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Schutzgeld (Krimi, Spannung)

von Gabriel Anwander (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Privatdetektiv Julian Berger macht mit einem Arbeitskollegen zwei Wochen Ferien und reist auf die malerische italienische Insel Vulcano. Nach einer durchzechten Nacht muss er hilflos zusehen, wie ein junger Mann von einem Unbekannten erschossen wird. Da ihm niemand glaubt, stellt er selbst Nachforschungen an. Als der Mörder ein zweites Mal zuschlägt, kann Julian seinen Kollegen überzeugen, den gnadenlosen Killer gemeinsam zu jagen. Beim Versuch ihn zu stellen geraten sie jedoch in seine tödliche Falle und befinden sich unversehens in einer verschlossenen Kabine – auf einem sinkenden Kahn, mitten in der Nacht draußen auf dem Meer ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Mai 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-392-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-393-8

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © EugeniaSt, © Oleksandr Kalinichenko
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Ich hielt ihn für einen Pfarrer.

Nicht weil er schöne Hände hatte oder sein Hemd bis oben hin zugeknöpft war. Auch nicht, weil er einen äußerst gepflegten Haarschnitt trug, der zu seinen grauen Augen passte, oder weil er sehr aufrecht in seinem Rollstuhl saß und sein Schicksal mit beispielhafter Würde trug. Nein: Ich hielt ihn für einen Pfarrer, weil er sein Weinglas zum Trinken mit beiden Händen zum Mund führte. Mit der rechten Hand griff er nach dem Stiel, die Fingerspitzen der linken legte er seitlich an den Kelch, führte das Glas mit einer einzigen Bewegung an die Lippen und trank. Er trank oft und viel, wenn auch langsam, vorsichtig und in kleinen Schlucken.

Das erinnerte mich an den Pfarrer in unserem Dorf. Ich hatte in meiner Kindheit manchen Sonntagvormittag der Messe beigewohnt, und unser Pfarrer pflegte auf dieselbe Weise nach dem goldenen Messkelch zu greifen. Er hob das Ding an, mit beiden Händen, streckte es zunächst von sich weg, hoch über sein Haupt der fremden Macht entgegen, der er verpflichtet war, um es dann zu seinem Mund zu führen und den gesegneten Inhalt auszuschlürfen. Mit unverschämtem Genuss, um nicht zu sagen gierig. In einem Zug bis zur Neige. Sonntag für Sonntag vor versammelter Gemeinde.

Der Mann, den ich an unserem ersten Abend auf der Insel für einen Pfarrer gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein eiskalter Mörder.

Er saß drei Meter von uns entfernt an einem Tisch am Rand des Mittelganges und hatte von seinem Platz aus freie Sicht auf die Tanzfläche. Er ergötzte sich am Anblick der vielen Beine, die mehr oder weniger graziös auf den Brettern herumwirbelten, während seine eigenen Beine reglos unter dem Tisch ruhten.

Zugegeben, zuerst war mir seine Begleiterin aufgefallen. Sie hatte eine blonde Mähne und trug ein rückenfreies Kleid aus grüner Seide. Sie war jünger, mindestens zwanzig Jahre, vielleicht seine Tochter, vielleicht seine Geliebte. Zu jenem Zeitpunkt war mir das egal.

Sie kümmerte sich aufrichtig um den Mann. Sie goss den Wein mit abgeklärter Eleganz in sein Glas, schüttelte ab und zu das Kissen in seinem Rücken zurecht, gab ihm Feuer, wenn er sich eine Zigarette zwischen die Lippen klemmte, oder unterhielt sich mit ihm – soweit das bei dem Lärm möglich war. Ich fand Gefallen an ihren Bewegungen, an ihrem Lachen, an dem schlanken Hals mit der Perlenkette und den Haaren, die schon deshalb auffielen, weil die Haare aller anderen Frauen auf dem Festplatz schwarz waren.

Mein Blick wanderte immer wieder zu den beiden. Seine Ausstrahlung, der Eindruck, den er auf mich machte, war intensiv. Im Gegensatz zu den schmalen Gesten, mit denen er seine Wünsche und seinen Willen zum Ausdruck brachte. Die Frau an seiner Seite verstärkte seine Ausstrahlung mit ihrer umsichtigen und respektvollen Fürsorge.

Sie musste meine Blicke bemerkt, vielleicht sogar gespürt haben. Um Mitternacht schob sie ihn im Rollstuhl an unserem Tisch vorbei Richtung Toilette, verweilte zwei Schritte vor uns, strich sich das Haar aus dem Gesicht, sachte, mit gestreckten Fingern, und musterte, nein, prüfte mich mit verengtem Blick zwei Atemzüge lang.

Er starrte solange auf seine Knie.

Sie schenkte mir zum Abschluss ein Lächeln, ein freies, wenn auch unverbindliches, kühles Lächeln. Gleich darauf wurde ich von ihrem Parfum eingehüllt – es roch wunderbar sinnlich und betörend, wie ein Dunsthauch, der aus einem Kirschgarten herübergeweht kam.

 

Es war die letzte Augustwoche, entsprechend heiß die Luft. Mein Kumpane, Ralph Näf – der eigentlich Rudolpho hieß, aber von allen Ralph genannt werden wollte –, Ralph und ich waren nach dem Mittag mit der Fähre auf der italienischen Ferieninsel angekommen und hatten sogleich im Hotel Ancora unsere Zimmer bezogen. Wir waren für die Zeit von vierzehn Tagen angereist, in der Absicht, Sonne zu tanken, zu baden, zu lesen, zu faulenzen und gut zu speisen. In wechselnder Reihenfolge. Strandferien halt, eintönig zumeist, trotzdem überaus beliebt.

Weder Ralph noch ich waren jemals zuvor hier gewesen, weder er noch ich hatten Freunde oder Verwandte auf der Insel. Wir waren ehemalige Schulkameraden, Sportsfreunde, Berufskollegen und Saufkumpane, wir wollten die Zeit nutzen, um uns vom Alltag zu erholen und unsere Freundschaft zu pflegen.

Am Hafen sahen wir Plakate hängen, die verkündeten, dass am Abend unserer Ankunft ein Fest stattfände. Nach dem Abendessen begaben wir uns, ermattet von der Reise, zu müde zum Reden und dennoch gut gelaunt, auf den Festplatz, setzten uns an einen freien Tisch und verfielen rasch in das stumme Beobachten der Leute.

Alle, die Schulkinder eingeschlossen, blieben auf den Beinen, solange die Musik spielte. Die Kinder hüpften zu zweit oder alleine vor der Bühne im Scheinwerferlicht auf und ab, in erster Linie Mädchen. Die Jungen spielten lieber Fangen, zwischen den Bänken oder gar unter den Tischen hindurch, verfolgt von einem hochbeinigen Köter. Er hatte ausgefranste Ohren und auf dem Rücken irgendwelche vertrockneten Rückstände in der Farbe vertrockneter Gallseife.

Die Halbwüchsigen flanierten auf dem Pier, verschmolzen mit der Schwärze der Nacht, tauchten wieder auf ins Licht, neckten, küssten oder ignorierten sich. Die jungen Männer tranken Red Bull aus der Dose und rauchten. Die jungen Frauen brüsteten sich mit schmucken Handtaschen, die Tragriemen in den Armbeugen, spielten mit ihren Smartphones oder teilten die Ohrknöpfe der Kopfhörer mit einem der Jungs und lauschten zu zweit derselben Musik.

Vom Meer her, aus der alles verhüllenden Dunkelheit, dröhnte zwei Mal ein Schiffshorn.

In der linken hinteren Bühnenecke spielten fünf Musiker ausnahmslos italienische Schlager, schweißtreibend, übereifrig und laut. Zwei Stunden nach Mitternacht machten sie Schluss. Sie verstauten geschwind ihre Instrumente und mischten sich für ein letztes Glas unter die Gäste.

Danach beruhigten sich die Reihen, lichteten sich, und der Platz wirkte auf einmal kleiner, überschaubarer, gefälliger. Es war Zeit, schlafen zu gehen.

Ich fühlte mich entkräftet von der Flugreise und der Überfahrt mit der Fähre und die ungewohnte Wärme setzte mir zusätzlich zu – kurz: Ich sehnte mich nach einem Liegeplatz wie ein vollgefressener Löwe.

Ralph hatte sich entfernt, eine Weile schon, er kam zurück, drückte mich auf die Bank zurück und tuschelte: „Bitte, bleib ein paar Minuten. Lass mich jetzt nicht alleine warten.“

„Warten auf was?“

Ich brauchte ihn nur anzusehen, da rückte er mit der Begründung heraus: „Ich warte auf Chiara-Sophie, das ist die Kleine, die an unserem Tisch serviert. Ich habe es ihr versprochen“, sagte er und winkte ihr mit der leeren Karaffe.

Ich zog seinen Arm herab und sagte: „Nein, lass mal, ich habe genug getrunken“, und blieb sitzen.

Mir zeigte Chiara-Sophie beim Lachen zu viel Zahnfleisch – was ich selbstverständlich für mich behielt –, er schwärmte dagegen von ihren Augen. Dieser milde, liebevolle Blick; er machte eine fahrige Bewegung mit seiner Hand, dass man hätte meinen können, sie habe seit Urzeit auf ihn gewartet.

Wie, womit oder wann er ihre Zuneigung gewonnen hatte, machte er mir nicht verständlich. Er war im Laufe des Abends bloß zwei-, dreimal ein paar Minuten weg gewesen. Oder hatte ich beim Beobachten der Leute jegliches Zeitgefühl verloren?

Sie war eher klein. Ralph selbst war groß, hatte Zähne wie ein indischer Filmstar und die Haare und die Augen seiner römischen Mutter. Natürlich hatte ich angenommen, dass er auf der Insel nicht lange allein bleiben würde, und doch verblüffte mich diese Geschwindigkeit.

Ich unterdrückte ein Gähnen und sagte: „Verrate mir später, ob sich das Warten gelohnt hat.“

Er lachte: „Heute beginne ich einen neuen Lebensabschnitt. Chiara-Sophie ist genau mein Typ.“

„Hast du ihr das gesagt?“

„Klar.“

Der Mann im Rollstuhl und seine Begleiterin waren inzwischen verschwunden. Ich hatte ihren Aufbruch verpasst. Allmählich verzogen sich die letzten Gäste, und nach einer weiteren halben Stunde schloss der allerletzte Schankplatz. Bis auf vier Zechbrüder, die an den Tischen eingeschlafen waren, zeigte sich kein Mensch mehr auf dem Areal, selbst der Köter hatte sich verdrückt.

Hoch über den Köpfen, von den Balkonen der umliegenden Häuser zu den Laternenpfählen am Kai und weiter zu den Palmen, die zur Straße hin eine Grenze bildeten, hatten die Organisatoren Drahtseile gespannt. Kreuz und quer. In diesem wirren Netz hingen Elektrokabel mit farbigen Glühbirnen. Sie gossen ihr billiges Grün, Blau, Gelb oder Rot über die Tische, die Bänke und den Boden.

Der Wind wehte vom Meer her, zerrte an den Seilen und den Kabeln und brachte die Glühbirnen zum Schaukeln. Die bunten Flecke glitten über den Boden und die Tische, es hätte einem übel werden können.

Ralph war aufgestanden und wartete an eine Palme gelehnt auf seine neueste Eroberung. Auf seinem Haar, seinem Gesicht und seinem Hemd wechselten die Farben: Von Blau zu Grün, von Grün zu Rot, von Rot zu Blau. Ich bekam den Eindruck, diese Wechselhaftigkeit passe zu seiner inneren Stimmung. Es gab mannigfache Arten von Glück. Es mochte klein sein oder groß, flüchtig oder beständig: Für mich war Glück immer bunt.

Im Osten machte sich ein heller Streifen bemerkbar. Damit war für mich der Zeitpunkt gekommen, zu gehen, Chiara-Sophie hin oder her.

Ich stand auf und sagte: „Ich muss ins Bett.“

Ralph nickte, hoffnungsfroh, rauchend, im Gesicht das Entzücken eines Alleinerben.

Ich schritt auf der Straße in die Richtung meines Hotels, kramte den Zimmerschlüssel aus der Tasche und freute mich aufs Bett. Alles dünkte mich so friedlich, es fehlte wenig und ich hätte ein Liedchen geträllert. Als nächstes würde ich ins Bett schlüpfen. Hinlegen. Zudecken. Einschlafen. Ausschlafen.

Das Hotel lag rund einen halben Kilometer außerhalb der kleinen Hafenstadt unmittelbar am Strand. Es war das letzte Gebäude auf dieser Seite der Insel. Der Strand hatte die Form einer Sichel. Danach kam der Fischerhafen und weiter hinten gab es angeblich nur noch Klippen, auf denen, gemäß Reiseführer, Möwen nisteten. Auf der äußersten Spitze wachte ein alter, ungewöhnlich schlanker Leuchtturm.

Die Veranda des Hotels grenzte an den Strand, man benötigte vom Zimmer bis ans Wasser keine drei Minuten.

Auf meinem Weg ins Hotel genoss ich das schwache Dämmerlicht. Auf der rechten Seite sah ich zwischen den letzten Häusern hin und wieder einen Streifen Meer. Es schillerte in Nachtblau, und auf den Spitzen der Wellen tanzten weiße Schaumkronen. Im Wind hing der Geruch von Tang und Salz. Auf der linken Seite zeigte sich die schwarze Kontur eines Vulkans, aus dem an den Rändern, wieder gemäß Reiseführer, geringe Mengen Schwefeldämpfe aufstiegen.

Ich war zufrieden mit mir und der Welt und weit davon entfernt, Ralph um seine neue Zweisamkeit zu beneiden.

Endlich tauchten die Leuchtbuchstaben des Hotels auf.

Das vorletzte Haus hatte ein riesiges, hell erleuchtetes Schaufenster. Ich blieb stehen. Über dem Schaufenster stand auf einer schwarzen Tafel in silberner Schrift: „Ilaria Store“.

Ich schaffte es nicht, weiterzugehen, ohne vorher einen Blick in die Auslage zu werfen, ich musste näher treten und meine Stirn ans Glas legen. Mit den Händen schirmte ich die Augen ab und guckte auf die Damen- und Herrenmode.

Trotz meiner Schläfrigkeit realisierte ich, dass es hier eigentümlich stank.

Drei Schaufensterpuppen mit T‑Shirts oder Hemden, hellen Hosen, Leinengürtel, und zwischen den ausgelegten Kleidern Muscheln, Seesterne und Fische aus Kunststoff. An der linken Seitenwand hingen zwei gebrauchte Ruder, an der rechten ein Rettungsring.

Der Geruch störte. Ich schnupperte gezielt. Er stach nur ab und an in meine Nase, deshalb misslang jeder Versuch, zu bestimmen, aus welcher Richtung er kam.

Oder ich war ganz einfach zu müde.

Ich bestaunte ein letztes Mal die modischen Formen der Hemden und Hosen, betrachtete die T‑Shirts mit aufgedruckten Delfinen, studierte mit halb geschlossenen Augen die Maserungen der Pullover und wünschte mir einen dieser Leinengürtel mit einer Schnalle aus gebürstetem Stahl.

Ich wandte mich zum Gehen. Der Geruch wurde penetranter, beißend, ich gähnte und verspürte ein Kratzen im Hals. „Um diese Zeit“, dachte ich, „feuert doch tatsächlich einer seinen Grill ein. So ein Dummkopf. Mit Anfeuerungspaste oder einem anderen Brandbeschleuniger.“ Und mit einem Schlag war ich hellwach! BRANDBESCHLEUNIGER!

Versuchte da jemand Feuer zu legen? Ich drehte mich um die eigene Achse. Woher kam der Luftzug? Von oben? Von rechts? Von links? Aus den Lüftungsschlitzen in der Grundmauer?

Von links! Jetzt konnte ich den Geruch deutlich festmachen. Ich rannte los, bog um die Hausecke und entdeckte einen Seiteneingang. Die Tür war angelehnt, ich schnupperte, es kam aus dem Haus. Eindeutig!

Ich wurde regelrecht gepackt: Da drin versuchte jemand, einen Brand zu legen! Das Gebäude in Flammen aufgehen zu lassen! Ich schaffte die Rampe mit einem Sprung. Die Tür war aufgebrochen worden.

Vorsichtig schlüpfte ich hinein und musste warten, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Erst hörte ich ein Geräusch, daraufhin sah ich hinten im Flur feinen, weißen Rauch. Kleine Kringel wie von einer Zigarre fächelten über einen Vorhang hinweg, sanken langsam ab und lösten sich auf. Unter dem Vorhang zuckte ein Lichtstreifen. Ich rannte hin, packte das Tuch mit beiden Händen und riss es mit einem kräftigen Ruck von der Stange.

Dahinter befand sich das Lager, nicht größer als eine Doppelgarage.

Ein Mann kniete vor einem Berg von Kleidern, Schuhen, Taschen, Mützen. Er hatte die Bestände aus den Regalen gefegt und in der Mitte des Raumes aufgeworfen. Nun versuchte er, die Ware in Brand zu stecken.

Er drehte sich um, schoss hoch, wankte und ließ ein Feuerzeug fallen. Ich wartete nicht, bis er sich gefasst hatte, sondern schlang ihm den Vorhang um den Schädel, zerrte ihn von dem Haufen weg, schob ihn in den Flur und hämmerte meine Faust zweimal gegen seine Schläfe. Mit einem unwilligen Seufzer sackte er zusammen und streckte sich der Länge nach aus.

Im Lagerraum schwebte bärbeißiger Qualm, der im Hals kratzte und Reizhusten auslöste. Ich wandte mich dem Feuer zu. Auf dem Kleiderberg tanzten da und dort ein paar blaurote Flämmchen und verzehrten den Brandbeschleuniger, mehr nicht.

Der Kerl hatte versucht baumwollene T-Shirts, Hemden, Hosen und lederne Taschen, Schuhe, Gürtel in Brand zu setzen. Hätte er mit dem Brandbeschleuniger in den hölzernen Regalen, unter dem Tisch und entlang der Fensterfront Feuer gelegt, das Lager hätte in Kürze in Vollbrand gestanden.

Dummdreister Anfänger, dachte ich und suchte den Feuerlöscher. Doch da war keiner. Ich sah auch weder einen brandschutzgemäßen Hinweis noch eine Tür zu einer Toilette, wo ich den Vorhang hätte nässen können, um ihn wie eine Löschdecke zu verwenden.

Ich begann die Glutherde mit den Schuhen breitzutreten, da hatte sich der Kerl erholt. Er rappelte sich hoch und taumelte auf mich zu. In der Faust hielt er ein Stilett. Er war jünger und schmächtiger als ich und hatte den Blick eines Metzgers, dem soeben ein Schwein entwischt war.

Er stach zu, ich wich aus, er stach wieder zu, ich wich wieder aus und spürte einen Schmerz an der linken Hand. Ohne darauf zu achten, parierte ich seinen dritten Angriff, indem ich ihm einen angesengten Pullover ins Gesicht klatschte. Darauf packte ich sein Handgelenk, trat ihm gegen das Schienbein und legte meine Hand an seine Gurgel. Er schnarrte, schlug mit dem Kopf gegen die Wand, ruderte mit dem freien Arm, Halt suchend. Ich setzte sofort nach und rammte ihm mein Knie in die Eier. Er verlor die Waffe, krümmte sich, sank zu Boden und rollte sich ein, die Hände schützend vor dem Unterleib. Seine Angriffslust war dahin.

Das Stilett hatte einen silbernen Griff und eine lange, spitz zulaufende Klinge, mit der er meinen Handrücken aufgeritzt hatte. Der Schnitt blutete leicht.

Inzwischen hatte ich den Feuerlöscher entdeckt. Er hing im Flur an der Wand zwischen Tür und Fahrstuhl. Ich rannte hin, hob das Gerät aus der Halterung, riss die Plombe ab, kam zurück, begann die Kleider mit den Füssen auseinanderzuzerren und deckte den schwelenden Haufen mit Schaum ein.

Der Kerl war jung, höchstens zwanzig Jahre alt, und schien weder kräftig noch zäh. Er hustete, rollte sich auf den Bauch und kroch auf allen Vieren und mit roten Ohren zum Ausgang, dort stand er auf, stieß die Tür auf und rannte davon.

Ich wusste, der Schaum würde das Feuer ersticken; ich warf den Löscher hin und jagte hinter ihm her.

Er lief breitbeinig auf dem Mittelstreifen der Straße in die Stadt.

Ich hoffte, Ralph stünde noch unter den Palmen, und überlegte, was ich ihm zurufen könnte. HALT DEN KERL, ER HAT FEUER GELEGT! Oder: FASS DEN BRANDSTIFTER! Oder nur: RALPH, SCHNAPP IHN DIR!

Der Flüchtende bog vorher ab und stürmte in eine Seitengasse, Ralph konnte ich vergessen.

Ich folgte ihm. Er bog nach zwei Häusern wieder ab, setzte über ein Gartentor und verschwand in einer Gartenanlage.

Er war kein Läufer. Auf der Straße oder in der Gasse hätte ich ihn eingeholt, in der Gartenanlage war er allerdings wieselflink. Auf dem Rasen, zwischen den Rosen, da war er zu schnell für mich. Er lief ums Haus herum, schlug Haken und setzte über Blumentöpfe hinweg wie ein Hürdenläufer. Ein kniehohes Gehege für Schildkröten, Liegestühle, ein Lorbeerstrauch, eine Spirale mit Küchenkräutern, eine Statue und ein Riesenkaktus, all diese Dinge kamen mir in die Quere – und zu guter Letzt eine Steinmauer, die den Garten begrenzte. Der Kerl kletterte an der efeubewachsenen Mauer hoch wie eine Katze, schwang das eine, dann das andere Bein darüber und tauchte auf der anderen Seite ab, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach mir umzusehen.

Obwohl ich größer war, diese Hürde würde ich ohne Aufstiegshilfe niemals schaffen, das wurde mir deutlich, bevor ich dort ankam. Ich machte kehrt, rannte zu einem Tisch, an dem wir vorbeigekommen waren, ergriff den nächsten Stuhl und trug ihn zur Wand. Auf der Rückenlehne balancierend konnte ich die überwucherte Kante der Mauer erreichen. Es gelang mir, mich hochzuziehen, nur um rittlings auf den Efeusträngen zu sitzen und festzustellen, dass der Schuft entkommen war.

2

Ich hockte auf der Mauer, aufgewühlt wie jemand, der erfolglos einem Taschendieb hinterhergerannt war. Ich mühte mich ab mit erhöhter Puste, übler Laune und klebrigem Schweiß am ganzen Körper, und hoffte, es möge mich niemand sehen. Die Gefahr dürfte allerdings gering gewesen sein, sicherlich lagen die meisten Stadtbewohner noch in ihren Betten.

Wie war ich bloß in diese dämliche Situation geraten? Ich hätte den Geruch ignorieren und an der Boutique vorbeigehen können. Ich muss gestehen, der Brandgeruch hatte mich scharf gemacht, ich musste nachsehen, ich konnte nicht anders. Wer hätte an meiner Stelle den Mann nicht verscheucht?

Wie auch immer: Das Feuer war gelöscht, das Unheil abgewendet, der Fall erledigt.

Ich war von der Mauer gestiegen, marschierte durch den Garten und dachte ans Hotel – und da vermisste ich meinen Zimmerschlüssel. Ich erinnerte mich, ich hatte ihn auf dem Heimweg in die Hand genommen. Jetzt waren beide Hände leer. Der Schlüssel steckte auch nicht in einer Tasche, nein, der Schlüssel war weg!

Hinter meiner Stirn braute sich eine Wut zusammen, dass ich fürchtete, die Äderchen in meinen Augen könnten platzen. Ich suchte den Boden ab bis zur Ecke, wo ich den Stuhl geholt hatte. Da war kein Schlüssel.

Ich ging weiter, vorbei am Kaktus, der mir die Waden aufgekratzt hatte, am Blumenbeet, das zwei tiefe Schuhabdrücke aufwies, an den Schildkröten, die auf die Sonne warteten, dann schloss ich vorsichtig das Tor auf und hinter mir wieder zu, suchte in der Gasse, schritt die Straße entlang und suchte schließlich vor der Tür der Boutique. Kein Schlüssel.

Ich musste ihn da drinnen weggeschmissen haben, als ich den Vorhang von der Stange riss oder bei der Prügelei.

Diesmal war die Tür zugesperrt. Ich nahm an, die Eigentümer seien erwacht, hätten die Bescherung gesehen und aus Angst die Tür verrammelt. Ich drückte auf die Klingel. Kein Laut. Es war und blieb still im Haus, zu still, daraus hätte ich Verdacht schöpfen müssen. Welcher Eigentümer hätte sich nicht aufgeregt, hätte nicht empört reagiert, beim Anblick des Durcheinanders, der Brandschäden, des Schaums, der aufgebrochenen Tür? Wer hätte da nicht Alarm geschlagen? Normalerweise hätten Feuerwehr, Carabinieri, Nachbarn, Bekannte oder weiß ich wer längst im Anmarsch sein müssen.

Ich war zu wütend, um irgendwelche Widersprüche zu erkennen; die Grabesstille hinter der verschlossenen Tür vermochte meinen Instinkt nicht zu wecken. Ich dachte einzig an meinen Schlüssel und klingelte nochmals, länger diesmal, obgleich ich es hätte besser wissen müssen. Nach einer halben Ewigkeit knisterte der Lautsprecher der Gegensprechanlage, eine Frau meldete sich mit belegter Stimme: „Pronto?“

Ich wollte loslegen, da gab es einen höllischen Krach. Holz splitterte. Scheiben zersprangen. Der Lümmel, der mir über die Mauer entkommen war, sprang mit den Füßen voran durch das hinterste – geschlossene! – Fenster in der Reihe. Er landete auf dem Rasen, mit Händen und Füssen auf den Scherben.

Er bedachte mich mit einem hässlichen italienischen Schimpfwort und unterstrich das Wort mit einer ebenso unsittlichen Geste.

Die Frau rief: „Hey, Angelo, che cosa?“ Ihre Stimme kam nicht mehr durch die Gegensprechanlage, sondern von oben, von der Dachterrasse.

Er hob den Blick, spuckte aus, wandte sich mit einem Ruck ab und spurtete davon.

Ich trat einen Schritt zurück und spähte nach oben. Die Frau beugte sich über die Brüstung und gestikulierte, offenbar suchte sie nach Worten. Es war die Dame mit der blonden Mähne von letzter Nacht.

Ich vertrödelte keine Zeit, riss mich von ihr los und heftete mich erneut an seine Fersen. Der Bursche hatte mich gereizt, über alle Maßen, und ich wollte ihn zwischen die Finger kriegen.

Diesmal flitzte er in die entgegengesetzte Richtung, er rannte auf der Straße direkt auf unser Hotel zu. Er lief die Einfahrt hoch, passierte die Pforte, sauste an den Palmen vorbei, bog vor dem Hoteleingang ab, durchquerte eine Blumenrabatte, wetzte über die Veranda, schwang sich über die Einfassung, preschte zielsicher zwischen den Sonnenschirmen und den Liegestühlen hindurch und hastete auf dem verlassenen Strand überraschend schnell dahin.

Auf der Straße war ich ihm näher gekommen, durch die Hotelanlage konnte ich mithalten, am Strand fiel ich zurück. Das Laufen kostete Kraft und bereitete mir Mühe. Meine Fußballen versanken tief im lockeren Sand.

Er lief geübter. Er flog beneidenswert schnell und gewitzt dahin, präzise auf der Linie zwischen dem trockenen Strand und den Kieseln im Wasser. Er setzte seine Füße dort auf, wo die Ausläufer der Wellen endeten. Ich tat es ihm nach und stellte fest: Entlang des Wellensaums war der Grund trittfest. Bis ich den Streifen gefunden hatte, auf dem ich ebenso schnell voran kam wie er, hatte er mich schon fast abgehängt.

Der lange Strand wurde von einem Felsen unterbrochen, dem Ausläufer eines mächtigen Höhenzugs. Er reichte fast bis ans Wasser. Der Fels hatte die Form einer gekrümmten Keule und auf dem Grat des Vorsprungs thronte ein Haus wie auf einem Horst. Eine Treppe führte von dort oben in einer leichten Kurve bis an den Strand, schmale Stufen, herausgehauen aus dem Gestein.

Ich sah, wie er auf der Höhe der Treppe einbog und hinaufstürmte, zwei Stufen auf einmal nehmend. Die Treppe endete vor einer Tür, genaugenommen vor einem blechernen Tor. Ich setzte ihm nach und forderte meinen Beinen auf den nassen, glitschigen Tritten das Äußerste ab.

Das Haus schien von einer Betonmauer umgeben, es waren nur die oberen Fenster sichtbar, viel Dach mit römischen Ziegeln und zwei runde Türme. Aus dem Hof ragten ein Fahnenmast mit der italienischen Flagge und eine Reihe Bäume hervor.

Ich sah, wie er ans Tor gelangte, da hatte ich noch keine zehn Tritte geschafft; sah, wie er seine Hand auf die Klinke legte, sich mit dem Rücken zum Tor zu mir umwandte und auf mich herabgrinste. Ich fasste ihn scharf ins Auge – und musste zusehen, wie er jäh an den Torpfosten geschmettert wurde, das Gesicht zu einer ungläubigen Fratze verzerrt.

Den Schuss hörte ich im selben Augenblick und stoppte abrupt.

Er rutschte am Pfosten entlang zu Boden und hinterließ eine Blutspur auf dem Beton. Auch auf seinem T‑Shirt wuchs ein roter Fleck, und mit einem grässlichen Zittern streckte er die Beine, ließ die Arme sinken, kippte seitlich weg und blieb liegen, ohne jede Regung.

Ich warf mich von der Treppe seitlich in die Rinne. Ich presste mich platt in den schmalen Kanal zwischen Treppe und Fels und legte die Hände auf meine Ohren, um nicht auch noch den Schuss von der Kugel hören zu müssen, die mich treffen und töten würde.

Es war schwer, auf den Tod zu warten.

Ich versuchte mich zu beruhigen, kein Geräusch zu machen, keine Bewegung zuzulassen, in der sinnwidrigen und kümmerlichen Hoffnung, der Schütze möge mich übersehen oder verschonen.

Je länger das Warten dauerte, desto verzagter wurde ich, und die Fragen kreisten in meinen Hirnwindungen: Warum wurde auf ihn geschossen? Warum blieb ich am Leben? Befand ich mich außerhalb des Sichtfeldes des Schützen? Oder wartete der Schütze, weil er mich, den Zeugen, stehend abknallen wollte, um mit einem Schuss sicher zu töten? So wie ein Jäger, der ausharrt, bis ihm das Wild die Flanke präsentiert?

Es kam keine Kugel.

Ich hatte ein Sausen in den Ohren – oder vielmehr innerhalb der ganzen Hirnschale – von meinem eigenen Blut, das mein Herz mit rasendem Tempo durch die Adern pumpte.

Ich war mir selbst nie näher gewesen; und nach geraumer Zeit meldeten sich alle meine Sinne zurück. Der gelbe, fein geäderte Felsen roch sauer vom Kot der Vögel, war nass, kalt und kantig. Spitze Kiesel kratzten an meiner Wange. Der Schweiß perlte mir aus der Stirn, aus der Brust, rann mir über den Rücken, selbst in den Kniekehlen war ich feucht.

Ich gab die Ohren frei und hörte drüben in der Stadt einen Esel schreien. Ein zweiter antwortete, ein dritter stimmte ein. Ihr heiseres Klagen verhalf mir zu neuer Hoffnung, auch wenn sie nach kurzer Zeit verstummten.

Nach geschätzten zwei Minuten ächzte das Tor in den Scharnieren. Ich verhielt mich still, linste hinauf, um zu sehen, was da oben vor sich ging.

Zwei Männer wagten sich auf die Plattform mit zaghaften, vorsichtigen Bewegungen. Sie stutzten, beugten sich über den toten Körper, sahen einander entsetzt an, warfen von Angst erfüllte Blicke in alle Richtungen und schickten sich an, die Leiche fortzuschaffen. Sie redeten kein einziges Wort. Der Größere legte dem Toten von hinten die Arme um die Brust, hievte ihn hoch und schleifte ihn rückwärtsgehend durchs Tor. Unterdessen suchte der Kleinere die Stelle ab, wo er gelegen hatte. Ob er etwas verloren hatte? Er beugte sich tief über die Blutlache, stützte sich auf den Knien ab, stand wieder auf, stieg eine Stufe hinab, so weit war das Blut geflossen, studierte den Torpfosten, die rostigen Scharniere, starrte erneut auf das Blut, schauderte, warf einen letzten Blick zur Stadt hinüber und folgte schließlich dem anderen. Das Tor schloss sich mit einem rostigen Wimmern.

Ich wartete, stützte mich auf die Ellbogen und wagte einen Blick hinunter zum Strand.

Die Sonne wärmte meinen Scheitel, meine Arme und meine Schultern. Vom Stadthafen her hallte zwei Mal das Horn der Fähre, die letzte Aufforderung, Abschied zu nehmen und von der Rampe zurückzutreten, in einer Minute würde sie ablegen. Möwen kreisten um das Oberdeck, um die Wimpel, den rauchenden Schornstein und landeten auf der Antenne.

Ich blieb, wo ich war. Von meinem Platz aus konnte ich den Strand und weiter hinten halb verdeckt vom Felsen das vorderste Boot im Fischerhafen erblicken. Ich sah das Hotel und die Boutique und bis in einzelne Gärten hinein. Ich konnte die Fähre sehen, die inzwischen abgelegt hatte und der nächsten Insel zustrebte und hinter sich das Wasser aufschäumte. Die Möwen folgten ihr, stürzten sich in die Schaumspur und fischten irgendwelche Happen heraus, die an die Oberfläche gespült wurden.

Nirgendwo sah ich eine Person mit einer Schusswaffe. Natürlich nicht. Nur ein Irrer würde seine Deckung verlassen und sich und sein Gewehr vorführen, nachdem er einen Menschen niedergestreckt hatte.

Soweit ich feststellen konnte, waren von der Dame in der Boutique weder Feuerwehr noch Carabinieri gerufen worden. Keine kreisenden Lichter, keine heulenden Sirenen, keine Absperrung, auch keine Gaffer.

Und der Schuss? Hatte denn niemand den Schuss gehört? Es war und blieb ruhig auf der ganzen verdammten Insel.

Ich bot meinen ganzen Mut auf und schälte mich aus dem Kanal, wischte meine Hände ab, stieg die Treppe hinab und stapfte auf dem kürzesten Weg ins Hotel.

Am Empfang hinter dem Tresen stand der Hoteldirektor und las eine Zeitung.

Er schnaubte auf meine Bitte um einen Reserveschlüssel für mein Zimmer. Ohne aufzusehen legte er eine Quittung auf die Zeitung, einen Kugelschreiber daneben, wühlte mit der linken Hand in einer Schublade, fragte nach der Zimmernummer, brachte einen Bund Ersatzschlüssel zum Vorschein, drehte die Quittung in meine Richtung und sah mir ins Gesicht.

Ich versuchte gelassen zu wirken. Übernächtigt, aber gelassen und schweigsam. Es war möglich, dass mein Haar verschwitzt und strähnig war, mein Gesicht beschmutzt, mein Hemd, meine Hose verdreckt und zerknittert, dass ein kotiger Geruch von mir ausging. Er erschrak. Sein Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Er beugte sich vor, verunsichert, nestelte lange am Schlüsselbund, um den Schlüssel zu lösen, legte ihn hin, schob die Zeitung mit Quittung und Kugelschreiber zur Seite und stellte mir die Frage, die ihn zu beschäftigen schien: „Ma che cosa è successo?“

Ich war zu erschöpft, richtig blockiert und konnte keine Antwort, keine Erklärung abgeben. Deshalb winkte ich ab und murmelte: „Später …“, nahm den Schlüssel und flüchtete mich aufs Zimmer, trank mehrere Glas Wasser, zog die schmutzigen Sachen aus, wusch mich und kroch nackt unter die Decke.

3

Ich erwachte gegen vierzehn Uhr. Der Kratzer an der Hand juckte ein wenig, das bisschen Blut war angetrocknet und verkrustet.

Ich zog mich an und begab mich in den Speisesaal.

Zwei Kellner begannen mit dem Arbeitseifer von Sträflingen das Sonntagmittagsbuffet abzuräumen. Ich verspürte Hunger, drängte mich dazwischen, schnappte mir einen Teller, ergatterte die letzten Salatblätter und gabelte mir auf den Teller, was andere übriggelassen hatten: ein paar Tomatenschnitze, Mozzarellakugeln, gegrillte Auberginenstreifen, frittierte Tintenfischringe, eine geräucherte Makrele, eine Schale Oliven und ein gekochtes Ei. Zuletzt klemmte ich mir ein Stangenbrot unter den Arm und setzte mich an den Tisch neben der Küchentür, mit dem Rücken zur Wand. Von hier aus hatte ich den Überblick über den gesamten Raum samt Eingang, von hier aus sah ich jeden Winkel.

Der Schreck saß mir noch immer in den Knochen. Der sterbende Mann direkt vor meinen Augen hatte mein Bild von einer friedlichen Ferieninsel getilgt. Achtsamkeit war geboten.

Warum war ich nicht vorbeigegangen? Weshalb hatte ich mich zum Nachschauen, zum Eingreifen entschieden? Ich hätte wegsehen, weitergehen sollen. Jemand spielt mit dem Feuer? Ist nicht mein Bier. Nicht um diese Zeit. Nicht an diesem Ort. Nicht im Urlaub. Und vor allen Dingen: nicht ganz allein.

Ich hatte einst die Polizeischule mit Auszeichnung bestanden, danach sieben Jahre Streifendienst geleistet. Wir hatten manch heikle Lage bewältigt. Meist trafen wir auf nette Leute, die beim Anblick der Uniformen zwar nervös wurden und unangemessen konterten, aber tage-, wochen-, monatelang geschah nichts Außergewöhnliches. Man fiel bald in einen Trott. Monotonie machte sich breit. Langeweile. Trägheit.

Und dann, urplötzlich, o ja, urplötzlich war die Hölle los und wir suchten im Wald fieberhaft nach einem Kind, rannten mit der Waffe in der Hand Türen ein, hetzten wie Bluthunde einen Verdächtigen durch den Bahnhof und über die Gleise. Einmal stießen wir nach einem üppigen Mittagsmahl entspannt und unbedacht bei einer Routinekontrolle auf eine zerstückelte Leiche in einem Hotelzimmer. Der Torso lag in einem Koffer. Das grauenvolle Bild, der ekelerregende Geruch, die teuflische Grausamkeit: Die Erinnerungen kamen beim kleinsten Anlass wieder hoch.

Die Kolleginnen begegneten der dauerhaften Ungewissheit mit übertriebener Bereitschaft. Die Kollegen zeigten eher eine Art stumpfer Verhärtung. Und beide, Frauen wie Männer, hielten sich gleichermaßen, in ihrem Bestreben, im Emmental Recht und Ordnung durchzusetzen, nicht immer an alle Weisungen.

Ich kündigte und trat aus dem Polizeidienst aus, bevor die Arbeit es schaffte, mein Gemüt und meine Gesinnung zu verändern. Jetzt war ich neununddreißig Jahre alt und besaß seit fünf Jahren meine eigene private Detektei in Langnau.

Langnau war nicht Los Angeles, Langnau war nicht Paris, war nicht Stockholm und nicht Venedig. Langnau war eine mittelgroße, beschauliche Ortschaft im Herzen des Emmentals, eingebettet zwischen grünen Hügeln, tief im Schweizer Hinterland.

Ein Detektiv im Emmental würde nie die Abgebrühtheit eines Detektivs in Los Angeles erreichen, konnte es niemals mit einer Spürnase wie dem Commissario in Venedig aufnehmen. Darum gehörten Scheidungsfälle von Anfang an zu meinem Tagesgeschäft. Um mich über Wasser zu halten hatte ich neulich sogar einen Pferdediebstahl aufgeklärt.

Die Kellnerin, die uns am Vortag ein Getränk offeriert hatte und uns am Buffet behilflich gewesen war, kam mit federnden Schritten aus der Küche. Sie grüßte mich im Vorbeigehen mit der Gelassenheit einer erfahrenen Hundezüchterin und steuerte die hinterste Ecke an. Dort stapelte sie die schmutzigen Gläser und Kaffeetassen der verlassenen Tische auf ein Tablett und segelte damit an mir vorbei Richtung Küche. Ich wusste, dass sie Deutsch verstand, hielt sie auf und fragte, ob sie meinen Kollegen gesehen habe und ob er zum Mittagessen hier gewesen sei.

Sie erklärte freiweg, mein Kollege habe sich sein Essen aufs Zimmer bringen lassen.

„Wissen Sie, wer ihm das Essen hochgebracht hat?“

Sie legte ihr Haupt schräg, so gut es mit dem schweren Tablett in Händen ging, und sagte, die Stimme wie zur Gegenfrage angehoben: „Ich?“

„Hat er was gesagt? Hat er nach mir gefragt?“

Sie überlegte, presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

Ich bedankte mich und fragte, ob sie mir sagen könne, wo sich die Wache der Carabinieri befinde. Sie stellte das Tablett auf meinem Tisch ab und deutete mit ihrer Hand die Richtung an, in die ich zu gehen hatte, beschrieb eine Kreuzung, nannte einen Straßennamen, eine Bäckerei und verriet mir zum Schluss, ich könne das Haus schwerlich verfehlen, denn es sei das wohl hässlichste Gebäude der Insel.

Ich hatte Hunger verspürt und die Sachen auf meinem Teller hatten lecker ausgesehen, trotzdem musste ich mich zwingen, einen Happen zu essen. Schon nach kurzer Zeit gab ich auf, ließ den Rest stehen, trank das Wasser und brach auf.

Die Kellnerin hatte nicht übertrieben. Ich fand das Haus auf Anhieb, zum Glück, denn bei der Hitze war der Ort wie ausgestorben. Es war niemand unterwegs, den ich nach dem Weg hätte fragen können – eine versprengte Gruppe Rentner aus der Schweiz ausgenommen. Dem Dialekt nach stammten sie aus dem Thurgau. Sie umringten mich, gaben an, sich verirrt zu haben und fragten nach dem Weg zum Tal der Monster. Zu mir waren alle freundlich, aber untereinander waren sie ausfallend und gehässig.

Die Carabinieri befanden sich in einem Haus, das einer stillgelegten Bahnwärterstation glich. Es war das einzige Haus im Quartier ohne Vorgarten, es hatte auch keine Dachterrasse, keine Rollläden hinter und auch keine Kakteen oder Blumen vor den Fenstern. Der Putz hatte die Farbe von Knochenmehl, an den Mauerkanten und am Stuck über der Tür bröckelte er ab, darunter zeigte sich das Mauerwerk. Es war ein Haus ohne Gesicht, ohne Kontur, ohne Charme, ohne Geschichte.

Ich trat ein.

Ich war ins Schwitzen geraten, aber meine Hoffnung auf Kühlung im Haus zerschlug sich rasch. Im Flur war es drückend heiß, heißer noch als draußen auf dem Asphalt, überdies war es düster. Ich war gezwungen, den Mief von Schuhwichse, bitterem Kaffee und Wutanfällen einzuatmen.

In der Polizeistube saß ein junger Carabiniere allein an einem der drei Schreibtische. Er hatte eine adrette Frisur, große Augen, lange Wimpern und ein unsicheres Lächeln.

Er sprang auf, bevor meine Schritte verklungen waren, setzte seine Mütze auf und stolzierte heran. Für Leute wie ihn war die Polizeiuniform erfunden worden, selbst die Hose saß perfekt. Der Mützenschirm über seinen Augen glänzte wie die Kühlerhaube eines neuen FIAT. Er war die lebendig gewordene Gestalt des Mannes, der im Traum jeder Uniformnäherin auftrat.

Zwischen uns, im vorderen Drittel des Büros, befand sich ein Tresen, eine Art Sicherheitsschranke mit einer dicken, schweren Abdeckplatte aus Holz; darauf lagen Zeitungen, ein zerfleddertes Telefonbuch, ein Plan der Insel und das faustgroße Gehäuse einer Meeresschnecke mit Leopardenmaserung.

Er baute sich hinter dem Möbel auf – um ein Haar hätte er salutiert – und stellte mir eine Frage.

Höflich, richtig nett redete er mich an. Ich stand auf der anderen Seite wie ein Bauernlümmel in der ersten Lateinstunde und verstand kein Wort. Ich gab ihm schließlich zu verstehen, dass ich ihn nicht verstünde, dass ich ausschließlich Deutsch spräche.

Er bemühte sich, das muss ich ihm zugutehalten, er stellte mir in Schuldeutsch mit gedehnten Wörtern und zum Teil falsch betonten Silben die Eröffnungsfrage: „Was, bitte, kann ich für Sie tun?“

Er stützte sich mit seinen Händen auf dem Tresen ab. An seinem Hals, auf seinen Wangen und seiner Stirn formierten sich Flecken in einem zarten Rosa.

„Heute Morgen“, legte ich los, „heute Morgen ist ein Mann erschossen worden, ganz oben auf der Treppe zu der Villa am Strand. Ich bin Zeuge gewesen. Ich habe es gesehen. Ich stand auf halber Höhe, auf der Treppe. Ich habe zusehen müssen, wie der Mann gestorben ist.“

Er zog seine Hände zurück, kreuzte die Arme, klemmte sich die Hände unter die Achseln, vergaß im Mindesten zweimal zu atmen und nickte offensichtlich gegen seinen Willen. Sein Befremden wirkte distanziert und weckte in mir den Verdacht, er wolle nichts damit zu tun haben. So reagierten Söhne, die immer nur verhätschelt wurden. Von der Mama, von der Schwester und später von der Frau.

Sein Verhalten regte mich auf.

Da er schwieg und sein Gesicht mehr und mehr Zweifel ausdrückte, fragte ich mich, ob er mich überhaupt richtig verstanden hatte. Ich begann zu wiederholen, was ich gesagt hatte, langsamer, deutlicher: „Heute Morgen … ein junger Mann … erschossen … auf der Treppe –“

„Si, si!“, er wehrte mit beiden Händen ab. „Verstanden! Schon verstanden! Welche Villa? Welche Treppe?“

„Auf der Steintreppe. Sie führt vom Strand zu der Villa auf dem Felsen.“

„Die Treppe zur Villa Tre Rose?“

„Jawohl“, sagte ich, obschon ich keinen Schimmer hatte, ob das stimmte. Spielte es eine Rolle? Das würde sich im Laufe der Ermittlungen von selbst zeigen.

„Den Mann – beschreiben Sie die Person.“

„Jung, mittelgroß, sportlich, wie Sie. Jemand hat ihn ‚Angelo‘ gerufen.“

„Angelo?“ Seine Augen traten hervor, er glupschte ungläubig, und die Farbflecken auf seiner Haut dunkelten nach, von der Stirn bis hinunter zum Hals.

Ich sagte: „Ja, Angelo“, und wunderte mich, dass er nicht die ganze Geschichte hören wollte; offenbar wurde er von einer Welle heftigster Gefühle übermannt, ein Gemisch aus Bestürzung und Zweifel, jedenfalls wich er zurück, bis er wieder hinter seinem Schreibtisch stand. Er hob den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer, ohne aufzuhören, mich mit seinen Augen abzutasten.

Ich hörte das Wartezeichen durch die Stille, endlich ein Knacken gefolgt von einem Knurren.

Der Carabinieri begann mit den Worten: „Angelo è morto“, und teilte dem Knurrhahn am anderen Ende der Leitung mit, was er soeben erfahren hatte. Er redete lange, entweder schmückte er die Geschichte aus oder er musste sie wiederholen, jedes Mal mit neuen Worten, bis seine Aussagen verstanden wurden. Angelo. Der Name fiel drei oder vier Mal. Er redete schnell, blickte hin und wieder zur Wand und führte mit der freien Hand Gesten aus, unfertige Gesten mit geschlossenen, gekrümmten Fingern, Gesten, die außer mir niemand zu sehen bekam. Daraufhin wurde er ausgequetscht. Fragen über mich, wie ich aus seinen Blicken schloss, die mehrmals zu mir herüberhuschten, und zum Schluss nahm er Anweisungen entgegen. Der Knurrhahn hatte ausgeredet, der Uniformierte vor mir quittierte das Gespräch mit mehreren, knappen „Si“ und legte den Hörer wieder auf.

Er wagte sich wieder vor bis an den Tresen. Sein Gesicht hatte scharfe Züge bekommen und seine Höflichkeit war so flach wie eine überfahrene Milchtüte, dafür zeigte sich sein Pflichtbewusstsein in seiner ganzen Widerwärtigkeit: Er fragte mich aus, wollte wissen, wer ich war, woher ich kam und was ich hier täte.

„Julian Berger“, sagte ich.

„Und?“, fragte er. „Turisto?“

„Ja“, sagte ich. „Aus der Schweiz.“

Ich überlegte, was ich sagen könnte, sollte er die Frage nach meinem Beruf stellen, doch statt weiter zu fragen, verlangte er einen Ausweis.

„Mein Personalausweis liegt im Hotelsafe.“

„Ausweis müssen Sie mitbringen, immer.“

„Ich bin herkommen, um zu schwimmen. Die Fische interessieren sich nicht für meine Herkunft.“

„Sie sind hergekommen, auf die Wache. Hier müssen Sie den Ausweis zeigen.“

„Wie gesagt, er liegt im Safe im Hotel.“

„Name?“

„Ancora.“

Ihr Name!“

„Wie gesagt, Julian Berger“, sagte ich und musste ihm Buchstabe für Buchstabe diktieren.

Er kritzelte meinen Namen und den Namen des Hotels auf ein Blatt Papier und fragte noch mehr Persönliches, zum Beispiel wie alt ich sei, ob ich allein gekommen wäre, ob ich auf der Insel Bekannte hätte und wie lange wir bleiben würden.

Er notierte alles. Er schlug in einem Kalender das Datum unserer Abreise nach und hielt auch das fest.

Beim Schreiben zitterten seine Hände. Man sah nicht oft junge, saubere Hände, die so schlotterten. Zu Beginn hatten seine Hände stützend auf der Holzplatte gelegen, seit meinem Bericht und vor allen Dingen seit dem Telefongespräch glichen sie den Händen eines Trinkers, der drei Tage in der Ausnüchterungszelle gesessen hatte.

„Was tun Sie jetzt, schicken Sie jemanden hin?“, fragte ich.

„Certo!“, maulte er. „Und Sie dürfen die Insel nicht verlassen! Haben Sie verstanden? Mein Chef will Sie morgen oder übermorgen sprechen.“

Morgen oder übermorgen? Damit zerstreute er meine Bedenken keineswegs, im Gegenteil: Damit wurde mir zur Gewissheit, dass die ortsansässige Polizei mir misstraute. Vermutlich würden sie zuerst meine Identität überprüfen, und wenn keine weitere Hinweise zu der Tat eingingen, den Fall abschließen. Ich gebe ja zu, meine Schilderung hatte etwas von einer absurden Behauptung. Ich könnte ein Irrer sein oder ein Komödiant oder beides in einem. Wie hätte ich ihn vom Gegenteil überzeugen können? Ich hatte den Eindruck, dass wir beide nicht in Stimmung waren für ein ausführliches klärendes Gespräch.

Also spielte ich den holden Schweizer, nickte gönnerhaft, sagte: „Da“, und deutete auf seinen Kragen.

„Was ist?“

„Ihr Hemd. Der Kragen ist zu eng. Öffnen Sie den obersten Knopf. Unter der Krawatte sieht das niemand. Sie bekommen ja kaum Luft, wenn Sie sich ärgern. Unter uns: Sie sind ganz rot im Gesicht.“

„Gehen Sie“, fauchte er. „Weg! Weg! Subito!“

Das hatte ich ohnehin vor. Länger zu verweilen wäre töricht gewesen, denn früher oder später würde er das schöne Schneckengehäuse vermissen.

4

Gegen fünf Uhr stand ich in der Kleider-Boutique und wartete auf die Verkäuferin. Sie war auf ihren roten Schuhen mit den Bleistiftabsätzen ins Lager gestöckelt, um von der Hose, die ich ausgesucht hatte, eine andere Größe zu holen. Das Klackern ihrer Absätze drang durch alle Wände, daher glaubte ich, einen Blick in den hinteren Bereich riskieren zu können, ohne von ihr ertappt zu werden. Die beiden Kundinnen, die sich bei den Umkleidekabinen aufhielten, interessierten sich nur für den Stoff der Leggins, den sie zwischen den Fingern rieben.

Ich öffnete die Tür, durch die die Verkäuferin entschwunden war, und spähte vorsichtig durch den Spalt, im Glauben, es sei reine Neugier, die mich antrieb. Ich wollte sehen und vor allem riechen, was vom Brandanschlag übrig war, und feststellen, ob Carabinieri, Feuerwehr und jemand von der Versicherung endlich eingetroffen waren, zur Spurensicherung, zur Bestandsaufnahme und um Beistand zu leisten bei der Bewältigung der Unordnung, der Schäden und des Schreckens.

Hinten im Flur stand die Frau mit der blonden Mähne.

Sie hatte sofort realisiert, dass sich die Tür bewegte, guckte daraufhin verwundert und eilte heran.

Diese Frau, ihre Augen, ihr Lächeln, ihre Art zu gehen – ich konnte die Augen nicht vor ihr lassen.

Sie zog die Tür auf, griff sich mit der linken Hand auf dieselbe Weise ins Haar wie am Vorabend, streckte mir die rechte hin und sagte: „Buongiorno!“

„Buongiorno“, sagte ich und machte entschuldigend klar, dass ich aus der Schweiz stammte und kein Wort Italienisch verstünde.

„O das macht nichts. Ich habe zwei Jahre in Zürich gearbeitet“, meinte sie mit einem gefälligen Akzent. „Ich heiße übrigens Ilaria Tremante.“

„Julian Berger“, sagte ich.

Sie legte ihre Hand auf meinen Unterarm und zog mich durch die Tür und den Flur bis zur Schwelle vor dem Lagerraum. Sie trug Latzhosen und ein Männerhemd, die Ärmel hochgekrempelt. Ihr Parfum war weniger aufdringlich, als ich es in Erinnerung hatte. Es roch weniger blumig, mehr nach Karamell, und wirkte vielleicht gerade deshalb noch anziehender, betörender, verwirrender auf mich.

Wir blieben genau da stehen, wo der Vorhang gehangen hatte, den ich dem Brandstifter um den Kopf gewickelt hatte, und sie wies mit der linken Hand auf die Spuren des Brandanschlags. Ihre rechte Hand blieb auf meinem Unterarm, schmal, leicht, schlummernd; sie fühlte sich an wie ein glühendes Brandeisen.

Ich wäre ins Schwitzen geraten, hätten nicht alle Fenster offen gestanden. Der Wind wehte herein, rauschte mild durch das Lager, blähte ihr Haar und verdünnte den Brandgeruch, der den Wänden, Einrichtungen und Kleidern anhaftete.

Die Kleider waren zur Hälfte weggeräumt und vom Schaum, mit dem ich die Flammen eingedeckt hatte, fehlte jede Spur. Zwei Frauen halfen ihr beim Aufräumen, schweigend, mit schwarzen Kopftüchern, verschlossenen Gesichtern, dicken Armen und Gummihandschuhen. Sie erwiderten meinen Gruß, ohne in ihrer Tätigkeit innezuhalten.

Der Vorhang war verschwunden. Die unversehrten Kleider legten sie in Leinensäcke, die Taschen und Schuhe packten sie in große Kisten. Die angesengten Sachen stopften sie in Abfallsäcke.

„Jemand ist hier eingebrochen letzte Nacht und hat ein großes Durcheinander hinterlassen. Die Kleider in den Säcken lassen wir waschen. Die Taschen und Schuhe bringen wir in eine Reinigung. Das Zeug hier“, Tremante zeigte auf die Abfallsäcke, „das kommt weg.“

Sie führte mich an den beiden Frauen vorbei in ein enges, mit Ordnern und Katalogen vollgestopftes Büro, schloss Tür und Fenster und trat an mich heran, bis sich unsere Schuhe beinahe berührten. Dann legte sie beide Hände auf meinen Unterarm und flüsterte: „Sie sind beim Hafenfest gewesen gestern Abend. Ich habe Sie gesehen. Stimmt’s? Heute Morgen haben Sie an unserer Tür geklingelt. Warum sind Sie hergekommen? Was haben Sie bei uns gesucht, so früh?“

Ihr Gesicht war glatt und schön und rein wie eine geschälte Mandel. Erstaunlich, wenn man bedachte, dass das ganze Jahr über salzhaltige Winde über diese Insel hinwegfegten. Ihre Augen waren groß und rund und das Schwarze darin stellte den Glanz ihrer Lackschuhe in den Schatten.

„Ich habe draußen gestanden, vor Ihrem Schaufenster, und Rauch gerochen. Brandbeschleuniger stinkt so typisch, wenn er verbrennt.“

„Brand- … was?“

„Brandbeschleuniger. Der Mann hat ihn über die Kleider gegossen und angezündet. Das ist so etwas wie Petrol.“

„Ach, Sie haben den Rauch gerochen? Und weiter?“

„Ich habe Rauch gerochen und nach dem Feuer gesucht. Ich habe nachgeschaut, woher es kommt. Die Haustür stand offen. Aufgebrochen, um genau zu sein. Ich bin sofort hineingegangen.“

„Ohne zu klingeln?“

„Ohne zu klingeln.“

„Aber Sie haben doch geklingelt, ich habe es gehört. Ich habe sie sogar vor der Haustür gesehen.“

„Nicht beim ersten Mal.“

„Beim ersten Mal? Das heißt …?“, sie brauchte Zeit, bis sie zur nächsten Frage fand.

Ich rührte mich nicht.

„Das heißt, Sie sind hier gewesen? Da drinnen?“

„Ja.“

„Wann?“

„Davor.“

Sie öffnete den Mund, schwenkte die Hand vor und zurück und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Beim ersten Mal“, sagte ich.

„Bevor ich Sie gesehen habe?“

„Ja. Ich habe den Mann überrascht, hier im Lager. Er hat diese Unordnung angerichtet und versucht, den Kleiderhaufen in Brand zu stecken. Mit Brandbeschleuniger.“

„Nein!“, sie trat zurück und legte sich die Fingerspitzen an die Schläfen. „Und ich habe mich schon gewundert: Jemand hatte den Feuerlöscher geholt und den Schaum versprüht. Sind Sie das gewesen? Haben Sie das Feuer gelöscht?“

„Ja.“

„Sie haben Angelo vertrieben?“

„Ja.“

„Dieser Mistkerl! Was hat er sich nur dabei gedacht? Erzählen Sie! Was ist genau passiert?“

Ich erzählte ihr nur die erste Hälfte der Geschichte. Den Schuss und Angelos Sterben auf der Treppe ließ ich weg.

Ich kann es nicht erklären. Ich erzählte ihr aus einer Eingebung heraus, ich wäre zu müde gewesen und hätte die Verfolgung des Mannes aufgegeben, sowie ich ihn vom Strand aus auf der Treppe zu der Villa hochrennen sah. Ich wäre zum Hotel zurückgekehrt, weil ich angenommen hätte, die Carabinieri würden ihn ausfindig machen. Sie hätte ihn ja erkannt, sogar seinen Namen gerufen. Angelo. Sie hätte auf uns in dem Moment herabgesehen, sagte ich, als er auf dem Rasen stand und mich beschimpfte.

Bei dem Namen Angelo glitt ihr Blick seitlich weg, hinab zur Fußleiste. Sie schob ihre Hände hinter den Latz mit der Brusttasche, dort wo Platz genug war für zwei schmale Hände, und auf ihrer Stirn zeichneten sich haarfeine Falten ab. Ich bezweifelte ihre Vergesslichkeit, trotzdem wiederholte ich den Namen, den sie gerufen hatte: „Angelo. Sie haben den jungen Mann erkannt, nicht wahr?“

„Ja, doch. Sicher“, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln, die Hände behielt sie verdeckt. Sie gab sich Mühe, besonnen oder gefasst zu wirken, und sah sich um, griff nach einem Stuhl, wollte sich setzen. Das Klopfen an der Tür hinderte sie daran.

Die Tür ging auf und die Verkäuferin trat auf die Schwelle.

Ich hatte sie nicht kommen hören. Ihre nagelnden Tritte auf den Fliesen waren mir nicht aufgefallen und diese Tatsache irritierte mich stärker, als die Haltung der Tremante. Ich war bis dahin stolz auf meine Wachsamkeit gewesen, glaubte, ich sei ständig auf der Hut, doch jetzt hatte sie mich überrascht und meinem Stolz und meiner Berufsehre gleichsam einen Dämpfer verpasst.

Entweder hatte sie sich angeschlichen oder Tremante hatte meine Aufmerksamkeit stärker in Beschlag genommen, als mir lieb war.

„Prego“, sagte die Verkäuferin. Sie sprühte vor Selbstbewusstsein und präsentierte zwei Hosen auf ihrem Unterarm. Um ihre Lippen kräuselte sich ein Schmunzeln, das in der ausgereiften Form niederträchtig ausgesehen hätte, und in ihren Augen lag eisige Kälte.

Ich wollte abwinken, mein Verlangen nach neuen Hosen war erloschen. Tremante reagierte mit klebriger Frische, nahm der jungen Dame beide Hosen ab, hielt das eine, dann das andere Paar an meine Seite und rief: „Diese hier wird Ihnen stehen! Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Kabinen. Bitte, wir möchten Ihnen eine Hose schenken, wir sind froh über Ihr Eingreifen, wissen Sie.“

Sie nötigte mir das Paar auf, führte mich nach vorn in den Laden und warf der Verkäuferin im Flur im Vorbeigehen drei, vier Worte zu. Was sie sagte, konnte ich nicht verstehen, sie sprach schnell und mit einer scheinbar gebotenen Notwendigkeit. Aus dem Mienenspiel der Verkäuferin schloss ich, dass Ilaria Tremante mich zum Held des Monats erklärt hatte.

Die Hose passte, selbst in der Länge. Tremante suchte in der Zeit, in der ich im Spiegel der engen, unterkühlten Kabine den Sitz an Bauch und Hintern prüfte, ein passendes Poloshirt für mich heraus. Sie hielt es hoch, als ich zur Kasse zurückkehrte, und fragte: „Gefällt es Ihnen?“

„Ja“, sagte ich. Es war in blassblauer Farbe.

Sie hielt es mir vor die Brust und fragte: „Tragen Sie normalerweise XL?“

Wieder dieses Parfum. „Ja“, sagte ich.

„Gut.“

Sie nahm mir die Hose ab, strich sie auf dem Tisch neben der Kasse glatt, gewieft und flink, zupfte die Falten zurecht, schob das Poloshirt daneben, schaute sich das Ergebnis an, schnalzte mit der Zunge, schob Hose und Shirt in eine Papiertasche und gab sie mir in die Hand.

Ich nahm sie entgegen und bedankte mich.

Beim Verlassen des Geschäfts fiel mir der Grund wieder ein, weswegen ich hergekommen war: der Schlüssel. Ich ging zur Kasse zurück und sagte ihr, mein Hotelschlüssel müsse hier irgendwo sein, ich vermisste ihn seit der Begegnung mit Angelo.

„O“, rief sie mit großen Augen und schlug mit der flachen Hand auf meinen Unterarm. „Warten Sie, ich werde die Frauen fragen.“

Sie verschwand. Die Verkäuferin beriet derweil eine Kundin und ich stibitzte bei der Gelegenheit von einem blauen Möbel im Schaufenster einen Leinengürtel.

Nach kurzer Zeit war sie zurück, mit leeren Händen, und berichtete, eine der Frauen habe heute Morgen einen Schlüssel erwähnt. Leider sei die Frau gegangen, vor einer Stunde, und niemand wisse, wo sie ihn hingetan hätte. Möglicherweise habe sie ihn mitgenommen, um ihn persönlich im Hotel abzugeben. Die Schlüssel seien gekennzeichnet, deutlich, wie die meisten Hotelschlüssel, fügte sie hinzu. Dann entschuldigte sie sich noch einmal und versicherte mir aufs Neue, die Frau würde ihn bestimmt noch heute ins Hotel bringen.

Tremante begleitete mich diesmal bis zum Vordereingang, blieb nun unter der automatischen Schiebetür stehen, hielt eine Hand oben vor den Sensor und stellte mir die Frage, die sie mir im Büro hatte stellen wollen: „Sind Sie ein Schweizer Polizist?“

„Nein“, sagte ich. „Ein Feuerwehrmann.“

Sie lachte und nickte, ihr Blick aber zerschnitt mir die scherzhafte Lüge auf den Lippen.

 

Ich begab mich auf direktem Weg ins Hotel und traf im Empfang auf die Frau des Hoteldirektors. Sie stöberte hinter dem Tresen in irgendwelchen Schubladen herum und ließ erkennen, dass kein Gast der Welt sie von ihrer Tätigkeit würde abbringen können. Erst nachdem ich sie zum zweiten Mal ansprach, wandte sie sich mir zu. Sie erkannte mich und schenkte mir augenblicklich ihre volle Aufmerksamkeit. Sie stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tresen ab, was unbequem aussah, legte ihre Hände gebetsartig ineinander und fragte: „Can I help you?“

Unsere Blicke trafen sich und ich fragte ebenfalls auf Englisch: „Wissen Sie vielleicht, ob jemand meinen Zimmerschlüssel abgegeben hat?“

Mit einem Feixen quittierte sie meine Frage und schüttelte verneinend den Kopf, ohne im Schlüsselkasten nachzusehen oder gar jemanden anzurufen.

„Ist er nicht dort?“, ich deutete auf den Schlüsselkasten hinter ihr.

Ihre Lippen dehnten sich in die Breite, sie riskierte einen kurzen prüfenden Blick den Gang hinunter, zum Eingang der Bar und ins Treppenhaus, legte sich weit vor, so dass ich die Note ihres Shampoos riechen konnte (Grüner Apfel), und meinte in einem unerwartet vertraulichen Ton: „Nicht wirklich.“

Sie trug eine beige Bluse und einen nussbraunen Rock. Sie war mittelgroß, an der Grenze zu drahtig, und hatte das Alter überschritten, in dem selbstverliebte Damen das erste Mal mit Botox liebäugelten.

„Wieso sind Sie so sicher?“, fragte ich.

Sie hielt meinem Blick stand und meinte keck: „Ich habe Sie erkannt.“

„Ach, ja?“

„Naturalmente!“ Sie trat vom Tresen zurück, rollte mit den Augen und nahm ihre Hände zur Hilfe, um ihre Aussagen zu verdeutlichen. „Zwei Herren, sportlich, aber keine Sportler. Ohne Begleitung, wenig Gepäck, keine Kreditkarte, keine Sonderwünsche. Das bedeutet: Sie sind hier im Dienst. Habe ich recht?“

„Was meinen Sie damit?“

„Certo! Diese Blicke beim Eintreten, nie mit dem Rücken zur Tür, schon gar nicht zu einem anderen Mann. Sie verlieren keinen Moment die Übersicht, stimmt’s? Und die Geschichte mit dem verlorenen Schlüssel. Alle Kriminalisten verlangen den Ersatzschlüssel, jeder mit einer anderen Geschichte. Dann hängen sie das Don’t‑disturb‑Schild vor, den ganzen Tag, weil Sie die Gewissheit haben wollen, dass niemand in ihrem Zimmer, äh …“

„Putzt?“

„Nein. Spioniert!“

„Ach so.“

„Si, spioniert!“, sie legte die Hände auf den Rücken, senkte ihren Blick und ihre Stimme: „Mir können Sie vertrauen.“

„Danke“, sagte ich. Das war nicht gelogen.

Sie sicherte sich mehrmals ab, auf dass bestimmt niemand zuhöre, und meinte leise: „Ich bin froh, dass Sie hier sind.“ Es klang ebenso ehrlich.

Ich versuchte, verschwörerisch zu nicken, obschon ich das nie vor dem Spiegel geübt hatte, und überlegte, was Ralph an meiner Stelle gesagt oder getan hätte.

Mein konspirativer Gesichtsausdruck und mein Schweigen schienen sie in ihrer Annahme zu bestärken. Sie schritt um den Tresen herum, legte den rechten Ellbogen auf die Kante, suchte erneut Augenkontakt und wisperte: „Falls Sie Hilfe brauchen, Sie können auf mich zählen. Jederzeit.“

 

Im Zimmer angelangt warf ich die Tasche mit der Hose und dem Poloshirt aufs Bett. Darin befand sich auch der Leinengurt, den ich hatte haben müssen, ohne den ich die Insel nicht verlassen konnte.

Ich holte mir ein Bier aus der Minibar, stellte mich mit der beschlagenen Flasche in der einen und dem Schneckengehäuse in der anderen Hand auf den Balkon, trank, hielt die Schnecke ans Ohr, sah aufs Meer hinaus, genoss mit zugekniffenen Augen das Glitzern auf den Wellen, lauschte dem Rauschen des Schneckengehäuses, witterte schwefelartige Gerüche, die wohl vom Vulkan stammten, trank wieder und wartete auf die innere Ferienstimmung.

Das Bier blieb den erhofften Geschmack schuldig – es schmeckte schal – und das Rauschen der Schnecke war genauso enttäuschend. Mit anderen Worten: Die gewünschte Stimmung traf nicht ein.

Meine Gedanken kreisten um die Möglichkeiten, die mir blieben: Was konnte ich tun? Wofür sollte ich mich entscheiden? Blieb mir eine Wahl?

Ich fand keine Antworten. Mitten im Grübeln vernahm ich ein Geräusch, ein Räuspern oder Hüsteln, und mir wurde sofort bewusst: Sie war gekommen! Ich ließ meinen Blick zur Seite gleiten und sah ihre Hand mit meinem Zimmerschlüssel. Sie streckte den Arm durch die offene Balkontür.

Ich trat zurück ins Zimmer und fragte: „Ist das mein Schlüssel?“ Mir fiel keine bessere Frage ein.

Tremante nickte und fragte mit samtiger Stimme: „Hast du nur Bier da?“

„Steht Prosecco in deiner Gunst?“, fragte ich.

Ich hatte in der Minibar eine kleine Flasche Prosecco gesehen, räumte Schnecke und Bier weg und holte die Flasche.

Sie hatte mich geduzt, wieso sollte ich sie nicht auch duzen?

Sie schwebte auf nackten Füssen zur Zimmertür, wo sie ihre Schuhe ausgezogen hatte, steckte meinen Schlüssel von innen ins Türschloss und drehte ihn zweimal um. Ich öffnete die Flasche und verteilte den Inhalt in zwei gewöhnliche Trinkgläser. Vornehme Kelche gehörten nicht zur Standardausrüstung dieses Zimmers. Doch darauf kam es ihr nicht an.

„Ilaria“, sagte sie und erwartete, meinen Namen zu hören.

„Julian.“

Sie lachte und meinte: „Ich werde dich Giulio nennen“, dann trank sie das Glas in einem Zug aus und knallte es auf den Tisch. Sie trat einen Schritt zurück, entließ einen lautlosen Rülpser, ein Bäuerchen vielmehr, kicherte und kam so dicht heran, dass sich unsere Zehen berührten. Ihre Hände griffen diesmal nicht nach meinem Unterarm, sondern nach meinem Hals.

Sie zog mich herab, vorsichtig und verwegen zugleich.

Ihr Kuss war feucht und butterweich.

Ich legte meine Hand in ihren Nacken, fuhr an ihrem Hinterkopf hoch, griff ihr tief ins Haar, übte leichten Druck aus und gab ihr zu verstehen, dass ihr Kuss mir schmeckte. Meine andere Hand glitt an ihrer Seite hinab und fand ihre Hüfte. Ich versuchte zu ergründen, wie weit ihre Bereitschaft ging.

Sie ließ mich ihre Willigkeit spüren, schmiegte sich an mich, langsam, vorsichtig, und ich muss gestehen, meine Lust auf diese Frau schäumte innerhalb von zwei, drei Pulsschlägen über, und alle meine Hemmungen und Bedenken wurden von einer übermächtigen Begierde weggefegt. Sie öffnete drei, vier, fünf, alle Knöpfe an meinem Hemd, hauchte meinen Namen, biss mich in die Brust, löste sich von mir und begann sich zu entkleiden. In ihrem Blick lag diese Magie, die versprach: „Ich Eva, du Adam“. Sie bewegte ihre Arme gemächlich, löste mit ungespielter Vorfreude den linken, dann den rechten Träger ihrer Latzhose, ließ sie mit einer trägen Bewegung zu Boden gleiten, stieg heraus, öffnete Knopf für Knopf an ihrem Hemd, ohne den Blick nur ein einziges Mal von mir abzuwenden, streifte es über die Schultern ab und ließ es ebenfalls zu Boden gleiten. Mit einem Griff löste sie den Büstenhalter und warf ihn über die nächste Stuhllehne. Sie kehrte sich von mir ab, schaute in den Spiegel, löste die Spange, die ihre Haare zu einem Schweif bündelte, und schwenkte den Kopf.

Ich brauchte mich bloß zu strecken, um im selben Spiegel ihre Brüste sehen zu können. Sie wippten verführerisch zu ihren Bewegungen. Zu spät erkannte ich, dass sie meine voyeuristischen Bestrebungen seitlich in der Glasscheibe der offenen Balkontür verfolgen konnte.

Die Frau war raffiniert. Sie verstand sich vortrefflich darauf, meine Sinne zu fesseln.

Sie lachte offen heraus, drehte sich um, legte ihre Arme erneut um meinen Hals und fragte versöhnlich: „Gefalle ich dir?“

Ich musste sie berühren, diese Brüste, musste sie streicheln, kneten, küssen; fühlen, wie die Knospen hart wurden. Wie oft war es einem Mann vergönnt, Brüste wie diese zu liebkosen? Sie verstummte, atmete nur noch durch den offenen Mund und schubste mich Richtung Bett.

Ich legte die Tasche mit den Sachen aus der Boutique auf den Tisch, mit Umsicht, auf dass der Gürtel nicht herausfiel, denn die meisten Leute reagieren mit Verstimmung bis hin zu offener Abneigung, wenn sie erkannten, dass man sie bestohlen hatte. Wir kraxelten aufs Bett und ich vergaß die Welt und verlor die Fassung.

5

Zwei Stunden später schwammen wir – Ralph und ich – vor dem Hotel im Meer. Wir waren in der Eingangshalle zusammengestoßen, kurz nachdem Ilaria das Hotel verlassen hatte. Wir trugen Badehosen, Sonnenbrillen und Badetücher, und wir waren gleichermaßen überrascht, den anderen in diesem Aufzug anzutreffen. Freudig überrascht.

„Wo bist du gewesen? Ich habe dich gesucht“, sagte er.

„Was? Ich habe dich gesucht“, sagte ich.

Er lachte: „Komm, ich will jetzt schwimmen. Ich erzähl es dir später.“

Vielleicht sollte ich besser sagen: Wir planschten im Wasser herum. Wir stemmten uns im warmen, seichten Meer gegen die ungefährlichen Brecher oder tauchten mitten hinein und prusteten und lachten wie Kinder. Um richtig zu Schwimmen, hätten wir uns ein gutes Stück hinaus wagen müssen. Die beständigen Wogen wühlten den Sand auf und spülten ihn mir in die Badehose, das Salz kribbelte auf den Lippen und reizte mich in den Augenwinkeln und hin und wieder mischte sich zum Geruch des Meeres der Gestank von faulen Eiern – jedes Mal, wenn eine Windböe die Dämpfe des Vulkans den Hang herunter und über den Strand hinweg aufs Meer hinaustrieb.

Wir befanden uns im Nordwesten der Insel, die Sonne versank vor unseren Augen am Horizont. Sie hatte ihre Farbe von einem gleißenden Gelb in ein feuriges Rot gewechselt und es in der letzten halben Stunde geschafft, den Himmel über uns zu entflammen. In wenigen Minuten würde das Blendwerk erloschen sein, von der Nacht besiegt. Im Licht der letzten Strahlen warfen unsere Körper überlange Schatten bis an den Strand, und Ralphs Körper mit dem Reservepolster um den Bauch glänzte wie eine Bronzestatue.

So oft ich meine Blicke zur Villa auf dem Hügel lenkte: Ich konnte keinerlei Aktivitäten sehen oder gar hören. Ich weiß nicht, welche Art von Lärm oder Betriebsamkeit ich wahrzunehmen erhoffte.

Auf der Treppe vor dem Tor, wo dieser Angelo gestorben war, hätte ich zumindest Gesetzeshüter erwartet, zum Beispiel Uniformierte oder Spezialisten in ziviler Kleidung, die den gesamten Aufstieg bis zum Strand hinab absperrten und untersuchten. Normalerweise würde jemand Spuren sicherstellen, den Einschusswinkel bestimmen, Fotos machen.

Doch ich sah nichts von alldem.

Wenigstens eine rote Kerze vor dem Tor, die Kund tat, dass dort etwas Schreckliches geschehen war, hätte ich als angebracht empfunden. Oder niedergelegte Blumen (Tulpen, Nelken, Rosen), ein Foto, ein Blatt Papier mit dem Namen ‚Angelo’ in Kinderschrift. Entfernte, kaum wahrnehmbare Klagelaute hätte ich erwartet, das Schreien einer Mutter, ein Durcheinander von Jammern, Flehen, Heulen, Schluchzen. Gemurmelte Gebete.

Nichts von alldem.

Es herrschte Totenstille in und um die Villa. Sie lag da wie ausgestorben.

Der Felsen, die Treppe, die Mauer und die Villa, alles strahlte im blutroten Licht der sinkenden Sonne. Hatten die Bewohner das Haus verlassen? Waren sie geflüchtet, zusammen mit der Leiche? Oder trauerte die Familie in einem Hinterzimmer ohne Trauergäste? Mitten drin der Sarg mit dem Sohn?

 

Im Hotel, im Garten, unter den Palmen und entlang der Straße gingen die Lichter an, die Ränder des Strands verloren sich im Zwielicht.

Ein großer, hagerer Kerl mit Kurzhaarfrisur, blondem Dreitagebart und in kurzen Hosen schlenderte von Sonnenschirm zu Sonnenschirm, klappte jeden einzeln ein, schleppte die Liegestühle vom Strand zurück zur Mauer, stapelte jeweils vier dieser Dinger übereinander. Zuletzt rasselte er umständlich mit einer dicken, langen Kette.

Ralph und ich stiegen aus dem Meer. Ich trocknete mir das Haar, lieh mir seine Zigaretten aus, fragte: „Wartest du kurz auf mich?“, und ging auf den hageren Kerl zu.

„Feierabend?“, fragte ich ihn auf Deutsch.

Keine Antwort.

Er legte die Kette um sämtliche Fußbügel der Liegestühle. Sie war extra lang, die Kette, und dennoch zu kurz. Am Ende fehlte ein armlanges Stück. Er wollte die letzten Glieder an beiden Enden mittels eines Vorhängeschlosses an einem dicken, eingemauerten, von Rost angefressenen Ring festmachen. Ich packte mit an, half ihm beim Heranrücken des äußersten Stapels und sagte: „Man würd’s nicht glauben: Auf einer Ferieninsel werden Liegestühle geklaut?“

Er ging zum Ring zurück, legte beide Enden der Kette übereinander und auf den Ring. Diesmal klappte es. Er hängte das Schloss ein, ließ es zuschnappen und zog den Schlüssel ab.

„Verdammt schweres Schloss“, sagte ich.

Er zeigte nach wie vor keine Reaktion, richtete sich auf und ließ seinen Blick über den Strand schweifen. Er schien müde, aber zufrieden.

Ohne das Rauschen des Meeres hätte man meinen können, die Finsternis habe die Welt da draußen verschluckt. Weit über uns sah ich die ersten Sterne leuchten.

Ich trat neben ihn und bot ihm eine Zigarette an. Er nahm sie mit spitzen Fingern. Ich gab ihm Feuer. Er zog den Rauch ein und blies ihn durch die Nase aus. Wir standen nebeneinander an der Mauer und sahen dem letzten Badegast zu: Ralph. Er hockte am Boden, untersuchte seine Fußsohlen und fluchte, weil er offensichtlich in etwas hineingetreten war und in der fortgeschrittenen Dämmerung die Ursache seines Schmerzes nicht finden konnte.

„Imposante Villa“, sagte ich und wies mit dem Daumen auf den Felsen.

„Die Villa Tre Rose“, sagte er auf Deutsch, streifte die Asche an der Mauer ab und fragte, ohne den Blick zu heben: „Was wollen Sie wissen?“ Er nuschelte wie jemand, der eine Flasche Bier mit den Zähnen geöffnet und vergessen hatte, den Deckel auszuspucken.

„Wer wohnt dort oben?“

„Die Signora Sempre.“

„Filmbraut?“

„Nein“, er lachte auf. „Eher Fürstin.“

Ich sah ihn mir näher an: Er hatte einen schmalen Mund, neben dem hellen Bart auch helle Augenbrauen und tiefe Augenhöhlen. Weit hinten in diesen Höhlen funkelten zwei kleine kugelrunde Augen, deren Farbe ich jedoch nicht erkennen konnte.

„Kennen Sie sie? Ich meine, Sie sehen zwar nicht aus, wie hier geboren, aber Sie sind bestimmt vor langer Zeit auf die Insel gekommen und einfach hier geblieben, stimmt’s?“

Er lachte: „So ist es. Fünfzehn Jahre ist es her und einen Monat.“

„Was hat Sie hiergehalten? Das italienische Bier kann es nicht gewesen sein“, sagte ich.

Zum ersten Mal blickte er mich an, grinste, rauchte, scharrte mit den Sandalen und murmelte: „Hören Sie, ich weiß so gut wie nichts über die Villa oder die Signora Sempre.“

Ich hätte ihn gern gefragt, wer mir da weiterhelfen könnte, doch er kam mir zuvor, deutete mit der Zigarette zum Fischerhafen hinüber und sagte: „Sehen Sie den Fischkutter dort am Pier? Den mit dem hellen Scheinwerfer am Mast? Das ist Luigi, der so spät noch seine Netze ordnet. Signora Sempre besitzt die meisten Fischerboote. Luigi, der gerade in der Kabine verschwindet, er weiß Bescheid. Fragen Sie ihn. Er nimmt mit seinem Boot auch Touristen mit hinaus aufs Meer und verkauft alles Mögliche – wenn’s sein muss sogar Informationen.“ Diese letzte Bemerkung hatte er in einem leisen, aber klaren Ton geäußert.

„Danke“, sagte ich.

Er zerrieb die Glut der Zigarette zwischen Daumen und Mittelfinger, steckte den gelöschten Stummel in die Gesäßtasche, ließ ein: „Ich hab zu danken“, hören und schlenderte hinauf zum Hotel.

 

Ich wollte sofort zum Fischerhafen hinüber und bat Ralph, den Dolmetscher zu spielen. Er weigerte sich. Er trug beide Sandalen in der Hand und jammerte, sein rechter Fuß schmerze so, dass er nur mit der Ferse auftreten könne. Ich spürte, wie mir der Zorn ins Gesicht schoss.

„Heute Morgen“, zischte ich, „heute in der Früh ist ein junger Mann erschossen worden. Vor meinen Augen. Verdammt Ralph, spiel jetzt nicht den Obermelker, komm, ich brauche dich!“

„Was ist passiert?“, fuhr er auf.

Ich packte ihn am Arm und versprach, ihm alles zu erzählen und auch die Stelle an seinem Fuß zu untersuchen und notfalls zu verbinden, sobald wir im Hotel wären. „Aber jetzt brauche ich deine Hilfe“, zischte ich.

Er humpelte neben mir her, nicht ohne Seufzer.

Wir blieben auf der sonnendurchwärmten Kaimauer vor dem Kutter stehen, auf dem der dicke Luigi seine Netze ordnete. Es war das dritte Boot in der Reihe von vielleicht fünfzehn Booten. Sie waren bunt, in unterschiedlicher Größe und Kontur, wenn auch alle zum selben Zweck gebaut.

Wir sahen dem Mann eine Weile zu. In der einen Hand hielt er ein Messer, dessen Klinge im Licht des Schweinwerfers hin und wieder aufblitzte. Mit der anderen Hand zupfte er etwas Größeres aus dem Netz, etwas, das aussah wie ein Stück eines zerfransten Segels. Er schnitt es nach und nach mit dem Messer heraus.

Er bemerkte uns, rieb sich mit einem Lappen den Schweiß von der Stirn und japste nach Luft wie ein junger Hund, offensichtlich da ihm sein Wanst bei jedem Bücken in die Quere kam.

Die anderen Boote lagen verlassen da und bis auf das Geräusch der Wellen, die leise gegen die Außenwände klatschten, war es ruhig; und weit, unermesslich weit weg glänzten Millionen von Sternen. Noch fehlte der Mond.

Mir wurde rasch klar, dass uns der Mann hier am Hafen, wo unsere Stimmen ungedämpft über das Wasser hallten, niemals Auskünfte erteilen würde. Allein schon die Frage nach Auskünften brächte uns alle in Verlegenheit. In der Nacht klang ein Räuspern bekanntlich wie ein Knurren, ein Rufen wie ein Schreien und das Platzen eines Ballons wie ein Schuss. Ich bat Ralph, ihn zu fragen, ob ich ihn auf seiner nächsten Fahrt zum Fischen begleiten dürfte.

Von Ralph angesprochen richtete er sich erneut auf, drehte sich in unsere Richtung, stand breitbeinig da, stopfte den Lappen in die Gesäßtasche und fragte: „Una persona?“

„Er“, sagte Ralph und deutete auf mich.

Ich fragte: „Sprechen Sie Deutsch?“

Er machte ein dummes Gesicht, wartete auf eine Erklärung.

Ralph stellte ihm dieselbe Frage, diesmal auf Italienisch.

Er winkte ab und schnurrte: „Tedesco? No, no tedesco.“

Er beugte sich wieder über seine Arbeit.

„Allora: Due personi“, rief Ralph und fügte hinzu, er komme mit, um zu übersetzen.

Der Mann hielt inne, schielte herüber, und da sagte Ralph noch etwas mit leiser Stimme.

Der Mann dachte nach, brauchte lange, bis er begriff, holte zwei, drei Mal Luft, blickte sich um, nickte und sagte: „Okay.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr und ergänzte (Ralph übersetzte): „Um vier Uhr fahre ich raus, am Morgen, nicht am Nachmittag. Wenn ihr da seid, nehme ich euch mit.“

„Du musst mir ein paar Punkte erklären!“, schimpfte Ralph auf dem Weg zum Hotel.

Wir gingen in sein Zimmer. Er hatte einen Schnitt im Fußballen, in der Hornhaut, daher war kaum Blut ausgetreten. Ich säuberte die Verletzung, desinfizierte sie und erzählte ihm in kurzen Zügen, was ich erlebt hatte. Danach begab ich mich in mein eigenes Zimmer und legte mich ins Bett.

Um drei Uhr in der Früh standen wir wieder auf und ließen das Hotel im Tiefschlaf zurück. Im Fischerhafen herrschte eine schweigsame Emsigkeit. Sämtliche Kutter waren besetzt, auf allen brannten Positionslichter, einer nach dem anderen lief aus und trug die Lichter hinaus in die Weite des Meeres unter einem kolossalen Sternenhimmel. Die Laderäume der Schiffe waren leer und die Kutter lagen leicht im Wasser, dafür steckten die Männer voll schwerer Hoffnung auf einen guten Fang.

Auch unser Mann war bereit; er gab uns die Hand, die prankig und rau war wie die Hand eines Hufschmieds. Er half uns beim Hinübersteigen.

„Luigi“, sagte er. Jetzt erst realisierte ich, wie klein er war, sein Scheitel befand sich auf der Höhe meines Herzens.

„Julian“, sagte ich. „Julian Berger.“

Ralph nannte seinen Namen.

Wir stolperten über allerlei Gerätschaften und hockten uns nah der winzigen Kabine auf eine Kiste.

Luigi startete den Motor, legte den Rückwärtsgang ein, arretierte das Steuer und löste die Leinen. Langsam glitten wir weg vom Steg. Luigi rollte indes die Taue ein, baute sich hinter dem Steuer auf, entfernte die Arretierung, drehte den Oberkörper mal hierhin, mal dorthin, winkte einem Kumpel, legte den Antriebsschieber auf die Position „vorwärts“, kurbelte das Steuer mit Schwung nach links und drückte den Schieber weiter nach vorn auf halbe Kraft voraus. Der Dieselmotor begann zu tuckern, die Schraube schob uns an, der Kutter erzitterte bis in die innersten Verstrebungen, tanzte eine halbe Schlaufe, nahm Fahrt auf und stampfte aus dem Hafen.

Luigi, den Mund zu einem breiten Lächeln verzogen, die Augen zugekniffen, den Blick starr durchs Fenster auf den Horizont gerichtet, lenkte sein Boot in die Fahrrinne eines vorausfahrenden Kollegen. Die Lichter der anderen, die sich in alle Richtungen davonmachten, spiegelten sich zu tausend Widerscheinen versprengt auf den Wellen.

Ich spürte das Hämmern des Motors durch die Kiste, auf der ich saß, fühlte das regelmäßige Wippen und roch die aufdringlichen Gerüche der nassen Seile, des Tangs, des Dieselmotors und der Seilwinde mit ihrem Schmierfett und dem Rost. Draußen vor der Bucht fegte eine kühle Brise quer über uns hinweg und riss die Abgase mit sich fort. Ich rutschte tiefer, schlug den Kragen hoch, legte meinen Hinterkopf gegen die Bordwand, schob die Hände in die Taschen und bekam gerade noch mit, dass Luigi die Drehzahl des Motors weiter hoch schraubte, bis sich das Hämmern zu einem Nageln steigerte. Die Schraube trieb uns stärker an, die Bugspitze hob sich aus dem Wasser und klatschte zurück, hob sich heraus und klatschte zurück, worauf jedes Mal Gischt an meinem Hinterkopf vorbei segelte. Gelegentlich traf mich ein Spritzer im Nacken und der Wind fuhr mir durchs Haar. Irgendwann schlief ich ein.

6

Ralph kniff mich in den Arm.

Es war hell geworden. Die See war ruhig und die Sonne ein gutes Stück den Horizont hinaufgestiegen. Sie wärmte meinen Nacken und beteuerte mit ihrer strahlenden Kraft die Unschuld des neuen Tages.

Ralph reichte mir einen Becher. Ich stand auf, um das Kribbeln in den Beinen zu vertreiben und senkte meine Nase in den Behälter, um den Duft aufzunehmen: Kaffee.

Ich nahm einen Schluck. Er hatte einen Beigeschmack, der von zerquetschter Eichenrinde hätte stammen können.

Luigi saß auf einem umgestülpten Eimer und goss etwas von der Brühe aus einer Thermosflasche in einen zweiten Becher. Seine Stirn blieb gerunzelt, seine Augenbrauen standen schräg und verschafften ihm ein leidendes Aussehen. Sein Gesicht, sein weinerliches Antlitz, passte ganz und gar nicht zu seinem kräftigen Körper, seinen rauen Händen und seinem bunten Boot.

Den zweiten Becher hielt er Ralph hin.

Er lehnte ab. Er klammerte sich mit einer Hand an der Bordwand fest und fragte mich: „Na, ausgeschlafen?“

Ich hatte ihm erzählt, was sich auf der Treppe abgespielt hatte. Jetzt stand er da, bleich und säuerlich dreinblickend, sich krampfhaft festhaltend, und zeigte trotz seiner Übelkeit Nachsicht und Toleranz. Er war nicht umsonst mein bester Freund.

Wir befanden uns allein draußen auf dem Meer. Da trieb weder ein anderes Boot in der Nähe noch winkte ein Kirchturm oder ein Leuchtturm am Horizont, nicht einmal Spuren des Qualms aus dem Vulkan konnte ich ausmachen. Der Himmel war wolkenlos blau und das Wasser glatt, wie von einer durchsichtigen Haut oder Folie überzogen. Etwas Bewegung steckte in dieser Wölbung, ein unmerkliches, unaufhaltsames Auf und Ab, das unser Boot in ein sanftes Wiegen versetzte.

Möwen, zwei, drei Dutzend, schwammen zwischen den Korkbällen, die das ausgelegte Netz an der Oberfläche hielten, ein Dutzend gaukelte über uns im Wind und zwei verliebte turtelten auf der Querstange des Mastes und bekleckerten das Kabinendach.

Unter dem Einfluss der Sonne wechselte das Wasser fast unmerklich seine Farbe. Ich hätte nie geglaubt, dass Wasser derlei differenzierte und tiefschimmernde Varianten von Grün und Blau hervorbringen konnte. Ich schlürfte den Kaffee und spähte über die Bordkante in die Tiefe. Die Farbe glich zuerst dem Grün einer leeren Bierflasche und gegen Osten hin funkelte es ähnlich wie junges Buchenlaub im Gegenlicht. Gleichzeitig änderte sich das Grün, wurde zu einem Grünblau unreifer Heidelbeeren, wandelte sich weiter zu Türkis und noch weiter bis zu einem vollkommenen Blau. Und je höher die Sonne aufstieg, desto stärker wurde die Intensität dieses Blaus, bis es satt und durchdringend funkelte. Damit lockte das Wasser zum Baden und die Wärme von oben bestärkte die Idee.

Ich hatte meine Jacke ausgezogen und spürte, wie Ralph mich beobachtete. Er verzog seinen Mund und versuchte entgegen seiner Verfassung heiter auszusehen.

Luigi zog ein Stangenbrot aus einer Tasche, brach es entzwei, gab jedem von uns eine Hälfte, öffnete mit weiser Vorsicht eine Vorratsdose aus Kunststoff und hielt sie uns hin.

Sardinen, übersetzte Ralph, Luigis Frau habe sie in Öl eingelegt.

Die Dose war randvoll. Die Fische schwammen im Öl, immerhin ausgenommen und ohne Kopf und Schwanz. Ralph biss in das Brot und schaute weg.

Ich verspürte Hunger, nahm einen Fisch, legte ihn in das Brot und beobachtete Luigi.

Er packte einen Fisch, ließ ihn über der Dose abtropfen, dann in seinem Mund verschwinden, kaute, zwinkerte mir zu, legte einen zweiten Fisch nach und genoss die Bissen mit vollen Backen und öligen Lippen. Das war, nebenbei erwähnt, der Moment, in dem sein Gesicht fröhliche, fast glückliche Züge annahm.

Ich lehnte mich an die Kabinenwand, die mit grüner Farbe gestrichen war, und biss von meinem Brot ab. Kaum überschwemmte das Öl meine Zunge, begann mein Magen zu rebellieren. Ich musste gewaltsam ein Hochwürgen unterdrücken. Ich heftete meinen Blick auf den Horizont und atmete tief durch die Nase. Mit dem Kauen beruhigte sich mein Magen. Langsam verbreitete sich im Mund der Geschmack des Fisches in Harmonie mit der Würze des Öls und dem knusprigen Weißbrot. Der Bissen schmeckte köstlich und überzeugte mich vom Können der Fischersfrau.

Luigi bot mir einen zweiten Fisch an. Ich winkte dankend ab, das wäre mir dann doch zu viel gewesen.

Ralph knabberte an seinem Brot und wandte sich ab, um uns nicht beim Schlemmen zusehen zu müssen.

Nach dem Essen verstaute Luigi die Thermosflasche und die Sardinenbüchse in einer Tasche, kniete sich hin, öffnete eine Luke im Boden, griff tief hinunter und holte zwischen allerlei Werkzeugen, quasi aus dem Keller des Bootes, eine Flasche ohne Etikett ans Licht. Er entkorkte die Flasche mit den Zähnen und goss etwas von der gelben Flüssigkeit großzügig in die drei Becher.

Wir stießen an und tranken auf den Fang. Es war ein Limonenlikör, der in der Kehle glühte und den Magen besänftigte.

Ralph kostete vorsichtig, trank dann seinen Becher mit einer einzigen schnellen Bewegung aus und verlangte nach mehr.

Luigi goss nach, stellte die Flasche weg, wischte sich die Hände an einem Tuch ab und holte nach und nach zwei neue volle Flaschen, mehrere Dosen mit Sardinen und diverse Einmachgläser mit eingelegtem Tintenfisch, Gurken, und mit Frischkäse gefüllte Peperoni aus der Versenkung. Er breitete die Produkte auf den Planken aus und grinste verwegen, lobte die italienische Hausmannskost, schenkte uns Likör nach und nannte unverschämte Preise.

Ralph hob entschuldigend die Schultern und erwiderte zwei Worte auf Italienisch, die ich nicht verstand.

Luigi sah erwartungsvoll zu mir auf. Ich versuchte freundlich auszusehen und sagte auf Deutsch, ich würde nichts kaufen.

Mit versteinerter Miene sammelte er die Becher ein, spülte sie aus, räumte alles weg, ließ die Falltür zuklappen, setzte sich auf seinen Eimer, steckte sich eine Zigarette an, tat zwei, drei Züge, suchte meinen Blick und fragte knapp auf Italienisch, was wir von ihm wissen wollten.

7

Er hatte mich angesehen, aber zu Ralph gesprochen. Wir setzten uns nebeneinander auf die Kiste, ich stellte die erste Frage.

Ralph, das Gesicht weiß wie Luigis Unterhemd, übersetzte: „Kennst du Signora Sempre?“

Luigi tat einen Zug, ließ den Rauch ausströmen und besah sich seine Stiefel. Ich stand auf, ging zu ihm hin und drückte ihm einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand.

Er steckte ihn unbesehen weg und sagte: „Jeder auf der Insel kennt Signora Sempre.“

„Gehört dieses Schiff der Signora?“

Er senkte sein Haupt und rauchte.

„Sie besitzt Schiffe, das ist kein Geheimnis.“

Er ließ sich Zeit, kratzte sich hinter dem Ohr und sagte nach einer Viertel Ewigkeit: „Ja. Die Boote gehören ihr und allerlei andere Geschäfte dazu. In unserem Hafen besitzt sie alle Boote. Drüben, in Porto Bello gehören ihr auch alle. Bis auf zwei. Deren Besitzer sind aber keine echten Fischer mehr.“

Er warf einen Blick auf die Korkbälle, sie hingen schwer im Wasser, über die Hälfte trieb gar eine Armlänge unter der Oberfläche.

„Was meinst du mit: andere Geschäfte?“

Er zählte auf: „Ein Hotel. Die Autovermietung. Die Drogerie. Ein Friseursalon. Ein paar Ferienwohnungen, ach, was weiß ich.“

„Wie kommt das?“

Er legte seine Stirn in Falten, lachte eigentümlich, suchte eine Antwort auf die Frage, fand aber keine. Er wippte mit der Hand, die Fingerspitzen auf einem Punkt zusammengelegt und fragte Ralph: „Was meint er mit: Wie kommt das?“

Ich wunderte mich: Spielte der Kerl den Einfältigen nur oder war er wirklich so dumm? Bei meiner nächsten Frage: „Wohnt sie allein in der Villa?“, zog er die Schultern hoch und schaute zu mir, zu Ralph, zu mir und wieder zu Ralph und sagte: „In Italien?“, und drehte dazu die Handflächen nach oben. „In Italien wohnt doch niemand allein.“

„Ist sie reich, die Signora?“

Er murrte ein „Si“, nahm einen letzten Zug vom Stummel, zerquetschte die Glut unter dem Absatz seines Stiefels, ohne den Filter loszulassen, stopfte ihn in eine Blechbüchse und erwartete die nächste Frage.

„Wie ist sie zu ihrem Geld gekommen? Wo kommt es her, das viele Geld?“

„Schon immer gehabt.“

„Soll das heißen, sie hat es geerbt?“

„Keine Ahnung.“

„Ist sie in der Villa aufgewachsen?“

„Nein, sie hat sie gekauft.“

„Ist sie auf der Insel aufgewachsen?“

„Nein, sie ist nicht auf der Insel aufgewachsen.“

„Sie ist nicht auf der Insel aufgewachsen?“

„Nein, sie ist nicht auf der Insel aufgewachsen.“

Er lehnte sich zurück, verschränkte seine Arme und verlieh damit seiner aufkommenden Abneigung gegen uns und unsere Fragen Ausdruck. Er gab sich keine Mühe, lange würde er das Spiel nicht mehr mitspielen.

Auch ich hatte ihn über, ihn und den Lärm des Motors im Leerlauf, dieses pausenlose Schaukeln, die Enge auf dem Boot, die grimmige Hitze, den Gestank, die Vogelkacke überall, einfach alles, trotzdem fragte ich weiter: „Sie ist keine Insulanerin?“

„Nein. Sie ist von Neapel rübergekommen. Ist schon Jahre her. Sie ist Neapolitanerin.“

„Ist sie allein gekommen?“

„Mamma mia, du stellst Fragen.“ Er stand auf. „Nein, natürlich ist sie nicht allein gekommen.“

„Wieso reden denn alle immer nur von der Signora?“

„Weil sie ohne Mann gekommen ist, darum. Am Anfang, hoho, da haben alle den Kavalier gespielt, haben sie besucht, haben Rosen gebracht oder Schweizer Schokolade, oder haben ihr angeboten, sie zum Essen auszuführen. Dabei sieht man sie nie im Ort, höchstens mal in der Banca d’Italia. Alle haben bloß eines gewollt: zwischen ihre Beine!“ Er machte ein unanständiges Zeichen mit der Hand, blies die Backen auf und bekam winzige Äuglein. Ohne auf die nächste Frage zu warten, zog er sein Oberhemd aus, warf es in die Kabine und griff nach einem Paar Lederhandschuhen.

„Du hast gesagt, sie sei nicht allein gekommen. Wer war denn noch dabei?“

„Sie hat einen Sohn und zwei Neffen.“ Er überlegte. „Und ihre Mutter hat sie mitgebracht, die ist vor zwei oder drei Jahren gestorben.“

„Ihr Sohn, wie heißt er?“

Er zog sich die Handschuhe über, schaute nach den Netzen, kratzte sich am Hintern und schwieg. Die zwanzig Euro waren aufgebraucht.

Ich starrte auf seine sonnengebräunte Glatze. Ich konnte nicht wegsehen. Was ging in diesem Mann, diesem Dickschädel vor? Jeder andere an seiner Stelle hätte sich rückversichert, hätte sich Gedanken gemacht über unsere Fragerei, hätte Gegenfragen gestellt: Wer seid ihr? Was wollt ihr? Wozu diese Fragen? Was wisst ihr über ihren Sohn? Und so weiter.

Er dagegen sah sich nach uns um, nicht verwundert, eher unsicher, spuckte über Bord, überließ die Arbeit mit der Winde ganz seinen Händen und verfolgte mit den Augen das Auftauchen des Fangnetzes.

Da er uns keine Anweisungen gab, stellten wir uns an die Kabinenwand und schauten zu.

Mit einem Mal wimmelte es an Deck. Das Netz erbrach ein übers andere Mal einen Schwall zappelnden, sich windenden, glitschigen Getiers auf einen Metalltisch mit Rändern.

Luigi trug inzwischen Gummihandschuhe und eine Gummischürze vor seinem Bauch. Er sortierte den Fang mit gezielten, schnellen Handgriffen; separierte die Fische, Tintenfische und das, was sie Beifang nannten; beförderte die Kreaturen in verschiedene Kunststoffbehälter. Bis jetzt war ich der Meinung, frischer Fisch rieche angenehm. Als ob! Was er da Schub für Schub an Bord hievte, sonderte an der Luft einen unflätigen Gestank ab, eine alles durchdringende Mischung aus Pferdeschweiß und Katzenpisse auf feuchtem Torf.

Ein Fisch, armlang mit bläulich-weißem Bauch, rutschte jäh über die Tischborte hinaus, landete auf den Planken, schlug mit dem Schwanz, sperrte den Mund auf und glotzte zu mir hoch. Scheinbar erhoffte er sich von mir lebensrettenden Beistand. Ich packte ihn an der schmalsten Stelle vor dem Schwanz, schob die andere Hand unter seinen Bauch, hob ihn hoch und schleuderte ihn mit der Kraft meiner angestauten Wut über Bord. Mit einem satten Patsch tauchte er ein und war weg.

Ich hätte Luigi, diesen Gummischürzenzwerg, liebend gern hinterhergeschmissen.

Er hatte etwas gesehen, einen Schatten vielleicht, jedenfalls glotzte er genau zu der Stelle, an der der Fisch abgetaucht war. Er starrte lange ins Zentrum der Wellenringe und fuhr schließlich herum. Seine Augen sendeten Blitze aus, sein Mund schnappte nach Luft, ähnlich wie der Mund des Fisches zuvor.

„Angelo“, rief ich. „Heißt der Sohn Angelo?“

„Si!“, brüllte er. „Angelo, loro figlio e Angelo!“, und das, was folgte, das, was er dann durch seine angeschwollene Kehle presste und uns entgegenschmetterte, war alles andere als ein Flötenkonzert.

8

Gegen ein Uhr saßen wir im Hotel an einem Tisch mit blütenweißen Tischtüchern. Es gab hausgemachte Ravioli an Salbeibutter, gegrillte, mit Rohschinken umwickelte Auberginenstreifen, überbackenen Fisch und Risotto. Dazu Salat.

Draußen kringelte sich die Luft über dem Asphalt. Ich schwitzte wie ein Fassadenmaler in der Abendsonne, obwohl hier drinnen der Deckenventilator für Strömung und Wirbel sorgte, wenn auch bescheidene. Es war nicht ungemütlich und die Gerüche des Schinkens, des Fischs und des Risottos taten alles, um mich nach der morgendlichen Bootsfahrt versöhnlich zu stimmen. Trotzdem schob ich den Teller nach ein, zwei Bissen von mir weg, mir fehlte der Appetit.

Weshalb hatte Luigi bis zuletzt getan, als wisse er von nichts, als wäre die Nachricht von Angelos Tod nie bis zu ihm durchgedrungen? Das wollte ich von Ralph wissen.

Er gab sich hungrig, seine Übelkeit schien verflogen. Er strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, stierte auf den Rohschinken auf meinem Teller und raunte kauend: „Der Mann ist aufrichtig. Zwar keine Leuchte, aber aufrichtig.“

„Aufrichtig? Pah!“

„Doch, ich finde, der Mann ist aufrichtig. Woher hätte er wissen sollen, dass dich Angelos Tod umtreibt?“

„Vierundzwanzig Stunden nach dem Mord an einem jungen Mann, den hier alle gekannt haben, fahren zwei Typen mit ihm hinaus und stellen ihm Fragen über die Villa auf der Klippe, und der Kerl spielt den Ahnungslosen! Erzähl mir nicht, der Mann sei aufrichtig. Er ist ein Tropf! Ein Trampel! Wir befinden uns auf einer Insel, verflucht nochmal. Es geht hier nicht um einen Großstadt-Ghettomord, der niemanden kratzt. Auf einer kleinen Insel wie dieser verbreitet sich eine solche Nachricht wie ein Lauffeuer bis ins hinterste Möwennest. Der hat von Anfang an geahnt, auf was wir aus sind, so dumm kann er gar nicht sein.“

„Eben.“

„Was soll das wieder heißen?“

„Du hättest ihm die Wahrheit sagen, ihn zu Beginn darauf ansprechen sollen.“

„Ihm sagen, dass ich dabei war? Dass ich gesehen habe, wie der junge Mann gestorben ist? Damit er es weiter erzählt und morgen die ganze Insel darüber Bescheid weiß, dass ich ein unliebsamer Zeuge bin?“

„Und jetzt? Glaubst du, er erzählt es nicht herum?“

Er las den Verdruss in meinem Gesicht, sonst hätte er nicht gefragt: „Bist du enttäuscht?“

„Enttäuscht? Du fragst, ob ich enttäuscht bin?“, rief ich. „Der Typ hat uns für dumm verkauft!“

„Ach woher. Seine Reaktion war typisch für einen Fischer.“

„Was meinst du damit?“

„Ganz einfach: Der Kerl fischt nicht, um sich zu entspannen. Er ist ein echter Fischer. Fischer sind nun mal die langweiligsten Menschen. Noch langweiliger als die Bäcker.“

„So ein Quatsch.“

„Nein, im Ernst, Julian. Stell dir vor, du bist tagelang allein, gehst früh ins Bett, stehst früh wieder auf, lange vor den anderen, und verbringst den lieben langen Tag auf diesem kleinen Kutter. Allein. Nein, Julian, Fischer sind die letzten, die erfahren, was in ihrem Dorf oder in ihrem Haus passiert. Sie sind einsam, erfahren wenig und das Wenige zu spät und daher schweigen sie. Überleg mal: Mit Hunden, mit Katzen kannst du reden, auch mit Pferden, sogar mit einer Kuh. Ich kenne Jäger, die flüstern dem Hirsch was zu, bevor sie ihn erschießen. Mit Fischen geht das nicht. Hast du jemals gesehen, dass ein Mensch vor einem Aquarium steht und zu den bunten Geschöpfen spricht, die da hin und her schwänzeln?“

„Halt! Kapitän Ahab hat zu Moby Dick gesprochen.“

„Falsch, Julian, erstens ist Moby Dick kein Fisch, sondern ein Wal, zweitens hat Ahab ihn gehasst und gejagt, nur geredet hat er nicht mit ihm, kein einziges Wort. Darum ist es ja soweit gekommen mit den beiden.“

„So? Und der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway? Der Alte hat mit dem Schwertfisch geredet.“

Er verneinte: „Zu sich selbst hat er geredet, nicht mit seinem Fang. Sieh mal, Julian, die Leute reden mit sich, mit Blumen, mit Bäumen, mit allem, bloß nicht mit Fischen. Fische sind entweder im Wasser oder tot, wie willst du da mit ihnen reden?“

Ein Kellner kam an den Tisch, um abzuräumen. Wir bestellten Kaffee.

„Und auch Luigis Vater war Fischer, was sonst? Der Vater seines Vaters war fraglos auch Fischer und so weiter. Was meinst du, was Fischer über Generationen an ihre Söhne weitergeben? Welches Vorbild geben sie ab? Ein Fischer wie Luigi ist es nicht gewohnt, über komplizierte Dinge zu reden. Für ihn ist ein Gespräch über ein Gefühl so zwecklos wie ein Gespräch mit Immanuel Kant über ein Gebet.“

„Gut“, sagte ich. „Dann bleibt mir nur ein Besuch in der Villa.“

„Du willst hinauf zur Villa?“

„Ja. Ich muss das klären. Ich werde die Dame besuchen.“

Ralph wischte sich den Mund ab, trank einen Schluck Wasser, lehnte sich zurück und machte eine großzügige Geste in Richtung Strand: „Julian, warum legst du dich nicht in die Sonne und vergisst die Sache? Bleib friedlich und überlass den Fall den Carabinieri. Wir sind hier in den Ferien.“

„Ein junger Mann wird vor meinen Augen erschossen, glaubst du, das lässt mich kalt? Ich will wissen, warum er sterben musste.“

„Nicht, wer in getötet hat?“

„O ja, das auch.“

Der Kellner brachte den Kaffee und fragte, ob wir ein Dessert wünschten. Wir verneinten und verhinderten damit ein Aufzählen der hausgemachten Spezialitäten.

Ralph wartete, bis er weg war, dann beugte er sich vor und sagte ruhig: „Du fühlst dich mitschuldig, stimmt’s?“

Er war der geborene Seelenkneifer. Schon immer gewesen. Gut möglich, dass ich nickte.

Darauf ließen wir ein längeres Schweigen folgen, das er mit einem geseufzten „Schade“ beendete.

„Schade um was?“, fragte ich.

„In deinem Herzen bist du Polizist geblieben und wirst es immer sein. Wie lange sind wir zusammen im Team gewesen?“

„Sieben Jahre.“

„Weißt du eigentlich, dass du uns allen fehlst?“

„Sicher, in erster Linie vermisst mich Norbert Riedli, unser Chef. Ich sende ihm eine Ansichtskarte.“

„Sei nicht albern! Wann reihst du dich wieder bei uns ein?“

„Es hat eine Zeit gegeben, da habe ich Polizist werden wollen – um alles in der Welt. Ich habe in meiner Kindheit nie Ritter gespielt oder Indianer oder Pirat, immer nur Polizist. Das weißt du.“

„Klar weiß ich das, wir haben zusammen Verbrecher gejagt, fast jeden Tag. Wen haben wir alles verhaftet und eingelocht. Dann sind wir zusammen in die Polizeischule. Hat es dir denn nie gefallen?“

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0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960873921
ISBN (Buch)
9783960873938
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v421223
Schlagworte
Privat-detektiv Italien-isch Mafia Thriller Urlaub-s-roman Insel Co-zy-sy-crime-krimi

Autor

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    Gabriel Anwander (Autor)

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Titel: Schutzgeld (Krimi, Spannung)