben von deinem Job trennen. Ein Ortswechsel wäre für euch beide im Moment das Beste.“

Adrenalin schießt mir durch den Magen. Was soll das heißen? Dass ich jetzt auch noch meinen Job verliere? Mit offenem Mund sehe ich Jürgen an. Beruhigend tätschelt er mir den Oberarm.

„Wir besprechen das gleich bei der Teamsitzung. Also sammele dich.“

Jürgen verlässt mein Büro und ich bleibe wie ein Häufchen Elend zurück. Ich raufe mir die Haare und trete gegen den Papierkorb. Ich bin erledigt, wenn mein Job flöten geht.

Dickes Geschäft

Alisa

Der Besprechungsraum ist überschaubar und wir sitzen an einem runden Glastisch. In der Mitte des Tisches hat Claudia kleine Wasser- und Saftflaschen mit Gläsern gestellt. Mia unterdrückt mühsam ein Gähnen und sitzt unruhig zwischen mir und Lenius. Ich starre auf eingerahmte Kopien von Marc Chagall-Bildern, damit sich meine und Lenius Augen nicht treffen. Jürgen kommt grüßend hereingeflattert und sein euphorisches Strahlen legt sich wie Balsam auf unsere Gemüter. Geschäftig legt er seine rot-schwarze Kladde auf den Tisch, gießt sich Orangensaft ein und schaut uns bedeutungsschwer einen nach dem anderen an. Bei mir bleibt sein Blick am längsten hängen. Fragend schaue ich ihn an, wobei sein Lächeln breiter wird. Unser Chef faltet die Hände auf der Kladde und beginnt zu berichten: „Meine Lieben, ein großer Auftrag ist uns ins Haus geflattert.“

Aufmerksam hängen wir an seinen Lippen und fragen uns, wen wir kostspielig unter die Erde bringen sollen. Jürgen schlägt seine Kladde auf und enthüllt einen Brief. Die dunkle Farbe der Tinte, die Schriftart, das teure Briefpapier lassen mein Herz schneller schlagen. Lenius wirft mir einen wissenden Blick zu, der sich zunehmend verändert, als hätte er verdorbene Gurken gegessen. Jürgen fährt fort zu erzählen: „Ihr alle könnt euch bestimmt noch an die Beisetzung von Baronesa Álvarez erinnern. Dabei haben wir ihren Neffen Herzog Luengo kennengelernt. So wie es aussieht, ist der Ärmste schwer erkrankt und er rechnet mit seinem baldigen Tod. Er hat mich gebeten, eine Bestattungsvorsorge zu besprechen, um all seine Wünsche festzuhalten. Inklusive Treuhandkonto, somit sich seine Familie nach seinem Ableben um nichts mehr kümmern muss.“

Er rechnet mit seinem baldigen Tod.

Ich fühle mich, als hätte Jürgen mir mehrmals mit seiner Kladde in den Magen gehauen. Ich bin wie erstarrt. Auch wenn mir Leandro mit seinem arroganten Getue oftmals auf die Nerven ging, so etwas Schreckliches hätte ich ihm nie gewünscht. Noch einmal den Leichnam eines liebgewonnenen Menschen zu versorgen, packe ich nicht.

Schweigen breitet sich aus. Jürgen ist ganz Profi und lässt sich nicht anmerken, ob die Erkrankung des Herzogs ihn schockiert. Sein Fokus muss dem Geschäftlichen dienen, da haben seine Gefühle keinen Platz, auch wenn es kaltschnäuzig wirkt. Ansonsten wäre er nicht in der Lage, ein Bestattungsinstitut zu führen. Lenius Mimik ist theaterreif. Von Schuldgefühlen über verletzte Eitelkeit, Verunsicherung bis zu einem Aufblitzen von Schadenfreude ist das ein Wechselbad der Gefühle bei ihm. Meine Fingernägel krallen sich schmerzhaft in die Armlehne. Das Sprechen fällt mir schwer, daher erscheint meine Frage eher wie ein Krächzen: „Wann wirst du fahren?“

Jürgen sieht mich verständnislos an und sagt: „Nein, nein. Wo denkst du hin? Ich kann nicht nach Spanien. Ich habe hier genug um die Ohren. Ich muss mich um die Beisetzung der Schwiegermutter des Bürgermeisters kümmern. Du wirst fahren, meine Liebe.“

Lenius mischt sich aufgewühlt in unser Gespräch ein: „Das kann ich doch übernehmen. Wie du schon sagtest: Ein Ortswechsel würde mir momentan guttun.“

Jürgen lächelt Lenius entschuldigend an. „Tut mir leid. Den Ortswechsel hatte ich für Alisa gedacht. Ich möchte, dass sie fährt. Sie ist meine Stellvertretung. Es ist bereits für alles gesorgt. Der Herzog übernimmt sämtliche Reisekosten sowie feudale Kost und Logis.“

Lenius erhebt sich zerknirscht und geht zischend hinaus: „Angenehme Reise.“

Ich fasse mir unbewusst an die Brust. Mein Herz hämmert zig Nägel in mein Innerstes. Ich fliege nach Spanien zu Leandro. Mir ist zum Jubeln und zum Heulen zu Mute. Wenn der Anlass nicht so furchtbar wäre, hätte ich mich gefreut, ihn wiederzusehen. Auf diese Art und Weise habe ich mir eine erneute Begegnung mit ihm nicht vorgestellt.

Zitronen

Alisa

Ein Horrortrip, das ist die Bezeichnung für meine Reise. Zwischen fröhlichen Urlaubern zu sitzen, die Sonne, Strand, Palmen, Party und das Buffet im Kopf haben, oder Menschen, die sich auf ihre Verwandten freuen, baut mich nicht gerade auf. Das hohe Maß an Begeisterung, welches das Innere des Flugzeugs ausfüllt, prallt an mir ab. Mein fachmännisches Erscheinungsbild sowie Mimik lassen mich im Stich. Ich bekomme die erschreckenden Bilder, welche mein Hirn zusammenspinnt, nicht aus dem Kopf. Der Anblick, wie Leandro verzerrt und todkrank in seinem Bett liegt. Vor dreizehn Wochen habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Ob er an Almas Beerdigung bereits von seiner Erkrankung Kenntnis hatte? Angst davor, was mich genau erwartet, schnürt mir die Brust zu. Ich will ihn nicht kraftlos und elendig vorfinden. Lieber höre ich mir sein aufgesetztes Geschnatter an. Doch je näher mich das Flugzeug meinem Ziel bringt, desto mehr wird mir klar: Dass ich nicht davor wegrennen kann. Ich muss mich zur Ordnung, Gelassenheit und Professionalität zwingen. Allein schon Leandro zuliebe. Es wird ihm nichts nützen, wenn ich wie ein trauriges Etwas bei ihm ankomme.

Während mein Innerstes darum kämpft, die Vollblut-Bestattungsfachkraft herauszukramen, drehen und wenden meine Hände das Flugticket. Ich kapiere nicht, warum ich in Aeropuerto de Alicante landen werde und nicht Aeropuerto de Asturias. Ich habe angenommen, dass ich nach Asturien fliegen muss, wo seine Heimat im Norden Spaniens liegt. Stattdessen habe ich ein Flugticket an die Südostküste Spaniens bekommen und lande in der Provinz Alicante. Über neunhundert Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt. Wenn das ein Scherz sein soll, ist der nicht nach meinem Geschmack. Für böse Spielchen bis zum bitteren Ende bin ich nicht zu haben, außerdem reichen meine Nerven dafür nicht aus.

Oder er liegt in einer Spezialklinik, weit von seinem Schloss entfernt, meldet sich meine innere Stimme vorsichtig zu Wort. Bei dem Gedanken krampft sich mein Herz noch mehr zusammen. Ich scheine es regelrecht anzuziehen, dass Menschen, die ich gern habe, sterben. Meine geliebte Oma; mein Julian; eine Berufsschulfreundin von mir, die bei einem Skiunfall ums Leben gekommen ist; Alma. Gut, ich habe sie erst kennengelernt, als sie im Todeskampf lag, aber trotzdem hatte ich den letzten Kontakt zu ihr. Und nun Leandro.

Du redest dir einen Mist ein, tadelt mich meine innere Kritikerin. Um sie abzulenken wechsle ich das Thema: Ist Leandros Herz so sehr gebrochen? Es war nicht zu übersehen, wie sehr er Alma geliebt hat und sie mit Sicherheit täglich vermisst.

Das Flugzeug setzt zur Landung an.

Mein Gott. Bald werde ich ihn wiedersehen und ich fürchte mich davor. Furcht. Ich. Die Alisa, die schon das schlimmste Elend gesehen hat, fürchtet sich vor dem Anblick eines todkranken Mannes.

Hat der Kerl mächtig mit seinen Blümchen und Bienchen Eindruck bei dir hinterlassen, dass du zum Weichei mutierst, verhöhnt mich meine hässliche innere Stimme. Kann man das irgendwie abschalten? Ich brauche nicht noch mehr Stiche in meine Wunden. Ich rolle genervt mit den Augen und ein anderer Passagier sieht mich an, als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, was ich ihm nicht mal übel nehme. Ich will gar nicht wissen, wie schräg das aussehen muss, wenn ich innerlich mit mir selbst streite.

Ein Chauffeur im legeren Anzug empfängt mich in der Ankunftshalle, indem er ein Schild mit meinem Namen vor seiner Brust hält. „Buen día. Señora Cossmann.“

Unsicher lächele ich den freundlichen Spanier, er mag so um die Vierzig sein, an und sage: „Hola.“ Was, glaube ich, Hallo auf Spanisch heißt, wenn ich mich an meine Ballermann-6-Reisen erinnere. Er deutet auf sich und sagt: „Felipe.“ Ich nicke ihm höflich zu und signalisiere ihm, dass ich ihn verstanden habe. Felipe nimmt mir mein Gepäck ab und bedeutet mir, ihm zu folgen. Draußen schlägt mir die spanische Wärme entgegen und ich verfluche meine Arbeitskleidung.

Es überrascht mich nicht, von einem seltsamen Auto, das ich nicht alle Tage zu Gesicht bekomme, abgeholt zu werden. Jedenfalls habe ich bis zum heutigen Tag nie etwas von einem Black Baron Dreamster gehört oder gelesen. Dieses Zweisitzer-Ungetüm von einem Auto erinnert an längst vergessene Jahrzehnte. Wenigstens fehlt das Dach, was eine spritzige Fahrt verspricht. Schweigend steige ich ein und bin mulmig gespannt, wo es hingeht. Felipe verstaut mein Gepäck, schwingt sich hinter sein Steuer und braust los. Mein Blick streift über die Landschaft und mit der Zeit fällt mir ein Schild auf, dessen Name mir bekannt vorkommt. Los Montesinos 50 kilómetro. Hatte der nette, alte Butler Henneken diesen Ort nicht erwähnt?

„Los Montesinos? Our Goal?“ Mein miserables Englisch ist genauso furchtbar wie mein nicht vorhandenes Spanisch, aber ich denke, Felipe hat meine Frage nach unserem Ziel verstanden. Jedenfalls nickt er so ähnlich wie ein Wackel-Dackel, was mich schmunzeln lässt. Der herrliche Fahrtwind bläst mir das Haar aus dem Gesicht und der blaue Himmel weckt die Sehnsucht nach einer leckeren blauen Eiskugel mit viel Sahne. Knapp vierzig Minuten später biegt Felipe in eine abgelegene Straße ein. Ich kann hinter einem alten Zaun eine große Zitronenplantage ausmachen und der frische Duft der Früchte weht uns entgegen. Felipe steuert uns auf eine alte Finca-Villa zu, die zitronengelb gestrichen ist. Ich verliebe mich auf den ersten Blick in dieses wunderschöne Gebäude mit seinen mediterranen Rundbogenfenstern, Säulen, Balkonen und den Büschen und Bäumen, die es bewachen und behüten.

Bist doch nicht so eiskalt, wie du immer dachtest.

Ich pfeife auf mein inneres Großmaul und betrachte lieber die schöne, spanische Umgebung. Wer würde nicht davon träumen, an solch einem Ort friedlich einzuschlafen, anstatt in einem trostlosen Krankenhauszimmer dahinzuvegetieren?

Die Reifen lassen den Schotter aufspritzen, wobei Julians Kfz-Herz zusammenkrampfen würde, aus Angst um den Lack. Das Auto hätte ihm definitiv gefallen. Ich steige aus und streichele die Motorhaube, um Julian zu gedenken. Felipe lässt mich die Gegend bewundern, geht fünf Stufen zum Eingang hinauf und bringt mein Gepäck in die Finca. Ich schotte meine Augen mit der Hand vor der Sonne ab und bestaune den hübschen antiken Springbrunnen, der in der Mitte des Parkplatzes steht. Eine drollige Haushälterin späht aus einem Fenster im Erdgeschoss und verschwindet rasch, als ich hinsehe. Spanischer Blaustern wächst wild am Wegesrand. Bunte Zauberglöckchen ragen aus Balkonkästen und geben untereinander mit ihren prächtigen Farben an. Pacaya-Palmen runden die gesamte Schönheit ab und spenden Schatten.

Felipe kommt pfeifend, mit offenem Hemd und Arbeitshose, aus der Finca gehüpft und bedeutet mir, ihm zu folgen. „Come, Señora Cossmann.“ Stirnrunzelnd folge ich ihm. Er führt mich zur Plantage, wo ich Männer und Frauen beim Ernten der Zitronen erblicke. Verschwitzt grüßen uns diejenigen, die uns bemerken. Die meisten Frauen sind mittleren Alters, tragen zerschlissene Kleider mit Schürzen und schützen sich mit Kopftüchern vor der Hitze. Ich fühle mich wie in einer anderen Zeit. Die arbeitswütigen Männer hieven ihre schweren Körbe mit Zitronen auf Pferdekarren und grinsen mir spitzbübisch zu. Mit meinem Blazer-Anzug fühle ich mich fehl am Platz, aber Job ist nun mal Job. Nur eines verstehe ich an diesen fröhlichen Gesichtern nicht, die mit den prallen Farben der Zitronen um die Wette strahlen. Wissen die nichts von der schweren Erkrankung ihres Arbeitgebers?

Völlig unvorbereitet erhaschen meine Augen die anmutige Gestalt von Leandro, der in zerschlissenen Jeans und einem offenen, weiten, weißen Hemd die Zitronen an den Bäumen inspiziert. Sein langes Haar wird von einem Band gebändigt. Der Schweiß glänzt in seinem Gesicht und auf seiner spärlich behaarten Brust. Kräftige Muskeln zeichnen sich ab und präsentieren ihre Stärke. Ich kann mir nicht helfen, aber sein attraktiver Anblick macht mich sauer. Warum zum Teufel hütet er nicht das Bett?

Was ist jetzt?! Regt sich in dir eine fürsorgliche Krankenschwester? Oder warum veranstaltest du solch ein Theater? Sei doch froh, dass du ihn nicht elendig im Bett vorfindest!, ermahnt mich meine innere Chefin, die ich eiskalt beiseite schubse. Leandro hat meine Anwesenheit bemerkt und schenkt mir ein umwerfendes Lächeln. Er nickt Felipe dankend zu und bedeutet ihm, uns allein zu lassen. Böse funkelnd gehe ich auf Leandro zu und zische ihn an: „Warum hütet Ihr nicht das Bett?“

Belustigt strahlt er mich an, kommt gefährlich nahe, dass ich seinen magnetischen Duft, gemischt aus Schweiß und Cool Water, riechen kann und flüstert mir ins Ohr: „Ich freue mich auch, Euch zu sehen. Macht Ihr Euch etwa Sorgen um mich, mi Corazón?“

„Geht zum Teufel!“ Erschrocken schlage ich mir die Hände vor den Mund. Das hätte ich nicht sagen sollen. Sein leuchtendes Lächeln wechselt zu Bitterkeit und er beugt sich mir drohend entgegen. „Den Gefallen werde ich Euch vielleicht erfüllen.“ Leandro wendet sich von mir ab und widmet sich wieder seinen duftenden Früchten, die weniger Gift versprühen als ich. Schuldig stehe ich da, werde zurecht von der Sonne gebraten und habe mich noch nie so beschissen gefühlt. Meine Füße scharren kleine, schrumpelige Zitronen über die Erde, meine Schultern hängen, als würde eine enorme Last sie zu Boden drücken und ich habe nicht den blassesten Schimmer, wie ich mein vorlautes Mundwerk entschuldigen kann.

Rede über das Wetter oder übers Geschäft.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873723
ISBN (Buch)
9783960874065
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417941
Schlagworte
Spanien Prinz Millionär Geheimnis Chick-Lit Missverständnisse Lovestory

Autor

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    Nicole Lange (Autor)

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Titel: Auf Umwegen geküsst (Chick Lit, Liebe)