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Auf der Zielgeraden ins Glück (Chick Lit, Liebe, Sports Romance)

von Bettina Kiraly (Autor:in)
2018 0 Seiten
Reihe: Die Racing Love Reihe, Band 3

Zusammenfassung

Heiße Lovestory mit großen Gefühlen

Marc, der schwarzhaarige Formel 1-Fahrer bei Amber Heart Racing, liebt das Risiko. Auch abseits der Rennstrecke sucht er ständig nach dem nächsten Kick und stürzt sich in immer neue Affären. Doch um die selbstbewusste Elaisa, die es liebt, Menschen vor den Kopf zu stoßen, macht er lieber einen großen Bogen. Doch das ist gar nicht so einfach, schließlich ist das wilde Partygirl die Tochter seines Chefs.

Als sich ausgerechnet zwischen Marc und Elaisa eine Liaison entspinnt und die beiden prompt im Bett landen, sind die Probleme vorprogrammmiert: Welches dunkle Geheimnis lässt Marc immer wieder das Risiko suchen? Und verbirgt sich hinter Elaisas glitzernder Partygirl-Fassade etwas anderes?

Um die Liebe siegen zu lassen, müssen die beiden sich ihre wahren Gefühle eingestehen …

Jeder Band der Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Erste Leserstimmen
„eine unterhaltsame Liebesgeschichte mit heißen Szenen“
„mitreißende Fortsetzung aus der Racing-Love-Reihe“
„eine spannende Achterbahn der Gefühle“
„ich habe bis zum Ende mit Marc und Elaisa mitgefiebert“
„Prickelnde Leidenschaft und rasante Action – eine gelungene Mischung!“

Über die Autorin
Die Liebe zum Wort hat bei Bettina Kiraly wie bei vielen mit der Begeisterung für das Lesen begonnen. Doch irgendwann erwachten die Geschichten in ihrem Kopf zu eigenen Leben und wollten anders enden, als in den Romanen vorgesehen. Es hat dennoch lange gedauert, bis sie sich an ihren ersten Roman getraut hat. Zehn Jahre lang arbeitete sie an ihrem ersten historischen Liebesroman. Doch sobald sie das Wort "Ende" das erste Mal unter ein Manuskript geschrieben hatte, war sie infiziert. Ende 2007 hat sich Bettina Kiraly dazu entschieden, ihre erste Geschichte im Selfpublishing zu veröffentlichen. Mittlerweile arbeitet sie hauptberuflich als Autorin.

Leseprobe

Über dieses E-Book

Marc, der schwarzhaarige Formel 1-Fahrer bei Amber Heart Racing, liebt das Risiko. Auch abseits der Rennbahn sucht er ständig nach dem nächsten Kick und stürzt sich in immer neue Affären. Doch um die selbstbewusste Elaisa, die es liebt, Menschen vor den Kopf zu stoßen, macht er lieber einen großen Bogen. Doch das ist gar nicht so einfach, schließlich ist das wilde Partygirl die Tochter seines Chefs.
Als sich ausgerechnet zwischen Marc und Elaisa eine Liaison entspinnt und die beiden prompt im Bett landen, sind die Probleme vorprogrammmiert: Welches dunkle Geheimnis lässt Marc immer wieder das Risiko suchen? Und verbirgt sich hinter Elaisas glitzernder Partygirl-Fassade etwas anderes?
Um die Liebe siegen zu lassen, müssen die beiden sich ihre wahren Gefühle eingestehen …

Racing Love – Die Serie mit ♥ und Happy-End!

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Impressum

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Erstausgabe Mai 2018

Copyright © 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-228-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-358-7

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
© wavebreakmedia/shutterstock.com, © burstfire/shutterstock.com, © Maryna Stamatova/shutterstock.com und © EFKS/shutterstock.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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1. Kapitel

Samstag, 14. Oktober 2017

„Wenn du mich noch einmal in so eine peinliche Situation bringst, leg' ich dich übers Knie und versohle dir den Hintern!“ Marc zischte das Versprechen über seine Schulter hinweg der jungen Frau zu, die hinter ihm in Deckung gegangen war. Für den Ärger, den sie verursacht hatte, hätte sie noch Schlimmeres verdient gehabt.

„Oh, damit forderst du mich nur heraus.“ Sie schmiegte ihre Kurven an seinen Rücken und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich bin ein böses Mädchen gewesen. Willst du mich bestrafen?“

Er wurde von ihrer Nähe peinlicherweise aus dem Konzept gebracht. Auch wenn sie tabu für ihn war, konnte er bei ihren unregelmäßigen, zufälligen Zusammentreffen nicht übersehen, wie heiß sie war. Trotzdem bekam er genug mit, um den Angriff zu bemerken. Einer der drei Kerle stürmte auf ihn zu. Marcs gezielter Kinnhaken schickte ihn zu Boden, wo er gleich lallend liegen blieb. Die beiden anderen Betrunkenen, die Marc daran gehindert hatte, Elaisa zu belästigen, wichen vor ihm zurück. Anscheinend war ihnen klar, dass sie in ihrem Zustand keine Chance gegen ihn hatten.

„Schlimm genug, dass ihr euch betrunken vor einer Frau danebenbenehmt“, schimpfte Marc. „Aber euch gleich zu dritt auf sie zu stürzen, sodass sie keine Chance hat, vor euch zu flüchten? Schämt euch!“

Die drei Männer wirkten nicht schuldbewusst. Anscheinend waren sie immer noch der Meinung, Elaisa wäre auf der Suche nach Abenteuer gewesen. Vermutlich dachten sie, die junge Frau hätte es darauf angelegt. Marc fragte sich ebenfalls, was sie in dieser heruntergekommenen Sportsbar zu suchen hatte. In ihrem knappen Outfit zog sie jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Und dank ihr kam er weder dazu, wie geplant seinen Frust in Alkohol zu ertränken, noch die Frau klarzumachen, die er vorhin an der Theke angemacht hatte.

„Wie kräftig du bist! Da werde ich ganz schwach“, murmelte Elaisa in sein Ohr.

Er unterdrückte ein Seufzen und wandte sich halb zu ihr um. „Nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Lenke ich dich etwa ab?“

„Ich stehe nicht auf billige Betthäschen. Du machst es mir zu leicht.“

Nun, das stimmte zumindest in den letzten Wochen nicht mehr. Unnötigerweise hatte Marc seiner losen Affäre, seiner Fast-Freundin, keine Ahnung, wie er sie nennen sollte … Also, er hatte Greta damals versprochen, sich von anderen Frauen fernzuhalten. Doch davor wäre er bestimmt auf dieses Spielchen eingestiegen. Er hätte Elaisas Situation für sein Vergnügen schamlos ausgenutzt. Jetzt allerdings fragte er sich lediglich, wie er ihr rasch helfen konnte. Ganz offensichtlich wurde er langsam weich. Er schüttelte sie ab.

„Aber sonst ist noch alles intakt in deinem Hinterstübchen?“, fragte Elaisa und stemmte die Hände in die Hüften. Dass sie sich in dem engen Fetzen, der sich nicht Kleid nennen durfte, überhaupt bewegen konnte, war ein Wunder. Ihre braunen Augen blitzten und sie warf ihre lange, dunkelbraune Mähne mit einer wütenden Kopfbewegung nach hinten. Kaum war sie gerettet, fand sie zu ihrer Kratzbürstigkeit zurück. „Jemandem wie mir bist du gar nicht gewachsen.“

„Ich nehme es gerne mit dir auf“, verkündete der Kerl, der die junge Frau zusammen mit seinen beiden Freunden belästigt hatte.

„Habt ihr immer noch nicht genug?“, blaffte Marc die Männer an.

Die Kerle wirkten, als wollten sie sich mit Marc anlegen. Der Mann, den Marc auf die Bretter geschickt hatte, kam taumelnd auf die Füße, sodass seine Freunde ihn stützen mussten. Ihre Augen funkelten angriffslustig. Die Hände hatten sie zu Fäusten geballt. Doch dann glitt ein überraschter Ausdruck über das Gesicht des einen Typen. Ganz offensichtlich hatte er Marc erkannt.

Verdammt! Marc beschloss, sich aus dem Staub zu machen, als sein Gegner in seiner Hosentasche nach seinem Handy fischte. Hastig zog Marc sich seine Basecap tiefer ins Gesicht. Er hasste es, wenn Bilder von ihm im Internet auftauchten. Zumindest wenn er in den dazugehörigen Berichten nicht gut wegkam. Vielleicht hatte er Glück und er war im Dämmerlicht der Bar nicht zu erkennen.

„Du musst dich entscheiden. Auf der Stelle!“, befahl Marc in Elaisas Richtung. „Entweder du verschwindest jetzt gleich mit mir oder du setzt dich alleine mit den betrunkenen Kerlen auseinander. Ich bin in drei Sekunden hier raus.“

„Die Gesellschaft in diesem Laden ist nicht nach meinem Geschmack“, erklärte sie und hängte sich bei ihm unter. Elaisas Stimme klang überheblich. Die Angst war fast nicht herauszuhören. Taffes Mädchen.

„Schönen Abend noch, Jungs.“ Mit wehmütigem Seufzen sah Marc zu dem halbleeren Glas Bier, das er am Tresen zurückgelassen hatte. Die Frau daneben, die kurz davor gewesen war, sich von ihm abschleppen zu lassen, wirkte nicht, als hielte sie ihn für einen Helden. Vielleicht störte sie die Art und Weise, in der Elaisa sich enger an seine Seite schmiegte.

Wäre dieser unausstehliche Wildfang nicht zufälligerweise die Tochter seines Chefs, hätte er sie jetzt einfach stehen lassen. Hatte er nicht bereits genug gelitten, als einer dieser verdammten Betrunkenen seinen ersten und einzigen Treffer an Marcs Kinn gelandet hatte? Wenigstens hatte Marc sein Gesicht wahren können, als er den anderen ein paar Sekunden später auf den Boden geschickt hatte.

„Bist du traurig, deine Freundin zurücklassen zu müssen, oder warum kannst du dich nicht von dem Laden trennen?“, fragte Elaisa. Sie grinste schadenfroh.

„Ich habe nur gerade überlegt, welchem der drei Kerle ich dich überlasse.“ Er wandte sich ab und trat mit ihr im Schlepptau ins Freie. „Wo musst du hin?“

„Dorthin, wo du auch hingehst. Ich will nicht riskieren, dass die Kerle mich erwischen.“

„Dann lass uns die Straße runtergehen. Mal sehen, ob wir eine Bar finden. Meine schlechte Laune verlangt nach einem neuen Bier.“

Er lief einfach weiter. Als Elaisa ihm auf ihren hohen Schuhen nachtrippelte und sich schließlich bei ihm unterhängte, hob er eine Augenbraue.

Sie bemerkte seinen Blick. „Anders krieg' ich dich bestimmt nicht dazu, langsamer zu marschieren.“

Aus einem ersten Impuls heraus wollte er sich losreißen, doch dann drosselte er sein Tempo.

„Warum hast du dich mit den Typen angelegt?“

„Ich?!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Die waren der Meinung, sie hätten eine Chance bei mir! Ich habe sie nicht aufgefordert, sich wie Höhlenmenschen auf die Brust zu trommeln, um zu zeigen, wie männlich sie sind. Die haben sich dämlich benommen.“

„Du solltest besser auf dich aufpassen. Das hätte ganz schön ins Auge gehen können.“

Sie streichelte mit der freien Hand über seinen Oberarm und schmiegte sich enger an ihn.

„Du hast mich doch gerettet. Was soll mir da schon passieren?“

„Dieses Mal war ich zufällig anwesend. Aber wenn du ständig in diesem Aufzug vor Fremden mit deinem Hintern wackelst, kann das auch mal schiefgehen.“

„Vielleicht schlage ich meinem Daddy vor, er soll dich zu meinem Bodyguard ernennen“, überlegte sie mit einem Lachen.

Diesen Vorschlag fand er gar nicht witzig. „Ich habe Besseres zu tun. Dein Vater bezahlt mich dafür, Rennen für sein Team zu gewinnen, falls dir das nicht klar sein sollte.“

„Na, dann wundert es mich, dass du noch nicht pleite bist.“

Sie ließ ihn los und lief weiter neben ihm her.

Ganz schön frech für jemanden, der ohne ihn immer noch von drei betrunkenen Männern belästigt werden würde - oder Schlimmeres. Er beschloss, ihren beleidigenden Kommentar zu ignorieren.

„Ich meine es ernst. Wenn du Party machen willst, gibt es bessere, sicherere Orte.“

„Langweiligere. Benutz die richtigen Vokabeln.“ Sie schnaubte. „Diese Predigt muss ich mir sonst von meinem Vater anhören. Sie lässt dich furchtbar alt erscheinen. Dabei hattest du genaugenommen genauso wenig in dieser Bar zu suchen wie ich. Warst du auf Ärger aus?“

Das kam der Sache ganz schön gefährlich nahe. Hätte er nicht zufällig die Frau an der Bar kennengelernt, wäre eine Prügelei genau das gewesen, was er gebraucht hätte.

„Darf ein Mann auf der Suche nach weiblicher Gesellschaft nicht machen, was er will?“

„Dann stimmt es wohl, dass du nicht mehr mit deiner Freundin zusammen bist.“

„Ich hatte keine Freundin“, blaffte er.

„Scheint dir zu schaffen zu machen, dass dein Bruder nicht so lange gezögert hat, sich Greta zu schnappen.“

Abrupt blieb er stehen. „Woher weißt du das?“

„Man tratscht über diese Sache und mir bleibt sowas natürlich nicht verborgen. Hast du vergessen, dass ich die Tochter des Teamchefs bin?“ Ihre Stimme klang amüsiert. Ob es ihr gefiel, ihn getroffen zu haben?

Er fixierte dieses seltsame Blau-Braun ihrer Augen, versuchte darin zu lesen. Aber aufgrund der vielen Schminke konnte er nicht mit Sicherheit sagen, was sie wirklich dachte. Bestimmt sah sie auch ohne diese Maskerade gut aus. Ob sie Kontaktlinsen trug, um diesen ständigen Wechsel ihrer Pupillen von Blau zu Braun zu erzielen?

„Das werde ich nie vergessen“, erklärte er schließlich. „Glaub mir.“

„Dann kannst du mir auch gleich verraten, was wirklich los ist. Ich erfahre es ohnehin als eine der Ersten.“

Als sie sich wieder bei ihm einhängte, wollte er seinen Arm wegziehen. Doch dann ging er einfach weiter. Sie konnte nichts für seine Frustration. Sie war ihm lediglich zum falschen Zeitpunkt über den Weg gelaufen. Vielleicht war sie sogar recht nett, wenn man sie erst näher kennenlernte. Aber er würde ihr gegenüber nie unbefangen sein. Er durfte mit ihr nicht offen reden. Schließlich war nicht abzuschätzen, was sie alles an ihren Vater weitertrug.

„Bist du eifersüchtig auf Greta und Thimo?“, stocherte sie weiter.

„Nein! So ein Blödsinn.“

„Warum hast du dann alles daran gesetzt, um ihn aus dem Team zu kicken? Von außen hat es nicht den Anschein, als würde diese Dreierkonstellation funktionieren.“

Konnte sie nicht einfach die Klappe halten? Sie hatte kein Recht, ihn gerade jetzt auf die Fehler hinzuweisen, die er gemacht hatte. Das alles war ärgerlich genug.

„Es geht dich nichts an“, blaffte er.

„Wenn mein Vater sich Sorgen macht, dann hat das auch Auswirkungen auf mich. Ich möchte bloß wissen, ob er in nächster Zeit durchgehend schlechte Laune haben und noch eindringlicher fordern wird, dass ich mich benehme.“

„Ich werde diese Sache schon zu deiner Zufriedenheit regeln“, stellte er klar. „Schließlich hat es höchste Priorität für mich, dass die verzogene Tochter meines Bosses von meinen Problemen nicht beeinflusst wird.“

„Probleme also? Habe ich es doch geahnt, dass ich auf eine Familientragödie gestoßen bin.“

So konnte man es auch ausdrücken. Zumindest hatte er es dazu gemacht. Er wusste, dass er sich irgendwann für sein Benehmen in den letzten Wochen entschuldigen musste. Vielleicht benahm er sich oft wie ein Idiot. Gerne spielte er den harten Kerl. Aber er war kein Trottel. Er bemerkte, wenn er zu weit ging. Und für sein Verhalten Greta gegenüber schämte er sich. Thimo hingegen …

Sein Bruder hatte ihn tief verletzt. Irgendwann würde Marc ihm erklären müssen, was in ihm vorgegangen war, als er von der gemeinsamen Nacht von Greta und Thimo erfahren hatte und warum ihm diese Tatsache so zu schaffen machte.

Seit sein Versuch, Greta und Thimo auseinanderzubringen, gescheitert war, hielt er sich von den beiden fern. Eine Erklärung für sein Verhalten wollte nicht über seine Lippen kommen. Er wusste, dass es auf Dauer nicht reichen würde, ihnen nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen und – wenn das doch einmal nicht gelang - sich auf belangloses Geplauder zu beschränken. Irgendwann mussten sie lernen, wieder normal miteinander umzugehen. Und dazu war es notwendig, dass er endlich ganz ehrlich zu Thimo war.

Aber das weckte Erinnerungen an Geschehnisse, die er tief in seinem Inneren weggesperrt hatte. Wie Luftblasen stiegen sie aus dem schwarzen Morast, in dem er sie vergraben hatte. Wenn sie aufplatzten, gaben sie die darin eingeschlossenen Gefühle frei. Der Anflug von Hass, Schmach und Trauer ließ ihn die Zähne zusammenbeißen. Die Spannung in seinem Körper nahm ein Ausmaß an, das all diese Emotionen gleichzeitig freisetzen wollte. Ließe er das zu, würde er sich in diesem dunklen Chaos verlieren. Er wäre zu Dingen fähig, die andere verletzen würden. Nicht nur seelisch. Er würde zu einem wütenden, gefährlichen Racheengel.

Jeder Atemzug fiel ihm schwer. In seinen Ohren rauschte es. Übelkeit verknotete seinen Magen. Er konzentrierte sich auf seine Schritte, das Gefühl von Elaisas Körper an seiner Seite, die Geräusche der vorbeifahrenden Autos. Sein Blick suchte einen Gegenstand, an dem er sich festhalten konnte.

Er fixierte eine Straßenlaterne ein Stück weiter und sog tief Luft in seine Lungen. Langsam ließ die Anspannung in seinem Inneren nach.

„Marc? Hörst du mich?“

Noch einmal tief einatmen, dann drehte er den Kopf Elaisa zu. Sie beobachtete ihn mit neugierigem Gesichtsausdruck.

„Klar“, brummte er.

„Ich hab' dich dreimal ansprechen müssen. Und dein Körper stand scheinbar unter Strom. Ist alles in Ordnung?“

„Lass mich in Ruhe“, blaffte er.

„Keine Gespräche über deine Ex. Ich habe verstanden. Trotzdem stimmt doch etwas nicht mit dir. Das gerade war doch kein Hirnschlag oder sowas Ähnliches?“, fragte sie. Klang sie tatsächlich besorgt?

„Hast du eigentlich irgendetwas zu tun, wenn du dich nicht in das Leben fremder Menschen einmischst? Nach den Bildern von dir in der Klatschpresse zu urteilen, scheinst du dich ziemlich zu langweilen. Nichts Ordentliches gelernt, was?“

Sein Versuch, sie zu provozieren, prallte ohne Wirkung an ihr ab. Sie zuckte bloß mit den Schultern.

„Wozu arbeiten, wenn ich von Papa alles kriege, was ich brauche? Und It-Girl wird man auch nicht von heute auf morgen.“

Mit diesen neumodischen Begriffen verschwendete sie bei ihm bloß ihren Atem. Er mochte Menschen mit festen Zielen, die hart dafür arbeiteten. An ihr entdeckte er keinerlei Zielstrebigkeit. Spielte sie das nur vor oder war sie tatsächlich so oberflächlich?

„Es ist kalt“, meinte sie aus dem Nichts.

„Wir haben schon Herbst. Dafür sind die Temperaturen passabel.“

Die Bäume verloren ihre Blätter. Die Vögel hatten sich wohl schon in den Süden verzogen. Doch hier in der Stadt merkte man wenig von den Vorboten des Winters.

„Mir ist kalt“, erklärte Elaisa erneut.

Daher wehte der Wind. „Das tut mir leid.“

„Mir ist sehr kalt.“

Er unterdrückte ein Grinsen. Glaubte sie, er würde für sie den Gentleman spielen, ohne dass sie ihn vernünftig darum bat?

„Dann hättest du wohl mehr anziehen sollen.“

„Jetzt gib mir endlich deine Jacke!“ Sie stampfte mit einem Fuß auf. Was dank ihrer High Heels eher amüsant als dramatisch wirkte.

„Hast du schon mal von dem Wörtchen bitte gehört? Es soll angeblich nicht wehtun, wenn man es anwendet.“ Lachend schlüpfte er aus der dünnen Jacke, mit der er außer Haus gegangen war. Gott sei Dank trug er darunter ein langärmeliges Hemd und einen Pullover.

Als er ihr die Jacke hochhielt und sie ihr umlegte, bemerkte er endlich, dass sie tatsächlich zitterte. Sie mochte nicht sonderlich höflich sein. Dafür war er nicht besonders aufmerksam.

„Zieh sie wenigstens vernünftig an, damit du sie schließen kannst“, forderte er, als die Jacke lediglich ihre Schultern bedeckte.

„Wie das aussieht!“ Sie runzelte die Stirn. „Wenn mich jemand so fotografiert …“

Genervt verdrehte er die Augen. „Entweder trägst du sie richtig oder ich hole sie mir wieder zurück.“

Sie brummte Unverständliches und schlüpfte in die Ärmel. Dann schloss sie den Reißverschluss.

„Zufrieden?“

Es war besser, wenn er jetzt nicht lachen würde, egal wie klein und unförmig sie in seiner Jacke aussah. Diese verrückte Frau war in der Lage, lieber zu erfrieren, als eine Sekunde lang einen süßen Eindruck zu hinterlassen. „Sehr. Aber jetzt musst du dich wieder bei mir einhängen, wenn wir weitergehen. Jetzt ist nämlich mir kalt.“

Mit einem tiefen Seufzen trat sie neben ihn und schmiegte sich an ihn. „Es ist schon spät.“

Noch nicht. Er wollte noch nicht alleine mit seinen Gedanken sein. Sich Wortgefechte mit ihr zu liefern, war besser als in die Dunkelheit seiner Seele zu tauchen.

„Was wolltest du wirklich in dieser Bar?“, erkundigte er sich beim Weiterschlendern. „Den Mann fürs Leben findest du an so einem Ort bestimmt nicht. Und was sollen die vielen Schichten Kleister im Gesicht? Hast du Angst, man könnte ohne deine Maskerade zu schnell deinen Charakter durchschauen?“

„Das nenne ich doch mal originellen Sarkasmus.“ Sie hob eine Augenbraue. „Willst du so die Frauen abschrecken, die ohnehin außerhalb deiner Liga spielen? Fühlt es sich besser an, sie vor den Kopf zu stoßen, bevor sie selbst draufkommen?“

„So ist es einfacher für dich. Glaub mir, Schätzchen. Nach einer Nacht mit mir würdest du die High Society-Bürschchen links liegen lassen, die du üblicherweise abschleppst. Aber dieser Mann hier ist nicht zu zähmen.“

Statt die Wahrheit in seinen Augen zu lesen, über seine Weitsicht zu staunen, ihm dankbar zu sein oder zumindest über seine Worte nachzudenken, brach sie in Gelächter aus. „Ich mag deine große Klappe. Der Rest kann mir allerdings gestohlen bleiben.“

„Du hast dich dort drinnen an mich rangeschmissen, nicht umgekehrt“, erinnerte er sie. Dass er dazu überhaupt gezwungen war!

„Ich habe gehofft, die Kerle würden uns eher in Ruhe lassen, wenn sie denken, ich hätte mein Date für die Nacht schon gefunden. Bestimmt bin ich jetzt allerdings auch alleine sicher.“

Sie winkte einem Taxi, das sofort mit quietschenden Reifen an den Bürgersteig fuhr und dabei ein entgegenkommendes Auto schnitt.

„Danke, dass du mir die Typen vom Hals geschafft hast. Vielleicht kann ich mich ja irgendwann mal bei dir revanchieren.“

„Wieso sollte das notwendig sein?“ Perplex sah er zu, wie der Taxifahrer ausstieg, um den Wagen herumlief und ihr die Tür aufhielt. Elegant glitt sie auf die Rückbank.

Trotz der Kürze des Kleides gelang es ihr, ihren Po bedeckt zu halten. Nicht, dass er groß darauf geachtet hätte.

„Schönen Abend, Süßer.“

Sie zwinkerte ihm zu, als er den Blick heben musste, um ihr ins Gesicht zu sehen. Der Taxifahrer schlug die Tür zu und eilte um den Wagen herum. Eine Sekunde lang war ihr lächelndes Gesicht dank der Innenbeleuchtung des Wagens zu erkennen. Dann fuhr das Taxi auch schon an und verschwand in der Dunkelheit.

„Von wegen schöner Abend“, murmelte er. Das hätte es vielleicht werden können, wenn Elaisa die andere Frau nicht verjagt hätte. Jetzt stand er alleine mitten auf der Straße und musste überlegen, wo er Ablenkung herbekam.

Er sah die Straße entlang. Zurück zu der Bar zu gehen, war nicht möglich. Die Frau, die er kennengelernt hatte, wartete bestimmt nicht mehr auf ihn. Für eine neue Eroberung war es ziemlich spät. Und den betrunkenen Typen wollte er ebenfalls nicht über den Weg laufen. Während des Gesprächs mit Elaisa war er einfach geradeaus weitergelaufen. Er kannte sich hier nicht gut genug aus. In der nächsten Straße konnte sich eine Bar befinden. Oder er irrte noch stundenlang orientierungslos durch die Gegend.

Ihn fröstelte. Seine Jacke, verdammt! Elaisa hatte sie einfach behalten. Er kniff die Augen zusammen und sah in die Richtung, in der sie verschwunden war, obwohl ihm klar war, dass er sie nicht zurückrufen konnte.

Dann gab es wohl nur eine Lösung: Er würde sich auf den Weg nach Hause machen. Alleine, obwohl er es anders geplant hatte. Ein wenig Ruhe würde ihm nicht schaden. Der Tag war lang genug gewesen. Und am Montag musste er ein Gespräch führen, auf das er sich nicht sonderlich freute. Besser, er hatte seine Geduld dann unter Kontrolle.

2. Kapitel

Sonntag, 15. Oktober 2017

Die Kaffeetasse mit Herz im Milchschaum, die Bernard vor ihr abstellte, umfasste Elaisa mit beiden Händen. Ihr Gehirn hatte die Müdigkeit noch nicht verdrängt. Ihr war kalt. Und ihre Stimmung befand sich im Keller. Dagegen half auch keine liebevolle Präsentation von Koffein.

„Harte Nacht?“, fragte ihr bester Freund. „Erzähl dem lieben Onkel Bernard, was mit dir los ist.“

Er setzte sich neben sie auf die mit rosa Plüschstoff überzogene Küchenbank, stützte einen Ellenbogen auf den Tisch und legte sein Kinn auf der Handinnenfläche ab. Als er mit den Augen klimperte, musste sie lachen. Niemand außer ihm durfte sie in einem solch derangierten Zustand sehen. Und niemand sonst wäre in der Lage, sie trotz ihres Katers aufzumuntern.

„Es lief nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte“, gestand sie. Nach einem großen Schluck aus der weiß-goldenen Tasse warf sie ihm einen lauernden Blick zu. Wie immer war sein Haar ordentlich zurückgekämmt. Die mattschwarze Lackierung seiner Fingernägel zeigte keine Ungleichmäßigkeit. Das Muster seines in unterschiedlichen Rottönen gehaltenen Hemdes harmonierte mit seiner weinroten Hose. Dennoch hatte der schwarze Lidstrich um seine irritierend hellblauen Augen nicht ganz den perfekten Schwung. Hatte sich der Kerl, mit dem er sich verabredet hatte, als Nullnummer entpuppt? „Mir scheint, dein Abend ist auch nicht nach Plan verlaufen.“

Bernard, der in Wahrheit Bernhard hieß und sich den französischen Touch selbst verpasst hatte, zog eine Schnute, die er bestimmt schon hundert Mal vor seinem Spiegel geübt hatte. Eine seiner akkurat gezupften Augenbrauen hob sich. „Wie kommst du auf diese verrückte Idee? Ich bin so spontan. Ich kann aus jeder eingefahrenen Situation eine rauschende Party machen.“

Sie lachte. „Niemand außer dir ist dazu in der Lage. Das hast du mir mehrmals bewiesen. Und dafür liebe ich dich auch so sehr.“

Mit entsetztem Gesichtsausdruck fasste er sich an die Brust. „Liebes, das ist eine ganz schlechte Idee. Ich würde dein Herz schneller brechen als ein talentierter Callboy. Du solltest dir besser einen vernünftigen Mann suchen. Einen, der es mit dir aufnehmen kann und der dich mit seinen guten Manieren in den Wahnsinn treibt.“

„Nicht du auch noch, Bernard. In letzter Zeit habe ich genug von diesen Vorschlägen gehört, um mich ins Kloster zu wünschen. Mit bösen Jungs hat man viel mehr Spaß!“

„Ist das der Grund, weshalb du mitten in der Nacht bei mir aufgeschlagen bist, statt nach Hause zu fahren?“, wollte Bernard wissen.

Sie legte ihm eine Hand auf den Oberarm und strich darüber. „Sorry. Ehrlich. Ich habe nicht nachgedacht. Es war gemein von mir, dich aus dem Bett zu läuten. Du hast jedes Recht, so etwas in Zukunft zu verhindern. Zum Beispiel, indem du einen Zweitwohnungsschlüssel irgendwo vor deiner Tür versteckst.“

„Du hättest bloß das Exemplar nicht daheim vergessen dürfen, das ich dir schon vor Ewigkeiten gegeben habe. Und mir ist sehr wohl aufgefallen, dass du das Thema gewechselt hast. Also erzähl.“ Er biss in ein Croissant und beugte sich vertraulich näher.

Sie konnte ihm nichts verheimlichen. Bernard kannte sie einfach zu gut. Sie waren schon seit Schulzeiten unzertrennlich. Damals hatte er noch in kleinkarierten Hemden und Pullundern versucht, sich selbst zu finden. Elaisa war lieber überall angeeckt, um so die Aufmerksamkeit ihres vielbeschäftigten Vaters zu erlangen. Aber trotzdem hatten sie sich angefreundet. Elaisa war, wie sie fand, ruhiger geworden. Und Bernard? Nun, seine Verwandlung zum extrovertierten Partytiger ging zum Teil wohl auf ihre Kappe. Doch dafür würde sie sich niemals entschuldigen. Bernard war perfekt, wie er war.

Ganz im Gegensatz zu einigen anderen männlichen Wesen.

„Mein Dad hat mir eine Standpauke gehalten, weil ich wieder in der Presse war. Das ist keine große Sache. Von ihm bin ich es ja inzwischen gewohnt. Aber dieser Kerl gestern hatte kein Recht, mich zu beurteilen.“

„Kerl?“ Die Neugierde brachte Bernards Gesicht zum Strahlen.

„Ein Rennfahrer. Arbeitet für das Team meines Vaters. Überheblich. Egozentrisch.“

„Oh!“ Ihr Freund wirkte enttäuscht. „Ein Fahrer!“

„Genau.“ Sie erwiderte seinen Blick. „Du weißt, was das bedeutet.“

Er nickte.

„Lass dich nie auf eine Fahrer ein“, sagten sie gleichzeitig. „Oder er fährt dein Herz mit Karacho an die Wand.“

Elaisa nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Alles schon durchgemacht. Und dass er ein Angestellter meines Vaters ist, macht ihn gleich noch unsympathischer. Auch wenn ich ganz froh war, dass er mich gerettet hat.“

„Du hast dich doch nicht schon wieder in Schwierigkeiten gebracht?“, tadelte Bernard grinsend. „Und ich war nicht dabei!“

„Es war nicht die Art von Ärger, die ich üblicherweise anziehe. Der taucht nämlich normalerweise nicht in Gestalt von drei betrunkenen, pöbelnden Kerlen auf. Vielleicht war die Bar nicht die richtige Wahl, aber wenn Marc nicht gewesen wäre …“

Sie schüttelte sich. Gestern hatte sie die toughe Lady nur gespielt. Sie war auf der Suche nach Ablenkung gewesen, hatte nicht allein sein wollen, weil ihr vorhergehendes Date blöd gelaufen war. Aber das bedeutete nicht, dass man sie schlecht behandeln durfte.

„Das klingt nicht nach einer der Bars, in der du sonst bist. Wo hast du dich denn herumgetrieben?“, fragte er lauernd.

Sie wusste, worauf er hinaus wollte. Ja, er hatte sie erwischt. „Peters Eck“, gab sie kleinlaut zu.

„Ach, Schätzchen. Wolltest du dich von der Bar denn nicht fernhalten?“

„Mein Date lief schlecht. Wirklich schlecht. Und ich wollte mich nur eine Sekunde lang daran erinnern, was ich einmal hatte.“

Er griff nach ihrer Hand. „Schätzchen, du weißt, dass das nicht der richtige Weg ist.“

„Du musst mich nicht darauf aufmerksam machen, was das letzte Mal passiert ist, als ich dieses Thema nicht vehement genug von mir geschoben habe. Das alles hat mich zu der Person gemacht, die ich bin. So leicht bin ich nicht mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen.“

„Ich hoffe, du irrst dich in dieser Sache nicht.“

Sie wurde kurzzeitig ernst. Jegliche Wärme verschwand aus ihrem Herzen.

„Keine Sorge. Niemand sieht hinter diese Maske. Ich habe nicht vor, noch einmal einen näheren Blick in dieses schwarze Loch zu werfen. Dank meines Retters sind meine Gedanken schnell in eine ganz andere Richtung gewandert.“

„Die auch nicht unbedingt besser ist“, tadelte Bernard. „Aber du bist groß genug, um selbst abschätzen zu können, ob du einen Fehler machst oder nicht.“

Sie lachte und zwinkerte ihm zu. „Manche Fehler sind zu gut, um sie nicht zu machen.“

„Hast du vorhin seinen Namen erwähnt? Sagtest du nicht etwas von einem Marc? Doch nicht Marc Raschen?!“

Hitze kroch ihre Wangen hoch. Zum Glück hatte sie heute Morgen ordentlich Rouge auf die Wangen aufgetragen, damit man ihr die kurze Nacht nicht ansah. Bernard würde nicht erkennen, dass sie errötete. „Ja, der. Warum klingst du so schockiert?“

„Weil der alle Klischees eines Machos erfüllt! Der ist doch mindestens genauso schlimm wie dieser Frederick es war, bevor dieses Mauerblümchen ihn gezähmt hat.“

„Ich habe ihn mir nicht als Retter gewünscht. Er war einfach der einzige Superheld, der gerade Zeit hatte.“

Ganz offensichtlich fand Bernard ihren Witz nicht gelungen. Doch er zuckte nur mit den Schultern und stand dann auf, um seine Kaffeetasse nachzufüllen.

„Hast du ihm die Jacke geklaut, in der du gekommen bist?“

„Er hat sie mir gegeben, als ich gefroren habe. Leider war er dann nicht so höflich, mich ans Zurückgeben zu erinnern. Vielleicht schicke ich sie ihm mit einer Dankeskarte. Was soll ich dazulegen? Eine Flasche Sekt oder lieber Pralinen?“

„Bestimmt freut er sich mehr über ein heißes Selfie von dir. Soll ich dir dabei helfen?“ Er kehrte mit der vollen Tasse zu ihr zurück.

„Stell dir vor, das kommt in die falschen Hände. Darauf würde sich die Klatschpresse stürzen. Und mein Dad bekäme einen Herzinfarkt.“

Sie brach sich ein Stück von Bernards Croissant ab. Zu Hause würde sie sich dann wie üblich Obst zum Frühstück genehmigen. Hoffentlich hatte die Haushälterin, die ihr Vater bezahlte, rechtzeitig eingekauft.

„So alt ist er doch gar nicht. Bestimmt weiß er noch, wie es sich anfühlt, jung und leichtsinnig zu sein.“

Der Geschmack des Croissants explodierte in ihrem Mund. Die einzelnen Schichten schmolzen auf ihrer Zunge. Gleichzeitig brodelte das schlechte Gewissen in ihr. Wie viele unnötige Kalorien sie sich da gerade gönnte! Doch bezogen auf Bernards Kommentar schnaubte sie: „Solange Mama sich noch hin und wieder hat blicken lassen, konnte sie seine angestaubte Haltung ausgleichen. Aber er benimmt sich, als hätte er noch niemals Spaß gehabt, als gäbe es außer Arbeit nichts in seinem Leben. Der Spießer tut mir leid.“

„Das hast du aber nicht nett gesagt, Schätzchen.“

„Die Wahrheit ist selten nett. Mich kriegt er nicht auf die langweilige Seite der Macht. Sein Imperium ist mir egal. Ich werde es bestimmt nicht übernehmen, so wie er sich das vorstellt.“

Bernard trank von seinem Kaffee. „Wo steckt deine Mutter eigentlich gerade?“, erkundigte er sich dann.

Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich habe das letzte Mal vor einem halben Jahr von ihr gehört. Da wollte sie gerade mit irgendeinem Yoga-Heini auf Selbstfindungstrip nach Indien fliegen.“

„Vermisst du sie?“

Das brachte sie zum Lachen. „Wie soll man etwas vermissen, was man nicht richtig kennt? Sie ist das erste Mal für fast ein Jahr verschwunden, als ich zwei war. Mein Vater hat sein Bestes getan, um sie zurückzuholen. Aber sie hat sich nie richtig um mich gekümmert.“

„Bestimmt bist du deinem Vater dankbar, dass er für dich da war.“

Daher wehte der Wind. Sie hatten oft genug über ihre Mutter gesprochen, damit Bernard nicht erst fragen musste, ob sie diese schrecklich egoistische Person, die zufällig ihre Mutter war, wieder in ihrem Leben haben wollte. Der Hinweis auf sie brachte Elaisa nicht dazu, Verständnis für ihren Vater zu zeigen, der sich mit gut zwanzig Jahren plötzlich der alleinigen Verantwortung für ein kleines Kind gegenübergesehen hatte. Statt das Verschwinden ihrer Mutter durch Liebe auszugleichen, hatte er es lediglich für nötig gehalten, ihr finanziellen Ausgleich zu bieten. Er hatte hart gearbeitet, jede Sekunde mit dem Ausbau des Familiengeschäfts verbracht und sie mit Geschenken überhäuft.

„Er hat sich mir gegenüber immer sehr großzügig gezeigt. Er war bei Schulfeiern und Aufführungen jedes Mal anwesend. Er hat aber auch ständig mit einem Auge auf sein Handy gestarrt. Ja, ich bin dankbar, dass er für mich da war. Ich hätte mir allerdings nichts sehnlicher gewünscht, als von ihm geliebt zu werden.“

„Das tut er doch.“

Sie wünschte, das könnte sie genauso sehen.

„Eines ist klar. Ich muss als Unfall bezeichnet werden. Mum und Dad waren kein überglückliches Paar, für das es die Krönung ihrer Liebe bedeutet hat, als ich mich angekündigt habe. Kein Wunder also, dass meine Mutter die Flucht angetreten hat, sobald sie genug von ihrer neuen, unbequemen Rolle hatte. Zum Glück besitzt mein Dad mehr Verantwortungsbewusstsein. Das rechne ich ihm hoch an.“

„Du hattest doppelt Glück, als er Helena geheiratet hat. Sie war dir eine bessere Mutter, als es deine eigene je hätte sein können.“

Ein Stich in die Herzgegend. „Trotzdem hat sie mich verlassen!“

„Sie ist vor zwei Jahren gestorben, Elaisa“, erinnerte Bernard ruhig. „Sie ist nicht ausgewandert oder hat den Kontakt zu dir abgebrochen wie andere Personen. Sie wäre liebend gerne länger auf dieser Welt geblieben, um Zeit mit dir zu verbringen. Aber sie hat dafür gesorgt, dass du behütet aufgewachsen bist. Ohne sie wärst du ein sehr zorniger, rebellischer Mensch geworden.“

Hoffentlich war der letzte Satz sarkastisch gemeint. Sie ging hinüber zur Küchenzeile und holte sich ein Croissant aus der Papiertüte, die auf der Arbeitsplatte stand.

„Statt sich um mich zu sorgen, hat Dad Helene allerdings auf dem Sterbebett versprochen, seinen Traum von diesem dämlichen Rennteam weiter zu verfolgen. Als hätte er tatsächlich ein neues Projekt gebraucht. Es hätte doch gereicht, an seinen Vaterqualitäten zu arbeiten. Warum hat Helena ihm das nicht gesagt?“ Sie biss ein großes Stück von dem Gebäck ab.

„Dein Vater hat auch nach Helenas Tod Glück verdient. Vielleicht dachte sie, die Aufgabe, einen Rennstall zu leiten, wäre einfacher für ihn, als dich zu zähmen.“

Er griff nach dem Croissant und brach es in zwei Hälften.

Sie knurrte, obwohl sie froh sein sollte, dass er sie vor einem Teil der Kalorien bewahrte.

„Ach, diese Überlegungen führen doch zu nichts. Es ist, wie es ist. Wir alle haben unsere Entscheidungen getroffen. Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben. Egal, wie gerne wir unsere Wahl ändern würden.“

„Ein wenig Pragmatismus macht das Leben doch gleich viel leichter, nicht wahr?“ Ihr bester Freund lachte. Er steckte sich den Rest des Croissants in den Mund.

„Man hat zumindest kurzzeitig das Gefühl.“

Sie stand auf. „Ich werde mich dann auch auf den Heimweg machen. Inzwischen habe ich dich genug mit meinen Problemen vollgejammert.“

Bernard machte ein schockiertes Gesicht. „Was?! Ausgerechnet jetzt verschwindest du? Wo wir dich endlich so weit aufgebaut haben, dass ich mit meinem Herzschmerz rausrücken kann?“

Schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort. „Oh mein Gott! Was ist passiert? Ich hatte ja keine Ahnung, dass du dich mit jemandem triffst.“

Er grinste. „Mache ich auch nicht. Wann hätte ich dafür schon Zeit, wenn ich mich ständig um meine beste Freundin kümmern muss? Außerdem fallen wir beide doch nicht auf einen blöden Muskel herein, der ohnehin nur Blut durch unseren Körper pumpt.“

Wenig überzeugt nickte sie. Es war nicht so, dass sie nicht an Liebe glaubte. Dieses Gefühl trug allerdings Schuld an all dem Schmerz, den sie in ihrem Leben bereits kennengelernt hatte. Auf Gefühlsduselei würde sie nicht noch einmal hereinfallen.

„Du weißt, dass du mit mir reden kannst, wenn wirklich etwas los sein sollte.“

„Klar. Aber du musst nicht befürchten, dass ich dich irgendwann wegen eines Kerls vollheule. Ich wollte dich lediglich auf andere Gedanken bringen. Wir zwei haben der Liebe schließlich abgeschworen. Für immer.“

„Für immer“, wiederholte Elaisa. Irgendwie fühlten sich die Worte falsch an.

Zuhause angekommen stellte sie sich erst mal unter die Dusche, um die Müdigkeit zu vertreiben. Danach begutachtete sie die Auswahl in ihrem riesigen Ankleidezimmer. Anscheinend besaß sie nichts, das ausschließlich bequem war. Sollte sie den Rest des Tages auf der Couch verbringen wollen, hatte sie dazu knallenge Jeans oder superkurze Röcke zur Auswahl.

Eine Frau vor einem vollen Kleiderschrank, die nichts zum Anziehen findet. Das Klischee schlechthin. Marc würde sich totlachen.

Schon wieder schlich sich dieser unverschämte Kerl in ihre Gedanken. Mit ihm könnte man bestimmt jede Menge Spaß haben. Aber musste er denn ausgerechnet Formel-1-Fahrer sein? Das Hauptproblem war nicht, dass er für ihren Vater arbeitete. Schließlich nutzte sie jede Gelegenheit, um ihren Dad zu provozieren, und das wäre eine großartige Möglichkeit. Nein, sie wollte sich von Rennfahrern fernhalten, weil sie wusste, wie gefährlich dieser Job war. Selbst bei einer lockeren Affäre, wie sie sie anstrebte, entwickelte man Gefühle. Sie wollte sich nicht ununterbrochen Sorgen machen. Deshalb war Marc tabu. Trotzdem wollte sie ihm beweisen, dass es ein Fehler war, sie zu unterschätzen.

Lediglich in ein Badetuch gehüllt, ging sie hinüber ins Wohnzimmer, wo sie die Jacke, die Marc ihr geborgt hatte, auf die Couchlehne gelegt hatte. Sie strich mit der Hand über die Jacke. Ob sie sie ihm vorbeibringen sollte? Jetzt gleich? Vielleicht könnte sie ihm zeigen, dass sie die vielen Schichten Make-up, über die er sich lustig gemacht hatte, tatsächlich nicht brauchte. Sie könnte noch einmal deutlich machen, was ihm entging, wenn er sie nicht ernst nahm. Am besten erledigte sie das gleich auf der Stelle.

Gerade als sie ins Ankleidezimmer zurückkehren wollte, läutete ihr Handy. Sie kramte es aus ihrer Handtasche und warf einen Blick auf das Display.

Helikopterdad stand darauf.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Nach dem Gespräch mit Bernard über ihre Kindheit kam der Anruf ihres Vaters gerade recht. Sie könnte sich bei ihm bedanken. Oder sich das erste Mal seit langem wieder richtig mit ihm unterhalten. Rasch hob sie ab.

„Dad, wie schön, dich zu hören!“

„Spar dir doch den Sarkasmus nur ein einziges Mal“, forderte ihr Dad mit einem Seufzen.

Sie wollte ihm widersprechen, ihm verraten, dass sie seinen Zuspruch gerade gut gebrauchen könnte. Doch er hätte ihr vermutlich nicht geglaubt.

„Warum rufst du an?“, erkundigte sie sich stattdessen. „Bestimmt nicht nur, um mich mit deiner Stimme in den Wahnsinn zu treiben.“

„Ich habe eine Bitte an dich. In der Firma wird deine Hilfe gebraucht. Dringend.“

„In der Firma?“, echote sie.

„Genau. Am Mittwoch, bevor wir alle nach Austin fliegen, findet eine wichtige Präsentation statt. Eine meiner Mitarbeiterinnen ist ausgefallen. Für die Koordination benötige ich noch Unterstützung.“

Die Tatsache, dass er dabei an sie dachte, war so abwegig, dass sie nach der passenden Antwort suchte.

„Behaupte nicht, du hättest keine Zeit. Wir wissen beide, dass du keine anderen, wichtigeren Dinge zu erledigen hast. Also bitte tu mir den Gefallen.“ Die Stimme ihres Vaters klang drängend.

„Findest du niemanden, der Lust auf sowas hat?“, fragte sie scheinbar gelangweilt. Ha! Jetzt plötzlich wollte er etwas von ihr! Wo hatte er denn gesteckt, wenn sie sich früher seinen Zuspruch gewünscht hatte? Darauf würde sie niemals wieder warten.

Ihr Dad seufzte. „Ich würde dich damit nicht belästigen, wenn es nicht wichtig wäre, Elaisa.“

„Pfft. Ehrlich. Als Sekretärin mache ich mich furchtbar schlecht. Ich kann grad mal Zweifingersystem. Und ich kenne auch keinen deiner Kunden. Da gibt es bestimmt besser geeignete Leute für den Job.“

„Schön. Ich habe verstanden, dass es unter deiner Würde ist, sich für mich hinters Telefon zu klemmen und ein paar Aufgaben zu übernehmen. Für deinen Unterhalt zu arbeiten, scheint wohl unter deinem Niveau zu sein. Aber weißt du was? Dann werde ich deine Kreditkarte sperren müssen. Mal sehen, wie lange es dauert, bis du erkennst, dass man sich hin und wieder seine teuer manikürten Finger auch schmutzig machen muss.“

Sie lachte auf. „Das bringst du nicht.“

„Wollen wir wetten, Prinzessin? Ich glaube nicht, dass es lange dauert, bis deine Rücklagen aufgebraucht sind. Kein Taschengeld mehr. Kein Zugang zu meinem Privatkonto. Keine Zahlungen für deine Wohnung, die Putzfrau, deinen Lebensunterhalt.“

„Das kannst du nicht machen! Nur weil ich deinen doofen Wunsch nicht erfüllen möchte?“

„Weil ich es satt habe, dass du dich benimmst, als hätte alle Welt auf dich Rücksicht zu nehmen! Du bist alt genug, um die Verantwortung für deine Ausgaben selbst zu übernehmen. Du hättest so viele Möglichkeiten, deinem Leben einen Sinn zu geben! Stattdessen lässt du dich von mir verwöhnen und zeigst keinerlei Respekt!“

„Papa!“ Auch wenn seine Worte der Wahrheit entsprachen, tat es weh, sie aus seinem Mund zu hören.

„Ich brauche deine Unterstützung, du benötigst meine. Warum helfen wir uns nicht gegenseitig?“

Dieses Angebot stellte einen Ausweg dar. Keine Ahnung, ob er tatsächlich fähig war, ihr den Geldhahn völlig zuzudrehen. Aber konnte sie es auf einen Versuch ankommen lassen? Sie verstand, dass er enttäuscht über ihre Reaktion war. Trotzdem war seine Drohung ungerecht. Er konnte doch nicht von ihr verlangen, dass sie wie ein x-beliebiger Angestellter …

„Ich brauche deine Antwort jetzt auf der Stelle. Wenn du nein sagst, rufe ich die erstbeste Person, die mir einfällt, an und biete ihr dein Taschengeld als fetten Bonus.“

„Na schön“, zischte sie. Es war so verdammt unfair. Sie wünschte sich, dass er einen Schritt auf sie zumachte. Stattdessen vergrößerte er mit dieser Aktion die Kluft, die sie voneinander trennte. „Wann brauchst du mich?“

„Morgen pünktlich um acht bist du in meiner Firma, um deinen neuen Job anzutreten.“

„Job? Du hast von einer kurzen Aufgabe gesprochen!“, rief sie alarmiert.

„Während unseres Telefonats habe ich meine Meinung geändert“, erklärte er. „Niemand verdient so viel Geld, wie ich dir zustecke, für eine Arbeit von fünf Stunden.“

„Jetzt überspannst du den Bogen.“ Sie ließ ihre Stimme drohend klingen.

„Irgendwann wirst du die Firma übernehmen. Dann solltest du wissen, was von dir gefordert wird.“

„Das Thema hatten wir bereits. Mich interessiert Amber Heart nicht. Dein Schmuck ist mir zu langweilig und dieser Formel-1-Zirkus kann mir sowieso gestohlen bleiben. Wenn du also glaubst, ich würde jemals die Leitung übernehmen, dann hast du dich …“

„Wir sehen uns morgen im Büro“, unterbrach er und trennte die Verbindung.

Fassungslos starrte sie auf ihr Handy. Was zur Hölle war gerade passiert? Hatte ihr Vater sie tatsächlich gezwungen, in seiner Firma zu arbeiten? Jahrelang hatte sie sich erfolgreich geweigert, auch nur den geringsten Einblick in sein Tagesgeschäft zu nehmen. Er verdiente gutes Geld damit. Mehr musste sie nicht wissen. Und jetzt sollte sie plötzlich eine seiner Angestellten sein?

Wütend warf sie das Handy auf die Couch. Dabei fiel ihr Blick auf Marcs Jacke. Bestimmt würde sie ihm bei ihrem neuen Job über den Weg laufen. Wie peinlich. Wenigstens konnte sie ihm so die Jacke zurückgeben, ohne vor seinem Haus aufschlagen zu müssen.

3. Kapitel

Montag, 16. Oktober 2017

„Es tut mir sehr leid“, sagte Marc ruhig und legte seine Hände auf seinen Oberschenkeln ab, um nichts Unüberlegtes zu tun. „Mein Verhalten war unprofessionell und unverschämt. Das ist mir bewusst. So etwas wird nicht noch einmal vorkommen.“

Der grauhaarige Mann hinter dem großen, mit Papieren gefüllten Schreibtisch wirkte nicht überzeugt. Jedem in diesem Raum war klar, dass es sich bei Herrn Gruber um den Mann handelte, der über ihr Schicksal entschied. Ihr Boss war ein höflicher, geduldiger, gewinnorientierter Mann. Er führte das Team mit strenger, gerechter Hand. Aber Marc hatte seine Geduld schon mehr als einmal überbeansprucht. Es war Zeit, zu Kreuze zu kriechen.

„Ich verspreche Ihnen, dass ich in Zukunft nicht mehr so emotional reagieren werde.“

„Das hoffe ich doch sehr.“ Herr Gruber fixierte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. „In den letzten Wochen waren Sie ganz offensichtlich nicht Sie selbst. Keine Ahnung, was genau in Sie gefahren ist. Aber wir müssen das in den Griff kriegen.“

Marc biss die Zähne zusammen. „Natürlich, Boss. Ich werde daran arbeiten. Bitte geben Sie mir eine Chance.“

„Darum sollten Sie nicht nur mich bitten.“

Marc nickte. Jetzt kam der wirklich schwierige Teil. Er wandte sich dem Mann zu, der neben ihm auf einem der Sessel vor Herrn Grubers Schreibtisch saß.

„Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Private Schwierigkeiten haben auf der Rennstrecke nichts zu suchen. Das habe ich verbockt, aber ich bin mir sicher, wir finden einen freundschaftlichen Ton. Ich hatte nicht das Recht, mich dermaßen abfällig über dich zu äußern …“

„Vor der Presse zu äußern“, korrigierte Herr Gruber. „Sie haben Herrn Aigner eines unsportlichen Verhaltens beschuldigt. Während ein Mikrofon vor ihrem Mund geschwenkt wurde! Das ist unverzeihlich.“

In erster Linie war es furchtbar dämlich und unüberlegt gewesen. „Ich weiß. In letzter Zeit war mein Verhalten nicht sonderlich kollegial.“ Und das nicht nur Frederick Aigner gegenüber. „Wir sollten zusammenarbeiten und uns unterstützen.“

Fredericks Augen blitzten amüsiert, doch sein Gesicht blieb ernst. „Denkst du, dass wir beide jemals Freunde werden?“

Er sah von seinem Boss zu seinem Kollegen. Frederick trug zwar dunkle Jeans, aber dank seines Hemdes wirkte er fast genauso elegant wie Herr Gruber in seinem Anzug. Marc hatte nicht viel mit ihnen gemeinsam. Er hätte am liebsten einfach bejaht und das Ganze hinter sich gelassen. Aber er durfte es sich nicht schon wieder zu einfach machen. Dass er viel zu lange unterdrückt hatte, was er wirklich dachte, hatte ihm schließlich diesen Schlamassel eingebrockt.

„Nein“, antwortete er deshalb ehrlich.

„Das erwartet ja auch niemand, aber eine professionelle Zusammenarbeit ohne Streitereien und Konflikte sollte wohl möglich sein!“, empörte sich Herr Gruber.

„Vielleicht habe ich mich ihm gegenüber am Anfang auch nicht gerade fair verhalten. Ich habe unsere Rivalität gefördert. Aber seit ich in einer Beziehung bin, sehe ich manches anders. Zum Glück kann man sich ja weiterentwickeln.“

Ja, klar. Indem man so etwas Dämliches machte, wie sich in eine unscheinbare Gärtnerin zu verknallen und mit ihr auf dem Beifahrersitz dem Sonnenuntergang entgegenzurasen. Marc würde an Fredericks Stelle einen Umweg zu einem Abgrund fahren, in den er sich stürzen konnte.

„Ich kann diese dauernde Rivalität in meinem Team nicht dulden“, verkündete Herr Gruber. „Statt Sie zu Bestleistungen anzutreiben, bringt sie Sie dazu, gefährliche Risiken einzugehen. Bei dem Rennen in Suzuka haben Sie sich gegenseitig Ihre Wagen geschrottet, obwohl Frederick bloß überrunden wollte. Wir hätten ein großartiges Ergebnis einfahren können. Kein anderes Team hat uns so viel geschadet wie wir uns selbst.“

Der Tadel war nicht unbegründet und ging direkt in Marcs Richtung. Er hatte in dieser verdammten Kurve einfach nicht nachgeben können. Auch wenn er nicht Frederick, sondern viel eher Thimo Paroli geboten hatte. Das Gesicht seines Bruders war vor seinem inneren Auge erschienen, wie er dastand und Marc wieder etwas wegnahm, das der verdient hatte. Erst als die Reifen von Fredericks und Marcs Wagen sich berührt hatten und sie beide von der Fahrbahn abgekommen waren, hatte Marc wieder zurück in die Gegenwart gefunden.

„Es war ein Fehler meinerseits. Aber ich verspreche …“

„Jaja.“ Herr Gruber winkte ab. „Der gemeinsame Campingausflug, auf den ich Sie beide geschickt habe, hat anscheinend gar nichts gebracht. Dann muss ich zu anderen Maßnahmen greifen, damit dieser ständige Wettkampf sich im vernünftigen Rahmen abspielt.“

Marc stöhnte. Nochmal mehrere Stunden am Stück mit diesem Schönling verbringen zu müssen, stand auf seiner Wunschliste wahrlich nicht ganz oben.

Er sah seinen Boss an. Die Wand hinter Herrn Gruber war mit Bildern und Auszeichnungen gespickt. Marc erkannte Fotos von seinem Chef mit Berühmtheiten, Urkunden von gewonnenen Wettkämpfen. Aber alles hing mit der Schmuckkollektion von Amber Heart zusammen. Nichts davon hatten Frederick oder Marc für ihren Boss erreicht. Es wurde Zeit, dass sich das änderte. Aber der Weg, den Herr Gruber andachte, war nicht der richtige.

„Ich glaube nicht, dass sich unser Verhältnis bessern wird, wenn Sie uns zwingen wollen, unsere spärliche Freizeit miteinander zu verbringen.“

„Das sehe ich ähnlich. Stattdessen werden Sie lernen, zusammenzuarbeiten. Sie werden sich die Rennen Ihres Kollegen ansehen und danach besprechen, wie Sie sich verbessern können.“

Frederick gab einen erstickten Laut von sich. Anscheinend waren Marc und er das erste Mal seit langem einer Meinung.

„Ich halte das für keine gute Idee, Herr Gruber. Wenn wir uns gegenseitig auf unsere Fehler aufmerksam machen, stachelt das unsere Rivalität doch noch mehr an.“

Ihr Boss schüttelte den Kopf. „Sie werden lernen, auf die Schwächen des anderen zu achten und ihm Rückendeckung zu geben, wenn er sie brauchen sollte.“

„So einfach ist das nicht“, widersprach Marc. „Frederick bremst immer noch zu spät. Soll ich mich im Notfall vor ihn schieben und ihn dazu zwingen?“

„Warum versuchen Sie nicht stattdessen, sich ihm nicht in den Weg zu stellen, damit er noch später bremst, um Sie ausstechen zu können, Herr Raschen? Und Sie, Herr Aigner, achten auf die rechte Seite von Herrn Raschen.“

Marc richtete sich auf. „Meine rechte Seite? Was ist damit?“

„Wenn du rechts überholt wirst, ziehst du meist zu weit zu deinem Gegner“, antwortete Frederick für Herrn Gruber.

„Blödsinn!“

„Da sogar Herrn Aigner dieses kleine Problem bereits aufgefallen ist, sollten Sie es besser nicht ignorieren“, befahl Herr Gruber. „Arbeiten Sie daran. Beide. Sie sind ab jetzt für Erfolg und Misserfolg Ihres Kollegen mitverantwortlich.“

Diese Neuerung passte Marc überhaupt nicht in den Kram. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Darüber müssen wir uns noch einmal unterhalten.“

„Gerne. Sobald sich die ersten Ergebnisse zeigen.“

Herr Gruber griff nach der Dokumentenmappe, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. „Das wäre dann alles, Herr Aigner.“

Frederick nickte. „Schönen Tag noch.“

Hastig machte er sich aus dem Staub. Ob der Streber gleich damit begann, Marcs Videos auf Fehler zu durchforsten? Bestimmt erstellte er dabei sogar eine Rangfolge der Wichtigkeit!

„Und ich bin noch nicht entlassen?“, fragte Marc misstrauisch und hob eine Augenbraue.

„Wir müssen über die Sache mit Ihrem Bruder sprechen.“

Sofort kehrte die Verbitterung zurück. Er wollte nicht an seinen Bruder denken, nachdem er sich noch nicht einmal davon erholte hatte, sich bei Frederick entschuldigen zu müssen.

„Vielleicht verschieben wir das auf ein anderes Mal.“

Herr Gruber schüttelte den Kopf. „Das wird jetzt geklärt.“

Die blau-braunen Augen betrachteten Marc voller Ernst.

Seit sie sich kennengelernt hatten, war das graue Haar seines Bosses immer kürzer geworden. Marc hatte auch die Müdigkeit bemerkt, die in den letzten Wochen nicht mehr von Herrn Grubers Gesicht gewichen war. Ob sein Boss sich die Führung des Teams leichter vorgestellt hatte? Marcs Streitereien erschwerten die Aufgabe von Herrn Gruber auf jeden Fall.

„Ich fürchte, das ist jetzt weder die richtige Zeit noch der richtige Ort“, meinte Marc und stand auf. „Erst muss ich mit meinem Bruder in Ruhe sprechen. Und im Augenblick sind er und ich nicht in der Lage, uns auch nur anzusehen, ohne uns an die Gurgel zu gehen.“

„Dann werden Sie dafür sorgen, dass sich das ändert. Ich habe Verständnis für Spannungen in Familien. Davor ist niemand gefeit. Aber das, was Thimo und Sie aufführen, hat Auswirkungen auf unser gesamtes Team. Das kann ich nicht zulassen.“

Marc steckte die Hände in seine Hosentaschen, um sie nicht zu ballen. „Das ist aber eine Sache, die wir privat klären müssen. Ich habe Patrick schon mitgeteilt, dass er Thimo wieder einsetzen kann. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ Er machte sich auf den Weg zur Tür.

„Setzen Sie sich sofort wieder hin!“

Der Befehlston in Herrn Grubers Stimme ließ Marc zusammenzucken. Das war eine neue Seite an seinem Boss. Folgsam kehrte er zu seinem Stuhl zurück und plumpste darauf. „Ja?“

Herr Gruber beugte sich nach vorne und fixierte ihn mit verärgertem Gesichtsausdruck. „Fahren Sie Ihre Starallüren möglichst schnell runter. Damit stoßen Sie inzwischen nicht nur die Presse vor den Kopf.“

„Wenn Sie von mir erwarten, dass ich mich wie Frederick mit einem Zahnpasta-Lächeln und guter Laune vor die Kameras stelle, muss ich Sie enttäuschen. Sie haben mich eingestellt, weil ich ein guter Fahrer bin, nicht weil ich mit der Presse flirte.“

„Dann bringen Sie die Leistung, die ich von Ihnen erwarte. Halten Sie sich erst einmal von der Presse fern, wenn Ihre Hormone gerade verrücktspielen. Aber hören Sie auf, die anderen Mitglieder meines Teams zu schikanieren. Ich erwarte von Ihnen Professionalität. Ihre Privatprobleme klären Sie nicht auf der Rennstrecke.“

Marc wollte widersprechen. Er verspürte den Drang, um sich zu schlagen und Herrn Gruber zu schütteln. Aber tief in seinem Inneren wusste er, dass sein Gegenüber recht hatte. Sein Boss hatte Respekt verdient. Teil dieses Teams zu sein und die Zukunft von Amber Heart Racing mitzugestalten, war sein Lebensinhalt. In den letzten Tagen hatte er sich allerdings nicht verhalten, als wäre ihm irgendetwas davon wichtig.

„Ich werde Sie nicht länger enttäuschen“, versprach Marc. „Ab jetzt werde ich mich wieder ganz auf meine Aufgabe fokussieren. Meinem Bruder gegenüber werde ich mich zurückhalten. Frederick werde ich wie einen Kollegen behandeln. Aber dieser Harmoniequatsch liegt mir dennoch nicht.“

„Eine schockierende Information. Ich hatte gehofft, wir könnten ab jetzt gemeinsam Einhörner sammeln.“

Der trockene Humor brachte Marc zum Grinsen. Doch er wurde schnell wieder ernst.

„Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde Frederick beibringen, was ich weiß. Wenn er mich lässt. Das mit meinem Bruder ist komplizierter …“

„Das ist Liebe immer. Aber ich hatte den Eindruck, dass diese Frau und Sie nicht die enge Beziehung hatten, die Ihr aggressives Verhalten Thimo gegenüber erklärt. Er liebt Gitta wirklich.“

„Greta“, korrigierte Marc.

„Gönnen Sie ihm doch sein Glück“, forderte Herr Gruber. „Oder empfinden Sie mehr für Gitta …“

„Greta.“

„Empfinden Sie mehr für Greta, als es bisher den Anschein hatte?“

Marc schüttelte den Kopf.

„Dann verstehe ich Ihr Problem nicht.“

„Da geht es Ihnen wie meinem Bruder“, gab Marc zu. „Ich glaube nicht an Liebe. Greta hat verdient, glücklich zu werden. Aber Thimo hat mich enttäuscht. Ihm kann ich nicht so leicht verzeihen.“

Herr Gruber lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück, griff nach einem Stift und klopfte damit auf die Akte, die er zu sich geschoben hatte. Er räusperte sich.

„Als ich die Auswirkungen dieses Dramas auf unser Team nicht mehr ignorieren konnte, habe ich mich mit Ihrem Bruder unterhalten. Ich kenne seine Sicht auf die Geschehnisse. Für mich hat es nicht geklungen, als müsse er sich allzu große Vorwürfe machen. Vielleicht war es nicht klug, Ihnen die Wahrheit so lange vorzuenthalten. Aber andere Gründe für Ihren Ärger kann ich nicht erkennen.“

Neuerlich kochte die Wut in Marc hoch. Noch einmal fühlte er sich verraten, hintergangen. Welches Recht hatte sein Boss, sich in diese Sache einzumischen?

„Die Details des Gespräches mit Thimo werden diesen Raum nicht verlassen“, versprach Herr Gruber.

Marc schnaubte. „Da sagt Ihre Tochter aber etwas ganz anderes.“

„Was hat Elaisa damit zu tun?“ Sein Boss runzelte die Stirn, während der Stift in der Luft hängen blieb.

„Sie weiß über alles Bescheid. Ganz offensichtlich ist mein Privatleben hier doch interessanter, als Sie behaupten.“

„Von mir hat sie das nicht. Allerdings hat sie ihre Ohren überall. Ein Streit unter Brüdern, die beide für das Team arbeiten. Sie können nicht erwarten, dass das niemand bemerkt. Den Rest hat meine Tochter sich vielleicht zusammengereimt. Halten Sie die Menschen in Ihrem Umfeld nicht für dumm.“ Der Stift tippte neuerlich auf die Akte. „Sie müssen mit mir nicht die Details besprechen. Ich kenne Ihren Lebenslauf. Ihre schwierige Kindheit hat Sie zu dem Mann gemacht, der Sie heute sind. Wenn irgendetwas davon nicht aufgearbeitet ist, sollten Sie sich darum kümmern. Sie können mit mir reden, falls Sie das Bedürfnis haben. Ich bin für Sie da, wenn Sie mich brauchen. Doch Ihre Leistungen müssen besser werden.“

Marc biss die Zähne zusammen. „Ich habe verstanden.“

„Das hoffe ich. Sie sind ein stolzer, verschlossener Mann. Mir ist bewusst, dass Sie persönliche Gespräche meiden wie den Rasenstreifen neben der Rennstrecke. Ich werde Sie nicht weiter belästigen, solange Sie mir dazu keinen Anlass geben. Trotzdem sehe ich uns alle wie eine Familie. Durch unsere Adern mag Benzin fließen, aber wir wollen alle das Gleiche. Es ist mir wichtig, Ihnen begreiflich zu machen, dass meine Tür jederzeit für Sie offensteht.“

Diese höflichen Formulierungen und dieser Eiertanz waren Marc zuwider.

„Danke, Boss. Ich weiß, dass Sie nicht grundlos neugierig sind und wie dieses Angebot gemeint ist. Vielleicht ein andermal.“

Herr Gruber nickte. „Schön. Dann lassen Sie sich draußen die Aufzeichnungen von Frederick geben. Morgen können Sie alles Weitere mit dem Team besprechen.“

„Wie Sie wünschen, Boss.“ Marc sprang auf. „Bis zum nächsten Mal.“

„Ich hoffe, diese Art von Besuch ist in nächster Zeit nicht notwendig. Lieber wäre es mir, Sie würden mal auf einen Kaffee und eine Plauderei vorbeikommen.“

„Wenn meine neuen Aufgaben mir Zeit dazu lassen, sehr gerne.“ Marc zog eine Grimasse. Dann schob er sich schnell aus dem Büro. Der Boss war ein netter Kerl. Aber er hatte die unschöne Angewohnheit, den Finger direkt in offene Wunden zu legen.

Der Arbeitsplatz vor dem Büro von Herrn Gruber war nicht besetzt. Unschlüssig sah er sich nach dem Video um, von dem der Boss gesprochen hatte. Als er keine DVD auf dem Schreibtisch entdecken konnte, machte er sich auf die Suche nach Herrn Grubers Sekretärin.

Im Gang weiter vorne befanden sich weitere Büros. In einem saß Mathias, der beste Freund von Thimo. Dem wollte Marc unter allen Umständen aus dem Weg gehen. Er öffnete die erste Tür zu seiner Linken.

Der Anblick, der sich ihm bot, vertrieb seine schlechte Laune. Stattdessen bemerkte er, wie sich sein Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen hob.

Schwindelerregend hohe Absätze, nicht enden wollende Beine, ein fester, runder Hintern, verpackt in einem engen, kurzen Rock. Der Rest der Frau befand sich über der tiefen Schublade, in der sie nach etwas zu suchen schien. Dann zog sie an einer Mappe, bekam sie aber nicht heraus, weil die Schublade so vollgestopft war.

„Kann ich helfen, bevor Sie von den Unterlagen verschluckt werden?“, erkundigte er sich amüsiert.

Die Frau richtete sich auf und wirbelte zu ihm herum.

Blinzelnd machte er einen Schritt zurück. Wurde er gerade Opfer einer optischen Täuschung? In der Rolle der Sekretärin hatte er Elaisa noch nie gesehen.

„Was machst du denn hier?“, fragte er verdutzt.

4. Kapitel

„Ich finde es auch schön, dich zu sehen“, erwiderte Elaisa. Sie hatte sich gewünscht, ihn zu sehen. Aber musste er sie unbedingt in dieser seltsamen Pose erwischen? Sie hatte gehofft, sie würde diesmal elegant und weltmännisch erscheinen. Ach, wen juckte es?

„Seit wann arbeitest du?“

Diese Frage hätte er auch höflicher stellen können. Tatsächlich hatte sie sich bereits in dem einen oder anderen Job versucht. Was konnte sie dafür, dass sie sich so schnell langweilte?

Sie krauste ihr Näschen. „Seit heute Morgen. Mein Dad ist der Meinung, ich soll ein wenig Verantwortung übernehmen. Vielleicht habe ich ihn bis Mittwoch davon überzeugt, wie dämlich diese Idee ist. Ich wollte eigentlich für ein paar Tage nach Hawaii fliegen. Hast du Lust, mich zu begleiten?“ Sie zwinkerte ihm zu.

„In dieser Saison stehen noch vier Rennen an.“

War er von ihrem Vorschlag tatsächlich so überrumpelt, wie es den Anschein hatte?

„Das war kein Nein. Pack deine Sachen und hau einfach mit mir ab.“

„Ich arbeite für deinen Vater. Glaubst du tatsächlich, ich kann mit dir blau machen, ohne dass er es erfährt?“ Er schloss die Tür ihres Büros, kam näher und setzte sich halb auf den Schreibtisch.

„Wir könnten es ihm verheimlichen. Geheimnisse machen mich unglaublich an.“ Sie sog die Unterlippe ein und warf ihm einen einladenden Blick zu.

„Ist dein Leben so langweilig?“, fragte er bissig, doch seine Pupillen hatten sich geweitet.

Sie zuckte mit den Schultern und strich ihren Rock glatt. Als sie damit hier aufgetaucht war – natürlich mit fast zwei Stunden Verspätung -, hatte ihr Vater verärgert die Stirn gerunzelt. Doch er war stumm geblieben. Erst als sie ihre Jacke abgelegt und darunter ihre halb durchsichtige Bluse zum Vorschein gekommen war, hatte er einen giftigen Kommentar abgegeben. Wie sehr sie es genossen hatte, ihren Vater zu provozieren. Wenigstens hatte er sie so für ein paar Augenblicke bemerkt.

Sie fixierte den Mann beim Schreibtisch. „Nicht wenn ich es verhindern kann“, beantwortete sie Marcs Frage. „Also muss ich warten, bis die Rennen vorbei sind, damit ich jemanden habe, der mir den Rücken eincremt?“

„Auch danach habe ich wenig Zeit. Erst kommt die Testfahrt und danach müssen wir uns um die Vorbereitungen für nächstes Jahr kümmern. Bestimmt hast sogar du bemerkt, dass dein Vater immer viel zu tun hat. Zum Beispiel wenn er nicht daheim ist, damit du ihn um mehr Zuschuss anschnorren kannst.“

Frech und überhaupt nicht eingeschüchtert vom Geld ihrer Familie! Das mochte sie bei Kerlen. Sie würde sich keinesfalls auf ihn einlassen, aber das Anheizen, das Sticheln, machte verdammt viel Spaß.

„Ich besitze mein eigenes Vermögen“, erklärte sie und ging langsam auf ihn zu. Zumindest stimmte das, bis ihr Dad ihre Konten einfror. „Damit könnten wir uns problemlos ein paar Tage vergnügen.“

Seine Augen wurden schmal. „Du wirkst ganz schön aufdringlich dafür, dass du angeblich keinerlei Interesse an mir hast.“

Direkt vor ihm blieb sie stehen. Sie sah in seine braunen Augen, ein Meer von Karamell. Von diesen Kalorien hielt sie sich besser fern.

„Und würdest du nur ein wenig darauf eingehen, würde ich dieses Spielchen sofort beenden, Schätzchen.“

Erst schien er ihr nicht zu glauben, dann beugte er sich etwas vor, kam ihr so nahe, dass sie plötzlich das Bedürfnis hatte, von ihm wegzutreten. Das Braun seiner Iris veränderte sich, wurde dunkler, verwandelte sich in dunkle Schokolade. Sie nahm den Geruch seines Aftershaves wahr, spürte den sanften Hauch auf ihrer Wange, immer wenn er ausatmete, und glaubte sogar, sein Herz schlagen zu hören.

Statt zu genießen, dass sie ihm gleich eine Abfuhr erteilen durfte, hatte sie das Gefühl, in seine Falle zu tappen. Sie war wie gebannt, vergaß das Spiel und wünschte sich stattdessen, er würde sie in den Arm nehmen und ihre weichen Lippen mit seinen verschließen.

Blinzelnd schluckte sie, als ihr Mund plötzlich austrocknete. Verdammt, was dachte sich ihr Körper denn nur dabei, auf seine Nähe mit Sehnsucht zu reagieren?

„Ich glaube, du würdest es genießen, wenn ich dein Angebot annehmen würde.“ Er beugte sich näher zu ihrem Ohr. Seine Lippen berührten einen Augenblick lang ihr Ohrläppchen. „Bestimmt schmilzt du dahin, wenn ich dich küsse. Wonach du wohl schmeckst?“

In ihrem Magen flatterte es. Seine Hand griff nach ihrer, die an ihrer Seite hing. Sein Daumen strich über ihren Handrücken. Sie konnte hören, wie sich seine Atmung beschleunigte.

„Und wenn meine Hände dich erst mal aus dieser Kleidung geschält haben, können sie dich innerhalb von Sekunden zum Stöhnen bringen. Ich weiß, wie ich dir Vergnügen bereiten kann. Vergiss diese High Society-Bürschchen, diese Mama-Söhnchen. Du brauchst einen richtigen Mann, der dir Grenzen aufzeigt.“

Die Muskeln in ihrem Becken zogen sich zusammen.

„Gib mir nur eine Nacht und du lernst eine ganz neue Seite von dir kennen. Ich glaube, ich kann deinen Geschmack bereits auf meiner Zunge schmecken.“

Zwischen ihren Beinen pochte es schmerzhaft. Das durfte nicht passieren! Als sie ihre Hand wegzog und schockiert zurückstolperte, verstummte er.

Schwer atmend starrte sie ihn an. Was genau war das gerade gewesen? Marc wirkte auf einmal genauso überrascht wie sie. In seinen Augen las sie Verwirrung, als hätte ihn seine Reaktion auf sie überrumpelt. Er hatte sie testen wollen. Allem Anschein nach konnte er mit dem Ergebnis nichts anfangen. Oder fand er es ebenso anregend wie sie?

„Netter Versuch“, murmelte sie und bemühte sich um einen gleichgültigen Gesichtsausdruck. „Ehrlich. Ganz kurz habe ich dir die Show abgenommen. Aber du vergisst, dass ich Kerle wie dich kenne. Ich würde dich um den Verstand bringen.“

„Mit deiner Kratzbürstigkeit ganz bestimmt.“ Marc hob eine Augenbraue. „Deine Stimmung wechselt schneller als die Boxencrew einen Reifen.“

„Womit wir wieder mal bei deinem Bruder wären. Wie läuft es denn in Sachen Trennungsaufarbeitung?“

Er seufzte und stand auf. Mit ihrem Kommentar hatte sie offensichtlich endgültig jeglichen Eindruck von Nähe im Keim erstickt. „Das Thema interessiert deinen Vater beinahe so brennend wie meine Rivalität mit Frederick.“

„Dann solltest du ihn vielleicht nicht verärgern, indem du Aigner über das Fernsehen ausrichten lässt, was du von ihm hältst“, schlug sie vor.

Als sie daran dachte, welchen Auftritt er hingelegt hatte, musste sie grinsen. Seine Augen hatten vor Wut geblitzt, seine Lippen hatten gebebt und seine etwas zu langen Haare hatten nach allen Richtungen abgestanden, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen, als hätte er gerade …

„Alles klar bei dir?“, fragte er. „Hat mein Interview von damals dich dermaßen aufgewühlt?“

Ihre Gedanken waren neuerlich in eine Richtung abgeschweift, in der sie nichts zu suchen hatten. Dieser Mann war viel zu sexy. Er würde ihr nur Ärger bereiten. Und trotzdem hörte ihr Körper nicht auf ihren Verstand. Wie überaus ärgerlich! Sie musste dafür sorgen, dass Marc nicht in Versuchung geriet, seine gefährlichen Tricks noch einmal bei ihr anzuwenden. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn sie schwach werden sollte …

„Ich habe mir nur vorgestellt, wie Frederick sich dabei gefühlt haben muss, als er deine Worte gehört hat. Das war wirklich nicht höflich von dir. Dabei ist dein Kollege so ein netter Kerl.“

Marc schnaubte und zog die Augenbrauen zusammen. „Vermutlich glaubst du auch, er ist ein Heiliger. Du würdest ihm bestimmt abkaufen, dass er in seiner Freizeit Welpen streichelt und alten Damen in Krankenhäusern vorliest.“

„Eigentlich habe ich angenommen, er würde eher kranken Kindern ihren größten Wunsch erfüllen. Aber was weiß ich schon. Jedenfalls freue ich mich sehr, dass er im Team meines Daddys arbeitet.“ Weil sie dann eine Möglichkeit hatte, Marc rasch auf die Palme und auf andere Gedanken zu bringen.

„Dein Vater sieht das genauso. Er glaubt, ich kann noch von diesem glattpolierten Streber lernen! Das ist auch der Grund, warum ich eigentlich hier reingeschneit bin.“

Sie zog eine Schnute. „Und ich habe gehofft, du wärst nur meinetwegen hier.“

„Das nächste Mal vielleicht, Schätzchen. Jetzt sag mir lieber, wo die Sekretärin vom Boss steckt. Ich brauche die Mitschnitte der Rennen, die sie für mich zusammengestellt hat.“

„Heißt das, du willst schon gehen? Wie schade.“

„Ich habe keine Zeit mehr für unnützes Geplänkel. Kannst du mir jetzt helfen oder nicht?“

„Sekunde.“ Sie ging zu dem Kleiderständer in der Ecke ihres kleinen Büros und holte Marcs Jacke, die sie ihm entgegenstreckte. „Danke fürs Borgen. Du kannst sie wieder mitnehmen und ich gebe dir gleich, was du brauchst.“

Er hob eine Augenbraue, als er danach griff. „Das klingt vielversprechend.“

Entgegen ihrer sonstigen Art errötete sie. „Zu spät, Cowboy.“

Sie marschierte schnell an ihm vorbei und öffnete die Tür ihres Büros. Ohne zu warten, ob er ihr folgte, machte sie sich auf den Weg zum Arbeitsplatz der Chefsekretärin.

Elaisa hatte heute Morgen nur beiläufig mitbekommen, was ihr Vater plante. Aber da er dabei mit zwei USB-Sticks herumgewedelt hatte, wusste sie zumindest, wonach sie suchen musste.

Die Sekretärin war nicht an ihrem Platz. Elaisa entdeckte auch ohne ihre Hilfe den besagten USB-Stick auf einem Stoß von Dokumenten. Sie übergab ihn an Marc. „Ich glaube, das ist, wonach du suchst.“

„Das bezweifle ich.“ Er grinste schief und zwinkerte ihr zu. „Vielleicht finden wir ja noch die Gelegenheit, um meine Bedürfnisse genauer zu erforschen.“

Sein Timing war verdammt mies. Immer wenn es ihr gelang, ihre Flirterei zurückzufahren, packte er seinen Charme aus. Ließ er sie am ausgestreckten Arm verhungern, drängte es sie, noch offensiver zu sein. Doch sie musste ehrlich zu sich sein. Hätte er versucht, auf ihre nicht ernst gemeinten Avancen einzugehen, hätte sie bereits jegliches Interesse verloren. Wäre er bloß nicht so verlockend …

„Denkst du tatsächlich, du kannst mich so leicht um den Finger wickeln?“, erkundigte sie sich.

Das Lächeln auf seinem Gesicht vertiefte sich, wurde verführerisch. „Ich habe nicht vor, dich um den Finger zu wickeln. Mir schwebt eigentlich vor, deinen ganzen Körper an mir zu spüren.“

Hitze breitete sich in ihrem Magen aus. Sie saugte ihre Unterlippe ein und überlegte, wie sie reagieren sollte. Ihr Büro war bestimmt nicht schalldicht. Vielleicht könnten sie dennoch …

„Das schlagen Sie sich besser gleich aus dem Kopf“, verkündete plötzlich die Stimme ihres Dads.

Sie fuhr herum, während Röte ihre Wangen überzog.

„Es ist nicht nett, das Privatgespräch von zwei erwachsenen Menschen zu belauschen.“

„Herr Raschen hat keine Zeit für Privatgespräche, weil er im Augenblick zu arbeiten hat“, sagte ihr Vater. „Er sollte auch kein Interesse an dieser Art von Unterhaltung haben. Nicht an seinem Arbeitsplatz und nicht mit meiner Tochter! Ich hoffe, das war deutlich genug ausgedrückt.“

Wütend stemmte sie die Hände in die Hüften. „Das kann er doch wohl allein entscheiden.“

„Schon gut.“ Marcs Stimme klang angespannt.

„Unsinn! Wie immer glaubt mein Dad, er muss mich bevormunden. Aber das lasse ich nicht zu.“

„Schön, tu, was du willst“, erklärte ihr Vater. „Dann wende ich mich an Herrn Raschen. Kein Techtelmechtel mit meiner leicht zu beeinflussenden Tochter!“

„Ich habe verstanden, Boss“, antwortete Marc.

Ihr Blick flog zu ihm. Kniff er etwa so schnell den Schwanz ein? Wie armselig!

„Mein Vater hat kein Recht, sich einzumischen.“

„Ganz offensichtlich ist es mir bislang nicht gelungen, dich zur Vernunft zu bringen.“ Ihr Vater blickte streng. „Ich hoffe, die Arbeit hier wird dich lehren, Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Bis es soweit ist, bleibt mir nur, dich von Ärger fernzuhalten. Und Herr Raschen bedeutet Ärger. Entschuldigen Sie meine Ehrlichkeit, Marc.“

„Privates und Berufliches zu trennen, halte ich für keinen Fehler“, stimmte Marc zu.

„Mal sehen, ob ich da nicht doch ein Wörtchen mitzureden habe“, murmelte Elaisa enttäuscht.

„Wie bitte?“ Die Stirn ihres Vaters war zerknitterter als ihre Partykleidung, wenn sie darin geschlafen hatte.

Sie zuckte mit den Schultern. Dann wandte sie sich Marc zu.

„Leider wurde unsere Zweisamkeit etwas zu früh gestört. Wenn du die Gehirnwäsche meines Vaters überwunden hast, kannst du dich gerne wieder bei mir melden. Ich würde mich freuen.“ Nachdem sie ihm zugezwinkert hatte, warf sie ihm noch eine Kusshand zu.

Marcs Ohren röteten sich. Die Situation war ihm wohl unangenehm. Das brachte sie dazu, ihr Grinsen noch zu vertiefen.

Sie wandte sich um und kehrte in ihr vorübergehendes Büro zurück. Mit einem Knallen warf sie die Tür hinter sich zu und ließ sich auf den Schreibtischstuhl plumpsen.

Der Ärger kochte in ihr. Kannte ihr Vater sie denn gar nicht? Wusste er nicht, dass sein Widerspruch sie nur noch mehr anstachelte? Eine Dienstanweisung an einen Angestellten zu erteilen, die dessen Privatleben betraf! Hatte er so etwas jemals schon gewagt? Bestimmt nahm er sich so eine Peinlichkeit nur heraus, wenn es um sie ging. Aber er würde schon noch sehen, was er davon hatte!

Ein leises Klopfen an ihrer Tür erklang, bevor sie geöffnet wurde. Elaisa gab nicht einmal vor, beschäftigt zu sein, als die Sekretärin ihres Dads eintrat.

„Darf ich kurz stören?“, erkundigte Anna sich vorsichtig.

Ob sie irgendeinem anderen Angestellten der Firma diese Frage ebenfalls stellte? Elaisa hob eine Augenbraue.

„Klar“, antwortete sie.

„Ihr Vater hat am Mittwochnachmittag eine wichtige Präsentation anberaumt. Er hat gemeint, Sie wüssten bereits Bescheid.“

Sie nickte. „Ja, die große Sause, für die er meine Hilfe braucht.“

„Die meisten Punkte sind bereits geklärt. Ich soll Sie jetzt bitten, die Teilnehmer und Veranstalter noch einmal zu kontaktieren, damit auch wirklich alles glattläuft.“

Anna kam näher und legte eine Mappe vor Elaisa ab. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien sie nicht davon überzeugt zu sein, die Tochter des Bosses wäre fähig, sich um diese Telefonate zu kümmern.

„Der Termin ist wohl tatsächlich sehr wichtig“, schlussfolgerte Elaisa.

„Es sind einige potenzielle Investoren eingeladen, die Herr Gruber gerne von unserem Team überzeugen möchte. Und gleich im Anschluss trifft er sich mit neuen Kunden für die Amber Heart Collection. Die Termine sind perfekt aufeinander abgestimmt. Im Anschluss ist ein gemeinsames Abendessen mit den Fahrern des Teams, den Investoren und den Kunden geplant.“

Sehr interessant, aber auch sehr straff durchgeplant. Man stelle sich vor, die Investoren wären nicht rechtzeitig anwesend oder die Kunden erschienen zu früh. Die noblen Ladies, die sich eigentlich für Schmuck interessieren, müssten sich Vorträge über Motoren anhören. Geschäftsmänner, die auf Werbung für ihre Firmen bei den Rennen hofften, sähen sich plötzlich dicken Klunkern und Glitzer gegenüber. Das perfekte Chaos. Und sie wäre dafür zuständig, dass alles in geordneten Bahnen verlief.

Elaisa unterdrückte ein Grinsen. Gott, was hatte ihr Dad sich nur dabei gedacht, die letzte Kontrolle ihr zu übertragen? Wusste er nicht, wie wütend sie auf ihn war, weil er sie dazu gezwungen hatte, ihm zu helfen? Ahnte er tatsächlich nicht, wozu sie fähig war?

Sie setzte ein höfliches Lächeln auf und streckte sich, um die Mappe näher zu sich heranzuziehen.

„Danke für die Informationen. Mein Vater schwärmt immer wieder von Ihrer Perfektion. Ich bin sicher, ich werde mich in den Unterlagen problemlos zurechtfinden. Sie können sich darauf verlassen, dass ich alle notwendigen Leute anrufe.“

„Vielen Dank.“ Anna wirkte erleichtert. Sie näherte sich rückwärts der Tür. „Wenn Sie doch Hilfe benötigen sollten, sagen Sie mir einfach Bescheid.“

„Na klar. Machen Sie sich keine Sorgen.“ Wobei das wohl sehr leichtsinnig wäre.

Die Sekträtin ihres Vaters lächelte und verschwand dann endlich.

Elaisa öffnete die Mappe und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Mit wachsender Begeisterung las sie die Namen und Steckbriefe der geladenen Personen. Hach, das würde ein Spaß werden. Zumindest für sie. Alle anderen wären vermutlich weniger amüsiert.

Wenn ihr Vater glaubte, sie würde klein beigeben, nur weil er es sich wünschte, dann hatte er sich geirrt.

5. Kapitel

Dienstag, 17. Oktober 2017

Er kniff die Augen zusammen, um die Einzelheiten auf dem Bildschirm genauer erkennen zu können. Sein Blick war bereits verschwommen, weil er seit gefühlt hundert Stunden auf den Fernseher starrte. Obwohl es sich um ein großes Exemplar handelte, hatten seine Pupillen inzwischen Schwierigkeiten, sich zu fokussieren.

„Ich sehe keine Auffälligkeiten“, stellte er klar.

„Da! Genau jetzt! Das musst du doch bemerken!“ Hoffentlich schrie Frederick nicht dermaßen unhöflich herum, weil er sich freute, Marc bei einem Fehler erwischt zu haben.

„Schön. Vielleicht bin ich da eine Millisekunde …“

„Du hast nach rechts gezogen. Gott sei Dank hast du sofort reagiert. Aber das ist jetzt bereits das fünfte Mal in drei Rennen.“

Marc biss die Zähne zusammen. Wenn Frederick recht hatte, zeichnete sich ein Muster ab. Mehr als ärgerlich, dass ausgerechnet dieses glattpolierte Model ihn darauf hinweisen musste.

„Nochmal von vorne“, meinte Frederick und sprang an den Beginn des Videos.

Rasch stand Marc auf und lief hinüber in seine Küche. Neben diesem Schönling hielt er es keine Minute länger aus. Sein Nacken kribbelte. Das Gefühl, etwas Offensichtliches nicht sehen zu können, machte ihn noch verrückt. Es war ja klar gewesen, dass sie sich in die Wolle kriegen würden, wenn sie sich gegenseitig beurteilen mussten. Welcher halbwegs vernünftige Mensch würde auch ein anderes Ergebnis erwarten? Frederick zu sich nach Hause einzuladen, war eine fast ebenso dämliche Idee gewesen. Wie konnte Marc ihn jetzt bloß schnell wieder loswerden?

Aus der Küche holte er zwei Gläser und eine Flasche Wasser. Vielleicht sollte er es Frederick hier nicht allzu gemütlich machen. Aber er hatte Durst, verdammt. Und im Notfall musste er eben deutlicher werden.

„Bereit?“, erkundigte Frederick sich, als Marc ins Wohnzimmer zurückkam.

Marc zuckte mit den Schultern und stellte ein Glas vor Frederick ab. Dann setzte er sich, füllte beide Gläser und nahm einen großen Schluck. Erleichtert lehnte er sich zurück. Sein Kollege wartete geduldig, bis Marc soweit war.

Die Ampel begann den Countdown anzuzeigen. Eine Sekunde lang schloss Marc die Augen und befand sich sofort wieder im Cockpit, dort auf der Rennstrecke in Sepang. Er spürte das Adrenalin, das das Blut durch seinen Körper pumpte. Der Geruch der Abgase trat in seine Nase. Er hörte die Menge jubeln und die Motoren heulen. Auf einmal konnte er sich an jede Sekunde des Rennens erinnern.

Er öffnete die Augen und konzentrierte sich auf den Bildschirm. An diesem Tag war er nicht besonders gut gestartet. Links hatte ihn Shukama überholt. Vor ihm war Sommer im Weg gewesen. Marc war es dennoch gelungen, sich an ihm vorbeizuschieben. Und dann …

„Jetzt! Hast du gesehen, wie du nach rechts gezogen bist?“, wollte Frederick wissen.

„Ja, weil mich jemand überholen wollte“, erklärte Marc. „Ich weiß nicht mehr, wer es war. Aber ich musste ihm den Weg versperren.“

Sein Kollege schüttelte den Kopf. „Da ist niemand gefahren.“

„Quatsch. Ich habe es aus den Augenwinkeln heraus bemerkt. Ich musste reagieren.“

Frederick beugte sich über seinen Laptop, den sie an den Fernseher angeschlossen hatten. Er drückte einige Tasten und plötzlich erschien ein anderes Video auf dem Bildschirm. „Das ist die Sicht von Denkovic, der hinter dir fährt“, erklärte er.

Und was sollte der Perspektivwechsel bringen? Marc ärgerte sich.

Noch einmal fuhren die Wagen von ihren Startplätzen los. Aus der Perspektive von Denkovics Cockpit beobachteten sie, wie die ersten Boliden davonrasten und alle versuchten, den Anschluss nicht zu verlieren.

„Konzentriere dich auf deinen Wagen“, forderte Frederick.

Was, bitteschön, sollte er auch sonst tun?

Denkovic befand sich mit etwas Abstand hinter Marcs Wagen. Davor bummelte Sommer. Marc setzte vor der scharfen Rechtskurve zum Überholen an. Und jetzt sollte eigentlich sein Verfolger hinter ihm erscheinen. Doch da war … nichts und niemand.

Verdammt! Was zur Hölle hatte er damals gesehen?

„Glaubst du mir endlich? Es hat sich kein anderer Wagen hinter dir befunden. Das bedeutet wohl …“

Marc hob seinen Arm und streckte den Zeigefinger in die Luft.

„Sekunde!“, blaffte er in Fredericks Richtung, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden.

Seine Augen brannten. Er musste sie zusammenkneifen, um die Details auf dem Fernseher scharf sehen zu können. Dieses Computerzeug nervte ihn. Er trainierte auch viel lieber direkt im Wagen, als mit One Car Uno.

Sie näherten sich der scharfen Rechtskurve. Marc kam gut durch. Denkovic fiel kurzzeitig zurück, als Marc in der folgenden Linkskurve eine Lücke zwischen zwei Fahrzeugen nutzen konnte. Dann nahmen sie die langgezogene Rechtskurve. Denkovic holte auf, sodass jetzt deutlich zu sehen war, wie Marc einen winzigen Schlenker nach rechts machte.

Er konnte sich noch deutlich an die Situation damals erinnern. Neuerlich hatte er geglaubt, einen Verfolger im Rückspiegel auszumachen. Wieder hatte er sich ganz offensichtlich getäuscht. Verdammt! Was war an diesem Tag bloß mit ihm los gewesen?

Besorgt lehnte er sich weiter nach vorne. Das Kribbeln in seinem Nacken nahm zu. Irgendetwas stimmte nicht. Aus irgendeinem Grund war er irritiert gewesen. Er musste dringend herausfinden, woran es gelegen hatte.

„Schalte bitte wieder auf die Kamera in meinem Cockpit“, meinte er an Frederick gewandt.

Sein Kollege folgte seiner Bitte und kurz darauf erschien die geänderte Sicht auf das Rennen.

Die Strecke in Sepang war ein Albtraum für jemanden, der ein Problem mit Rechtskurven hatte. Es gab dort acht davon, manche langgezogen, manche ganz eng. In fünf davon hatte er in der ersten Runde diese seltsamen Schlenker nach rechts gemacht.

Er sah zu seinem rechten Außenspiegel. Hatte ein Schmutzfleck seine Abgelenktheit verursacht? War das Ding falsch eingestellt gewesen? Auf dem Bildschirm war nichts zu erkennen. Nichts davon erklärte im Nachhinein Marcs seltsame Fahrweise.

Ganz offensichtlich hatte er tatsächlich einen Fehler gemacht. Nein, nicht einen, viel zu viele. Das konnte er nicht ignorieren.

Ratlos lehnte er sich auf der Couch zurück und starrte auf den Tisch vor sich.

„Soll ich das Video stoppen?“, erkundigte Frederick sich neben ihm.

Er hob den Kopf, ließ seinen Blick durch den mit viel Holz und in warmen Farben gehaltenen Raum schweifen. Hier kannte er jedes Detail, wusste, wo er sich das Bein anstoßen würde, wo er den Lichtschalter fand oder wo die Couch endete und die Lampe im Weg stand. Hier konnte er im Dunkeln durchlaufen, ohne eine Sekunde irritiert zu zögern. Bislang hatte er gedacht, er würde sich auch mit schlafwandlerischer Sicherheit auf den Rennstrecken bewegen. Doch nun schien es, als würde seine Sicht auf die Hindernisse verschwinden. Das durfte er nicht ignorieren.

„Nein“, antwortete er endlich. „Lass mich noch ein paar Runden zusehen. Dann können wir uns deinen Problemzonen widmen.“

Sein Kollege lachte nicht.

Sich des Kribbelns, das sich in seinem Nacken festgesetzt hatte, immer deutlicher bewusst werdend, beobachtete Marc das Geschehen auf dem Bildschirm.

Der Führende hatte sich mit drei anderen Fahrern an der Spitze abgesetzt. Marc befand sich im Mittelfeld, konnte sich aus dem Pulk von anderen Rennwagen nicht freikämpfen. Seine Nerven waren angespannt. Jedes Zögern, jede Unachtsamkeit könnte zu einem Fehler führen. Auch jetzt spannten sich seine Hände an, als würde er wieder verkrampft das Lenkrad in seinen Händen halten.

Immer wieder wanderten seine Gedanken zu seinem direkten Konkurrenten. Frederick fuhr vier Positionen vor ihm. Es galt, unbedingt eine bessere Platzierung zu erreichen als der Schönling. Marcs Stellung im Team hing davon ab. Doch im Augenblick ergab sich keine Gelegenheit, sich vor den Teamkollegen zu schieben.

Zwei Wagen vor Marc saugten sich aneinander fest. In jeder Kurve in der zweiten Hälfte der Rennstrecke klebten sie aneinander, als würden die Boliden einen besonderen Balztanz aufführen. Marc versuchte, sich an ihnen vorbeizuschieben, um nicht in einen Crash zu geraten, weil die beiden Fahrer dermaßen auf sich fixiert waren. Doch der Kampf der zwei Rennwagen vor ihm nahm nur weiter an Intensität zu.

Sie schlossen die Runde ab und ließen weiterhin keinen Platz für andere. Der hintere Wagen schien den vorderen fast zu schieben. Dieses Fahrverhalten würde nicht mehr lange gutgehen. Marc wusste, nach mehreren Windungen würde eine lange Gerade folgen. Er blieb an den anderen Wagen dran, ohne zu nah aufzufahren. Statt unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, plante er seinen Angriff, während die Fahrer der beiden Boliden vor ihm mit sich selbst beschäftigt waren.

Zuerst Kurve fünf nach links, die er im fünften Gang fuhr. Dann eine langgezogene Neunzig-Grad-Kurve nach rechts, bei der er einen Gang hinunterschaltete. Jetzt kam die kurze Gerade, die er für seine Zwecke als ideal befunden hatte.

Der hintere Wagen startete gleichzeitig mit Marc einen Überholversuch. Er fuhr nach rechts und schaffte es, mit seinen Vorderreifen auf die Höhe des Hecks seines Gegners zu gelangen. Der führende Wagen machte einen Schlenker nach links, um seinen Konkurrenten abzudrängen und konzentrierte sich ganz auf das direkte Duell.

Marcs Herzschlag schnellte auch jetzt in die Höhe, als er beobachtete, wie er dort in Sepang in seinem Cockpit herunterschaltete, Gas gab, nach rechts lenkte und an den beiden Wagen vorbeizog. Er hatte überholt und war außer Reichweite der beiden, bevor sie richtig gemerkt hatten, dass er sie ausgetrickst hatte.

Ein perfektes Überholmanöver. Keine Unsicherheit. Keine Irritation.

Und dann ging es nach rechts, eine Biegung, die nicht in einem schönen Bogen verlief, sondern zwei direkt aufeinanderfolgende Rechtskurven beinhaltete. Er schaltete in den vierten Gang, als er in die erste Kurve einbog.

In Gedanken beschäftigte er sich bereits mit der fünfhundert Meter langen Geraden und der dann wartenden langsamsten Kurve, die er im ersten Gang fahren musste. Wenn es ihm gelang, in Schlagweite zu dem Wagen zehn Meter vor sich zu kommen, könnte er die Gerade nutzen, um noch einmal zu überholen. In der Kurve würde es ein Gedränge geben, bei dem man leicht einen Fehler beging. Bis dorthin musste der Kampf auf den fünfhundert Metern geklärt sein. Er musste vorausdenken, auch wenn er die Gerade nicht einmal erreicht hatte.

Genau genommen hatte er die erste Kurve davor noch nicht hinter sich gelassen. Er korrigierte gerade den Einlenkwinkel, als er aus dem Augenwinkel rechts hinter sich einen Gegner bemerkte. Ein rascher Blick in den Außenspiegel half ihm nicht weiter. Vielleicht befand sich der Wagen direkt hinter ihm, war in der Lage, sich durch die Kurve vor Marc zu verstecken.

Trotzdem konnte der unsichtbare Gegner jederzeit versuchen, ihn rechts zu überholen. Zur Sicherheit lenkte Marc ein wenig stärker nach rechts ein.

Da! Neuerlich dieser Schatten.

Seine Anspannung nahm zu. Noch einmal wählte er eine Spur weiter rechts. Doch da kamen seine Reifen auf die Curbs. Der Wagen wurde durchgerüttelt. Marc verlor an Geschwindigkeit. Er verstärkte den Griff um sein Lenkrad. Nur nicht neben die Fahrbahn geraten.

Endlich hatte er wieder Asphalt unter den Reifen. Der Wagen vor ihm raste allerdings davon und war von Marc nicht mehr zu überholen. Die beiden Wagen, die er gerade überholt hatte, kamen gefährlich nahe, aber es gelang ihm, sie kurz darauf doch abzuschütteln.

Marc streckte sich zu Fredericks Laptop und stoppte das Video.

„Hast du da wieder ein anderes Fahrzeug gesehen?“, wollte Frederick wissen.

„Ich dachte vermutlich, jemand wolle mich überholen.“

„Aber da war niemand.“

Marc zuckte mit den Schultern. Das wusste er jetzt auch. Aber beim Rennen war er davon überzeugt gewesen, seine Position verteidigen zu müssen.

„Hast du eine Idee, was mit dir los ist?“, fragte Frederick.

Marc wollte schon aufbrausen und klarstellen, dass es nicht an ihm lag, dass er nichts falsch gemacht hatte. Aber das entsprach vermutlich nicht der Wahrheit. Hinter ihm hatte sich kein anderes Fahrzeug befunden. Außerdem klang Fredericks Stimme ruhig und keinesfalls schadenfroh.

„Keine Ahnung“, gab Marc zu. „Das alles gefällt mir nicht.“

„Ich kann dich verstehen. Aber wir können daran arbeiten. Mit ein wenig Training bist du wieder der Alte. Wir kriegen das schon hin.“

„Wir?“

Frederick zuckte mit den Schultern. „So lautet mein Angebot. Ich werde mein Wissen nicht ausnutzen. Lieber würde ich hören, was ich deiner Meinung nach besser machen kann. Bestimmt lerne ich von dir in einer Woche Theorie mehr, als ich es in einem Monat Praxis könnte.“

Marc zögerte. Das Verhältnis von ihnen beiden war nicht sonderlich gut. Als Frederick neu im Team gewesen war, hatte Marc ihm immer wieder angeboten, zusammenzuarbeiten. Damals hatte sein Kollege das aber nur lachend abgetan. War das Interesse diesmal ehrlich gemeint?

„Ich weiß, ich habe mich zu Beginn nicht als wissbegieriger Schüler gezeigt“, gab Frederick zu. „Aber ich habe mein Lehrgeld bezahlt. Ich hätte mich dir gegenüber anders verhalten sollen. Mir musste nur erst jemand die Augen öffnen.“

Marc tat, als würde es ihm grausen. „Du sprichst von Ava, nicht wahr? Gott, meinst du diesen ganzen kitschigen Quatsch tatsächlich ernst?“

„Es tut nicht weh, Gefühle zu zeigen. Vielleicht merkst du das auch irgendwann“, erklärte Frederick fröhlich. „Man muss seine persönlichen Grenzen akzeptieren. Man kann nicht in alle Ewigkeit den harten Kerl markieren, wenn einem das Herz schmerzt. Man ist nicht in der Lage, alle Emotionen zu kontrollieren, nur weil man es gerne möchte. Aber man darf auch nicht jede romantische Geste umsetzen, ohne irgendwann die Liebste zu langweilen und zu verärgern.“

Marc grinste schadenfroh. „Gehst du Ava mit deinem Gesülze schon auf den Geist?“

„Nein, ich wollte das ultimative Opfer bringen. Ihre beste Freundin ist eine miserable Autofahrerin. Sie überschätzt ihre Fähigkeiten so sehr, dass ich Sorge hatte, sie könne anderen Verkehrsteilnehmern gefährlich werden.“

Gleichzeitig verzogen sie schmerzhaft das Gesicht.

„Dass es schiefgeht, wenn du dich da einmischst, war ja wohl klar“, sagte Marc.

„Weiß ich jetzt auch“, seufzte Frederick. „Ich hab‘ von Milla ordentlich eine auf die Kappe gekriegt, als ich ihr während der Fahrt ungefragt Tipps gegeben habe. Trotzdem kann ich sie so nicht guten Gewissens auf die Straße lassen. Ich werde mir eine andere Lösung überlegen.“

„Sag ihr, dass ich gerne einmal mit ihr fahren würde.“ Das Angebot war ihm entschlüpft, bevor er den Gedanken zu Ende gebracht hatte.

„Ehrlich? Das wäre großartig. Ava und Milla sind keine großen Formel-1-Fans. Aber damit krieg‘ ich sie bestimmt rum. Ich danke dir.“ Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. Anscheinend bemerkte er, dass Marc nicht so erfreut aussah, wie er sollte. „Wenn du lieber doch nicht …“

„Quatsch. Versprochen ist versprochen. Ich werde dieser Milla schon beibringen, wo sich Gas und Bremse befinden“, erklärte er.

„Sie ist ein wirklich harter Fall. Ich werde den Vermittler spielen. Wenn sie dir zu sehr auf die Nerven geht, sag einfach Bescheid.“

Marc nickte. „Das werde ich machen.“

Und was sollte er jetzt mit Frederick anstellen? Es fiel ihm schwer, den Impuls zu unterdrücken, auf seine Armbanduhr zu sehen. Als unhöflich wollte er sich nicht bezeichnen lassen.

„Darf ich dir eine Frage stellen?“ Frederick sah ihn abwartend an.

Er zuckte mit den Schultern. „Schieß los.“

„Mache ich tatsächlich noch so viel falsch, wie du angedeutet hast? Ich weiß, ich habe noch nicht so viel Erfahrung wie du. Mache ich so viele Anfängerfehler, wie du zu Beginn behauptet hast?“

„Du hast damals getan, als wären dir meine Worte egal“, merkte Marc an.

„Wie hätte ich anders darauf reagieren sollen?“

Auf Marcs Gesicht schlich sich ein Grinsen.

„Keine Ahnung. Ich habe dich nicht für voll genommen. Das war nicht fair. Inzwischen habe ich bemerkt, wie viel du draufhast. Ich muss gestehen, meine Meinung von dir hat sich geändert. Du bist gut, besitzt vermutlich mehr Talent als ich. Das mit der fehlenden Routine wirkt sich dann auf deine Leistung aus, wenn du in direkten Zweikampf mit einem Konkurrenten trittst. Du musst deinen Gegner besser kennenlernen.“

Frederick zog eine Grimasse. „Das ist leicht gesagt. Wie soll ich trainieren, wie ich in nicht planbaren Situationen auf einen überraschenden Gegner treffe?“

„Kennst du die größte Schwachstelle von Lautner? Oder die von Denkovic?“

„Die machen nur wenige Fehler“, behauptete Frederick.

„Keine, die man leicht erkennt. Und keine, die sie bei jedem Rennen zeigen. Aber sie alle haben ihre Schwächen und sind in bestimmten Rennsituationen anfällig für Irritation. Diese Zeichen zu kennen, ist ein großer Vorteil.“

„Wie finde ich die heraus? Ich nehme nicht an, du wirst sie mir auf die Nase binden.“

Marc lachte auf. „Ein wenig Arbeit musst du schon selbst erledigen. Aber ich werde dir Videos zukommen lassen, in denen sie ihren wunden Punkt nicht gut genug verborgen haben. Videoanalyse scheint ja dein Hobby zu sein.“

„Ich weiß etwas mit den Rennmitschnitten anzufangen. Und was genau würdest du mir beibringen? Was sollte ich unbedingt direkt ändern?“

„Tja, wo anfangen?“, seufzte Marc nicht ganz ernst gemeint. „Da gibt es leider viel zu viel.“

Zu seiner Überraschung hatte Marc Spaß, als er mit Frederick seine Ansichten und Fähigkeiten durchsprach. Sie fachsimpelten und bemerkten jede Menge Gemeinsamkeiten. Nichts, was Marc freiwillig an die große Glocke hängen würde. Doch mit jeder Minute verlor die Tatsache, mit diesem Model-Typen zusammenarbeiten zu müssen, mehr von ihrem Schrecken. Frederick hatte ebenfalls keine einfache Kindheit hinter sich. Vielleicht war es sogar das, was sie am meisten verband.

Irgendwann sah Frederick auf seine Uhr und lachte verblüfft auf.

„Wir sitzen hier schon fast drei Stunden! Und ich hatte in der Zeit kein einziges Mal das Bedürfnis, dich zu erwürgen. Das nenne ich einen Fortschritt.“

„Wir wollen nicht übertreiben“, schwächte Marc ab. „Ich hatte keine Mordvisionen, aber an deiner hohen Meinung von dir musst du trotzdem noch arbeiten.“

„Beim nächsten Mal.“ Frederick stand auf. „Ich bin mit Ava verabredet und viel später dran, als ich gedacht habe. Danke für dein Wissen. Ich weiß die Zeit zu schätzen, die du dir für mich genommen hast.“

Marc stand ebenfalls auf. „Kein Problem. Die Videomitschnitte lasse ich dir noch zukommen. Wie ich dich kenne, willst du bestimmt vor dem Rennwochenende noch etwas büffeln.“

Sein Kollege lachte. „Du hältst mich für einen Streber.“

„Zumindest für sehr zielgerichtet. Aber so muss es sein. Ich würde mir keine Mühe mit dir geben, wenn ich nicht wüsste, dass du bereit bist, dazuzulernen. Vergiss nur eines nicht: Das, was du über mich weißt, verwende ja nicht gegen mich. Andernfalls müsste ich dir doch noch den Hals umdrehen.“

„Das ist eine Selbstverständlichkeit“, stellte Frederick klar und folgte Marc, der vor ihm zur Tür ging. „Schönen Abend noch.“

„Dir und Ava auch. Seid bloß nicht zu romantisch. Die Kitsch-Schwingungen könnten Auswirkungen auf ganz Wien haben.“ Marc zog eine Grimasse.

Fredericks Grinsen war frech. „Keine Sorge. Ich sage Ava gerne, wie froh ich bin, sie in meinem Leben zu haben. Allerdings zeige ich ihr noch lieber, wie sehr ich mich tatsächlich freue.“

Jetzt schüttelte sich Marc und öffnete dann die Haustür. „Zu viele Details. Wir sehen uns morgen auf der Präsentation von Amber Heart. Hoffentlich ist es dir bis dahin gelungen, deine Dankbarkeit ausreichend zum Ausdruck zu bringen. Ich bin nicht voyeuristisch veranlagt.“

„Dann mache ich mich am besten rasch auf den Weg.“ Frederick trat ins Freie, zwinkerte Marc zu und verschwand schließlich.

Seufzend schloss Marc die Tür hinter sich. Er hatte nicht gedacht, dass sich dieser Macho irgendwann zum Pantoffelhelden entwickeln würde. So etwas würde Marc nie passieren. Zu deutlich hatte er vor Augen, wie sein letzter Versuch, sesshaft zu werden, geendet hatte. Die Auswirkungen würden ihn noch lange verfolgen.

Neuerlich flüsterte ihm eine Stimme zu, er müsse jetzt endlich mit seinem Bruder sprechen. Doch alleine der Gedanke daran kostete ihn viel zu viel Überwindung. Es gab Dinge in seinem Leben, von denen Thimo nichts ahnte. Möglicherweise war es besser, wenn sich daran nichts änderte, selbst wenn sie dadurch ihren Streit niemals endgültig begraben könnten.

Er ging zurück ins Wohnzimmer, das ihm auf einmal furchtbar still vorkam. Nein, er war nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Aber gegen ein wenig Gesellschaft hätte er nichts einzuwenden. Und dabei spielte es keine große Rolle, um wen es sich dabei handelte. Er würde sogar die Gegenwart einer verwöhnten, eingebildeten Frau ertragen, die sich gerne über ihn lustig machte.

Unentschlossen sah er zu dem Schreibtisch in einer Ecke des Wohnzimmers, auf dem sein Computer und das Lenkrad Platz hatten, mit denen er für die Rennen trainierte. Aber eigentlich verspürte er wenig Lust, sich jetzt damit zu befassen.

Auf dem Couchtisch lag sein Handy. Er griff danach, entsperrte es und öffnete Facebook. Dort klickte er auf das Lupen-Symbol. Sofort erschienen seine letzten Suchanfragen. Bevor er auf den letzten eingegebenen Namen klickte, zögerte er eine Sekunde.

Ihr Vater war sehr deutlich geworden. Er hatte Marc verboten, Elaisa zu nahe zu kommen. Jetzt auch nur daran zu denken, ihr Profil bei Facebook zu beobachten, war total verrückt. Er wollte nichts von dieser störrischen, komplizierten Frau. Das hatte er sehr deutlich gemacht. Und Elaisas Flirten mit ihm war ebenso wenig ernst gemeint gewesen. Trotzdem hatte sie enttäuscht gewirkt, weil er gestern so schnell auf die Forderung ihres Vaters eingegangen war. Ob er sich bei ihr entschuldigen sollte? Ob er klarstellen sollte, dass sie mit dem Flirten aufhören mussten, bevor jemand etwas sagte, womit er den anderen wirklich verletzte?

Sein Finger wählte ihren Namen ganz von alleine aus. Ihr Profil war öffentlich. Er hatte ihr keine Freundschaftsanfrage schicken müssen, um lesen zu können, was sie den lieben langen Tag machte. Zugegebenermaßen fand er ihre Berichte und Schnappschüsse von ihren Einkaufstouren nicht sonderlich aufregend. Trotzdem erwischte er sich immer wieder dabei, wie er die Fotos länger betrachtete, auf denen sie ihr Haar offen trug. Er mochte, wie es in zerzausten Locken ihren Rücken bedeckte.

Gestern hatte sie sich ganz wie eine Sekretärin gekleidet. Sogar ihr Haar war zu einem strengen Knoten hochgesteckt gewesen. Es hatte ihn große Überwindung gekostet, ihr nicht die Nadeln herauszuziehen und mit den Händen durch ihre Locken zu fahren, bis sie wieder so unbeschwert und keck aussah wie sonst.

Gott, jetzt klang er fast so kitschig wie Frederick! Anscheinend schwärmte er mehr für die junge Frau, als ihm klar gewesen war. Aber wenigstens war sein Herz emotional nicht in diese Sache verwickelt.

Ihre letzten Bilder zeigten sie wieder einmal mit ihrem besten Freund bei den Vorbereitungen für einen gemeinsamen Partyabend. Wohin es die beiden wohl verschlagen würde? Ob Elaisa wieder einmal über die Stränge schlagen würde? Ob sie sich von einem Fremden anbaggern lassen musste? Dieser Bernard wirkte nicht, als könnte er gut auf Elaisa aufpassen.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960872283
ISBN (Paperback)
9783960873587
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
Chick-lit-liebe-s-frauen-roman-ce-tik e-book-kindle-deutsch-neu-erscheinung Formel 1 Auto-rennen Glamour Erotik Sport-ler

Autor

  • Bettina Kiraly (Autor:in)

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Titel: Auf der Zielgeraden ins Glück (Chick Lit, Liebe, Sports Romance)