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Erleuchtung inklusive (Liebe, Humor, Chick-Lit)

von Elli C. Carlson (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Liz und Ben. Ben und Liz.
Aus ihnen hätte ein Traumpaar werden können. Damals, mit siebzehn und dem Kopf voller verrückter Ideen. Wie gesagt hätte. Fünfzehn Jahre später sitzt Liz als dienstälteste Redaktionspraktikantin der Welt bei einer großen Boulevardzeitung fest und träumt noch immer von der großen Karriere. Ben hat es ins Silicon Valley verschlagen und immerhin hat er es dort zum millionenschweren Internet-Genie gebracht. Als Ben seiner alten Heimat Berlin einen überraschenden Besuch abstattet, wittert Liz ihre Chance. Ein Interview mit dem Medienscheuen Unternehmer wäre der Durchbruch bei ihrer Zeitung. Doch das ist leichter gesagt als getan, zumal sich der exzentrische Multimillionär gerade in der Sinn-Krise befindet und auf einem Selbsterfahrungs-Trip die großen Rätsel des Lebens lösen will. Ehe Liz sich versieht befindet sie sich mitten in den Pyrenäen und stolpert auf dem Jakobsweg ihrer Jugendliebe hinterher. Doch der Weg nach Santiago de Compostela ist weit und steckt voller Überraschungen und Wunder…

Impressum

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Digitale Neuausgabe April 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-355-6

Covergestaltung: Annadel Hogen
unter Verwendung von Motiven von
© svetap/depositphotos.com, © Istanbul2009/depositphotos.com, © Dr.PAS/depositphotos.com,
© iconsgraph/depositphotos.com und © angelp/depositphotos.com
Lektorat: Antje Gardelegen
Korrektor: Lennart Janson

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 erschienenen Titels Erleuchtung inklusive von Elli C. Carlson.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Prolog

Er war müde. Und hungrig. Und die feuchte Kälte, die in der Luft lag, ließ in unregelmäßigen Abständen ein Zittern durch seinen Körper fahren. Dann musste er in seinem Trott innehalten. Augenblicke vergingen, während er darauf wartete, dass die Muskeln wieder seinen Befehlen gehorchten. Hatte das Zittern aufgehört, setzte er seinen Weg fort. Er musste einen sicheren Ort finden. Einen Platz, um sich auszuruhen. 

Kurz blieb er stehen. Lauschte. Hob die Nase in den Wind. Die Eindrücke, die seine geschärften Sinne wahrnahmen, waren intensiv. So, als würde die kühle, klare Luft hier oben in den Bergen sämtliche Geräusche und Aromen verstärken. Da war der vertraute Geruch einiger Hasen, die vor Kurzem auf der Lichtung gehockt haben mussten, auf der er nun stand, und die ihn daran erinnerten, wie groß sein Hunger war. Er roch die zahlreichen Nuancen der feuchten Erde, der Bäume und den intensiven Duft der ersten Blumen, die sich durch den kalten Waldboden kämpften, um sich der Frühlingssonne entgegenzustrecken. 

Der beißende Gestank von Dieselabgasen wehte von der Seite zu ihm. Dort lag die Straße. Motorengeräusche waren nicht mehr zu hören. Es musste eine Weile her sein, seit der Wagen hier vorbeigekommen war. 

Nun stieg ihm auch der intensive, süße Duft in die Nase, der vom Tod erzählte. Ein Tier, vielleicht ein Igel oder ein Hase, hatte es nicht rechtzeitig über die Straße geschafft und war verendet. 

Einen Augenblick überlegte er, das Tier zu suchen, um seinen Hunger zu stillen. Doch die Angst, wieder in die Nähe der Menschen zu kommen, war zu groß. Er würde unterwegs etwas anderes finden. Eine Maus vielleicht. Oder eine Eidechse. 

Vor ihm in der Senke war eine Pfütze. Langsam näherte er sich und trank. Wenigstens würde er nicht verdursten. Der dichte Nebel, der wie Watte an den Berghängen klebte und irgendwann in feinen Nieselregen überging, sorgte für ausreichend Wasser.

Nach einigen Schlucken lauschte er wieder. Von seinen Verfolgern war nichts zu hören. Schon seit Stunden nicht. Auch nicht von seinen Gefährten.

Sie waren zu siebt in dem Schuppen gewesen, der ihnen in den kalten Wintermonaten Schutz und Wärme geschenkt hatte. Ab und zu waren Menschen vorbeigekommen. Sie hatten gerufen und versucht, sie anzulocken. Doch er und sein Rudel waren vorsichtig. Sie hielten sich lieber versteckt. Das Futter, das sie nach den Besuchen vorfanden, hatten sie trotzdem genommen. Es hatte sie satt und zufrieden durch den Winter gebracht. Doch das war nun vorbei. 

Am frühen Morgen, als die Sonne gerade anfing, ihre ersten Strahlen über die Bergkuppen im Norden zu schicken und das Tal mit Licht und Wärme zu fluten, waren sie überrascht worden. Ein halbes Dutzend Männer mussten es gewesen sein, die mit quietschenden Reifen und ohrenbetäubender Musik aus den Lautsprechern ihrer Autos auf das verlassene Fabrikgelände vorgefahren waren. Sie stanken nach Zigaretten und Alkohol. Er war von dem Lärm aufgewacht, noch bevor sie aus ihren Autos springen konnten und das hatte ihm vermutlich das Leben gerettet. 

Er schüttelte sich, als vage die Erinnerung an die Schüsse auftauchte, die auf sie abgefeuert worden waren. Er wollte nicht mehr daran denken. Er war ihnen entkommen. Das war alles, was zählte. Jetzt war er wieder allein. Niemand aus dem Rudel hatte es mit ihm zusammen aus dem Tal hoch in die Berge geschafft. Nur er. Wieder einmal. 

Er war müde. Zu müde, um noch weiterzugehen. Zu müde, um sich ein neues Rudel zu suchen. 

Unter den herunterhängen Ästen einer Tanne grub er sich eine Kuhle. Hier konnte er ausruhen. Schlafen. Vergessen.

Er rollte sich zu einem Bündel zusammen, seufzte einmal schwer, legte die Nase unter die Pfoten und schlief sofort ein.

Kapitel 1

Liz

Auch eine Reise von tausend Kilometern beginnt mit einem ersten Schritt. 

Ich habe keine Ahnung, warum mir diese Erkenntnis ausgerechnet jetzt in den Sinn kommt und woher ich sie habe. Vermutlich aus einem Glückskeks. Aber da ist was dran. Ich bin mehr als zweitausend Kilometer von meinem Zuhause entfernt, und wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich nicht nur mit einem hastig zusammengestopften und viel zu schweren Rucksack aus meiner Haustür gestolpert, sondern habe es tatsächlich geschafft, rund achthundert dieser Kilometer zu Fuß zu gehen. Eine beachtliche Leistung für jemanden, der es in dreizehn Schuljahren geschafft hat, wirklich alle Bundesjugendspiele zu schwänzen. Von sportlicher Betätigung halte ich ungefähr so viel, wie Dieter Bohlen von Anstand und Mitgefühl – herzlich wenig. 

 Der Anblick des Atlantiks, vor dem ich nun stehe, entschädigt jedoch für einiges. Hier oben von der Klippe aus ist er so überwältigend schön, wie im Reiseführer angepriesen. Den habe ich in Berlin zwar nur knapp überflogen, aber an das Bild erinnere ich mich genau.

Hinter den weißen Schaumkronen der Dünung, die die Wellen mit großem Getöse an den schmalen Strand schieben, liegt das dunkelgraue, aufgewühlte Meer. Darüber ein weiter Himmel, der wolkenverhangen in der Ferne ins Stahlgrau des Wassers überzugehen scheint. Es ist kein Schiff am Horizont zu erkennen, keine Möwe, die elegant durch die Luft segelt. Menschen sind ebenfalls Mangelware; was komisch ist, denn normalerweise bevölkern sie doch in Massen die Strände auf der sinnfreien Suche nach Steinen oder Muscheln. Ich bin allein. Mutterseelenallein. Und das am Ende der Welt. Wie passend.

Spirituell bin ich in der gleichen Liga unterwegs, wie beim Sport. Also eher unmotiviert. Dennoch reihe ich mich nun in die Schar derer ein, die seit Ewigkeiten als Pilger nach Santiago de Compostela unterwegs sind, um sich dort ihrer Sünden zu entledigen. Jedenfalls die Gläubigen unter den Pilgern. Es gibt etliche, die tatsächlich den sportlichen Aspekt einer wochenlangen Wanderschaft zu schätzen wissen. Mal ganz abgesehen von den Zivilisationsmüden, die bei der Aussicht, in überfüllten, mäßig sauberen Herbergen zu nächtigen, in Ekstase geraten. 

Bei mir ist weder das eine noch das andere der Fall. Wenn ich ehrlich bin, dann wollte ich noch nicht einmal nach Spanien. Vom Pilgern ganz zu schweigen. Und wenn man’s noch genauer nimmt, dann fängt meine Reise mit einem Erdbeerjoghurt an. Fettarm. Und einem Wort. So, wie jede Geschichte mit einem einzigen Wort anfängt.

»ScheißenochmaldublödeKuhuhduaaaaahhh...«

Kapitel 2

4 WOCHEN ZUVOR ...

Wenn man seinen Gefühlen freien Lauf lässt, dann gibt es eine Sache, die wirklich wunderbar ist: Für einen kurzen Moment erlebt man die Welt genau so, wie man sie gerne hätte. 

Und der Anblick Yvonne Bergers, die verzweifelt versuchte, die Joghurtreste loszuwerden, die ihr vom Haaransatz über das Gesicht liefen und ihr das groteske Aussehen eines Horrorclowns verliehen, war einfach himmlisch. Es erzeugte in mir das Gefühl grenzenloser Zufriedenheit. 

Für ungefähr zehn Sekunden. 

Dann schlug das echte Leben wieder zu. Und zwar erbarmungslos. 

»Was ist hier los? Was soll der Scheiß?« 

Simon Bach erschien aufgebracht in der Tür, die die winzige Teeküche vom Rest des Großraumbüros trennte, in dem die Redaktion des Berliner Blitz untergebracht war.

»Ist das etwa ... Joghurt?«

Die Frage war ziemlich überflüssig. Aber irgendetwas musste er sagen. Simon war schließlich Chefredakteur des auflagenstärksten Boulevardblattes, das die Hauptstadt zu bieten hatte. Nervenstärke war jedoch nicht seine herausragende Eigenschaft. Und die Tatsache, dass ich gerade der gefürchtetsten Klatschreporterin Berlins eine etwas ungewöhnliche Haarkur verpasst hatte, trug nicht zu seiner Entspannung bei. 

Ungläubig blickte er von Yvonne zu mir: Felicitas Speckmann, 31 Jahre alt und die wohl dienstälteste Redaktionspraktikantin, die diese Zeitung jemals hervorgebracht hatte.

»Spinnst du jetzt völlig?« 

Simons ohnehin bleiches Gesicht, das selten das Sonnenlicht erblickte, war noch eine Spur bleicher geworden. Für einen Moment hoffte ich inständig, dass er heute Morgen auf seinen Espresso und sonstige, nicht ganz legale Substanzen verzichtet hatte, damit sein Kreislauf in Schwung kam. Für den plötzlichen Herztod eines erst fünfunddreißigjährigen, überarbeiteten Chefredakteurs mit ungesunden Lebensgewohnheiten wollte ich lieber nicht verantwortlich sein.

»Sie kann froh sein, dass es nur Joghurt ist.« 

Trotzig verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und hob kämpferisch das Kinn. 

»Für das, was sie getan hat, hätte sie Teer und Federn verdient.«

Yvonne fixierte mich wütend. Es war die Art von Blick, die jedes Kaninchen nicht nur in Schockstarre versetzen konnte, sondern ebenfalls einen plötzlichen Herztod zur Folge hatte. 

»Das wirst du bereuen, das verspreche ich dir!« 

Ihre Stimme besaß einen Tonfall, den man durchaus als eiskalt bezeichnen konnte. Zudem machte sie niemals leere Drohungen. Ich hörte Simon unangenehm schlucken, während meine Synapsen noch immer auf Krawall gebürstet waren.

»Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich dir jemals dabei geholfen habe, deine dümmlichen Texte zu schreiben.« 

Was durchaus den Tatsachen entsprach. Ich bereute nichts mehr, als den Augenblick, in dem ich auf Yvonnes freundliche Fassade hereingefallen war, als sie vor vier Jahren engelsgleich als Praktikantin in unsere Redaktion geschwebt kam. Der Anblick einer zweiundzwanzigjährigen Blondine mit Wahnsinnsmähne, der Figur eines Viktoria Secret Models und dem Gesicht einer Madonna hatte zudem die männliche Belegschaft schwer in Atemnot gebracht und besonders Simon war ihr vom ersten Tag an verfallen. Was wiederum dazu führte, dass beide mich freundlich überredeten, Yvonnes Textbeiträge in den darauffolgenden Wochen auf ein lesbares Niveau zu heben. Preisverdächtige Artikel kamen nicht dabei heraus, aber gepaart mit dem Aussehen eines Engels und dem Wesen einer Königskobra reichte es, um Yvonne Berger in nur drei Monaten den begehrten Job als Jung-Redakteurin zu verschaffen. 

Ein Job, der eigentlich mir versprochen war. 

Damals hatte ich mir noch die absurde Hoffnung gemacht, dass dieser bedauerliche Irrtum schnell zu meinen Gunsten aufgeklärt werden würde. Schließlich war Yvonne eine komplett talentfreie Zone. 

Diese Befürchtung musste wohl auch Simon gehabt haben, der trotz freischwingender Hormone ein ziemlich gutes Gespür für die Begabungen seiner Untergebenen besaß. Kurzerhand machte er mich zu Yvonnes Assistentin und verdonnerte mich so dazu, in den kommenden Jahren die größeren Katastrophen zu verhindern, die sein blondgelockter Schützling in der Redaktion mit ihrer Unfähigkeit anrichten konnte.

Man konnte Yvonne zahlreiche Dinge vorwerfen, eines war sie allerdings nicht – und zwar blöd. Nachdem sie einmal meinen Rat ignorierte und in einem Anflug gigantischer Selbstüberschätzung ihren selbstverfassten Artikel stolz in der Redaktionskonferenz präsentierte, war sie wochenlang das Gespött der Kollegen. Danach hatte mich Yvonne zwar nicht mit Respekt behandelt, aber diese kleine Episode führte ihr zwei Dinge kristallklar vor Augen. Erstens – es war klüger auf mich zu hören. Zweitens – sie durfte keine Gelegenheit auslassen, um mich vor den Kollegen und Chefs als Vollidiotin hinzustellen. Denn wenn man mich befördern würde und sie ihre Assistentin los wäre, wäre sie wiederum schneller ihren gutbezahlten Redaktionsjob los, als man Hair Conditioner sagen konnte. 

 Der Aktion mit dem Erdbeerjoghurt gingen also eine ganze Reihe von Demütigungen, falschen Behauptungen und unbezahlten Überstunden voraus, was wiederum erklärte, warum ich zu solch drastischen Maßnahmen griff. 

Was Simon allerdings herzlich wenig interessierte.

»Du kommst sofort in mein Büro, Liz. So was können wir uns hier so was von nicht leisten! Das ist kein Kindergarten!«

Mein Chef hatte zwei dumme Angewohnheiten. Er musste sich ständig wiederholen und er verschloss gerne die Augen vor der Realität. Die Redaktion des Berliner Blitz war ein Kindergarten. Falls große weiße Haie so etwas wie einen Kindergarten besaßen. 

»Yvonne, Schätzchen, geh heim und zieh dir was Anderes an. Ich kläre das schon mit Lizzy.« 

Er lächelte entschuldigend und zog mich (etwas grob, wie ich fand) am Arm hinter sich her. Aus den Augenwinkeln fiel mir gerade noch das zufriedene Grinsen meines persönlichen Albtraums auf. Mal sehen, ob sie immer noch so grinsen würde, wenn ihrem Erbsenhirn klar wurde, dass nun die Schonzeit vorbei war. 

Heute war der Tag der Abrechnung.

»Sie hat mich eine fette, untalentierte Mutti genannt, die es nicht verdient, an der Fortbildung mit Marc Schneider teilzunehmen! Du weißt, wie sehr ich ihn bewundere! Ich warte seit Jahren darauf, das Seminar mitzumachen!«

Ich stand vor Simon und versuchte, mich zu verteidigen. Was ziemlich kläglich war, denn ich hörte mich an, wie eine Siebtklässlerin im Rektorenbüro. Simon war wohl der gleichen Ansicht. Er schüttelte den Kopf, spielte geistesabwesend mit dem albernen Pokémon auf seinem Schreibtisch und seufzte schwer. »Lizzy, Lizzy, Lizzy ...« 

»Was?«

Ich wartete. Doch Simon sah mich nur vorwurfsvoll aus seinen vom Schlafmangel geröteten Augen an. Der Job als Chefredakteur war hart. Mit Mitarbeitern wie Yvonne noch härter.

»Simon! Hat der Satz auch einen Sinn oder findest du meinen Namen so toll, dass du ihn ständig wiederholen musst?«

»Wegen ein paar unschöner Worte eine solche Nummer abzuziehen ist kindisch, Liz. Kindisch und albern.«

»Ach, findest du es auch albern, dass Yvonne hinter meinem Rücken die Akkreditierung löscht? Mit der Begründung, ich leide an einer höchst ansteckenden Geschlechtskrankheit und dürfe keine Gemeinschaftstoilette benutzen?!«

Erstaunt lüpfte Simon die Augenbrauen.

»Du bist kra...?«

»Nein«, unterbrach ich ihn, »ich bin nicht krank! Herrgottnochmal, Simon!« Meine Stimme überschlug sich vor Empörung.

»Aber ...«

»Nichts aber! Yvonne hat sich meinen Platz auf dem Seminar unter den Nagel gerissen. Und mich vollkommen lächerlich gemacht!«

Simon wich meinem verletzten Blick aus. Nach vier langen Jahren hatte auch er mitbekommen, dass man Yvonne besser nicht reizte. Die meisten Redaktionsmitglieder, einschließlich Simon, gingen daher einer Konfrontation mit ihr aus dem Weg, obwohl jeder wusste, dass sie die größte journalistische Flachpfeife seit der Erfindung des Buchdrucks war. Insgeheim waren wohl alle froh, dass sie in mir ein Ventil hatte, um ihre Bosheiten loszuwerden.

»Mir reicht es Simon! Seit vier Jahren lasse ich mir von diesem Anna-Wintour-Klon mein Leben versauen. Irgendwann ist Schluss! Entweder geht sie oder ich!«

Ich atmete tief durch, erstaunt über die Klarheit meiner Forderungen.

Simon ebenfalls. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Zufrieden erkannte ich einen Hauch von Panik in seinem Blick. Diese Panik kam nicht von ungefähr. Vor zwei Tagen hatte ich zufällig sein Telefonat mit unserem Herausgeber mitbekommen. 

Also, die Speckmann, die hat eine Nase für die richtigen Storys. Und Quellen hat die, das sag ich Ihnen, Quellen, da können andere nur von Träumen! 

Natürlich würde Simon niemals auf mich verzichten. Vermutlich würde er mir endlich den Job als Redakteurin anbieten. Gleich, nachdem er Yvonne gefeuert hatte. Ich lächelte. Stolz, endlich diesen Schritt gewagt zu haben. Warum hatte ich das nicht schon viel früher getan?

Kapitel 3

»Du bist fristlos entlassen? Weil du eine Kollegin angegriffen hast?« 

Mein Vater blickte mich besorgt an.

Nicht erst in diesem Moment wurde mir klar, warum ich vier lange Jahre Yvonnes Schreckensherrschaft ertragen hatte. Die Gute saß einfach am längeren Hebel. 

»Angegriffen würde ich es nicht nennen, Papa.«

Das entsprach nicht ganz den Tatsachen, aber egal.

»Und es war die Kollegin.« 

Papas Augenbrauen wanderten in Richtung seines Haaransatzes. Er kannte Yvonne ziemlich gut. Schließlich heulte ich ihm seit einer gefühlten Ewigkeit die Ohren über ihre Gemeinheiten voll.

»Ich habe ihr nur einen Joghurtbecher über den Kopf geschüttet. Einen kleinen Becher. Fettarm.«

Vor Verblüffung blieb meinem Vater der Mund offenstehen. Bernd Speckmann fehlten die Worte. Das kam höchst selten vor. Ich konnte noch nicht sagen, ob es geschah, weil ich mich zum ersten Mal gegen Yvonnes Bösartigkeiten aufgelehnt hatte. Oder, weil er sich Sorgen über die plötzlich einsetzende Gewaltbereitschaft seiner sonst friedliebenden Tochter machte. 

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, hatte Simon mich rausgeschmissen. Dabei war ich doch unersetzbar für die Redaktion.

»Tut mir leid, Lizzy, aber wir können Yvonne nicht kündigen. Ihr Vertrag sieht eine üppige Abfindung vor. Das kann sich die Zeitung nicht leisten.«

Eine durchaus nachvollziehbare Begründung. Der Berliner Blitz litt, wie viele andere Boulevard-Blätter auch, unter sinkenden Verkaufszahlen. Facebook und Twitter boten genügend Klatsch und Tratsch. Und die mussten sich noch nicht einmal die Mühe machen, ihre Fake News halbwegs wasserdicht zu recherchieren. 

»Soll das heißen, ich bin ...?« 

Gefeuert war wirklich ein unschönes Wort. Daher vermied ich, es auszusprechen.

»Wenn ich dich kündige, dann kriegst du wenigstens Arbeitslosengeld und die Krankenkasse wird auch übernommen. Was sagst du dazu?«

Was sollte man dazu schon sagen? Das Leben ist kein Ponyhof? Geld regiert die Welt? Oder lieber Hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

»Simon, seit sechs Jahren arbeite ich für dich. Als Praktikantin. Was meinst du, wie hoch mein Arbeitslosengeld wohl ausfällt?!«

»Schon klar, mir tut das alles ja auch wahnsinnig leid. Aber unter den Umständen kannst du nicht länger in der Redaktion arbeiten. Und du willst es ja auch gar nicht mehr, oder hab ich dich da falsch verstanden?«

Natürlich wollte ich weiter beim Blitz arbeiten. Nur eben nicht mehr für Yvonne. Für einen kurzen Moment kam auch in mir Panik auf. Vielleicht, dachte ich, wenn ich mich richtig gut entschuldige ... 

Andererseits verbot mir der letzte klägliche Rest meines Selbstbewusstseins, genau dies zu tun. 

»Ich kann keinen Tag länger mehr den Fußabtreter spielen. Jeder weiß hier doch, dass Yvonne eine totale Null ist und ich die ganze Arbeit mache.«

Simon nickte. Er hatte wohl nichts anderes erwartet.

»Ich lasse dich ungern gehen, Liz, ungern. Das weißt du.«

Ich sah ihm an, dass er noch etwas loswerden wollte.

»Aber, Simon?«

»Aber, vielleicht ist das ja auch die Chance für dich. Die Chance, was ganz anderes zu machen.«

Ich sah ihn entgeistert an. Hielt er mich für eine schlechte Journalistin? Das hatte bei seinem Gespräch mit unserem Ober-Chef doch noch ganz anders geklungen.

»Du bist ein Ass in der Recherche. Ein Ass. Deine Texte sind auch ganz okay.«

»Vielen Dank für deine Offenheit.« Ob er wusste, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht hören wollte? Simon fuhr unbeeindruckt fort.

 »Was dir fehlt, das ist der Biss. Der Biss, verstehst du? Du bist einfach zu nett für diesen Job. Und ich fürchte, das wird sich auch nie ändern.« 

Er sah mich mitleidig an und erwartete wohl einen Wutausbruch. Oder, dass ich mich in Tränen auflöste. Es war schwer zu sagen, was ihm unangenehmer gewesen wäre. Aber da kam nichts. Ich war viel zu enttäuscht, um noch irgendetwas zu sagen. 

»Genau, das meine ich, Liz. Genau das.« 

Er kam um den Schreibtisch herum und setzte sich vor mir auf die Schreibtischkante. 

»Jede von den Hyänen da draußen hätte spätestens jetzt angefangen, mein Büro zu zerlegen. Du stehst nur da und siehst mich an, wie ein weidwundes Reh.« 

Ich hatte nun doch Mühe die Tränen zu unterdrücken, die sich in meinen Augen sammelten. Diesen letzten Triumph wollte ich ihm nicht gönnen.

»Wenn ich mich gegen bösartige Kollegen wehre, werde ich gefeuert. Und wenn ich es nicht tue, bin ich nicht die Richtige für den Job. Diese Logik soll einer verstehen.«

»Irgendwann wirst du mir nochmal dankbar dafür sein.« 

Was für ein unrühmliches Ende meine Karriere beim Berliner Blitz doch genommen hatte.

»Ich weiß nicht, aber irgendwie hat dein Chef recht.« Mein Vater ließ eine Bratwurst durch den Wurstschneider rattern und fing die zerstückelten Reste geschickt mit der Pappschale auf. 

»Du bist wirklich viel zu nett für diese Aasgeier.« 

Er ertränkte die Wurstscheiben in reichlich Tomatensoße und streute Curry-Pulver oben drauf. 

»Hier. Probier mal. Eine neue Spezialsoße. Mit Ingwer und Kardamom.« 

Er hielt mir das Schälchen entgegen. Ich probierte und die Soße war himmlisch. »Hmmm ... ungewöhnlich, aber gut.«

Mein Vater strahlte beseelt. Bernd Speckmann war nicht umsonst der stolze Besitzer der wohl besten Currywurst-Bude Berlins. Und das wollte was heißen. Immerhin war Berlin nicht gerade arm an Currywurst-Buden. Doch Speckmanns Imbiss war sozusagen das Borchardts unter den Berliner Fastfood-Tempeln. Vor zwanzig Jahren hatte er sich mitten in Pankow auf einem Baumarkt-Parkplatz mit unserem alten, zur Frittenschmiede umgebauten Wohnmobil niedergelassen. Seitdem hatte er es zur Berliner Wurst-Legende gebracht. 

Der Laden brummte, auch wenn die üblichen Berlin-Touristen nicht zu seiner Kundschaft gehörten. Seine Currykreationen zogen stattdessen Heerscharen von Taxifahrern, Handwerkern, Putzfrauen und Paketboten an, die ihre Pause gern bei Curry-Pommes-Schranke verbrachten.

Was sich für meine Arbeit beim Berliner Blitz als echter Segen erwies. Schließlich gab es kaum jemanden, der so gut informiert war, wie die fleißigen Helferlein der Gutbetuchten. Sie waren mein unversiegbarer Quell all der exklusiven, skurrilen, geheimen und manchmal sogar sensationellen Nachrichten, die eine Millionenmetropole wie Berlin zu bieten hatte. Ich brauchte mich nur in den Stoßzeiten für ein paar Stunden zu meinem Vater in den Imbiss zu gesellen, schon hatte ich alle relevanten Informationen beisammen, um bei der nächsten Redaktionskonferenz mit grandiosen Neuigkeiten Eindruck zu schinden. Das zu meinen herausragenden Recherchekünsten. Die waren jetzt sowieso Geschichte.

Während ich die unfassbar leckere Wurst in mich hineinstopfte, regte sich leiser Widerstand in mir. So schnell wollte ich nicht aufgeben. 

»Ich liebe diesen Job, Papa.« 

Nun ja, es war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber das wollte ich hier und jetzt nicht ausdiskutieren. 

»Irgendwie kriege ich den schon wieder. Wer weiß – spätestens in zwei Wochen wird Yvonne so viel Chaos in der Redaktion angerichtet haben, dass Simon mich auf Knien anfleht, wieder zurückzukommen.«

Manchmal musste man sich die Dinge einfach schönreden. Meinem Vater war anzusehen, dass er diesen Optimismus nicht ganz teilte. Doch da er über die gleichen netten Qualitäten verfügte wie ich, behielt er seine Zweifel für sich. Er lächelte mich lieber aufmunternd an und schlug mir vor, ihm im Imbiss zu helfen, während ich auf Yvonnes Rausschmiss wartete. Natürlich gegen einen angemessenen Stundenlohn, um das karge Arbeitslosengeld aufzubessern. 

»Weißt du noch, wie viel Spaß wir hatten, wenn du mir geholfen hast? Das hat mir die letzten Jahre echt gefehlt.«

So konnte man das natürlich auch sehen. Tatsache war allerdings, dass ich damals ständig die Wurst hatte anbrennen lassen, dafür dann aber die Pommes halb roh servierte.

»Klar helf ich mit, Papa.«

Er strahlte über das ganze Gesicht. 

»Wir können an neuen Spezialsoßen arbeiten. Es gibt niemanden, der so gut den Geschmack unserer Kunden trifft, wie du.« 

Er meinte es als Kompliment. Wenn ich mir die Kunden so ansah, die an den Stehtischen vor dem Foodtruck ihre Pommes in sich hineinschlangen und mit einem Bier nachspülten, überkam mich allerdings ein gewisser Frust. 

»Du hilfst Papa im Imbiss? Respekt!«

 Meine Schwester Lena sah mich spöttisch an, während sie dem einohrigen, etwas mitgenommen aussehenden Wildkaninchen eine Möhre ins Gehege legte. 

»Ich helfe Papa gern! Ich bin mir nämlich nicht zu schade für Pommesschwenken, falls du das denkst!«, gab ich empört zurück. 

Lena lachte laut und dreckig.

»Respekt für Papa, du Blödi. Nicht für dich. Ich hoffe, du fackelst diesmal nicht wieder alles ab.«

Ich stöhnte laut auf und wollte nicht weiter an den unangenehmen Vorfall erinnert werden, der während meiner Schulzeit dazu geführt hatte, dass Papas geliebter Imbiss ein Raub der Flammen geworden war. Zum Glück zahlte die Versicherung den Schaden und Papa hatte das alte ausgebrannte Wohnmobil gegen den jetzigen, wesentlich komfortableren Foodtruck ausgetauscht. So wie ich die Dinge sah, hätten wir es auch schlimmer treffen können.

»Ich hab das ja nicht absichtlich gemacht. Das war ein ganz blödes Missgeschick.«

»Ist schon klar.« 

Ich hasste diesen spöttischen Blick. Was auch kein Wunder war, wenn ein ironiebegabtes Schicksal einen mit so einer Schwester bestrafte. 

Lena war zwei Jahre jünger als ich, Tierärztin mit eigener Praxis und in so ziemlich jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von mir. 

Während ich mit Pauken und Trompeten durchs Abi rasselte und viel zu entnervt war, es ein Jahr später erneut zu versuchen, hatte sie zwei Klassen übersprungen und an einem Berliner Elite-Gymnasium ein Einser-Abi absolviert. Es folgte ein Studium der Tiermedizin, das – natürlich – in Rekordzeit abgeschlossen wurde. Da hatte ich gerade meine kaufmännische Ausbildung im Verlagswesen beendet und verzweifelt versucht, beim Berliner Blitz eine Redaktions-Praktikantenstelle zu ergattern, die so mies bezahlt wurde, dass ich weiter bei meinem Vater wohnen musste. Was sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hatte. Lena hingegen brachte es mit 24 Jahren zur Teilhaberin einer gut florierenden Kleintierpraxis am Kollwitzplatz. Die Praxis erwies sich als wahre Goldgrube und sie verdiente ein Vermögen mit der Behandlung übergewichtiger Rassekatzen und völlig überzüchteter Modehunde, die alle unter einer Art tierischer Version von ADHS zu leiden schienen. 

Praktischerweise hatte sie sich sofort in ihre Kollegin und Teilhaberin Merry verliebt. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde aus den beiden nur ein Jahr später das glücklichste, erfolgreichste und liebenswerteste Ehepaar, das ich sowohl in meinem Hetero- als auch im Homo-Bekanntenkreis kannte. Da konnte man schon mal schlechte Laune bekommen, wie ich fand.

Gleich neben ihrer Praxis bewohnte das Traumpaar ein schickes Penthouse, in dem es (trotz dekadenter 130 Quadratmeter und Dachterrasse) scheinbar nicht genug Platz für all die herrenlosen Kleintiere gab, die sie in ihrer Praxis aufnahmen. So kamen dann Papa und ich ins Spiel.

Unser bescheidenes Elternhaus, das bereits seit drei Generationen in Familienbesitz war und diverse Wirtschaftskrisen, Weltkriege und völlig irre sozialistische Stadtplaner unbeschadet überstanden hatte, besaß nämlich einen riesigen Garten nebst großen Schuppen, der sich hervorragend als Auffangstation eignete. 

Zudem waren Lena und Merry der Überzeugung, dass man sich damit doch so nervige Dinge wie Verabredungen sparen konnte. Die beiden waren nicht gerade Organisationsgenies und richteten in ihrer Praxis regelmäßig in heilloses Terminchaos an.

Fast jeden Abend schauten sie daher vorbei, um ihre Patienten zu betreuen. Anschließend aßen sie unseren Kühlschrank leer und plünderten Papas Weinvorräte. Ich fragte mich ernsthaft, ob die beiden Überfliegerinnen jemals in ihrem Leben einen Supermarkt von innen gesehen hatten.

Aktuell waren drei Kaninchen, zwei herrenlose Meerschweinchen, irgendwelche exotischen Springmäuse, deren Namen ich mir nicht merken konnte, und Hugo, ein dreibeiniges Zwergschwein, im Schuppen untergebracht. Wir beendeten gerade die Raubtierfütterung. 

»Papa freut sich jedenfalls, wenn ich ihm helfe.«

Ich sah meine Schwester vorwurfsvoll an. »Und Hugo auch. Denn dann ist endlich jemand da, der mit dem armen Schwein spazieren geht.«

Es konnte nicht schaden, meiner großartigen Schwester ein schlechtes Gewissen zu verpassen, denn tatsächlich kümmerten mein Vater und ich uns die meiste Zeit um die Tiere.

Ich sah, wie sich auf Lenas Stirn eine Sorgenfalte bildete. Das passierte ganz automatisch, wenn sie ihrem Gegenüber eine wichtige Mitteilung zu machen hatte. Ich beschloss umgehend, auf ihre Weisheiten zu verzichten.

»Wenn du jetzt auch noch sagst, dass der Job sowieso nicht der Richtige für mich ist, dann suche ich mir eine andere Schwester. Die netter ist.«

Das beeindruckte Lena nicht wirklich, aber immerhin war sie mitfühlend genug, sich mit breitem Grinsen abzuwenden und Hugo ausgiebig die borstigen Ohren zu kraulen.

»Warum fängst du nicht bei uns in der Praxis an, Liz?«

»Lass mich mal überlegen – weil ich keine Tierärztin bin?« 

Einen Augenblick schenkte sie mir diesen mitleidigen Blick, den sie immer draufhatte, wenn sie mir etwas wirklich Unangenehmes beichten musste. Wie etwa, dass unser geliebter Goldfisch Nemo mit dem Bauch nach oben im Aquarium schwamm. Oder, dass mein Hollandrad gestohlen worden war, nachdem sie es sich ungefragt ausgeliehen und vor der Uni abgestellt hatte. Nicht abgeschlossen versteht sich. Das zum Rad gehörende ultrasichere Fahrradschloss hatte sie nämlich beim Ausleihen vergessen.

»Ernsthaft, Lizzy. Uns wächst die Arbeit über den Kopf und wir suchen dringend jemanden, der uns den Papierkram abnehmen kann.«

»Ich bin Verlagskauffrau. Keine Tierarzthelferin.«

»Kann schon sein. Aber ich kenne niemanden, der so einen guten Draht zu Tieren hat, wie du.« 

Es wurde Zeit den organisierten Rückzug anzutreten. 

»Oh, bitte, nicht wieder die alte Leier.«

Ich wartete erst gar nicht ihre Reaktion ab und hatte die Tür des kleinen Schuppens schon geöffnet, um in den Garten zu fliehen. Doch so schnell gab Lena nicht auf. 

»Ich mein’s ernst«, sagte sie und folgte mir.

»Da bin ich total neidisch drauf, wirklich. Und super organisieren kannst du auch.«

Ich warf ihr einen genervten Blick zu. Mein persönlicher Plan vom Glück sah vor, eine der besten Journalistinnen zu werden, die diese Welt je gesehen hatte. Was vielleicht etwas größenwahnsinnig war, aber egal. Hunde, Katzen und Meerschweinchen kamen jedenfalls nicht darin vor.

»Ich mag keine Hunde«, murmelte ich abwehrend.

»Blödsinn. Erinnerst du dich an den Fuchs, der mit dem Kopf im Starbucks-Becher feststeckte?«

Natürlich erinnerte ich mich an den Pechvogel, der völlig verängstigt unter einem Müllkorb am Kollwitzplatz gehockt hatte und den weder die Polizei noch Lena aus seiner misslichen Lage befreien konnten. Mit Fauchen und Krallen hatte er sich erbittert gewehrt, und bevor die Beamten den finalen Rettungsschuss in Erwägung zogen, war ich zu Hilfe geeilt.

Wir mussten beide grinsen, als wir an den Vorfall dachten.

»In dem Augenblick, in dem du aufgetaucht bist, beruhigte sich das kleine Mistvieh und wir konnten ihn befreien.«

Das stimmte zwar, aber ich schenkte dem keine große Bedeutung. Wenigstens hatten der Fuchs und ich es zu einer kleinen Meldung im Lokalteil unserer Zeitung gebracht.

»Der war süß. Und kein Mistvieh. Wie redest du eigentlich über deine Patienten? Also ehrlich. Und außerdem: Der hatte sich einfach nur müde gestrampelt.«

»Das war es nicht. Und das weißt du auch.« 

Lena sah mich ratlos an, als würde sie vor einem der sieben Weltwunder stehen. 

»Du hast ein riesiges Talent und statt es zu nutzen, vergeudest du deine Zeit mit diesem lächerlichen Schmierenblatt.«

»Es ist aber das, was ich machen will. Das, was mich glücklich macht!« Langsam wurde ich ernsthaft sauer. »Und außerdem habe ich keine Lust, mir von meiner ach so erfolgreichen kleinen Schwester vorschreiben zu lassen, was ich tun soll und was nicht. Denkst du ernsthaft, ich lass mich in deiner Praxis von dir herumkommandieren? Eher entkalke ich bis an mein Lebensende die Espressomaschine beim Blitz

Ich stürmte ins Haus und knallte die Tür etwas zu heftig vor Lenas Nase zu, um jeder weiteren Diskussion zu entkommen. Ich war wütend. Und das Dumme an der ganzen Sache war: Ich war nicht wütend auf Lena. Ich war wütend auf mich. Denn tief in meinem Innern begann etwas zu ahnen, dass sie womöglich recht haben könnte.

»Der Barolo ist fantastisch.« 

Meine Schwägerin Merry schnalzte genießerisch mit der Zunge und nahm gleich noch einen Schluck aus ihrem Weinglas. Es war bereits ihr zweites Glas an diesem Abend. Wenn sie so weitermachte, wäre Papas Vorrat an diesem edlen Tropfen bald Geschichte. Das kümmerte Merry allerdings herzlich wenig. Wenn sie etwas über alles liebte, (außer ihrer Arbeit und meiner Schwester natürlich) dann war es ein gut temperierter Rotwein, vorzugsweise aus Italien. Mit Franzosen oder Spaniern konnte sie nicht viel anfangen.

Mein Vater nippte ebenfalls genießerisch an seinem Glas, schloss ehrfurchtsvoll die Augen und nickte. 

»Kann man trinken.«

Wir saßen im Wohnzimmer unseres kleinen Hauses am großen, runden Esstisch, der noch meinen Großeltern gehört hatte, und aßen gemeinsam zu Abend. Mein Papa hatte pünktlich um sechs seinen Imbiss geschlossen, war zum Großmarkt gefahren, um die Einkäufe für den nächsten Tag zu erledigen und anschließend seine Töchter nebst Anhang mit einem improvisierten Abendessen aus Käse, frischem italienischem Brot, eingelegtem Gemüse und besagtem Barolo zu verwöhnen. Merry war vor knapp einer Stunde bei uns aufgetaucht, um Lena abzuholen und hatte mit der üblichen Begeisterung die Einladung zum gemeinsamen Essen angenommen. Lena und ich schwiegen uns nach dem Vorfall im Garten missmutig an.

»Ist der von diesem genialen Weingut, das wir letzten Herbst besucht haben?« Merry stopfte sich ein Stück italienischen Parmesan in den Mund und spülte zufrieden mit dem teuren Barolo nach. 

»Ja. Die Kiste kam gestern mit der Post. Sie lassen euch schön grüßen und ich soll euch sagen, dass es Pepito prima geht.«

Pepito war ein junges Eselsfohlen, das Merry und Lena in ihrem Italienurlaub mal ganz nebenbei auf die Welt gebracht hatten. Aus lauter Dankbarkeit schickten Pepitos Besitzer nun meinem Vater regelmäßig eine Kiste ihres besten Rotweins, den sie auf dem Gut anbauten. 

»Ach ... Italien.« Merry seufzte und legte ihre Hand auf Lenas, die mit dem Weinglas spielte. »Wir müssen mal wieder Urlaub machen, Süße. Ein Kurztrip nach Sizilien vielleicht. Da ist es schon richtig warm.«

Sie sah mich begeistert an. »Komm doch auch mit, Liz. Jetzt hast du endlich mal Zeit.«

Ich zuckte nur lustlos mit den Schultern. Lena ebenfalls.

»Bevor wir zum Nachtisch kommen, verratet ihr uns, was bei euch los ist?« 

Mein Vater hatte langsam die Nase voll von der Spannung, die unausgesprochen in der Luft lag. Er hatte es nie ertragen können, wenn zwischen seinen Kindern Streit war. Was vermutlich daran lag, dass wir uns so gut wie niemals stritten. 

»Nichts, was soll bei uns los sein?«

Lena blickte betont unschuldig und schwieg. 

Merry kam meinem Vater zu Hilfe. 

»Ihr habt euch gestritten.« Sie sah Lena mahnend an. »Und versuch gar nicht erst, mich abzuwimmeln, Schnucki, ich rieche es zehn Meilen gegen den Wind, wenn du mir was verheimlichst.«

»Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nichts Wichtiges.« Ich versuchte, das Gespräch wieder auf ein anderes Thema zu bringen. »Soll ich noch eine Flasche aus der Küche holen? Die hier ist fast alle.« 

Ich wollte aufstehen und die Flucht ergreifen. 

»Genau das ist das Problem, Liz. Was so offensichtlich ist, wie ein rosa Elefant im Schlafzimmer, ist für dich nicht wichtig.«

Ich lehnte mich wieder zurück in meinen Stuhl. Lena wollte Krieg. Den konnte sie haben.

»Vielleicht liegt’s ja auch daran, dass mir andere Dinge wichtig sind. Menschen sind nun mal verschieden, falls es dir bislang entgangen sein sollte.«

»Mir ist jedenfalls nicht entgangen, dass du dir seit Jahren etwas vormachst.«

Gebannt verfolgten Papa und Merry unseren Schlagabtausch. Und hielten sich wohlweißlich zurück. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für irgendwelche Kommentare. 

»Schön, dass du dich in meinem Leben so super auskennst.«

Ich funkelte Lena sauer an. »Ich habe jedenfalls keine Ahnung, was du meinst. Und ganz ehrlich, es interessiert mich auch nicht.«

»Es sollte dich aber interessieren.« Lena beugte sich kampflustig vor. »Sieh dich doch mal an: Du bist über dreißig, wohnst noch bei deinen Eltern und lässt dich seit sechs Jahren als Praktikantin ausbeuten. Dabei arbeitest du so viel, dass du noch nicht einmal Zeit hast, dir auch nur Gedanken über dein nicht existentes Liebesleben zu machen.« 

Merry legte beruhigend die Hand auf den Arm ihrer Liebsten und ihr Blick sagte deutlich, jetzt besser nicht zu übertreiben. Das sah ich genauso. Lena war in Begriff, ein paar Grenzen zu überschreiten. 

Was sie nicht davon abhielt, es auch weiterhin zu tun. 

»Hast du dir mal überlegt, wo du in zehn Jahren stehst, wenn du so weitermachst?«

Ich schwieg. Tatsächlich versuchte ich, möglichst wenig an meine Zukunft zu denken.

»Du wirst als frustrierte, einsame, ausgebrannte Hilfskraft enden, die ihre besten Jahre damit verplempert hat, die heißen Kohlen für schwachsinnige Kolleginnen aus dem Feuer zu holen! Willst du das wirklich, Liz? Ist das deine Vorstellung von einem glücklichen Leben?« 

»Es reicht, Lena.« Mein Vater griff nun doch streitschlichtend ein. »Liz hat recht. Es ist ihr Leben und sie kann es leben, wie sie will. Nicht wie du, oder ich, oder sonst wer es für richtig hält.«

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, Papa, dass du ihr damit hilfst!« Lena sah unseren Vater aufgebracht an. »Du packst sie in Watte! Das hast du schon immer gemacht! Seit damals. Seit Mama ...« 

Lena unterbrach sich, als sie Papas erschrockenen Gesichtsausdruck sah. Dann senkte sie den Blick und stocherte auf ihrem Teller rum. »Ist ja auch egal.«

Einen Moment herrschte bedrücktes Schweigen. Alle starrten auf ihre Teller oder musterten interessiert ihre Gläser. Und vermieden dabei den Blickkontakt zu mir. 

Dieser Tag war wirklich mies gelaufen und dieses Schweigen, dieses mitleidige Schweigen, gab mir den Rest.

 »Gut zu wissen, dass ihr mich alle für eine totale Versagerin haltet, echt prima! Vielen Dank auch! Vielleicht sollte ich mir auf Streetview schon mal ’ne Brücke suchen, von der ich springen kann.« 

Damit stand ich auf und eilte hoch auf mein Zimmer. Ich hörte noch Merrys Ratschlag, mich jetzt besser in Ruhe zu lassen. Wenigstens eine, die mich verstand.

Stunden später lag ich auf meinem Bett und starrte auf den Bildschirm meines Fernsehers, den Papa schräg gegenüber an der Wand angebracht hatte. Es lief eine dieser nervigen Castingshows, in der es darum ging, möglichst viele Mitbewerber bei was auch immer aus dem Rennen zu schlagen. Worin der Erfolg für die Teilnehmer bestehen sollte, blieb ein Rätsel. Denn bis auf ein paar Augenblicke Ruhm erwartete die Gewinner nicht besonders viel. Dafür, dass sie sich zur besten Sendezeit zum Deppen gemacht und dem Fernsehsender Bombenquoten und üppige Werbeeinnahmen beschert hatten. Ich konnte eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Leben feststellen.

Mit dem Job als Praktikantin machte ich mich auch zum Deppen. Den Gewinn strich Yvonne ein. Und selbst wenn ich in ein paar Wochen zurück in die Redaktion käme, weil Simon mich darum bat, würde sich an dieser deprimierenden Perspektive nichts ändern. 

Zu allem Überfluss hatte Lena nicht nur in Bezug auf meine berufliche Karriere recht. Mein Liebesleben war, wie sie richtig festgestellt hatte, nicht existent. 

Mein letztes Date war Jahre her, hatte aber immerhin zu einer rekordverdächtigen sechsmonatigen Beziehung mit einem wirklich netten Koch geführt, der bei uns in der Kantine seiner Leidenschaft für Schmorbraten nachging.

Lukas war, wie gesagt, ein wirklich netter Kerl und konnte so unbekümmert flirten, dass Widerstand zwecklos war. Und weil Lukas das Herz und Gemüt eines unschuldigen Labradorwelpen besaß, konnte ich ihm schlecht sagen, dass ich seine Liebe nicht aufrichtig erwiderte. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Und wer tut das schon gerne bei einem Labradorwelpen? Nach sechs Monaten war der Welpenschutz vorbei und ich beendete unsere kleine Liaison.

Dass ich ihn nicht liebte, war nicht Lukas’ Schuld gewesen. Er hatte mich zum Lachen gebracht, ständig mit irgendeiner Kleinigkeit überrascht und der Sex mit ihm war erstaunlich gut. Doch wenn ich ehrlich war, dann schien es auf dieser großen weiten Welt einfach niemanden zu geben, in den ich mich aufrichtig verlieben konnte. 

Mit einer Ausnahme. 

Den Einen hatte es gegeben. Vor langer, langer Zeit und mein Herz wollte jedes Mal vor Glück zerspringen, wenn er mich nur ansah. 

Es zersprang tatsächlich. 

Nämlich in dem Moment, indem er mich fassungslos stehenließ, als ich versuchte, ihn zu küssen und er alles andere als begeistert darüber war. 

Shit Happens.

Ich starrte erneut auf den Bildschirm und all die gutgelaunten Menschen. 

Was stimmte nicht mit mir? 

Alle um mich herum schienen ihr Glück zu finden, selbst in so einer blöden Show, und ich tapste blind wie ein Maulwurf durch den Garten des Lebens und holte mir eine Beule nach der anderen.

Kurz darauf war zu hören, wie Lena und Merry sich vor dem Haus von Papa verabschiedeten und in ihr schickes Elektroauto stiegen, um zurück in ihr ebenfalls schickes Penthouse zu fahren. Ich wartete noch eine Weile, bevor ich runter in die Küche ging. Ich wollte sichergehen, dass mein Vater im Bett war und ich keinem meiner Familienmitglieder mehr begegnen würde. 

Der Tisch im Wohnzimmer war abgeräumt und die Küche blitzblank geputzt. Lena hatte sich für ihren verbalen Ausrutscher anscheinend damit entschuldigt, dass sie und Merry das Chaos mal ausnahmsweise beseitigten, das sie normalerweise bei ihren Besuchen hinterließen. Nur das schwache Licht über der Dunstabzugshaube brannte noch. Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und schüttete mir den restlichen Barolo ein.

»Sie hat es nicht so gemeint, Liz. Sie macht sich nur Sorgen um dich.« 

Vor Schreck verschluckte ich mich an dem Rotwein. Papa lehnte mit seiner Zahnbürste in der Hand am Durchgang zum Flur. Weiße Reste der Zahnpasta klebten noch an seinem Kinn. Er musste mich im Bad gehört haben, obwohl ich wirklich leise die Treppe heruntergeschlichen war. 

»Es ist spät, Papa. Lass uns ein anderes Mal darüber reden.«

Er nickte. »Dann schlaf gut. Bis morgen.« 

Papa drehte sich um und wollte wieder ins Bad. Der traurige Ausdruck in seinen Augen erzeugte einen dumpfen Schmerz in meiner Brust.

»Papa?!«

Er drehte sich noch einmal um.

»Ich weiß, dass Lena es nicht böse meint. Aber ihr gegenüber komme ich mir vor, wie die größte Versagerin der Welt. Wenn ich jetzt noch bei ihr in der Praxis anfange, dann ...«

Papa kam zu mir und nahm mich in den Arm, weil ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte.

»Hey ... du bist keine Versagerin. Niemand denkt das von dir. Schon gar nicht Lena.«

Es tat gut, von Papa gehalten zu werden.

»Du wirst deinen Weg schon finden. Da bin ich mir ganz sicher.«

»Auch wenn ich schon steinalt bin?« Ich sah ihn an. »Glaubst du das wirklich?«

»Ja. Und zwar immer einen Schritt nach dem anderen.«

Kapitel 4

»Läuft super in der Redaktion.« 

Mit der Geschwindigkeit eines Reißwolfs schaufelte Simon sich eine doppelte Portion Currywurst in den Mund. 

Er sah noch blasser aus als sonst und seine rotgeränderten Augen hatten einen gelblichen Farbton angenommen, der ihn unheimlich aussehen ließ. Das kannte ich sonst nur bei Vampiren aus diesen Teenagerfilmen. 

In den letzten zwei Wochen, die seit meinem unrühmlichen Abgang beim Blitz vergangen waren, musste er noch mehr Überstunden und Nachtschichten absolviert haben als üblich. So super läuft es wohl nicht, dachte ich mir und schüttete eine neue Portion tiefgefrorene Pommes in die Fritteuse.

»Die Pommes dauern noch einen Moment.« 

»Lass mal. Wurst reicht. Aber ich nehm’ noch’n Bier.«

Ich reichte ihm eins aus dem Kühlschrank. Es dauerte keine Minute, da hielt er mir die leere Flasche hin. 

»Ich nehm’ noch eins.«

Ich zog skeptisch die Augenbrauen hoch und reichte ihm eine Cola aus dem Schrank. 

»Hast du mal auf die Uhr geschaut? Es ist erst halb zehn.«

Er sah mich ertappt an. »War ’ne Nachtschicht im Blitz

»Dann muss es ja wirklich super laufen.«

Simon verzog das Gesicht zu einem ironischen Lächeln. 

»Okay. Läuft vielleicht nicht ganz so gut.«

»Und deshalb bist du hier?«

Er nahm einen Schluck Cola, blickte stumm auf den vollbesetzten Parkplatz des Baumarktes und studierte das geschäftige Treiben. In seinem teuren Hipster Outfit mit der großen Hornbrille passte er nicht ganz zu all den Handwerkern und Hobby-Gärtnern. Er fiel auf wie ein Pinguin unter Hühnern.

»Manchmal wünsche ich mir so einen Job, Liz.« 

Er sah wirklich müde aus. 

»Du baust Häuser oder gräbst den Garten um, und nach acht Stunden, zack, gehst du heim und machst das, was dir richtig Spaß macht.«

»Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner. Die wünschen sich auch oft ’nen Bürojob, wenn’s draußen in Strömen gießt oder dreißig Grad im Schatten sind.«

»Hast ja recht.« Simon lehnte sich wieder zurück und stützte seine Ellenbogen auf der Ablage ab.

»Ohne dich ist es eine Katastrophe.«

»Dann willst du, dass ich zurückkomme?«

Er nickte.

Ich war so erleichtert und glücklich, dass ich die Fritteuse überhörte, die meldete, dass die Pommes fertig waren. 

»Habt ihr Yvonne endlich rausgeschmissen? Oder hat sie gekündigt?«

»Ich glaube, deine Pommes brennen an.« 

Ich beeilte mich, sie herauszunehmen, bevor sie Feuer fangen konnten. Während ich sie in die Schüssel warf und ordentlich Salz draufstreute, sprach ich weiter.

»Lass mich raten – Yvonne hat einen Nervenzusammenbruch bekommen, als ihr Text in der Konferenz verrissen wurde. Und hat dann das Büro zerlegt.«

»Nicht ganz. Yvonne ist noch da, aber ich bald nicht mehr.«

Ich drehte mich erstaunt zu ihm um.

»Sie ist scharf auf den Posten des Chefredakteurs? Das dürfte jetzt mal wirklich eine Nummer zu groß für sie sein.«

Simon rieb sich mit der Hand über seine müden Augen.

»Ich habe seit Tagen nicht mehr geschlafen. Tagsüber kontrolliere ich ihre Recherche und versuche die größten Löcher zu stopfen. Ihre Texte schreib ich in der Nacht um. Ich kann nicht mehr!«

Ich wusste genau, wovon er sprach.

»Willkommen im Club.«

»Komm zurück, bitte. Ich gebe dir auch einen Vertrag mit Festanstellung.«

»Als Redakteurin?«

»Wie wäre es als Redakteurs-Assistentin?« Simon schickte seiner Frage ein Lächeln hinterher, das wohl überzeugend sein sollte.

»Assistentin von Yvonne?« 

»Komm schon, das ist deine Chance, Liz.«

Ich lachte bitter auf. Simon wusste, was für ihn auf dem Spiel stand: sein Job und seine Gesundheit. Beides wäre ruiniert, wenn ich jetzt Nein sagen würde.

»Wir wissen beide, dass es deine Chance ist, die kommenden Wochen zu überleben.«

»Heißt das Nein?«

»Ja ... also nein! Danke für das Angebot, aber ich werde nicht mehr Yvonnes Fußabtreter spielen.«

Simon ließ das Haupt sinken. Seine gesamte, nervöse Energie schien aufgesaugt worden zu sein. Von einem blondgelockten Monster.

»Überleg es dir bitte. Für alle ist es die beste Lösung. Und ich verspreche, Yvonne wird sich dir gegenüber zurückhalten.«

»Versprich nichts, was du nicht halten kannst.«

Er nickte. Dann legte er einen Zehner auf den Tresen.

»Denk bis morgen darüber nach und ruf mich an, okay?«

Er tat mir tatsächlich ein bisschen leid. Schließlich wusste ich, wie kräftezehrend eine enge Zusammenarbeit mit Frau Berger sein konnte. Also nickte ich schließlich vage.

»Okay, ich denke darüber nach.«

Ich wollte ihm sein Wechselgeld geben, aber Simon winkte ab.

»Super Currywurst, übrigens.«

Damit schlurfte er zu seinem Design-Rennrad, das vermutlich mehr gekostet hatte, als jeder Kleinwagen auf dem Parkplatz. 

Ich sah ihm nachdenklich hinterher. Hatte ich gerade den Fehler meines Lebens begangen? Oder war ich in Begriff ihn zu begehen, falls ich sein Angebot annahm?

»Das willst du jetzt aber nicht machen, nur weil Simon dir leidtut?« 

Mein Vater sah mich über den Rand seiner Brille prüfend an.

Er war von seiner täglichen Einkaufstour zurück, die er, seit ich im Imbiss aushalf, immer schon vormittags erledigte. Während ich die Fritteuse und die Kunden bediente, lud er den Kombi aus und stapelte Würstchen, riesige Tüten mit Pommes Frites und Gewürze in der praktischen Fünf-Liter-Dose in die Vorratsschränke des Foodtrucks. 

 »Simon sah wirklich schlecht aus. Yvonne macht ihn fertig.«

»Dann soll er sie doch rausschmeißen. Die findet sofort wieder einen neuen Job.« 

Papa hatte Yvonne einmal persönlich erlebt, als sie mich genötigt hatte, sie bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung der Berliner Tierärzte einzuschleusen, die Merry und Lena jedes Jahr organisierten. Dabei entdeckte sie nicht ihr Herz für Tiere, sondern eher für Tierärzte. Nach diesem Abend datete sie drei Monate lang einen gutaussehenden Veterinär mit florierender Praxis und konnte danach ein Mini-Cabrio, zwei Paar Manolo Blahniks, eine Gucci-Tasche und einen bescheidenen Diamantring ihr Eigen nennen. Eine durchaus respektable Ausbeute. Dafür, dass sie sich mit dem langweiligsten Langweiler der Stadt hatte abgeben müssen, wie sie später in der Redaktion klagte.

»Keine Angst, Papa. Diesmal bleib ich hart.« Ich sah ihn entschlossen an. »Außerdem macht es Spaß, den Laden hier mit dir zu schmeißen. Und bis jetzt habe ich auch noch nichts abgefackelt.« 

Mein Vater lächelte glücklich und drückte mir einen Schmatz auf die Wange. Dann eilte er hinaus, um die restlichen Lebensmittel zu holen. Als er zurückkam, hatte er eine leichte Sorgenfalte auf der Stirn.

»Das machst du aber nicht nur, um mir einen Gefallen zu tun, oder?«

»Natürlich nicht.«

Die letzten zwei Wochen waren tatsächlich eine Erleichterung zu den katastrophalen Arbeitstagen beim Blitz gewesen. Die meisten Kunden behandelten einen höflich und freundlich, gaben sogar Trinkgeld und wünschten uns einen schönen Tag, nachdem sie sich den Bauch vollgeschlagen hatten. 

Ich hatte sogar vier ernsthafte Anfragen für ein Date bekommen: zwei muskelbepackte Dachdecker, ein leicht depressiver Taxifahrer mit Mediengestalter-Hintergrund (ein trostloses Gewerbe, wie mir schien) und ein echt witziger Landschaftsgärtner, der mich unter seinen struppigen, blonden Haaren mit wasserblauen Augen anhimmelte. 

Ich hatte alle Angebote so charmant, wie es möglich war, abgelehnt. Bei dem Gärtner würde ich es mir allerdings noch einmal überlegen, falls er nicht lockerließ.

Während der Frühling langsam die Stadt eroberte und alles in sattes Grün tauchte, schienen auch die Hormone der Berliner zu sprießen. Das Leben konnte tatsächlich leicht sein, wie ich feststellte. Lena und ich hatten uns drei Tage nach dem abendlichen Desaster ausgesprochen und versöhnt. Wir beschlossen, nicht weiter über so sensible Themen, wie Lebensführung und Karriere zu sprechen. 

Unsere Mutter hatten wir mit keinem Wort erwähnt.

»Weißt du, Papa«, versuchte ich ihm seine Befürchtungen zu nehmen, »vielleicht treffe ich hier ja den Mann meines Lebens. Die meisten Beziehungen beginnen nämlich am Arbeitsplatz.« 

Mein Vater hob skeptisch die Augenbrauen. Was vermutlich daran lag, dass die meisten unserer Stammkunden zwar ganz nett, aber auch etwas schlicht waren. Die Aussicht auf einen Schwiegersohn, der im breiten Berliner Dialekt stundenlang über die Vorzüge der Berliner Currywurst referieren konnte, machte ihm etwas zu schaffen.

»Mahlzeit! ’ne Doppelte mit Pommes-Mayo! Und’n Bier. Alkoholfrei.«

Ich drehte mich um und erblickte Dirk Wolf, einen unserer Stammkunden. Daggi, wie alle ihn nannten, war Taxifahrer. So wie sein Vater vor ihm Taxifahrer gewesen war und sein Großvater davor. 

»Hi Daggi. Du bist spät heute.«

Ich kannte ihn noch aus unserer gemeinsamen Schulzeit und mochte seine unbekümmerte, sorglose Art dem Leben zu begegnen. In der zehnten Klasse hatten wir auf einer Jahrgangsstufenparty mal geschlagene zwei Stunden in der hintersten Ecke der Aula geknutscht, nur weil ich das mit dem Küssen mal üben wollte, bevor der Richtige endlich in meinem Leben auftauchte. Am nächsten Tag hatte ich mich etwas dafür geschämt, doch Daggi nahm völlig unbekümmert zur Kenntnis, dass aus uns vielleicht doch nicht das neue Traumpaar der Pestalozzi Gesamtschule werden würde.

Seit diesem denkwürdigen Ereignis waren wir Freunde. Und Daggi war der am besten informierte und vernetzte Taxifahrer Berlins. Er wusste immer, wo gerade ein Promi in der Stadt shoppen ging, oder wer sich in den schicken Bars volllaufen ließ. Daggi war mit Abstand meine beste Informationsquelle.

»Schön braun machen, die Pommes, ich steh auf knackig.«

Er grinste frech und schob die Sonnenbrille auf seinen kahlen Schädel. Seit sein Haupthaar immer lichter wurde, rasierte er sich lieber den spärlichen Rest ab und gab sich mit Glatze ein verwegenes Aussehen. 

Cindy, seine Frau, war mit den Schwangerschaften von mittlerweile drei Kindern immer fülliger geworden. Was in Daggis Augen alles andere als ein Makel war. Sie wohnten eine Querstraße weiter in einem ebenfalls in die Jahre gekommenen Siedlungshaus und betrieben von da aus ihr kleines Fahrunternehmen. Soweit ich das beurteilen konnte, waren sie eine zufriedene, glückliche Familie, die sich vollkommen in ihrem Leben eingerichtet hatte. In dieser Hinsicht hatten sie eine Menge Gemeinsamkeiten mit Merry und Lena. Einmal mehr fragte ich mich, wie manche Menschen es so mühelos schafften, während wir anderen es einfach nicht auf die Reihe bekamen. Vielleicht war es ja genetisch bedingt und sie hatten in ihrer DNS ein Glückschromosom, das mir leider fehlte.

»Willste mal was Geiles hören?« 

Daggi hatte neue Infos für mich und brannte darauf, sie loszuwerden.

»Nee, lass mal, Daggi.« 

Er wusste doch, dass ich meinen Job beim Blitz los war und nicht aus purer Langeweile Würstchen kleinschnitt.

»Das willste wissen, das sag ich dir.« 

Er machte es wirklich spannend.

»Du glaubst nicht, wer wieder in der Stadt is’.«

Genussvoll schob er die Wurst in den Mund und nuschelte weiter. 

»Ben Lucas ist hier – das is’n Ding, wa?!«

Das war es in der Tat. 

Ich ließ fast das Bier fallen, das ich ihm gerade reichen wollte, und starrte ihn fassungslos an.

»Wusst’ ich doch, dat dir dit freut«, fasste Daggi mein grenzenloses Staunen breit grinsend zusammen.

Kapitel 5

»Ben Lucas?! Nur, damit ich dich nicht falsch verstehe – du redest von dem Ben Lucas?!«

Ich nickte. Triumphierend. Der ungläubige Ausdruck in Simon Bachs Gesicht war einfach zu schön. Seine blassen Wangen hatten tatsächlich etwas Farbe bekommen.

Simon lehnte sich noch ein Stückchen weiter vor und sah mich prüfend über seinen unaufgeräumten Schreibtisch an. 

»Und du bietest mir ein Exklusiv-Interview mit Ben Lucas an, dem Ben Lucas, der niemals Interviews gibt und von dem niemand weiß, wo er eigentlich gerade steckt?«

Ich konnte es Simon nicht verübeln, dass er Zweifel an meinem Angebot hatte. Immerhin war Ben Lucas so etwas wie der deutsche Marc Zuckerberg: ein unfassbar erfolgreiches, unfassbar wohlhabendes Internet-Genie. Er kam ursprünglich aus Berlin und war vor zehn Jahren als junger Programmierer ins Silicon Valley abgedüst, um dort ein Start-up zu gründen, das den Geldverkehr im Internet revolutionierte. Fünf Jahre später besaß er eine der größten Finanztransaktions-Websites der Welt. Und das war erst der Anfang seiner märchenhaften Karriere in Kalifornien gewesen.

Davon abgesehen war er der junge Mann, der mir das Herz gebrochen und meine Liebe kaltherzig verschmäht hatte. 

Simon sprang auf und kam um seinen Schreibtisch herum.

»Liz, wenn das wahr ist ... du verarscht mich doch nicht, oder?!«

Ein Blick von mir sagte ihm, dass dies nicht der Fall war.

»Ich weiß, wo er steckt. Und ich weiß, dass er mir ein Interview geben wird. Wir kennen uns von früher.« 

Simon sah mich prüfend an.

»Von ganz, ganz früher, Simon. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Und wir waren mal so etwas wie ... so etwas wie beste Freunde.« 

Das Detail mit dem Kuss ließ ich lieber unter den Tisch fallen.

Simon nickte anerkennend. »Das ist’n Ding.«

Er beschloss, nicht lange zu zögern und die einmalige Chance, ein Interview mit dem interviewscheusten Menschen dieses Planeten zu bekommen, nicht ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. 

»Wann kannst du liefern?«

Ich atmete tief durch. Nun kam der unangenehme Teil meines Gesprächs. Denn so einfach würde ich Simon diese sensationelle Geschichte nicht überlassen. Ich hatte Bedingungen. 

Als Daggi mir die Sensation berichtet hatte, wollte ich Simon aus alter Gewohnheit sofort anrufen. Doch dann hatte ich einen besseren Plan. Auf dem Weg zum Verlagsgebäude, das in einem der alten Hochhäuser aus der sozialistischen Ära Berlins untergebracht war und das am Alex stand, hatte ich mir ganz genau überlegt, was ich ihm nun sagen würde.

»Du kannst das Interview in der Wochenendausgabe bringen, Simon.« Das war die auflagenstärkste Ausgabe der Woche und sorgte für große Aufmerksamkeit. »Unter einer Bedingung.«

Simon war ein alter Fuchs und es überraschte ihn nicht, dass so eine Geschichte nicht umsonst zu haben war.

»Nenn’ eine Summe. Wir zahlen jeden Betrag. Ich telefoniere gleich mit unserem Herausgeber.« 

Er griff bereits zum Hörer.

»Ich will einen Fünf-Jahres-Vertrag als festangestellte Redakteurin mit entsprechendem Gehalt.«

Simon ließ den Hörer sinken. 

»Du willst hier wirklich wieder arbeiten? Das ist alles?«

»Ja. Wenn Yvonne weg ist. Das ist die Bedingung.«

Simon überlegte nicht lange. 

»Gebongt.« 

Ich sah ihn skeptisch an. »So einfach? Ich denke, Yvonne kostet euch ein Vermögen, wenn ihr sie kündigt.« 

»Stimmt. Aber mit deiner Story über Ben Lucas holen wir das spielend wieder rein.«

Seine Erleichterung darüber, sowohl seine schlimmste Untergebene loszuwerden, und dazu noch eine Bombenstory zu bekommen, war fast körperlich zu spüren. Er setzte sich hektisch hinter seinen Schreibtisch und begann fieberhaft auf seiner Tastatur herumzutippen. 

»Ich setze mich sofort mit der Rechtsabteilung in Verbindung. Die machen einen Vertrag für dich fertig. Und die Kündigung von Yvonne. Sobald ich das Interview von dir auf dem Tisch habe, geht beides raus. Ein paar aktuelle Fotos wären auch super.« 

Er schaute auf die Uhr. 

»Wir haben jetzt Mittwoch, 13 Uhr. Wenn ich Freitag früh dein Interview auf dem Tisch habe, dann können wir das online noch groß fürs Wochenende ankündigen. Ich muss auch mit der Werbeabteilung sprechen, die müssen da ein paar zusätzliche Adds schalten.«

Mir wurde etwas unheimlich bei Simons Hektik.

»Du ... Simon ... also, ich kann dir nicht versprechen, dass du alles am Freitag auf dem Tisch hast«, gab ich vorsichtig zu bedenken. Simon unterbrach sein Getippe und starrte mich an.

»Aber ich versuche es natürlich«, schob ich schnell hinterher.

»Du verheimlichst mir da was, oder?!«

»Nein. Ich bekomme das Interview.«

»Aber?«

»Aber es kann sein, dass es eben nicht gleich morgen ist. Ich brauche noch ein bisschen Zeit für die Vorbereitung.«

Simon atmete tief durch. Seine Euphorie war verflogen.

»Schön.« 

Er rieb sich über seine müden Augen, lehnte sich auf den Schreibtisch vor und stützte den Kopf auf die Hände. 

»Du meldest dich, wenn du das Interview hast. Bis dahin tue ich so, als hätten wir dieses Gespräch nie geführt.«

Ich nickte. »Okay.«

»Ich werde mit niemandem darüber reden. Auch nicht mit Yvonne.« Er sah mich ernst an. »Wenn die erfährt, dass ich sie rausschmeiße, um dich wieder einzustellen, bin ich tot – falls du das Interview nicht bekommst.« 

Ich nickte. Das war ein fairer Deal.

»Du wirst es kriegen.« Ich stand entschlossen auf und ging hochmotiviert hinaus in die Redaktionsräume. Simon machte hinter seinem chaotischen Schreibtisch einen eher deprimierten Eindruck. 

Im Flur wartete ich auf den Fahrstuhl, der mich die zehn Stockwerke hinunter in die Empfangshalle unseres Verlagshauses bringen sollte. Ich hatte nur kurz ein paar Grußworte mit meinen ehemaligen Kollegen gewechselt, die ähnlich wie Simon einen erschöpften Eindruck machten. Während ich sie wartend beobachtete, kam ich mir plötzlich fremd und fehl am Platze vor. Sie alle wirkten wie Zombies, die nichts um sich herum wirklich wahrnahmen und nur darauf fixiert schienen, frische Beute für ihre Artikel zu machen. 

Mit einem Pling kündigte sich der altersschwache Fahrstuhl an und die Türen glitten ratternd auseinander. 

Ich blickte direkt in Yvonnes überraschtes Gesicht. Sie hatte ihre Sonnenbrille lässig in die blonde Mähne geschoben und hielt einen Smoothiebecher, in dem eine grüne Flüssigkeit schwamm, in der einen und ihre teure Gucci-Tasche in der anderen Hand. Im Gegensatz zu allen anderen in der Redaktion machte sie einen entspannten Eindruck. 

»Na, wen haben wir denn da?«

»Hi, Yvonne. Und tschüss.«

Ich drängelte mich schnell an ihr vorbei, drückte die Taste fürs Erdgeschoss und betete, dass sich die Türen wieder schlossen. 

Yvonne dachte nicht im Traum daran, mich so schnell gehen zu lassen. Sie setzte ihren Fuß, der in einem der geschnorrten Manolo Blahniks steckte, vor die Sperre und verhinderte so, dass der Fahrstuhl abfahren konnte.

»Ich wusste, dass du früher oder später wieder hier auftauchst. Hast du mit Simon schon alles besprochen?«

»Ich muss wirklich los, Yvonne.«

»Das Einzige, was du musst, ist dich zu entschuldigen. Und zwar bei mir. Und das vor der versammelten Belegschaft. Nur damit wir uns nicht falsch verstehen.«

Mir war nicht danach zu Mute, eine Plauderstunde mit ihr anzufangen. Also wich ich ihrem Blick aus und drückte erneut wie wild auf die Taste fürs Erdgeschoss.

»Sicher, Yvonne. Geht klar.« 

Die beißende Ironie in meiner Stimme musste ihr entgangen sein, denn sie fuhr unbekümmert und sich ihres Triumphes über mich absolut sicher fort.

»Komm morgen eine Stunde früher in die Redaktion. Es ist ja so viel liegengeblieben in den letzten Wochen. Und vergiss nicht mir meinen Kaffee mitzubringen. Tschhü-üss«, flötete sie unbekümmert und gab endlich den Fahrstuhl frei. 

Als sich die Türen vor ihrem grinsenden Gesicht schlossen, atmete ich erleichtert auf. Yvonne würde eine böse Überraschung erleben, wenn sie morgen erfuhr, dass ihre Zeit beim Blitz endgültig rum war. Vorausgesetzt, ich bekäme das Interview mit dem großen Ben Lucas. Und in diesem Moment dämmerte mir, dass ich absolut keine Ahnung hatte, wie ich das anstellen sollte.

Kapitel 6

»Das ist dein genialer Plan?« 

Daggi sah mich ungläubig an. Wir saßen in seinem Taxi vor dem Soho House, das nur einen Katzensprung vom Alexanderplatz entfernt lag und die erste Adresse der Promis und der Reichen in Berlin war. Jedenfalls für die, die viel zu cool waren, um in einem der langweiligen Luxushotels abzusteigen. Kreative, Künstler und Internetgrößen bevorzugten eher das lässig-luxuriöse Ambiente dieses Privat-Clubs. Ben Lucas gehörte natürlich auch dazu, wie mir Daggi an unserem Imbissstand verraten hatte.

»Falls du einen besseren Plan hast, nur raus damit. Ansonsten machen wir es so, wie ich es gesagt habe.« 

Ich sah, wie er die Augen verdrehte und die Sonnenbrille von der Stirn auf die Nase schob. Ich konnte es ihm nicht übel nehmen. Mein Plan war alles andere als brillant. 

Ben war gestern früh mit einem Flieger aus Los Angeles in seiner alten Heimatstadt gelandet und einer von Daggis Freunden, der zudem Fahrer eines Limo-Services war, hatte ihn durch Berlin kutschiert. Viel mehr war nicht bekannt.

 Ich hatte keine Ahnung, was Ben zurück nach Berlin gebracht hatte, was seine Pläne waren und wie lange er eigentlich bleiben wollte. Hektisch hatte ich in den vergangenen Stunden die wenigen Details gesammelt, die über ihn im Internet zu finden waren. Verwandte oder Freunde hatte er demnach nicht mehr in der Stadt. Seine Eltern waren verstorben und vor knapp einem Jahr hatte er sich überraschend von seiner Ehefrau getrennt, mit der er immerhin fünf Jahre verheiratet gewesen war. Eine ungemein attraktive Moderatorin, deren Magazinsendung im amerikanischen Fernsehen Kultstatus besaß. Und im Gegensatz zu den meisten Stars war sie auch noch ziemlich nett und völlig skandalfrei. Seitdem geisterten zahllose Gerüchte durch die Welt, warum sich das glamouröse Promipaar getrennt haben könnte. So richtig pikant wurde die Scheidung mit dem Umstand, dass sich seine Ex-Frau ausgerechnet in die Arme seines Geschäftspartners geflüchtet hatte. Was wiederum zur Folge hatte, dass Mister Was-kostet-das-Internet ein halbes Jahr später nicht mehr in der Geschäftsführung seines eigenen Unternehmens saß. 

Frau weg. Job futsch. Für Ben schien es im Augenblick nicht gut zu laufen. Wenigstens das hatten wir noch gemeinsam. Wenn man sein Leben allerdings aus der Perspektive einer Boulevard-Journalistin betrachtete, bot es jede Menge Stoff für rekordverdächtige Auflagen. Ich musste nur die Chance bekommen, ihn zu treffen. Und mit ihm zu reden. Ich hatte daher beschlossen, vor dem Soho House darauf zu warten, dass Daggis Limo-Fahrer Ben erneut durch Berlin kutschierte und wir uns ganz unauffällig an seine Fersen heften konnten. Bei passender Gelegenheit würde ich dann aus dem Taxi springen und ihn anquatschen. Schließlich waren wir mal gute Freunde gewesen. Und guten Freunden sollte man einen Gefallen tun und sie dabei unterstützen, ihren Job wiederzubekommen. Allerdings war unsere letzte Begegnung eine Ewigkeit her und neben dem verunglückten Kuss gab es noch eine andere Sache zwischen uns, die mir seit Jahren die Schamesröte ins Gesicht trieb. Warum ich vermutlich auch vermied, möglichst nicht an das zu denken, was ich blödsinnigerweise aus lauter Enttäuschung angerichtet hatte und es ganz schnell wieder aus meiner Erinnerung verbannte.

Die Freisprechanlage von Daggis Smartphone, das er an die Windschutzscheibe gepappt hatte, meldete einen Anruf und Daggi nahm ihn entgegen.

»Das ist Bruno ... Hi, Bruno. Was gibt’s, Alter?«

Bruno war besagter Limo-Fahrer, den Ben gebucht hatte, und er sollte sich umgehend bei uns melden, falls es etwas Interessantes zu berichten gab.

»Hi Daggi«, brummte es aus dem Lautsprecher. »Willste wat Neues über deinen Internet-Heini hören?«

Und ob wir das wollten.

Daggi grinste mich breit an. Auf seine Kumpel war eben Verlass, sollte es wohl bedeuten.

»Der hat ’nen Fahrer bestellt. 17 Uhr. Geht zum Flughafen.«

Zum Flughafen? Das war dann aber ein reichlich kurzer Besuch seiner alten Heimatstadt. In mir kam leichte Panik auf. Was, wenn ich ihn verpassen würde?

»Wer fährt ihn?« Daggi hatte seine Sonnenbrille wieder hochgeschoben und blickte konzentriert auf die Straße.

»Icke«, tönte es aus den Lautsprechern.

»Sag ihm, wir treffen uns am Flughafen«, flüsterte ich Daggi zu. »Wir müssen nur das Gate wissen.« 

Er nickte knapp und sprach dann wieder in die Freisprechanlage.

»Hör mal, Alter, du musst mir ’nen Gefallen tun.« 

Ich schickte ein Stoßgebet in den Himmel, dass Bruno auf unseren Vorschlag eingehen würde.

»Ich hab hier eine alte Freundin von Ben sitzen, die ihm unbedingt Hallo sagen möchte.«

»Aha ...« 

Die Begeisterung am anderen Ende der Leitung hielt sich in Grenzen.

»Wir müssen nur wissen, wann ihr in Tegel ankommt und welches Gate ihr benutzt.«

»Mensch, Alter, dit geht nicht. Diskretion, dit is allet in meinem Job.«

»Klar, weiß ich doch. Aber der wird sich irre freuen, wenn er die wiedersieht, glaub mir. Außerdem schuldest du mir noch einen Gefallen.«

Daggi hatte mir erzählt, dass sein Freund gerne mal das Tempolimit missachtete und schon reichlich Punkte angesammelt hatte. Daher hatte sich Daggi, wie es sich für einen richtig guten Kumpel gehörte, bei Brunos letzter Spritztour als Fahrer der Limousine ausgegeben und seinen Freund davor bewahrt, für die nächsten zwölf Monate arbeitslos zu werden. 

»Mann, Alter, wenn dit rauskommt ...«

»Wird es nicht. Mach’ dir nicht so’n Kopp.«

Gebannt lauschten wir. Ein paar Sekunden herrschte Stille. Schließlich war ein tiefer Seufzer zu hören.

»Okay. Aber damit sind wir quitt.«

Eine Stunde später fuhren wir am Tegeler Flughafen vor. Bruno hatte uns Gate 13, das auch als Promi-Gate bekannt war, als Haltepunkt genannt.

Ich sprang aus dem Taxi.

»Soll ich auf dich warten?« 

Daggi beugte sich vor und sah mich durch die geöffnete Seitentür an.

»Danke, ist lieb, Daggi. Aber ich komme jetzt alleine klar.«

Ich schenkte ihm ein warmes Lächeln und ein Daumenhoch. 

»Dann viel Glück und grüß Ben von mir. Falls er sich noch an mich erinnert.«

»Mach ich.«

Ich positionierte mich mehr oder weniger unauffällig neben der Schiebetür, die zur Abfertigung führte. Hier musste Ben auf jeden Fall vorbeikommen und ich konnte ihn gar nicht verpassen.

Ich atmete tief durch und starrte ungeduldig auf mein Smartphone. Bruno würde mir eine Nachricht schicken, kurz bevor er vorfuhr. Die Zeit verging wie im Schneckentempo.

 Ich blickte mich um und betrachtete den Strom der Reisenden, die ankamen oder abfuhren. Es mussten gerade mehrere Urlaubsmaschinen kurz hintereinander gelandet sein, denn der Vorplatz wimmelte von Menschen in ihren luftigen Sommerkleidern. Braungebrannt und schwer mit Urlaubssouvenirs bepackt, strömten sie aus der Abfertigungshalle und blickten sich suchend nach Taxis oder ihren Verwandten um. Es war ein heilloses Chaos und ich fragte mich, welchem Wunder es nur zu verdanken war, dass dieser kleine, unmoderne Flughafen nicht komplett unter dem Ansturm zusammenbrach. 

Während ich die Massen fasziniert beobachtete, kam mir in den Sinn, dass ich noch nie von hier aus irgendwohin geflogen war. Um genau zu sein, war ich noch niemals irgendwohin geflogen. 

Ich empfand eine tiefe Abneigung gegen jegliche Art von Reisen, was erstaunlich war. Immerhin waren meine Eltern echte Weltenbummler. Kurz nachdem die Mauer gefallen war, hatten sie sich einen feuerwehrroten VW-Bulli gekauft, ihn zum Wohnmobil umgebaut und dann damit die Welt erkundet. Es gab ein Foto, das uns alle am Strand von Wladiwostok zeigte, wo wir vor unserem Wohnmobil stehen und glücklich in die Kamera grinsen. Unser unverwüstliches Gefährt hatte uns sicher und wohlbehütet durch Wälder, Wüsten und Gebirge zigtausende Kilometer bis an den Pazifik gebracht. Lena und ich hatten unsere ersten Lebensjahre mehr oder weniger damit verbracht, um die halbe Welt zu fahren. Nur erinnern konnte ich mich daran nicht. Alles, was vor meinem achten Geburtstag in meinem Leben geschehen war, war wie ausgelöscht. 

»Mensch, wieso gehste nicht ans Handy?«

Ich zuckte erschrocken zusammen. Bruno stand vor mir und hielt empört sein iPhone in die Luft. Ein Blick auf mein Display zeigte mir, dass er bereits diverse Nachrichten an mich verschickt hatte.

»Bruno!«

»Ick hab echt noch wat anderes zu tun!«

»Tut mir leid, ich hab’s einfach nicht gehört.«

»Blöd gelaufen, würd’ ick mal sagen. Der Typ is jrade rin.«

Ich blickte erschrocken zum Eingang. 

»Oh shit ... danke, Bruno, und sorry nochmal.«

Damit stürmte ich durch die Schiebetür. Bruno blieb kopfschüttelnd zurück. So schnell, wie es nur irgendwie möglich war, schob ich mich durch die Menschenmassen und suchte nach jemandem, der auch nur entfernt Ähnlichkeit mit Ben Lucas hatte. 

Ich war nicht die Einzige, der die Zeit davonlief. Zwei junge Businesstypen bahnten sich ebenfalls mit ihren teuren Rollkoffern den Weg durch das Chaos. Wie zwei Schneepflüge schoben sie die Wartenden auseinander und ein älteres Ehepaar geriet ihnen dabei in die Quere. Der ältere Herr starrte gerade etwas orientierungslos auf die Anzeigetafel und schob dabei geistesabwesend den Rollator, auf dem sich eine Reisetasche und darauf seine Frau befanden, vor sich her. Eine Baskenmütze keck auf ihrem grauen Haupt, betrachtete die alte Dame mit stoischer Gelassenheit das wahnsinnige Treiben und schien mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

Es war irgendwie ein anrührendes Bild. 

Die Herren in den schicken Anzügen hatten dafür allerdings keine Antennen und eilten lieber im Stechschritt auf die beiden älteren Herrschaften zu. Erst im letzten Moment erkannte der alte Mann, was da wie eine Naturgewalt auf ihn zu kam. Erschrocken machte er einen Schritt zur Seite, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, musste dafür jedoch den Wagen mit seiner Frau kurz loslassen. Offenbar funktionierte die Feststellbremse des Gefährts nicht so, wie sie eigentlich sollte, denn es raste nun mitsamt Gepäck und Ehefrau die leicht abschüssige Rampe hinunter, die die Einkaufszone vom Gate-Bereich trennte. Sie nahm ordentlich Fahrt auf. Die alte Dame schrie nun doch etwas erschrocken, zahlreiche Reisende sprangen geistesgegenwärtig beiseite und dann kam das Gefährt auf mich zu. Ungebremst.

Ich habe keine Ahnung, wie ich das schaffte, was nun folgte. Mein Vater meint immer, dass ich das unglaubliche Talent besitze, in wirklich schwierigen Situationen genau das Richtige zu tun. Auch wenn ich mich im normalen Leben etwas ungeschickt anstelle.

Statt wie alle anderen zur Seite zu springen, streckte ich also meine Arme aus, fasste die alte Dame unter den Achseln und hob sie mit einer knappen Drehung von dem rasenden Rollator. Dabei nahmen wir beide etwas zu viel Schwung auf, sie verlor ihre Baskenmütze und ich das Gleichgewicht. Wir stürzten zu Boden. Ich landete auf meinem Allerwertesten und die alte Dame sanft auf meiner Brust. Sie war zum Glück klein und zierlich, wie ein Kind, und ebenso federleicht. Dennoch fuhr mir mit einem lauten Zischen die Luft aus den Lungen. Benommen blieben wir einen Moment liegen, während der Rollator mit großem Getöse im Hotdogstand zum Stehen kam, um dort ein Chaos aus herumfliegenden Brötchen, eingelegten Gurken und Röstzwiebeln zu veranstalteten, garniert mit Ketchup und Remouladensoße. Ich mochte Hot Dogs noch nie.

»Alles in Ordnung mit Ihnen? Haben Sie sich verletzt?«

Ich blickte auf und sah in das Gesicht eines jungen Mannes, der sich sorgenvoll über uns beugte. 

Besonders viel war von dem Gesicht allerdings nicht zu erkennen. Er hatte einen langen zotteligen Bart in der rötlichen Farbe reifer Möhren. Seine Haare waren ähnlich wild und verwuschelt, doch eher blond, und das Einzige, was dieser Mähne ein wenig Ordnung verlieh, war eine futuristisch aussehende Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, die er sich nun lässig auf den Kopf schob. 

Ein echter Naturbursche dachte ich mir, denn er trug eine dieser unverwüstlichen Funktionsjacken, verblichene Jeans, rustikale Boots und einen Trekkingrucksack, den er ebenfalls lässig über der Schulter trug. Wo wollte der bloß hin? In den Himalaya? 

»Alles gut. Alles okay. Mir geht’s prima.« Ich versuchte, mich zu sammeln.

Der junge Mann hatte bereits der alten Dame hochgeholfen, die etwas benommen schien. Nun kam auch ihr Ehemann kreidebleich vor Sorge angehumpelt.

»Inge? Inge, Schatz? Was machst du denn für Sachen?«

Er nahm seine Frau besorgt in den Arm, die ihn empört ansah. 

»Ich mache überhaupt keine Sachen, Günther.« 

Das junge Reinhold-Messmer-Double zog mich auf die Füße, wobei mir auffiel, dass er einen ziemlich durchtrainierten Eindruck machte. Seine Hände waren schlank und trotzdem kräftig. Um seine Augen lagen feine Lachfältchen, die sich vertieften, als er mich angrinste. »Wow – das war auf jeden Fall stuntreif. Machen Sie so etwas öfter?«

Seine Stimme war tief und angenehm und es lag eine amüsierte Bewunderung darin. Die roten Locken seines Bartes wurden von zwei Reihen strahlend weißer, perfekter Zähne durchbrochen. Mir fielen die braunen Augen auf, die zu den Pupillen immer heller wurden und seinem Blick einen bernsteinfarbenen Glanz verliehen. Irgendwo hatte ich diese Augen schon einmal gesehen. Das war jetzt aber egal. Ich hatte etwas Wichtiges zu erledigen. Ohne mich weiter um ihn zu kümmern, strich ich meine Kleidung glatt.

»War meine Premiere, um ehrlich zu sein.« Ich wand mich an das alte Ehepaar. »Ist alles in Ordnung mit ihnen beiden?«

»Ja. Ja. Vielen Dank. Wenn Sie nicht gewesen wären ...«

Der alte Herr nahm meine Hand und schüttelte sie gerührt. Ich versuchte eilig, sie wieder zu befreien. 

»Schon gut. Wirklich. Kein Problem.« Ich deutete auf den Himalaya-Typen neben mir, der mich immer noch amüsiert beobachtete. 

»Der junge Mann hier hilft Ihnen beiden weiter. Ich muss jetzt ganz dringend los.«

Ich sah den Bärtigen mahnend an.

»Sie kümmern sich um sie, verstanden?« 

Er war etwas überrascht über meinen Kommandoton.

»Ja ... ähm ... alles klar ...« Ich sah den Schalk in seinen Augen aufblitzen. »... Supergirl.« 

Unter anderen Umständen hätte ich ihn sympathisch gefunden. Doch mir lief die Zeit davon. Schließlich war ich nur aus einem Grund hier: Ben Lucas abzufangen, bevor er in seinen Flieger steigen konnte.

Atemlos erreichte ich den Durchgang, der diskret im hinteren Bereich des Gates lag und der von Sichtschutzwänden vor allzu neugierigen Blicken abgeschirmt wurde. Bevor ich einen Blick hinter die Wände werfen konnte, wurde ich von einer Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes ziemlich rüde aufgehalten. Sie machte nicht den Eindruck, als wäre sie scharf auf eine Unterhaltung.

»Sie können hier nicht durch.«

»Ja, ja, ich weiß. Ich suche nur jemanden.«

»Dann suchen Sie mal woanders.«

Sie hörte das wohl öfter.

»Bitte. Es ist wirklich, wirklich dringend. Ich muss unbedingt zu einem guten Freund von mir und ...«

»Und«, unterbrach sie mich, »ich muss Sie jetzt wirklich, wirklich bitten zu verschwinden. Und zwar pronto!« 

Es sollte sich wohl ironisch anhören, aber diese Frau besaß einfach keinen Funken Humor.

Na, super. Da hatte ich die Chance meines Lebens verpasst und nur, weil ich ... ich sah wieder diese braunen Augen vor mir, die mich mit Bewunderung anlachten. Und in diesem Augenblick wusste ich, woher ich diese Augen kannte. 

»Scheiße, scheiße, scheiße ...«

»Jetzt aber nicht frech werden.« 

Die Sicherheitsdame war kurz vorm Explodieren.

»Tschuldigung. Sie waren nicht gemeint, ganz bestimmt nicht ...«, rief ich ihr über die Schulter zu, denn ich befand mich schon wieder auf dem Weg zurück zu meinem Himalaya-Mann. 

»Wo ist er hin? Der Mann, der uns geholfen hat?«

Atemlos kam ich zu dem älteren Ehepaar zurück, die nun auf einer der Bänke Platz genommen hatten und von besorgten Flughafenmitarbeitern betreut wurden.

»Ach, Sie ... schön, dass Sie nochmal vorbeischauen.« Der Herr zeigte auf mich und klärte die Mitarbeiter auf. »Das ist die junge Dame, die meiner Frau das Leben gerettet hat.«

Die beiden Herren zogen anerkennend die Augenbrauen hoch.

»War wirklich kein großes Ding, ehrlich.« 

Ein Lob für ganz banale Dinge, wie das Retten einer alten, hilflosen Frau war mir immer ein wenig peinlich.

Ich lächelte die beiden älteren Herrschaften an. 

»Der junge Mann – der mit dem Rucksack und dem Bart – wissen Sie zufällig, wo der hin ist?«

»Ja, natürlich, wissen wir das.« Sie strahlten erfreut. »Der ist schon weg. Der musste doch auch seinen Flieger kriegen.«

Ich schloss die Augen. 

Da war es gewesen: mein Ticket zu Geld, Ruhm und Erfolg. Und ich hatte es vermasselt. Weil ich in dem Augenblick, als es darauf ankam, das Wesentliche übersah. 

Ich hatte Ben Lucas längst gefunden.

Kapitel 7

»Jetzt ärgere dich doch nicht so. Das kann jedem passieren. Immerhin habt ihr euch fünfzehn Jahre nicht gesehen. Da verändert man sich halt.«

Mein Vater war, wie gesagt, ein unverwüstlicher Optimist, und die Schilderung meines Versagens am Flughafen änderte daran auch nichts mehr. In aller Seelenruhe schmeckte er die Bolognese für uns ab, während ich am Tisch saß und das Grünzeug für Lenas Patienten massakrierte. 

»Das war meine Chance, Papa.« Ich ließ das Messer fallen, vergrub meinen Kopf in die Hände und hätte liebend gern die Stirn auf die Tischkante geschlagen. 

»Lena hat recht – ich bin ein Vollpfosten!«

»Ben kommt bestimmt mal wieder nach Berlin.«

»Soll ich jetzt die nächsten fünfzehn Jahre darauf warten? So lange hat es nämlich gedauert, bis er seinen Fuß endlich wieder in unsere wunderschöne Hauptstadt gesetzt hat.«

»Dir ist die Arbeit beim Blitz wirklich wichtig, nicht wahr?«

»Ich habe so lange darauf gewartet. Und jetzt, wo ich kurz davor bin, jetzt geht alles schief. Was mache ich nur falsch?« 

Mir stiegen die Tränen in die Augen. Und nicht nur aus Frust, diese Chance verpasst zu haben. 

Wie viele Nächte hatte ich vor fünfzehn Jahren wachgelegen und mir ausgemalt, wie es wohl sein würde, Ben als erwachsene, wahnsinnig erfolgreiche und attraktive Frau endlich wieder gegenüberzustehen? In meiner Phantasie hatte er sich maßlos über seine damalige Abfuhr geärgert und mich auf Knien angefleht, ihm eine zweite Chance zu geben. Als ich dann tatsächlich älter wurde und der Erfolg in meinem Leben ausblieb, waren diese Wunschträume der bitteren Erkenntnis gewichen, dass das Leben einem selten eine zweite Chance einräumte. Blöderweise war dies genau heute geschehen und ich hatte ihn noch nicht einmal wiedererkannt.

Shit Happens. In meinem Fall: immer wieder. 

Papa setzte sich zu mir.

»Ach Lizzy, jetzt nimm dir das nicht so zu Herzen.«

Statt einer Antwort schniefte ich trotzig.

»Erinnerst du dich an die Geschichte, wie Mama damals ihre erste Reportage verkauft hat?« 

Er lächelte mich tröstend an. 

Natürlich erinnerte ich mich an die Geschichte, so oft, wie er sie mir hatte erzählen müssen. Als ich noch klein war, bestand ich mindestens einmal die Woche darauf, sie zu hören. Und jedes Mal, wenn Papa seine Erzählung beendet hatte, hatte ich mir geschworen, es eines Tages genau so zu machen wie sie.

»Natürlich erinnere ich mich. Und ich höre sie noch immer gern.«

Papa lächelte nun ebenfalls, doch in seine Augen trat dieser melancholische Ausdruck, der immer erschien, wenn er über meine Mutter sprach.

»Solange ich Sascha, deine Mutter, kannte, und das war eine lange Zeit ...« 

Ich musste lächeln. Sie hatten sich tatsächlich während ihrer Schulzeit ineinander verknallt und kurz danach geheiratet. 

»... so lange wollte sie nur eins: Reisen. Die Welt sehen und darüber berichten. So wie Alexandra David-Neel, immerhin hatten sie den gleichen Vornamen.« 

Das stimmte. Und in unserem Bücherregal befanden sich noch immer alte, abgegriffene Manuskripte und Bücher dieser berühmten französischen Reiseschriftstellerin, die meine Mutter vergöttert hatte.

»Du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein Gefühl war, als uns ’89 dann wirklich die Welt offenstand. Wir zögerten keine Sekunde, obwohl Lenchen damals noch nicht einmal laufen konnte.«

Mein Vater schüttelte den Kopf, so, als würde er sich heute noch fragen, woher sie den Mut und die Entschlossenheit genommen hatten, um sich Hals über Kopf in dieses Abenteuer zu stürzen.

»Das war eine irre Zeit. Die Sowjetunion hörte gerade auf zu existieren und wir fuhren mit dem Bulli quer durch sie hindurch. Ukraine, Kasachstan, die Mongolei. Und Sascha konnte so mitreißend darüber schreiben, als würde man einen Film auf einer Leinwand sehen. Verkaufen konnte sie ihre Reportagen nicht. Es gab niemanden, der sie überhaupt lesen wollte. Uns fehlten die Kontakte zu den Zeitschriften. Doch Sascha gab nie auf. Sie schrieb einfach weiter. Jeden Abend, auf einer alten, klapprigen Reiseschreibmaschine, während ich euch im Wohnmobil zu Bett brachte.« 

Jetzt kam die entscheidende Stelle. Der Wendepunkt der Geschichte, der alles Weitere gut werden ließ.

»Wir waren entlang der alten Seidenstraße unterwegs, ganz im Norden der Wüste Gobi – und glaub mir, das ist wirklich ein gottverlassener Ort – da standen sie am Straßenrand.«

Mit »sie« meinte mein Vater ein gestrandetes Reporterteam der bekanntesten Wochenzeitschrift, die die alte Bundesrepublik damals zu bieten hatte. Die beiden Männer, nebst mongolischem Führer, hatten sich mit ihrem alten russischen Kleinbus einen Platten gefahren und erstaunt festgestellt, dass ein Reserverad wohl nicht in den Mietumfang ihres Wagens gehörte. Da mein Vater nicht nur gelernter Koch, sondern auch ein begnadeter Autoschrauber war, hatte er im Handumdrehen den Reifen geflickt. Derweil kam meine Mutter am Ende der Welt mit ihren Landsleuten ins Plaudern und stellte zu ihrer großen Überraschung fest, dass sie jenen Herrn vor sich hatte, der bereits ein halbes Dutzend ihrer Reportagen ungelesen abgelehnt hatte. 

Da man sowieso nichts anderes tun konnte, als im Schatten zu sitzen und geduldig darauf zu warten, dass mein Vater sein Wunderwerk an dem geschundenen Reifen vollbrachte, konnte man nun auch Mamas Werke lesen. Noch vor Ort kaufte der Mann, der immerhin Chefredakteur der Zeitschrift war, gleich drei der Reportagen und alle weiteren, die noch folgen sollte. Es war das Jahr 1991 und meine Mutter war auf dem besten Weg in die Fußstapfen ihrer Namensvetterin Alexandra David-Neel zu treten und sich ihre Träume zu erfüllen. Drei Jahre später beschrieb genau dieser Chefredakteur das denkwürdige Ereignis in der Wüste Gobi in einem Nachruf seiner Zeitschrift und bedauerte den viel zu frühen Tod einer wunderbaren Reisejournalistin und großartigen Erzählerin. Meine Mutter war an einem wunderschönen Sommertag vor der Küste einer kleinen griechischen Insel ertrunken, als sie beim Baden in einen Sog geriet, der sie in die Tiefe riss. Ich hatte es vom Strand aus beobachten müssen und mein Vater und Lena hatten mich kurze Zeit später völlig hysterisch dort gefunden. So erzählten sie es mir jedenfalls, denn erinnern konnte ich mich an nichts mehr. 

Papa hatte die Geschichte beendet und wir schwiegen für einen Moment. Die Bewunderung und der Stolz in seiner Stimme, wenn er über die Hartnäckigkeit meiner Mutter sprach, rührte mich jedes Mal aufs Neue. 

Jetzt sah er mich mit dem gleichen Stolz an und drückte meine Hand.

»Du bist ihr so ähnlich, Liz. Wirklich. So unglaublich ähnlich.« Er blinzelte die Tränen aus seinen Augen und versuchte ein zuversichtliches Lächeln.

»Wenn du dir etwas vorgenommen hast, dann gibst du nicht auf. Das hat sie auch nie getan. Und wenn du etwas erreichen willst, dann schaffst du es. Mama wäre so stolz auf dich. Und auf Lena. Ihr beide, ihr seid das Beste, was uns je passiert ist. Und uns ist eine Menge passiert.«

Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und nahm ihn in den Arm. »Das weiß ich doch. Und ich bin wirklich froh, dass du mein Papa bist. Auch wenn du ständig nach frittierten Pommes riechst.« 

Wir mussten beide lachen und die melancholische Stimmung, die uns in ein tiefes, schwarzes Loch zu ziehen drohte, löste sich langsam auf und wich einem pragmatischen Optimismus. 

Ich stand auf, um endlich den Tisch zu decken und das Grünzeug an unsere Pensionsgäste zu verfüttern.

»Wie sagst du doch immer: Es gibt immer einen anderen Weg. Man muss ihn nur finden. Und genau das werde ich morgen tun.«

Papa zögerte noch einen Moment. »Ich habe auch nochmal über alles nachgedacht.«

Ich setzte mich wieder zu ihm und sah ihn neugierig an.

»Du hast mir doch mal von dieser Ausbildung an der Journalisten-Akademie erzählt. In Hamburg.«

Das stimmte, war allerdings mehr als sechs Jahre her, bevor ich meine Praktikantenstelle beim Blitz angefangen hatte. Die Aufnahmeprüfung der Schule hatte ich tatsächlich auch ohne Abitur bestanden, doch die monatlichen Studiengebühren kosteten ein Vermögen, das wir einfach nicht besaßen.

»Was hältst du davon, dich da nochmal zu bewerben? Dann kannst du danach bei jeder Zeitung arbeiten, bei der du willst.« 

Er strahlte mich an. Ich war zu verblüfft, um das Angebot kategorisch abzulehnen. 

»Das ist viel zu teuer. Wie soll ich das bezahlen?«

Mein Vater stand auf und nahm einen Umschlag aus seiner Jackentasche. 

»Hier. Das ist die Police für meine alte Lebensversicherung. Wenn ich die jetzt kündige, krieg ich fast fünfzehntausend Euro raus. Bei der mickrigen Rendite heutzutage lohnt sich das Ansparen doch gar nicht mehr. Und wenn tatsächlich mal was passieren sollte, dann habe ich immer noch das Haus.«

Ich schüttelte vehement den Kopf und fand meine Fassung wieder. 

»Niemals, Papa. Das ist dein Geld. Dafür hast du die letzten zwanzig Jahre hart gearbeitet.«

»Es ist doch für eine gute Sache. Auf jeden Fall ist es eine bessere Investition in unsere Zukunft, als das Geld irgendwelchen Versicherungen in den Rachen zu werfen, die uns doch sowieso nur über den Tisch ziehen. Das hast du selbst gesagt.«

Das hatte ich tatsächlich vor kurzem noch behauptet, doch ich ließ mich nicht beirren. 

»Sicher ist so eine Lebensversicherung nicht die beste Geldanlage. Aber ob meine zukünftige Journalistenkarriere da vielversprechender ist?« 

Ich stand auf und schnappte mir das Grünzeug.

»Danke, ich weiß das sehr zu schätzen. Doch das werde ich nicht annehmen.«

Er seufzte und steckte die Police wieder weg.

»Überleg es dir in Ruhe. Es wäre eine Chance. Und mich würde es sehr glücklich machen.«

Ich warf ihm einen Schulterblick zu. 

»Das weiß ich. Aber da muss ich nicht weiter drüber nachdenken.«

Stunden später lag ich in meinem Zimmer und im Fernsehen lief wieder eine dieser öden Castingsendungen. Ich guckte kaum hin und hing stattdessen meinen Gedanken nach. Schlafen konnte ich nicht. Zu sehr beschäftigten mich die Ereignisse des Tages. 

Heute Morgen noch hätte ich niemals damit gerechnet, dass Ben Lucas so plötzlich und unerwartet wieder in meinem Leben auftauchen würde. Vor fünfzehn Jahren, als er so unwiederbringlich daraus verschwunden war, verging kaum eine Minute, in der ich nicht an ihn denken musste. Es hatte Jahre gedauert, bis sich dieser Zustand einigermaßen normalisierte und ich nicht an jeder Ecke der Stadt daran erinnert wurde, was wir zwei dort gemeinsam alles erlebt hatten. Irgendwann verblassten diese Erinnerungen. Zum Glück. Doch jedes Mal, wenn ich in den Pressemitteilungen etwas über ihn gelesen hatte oder ein Foto von ihm im Internet sah, übermannte mich wieder dieses alte Gefühl enttäuschter Liebe und es dauerte immer ein paar Tage, ihn erfolgreich aus meinem Kopf und meinem Herzen zu verbannen.

Im letzten Jahr hatte ich überhaupt nicht mehr an ihn gedacht. Was vermutlich daran lag, dass Yvonne mich mit ihrer Sklaventreibermentalität so dermaßen in Anspruch nahm, dass für alles andere sowieso keine Energie mehr übrigblieb.

Ich sah wieder dieses mir fremd gewordene Gesicht vor mir, mit dem wilden, roten Bart und den strubbeligen Haaren. Er musste sich im letzten Jahr wirklich sehr verändert haben. Denn auf den Bildern, die ich aus dem Internet von ihm kannte, hatte man den schlaksigen Jungen, der in schlabberigen T-Shirts und zerschlissener Jeans am liebsten vor dem Computer abhing, noch gut erkennen können. 

Nur die Augen, diese außergewöhnlichen, braunen Augen, die einen an Bernstein erinnerten, hatten sich kein bisschen verändert. Warum nur hatte ich sie nicht sofort erkannt? 

Ich schloss die Augen und in meinem Bauch machte sich wieder dieses angenehm-unangenehme Gefühl breit, das man hat, wenn einem die Schmetterlinge den letzten Nerv rauben. Vor einer Ewigkeit hatte ich an einem trüben Novemberabend auf dem Mont Klamott gesessen, eine Flasche billigen Rotwein und eine Tüte Chips neben mir, und in diese Augen geblickt. Etwas in mir hatte damals klick gemacht und nichts mehr war so wie zuvor. In diesem Moment hatte ich mich in meinen besten Freund verliebt. Dumm nur, dass er es nicht getan hatte. 

Es verging fast ein Jahr, bis ich damals den Mut aufbrachte, ihm zu zeigen, was ich für ihn empfand. Ben machte gerade eine wirklich miese Zeit durch, was hauptsächlich an seinem Vater lag, der (im Gegensatz zu meinem Vorzeige-Papa) ein Riesenarschloch war. Er wollte unbedingt, dass sein Sohn nach der Schule gefälligst irgendetwas mit Wirtschaft studierte. Was vermutlich daran lag, dass er selbst es nur zum stellvertretenden Leiter einer Lichtenberger Sparkassenfiliale geschafft hatte und nicht groß an der Wall Street herausgekommen war. Sein Sprössling sollte diesen Makel gefälligst beseitigen. Bens Leidenschaft für alles, was mit Computern zusammenhing, verabscheute er abgrundtief und er machte seinem Sohn das Leben so schwer, wie er nur konnte. Ben hatte verzweifelt versucht, sich aus dieser Bevormundung zu befreien, doch er kam einfach nicht gegen ihn an. Als wir an einem weiteren trüben Herbstabend auf dem Mont Schamott saßen und er seiner Wut und seiner Hilflosigkeit freien Lauf ließ, konnte ich es kaum ertragen, ihn so verzweifelt zu sehen. Einem dummen Impuls folgend hatte ich mich zu ihm gebeugt und ihn geküsst. Sekunden später war er erschrocken zurückgewichen und hatte mich nur fassungslos angestarrt. 

Es war der schlimmste, der peinlichste, der schmerzvollste Moment meines Lebens. 

Von diesem Tag an gingen wir uns aus dem Weg. 

Wir machten niemals mehr gemeinsam Hausaufgaben oder fuhren stundenlang mit der S-Bahn ziellos durch Berlin; wir kauften nie mehr in den finsteren Ecken der Stadtparks heimlich Gras und malten uns leicht bekifft eine grandiose Zukunft aus. Ein halbes Jahr später musste Ben die Schule verlassen, weil eine nicht unerhebliche Menge Marihuana in seinem Rucksack gefunden worden war und er wegen Drogenbesitzes von der Schule flog. Sein Vater machte einen Riesenaufstand und kurz darauf trennten sich seine Eltern. Ben zog mit seiner Mutter weg und wir sahen uns nie mehr wieder. 

Bis heute Nachmittag in der überfüllten Abfertigungshalle des Flughafens.

Was wohl dazu geführt hatte, dass aus dem glatt rasierten, intellektuellen Computer-Genie, das im Silicon Valley eine märchenhafte Karriere hingelegt hatte, dieser bärtige Mount Everest Bezwinger geworden war?

Wie gern hätte ich eine Antwort auf diese Frage von ihm hören wollen. Und zwar nicht nur aus rein beruflichem Interesse, wie ich mir eingestehen musste. Denn, wenn ich ehrlich war, dann hatte ein Blick in diese bernsteinfarbenen Augen das altbekannte Kribbeln in meinem Bauch ausgelöst. Ein Kribbeln, das ich seit fünfzehn Jahren bei keinem Mann mehr gespürt hatte.

»Ist ja richtig blöd gelaufen.« 

Daggi stand an unserem Imbiss und schaufelte wie immer die Currywurst in sich hinein.

Ich nickte verdrossen. »Kann man so sagen.« 

Seit acht Uhr früh stand ich im Foodtruck und briet Würste, Buletten und Schaschlik. Es konnte meine deprimierte Stimmung nicht wirklich heben.

 »Tut mir leid, dass ich dich und Bruno da gestern mit reingezogen habe.«

»Schon okay. Vielleicht haste ja beim nächsten Mal mehr Glück.«

Ich ertränkte eine kleingeschnittene Bulette in Currysoße.

»Der sah nicht so aus, als würde er bald wieder in Berlin aufschlagen.«

»Klar. Der wird ’ne Weile unterwegs sein. So ’ne Tour dauert.«

Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, was Daggi da genau gesagt hatte. Ich starrte ihn an. Die Bulette in meiner Hand wurde derweil kalt.

»Jetzt sag nicht, du weißt, wo er hinwollte?«

»Klar weiß ich, wo der hinwill. Bruno hat’s mir erzählt. Und der hat’s von Ben. So ’ne Fahrt zum Flughafen ist echt öde, da kommt man ins Quatschen.«

»Sag bitte nicht, er ist auf dem Weg in den Himalaya, um den Mount Everest zu besteigen?«

Ich schickte ein Stoßgebet in den Himmel.

»Na ja, was ähnlich Beklopptes, würd’ ich sagen.«

Zwei Stunden später stand ich in meinem kleinen Zimmer mit der Dachschräge und stopfte ein zweites Paar Unterhosen, Socken, T-Shirts und eine Jeans in einen Trekking-Rucksack, den Lena mir in aller Eile vorbeigebracht hatte. Es war eines dieser ultramodernen, superleichten Dinger, die ein Vermögen kosteten und in die man so gut, wie nichts reinbekam, wie ich gerade feststellen musste. Lena beobachtete mich kopfschüttelnd.

»Du willst allen Ernstes den Abendflieger nach Bordeaux nehmen und dann ... was genau machen?«

»Von da aus ist es nur einen Katzensprung in dieses kleine Kaff. Saint ... Jean, Saint Jon ... keine Ahnung. Ich kann mir diesen Namen nicht merken. Liegt in den Pyrenäen. Auf der französischen Seite.«

»Saint Jean Pied de Port.« Lena verdrehte die Augen. 

Ich warf ihr einen bösen Blick zu. 

»Klugscheißer.«

»Im Gegensatz zu dir war ich schon mal dort.«

»Ja, du warst ja auch schon überall.«

Ich wollte mir von Lena auf keinen Fall meinen Plan ausreden lassen. Ich wusste, dass er ziemlich irre war. Da brauchte ich nicht noch eine kleine Schwester, die der gleichen Meinung war.

»Jetzt mal ganz im Ernst, Lizzy. Ich bin zwar niemals den Jakobsweg gegangen, ich hab damals mit Merry nur ein paar Bergtouren gemacht. Aber ich weiß, dass das alles andere als ein Spaziergang ist.«

Ich schmiss ihr den Reiseführer aufs Bett, den ich auf dem Heimweg schnell in einer S-Bahn-Buchhandlung gekauft hatte.

»Da steht alles drin, was ich wissen muss.«

Sie setzte sich aufs Bett und blätterte durch die Seiten.

»Das sind fast achthundert Kilometer. Zu Fuß.«

»Man kann auch mit dem Bus fahren. Ist ja nicht so, als würde ich Erleuchtung suchen.« 

Unverdrossen packte ich weiter meinen Rucksack.

»Nee, du willst nur ’nen Typen finden, mit dem du seit Ewigkeiten nicht gesprochen hast. Mal abgesehen davon: Da sind Hunderte unterwegs. Ach, was sag ich – Tausende. Und ausgerechnet da willst du ihn finden?«

Da war was dran.

»Hey, mir wäre es auch lieber, wir könnten uns in einer netten Bar in Kreuzberg treffen und über das Leben plaudern.« Ich sah entschlossen auf. »Aber so sind die Dinge nun mal nicht. Es ist die beste Chance, die ich habe. Was hab ich schon groß zu verlieren?«

Sie sah mich nachdenklich an. Auf ihrer Stirn bildete sich wieder diese Falte und ich beschloss, alle weiteren Einwände meiner Schwester einfach zu ignorieren.

»Vielleicht hast du recht«, sagte sie schließlich.

Mir blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen.

Lena hielt mir den Reiseführer hin.

»Vielleicht ist es ja genau das, was du brauchst.«

»Echt jetzt? Du hältst mich nicht für total bescheuert?«

Sie verdrehte die Augen.

»Natürlich ist das bescheuert. Aber schaden kann es auch nicht. Dann kommst du wenigstens mal raus.«

Ich steckte den Reiseführer ganz oben in den Rucksack und klappte den Verschluss zu.

»Danke, ich fühl mich schon viel besser.«

Wir sahen uns an und mussten dann breit grinsen. Lena griff schließlich in ihre Jackentasche und kramte ein Bündel Geldscheine hervor.

»Hier. Etwas Bargeld für die Reise.«

Ich stöhnte auf. Auch wenn meine allerletzten Ersparnisse vor knapp einer Stunde für den sündhaft teuren Flug nach Bordeaux draufgegangen waren.

»Lena, das musst du nicht ...«

»Ich weiß, dass ich es nicht muss. Aber ich mache es trotzdem. Und zwar gern. Jetzt nimm endlich das blöde Geld.«

Ich steckte es ein. Es mussten mindestens tausend Euro in kleinen Scheinen sein. Damit würde ich problemlos über die Runden kommen.

»Ich geb’s dir zurück, wenn alles vorbei ist.«

»Sicher. Und ruf an, wenn du noch etwas brauchst.«

Sie zögerte kurz.

»Ruf auf jeden Fall an. Auch wenn du nichts brauchst. Es wäre schön zu wissen, dass es dir gutgeht. Okay, Liz?«

Ich nickte. »Okay.«

Einen Moment standen wir uns stumm gegenüber. Dann nahm sie mich in den Arm. 

»Viel Glück.« 

Sie drückte mich so heftig, wie sie es seit unserer Kindheit nicht mehr getan hatte. 

»Buen Camino«, flüsterte sie mir ins Ohr. 

Ich sah sie fragend an und sie verdrehte erneut die Augen.

»Mann, das sagt man so unter Pilgern.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, steckte Papa den Kopf zur Tür herein.

»Seid ihr endlich so weit. Wir müssen los. Sonst verpasst sie noch den Flieger.«

Mein Vater raste wie ein Irrer durch den dichten Feierabendverkehr und ich dankte (welchen Göttern auch immer) dafür, dass er in jungen Jahren mit einem klapprigen Bus um die halbe Welt gefahren war. Das schenkte einem Selbstvertrauen, was man angesichts der Blechlawinen vor uns gut gebrauchen konnte. Von gesperrten Seitenstreifen, fast roten Ampeln oder Tempolimits ließ er sich jedenfalls nicht aufhalten. Trotzdem schafften wir es nur knapp nach Schönefeld. Im Gegensatz zu Ben Lucas konnte ich mir nur einen Billigflieger leisten und selbst das Super-Günstig-Schnäppchen-Ticket hatte in meinen Augen ein Vermögen gekostet. 

Kurz bevor der Check-In-Schalter geschlossen wurde, hievte ich meinen Rucksack atemlos auf den Tresen und hielt der leicht genervt blickenden Servicedame mein Ticket entgegen. Den Rucksack nahm ich kurzerhand mit ins Handgepäck (sehr zur Freude der Dame) und bekam zwei Sekunden später meinen Boardingpass. Vor der Sicherheitskontrolle verabschiedete ich mich von meinem Vater.

»Ich melde mich, sobald ich in St. Jean angekommen bin. Und danke für alles, Papa. Ich hatte keine Ahnung, dass an dir ein Rennfahrer verloren gegangen ist.«

Ich drückte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. 

»Ist lange her, dass ich so fahren durfte. Hat Spaß gemacht.«

»Zurück fährst du langsam!«

»Wird gemacht.« Er zwinkerte mir zu. 

Ich ging die wenigen Schritte auf die Sicherheitsschleuse zu. Auf einmal kamen mir Zweifel. Was um alles in der Welt machte ich hier bloß? 

»Sie müssen den Rucksack schon aufs Band legen, junge Frau.«

Geistesabwesend schaute ich den Security-Mann an, der am Abfertigungsband stand. Ich ließ ihn stehen und lief zurück zu meinem Vater.

»Das ist total verrückt, was ich hier vorhabe, oder?«

Mein Vater lächelte und nickte.

»Allerdings.«

»Wie soll ich Ben finden? Und wer weiß, ob er überhaupt mit mir spricht. Vermutlich wird er mich einfach nur zum Teufel jagen. Falls ich ihn überhaupt jemals finde. 800 Kilometer durch Spanien, das ist doch total irre.«

Die Worte sprudelten wie ein Wasserfall aus meinem Mund. Am liebsten wäre ich in diesem Moment zurück zum Auto gelaufen. Mein Vater packte mich beruhigend an den Schultern und zwang mich ihn anzusehen.

»Manchmal ist es gut, verrückte Dinge zu tun, Lizzy.« 

 In seinen Augen sah ich nur grenzenloses Vertrauen und Ermunterung. 

»Denn dann kann man herausfinden, was die richtigen Dinge für einen sind.«

Ich nickte stumm und war mir alles andere als sicher, ob ich verstand, was er mir damit sagen wollte.

»Okay ...« Ich atmete tief durch.

»Geh einfach los, Liz. Immer einen Schritt nach dem anderen.« 

Er küsste mich zum Abschied auf die Stirn, als wäre ich immer noch seine kleine, verängstigte, achtjährige Tochter. Und genau so fühlte ich mich in diesem Moment auch. 

»Gut.« Ich atmete erneut tief durch. »Immer einen Schritt nach dem anderen.«

Er drehte mich um in Richtung Sicherheitsschleuse und gab mir einen leichten Schubs. Langsam setzte ich mich in Bewegung.

Kapitel 8

»Sie haben noch keinen Pilgerpass?«

Der ältere Herr, dem ich an dem altersschwachen Schreibtisch in dem winzig kleinen Pilgerbüro gegenübersaß, blickte mich missbilligend an. 

»Eine von diesen Kurzentschlossenen, was?« 

Seine buschigen Augenbrauen wanderten in Richtung seines schlohweißen Haarkranzes und er erwartete eine sofortige Erklärung für solch mangelhafte Vorbereitung. Ich räusperte mich hörbar, um ein paar Sekunden zu gewinnen, damit ich mir auch eine wirklich gute Geschichte für den gestrengen Herrn überlegen konnte.

Der kleine Raum war überfüllt mit Menschen, die in ihrer farbenfrohen Sportkleidung, den Hüten und den Wanderstöcken wesentlich besser vorbereitet schienen, als ich. Zwei Dutzend Augenpaare richteten sich auf mich und gaben mir das Gefühl, der Papst, Buddha oder gleich alle spirituellen Führer der Welt müssten jeden Moment auf der Türschwelle erscheinen, um mich unverzüglich einer Glaubensprüfung zu unterziehen. Ich versuchte es mit einem unschuldigen Lächeln.

»Ich wollte das schon immer machen. Den Jakobsweg gehen. Und jetzt hat sich das so ergeben. Ganz spontan. Sozusagen.«

Zumindest das spontan war nicht gelogen. 

Früh am Morgen war ich von Bordeaux aus (wo ich die Nacht in einer zugigen Bahnhofshalle bei trockenem Käsebaguette und Wasser verbracht hatte) an dem kleinen, pittoresken Bahnhof von Saint Jean Pied de Port angekommen. Etwas orientierungslos. Und so hatte ich mich einfach mit dem Strom der Rucksackträger, die aus dem Zug stiegen, treiben lassen. Die machten den Eindruck, als wüssten sie genau, was zu tun sei. So war ich in diesem kleinen Pilgerbüro gelandet und hoffte nach einer langen Stunde Wartezeit endlich meinen Pilgerpass zu erhalten, den man brauchte, um in den Herbergen am Wegesrand zu übernachten. Was sich schwieriger gestaltete, als ich geahnt hatte. 

Der ältere Herr blickte auf meine Turnschuhe. Es war das einzige Paar, das ich hatte und von dem ich annahm, sie würden eine Wanderung von mehr als einem Kilometer überleben.

»Weit kommen Sie damit aber nicht. Haben Sie keine vernünftigen Wanderschuhe?«

»Vergessen.«

Die Augenbrauen rutschen noch ein paar Zentimeter nach oben. Er beugte sich vor und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die hölzerne Tür, die weit offen stand, um etwas Sauerstoff in den kleinen Raum zu lassen. 

»Wenn sie links runter die Gasse gehen und dann zweimal rechts, dann kommen sie an einem Laden für Pilgerbedarf vorbei. Da finden Sie alles, was Sie brauchen. Und besorgen Sie sich einen Wanderstab. Das Wetter ist miserabel und die Wege aufgeweicht und rutschig.«

Ich nickte freundlich. »Danke für den Tipp.«

Ich musste meinen Namen nennen, das Geburtsdatum, den Ausgangspunkt meiner Reise und einen Grund, warum ich die achthundert Kilometer quer durch Spanien nach Santiago de Compostela pilgern wollte. 

Wenn ich es mir recht überlegte, gab es dafür keinen Grund. Jedenfalls keinen Vernünftigen. Ich würde den Teufel tun und den weiten Weg zu Fuß laufen. 

Auf der dreistündigen Zugfahrt hatte ich die Gelegenheit genutzt meinen Reiseführer etwas genauer zu studieren und so wusste ich, dass man die einzelnen Etappen prima mit dem Bus abklappern konnte. Buspilger nannte man diese Leute etwas verächtlich. Wenn ich in die entschlossenen Gesichter der Wartenden sah, schien es mir allerdings ratsamer, meine Pläne für mich zu behalten. 

»Religiöse Gründe«, gab ich daher an und mir entging nicht der spöttisch hochgezogene Mundwinkel meines Gegenübers, während er alles in meinen Pass eintrug. In diesem stickigen Raum, der mit seinen antiken Möbeln und altmodischen Heile-Welt-Postern aussah, als wäre er aus der Zeit gefallen, glaubte mir vermutlich ohnehin niemand ein Wort. Endlich reichte mir der strenge Herr (ein Namensschild an der Brust wies ihn als Bruder Herbert aus) meinen Pilgerpass.

»Vielen Dank, Bruder ... ähm ... Bruder Herbert.«

Er nickte feierlich. »Buen Camino.«

Auf meinem Smartphone rief ich ein Bild von Ben auf, das ich unterwegs aus dem Internet hochgeladen hatte. Es zeigte ihn zwar glattrasiert und mit einer Brille auf der Nase, die ihm ein leicht arrogantes Aussehen verlieh, aber einen Versuch war es wert.

»Eine Frage hätte ich noch. Mein ... Bruder ... Halbbruder ... ist gestern schon angekommen. Vielleicht kennen Sie ihn?«

Ich zeigte ihm das Foto. 

»Wir wollten uns hier treffen, aber meine Anreise hat sich verzögert.« 

Ich log erneut, dass sich die Balken bogen, und hoffte inständig, dass sich dies nicht zu negativ auf mein Karma auswirken würde. 

»Jetzt hat er das Handy ausgeschaltet und ich erreiche ihn nicht.«

Bruder Herbert sah mich skeptisch an. Dann riskierte er einen Blick auf das Foto.

»Das ist ein etwas älteres Bild. Er trägt jetzt Bart und lange Haare. Sein Name ist Ben. Ben Lukasewizc.«

Das war tatsächlich Bens richtiger Name. Lucas hatte er sich erst genannt, als er in Kalifornien anfing Karriere zu machen und niemand dort seinen polnisch-stämmigen Namen richtig aussprechen konnte. Ich vermutete stark, dass er hier unter seinem alten Namen unterwegs war, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. 

Bruder Herbert nickte bedächtig.

»Ja ... ja, das könnte er gewesen sein.« Er blickte mich an wie damals mein Bio-Lehrer, wenn ich mal wieder eine Klausur verhauen hatte. 

»Ein ernster, junger Mann, der sehr gut vorbereitet schien.«

Ich schenkte ihm erneut ein entschuldigendes Lächeln. 

»Sehen Sie, genau aus diesem Grund wäre es wirklich toll, wenn ich ihn ganz schnell finde. Wissen Sie – er war schon immer der Gewissenhaftere von uns beiden.«

Bruder Herbert nickte erneut.

»Da müssen Sie sich aber beeilen. Er ist gestern schon los. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann wollte er gleich die ganze Tour bis runter zum Kloster nach Roncesvalles machen.«

»Verstehe.« Ich dachte kurz nach. »Vielleicht wäre es dann besser, gleich nach Roncesvalles zu fahren?«

Erneut traf mich ein empörter Blick. 

»Fahren

»Nur, um ihn einzuholen. Natürlich.« Ich hoffte, ich klang genauso unschuldig, wie geplant.

Bruder Herbert schüttelte den Kopf. »Das können Sie vergessen. Solange das Wetter so schlecht ist, fahren keine Busse.«

Na, Prima. Warum fährt man denn auch sonst mit dem Bus? Weil die Sonne scheint? Und es zu viel Spaß macht, zu Fuß zu laufen?

»Auf der anderen Seite – oben am Pass hat es gestern geschneit. Vielleicht steckt ihr Bruder mit den anderen in der Herberge von Huntto fest. Das liegt auf halber Strecke.«

»Das wäre großartig.« Ich strahlte bis über beide Ohren, merkte dann allerdings, dass dies auf keine große Begeisterung stieß.

»Ich meine, eigentlich ist es blöd, aber so kann ich ihn noch einholen. Zu Fuß. Versteht sich.«

Bruder Herbert deutete wieder auf meine Turnschuhe. 

»Aber nicht in den Dingern.«

»Ich weiß ja jetzt, wo ich ein Paar richtig gute Wanderstiefel bekomme. Dank Ihnen.«

Schnell raffte ich meine Sachen zusammen und schulterte den Rucksack. Bevor ich rausging, schickte ich ein Buen Camino in die Runde.

Die Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Ich atmete einmal kräftig durch, als ich hinaus auf die schmale Gasse trat, die vom Pilgerbüro hinunter ins Zentrum des kleinen Städtchens führte. Die Luft war kalt und feucht und schon nach wenigen Augenblicken begann ich zu frösteln. Dabei war es schon Anfang Mai und daheim in Berlin war längst der Frühling ausgebrochen. Den hatte ich mir hier im Süden Frankreichs auch etwas wärmer vorgestellt. Aber nun gut. Wir waren schließlich in den Bergen. Von denen man allerdings herzlich wenig sah. Das kleine Örtchen zog es vor, sich im Nebel zu verstecken. 

Ich blickte mich um. Obwohl das Wetter mehr als ungemütlich war, herrschte in der schmalen Gasse vor mir ein reger Betrieb. Zahllose Pilger, die leicht an ihrer Outdoor-Kleidung und einer nicht wirklich erklärbaren guten Laune zu erkennen waren, zogen in kleinen Gruppen durch die Altstadt. Einige trugen Kopfbedeckungen, die entfernt an Safari-Hüte erinnerten und auf denen das Erkennungszeichen des Camino gedruckt war – eine stilisierte Muschel in leuchtend gelber Farbe. 

Diese Muscheln schienen allgegenwärtig zu sein. Sie prangten auf T-Shirts, Tüchern, Regenschirmen, auf den alten, steinernen Hausfassaden, auf den Speisekarten der Restaurants und an den Souvenirläden, die es zuhauf gab. 

Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke (leuchtend rot; Outdoor; ich hatte sie mir von Lena geborgt) bis zum Kinn hoch und beschloss, mich sofort auf den Weg zu machen. Je schneller ich Ben fand und mit ihm sprechen konnte, umso schneller war ich wieder daheim in Berlin.

Der Weg über das uralte Kopfsteinpflaster war tatsächlich rutschig und mir dämmerte nach ein paar Schritten, dass Bruder Herbert recht haben könnte. Es war vielleicht keine so gute Idee, mit meinen Turnschuhen die Berge hochzustolpern. Mir fiel das dicke Geldbündel ein, das mir Lena mit auf den Weg gegeben hatte. Spontan beschloss ich, einen Teil davon in ein paar richtig gute Wanderschuhe zu investieren, auch wenn ich keine Ahnung davon hatte, was richtig gute Wanderschuhe auszeichnet. Ich musste nur noch in diesem Menschen- und Straßengewirr den Laden finden, den der er mir beschrieben hatte.

Es war schwer zu sagen, ob es tatsächlich regnete oder der Nebel nur außergewöhnlich dicht war. Jedenfalls umhüllte er das kleine Städtchen derartig, dass man die umliegenden Berge nicht einmal erahnen konnte. Ein paar deutsche Wortfetzen drangen an mein Ohr und ich konnte hören, wie sie sich enttäuscht über das miserable Wetter austauschten. Schließlich sollte die Schönheit der Bergwelt, die der Pilgerführer anpries, für die Strapazen der Wanderung entschädigen. Im Gegensatz zu meinen Mitreisenden entlockte mir dies kein Gefühl der Enttäuschung. Ich war nicht zum Vergnügen hier. Ich hatte einen Job zu erledigen.

Vor dem Laden für Pilgerbedarf blieb ich stehen und riskierte einen Blick durch das Schaufenster ins Innere. Mein Gott, was man als Pilger so alles gebrauchen konnte. Die Auswahl war riesig. Und bemerkenswert vielfältig. Da gab es altmodische Wasserflaschen, die ich in dieser Art zuletzt am Sattel eines Pferdes hatte hängen sehen – in einem Uralt-Western mit John Wayne. Direkt daneben standen federleichte Trekking-Thermoskannen in den schrillsten Farben. Basecaps und andere Kopfbedeckungen, die mit ihrer hochgeschlagenen Hutkrempe aussahen wie schwangere Austern, befanden sich ebenfalls im Sortiment. Dazu Regencapes in Neongrün und leuchtendem Orange. Es gab auch dunkelbraune Kutten aus grober Wolle, die wohl ein authentisches Pilgergefühl vermitteln sollten. Als ich die einfachen Sandalen aus Leder sah, die dazu passten, schüttelte ich beeindruckt den Kopf. Und da beschwerte Bruder Herbert sich über meine Turnschuhe.

»Is immer dat Gleiche, wa?! Da plant man wochenlang und vergisst dann doch die Hälfte.«

Ich blickte überrascht zur Seite und erkannte eine etwas ältere, leicht übergewichtige Dame wieder, die ebenfalls mit mir im Pilgerbüro auf ihren Pass gewartet hatte. Sie streckte mir freudig ihre Hand entgegen.

»Ich bin die Brigitte.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873556
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418573
Schlagworte
Jakobsweg Jugendliebe Liebesgeschichte Liebe des Lebens Camino humorvolle Romane humor bücher

Autor

  • Elli C. Carlson (Autor)

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Titel: Erleuchtung inklusive (Liebe, Humor, Chick-Lit)